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    <title>Achgut: Spotlight</title>
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    <description>Spotlights der Mitglieder des publizistischen Netzwerks Die Achse des Guten</description>
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    <dc:creator>info@achgut.de</dc:creator>
    <dc:rights>Copyright 2008</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-11T15:19:00+01:00</dc:date>
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      <title>Der Schuldenskandal</title>
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      <author>wweimer@achgut.de (Dr. Wolfram Weimer (Gastautor))</author>
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      <description>(Dr. Wolfram Weimer (Gastautor)) Die Bundesregierung hat damit begonnen, Wahlgeschenke zu verteilen. Ein Rentenbonus hier, längeres Arbeitslosengeld da, mehr Pflegeleistungen dort. Einige Minister wollen nun für 2009 das ganz große Füllhorn auspacken. Peer Steinbrück wehrt sich wie ein Deichgraf. Doch die Flut kommt.


In der Öffentlichkeit reden die Politiker von Sparpolitik und Haushaltskonsolidierung. Doch in Wahrheit nimmt die deutsche Staatsverschuldung auch in diesem Jahr weiter zu. Und zwar um 474 Euro pro Sekunde. Insgesamt sind es nun schon 1 585 000 000 000 Euro. Deutschlands Staatsverschuldung erreicht die unfassbaren Dimensionen eines kafkaesken Schlosses – eine gigantomane Fiktion gewesenen Geldes und doch so mächtig, dass wir alle zu Höflingen künftiger Forderungen degradiert sind. Und nach der Lektüre dieses Absatzes haben wir 5000 Euro neue Schulden dazubekommen.


Nicht einmal mit gewaltigen Steuererhöhungen und einer boomenden Wirtschaft im Rücken gelingt es unserer Bundesregierung, auch nur ausgeglichene Haushalte vorzulegen. Nun lassen sich ordnungspolitische Sünden von verfehlten Gesundheitsreformen bis Mindestlohnwirrnissen wieder korrigieren – die Staatsverschuldung aber nicht. Sie lässt sich nicht wegreformieren. Sie muss schlichtweg bezahlt werden. Und langsam beschleicht einen die Frage: Was passiert eigentlich mit Deutschland in der nächsten Rezession? Zumal schon wieder 5000 Euro Schulden gemacht wurden.


Wenn der Schuldenabbau aber nicht einmal der Zwei-Drittel-Mehrheitsregierung im Aufschwung gelingt, dann gelingt er der Politik in geordneten Bahnen wohl gar nicht mehr. Wer jedoch den Staat als eine Kuh betrachtet, die auf Erden gemolken, aber im Himmel gefüttert wird, der wird diese Kuh schlachten. Aller historischen Erfahrung nach drohen Kriege, Enteignungen oder Kapitalschnitte, wenn es nicht gelingt, die fiskalische Amokfahrt der Republik zu beenden. Deren Schuldenstand ist übrigens soeben um neue 5000 Euro größer geworden.


Nun wirkt die Staatsverschuldung nicht bloß wie eine Zeitbombe. Sie ist zugleich ein Sozialisierungsindikator. Wir leben weithin in dem Irrglauben, Deutschland stecke in einem globalisierten, neoliberalen Privatisierungshexenkessel des Raubtier¬kapitalismus. Ein Blick in das Bilanzbuch unserer Nation beweist das glatte Gegenteil. Nicht die großen Konzerne, sondern der Staat reißt immer größere Anteile vom Volksvermögen an sich. 


So haben die Deutschen noch nie in ihrer Geschichte mehr Steuern gezahlt als heute – mehr als 500 Milliarden Euro im Jahr. Die Staatsquote erreicht 45,5 Prozent. Ordnungspolitisch besehen, ist Deutschland damit heute so sozialistisch, wie es sich vor einer Generation nur die extreme Linke erträumt hatte. Vor 100 Jahren machten die Staatsausgaben bescheidene zehn Prozent der Wirtschaftsleistung aus, vor 50 Jahren waren es erträgliche 30 Prozent, heute dagegen sind es fast die Hälfte.


Anders als im Rest der Welt, wo nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Staatsschlösser verbürgerlicht wurden, hat Deutschland einen etatistischen Sonderweg eingeschlagen. Denn jeder Euro neue Staatsschuld – eben gerade waren es wieder 5000 – vergrößert das Gewicht des Staates in der Machtbalance der Gesellschaft weiter. Schon Bismarck wusste: „Wer den Daumen am Schuldbeutel hat, der hat die Macht.“ 


Durch seine gewaltige Kreditaufnahme treibt der Staat obendrein die Zinsen hoch und erhöht die Kapitalkosten für die Bürger. Jeder Häuslebauer und Unternehmer konkurriert mit dem Staat um Kreditgelder. Darunter leidet die Modernisierung des Kapitalstocks und erschwert Wachstum. Zugleich verlocken die höheren Zinsen viele Investoren, lieber bei Staatsanleihen einzusteigen als unternehmerische Investitionen zu wagen. Durch die schiere Eigendynamik der Verschuldung wird die Volkswirtschaft also verlangsamt. Schließlich fehlen uns schon wieder 5000 Euro. 


So weit die Diagnose für die über Sechzigjährigen. Für die Jüngeren aber kommt irgendwann etwas ganz anderes als nur schleichende Erlahmung. Es kommt der Zahltag. Denn sie müssen wissen: Diese Staatsverschuldung ist eine vorweggenommene Massenenteignung. Inklusive der 474 Euro dieser Sekunde, 474 Euro der nächsten und 474 Euro der übernächsten…


Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Mehr von ihm finden Sie unter www. cicero.de&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Wirtschaft</dc:subject>
      <dc:date>2008-04-11T14:19:00+01:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title>Israel muss weg!</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/israel_muss_weg/</link>
      <author>mbroder@achgut.de (Henryk M. Broder)</author>
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      <description>(Henryk M. Broder) Zuerst erschienen in DIE WELTWOCHE Nr. 13/2008

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Debatten in den 6oer und 7oer Jahren, als darüber gestritten wurde, ob man Baader-Meinhof-Bande oder Baader-Meinhof-Gruppe sagen sollte. Es war mehr als eine semantische Differenz. Wer „Bande“ sagte, gab sich als Anhänger des Polizeistaats zu erkennen, in dem Wort „Gruppe“ kam ein gewisses Verständnis für die Aktionen der  Baader-Meinhof-Was-auch-immer zum Ausdruck. An dem einen Wort schieden sich die Geister. Nur den Opfern der RAF war es egal, ob sie von einer Bande oder einer Gruppe umgebracht wurden.

Eine ähnliche Diskussion spielte sich nach dem Fall der Mauer ab. Hat es in der DDR einen Schießbefehl gegeben oder handelten die so genannten Mauerschützen auf eigene Faust? Egon Krenz, der letzte Partei- und Staatschef der DDR, behauptete immer wieder, es habe in der DDR keinen Schießbefehl gegeben. Jetzt, 19 Jahre nach dem Ende des SED-Staates, hat er es sich anders überlegt. Ja, sagte er vor kurzem auf einer Buchvorstellung im Klubhaus von Hollendorf in Mecklenburg-Vorpommern, „es gab einen Schießbefehl“, allerdings, so Krenz, einen „Tötungsbefehl“ habe es nicht gegeben. 

Diese Unterscheidung ist noch subtiler als die zwischen „Bande“ und „Gruppe“. Es wurde an der deutsch-deutschen Grenze geschossen, aber nicht mit der Absicht zu töten. Warum dann scharfe Munition verwendet wurde, das wird Egon Krenz, der 1997 wegen Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren verurteilt wurde, von denen er vier im Offenen Vollzug verbüßen musste, vielleicht bei der nächsten Gelegenheit erklären, zugleich mit der Frage, warum so viele Grenzverletzer  bei dem Versuch, den antifaschistischen Schutzwall zu überwinden, tot umgefallen sind – aus Schrecken, weil hinter ihnen in die Luft geballert wurde?

Und jetzt erleben wir die Fortsetzung dieser Debatte im Grenzgebiet von absurd und bizarr. Es geht um eine Äußerung des iranischen Staatspräsidenten. Hat er oder hat er nicht gesagt, dass Israel „von der Landkarte ausradiert“ werden muss?

Ende Oktober 2005 berichtete die amtliche iranische Agentur ISNA über eine Kundgebung in der iranischen Hauptstadt, die unter dem Motto „The World Without Zionism“ stattfand. Hauptredner war der iranische Präsident, der vor 4.ooo Studenten erklärte, Israel „must be wiped off the map“, Israel müsse von der Landkarte ausradiert werden.&amp;nbsp; Die Meldung ging um die Welt uns sorgte für empörte Reaktionen von Berlin über Paris bis Washington.

Bald darauf, Anfang Dezember 2005, legte der iranische Präsident nach. Er nannte Israel ein „Krebsgeschwür“ und forderte die Verlegung des Landes nach Europa, vorzugsweise nach Deutschland oder Österreich; die beiden Staaten sollten eine oder zwei ihrer Provinzen abgeben, damit dort ein jüdischer Staat entstehen könnte. Die Regierungen in Berlin und Wien wiesen das Ansinnen zurück. Eine Woche später wiederholte der iranische Präsident seinen Vorschlag und erklärte, der „Mythos vom Massaker an den Juden“ sei von den westlichen Staaten erfunden worden.

Mitte April 2006 machte sich der iranische Staatspräsident wieder öffentlich Gedanken über die Zukunft Israels. Das zionistische Regime, sagte er, sei „auf dem Weg, eliminiert zu werden“. In einem Interview mit dem SPIEGEL, das Ende Mai 2006 erschien, erklärte er: „Wenn es den Holocaust gab, muss Israel in Europa liegen und nicht in Palästina.“

Von Rede zur Rede, von Interview zu Interview variierte und wiederholte der iranische Präsident immer wieder denselben Gedanken: Israel muss weg. Zum Abschluss der Holocaust-Leugner-Konferenz im Dezember 2006 prophezeite er wieder das baldige Ende des Judenstaates: „Mit Gottes Segen läuft der Countdown für den Zerfall Israels, und dies ist der Wunsch aller Nationen der Welt“. Ähnlich äußerte er sich im Juni 2007 und im Oktober 2007, als er die „Befreiung von ganz Palästina“ ankündigte. Es waren Sätze, die an Klarheit nicht zu wünschen übrig ließen.

Doch nun wissen wir es besser – er hats nicht so gemeint. Pünktlich zum Besuch der Kanzlerin in Israel erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, in dem es hieß, die „Vernichtungsphantasien“, die dem Iran „unterstellt werden“,  gingen auf „einen einzigen Satz zurück“, den der iranische Präsident zudem nicht gesagt habe. Der Satz, Israel müsse von der Landkarte verschwinden, sei so nicht gefallen, vielmehr habe der iranische Präsident gesagt: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte verschwinden.“

Nun wird niemand annehmen, dass Israel sich freiwillig aus der Geschichte verabschieden wird, irgendjemand müsste da schon nachhelfen. Und dass es ihm um „ganz Palästina“ geht, das hat der iranische Präsident schon mehrmals unmissverständlich statuiert.

Aber für die SZ macht es einen wesentlichen Unterschied, ob Israel von der Landkarte oder aus der Geschichte verschwinden soll. Es ist der gleiche Unterschied wie zwischen Gruppe und Bande, Schieß-befehl und Tötungsbefehl, Mord und Totschlag. Womit wir bei der Frage aller Fragen wären: Hat der Führer den Befehl zur Endlösung der Judenfrage gegeben oder nicht? Öffentlich hat er nur dazu aufgerufen, die Welt von den Juden zu befreien, von Vernichtung war explizit nicht die Rede. So wie der iranische Präsident sich heute nur eine „Welt ohne Zionismus“ wünscht.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Kultur</dc:subject>
      <dc:date>2008-03-29T17:30:00+01:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title>Den Schuh hoch halten oder Die Gerechtigkeit im Discounter</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/den_schuh_hoch_halten_oder_die_gerechtigkeit_im_discounter/</link>
      <author>rwagner@achgut.de (Richard Wagner)</author>
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      <description>(Richard Wagner) China ist ein Geschäftspartner. Das hämmert man uns Europäern täglich ein. Als wüssten wir es nicht. Zumindest von unseren Einkäufen beim Discounter. Das „Made in China“ ist auf Billigprodukten jeder Art zu finden. Manchmal erst nach längerem Suchen, als wolle es sich verbergen. Es handelt sch ja auch um kein Markenzeichen. Man kauft schließlich nicht ein Produkt, weil es aus China kommt. Man kauft es trotzdem. 

   Wessen Geschäftspartner ist China eigentlich und warum? Alles, was in China hergestellt wird, könnte und kann auch wo anders hergestellt werden. Es wird sogar woanders hergestellt. Genau so gut, genau so schlecht. Genau so billig. Warum also China? Das sind alles Fragen, die sich kein Kunde im Discounter stellt. Aber stellt sich der Discounter selbst diese Fragen?

   Ein Discounter, könnte man sagen, ist nichts weiter als ein Geschäft, das den Eindruck erwecken will, die angesagten Standards der Konsumgesellschaft für alle erschwinglich zu machen. Arbeitet der Discounter damit nicht am Problem der Gerechtigkeit? Und ist er auf diese Weise nicht revolutionär? Manche behaupten, die Aufgabe des Discounters sei, die Unterschicht im Glauben zu lassen, sie könne an den Standards der Reichen partizipieren. Und zwar sofort und aus eigenem Entschluss. Zumindest mit einem Imitat aus China. 

     Beim Discounter einzukaufen heißt im Grunde, Soft-Markenpiraterie zu betreiben. Der Unterschied zur harten Markenpiraterie besteht darin, dass der Discounter nicht behauptet, den Markenschuh billiger anzubieten, sondern einen wie der Markenschuh aussehenden Schuh, auf dessen Sohle „Made in China“ steht, nicht auf dem Oberleder. Der Discounter fälscht nicht Nike oder Adidas, er macht diese nicht einmal nach, er assoziiert bloß Nike und Adidas.&amp;nbsp; Damit macht der Discounter nicht mehr einfach nur ein Konsumangebot, er wird vielmehr zum Player der Erlebnisgesellschaft. Diese aber folgt den Geboten des Karnevals. Man verkleidet sich so gut man kann. Zumal es möglich ist, zu einem Sakko von Boss  ein T-Shirt von Tchibo zu tragen, ohne das es weiter auffällt, es sei denn, man ist reich und prominent und verrät die Sache im Interview. Als gezielte Indiskretion gegen sich selbst. Was schließlich auch PR sein kann. Billig-PR.

    Phänomenologisch  betrachtet sind Konsum-und Erlebnisgesellschaft die Billig-Erben der Grundsätze: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Weit und breit ist im Discounter kein Verkäufer in Sicht, der einem etwas aufschwatzen möchte. Man steht ganz allein vor den gut gefüllten Regalen, und welchen Flachbildschirm man mit nimmt, entscheidet man selbst. Auf eigenes Risiko. Letzten Endes zwingt einen keiner zum Billigeinkauf.

    Im Discounter gibt es - und das ist entscheidend - keine privilegierten Kunden. Man kann zwar mit Kreditkarte zahlen, aber es wird nicht weiter auffallen. Die Kassiererinnen werden nicht einmal registrieren, dass es sich eventuell um eine VIP-Karte handelt. 

    Das Erfolgsgeheimnis des Discounters besteht in der Anonymität seiner Existenz. Sie macht nicht nur die Ware, sie macht auch den Kunden namenlos. So braucht er sich für nichts zu schämen. Weder für seinen Geiz, noch für seine Raffgier und schon längst nicht für den schlechten Geschmack. Auch nicht für das Chinageschäft. Das macht den Discounter für das Publikum attraktiv, für die Unterschicht, aber auch für die Prominenz. Diese will nicht nur ab und zu in der Menge baden, sie will auch an der Masse teilhaben. Für sie ist es Kult. Und damit allen anderen ebenfalls erlaubt. 

   Menschenrechtsverletzungen? Umweltzerstörung? Nicht mit welchen Gedanken man den Discounter betritt, zählt, sondern mit welcher Ware man ihn verlässt. Die Schuhsohle aber verrät nichts beim Gehen, sie verrät es nur, wenn wir den Schuh hochhalten. Das aber machen wir, wenn überhaupt, nur mit Absicht.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Wirtschaft</dc:subject>
      <dc:date>2008-03-27T05:53:00+01:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title>Das Wundergrab von Schiraz</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/das_wundergrab_von_schiraz/</link>
      <author>mmartin@achgut.de (Marko Martin)</author>
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      <description>(Marko Martin)  Nachtigallen zirpen und Handys klingeln, Frauen mit schwarzem Kopftuch greifen nach rotem Lippenstift, während junge Männer abwechselnd Videocameras bedienen und sich in Lyrikbände vertiefen. Dabei ist dieser Ort selbst ein Gedicht, die Jasminblütenbeete elegante Zeilen eines hybriden Hymnus, der mühelos die Jahrhunderte überspringt und dabei die Kontraste in einem einzigen Lebensjubel versöhnt – das Grab des Poeten Hafis am Rande der südiranischen Stadt Schiraz. Mögen draußen vor dem Eisenzaun weiterhin die Bilder des grimmigen Chomeini hängen, hier drinnen herrscht andere Zeit, der sanfte Pendelschlag der Poesie. Schon am Tor setzt die Verwandlung ein. Dem genius loci kann sich keiner entziehen, der neben Blumenrabatten oder im Schatten von Zypressen oder Palmen wandelt und dann die wenigen Stufen einer breiten Freitreppe erklimmt, um hinter einem Säulengang auf das Allerheiligste zuzusteuern. Wobei heilig – beinahe eine Provokation im Mullah-Staat des politisch instrumentalisierten Märtyrerkultes – einmal nichts mit Prophetentum und Blut und Opfer, ja auch nur bedingt mit dem Tod zu tun hat. „Ach wie nah sind uns manche Toten – und wie tot manche, die leben“ sang Wolf Biermann einst über die Gräber des Ostberliner Hugenotten-Friedhofes, doch hier, im oktogonalen, nach allen Seiten offenen Säulenpavillon, der Hafis´ Grabstein birgt, könnte er eine noch bessere Erfahrung machen. Denn auch die Lebenden sind sich hier nah auf eine unglaubliche, weil vor allem atmosphärisch greifbare Weise. Eine Frau liest ein Buch – selbstverständlich Gedichte des 1389 verstorbenen Poeten, der in Wirklichkeit Shams ad-Din Mohammad hieß – ein Mann filmt sie dabei, es gibt gedämpftes Gelächter, doch kommt dies bereits von einer anderen Gruppe, wo zwei Freundinnen mit den Umstehenden das Orakel-Spiel beginnen: Wünsch Dir etwas, denke fest daran und ich schließe die Augen, küsse die Seiten des Buchs, konzentriere mich und öffne es dann an einer Stelle, deren Zeilen eine Antwort auf dein Begehr sind. Stundenlang geht das so, ein entspanntes Gemurmel. 

„Wenn du zu meinem Grabe /deine Schritte lenkst“, schrieb Hafis, „bring Wein und Laute mit,/ damit ich zu der Spielmannsweise / tanzend mich erhebe.“ Im gegenwärtigen Iran der allumfassenden Verbote klingt dies fast wie eine Aufforderung zum Widerstand und vielleicht es ja ein wenig genau das, was die Besucher der sogenannten Hâfeziye, die seit 1773 existiert, hier jeden Tag so subtil zelebrieren. Vor allem am Abend, wenn die Sonne hinter den Wipfeln der Palmen verschwindet und die Prozession der Dichter-Jünger –  Männer und Frauen gemischt, junge Paare trotz regimeoffizieller Missbilligung Händchen haltend – vom Grabstein, auf dessen Alabaster nun rote Rosen liegen, ins nahebei liegende Teehaus pilgert. Mag auch der Wein verboten sein und die Trauben als die berühmtesten Schirazer Früchte eines ihrer Daseinsgründe beraubt -  man isst sie dann eben zusammen mit safranversetztem Eis oder jenem Falodeh, das wie gefrorenes, in Rosenwasser getipptes Briefpapier schmeckt; ein ungewohnter, doch nicht unangenehmer Geschmack. Vier effeuumrankte Backsteinwände umschließen das Teehaus, und allein der Himmel ist das Dach. Geblubber von Wasserpfeifen steigt auf, Buchseiten- und Kleidergeraschel ist zu hören, und womöglich war es dieser Geist der entspannten, weil niemals forcierten Entgrenzung, der den alten Goethe im „Westöstlichen Diwan“ noch einmal jung werden und über seinen großen Kollegen Hafis schreiben ließ: „Daß du nicht enden kannst das macht dich groß,/ Und das du nie beginnst das ist dein Los./ Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,/ Anfang und Ende immerfort dasselbe.“ („Goethe – good!“, brüllt dann ein wundersam enthusiastischer Taxifahrer, aber das gilt eigentlich nicht, denn er wartet mit seinem Wagen vor dem Eisenzaun und hat seine Stimme folglich eher dem Lärmpegel der Straße als der Melodie des Hafis-Gartens angepasst.) Ganzheit; hier im Hain des Dichters bekommt die Obsessions-Vokabel der verspäteten deutschen Kulturnation plötzlich und unerwartet ihre Würde und Schönheit zurück und zwar nicht als etwas verkrampft Homogenes, sondern als eine fast unbewusste Lebenshaltung, die um die Widersprüche unserer Existenz weiß – und sie stehen lässt. Beziehungsweise liegen oder knien, denn selbstverständlich gibt es am (nun mit Kerzen erleuchteten) Grab des lebenszugewandten Gottsuchers auch Gebetsteppiche für die Gläubigen. Doch selbst ihren Bewegungen eignet so gar nichts Aggressives, Demonstratives. Sie müssen nichts fordern, nichts beweisen, sondern wollen wohl nur dankbar sein für eine Welt, in der es trotz aller Finsternis einen Ort wie diesen gibt. Auf ihre Weise ist die Hâfiziye von Schiraz in der Tat ein kleiner Gottesbeweis.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:date>2008-03-23T10:27:00+01:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title>Laudatio für Henryk M.Broder</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/laudatio_fuer_henryk_mbroder/</link>
      <author>dmaxeiner@achgut.de (Dirk Maxeiner)</author>
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      <description>(Dirk Maxeiner) Von Necla Kelek


Laudatio für Henryk M. Broder 


Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

lieber Henryk M. Broder,


dies ist eine Lobrede auf eine Rede.&amp;nbsp; 


Henryk M. Broder hat im letzten Jahr den  Ludwig Börne–Preis in der Frankfurter Pauls-Kirche  erhalten.&amp;nbsp; Einen Preis, den man hätte  erfinden müssen, damit Henryk B. Broder ihn bekommen kann, denn kaum ein anderer Publizist schreibt so gern ohne Rücksicht auf Beifall wie damals sein Bruder Börne. 


Broder und Börne sind Grenzgänger, haben nie einen Feind ausgelassen und sind wie man heute sagt, Konvertiten. Börne trat zum Christentum über. Henryk  Broder ist nicht wie im Internet verbreitet wurde,  zum Islam  konvertiert , sondern schon vor Jahrzehnten zu sich selbst. 


Und weil es so gekommen ist, dass er für die seine freie  Rede geehrt wird, haben wir den Glauben an eine höhere Gerechtigkeit ein kleines Stück zurück bekommen. 


Ich selbst wäre vorher  nie auf den Gedanken gekommen, Henryk M. Broder  einen Preis als Redner zu verleihen, denn alles was ich von ihm kenne,  war im Ton immer leise, eher geflüstert als geschrien. Aber seit dem Pferdeflüsterer wissen wir ja , dass gerade dies nachhaltige Wirkung auf große Tiere haben kann. 


Liest man seine Artikel, Bücher und eben seine Rede, ist es, als würde er im Cafehaus neben einem sitzen und einem über die Zeitung hinweg  Unverschämtheiten ins Ohr flüstern. Man verzeiht ihm die sofort, weil selbst die immer charmant, immer witzig und originell sind. Er würde,  glaube ich, für einen guten Witz, sein Stück Kirschtorte - wenn nicht mehr  -  herschenken.&amp;nbsp; Dass diese  leisen Töne  auch in der Paulskirche funktionierten, liegt an besonderen Fähigkeiten  unseres Preisträgers: Er hat durch seine Art der Rede selbst den feierlichen Ort zum „Club der schrägen Gedanken “ machen, weil er ihn mit seinen Geist  auf eine ganz bestimmte Art ausleuchtet. Die Pauls-Kirche wurde mit ihm zum speak easy., einer Flüsterkneipe der Prohibition.&amp;nbsp; 


Henryk M. Broder hat mit seiner Rede die Kunst des öffentlichen Flüsterns erfunden. 


UND: Er gibt dem  Zuhörer - in dem er sich bewusst klein macht  (wir verzeihen ihm diese Koketterie gern )  -  die Möglichkeit, die Welt von schräg unten zu sehen. Was in der Tat  für viele Dinge die angemessene Perspektive zu sein scheint.&amp;nbsp; Ich sage bewusst, er macht sich  klein.&amp;nbsp; 

-  und weil das so ist, ist es in der zu lobenden Rede auch angemessen, dass er zum Zeitpunkt des Triumphes unbescheiden ist. 


Bei guten Reden geht es ja zum einen darum,    Was-Wie gesagt wird  und zum anderen,  um das Wie-Was gesagt wird. Und damit kommen wir zum Kern des Erfolgs von Henryk Broder. Er gehört zu den wenigen Publizisten in der Bundesrepublik, die dieses Land lieben -  und das auch öffentlich machen. Und er weigert sich, an Deutschland zu leiden. ER hat in seiner Redeformuliert. „Wenn ich schon leiden muss, dann  nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit.“ Das ist mir sehr sympathisch, habe ich doch manchmal den Verdacht, dass auch  ich mich  für die Verteidigung dieses Landes  rechtfertigen muß  


Wenn sich diesen Satz doch ein paar Politiker und Publizisten hinter den Spiegel stecken würden. 


Broder verteidigt die bürgerlichen Freiheiten. Die Betonung liegt dabei auf „bürgerlich“ wie auf „Freiheiten“.&amp;nbsp; Damit ist er politisch unkorrekt. Besonderen Augenmerk hat er dabei in den letzten Jahren auf dem Umgang mit und die Umtriebe des Islam gelenkt, und all jenen widersprochen, die die Migranten und Muslime mit ihrem Verständnis und ihrer Fürsorge in der Rolle als Opfern und Mündel bestärken und dann gern den hilflosen Helfer spielen. 


Morgen tagt die Islamkonferenz.&amp;nbsp; Und ich kann ihnen nur sagen, es steht  nicht gut um die Integration der Muslime in Deutschland. Wir diskutieren dort seit anderthalb Jahren über die Rechts- und Werteordnung unserer Gesellschaft. Die Islamverbände treten dort auf, als könnten sie dort über die Rechts- und Werteordnung der Bundesrepublik neu verhandeln, als sei man auf einem Basar,  auf dem Grundgesetz gegen Koran getauscht werden kann. 


Dass dies vielleicht verhindert werden kann, liegt an der Öffentlichkeit, der Presse, dem Hörfunk und den Medien und engagierten Bürgern.&amp;nbsp; Ganz im Gegensatz zu den Politikern aller Parteien , die mit den Islamvertretern gern von Funktionär zu Funktionär verständigen. Gäbe es nicht Publizisten wie Henryk Broder oder wie die nächste Börne-Preisträgerin Alice Schwarzer, gäbe es nicht die vielen Journalisten, Verleger  und Bürger, die bereit sind der Realität ins Auge zu sehen, hätten wir nicht den Diskurs  und die öffentliche Rede. 

Und dafür, dass wir jetzt wissen, dass eine öffentliche Rede ehrlich, offen, witzig und Politisch sein kann, dafür danken wir Henryk Broder.&amp;nbsp;&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:date>2008-03-14T13:20:00+01:00</dc:date>
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      <title>Der Affe im Straflager und andere Überraschungen</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/der_affe_im_straflager_und_andere_ueberraschungen/</link>
      <author>mmartin@achgut.de (Marko Martin)</author>
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      <description>(Marko Martin)  Eine Reise über die südchinesische Insel Hainan, das „Hawaii des Ostens“:


Frau Qi, Vizebürgermeisterin der fünfhunderttausend Einwohner zählenden Bademetropole Sanya, ist eine strenge Beamtin. Sitzt unter dem unermüdlichen Summen der air condition-Anlage kerzengerade hinter ihrem Tisch, zupft kurz und energisch an der spitzenbesetzten Bluse, friert dann ihr Lächeln ein, bis die feingeschwungenen Lippen ebenso starr wirken wie ihr wellenförmig onduliertes Haar, und sagt: „ 4 A. Vier A! Oberste Attraktivitätskategorie. Hainan hat zahlreiche dieser Standorte, und sie werden effizient kontrolliert, schließlich sollen sich die Gäste wohlfühlen. Deshalb sagen wir seit den neunziger Jahren auch: Hawaii des Ostens. Unsere Lebenserwartung ist die höchste ganz Chinas, dazu gibt es 20.000 Hotelbetten. Zwanzigtausend! 3,6 Millionen Touristen besuchten unser tropisches Eiland letztes Jahr, doch diese Zahl wird planmäßig erhöht. Wir haben ein großes Potential, heiße Quellen, die sauberste Luft und das klarste Wasser des Landes, aber wir möchten keinen Massentourismus. Neben Südkoreanern und Russen sind uns auch Deutsche willkommen. Wer nicht oben in der Hauptstadt Haikou, sondern hier in Sanya landet, benötigt kein Visum, das wird ihm inzwischen direkt am Flughafen ausgestellt, eine kluge Entscheidung der Zentralregierung. Im übrigen“ – das Lächeln nähert sich wieder Plusgraden -  „wir haben ein spezielles Wort für Deutschland: Land der Tugend!“ Dann beginnt Frau Qi, ihren eigenen Worten rhythmisch Beifall zu klatschen – solange, bis sich auch der tugendhaft verdutzte Gast aus dem Ausland anschließt. Willkommen auf Hainan!


Es ist bereits der fünfte Tag der Reise, doch noch immer wird man begrüßt, handgeschüttelt, willkommen geheißen, mit Hochglanzbroschüren und Statistik-Poesie umgarnt. Chinas südlichste und zweitgrößte Insel – nach Taiwan, dessen demokratische de facto-Unabhängigkeit von den Pekinger Machthabern jedoch bis heute nicht anerkannt wird – liegt direkt auf dem Schnittpunkt zwischen subtropischer und tropischer Klimazone. Palmen, schneeweiße Strände, Meeresfrüchte und Kokosnüsse, im Landesinneren Regenwälder und Mangrovensümpfe, Reisplantagen und Mangobäume, nicht zu vergessen die planmäßig entwickelten – und dennoch schön gestalteten – Hotels, Ressorts, 5-Sterne-Unterkünfte, deren genau Zahl Frau Qi an diesem Nachmittag vermutlich ebenfalls genannt hatte. Die wirkliche Grenze aber – das hat man in den letzten Tagen begriffen - verläuft ganz woanders, weniger zwischen geographischen als vielmehr kulturell-mentalen Klimazonen, manchmal sichtbar, häufig aber auch nur zu ahnendes Zickzack mitten durch Städte, Häuser, Situationen und Gesten.&amp;nbsp; 


Wie sanft etwa glitt der Buggy über das Auf und Ab des schmalen Asphaltweges, zu dessen beiden Seiten sich wellengleicher, kurzgeschnittener Rasen, Pinien und ovale künstliche Teiche erstreckten! Hundert Löcher habe sein Golfplatz, hatte der vierschrötig-bürstenhaarige Manager zuvor mit Stolz verkündet, in Anzug und Krawatte unter dem kapitellartigen Vordach der protzigen Eingangshalle hin und her schreitend, überaus verbindliches Lächeln für den Gast und  gleichzeitig ein harsches Husch-Husch-Fingerschnippen, damit die Angestellten endlich einen der Buggies heransurren lassen. Fünfzehn Golfplätze gibt es bereits auf Hainan, weitere seien anvisiert, doch wäre sein Club, verkehrsgünstig an einer Ausfallstraße der Hauptstadt Haikou gelegen, besonders bei Ausländern beliebt, Japanern und Südkoreanern. „Schon für zwölftausend Dollar bieten wir eine siebzigjährige Mitgliedschaft von zwanzig Euro pro Monat, überdies kann man alles nach einem Jahr wieder verkaufen. Warum also kamen letztes Jahr nur viertausend Deutsche hierher? Dabei haben wir das beste Klima, acht Prozent Wirtschaftswachstum, 75 Prozent Luftfeuchtigkeit und weder SARS noch Vogelgrippe. Und auch keine Kriminalität, bei uns gibt´s nämlich die Todesstrafe und wer sie erhält, dessen Familie bekommt danach die Rechnung, soundsoviel Yuan für Aufwand und Gewehrkugel, aber die Inflationsrate ist stabil, ho-ho-ho.“  (Warum, fragen wir uns, während wir unser Entsetzen hinter einem freundlichen Pokerface verstecken, beschreiben reisende Westler eigentlich Chinesen fast immer als kichernde, Hihihi-Laute ausstoßende Wesen? Dabei zieht doch keiner von ihnen die Wangen hoch und die Mundwinkel auseinander, um jenes ominöse Hihihi loszuwerden. Statt dessen: Konzentrierter Blick, leicht eingestülpte Backen, halbgeschlossener Mund und dann aus Richtung Gaumen dieses sinistre Bärengebrumm: Ho-ho-ho! Oder sollte es sich hierbei nur um eine Art speziellen Funktionär-Humors handeln, um quasi amtliche Witzigkeit angesichts der atemberaubenden Transformation des dialektisch-historischen Materialismus Marx-Maoscher Provenienz in die neue Partei-Doktrin eines zentral geplanten puren Geldscheffelns?) 


Auf dem Weg zurück nach Haikou - moderne, glasverzierte Gebäude und Neureichen-Villen wechseln sich mit Sechziger-Jahre-Betonblöcken ab, von großblättrigen Palmen effizient verhüllt – kommen uns immer wieder schwarze Limousinen mit zugehängten Seitenfenstern entgegen, deren Nummernschilder mit zwei Nullen beginnen. Parteichef und Bürgermeister, „Nummer 1 und Nummer 2“,  sind, so ist zu erfahren, normalerweise in Wagen mit den Chiffren 0001 bzw. 0002 unterwegs. Folglich scheint jetzt also gerade der obere Mittelbau Kurs auf den Golfclub mit den hundert Löchern und Suite-Unterkünften zu nehmen, in denen vor ein paar Jahren sogar die Teilnehmerinnen eines Miss-World-Festivals genächtigt hatten – nach dem Golfplatz war uns in einem der Nobelräume noch das goldgerahmte Foto von Miss Tanzania gezeigt worden. All dies wurde möglich, nachdem in den späten Achtzigern die Partei die gesamte Insel zur Wirtschaftssonderzone erklärt hatte – übrigens parallel zu Shanghai, der boomenden Festlands-Konkurrenz, mit der man sich messen will, wenngleich es bis jetzt die Shanghaier Immobilienhaie sind, die auf Hainan Boden erwerben und Gebäude westlichen Zuschnitts hochziehen, Shopping-Malls oder Konferenzzentren wie jenes auch international bekannt gewordene Asia-Forum im ehemaligen Fischerdörfchen Boao, das einmal sogar George Bush Senior zu seinen Tagungsgästen zählen durfte.


Das „Tal der heißen Quellen“, inmitten eines üppigen Gartens am anderen Ende der Stadt gelegen, ist gar kein wirkliches Tal. „Möglicherweise ein Übersetzungsproblem“, erklärt der Dolmetscher, ohne mit der Wimper zu zucken, was jedoch auch kluge Mimikry sein könnte. „Tal kann im Chinesischen auch ´Kader´ bedeuten – suchen Sie sich´s aus.“ Und schon kommen – Trippeln, rennen, hasten, huschen, eilen, jagen? – die eifrigen Hüter des Tals bzw. die Diener der Kader herbei, um uns dies zu zeigen: Eine nach vorn offene Bambushütte, auf deren blitzblanken Boden Dutzende Decken für eine kollektive Fußmassage aufgereiht sind, desweiteren mit hellen Holzwänden quadratisch umstellte Separés, die mit einer poolartigen Steinwanne sowie WC ausgestattet sind und zahlungskräftigen Gästen die Möglichkeit zu geben, in Damenbegleitung die Heilwirkung der heißen Quellen zu genießen. „Man kann dem Wasser auch noch Gurken- oder Spargelsaft beimischen, das hilft dann gegen Pickel und Verstopfung.“ Die bauchigen roten Laternen aber, die an den traditionell geschwungenen Dächern des ganzen Areals hängen und allein Kraft ihrer Farbe inmitten der grünen Vegetation leuchten, sie sind kein ideologisches Markenzeichen, sondern ein Symbol von alters her: „Rot bedeutet Glück.“ Der Übersetzer zieht bei diesen Worten die Wangen ein, schon ist man auf höhnisches Ho-ho-ho gefasst, aber die Subversion bleibt aus oder manifestiert sich zumindest auf unangreifbare Weise in hochgezogener Nase und anschließendem Ausspucken eines Schleimklumpens.


Die Reiseroute führt nun in Richtung Süden, entfernt sich von der Küste, jedoch nicht von den Ambitionen der Verantwortlichen, auf der 34.000 Quadratmeter großen Insel den realexistierenden Tourismus sozusagen gesetzmäßig zu verankern. Erst im Jahre 2004 wurde etwa der Tempel Boao Chan Si eröffnet, und tatsächlich fehlt nichts: Weder der golden dickbäuchige, entrückt lächelnde Buddha noch der Duft von Räucherstäbchen, weder architektonische Pagoden-Feinheiten noch farbliche Nuancierungen oder von Blumenrabatten eingefasste Kieswege, sogar die knienden Mönche sind echt. Diese aber werden vom Staat bezahlt, und wer als einheimischer Nicht-Tourist im Tempel beten will, muss dafür umgerechnet vier (oft unerschwingliche) Euro zahlen, so dass während der Besichtigung bald nicht nur der Geruch frischen Betons und gebeizter Holzleisten in die Nase steigt, sondern auch die Absicht offenkundig wird: Entkernte, handzahm gemachte Religion als touristischer Standortvorteil, nach Golfspiel, Fußmassage und Gurkensaft der pseudo-spirituelle Kick einer Räucherstäbchen-Zeremonie und trotz – oder gerade wegen - aller feinziselierten Kopierarbeit nirgendwo auch nur der Hauch einer nicht auf Linie gebrachten Gegenwelt. Diffuse Erinnerung an bereits halb vergessene Klageverse von Chamisso, Uhland oder Eichendorff über zerstörte oder verlassene Schlösser und Weiler, doch bei dreißig Grad Tagestemperatur, entschieden freundlichem Sonnenschein, hellblauem Himmel und einem offensichtlich von Reisegruppen fleißig frequentierten Tempel verliert selbst diese Melancholie ihren Ort, wird der Gedanke an die unzähligen einst von Mao ermordeten Mönche zu purer Spekulation.


Und doch musste es in diesem selbsterklärten Hawaii des Ostens etwas geben, was dem Zugriff der Partei entzogen ist, was sich als resistent erwies oder unter den tausend Augen der Planer schlicht unbemerkt geblieben war. There lie they, and here lie we/ Under the spreading chestnut tree. Aber war in Orwells 1984 nicht sogar der Wald zum überwachten Territorium geworden, mit Mikrofonen im Unterholz? Die unzähligen Palmen und Betelnussbäume an den menschenleeren Hängen jenseits des Weges beherbergen dagegen wohl keine Wanzen – ihre Köpfe sind geknickt, die Stämme halb aus dem Boden gerissen. Das war der letzte Taifun. Weshalb aber sind darüber hinaus die künstlichen Terrassen derart verwildert und verwaist, so dass sich – etwa im Vergleich zum gartenähnlichen Bali – jetzt diese ebenfalls nicht gänzlich ideologiefreie Frage aufdrängt: Kujoniert man im Sozialismus womöglich sogar die Natur? Der Übersetzer, bemüht um Neutralität, erklärt lakonisch: „Mao sprach vom ´Kampf gegen die Natur´. Landschaft sollte urbar gemacht werden, Berghänge zur Reisproduktion dienen.“ Das Resultat ist noch heute sichtbar: Terrassen, die aufgrund mangelnder Qualität wohl bereits vor Jahrzehnten aufgegeben wurden, sperriges Unterholz und nachwachsende Bäume, die gleichwohl in der veränderten Erdstruktur keinen Halt finden und so jedem Tropensturm aufs Neue hilflos ausgeliefert sind, knochige, pflanzenüberwucherte Mikadostäbchen eines alten Spiels, dessen Meister aus Peking schon längst entschwunden ist. Irgendwann aber ziehen sich die Berge zurück, um dem Wanquan, dem „Fluss der zehntausend Quellen“ seinen Weg hinunter ins Südchinesische Meer zu ebnen. Der Fluss ist trotz seiner Strudel und Stromschnellen mit robusten Booten befahrbar, und wenn sich am dichtbewachsenen Ufer der dampfende Bodennebel hebt, wenn nach einigen Kilometern auf einer Lichtung dann die Fischerhütten der Miao-Minderheit sichtbar werden, sich am braunsandigen Ufer aber gleichzeitig das pfostengestützte Transparent „Soldaten und Fischer gemeinsam gegen den Taifun“ wichtigtuerisch aufreckt – dann sind die weißen Schriftzeichen auf rotem Grund trotz allem wenig mehr als ausgebleichte Ideologieknöchelchen, vom vitalen Grün des Urwalds längst abgenagt. Und oben auf dem Hügel  - nach dem ersten Vorhang der Dämmerung fiel bald auch der zweite der Dunkelheit, von Petroleumlampen filigran durchlöchert – ist das zweite Transparent-Tor bereits zum Einlass geworden zu einer Welt von Fischern, die für ihre Gastfreundschaft weder Beifall noch Protokoll benötigen. Konische Dächer über runden Holztischen, unter den Schemeln sich balgende Katzen und kleine Hunde, in den Schüsseln, die von kräftigen Frauenarmen aus einer per Generator funktionstüchtig gehaltenen Küchenhütte herausgetragen werden, aber dies: Schweinefüßchen in würzigem Sud, mit Kräutern verfeinerte Ziegenherzen, limonenbeträufelte, mit Mangowürfeln garnierte Flussfische und als „Sättigungsbeilage“ etwas Spinatartiges, auch „Revolutionsgemüse“ genannt, da es angeblich einstmals Maos Soldaten im Kampf gegen die Soldaten Chiang Kai-sheks nährte. Das Urwalddunkel ringsum scheint belebt, ein Surren und Pfeifen jenseits der kleinen Raststätte, und obwohl an den Tischen jetzt ein Schmatzen und Schlürfen sondersgleichen eingesetzt hat (die chinesische Art, dem Gastgeber für schmackhaftes Essen zu danken), obwohl nur die Wadenschläge gegen vorwitzige Moskitos und das Zischen von Tsingtao-Kronkorken das Reden und Lachen kurz unterbrechen, kehrt - vom anderen Ende der Welt, aus anderer und doch ähnlicher Zeit – die „Einladung zu einer Tasse Jasmintee“ ins Gedächtnis zurück, Reiner Kunzes berühmte drei Verse aus der bedrückenden Ulbricht-DDR der sechziger Jahre: „Treten Sie ein, legen Sie Ihre/ traurigkeit ab, hier/ dürfen Sie schweigen.“  


Oder: Hier dürfen Sie tanzen. Der Abend des nächsten Tages, eine Stadt namens Qionghai. Ein neonbeleuchteter Gebäudewürfel, im Inneren eine riesige Halle, durch ein hüfthohes Holzgitter zweigeteilt und im ersten Stock von Galeriegängen umrahmt. An den Tischen vorn wird gegessen - und zwar äußerst manierlich und mit wohlabgewogenen Gesten auf weißem Tischtuch und mit Hainaner Rosé zu  Bambussprossen und Saté-Spießen. Wie sich die hier versammelte Jeunesse dorée (Alles nur Sprösslinge der Doppelnull-Wagenbesitzer oder nicht doch Vorboten einer wirklichen Mittelschicht?) zusätzlich aber unterhalten kann, bleibt ein Wunder, denn das Dröhnen des Techno lässt sogar die Tischbeine merklich vibrieren. Der Lärm fegt orkangleich durch die ganze Halle, doch die Tanzfläche, genauer: eine Art Tanzsonderzone, ist ein streng umgrenztes Terrain. Zuerst hatte der ausländische Besucher die Männer auf den vier Eckpodesten noch für perfekte Village-People-Imitationen gehalten, für Gogo-Tänzer, die zum Aufheizen der Masse vorerst eben noch diese Uniformen trugen, typische Militärpolizei-Helme und in ihren auf den Rücken verschränkten Händen die hölzernen Schlagstöcke. Y-M-C-A; das würde vielleicht Gaudi geben! Doch obwohl der Minutenzeiger stetig auf ein Uhr und damit aufs Ende des Tanzvergnügens zu rückt, obwohl die Tanzenden sich ganz wie ihre Altersgenossen in anderen Ländern auch hier, hands in the air, im gleißenden Licht von Punktstrahlern von den harten Soundbytes euphorisch durchrütteln lassen – die Wachposten zeigen keinerlei Regung, verharren breitbeinig auf ihren Podesten, scheinen jetzt mit ihren Schlagstöcken geradezu die Verkörperung der Grenzen popkultureller Subversion. Andererseits, wäre zu fragen, während man sich nun ebenfalls unter die Tanzenden mischt, seltsamerweise jedoch nur blicklose Blicke kassiert, als sei man unsichtbar, andererseits: Ist hier nicht – trotz fortgesetzter Kontrolle, trotz überdeutlichen Winkens mit dem Repressionspfahl – eine zweite Kulturrevolution im Gange, die dröhnende Ablösung asketischer Selbstverleugnung durch eben jenen Hedonismus, für dessen mildere Varianten nur vier Jahrzehnte zuvor den Menschen noch die Haare geschoren und die Knochen gebrochen wurden? Weshalb aber dann jene den Fremden so wesenlos durchbohrenden Androiden-Augen? Das Rätsel erhält eine chinesische Auflösung, denn schon kommt der DJ auf die Tanzfläche gerast und schreit unter Kichern und Entschuldigungsgesten dem ausländischen Gast die Frage „Where from?“ ins Ohr. Als er die Antwort hört, schlängelt er sich unter erneuten Entschuldigungsformeln zurück zu seinem Mischpult, läßt es über die Lautsprecher kurz knarren und rauschen und schon ertönt, unterlegt mit härtestem Techno, über die Tanzfläche der südchinesischen Inselstadt Qionghai die Stimme Wolfgang Petrys: Das ist Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle? In genau diesem Moment recken sich wohl an die hundert Arme in die Höhe, und hundert Stimmen wiederholen Hölle-Hölle-Hölle, ehe man sich auf den deutschen Gast stürzt, ihm minutenlang die Hände schüttelt, an seinem Hemd herumzureißen beginnt und fashionbewusste Teenager beiderlei Geschlechts – nicht zu Hunderten, aber immerhin – immer wieder auf sich und ihn zeigen, Hotel-sleep, hotel-sleep schreien, ehe sie hinter vorgehaltenen Händen in vermeintlich grundloses Kichern ausbrechen.


Kulturelle Codes und wie man sie (miss)versteht: Die nächste Lektion wartet bereits knapp hundert Kilometer weiter auf der südöstlich vorgelagerten Insel Nanwan, vom Festland aus entweder per Seilbahn (inklusive gigantischem Meer- und Bergblick) oder mit Booten erreichbar. Zweitausend Affen leben hier frei im unzugänglichen Hinterland, ungefähr drei Dutzend von ihnen aber hat man hinunter in Strandnähe gebracht, wo sie in einem touristischen Areal allerlei Kunststückchen vollführen, Miniaturversionen der hier als Hainan-Shirts bezeichneten knallbunten Hawaiihemden tragen, mit Motorrädern fahren, jedoch auch dies tun: Eine Fahnenstange in die Klauen nehmen und sie gleich darauf fallen lassend, bis ein scharfer Pfiff des Dompteurs signalisiert, dass der Auftritt noch längst nicht beendet sei. Fünf chinesische Affen nehmen also Haltung an, marschieren stramm an den beifallklatschenden Touristengruppen vom Festland vorbei, und die Fahne, die sie tragen, die ist rot. Affirmation oder höchste Stufe des Protestes? Wahrscheinlich keines von beiden, denn auch die Tatsache, dass derlei im sowjetisierten Ostblock von ´89 den Gipfel der Provokation dargestellt hätte – Die Insignien der Partei in den Händen von Affen! – hier bedeutet es vermutlich nur ein weiteres Amüsement ohne Subtext. Die von Reiseführern mit bellenden Megaphonen geführten Gruppen ziehen jedenfalls so gleichmütig wie zuvor weiter, in Richtung eines riesigen Käfigs, vor dessen Maschendrahtgitter die bemalte Pappfigur eines Affen mit Schlagstock sichtbar wird und dahinter im Inneren reale Tiere, die langsam und wie eingeschüchtert ihre Kreise ziehen. „Umerziehungslager!“, sagt der Dolmetscher, und wieder bleibt das erwartete Ho-ho-ho aus. Mit der Hand weist er auf eine blaue Tafel, auf der in weißen Schriftzeichen tatsächlich das Wort Umerziehungslager zu lesen steht und die Besucher informiert, dass man hier für eine Weile jene Tiere gefangen halte, die entweder Touristen an den Haaren gezogen oder sich dem Dressurplan verweigert hätten. Unser nachfolgendes Erstaunen aber wandert wie ein Matrizenabzug auf das Gesicht des Übersetzers. „Na – Umerziehungslager“, wiederholt er mit gutturaler Stimme, verblüfft von der offensichtlichen Begriffsstutzigkeit reisender Westler. 


Was dagegen leicht zu begreifen ist: Die Badestadt Sanya gleicht mit ihren weißen Hochhäusern, bunten Supermärkten, ihren Palmenstränden und malerisch anrollenden Wellen tatsächlich Honolulu. Das Klima ist ganzjährig von angenehmer Milde - zumindest so weit es sich in Celsiusgraden messen läßt. Die unweit der Stadt am Ende eines Promenaden-Quais errichtete, 108 Meter hohe weißgraue Guanyin-Statue – drei Manifestation von Buddha blicken überlebensgroß in drei Himmelsrichtungen, eine vierte konzentriert sich geschlossenen Auges auf sich selbst – wartet nämlich mit etwas ganz Besonderem auf. „Zwölf Meter höher als die Freiheitsstatue in New York“, hatte bereits Vizebürgermeisterin Frau Qi am Konferenztisch triumphiert, und damit die entscheidende Information nicht etwa verlorengehe, wird sie vom Dolmetscher am Fuße der gigantischen 4 A-Sehenswürdigkeit nochmals wiederholt: „Zwölf Meter höher!“ Wäre dies also das fernöstliche Pendant zu jener längst historisch gewordenen SED-Parole vom „Überholen ohne Einzuholen“, mit der man Wirtschaftswachstum ohne störende liberale Nebeneffekte herbeidefinieren wollte? Immerhin: Der Referenzrahmen befindet sich, überraschend genug, nicht etwa in Peking (und schon gar nicht beim kleinen puritanischen Bruder in Pjöngjang) sondern in - New York City. Außerdem gibt es in Hainan - ohne jede Engpässe und Warteschlangen -  nicht nur Bananen, sondern auch Kokosnüsse und Mangos zu kaufen. Passend dazu wird auf einem der vorgelagerten Eilande – „Grenzinsel“ genannt, weil hier exakt die Linie zwischen subtropischer und tropischer Klimazone verläuft – bereits am Hafen für luxuriöse Lodge-Unterkünfte in traumhafter Lage geworben, auch stundenweise zu mieten. Stundenweise? „Na, viel sexuelle Aktivität bei guten Wetter“, erklärt der Übersetzer und lässt nun tatsächlich ein gurgelndes Ho-ho-ho folgen. Was jedoch noch länger und wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird, ist jene aus mythenbesetzten Felsen bestehende und mit emsig fotografierenden Bunthemden-Touristen gefüllte Strandsehenswürdigkeit namens „Das Ende der Welt“, oder genauer: Deren breite Toreinfahrt. Rot auf weiß steht es da zu lesen, in einem Transparent-Satz komprimierte Ingredienz unverwechselbaren Hainan-Gefühls: „Der Standort `Das Ende der Welt` grüßt die Kontrolleure der 4A-Kategorie!“&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Kultur</dc:subject>
      <dc:date>2008-03-13T18:42:00+01:00</dc:date>
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    <item>
      <title>Die Revision der Rebellion oder Wem gehört 1968?</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/die_revision_der_rebellion_oder_wem_gehoert_1968/</link>
      <author>rwagner@achgut.de (Richard Wagner)</author>
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      <description>(Richard Wagner) Mit einer Kürzestdefinition ließe sich sagen, die 68er sind die, die das Jahr 1968 erfolgreich besetzt halten. Ihr Lebensinhalt scheint, neben dem langen Marsch durch die Institutionen, die Selbstfeier in allen Jubeljahren zu sein, die die Tradition der runden Zahl mit sich bringt, so auch in diesem. Da sie aber Meister der Dialektik sind, abgenabelte Adorniten, haben sie auch die Kritik an sich selbst fest im Griff. 


Jetzt, vierzig Jahren danach, stellen sie die kritischen Bücher zu 68. Als Meister der 68er Kritik treten Götz Ali und Peter Schneider an. Was macht es schon, dass die beiden unter den Rädelsführern waren, dass Peter Schneider die Brandrede gegen Springer hielt und Ali an der Drangsalierung des Professors Alexander Schwan am OSI, an die er sich nur noch vage zu erinnern vermag, teilgenommen hat? Jetzt, nach vierzig Jahren haben sie einen Abstand zur Bewegung. Aber auch zu sich selbst? Wahr ist, sie beherrschen immer noch den öffentlichen Diskurs. Und so bleibt alles ausgeblendet, was 68 sonst noch geschah. Und was überhaupt noch wichtig gewesen wäre, vielleicht sogar wichtiger als die 68er selbst. 


Zum Beispiel in Ostmitteleuropa, in Polen und in der Tschechoslowakei. Der Prager Frühling und die Studentenproteste in Warschau und Danzig. Über den Prager Frühling ist, zumindest in den Frühjahrsprogrammen, kein einziges Buch in einem deutschen Verlag angekündigt. Über die Studentenproteste in Polen, auf die die kommunistische Regierung damals mit einer antisemitischen Kampagne antwortete, erschienen jetzt, in den ersten Märztagen, immerhin einige Zeitungsartikel. 


Wahr ist, dass das Interesse der 68er an den Freiheitsbestrebungen in Ostmitteleuropa schon seinerzeit gering war. Man beschäftigte sich lieber mit Vietnam als mit Polen und der Tschechoslowakei. Vietnam war weit genug entfernt, um die Phantasie der 68er nicht weiter mit seiner Realität zu stören. Ein Blick auf die Nachbarn im Osten hätte zum Nachdenken über das eigene Weltbild  führen können. 


Diese Gefahren wusste man gekonnt auszublenden. Brachte man es doch selbst in Westberlin  fertig, gegen die Vereinigten Staaten zu agitieren, wobei diese der einzige Garant für die freie Existenz der von Sowjettruppen umstellten Stadt war. Die Sowjetunion war aber nicht der Gegner. Gegner waren das Land der Eltern und die Vereinigten Staaten. Die Bundesrepublik, die den verhängnisvollen deutschen Sonderweg verlassen hatte, um sich in die westliche Welt einzuordnen, und die Vereinigten Staaten, die die Demokratie wie kein anderer Staat symbolisierte. 


Und das ist auch der Grund, warum das Interesse der 68er an den Protesten und Reformen in Ostmitteleuropa so gering war. Während man in Prag und Warschau für die Freiheit eintrat, bekämpfte man sie im Westen ausgerechnet mit Marx und Mao und pries die chinesische Kulturrevolution, eine der größten Gewaltorgien des 20. Jahrhunderts. Während sich in Prag ein Jan Palach im Januar 1969 aus Verzweiflung über die Niederlage der Freiheitskämpfer auf dem Wenzelsplatz verbrennen wird, nimmt im Westen die Herrschaft der 68er über den Diskurs seinen Anfang. 


Sie dauert bis heute an. Zu ihren Merkmalen gehört, neben dem Antiamerikanismus und der Israelkritik, neben Antikapitalismus und kollektiver Selbstbezichtigung, auch das Ausblenden der ostmitteleuropäischen Freiheitsbewegungen. Man marschiert immer noch, zumindest rhetorisch, in die Gegenrichtung, oder auch nur um sich selbst herum. Aus der „Rebellion gegen die Freiheit“, wie sie der Philosoph Helmut Kuhn bereits 1968 nannte, ist eine permanente Revision der Rebellion geworden. Die Revisoren aber sind die Rebellen von einst.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Inland, Kultur</dc:subject>
      <dc:date>2008-03-08T17:11:00+01:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title>Trotzki was here oder Der lange Weg zum Revolutionär</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/trotzki_was_here_oder_der_lange_weg_zum_revolutionaer/</link>
      <author>mmartin@achgut.de (Marko Martin)</author>
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      <description>(Marko Martin) Die ruhmreiche Arbeiterklasse weiß wieder einmal von nichts. Hamla Sokak, Hamla Sokak? Auf der ganzen Insel, die wie ein winziger grüner Tupfen im Marmara-Meer vor Istanbul liegt, scheint noch keiner etwas von einer Straße dieses Namens gehört zu haben. Weder Pferdekutscher noch Fischer können Auskunft geben, von den wenigen Passanten ganz zu schweigen, die auf dem schattigen Trottoir an Gärten vorbeilaufen, die tatsächlich „voll sind mit dicken, fast fettleibig wirkenden Rosen“. Ein Zeitungstext vom Juni 1933 - zuerst erschienen in Paris-Soir, irgendwann in einem Sammelband des Diogenes Verlages auch auf deutsch veröffentlicht – als bester Reiseführer. Verfasser: Georges Simenon. In jenem Sommer reiste der „Maigret“-Autor  über Istanbul per Fährschiff auf die nahegelegenen „Prinzeninseln“, um auf dem letzten Eiland Büyük Ada (das er übrigens fälschlicherweise „Insel Prinkipo“ nannte) nach Leo Trotzki, dem damals weltberühmtesten Revolutionär zu suchen. 


Die russischen Matronen, die siebzig Jahre später neben mir auf den sonnenbeschienenen Holzbänken der Fähre sitzen, sind dann aber wohl nur noch Randfiguren aus dem Schlusskapitel des realen Revolutionsromans – offensichtlich wohlhabende Gattinnen von Ex-Nomenklatura-Kadern, welche die kapitalistischen Lektionen schnell gelernt haben, auch wenn sie die türkischen Vokabeln auf ihren Handy-Schirmen nicht deuten können. Ein grimmig blickender Alter bietet Hilfe an, er versteht die Worte, doch spricht er allein türkisch – die technische Revolution überfordert ihre (Stief-)Kinder. Vielleicht sind derlei Geschehnisse und Betrachtungen ja die beste Einstimmung für die Suche nach jener Villa, die Leo Trotzki in seinen ersten Exiljahren von 1929 bis 1933 bewohnt hatte: Der Weg ist das Ziel. Und die Allee, die links vom Hafen oberhalb zahlreicher Villen entlang führt, dabei aber immer parallel zum Meer verläuft, genau diese Allee muss Simenon gemeint haben. „Der Wagen hält. Mein Kutscher zeigt mir mit ausgestrecktem Arm den Weg. Ich brauche nur noch ein Gäßchen zwischen zwei Mauern hinabzusteigen. Alles ist derart still und unbeweglich – die Luft, das Wasser, die Blätter, der Himmel -, dass man meint, die Sonnenstrahlen zu zerbrechen, wenn man sie durchschreitet.“ 


Schließlich ist die Hamla Sokak gefunden, Simenon hat bei der pittoresken Beschreibung nicht im mindesten geschummelt, wenn er auch das Imposante der mit schneeweißem Holz verkleideten Villen nicht erwähnte, ihre Einrahmung zwischen Palmen und Oleanderbüschen. Ein wenig Deep South, ein wenig Hitchcocks Psycho. Wie heiß und still es ist! Wie oben auf der Allee die Hufe der Droschkengäule (Autos sind auf Büyük Ada, seit alters her Rückzugsort der Istanbuler Reichen, nicht erlaubt) immer gedämpfter aufs Pflaster schlagen, wie allein der Wind in den Palmenwipfeln ein Wispern von sich gibt! Gleicht man Simenons Darstellung mit der Information des Zeitungsladeninhabers am Hafen ab ( „last villa at the right-hand side“), dann kann Trotzkis einstiges Domizil nur das verwaiste Haus mit den leeren Fensterhöhlen sein. Kaum bin ich ein paar Mal an der Gartenmauer entlang gelaufen, steigt schon vom Apfelbaum des gegenüberliegenden Grundstücks ein gedrungener Mann herab, überquert den schmalen Kiesweg und öffnet für mich wortlos die quietschende eiserne Eingangstür. Eine Falle? Ist der Mann vielleicht gar eine Art türkischer Wiedergänger jenes Ramón Mercader, der 1940 in México-City auf Stalins Geheiß Trotzki den berühmten Eispickel in den Schädel rammte? Aber nein, der Saisonarbeiter möchte sich nur ein wenig Trinkgeld verdienen und schaut vorsichtshalber in das kleine Pächterhaus rechts, damit ihn bei seiner non-verbalen Führung keiner störe. „Trotzki Evi, Trotzki Evi“ („Trotzki-Haus“) wiederholt er eins ums andere Mal und lässt mich auf überwachsenen Pfaden hinunter zu der malerischen, von permanenter Vegetation nur so umzingelten Ruine laufen, die aussieht als wär´s ein Gemälde von Böcklin. Die Steinfliesen auf der Terrasse, wo Trotzki damals Simenons Fragen nach der kurz bevorstehenden proletarischen Weltrevolution beantwortet hatte, sind aufgebrochen und zersplittert, die mit schadhaften Lattenrosten vernagelten Fenster lassen in schuttübersäte Innenräume blicken – keine Spur mehr von einer Bibliothek, in deren Regalen der verdutzte Franzose einst sogar Célines Reise ans Ende der Nacht entdeckt hatte. Nostalgie mag dennoch nicht aufkommen: Trotzki, der im Vergleich zu Stalin beträchtlich intellektuellere Menschenschinder, hatte 1929, als man ihn hierher in die sonnige Türkei vertrieb, einfach das Machtspiel verloren – was auch immer seine nachgeborenen Verteidiger an Idealisierungen noch vorbringen. Auf dem leicht ansteigenden Weg zurück zur Gartenpforte balgen sich zwei schwarze Katzen um einen Plastiksack und wälzen sich wütend in einem Bett aus trockenen Piniennadeln. „Unterhalb“, so 1933 Georges Simenons, der offensichtlich von der Gegend beeindruckter war als von Trotzkis ideologischen Antworten, „unterhalb sieht man das Meer glatt und blau heraufschimmern.“ Ein etwas abseitiger Gedächtnisort, zu dem man – so würde wohl unser gänzlich unbelasteter Ex-Kanzler  formulieren – mal immer wieder gern hingeht.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Ausland</dc:subject>
      <dc:date>2008-02-26T11:52:00+01:00</dc:date>
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      <title>Niggemeier &amp; Co: Die Laus, die brüllte</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/niggemeier_co_die_laus_die_bruellte/</link>
      <author>mbroder@achgut.de (Henryk M. Broder)</author>
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      <description>(Henryk M. Broder) Als ich noch versehentlich in Köln lebte, der hässlichsten und spießigsten aller deutschen Kleinstädte, gab es dort einen Verein namens „Volkswartbund“. Er unterstand der Diözese und bestand im wesentlichen aus älteren männlichen Rentnern, die das Angenehme mit dem Erhabenen und dem Gesunden zu verbinden verstanden. Sie inspizierten Kioske, Leihbibliotheken und Antiquariate, und wo immer sie eine „jugendgefährdende“ oder sittlich anstößige Schrift entdeckten, erstatten sie Anzeige oder holten gleich die Polizei. Und jugendgefährdend bzw. anstößig war alles, war die flanierenden Rentner erregte: Von den Erinnerungen der Josephine Mutzenbacher über erotische Postkarten aus der Frühzeit der Fotografie bis zu FKK-Magazinen mit Turnern und Turnerinnen, die in Rhönrädern durch  nackte Landschaften rollten. Auch die Volkswartbund-Wächter hatten ihren Spaß. Statt daheim zu versauern, waren sie den ganzen Tag unterwegs und bekamen das zwischen die Finger, wovor sie andere bewahren wollten.


Die alte Geschichte fiel mir wieder ein, als ich vor kurzem bei einer Preisverleihung in Berlin zufällig Stefan Niggemeier kennen lernte, den „Medienjournalisten“ und Mitherausgeber des BILDblog. Während ich BILD beinah täglich lese, habe ich den BILDblog noch nie besucht. Jetzt habe ich es doch getan und das Prinzip schnell verstanden. Es ist nicht „Medienkritik“, es ist gelebtes Junkietum. Niggemeier ist von BILD fasziniert, so wie die Volkswartbund-Rentner von dem „Schweinkram“ fasziniert waren, dem sie täglich nachstellten. Man könnte auch von einer Frustration sprechen, die nach einem Ventil sucht.


Dagegen wäre im Prinzip nichts zu sagen, denn auch jeder Kunst- oder Literaturkritiker wäre lieber Künstler oder Dichter geworden. Für Sportreporter gilt dasselbe. Und Steuerfahnder sind vor allem Pechvögel, die nicht genug verdienen, um Steuern hinterziehen zu können. Das alles ist vollkommen normal.


Bei Niggemeier läuft es ein wenig anders. Er  hat nicht einfach einen Riesenspaß daran, täglich BILD zu lesen, er braucht dafür ein Alibi, um nicht in den Verdacht zu geraten, dass es ihm einen Riesenspaß macht, BILD zu lesen. Er macht es sozusagen widerwillig, er opfert sich für den guten Zweck. So wie sensible Intellektuelle, die am liebsten koreanische Spielfilme mit mongolischen Untertiteln auf arte sehen, heimlich und widerwillig „Big Brother“ auf RTL2 gucken, nur um zu wissen, was sie ihren Kindern nicht zumuten dürfen.


Und Niggemeier treibt es nicht mit sich allein. Einige zehntausend Afficionados, die nicht einmal eine gelesene BILD aus der U-Bahn mitnehmen würden, besuchen regelmäßig den BILDblog, um sich darüber zu informieren, was ihnen so zuwider ist wie einem Vegetarier eine Portion Tartar. So wichst zusammen, was zusammen gehört.


Dabei gibt es statt der geilen Hasen oft nur lahme Igel. BILDblog rechnet nach, dass die kleine Nadia (13) nur 33 Stunden wöchentlich für die Schule paukt und nicht, wie von BILD behauptet, 41 oder gar 5o Stunden. BILDblog stellt einen BILD-Bericht richtig, in dem behauptet wurde, George Clooney sei von seiner Nachbarin Britney Spears dermaßen „genervt“, dass er wegziehen wolle. Tatsächlich habe Clooney nur gewitzelt: „So now I have to move.“ Und titelt BILD „Zwei Männer am U-Bahnhof abgestochen“, schaut BILDblog sofort im Duden nach: „ab|ste|chen: 1. (ein Schlachttier) durch das Durchstechen der Halsschlagader töten: ein Schwein, einen Hammel a.; (derb von Menschen) er hat seine Opfer brutal abgestochen. (…)“


Wovon nicht die Rede sein kann, denn sogar im dazugehörigen BILDBericht hieß es: „René H. wurde im Rücken getroffen, Burak B. rammten sie ein Messer in den Bauch. Klinik!“ Am Ende der Richtigstellung heißt es dann: „Mit Dank an Sascha für den sachdienlichen Hinweis.“


Ja, das sind Hinweise, bei denen Kommissar Erbsenzähler das Herz in der Hose aufgeht. Anstechen ist nicht abstechen. Wer es noch genauer wissen will, bekommt im  BILDblog-Shop neben allerlei Textilien auch 14 Bücher angeboten, darunter heiße Aktualitäten wie Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und Wallraffs „Aufmacher“.&amp;nbsp; 


Man muss BILD nicht lesen.&amp;nbsp; Echte Genießer tun es aber in einem BILDblog-Sweat-Shirt zu 26.9o über einem BILDblog-T-Shirt zu 14.9o mit einer BILDblog-Strickmütze auf dem Kopf zu 12.- Euro.


Denn BILDblog ist die kleine Laus im Pelz des großen Muttertiers. 

Was für eine  beglückende Ko-Existenz.&lt;div class="feedflare"&gt;
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      <dc:subject>Kultur, Panoptikum</dc:subject>
      <dc:date>2008-02-20T10:10:00+01:00</dc:date>
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      <title>Bald entsteht künstliches Leben</title>
      <link>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/bald_entsteht_kuenstliches_leben/</link>
      <author>bmstadler@achgut.de (Prof. Dr. Beda M. Stadler (Gastautor))</author>
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      <description>(Prof. Dr. Beda M. Stadler (Gastautor)) Die geistige Evolution darf nicht mit theologischen Mitteln ausgebremst werden


Soll noch einer sagen Naturwissenschaftler hätten keinen Humor. Da erhält schon mal ein Gen den Namen „Spätzle“, oder eine Gruppe von Rezeptor-Molekülen wird „toll“ genannt, weil es die Entdeckerin toll fand, das Eiweiss endlich charakterisiert zu haben. Ganz toll wird es, wenn der versteckte Humor ins Ironische kippt. Bei Craig Venter, Unternehmer und Genforscher, ist man allerdings nie sicher, ob der Humor beabsichtigt ist. Nachdem er an der Sequenzierung des menschlichen Genoms massgeblich beteiligt war, will er nun der Erste sein, der künstliches Leben schafft.


Das Humorige an diesem Projekt ist, dass man dazu ein Bakterium, Mycoplasma genitalium, gewählt hat, das sinnigerweise eine Geschlechtskrankheit verursacht: Eine wissenschaftliche Parodie auf „Safer Sex“? Viren kann man bereits erschaffen. Die Sequenzen findet man auf dem Internet. Laborautomaten bauten die genetische Information nach, und die künstlichen Viren sind wieder infektiös. Auferstanden wie Lazarus, aber aus dem Geist im Silikonchip. Nur, Viren sind bloss das halbe Leben. Wer hingegen ein Bakterium synthetisch herstellt, hätte effektiv Leben erschaffen. 


Kollegen von Craig Venter haben einen wichtigen Schritt in Richtung künstliches Leben getan. Aus synthetischen DNA Schnipseln wurde das Mycoplasma-Chromosom wieder zusammengesetzt. Gespannt warten wir, ob der nächste Schritt auch gelingt. Man will dieses Bakterien-Genom in eine Hülle geben, damit das synthetische Konstrukt zu leben beginnt. Dieser Rückwärtssalto vom Computer ins leben wäre bloss ein Lazarus-Wunder. Geträumt wird bereits davon, neue Wesen mit neuartigen Genen zu erschaffen. Wer hierbei eine Analogie zu Adams Rippe sichtet, hat Humor. Es gibt aber Theologen, die bremsen: Darf der Mensch Gott spielen?


Einigen Kollegen ist dabei etwas mulmig. Die einen versprechen daher, mit solchen Bakterien energiereicheren Biosprit zu produzieren. Man hofft, die Dummheit auszuwetzen, dass Nahrungsmittel verwendet werden, um Biodiesel herzustellen. Diese Scharte muss weg, schliesslich ist Biodiesel, produziert aus unserem Abfall, keine dumme Idee. Craig Venter übertreibt allerdings, weil er Bakterien entwickeln will, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen, um damit den Klimawandel zu stoppen. Jetzt wird es Kabarett-mässig.


Erstens, kann dies jeder Grashalm. Zweitens, hat bereits Barack Obama versprochen, dieses Problem für Amerika zu lösen. Wenn ein sonst vernünftiger und sympathischer Politiker ein Naturphänomen in den Griff bekommen will, aber mit Sicherheit die „einfachen“ Probleme wie das Gesundheitssystem, das Steuersystem oder den Verkehr nicht lösen wird, werden die professionellen Welt-Retter zu Don Quijotes. Al Gore hat in Davos gar verkündet, dass die Nordpol Kappe bereits in fünf Jahren im Sommer gänzlich verschwunden sein könnte. Das Klimawandel Theater wird also spätestens in fünf Jahren zum globalen Witz; es sei denn, Obama, al Gore und Venter haben bis dann ein paar mächtige Teiche voller Bakterien geschaffen, in denen alles vom Menschen produzierte CO2 aufgefressen wird. Dieses Wasser wird allerdings nicht mehr zum Trinken, wohl aber zum Tanken sein. 


Gelingt es hingegen, künstliches, neues Leben zu schaffen, wäre dies mehr als lustig. Die Welt würde nicht gerettet, aber positiv verändert. Es ist zu hoffen, dass die Verarbeitung eines solchen Meilensteins der geistigen Evolution des Menschen nicht mit theologischen Mitteln ausgebremst wird. Unsere Probleme haben sich bislang erwiesenermassen mit Wissenschaft und Philosophie lösen lassen, nicht mit Beten. Können wir uns eine neue Debatte zu diesen Lebens-Fragen leisten, etwa in der Art wie sie im Zusammenhang mit der grünen Gentechnologie geführt wurde? In zwei Jahren läuft unser Gentech-Moratorium ab. Die Wissenschaftsfeindlichen in diesem Land haben drei Jahre Zeit gehabt zum Nachdenken. Wurde seither irgendein Apostel bekehrt?


Erschienen am 10. Februar 2008 in NZZ am Sonntag&lt;div class="feedflare"&gt;
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