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    <title>Begleitschreiben ("Denken ist vor allem Mut..." (Ludwig Hohl))</title>
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    <description>"Denken ist vor allem Mut..." (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2009-11-16T09:22:37Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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    <title>Lutz Seiler: Die Zeitwaage</title>
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    <description>&lt;img title="Lutz Seiler  Die Zeitwaage" height="240" alt="Lutz Seiler  Die Zeitwaage" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Lutz-Seiler-Die-Zeitwaage.jpg" /&gt;Das ist also schon zwei Jahre her, als Lutz Seiler mit seiner Erzählung &lt;a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/202988/"&gt;"Turksib"&lt;/a&gt; in ziemlicher Einmütigkeit den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen bekam. Auch wenn man vielleicht einen anderen "Lieblingstext" im Wettbewerb hatte  die Qualität dieser Prosa war eindeutig und tatsächlich herausragend. Und noch heute erinnert man sich an diesen schaurig-zärtliche Loreley-Gesang des russischen (?) Heizers auf den rüttelnden Turksib-Gängen. Vielleicht ist dieser &lt;i&gt;Fischgesang&lt;/i&gt;, der sich zwischen Erzähler und Heizer für &lt;i&gt;eine schwer durchatmete Dauer&lt;/i&gt; ereignete, der Kristallisationspunkt dieser Erzählung, die ansonsten fast nur aus der Bewältigung des Ich-Erzählers der Strecke vom Zugende zum Zuganfang (oder ist es umgekehrt?) und der Beschau eines Geigerzählers (und vor allem dem Geräusch!) zu bestehen scheint. Aber  und dies wird noch Gegenstand der Erörterung sein  es ist nicht immer ganz leicht, den Movens der Erzählungen von Lutz Seiler "herauszuarbeiten", was allerdings die Lektüre zusätzlich reizvoll macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vorliegende Band mit dem schönen, allegorischen Titel "Die Zeitwaage" (eine &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitwaage"&gt;Zeitwaage&lt;/a&gt; ist ein Instrument zur Feststellung der Ganggenauigkeit einer Uhr) umfasst dreizehn Erzählungen (die Titelgeschichte findet sich am Ende des Buches). Sie weisen formal kein einheitliches Schema auf. Häufig gibt es einen Ich-Erzähler, der bisweilen durchaus (biografische) Parallelen mit dem Autor suggeriert (aber manchmal wird dieses übereifrige Germanistensuchen auch auf perfide Art plötzlich, innerhalb der Erzählung, gebrochen) und sogar, einmal (in der Erzählung "Gavroche"), werden Erzähler und Erzählung selber Gegenstand der Erzählung. Und in einigen Geschichten gibt es abweichend einen auktorialen Erzähler. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis auf die ersten beiden Geschichten ("Frank" und "Im Geräusch"), die durch die Protagonisten miteinander verbunden sind (sie sind auf Urlaub in den USA), "Turksib" und die "Zeitwaage" (Berlin) kann man als Ort Seilers Heimat Thüringen ausmachen. Und obwohl die Geschichten in der ehemaligen DDR mindestens verwurzelt sind, die Protagonisten ihre Sozialisation dort erfahren haben (zu allerdings durchaus unterschiedlichen Zeiten) und es durchaus Anspielungen auf Skurrilitäten und Absonderlichkeiten des Systems gibt (diese meist eher mit leichter Hand gezeichnet), ist die "Zeitwaage" kein "DDR-Buch", schon gar kein Bewältigungsbuch. Die Verstörungen und Verletzungen der Figuren sind auf eine fast betörende Art Zeugnis eines aus-der-Welt-gefallen-Seins und besitzen einen merkwürdig hohen Grad an Universalität (die allerdings in keinem Fall mit Beliebigkeit verwechselt werden darf). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wendepunkte des Lebens&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam ist den Geschichten, dass nicht nur ein bestimmtes Ereignis im Leben einer Person von ihr bzw., seltener, dem allwissenden Erzähler, nicht nur erinnert oder reflektiert, sondern im Erzählen wiederbelebt wird. Ein Ereignis, dass rückblickend das Leben entscheidend geprägt hat und es bis heute noch bestimmt (und wenn auch nur als unverstandene, auch nach all' der Zeit noch verstörende Begebenheit). Dieser Moment der Peripetie, der immer überraschend eintritt, bildet den tatsächlichen Kern der Erzählungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wobei die Einbringung dieses Motivs in den einzelnen Erzählungen durchaus variiert. "Das letzte Mal" beginnt damit: &lt;i&gt;Es war am 20. November 1976, ich war dreizehn Jahre alt und hatte meinen Vater das erste Mal im Schach besiegt. Es war das letzte Mal, daß wir miteinander spielten.&lt;/i&gt; Die Erzählung mäandert dann vom Triumphgefühl dieses Sieges über den Ort des Geschehens (eine Kleingartenanlage  &lt;i&gt;in einer etwas heruntergekommenen Gegend zwischen Zeitz und Meuselwitz&lt;/i&gt;) und die Wohnverhältnisse der Familie (man ist mit Aushubarbeiten beschäftigt) und kommt immer wieder zurück auf die Faszination des Schachspiels (&lt;i&gt;wie frisch lackiert glänzten die Steine&lt;/i&gt;). Anhand der großen Stabtaschenlampe, mit der Vater und Sohn abends nach der Arbeit beim Spiel zusammensitzen, wird die Geschichte des "Erwerbs" der Kleingartenanlage assoziiert (eine kleine Burleske um den Versuch, durch wohlfeiles Verhalten seinen Platz auf der Zuteilungsliste zu verbessern). Und am Ende schließt sich dann wieder so schön der Kreis, wenn es heißt &lt;i&gt;Nie hatte ich mich ernsthaft gefragt: Warum eigentlich, warum war das unser letztes Spiel gewesen? In all den Nächten, die wir noch nebeneinander auf unseren Pritschen zubrachtenblieben das Steckschach und auch die Schachfibel verschwunden. Wir sprachen nie wieder über Schach, ich forderte kein neues Spiel, nie, und mein Vater keine Revanche  fast war es so, als hätten wir niemals gespielt, als hätte es all die Jahre meiner Niederlagen und seiner Siege nicht gegeben.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In "Der Stotterer" erwächst das Motiv erst im Laufe der Erzählung. Zunächst wird eine Art Garagenmechanikeridylle aufgebaut, in der der Ich-Erzähler und ein "Stotterer" Genannter &lt;i&gt;die Nachmittage und ganze Sonntage (Garagensonntage) nebeneinander&lt;/i&gt; verbrachten. Der Stotterer, &lt;i&gt;der, wie ich es empfand, endgültig aus der Gemeinschaft gefallen war&lt;/i&gt;, ein ehemaliger Maurer (wie gemunkelt wurde), war ein Mann, &lt;i&gt;der offensichtlich am liebsten allein war&lt;/i&gt; und bastelte in einem fort an seinem "Saporoshez" (der Ich-Erzähler, jünger als der Stotterer, am "Shiguli" seines Vaters). Schön, wie es Seiler gelingt, diese Stimmung in der Garage mit wenigen Strichen zu verdichten und dabei die &lt;i&gt;Litanei&lt;/i&gt; des Stotterers während des Arbeitens wie einen epischen Gesang wiederbelebt. Dieses getrennte, und doch irgendwie zusammengehörige Werken der beiden Protagonisten. Und obwohl ab und zu der Stotterer &lt;i&gt;aus de[n] Augenwinkeln&lt;/i&gt; die Arbeit des Anderen &lt;i&gt;verfolgte und prüfte&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Handgriffe, Haltung, wie ich mit dem Werkzeug umging&lt;/i&gt; beobachtete: Es war ein &lt;i&gt;andächtiges Tätigsein&lt;/i&gt; - und sofort entsteht der Wunsch beim Lesen: Sollte so nicht unser aller Arbeit sein? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Tanz der Wanderer&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und just in diesem Moment macht die Erzählung einen Schwenk  hin zu ihrem geheimen Zentrum. Plötzlich ist der Erzähler auf dem Weg nach Hause, auf einem kleinen Berg, es dunkelt bereits und vor ihm der Stotterer und dann eine gar nicht so unbekannte Situation: &lt;i&gt;Fast war ich auf seiner Höhe, zögerte aber noch, ihn zu überholen; ich wußte, daß ich dann nicht umhinkommen würde, ihn zu grüßen, nachdem wir den halben Nachmittag stumm nebeneinander gearbeitet hatten, jeder vor seiner Garage.&lt;/i&gt; Was tun? 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Womöglich würde er seine Schritte beschleunigen, um sich für den Rest des Weges anzuschließenNein, unvorstellbar, das würde sicher nicht geschehen, überlegte ich, aber wenigstens war es nötig im Vorübergehen ein Wort zu wechseln, zumindest einen Gruß, um die Peinlichkeit, in die uns mein Überholmanöver unweigerlich bringen musste, zu überbrücken. Im nächsten Moment wurde mir klar, daß gerade das unmöglich war [] Ratlos war ich hinter ihm geblieben, in seinem Rücken, auf seinen Fersen. Ich hatte den Rauch seiner Zigarette eingeatmet, mich umfing ein Geruch von Tabak, Schweiß und Verlassenheit  ich atmete, ich füllte meine Lungen, und ein seltsam wohliges Gefühl kehrte ein.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Lässt er sich beim ersten Mal noch &lt;i&gt;mitziehen&lt;/i&gt; von diesem Gehen, so wird von nun an wird dieser Tanz auf dem Nachhauseweg zum festen Ritual. Des Erzählers Wahrnehmung fokussiert sich auf des Stotterers Gang, dem Halten der Zigarette, die &lt;i&gt;Wolkenbildung&lt;/i&gt; des Zigarettenrauchs (willig inhaliert er ihn ein und wendet sich dazu je nach Windrichtung). Der &lt;i&gt;frisch ausgestossene Dunst&lt;/i&gt; seines Atems schlägt ihm manchmal &lt;i&gt;direkt ins Gesicht&lt;/i&gt;. Er ist &lt;i&gt;vollkommen sicher unentdeckt geblieben zu sein&lt;/i&gt;, obwohl er ihm manchmal sehr nah kommt (&lt;i&gt;ich hätte meine Wange auf seine Wildlederschulter legen können&lt;/i&gt;) und wenn er stehen blieb &lt;i&gt;blieb auch ich stehen&lt;/i&gt;. Und einmal hatte sich der Stotterer &lt;i&gt;urplötzlich umgewandt&lt;/i&gt; und fast kindlich die Reaktion, in dem der Andere sich &lt;i&gt;geistesgegenwärtig&lt;/i&gt; umdrehte und schnell &lt;i&gt;ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung&lt;/i&gt; machte. Jede Bewegung des Vorgehenden wird aufgesogen gefesselt folgt man der Erzählung dieses scheinbar so unspektakulären Ereignisses. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Inzwischen war ich mir sicher, daß meine Anhänglichkeit einer verhängnisvollen Sucht entsprang, die bei dieser Gelegenheit erstmals zutage getreten war.&lt;/i&gt; Diese Sucht, so der Ich-Erzähler, beweise, dass er nun erwachsen werde. &lt;i&gt;Sie war das Zeichen einer neuen Reife. Auf meinem Weg von der Garage nach Hause entfernte ich mich auf unumkehrbare Weise von dem, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte. [] Im Rücken des Stotterers hatte ich den guten, bitteren Vorgeschmack einer künftigen Zeit auf der Zunge.&lt;/i&gt; Und &lt;i&gt;in dem Gewölk aus blauglänzenden Luftmolekülen, in deren Obhut ich mich begeben hatte, oszillierten winzige Momente von Verheißung.&lt;/i&gt; Er wurde durch das Schauen zum Erwachsenen, zum "Mann". &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dieser Prozess der Selbstkonstituierung durch den Anderen, der so fremd und doch so vertraut ist, dauert nur kurz. Das Ende der Erzählung stellt den Stotterer wieder in den Fokus (soll hier aber nicht verraten werden). Der Leser kann danach nicht ablassen von diesem seltsamen Paar und die Bilder verfolgen, nein: begleiten ihn noch lange Zeit und nie wieder wird man an einen Wanderer einfach vorübergehen, ohne an diese Geschichte zu denken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt: Wie nachhallend, manchmal auch suggestiv diese Geschichten und die Protagonisten doch sind. Da ist die junge, hochtalentierte Turnierschachspielerin "Gavroche", die für mehrere Jahre zur Freundin des Erzählers wird. Auch hier wieder ein Geheimnis: Bei aller Intimität sagt er ihr nicht, dass er das Schachspiel sehr wohl spielen kann; er simuliert den Kenntnislosen (die &lt;i&gt;Schachlüge&lt;/i&gt;). Und wie ergreifend (und beinahe selbstquälerisch) dann die Erzählung endet, als er ihr dies weitere Jahre nach einem flüchtigen Kontakt beim Jahrgangstreffen der Uni endlich mitteilen und eine neue Welt der Vertrautheit mit der ehemaligen Geliebten begründen möchte (und abermals schweigt der Leser über den weiteren Fortgang). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die ephemere Unschuld der Kastanie&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder die Kindheitsgeschichte vom "heroischen" Kapuzenkuss als das "offizielle" Kussspiel auf dem Pausenhof schon beendet war. Nebenbei eine ganz andere Internats- und dann sogar Kriminalgeschichte mit zwei Hausmeistern (&lt;i&gt;Oberer und Unterer&lt;/i&gt;). Eine Welt in der es &lt;i&gt;Stoffturnbeutel&lt;/i&gt; gibt, eine &lt;i&gt;"Schällerelli"&lt;/i&gt;, Mittagsschlaf im Klassenraum (am Ende die rührende Szene als die angehimmelte, kapuzengeküßte Heike den Kopf des Erzählers streichelt  aber in Wirklichkeit nur die Narben von seinem Umfall ertastet), drei Verstecke und willkürliche Ranzenkontrollen (die Angst um die Fußballbilder!). Und abermals wird die Atmosphäre (hier der 1970er Jahre in der DDR) so stark erzeugt, dass man den &lt;i&gt;betäubenden Dunst&lt;/i&gt; des Garagenverstecks förmlich sehen kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Frank und Teresa mit ihrem (?) Kind Luzie auf einer Reise durch die USA und Luzie verschwindet eines Tages auf einem Jahrmarkt in einer riesengroßen, maschinell erzeugten Seifenblase  Metapher für die Ehe oder Beziehung der beiden, die Frank durch einen immer in der Anrede stockenden, nie geschriebenen Brief noch erretten möchte (es bleibt vergeblich: &lt;i&gt;"Zu spät" [] "Ich weiß"&lt;/i&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer anderen Erzählung ist von der "Jagd" die Rede und Knüppeln, die in die Bäume geschleudert werden, die sogenannte "Kastanienjagd", die auch der Protagonist Serkin (während der Dauer der Erzählung den Amseln im Wald lauschend) betrieb und es dürfte sicher sein, dass diese noch nie so erzählt wurde: &lt;i&gt;Serkin dachte daran, welchen Genuß ihm alleine das Geräusch bereitet hatte, wenn der kreiselnde Knüppel im Geäst der Kastanie schnitt. Dann das gedämpfte Prasseln, der warme Regen, das Gehüpf der brauen Perlen auf den Pflaster der Reimannstrasse.&lt;/i&gt; Ein zunächst sinnlicher, dann sogar erotischer Vorgang, der bei der Betrachtung und Behandlung der Früchte einsetzt: 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Oft war die Schale an einer Stelle aufgeplatzt und in dem feuchten Spalt ein frisches, braunglänzendes Auge sichtbar geworden, das ihm aus seiner Unberührtheit entgegensah. Wie ein bleiches Augenlid lag noch etwas Innenhaut über der Frucht. Am Spalt setzte er die Daumen an und drückte die beiden mit Stacheln besetzten Hälften der Schale auseinander. Langsam, behutsam. Er hatte gut darauf zu achten, daß das blanke Auge nicht plötzlich hervorspritzte und in den Dreck fiel. Denn es ging um genau diesen Moment, in dem er der erste war, der die seidigfeuchte, fast etwas fettige Frucht empfing, sie zwischen seinen Fingern gleiten ließ, zum Handteller hin, sie schließlich fest umschloß und presste: Es ging um diese tiefe Befriedigung im Inneren der Faust, ein Gefühl, das ihn mit dem Zentrum seiner Lust verband. Und ab und zu, wenn es ganz bestimmt niemand sehen konnte, steckte er sich eine der braunen Augenperlen in den Mund und schmeckte ihre kaum wahrnehmbare Süße  das Ganze dauerte nur Sekunden, dann war die Kastanie verbraucht, dann war ihre Unschuld verdampft.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt; 

Dieses Erleben wird nun eines Tages gestört, als neben den Kastanien auch eine Amsel vom Knüppel getroffen auf dem Boden landet. &lt;i&gt;Ihr Körper lag auf der Seite, wie umgekippt.&lt;/i&gt; Serkin ist verstört; es dauert, bis er sich entschließt die Amsel aufzunehmen (&lt;i&gt;der Vogel schrie&lt;/i&gt;) und ihn unter dem Anorak nach Hause zu bringen. Und jetzt die Überlegungen des offensichtlich jugendlichen Protagonisten, dass seine Eltern ihm Tiere verboten hatten, der Gedanke an die Möglichkeiten, dem Tier zu helfen, die Furcht vor dessen Tod  in Wirklichkeit: die Abhängigkeit von unverhofften Ereignissen, die das Leben durcheinanderbringen und urplötzlich Verantwortung einfordern. Endlich kommt er zu Hause an und legt den kranken Vogel in den &lt;i&gt;Elektroschrank&lt;/i&gt;. Und &lt;i&gt;stolz flüsterte er ihm etwas zu wie: "Warte nur kurz, ganz kurz"&lt;/i&gt;. Auch hier soll das  kuriose  Ende nicht verraten werden (welches den etwas holperig anmutenden Titel der Erzählung, "Die Schuldamsel", erst verständlich macht und dann noch allegorisch gelesen werden kann).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Vergebliche Suchen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in der "Zeitwaage", der mysteriösesten und rätselhaftesten Geschichte des Buches, wird ein nicht näher beschriebener Ich-Erzähler nach Berlin eingeladen, um sich von seinem Liebeskummer abzulenken. Er redet mit den Freunden, die ihn eingeladen hatten, streift alleine durch die Stadt, sucht sich nach einiger Zeit eine Wohnung und findet eine, in der noch Klingelschild und Einrichtung des Vormieters präsent sind (es sind die Wendejahre, in der einige Wohnungen, beispielsweise von &lt;i&gt;Ungarnflüchtlinge[n]&lt;/i&gt;, leer stehen). Dabei wirkt er seltsam phlegmatisch, und selbst diese Charakterisierung erscheint in Anbetracht des fast aphoristischen Satzes &lt;i&gt;Eine Weile suchte ich nach meiner Verzweiflung, fand aber nichts&lt;/i&gt; noch Understatement. Er bekommt eine &lt;i&gt;Anstellung "in der Gastronomie"&lt;/i&gt; und bedient in Kneipen wie z. B. der &lt;i&gt;"Assel"&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immer wieder wird dieser ruhige Erzählstrom durch kurze Szenen aus einer Uhrmacherei oder Werkstatt unterbrochen, die sich zunächst nicht in den Hauptstrang einordnen lassen. Eines Tages, &lt;i&gt;an einem Freitag im August&lt;/i&gt;, betritt ein Arbeiter, der mit Gleisarbeiten an der Straßenbahn beschäftigt ist, die (eigentlich geschlossene) &lt;i&gt;"Assel"&lt;/i&gt; (ein bisschen verunglückt hier die Beschreibung des Eintritts: &lt;i&gt;als ginge er über Wasser&lt;/i&gt;) und bestellt wie selbstverständlich ein Frühstück und einen Weinbrand. Dies wiederholt sich und der Ich-Erzähler ist fasziniert von der Aura dieses Mannes und der &lt;i&gt;heilige[n] Sphäre&lt;/i&gt; der Arbeiterschaft, die er für ihn tatsächlich physisch verkörpert. Aber am &lt;i&gt;31. August&lt;/i&gt; ist es zu Ende; er machte das &lt;i&gt;letzte Frühstück&lt;/i&gt; für ihn (&lt;i&gt;die Zahl der Weinbrände hatte sich erhöht&lt;/i&gt;). In surreal-expressionistischen Bildern wird nun der Stromschlag, dem der Arbeiter zum Opfer fällt, erzählt; der Erzähler zitiert hier aus seinen fast reportagehaften Notizen. Und dann war da diese Uhr des Mannes  er nimmt sie als Bezahlung für die vielen Frühstücke und lässt sie nun herrichten. Und plötzlich schließt sich der Kreis zu der Werkstatt und der Leser steht mit seinen Assoziationen zunächst einmal alleine da, als er im abschließenden Bild den Ich-Erzähler auf eine Ruine mit Einschusslöchern zugehen sieht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und immer wieder diese Geräusche, die Musik der Erzählungen. Das Klopfen des Möwenvogels in "Frank"; das &lt;i&gt;sich rhythmisch wiederholende Geräusch&lt;/i&gt;, eine &lt;i&gt;Art Jaulen&lt;/i&gt; im Versteck des Internatschülers in "Der Kapuzenkuß";  das Amselsingen in "Die Schuldamsel" als Kontrast zum Prasseln der Kastanien und dem verletzten Vogel; die &lt;i&gt;singenden Hiebe&lt;/i&gt; mit der Säge bei einem Halbstarken-Überfall aus "Und jetzt erschießen wir dich, du alter Mann" und dann der kurze Augenblick der Stille; das &lt;i&gt;Knarr- und Quietschkonzert&lt;/i&gt; der Liegen aus "Das letzte Mal", und so weiter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutz Seilers Erzählungen unterscheiden sich sowohl von den in den letzten Jahren modern gewordenen Geschichten insbesondere angelsächsischer Autoren, die einfach eine kurze Zeit im Leben einer Person ausrissartig (und sozusagen symbolisch für deren Lebensumstände) erzählen und dann offen enden lassen als auch von der "klassischen" Kurzgeschichte, die er vor allem sprachlich (aber teilweise auch durch die Konstruktion) variiert. Virtuos beherrscht er den genauen Blick, der in eine faszinierende Verdichtung des Augenblicks überführt wird wie auch die sparsame Lakonik, die niemals mit falscher Coolness daherkommt und versteht es zwischen diesen Polen oft auf kleinstem Raum stilistisch souverän zu alternieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Die Zeitwaage" ist Ausweis eines großartigen Erzählers; ein grandioses Buch. Der Leser blickt immer wieder entzückt, verstört, verzaubert auf und fragt sich am Ende, wie er es bisher ohne diese Erzählungen ausgehalten hat. Und das ist nur ein kleines bisschen übertrieben.

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch. - Und hier gibt es eine &lt;a href="http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518421154.pdf"&gt;Leseprobe&lt;/a&gt;.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-16T09:15:00Z</dc:date>
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    <title>Lutz Seiler: Die Zeitwaage</title>
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    <description>&lt;img title="Lutz Seiler  Die Zeitwaage" height="240" alt="Lutz Seiler  Die Zeitwaage" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Lutz-Seiler-Die-Zeitwaage.jpg" /&gt;Das ist also schon zwei Jahre her, als Lutz Seiler mit seiner Erzählung &lt;a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/202988/"&gt;"Turksib"&lt;/a&gt; in ziemlicher Einmütigkeit den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen bekam. Auch wenn man vielleicht einen anderen "Lieblingstext" im Wettbewerb hatte  die Qualität dieser Prosa war eindeutig und tatsächlich herausragend. Und noch heute erinnert man sich an diesen schaurig-zärtliche Loreley-Gesang des russischen (?) Heizers auf den rüttelnden Turksib-Gängen. Vielleicht ist dieser &lt;i&gt;Fischgesang&lt;/i&gt;, der sich zwischen Erzähler und Heizer für &lt;i&gt;eine schwer durchatmete Dauer&lt;/i&gt; ereignete, der Kristallisationspunkt dieser Erzählung, die ansonsten fast nur aus der Bewältigung des Ich-Erzählers der Strecke vom Zugende zum Zuganfang (oder ist es umgekehrt?) und der Beschau eines Geigerzählers (und vor allem dem Geräusch!) zu bestehen scheint. Aber  und dies wird noch Gegenstand der Erörterung sein  es ist nicht immer ganz leicht, den Movens der Erzählungen von Lutz Seiler "herauszuarbeiten", was allerdings die Lektüre zusätzlich reizvoll macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vorliegende Band mit dem schönen, allegorischen Titel "Die Zeitwaage" (eine &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitwaage"&gt;Zeitwaage&lt;/a&gt; ist ein Instrument zur Feststellung der Ganggenauigkeit einer Uhr) umfasst dreizehn Erzählungen (die Titelgeschichte findet sich am Ende des Buches). Sie weisen formal kein einheitliches Schema auf. Häufig gibt es einen Ich-Erzähler, der bisweilen durchaus (biografische) Parallelen mit dem Autor suggeriert (aber manchmal wird dieses übereifrige Germanistensuchen auch auf perfide Art plötzlich, innerhalb der Erzählung, gebrochen) und sogar, einmal (in der Erzählung "Gavroche"), werden Erzähler und Erzählung selber Gegenstand der Erzählung. Und in einigen Geschichten gibt es abweichend einen auktorialen Erzähler. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6045452/"&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-16T09:13:00Z</dc:date>
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    <title>Der pragmatische Versöhner</title>
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    <description>Wann immer in Deutschland in irgendeiner Form von der "Waffen-SS" die Rede ist, kann man sicher sein, dass die Empörungswellen, die Rituale der Entrüstung, hochschlagen. Noch heute brüsten sich Wohlstandskinder, die in den 60er Jahren aufgewachsen sind, mit wohlfeilen Enthüllungsgeschichten, die beweisen sollen, dass Prominente mit 15, 16 oder 17 Jahren in der "Waffen-SS" oder auch "nur" der "Partei" waren. Leute, die noch nie vor Situationen standen wie diese Grünschnäbel richten mehr als 60 Jahre nach Kriegsende mit einem Federstrich über das Leben dieser Leute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lange (oder immer noch?) galt diese Form des Journalismus als investigativ. Sie begann übrigens nicht erst mit 1968, wie uns heute die Veteranen dieser Zeit nahelegen wollen und damit hübsch weiter an ihrer eigenen "revolutionären" Legende stricken. Fest steht: Es gibt ungezählte Beispiele, wie Schriftsteller, Schauspieler, Journalisten, Politiker und andere Personen im öffentlichen Raum noch bis weit in die 1980er Jahre von ihrer Vergangenheit "eingeholt" wurden. Der linke Entlarvungsgestus in Sachen Nationalsozialismus entband von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Irrweg, der zwar auch schon lange zurücklag, aber entweder heroisiert oder einfach nur verdrängt wurde. Engagement für Kuba? Maos Kulturrevolution? War da mal was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Wende 1989/90 und der "Aufarbeitung" der DDR und ihrer Organisationen begann die zweite Welle. Diesmal nur aus der anderen Richtung. Während linke sogenannte Intellektuelle die DDR noch als "kommode Diktatur" einstuften (sie zogen es vor, in ihren Sommerhäusern in der Toskana oder Portugal Urlaub zu machen) wurde in typisch deutscher Gründlichkeit (Akten, die vernichtet wurden, werden inzwischen mit aufwendiger Technik wieder restauriert; das schafft auf Jahre Arbeitsplätze) beispielsweise das System der Staatssicherheit der DDR (versehen mit dem Kosenamen "Stasi") akribisch untersucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die SPD stand zur Wendezeit unter einem derart großen Druck, dass sie (bzw. die Vorgängerpartei SDP) in Kapitulation vor eventuellen Denunziationen aus dem konservativen Lager allen ehemaligen SED-Mitgliedern Parteimitgliedschaft und Parteiamt ohne Einzelfallprüfung verwahrte (und sich weitgehend daran bis heute gehalten hat). Ähnlich verfuhren andere Parteien mit ihrem Ost-Nachwuchs nicht, wobei das ein oder andere politische Talent auch schon einmal wegen Nichtigkeiten als "inoffizieller Mitarbeiter" der Stasi denunziert wurde, wenn er/sie der Westnomenklatura zu gefährlich wurde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier eine stringente Linie zu erkennen, ist bis heute schwierig. Jemand wie Manfred Stolpe konnte sich immer aus allen "Stasi"-Vorwürfen herauslavieren. Gregor Gysi klagt jeden einen Maulkorb an, der ihn als IM bezeichnet. Dass er das glaubt zu müssen, zeigt vermutlich das tatsächliche Ausmaß seiner Verstrickungen an.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Matthias Platzeck, Ministerpräsident in Brandenburg, (von einem kurzen Intermezzo bei der "Grünen Liga" seit 1995 Mitglied der SPD) hat sich nach der Landtagswahl für eine Koalition zwischen SPD und LINKE entschieden. Die Gründe hierfür sind äußerst pragmatisch: Die Stimmen der LINKE wuchs bei jeder Landtagswahl; bei der Bundestagswahl (am gleichen Tag) übertrumpfte die LINKE sogar die SPD. Platzeck will die LINKE nun einbinden, anstatt sie als quälende Oppositionspartei im Nacken zu haben. Dumm nur, dass die Spitzenkandidatin der LINKE, Kerstin Kaiser, als Jugendliche freiwillig für die Stasi agierte. Sie hat dies immer frank und frei zugegeben und sich  so versichert sie  dafür bei den Beteiligten persönlich entschuldigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch konnte sich Platzeck durchsetzen: Kein Platz am Kabinettstisch für Kaiser. (Genauer: Als Ministerin kein Platz; ansonsten sitzt sie sehr wohl am Tisch  als Fraktionsvorsitzende.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Platzeck hat jedoch auf den Protest in seiner Partei an der Koalition (es wäre auch rechnerisch für weitere vier Jahre eine Koalition mit der CDU möglich gewesen) reagiert. Er hat am 02.11. im "Spiegel" einen &lt;a href="http://www.spd-brandenburg.de/images/stories/09/pdf/091101_versoehnung_ernst_nehmen.pdf"&gt;Aufsatz mit dem bemerkenswerten Titel "Versöhnung ernst nehmen  Warum unser Land endlich inneren Frieden braucht"; (pdf)&lt;/a&gt; veröffentlicht.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Aufsatz sorgt nun für grosse Aufregung. Plädiert Platzeck doch darin, dass zwanzig Jahre nach dem Mauerfall eine "Versöhnung" eintreten sollte.   

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt; Zwei Jahrzehnte nach dem revolutionären Umbruch in der DDR müssen wir in Deutschland endlich anfangen, es mit dem überfälligen Prozess der Versöhnung wirklich ernst zu meinen. Eine Frage sollte uns dabei auf die Sprünge helfen: Wie war es eigentlich möglich, dass aus der Bundesrepublik nach der Katastrophe des Nationalsozialismus eine liberale und zivile Gesellschaft werden konnte? Anders gefragt: Welche Entwicklung hätte Deutschlands Westen wohl genommen, wären die Gegner und Feinde von einst nach 1945 derartig unversöhnlich miteinander verfahren, wie wir ehemaligen Kontrahenten des Kalten Krieges und der DDR es bis heute vielfach tun?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle postdiktatorischen Gesellschaften stehen vor demselben Grundproblem: Wie weit sollen belastete Gruppen von Menschen in die neue demokratische Gesellschaft integriert werden? Mir ist bewusst: Wer die Aufarbeitung von Diktaturen miteinander vergleicht, der bewegt sich auf dünnem Eis. Schnell ist die Unterstellung bei der Hand, hier wolle einer gleichsetzen, was unterschiedlich war. Dem ist mit dem Historiker Heinrich August Winkler knapp entgegenzuhalten: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, sondern nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten fragen." Fragt man in diesem Sinne, dann begreift man: Die gelungene Demokratisierung, die Westdeutschland nach 1945 sehr zügig zu einem anerkannten Staat unter Gleichen machte, konnte überhaupt nur unter der Voraussetzung gelingen, dass ehemalige Mitläufer und wo verantwortbar selbst Täter des Nationalsozialismus nicht dauerhaft ausgegrenzt blieben, sondern einbezogen wurden.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Macht es sich Platzeck nicht zu einfach? Zwanzig Jahre nach dem "Ereignis" war  1965 in Westdeutschland. Natürlich waren zu dieser Zeit bereits etliche ehemalige NSDAP-Parteimitglieder (von SS-Schergen ganz abgesehen) mit oder ohne Wissen der Öffentlichkeit in teilweise herausragenden Positionen. Aber ist dies eine Rechtfertigung dafür, es heute gleich zu tun?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausgerechnet Kurt Schumacher dient ihm als Referenz für dieses Vorgehen. Schumacher, selber jahrelang in Konzentrationslager eingesperrt, schwer kriegsversehrt, soll sich für eine Versöhnung in diesem Sinne ausgesprochen haben:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Bereits im Oktober 1951 - nur sechs Jahre nach dem Krieg! - empfing der SPD-Vorsitzende zwei frühere hohe Offiziere der Waffen-SS zu einem Gespräch, die jetzt als Funktionäre der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit" die Interessen ehemaliger Soldaten der Waffen-SS vertraten. Als daraufhin eine internationale Organisation jüdischer Sozialisten Protest erhob, erwiderte Schumacher, viele der 900.000 Überlebenden der Waffen-SS seien gegen ihren Willen in diese Organisation eingezogen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wörtlich sagte Schumacher: Die Mehrzahl dieser 900.000 Menschen ist in eine ausgesprochene Pariarolle geraten ... Uns scheint es eine menschliche und staatsbürgerliche Notwendigkeit zu sein, diesen Ring zu sprengen und der großen Masse der früheren Angehörigen der Waffen-SS den Weg zu Lebensaussicht und Staatsbürgertum freizumachen ... Ein kompakter Komplex von rund 900.000 Menschen ohne soziale und menschliche Aussicht ist zusammen mit ihren An¬gehörigen schon zahlenmäßig keine gute Sache für eine junge, von großen Spannungen der Klassen und Ideen zerpflügte Demokratie. Ihnen, die keine kriminelle Schuld auf sich geladen haben, sollte man die Möglichkeit geben, sich erfolgreich mit der für sie neuen Welt auseinanderzusetzen."&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer genau liest, stellt fest: Es geht bei Schumacher nicht um den Schlußstrich (das sagt Platzeck selber). Es geht um eine Aufarbeitung, um feststellen zu können, wo die "kriminellen" Elemente sind und wo es sich um Unbeteiligte oder "nur" Mitläufer handelt. Platzeck plädiert nicht für eine Generalamnestie. Das wäre auch fatal. Er plädiert gegen eine Generalbeschuldigung. Man darf gespannt sein, welche Debatte hieraus folgen wird. In Wirklichkeit will Platzeck die SPD im Osten öffnen. Es handelt sich um einen pragmatischen, politischen Akt. Der Affekt in einigen linken Kreisen, Platzeck als Revanchist einzuordnen, zeigt abermals deren Geschichtsdummheit an.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-15T15:59:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6035206/">
    <title>(Nicolas) Mahler: Längen und Kürzen</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/x3h82tuWPBw/</link>
    <description>&lt;img title="Mahler  Laengen und Kuerzen" height="259" alt="Mahler  Laengen und Kuerzen" width="160" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Mahler-Laengen-und-Kuerzen.jpg" /&gt;Auf dem Umschlag steht nur "Mahler". Der Titel: "Längen und Kürzen". Man staunt, einen "Band I" eines "schriftstellerischen Gesamtwerks" in den Händen zu halten. Die Figuren hat man aber schon einmal irgendwo gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mahler? Ja. Klar. Es handelt sich um den österreichischen Zeichner &lt;a href="http://www.mahlermuseum.at/"&gt;Nicolas Mahler &lt;/a&gt; (bekannt aus für FAZ, NZZ und "Titanic", zum Beispiel). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ganz schnell geht man Mahler auf den Leim: Ist nicht der vor dem Verlagschef stehende und später in seinen Briefen mit "M." zeichnende Dichter Mahler selber? Ein findiger Trick, denn man glaubt zunächst genau das Buch zu lesen, welches der Dichter seinem Verleger vorstellt (wie lakonisch diese gezeichneten Comics) und seiner Freundin Dorothee anpreist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Briefe, Postkarten und Faxe an diese Dorothee, auf einer alten Adler-Schreibmaschine geschrieben, sind von hinreißend hintersinniger, subtiler Komik. "M." hält diese Autographen (naturgemäß) für eminent wichtig und will sie später in sein Buch aufnehmen. Er beklagt sich darüber, dass sein Bild in der Literaturzeitschrift, die einen &lt;i&gt;kurzen Text&lt;/i&gt; von ihm veröffentlicht hatte, zu klein ist. Er fragt seine Freundin, bittet um ihre Einschätzungen und Urteile, aber dies sind nur rhetorische Fragen. "M." weiß längst, was er möchte und was nicht. Seine &lt;i&gt;Einfälle&lt;/i&gt; notiert er auf Zetteln, die er dann in einen Karton legt, seine &lt;i&gt;Einfallschachtel&lt;/i&gt;. Seine Sparbücher legt er auch hier hinein, weil er glaubt, dass Einbrecher sie hier nicht suchen würden (er ist auch ein bisschen ängstlich). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar erlebt "M." nichts, seine Einfälle sind einfach und eher selten, aber er weiß das, was jeder Schriftsteller von sich weiß: &lt;i&gt;Ich bin etwas ganz Besonderes&lt;/i&gt;. Und es ist so &lt;i&gt;spannend, ein Schriftsteller zu sein.&lt;/i&gt; Nichts kann seinen Selbstbewußtsein trüben. Er beginnt Gedichte zu schreiben, die er in einem anderen Karton aufhebt. Hieraus soll ein &lt;i&gt;Gedichtzyklus&lt;/i&gt; werden. Dabei stellt er fest, dass es einfacher ist, Gedichte zu schreiben, die sich &lt;i&gt;nach hinten nicht reimen&lt;/i&gt;. So wie dieses zum Beispiel: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;DR. NICHTERL&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
stell dir vor&lt;br /&gt;
heut war ich&lt;br /&gt;
beim arzt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und stell dir vor &lt;br /&gt;
gar nicht lang hab ich&lt;br /&gt;
warten müssen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und stell dir vor&lt;br /&gt;
nichts hat er&lt;br /&gt;
gefunden&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch soll schließlich &lt;i&gt;"ROMANE, BRIEFE, POSTKARTEN, FAXE und GEDICHTE"&lt;/i&gt; heißen. Er besteht auf diesem Titel. Der Verlag sagt, er muß die ersten 500 Exemplare der Auflage &lt;i&gt;aus der eigenen Tasche&lt;/i&gt; bezahlen. Er willigt ein und bittet Dorothee um Verschwiegenheit. Er besucht Buchläden, findet sein Buch dort nicht, dafür einige Rezensionsexemplare in den &lt;i&gt;Ramschkisten&lt;/i&gt;. Die Ursache für den nicht stattfindenden Verkauf sieht er natürlich im Betrieb, den ignoranten Buchhändlern, dem Publikum. Nur nicht bei sich selber. Selbstzweifel sind ihm unbekannt. Besprechungen gibt es keine. Und Dorothee antwortet nicht mehr. Er schreibt trotzdem weiter. Bis Weihnachten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Buch für einen amüsanten Nachmittag. Es ist eben nicht immer der "Betrieb", sondern auch (oder gerade) diejenigen, die sich für die Größten halten. Daher ist die Figur des Schriftstellers auch beliebig variierbar  genauso gut könnte es sich um einen Künstler, Politiker, Manager oder einfach nur um den Nachbarn handeln. Und man ahnt es dann: Ein bisschen was von uns steckt auch in diesem "M.". 
&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch
&lt;hr /&gt;
&lt;a href="http://www.luftschacht.com/fileadmin/Anlesen/Mahler_L_ngen_LP.pdf"&gt;Leseprobe vom Luftschacht-Verlag (pdf)&lt;/a&gt;&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-09T21:00:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6029150/">
    <title>Der Balken im Auge der Journalisten</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/D83DxFxsyts/</link>
    <description>Eigentlich wollte Petra Gerster in der "heute"-Sendung vom 05.11.09 zeigen, wie "dramatisch" die Einbrüche bei den Steuereinnahmen sind. Da jedoch bei Kategorien von 500 Milliarden Euro und mehr die Relationen schwer vermittelbar sind, schritt man zur hyperdeutlichen Graphik, in der die Balken nur ab 500 Milliarden gezeigt wurden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title="" height="231" alt="heute-steuerschaetzung" width="400" align="center" class="center" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/heute-steuerschaetzung.jpg" /&gt;&lt;br /&gt;
Zwar stimmen die Zahlen  aber die Proportionen sind vollkommen falsch. Der Balken, der die Mindereinnahmen aufzeigen soll, umfasst gut 50% des Gesamtbalkens. Dem oberflächlichen Betrachter wird suggeriert: Die Steuereinnahmen halbieren sich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die "tagesschau" versteht dieses falsche Bild noch zu überbieten. Hier ist der Balken von 511 Milliarden im Verhältnis zu den 524 Milliarden links biel zu klein: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title="tagesschau steuerschaetzung" height="252" alt="tagesschau steuerschaetzung" width="400" align="center" class="center" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/tagesschau-steuerschaetzung.jpg" /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was macht das schon? Hauptsache, man hat wieder schön mit Diagrammen gespielt. Das diese nicht stimmen, fällt ja nicht weiter auf. So ist Qualitätsjournalismus im Jahr 2009.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Medien</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-06T06:55:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6028761/">
    <title>Der trauernde Affe</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/B5jtg9xZ0qk/</link>
    <description>&lt;div style="border:3px solid #0000FF; padding: 5px;"&gt;Da unser Rückflug sich verzögerte, hatten wir, Vater und Sohn, unverhofft ein paar Stunden Zeit und gingen in den Berliner Zoo. Während Noam um die Habitate exotischer Tiere strolchte, saß ich da und schaute den gefangenen Affen zu. Alle sprangen lebhaft und verspielt von einem Ast zum anderen. Mit einer Hand hielten sie sich fest, streckten die andere nach dem nächsten Ast aus und hangelten sich weiter. Ein Affe saß allein abseits und mischte sich nicht unter die anderen. Ich erkundigte mich bei einem vorbeigehenden Tierpfleger, was das hier habe. "Er ist anders", antwortete er. "Er kann nicht klettern, weil er Angst hat, den Ast loszulassen. Wenn man sich mit beiden Händen an dem Ast festhält, kann man nicht klettern. Das ist sein Schicksal. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Boden wie ein Trauernder, der vom Leben um ihn herum isoliert ist."   &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;

&lt;small&gt;Aus "Hitler besiegen" von Avraham Burg [Seite 28]  einem Buch, dass es hier noch ausführlich zu besprechen gilt.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Splitter</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-11-05T17:51:00Z</dc:date>
  <feedburner:origLink>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6028761/</feedburner:origLink></item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6015837/">
    <title>Wolfgang Hermann: Konstruktion einer Stadt</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/Y3LIMNwl5RM/</link>
    <description>&lt;img title="Wolfgang Hermann Konstruktion einer Stadt" height="240" alt="Wolfgang Hermann Konstruktion einer Stadt" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Wolfgang-Hermann-Konstruktion-einer-Stadt.jpg" /&gt;Vielleicht steht es einfach zu früh dort  in dieser kurzen, kursiv gesetzten Einleitung: Dieses Buch sei &lt;i&gt;im Bauch von Berlin&lt;/i&gt; geschrieben worden &lt;i&gt;als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war&lt;/i&gt;. Es handele sich um &lt;i&gt;Protokolle des Verlusts&lt;/i&gt;, so der Autor. Vielleicht hätte aber dem Leser der Untertitel "Versuche" zu diesen "Konstruktion einer Stadt" zunächst einmal genügt; die Spuren, dass hier aus einer vergangenen Zeit erzählt wird (abgesehen von zwei Exkursen: einem fast restaurativ anmutenden Idyllenszenario, stark erinnernd an die Emmanuel Bove-Welt beispielsweise aus "Meine Freunde" oder "Armand", und, ziemlich am Anfang, einer kruden Weltapokalypse) hätten sich wenn nicht sofort, so doch im Erzählten langsam ergeben. So lehnt man sich zurück und staunt ob dieser so unendlich fern liegenden einundzwanzig (?) Jahre, in der hier noch einmal eine Großstadt aufscheint (viel mehr als diese Großstadt dann diese Zeit). Wie fast niedlich dieses mobilfunklose Treiben da plötzlich erscheint, obwohl die "Protokolle" des Erzählers auch damals schon kein Glück in den Gesichtern der Fußgänger, Nachtschwärmer, Nachmittagsspaziergänger, Voyeure, Barmänner, Trainingshosenträger, Betrunkenen und/oder &lt;i&gt;Beschäftigungslosen&lt;/i&gt; entdecken.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hermann schreibt in einer expressiven Einleitung vom welken und stummen Leben der Städter (und setzt dabei Städter unterschwellig als synonym für den [post-?]modernen Menschen), deren &lt;i&gt;Poren verstopft&lt;/i&gt; sind. Sie wagen sich &lt;i&gt;nicht aus ihren kleinen Häusern&lt;/i&gt;, denn &lt;i&gt;Sterben vor Angst, das ist Gesetz. Lieber Maus sein als einmal freien Wind atmen.&lt;/i&gt; Und &lt;i&gt;sie fragen 'Warum bin ich hier', sie verstehen nicht, aber es muss etwas mit Gott zu tun haben, dem namenlos Beispielgebenden. Und sie übertreiben, um das Maß wiederzufinden.&lt;/i&gt; Da ist es folgerichtig, dass, wenn die &lt;i&gt;Intervalle der Ampeln&lt;/i&gt; für Fußgänger zu kurz sind, diese sich &lt;i&gt;einander anrempeln&lt;/i&gt;. Die &lt;i&gt;Gesichter der Vorübergehenden sind ganz eingenommen von der Rauheit und Hektik dieser Zone, Blitze anstelle von Blicken, Gemurmel, Wortfetzen.&lt;/i&gt; Und &lt;i&gt;sosehr sich die Gehenden auch fragten, wer sie waren, es blieb ihnen dunkel.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title="Wolfgang Hermann   c Sissi Farassat" height="82" alt="Wolfgang Hermann   c Sissi Farassat" width="124" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Wolfgang-Hermann-c-Sissi-Farassat.jpg" /&gt;So changiert Hermann nicht nur vom essayistisch-philosophischen ins Beschreibende, dann ins mäandernd-erzählende und wieder zurück  sondern variiert auch Sprache und Perspektive. Mal ist der Erzähler jemand, der einen Freund in der Stadt besucht, dann ein Briefeschreiber, ein Gartenbesucher oder ein Tag- oder Nachtträumer. Dies neben Beobachtungen eines im Hintergrund agierenden Voyeurs, nein, besser: Schauers. Hermanns Buch verblüfft ob seiner Vielschichtigkeit; fordert den Leser heraus.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klar ist, dass es sich nicht um typische (profane) Stadt- bzw. Flaneurprosa handelt. Zu intensiv diese Kontraste zwischen Expression und Impression, zwischen Beschreibung und epischem Notat, zwischen Hyperzeitlupenverdichtung und ratterndem Bildergewitter. Hermann widersteht dabei sowohl der Versuchung, die Figuren mit einem künstlichen Exotismus zu überzuckern (und damit einer gewissen Putzigkeit auszuliefern) als auch der Gefahr, in eine verbissene, kulturkritisch-soziologische Attitüde zu verfallen. Es bleibt immer möglich, dass wir uns plötzlich wir selber in einem Hermann-Bild stehen sehen. Unweigerlich assoziiert der Leser irgendwann "Paare, Passanten" von Botho Strauß oder wird an Peter Handke erinnert, etwa bei dieser sehr schönen Miniatur über Flipperspieler (übrigens auch eine Relikt-Erzählung). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl Hermanns Impressionen überwiegend aus sonnenlosem Herbst (der &lt;i&gt;Zeit, in der man längst vergessene Freunde wiedersieht&lt;/i&gt;) und dunklem Winter heraus erzählt werden, handelt es sich nicht um pseudo-melancholische Trübsinnsprosa. Zwar gibt es gelegentlich ganz schön viele Krähen nebst passendem Nebel. Aber in den (zahlreichen!) gelungenen Szenen findet man wunderbare Bilder, etwa wenn die &lt;i&gt;langgezogenen Gesten und Blicke der letzten Versprengten&lt;/i&gt; derer notiert werden, die aus einer Bar frühmorgens &lt;i&gt;wie aus einer anderen Welt&lt;/i&gt; schauen. Oder wie mit einem Mal ein Flaneur &lt;i&gt;die Gesichter der Gehenden&lt;/i&gt; versteht und alleine durch sein Anschauen bei den Passanten Reaktionen erzeugt. Oder die &lt;i&gt;brütende[n] Gestalten am Tresen&lt;/i&gt; der Bar &lt;i&gt;und in einem Winkel ein übernächtigtes verirrten Paar&lt;/i&gt; das flüsterte (man möchte wissen was, aber der Erzähler bleibt diskret). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder wenn von einer bloßen Beschreibung plötzlich ein Raum entsteht, wie zum Beispiel im Zoo, der Elefant, &lt;i&gt;an hinter- und Vorderfüßen angekettet, wippt&lt;/i&gt; er &lt;i&gt;nach vor und zurück. Er ist alt wie Stein. Vor den Augen der Zoobesucher wird er niemals sterben. Er schließt seine Augen, den Ort des Sterbens zu suchen&lt;/i&gt;. Oder die frisch Verheirateten, die sich, so der Erzähler, nach dem ersten Glück irgendwann &lt;i&gt;in einem nichtssagenden Hotelzimmer streiten&lt;/i&gt; werden und dann &lt;i&gt;beschämt und schweigend an einem Tisch im Restaurant sitzen, einander ansehen, aneinander vorbeisehen. Das Leben wird weitergehen&lt;/i&gt; Oder, oder, oder (aber leider gibt es auch einige wenige Szenen, in denen Hermann seinen Bilder nicht zu trauen scheint, ihnen einen Vergleich zur Seite stellt [mit einem ominösen &lt;i&gt;wie&lt;/i&gt; einleitend], der dann seltsam matt wirkt und die Stimmung fast abzutöten scheint).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Blind davon, dass ich alles zugleich sehen will&lt;/i&gt; - so heißt es bei einer Erzählung der Gärten. Blind werden vom Schauen  als Gefahr. Natürlich kein unbekannter Topos in der Literatur: Die Fülle der Augenblicke auszuwählen, zu bündeln, zu erzählen  und vorher vielleicht an ihr zu verzweifeln. Pathetisch wird Hermann dann manchmal, ein bisschen zu pathetisch vielleicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl: "Konstruktion einer Stadt" ist ein kleines und feines Büchlein eines hochtalentierten Autors mit großem Sprachgefühl. Zwar wirkt es gelegentlich ein bisschen überinstrumentiert, aber imponierend ist der große Ernst, mit dem Wolfgang Hermann erzählt. Und damit sind diese "Versuche" Balsam für den durch Zyniker und Witzbolde in der zeitgenössischen Literatur geschundenen Leser.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-28T18:34:00Z</dc:date>
  <feedburner:origLink>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6015837/</feedburner:origLink></item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6009784/">
    <title>Rainald Goetz: loslabern</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/oiXgpGkhe_A/</link>
    <description>&lt;img title="Rainald Goetz loslabern" height="210" alt="Rainald Goetz loslabern" width="133" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Rainald-Goetz-loslabern.jpg" /&gt;&lt;i&gt;LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!...&lt;/i&gt; Eine große (großspurige?) Eröffnung. Dann: "loslabern" als &lt;i&gt;ethischer Akt&lt;/i&gt;. Als neue Diskursform im &lt;i&gt;Habermasien&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;Nullerjahre&lt;/i&gt;? Und natürlich auch gleich die "passende" literaturhistorische Selbsteinstufung: &lt;i&gt;Ein richtig losgelaberter Text würde seine, dass man aber dann, ohne sich dabei zu unter; Finsternis: Steuer, Erwachsenenleben, Verantwortung, Einsicht, Vernunft; ENDHÖLLE.&lt;/i&gt; Verstanden? Nein? Macht nichts. "loslabern" ist eben auch zwangloses bzw. -haftes Absondern. (Das aber glücklicherweise eher selten.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Größenwahn wechselt Rainald Goetz dann bisweilen ins theatralische und geriert sich auch schon mal als &lt;i&gt;der Gefangene&lt;/i&gt;. Aber tröstend für den Leser: Er meint wenig in diesem Buch wirklich Ernst. Hinter diesen Textkaskaden steckt (zu) oft (zu) wenig. Nur ab und an ist das anders, etwa wenn er Schirrmacher vorhält, die Seriosität des (FAZ-)Feuilletons drohe nachzulassen. Dann blitzt die Angst des Kindes hervor, seine Spielwiese zu verlieren. Denn Goetz weiß sehr wohl, was er an seiner Spielwiese hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Wortkreationen wie &lt;i&gt;Eitelkeitsimplikationen&lt;/i&gt;, &lt;i&gt;Geistesabtötungeffekt&lt;/i&gt;, &lt;i&gt;Kitschreaktionärheiten&lt;/i&gt; (über Botho Strauß), &lt;i&gt;Unterschichtenschmutz&lt;/i&gt; (Privatfernsehen) hat sich Goetz wohl endgültig in den Thomas-Bernhard-Himmel geschrieben. Das bedeutet nicht, dass er ein simpler Bernhard-Epigone wäre oder einfach nur die (späten) bernhardschen Weltbeschimpfungen kopiert. Goetz gelingen Momente, die durchaus eine eigene Stimme erkennen lassen (zumal er der spielerischere Autor ist - im Gegensatz zum austriakisch-bärbeißigen Vorbild [ja, Vorbild]). Und die in taumelnden Textsuaden eingeflochtenen kurzen, jeweils nur wenige Seiten langen Erzählungen (&lt;i&gt;Theologisches Konvikt&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;1918&lt;/i&gt;) sind tatsächlich kleine Perlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Amüsantes vom Feuilleton-Groupie&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch kommt einem das Handke-Wort vom "Witzel" in Bezug auf den späten Thomas Bernhard in den Sinn (Handke verehrte die frühe Prosa Bernhards), wenn man nun diese Klatsch- und Lügengeschichten eines doch arg nervösen Feuilleton-Groupie liest (Goetz spielt damit, seinen Schilderungen erfundene Passagen hinzuzufügen und sie dadurch zu literarisieren). Dabei ist das alles durchaus amüsant (insbesondere wenn man den jeweiligen Kontext kennt, d. h. mindestens FAZ-Leser und Fernsehzuschauer ist; die regelmäßige Perlentaucher-Lektüre schadet auch nichts). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf scheinbar jeden "labert" Goetz ein (der Leser merkt nicht immer sofort, ob es sich um innere Monologe oder reale Dialoge handelt). Es ist die Kassiererin an der Supermarktkasse, der Zeitschriftenverkäufer (der ihm 15 Cent Wechselgeld in 1-Cent-Stücken zurückgibt) oder eben die Crème-de-la-Crème des deutschen Feuilletons, die hier durch den Textmahlstrom gezogen wird. So wie Frank Schirrmacher (dessen Artikel im Herbst 2008 er als &lt;i&gt;durchgeknallt&lt;/i&gt; bezeichnet und im Gespräch auf dem FAZ-Herbstempfang maßt sich Goetz unvermittelt an, ihn einfach zu bitten, wegzugehen), Don Alphonso (der umschmeichelt wird), Christian Kracht (über dessen zweites Buch er verzweifelt), Peter Sloterdijk (dem mal eben die Welt erklärt wird [peinlich]), Joachim Lottmann (vor dem er sich sogar fürchtet) oder Daniel Kehlmann (der wie einen Streber-Schuljunge abgekanzelt wird). Von Ferne beobachtet er auch Kai Diekmann (Goetz' wilde Assoziation: Diekmann benutze als Haargel das Scheidensekret von Lady Bitch Ray), Broder; Diekmann und Broder ("Arte"-Film!), Nils Minkmar (&lt;i&gt;der Sonderbeauftragte für Brandbeschleuniger beim ZK der FAS&lt;/i&gt;), Middelhoff (Achtung: Namenswitze), Döpfner, Stuckrad-Barre (obwohl Springer-Kolumnist mit aufmunternden Worten versehen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt auch Reminiszenzen zu Martin Walser, Enzensberger, Bernhards "Preise" (er rubriziert es als schwächeres Werk im uvre ein), zur Tellkamp-Lektüre vom "Turm" (dazu einige grottenfalsche Lesarten, etwa wenn er Ostrom in Tellkamps Roman einem realen Ort zuordnet oder suggeriert, ein Verteidiger des &lt;i&gt;DDR-Scheißstaat[es]&lt;/i&gt; könnte sich auf dieses Buch berufen  obwohl durchaus konzediert wird, dass Tellkamp die Atmosphäre der DDR treffend schildert). Oder einen Spontanvergleich über Berliner Schnoddrigkeit und Münchner Freundlichkeit. Die Verfilmung von Austs "RAF"-Buch (&lt;i&gt;Drecksfilm&lt;/i&gt;). Joachim Kaisers &lt;i&gt;Totaltraurigkeit&lt;/i&gt; zum 80. Geburtstag-Interview in der SZ (und wie sonst nur selten spricht einem da der Autor aus der Seele). Haiders Unfall und das Autowrack als Kunstwerk. Und natürlich die sich anbahnende "Finanzkrise" (nebst Lehman-Pleite)  es gibt fast nichts, was im Herbst 2008 en vogue war und sich nicht in diesem Buch bearbeitet findet (inklusive der Reflexionen, die wiederum nur Reflexionen auf frühere Reflexionen sind, wie etwa über Schleef und dessen Theaterkunst, Handkes letzten Satz aus "Wunschloses Unglück" oder den &lt;i&gt;schlechte[n] Schriftsteller&lt;/i&gt; Alfred Döblin, diesen &lt;i&gt;Ödnisproduzent[en]&lt;/i&gt;). Gegen Ende vermisst man intuitiv dann doch einige(s) und fragt sich warum. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Affirmation von Tratsch und übler Nachrede als Kunst&lt;/i&gt;, so referiert Goetz einmal in einer Suada über Döpfner  aber der Leser hat unvermittelt einen Anhaltspunkt, wie er die vorliegende Prosa charakterisieren könnte. Dabei sind manche dieser Reflexionen von luzider Kraft, etwa wenn er über die Jahre der Schröder-Kanzlerschaft sagt: &lt;i&gt;Nur in den rot-grünen Jahren gab es kurz einmal den Versuch einer direkten Affirmation der Macht, und man konnte an Schröders Beispiel gut sehen, dass sogar in der Politik der Wille zur Macht so direkt nicht affirmiert werden darf, weil die Macht sich mit dieser Selbstaffirmation selbst gefährdet, sogar selbst zerstören kann.&lt;/i&gt; Leider wendet sich Goetz dann wieder seinem Gesprächsgast zu, statt diesen belebenden Gedanken weiter auszuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Qualitätsjournalismus und Diskursirrsinn&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelungen die historische Allegorie zum aktuellen Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft. Seit Jahren, so Goetz, wird der Politik die &lt;i&gt;Vorrangstellung&lt;/i&gt; von der Wirtschaft &lt;i&gt;streitig gemacht&lt;/i&gt; (was  unüblich in diesem Buch  sehr zurückhaltend formuliert ist). Diesen Kampf zwischen &lt;i&gt;Politik und Wirtschaft um den gesellschaftlichen Spitzenrang&lt;/i&gt; sieht er nun parallel zur historischen Konfrontation &lt;i&gt;zwischen Kirche und Reich, Papst und Kaiser&lt;/i&gt; in den zurückliegenden Jahrhunderten. (Da erinnert man sich dann an seinen Geschichtsunterricht.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Qualitätsjournalismus führt Goetz kurzerhand eine Art "Beweislastumkehr" ein: &lt;i&gt;Mehr denn je wardie öffentlich zugängliche Information in einer solchen Massenhaftigkeit, Zugänglichkeit und Unüberblickbarkeit zugänglich, dass das Problem intellektueller Qualität, also auch das Problem für den Qualitätsjournalismus, längst umgekippt war aus dem Bedarf an Information in das Gegenteil, in Bedarf an Nichthaben von Information&lt;/i&gt; Zu Recht merkt er an, dass &lt;i&gt;90 Prozent der überall wichtigtuerisch weitergeflüsterten Hintergrundinformationentotaler Sozialmüll, Unsinn, Jauche&lt;/i&gt; seien, &lt;i&gt;die auch dem Qualitätsjournalismus viel zu oft das Hirn viel zu sehr überschwemmt.&lt;/i&gt; Demnach bestünde Qualitätsjournalismus durchaus (oder gerade) auch im Nicht-Melden allzu banaler und/oder lächerlicher bzw. ungeprüfter, einfach nur abgesonderter "Informationen". (Eine mehr als zutreffende Einschätzung, wie man beispielsweise aktuell an der lachhaften Pseudo-Berichterstattung der sogenannten Qualitätsmedien zu den Koalitionsverhandlungen sehen kann.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Goetz richtig wütend und dabei genau ist, dann ist die Lektüre tatsächlich mehr als nur amüsantes Plaisir. Etwa, wenn er aus Anlaß der Finanzkrise gekonnte Medienkritik betreibt und den &lt;i&gt;kompletten Diskursirrsinn&lt;/i&gt; konstatiert, &lt;i&gt;der die gesamte Presse, besonders aber die Feuilletons, und unter denen am allerheftigsten natürlich gerade auch wieder das allerhysterischste, das der Faz, befallen hatte, wo jetzt in mehr oder weniger täglich erscheinenden Artikeln die Revolution ausgerufen wurde, die morgen gleich über uns hereinbrechende REVOLUTION vorhergesagt wurde, Revolution, egal eigentlich von was und wofür, Revolution aber auf jeden Fall täglich angefragt und angemahnt wurde [] und jeder von uns Schriftstellern musste, das war in diesen Wochen Pflicht, per Artikel oder Interview das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen verkünden, das neu heraufkommende Zeitalter der Vernunft ankündigen, das jetzt im Zusammenbruch der Irrsinnigkeiten des Kapitals sichtbar werden würde [] je besser bezahlt der Feuilletonredakteur, umso radikalantikapitalistischer der Neoantikapitalismus, umso orthoorthodoxer der Basalmarxismus, es war in der gesamten Öffentlichkeit kurz eine Stimmung wie früher in der Alternativkultur, Wirgefühl, Gruppendruck, Unsinnsparolen und richtiger Lügen natürlich auch, mit dem unangenehm modischen Triumpfgefühl, es immer schon gewusst zu haben, aber links ist nicht nur mit den Schwachen im Sozialen, links ist im Diskurs manchmal auch kurz da, wo eine Wahrheit schwach ist aktuell&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Baby Schimmerlos mit lichten Momenten&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist dann doch dieser Hang auf der richtigen Seite stehen zu wollen (was er den anderen vorwirft). Unter diesem Konformismus büßt Goetz' Denken dann an Schärfe ein; es wird eindimensional und leicht auszurechnen. So lehnt er natürlich ganz "korrekt" den Nationalstaat ab (besonders heftig sein Ekel vor den &lt;i&gt;Schleimer[n] und Mitmacher[n]&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;nur so tropfenden, so fürchterlich gewesenen mittleren Nullerjahre hier in diesem DEUTSCHLAND VERRECKE usw, Grausigkeitstiefstpunkt war der WM-Sommer 2006 gewesen&lt;/i&gt;), während er den Wohlfahrtsstaat selbstverständlich bejaht (&lt;i&gt;angekotzt&lt;/i&gt; ist er von einem ein Buch mit der Kapitelüberschrift "Warum ist der Staat überhaupt notwendig"). Über die Ambivalenz dieser beiden Einstellungen ist sich Goetz (wie viele andere Intellektuelle) gar nicht im Klaren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur hier seufzt der Leser ob des Privilegs eines nicht argumentieren müssenden Buches: Man erklärt es ganz schnell zur Literatur, damit man die Inkonsequenzen nicht erläutern muss. Widerspruch ist in diesem Konzept nicht nur nicht vorgesehen, er ist sinnlos. Oder warum (und vor allem: wie) sollte man widersprechen, wenn beispielsweise Gorbatschow zum &lt;i&gt;etwa drittwichtigste[n] Mensch des 20. Jahrhunderts&lt;/i&gt; apostrophiert wird, &lt;i&gt;nach Lenin und Hitler und wohl sicher vor Stalin&lt;/i&gt;?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eindeutig leidet darunter das, was man Seriosität des Autors nennen könnte (ein Begriff, den Goetz voraussichtlich in drei Sätzen à je zweieinhalb Seiten aufs Schärfste als Unfug abtun würde). Aber es gibt auch gewollt komische Passagen in diesem Buch, wenn der Autor beispielsweise eine Art Fehlersuchspiel entwirft: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Giovanni di Lorenzo, Die Zeit []&lt;br /&gt;
Helmut Markwort, Focus []&lt;br /&gt;
Gerhard Steidl, Steidl-Verlag&lt;br /&gt;
Elke Heidenreich, Spinat&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder wenn er launig &lt;i&gt;die sieben großen "W" des Journalismus&lt;/i&gt; aufzählt:&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;wer?&lt;/i&gt; // &lt;i&gt;was?&lt;/i&gt; // &lt;i&gt;wie?&lt;/i&gt; // &lt;i&gt;wo?&lt;/i&gt; // &lt;i&gt;wann?&lt;/i&gt; // &lt;i&gt;warum?&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei aller Albernheit: Goetz versteht sich (seit "Abfall für Alle") als Chronist (inzwischen der &lt;i&gt;perversen Nullerjahre&lt;/i&gt;). Und dies macht er rebellisch-posierend, bernardesk-wütend in einer Mischung zwischen Baby Schimmerlos des FAZ/taz/SZ/Spiegel/Zeit-Feuilletons und eines "écriture automatique"-Adepten der 1920er Jahre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man vergesse jedoch nicht: Hier wird ein Schauspiel aufgeführt. Goetz ist natürlich längst nicht mehr das enfant terrible. Er ist "angekommen" und berichtet aus dem Zentrum des "Betriebs" und nicht von dessen Rand (auch das unterscheidet ihn beispielsweise von Bernhard). Man achte beispielsweise darauf, wen er &lt;b&gt;nicht&lt;/b&gt; erwähnt. Es gibt bei ihm auch keine "Entdeckungen", keine "Außenseiter"-Sichten. Er stiftet keine "Diskurse", er nimmt sie nur auf, spinnt sie teilweise in Absurde aber manchmal gelingen ihm dabei belebende Ideen. Seine Kreativität ist dennoch auf die Re-Aktion beschränkt. Goetz' "loslabern", Teil eines großen Projekts, sind Aufzeichnungen, die den am Feuilleton interessierten Leser ein bisschen eine Schlüssellochperspektive suggeriert. Wie lange die Kraft dieser Beobachtungen attraktiv bleibt, ist fraglich. Der Chronist der Nullerjahre scheint manchmal mit eher kurzer Lebensdauer zu berichten. Aber vielleicht irrt der Leser da und in zwanzig Jahren sind diese Bücher kanonisiert. Mindestens werden sie den dann noch lebenden Zeitgenossen als Erinnerungsstützen dienen. 

&lt;hr /&gt;

&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-25T10:13:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5999013/">
    <title>Die unzähligen Pfade des Sterbens</title>
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    <description>Wie kann man die Frage über die Rechtfertigung von Sterbehilfe beantworten? Wie kann man akzeptieren, dass auch schon Kinder manchmal sterben müssen? Wie kann man verstehen, dass jemand noch in der Blütezeit des Lebens den sogenannten Schnitter trifft? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keiner kann Antworten darauf geben. Man kann nur vermuten, denn die Wahrheit liegt, falls es überhaupt eine gibt, hinter vielen Fassaden und Trugbildern verborgen, und der größte Schleier vor unseren Augen ist der der Unwissenheit und des ewigen Schweigens. Jede Spekulation in diese Richtung, jede noch so begründete Annahme ist, wie, wenn man in einem großen kreisförmigen Saal steht, und von diesem in alle Richtungen Gänge abgehen, und diese mit Vorhängen verdeckt sind. Schiebt man einen Vorhang beiseite, so sieht man nichts als Dunkelheit und setzt man auch nur einen Fuß hinter die Schwelle der Finsternis, so geht man damit bereits das Risiko ein, in die Schluchten des Irrtums zu fallen. Man kann warten, bis sich die Vorhänge von selber öffnen, man den richtigen Weg geweist bekommt, doch dann ist es meistens bereits zu spät, noch aus eigener Kraft umzukehren. Ein freiwilliges Gehen, in zweierlei Hinsicht, kann dann nicht mehr erwartet werden. Schwerwiegendes Wehklagen und Jammern sind dann der Preis für eine geringe Risikofreudigkeit. Sollten wir dann nicht lieber selbst den Weg der Wahrheit suchen? Je eher wir wissen, welchen Pfad wir später einschlagen müssen, desto besser können wir uns auf die Reise vorbereiten. Wir haben immerhin das Licht unserer Vernunft, welches uns wenigstens einen kleinen Teil der Dunkelheit hinter den Vorhängen offenbart.&lt;br /&gt;
Warum also nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was macht den sterbenden Menschen aus? Ist der Tod nun wirklich der "Gleichmacher" oder ist er etwas anderes? Wenn ich diesen Begriff höre, denke ich immer unwillkürlich an einen Scharfrichter mit einer Axt. Wenn alle Fäden wirklich in einem Punkt zusammenlaufen, kann es im Grunde doch nur einen Typus Tod geben, der sich nur unterschiedlicher Mittel bedient. Ist der Tod aber wirklich immer gleich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Folgenden werde ich versuchen mich in die Rolle eines Sterbenden hineinzudenken. Ich bin mir im Klaren, dass es auch anders kommen kann, doch ich habe mich für die jeweils eine Variante entschieden. Ich denke außerdem, dass das eine gute Vorbereitung auf das eigene Ende ist, denn erst das Ende krönt das Werk als Ganzes, und dem Ende mit erhobenen Haupt und stolzer Brust entgegenzustehen, verleiht deutlich mehr Würde und Ehre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;&lt;b&gt;Ich&lt;/b&gt; liege in einem Bett. Ich kann aber nicht mehr sagen, ob dieses Bett zu Hause steht oder im Krankenhaus. Was macht das auch schon aus? Bei meiner schweren Krankheit kann es sowieso keine Heilung geben. Im Krankenhaus läge ich dann doch nur auf der Palliativ-Station. Man würde eigentlich nur noch zusehen, wie ich hier langsam krepiere, ab und zu mir noch irgendwelche Medizin verabreichen, deren Wirkung ungefähr derer eines Placebos entspräche. Und ein Bett habe ich zu Hause auch. Nur diese seltsamen Schnüre und Schläuche nicht, und dazu dieses ewig monotone Piepen. Aber das hörte ich schon nicht mehr, als ich nur drei Wochen im Krankenhaus lag. Also, ich weiß nicht, wo ich gerade bin. Ich kann nichts sehen, kann nur noch begrenzt hören, und schon lange nicht mehr sprechen. Manchmal bemerke ich es aber dennoch, wenn jemand bei mir ist und mit mir redet. Seine Worte erscheinen mir wie Rufe auf einem großen Bergmassiv, ich glaube irgendein fernes Schreien zu hören, aber ich kann nicht ein Wort verstehen, es klingt so, als gingen die Rufe im tiefen Nebel des Schmerzes verloren. &lt;br /&gt;
Besitze ich eigentlich noch Ohren zum Hören? Ich kann sie nicht fühlen. Besitze ich eigentlich noch überhaupt einen Körper? Fast könnte ich meinen, mein Bewusstsein wäre bloß nur noch ein Programm auf irgendeinem Computer. Der Computer ist so fair und spielt mir wenigstens noch ein Gefühl der Schmerzen vor, damit ich nicht vollkommen den Verstand verliere in dieser scheinbaren Isolation. &lt;br /&gt;
Ich bin froh, dass der Schmerz so langsam nachlässt und ich freue mich darauf, wenn er endlich versiegen wird. Dann wird der Zeitpunkt kommen, wo auch der letzte Funken Erinnerung verloren gegangen ist, wenn der letzte Tropfen Blut vergossen worden sein wird, wenn ich das Schwert zu Boden lege und mich ergebe. Ich wünschte, ich wäre jetzt schon dazu imstande, doch ich habe nicht den Mut loszulassen. Was ist denn dann mit meinen Angehörigen, meiner Frau, meinen Kindern? Ich kann sie doch nicht einfach so im Stich lassen, ich spüre sie manchmal neben mir, und auch wenn ich nicht mehr hören und sehen kann, so spüre ich doch trotzdem innerlich ein Weinen und Schluchzen in ihren Gesichtern. Haben sie denn noch nicht begriffen, dass auch meine Zeit irgendwann abgelaufen ist? &lt;br /&gt;
Wenn ich so auf das Vergangene blicke, das mit Tag und Nacht vor den Augen vorbei flimmert, dann überzeugt es mich jeden Tag, jede Stunde, ja, sogar jede Minute, davon, doch endlich mit dem Leben abzuschließen. Ich habe viel erreicht in meinem Leben, die Natur hat mir jetzt ein Ende gesetzt, mein Körper ist unter dem hohen Druck des Alters schon zerbrochen, warum also sollte ich nicht endlich die Vergangenheit hinter mir lassen, und zu neuen Ufern aufbrechen?&lt;br /&gt;
Ja, endlich ist es soweit! Ich merke, wie der Schmerz endgültig aufgehört hat, welch ein süßes Gefühl das doch ist, viel schöner als jede Form der Freude! Meine körperliche Hülle werde ich nun entgültig abwerfen können. Aber was kommt dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
---&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ich&lt;/b&gt; fahre in meinem Auto gemütlich über eine Straße, es ist eine schön kurvige Straße an meterhohen Klippen. Es ist schon dunkel. Links die steile Felswand, rechts der Abgrund, davor noch eine dünne Leitplanke, die schon fast vom Angucken zerbricht. Ich weiß nicht, wie tief es rechts heruntergeht, ehe man auf das Meer trifft, aber soweit ich weiß, könnten das gut und gerne 50 Meter und mehr sein. Was bin ich doch froh, dass mein Auto noch funktionierende Scheinwerfer hat! Und hier auf der unbefahrenen Nebenstraße muss man auch gar nicht abblenden. Was wohl meine Frau und meine Kinder zu Hause machen? Das Arbeitsessen in einem Hotel am Strand war zwar an sich ganz angenehm, aber zu Hause ankommen, ist immer noch das Schönste am Tag. Man hat sich den ganzen Tag nur konzentriert, von morgens bis abends, und nun muss man auch noch auf die Straße mit ihren Kurven achten, was ist es da doch schön, wenn man endlich mal seine Frau in den Arm nehmen kann, und alle Anstrengungen und Mühen eines vergangenen Tages vergisst. Im Radio läuft wie immer nur schlechte Musik, und die Nachrichten dort sind auch nicht mal das, was sie einst waren. Besser, ich schalte es aus.&lt;br /&gt;
Verdammt, wo kommt denn auf einmal das Auto da vorne her! Und dieses helle Licht, hat der Suchscheinwerfer am Auto und hat er die Lampen zum Gebäudeanstrahlen gekauft?! Was war das für ein Ruckeln? Und für ein Krachen? Warum habe ich auf einmal das Gefühl zu schweben? Was geschieht hier mit mir?&lt;br /&gt;
Fragen über Fragen, die mir da in den Kopf schießen. Es ist so, als ob man sich im Krieg befindet und ganz unbefangen seinen Kopf aus der Deckung hebt; ehe man sich versieht, hat man etliche Kugeln im Kopf, die jeweils den stechenden Schmerz wieder auf einen neuen Höhepunkt treiben. Diese Fragen zermürben mich genauso. Doch mit einem Schlag löscht die Antwort, die Erkenntnis alle Zweifel, alle Fragen, einfach alles aus: Ich stürze mit meinem Auto die Klippen herunter!&lt;br /&gt;
Ja, diese Einsicht löscht wirklich ALLES aus. Und mit jeder Sekunde, die sie in meinem Kopf über allen Gedanken thront, werden mir immer mehr neue Bilder ins Gehirn geschossen. Sind sie wirklich neu? Ich kenne sie doch! Es waren all die verdrängten Gedanken, all die Erinnerungen, die ich irgendwann einmal abgelegt habe und sie für nichtig erklärte. Sie sind wohl doch nicht ganz so unbedeutend, wie ich dachte. Was habe ich damals nur getan, dass ausgerechnet MIR das geschehen muss?! Habe ich so sehr gesündigt? Mein Gott, beschütze mich! Auch wenn ich dich nicht immer sah, nicht immer an dich glaubte, du liebst doch alle Menschen, dann rette mich nur einmal, nur jetzt, ich werde umkehren und dich preisen, aber BITTE schenk' mir mein Leben!&lt;br /&gt;
Nichts geschah. Dieser Moment, ich glaube, er war kaum länger als wenige Sekunden, aber er erschien mir wie Minuten, wie Stunden, es ist schon erstaunlich zu welchen Höchstleistungen ich doch hier imstande bin, wenn ich das doch nur immer im Beruf wäre, dann würde meine nächste Beförderung...&lt;br /&gt;
NEIN! Ich kann nicht mehr an das Geld denken! Was bringt mir all der Mammon, wenn meine Familie unter meiner Abwesenheit leidet? So häufig in letzter Zeit blieb ich fast den ganzen Tag lang weg. Wie konnte ich nur vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben?&lt;br /&gt;
Ich höre schon das Krachen der Karosserie, das Auto schlägt jetzt auf, ich spüre schon, wie mein Leib zerquetscht wird, erst die Beine, dann mein Rumpf und meinen Kopf spüre ich schon gar nicht mehr. Es ist aus. Für immer. Aber was kommt dann?   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
---&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hier&lt;/b&gt; stehe ich, in der Hand die Klinge, um den Hals den Strick. Hier stehe ich, und es sind die letzten Momente meines wertlosen Lebens, ehe ICH SELBST dieser Farce ein angemessenes Ende bereiten werde. Ich habe niemals etwas erreicht, wenn ich nach Hause gehe, so sind da weder Frau noch Kinder, mein Arbeitsplatz ist mir neulich gekündigt worden, nun muss ich Auto und Haus verkaufen. Ich habe mein ganzes Leben lang nur auf Profit und Reichtum geachtet, jede Form des Glücks kam zu kurz, es zählte nicht eine Sekunde lang die Freude, wurden mir Angebote gemacht, so habe ich immer nur dem mit der höchsten Rendite zugesagt. Jetzt habe ich den Preis dafür: Ich gebe mir das einzigste, was mein Leben all die Zeit lang nur wert war, vollkommen unbeachtet der teuren Kleider an meinem Leib, oder der Autos, die mich an die unterschiedlichsten Orte trugen, oder meiner eigenen vier luxuriösen Wände, es zählt nur das nackte Leben, und das war nicht mehr wert als der eigene TOD. &lt;br /&gt;
Deswegen bin ich jetzt hier. Ich stehe auf dem dicken Ast im Apfelbaum hinterm Haus. Um meinen Hals befindet sich die raue Hanffaser ganz virtuos zu einem Knoten gewickelt, wie er sonst eigentlich nur bei Hinrichtungen üblich ist. Dafür ist dieser Baum hier mein ganz persönlicher Galgen! Und in der rechten Hand halte ich ein Messer, ein Küchenmesser der feinsten Art, seine Klinge ist mindestens 20 cm lang und aus rostfreiem Edelstahl. Falls ich mich zu den einen Schritt nicht traue, so kann ich wenigstens mir noch die Kehle oder die Pulsadern aufschneiden, oder ich bohre tief in meine Brust, um meinen kranken Herz den letzten Stoß zu geben. &lt;br /&gt;
Wenn ich so auf mein Leben zurückblicke, dann entdecke ich doch nur Schlechtes, von vorne bis hinten nur eine einzige Qual. Warum also sollte ich noch weiterleben wollen? Belasse ich die gelebten Jahre doch einfach bei dem, was sie sind, schließe mit ihnen entgültig ab, so wie man die Akten der vergangenen Fälle ins Archiv legt, so lege ich auch mein Leben einfach beiseite. &lt;br /&gt;
Nun habe ich die Wahl: Galgen oder Messer? Schritt oder Schnitt? Erhängen oder Abstechen? Ich führe die Klinge an meine Kehle. Sie ist furchtbar kalt, aber in ihr spiegelt sich mein Gesicht. Was für ein leidender und gequälter Gesichtsausdruck! Ich werf das Messer weg und erhebe mein rechtes Bein für das Finale. Nun verlagere ich mein Gewicht, stürze langsam vom Ast, wobei "stürzen" das falsche Wort ist, wohl eher "rutschen", dann falle ich ein kleines Stück. Die Schlinge zieht sich zu. &lt;br /&gt;
Da ich nicht sehr tief gefallen bin, zerbricht es mir nicht mein Genick, es schnürt mir nur den Hals zu. Die Luft bleibt mir weg, kein Blut strömt mehr ins Gehirn. In den letzten Augenblicken bevor mein Blick schwarz wird und alle Gedanken in die Leere stürzen, führt die Agonie noch ein paar Bilder vor mein inneres Auge. Bilder, die mich mit Freude erfüllt haben, die wirklich schönen Momenten angehört haben. Wie konnte ich sie nur vergessen? Jetzt, wo es kein zurück mehr gibt, wo ich nicht einmal mehr einen Schmerzensschrei äußern kann, da überkommt mich plötzlich Reue. Ja, ich bereue es, dass ich mir selbst den Tod geben wollte. Es gibt doch immer noch Hoffnung, selbst dann, wenn es für den Augenblick nicht so aussieht. Verdammt, wie konnte ich das nur tun? Und wo ist bloß das Messer, wenn man es braucht? Seltsame Farbenspiele huschen durch mein Blickfeld, erst ganz helle leuchtende Farben, dann immer dunkler, bis schließlich alles schwarz wird. Aber was kommt dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
---&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Es&lt;/b&gt; war ein ganz normaler Arbeitstag. Ich habe gearbeitet wie immer. Es geschah nichts besonderes - wie immer. Meine Familie erwartet mich wie immer. Da bin ich also nun, habe mich gerade mithilfe meines Angestelltendienstausweises von der Arbeit abgemeldet, und bin nun auf dem Weg zur Tiefgarage. Unglücklicherweise ist der Aufzug kaputt, deswegen muss ich meine müden Beine durch das Treppenhaus quälen. Stufe für Stufe, Treppe für Treppe steige ich hinunter. Unglaublich, wie sehr ich mich freue, meine Frau und meine Kinder wiederzusehen. So in Gedanken versunken bemerke ich nicht, wie hinter einer Tür zu irgendeinem Geräteraum ein Augenpaar hervorlinst. Die Tür ist nur einen kleinen Spalt offen, doch was ich nicht weiß, ist, dass sie sich immer weiter öffnet und ein maskierter Mann mit einer Pistole zum Vorschein kommt. Als er anfängt zu brüllen, bemerke ich ihn. Unter seiner Maske, die er wohl aus einer Wollmütze hergestellt hat, wird fast jedes Wort verschluckt. Das einzige, was ich hören kann, sind Fragmente wie "Geld her" oder "gibt mir deine Dienstkarte". Ich schaue auf seine Pistole und ohne zu zögern gebe ich ihm meine Geldbörse. Verdammt, was da so alles drin ist...&lt;br /&gt;
Nicht nur Geld, sondern auch mein Personalausweis, mein Führerschein, meine Fahrzeugpapiere, sogar noch die Kinokarten für mich und meine Frau. Der Mann durchwühlt mein Portmonnaie, er scheint etwas zu suchen, was er nicht finden kann. Er fragt mich, wo mein Dienstausweis ist. Was heißt er fragt, er brüllt mich an. Da fällt es mir plötzlich wieder ein: Ich habe ihn oben vor dem Abmeldeautomaten liegen lassen. War ich denn so perplex? Die nette Kollegin, die mich da noch gegrüßt hat, hat mich wohl so sehr beeindruckt, dass ich das beinahe Wichtigste vergessen habe. Was für ein Mist auch! Der Mann wird nervös, als ich ihm das erläutere. Ich biete ihm mit vorsichtiger Stimme an, noch einmal hochzugehen, und den Ausweis zu holen. Obwohl ich sogar freundlicher und zurückhaltender bin, als wie bei meinem Chef, wird der Mann nur noch mehr aggressiv. Er flucht laut und schießt auf mich, erst einmal, dann noch einmal und das dritte Mal lässt auch nicht lange auf sich warten. Die Kugeln stechen schwer in meinem Leib. Plötzlich sind da ungeheure Schmerzen, wo vorher nur Glück und Freude war, sodass ich zu Boden sinken muss. Ich sinke auf die Knie und fasse mir an den Leib. Fast schon kontrollierend fahre ich mit der linken Hand über meinen Rumpf. Ich spüre nur schwere Schmerzen und das warme Blut an meiner Hand. Ich muss würgen, beuge mich ein Stück vor und spucke Blut aus meinem Mund. Dann höre ich oben eine Frau schreien und noch mehr Schüsse. Just in diesem Augenblick wird mir erst klar, dass ich einem Raubmord zum Opfer gefallen bin. Ich frage mich, wie ich nur jetzt schon aus dem Leben scheiden kann, ich habe doch noch Frau und Kinder, und letztere sind noch längst nicht alt genug, um den Verlust ihres Vaters zu verkraften. Ich muss mit den Tränen kämpfen, meine Augen werden bei den Gedanken an meine Familie ganz feucht. Doch ich sehe, dass ich nun nicht mehr entkommen kann, ich lasse das hinter mir, was geschehen ist, ich gebe auf zu hoffen, langsam sinke ich vornüber, bis mein Kopf dann auf dem Boden aufschlägt. Ich hätte es euch noch gerne gesagt, meine Lieben, aber ich kam nicht mehr dazu: Lebt wohl! Aber was kommt dann?   &lt;br /&gt;
&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie man an diesen vier Beispielen, die beinahe jeden Bereich der möglichen Sterbensarten abdecken, unschwer erkennen kann, ist, dass der Tod, obwohl er doch im Grunde immer gleich ist, er bestimmt das Ende des lebenden Organismus, so vielfältig wie sonst nichts auf dieser Erde sein kann. &lt;br /&gt;
Was ist aber nun genau der Unterschied zwischen dem natürlichen Tod als Beispiel und etwa dem Suizid? In beiden Fällen wird unser Leben beendet und wir haben noch Zeit uns davon zu verabschieden. Selbst wenn wir scheinbar augenblicklich sterben, etwa bei einer Explosion, wo unser Körper in tausende Fetzen zerrissen wird, und wir noch nicht einmal den Schmerz spüren, selbst wenn wir wie bei einem Sprengstoffattentat noch unbewusst direkt neben der Bombe stehen, so ist es doch IMMER so, dass unser Leben noch einmal revidiert wird. Wir können es hier unten auf der Erde jedoch nicht erkennen, dass so etwas ausnahmslos geschieht. Denn ich wage zu sagen, dass jeder sterbende Mensch noch die Gelegenheit erhält, innerhalb von Sekunden noch einmal sein Leben komplett wie eine Filmrolle abzuwickeln. Vielleicht ist es sogar so, dass wir das in einer Art und Weise, insbesondere der Geschwindigkeit, tun, wie wir Menschen sie gar nicht kennen. Vielleicht kann das Opfer des Bombenattentats, noch während sein Körper zerrissen wird, in wenigen Tausendstelsekunden, sich noch innerlich verabschieden. &lt;br /&gt;
Wir wissen nicht, wie es wirklich ist, weil der Tod wie ein eiserner Vorhang unüberwindbar und unheimlich am scheinbaren Ende einerjeden Existenz steht. Doch da wir im Tod doch ALLE gleich sind, egal ob Mensch oder Tier, müssen wir diesen Zustand der &lt;b&gt;Entindividualisierung&lt;/b&gt; doch noch am eigenen Leibe erfahren. Wenn es nun so wäre, dass die vorangegangenen Beispiele jeweils einer anderen Person auf den unterschiedlichsten Weltteilen, in den unterschiedlichsten persönlichen Situationen, zugeordnet worden wären und sie alle zur gleichen Zeit sterben, sie vielleicht vorher noch nichtmals ihre Sprache verstanden, so ist es doch so, dass sie im Tod von all den unbedeutenden irdischen Umständen befreit sind, wenn sie sich treffen könnten, wahrscheinlich sogar einander verstehen könnten. Sie sind wie weißes Papier, das man von seiner Schrift bereinigt hat. Doch genau darin liegt die Varianz des Immergleichen, in dem "Wie", der Weg ist hier das Ziel.&lt;b&gt; Die Art und Weise, auf der die Gestorbenen ihre Identität verloren haben, ist genauso individuell wie jene selbst.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frage, welcher Weg nun der Richtige ist, um an das Bild der Saales mit den Vorhängen anzuknüpfen, können wir genauso wenig beantworten, wie wir dem Namenlosen einen Namen geben können. Das Leuchtkraft unseres Verstandes reicht nicht aus, um Licht ins Dunkel zu bringen. Wir können nur die Hinweise, die uns durch fremde Mächte gegeben werden, deuten. Deswegen kann ich dem Individuum nur empfehlen, dass es jeden Weg kennt, denn das gedankliche Beschreiten sämtlicher theoretisch möglicher Pfade ist die einzige Art und Weise, auf den Tod vorbereitet zu sein. Nur, wenn man jede Idee miteinander aufgewogen, jede These und jedes Argument gegeinander laufen gelassen hat, kann man sich sicher sein, sich auf der richtigen Seite zu befinden. Es liegt dann am Individuum, den &lt;b&gt;eigenen Fokus&lt;/b&gt; zu setzen, um den für sich selbst besten Glauben zu finden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Fakten werfen ein ganz neues Licht auf den Tod. Sie lassen ihn als &lt;b&gt;Phantom &lt;/b&gt;erscheinen, da er an jedem Ort, in jeder Situation, in jeder Gestalt, in jeder Art und Weise und zu jeder Zeit auftreten kann. Aber dieses neue Todesbild verändert eigentlich nichts an den bestehenden Tatsachen, es verdeutlicht nur um so mehr, insbesondere gegenüber der vermenschlichten und personifizierten Allegorie des Sensenmanns, die Überlegenheit und die allumfassende Macht dieses, doch eigentlich so banalen, Vorganges. Was dieses Etwas der nunmehr vielfältigsten Gewalt der Erde noch viel mehr verunheimlicht, ist die schemenhafte Mystik, die er den Menschen gegenüber zeigt. Wir wissen von ihm, wir können ihn als einen Teil des Lebens erkennen, aber uns wird auf Erden niemals seine wahre, komplette Integrität ersichtlich sein. Es wirkt beinahe so, als hätte dieses fragmentarische Sehen, Erkennen und Verstehen einen Zweck, was mich zumindest zutiefst beunruhigt. &lt;br /&gt;
Denn die Erkenntnis, nicht wissen zu KÖNNEN, was mir nach meinem Tod widerfahren wird, weckt in mir ein Gefühl der Versäumnis. Was habe ich nicht oder zu viel getan, damit mir das vorenthalten bleibt?</description>
    <dc:creator>Count Lecrin</dc:creator>
    <dc:subject>Tod und Sterben</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Count Lecrin</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-18T16:30:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5989087/">
    <title>Erbärmliche Figuren</title>
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    <description>Nach der Entscheidung der Grünen an der Saar, mit CDU und FDP in Koalitionsverhandlungen zu gehen, kann man an den Reaktionen von SPD und der Linken erkennen, warum sich die Leute in Scharen von der Politik abwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eben noch umworben poltert Lafontaine gegen den Grünen-Chef Ulrich, dass der wohl mit 5,9% vergessen habe, dass dies keine 59% seien. Man fragt sich, ob er ihm dies in den Vorgesprächen auch so gesagt hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann das natürlich beklagen. Dann muss man jedoch konsequent für das Mehrheitswahlrecht eintreten. Und vielleicht vorher auch ein bisschen Schulunterricht nehmen. Die SPD kam nämlich 1969 im Bund mit der 5,8%-Partei FDP an die Macht und leitete damit die sozial-liberale Koalition ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Gipfel der Inkompetenz zeigt jedoch der Heiko Maas von der SPD. Er bramabasiert von Anrufen des Grünen-Chefs Ulrich vor der Wahl. Er habe, so Maas, für eine Zweitstimmenkampagne "gewinselt" (die Grünen mussten lange befürchten, unter der 5%-Hürde zu bleiben). Maas vergisst, dass eine Zweitstimmenkampagne nur Sinn macht, wenn es zwei Stimmen bei einer Landtagswahl gibt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Saarland gab es aber nur eine Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklar ist, ob auch nur ein Journalist ihm dies gesagt hat.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-12T17:48:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5985422/">
    <title>Roberto Bolaño: 2666</title>
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    <description>&lt;img title="Roberto Bolano 2666" height="250" alt="Roberto Bolano 2666" width="163" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Roberto-Bolano-2666.jpg" /&gt;Das Buch beginnt so harmlos. Drei Literaturprofessoren (Jean-Claude Pelletier aus Frankreich, Manuel Espinoza aus Spanien und Piero Morini aus Italien) und die englische Literaturdozentin Liz Norton (später heißen sie nur noch &lt;i&gt;die Kritiker&lt;/i&gt;) entwickeln über die Jahre eine Affinität zum Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Anfangs ein Geheimtip, forcieren nicht zuletzt die vier die Rezeption Archimboldis in der Literaturwissenschaft; unter anderem auch durch Übersetzungen. Auf Kongressen, Colloquien und andere Zusammentreffen (die es offensichtlich reichlich gibt) lernen sie sich persönlich kennen und vertiefen nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse. Durch Liz Norton kommt es zu allerlei Liebesverwicklungen; die Dame hat zunächst Pelletier als Geliebten, etwas später dann Espinoza, längere Zeit beide parallel und mindestens einmal auch gleichzeitig. Die körperlichen Gebresten Morinis (er ist im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen) scheinen da Barrieren zu bilden, wobei es am Ende dieses ersten Teils dann doch noch eine Überraschung gibt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben diesen Interaktionen unter den vier Kritikern (Telefon-, Mail-, Gesprächsaustausch), dem gelegentlichen Beäugen, den Idiosynkrasien, den Verletzungen, den Merkwürdigkeiten, den Sexualstellungen und frequenzen  alles in einer Mischung zwischen Protokoll und Reportage aufbereitet - geht es natürlich auch um Literatur. Das Geschriebene bleibt die einzige Referenz für die Adepten, denn Archimboldi ist so phantomhaft wie im realen Leben sonst nur Thomas Pynchon. Seine Manuskripte kommen aus Italien oder Griechenland und einzig die greise Verlegerin Anna Bubis kennt ihn persönlich (man erfährt dazu im Laufe des Buches mehr). Außer Bubis gibt es selbst im Verlag (der teilweise dem Fischer-Verlag nachempfunden ist), den die Kritiker auch besuchen, keine Spur und außer der Chefin auch niemanden, der nachweislich mit Archimboldi jemals kommuniziert hat. Man weiß nur, dass er hager und &lt;i&gt;sehr groß&lt;/i&gt; ist und blonde Haare gehabt haben soll. Nicht ein Bild existiert; an der Stelle auf der Wand der Verlegerin, an die sie sich erinnern, einen großen, hageren Mann mit ihr gesehen zu haben, war am nächsten Tag eine weiße Stelle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab und an findet sich dann doch ein Zeuge, beispielsweise derjenige, der den Schriftsteller 1959 bei einer Lesung im Friesischen kennengelernt (eher: gesehen) haben will. Und sie hängen an den Lippen dieses Mannes, dessen Bericht förmlich aufgesaugt wird (Bolaño braucht dazu nur einen Satz - der allerdings sechs Seiten umfasst und von Friesland bis nach Buenos Aires führt). Als Archimboldi Ende der 90er Jahre mehrmals als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, steigt der Unternehmungsgeist der Kritiker den greisen Dichter (der 1920 in "Preußen" geboren wurde und Hans Reiter heißt  viel mehr biografische Informationen besitzen sie nicht) zu treffen, ihn zu interviewen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen (obwohl die Zeiten der großen Erfolglosigkeit des Dichters offensichtlich vorbei sind, denn einmal, als die Beschäftigung der Vier mit ihrem Helden kurz nachließ, wird bemerkt, dass dessen Ansehen &lt;i&gt;hinter ihrem Rücken wuchs&lt;/i&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Von der Burleske zu "Twin Peaks"&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei werden nicht nur die (lächerlich erscheinenden) Hahnenkämpfe innerhalb der Germanistenzunft süffisant ausgebreitet (die Archimboldi-Anhänger teilen sich in zwei Lager, die sich anfangs unversöhnlich gegenüberstehen) sondern auch die Ambitionen der Vier, innerhalb der Kritikerkaste mit einer Sensation reüssieren zu wollen. Und als es ein vages Gerücht gibt, Archimboldi befinde sich in einer amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt machen sich drei der vier (der Italiener bleibt zu Hause) nach Santa Teresa auf, diesem (fiktiven) Ort, der  wie man hört  durch eine enorme Serie von Frauenmorden seit Jahren auch überregional Schlagzeilen macht. Dort treffen sie Professor Amalfitano, der dort mit ihnen nach Hans Reiter recherchiert (man sucht alle Hotels nach einem Deutschen ab). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Ankunft der Europäer in Mexiko kippt die Atmosphäre des Romans, der bis dahin eine eher heiter-ironische Burleske auf den europäischen Literaturbetrieb war. Auf den letzten rund 80 Seiten des ersten "Buches" (von insgesamt 200 Seiten) reift ein unterschwellig waberndes Bedrohungsszenario heran, welches im weiteren Verlauf ständig gesteigert wird, ein &lt;i&gt;Gefühl der Unwirklichkeit&lt;/i&gt; auch beim Leser auslöst und im vierten Teil in einen großen apokalyptischen Strom kumuliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermittlungen in Santa Teresa bleiben erfolglos; Reiter bleibt unauffindbar, wobei immer Zweifel bleiben, ob er jemals angekommen sein soll (eine Umweg-Parallele zur Unwissenheit des Lesers des Buches, der nie in den Genuß auch nur eines Archimboldi-Satzes kommt). Eine trübe Stimmung macht sich unter den Kritikern breit; Norton fliegt zurück (und landet in Italien bei Morini). Espinoza bändelt unterdessen mit einer sehr jungen Teppichverkäuferin an während Pelletier in der Hotellobby die Romane von Archimboldi zum wiederholten Mal liest. Amalfitano ist großen Stimmungsschwankungen unterworfen, manchmal seltsam fahrig, dann wieder der perfekte Gastgeber, was zu den wildesten Spekulationen Anlaß gibt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über Amalfitano handelt dann der zweite Teil (mit knapp 80 Seiten das kürzeste Kapitel). Er kommt eigentlich aus Spanien und ihn hat es durch letztlich ungenannte Umstände nach Mexiko verschlagen. Seine Frau geht eines Tages aus dem Haus und lässt ihn mit der kleinen Tochter alleine. Jahre später kehrt sie kurz wieder zurück, hat in Frankreich ein weiteres Kind bekommen. Sie hat AIDS und verlässt Amalfitano nach kurzer Zeit wieder. Privat gescheitert und mit dem Gefühl des verkannten Intellektuellen wird er immer schrulliger. Seine Vorträge an der Universität werden fast unverständlich. Eines Tages hört er eine Stimme, die er mal für den Großvater, dann wieder für den Vater hält; er wird wahnsinnig, glaubt aber, den Wahnsinn beherrschen zu können, wenn er ihn als solchen annimmt. Derweil taucht seine Tochter Rosa in der Jugendszene von Santa Teresa immer weiter ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der dritte Teil handelt von dem schwarzen amerikanischen Kulturreporter Quincy Williams (der merkwürdigerweise Oskar Fate genannt wird). Fates Mutter ist gestorben und durch die Ermordung des Kollegen, der sich mit dem Boxen beschäftigt, wird er von seiner Redaktion gebeten eine Sportreportage über einen Boxkampf zu machen, der in Santa Teresa stattfindet (ein Kampf zwischen einem amerikanischen und einem mexikanischen Boxer  eine verkrampfte Allegorie auf das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und Mexiko). Durch Gespräche mit Einheimischen und lokale Berichte wird Fate auf die Mordserie aufmerksam. Der Boxkampf bringt den erwarteten Sieger (Fate trifft am Ring Rosa Amalfitano, die ihn fasziniert). Er bittet seine Redaktion, über die Mordserie berichten zu dürfen, was jedoch abgelehnt wird, da kein Interesse daran bestünde. Gegen Ende verbündet er sich halbherzig mit einer Journalistin und besucht mit ihr den Hauptverdächtigen der Morde im Gefängnis. Es ist Klaus Haas, ein großer, blonder Mann, ein Deutscher, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, seit Jahren auf die Wiederaufnahme seines Verfahrens wartet (seit seiner Inhaftierung ging die Mordserie unvermindert weiter) und Pressekonferenzen aus dem Gefängnis heraus mit dem Handy organisiert und in der Gefängnishierarchie sehr schnell zur Führungsfigur aufsteigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Einhundertvier Ermordete auf dreihundertzweiundvierzig Seiten&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vierte Teil beginnt im Jahr 1993 (endet Ende 1997) und listet litaneiartig die teilweise fürchterlich entstellten Leichenfunde auf. Es sind einhundertvier tote Frauen (vom zehnjährigen Kind bis zur reifen Ehefrau) auf dreihundertzweiundvierzig Seiten. Trotz diverser Exkurse, beispielsweise über einen vermutlich sakrophobischen Kirchenschänder, der unterschiedlichen Charaktere der Gerichtsmediziner von Santa Teresa, den Frauenwitzen der Polizei, einem Snuff-Video-Ring (der dann doch nicht zu existieren scheint) und dem Besuch eines amerikanischen Profilers, der die örtliche Polizei unterstützen soll - unweigerlich beginnt der durch Lektüre und entsprechende Filme konditionierte Leser kriminalistische Überlegungen, sucht nach einem Schema, nach Gemeinsamkeiten, kurz: er betätigt sich als Amateurkommissar, folgt den Spuren, entwickelt Theorien, versucht, "Täterprofile" zu phantasieren. Dies alles bleibt jedoch fruchtlos; das Buch verweigert sich jeder Aufklärung. Zu unterschiedlich die Art und Weisen der Ermordungen (auch hier werden stets alle Einzelheiten ausgebreitet  vom Verwesungszustand bis zum Interesse der medizinischen Fakultät von Santa Teresa an dem Leichnam). Und zu verschieden die Opferprofile, obwohl es meist Arbeiterinnen aus den im Umland befindlichen Billiglohnfabriken sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Polizei ist überfordert, aber auch desinteressiert. Die Fälle werden häufig sehr schnell ad acta gelegt; Spurensicherung am Tatort ist meist ein Fremdwort und gibt es Spuren, die weiter verfolgt werden müssen, dann versagt merkwürdigerweise oft Kommunikationswege oder es gibt wider Erwarten kein Resultat. Als einige Opfer vorher in einem bestimmten Fahrzeugtyp ("Peregrino") einsteigend gesehen wurden, werden die Ermittlungen in dem Moment eingestellt, als die Polizisten sich &lt;i&gt;bei einigen dicken Fischen unbeliebt gemacht&lt;/i&gt; hatten, &lt;i&gt;deren Söhne, die Jeunesse dorée von Santa Teresa, nahezu die gesamte Peregrino-Flotte der Stadt besaßen&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sind die Kommissare desillusioniert oder korrupt oder beides (früh wird der potentielle "Nachwuchs" auf das bestehende System vergattert). Der Polizeichef wird mit dem amerikanischen Konsul, dem Bürgermeister und mit Personen, die als Drogenbosse verdächtigt werden, bei Festen oder Zusammenkünften gesehen. Offiziell gilt die Mordserie mit der Verhaftung von Klaus Haas als abgeschlossen, obwohl sie weitergeht. Später nimmt man noch eine andere Gruppe fest  mit ähnlichem Resultat. Haas beschuldigt aus dem Gefängnis heraus in einer Pressekonferenz eine in der Stadt hoch angesehene Familie der Morde, aber niemand glaubt ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Von der Unmöglichkeit, zu weinen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur einer ragt da heraus: Der Mittdreissiger Juan de Dios Martínez. Er sichert noch gewissenhaft Spuren. Wo andere fünf Stunden brauchen um an den Tatort zu kommen, ist er in einer Stunde da. Er sucht und befragt Zeugen und er klärt Fälle auf (allerdings nur diejenigen, die nichts mit dem/den Serienmördern zu tun haben; auf die anderen wird er irgendwann gar nicht mehr angesetzt). Martínez ist die Kerze in diesem Panoptikum der Düsternis. Er hat ein Verhältnis mit einer rund fünfzehn Jahre älteren Ärztin und Leiterin einer Irrenanstalt, die er bei den Ermittlungen zum Kirchenschänder kennen- und liebenlernt. Die wohlhabende und gebildete Frau, die sich Martínez alle vierzehn Tage in ihrer Wohnung in einem festen Ritual hingibt, will einerseits diesen Ort verlassen und sich in Europa neu etablieren  ist aber andererseits dazu nicht in der Lage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind diese Szenen der Kontemplation (hier bleiben uns auch schlüpfrige Details aus der Zusammenkunft der beiden erspart), die dann aus dem Nachrichtenton und im Strudel der immer dichter werdenden Endzeitstimmung herausragen und diesen Teil des Romans zum lesenswertesten machen. So sitzt Martínez einmal im Auto, &lt;i&gt;lehnte den Kopf an den Lenker und versuchte zu weinen, was ihm nicht gelang&lt;/i&gt;. Ein andermal geht ihm ein Fall so nahe, dass er den Kopf in die Hände &lt;i&gt;vergrub&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne&lt;/i&gt;. Er, der die Menschheit in diesem Moment noch retten könnte, vermag nicht mehr zu weinen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das letzte "Buch" erzählt, nein: berichtet das Leben von Hans Reiter (alias Benno von Archimboldi (die Nähe zum &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Giuseppe_Arcimboldo"&gt;italienischen Renaissance-Maler&lt;/a&gt; ist, so wird berichtet, durchaus gewollt). Obwohl 1920 geboren, erscheint Reiters Kindheit eher im 19. Jahrhundert angesiedelt zu sein. Die Kriegserzählungen  personal und ohne jede Empathie erzählt  zeigen einen somnambul-todesmutig taumelnden Soldaten Reiter (bei allen großen Unterschieden ist hier eine Parallele zu Ernst Jünger), der sich häufig furchtlos den gegnerischem Feuer entgegenstellt. Danach flacht dieses Kapitel zusehens ab. Die Irrungen, Wirrungen und später dann auch Vögeleien sind von aufreizender Langeweile. Reiter/Archimboldi entwickelt solipsistische Züge. Man erfährt noch, dass Klaus Haas, der Gefangene in Santa Teresa, der Sohn von Reiters Schwester ist. Als diese nicht mehr weiterweiß, bittet sie ihren zehn Jahre älteren Bruder, zu intervenieren. Und mit dem letzten Satz es Buches fliegt Reiter dann nach Mexiko.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch gibt es hier mächtige Szenen wie beispielsweise der Kontrast zum vergeblichen Trauernden Martínez, der sich in Reiters Kindheit zeigt, als der sechsjährige plötzlich &lt;i&gt;unter Wasser vor Glück&lt;/i&gt; weint. Oder der 25jährige, dem Krieg gerade entronnen, der in einem Kleiderladen bei der Vergegenwärtigung des scheinbar baldigen Todes seiner Geliebten unmittelbar das stumme Weinen beginnt und dann das Fliessen der Tränen einsetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So muss wohl irgendwann zwischen 1950 und 1993 die Hoffnung für die Menschheit verloren gegangen sein. Santa Teresa ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Trostlosigkeit, die, präziser gesagt, eine Ent-Tröstung ist. Die letzten Tage der Menschheit im vermeintlichen Frieden. Santa Teresa als Hauptstadt der Vergeblichkeit. Obwohl die einzelnen Kapitel einigermaßen feste Zeitrahmen haben (1994-1998/99; ab 1998; ab 2002; 1993-1997; 1920-2001) sind sie Projektionen an eine Zukunft, die sich im Blick auf Santa Teresas Vergangenheit und Gegenwart formt und den Globus überziehen wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie beiläufig dann eine Art von Lösung, in der Reiter mitten im Russlandkrieg einen Glücksmoment erlebt, der ihn &lt;i&gt;so frei wie noch nie in seinem Leben&lt;/i&gt; macht: &lt;i&gt;Die Möglichkeit, dass alles nur ein Trugbild sein könnte, beschäftigte ihn. Das Trugbild war eine Besatzungsmacht der Wirklichkeit, dachte er, die noch die äußersten und entlegensten Bereiche der Wirklichkeit kontrollierte. Es lebte in den Seelen der Leute und in ihren Gebärden, in ihrem Willen und im Schmerz, in der Art, wie einer seine Erinnerungen ordnete, und in der Art, wie er Prioritäten setzte. Das Trugbild blühte in den Salons der Industriellen und in der Unterwelt.&lt;/i&gt; Und natürlich ist der Nationalsozialismus &lt;i&gt;das zu absoluter Herrschaft gelangte Trugbild.&lt;/i&gt; Aber auch Liebe sei &lt;i&gt;im Allgemeinen auch nur ein Trugbilddie Liebe, die Partnerliebe mit Frühstück und Abendessen mit Eifersucht und Geld und Traurigkeit, ist Theater, also Trugbild&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spinnt man diesen Gedanken weiter, so scheint dann auch das Trugbild des Humanismus an einem Ort wie Santa Teresa wie bei einer archäologischen Ausgrabung als Relikt der Vergangenheit freigelegt zu werden (oft erinnern die Leichenfunde an archäologische Objekte; auch was die Bergung angeht). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hochambitionierte Verrätselungen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Manischer Realismus" wird Bolaño mit diesem Buch nachgesagt. Eine ebenso zutreffende wie unvollständige Charakterisierung. Das Manische zeigt sich vor allem in den schier unerschöpflichen Schilderungen der geschundenen, missbrauchten, verstümmelten Leichen. Und Bolaño erwähnt Kafka viel zu häufig, um nicht eine Art Fortschreibung der Kafka-Halb- und Zwischenwelten angestrebt zu haben; er kopiert seinen Ton manchmal bis fast zur Paraphrase. Hinzu kommen die philosophischen Fingerübungen, die nur manchmal überzeugen und unzählige Allegorien, Anspielungen und Nebelkerzen, die mit scheinbar diebischem Vergnügen eingebaut wurden. Im Kapitel über Archimboldi scheut er sogar nicht davor zurück, einen von den eigenen Soldaten ermordeten rumänischen General als Gekreuzigten (mit &lt;i&gt;grossem Gemächt&lt;/i&gt;, dessen Aktion Reiter Jahre zuvor beobachtete, als dieser eine Frau damit penetrierte, die später Anne Bubis wurde) zu inszenieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder man taucht in zahllose Binnenerzählungen ein und in den Binnenerzählungen erscheinen weitere Binnenerzählungen, die jedoch in den meisten Fällen ins Nichts führen und nie mehr aufgegriffen werden. Das sind dann irgendwann zu viele fruchtlose Verirrungen. Dieses so bemüht wirkende Scharadentum (von Ferne an David Lynchs Fernsehserie "Twin Peaks" erinnernd oder auch  in seiner Episodenhaftigkeit und Staffelübergabe der Handlung an den "nächsten" Protagonisten  an Jacques Rivettes cineastisches Opus Magnum "Out 1  Noli me tangere") bleibt meist flache Imitation eines pseudo-geheimnisvollen Existentialismussurrogats oder einfach nur Spielwiese für philologische Sinnsucher, die hinter jedem Gebüsch eine Legion böser Geister vermuten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles wird dieser Verrätselung untergeordnet. Es beginnt schon mit dem merkwürdigen Titel des Buches. So wird berichtet, Bolaño habe selber, kurz vor seinem Tod, 2666 als eine Art Endzeitjahr genannt. Zahlenmystiker entdecken hierin ein 2 Mal 666 - die Zahl der Apokalypse aus der Offenbarung Johannes. Wieder andere ziehen Verweise aus anderen Bolaño-Romanen heran und erklären den Titel damit. Oder wurde beim Schreiben zu schnell getippt  statt »"666"« blieb »2666"«. Man könnte auch auf die Idee kommen, Bolaño paraphrasiere Kubricks "2001" und transformiert die Odyssee im Weltraum auf die Erde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber während Kafkas Welt ein Überall-Ort in einer Überall-Welt sein kann, bleibt Santa Teresa im Buch Santa Teresa im Jahr 1993 bis 2002 (auf die tatsächlichen Parallelen zum mexikanischen Grenzort Ciudad Juárez und der dortigen Frauenmordserie wird im kurzen Nachwort von Ignacio Echevarría verwiesen). Der große Fehler dieses überdimensionierten Romans ist, dass dem Leser die Möglichkeit der Distanzierung zu einfach gemacht wird. In postmoderner Gemütlichkeit kann man sich jederzeit problemlos aus dem Roman flüchten und die Protokollperspektive des Erzählers annehmen. Man liest dann bestenfalls eine Reportage; die Sprache ist stumpf. Zu sehr scheint sich Bolaño auf Effekte und Affekte zu verlassen (zudem lässt das letzte Kapitel erahnen, dass der Autor es nicht mehr fertigstellen konnte). Das Buch  und selbst dieses abscheuliche Kapitel der Verbrechen  packt den Leser nicht. Zu selten wird eine Intensität erreicht, die berührt. Fülle und Fluktuation des Personals, welches insbesondere in den direkten Santa-Teresa-Kapiteln (letztes Drittel des 1., Kapitel 2-4) ausgebreitet wird, lassen Empathie mit oder gegen die Figuren nicht oder kaum zu (Ausnahme ist die bereits erwähnte Figur des Kommissars). Was den Leser bestenfalls bei der Stange hält ist Neugier auf das Exotische oder vielleicht eine fortlaufende Entrüstung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie aufdringlich die intertextuellen Rekurse eingearbeitet sind. Von Thomas Manns Todesstadt Venedig über den lateinamerikanischen magischen Realismus, den Satzschrauben eines Thomas Bernhard, Doris Lessings "Memoiren einer Überlebenden", der moralischen Verkommenheit der Protagonisten aus Hubert Selbys "Letzte Ausfahrt Brooklyn" bis zu Nuancen aus Brent Easton Ellis' psychopathischen Massenmörder "Bateman" aus "American Psycho"  um nur einige wenige anzugeben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Somit ist dieses Buch für Literaturexegeten ein schier unerschöpflicher Steinbruch. Sie überschlagen sich daher auch folgerichtig mit Lob für dieses monströse Stück Literatur-Literatur, weil sie in mit Querverweisen ihr literarisches, cineastisches, kunsthistorisches, dramatisches und/oder historisches Wissen verwursten und mit immer neuen Assoziationsgewittern brillieren können, die am Ende so richtig wie falsch sind und kaum Erkenntnisgewinn bringen. Als wäre dieses Behaupten von Authentizität, welches in diesem Buch praktiziert wird, schon Ausweis für Qualität. Freilich, den blutleeren Schreibschulliteraturen, die die Kritik so oft und so voreilig in den Literaturhimmel hebt (teils aus Angst, sich mit wirklichen Talenten auseinanderzusetzen, teils aufgrund ästhetischer Rostspuren in ihrem Getriebe), ist dieser Roman natürlich meilenweit überlegen. Aber es bleibt ein irgendwie potemkinscher Roman: hinter den Fassaden sitzen nur die Deuter. Glauben Sie ihnen kein Wort, denn sie projizieren nur ihren eigenen Roman in dieses Buch. Tatsächlich macht die Lektüre von "2666" nicht einmal unglücklich. Sondern nur apathisch. 
&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-10T13:22:00Z</dc:date>
  <feedburner:origLink>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5985422/</feedburner:origLink></item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5970707/">
    <title>heute ./. tagesschau</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/6TQlwAJuKjo/</link>
    <description>Erdbeben in Padang. Peter Kunz berichtet für das ZDF in "heute". "95% der Großstadt sind intakt"; die Zerstörungen der Stadt seien lokal auf einzelne Häuser bzw. Viertel begrenzt. Die Bilder, so Kunz vorsichtig, würden leicht einen anderen Eindruck vermitteln (&lt;a href="http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/9280?inPopup=true"&gt;"ZDF"-Mediathek; 19 Uhr-Sendung vom 01.10.09 ab ca. 03:15&lt;/a&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der &lt;a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts14990.html"&gt;"tagesschau" um 20 Uhr der Korrespondent Philipp Abresch &lt;/a&gt;live via Satellitentelefon: Padang liege "in Trümmern" (ab 02:16).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was denn nun?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;small&gt;Klarstellung I: Nein, ich bezweifle nicht, dass es den Menschen dort schlecht geht und dass da Hilfe nötig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klarstellung II: Nein, ich bezweifle nicht, dass es dort hunderte oder tausende von Toten gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klarstellung III: Nein, ich halte spontane Hilfe (wie auch immer) für wichtiger als sich über die Frage zu echauffieren, wieviel von einer Millionenstadt nun zerstört ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klarstellung IV: Ja, ich halte es dennoch für wichtig zu fragen, wie zwei Korrespondenten, die beide das gleiche gemacht haben, zu solch unterschiedlichen Bewertungen kommen können.  Auch, wenn es (siehe I - III) zunächst wichtigeres gibt.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Medien</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-10-01T18:24:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5955113/">
    <title>Desinformation bei der "tagesschau"</title>
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    <description>Die "tagesschau" ist auch nicht mehr das, was sie früher war. Soeben konnte man dies deutlich feststellen, hieß es doch in einem an prominenter Stelle platzierten Beitrag von Pia Bierschbach in der &lt;a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/video/sendungsbeitrag12240_res-.html"&gt;Sendung von 20 Uhr&lt;/a&gt;, dass das Wahlrecht kurz vor der Bundestagswahl in der Diskussion gekommen sei. Es gehe, so der Film, um die Regelung der Überhangmandate. Detailliert wurde erklärt, wie Überhangmandate zustande kommen. Dabei wurde erläutert, dass eine Partei unter bestimmten Umständen mehr Mandate bekommen kann, als ihr gemäss der abgegebenen Stimmen zustehen. Dann wird behauptet, dass das Bundesverfassungsgericht eine Regelung bis 2011 verordnet habe, dies abzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Schluss ist nachweislich falsch. Das &lt;a href="http://www.bverfg.de/entscheidungen/cs20080703_2bvc000107.html"&gt;Bundesverfassungsgericht hat keinesfalls die Regelung der Überhangmandate beanstandet&lt;/a&gt;, wie dies im Beitrag der "tagesschau" suggeriert wurde. Zwar ist im Beitrag versteckt an einer Stelle von "Teilen der Überhangmandatsregelung" die rede, die beanstandet wurde, aber welcher Teil das ist, bleibt undeutlich. Der Zuschauer muß annehmen, es betreffe generell die Überhangmandate. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeint ist in Wirklichkeit das sogenannte "&lt;a href="http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Negatives_Stimmgewicht.html"&gt;negative Stimmgewicht&lt;/a&gt;". Dies wurde vom Bundesverfassungsgericht entsprechend moniert. Zwar entsteht es durch die Berechnung von Überhangmandaten, aber nicht jedes Überhangmandat hat mit der reklamierten Regelung zu tun. Der Sachverhalt ist wesentlich komplizierter, wie der &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Negatives_Stimmgewicht_bei_Wahlen"&gt;Wikipedia-Artikel&lt;/a&gt; verdeutlicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dieser differenzierten Sicht ist bei der "tagesschau" keine Rede. Dies ist  mit Verlaub  entweder bewusste Irreführung oder schlichtweg Ignoranz. Als drittes bleibt noch die Arroganz, dem Zuschauer die komplexen Zusammenhänge nicht verdeutlichen zu wollen. In jedem Fall ist es eine gehörige Portion Desinformation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;small&gt;Es gibt es vielleicht den ein oder anderen der meint, dies sei "nicht so wichtig" und man könne ja die "tagesschau" da in einer Mail darauf hinweisen (wird sofort erledigt). Ich halte es im Sinne der Glaubwürdigkeit und der so oft beschworenen "Politik(er)verdrossenheit" dennoch für einen relevanten Fall. Das Wort vom "negativen Stimmgewicht" ist nicht einmal im Beitrag gefallen. Das war in der "Phoenix"-Sendung "Unter den Linden" gestern um 22.15 Uhr anders. Aber das schauen viel weniger.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Medien</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-09-22T18:34:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5955034/">
    <title>Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut</title>
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    <description>&lt;img title="Martin von Arndt   Der Tod ist ein Postmann mit Hut" height="400" alt="Martin von Arndt   Der Tod ist ein Postmann mit Hut" width="253" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/von-Arndt-Der-Tod-ist-ein-Postmann-mit-Hut.jpg" /&gt;An jedem &lt;i&gt;ersten Mittwoch im Monat&lt;/i&gt; erhält Julio C. Rampf ein Einschreiben. Die Zustellung ist inzwischen längst ritualisiert: das &lt;i&gt;tragbare Terminal&lt;/i&gt; mit dem &lt;i&gt;Stift, der aussieht wie ein krumm geschlagener Zimmermannsnagel&lt;/i&gt;, die &lt;i&gt;gewagteund doch für zu leicht befundene Unterschrift&lt;/i&gt; Julios, der &lt;i&gt;Zeigefinger&lt;/i&gt; des Postboten, der &lt;i&gt;flüchtig an seine Kopfbedeckung, einen Tirolerhut&lt;/i&gt; fährt, der Wachholderschnaps im &lt;i&gt;Stamperl&lt;/i&gt;, das erneute leichte Berühren des Hutes mit dem Zeigefinger und schliesslich die Drehung &lt;i&gt;auf der Schwelle&lt;/i&gt; beim Verlassen der Wohnung. Und auch der Inhalt dieses anonymen Einschreibens ist stets gleich: ein &lt;i&gt;einmal gefaltete[s] leere[s] Blatt&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julio ist 40, Deutscher und lebt in Innsbruck mehr schlecht als recht als Gitarrenmusiker. Paintner, der Musikproduzent mit den schlechten Witzen, nahm ihn trotz oder vielleicht gerade wegen seiner roten, verschorften Hände für seine skurrilen Projekte, wie zum Beispiel &lt;i&gt;Klassiker der Unterhaltungsmusik für chinesische Schnellimbisse zu bearbeiten&lt;/i&gt;. Nach mehr als 20 Jahren wurde Julio von seiner Frau Ines verlassen, was ihn deprimiert und verstört. Und dann auf einmal diese Einschreiben. Anfangs noch als einen harmlosen Irrtum betrachtet, der sich schnell durch den "richtigen" Versand aufklären würde, beginnt Julio die Impertinenz dieser anonymen Post zu beunruhigen aber auch zu faszinieren. Und so nebenbei verändert sie sein Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ich-Erzähler Julio hat bei oberflächlicher Betrachtung zunächst durchaus etwas von einer prekär-modernen Version eines Prinz Leonce oder Oblomows. Er verbringt auch schon einmal seine Tage im Bett und zelebriert seine Langeweile. &lt;i&gt;Wiederkehrend und unversehens&lt;/i&gt;, fast anfallartig seine &lt;i&gt;Mutlosigkeit&lt;/i&gt;. Sie überkommt ihn &lt;i&gt;beim Schuheputzen, bei häuslichen Kleinreparaturen. Alles wird schwarz, alles wird schwer, unerträglich schwer, zu schwer für mich, unerträglich für michich halte dieses Leben, mein Leben schlechthin, nicht mehr aus.&lt;/i&gt; Nach landläufiger Diktion würde man ihn als depressiv einstufen  und auch wieder nicht, denn er stemmt sich sehr wohl gegen dieses Gehenlassen und beginnt ein &lt;i&gt;"Nächtebuch"&lt;/i&gt; zu schreiben, &lt;i&gt;zaghaft&lt;/i&gt;, mit &lt;i&gt;müden Gedanken&lt;/i&gt;. Er versucht, &lt;i&gt;die Zeit urbar zu machen&lt;/i&gt; und irgendwann &lt;i&gt;dreht sich die Welt&lt;/i&gt; nur noch &lt;i&gt;um diese Zeilen&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href="http://www.glanzundelend.de/Artikel/vonarndt.htm"&gt;---&gt;&gt;&gt;&gt; weiterlesen...&lt;/a&gt;</description>
    <dc:creator>Lothar Struck</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright © 2009 Lothar Struck</dc:rights>
    <dc:date>2009-09-22T17:55:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5954645/">
    <title>Die totale Konvergenz</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/CW6vfWBh-NI/</link>
    <description>Ich möchte mich ausdrücklich von einer klaren politischen Position distanzieren, ich kritisiere zumeist eher die rechtsextreme Seite, hier ist es einmal kurz umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leitregel vom Kommunismus ist ja: Jeder Mensch ist gleich. Wenn ich diesen Apercu lese, so kann ich immer nur müde grinsen bestenfalls, wenn nicht sogar meine Mimik aufgrund überschäumender Aggressionen gegenüber der menschlichen Einfalt verbiegen, so, wie wenn man einen Eisenstab vor lauter Zorn zu biegen versucht. Dabei erinnern sowohl der Gesichtsausdruck des Biegenden als auch die Form des Eisen im übertragenden Sinne an meine besagte Mimik.&lt;br /&gt;
Denn ich kann das nicht einsehen. Es ist nicht jeder Mensch gleich, viel mehr noch, &lt;b&gt;es ist KEIN Mensch gleich&lt;/b&gt;. Und dies ist nicht nur auf Marxismus und Lenismus bezogen, sondern auch auf alle anderen Staatsformen und Verfassungen, in denen jeder Mensch als gleich gilt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte mich hierbei AUSDRÜCKLICH davon distanzieren, diese Ungleichheit an irgendwelchen Äußerlichkeiten, etwa der Hautfarbe oder ähnliches, festzumachen. Es handelt sich dabei schlichtweg um &lt;b&gt;das Wesen des Menschen, seine Charaktergrundzüge, seine Lebenseinstellung, seine Instinkte&lt;/b&gt;. Man kann im Verlauf der Argumentation da sicherlich noch auf Äußerlichkeiten schließen, aber dabei handelt es sich nur um Anpassungsformen an die natürliche Umgebung, mehr nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kann es außerdem nicht verstehen, wenn ein Staat diese Gleichheit als Grundprinzip bewahrt und dann seine Förderung der Individualität so anpreist. Lassen wir diesen Widerspruch aber einfach so im unübersichtlichen Gewirr der Politik stehen, man kann nicht auf jede Frage eine Antwort finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was unterscheidet mich also von meinem Nächsten? Also, fangen wir mit etwas modernen an: &lt;b&gt;Der DNA&lt;/b&gt;. Jeder Mensch hat eine ganz bestimmte, individuelle DNA, nach der man ihn identifizieren kann. Und anhand dieses Genschlüssels werden dann die Phänotypen, die Erscheinungsformen der Gene, bestimmt. Das gibt uns viele Unterschiede für das tägliche Leben, von der Haarfarbe bis hin zur Gesichtsform, alles wird damit bestimmt. Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten.&lt;br /&gt;
Die Persönlichkeit eines Menschen wird durch die &lt;b&gt;Sozialisation&lt;/b&gt; bestimmt. Alles, was ein Individuum während seines Lebens erfahren hat, äußert sich in bestimmten Wesenszügen. Da ja wohl KEIN Mensch eine genau gleiche Kindheit wie jemand anderes hatte - das ist ein unbestreitbares Faktum - , wird es wohl kaum zwei Menschen auf der Erde mit einem identischen Charakter geben, das ist noch nicht einmal bei eineiigen Zwillingen so. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch wenn wir unseren Naturzusammenhang betrachten, so sehen wir ja, dass es eigentlich nicht die geringste Form von Gleichheit geben kann. Wir sind Säugetiere, gehören zum Stamm der Wirbeltiere, und da auch wir - was aber keiner so recht glauben will - der &lt;b&gt;natürlichen Selektion &lt;/b&gt;ausgesetzt sind, heißt das, dass nicht jeder unserer Art überleben wird, viele werden dabei auf das Abstellgleis des Aussterbens gestellt. Das impliziert aber natürlich auch, dass die einzelnen Menschentiere unterschiedlich aufgebaut sein müssen, es muss &lt;b&gt;"Stärkere" &lt;/b&gt;geben, so wie es auch &lt;b&gt;"Schwächere"&lt;/b&gt; gibt. Noch einmal möchte ich ganz deutlich erwähnen: Das bezieht sich auch keinerlei Volk oder irgendwelche speziellen Hautfarben, sondern es gilt für EIN Kollektiv, sei es eine Kultur oder die ganze Menschheit an sich. &lt;br /&gt;
Es gibt also Menschen, die sich schlecht an die Umweltbedingungen anpassen können, und welche die so etwas wirklich gut beherrschen. Und wie soll es dann möglich sein, dass jeder Mensch gleich ist? Wir Menschen verstehen dieses Faktum nur nicht! Wir meinen immer, wir müssten krankhaft Gleichheit schaffen, jeden Schwachen mitziehen, den Intelligenten auf eine Stufe mit einem Debilen stellen. Ich möchte hier niemanden diskriminieren, doch wir meinen immer, alle, die aus der Menge, dem kollektiven Durchschnitt, herausragen, auf unsere Größe stutzen zu müssen, aber gleichzeitig gibt es da noch welche nach UNTEN hin, über die soviele lästern, die einfach überall ausgegrenzt werden, bis es dann noch ein paar wenige Schwachköpfe gibt, die sich ihrer annehmen müssen. Und dadurch, dass sie jenen helfen, erzeugen sie doch erst diese Disparität, weil sie durch ihr Handeln dann auf die Geholfenen herabschauen, zwar freundlich, doch alleine diese (gut gemeinte) Geste grenzt den Invaliden doch aus. Man würde sie nicht durch sein Tun so unbewusst diffamieren, wenn man sie wie jeden anderen Menschen auch behandelt. Aber da es z.B. eigens Aufzüge für Rollstuhlfahrer gibt, wo dann immer noch ein Schildchen zwar implizit, aber groß und breit, die Gesundheit der anderen anpreist. Der Rollstuhlfahrer wird durch diese, doch nur scheinbar freundlich gemeinte, Geste von dem Rest der Gesellschaft ausgegliedert, erhält seine eigene kleine Kammer, mit der er, im wahrsten Sinne des Wortes, im Leben herauf und herunter fährt. &lt;br /&gt;
Also, entweder, ALLE werden gleich behandelt oder NIEMAND! Aber das zeigt einmal wieder ganz rudimentär, dass der Mensch nicht einsehen kann, dass es noch etwas über ihm gibt. Für solche Eigenschaften hat man irgendwann einmal einen schönen Begriff entwickelt: &lt;b&gt;ARROGANZ&lt;/b&gt;. Aber das nur nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt sie also nun: Den Reichen, den Armen, den Intellektuellen, den Idioten, den Irren, den Wohltäter, den Übeltäter, den Großen, den Kleinen, den Gutmütigen, den Mörder, den Gesunden, den Kranken; die Zeit des Sommers des Lebens trägt sehr viele bunte Blüten. Doch da gibt es wieder etwas, das uns alle vereint, jedweden Unterschied zunichte macht, alle Grenzen niederwirft. Es ist der &lt;b&gt;TOD&lt;/b&gt;. Seiner Macht kann sich keiner entziehen. Vor seinem Antlitz sind wir alle gleich, nicht einmal ein kleiner Unterschied vom Zeitraum des Todes ändert das, denn er ist nichtig im Anblick der Ewigkeit. &lt;br /&gt;
Wenn wir sterben, dann verliert alles was wir erreicht haben, alles was wir sind, die Bedeutung, was zählt ist nur noch unser nacktes Leben, sozusagen nur noch ein "Ja", das dabei dann zum "Nein" umgekehrt wird. Nennen wir diese Tatsache der bedingungslosen Gleichheit im Tod &lt;b&gt;die totale Konvergenz&lt;/b&gt;. In ihr laufen alle Fäden wieder zusammen und werden dann abgeschnitten.&lt;br /&gt;
Jetzt kann man aber meinen, das Leben hat noch einen gemeinsamen &lt;b&gt;direkten&lt;/b&gt; Ursprung, es fängt immer mit einer Zelle an. Aber dieses Argument könnte einem jeder Biologe um die Ohren schmettern wie etwas altes Zeitungspapier. Man betrachte nur die DNA und man findet schon wieder Unterschiede. Der Punkt, aus dem &lt;b&gt;wirklich&lt;/b&gt; auch &lt;b&gt;alle unsere Fäden &lt;/b&gt;entsprungen sind, ist &lt;b&gt;der Punkt Null&lt;/b&gt;, der Anfang der Zeit. Von dort aus trieben sie wild auseinander, in alle Richtungen, in unterschiedlichen Formen und Farben, bis irgendwann sie dann wieder in einem einzigen Punkt zusammenlaufen: Dem Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesem Denkmodell stellt sich doch die Frage, ob es irgendwo einen Scheitelpunkt gibt, und wenn ja, ob dieser schon überschritten worden ist. Selbst wenn es ihn gäbe, er würde doch nur einen theoretischen Parameter darstellen, auf die Praxis hat das kaum Auswirkungen. Und es wirft einem auf ganz kaltherzig die eigene Vergänglichkeit vor dem Kopf. Wir alle müssen sterben, ob wir es akzeptieren oder nicht.</description>
    <dc:creator>Count Lecrin</dc:creator>
    <dc:subject>Tod und Sterben</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Count Lecrin</dc:rights>
    <dc:date>2009-09-22T14:07:00Z</dc:date>
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