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    <title>Begleitschreiben ("Denken ist vor allem Mut..." (Ludwig Hohl))</title>
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    <description>"Denken ist vor allem Mut..." (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-08T18:09:28Z</dc:date>
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    <title>Hans Herbert von Arnim: Volksparteien ohne Volk</title>
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    <description>&lt;img title="Volksparteien ohne Volk  HH von Arnim" height="400" alt="Volksparteien ohne Volk  HH von Arnim" width="250" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Volksparteien-ohne-Volk-HH-von-Arnim.jpg" /&gt;"Das Versagen der Politik" will Hans Herbert von Arnim in seinem Buch "Volksparteien ohne Volk"  ja, was?  auflisten, entwickeln, enthüllen? Aber außer ein paar Bemerkungen über die Subventionspolitik zur ansonsten eher als Bastion des freien Marktes auftretenden Europäischen Union und einer zweitklassigen Politikerschelte hinsichtlich ihrer Versäumnisse was die aktuelle Finanzkrise angeht, erfährt man über ein potentielles Politikversagen kaum etwas. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn so weit kommt von Arnim einfach zu selten, weil er nur zwei große Themen hat: Parteien- und Politikerfinanzierung und das Wahlrecht, welches, so die These, den Volkswillen nicht nur nicht ausdrückt, sondern ignoriert. Auch wenn einem diese Themenbeschränkung als Gründe für eine immer weiter behauptete Politikverdrossenheit ein bisschen eindimensional erscheinen  warum nicht neue Argumente lesen, die dann vielleicht jene Untersuchungen relativieren, die in mangelnder Konsistenz der Politik (beispielsweise durch allzu anbiedernde Ausrichtung der Programmatik an jeweils aktuelle Umfragetrends) als Hauptgrund für eine sich breitmachende Politikmüdigkeit ausmachen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch hier versagt von Arnim, der mit markigen, manchmal albernen Sprüchen agi(ti)ert. Dabei übertönt die empörerisch daherkommende Krawallrhetorik leider die Ernst zu nehmenden, wichtigen Einwände, die sich natürlich auch im Buch finden. Weil aber irgendwann alles nur noch &lt;i&gt;verfassungswidrig&lt;/i&gt; ist und politisches Handeln allzu pauschal nur noch auf Macht und Geld reduziert werden, finden sich schnell keine adäquaten Begriffe mehr für tatsächlich grenzwertige, wenn nicht gar verfassungsinkompatible Zustände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so nimmt sich von Arnim dann auch das Grundgesetz vor. Es beruhe &lt;i&gt;in Wahrheitgar nicht auf dem Willen des Volkes&lt;/i&gt;, sei dem Volk gar &lt;i&gt;oktroyiert&lt;/i&gt; worden. Die Bürger hätten &lt;i&gt;ihm nie zugestimmt, weder direkt durch Volksabstimmung noch indirekt&lt;/i&gt;. Es gebe keine &lt;i&gt;demokratische Legitimation&lt;/i&gt; des Grundgesetzes. Weder lässt von Arnim die Ratifizierungen durch die einzelnen Länderparlamente 1949 gelten (er erwähnt sie zur Sicherheit erst gar nicht) noch vermag er sich der ansonsten verbreiteten These anzuschliessen, das Grundgesetz sei durch die Wahlbeteiligung an der ersten Bundestagswahl 1949 sozusagen indirekt vom Volk akzeptiert worden. Wenn er tatsächlich dieser Meinung ist, dann fragt man sich allerdings, warum laufend das Grundgesetz zum Maßstab all seiner Betrachtungen gemacht wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben diesen hanebüchenden Behauptungen, die mit effekthascherischen Attitüden garniert werden, gibt es Ungenauigkeiten en masse bis hin zu Fehlern. Es ist natürlich legitim, dass ein Autor seine Thesen auch pointiert und sogar polemisch setzt. Hierbei darf es jedoch alleine aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit nicht zu bewussten Verdrehungen, falschen Tatsachenbehauptungen oder Auslassungen kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So lässt von Arnim nicht davon ab zu behaupten, die &lt;i&gt;politische Klasse&lt;/i&gt; (er verwendet diesen Begriff ausschließlich pejorativ) habe sich mit der Zeit das Wahlrecht nach ihrem Gusto anverwandelt. Nach einer Bestätigung sucht man allerdings vergebens  die letzte gravierende Veränderung, die er anspricht, war die Einführung der 5%-Klausel. Das von ihm vehement bekämpfte Verhältniswahlrecht, welches mit Landeslisten operiert, ist dem Geiste nach (im Bund  und hierum geht es hauptsächlich) praktisch nie verändert worden. In einem anderen Sinne mutet die Klage, die Abgeordneten änderten das Grundgesetz fast nach Belieben reichlich merkwürdig an wenn er andererseits laufend Korrekturen und Änderungen anmahnt. Es ist bedauerlich, dass sich von Arnim nicht viel mehr auf die tatsächlich existierenden Fehlkonstruktionen konzentriert und immer auch gleich die "Systemfrage" mitstellt. Er kommt einem manchmal wie ein Feldherr vor, der auf dem Schlachtfeld den Sitz der Uniform höher bewertet als die Ausrüstung seiner Soldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Furor geht so weit, dass er das gesamte Prozedere zur Bundestagswahl als irregulär verwirft, weil (angeblich) Vorgaben des Grundgesetzes (welches ja eigentlich als illegitim angesehen wird) verletzt werden. Wir hätten, so von Arnim, &lt;i&gt;in Wahrheit gar kein demokratisches Wahlrecht&lt;/i&gt;. Selbst die Erststimme bei der Bundestagswahl sei keine Personenwahl, wie sie gefordert würde, sondern eine Parteienwahl, da der Bürger bei der Kür des Wahlkreiskandidaten nicht beteiligt war. Von Arnim schlägt hier Vorwahlen im Sinne der USA vor, ohne auszuführen, wie dies ablaufen soll. Muß man sich dann als Wähler für eine Partei registrieren lassen (Datenschutz!) oder dürfen nur Parteimitglieder abstimmen (vieles spricht dafür, dass er die erste Möglichkeit favorisiert)? Wie soll dabei konkret der Einfluß der Parteien reduziert werden, wird es doch nur eine Wahl innerhalb der jeweiligen Parteimitglieder geben? Am Rande sei bemerkt, dass das Vorwahlsystem in den USA politische Figuren wie Reagan oder Bush jr. nicht verhindert hat. Unlogisch, wenn er einerseits vehement für innerparteiliche Demokratie eintritt  andererseits dann Kandidaturen von mehreren Bewerbern als &lt;i&gt;Kampfabstimmung&lt;/i&gt; diskreditiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Gegen die 5%-Klausel und für das Mehrheitswahlrecht&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf quälend langen Listen führt von Arnim die heute schon "sicheren" Wahlkreise für die Bundestagswahl im September 2009 auf  Wahlkreise, in denen die Direktkandidaten einer bestimmten Partei teilweise seit Jahrzehnten reüssieren. Sicher sind die Wahlkreise, weil dort die Parteizugehörigkeit des Kandidaten alleine schon ausreicht, um gewählt zu werden (beispielsweise Wahlkreise in Bayern - CSU; im Ruhrgebiet - SPD). Unklar bleibt, wie eine Vorwahl dies ändern soll. Spielt doch, wie von Arnim mehrfach betont, die Person an sich gar keine Rolle, sondern nur die Parteizugehörigkeit. Kein Wort auch dazu, wie bzw. wer den Vorwahlkandidaten ihre "Caucus"-Wahlkämpfe bezahlen sollen. Zu Recht geißelt von Arnim den Status quo, dass die Parteien alteingesessene Kandidaten gegenüber innerparteilichen Herausforderern finanziell und personell stark begünstigen. Aber wie soll dies im Falle von Vorwahlen anders geregelt werden? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da von Arnim mit großem sprachlichem Furor bereits die Erststimmen als undemokratisches Geschacher verwirft, gibt es dann kaum noch rhetorische Steigerungsmöglichkeiten die Listenwahl per Zweitstimme zu kritisieren. Auch hier erkennt er nichts als Gekungel. Vieles was er hier anführt, ist zwar richtig aber eben längst jedem normal politisch interessierten als Ärgernis bekannt. Vehement wendet sich der Autor gegen die "Absicherung" prominenter Politiker auf Landeslisten. Das Argument, der Wählerwille werde ausgehöhlt, wenn beispielsweise ein im Wahlkreis unterlegener Kandidat über die Liste doch noch in den Bundestag einziehe, wird allerdings nicht konsequent zu Ende gedacht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar führt er mit großer Akiribie Wahlkreise auf, in denen bei der letzten Bundestagswahl zwei, drei, ja teilweise vier weitere Kandidaten zusätzlich zum Gewinner über die jeweiligen Landeslisten ihrer Parteien in den Bundestag eingezogen waren. Die Listenabsicherung führe meist dazu, dass bestimmte Kandidaten, die von Parteien auf diese Position gehievt worden seien, in jedem Fall in den Bundestag einziehen würden. Zweifellos ist dies kurios. Und fast folgerichtig tritt von Arnim plötzlich mit großer Vehemenz für das (relative) Mehrheitswahlrecht im Bund ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Leser ist nun allerdings verwirrt: Auf Seite 56 wird festgestellt, dass &lt;i&gt;die Fünfprozentklausel die Grundrechte der freien Wahl und Wählbarkeit der Bürger und der Chancengleichheit der Parteien schwer beeinträchtig[e]&lt;/i&gt; (die Gefahr der Zersplitterung des Parlaments sieht er nicht als gegeben) und auf Seite 152 schimpft er nun über die Macht der kleinen &lt;i&gt;Zünglein-an-der-Waage-Parteien&lt;/i&gt;, insbesondere natürlich der FDP, die 41 Jahre die Regierung bestimmt habe. Dies laufe auf eine &lt;i&gt;Entmachtung des Gros der Wähler&lt;/i&gt; hinaus. Was denn nun  Mehrheitswahlrecht oder Verhältniswahlrecht ohne 5%-Klausel? Von Arnim macht gar keine Anstalten, diesen Widerspruch auch nur irgendwie zu aufzulösen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4742455/"&gt;Man kann natürlich für ein Mehrheitswahlrecht sein&lt;/a&gt;  aber es würde ja die von ihm für mindestens ebenso wichtig erachteten Probleme der Parteien- und Politikerfinanzierung nicht lösen. Zwar würde es beim Mehrheitswahlrecht auf Bundesebene sofort keine Koalitionen mehr geben (die tatsächlich mindestens in einer Grauzone agieren, da der ausgehandelte Koalitionsvertrag selber nicht Gegenstand demokratischer Legitimation ist)  aber wie reagiert man bei konträren Mehrheitsverhältnissen im Bundesrat (eine Problematik, die von Arnim dem Verhältniswahlrecht anlastet, was ziemlich ungenau ist)? Die demokratische Legitimation des Vermittlungsausschusses zwischen Bundestag und Bundesrat kommt erstaunlicherweise beim ihm nicht vor. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einerseits beklagt von Arnim eine zu starke Dominanz von CDU/CSU und SPD  andererseits will er das Mehrheitswahlrecht. Hier geht er nur undeutlich auf &lt;a href="http://idw-online.de/pages/de/news175644"&gt;Strohmeiers&lt;/a&gt; und gar nicht zum Beispiel auf &lt;a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=Minderheitenfreundliches_Mehrheitswahlrecht&amp;top=Wikipedia&amp;suchbegriff=Mehrheitswahlrecht&amp;quellen=%2BBX%2CWIKI%2C%2BSP%2C%2BMM%2CALME%2C%2BMEDIA&amp;vl=0"&gt;Poiers Kompromissvorschläge&lt;/a&gt; ein. Beide versuchen Mischformen zwischen Mehrheits- und Verhältniswahlrecht zu entwickeln, um kleineren Parteien zumindest teilweise Teilnahme zuzugestehen, ohne ihnen  wie bisher - die Position des "Königsmachers" zu verschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist überraschend, dass von Arnims Bild des Wählers offensichtlich nicht das Beste zu sein scheint, obwohl er doch so vehement für dessen Rechte eintritt. Er zitiert das Spötterwort von der &lt;i&gt;"Besenstiel-Theorie"&lt;/i&gt;, die zynisch feststellt, in bestimmten Wahlkreisen würde selbst ein Besenstiel gewählt, vorausgesetzt er habe die richtige Parteizugehörigkeit. Hier nimmt er das Urteil des Wählers schon vorweg, weil er das aktuelle Wahlverhalten einfach aus der Vergangenheit ableitet; die Möglichkeit einer Änderung des Stimmverhaltens zieht er gar nicht ins Kalkül. Wenn er den politischen Parteien unterstellt, die behandelten die Wähler wie &lt;i&gt;Stimmvieh&lt;/i&gt;, so betreibt er in diesem Moment nichts anderes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Kumulieren und panaschieren und die Direktwahl des Ministerpräsidenten&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Desweiteren wird behauptet, die Feinheiten des Verhältniswahlrechts (bspw. die Problematik der Überhangmandate) seien dem Wähler nicht vermittelbar. Gleichzeitig wird jedoch für flexible Listen plädiert, in denen man &lt;a href="http://www.wahlrecht.de/lexikon/panaschieren.html"&gt;panaschieren&lt;/a&gt; und &lt;a href="http://www.wahlrecht.de/lexikon/kumulieren.html"&gt;kumulieren&lt;/a&gt; kann (die unterschiedlichen Möglichkeiten werden leider nur sehr oberflächlich erörtert; es ist natürlich einfacher, Parolen zu dreschen statt Aufklärung zu versuchen). Er feiert diese flexiblen Listen, die in vielen Bundesländern auf kommunaler Ebene eingeführt sind (insbesondere Baden Württemberg kommt hier eine Vorbildrolle zu), erklärt aber weder warum die Wahlbeteiligungen auf kommunaler Ebene deutlich unter denen der Bundestagswahl liegen noch wie viele Wähler von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben oder einfach nur (wie gehabt) das "Listenkreuz" abgaben. Kann es sein, dass von Arnim die Anstrengungen für den Wähler unterschätzt, die darin bestehen, sich mit allen Personen auf der Liste auseinanderzusetzen (am siehe am &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunalwahlrecht_(Hessen)"&gt;Beispiel von Hessen, wie komplex dieses Wahlsystem ist&lt;/a&gt;)? (Über die Spottnamen für die ellenlangen Wahlzettel liest man auch nichts.)  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seltsam, dass es von Arnim nicht in den Sinn kommt an das passive Wahlrecht des Bürgers zu erinnern bzw. die Möglichkeit der Partizipation des Bürgers über die Parteien darzustellen. Zwar erläutert er die Problematik von sogenannten &lt;i&gt;Ochsentour[en]&lt;/i&gt; und die vielleicht demotivierenden Erfahrungen innerhalb von Parteistrukturen. Dennoch bleibt zu fragen, warum er diese Möglichkeiten ausschließlich negativ konnotiert. Oder ob hier ein Feindbild zu dominant ausgeprägt ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den auf den ersten Blick interessanten Gedanken, in den Bundesländern den Ministerpräsidenten direkt wählen zu lassen, entwickelt von Arnim leider auch nicht weiter. Der Rekurs auf die Direktwahlen zum Bürgermeister in den Kommunen verkennt ja die Tatsache, dass Länderregierungen über den Bundesrat direkte Einflussmöglichkeiten im Bund haben. Was, wenn der direktgewählte Ministerpräsident einem mehrheitlich oppositionellen Landesparlament gegenüber steht? Wie wird dann das Landeskabinett gebildet und wie wird diese Form der &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Cohabitation"&gt;"Cohabitation"&lt;/a&gt; im Bundesrat zu Buche schlagen? Wie verträgt sich dieser Vorschlag mit der Aussage, &lt;i&gt;Ministerpräsident in einem deutschen Bundesland[sei] einer der schönsten Jobs der Welt&lt;/i&gt;, da man &lt;i&gt;"Herrscher aller Reussen"&lt;/i&gt; sei und wie ein &lt;i&gt;König&lt;/i&gt; regieren könne. Würde dieses Verhalten nicht durch eine Direktwahl noch gefördert? Man vermisst auch die Erläuterung, warum diese einzelne Maßnahme den &lt;i&gt;degeneriert[en]&lt;/i&gt; Föderalismus, jenes &lt;i&gt;unselige Erbe der Besatzungsmächte&lt;/i&gt; (wie geschichtsvergessen von Arnim doch zu sein scheint), revitalisieren soll. Denn  so führt er an anderer Stelle im Buch schlüssig aus: die Länderparlamente haben immer weniger zu entscheiden. Auch hier also Inkonsistenzen, Unklarheiten, Unausgegorenes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich wird auch die inzwischen in den Mainstreammedien angekommene Problematik der sogenannten Überhangmandate erörtert. Zunächst wird erläutert, warum Überhangmandate verfassungswidrig sein sollen (diese Meinung hat keinen Bestand beim Verfassungsgericht) und dann widmet sich der Autor der tatsächlichen Entscheidung des Gerichts bezüglich des &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Negatives_Stimmgewicht_bei_Wahlen"&gt;"negativen Stimmgewichts"&lt;/a&gt;, d. h. des Paradoxons, dass bei bestimmten Konstellationen ein Stimmenzugewinn einer Partei schadet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Das Kneifen des Autors vor der Komplexität&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorgeschlagen wird, die Überhangmandate durch ein sogenanntes Grabenwahlsystem abzuschaffen, welches &lt;i&gt;Wahlkreis- und Listenwahl trennt&lt;/i&gt; und damit das negative Stimmgewicht verunmöglicht. Wie sich das dann allerdings mit der Klage über die &lt;i&gt;aufgeblähten&lt;/i&gt; Parlamente verträgt, bleibt unklar. Von Arnim argumentiert hier allerdings auch wieder ungenau. So wird suggeriert, Überhangmandate und das Paradoxon des negativen Stimmgewichts seien identisch. Dass jedoch nicht jedes Überhangmandat automatisch den Effekt des negativen Stimmgewichtes nach sich zieht, ist schwer zu entdecken. Wer genaue Details haben will, wird hier alleingelassen und muss auf Wikipedia ausweichen. Wenn's ein bisschen komplex wird, kneift der Autor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kritik am Bundesverfassungsgericht ob des Urteils, mit der Beseitigung der  Problematik des negativen Stimmgewichts dem Gesetzgeber bis 2011 Zeit zu lassen nutzt von Arnim zu einer Suada wider die Besetzungsmodalitäten des Gerichts. Seinen diesbezüglichen Änderungsvorschlag findet man ausgerechnet im Kapitel über den Bundespräsidenten (den er vom Volk wählen lassen möchte): Dieser solle doch die Richter ernennen. Man kennt dies ja aus den USA  dort besetzt der Präsident die Richter des Supreme Court (und zementiert oft auf Jahrzehnte seine politische Richtung); die Senatsanhörung ist meist nur eine Formsache. Vom wem soll die bundespräsidiale Entscheidung angehört werden? Oder eine Prise Absolutismus nach Deutschland? Nein, danke.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Spezialthema von Arnims ist die Vergütung der Politiker (inklusive Ruhegelder), deren Ämterhäufung und die Parteienfinanzierung. Dass hier trotz einiger kleiner Fortschritte der letzten Jahre einiges im Argen liegt, ist bekannt. Es liegen allerdings hierzu genug Vorschläge auf dem Tisch. Bei von Arnim erfährt man dazu leider wenig. Stattdessen wird der Leser mit allen möglichen Zahlen bombardiert. Diese werden auch noch gebetsmühlenhaft wiederholt. So erfährt man beispielsweise auf den Seiten 336, 337 und 353 das Europaparlamentarier im Monat 17.540 Euro für Mitarbeiter ausgeben dürfen. Und es gibt mindestens fünf Stellen im Buch, die die äquivalente Summe für deutsche Bundestagsabgeordnete ausweisen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sprache ist bei diesem Thema besonders deftig. So wird der Betrag, den ein Minister als Abgeordneter zusätzlich zu seinem Ministergehalt bezieht laufend als &lt;i&gt;Schwarzgeld&lt;/i&gt; apostrophiert. Parteispenden werden immer mit Korruption gleichgesetzt. Frontal wird das System der staatlichen Parteienfinanzierung der Bundesrepublik angegriffen  um ausgerechnet das britische System als vorbildhaft darzustellen: &lt;i&gt;Der intensive politische Wettbewerb, den das Mehrheitswahlrecht begünstigt, hat mit dazu beigetragen, dass dort praktisch keine staatliche Parteienfinanzierung existiert.&lt;/i&gt; Von Arnim verwechselt in der Eile staatliche Parteienfinanzierung, die auf festgesetzten, pauschalen Zuwendungen beruht (bspw. Wahlkampfkostenerstatzung und Aufwandspauschale der Abgeordneten, deren Höhe man ja durchaus diskutieren kann) mit einem Spesensystem, welches derzeit in Großbritannien die Regierung ob seines Missbrauchspotentials erschüttert. Widersprüchlich ist seine Haltung auch dahingehend, wenn einerseits (berechtigterweise) heftig gegen Lobbyismus von Wirtschaft und Verbänden gewettert wird, andererseits die angelsächsischen Finanzierungsmodelle, die hierauf im wesentlichen basieren, goutiert werden. Eine seriöse Behandlung dieser Thematik sieht anders aus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeden gefundenen Fehler hysterisiert von Arnim sofort. Vokabeln wie &lt;i&gt;Ämterpatronage&lt;/i&gt; oder &lt;i&gt;Kartell-Parteien&lt;/i&gt; oder &lt;i&gt;legalisierte Vetternwirtschaft&lt;/i&gt; sind an der Tagesordnung. Korruption von Abgeordneten sei straflos, wird ernsthaft behauptet. Vehement wird die EU angegriffen, die mit der neuen Wahlperiode die Vergütungen der EU-Parlamentarier vereinheitlicht hat (7.500 Euro/Monat). Man erfährt, dass ein bulgarischer Abgeordneter nun rd. 605% mehr verdient als vorher. Von Arnim tritt für eine kaufkraftgemässe Vergütung ein, d. h. der Bulgare sei mit seinen bisherigen 1.036 Euro angemessen bezahlt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Peinlichkeiten, Auslassungen, Manipulationen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Desweiteren werden Rechnungen aufgeführt, in denen ein luxemburgischer Abgeordneter etwa 75.000 Einwohner &lt;i&gt;repräsentiert&lt;/i&gt;, ein deutscher jedoch 830.000. In überbordender Polemik heisst es, dass die Stimme eines Luxemburgers elfmal mehr Wert sei als die Stimme eines Deutschen. Deutschland sei im EU-Parlament unterrepräsentiert. Auch hier ist von Arnims Widersprüchlichkeit überdeutlich: Einerseits beklagt er eine zu aufgeblähte EU-Administration, andererseits würde eine einwohnergemässe Besetzung des EU-Parlaments genau dazu führen. Desweiteren vergisst er, dass die prozentual etwas grosszügigere Berücksichtigung gerade der kleinen Länder politisch gewollt ist. Die tatsächlichen demokratischen Defizite in der EU-Administration spielen leider nur eine untergeordnete Rolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einiges ist geradezu peinlich. Etwa wenn er schreibt, dass das Europäische Parlament &lt;i&gt;kein einheitliches europäisches Volk&lt;/i&gt; vertritt. Als Beleg führt er &lt;a href="http://dejure.org/gesetze/EG/189.html"&gt;Artikel 189 EG-Gesetz an, in dem es heißt: "Das Europäische Parlament besteht aus Vertretern der Völker der in der Gemeinschaft zusammengeschlossenen Staaten"&lt;/a&gt; Von Arnims Schluß: &lt;i&gt;Deutsche EU-Abgeordnete vertreten also das deutsche Volk, französische Abgeordnete das französische, und polnische EU-Abgeordnete vertreten das polnische Volk. Das bedeutet aber, dass die Abgeordneten sichnach dem Referenzrahmen ihres jeweiligen Herkunftslandes richten sollten und nicht nach einheitlichen gesamteuropäischen Maßstäben, die es ebenso wenig gibt wie ein einheitliches europäisches Volk.&lt;/i&gt; Abgesehen davon, dass im Gesetz gar keine Rede von einem &lt;i&gt;europäische[n] Volk&lt;/i&gt; ist: Gravierender ist die gewollte Fehldeutung des Gesetzestextes, dass das Parlament aus Vertretern der Völker bestehe und die Schlußfolgerung hieraus, dass diese Vertreter dann die Interessen der Nation zu vertreten hätten. Dabei ist exakt das Gegenteil intendiert, was sich ja u. a. in der von ihm ebenfalls heftig kritisierten Fraktionsbildung innerhalb des Europäischen Parlaments zeigt (wenn auch in der Praxis die nationalen Egoismen auch im Europaparlament immer wieder aufscheinen).    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwanghaft seine Versuche, Richard von Weizsäcker, einen Kritiker des Parteien- und Parteienfinanzierungssystems der Bundesrepublik, als Kronzeugen für seine Thesen zu instrumentalisieren. Weizsäcker habe, so suggeriert von Arnim, davon gesprochen, dass die Parteien den &lt;i&gt;Staat als Beute&lt;/i&gt; betrachten würden. Tatsächlich stammt diese Formulierung aus einem Interview in der "Zeit", in dem von Weizsäcker diese Formulierung jedoch für das Vorgehen der Parteien (präziser: der SPD) im &lt;a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0601/none/0083/index.html"&gt;Berliner Finanzskandal Anfang der 80er Jahre&lt;/a&gt; verstanden wissen wollte ("In Berlin haben wir stärker als anderwärts in den letzten Jahren eine Parteienkoalition und vor allem eine führende Regierungspartei erlebt, die sich den Staat zur Beute gemacht hat. Die Ämterpatronage hat nirgends den hiesigen Umfang angenommen." Von Weizsäckers Einschätzung war damals allerdings nicht ganz uneigennützig  er wurde 1981 bei Neuwahlen zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt.) Und &lt;a  href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=8778822&amp;top=SPIEGEL"&gt;von Weizsäckers Vorwurf der "Machtversessenheit" aus dem Jahr 1992&lt;/a&gt; ist zwar pro forma an alle Parteien gerichtet (Stichwort: Überparteilichkeit des Bundespräsidenten)  hatte jedoch in Wirklichkeit das "Prinzip Kohl" im Auge (obwohl von Weizsäcker &lt;a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/457/469017/text/11/"&gt;dies heute relativiert&lt;/a&gt;). Von Arnim verschweigt einfach den Kontext, in dem beide Bemerkungen stehen und vereinnahmt den ehemaligen Bundespräsidenten auf diese plumpe Weise.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit anderen Sachverhalten nimmt er es auch nicht so genau. Ein kleiner Fehler nur, wenn in der Betrachtung der Grundmandatsklausel auf Seite 58 der PDS nach der Wahl 2002 nur ein Mandat zugeschrieben wird, auf Seite 65 dann die korrekte Zahl (zwei) erscheint. Größer schon der Irrtum, &lt;i&gt;Regierungswechsel im Bund&lt;/i&gt; seien &lt;i&gt;in der Vergangenheit meist nicht durch Wahlen, sondern durch Bildung neuer Koalitionen erfolgt.&lt;/i&gt; Das stimmt für 1966 und 1982, aber nicht für 1969, 1998 und 2005. Allerdings ist von Arnim bei 1969 anderer Meinung: er führt zwar aus, dass mit der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten im Mai 1969 die FDP signalhaft zur SPD umgeschwenkt wäre und daraufhin die SPD von der fast schon sicheren Einigung mit CDU/CSU das Mehrheitswahlrecht einzuführen, abgerückt sei um eine mögliche Koalition mit der FDP nicht zu gefährden (diesen Sachverhalt erwähnt er mindestens vier Mal)  dann jedoch setzt er das Märchen von der Ignoranz des Wählerwillens in die Welt, weil die SPD sich als zweitstärkste Partei mit der FDP gegen den ehemaligen Koalitionspartner zusammengetan habe - und dies obwohl durchaus Minderheitenregierungen akzeptiert würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesentlich elementarer als diese Kleinigkeiten ist es da, wenn akribisch die Vergütungen der Landtagsabgeordneten der Länder, in denen 2009 gewählt wird aufgeführt werden und exemplarisch für alle anderen Bundesländer erscheinen, aber ein Gegenbeispiel vorenthalten wird. Denn immerhin gibt es mit der &lt;a href="http://www.wdr.de/themen/politik/deutschland02/diaeten/interview.jhtml"&gt;seit 2005 in Nordrhein-Westfalen gültigen Vergütungsverordnung der Landtagsabgeordneten auch ein positives Modell.&lt;/a&gt; Dort wurden die Diäten zwar drastisch erhöht. Aber im Gegenzug fielen alle steuerfreien Pauschalen weg und die Abgeordneten müssen selbst für ihre Altersversorgung und ihre Krankenversicherung sorgen. Das Modell fand sogar die Zustimmung des Bundes der Steuerzahler. Hiervon findet sich kein Wort in diesem Buch.     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Schäumende Empörungsrhetorik&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man erschrickt, dass von Arnim offenbar auf verfassungstheoretischem Gebiet Wissenslücken zu besitzen scheint  oder eine gespielte Naivität zur Schau stellt. Abgesehen von der ökonomischen Komponente (die &lt;i&gt;Doppelalimentierung&lt;/i&gt; ist in der Tat ein Ärgernis) suggeriert der Autor, dass ein Minister, der zugleich auch Abgeordneter im Parlament ist, das Prinzip der Gewaltenteilung verletzt. Die Kontrollfunktion des Parlaments sei ad absurdum geführt, wenn ein Minister über seinen "eigenen" Gesetzentwurf abstimmen würde. Vordergründig hat von Arnim hier recht. Er erwähnt jedoch nicht, dass diese Gewalten&lt;b&gt;trennung&lt;/b&gt;, die er hier verfechtet, mit dem Prinzip der Gewaltenteilung gar nicht gemeint ist. Ein Anfängerfehler  oder vorsätzliche Täuschung des Lesers? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Moderne Staatsrechtler sprechen längst von einer &lt;a href="http://www.bpb.de/publikationen/765Y4I,3,0,Gewaltenteilung_zwischen_Legislative_und_Exekutive.html#art3"&gt;Gewaltenverschränkung und wollen die Legislative eher in der Funktion der (parlamentarischen) Opposition verorten&lt;/a&gt;, da der Parlamentarier der Regierungsfraktion(en) in der Regel mindestens befangen ist (über die problematische Gepflogenheit des "Fraktionszwangs" finden sich in dem Buch nur wenige, erstaunlicherweise eher beschwichtigende Bemerkungen). Natürlich könnte in der Bundesrepublik die Trennung von Ministeramt und Mandat festgeschrieben werden (was sicherlich ein Vorteil wäre), dennoch ist es völlig unangemessen, diese Frage derart zu skandalisieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch ist durchsetzt von logischen Fehlschlüssen des Autors; meist verunglückte Versuche, polemisch-scharf zu sein. So mag man ja den Chefvolkswirt der Deutschen Bank für eine fragwürdige Figur halten, aber warum seine Prognose von Ende Februar 2009, die Wirtschaft breche um 5% im laufenden Jahr ein mit der Bemerkung kommentiert wird, dass Walter &lt;i&gt;dabei ausblendete, dass es die Banken selbst waren, die Derartiges verursacht haben und weiter verursachen&lt;/i&gt;, bleibt ein Rätsel. Walters Wirtschaftsprognose ist eine Erwartung an die Zukunft  die Ursachenforschung ist natürlich (erst einmal) ein anderes Feld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bei Walter noch wie eine Episode erscheint, wird in der Argumentation um den Föderalismus heikel. Ein &lt;i&gt;Grundproblem des deutschen Föderalismus&lt;/i&gt; sieht von Arnim im &lt;i&gt;unangemesse[n] Zuschnitt der Länder, der auf der Willkür der früheren westlichen Besatzungsmächte beruht&lt;/i&gt;. Hieraus ergebe sich als &lt;i&gt;fatale Folge&lt;/i&gt; des Ausbleibens einer &lt;i&gt;durchgreifende[n] Gebietsreform&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;sogenannte Finanzausgleich&lt;/i&gt;, der &lt;i&gt;wirtschaftlich stärkere Länder&lt;/i&gt; zu Ausgleichzahlungen an schwächere verpflichte. Auch diese Konklusion bleibt geheimnisvoll: Meint von Arnim, dass Bundesländer neu konzipiert gehören (die Reduzierung auf neun oder gar sechs ist immer wieder im Gespräch)? Wenn ja, wie? Sollen sich wirtschaftlich schwächere Länder zusammenschließen oder soll es ein "Patenschaftsmodell" geben? Was, wenn sich die Wirtschaftsleistung in den einzelnen Ländern ändert? Oder, ein bisschen weiter gefasst: Wie sieht seine Vorstellung eines besseren Föderalismus aus? Will er überhaupt einen? Oder will er den Föderalismus abschaffen? Wenn ja, was kommt stattdessen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Detaillierte Vorschläge zur besseren Parteienfinanzierung bleibt er ebenso schuldig wie eine Ausdifferenzierung des von ihm favorisierten Mehrheitswahlrechts. Sein emphatisch vorgetragenes Plädoyer für mehr Bürgerbeteiligung erschöpft sich in symbolische Kandidatenwahlen, die ansonsten konturlos bleiben. Warum wird der Leser mit wohlfeilen Phrasen abgespeist, statt ihm ausgearbeitete Modelle und Entwürfe vorzulegen?     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schäumende Empörungsrhetorik versperrt mehr als nur gelegentlich den Blick aufs Wesentliche. Als ein &lt;i&gt;dröhnendes Sprachrohr&lt;/i&gt; wird Oskar Lafontaine apostrophiert  man ist geneigt, dieses Attribut als gelungene Charakterisierung auf den Autor selber anzuwenden. Er bereitet einen Eintopf zu, dessen zweifellos vorhandenen guten Zutaten in der Masse der verdorbenen Beigaben nahezu verschwinden. Die Lektüre dieser zähen, redundanten und teilweise gehirnwäscherischen 370-Seiten-Schrift ist für den auch nur rudimentär politisch vorgebildeten Leser reine Zeitverschwendung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hans Herbert von Arnims Verdienste in der Vergangenheit sind unbestreitbar, aber mit solchen nichtssagenden Pamphleten entwickelt er sich leider zum Dieter Bohlen der Parteienforscher. Das schmerzt doppelt. Denn es geht ja um mehr als Herrn von Arnim. &lt;br /&gt;


&lt;hr /&gt;  
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-07-08T18:06:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5811816/">
    <title>Hans Herbert von Arnim: Volksparteien ohne Volk</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/yMXnO_urjs8/</link>
    <description>&lt;img title="Volksparteien ohne Volk  HH von Arnim" height="400" alt="Volksparteien ohne Volk  HH von Arnim" width="250" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Volksparteien-ohne-Volk-HH-von-Arnim.jpg" /&gt;"Das Versagen der Politik" will Hans Herbert von Arnim in seinem Buch "Volksparteien ohne Volk"  ja, was?  auflisten, entwickeln, enthüllen? Aber außer ein paar Bemerkungen über die Subventionspolitik zur ansonsten eher als Bastion des freien Marktes auftretenden Europäischen Union und einer zweitklassigen Politikerschelte hinsichtlich ihrer Versäumnisse was die aktuelle Finanzkrise angeht, erfährt man über ein potentielles Politikversagen kaum etwas. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn so weit kommt von Arnim einfach zu selten, weil er nur zwei große Themen hat: Parteien- und Politikerfinanzierung und das Wahlrecht, welches, so die These, den Volkswillen nicht nur nicht ausdrückt, sondern ignoriert. Auch wenn einem diese Themenbeschränkung als Gründe für eine immer weiter behauptete Politikverdrossenheit ein bisschen eindimensional erscheinen  warum nicht neue Argumente lesen, die dann vielleicht jene Untersuchungen relativieren, die in mangelnder Konsistenz der Politik (beispielsweise durch allzu anbiedernde Ausrichtung der Programmatik an jeweils aktuelle Umfragetrends) als Hauptgrund für eine sich breitmachende Politikmüdigkeit ausmachen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch hier versagt von Arnim, der mit markigen, manchmal albernen Sprüchen agi(ti)ert. Dabei übertönt die empörerisch daherkommende Krawallrhetorik leider die Ernst zu nehmenden, wichtigen Einwände, die sich natürlich auch im Buch finden. Weil aber irgendwann alles nur noch &lt;i&gt;verfassungswidrig&lt;/i&gt; ist und politisches Handeln allzu pauschal nur noch auf Macht und Geld reduziert werden, finden sich schnell keine adäquaten Begriffe mehr für tatsächlich grenzwertige, wenn nicht gar verfassungsinkompatible Zustände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5811818/"&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Demokratie und Rechtsstaat</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-07-08T18:04:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5806238/">
    <title>Ressortschließungen</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/5Z8JqJCTrl8/</link>
    <description>Die Ressorts "Literatur", "Literaturkritik in der Kritik" und "Peter Handke" werden wegen des geringen Interesses nicht mehr weitergeführt. Bestehende Texte bleiben vorerst online.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wenigen, die Interesse haben, wissen wo sie mich finden.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>In eigener Sache</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-07-06T15:42:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5790135/">
    <title>Zur Entbanalisierung des Bachmannpreises</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/Wwx9rG_n9UE/</link>
    <description>Das Jahr 2009 erinnerte stark an 2006, als Katrin Passig in einem extrem schwachen Jahrgang reüssierte (was in einer beleidigten Attitüde umgehend dazu führte, dass man Novizen nicht mehr zuließ, sondern auf einer Publikation bestand). 2007 gab dann ein bisschen mehr her, &lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5009950/"&gt;aber im vergangenen Jahr rauschte das Niveau abermals nach unten &lt;/a&gt;(zumal man wirklich gute Beiträge auch noch aus Opportunitätsgründen verriss). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2009 ist nun mit fast neuer Jury abermals ein Tiefpunkt erreicht. Man fragt sich schon, wer eine Meike Feßmann als Jurorin auserkoren hat. Natürlich: Die Formalqualifikation stimmt und Frau Feßmann sagte ja auch wie eine brave Musterschülerin ihr angelerntes und angelesenes Wissen auf. Irgendwann teilte sie dann nur noch mit, ob ihr etwas gefallen habe oder nicht. Das füllt sie auch vollständig aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Jandl hatte einige nette Aperçus zu bieten, etwa "hermeneutisches Gewichtheben" gegen Mangolds Versuch, angelesenes Wissen auf einen Beitrag zu stülpen oder sich selbst am nächsten Tag ob seiner Einschätzung des Prosastückes von Jens Petersen zu korrigieren und von einem "Freispruch in zweiter Instanz" zu sprechen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren dann schon fast die Höhepunkte einer ansonsten blassen Jury, in der zunächst einmal jeder seine vorbereitete Rede absonderte (ausser vielleicht Alain Claude Sulzer, der locker blieb). Nachher schmiss man sich noch ein paar Zitate an den Kopf; einfache Gemüter meinten daraufhin voreilig, die Jury "rede" miteinander. Es bedurfte eines Volker Hage im 3sat-Gespräch der zugab, er höre nur drei Juroren zu, die anderen schläferten ihn ein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich war ja der Predigerton von Hildegard Keller schwer zu ertragen. Ijoma Mangold wollte mit lexikalischem Wissen glänzen, was peinlich war und nichts Gutes für dessen ZDF-Sendung ahnen lässt. Frau Fleischanderl passte von ihrem Anspruch überhaupt nicht in diesen Club hinein, aber man fragte sich wieso ausgerechnet sie diese "polit-moralische Erpressung" (Mangold zu Linda Stifts Erzählung) auswählen konnte. Burkhard Spinnen spielte ein bisschen den Übervater und verteidigte am Ende dann den Wettbewerb; aber er fand auch immer nur das Wort "Text". &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man weiss als Zuseher nicht genau zu sagen, was unerträglicher war: Clarissa Stadler als Moderatorin der Diskussionsrunde, die glaubte, ihre Kindergartenmeinung einbringen zu müssen und munter drauflos plapperte und zwanghafte Überleitungen konstruierte (und bei der Preisvergabe den Modus nicht durchschaute und vollkommen überfordert war) oder Eva Wannenmacher, die mit Andreas Isenschmid das Rahmenprogramm bei 3sat moderierte. Wie gut, dass letztere zwei Tage über Urheberrecht und Google schwätzten (und natürlich nicht vom Fleck kamen) statt über den Wettbewerb oder &lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5785097/"&gt;Josef Winklers Rede&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wettbewerb verkümmert immer mehr zur bloßen Peinlichkeit. Wenn Mangold am Ende einen Beitrag als "liebenswürdigen Text" beschreibt, ist dies nur beim ersten Hinhören ein Lob; weiter gedacht wendet sich diese (eigentlich falsche) Formulierung sowohl gegen den Juror als auch gegen den Gegenstand der Kritik. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei war fast alles "handwerklich gut gemacht". Aber warum lobt man eigentlich Selbstverständlichkeiten? Man stelle sich einen Koch vor, dessen Küche als "handwerklich gut" bezeichnet wird. Das bedeutet vermutlich nur, er hat die Speisen nicht verkocht oder angebrannt serviert.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Handwerklich gut gemacht": Fehlerlos, gut beschreibend, aber risikolos, betulich, brav, steril - nicht mehr. Schreibschulgerecht. Nicht erzählend, sondern "aufzählend". Wo ist die Sprache, die Epik? Zuviel verlangt im Meer der Ereignislosigkeit? Zyniker scheinen das erkannt zu haben - &lt;a href="https://docs.google.com/View?docid=d3nxxvf_1073tr8nfmdq&amp;pageview=1&amp;hgd=1"&gt;ihr Katalog folgt anderen Kriterien&lt;/a&gt; (im letzten Jahr kamen sie auf den gleichen Preisträger wie die Jury). In ihrer "automatischen Literaturkritik" spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht, das Unerfassbare normativ zu beglaubigen. Da ist es dann plötzlich relevant, ob von &lt;a href="http://riesenmaschine.de/index.html?nr=20090628073405"&gt;Nagetieren oder "uncoolen Einrichtungsgegenständen"&lt;/a&gt; die Rede ist. Wenn es keine Krücken gibt, nimmt man auch gerne herumliegendes Gehölz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Freundin, mit der ich seit vielen Jahren den Bachmannpreis verfolge, stellt über die Autoren zutreffend fest:  

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Das sind fast immer Leute, denen die Bücher schon in die Wiege geschmissen wurden und schon Akademikereltern haben und es irgendwie exotisch finden, wenn sie mal eine "richtige" Arbeit machen mussten, das steht ja dann immer gleich im Lebenslauf. Das Auswalzen der Lorbeeren etc. (wenn einer nur zwei Beiträge in Zeitschriften publiziert hat, steht "Publikationen, Auswahl", wenn einer einen winzigen Preis hat, steht ebenfalls "Auswahl"). [...] Und warum ist bei denen alles so eng? Der Arzt schreibt über Medizin, der Physiker über Physik, die Weltverbesserin über Migranten, und am schlimmsten, die, die gar nichts erlebt haben, schreiben über Schriftsteller.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, tatsächlich  wenn die Entscheidung eines Hundes, ob er nach rechts oder links geht zu einem Spannungsmoment einer Erzählung wird, wenn eine Magenspiegelung ein einschneidendes Ereignis im Leben darstellt, die Schritte im Gras zur selbstreflexiven Geste aufgeblasen werden oder die morgendliche Rasur ein Tageshöhepunkt in der Krisenbewältigung darstellt  - kurz:  wenn die Erlebnis- oder Vorstellungswelt eines Schriftstellers derart "eng" daherkommt und nicht literarisch erweitert wird, muß etwas passieren, denn diese Literatur ist dann trotz tatsächlich handwerklichem Gelingen nur noch läppisch und wenn erwachsene Menschen diese läppische Literatur in irgendeiner Form noch verteidigen oder ihr Gutes abgewinnen wollen  dann sind auch die Urteile dieser Menschen nur noch läppisch.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jury besteht inzwischen zum Teil nur noch aus drittrangigen Figuren  was sich natürlich sofort auf die Qualität der eingereichten Beiträge auswirkt. Sie wollen ebenso wenig etwas riskieren wie die Autoren (teilweise  was man entlastend anführen muss  weil sie an früheren Wettbewerben gesehen haben, was mit Beiträgen geschah, die etwas "riskierten"). Daher huldigen sie in vorauseilendem Gehorsam einem bequemen Zeitgeist. Statt Akzente zu setzen, hören sie auf die Akzentuierungen anderer.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Wettbewerb muß entbanalisiert und entritualisiert werden. Hier sieben Vorschläge für einen neuen Bachmannpreis:

&lt;blockquote&gt;&lt;b&gt;1. Die Patenschaft für je zwei Teilnehmer pro Juror muß entfallen. Zugelassen werden nur Beiträge, die von einer anderen (im Idealfall anonymen) Jury vorgeschlagen werden. Die maximale Anzahl von Beiträgen wird auf zehn festgesetzt. Es gibt fünf (maximal sieben) Juroren.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das Ränkespiel "schlägst Du meinen Teilnehmer  prügele ich Deinen Teilnehmer" (oder, noch schlimmer, das gegenseitige Loben) muss endlich aufhören. Falsche Rücksichtnahmen und taktisches Vorgehen entfallen mit der neuen Regel sofort. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;2. Es dürfen nur Prosastücke eingereicht werden, die in sich abgeschlossen sind bzw. ein Hinweis darauf, dass das Stück ein Teil eines Romans ist, darf nicht ausgedrückt oder suggeriert werden.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Der dumme Einwand, es handele sich ja um ein Teil eines Romans, zählt nicht mehr. Kein Teilnehmer und Juror soll sich mehr auf das Zukünftige herausreden dürfen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;3. Am wichtigsten: Die Wettbewerbsbeiträge dürfen der zu entscheidenden Jury vorher NICHT zur Kenntnis gebracht werden. Es muß wieder das spontane Urteil gefragt sein, was durchaus im Laufe der Diskussion revidiert, abgemildert oder verschärft werden kann.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Viele Juroren zeigten sich, obwohl sie mehrere Tage Gelegenheit hatten die Beiträge zu lesen und ggf. nachzurecherchieren, schlecht vorbereitet und auch textunsicher. Die Regelung wurde zum Schutz der Jury vor einer Blamage des ersten Urteils eingeführt. Solche Rücksichten braucht man nicht mehr zu nehmen. Entweder wissen die Juroren, wovon sie sprechen oder nicht. Aufgesagte Statements sind entbehrlich. Außerdem beugt man Absprachen im Vorfeld vor.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;4. Nach Abschluß aller Lesungen und Diskussionen gibt es am Samstag Nachmittag eine zusätzliche öffentliche Jury-Diskussion.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Juroren können hier ihr spontanes Urteil nach allen Lesungen öffentlich bekräftigen oder revidieren und dies ggf. begründen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;5. Die Videoportraits werden abgeschafft.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Autoren erklären, wie sie schreiben, warum sie schreiben, was sie tun, was sie nicht tun  oder veralbern das Medium. Für die Rezeption des eingereichten Textes ist das unerheblich. Viele Juroren hat dies in der Vergangenheit derart stark abgelenkt, dass sie aus dem Portrait Schlüsse gezogen haben, die unmittelbar nichts mit der Prosa zu tun hatten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;6. Ein/e Moderator/in mischt sich nicht in die Jurydiskussion ein sondern vergibt Wortmeldungen, koordiniert den Zeitplan und achtet auf die Wortmeldungen. &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Moor und Stadler gehen nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;7. Es gibt nur noch einen Preis, der von der Jury vergeben wird  und einen undotierten Publikumspreis.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Der dritte Preis heisst nicht dritter Preis sondern "3sat-Preis". Der "Ernst-Willner-Preis" ist heuer der vierte Preis; davor war er immer der dritte, usw. Alles Etikettenschwindel. Es gibt nur einen Preis, der mit mindestens € 40.000 dotiert ist. Der Publikumspreis ist ein ideeller Preis. Um ihn vor Manipulationen zu schützen, sollte er undotiert sein. Zudem ist nicht klar, ob die Abstimmer alle Texte gelesen haben, was zwingend notwendig wäre.   &lt;/blockquote&gt;

Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden zu einer Belebung des Bewerbs führen. Ansonsten droht tatsächlich in den nächsten Jahren der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Wer das nicht glaubt, lese sich die &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ingeborg-Bachmann-Preis#Preistr.C3.A4ger_des_Ingeborg-Bachmann-Preises"&gt;Preisträgerliste einmal durch&lt;/a&gt; und vergleiche dann. Womit nichts gegen Jens Petersen, den Preisträger von 2009, gesagt sei. Er war aber (mit Gregor Sander) nur der Einäugige unter den Blinden.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literaturkritik in der Kritik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-28T09:43:00Z</dc:date>
  <feedburner:origLink>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5790135/</feedburner:origLink></item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5785097/">
    <title>"In der Zeit der Lindenblüte" - Josef Winklers Zorn auf Klagenfurt</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/v3hsg_JtEdU/</link>
    <description>Heute haben die Lesungen zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2009 begonnen und 3sat ist live aus Klagenfurt dabei. In der Pause diskutiert man über das Urheberrecht. Das hat zwar nichts mit dem Bachmannpreis zu tun, aber erregt die Gemüter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href="http://www.welt.de/kultur/article3993587/Todesfaelle-in-Klagenfurt.html"&gt;Kein Wort über Josef Winklers gestrige Rede&lt;/a&gt;, die inzwischen auch die Gemüter erregen dürfte. Auf der Webseite von "Kulturzeit" findet sich allerdings hierzu bis jetzt nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei ist Winklers Furor beißend:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über 30 Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100 000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt, in einem Land, in dem der damalige, inzwischen eingeäscherte Landeshauptmann gemeinsam mit dem röm.-kath. Parteivorsitzenden der sogenannten christlich-sozialen Volkspartei - der vor einem Jahr einen schweren Verkehrsunfall überlebt und nach seiner Genesung im Freundeskreis demutsvoll erzählt hat, dass ihm, um seine Worte zu gebrauchen, die "Lourdes-Mitzi" beim Verkehrsunfall das Leben gerettet hat -, dieser Kärntner ÖVP-Vorsitzende und der ehemalige Kärntner Landeshauptmann, der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat, haben im vergangenen Jahr beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank einem Villacher Steuerberater für seine zweimonatige mündliche Beratung ein Honorar in Höhe von sechs Millionen Euro in räuberischer Manier aus Landesvermögen zugeschanzt. Und höchst appetitlicherweise ist dieser Villacher Steuerberater auch noch der persönliche Steuerberater des Kärntner ÖVP-Politikers, dem himmel- und gottseidank die Lourdes-Mitzi bei einem Verkehrsunfall das Leben gerettet hat. Gegrüßt seiest du, Maria, Königin der Güte, Ölbaum der Barmherzigkeit, durch welchen uns die Arznei des Lebens zukommt! &lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Winkler hört gar nicht mehr auf:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Aber für eine Stadtbibliothek in der Landeshauptstadt, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt, hatten diese drei erwähnten Politiker in den letzten Jahren, und eigentlich seit dieser Literaturwettbewerb existiert, kein Geld. Sie haben kein Geld für eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche. Sie haben kein Geld für Bücher. Sie haben kein Geld für die Bücher von Ingeborg Bachmann. Sie haben kein Geld für "Der gute Gott von Manhattan". Sie haben kein Geld für die "Anrufung des Großen Bären". Sie haben kein Geld für "Die gestundete Zeit". Sie haben kein Geld für "Malina", für "Das dreißigste Jahr". Seit über 30 Jahren haben sie kein Büchergeld für die Jugend dieser österreichischen Stadt! denke ich, in der Henselstraße, vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend, auf den an der rosaroten Hausmauer sich hochrankenden Rosenstrauch und immer wieder nach rechts zum Schildpattkranz schielend, der schwer auf der Gartentür des Nachbarhauses hängt. "Es ist kein Geld im Haus. Keine Münze fällt mehr ins Sparschwein. Vor Kindern spricht man nur in Andeutungen. Sie können nicht erraten, dass das Land im Begriff ist, sich zu verkaufen und den Himmel dazu, an dem alle ziehen, bis er zerreißt und ein schwarzes Loch freigibt."&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rede ist wahrhaftig und sie ist mutig, denn Winkler ist im Universitätsbetrieb von Klagenfurt eingebunden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem irrt er aber, denn die Frage &lt;i&gt;wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern, den Hausherrn des Landes Kärnten und den Hausherrn der Stadt Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch werden sie demütig sein und sich lammfromm ausrauben lassen . . . &lt;/i&gt; stellt sich so gar nicht. Schliesslich wurden diese &lt;i&gt;schamlosen und räuberischen Politiker&lt;/i&gt; ja mehrheitlich gewählt.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Provokantes</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-25T16:21:00Z</dc:date>
  <feedburner:origLink>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5785097/</feedburner:origLink></item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5779538/">
    <title>Martin van Creveld: Gesichter des Krieges</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/c7QVxJYh6O0/</link>
    <description>&lt;img title="Martin van Creveld  Gesichter des Krieges" height="250" alt="Martin van Creveld  Gesichter des Krieges" width="157" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Martin-van-Creveld-Gesichter-des-Krieges.jpg" /&gt;Die Frage, die zur Zeit nicht nur Militärs beschäftigt, wird zum Kristallisationspunkt im Buch des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld "Die Gesichter des Krieges": &lt;i&gt;Gibt es einen Ausweg, oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt?&lt;/i&gt; In Bezug auf die derzeit einzig verbliebene Supermacht USA und deren aktueller Kriegsführung im Irak stellt sich die Frage pointierter: Was, wenn nicht einmal eine derart hochgerüstete Militärmacht gegen Terroristen und Guerillas reüssieren kann? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Will man die Gegenwart verstehen, so studiere man die Vergangenheit&lt;/i&gt; sagt sich van Creveld und analysiert die Kriege des 20. Jahrhunderts und damit den "Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute" (so der Untertitel). Das Ungewohnte dabei ist, dass nicht nur, wie im Vorwort erläutert, &lt;i&gt;die militärischen Operationen selbstder zentrale Strang der Fragestellung bleiben&lt;/i&gt;, sondern (insbesondere was die Behandlung des Zweiten Weltkriegs angeht) die politischen und sozialen Implikationen fast immer ausgeblendet werden. Dieses speziell für den deutschen Leser ungewohnte Verfahren wurde wohl einerseits gewählt, weil ansonsten der Rahmen der Untersuchung gesprengt worden wäre, andererseits setzt van Creveld schlichtweg ein gewisses historisches Basiswissen voraus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wird der Leser zunächst in die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts mit seinen acht Großmächten (inklusive Italien), davon fünf in Europa (wenn man Russland nicht hinzurechnet; nur zwei Großmächte waren außerhalb des &lt;i&gt;"alten" Kontinents&lt;/i&gt;: die USA und Japan) versetzt. Dabei wird deutlich, dass der Einfluss der Politik auf das Militär damals nur sehr eingeschränkt war. Van Creveld spricht wohl ohne Übertreibung von &lt;i&gt;Parallelwelten&lt;/i&gt;, die in der Praxis kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Oberkommandierende und Generalstäbe waren hinsichtlich ihrer Entscheidungen vollkommen autark; die Mittelgewährung geschah ohne Auflagen oder Kontrolle. Über die Ausstattung ihrer Armee entschieden sie weitgehend alleine. Im Verlauf der Ersten Weltkrieges (aber auch in den letzten Jahren Nazideutschlands) sollte sich diese "Arbeitsteilung" als schwerwiegender Fehler erweisen, denn erst einmal "ausgebrochen" waren die politischen Akteure nahezu vollständig an den Rand gedrängt (was sich unter anderem in Deutschland 1914 zeigte; Wilhelm II. war danach sowohl militärisch als auch politisch praktisch "machtlos"). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Creveld spricht das Wort der "Militärdiktatur" nicht aus, es wird jedoch nahegelegt mindestens was die Jahre ab 1916 in einigen kriegsführenden Staaten angeht. Hinzu kam, dass die Gesellschaften durchaus militarisiert waren; die Armee galt als &lt;i&gt;"Schule der Nation"&lt;/i&gt;, Krieg als &lt;i&gt;legitimes Mittel der internationalen Politik&lt;/i&gt;. In der Bevölkerung wie unter Intellektuellen gab es eine &lt;i&gt;gewisse kindliche Faszination&lt;/i&gt; dem bewaffneten Kampf gegenüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man erfährt von der damals wachsenden Bedeutung der Eisenbahn für die militärische Planung und Entwicklung (und gleichzeitig deren Schwächen) und vom "Lobbyismus" der berittenen Kavallerie, die noch sehr lange (bis hinein in den Zweiten Weltkrieg) technologische Entwicklungen aufhalten und verzögern sollte. Militärs aller Seiten verfochten fast dogmatisch die These, Kriege müssten &lt;i&gt;kurz, heftig und entscheidend&lt;/i&gt; sein, was ein &lt;i&gt;verheerender&lt;/i&gt; (sic!) Fehler war; man hatte, wie van Creveld deutlich herausarbeitet, die falschen Lehren aus dem preußisch-französischen Krieg 1870/71 gezogen. Indem allseits auf schnelle Kriege gesetzt wurde, vernachlässigte man die Planung für eine kontinuierliche industrielle Produktion von Waffen, die Organisation von Nachschub der kämpfenden Truppe und Implementierung belastungsfähiger Kommunikationsnetze.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politischen Zusammenhänge werden nur gestreift, um die hieraus entstehenden unterschiedlichen militärischen Bündnisse herauszuarbeiten. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird nicht unbedingt als Fatum betrachtet, aber die immensen Rüstungsvorbereitungen auf nahezu allen (europäischen) Seiten (einschließlich Russland) ließen den Krieg irgendwann als logische Konsequenz erscheinen. So war denn auch die Begeisterung bei Kriegsausbruch in der Bevölkerung über alle Schichten hinweg groß; es schien, als gebe es ein kurzes, reinigendes Gewitter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der Stellungskrieg - die Überlegenheit der Defensive über die Offensive&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei zeigte sich früh, dass die Verbündeten Österreich-Ungarn und Deutschland erhebliche Koordinationsschwierigkeiten hatten, was detailliert ausgeführt wird. Zudem bemerkt van Creveld, dass der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn selber mit erheblichen logistischen Problemen zu kämpfen hatte. So mussten beispielsweise Marschbefehle in 15 Sprachen abgefasst werden, damit alle Soldaten die Anweisungen verstanden. Scheinbar nebensächliche Bemerkungen dieser Art gibt es häufig in diesem Buch; sie verleihen den gelegentlich bizarr erscheinenden Thesen des Autors durchaus Nachdruck.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nahezu alle Aspekte dieses Krieges aus militärischer Sicht (die Politik hatte sich ja fast "abgemeldet") werden angesprochen: Die Versuche, Flugzeuge in die kriegerischen Auseinandersetzungen zu integrieren (zunächst als Luftaufklärer, später dann als Kampfobjekte Flieger gegen Flieger; begrenzt auch schon als Bomber); die wachsende Bedeutung der Maschinengewehre; der Seekrieg (als "Ablenkung" zum festgefahrenen Landkrieg); die anfängliche, heute eher pervers anmutende Begeisterung für den Einsatz von Giftgas (die "Effizienz" von Gasgriffen beurteilt van Creveld als eher gering, unter anderem weil früh entsprechende Schutzmaßnahmen entwickelt wurden; &lt;i&gt;nur drei Prozent aller Toten&lt;/i&gt; kamen durch Gas ums Leben); Spionage und die damit verbundene (ungewohnte) Flut von Informationen, mit denen man weder rechnete, noch diese richtig einordnen konnte; Frauen in den Armeen (eher selten) und ihre Bedeutung an der "Heimatfront" (die als eher zweitrangig eingestuft wird; in Großbritannien waren, so der Autor, gegen Ende des Krieges noch 60% der Arbeiter Männer, was allerdings übersieht, dass die verstärkt notwendige Krankenbetreuung verwundeter Soldaten durch Frauen vorgenommen wurde). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt überraschende Erkenntnisse, so beispielsweise dass der Lebensstandard der Arbeiterklasse in Großbritannien während des Ersten Weltkrieges sogar gestiegen war (im Gegensatz zu den Hungerjahren in Deutschland) und dies trotz der fragilen Insellage, die eine Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen auf dem Seewege sicherzustellen und aufrecht zu erhalten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &lt;i&gt;Schlacht&lt;/i&gt; als ein auf einen Ort konzentrierter Kampf Mann gegen Mann hatte ausgedient. Die Soldaten an der Front machten einen &lt;i&gt;immer geringer werdenden Bruchteil aller Armeen&lt;/i&gt; aus. Es war schon &lt;i&gt;angesichts der modernen Feuerkraft&lt;/i&gt; notwendig geworden, die Truppen an der Front &lt;i&gt;zu zerstreuen, so dass schließlich jeder Mann durchschnittlich etwa zwanzigmal soviel Platz einnahm wie ein Soldat zur Zeit Napoleons&lt;/i&gt;. Während in Kriegen des 19. Jahrhunderts in einer Schlacht noch rund &lt;i&gt;20-30% der gesamten Truppenstärke auf beiden Seiten&lt;/i&gt; niedergemetzelt wurden, lagen die Opferraten &lt;i&gt;im Verhältnis zur Gesamttruppenstärke selbst bei den blutigsten Schlachten weit niedriger.&lt;/i&gt; Das führte dazu, dass &lt;i&gt;jeder Tag, an dem mehr als ein oder zwei Prozent einer Armee verloren gingen, als eine Katastophe galt.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folge war ein lang andauernder, furchtbarer Stellungs- und Zermürbungskrieg mit langsam, aber stetig ansteigenden Opferzahlen, während &lt;i&gt;die Rüstungsindustrien mit einem bislang unvorstellbaren Tempo militärische Ausrüstung&lt;/i&gt; produzierten. Es zeigte sich eine vorher nicht für möglich gehaltene &lt;i&gt;Überlegenheit der Defensive über die Offensive&lt;/i&gt;. Zeitgewinn wurde zu einem wichtigen Ziel, damit Verpflegung und Waffen an die Front gebracht werden konnten. Der Krieg wandelte sich &lt;i&gt;zu einem gigantischen Versuch, alle nationalen Ressourcen zu koordinieren  von der Fabrik bis zur Arbeit und vom Rohstoff bis zur Werkzeugmaschine&lt;/i&gt;. Mit Ausnahme Russlands hätten die meisten Kriegsteilnehmer dies durchaus &lt;i&gt;so effizient wie möglich&lt;/i&gt; praktiziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Creveld bilanziert, dass &lt;i&gt;jene Seite den Sieg&lt;/i&gt; davontrug, welche die &lt;i&gt;größten demografischen und wirtschaftlichen Ressourcen besaß und auf externen Linien operierte, die meisten Bataillone aufstellte und diese mit der größten Zahl leistungsfähiger, wenn auch nicht gerade revolutionärer Waffen ausrüstete&lt;/i&gt;. Wichtig war die Überlegenheit der britischen Seestreitkräfte, die nicht nur ihre eigene Versorgung sicherte, sondern auch Frankreich zu Hilfe kommen konnte. Dennoch spricht van Creveld von einer Überraschung, als &lt;i&gt;das Ende schließlich fast gleichzeitig an allen Fronten eintrat&lt;/i&gt;, nachdem im Juni 1918 die deutschen Armeen &lt;i&gt;wieder in der Offensive&lt;/i&gt; gewesen waren. Im August &lt;i&gt;wendete sich dann das Schicksal&lt;/i&gt;. Zwar wäre die Fortsetzung des zermürbenden Stellungskrieges durchaus noch möglich gewesen (was auch von einigen deutschen Heerführern beabsichtigt war), aber der Zusammenbruch der Verbündeten Deutschlands (Österreich-Ungarn, Bulgarien, das osmanische Reich), die &lt;i&gt;innerhalb von knapp drei Wochen besiegt waren&lt;/i&gt;, gab wohl den Ausschlag zur Kapitulation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Zeit des Waffenstillstands&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeit nach 1918 wird nicht ohne Hintersinn Zeit des &lt;i&gt;Waffenstillstands&lt;/i&gt; genannt. Am Großmachtgefüge hatte sich nicht viel geändert, außer dass es Österreich-Ungarn nicht mehr gab. Van Creveld kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass dieser Zusammenbruch &lt;i&gt;und die Gründung einer ganzen Reihe kleiner Nachfolgestaatendie Position Deutschlands&lt;/i&gt; stärkte. Großbritannien und Frankreich vergrößerten ihre Kolonialmacht (auf Kosten der Türken und Deutschen), wobei dies den &lt;i&gt;anhaltenden, relativen Niedergang&lt;/i&gt; Frankreichs vorerst kaschierte. Geostrategisch mag die Einschätzung der deutschen Position stimmen  für die Bevölkerung war jedoch von einer Stärkung nichts zu spüren; der Versailler Vertrag sah zudem teilweise Besatzung und Reparationen vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So &lt;i&gt;hielt sich der geopolitische Wandel, den 9,5 Millionen Soldaten mit dem Tod bezahlt hatten, in Grenzen&lt;/i&gt;. In Europa (insbesondere in Großbritannien) gab es zunächst eine Mischung zwischen Kriegsmüdigkeit und Antimilitarismus; in den USA war die Kriegsbeteiligung sehr bald als Fehler angesehen worden uns mindeste in einen außenpolitischen Isolationismus, der unter anderem dazu führte, dass es erst des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor bedurfte, bis die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg aktiv eingriffen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr bald wandelte sich jedoch sowohl bei den Militärs als auch in der Politik die Meinung und eine Aufrüstung sondergleichen begann bei allen Großmächten (bei Deutschland eher im Verborgenen, da es aufgrund des Friedensvertrages eigentlich kein schlagendes Militär geben durfte; was allerdings zum Beispiel die Kooperation Deutschlands mit Russland nicht verhinderte). Aber schon &lt;i&gt;1938 war Deutschland das Land mit dem höchsten "Verteidigungshaushalt" (7415 Millionen Dollar nach dem damaligen Kurs), gefolgt von der UdSSR (5429 Millionen), Großbritannien (1863 Millionen), Japan (1740 Millionen), den Vereinigten Staaten (1131 Millionen) und Frankreich (919 Millionen).&lt;/i&gt; In der Statistik der &lt;i&gt;Produktionsmenge von Stahl&lt;/i&gt; lag die USA mit 28,8 Millionen Tonnen vor Deutschland (23,2 Millionen) und der UdSSR (18 Millionen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Creveld verdeutlicht die militärischen Überlegungen von strategischen Denkern in der Waffenstillstandszeit, die alle die gleiche Frage stellten: Wie wäre ein neuerlicher Krieg, der sehr bald mehr oder weniger als unvermeidbar angesehen wurde, zu gewinnen? Abermals nur sehr oberflächlich streift er dabei die politischen Veränderungen in den einzelnen Ländern. Überraschend werden weder die ökonomischen Probleme (Massenarbeitslosigkeit und Inflation) noch die militärische Propaganda der rechtsnationalen und völkischen Kräfte (Stichwort: Dolchstoßlegende) in Deutschland erwähnt. Auch gibt es keine Überlegungen zu Art und Form des Versailler Vertrages. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradezu prophetische Eigenschaften was den Verlauf eines zukünftigen Krieges angeht, erkennt van Creveld bei Erich Ludendorff, der den &lt;i&gt;totalen Krieg&lt;/i&gt; prognostizierte; ein &lt;i&gt;Kampf auf Leben und Tod&lt;/i&gt;. Dennoch werde der &lt;i&gt;kommende Kriegim Großen und Ganzen dem vorangegangenen ähneln und wie sein Vorläufer zu einem gigantischen und langwierigen Ringen ausarten.&lt;/i&gt; Dies wird auch in der Nachbetrachtung zum Zweiten Weltkrieg das Fazit des Autors sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutschland war Ende der 30er Jahre (wie 1914) zum &lt;i&gt;gefährlichsten&lt;/i&gt; Staat von allen geworden, nicht zuletzt &lt;i&gt;weil es sich unumwunden zu Aggression und territorialer Expansion&lt;/i&gt; bekannte. Gleichzeitig wird festgestellt, dass das Land ähnlich wie Frankreich längst &lt;i&gt;im Niedergang begriffen&lt;/i&gt; war  trotz der großen und inzwischen wieder stark aufgerüsteten Armee. Aber gemessen an &lt;i&gt;den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren war es bereits hinter Japan zurückgefallen&lt;/i&gt; (wobei später deutlich wird, wie abhängig Japan von Importen auf nahezu allen Gebieten und wie zurückgeblieben es hinsichtlich militärtechnologischer Entwicklungen war; van Creveld vermutet sogar, dass dies einer der Gründe für den Eintritt des Kaiserreiches in den Krieg war). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch die formal größte Armee der Welt, die Rote Armee der UdSSR (die &lt;i&gt;jedoch in puncto Qualität&lt;/i&gt; hinterherhinkte) gesteht van Creveld ein durchaus aggressives Potential zu (wobei er die stalinistischen "Säuberungen" innerhalb der Armee als großen Aderlaß sieht). So widerspricht er überraschenderweise nicht explizit der allgemein verworfenen These, dass Hitler einem Angriff Stalins 1941 zuvorgekommen sein könnte. Die USA besaß zwar die größte Luftstreitmacht auf der Welt; die Armee erreichte jedoch nur den 18. Platz. Die &lt;i&gt;gigantische industrielle Basis&lt;/i&gt; der Vereinigten Staaten, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges angeworfen wurde, stellt rückwirkend wohl den Hauptgrund für den Sieg der Alliierten dar. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politische Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg streift van Creveld nur in halben Sätzen, was in Anbetracht der Tatsache, dass militärisch organisierte deutsche Kräfte (SS und Wehrmacht) systematisch Millionen von Juden ermordeten bzw. dazu beitrugen, gewöhnungsbedürftig ist. Natürlich wird kein Zweifel daran gelassen, dass Hitlers Krieg im Osten ein Vernichtungskrieg war. Aber wenn man sich schon auf die rein militärischen Aspekte konzentriert, hätte der Leser zumindest Erörterungen über Auswirkungen und Folgen dieses Verbrechens auf die militärischen Gegebenheiten erwartet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ein Weltkrieg unterbrochen von einem Waffenstillstand?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vergleichsweise kurzen &lt;i&gt;Blitzkriegära&lt;/i&gt; der deutschen Wehrmacht, die mit &lt;i&gt;gepanzerten und motorisierten Truppen&lt;/i&gt; agierten, &lt;i&gt;die esermöglichten, weitgreifende operative Bewegungen auszuführen und ganze Länder zu überrennen&lt;/i&gt; folgte wie schon Jahrzehnte vorher ein lähmender und aufreibender Stellungskrieg (insbesondere im Osten, aber auch in Afrika). Die deutschen Siege dürften &lt;i&gt;am 16. Oktober 1941 ihren Höhepunkt erreicht&lt;/i&gt; haben, was allerdings nicht bedeutet, dass der Krieg von da an schon verloren war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da van Creveld für die jeweiligen Vorkriegszeiten und die beiden Kriege fast paritärisch jeweils 50 Seiten verwendet, kommen angesichts der Dimension des Krieges die Auswertungen von bestimmten Schlachten ein bisschen zu kurz. Er beschränkt sich auf exemplarische Ereignisse, wobei der Leser manch liebgewordene Meinung auf den Prüfstand geschickt sieht. Etwa, wenn der Verlust der "Ölbasis" Rumänien einen höheren militärstrategischen Status bekommt als die Niederlage von Stalingrad. Oder das Ausbleiben &lt;i&gt;strategisch wichtige[r] Materialien&lt;/i&gt; wie Chrom die Produktion von &lt;i&gt;hochwertigen Waffen&lt;/i&gt; schrittweise unmöglich machte  ein Aspekt, den man selten zu hören bekommt. Gleichzeitig scheut sich der Autor nicht, die Kampfkraft der deutschen Wehrmacht als in vielen Punkten durchaus überlegen zu bezeichnen. Und entgegen anderslautenden Meinungen vertritt van Creveld die These, dass die &lt;i&gt;strategischen Bombardements der Alliierten&lt;/i&gt; unabhängig von ihrer moralischen Bewertung ab 1944 &lt;i&gt;allmählich Wirkung zeigten&lt;/i&gt;. Die Industrieproduktion Deutschlands im allgemeinen und die Waffenproduktion im besonderen litten enorm unter den zugefügten Schäden; letztere, die lange gut funktionierte, konnte irgendwann nur noch unterirdisch betrieben werden, was enorme Ressourcen verbrauchte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem gegenüber stand eine enorme Produktion qualitativ nicht besonders hochwertiger Waffen der UdSSR entgegen. Die enormen Menschenmassen, die nach den anfangs hohen Verlusten der Roten Armee "mobilisiert" wurden (die &lt;i&gt;"sowjetische Dampfwalze"&lt;/i&gt;) spielten eine entscheidende Rolle. Am Rande wirft van Creveld die Frage auf, warum Japan zur Unterstützung Nazideutschlands in Russland keine zweite Front aufmachte, sondern sich auf seine (ausnehmend brutalen und ebenfalls teilweise rassistisch motivierten) Eroberungsfeldzüge beschränkte. Die Industrie- und Waffenproduktion der USA und die Unterstützung Großbritanniens versteht van Creveld eindrucksvoll zu dokumentieren. Am Ende des Krieges war Großbritannien wirtschaftlich ruiniert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die oberflächliche Betrachtung suggeriert, dass das Zweite Weltkrieg anders verlaufen sei als der Krieg von 1914. Van Creveld widerspricht dem &lt;i&gt;auf einer tieferen Ebene&lt;/i&gt;. Tatsächlich gab es Unterschiede. Am deutlichsten betrafen sie die immer weiter fortschreitenden technischen Entwicklungen wie Funk, Radar, Sonar und Peilung. Gepanzerte Fahrzeuge wurden immer mehr perfektioniert. Der Luftkrieg wurde weiter entwickelt und professionalisiert. Die Rolle der &lt;i&gt;Flugzeuge zur See&lt;/i&gt; wird als noch wichtiger eingestuft. Der Einsatz von Luft- und Seestreitkräften galt vielen Militärexperten lange als exemplarisch, um mittlere Mächte mit einem gezielten Schlag zu treffen (beispielsweise wurde dies von Israel im Jahr 1967 mit Ägypten praktiziert und sogar von den USA im Irak 1991 und 2003). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Parallelen zwischen beiden Kriegen, die van Creveld letztlich sogar dazu veranlasst von einem Krieg zu reden, der nur von rund zwanzig Jahren Waffenstillstand unterbrochen gewesen sei (wenn auch diese Ruhe nicht überall galt), hält er jedoch für wirkungsmächtiger als alle Unterschiede. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &lt;i&gt;Wurzeln dieses Konflikts&lt;/i&gt; lagen, so die These, (unabhängig von der Beschleunigung durch den ein oder anderen Despoten) in einem Wettstreit der Großmächte, der &lt;i&gt;bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht.&lt;/i&gt; Gewonnen wurden die Konflikte von der Seite, die &lt;i&gt;mit der größten demografischen, wirtschaftlichen und industriellen Basis&lt;/i&gt; ausgestattet waren. Daher musste Deutschland mit Österreich-Ungarn 1914 und Nazideutschland mit Japan und Italien (kein gutes Wort findet van Creveld für Italien als "Verbündeten") scheitern, auch wenn der Erfindungsreichtum der Deutschen enorm war. &lt;i&gt;Tatsächlich behaupten manche, fast jedes Waffensystem, das von 1945 bis 1991 zum Einsatz kamsei schon 1944/45 auf deutschen Reißbrettern entworfen worden.&lt;/i&gt; Es gab jedoch keine Mittel mehr, diese umzusetzen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Atombombe als Friedensstifter&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser "Wettstreit" der Großmächte wurde brachial unterbrochen: 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Vor 1945 hatte sich das Ringen, das von den ständig wechselnden Ressourcen der Mächte selbst geschürt wurde, seit einem Vierteljahrtausend unablässig ausgeweitet. Es besteht aller Grund zu der Annahme, dass, wäre die Atombombe nicht gewesen, der Kampf nach einer angemessenen Pause auch nach 1945 noch größere Kreise gezogen hätte.&lt;/i&gt; &lt;/blockquote&gt;

Diese These ist zweifellos in den Ohren friedensbewegter Europäer (zumal, wenn sie die Geschichte des Kalten Krieges beispielsweise mangels Sozialisation nicht mehr miterlebt haben) eine Provokation. Mit den militärischen Gründen für den Abwurf der beiden Atombomben beschäftigt sich der Autor kaum; auch nimmt er (auch hier) keine moralische Bewertung vor (es klingt allerdings Mitgefühl an). Vorher hatte es einen "konventionellen" Bombenangriff auf Tokio mit 100.000 Toten gegeben. Die Atombomben, die 1945 auf Hiroshima und später auf Nagasaki fielen, haben die geostrategische Lage auf der Welt dauerhaft verändert und, so van Creveld, für die Zeit nach 1945 nicht nur im "alten" Kontinent Europa Frieden erhalten, sondern eine deutliche Reduzierung auch konventioneller Kriege nebst Opfern weltweit zur Folge gehabt (wobei die stalinistischen, maoistischen und kambodschanischen Genozide offensichtlich nicht als Kriege rubriziert werden), da keine Großmächte mehr gegeneinander kämpften (höchstens in Stellvertreterkriegen in der sogenannten Dritten Welt, die meist mit abgewrackten Waffen geführt wurde): 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Vor allem aufgrund der Weiterverbreitung von Kernwaffen wurden die bewaffneten Konflikte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne eine einzige Ausnahme, entweder unter dritt- und viertrangigen Staaten oder von einem erstrangigen Staat gegen einen dritt- oder viertrangigen ausgetragen. Und schon alleine deshalb waren die Konflikte im Hinblick auf ihre Größe nicht zu vergleichen mit den kriegen, die sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ereignet hatten.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt; 

Die Änderung in der Militärgeschichte kann mit dem Schlagwort der &lt;i&gt;Abschreckung&lt;/i&gt; auf den Punkt gebracht werden. Von den Erstschlagdoktrin der USA, die man erst Mitte der 50er Jahre aufgab, obwohl die UdSSR 1949 ebenfalls die Bombe "hatte", bis zur Geschichte der Hochrüstung, die schnell in absurde Dimensionen stieg (1961 hatte der &lt;i&gt;übliche "strategische" US-Sprengkopf eine Sprengkraft von 15 Megatonnen hundertmal so stark wie die Hiroshima-Bombe&lt;/i&gt;) und letztlich Arsenale schuf, die hunderte Male die Erde vernichten konnten (eine einzige sowjetische SS-18-Rakete hätte in den 80er Jahren durchaus ein Land wie Frankreich "ausschalten" können). 1952 stieß Großbritannien in den "Club" der Atommächte auf; 1960 Frankreich. Die militärische Bedeutung dieser beiden Potentiale blieb immer gering; die Länder glaubten damit eher ihren längst verlorenen Status als "Großmächte" reaktivieren zu können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1963 zeigte China, dass auch für ein (damals) gering entwickeltes Land die Technik relativ problemlos beherrschbar ist. Israel spricht man seit 1967 die Waffe zu. Seit 1977 zog Pakistan mit Indien gleich, welches seit Mitte der 60er Jahre offensichtlich nuklearwaffenfähig war (einen Test machte Pakistan erst 1998). Van Creveld vertritt die These, dass eine Eskalation um Kaschmir zwischen den verfeindeten Staaten durch das atomare Gleichgewicht verhindert wurde. Zur Untermauerung seiner These, dass die Verbreitung von Atomwaffen eher deeskalierend wirkt, führt er auch die Entwicklungen im Nahen Osten heran (er glaubt, dass ohne die Annahme der israelischen Bombe, dort stärkere konventionelle Kriege ausgebrochen wären) und natürlich auch das Beispiel des Irak, der (gezwungenermassen) nach dem Krieg 1991 sein Atomprogramm habe aufgeben müssen und auch deswegen 2003 von den USA im Handstreich besetzt werden konnte  während Nordkorea nicht angegriffen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ländern wie dem Iran oder Nordkorea spricht van Creveld konsequenterweise nicht per se die Sinnhaftigkeit der Atomprogramme ab und fügt ein bisschen schnippisch an: 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Als das Land, das als Erstes die Atomwaffen eingeführt hat (und bisher als Einziges gegen einen Feind einsetzte), haben die Vereinigten Staaten allen Grund, andere Länder daran zu hindern, dem Club der Atommächte beizutreten. Jedes mal, wenn sich der Club wieder vergrößert hatte, begann Washington deshalb, apokalyptische Bilder von den Konsequenzen zu zeichnen, die diese Entwicklung nach sich ziehen würde. [] In puncto Atompolitik, wie in so vielen anderen Dingen, halten die Amerikaner ihr Land für das einzig auserwählte und einzig moralische. Doch man könnte sicher auch argumentieren, dass sich die Vereinigten Staaten, lange vor der erwähnten nationalen Sicherheitsdoktrin der Bush-Administration, verantwortungsloser als alle Länder der Erde verhalten hatten. Wenn sie auch seit Nagasaki keine Atomwaffen mehr einsetzten, so haben sie zweifellos mehrmals und nicht nur einem Gegner gegenüber gedroht, sie einzusetzen. Nicht umsonst ist der Begriff "brinkmanship", also eine Politik des äußersten Risikos, eine amerikanische Erfindung.&lt;/i&gt; &lt;/blockquote&gt;

Leider kann van Creveld in seinem Buch, dass im Original 2007 fertiggestellt wurde, nicht auf die Vision Barack Obamas einer atomwaffenfreien Welt eingehen. Seiner These zufolge würde eine vollkommene Eliminierung von Atomwaffen (nimmt man dies einmal kurz theoretisch als Möglichkeit an; praktisch dürfte der Geist nicht mehr in die Flasche zurück zu holen sein) die Welt nicht unbedingt friedlicher machen, sondern die Gefahr großflächiger konventioneller Kriege erhöhen. Ein Aspekt, der in der allgemeinen Euphorie unterzugehen scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Aufstandsbekämpfung als neue Herausforderung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege waren also (aufgrund der Verbreitung von Nuklearwaffen und deren Abschreckungspotential) nach 1945 lokal begrenzte Konflikte, die nicht mehr automatisch die ganze Welt in Brand setzten. Van Creveld zeigt nun an einigen Beispielen wie hochgerüstete und technologisch überlegene Armeen dennoch unterliegen  und zwar gegen guerillastrategisch agierende Kämpfer. 400.000 Franzosen versuchten in den 60er Jahren 8 Millionen Algerier zu "befrieden"  erfolglos. 1969 waren rund eine Million amerikanische Soldaten in Vietnam, um das südvietnamesische Regime gegen den kommunistischen Vietcong zu verteidigen - erfolglos. Insgesamt verloren &lt;i&gt;zweieinhalb Millionen&lt;/i&gt; Vietnamesen ihr Leben (gegenüber rd. 58.000 toten Amerikanern). Zum erfolgreichsten Guerillakämpfer des 20. Jahrhunderts macht er Mao Tse-tung, dessen Schrift zum &lt;i&gt;"Volkskrieg"&lt;/i&gt; noch heute häufig als "Vorbild" für Aufstandskämpfer gilt. Die neue Herausforderung ist die wirksame Aufstandsbekämpfung (die Herfried Münkler mit dem Plastikwort des "asymmetrischen Krieges" als Neuheit verkaufen wollte  im Buch fällt dieser Begriff kein einziges Mal). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demnach wird die Ordnungsmacht nie in einem direkten Kampf gestellt. Die Aufständischen werden also andere Formen des Kampfes wählen, in denen sie der Ordnungsmacht nadelstichartig Schaden zufügen. Wenn die Zivilbevölkerung in den Konflikt absichtlich und kalkuliert hineingezogen wird, nennt man dies Terrorismus. Wichtig ist: Die Zeit spielt für den vermeintlich Schwachen. Mit jedem Toten wird sich die Ordnungsmacht neu die Frage nach dem Sinn ihres Vorgehens stellen. Kissingers Bonmot trifft ins Schwarze: &lt;i&gt;Die Ordnungskräfteverlieren, weil sie nicht gewinnen. Rebellen hingegen gewinnen dadurch, dass sie nicht verlieren.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rebellen oder Aufständische haben auch eine andere Motivation als eine Ordnungsmacht, die häufig Besatzungsmacht ist und deren Soldaten oft tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt dem Einsatz wenig emotional begegnen. Zudem haben Aufständische häufig die wenn auch meist nur passive Unterstützung der einheimischen Bevölkerung und fühlen sich dadurch moralisch legitimiert. Heftig wehrt sich van Creveld übrigens gegen die Schuldzuweisung der Militärs, die Medien würden durch ihre Aufmerksamkeit die Aufstände erst befördern bzw. erzeugen. Er hält dies für &lt;i&gt;Ausreden&lt;/i&gt; von Leuten, die an ihren Aufgaben gescheitert seien. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und somit kommt man zur eingangs formulierten Problematik: Wie können Armeen, die in jeder konventionelle Kriegsführung haushoch überlegen sind, gegen Aufständische oder Terroristen bestehen und gewinnen? Da 99% der Literatur über diese Thematik von Verlierern verfasst sei, müsse man ganz neu denken, so van Creveld ein bisschen nassforsch. Er entwickelt zwei Handlungswege, von dem es insbesondere der zweite in sich an und illustriert diese jeweils an einem Beispiel, in dem die Aufstandsbekämpfung gelungen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Zwei Möglichkeiten zur Bekämpfung von Guerillas&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst untersucht er die Methoden der britischen Polizei und Truppen in Nordirland. In einem kurzen historischen Abriss (auch dieser Konflikt hat sehr weit zurückreichende Wurzeln) kommt natürlich unweigerlich der "Blutsonntag" von Londonderry zur Sprache, in dem britische Armeeangehörige das Feuer auf eine demonstrierende Menge eröffneten und dreizehn Menschen dabei getötet wurden. Dieser Vorgang hat den Konflikt zunächst radikalisiert und terroristische Aktionen befördert (Anschläge gab es bis ins Herz Großbritanniens, London). Van Creveld zeigt in sechs Punkten, wie die Briten aus den damaligen Fehlern gelernt und die richtigen Maßnahmen ergriffen haben.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt blieb stets &lt;i&gt;ein strafrechtliches Problem&lt;/i&gt;; ein "Krieg", wie ihn beispielsweise Bush 2001 nach dem 11. September ausrief, wurde nicht erklärt. Daher gab es auch kein Ausnahmerecht, d. h. im Großen und Ganzen (es gab vereinzelt natürlich Ausnahmen und Exzesse) wurden rechtstaatliche Grundsätze bei der Bekämpfung eingehalten (und nicht einfach ausgesetzt) und man hielt sich an die Gesetze; der Punkt, den van Creveld als den wichtigsten hervorhebt (anfängliche Versuche, Gefangene bei Verhören zu foltern, wurden 1972 eingestellt). Desweiteren verblieb die polizeiliche Routinearbeit bei den örtlichen Kräften, die sich besser mit den lokalen Gegebenheiten auskannten. Kollektivstrafen wie &lt;i&gt;Ausgangssperren, das Unterbrechen der Strom- und Wasserversorgung, die Zerstörung von Gebäuden&lt;/i&gt; unterblieben ausnahmslos. &lt;i&gt;Soweit wie möglich traten Polizei und Armee als Beschützer der Bevölkerung auf, nicht als ihre Peiniger&lt;/i&gt;. Dabei wurden von Seiten der Armee keine schwere Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge oder gar Flugzeuge eingesetzt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese &lt;i&gt;äußerste Selbstdisziplin&lt;/i&gt; der Briten führte dazu, dass den Aufständischen das Feindbild sukzessive entzogen wurde und dadurch die Unterstützung in der Bevölkerung nachließ, die sich mit den Zielen der Rebellen nicht mehr ausreichend identifizierten. Den zweiten Schritt, die Einbindung der (gemäßigten) Rebellen in Verhandlungen, die in einen Friedensprozess mündeten, behandelt van Creveld konsequenterweise für seine Studie nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dieser - salopp formuliert - "rechtsstaatlichen Variante" von Aufstandsbekämpfung, die einen langen Atem verlangt (interessanterweise verkehrt sich die Bedeutung des Faktors "Zeit" - bei den gescheiteren Vorgehensweisen "spielt" sie für den Schwachen, jetzt jedoch plötzlich für die Ordnungsmacht) entwickelt van Creveld auch noch eine diktatorisch-brutale Variante. Beispielhaft hierfür wird die Bekämpfung einer aufständischen Muslimbruderschaft in Syrien im Jahr 1982 angeführt, die sich in der Ortschaft Hama ereignete. Der damalige syrische Präsident Hafis al-Assad schlug die Revolte mit furchtbaren Mitteln nieder. Der Muslimbruderschaft wurde so bis heute &lt;i&gt;"nicht nur das militärische Rückgrat"&lt;/i&gt; gebrochen, sondern diente auch anderen oppositionellen Gruppen &lt;i&gt;"als eindrückliche Warnung, auf weitere Aktionen des Ungehorsams zu verzichten".&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorgehensweise war von äußerster Brutalität und Grausamkeit. Die Armee bombardierte die Stadt, in der sich die Aufständischen aufhielten, flächendeckend, ohne Schonung und rückte dann mit schwerer Artillerie vor. Man machte lieber zu viele Opfer als zu wenige. Für van Creveld eine Notwendigkeit für den Erfolg einer solchen Tat. Die Aktion geschah schnell und unerwartet, d. h. es gab vorher keine Drohungen oder Ultimaten, die die Aufständischen zur Organisation eines Rückzugs hätten nutzen können. Die mediale Verbreitung wurde dahingehend gesteuert, dass man bewusst die Opfer und die Folgen der Angriffe (als Abschreckungselement) zeigte. Die Operation wurde von einem Bruder Assads kommandiert; im Falle des Scheiterns wäre nicht der Präsident selber gescheitert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die moralische Entrüstung über diese Aktion relativiert van Creveld. Hätte Assad den Aufstand nicht niedergeschlagen wäre Syrien vielleicht ähnlich wie der Libanon in einen Bürgerkrieg verwickelt worden und eine unstabile Macht in Nahen Osten geworden. Aufgezeigt wird, dass Assad rund zehn Jahre später ein willkommener Koalitionär des Westens gegen Saddam Hussein war  moralische Bedenken gab es also damals nicht, obwohl insbesondere die Amerikaner um die Brutalität des damaligen syrischen Machthabers wussten.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweifellos ist diese brutale Bekämpfung von Aufständischen in demokratisch organisierten Staaten schwierig umzusetzen. In gewissen Grenzen erkennt er Parallelen zum Vorgehen der israelischen Armee im Umgang mit den Palästinensern. Er stellt fest, dass diese Methode allerdings nicht konsequent durchgeführt würde und dann letztlich scheitern müsste. Wobei offen bleibt, ob man im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht einmal die die rechtsstaatliche Variante versuchen sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bedauerlicherweise belässt es van Creveld bei der Beschreibung der beiden Modelle. Wie ein Militär meldet er in beiden Fällen: Mission erledigt. Aber ob er ernsthaft glaubt, dass die brutale Variante dauerhaft zur Befriedung einer Gesellschaft führen kann? Sie vermag für einige Zeit eine gewisse Ruhe zu garantieren (zumal in einer Diktatur)  aber ist diese Friedhofsruhe beispielsweise mit der Gefahr, die Aufständischen zu Märtyrern zu machen nicht zu teuer erkauft? Hier zeigt sich die Schwäche in van Crevelds Betrachtung überdeutlich: Seine Fokussierung liegt auf Aufstandsbekämpfung, nicht auf eine nachhaltige Befriedung. Nur so kann diese rustikale "Hau-drauf-Methode", normalerweise eher ein Produkt zu fortgeschrittener Stunde in Offiziercasinos "entwickelt", überhaupt nur in Erwägung gezogen werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Schluß betrachtet er das Vorgehen der USA (und deren Verbündeter) im Irak. Er konstatiert hier eine fatale Mischung beider Varianten. Mal entschlösse man sich zu brutalem Vorgehen  welches dann plötzlich abgemildert oder zurückgenommen würde. Insgesamt gibt es keine durchgängige Linie der Streitkräfte; das Vorgehen variiere von Einheit zu Einheit. Die Alleinschuld für diese falsche Handlungsweise läge bei der Bush-Administration. Kein gutes Wort findet er für die sogenannten "Think-Tanks", die er in heftiger Polemik angreift. Oft genug gescheiterte ehemalige Offiziere geben Ratschläge über Sachverhalte, von denen sie keine Ahnung haben und weil sie den jeweiligen Auftraggebern schmeicheln wollen, redeten sie ihnen nach dem Mund. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um maximal 30.000 Rebellen im Irak zu bekämpfen legten die USA zwischenzeitlich 450 Milliarden US-Dollar im Jahr aus. Dabei gibt es weder eine Strategie, wie man mit den Aufständischen umgeht noch ein Plan, wie dies umzusetzen ist. Nicht einmal an eine ausreichende Zahl von Übersetzern habe man gedacht. Konventionelle Armeen haben sich genau so überlebt wie der blinde Glaube an hochtechnisierte Waffen, die in Wirklichkeit reparaturanfällig sind und den Anforderungen der neuen Herausforderungen oft genug nicht gewachsen sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seinem Erzählstil und der fast durchweg für einen militärhistorischen und strategischen Laien verständlichen Wortwahl gelingt es van Creveld durchaus, den Leser zu fesseln. Die Fokussierung auf militärstrategische Aspekte ist mitunter zu eindimensional, manchmal geradezu altmodisch (man denke an die &lt;i&gt;Parallelwelten&lt;/i&gt; zwischen Militär und Politik Anfang des 20. Jahrhunderts). Eine stärkere interdisziplinäre Sicht wäre zuweilen wünschenswert. Dennoch: Auch wenn einem bei der Lektüre manchmal der Atem stockt und sich neben Zustimmung gelegentlich heftiger Widerspruch regt  lohnend und in höchstem Maße anregend ist die Lektüre von "Gesichter des Krieges" allemal.  

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Essay</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-23T08:06:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5775506/">
    <title>Martin van Creveld: Gesichter des Krieges</title>
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    <description>&lt;img title="Martin van Creveld  Gesichter des Krieges" height="250" alt="Martin van Creveld  Gesichter des Krieges" width="157" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Martin-van-Creveld-Gesichter-des-Krieges.jpg" /&gt;Die Frage, die zur Zeit nicht nur Militärs beschäftigt, wird zum Kristallisationspunkt im Buch des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld "Die Gesichter des Krieges": &lt;i&gt;Gibt es einen Ausweg, oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt?&lt;/i&gt; In Bezug auf die derzeit einzig verbliebene Supermacht USA und deren aktueller Kriegsführung im Irak stellt sich die Frage pointierter: Was, wenn nicht einmal eine derart hochgerüstete Militärmacht gegen Terroristen und Guerillas reüssieren kann? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Will man die Gegenwart verstehen, so studiere man die Vergangenheit&lt;/i&gt; sagt sich van Creveld und analysiert die Kriege des 20. Jahrhunderts und damit den "Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute" (so der Untertitel). Das Ungewohnte dabei ist, dass nicht nur, wie im Vorwort erläutert, &lt;i&gt;die militärischen Operationen selbstder zentrale Strang der Fragestellung bleiben&lt;/i&gt;, sondern (insbesondere was die Behandlung des Zweiten Weltkriegs angeht) die politischen und sozialen Implikationen fast immer ausgeblendet werden. Dieses speziell für den deutschen Leser ungewohnte Verfahren wurde wohl einerseits gewählt, weil ansonsten der Rahmen der Untersuchung gesprengt worden wäre, andererseits setzt van Creveld schlichtweg ein gewisses historisches Basiswissen voraus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wird der Leser zunächst in die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts mit seinen acht Großmächten (inklusive Italien), davon fünf in Europa (wenn man Russland nicht hinzurechnet; nur zwei Großmächte waren außerhalb des &lt;i&gt;"alten" Kontinents&lt;/i&gt;: die USA und Japan) versetzt. Dabei wird deutlich, dass der Einfluss der Politik auf das Militär damals nur sehr eingeschränkt war. Van Creveld spricht wohl ohne Übertreibung von &lt;i&gt;Parallelwelten&lt;/i&gt;, die in der Praxis kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Oberkommandierende und Generalstäbe waren hinsichtlich ihrer Entscheidungen vollkommen autark; die Mittelgewährung geschah ohne Auflagen oder Kontrolle. Über die Ausstattung ihrer Armee entschieden sie weitgehend alleine. Im Verlauf der Ersten Weltkrieges (aber auch in den letzten Jahren Nazideutschlands) sollte sich diese "Arbeitsteilung" als schwerwiegender Fehler erweisen, denn erst einmal "ausgebrochen" waren die politischen Akteure nahezu vollständig an den Rand gedrängt (was sich unter anderem in Deutschland 1914 zeigte; Wilhelm II. war danach sowohl militärisch als auch politisch praktisch "machtlos"). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5779538/"&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Demokratie und Rechtsstaat</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-23T07:16:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5775502/">
    <title>Renate Lüdde / Rüdiger Dingemann: 60 Jahre Deutschland ("WELT"-Edition)</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/-AxsELiutfM/</link>
    <description>&lt;img title="Welt Edition Politik" height="240" alt="Welt Edition Politik" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Welt-Edition-Politik.jpg" /&gt;&lt;img title="Welt Edition Kunst und Literatur" height="240" alt="Welt Edition Kunst und Literatur" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Welt-Edition-Kunst-und-Literatur.jpg" /&gt;&lt;img title="Welt Edition Gesellschaft" height="240" alt="Welt Edition Gesellschaft" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Welt-Edition-Gesellschaft.jpg" /&gt;60 Jahre Deutschland in zehn Hochglanz-Themenbänden zu je ca. 90 Seiten: Politik, Wirtschaft, Reise und Verkehr, Kunst und Literatur, Film und Fernsehen, Musik, Mode und Design, Sport, Gesellschaft, Architektur. Die Unterteilung in den jeweiligen Bänden erfolgt chronologisch nach Jahrzehnten: Nach einer kursorischen Einführung in 60 Jahre des jeweiligen Sujets gibt es eine Doppelseite mit einem für das Jahrzehnt typischen Foto, dann vier Seiten Text (mit wenigen Fotografien), davon eine Faksimile-Seite einer Ausgabe der "Welt" zu einem wichtigen Ereignis. Danach gibt es zu weiteren Themengebieten auf acht bis zehn Seiten Fotografien mit Erläuterungen  viel Bekanntes aber auch manchmal "Schnappschüsse", was man noch nicht kannte. Auf diese Weise kann man sich mit den Bänden der "Welt-Edition" für einige Tage auf eine Zeitreise der deutschen Geschichte seit 1949 begeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Texte von Rüdiger Dingemann und Renate Lüdde sind wohltuend; es ist glücklicherweise keine Feiertags- oder Jubelprosa. Sie sind konzise aber nicht oberflächlich, durchaus pointiert und zeigen Zusammenhänge auf. Es gibt keine dröge Vermittlung lexikalischen Wissens; wer zum Beispiel die Ergebnisse aller Bundestagswahlen, Tabellen zu Politikern und ihren Ämtern oder Werksverzeichnisse berühmter Literaten sucht, wird hier nicht bedient. Ebenso wenig wird der Leser mit Sterbedaten vermeintlich berühmter Persönlichkeiten gelangweilt; es wird im politischen Band nur ein Sarg gezeigt  der Sarg eines Bundeswehrsoldaten, der in Afghanistan ums Leben gekommen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dingemann/Lüdde geht es um die Darstellung von Entwicklungen (die natürlich, wenn sie behandelt werden, mit den relevanten Daten versehen werden). So wird beispielsweise im Band 9 "Gesellschaft - Familie und Alltag" (augenzwinkernd das Cover: Benedikt XVI und Uschi Obermaier) immer wieder die jeweiligen Rollenverhältnisse zwischen Männern und Frauen in der Bundesrepublik und der DDR gegenübergestellt und über die Jahrzehnte begleitet. Im Band 4 ("Kunst und Literatur") gibt es Reflexionen über die einzelnen "documenta"-Kunstausstellungen genau so wie immer wieder die Entwicklungen auf den deutschen Theaterbühnen aufgezeigt werden oder man veranschaulicht die (gelegentlich in der Rückschau verblüffenden) Parallelen zwischen BRD und DDR hinsichtlich des Verhältnisses von Schriftstellern und Künstlern zur jeweiligen Staatsmacht  "Von Ratten und Schmeißfliegen" ist der Abschnitt der 70er Jahre nicht ohne Grund betitelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man liest kritisches im Politik-Band über die Treuhand und die "Abwicklung" der DDR-Betriebe. Kohl und Gorbatschow bei den Verhandlungen sind die "Freunde in Strickwesten". Die "Hetze" der "Bild"-Zeitung hinsichtlich der Studentenbewegung wird ebenso wenig verschwiegen wie die Beweggründe, die dann für einige in den Terrorismus führte (wenn es auch weder im Politik- noch im Gesellschaftsband ein Foto von Rudi Dutschke gibt; in beiden findet man lediglich das am Boden liegende Fahrrad Dutschkes nach dem Attentat 1968). Das schäbige Verhalten von großen Teilen der CDU/CSU-Fraktion während und anlässlich der Rede des Alterspräsidenten des Bundestages Stefan Heym von 1994 wird gleichermaßen angemerkt wie die bahnbrechende Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985. Die Ostpolitik der Brandt/Scheel-Regierung wird als Erweiterung der Westbindungspolitik Adenauers eingeordnet; Brandts Kniefall vom Dezember 1970 vor dem Denkmal des jüdischen Ghettos in Warschau ist das Foto der 70er Jahre im Politikband (und der Leser freut sich, weil er sich eigentlich auch nichts anderes vorstellen konnte). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist bei einem solchen Werk natürlich unvermeidlich, dass der ein oder andere Aspekt doch ein bisschen unterbelichtet erscheint. Beispielsweise die Dramatik des Einigungsprozesses und die mindestens anfangs teilweise starken Vorbehalte insbesondere in der SPD. Oder eine etwas differenziertere Betrachtung zum Brandt-Rücktritt (die Spionageaffäre um Guillaume war ja letztlich nur Anlaß, aber nicht der Grund). Die Hysterie, in der Deutschland im "Deutschen Herbst" steckte, wird im Politikband nur am Rande erwähnt (im Literaturband allerdings eindringlich im Zusammenhang mit Leben und Werk Heinrich Bölls). Oder man fragt sich, ob die Krönung der Queen tatsächlich das prägende gesellschaftliche Ereignis der 50er Jahre war. Gelegentlich scheinen die Betrachtungen der 2000er Jahre aufgrund der mangelnden zeitlichen Distanz noch ein wenig nahe an der Nachrichtenvermittlung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn in Band 9 der Alltag in West und Ost beschrieben wird, Ausdrücke wie Henkelmann, Dederonbeutel, Smogalarm oder Zauberwürfel sozusagen wiederbelebt werden - dann kann man sich vorstellen, dass man hier eher als in dicken Geschichts- und Soziologieschwarten jüngeren Generationen das jeweilige Lebensgefühl einer Epoche nahebringen kann. So mancher Jungwessi wird da Neues über das Leben in der DDR erfahren und sein vorschnelles Urteil ein bisschen relativieren müssen. Aber auch  eine Verklärung der Vergangenheit dürfte nach der geballten Erinnerungsmacht ein bisschen schwerer werden (und zwar auf beiden Seiten, denn die Autoren machen keinen Hehl daraus, dass beispielsweise die 50er Jahre in der Bundesrepublik noch von autoritärem Geist durchdrungen waren und die Emanzipation der Frau in der DDR nicht uneigennützig war). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den Bildbänden als Appetitanreger später dann vielleicht zur ausführlichen Beschäftigung mit Aspekten der deutschen Geschichte? Das scheint mit dieser Edition möglich und wäre kein geringes Verdienst.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-21T07:11:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5766412/">
    <title>William T. Vollmann: Hobo Blues</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/sAMc6sETc3s/</link>
    <description>&lt;img title="William T. Vollmann Hobo Blues" height="332" alt="William T. Vollmann Hobo Blues" width="200" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/William-T-Vollmann-Hobo-Blues.jpg" /&gt;Ein amerikanischer Autor erzählt in einem Buch von seinen (illegalen) Reisen auf Eisenbahn-Güterwagen mit einem (imaginären) Ziel "Überall" und nennt dieses Buch "Riding Towards Everywhere". Wie übersetzt man das kongenial? Vielleicht mit "Reisen nach Überall"? Oder "Fahren in Richtung Überall"? Oder übersetzt man "Riding" wörtlich als "Ritt"? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verlag entschied sich für eine merkwürdig boulevardeske Version, die den Charakter des Buches eher verbirgt, nannte William T. Vollmanns Buch im Deutschen "Hobo Blues" und versah es mit dem ein bißchen aufgesetzt wirkenden Untertitel "Ein amerikanisches Nachtbild". Das ist zunächst einmal ärgerlich, insbesondere wenn man die Leistung des Übersetzers Thomas Melle im weiteren Verlauf zu schätzen beginnt (beispielsweise dann, wenn er Zitate von Hemingway, Kerouac oder Thomas Wolfe stimmig "modifiziert" wie es in den Fußnoten selbstbewußt heißt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sollte bei der Lektüre den deutschen Titel einfach vergessen und sich vollends den Assoziationen und reportagehaften Beschreibungen zuwenden. Das lohnt sich nämlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
William T. Vollmann ist in den USA kein Unbekannter; er schreibt u. a. für "Harper's Magazine" und den "New Yorker". "Riding Towards Everywhere" ist eine Hommage an die Freiheit und die Freiheit der Bürger, eine Hommage an die Vereinigten Staaten von Amerika  und das findet der Ich-Erzähler beim Reisen mit Güterzügen (dem sogenannten &lt;i&gt;Trainhopping&lt;/i&gt;) wie sonst nirgendwo mehr. Verzweifelt schaut er auf sein Land, welches zum Zeitpunkt des Buches im achten Jahr einen &lt;i&gt;Folterpräsidenten&lt;/i&gt; als Staatsoberhaupt hat, der sukzessive Freiheiten einschränkt und die Leute belügt. Vom Bäckerladen im Heimatdorf bis zum arroganten Verhalten der &lt;i&gt;unamerikanische[n]&lt;/i&gt; Sicherheitsbeamten am Flughafen  überall sieht sich Vollmann inzwischen reglementiert, gegängelt, überwacht, eingeengt. Das Rebellentum gegen jede Art von Kontrollen und Restriktionen, die Weigerung, das &lt;i&gt;Spiel doch wenigstens ein klein wenig mitzuspielen&lt;/i&gt; - dies verbindet ihn mit seinem Vater (nebenbei erzählt dieses Buch mindestens zu Beginn auch eine fast zärtliche Vater/Sohn-Annäherung), der den überbordenden Machtanspruch der kontrollierenden Personen ausmacht und dann (in typischer Übertreibung) &lt;i&gt;im Plauderton&lt;/i&gt; bemerkt: &lt;i&gt;Gib den Leuten ein bisschen Macht, und sie werden zu Nazis&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollmanns Ich-Erzähler dürfte der "reale" Vollmann sein  alleine: es spielt keine Rolle. Um sich vor eventuellen Klagen zu schützen schreibt er augenzwinkernd in einem kleinen Vorwort, dass die Geschichten im Buch &lt;i&gt;alle dem Hörensagen&lt;/i&gt; entspringen und die Fotos seien &lt;i&gt;in Wirklichkeit stahlgraue Kreidezeichnungen&lt;/i&gt;. Er sei &lt;i&gt;niemals bei der Fahrt auf einem Güterzug erwischt&lt;/i&gt; worden und habe sich demzufolge &lt;i&gt;niemals des unbefugten Betretens von Bahneigentum schuldig gemacht&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title="Lichter einer Lokomotive - Seite 230   c Suhrkamp Verlag" height="197" alt="Lichter einer Lokomotive - Seite 230   c Suhrkamp Verlag" width="300" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Lichter-einer-Lokomotive-Seite-230-c-Suhrkamp-Verlag.jpg" /&gt;Gewidmet ist dieses Buch seinem Freund Steve Jones, ein &lt;i&gt;Prinz des Stahlrosses&lt;/i&gt;, der ihn auf vielen Touren begleitet hat; er ist &lt;i&gt;der Held dieses Buches&lt;/i&gt;. Jones ist wesentlich erfahrener als Vollmann und, obwohl älter, sportlich viel besser für diese nicht ganz ungefährliche Art des Reisens konditioniert (der Ich-Erzähler gibt an, er habe sich beim Abspringen von einem fahrenden Zug bereits einmal die Hüfte gebrochen), während Vollmann die sozialen Kontakte besser zu knüpfen versteht, denn beide tauchen mit (fast) allen Konsequenzen in diese Welt ab und Übernachten beispielsweise im Freien. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Austüfteln einer Route, das so oft quälende Warten auf einen Anschlusszug, dieses &lt;i&gt;feldmausgleiche Leben im Gras&lt;/i&gt;, die gelegentlichen Verirrungen (natürlich gibt es keine Anzeige, wohin der Zug, auf den man gerade aufgesprungen ist, tatsächlich fährt)  der Leser kann durch die Karte auf den Buchdeckelinnenseiten Routen, Orte und Landschaften verfolgen und ist mittendrin im Abenteuer.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei sind Vollmann und Jones natürlich längst keine "Hobos" mehr, jene Wanderarbeiter, welche diese Möglichkeit als Transportmittel nutzten um sich einen Job in einer anderen Stadt zu suchen. Sie sind eher "Luxushopper" mit Kreditkarte für alle Fälle, die sich mitunter vom (vermeintlich angepassten) &lt;i&gt;Bürger&lt;/i&gt; in einen "Abenteurer" verwandeln. Oder, besser: sich vorübergehend ihrer Tarnung entledigen und einer fremden, nicht nur räumlich weit entfernten Welt hingeben (die Assoziation zu "Easy Rider" schimmert gelegentlich durch, wird aber dahingehend konterkariert, da die beiden "ihr" Amerika durchaus finden). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben sich freiwillig einem Ehrenkodex verpflichtet, der es ihnen verbietet, Eigentum der Eisenbahn zu beschädigen oder zu beschmutzen. So urinieren sie beispielsweise (im Gegensatz zu anderen Trainhoppern) in Flaschen und nehmen ihre Abfälle immer mit. Vollmann und Jones beklagen durchaus eine "Verrohung" der Sitten (man erzählt von gewalttätigen und gefährlichen Trainhoppern, die gefürchtet sind; aber in diesem mythenreichen Milieu weiss man nicht so genau, ob es sie tatsächlich gibt oder ob es nur Phantome sind).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mehrzahl derer, die ihnen an den Gleisen und in den Zügen begegnen sind Obdachlose, die auf diese Weise durch das Land reisen und ihr kleines Glück suchen. Bei der Bevölkerung sind Güterzugfahrer nicht beliebt, werden in den Restaurants manchmal nicht bedient und wenn sie von Bahnbediensteten gestellt werden, droht ihnen eine Anzeige. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dies schreckt nicht ab. Es gilt &lt;i&gt;weg von diesem Leben&lt;/i&gt; des Schreibtischs, der oktroyierten Regeln, der einengenden Räume, der &lt;i&gt;Plastikwelt&lt;/i&gt; zu kommen  hin zu einer Unabhängigkeit, die das wahre &lt;i&gt;Leben&lt;/i&gt; ist (und gelegentlich verklärt wird). Mehr als einmal fällt dieses &lt;i&gt;ich muss hier raus&lt;/i&gt;; oft bereits in dem Moment, wenn man nach dem Trainhopping (und verpasstem Zug nach Hause) mit dem Flugzeug wieder wohlbehalten im Heimatort gelandet ist und der Verlust der Magie schlagartig einsetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wunderbare Bilder&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollmann gelingen wunderbare Erzählbilder, die auch dem dieser Art des Reisens skeptischen Leser in dem Moment das Gefühl geben, etwas zu verpassen:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;In der Dämmerung hielt der Zug neben einer schäbigen weißen Mauer, deren Graffiti übertüncht und zu unregelmäßigen Schlieren einer neuen Schmutzigkeit geronnen waren, und jenseits der Mauer und des Unkrauts stand eine schöne junge Latina, ihre Tochter an der Hand, und blickte den Zug an. Ich winkte ihnen zu, und sie lächelten und winkten zurück. Meine Einsamkeit löste sich auf, und selbst jetzt erfüllt mich die Erinnerung an diesen Moment mit Freude. Nach einer Weile kamen ihre Männer dazu. Auch sie standen da und winkten. Kein Wort rief ich ihnen zu, aber ich werde mich immer an sie erinnern.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder eine Assoziation mit einem von Vollmanns literarischen Helden, Henry David Thoreau:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Die Dämmerung war ein blendend türkisfarbener Spalt (die Tür, im spitzen Winkel von der Wand aus gesehen). Thoreau rät uns "wieder wach zu werden und uns wach zu haltendurch das unaufhörliche Erwarten des Sonnenaufgangs, welches uns nicht verlassen darf im tiefsten Schlaf." Und wirklich, dieser Sonnenaufgang trug meine Unendlichkeit in sich als fast alle, die ich seit meiner Kindheit und bei verschiedenen einsamen Aufenthalten auf arktischen Inseln erlebt hatte. Es war das Blau, in dem sich die Erde einem Astronauten zeigen mag: von innen heraus leuchtend, vielversprechend, schön, aber nicht warm; und vor allem weit weg.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title="Blick aus der Tuer - Seite 38  c Suhrkamp Verlag" height="300" alt="Blick aus der Tuer - Seite 38  c Suhrkamp Verlag" width="168" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Blick-aus-der-Tuer-Seite-38-c-Suhrkamp-Verlag.jpg" /&gt;Schattenspiele, die &lt;i&gt;Antilopen&lt;/i&gt; zeigen; Dunkelheit, die &lt;i&gt;berührt&lt;/i&gt; wird, &lt;i&gt;Felder vergilbt wie Kontoauszüge&lt;/i&gt;; ein Baum, der &lt;i&gt;in voller Sternenblüte&lt;/i&gt; stand; der violette Salbei, dessen &lt;i&gt;zerkrümelte&lt;/i&gt; Blüte einen Duft entfacht, der &lt;i&gt;beinahe betrunken&lt;/i&gt; macht; das Wasser in der Flasche &lt;i&gt;warm wie Blut&lt;/i&gt; - betörende Bilder, die Vollmann gelingen. Nur selten stürzt er ab ins leicht pseudooriginelle (etwa wenn etwas &lt;i&gt;kristallklar wie der Urin eines Vegetariermädchens&lt;/i&gt; ist [die jungen Frauen, die ihn früher begleiteten, hatten durch einen Trichter in die entsprechende Flasche gepinkelt]). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Erzählungen werden von längeren reportagehaften Passagen unterbrochen. Portraitiert und manchmal fotografiert werden andere Trainhopper oder auch eine Barfrau oder eine schmollmundig-somnambule Kellnerin, die die beiden freundlich bedient hat. Für ein paar Dollar kauft er Ira, Cinders, Dolores, Badger und einigen anderen eine Geschichte oder zwei ab (Geschichten, die dann leider erzählerisch nicht immer überzeugen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stimmungsvoll Vollmanns Landschaftsfotografien, die teilweise aus dem Zug heraus gemacht wurden. Die durchgängig in schwarz-weiß gemachten Aufnahmen erinnern in ihrer Intensität, spröden Schönheit und auch dem gelegentlich beim Betrachter aufkommenden Weltschmerz an den wunderbaren Film "Die letzte Vorstellung" von Peter Bogdanovich, der seinerzeit auf so treffliche Weise das (provinzielle) Amerika der 70er Jahre zeigte (ohne es zu denunzieren). Vollmann versucht mit diesen Landschaftsaufnahmen, die manchmal heruntergekommene oder baufällige Häuser zeigen manchmal aber auch nur eine ebene Wüstenlandschaft oder eine abgestellte Lokomotive, eine Beschwörung eines guten, eines besseren Amerika, mit Menschen voller &lt;i&gt;Mut, Großzügigkeit und Integrität&lt;/i&gt;. Einem Amerika, das immer schon mehr Sehnsucht als Realität war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Leben, um dem Leben zu entkommen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn natürlich ist der Autor zu klug, um nicht auch die Gefahren der Idyllisierung zu wittern. Zwei-, dreimal fällt er sich diesbezüglich ins Wort; fast ein bisschen versteckt sein Hinweis, das "wunderbare Buch der Gleise" (Mark Twain paraphrasierend) von ihm geschrieben wäre &lt;i&gt;ein Werk romantischen Solipsismus&lt;/i&gt;. Das &lt;i&gt;auf Achse sein&lt;/i&gt; ist nicht nur der Versuch zu leben sondern auch &lt;i&gt;dem Leben zu entkommen&lt;/i&gt;. Und ist die Klage des Verschwindens der Marmorlobbys und Wartehäuschen in den Bahnhöfen (mit ihren polierten Bänken erscheinen sie heute wie &lt;i&gt;eine Kirche des alten Amerika&lt;/i&gt;) eher (verzeihliche) nostalgische Verklärung als realer Restaurationswunsch des Autors. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eindrucksvoll wie Vollmann die sinnlichen Empfindungen mit Lektüreeindrücken verbindet. Zunächst natürlich Jack London und auch Mark Twain. Ein bisschen devot Thoreaus "Walden" gegenüber (der grosse Weltfluchtroman). Auch der virile Hemingway kommt mit seiner Erzählung "Der Kämpfer" zu Wort; zusätzlich gibt es eine kleine Theorie zu Hemingway und Reisen. Tom Wolfes &lt;i&gt;ungewöhnlich konzise Kurzgeschichte&lt;/i&gt; "Ferne und Nähe". Und vor allem Jack Kerouac, dessen Reiseziel &lt;i&gt;Cold Mountain&lt;/i&gt; aus "Gammler, Zen und hohe Berge" zum Topos des unerreichbaren, mythischen, letztlich unauffindbaren Sehnsuchtsortes wird; Versuch das Reiseziel &lt;i&gt;Überall&lt;/i&gt; zu "erweitern", denn &lt;i&gt;Überall ist Cold Mountain&lt;/i&gt; und die Feststellung: &lt;i&gt;I r g e n d w o   ist es nicht.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schönsten Momente des Buches: Wenn der Erzähler für kurze Zeit &lt;i&gt;hier&lt;/i&gt; sagen kann, wenn für einen Moment so etwas wie Glück spürbar ist. Und meistens passiert ihm dies beim &lt;i&gt;Alleinsein&lt;/i&gt; (auch mit Freunden geht das: &lt;i&gt;wunderbar allein&lt;/i&gt;); etwa als er &lt;i&gt;so einsam&lt;/i&gt; war, daß er sogar &lt;i&gt;nicht einmal mehr wegwollte&lt;/i&gt;. Oder wenn er sich als &lt;i&gt;der erste Beobachter&lt;/i&gt; fühlt, der &lt;i&gt;jemals dieses unbekannte Land namens Wyoming bereist hat&lt;/i&gt;. Dann können wir uns den Ich-Erzähler William T. Vollmann als glücklichen Menschen vorstellen, &lt;i&gt;so glücklich wie ein Kind, das seine Weihnachtsgeschenke auspackt&lt;/i&gt;. Und sein Leser versteht auf einmal warum.    

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Literatur</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-16T15:59:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5752037/">
    <title>Das leichte Unbehagen bei der Hinrichtung</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/258GfHZAhKs/</link>
    <description>Nicht, daß ich mit Philipp Mißfelder Mitleid hätte. Nein. Und natürlich ist Dirk Kurbjuweits Artikel &lt;a href="http://www.spiegel.de/media/0,4906,20798,00.pdf"&gt;"Der Schattenmann" (Spiegel v. 22.05.09; pdf-Dokument)&lt;/a&gt; irgendwie ein &lt;a href="http://www.umblaetterer.de/2009/05/30/kurbjuweit-ueber-missfelder/"&gt;"exemplarischer Text"&lt;/a&gt;. Aber auch wenn Kurbjuweit Mißfelder als exemplarisch für einen bestimmten Typus Politiker nimmt  geht er nicht manchmal zu weit?

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Sobald Mißfelders Handy vibriert, hat er eine neue Lage, auf die er reagieren muss. Da das Handy ständig vibriert, fehlt die Zeit zur Besinnung, zum Nachdenken, Politik wird zum Minutenereignis. So etwas wie eine Linie wird unbedenkbar. Aber es ist nicht so, dass Mißfelder dies vermissen würde.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder zu einem Satz Mißfelders zur Kanzlerin:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Das ist ein kleiner, mieser Politikersatz, wie man ihn oft hört von Leuten, die sich nichts verderben wollen, und Mißfelder sagt ihn ohne Grinsen, ohne sein Lachen, als glaubte er das so.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie oft hat Kurbjuweit diesen miesen Politikersatz bei anderen schon herausgestellt? Warum dieses Ausplaudern von ansonsten oeinlich genau unter Verschluß gehaltenem Wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macht sich Kurbjuweit zum Büttel von anderen Personen, die diesen Mißfelder einfach nur loswerden wollen? Warum nehme ich dem "Spiegel"-Büroleiter Berlin dieses aufklärerische Pathos nicht ab? Warum muß er dafür ad hominem schreiben und das Gewicht Mißfelders immer en passant angeben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soll uns das auf die "richtige Seite" bringen:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Es gibt wohl keinen Politiker, der sich so schamlos zu seiner Inhaltsleere und seinen Machtträumen bekennt wie Philipp Mißfelder. Er ist Spezialist für Kommunikation, für nichts anderes. Inhalte sind seiner Ansicht nach für hinterbänklerische Spezialisten, für Beamte. Diese Arbeitsteilung gibt es schon länger, in Mißfelder findet sie ihre Zuspitzung.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bedient da jemand nicht ein bisschen arg das Klischee vom "Mißfelder in uns":

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Nicht alle in dieser Welt sind wie Philipp Mißfelder. Aber in allen steckt etwas von ihm. Es ist die Zuspitzung, die Verdichtung des politischen Systems.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder ist es nur, weil Kurbjuweit Mißfelder nicht als "tragischen" Politiker darstellt, der vom geraden Weg abgekommen ist sondern ihn uns als das große Arschloch zum Spott vorwirft?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich frage ja nur.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-09T18:50:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5738900/">
    <title>Koch-Mehrin - eine Lügnerin?</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/5dpvUctA8b8/</link>
    <description>Das ist die Information zur Präsenzquote der &lt;a href="http://www.parlorama.eu/de/european-deputies-deutschland/443/Silvana-Koch-Mehrin.html"&gt;FDP-Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin aus dem Internet-Portal "Parlorama.eu"&lt;/a&gt;:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Présence125 séance(s) plénière(s) : 41 % &lt;br /&gt;
From 20/07/2004 to 07/05/2009&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit ihrer 41%-Präsenzquote liegt Frau Koch-Mehrin auf Platz 104 von 104 deutschen EU-Parlamentariern. Sie selber behauptet in einer eidesstattlichen Versicherung, dass es rund 75% sein sollen, &lt;a href="http://www.faz.net/s/Rub4D092B53EEAA4A45A7708962A9AD06AF/Doc~EAF23FE848FB342629F84718A76687EEC~ATpl~Ecommon~Scontent.html"&gt;was die F.A.Z. zu der Vermutung treibt, dass die Dame eventuell gelogen haben könnte.&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den ganzen Fall kann man hier bei &lt;a href="http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/zapp3320.html"&gt;ZAPP&lt;/a&gt; aufbereitet sehen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlimmer als die offensichtlich geringe Präsenz und Arbeitsleistung im EP von Koch-Mehrin finde ich die Methoden, diese Informationen zu unterdrücken. Ausgerechnet von einer FDP-Abgeordneten. Immerhin gab es in dieser Partei einmal bedeutende Rechtsstaatspolitker. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bleibt zu hoffen, dass die scheinbar so strahlende Zukunft von Frau Koch-Merin (sie wurde als EU-Kommissarin genauso "gehandelt" wie als &lt;a href="http://www.sprengsatz.de/?p=1252"&gt;Bildungsministerin in einer schwarz-gelben Regierung im Herbst&lt;/a&gt;) erst einmal gestoppt ist.

&lt;hr /&gt;
&lt;big&gt;PS:&lt;/big&gt; Um der Ausgewogenheit die Ehre zu geben &lt;a href="http://www.koch-mehrin.de/files/18699/Praesenzlisten.pdf"&gt;hier&lt;/a&gt; (pdf-Dokument) die Stellungnahme von Frau Koch-Mehrin, die sich ihre Präsenz hoch- bzw. schönrechnet. Zu ihren Aktivitäten sagt sie leider nichts.
&lt;hr /&gt;
&lt;big&gt;PPS (06.06.09):&lt;/big&gt; In einem Interview im "Tagesspiegel" nannte die CDU-Europaabgeordnete Inge Gräßle Frau Koch-Mehrin &lt;a href="http://www.presseportal.de/pm/2790/1418274/der_tagesspiegel"&gt;"das Milli Vanilli der Politik" und bezeichnete sie als "Kunstfigur"&lt;/a&gt;. Harte Worte. &lt;small&gt;("Milli Vanilli" war eine Popgruppe, die Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre sehr grosse Erfolge feierte. Später stellte sich heraus, dass die Sänger gar nicht auf den Platten gesungen hatten...)&lt;small&gt;&lt;/small&gt;&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Innenpolitik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-06-04T09:42:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5713763/">
    <title>Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/90hGLK5T1y0/</link>
    <description>&lt;img title="Louis Begley  Der Fall Dreyfus" height="250" alt="Louis Begley  Der Fall Dreyfus" width="150" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Louis-Begley-Der-Fall-Dreyfus.jpg" /&gt;Im Papierkorb des deutschen Militärattachés Maximillian von Schwartzkoppen fand die für den französischen Geheimdienst arbeitende Putzfrau Madame Bastian ein handschriftlich verfasstes Dokument, in dem ihm eine nicht genannte Person die Übergabe einer &lt;i&gt;Schießvorschrift der Feldartillerie und einige Aufzeichnungen über ein neues von den Franzosen entwickeltes 120-Millimeter-Geschütz&lt;/i&gt; sowie Informationen &lt;i&gt;über französische Truppenpositionen und Veränderungen in den Artillerieformationen, außerdem Pläne zur Invasion und Kolonisierung Madagaskars&lt;/i&gt; bestätigte. Dieses Dokument war mehrfach zerrissen worden, ein &lt;i&gt;Schriftstück auf dünnem Papier ohne Datum und Unterschrift.&lt;/i&gt; Man nannte es später einfach nur das &lt;a href="http://www.dreyfus.culture.fr/en/pedagogie/media-pedago-9-doc-html-The_bordereau__the_only_official_evidence_discussed_jointly_at_the_trial.htm"&gt;Bordereau&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Oktober 1894 wurde der französische Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus (geboren 1859, Absolvent der "École Polytechniques" und der renommierten Kriegsakademie "École Supérieure de Guerre") unter dem Verdacht des Landesverrats verhaftet. Dreyfus wurde beschuldigt, der Verfasser des Bordereau zu sein; ein oberflächlicher Handschriftenvergleich reichte den Anklägern (Dreyfus war unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei seiner Verhaftung gebeten worden, ein kurzes Diktat aufzunehmen). Daß es mehrere seriöse Graphologen gab, die zwischen Dreyfus' Handschrift und der des Bordereau keine Übereinstimmung feststellten, wurde ignoriert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Manipulationen und Lügen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun geschah, entwickelte sich zur sogenannten Dreyfus-Affäre, die Frankreich (und Europa) am Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte, erregte und spaltete. Da das Beweisstück letztlich nicht sehr aussagekräftig war, wurden zusätzliche "Beweise" gefälscht, die im Strafverfahren gegen Dreyfus schlechterdings aus Gründen der Landessicherheit nicht präsentiert wurden. Entlastendes wurde nicht ermittelt. So ignorierte man, daß Dreyfus, der sehr vermögend war, gar kein Motiv hatte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der französische Diplomat und Prozeßbeobachter Maurice Paléologue nannte die Anklagedossiers, die über die Jahre mit immer weiteren Fälschungen Vorwürfe gegen Dreyfus belegen sollten, ein Gemisch aus &lt;i&gt;"apokryphen oder manipulierten Dokumenten, unzuverlässigen Übersetzungen, verbogenen Zeugenaussagen, törichtem oder erlogenem Kitsch, willkürlich zusammengeklebten Papierschnipseln, so sibyllinisch, daß man alles hineinlesen kann, was man möchte"&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;"belanglosen Notizen, in denen man eine tiefgründige, kabbalistische Bedeutung entdeckt"&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem wurde Dreyfus am 22. Dezember 1894 von einem Militärgericht &lt;i&gt;einstimmig schuldig&lt;/i&gt; gesprochen und zu &lt;i&gt;militärischer Degradierung, Deportation und lebenslänglicher Haft an einem befestigten Ort&lt;/i&gt; verurteilt. Es wurde sogar eine eigene "Lex Dreyfus" geschaffen, die es ermöglichte, Dreyfus als Einzelhäftling auf einer Insel vor der Küste Französisch Guayanas, der Teufelsinsel,  zu deportieren (normalerweise wurden Gefangene nach Neukaledonien befördert). Die Haftbedingungen waren entsetzlich. So durfte Dreyfus mit niemandem außer einem sporadisch vorbeikommenden Militärarzt und dem "Gefängnisdirektor" sprechen, war in einer &lt;i&gt;dreieinhalb mal dreieinhalb Meter große[n] Steinzelle&lt;/i&gt; eingesperrt, die der brütenden Sonne ausgesetzt war, aber &lt;i&gt;Dreyfus durfte sich nicht mit Wasser abkühlen&lt;/i&gt;. Schnell litt er an Tropenkrankheiten wie Malaria (dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigungen bis ans Ende des Lebens sollten die Folge sein). Die sanitären Verhältnisse waren eine Katastrophe; die Gängelungen zahlreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Virulenter Antisemitismus und das Versagen der Staatsgewalt&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley hat sich in seinem neuen Buch der Dreyfus-Affäre angenommen. Detailliert und kenntnisreich berichtet er über den Fall, die Intrigen in der französischen Armee, insbesondere im Generalstab, den seltsamen Ehr- und Loyalitätsvorstellungen (denen auch Dreyfus selber anhing; ausführlich wird geschildert, wie erniedrigend für den immer noch armee-loyalen Dreyfus die Degradierung war), den persönlichen Eitelkeiten der Protagonisten, dem Opportunismus der teilweise verkommenen politischen Klasse und der "feinen" Gesellschaft, dem verbrecherischen Handeln und Vertuschen derjenigen, die unbedingt an den "Juden" als Schuldigen festhielten, über &lt;i&gt;Dreyfusards&lt;/i&gt; (Leute, die an Dreyfus' Unschuld glaubten) und deren Denunziationen als Mitglieder eines ominösen "Syndikats"  und natürlich die antisemitischen und nationalistischen Kräfte, die, einflussreich und mächtig, an obersten Positionen sehr lange die öffentliche Meinung bestimmten, manipulierten und eine aufgeladenen Anti-Dreyfus-Stimmung erzeugten, die dann in eine immer offenere und gefährliche judenfeindliche Hetze überging, was verblüffenderweise dazu führte, daß die französischen Juden den Fall bagatellisierten oder vergessen wollten (hierin sieht Begley eine Parallele zum Verhalten der Juden insbesondere in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hätte man leicht ermitteln können, daß nicht Dreyfus der Verräter war, sondern ein gewisser Ferdinand Walsin-Esterházy, ein &lt;i&gt;amoralischer Soziopath&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;unverbesserlicher Lügner und Intrigant, aber nicht ohne Witz und Verstand&lt;/i&gt;, der zudem noch &lt;i&gt;chronisch verschuldet&lt;/i&gt; war. Als Dreyfus' Bruder Mathieu 1897 Esterházy als den tatsächlichen Verfasser des Bordereau angezeigt hatte, wurde dieser nach kurzem Prozess freigesprochen. Es durfte einfach nicht sein, daß Dreyfus nicht schuldig war. War es nun so, daß eine bestimmte Klientel an einer korrekten Aufklärung des Landesverrats nicht interessiert war, weil sie um ihr eigenes Wohl und Ansehen fürchtete? Begley zieht dies durchaus in Betracht und verwirft es nicht vollkommen, obwohl er den zentralen Grund für die Eskalation der Affäre im virulenten französischen Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts sieht, der weit &lt;i&gt;über die traditionelle Judenfeindlichkeit der christlichen Kirchen&lt;/i&gt; hinausging (obschon es durchaus auch Antisemiten unter den Dreyfusards gab).  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1791 wurden in Frankreich per Dekret die Bürgerrechte &lt;i&gt;"für alle Menschen, die den Bürgereid leisten und sich verpflichten, alle von der Verfassung auferlegten Aufgaben zu erfüllen" [eingeführt]. Französische Juden begrüßten die Neuerung mit Jubel und strömten in Massen zu den Großveranstaltungen der Vereidigungen.&lt;/i&gt; Frankreich war damit sehr fortschrittlich; die anderen europäischen Länder folgten teilweise erst Jahrzehnte später mit ähnlichen Schritten. Die Menschen der &lt;i&gt;relativ kleinen Gemeinde französischer Juden&lt;/i&gt; (um 1900 schätzte man 86.000 Juden bei insgesamt 39 Millionen Einwohnern Frankreichs) reüssierten schnell und brachten herausragende Persönlichkeiten, insbesondere im Wirtschafts- und Finanzwesen, aber auch in Künstler- und Gelehrtenkreisen hervor. In der &lt;i&gt;jahrtausendealten jüdische Bildungstradition&lt;/i&gt; und der rückhaltlosen und loyalen Assimilation sieht Begley die Gründe. Dreyfus' Familiengeschichte wird exemplarisch für den steilen Aufstieg in nur zwei Generationen ausgeführt. Und auch die Armee stand jetzt formal Juden offen  nicht mehr die Herkunft, sondern die Leistung zählte. Im restaurativen Denken des französischen Offizierskorps galt dies jedoch als &lt;i&gt;unselige Anomalie&lt;/i&gt;. Juden waren, so die weit verbreitete Meinung, &lt;i&gt;keine echten Franzosen&lt;/i&gt;.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Armee genoß immer noch ein hohes Ansehen, &lt;i&gt;"das Sozialprestige eines Offiziers"&lt;/i&gt; war trotz des eher kümmerlichen Solds &lt;i&gt;"ganz einzigartig"&lt;/i&gt; (De Gaulle). Die politische Klasse Frankreichs war durch diverse Korruptionsaffären mehr mit sich selber beschäftigt; das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker gering. So wurde dem antisemitischen Ungeist nichts entgegengesetzt bzw. die Autorität der Politik war äußerst gering. Hier entdeckt nicht nur Begley das Problem, welches in der Dreyfus-Affäre einen traurigen Höhepunkt erreichte: Dreyfus war zwar ein leistungsstarker Offizier mit besten Zeugnissen und Referenzen (lediglich seine Stimme wurde als unmilitärisch wahrgenommen)  aber er galt ob seiner jüdischen Herkunft innerhalb der Armee (auch bzw. insbesondere im Generalstab) als Außenseiter und wurde in dem Moment, als eine neutrale Sicht auf ihn und sein Handeln erforderlich gewesen wäre, wie ein Aussätziger behandelt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Begley geht über den Dreyfus-Fall hinaus. Nicht nur im Vorwort, sondern an drei anderen Stellen im Buch wechselt er übergangslos Zeit und Ort und stellt Parallelen mit dem sogenannten "Krieg gegen den Terror" der Bush/Cheney-Administration an. Diese Analogien sind sparsam gesetzt aber sehr direkt und treffen ins Mark. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Teufelsinsel als Archetyp für Guantánamo&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier wie dort wird die Angelegenheit dank entsprechender Massenmedien schnell zu einer Frage der Sicherheit des Staates hochstilisiert (nebenbei wird deutlich, daß die quantitative Erweiterung der Massenmedien, wie bspw. Radio und Fernsehen, die es im Frankreich des 19. Jahrhundert noch nicht gab, nicht automatisch eine qualitative Verbesserung der Inhalte zur Folge haben muß). Das bisherige Zusammenleben der Gesellschaft wird als unmittelbar gefährdet dargestellt. Daher erfährt der (bzw. die) Schuldige(n) eine Stigmatisierung, die weit über die normale Rolle eines Angeklagten eines Strafverfahrens hinausgeht. Sicherstes Zeichen sind die für den jeweiligen Fall neu erlassenen Gesetze, die gültige und scheinbar längst sichere und für alle verbindliche Rechtsnormen für eine bestimmte Gruppe plötzlich aufhebt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt eine deeskalierende und beruhigende Rolle zu übernehmen, verfällt die politische Klasse schnell in einen alarmistischen Aktionismus, der mit allen Mitteln  auch denen der bewußten Lüge und Falschinformation  betrieben wird. Es entsteht eine gefährliche Mischung zwischen "Volkes Stimme", der zum Handeln gezwungenen Staatsmacht und Massenmedien, die sich plötzlich als Sprachrohr der Mehrheitsmeinung geriert. Es zeigt sich: &lt;i&gt;Unterdrückung und Ungerechtigkeit suchen sich immer wieder die gleichen Opfer: Außenseiter und Minderheiten, die Abneigung und Misstrauen wecken. In ihrem Fall ist "die Schuld immer zweifellos". Das war der Grundsatz des Offiziers in Kafkas 'Strafkolonie', und die Bush-Regierung verfuhr mit den Gefangenen, die sie im Zuge des Kriegs gegen den Terror gemacht hatte, nach einem sehr ähnlichen Prinzip.&lt;/i&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begley sieht durchaus Parallelen im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den USA im Jahr 2001 (und, fast "nebenbei", auch im Jahr 2003, als es um die Rechtfertigung zum Irakkrieg geht). Frankreich war durch die Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 (es gibt einen ausführlichen Exkurs hierüber im Buch) gedemütigt worden, mußte hohe Reparationszahlungen leisten und zwei Provinzen an Deutschland abtreten (Dreyfus' Familie stammt aus Elsaß-Lothringen; die Kombination 'Elsässer und Jude' im Fall von Dreyfus erwähnt Begley nur am Rande). Auch die USA wurde durch den ersten Angriff auf amerikanischem Boden seit Pearl Harbor gedemütigt. In beiden Fällen handele es sich um ein &lt;i&gt;einschneidendes nationales Trauma&lt;/i&gt;. Die Bush/Cheney-Administration nutzte die Terroranschläge &lt;i&gt;als Legitimation dafür, in den USA alarmierende Risse in die Herrschaft des Gesetzes zu sprengen&lt;/i&gt;, während restaurativen Kräften im Frankreich des 19. Jahrhunderts die Dreyfus-Affäre als willkommene Gelegenheit diente, gesellschaftliche Veränderungen aufzuhalten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Parallelen zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund sind die hysterischen Affekte zu erklären, die in der Bevölkerung die mindestens stillschweigende Zustimmung zur Aushebelung elementarer Rechtsprinzipien bewirkte. Die Teufelsinsel von Dreyfus wird zum Archetyp von Guantánamo. Aber Begley geht noch weiter: &lt;i&gt;Der [amerikanischen] Öffentlichkeit fiel es offenbar leicht, zu glauben, wer in Guantánamo sei, werde schon mit gutem Grund dort sein. Genauso, wie viele Menschen in Frankreich ohne Mühe glauben konnten, Dreyfus sei Verräter, weil er Jude war, hatten viele Amerikaner keine Mühe, die Häftlinge und Guantánamo und in den CIA-Gefängnissen schon deshalb für Terroristen zu halten, weil sie Muslime sind.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begley suggeriert, daß der von der Bush/Cheney-Administration inszenierte Anti-Terrorismus-Kampf Züge des französischen Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts trägt (am Ende zeigt Begley in einer bemerkenswerten kleinen Studie von Marcel Prousts "Recherche", wie der Antisemitismus in der "besseren Gesellschaft" Frankreichs eingezogen war und welche Blüten er trieb). Präzisiert man den Begriff des Antisemitismus als Judenfeindlichkeit, so könnte man in Anbetracht der Ereignisse nach dem 11. September von einer virulenten Muslimfeindlichkeit mindestens in den USA sprechen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird skizziert, daß die Parallelen in der Entrechtung der Gefangenen in den USA (er beschränkt sich auf die USA und geht nicht auf andere Staaten ein) mit der Entrechtung eines Alfred Dreyfus vergleichbar sind. So wurde Dreyfus wie auch die Angeklagten von Guantánamo &lt;i&gt;vor ein Gericht gestellt, das in der Hand seiner Ankläger war&lt;/i&gt;. Hier wie dort wurde &lt;i&gt;auf der Grundlage von geheimem Beweismaterial verurteilt&lt;/i&gt;, das weder der bzw. die Angeklagten noch die Verteidiger kannten. Beide Vorgehensweisen sind eines Rechtsstaats unwürdig. Gleichzeitig stellt Begley aber auch klar: Verglichen &lt;i&gt;mit den Verbrechen und Rechtsverletzungen&lt;/i&gt; der amerikanischen &lt;i&gt;Kriegsführung&lt;/i&gt; wirken die Rechtsbrüche &lt;i&gt;deren sich der französische Generalstab durch seine erbarmungslose Strafverfolgung von Dreyfus schuldig machte&lt;/i&gt; minimal. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wurde Dreyfus auch in Isolationshaft gehalten und ihm essentielle Rechte verwehrt. Aber die Misshandlung in Guantanámo hat eine andere, schrecklichere Dimension. So werden sie beispielsweise &lt;i&gt;durch wiederholte Traumata in den Zustand "erlernter Hilflosigkeit"&lt;/i&gt; versetzt, &lt;i&gt;so daß ihre Willenskraft und das Zutrauen, Kontrolle über die eigene Welt zu haben&lt;/i&gt; verloren geht und sie nun &lt;i&gt;vollständig abhängig von ihren Aufsehern wurden.&lt;/i&gt; Begley scheut hier einen drastischen Vergleich nicht: &lt;i&gt;Mit dieser Pervertierung von Medizin und Psychologie zum Nutzen der Folter sind die Vereinigten Staaten in die Fußstapfen Nazideutschlands und Sowjetrußlands getreten.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Vom Heldentum, doch zu bleiben&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Urteile prasseln nach rund einem Viertel des Buches auf den Leser nieder. Bis auf zwei Ausnahmen (Seiten 132-134 und am Schluß) widmet er sich dann der akribischen Schilderung der Dreyfus-Affäre samt seinen juristischen Verästelungen (Begley als Rechtsanwalt ist für hierfür hervorragend prädestiniert). Aber irgendwie sucht der Leser immer auch ein bisschen nach Parallelen zu den aktuellen Umständen  und wird tatsächlich bisweilen "fündig". Das lenkt nicht von der Beschäftigung mit dem Fall Dreyfus ab, sondern erweitert den Blick auf eine fruchtbare Weise. Begley erläutert nicht nur äußerst anschaulich, kenntnisreich, mit klarer Sprache, detailliert aber nie ermüdend die zahlreichen Verwicklungen, sondern versteht es auch, die sozio-psychologischen und medialen Zusammenhänge aufzuzeigen. Das Buch ist ausgezeichnet übersetzt; es gibt als Anhang eine zusammenfassende Chronologie der Ereignisse (Begley erzählt zwar ebenfalls chronologisch, es gibt aber immer wieder historische oder biografische Einschübe) und ein kleines Verzeichnis der &lt;i&gt;Akteure&lt;/i&gt; (alles bezogen auf die Dreyfus-Affäre). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich alle Beweise als entweder gefälscht oder einfach nichtig herausstellten, wurde Dreyfus im Revisionsverfahren 1899 &lt;i&gt;schuldig unter mildernden Umständen&lt;/i&gt; zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt und kam erst nach einem komplizierten Prozedere durch die Begnadigung durch den Staatspräsidenten frei. Die formale Unschuld und vollständige Rehabilitation fand erst 1906 statt (er starb 1935). Dreyfus ging als Major zurück in die Armee. Begley treibt die Frage um, warum er trotz der Ereignisse, der &lt;i&gt;Verachtung und Abneigung&lt;/i&gt;, die ihm über all die Jahre aus der Armee entgegengeschleudert wurde &lt;i&gt;den Rest seines aktiven Lebens in der Gesellschaft von ihresgleichen zubringen&lt;/i&gt; wollte und zitiert als des Rätsels Lösung eine Bemerkung aus einem Kafka-Brief, als dieser einen randalierenden antijüdischen Mob 1920 in Prag beobachtet ein &lt;i&gt;"Heldentum"&lt;/i&gt; ausmacht, welches darin besteht &lt;i&gt;"doch zu bleiben"&lt;/i&gt;. Dreyfus klammerte sich an den Platz, den er als seinen angesehen habe, so Begley; die &lt;i&gt;gute Nachricht&lt;/i&gt;, das &lt;i&gt;Versprechen&lt;/i&gt; war einfach zu verlockend. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Louis Begley gelingt es, den Leser in den Sog dieser Geschehnisse zu ziehen und die Protagonisten, Schurken wie Lichtgestalten, lebendig werden zu lassen. Die Metamorphose des Nachrichtenbürochefs George Picquart etwa, der selber Opfer von Hasstiraden wird, die teilweise noch von denen gegen Dreyfus übertroffen werden. Und natürlich Zolas Eintreten für Dreyfus, gipfelnd in seinem offenen Brief an den französischen Ministerpräsidenten von 1898 ,"J'accuse", einem &lt;i&gt;Meisterwerk politischer Literatur&lt;/i&gt; oder Jean Jaurès' Artikelserie, ebenfalls als offener Brief, gerichtet an den damaligen französischen Kriegsminister Cavaignac, in dem er Punkt für Punkt die Anklagepunkte gegen Dreyfus zerpflückte. Und aller Unkenrufe zum Trotz und aller Infiltration durch nationalistische, rassistisch und antisemitische Zeitungen und Publikationen: die (links-)liberale Presse hat wesentlich zur Aufklärung des Falls Dreyfus und zur Rehabilitation des Offiziers beigetragen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Leute haben, so Begley emphatisch, die &lt;i&gt;Ehre der Nation&lt;/i&gt; gerettet. Auch hier der Vergleich mit den Journalisten, Anwälten und Mitgliedern der Bundesgerichte, die sich gegen die Bush-Regierung stellten und sich für die Rechte beispielsweise der in Guantánamo Inhaftierten einsetzten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorwort Begleys zu diesem Buch trägt als Datum den 21. Januar 2009  dem tag der Inauguration von Barack Obama und die Hoffnungen des Autors in diesen neuen Präsidenten sind immens. Inzwischen scheint es, daß Begleys dunkle Prognose, daß &lt;i&gt;die Verbrechen der Bush-Regierung eines nicht allzu fernen Tages unter dem Narbengewebe aus Schweigen und Gleichgültigkeit verschwinden&lt;/i&gt; könnten ausgerechnet durch Barack Obama eingelöst zu werden. &lt;i&gt;Die großen Dramen und Romane&lt;/i&gt; über die Zeit der Bush-Regierung, die das Land vorübergehend einer Art Gehirnwäsche unterzogen zu haben schien, müssen noch geschrieben werden; vielleicht von einer anderen Generation, weil die Auswirkungen dieser Politik immer noch in den Alltag hineinragen. Spätestens hier hören die Parallelen der Dreyfus-Affäre und dem "Kampf gegen den Terror" auf: Es ist alles ein bisschen globaler und ein bisschen ekliger geworden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Mensch, das zeigt dieses kluge Buch von Louis Begley, der Mensch ist irgendwie immer noch der gleiche geblieben.   

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Demokratie und Rechtsstaat</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-05-21T19:19:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5710009/">
    <title>Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft - Einführung</title>
    <link>http://feedproxy.google.com/~r/Begleitschreiben/~3/jrL5Pu9BXr0/</link>
    <description>&lt;img title="Mohammed Abed Al Jabri  Kritik der arabischen Vernunft  Einfuehrung" height="240" alt="Mohammed Abed Al Jabri  Kritik der arabischen Vernunft  Einfuehrung" width="240" align="left" class="left" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Mohammed-Abed-Al-Jabri-Kritik-der-arabischen-Vernunft-Einfuehrung.jpg" /&gt;Die "Kritik der arabischen Vernunft" ist ein vierbändiges Werk: Der erste Teil erschien 1984 unter dem Titel "Die Genese des arabischen Denkens", 1986 erschien "Die Struktur des arabischen Denkens", 1990 "Die arabische Vernunft im Politischen" und 2001 dann "Die praktische arabische Vernunft". &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed Abed Al-Jabri&lt;b&gt;*&lt;/b&gt; wurde 1935 in einer Berberfamilie im südlichen Marokko geboren. Er absolvierte eine Schneiderlehre, wurde Volksschullehrer und begann 1958 ein Philosophiestudium in Damaskus. 1970 promovierte er über den Historiker und »Vorläufer der modernen Soziologie«&lt;b&gt;**&lt;/b&gt; Ibn Khaldun. Er unterrichtete islamische Ideengeschichte in Rabat. Anfang der 80er Jahre begann Al-Jabri Bücher zu publizieren und wurde damit unter arabischen Intellektuellen bekannt. Bis auf Band drei der Kritik, der 2007 unter dem Titel "Die politische Vernunft im Islam: Gestern und heute" in französischer Sprache publiziert wurde, sei Al-Jabris Hauptwerk bisher in keiner anderen Sprache veröffentlicht worden (so der Verlag), was durchaus Absicht des Autors war, der den innerarabischen Dialog befördern wollte statt in anderen Kulturkreisen zu reüssieren.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die "editorische Notiz" des Verlags verwirrt den Leser mehr als das sie aufklärt. Der Verlag schreibt, daß die »synoptischen Texte, die in das vorliegende Buch eingegangen sind« nicht Teil der "Kritik" seien, sondern aus zwei anderen Texten Al-Jabris stammten. Ausgewählt wurden diese Texte von Ahmed Mahfoud und Marc Geoffroy, wobei Mahfoud, der als »Freund und Agent« Al-Jabris vorgestellt wird, die Übersetzung aller vier Bände der "Kritik" vom Arabischen ins Französische vorgenommen hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Textarrangement und Übersetzung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird so anfangs noch suggeriert, daß der vorliegende Band wenigstens teilweise Bestandteile der "Kritik"-Bände enthält, so erfährt man in der "Einleitung" von Mahfoud und Geoffroy, die auch die Fußnoten verfasst haben (was man leicht überlesen kann, sich aber im Laufe der Lektüre erschließt, da Al-Jabri mehrfach in der dritten Person genannt wird), daß es sich um eine Zusammenstellung zweier anderer Werke von Al-Jabri handelt: "Wir und die Tradition. Zeitgemäße Lesarten unseres philosophischen Erbes" von 1980 und "Tradition und Moderne" von 1991 (wobei unklar bleibt, wie kursorisch diese Zusammenfassungen sind und wann welcher Text zitiert wird). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zusammenstellung aus zwei Büchern hat Schwächen. Einige Kapitel sind sehr gut gegliedert  andere wirken eher improvisiert. So ist beispielsweise der Kern des Buches, die Ausführungen über den &lt;i&gt;averroistischen Rationalismus&lt;/i&gt;, als monolithischer Block von 35 Seiten abgedruckt; auf eine Textgliederung, wie in anderen Kapiteln des Buches wurde leider verzichtet, was die Verständlichkeit mindestens erschwert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verzeihlich ist, daß in der "Einleitung" der "Einführung" durch Mahfoud und Geoffrey etliche Punkte aus dem Vorwort von Reginald Grünenberg und Sonja Hegasy wiederholt werden. Auch daß Mahfoud und Geoffrey die Interpretation Al-Jabris stellenweise sehr weit treiben und Zitate einbringen, die im nachfolgenden Buch nicht verzeichnet sind, mag vertretbar sein.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Problematisch erweist sich die Übersetzungsstrategie: Mahfoud/Geoffrey übersetzten vom Arabischen ins Französische. Dann wurde von Vincent von Wroblewsky und Sarah Dornhof vom Französischen ins Deutsche übersetzt. An vielen Punkten ist diese Problematik bemerkbar (Al-Jabri betreibt ja unter anderem Sprachkritik am Arabischen). Die Sätze taumeln zu oft vom Umständlichen ins Unverständliche (seltener gibt es auch Widersprüchliches), was durch ein sorgfältiges Lektorat mindestens teilweise vermeidbar gewesen wäre. Zudem scheint sich an einigen Stellen der Text-Eklektizismus zu rächen  manches wirkt redundant. (Dazu gibt es orthografische Fehler und falsche Zuordnungen in den Fußnoten).  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da mit diesem Buch auch Leser angesprochen werden sollen, die mit den historischen Gegebenheiten und philosophischen Strömungen nicht umfassend vertraut sind, wäre ein Glossar und Personenverzeichnis zwingend notwendig gewesen. Die Fußnoten (die ja, wie erwähnt, nicht von Al-Jabri stammen) sind zwar vorteilhaft auf der jeweiligen Seite abgedruckt, aber extrem geschwätzig und für das Verständnis im jeweiligen Kontext oftmals störend (es gibt häufig ganze Lebensläufe von Gelehrten und Kurzzusammenfassungen von religiösen und/oder politischen Strömungen). Da Al-Jabri ein sehr komplexes Panorama der Philosophie und Geschichte von Al-Andalus entwirft und die Entwicklungen dieser Zeit für seine Argumentation zentral ist, wäre eine Chronologie der wichtigsten politischen und philosophischen Ereignisse am Ende des Buches vorteilhaft gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch existiert in dieser Form im arabischen Sprachraum nicht und eigentlich ist der Titel (streng genommen) eine Irreführung. Man sollte es dennoch freundlich als eine Art Prolegomenon auffassen. Immerhin wird hier endlich die Stimme eines bedeutenden zeitgenössischen arabischen Philosophen in deutscher Sprache publik. Der erste Band der &lt;a href="http://kritik-der-arabischen-vernunft.de/"&gt;"Kritik der arabischen Vernunft" soll im Perlen-Verlag im September 2009 erscheinen, die anderen drei Bände im Jahr 2010.&lt;/a&gt; Fast 1.400 Seiten soll die Gesamtausgabe haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das vorliegende Buch liefert nicht nur einen Überblick über die Geschichte der »arabische Vernunft«, die Al-Jabri als »das Ensemble von Prinzipien und Regeln, nach denen sich das Wissen in der arabischen Kultur vollzieht« definiert, sondern zeigt auch Einblicke in die Überwindung der von ihm konstatierten Lähmung der arabischen Kultur. Trotz der ausführlich genannten Nachteile, die vielleicht in dieser Form nicht in den "Kritik"-Bänden virulent werden, lohnt die Lektüre der "Einführung" auch für den politisch interessierten Zeitgenossen, der sich mit den weltpolitischen Implikationen auseinandersetzt und den rasch urteilenden Apologeten eines mehr oder weniger zwangsläufigen "Clash of Civilizations" aus guten Gründen nicht folgen möchte.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Falsche Auffassungen von Tradition&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf die detailreichen Einlassungen Al-Jabris der unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen und Denkschulen im Islam vom 8. bis ins 13. Jahrhundert hinein soll hier nicht weiter eingegangen werden. Für den Interessenten bieten sich hier reiche Einblicke, die sicherlich in den "Kritik"-Bänden noch vertieft werden dürften. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Al-Jabri treibt die Frage nach den Gründen für den »Niedergang der islamischen Kultur« um. Warum hat sich das arabische Denken in eine »Kultur der 'schlechten Universalismen' verwandelt«? Wie konnte es zu diesem jahrhundertelangen, nur sporadisch unterbrochenen &lt;i&gt;Denken der Finsternis&lt;/i&gt; überhaupt kommen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlüssel liegt für Al-Jabri zunächst einmal im »subjektive[n] Erlebnis des Lesens [der] heiligen Texte«. Er zeigt, »wie Defizite in der arabischen Kultur damit zusammenhängen, daß die 'Trennung von gelesenem Objekt und lesendem Subjekt nicht vollzogen wird'.« Dies ist, so Al-Jabri, eine Folge einer falschen Auffassung von Tradition, welche den zeitgenössischen arabischen Leser einschränke, ja ihn &lt;i&gt;der Unabhängigkeit und Freiheit&lt;/i&gt; beraube. &lt;i&gt;Vermittelt übereingeimpfte Elemente erfasst er die Dinge, auf ihnen gründet er seine Meinungen und Betrachtungen. [] Vertieft sich der arabische Leser in die traditionellen Texte, so ist seine Lektüre &lt;b&gt;erinnernd&lt;/b&gt;, keineswegs aber &lt;b&gt;erforschend&lt;/b&gt; und &lt;b&gt;nachdenkend&lt;/b&gt;&lt;/i&gt;. Hinzu kommt, daß die arabische Sprache seit mehr &lt;i&gt;als vierzehn Jahrhunderte[n] unverändert blieb&lt;/i&gt; und damit &lt;i&gt;zutiefst in der Tradition und in der Authentizität verwurzelt&lt;/i&gt; sei. Hieraus ergebe sich &lt;i&gt;ihr sakraler Charakter&lt;/i&gt;. Die arabische Sprache absorbiere den Leser; wer &lt;i&gt;einen Text in dieser Sprache liest, liest eher die Sprache als den Text&lt;/i&gt;. Anderereits lebe der zeitgenössische arabische Leser &lt;i&gt;unter dem Zwang, unbedingt auf der Höhe seiner Zeit zu sein.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erforderlich sei (in einem ersten Schritt), das &lt;i&gt;Subjekt von seiner Tradition zu lösen.&lt;/i&gt; Al-Jabri plädiert dafür, den &lt;i&gt;Sinn eines Textes nicht [zu] interpretieren, bevor man nicht seine Materie erfasst&lt;/i&gt; habe - &lt;i&gt;Materie verstanden als ein Netz von Relationen zwischen den Sinneinheiten und nicht als ein Ensemble isolierter Sinneinheiten&lt;/i&gt;. Man müsse sich &lt;i&gt;von einem Verständnis befreien, das auf traditionsgeleiteten Vorurteilen oder aufaktuellen Wünschen&lt;/i&gt; basiere. Die einzige Aufgabe bestehe darin, &lt;i&gt;die Bedeutung eines Textes aus dem Text selbst zu entnehmen&lt;/i&gt;, ihn gegebenenfalls einer &lt;i&gt;minuziösen Sezierung [zu] unterziehen, die den Text tatsächlich zu einem Objekt für ein lesendes Subjekt macht, zu einem Stoff der Lektüre&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Weder islamischer Fundamentalismus noch in den Schoß der westlichen Moderne&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine Frage: Der Text, von dem hier (zunächst einmal) die Rede ist, ist der Koran, der von den Interpretations"texten" der "Gelehrten" der letzten Jahrhunderte zu befreien ist und aus sich heraus gelesen werden soll. Die Intention des Gesamten soll entscheidend werden, nicht die Ausdeutung des einzelnen Wortes. Die Lektüre, wie sie Al-Jabri »selbst als Kind in der Koranschule erfahren hat«, ist zu verwerfen, da sie die Subjekt-Objekt-Perspektive umkehrt, den Text anthropomorphisiert und zu blindem und seelenlosem Repetieren führt. Ohne das es Al-Jabri erwähnt, greift  diese These auch unmittelbar in unseren Kulturkreis ein: Ist nicht gleichfalls der Dogmatismus insbesondere der katholischen Kirche eine unzulässige "Subjektivierung" der christlichen Botschaft (insbesondere des Neuen Testaments)? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Forderung an eine "neue Lesart" der heiligen Texte geht dabei ausdrücklich nicht in Richtung der vom Westen häufig gewünschten Implementierung einer absoluten islamischen Instanz (ähnlich etwa dem Papsttum), die eine allgemeinverbindliche Deutung postuliert. Al-Jabris Gedanke ist, weil er sich konkret an das einzelne Individuum richtet, sehr viel "moderner", wenn auch fragil. Denn wenn seine Diagnose stimmt (und vieles spricht dafür), dürfte die Loslösung von den "heillosen Überlieferungen" (Peter Sloterdijk) sehr schwierig sein, da die Veränderungen auch von den Intellektuellen und Politikern getragen werden müssten, die vom jetzigen System geprägt wurden, und vielleicht sogar profitieren. Zudem droht eine Mobilisierung der Massen durch die restaurativen Kräfte, die jegliche Veränderung als Gefährdung ihrer Legitimation ansehen und ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben. Kants Diktum wird tatsächlich paraphrasiert: Der zeitgenössische arabische Leser bedarf des Ausgangs aus seiner »historischen« Unmündigkeit (Grünenberg/Hegasy treffend im Vorwort). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierfür entwickelt Al-Jabri die Idee vom &lt;i&gt;Neudenken&lt;/i&gt; der Traditionen. Statt die &lt;i&gt;Produktion von neuen Diskursen&lt;/i&gt; zu befeuern, erschöpft sich die arabische Kultur seit dem 13. Jahrhundert mehr oder weniger in der &lt;i&gt;Reproduktion des Alten&lt;/i&gt;. Seither habe sich &lt;i&gt;in der arabisch-islamischen Kultur das herausgebildet, was wir ein "Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist" genannt haben und das noch heute dominiert. Unter diesen Umstände bestünde die Moderne eher darin, dieses Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist, zu überwinden, um ein modernes Verständnis und eine aktuelle Sichtweise der Traditionen zu entwickeln.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Clou in Al-Jabris Denken ist, daß Moderne bei ihm nicht bedeutet, die &lt;i&gt;Tradition abzulehnen noch mit der Vergangenheit zu brechen, sondern vielmehr die Art, in der wir uns zur Tradition verhalten, auf ein Niveau anzuheben, das wir "Zeitgenossenschaft"&lt;/i&gt; nennen und das &lt;i&gt;darin bestehen muss den Lauf des Fortschritts, der sich auf globaler Ebene vollzieht einzuholen&lt;/i&gt;. Es geht nicht um ein plattes &lt;i&gt;"übernehmen oder fallen lassen"&lt;/i&gt;, sondern um &lt;i&gt;Verstehen und Aneignen&lt;/i&gt; - oder, das ist auch eine Option, ein Verwerfen. Letzteres sollte jedoch nicht aufgrund opportunistischer Erwägungen erfolgen, sondern im jeweiligen Kontext. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Averroes und die Notwendigkeit der "andalusischen Wiedergeburt"&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff der Zeitgenossenschaft ist klug gewählt. Dennoch zeigt sich auch hier die Fragilität des Projekts. Al-Jabri ist kein Revolutionär, der mit den "alten Zöpfen" brechen will, sondern versucht, die guten von den schlechten Traditionen zu differenzieren. Eine einfache "Anpassung" an die europäische Moderne kommt nicht infrage. Da die europäische Moderne &lt;i&gt;im Kontext einer besonderen kulturellen Geschichte Europas&lt;/i&gt; steht, kann sie der &lt;i&gt;arabischen Kultur und ihrer Geschichte&lt;/i&gt; gegenüber &lt;i&gt;keinen Diskurs etablieren&lt;/i&gt;. Die Fremdheit zwischen beiden Kulturräumen ist zu gross. &lt;i&gt;Aus diesem Grund müssen wir unseren eigenen Weg zur Moderne zwangsläufig auf Elemente des kritischen Geistes stützen, die ihren Ausdruck in der arabischen Kultur selbst finden, um im Inneren dieser Kultur eine Dynamik der Veränderung in Gang zu setzen.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wie das &lt;i&gt;Verständnis von der Tradition von ideologischen und affektiven Last[en]&lt;/i&gt; befreien? Al-Jabris Dreh- und Angelpunkt der "Reformation" hin zu einem (neuen) arabischen Rationalismus ist Abu al-Walid Muhammad Ibn Ahmad Ibn Muhammad Ibn Rushd, latinisiert Averroes (1126-1198); er ist für ihn der zentrale Aufklärer und Ausdruck der Blütezeit eines &lt;i&gt;arabisch-islamische[n] Denken[s] in der Zeit der Almohaden im Maghreb und in Al-Andalus&lt;/i&gt;, eines "europäisch"-arabischen Denkens fern vom ost-orientalischen Gelehrtentum, welches eine krude Mischung zwischen vor-islamischem Heidentum und dogmatischer Koraninterpretation zum Zwecke ihrer eigenen Machtpositionen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Averroes gilt zuerst als ausführlicher und detailgenauer Kommentator von Aristoteles. Indem Averroes das aristotelische Denken aber nicht nur kommentiert, sondern auch analytisch in die arabische Philosophie eingebracht und weitergeführt habe, setzte er wesentliche Impulse, die weit über die Grenzen auch das Denken und die Philosophie des Abendlandes beeinflusst habe. Nach Averroes &lt;i&gt;haben wir Araber am Rande der Geschichte gelebt (in Trägheit und Niedergang)&lt;/i&gt; (kursorisch werden mit Abu Ishaq Ibn Musa al-Shatibi [ 1388] und ´Abd al-Rahman Muhammad Ibn Khaldun [1332-1406] zwei Ausnahmen vorgestellt). &lt;i&gt;Die Europäer&lt;/i&gt;, so Al-Jabri, &lt;i&gt;lebten ihrerseits die Geschichte, aus der wir herausgetreten waren, weil sie es verstanden, sich Averroes anzueignen und bis zum heutigen Tag das averroistische Moment zu leben.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salopp formuliert: Wenn Tradition, dann bitte die von Averroes. Al-Jabri geht soweit, daß er von der Erfordernis einer &lt;i&gt;andalusischen Wiedergeburt&lt;/i&gt; spricht (wobei es sich natürlich nicht um die erneute Okkupation Spaniens handelt, sondern dies als philosophischer Akt zu verstehen ist).    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Trennung zwischen Religion und Philosophie&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Averroes sprach sich für ein religiöses Verständnis von der Religion aus, das nicht über die Fakten der Religion selbst hinausging, und ein philosophisches Verständnis der Philosophie, das ausschließlich auf den Prinzipien und Intentionen der Philosophie gegründet war. Diese Methode sollte es nach Averroes möglich machen, sowohl die Philosophie als auch die Religion zu erneuern. Übernehmen wir auch von ihm diese Methode, um eine Art und Weise zu definieren, in der wir zugleich unser Verhältnis zur Tradition und unser Verhältnis zum heutigen globalen Denken, das für uns das darstellt, was für Averroes die griechische Philosophie darstellte, auf uns nehmen zu können. Werden wir unserem Verhältnis zur Tradition gerecht, indem wir sie in ihrem eigenen Kontext verstehen, und werden wir in gleicher Weise dem globalen heutigen Denken gerecht.&lt;/i&gt; Ziel soll es laut Al-Jabri sein, &lt;i&gt;unsere Authentizität in der Moderne und unserer Moderne in der Authentizität zu begründen.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Innerarabisch" nahm Averroes unter anderem eine scharfe Gegenposition zu Avicenna ein (Abu Ali al Hussein Ibn Sina; 980-1037), der, so Al-Jabri, &lt;i&gt;einer spiritualistischen und gnostischen Strömung&lt;/i&gt; (hier steht &lt;i&gt;Gnostizismus&lt;/i&gt; für einen &lt;i&gt;Glauben an die Existenz einer anderen Erkenntnisquelle als der Vernunft&lt;/i&gt;) die &lt;i&gt;Weihe gegeben&lt;/i&gt; habe, &lt;i&gt;deren Wirkung entscheidend wurde für die Regressionsbewegung und durch die das arabische Denken sich von einem offenen Rationalismus [] zu einem verderblichen, das Denken der Finsternis fördernden Irrationalismus zurückentwickelte.&lt;/i&gt; (Al-Jabri erwähnt nicht, daß Averroes' Denken von den meisten arabischen Gelehrten nicht nur nicht akzeptiert, sondern verfolgt und der Autor sogar verbannt wurde.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit einer &lt;i&gt;Versöhnung zwischen Vernunft und Überlieferung&lt;/i&gt; lehnt Al-Jabris (mit Averroes) ab. Anschaulich zeigt er, wie diese "Versöhnung" von den Theologen ausgestaltet wurde (bzw. wird): Eben in dem bereits angesprochenen spiritualistischen und &lt;i&gt;gnostischen&lt;/i&gt; Sinn. Heftig sträubt sich Al-Jabri Averroes zitierend gegen ein &lt;i&gt;"Sammelsurium vonerfundenen Behauptungen und neuen Interpretationen"&lt;/i&gt; was die offenbarte Schrift (den Koran) betrifft. Die "Eingemeindung" der Religion in die Philosophie wird strikt abgelehnt, weil die Philosophie damit unterhöhlt wird. Religion sei nicht durch Wissenschaft erklärbar (und auch nicht erklärbar sein soll) und die Wissenschaft benötige auch keine &lt;i&gt;von außen kommende Beschränkung&lt;/i&gt; (vulgo: Religion). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Al-Jabri plädiert für die Re-Vitalisierung des &lt;i&gt;averroistischen Geistes&lt;/i&gt;, auf dem aufzubauen wäre. Mit Averroes zeichne sich eine &lt;i&gt;radikal neue Auffassung vom Verhältnis Religion/Philosophie ab: Man muss auf diesen beiden Gebieten die Rationalität innerhalb des jeweiligen Gebiets feststellen. Die Rationalität in der Philosophie gründet auf der Beobachtung der Ordnung und der Artikulation der Welt, und somit auf dem Gebiet der Kausalität, während die Rationalität der Religion sich auf der Berücksichtigung der "Intention des Gesetzgebers" gründet, dessen letzter Zweck darin besteht, die Tugend zu befördern.&lt;/i&gt;    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutlicher wird er nicht. Wer allerdings die Begriffe "Philosophie" und "Wissenschaft" durch "Politik" ersetzt, wird die Dynamik dieses Denkens erkennen. Zwar hält Al-Jabri an arabische Traditionen fest, distanziert sich von "liberalen" und marxistischen Oktroyierungen (natürlich auch von fundamentalistischen) und betont, daß eine "Übernahme" oder bloße Imitation des &lt;i&gt;europäischen Liberalismus&lt;/i&gt; eine Art Traditionenvergessenheit bedeute, die eine Entfremdung vom arabischen Erbe darstellen würde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie aber eine Neuorientierung eines Denkens ohne einen mindestens indirekten Rekurs auf die Prinzipien der europäischen Aufklärung? Al-Jabri wendet eine "Flucht nach vorne"-Taktik an, in dem er zwischen kognitiven und ideologischen Inhalten unterscheidet. Die &lt;i&gt;kognitiven Gehalte&lt;/i&gt; in der Philosophie verwirft Al Jabri: &lt;i&gt;Der kognitive Inhalt der Gesamtheit [der aristotelischen] Philosophie stürzte mit der Ausbreitung der modernen Wissenschaften zusammen. Descartes gründete seine Philosophie auf die Physik von Galilei. [] Doch der kognitive Gehalt des Cartesianismus hörte mit der Durchsetzung der Newtonschen Physik auf, operativ zu sein. Auf diese gründete Kant seine eigene Philosophie, die ihrerseits überholt war, als die Newtonsche Physik von der Quantentheorie und der Relativitätstheorie überholt wurde usw. Die Geschichte der Wissenschaft istdie Geschichte der Irrtümer der Wissenschaft. Deshalb stirbt der kognitive Gehalt jeder Philosophie ein für alle mal: er geht in die Geschichte als Summe von "Irrtümern" ein. Er stirbt und stürzt in sich zusammen ohne Hoffnung, wieder aufzuerstehen, weil der Irrtum keine Geschichte hat.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen setzt er den &lt;i&gt;ideologischen Gehalt der Philosophie&lt;/i&gt;, der für ihn die Zeit des &lt;i&gt;"Künftig-Mögliche[n]"&lt;/i&gt; darstellt, &lt;i&gt;jedoch in der Form eines Traumes&lt;/i&gt;. Das, was im abendländischen Sprachgebrauch als "Vision" übersetzt würde, wird hier energische Rede für den Traum: &lt;i&gt;Der Traum ignoriert von Natur aus die räumlich-zeitlichen Parameter, im Gegensatz zur Wissenschaft, deren Zeit das "Jetzt-Gegenwärtige" ist, das sie in ihrer Gegenwart lebt.&lt;/i&gt; Das ist natürlich kein antiwissenschaftlicher Gestus. Al-Jabri wehrt sich nur gegen die Infiltration der Philosophie einerseits durch die Religion und andererseits durch eine Verwissenschaftlichung, die, so führt er aus, systemimmanent nur eine begrenzte "Lebensdauer" hat. Eine Argumentation, die zum Beispiel in Anbetracht des neurobiologischen Diskurses in der zeitgenössischen (westlichen) Philosophie eine interessante Dimension eröffnet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Ideologischen ist hier per se nicht negativ konnotiert, allerdings heißt es: &lt;i&gt;Eine Ideologie, die ihre "Zukunft" in der Vergangenheit lebt, ist folglich eine Ideologie, die fortfährt, einen jener Momente zu leben, der durch den Prozess des Werdens des Denkens, dem sie verbunden ist, bereits beseitigt wurde.&lt;/i&gt; Dagegen steht eine Ideologie &lt;i&gt;dieihre Zukunft nach dem Künftigen ausrichtet, [] eine Ideologie, die ein  oder mehrere  vom Prozess des Werdens noch nicht beseitigte Moment lebt.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem Al-Jabri die Philosophie als dynamisch-visionär und eigenständig postuliert und einen &lt;i&gt;averroistischen Geist&lt;/i&gt; ausruft, greift er auch den Status quo des Universalismus westlichen Denkens an. Der averroistische Geist als soll &lt;i&gt;unserem Denken, unserem Blick und unseren Bestrebungen so gegenwärtig sein wie der kartesische Geist dem französischen Denken, oder der von Locke und Hume eingeführte empiristische Geist dem englischen Denken gegenwärtig ist. [...] Errichten wir also unsere Besonderheit auf dem, was uns eigen ist, uns zukommt, uns nicht fremd ist. Der averroistische Geist kann unserer Epoche angepasst werden, weil er mit ihr in mehr als einer Hinsicht einhergeht; dem Rationalismus, dem Realismus, der axiomatischen Methode und dem kritischen Herangehen. Den averroistischen Geist annehmen heißt brechen mit dem "orientalischen" avicennischen Geist, derdas Denken der Finsternis fördert.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Traum des &lt;i&gt;Künftig-Mögliche[n]&lt;/i&gt; ist es, &lt;i&gt;ein Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit zu errichten, um ein freies, arabisches, demokratisches und sozialistisches Gemeinwesen aufzubauen.&lt;/i&gt; 

&lt;center&gt;۩      ۩     ۩      ۩&lt;/center&gt;

Auf dem Cover des Buches zeigt ein Vexierbild sowohl eine Darstellung von Averroes als auch von Immanuel Kant; beide miteinander verflochten. Die »Anmaßung«, sich »mit dem Titel 'Kritik'« in der Nachfolge Kants zu »schmücken« sei, so sagt das Vorwort, »seltenso berechtigt wie bei dieser profunde[n] und hochgradig originelle[n] Fundamentalanalyse arabischer Wissensproduktion«. Dies zu beurteilen müssen andere vornehmen und ist sicherlich erst nach Vorlage des gesamten Korpus möglich. Sicher ist, daß es sich auch um ein politisch wichtiges Buch handelt, welches alleine schon aus Gründen der Verständlichkeit auch für den nicht-philosophisch vorgebildeten (und vielleicht weniger interessierten) Leser im Rahmen des Möglichen zugänglich sein sollte. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;&lt;b&gt;*&lt;/b&gt; Die Scheibweise der arabischen Namen erfolgt gemäß dem vorliegenden Buch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;**&lt;/b&gt; Zitate aus Vorwort und Einführung des Buches, d. h. Texte, die nicht von Al-Jabri direkt stammen, werden in "französischen" Anführungszeichen gesetzt: » und «. Zitate von Al-Jabri sind kursiv geschrieben. Dabei wurden Zeichensetzung und Orthografie aus dem vorliegenden Buch übernommen. Gelesen wurde ein "Vorabdruck" eines Rezensionsexemplars des Verlags, welches mit dem Vermerk "Geringfügige Änderungen und Korrekturen vorbehalten" versehen ist.  &lt;/small&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/5288.html"&gt;Leseprobe im Perlentaucher&lt;/a&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-05-19T15:20:00Z</dc:date>
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    <title>Til Schweiger: Keinohrhasen</title>
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    <description>&lt;img title="Til Schweiger  Keinohrhasen" height="400" alt="Til Schweiger  Keinohrhasen" width="400" align="right" class="right" src="http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Til-Schweiger-Keinohrhasen.jpg" /&gt;Wie Baby Schimmerlos für Arme irrlichtert Tim Schweiger als Ludo Decker (nomen est omen  auch hier) in "Keinohrhasen" durch die Celebrity-Welt. Man lacht ein bisschen über sich selbst und verwechselt das mit Selbstironie; Klitschko heißt da Klitschko, Catterfeld Catterfeld und Jürgen Vogel spielt gegen Ende Jürgen Vogel (bzw. er spielt als Jürgen Vogel den Jürgen Vogel wie er den Jürgen Vogel gespielt haben möchte). Der Minister, der seine Geliebte geschwängert hat, ist allerdings nicht Seehofer. Soviel "Reality" ist dann doch nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweiger spielt den Klatschreporter als skrupellosen Insider (mit mafiösen Attitüden) und machohaften Frauenhelden mit seiner eigenen Philosophie des one-night-stands nebst entsprechendem Verbrauch. So verknüpft man das Nützliche mit dem Angenehmen - und gibt dem Zuschauer nebenbei das Gefühl, es immer schon gewusst zu haben. Es wird gevögelt, gestöhnt, geschrien und die Wörter "blasen", "bumsen" und "ficken" werden in allen Konjugationen dekliniert. (Der Film ist "FSK ab 12", was einiges über das Zutrauen an das Sprachvermögen der heutigen Jugend aussagt.) Es beschleicht einem im weiteren Verlauf des Films der Eindruck, dass nicht zuletzt die deftige Sprache die eher mediokren schauspielerischen Leistungen einiger Akteure verschleiern soll. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweiger will die Yellow-Press-Welt der schönen Bildergeschichten und Lügenberichte karikieren aber er macht den Fehler, dass er diese Welt auch noch ins Lächerliche zieht (vermutlich aus Selbstschutz). Szenen werden mit überbordendem Text und/oder anderen Reizen aufgepeppt, um den Zuschauer mit dem Holzhammer auf den vermeintlich richtigen Weg zu bringen. In Deutschland nennt man solche Filme der Einfachheit halber Komödien, weil man den Begriff der "Klamotte" nicht mehr kennt. Sie "laufen" im Kino, haben aber ganz bestimmt nichts Cineastisches. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Figuren entwickeln sich nicht, lediglich die Situationen sind am Ende andere. Die Rollenklischees sind zementiert wie das Arminius-Denkmal im Teutoburger Wald. Die Frau wartet auf Erlösung durch ihren Märchenprinzen und erscheint dann als Liebende in vollkommener Schönheit und der Macho überzeugt durch Bettgymnastik und anschließender Läuterung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ist auch noch mässig gespielt: Als sich Ludo während seiner Sozialstunden in einem Kinderhort in die widerspenstige Anna (Nora Tschirner) verliebt (sie hatte sich schon längst vorher in ihn verknallt), als "Journalist" gefeuert wird und Kindergärtner werden will, spielt Til Schweiger diese Figur mit dem gleichen Ausdruck wie am Anfang den rattigen Paparazzo. Sein schauspielerisches Repertoire ist auf wenige, eher sparsame Gesten beschränkt (vielleicht hebt er sich aber noch einige für weitere Filme auf). Und da er rhetorisch eher ein Aufsager als ein Schauspieler ist, braucht der Film um nicht in eine vollkommen banale Groschenromanschnulze abzudriften schwülstige Musik und ganz viele Cameo-Auftritte von bekannten Schauspielern; die natürlich meistens auch schwach bleiben (eine Ausnahme: Wolfgang Stumph als hartherziger, prinzipienreiterischer Taxifahrer  mit einer grandiosen Schlußszene). Eine Komödie zu inszenieren ist eben eine Kunst und keine Abfilmen von Witzchen à la "Sketchup". &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeiten, in denen deutsche Regisseure wunderbare, pointenreiche, vielleicht schräge, heiter-leichte (aber nicht banale)  kurzum: herrliche Komödien inszenieren konnten, scheinen vorbei. Hierzu bedarf es natürlich mehr als der bloßen Zurschaustellung der Pseudo-Coolness einer gefrusteten Wohlstandsgeneration. Schweiger ahnt das wohl und plündert hemmungslos bei Helmut Dietl ("Kir Royal" und "Rossini") wie auch bei diversen US-amerikanischen Filmen von "Pillow Talk" bis "Harry und Sally". Das wäre noch nicht einmal das Schlimmste. Aber während es bei "Rossini" noch um die "mörderische Frage, wer mit wem schlief" ging, zählt bei "Keinohrhasen" nur noch der Enthaarungsstatus der Frau und ob diese Unterwäsche trägt oder nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von Komik ist das meistens soweit entfernt wie Berlin von Australien. Dass es dennoch veritable Preise für diesen Film gab kann entweder an den Kritikern liegen, die ihre Kriterien allzu bereitwillig der Zeitgeistästhetik geopfert haben und alles abnicken was mit entsprechender Promiquote daherkommt oder es steht tatsächlich so schlecht um das, was man gemeinhin den "deutschen Humor" nennt.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Kritik</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-05-19T05:44:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5701623/">
    <title>Rätsel</title>
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    <description>Wer hat dies als junger Mensch gesagt/geschrieben?

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Um gläubig zu sein, muß man nicht Hostien verschlucken, muß man nicht alle Jahre zweimal beichten. Es genügt, wenn der Mensch ins Antlitz der Welt schaut, tief hinein in seine Mitte [...] Man soll niemals über die Kirche spotten, aber man darf die schlechten Priester als schlecht bezeichnen und die niederträchtigen Nonnen als niederträchtig. Man muß aber auch den Glanz und die Güte Gottes preisen... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Reichtum...nützte nichts, das ganze Geld nützte nichts, alles, alles, nützte nichts, nieder sinkt er, scheinbar klein wird er letztlich, und nieder kniet er sich in Delirien und fleht um die letzte Erleuchtung: um den ewigen Vater!&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;small&gt;Es gibt nichts Materielles zu gewinnen; nur ganz viel Ruhm.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Splitter</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright © 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-05-14T16:43:00Z</dc:date>
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   <title>find</title>
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