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	<title>Wirtschaftliche Freiheit</title>
	
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	<description>Ordnungspolitischer Blog</description>
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		<title>OrdnungsrufDer gefesselte LeviathanEin Nachtrag zum Austeritätsregime</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 23:01:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Hank</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Leviathan, jenes Fabelwesen, welches Ressourcen vom Privatsektor zum Staat umverteilen will, ist mit der aktuellen Lage zufrieden. Seine wichtigsten Widersacher, die Herrschaft des Marktes und die Herrschaft des Rechts, liegen am Boden. Und das wird dann auch noch als erfolgreiche Krisenbew&#228;ltigung gefeiert. Stefan Homburg hat im neuesten Wirtschaftsdienst zurecht auf diese Paradoxie hingewiesen. Da [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Leviathan, jenes Fabelwesen, welches Ressourcen vom Privatsektor zum Staat umverteilen will, ist mit der aktuellen Lage zufrieden. Seine wichtigsten Widersacher, die Herrschaft des Marktes und die Herrschaft des Rechts, liegen am Boden. Und das wird dann auch noch als erfolgreiche Krisenbew&#228;ltigung gefeiert. Stefan Homburg hat im neuesten <a href="http://www.wirtschaftsdienst.eu/" target="blank">Wirtschaftsdienst</a> zurecht auf diese Paradoxie hingewiesen. Da der gesch&#228;tzte ZEIT-Kollege Mark Schieritz im <a href="http://blog.zeit.de/herdentrieb/2010/07/21/ich-kann-beim-besten-willen-keinen-schuldenberg-erkennen_2065" target="blank">Herdentrieb</a> unverdrossen die Existenz des Leviathan leugnet und „beim besten Willen keinen Schuldenberg erkennen kann“, sollen hier ein paar grunds&#228;tzliche Dinge klar gestellt werden.</p>
<p><span id="more-3794"></span></p>
<p><strong>Zum Schuldenberg:</strong> Selten gab es ein Jahrzehnt wie die Zeit zwischen 2001 und 2010, in der die Finanzminister der Welt so gro&#223;z&#252;gig das Geld, das sie nicht eingenommen haben, mit vollen H&#228;nden ausgaben. Im genannten Zeitraum haben sich die Schulden der Welt von 20,4 auf 48 Billionen Dollar mehr als verdoppelt. Bis Ende 2011 ist ein weiterer Anstieg auf 51,5 Billionen Dollar zu erwarten (das und vieles mehr kann man nachlesen in dem gerade erschienen sch&#246;nen B&#252;chlein von Kai Konrad und Holger Tsch&#228;pitz: „Schulden ohne S&#252;hne. Warum der Absturz der Staatsfinanzen uns alle trifft.“ Verlag C.H. Beck 2010) Woher der ungeahnte Anstieg in nur einem Jahr? Mit Konjunkturprogrammen, Bankenrettung und Staatenrettung haben die G20-Finanzminister ihre Emissionsmaschinen f&#252;r Staatsanleihen in einem Ausma&#223; angeworfen wie selten. Dass das alles nicht weiter schlimm ist, kann nur behaupten, wer schon lange seine Augen nicht mehr aufgemacht hat. Denn angesichts der (zu Recht) selbst auferlegten Disziplinierungsma&#223;nahmen (deutsche Schuldenbremse, europ&#228;isches Stabilit&#228;tsregime) schr&#228;nken die Schuldenexzesse die Spielr&#228;ume aller Staaten in Zukunft enorm ein: Der lange Weg in die Austerit&#228;t war vorgezeichnet. Da m&#246;gen die Amerikaner noch so lange den Sparzwang hinausz&#246;gern und in der Zwischenzeit auf das Multiplikatorwunder hoffen. So oder so gib es kein Entrinnen mehr: Das Verschuldungsspiel, welches immer mehr an Ponzi und Madoffs Schneeball erinnert, ist decouvriert; Austerit&#228;t dominiert. Das muss nicht nur &#214;konomen schrecken, sondern vor allem auch B&#252;rger, die an einem funktionsf&#228;higen Staat interessiert sind, dessen Regierung gem&#228;&#223; demokratischem Auftrag fiskalische Gestaltungsr&#228;ume wahrnehmen und die von den B&#252;rgern erw&#252;nschten &#246;ffentlichen Leistungen bereit stellen. Doch von diesen Gestaltungsspielr&#228;umen ist inzwischen kaum mehr etwas &#252;brig geblieben (wie Wolfgang Streeck in seinem schon mehrfach zitierten <a href="http://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp10-5.pdf" target="blank">Paper</a> nachgewiesen hat). Danach stiegen die langfristig gebundenen, also jeder Regierung gleich welcher Couleur vorgegebenen Ausgaben zwischen 1970 und 2009 von 60 auf  &#252;ber 70 Prozent (Abbildung 3 bei Streeck).</p>
<p>Mit anderen Worten: Der Gestaltungsspielraum von Regierungen ist immer mehr eingeengt worden. Haupttreiber dieser langfristig gebundenen Ausgaben sind dabei der st&#228;ndig wachsende Schuldendienst (trotz niedrigen Zinsniveaus) und die aufgebl&#228;hten und deshalb zus&#228;tzlich zur steigenden Beitragslast aus dem Staatshaushalt zu bedienenden Sozialausgaben, w&#228;hrend im selben Zeitraum Verteidigungsausgaben und Kriegsfolgelasten zur&#252;ck gegangen sind. Wie man angesichts dieses Befunds sagen kann, die Staatsverschuldung habe mit dem fett gewordenen Sozialstaat nichts zu tun, bleibt mir schleierhaft. Dabei wird das Austerit&#228;tsregime nicht zuletzt durch einen erwartbarem Anstieg der Zinsen noch sch&#228;rfer werden (ab einem auf das BIP bezogenen Schuldenstand von 90 Prozent fordern die M&#228;rkte erfahrungsgem&#228;&#223; einen Risikoaufschlag). Es ist paradox: Die Staatsverschuldung hat den Leviathan gest&#228;rkt, aber im selben Ma&#223;e auch geschw&#228;cht. Denn er ist bewegungsunf&#228;hig, kann mittlerweile noch nicht einmal seine selbst gesteckten Ziele – Wohltaten f&#252;r die B&#252;rger verteilen, um W&#228;hlerstimmen f&#252;r Politiker zu maximieren – verfolgen. Der Leviathan ist gefesselt.</p>
<p><strong>Zur Legitimation der Staatsverschuldung:</strong> Die einzige Rechtfertigung f&#252;r staatliche Schulden, die auch &#214;konomen gew&#246;hnlich zuzulassen bereits sind, begr&#252;ndet das Leben auf Pump mit dem Nutzen, den sp&#228;terer Generationen davon haben werden. Wer den Nutzen hat, soll daf&#252;r auch bezahlen, so die einfache Formel. Mit diesem Zaubertrick werden Staatsschulden als Investitionen in die Zukunft tituliert, deren Rendite k&#252;nftige Generationen einsacken werden, die sich deshalb also auch an den Kosten beteiligen sollen. Vom Stra&#223;enbau profitieren sp&#228;tere Autofahrer, von Universit&#228;tsgr&#252;ndungen haben sp&#228;tere Studentengenerationen etwas. Dass diese Musgravesche Schuldenlegitimationsformel eine grandiose L&#252;ge ist, zeigt sich jetzt: Statt ein Reich der Freiheit erben die Kinder einen gefesselten Leviathan, der ihren eigenen Konsum beschneidet und es als ihre Hauptaufgabe definiert, die Schulden zur&#252;ck zu zahlen, welche ihre Vorfahren bis zum Anschlag zu machen beliebten. Da zeigt sich, dass dem Paternalismus eben immer zu misstrauen ist. Denn auch die Musgravesche Formelist ist ja bei Lichte besehen nichts anderes als strammer Paternalismus: Die Heutigen versprechen den K&#252;nftigen einen Nutzeneffekt, den sie nicht nur nicht berechnen k&#246;nnen, sondern den die K&#252;nftigen auch gar nicht von ihnen erbeten haben. Paternalismus, so zeigt sich abermals, ist nicht nur eine anma&#223;ende Frechheit. Er ist auch noch teuer f&#252;r die, die damit ungefragt begl&#252;ckt werden sollen. Der Schuldenstaat kann keines seiner Versprechen halten.</p>
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		<title>Sparpaket und Elterngeld für Arbeitslose: Ein Lehrstück</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Jul 2010 23:01:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Apolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen f&#252;hrte im Jahre 2007 ein Elterngeld als Ersatz f&#252;r das bisherige Erziehungsgeld ein. Damit soll jungen Eltern ein zumindest teilweiser Ausgleich f&#252;r entgangene Erwerbseinkommen in der ersten Lebensphase nach der Geburt eines Kindes gew&#228;hrt werden. Das Elterngeld wird &#252;ber einen Zeitraum von maximal 14 Monaten gew&#228;hrt und betr&#228;gt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen f&#252;hrte im Jahre 2007 ein Elterngeld als Ersatz f&#252;r das bisherige Erziehungsgeld ein. Damit soll jungen Eltern ein zumindest teilweiser Ausgleich f&#252;r entgangene Erwerbseinkommen in der ersten Lebensphase nach der Geburt eines Kindes gew&#228;hrt werden. Das Elterngeld wird &#252;ber einen Zeitraum von maximal 14 Monaten gew&#228;hrt und betr&#228;gt regelm&#228;&#223;ig 67 Prozent des laufenden Netto-Erwerbseinkommens, jedoch mindestens 300 und h&#246;chstens 1800 Euro. Das Familienministerium l&#228;sst dabei keinen Zweifel am Zweck dieser Zuwendung an junge Eltern. Auf der <a href="http://www.bmfsfj.de/" target="blank">Website</a> des Ministeriums finden wir entsprechend:</p>
<p><span id="more-3787"></span></p>
<p>„F&#252;r M&#252;tter und V&#228;ter wird es mit dem Elterngeld einfacher, vor&#252;bergehend ganz oder auch nur teilweise auf eine Erwerbst&#228;tigkeit zu verzichten und so mehr Zeit f&#252;r die Betreuung des Kindes zu haben.“</p>
<p>Das Elterngeld stellt also keinen Sozialtransfer dar, mit dem unbillige Lebensh&#228;rten abgefedert werden sollen. Letzteres ist die Aufgabe der sozialen Sicherungssysteme, insbesondere des Arbeitslosengeldes II bzw. der Sozialhilfe. Diese Instrumente beinhalten auch Hilfen f&#252;r Kinder, und der Gesetzgeber ist bekanntlich gerade dabei, einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gem&#228;&#223; die S&#228;tze f&#252;r Kinder an deren Bed&#252;rfnissen auszurichten, statt sie als Prozentsatz eines Erwachsenen zu definieren. Sollte es also f&#252;r arbeitslose Familien f&#252;r den Lebensunterhalt nicht reichen, so w&#228;re hier anzusetzen. Das Elterngeld jedenfalls hat eine davon unabh&#228;ngige Funktion, welche darin besteht, jungen Paaren den Schritt in die Familiengr&#252;ndung mit Kindern leichter zu machen. Hierzu wird ihnen ein Teil des Verdienstausfalls erstattet, welcher in der ersten – besonders betreuungsintensiven – Lebensphase ihres potenziellen Nachwuchses dadurch entsteht, dass ein Elternteil sich dem Kind widmet, statt Erwerbseinkommen zu erwirtschaften. Und damit das alles politisch korrekt abl&#228;uft, wird ein Teil der Zuwendung sogar davon abh&#228;ngig gemacht, dass der betreuende Elternteil mindestens zeitweise der Mann ist.</p>
<p>Es gibt in diesem Zusammenhang eine einfache Einsicht: Wer ohnehin nicht berufst&#228;tig ist, hat auch keinen Verdienstausfall und bedarf so gesehen auch keiner Kompensation. So gesehen w&#228;re das Instrument des Elterngeldes dann und nur dann zielgerichtet konstruiert, wenn es allein an Eltern gezahlt w&#252;rde, welche sich ohne dieses Instrument gegen, mit ihm aber f&#252;r Kinder entscheiden w&#252;rden, oder wenn es an Eltern gezahlt wird, welche sich in der ersten Lebensphase ohne das Elterngeld nicht selbst den Kindern widmen w&#252;rden, mit diesem aber schon. &#220;ber diese Ziele selbst mag man sich uneinig sein, aber nun ist es der Wille des Gesetzgebers gewesen, genau diese Ziele zu f&#246;rdern. Akzeptiert man dies, so muss man auch akzeptieren, dass zwei Dinge nicht in das Instrument des Elterngeldes passen: dass erstens Eltern gef&#246;rdert werden, welche sich auch ohne das Elterngeld f&#252;r eine traditionelle Rollenteilung entscheiden w&#252;rden, und dass zweitens Eltern gef&#246;rdert werden, welche arbeitslos sind und &#252;berhaupt kein Erwerbseinkommen erzielen, dessen sie durch die Kinderpflege verlustig werden k&#246;nnten.</p>
<p>Nun h&#228;tte es die Konservativen vor allem in den Reihen der CSU wohl auf den Plan gerufen, wenn Familien mit traditioneller Rollenverteilung mit Blick auf das Elterngeld leer ausgegangen w&#228;ren. Diese Gruppe hatte sich ohnehin schwer mit der Zustimmung zum Elterngeld getan. Weiterhin wollte man wohl auch nicht, dass Empf&#228;nger von Lohnersatzleistungen kein Elterngeld erhalten, „nur“ weil sie kein Erwerbseinkommen beziehen, welches ihnen im Falle der Kinderpflege verloren ginge. Daher bekommen Familien mit einem geringen oder gar keinem Einkommen eine „Ersatzrate“ von bis zu 100 Prozent oder eben den Mindestsatz von 300 Euro. Schlie&#223;lich wird das Elterngeld – bisher jedenfalls – nicht auf sonstige Sozialleistungen angerechnet, so dass diese Leistungen in vollem Umfang erhalten bleiben. Halten wir also fest:</p>
<p>- Erstens: Wenn eine Familie sich bereits ohne Elterngeld dazu entschieden hat, einem Elternteil ganz die Kinderpflege und -erziehung zu &#252;bertragen, so wird diese Entscheidung durch das Elterngeld nicht infrage gestellt. Umgekehrt ist es allerdings so, dass berufst&#228;tigen Eltern die Entscheidung vers&#252;&#223;t wird, die ersten maximal 14 Monate ganz dem Kind zu widmen. Ein Elterngeld, welches in der Tat ausschlie&#223;lich solchen Eltern gew&#228;hrt w&#252;rde, welche w&#228;hrend der Elterngeldzeit ganz oder teilweise auf ein Einkommen verzichten, f&#246;rdert nicht die Abkehr vom traditionellen Familienverst&#228;ndnis, gem&#228;&#223; dem ein Elternteil zu Hause bei den Kindern bleibt. Die Elterngeldzahlung an nicht Erwerbst&#228;tige l&#246;st demnach einen reinen Mitnahmeeffekt aus.</p>
<p>- Zweitens: Mit Blick auf die Arbeitslosen finden wir zun&#228;chst denselben Mitnahmeeffekt. Denn wenn der Staat jungen Eltern die M&#246;glichkeit geben will, sich w&#228;hrend der ersten Lebensmonate allein um das Kind zu k&#252;mmern, ohne dadurch mit einem unzumutbaren Verdienstausfall belastet zu sein, so l&#246;st er damit ein Problem, welches f&#252;r Arbeitslose schlicht nicht relevant ist. W&#228;re man generell der Ansicht, dass arbeitslose Familien mit Kindern ein h&#246;heres Einkommen ben&#246;tigen, so m&#252;sste man dies &#252;ber die H&#246;he der ALG-II-S&#228;tze angehen. Man m&#252;sste dann zwar auch Fragen des Lohnabstandes diskutieren, zumal die S&#228;tze f&#252;r arbeitslose Familien mit Kindern heute bereits sehr nahe am Durchschnittseinkommen vergleichbarer erwerbst&#228;tiger Familien liegen. Aber wie man sich auch immer entscheidet, w&#228;re das Elterngeld in jedem Falle das falsche Instrument.</p>
<p>Gleichwohl hat die damalige Bundesregierung das Elterngeld seinerzeit so konstruiert, dass auch arbeitslose Familien in deren Genuss gelangen. Das politische Gesch&#228;ft verlangte offenbar nach Zugest&#228;ndnissen, welche dem Zweck des Instruments „Elterngeld“ zuwiderlaufen, so dass sie es schlie&#223;lich erstens teurer machten als zur Erreichung des Zwecks n&#246;tig ist. Was wir nun im Zuge des Sparpakets lernen ist, dass das Elterngeld f&#252;r Arbeitslose wie der Geist aus der Flasche nicht mehr einzufangen ist. Will man n&#228;mlich jetzt dieses offenkundig fehlkonstruierte Element des Elterngeldes wieder aus dieser Ma&#223;nahme herausnehmen, weil der Staat an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit gelangt, so sieht man sich allenthalten lautem Geschrei gegen&#252;ber.</p>
<p>Man kann daraus eine allgemeine Lehre ziehen: Der Staat greift mit einer un&#252;berschaubaren Vielzahl von Instrumenten in die privatautonome Entscheidungsfindung seiner B&#252;rger ein. In einer freien Gesellschaft steht es dem Staat nicht gut an, allzu forsch mit direkten Geboten und Verboten in die Lebensplanung der B&#252;rger einzugreifen. Daher versuchen moderne Regierungen freiheitlicher Demokratien mit vielf&#228;ltigen Instrumenten – vor allem aus der Steuer- und Sozialpolitik –, das Verhalten ihrer B&#252;rger auf indirektem Wege zu steuern. Aber abgesehen davon, dass Menschen sehr kreativ sind und viele dieser indirekten Instrumente ad absurdum f&#252;hren, gibt es oft schon im Vorfeld die Dynamik des politischen Prozesses nicht her, dass die Regierungen konsistente Programme entwickeln, mit denen der Staat das angestrebte Steuerungsziel auch erreicht. Zu stark ist der Einfluss von Lobbys und auch jener von Ideologien. Am Ende aber schl&#228;gt vor allem ein Effekt durch: Da die Steuerungsaspekte eines politischen Programms meist schwer nachvollziehbar und komplex sind, geraten die Verteilungsaspekte schnell in den Vordergrund und &#252;berlagern eine Diskussion &#252;ber Steuerungsaspekte. Wenn das erst einmal geschehen ist, hat man mit jenen Argumenten oft keine Chance mehr, welche sich auf den urspr&#252;nglich intendierten Steuerungsaspekt beziehen. Dann wird nur noch &#252;ber Gerechtigkeit gestritten. Und wie so oft, findet die Gerechtigkeitsdiskussion dann an der falschen Stelle statt, w&#228;hrend der Steuerungsaspekt aus dem Blickfeld ger&#228;t. So wie im Falle des Elterngeldes.</p>
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		<title>Bundesländer am Transfertropf: Der Preis des kooperativen Föderalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 23:01:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Schnellenbach</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der folgende Vergleich ist nicht originell, er wird  immer wieder einmal angestellt, aber er hat doch seine Berechtigung: Die  Schweiz hat 7,8 Millionen Einwohner und 26 Kantone. Deutschland hat 81,8 Millionen Einwohner und 16 Bundesl&#228;nder. Wollte Deutschland seinen F&#246;deralismus  &#228;hnlich kleinr&#228;umig gestalten wie die Schweiz, dann br&#228;uchte es rund 270  Bundesl&#228;nder.

Eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der folgende Vergleich ist nicht originell, er wird  immer wieder einmal angestellt, aber er hat doch seine Berechtigung: Die  Schweiz hat 7,8 Millionen Einwohner und 26 Kantone. Deutschland hat 81,8 Millionen Einwohner und 16 Bundesl&#228;nder. Wollte Deutschland seinen F&#246;deralismus  &#228;hnlich kleinr&#228;umig gestalten wie die Schweiz, dann br&#228;uchte es rund 270  Bundesl&#228;nder.</p>
<p><span id="more-3672"></span></p>
<p>Eine so extreme F&#246;deralismusreform wird nat&#252;rlich  niemand ernsthaft vorschlagen, auch ich nicht, aber die plakative Zahl von 270 deutschen Kantonen vermittelt einen deutlichen Eindruck davon, wie  dezentral man einen Staat tats&#228;chlich organisieren kann. Zur weiteren Verfestigung  dieses Eindrucks sei eine weitere Zahl genannt: Der kleinste Kanton der  Schweiz, Appenzell Innerrhoden, hat 15.500 Einwohner. Das ist weniger als ein  Zehntel der Einwohner von Berlin-Kreuzberg, aber die Kleinheit ihres Kantons  hindert die Innerrhoder nicht daran, beispielsweise einen eigenen  Einkommensteuertarif zu haben.</p>
<p>Auch bei den Unternehmensteuern k&#246;nnen die Kantone  eigene Wege gehen. Appenzell Innerrhoden etwa r&#252;hmt sich, juristische Personen  mit der von allen Kantonen drittg&#252;nstigsten Steuerlast zu belegen. Zus&#228;tzlich  betreibt der Kanton eine eigene, aktive Regionalpolitik, die sich die Ansiedlung  von Unternehmen zum Ziel gesetzt hat. Tats&#228;chlich entspricht der Kanton  &#252;berhaupt nicht dem in Deutschland verbreiteten Klischee einer Steueroase. Neben  einem starken Agrarsektor beherbergt er auch zahlreiche hoch spezialisierte produzierende Gewerbe.</p>
<p>Die Einkommen der Haushalte sind in Appenzell  Innerrhoden zwar etwas geringer als im Durchschnitt der Schweiz, daf&#252;r wuchsen sie  in den letzten Jahren etwas schneller, und die Lebenshaltungskosten sind  geringer. Die Arbeitslosenquote liegt deutlich unter dem ohnehin schon niedrigen gesamtschweizer Durchschnitt.  Dabei ist der Kanton eigentlich das, was man gemeinhin <em>strukturschwach</em> nennen w&#252;rde: Die Bev&#246;lkerungsdichte ist  sehr gering, der Kanton ist nicht an eine voll ausgebaute Autobahn  angeschlossen und der Regionalzug braucht f&#252;r die eigentlich nicht weite Strecke von  St.Gallen nach Appenzell eine gef&#252;hlte Ewigkeit. Man kann sich Appenzell  Innerrhoden also &#252;berspitzt als eine Art Mecklenburg-Vorpommern der Schweiz vorstellen;  man mu&#223; sich dann allerdings das S&#228;ntismassiv dazu- und die Trostlosigkeit der perpetuierten Massenarbeitslosigkeit wegdenken.</p>
<p>Womit wir dann wieder in Deutschland w&#228;ren. Hier  wurden in den letzten Jahren zwei F&#246;deralismusreformen beschlossen, die an der  fehlenden Autonomie der Bundesl&#228;nder auf der Einnahmenseite ihrer Budgets nichts &#228;nderten. Der L&#228;nderfinanzausgleich hebt zusammen mit den Bundeserg&#228;nzungszuweisungen die Finanzkraft auch der schw&#228;chsten  Nehmerl&#228;nder zuverl&#228;ssig in die n&#228;chste N&#228;he des L&#228;nderdurchschnitts. Die Existenz  als Nehmerland erscheint folgerichtig den meisten betroffenen  Landespolitikern verglichen mit der Alternative – also mit steuerpolitischer Autonomie &#8211; als berechenbarer, sicherer und schlicht bequemer. Da es seit 1950 nie  mehr als f&#252;nf Geberl&#228;nder gab, sind die Mehrheitsverh&#228;ltnisse klar und auf  absehbare Zeit unverr&#252;ckbar: Die Transferempf&#228;nger haben das Sagen.</p>
<p>Genau ein Bundesland hat es in der langen  Geschichte des L&#228;nderfinanzausgleichs geschafft, nachhaltig die Seiten zu wechseln und  vom Nehmer- zum Geberland zu werden: Bayern. Ein anderer Fall ist Nordrhein-Westfalen, das in den 1980ern (und auch am aktuellen Rand)  eine kleine Schw&#228;chephase hatte, sonst aber stets Geberland war. Der Status  aller anderen Bundesl&#228;nder scheint fest zementiert. Das Argument, da&#223;  Transferzahlungen genutzt w&#252;rden um regionale Aufholprozesse zu gestalten, wird von allen aktuellen und ehemaligen Nehmerl&#228;ndern mit Ausnahme Bayerns eindeutig widerlegt. Wenn im Zusammenhang mit Transferzahlungen an Individuen  manchmal gefragt wird, ob diese nicht „Sozialhilfedynastien“ generieren, so kann  man im Fall des L&#228;nderfinanzausgleichs jedenfalls ganz sicher mit Fug und Recht  von politischen Transferdynastien in den Landesregierungen der  finanzschwachen L&#228;nder sprechen.</p>
<p>Nat&#252;rlich ist es aus Sicht einer Landesregierung in  aller Regel politisch opportun, Transfereinnahmen so zu verwenden, da&#223; sie kurzfristig und schnell zus&#228;tzliche Einkommen bei denjenigen  W&#228;hlergruppen generieren, die es f&#252;r die n&#228;chste Landtagswahl zu mobilisieren gilt. Investitionen in langfristigen Strukturwandel und regionale  Aufholprozesse, deren Erfolg zudem meist ex ante nicht sicher ist, sind vergleichsweise deutlich unattraktiver. M&#246;glicherweise liegt auch gerade hier die  Ursache, die Bayern zur Ausnahme machte: Die Wiederwahl der Regierungspartei stand  &#252;ber Jahrzehnte nicht in Zweifel, ihr Zeithorizont war also schlicht und  einfach l&#228;nger.</p>
<p>W&#228;re der notwendige politische Wille vorhanden, so  w&#228;re auf der Ausgabenseite der L&#228;nderbudgets der Spielraum beispielsweise f&#252;r  eine verst&#228;rkte Umschichtung von &#246;ffentlichem Konsum hin zu &#246;ffentlichen Investitionen durchaus noch vorhanden. Helmut Seitz hat in einem 2008 erschienenen Artikel(*) gezeigt, da&#223; die oft vertretene These, die L&#228;nderhaushalte seien etwa durch Leistungsgesetze weitgehend  bundesbestimmt, falsch ist. Stattdessen zeigte sich, da&#223; sogar in einem Aufgabenbereich  wie der Sozialen Sicherung, wo die Bundesbestimmtheit tats&#228;chlich sehr gro&#223; ist,  die L&#228;nder noch etwa 30% der Ausgaben autonom bestimmen k&#246;nnen. Insgesamt  zeigte Seitz, da&#223; im L&#228;nderdurchschnitt etwa vier F&#252;nftel der Gesamtausgaben <em>nicht</em> bundesbestimmt sind. Das bedeutet zwar  nicht, da&#223; die L&#228;nder nach Belieben in kurzer Zeit Ausgaben umschichten k&#246;nnen, da beispielsweise Personalausgaben gerade im &#246;ffentlichen Sektor eine  tr&#228;ge, nur &#252;ber l&#228;ngere Zeitr&#228;ume beeinflu&#223;bare Gr&#246;&#223;e sind. Aber die oft geh&#246;rte Feststellung, man k&#246;nne auf der L&#228;nderebene gar nicht zus&#228;tzlich in die regionale Wirtschaftsentwicklung investieren, da ja der gr&#246;&#223;te Teil der Ausgaben ohnehin bundesbestimmt sei, ist erkennbar vor allem eine Schutzbehauptung.</p>
<p>Es bleibt also zusammenfassend bei der  Schlu&#223;folgerung, da&#223; die Nehmerl&#228;nder es sich im L&#228;nderfinanzausgleich bequem gemacht haben.  Sollte ein politischer Ehrgeiz zur Steigerung der eigenen relativen Finanzkraft vorhanden sein, so schl&#228;gt dieser sich jedenfalls seit Jahrzehnten in  keinem nennenswerten Umfang in den politischen Resultaten nieder. Auch die  Tatsache, da&#223; sich die Nehmerl&#228;nder beharrlich gegen die Einf&#252;hrung von  Steuerautonomie auf der L&#228;nderebene sperren, spricht B&#228;nde. Ein Blick &#252;ber die Grenze  zeigt au&#223;erdem, da&#223; gerade die Autonomie auf der Einnahmenseite des Budgets  auch und vor allem f&#252;r kleine, eigentlich strukturschwache Regionen segensreich  sein kann. Sie werden gerade erst im Steuerwettbewerb in die Lage versetzt,  Steuern zahlende Haushalte und Unternehmen anzulocken und regionale  Aufholprozesse zu initiieren. Die Landesregierungen von Mecklenburg-Vorpommern und all den anderen Nehmerl&#228;ndern sollten eine Delegation in die Schweiz schicken um  dort zu lernen, wie man das macht.</p>
<p>(*) <strong>Helmut Seitz</strong>, Die Bundesbestimmtheit der L&#228;nderausgaben, <em>Wirtschaftsdienst</em> 88 (2008), S. 340-348.</p>
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		<title>Die Moral der Finanzkrise</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jul 2010 23:01:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hartmut Kliemt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was als private Finanzkrise begann und sich zun&#228;chst in eine Rezession verwandelte, zeigt nun sein wahres Gesicht einer Dauerkrise der &#246;ffentlichen Finanzen. Die Krise der Politik ist die eigentliche Gefahr, die Finanzkrise, wirkt hier nur versch&#228;rfend.

Die gro&#223;e Koalition der beiden sozialdemokratischen Parteien hat das Strukturproblem vor allem der westlichen Demokratien erkannt. Sie hat sich durch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Was als private Finanzkrise begann und sich zun&#228;chst in eine Rezession verwandelte, zeigt nun sein wahres Gesicht einer Dauerkrise der &#246;ffentlichen Finanzen. Die Krise der Politik ist die eigentliche Gefahr, die Finanzkrise, wirkt hier nur versch&#228;rfend.</p>
<p style="text-align: left;"><span id="more-3612"></span></p>
<p style="text-align: justify;">Die gro&#223;e Koalition der beiden sozialdemokratischen Parteien hat das Strukturproblem vor allem der westlichen Demokratien erkannt. Sie hat sich durch die weitgehend unbeachtete Verfassungsreform, die auf mittlere Frist ausgeglichene Haushalte fordert, in der letzten Legislaturperiode ein Denkmal verantwortlichen politischen Handelns gesetzt. Hoffen wir, dass unsere Verfassungstreue ausreicht, um ein entsprechendes Verhalten in Zukunft herbeizuf&#252;hren. Wenn wir als B&#252;rger verfassungstreu sind und das Verfassungsgericht nicht mit &#252;berpositivem Naturrecht herumhantierend ein Schlupfloch &#246;ffnet, wird die Bundesrepublik sich langfristig vermutlich auf einem sehr guten Wege befinden. Insoweit ist ein gewisser Optimismus angebracht.</p>
<p style="text-align: justify;">F&#252;r die Bew&#228;ltigung der aktuellen Krise, hilft uns die auf lange Frist angelegte Regel&#228;nderung noch nichts. Wir alle tappen im Nebel der Unsicherheit &#252;ber die richtigen Strategien der Krisenbew&#228;ltigung. Soll man mehr Schulden machen, wie die einen meinen oder weniger, wie die meisten B&#252;rger und viele andere &#214;konomen glauben? Soll man Griechenland helfen oder nicht? Sollen Arbeitspl&#228;tze gesichert werden oder der Wandel beschleunigt? Was sind die richtigen kurzfristigen Ma&#223;nahmen, um uns unseren langfristigen Zielen n&#228;her zu bringen?</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass wir eigentlich nichts gesichert wissen. In dieser Situation ist es nicht unplausibel, sich auf den sogenannten  moralischen Kompass zu besinnen. Aber leider hilft der auch nicht wirklich weiter.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Mit moralischem Orientierungswissen aus der Krise?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wer mehr Moral und mehr moralisches Engagement fordert, darf stets mit breiter Zustimmung rechnen. Darauf spekulieren unsere zustimmungs- und unterst&#252;tzungsinteressierten Medienvertreter und Politiker. Also rufen sie mit uns in der Krise nach mehr Moral.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir alle treten f&#252;r das Gemeinwohl ein. Sobald man aber nach einer spezifischen Vorstellung von Gemeinwohl, die realisiert werden soll, fragt, h&#246;rt die Einigkeit auf. Das sogenannte moralische Orientierungswissen, das vorgeblich wegeisend wirken soll, wenn man sonst wenig wei&#223;, ist wenig wert, wenn die moralischen Kompassnadeln in ganz verschiedene Richtungen zeigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Solange die Dinge sich gut entwickeln, akzeptieren wir eher z&#246;gerlich die Pluralit&#228;t. Kommt es zu gr&#246;&#223;eren Krisen, sinkt die Akzeptanz der Vielfalt. Politisch und medial bildet die Finanzkrise einen Anlass, die vom moralischen Pluralismus gespaltenen gesellschaftlichen Reihen zu schlie&#223;en. „Seid moralisch, seid verantwortlich!“ ist aber keine sinnvolle Forderung. Wenn alle ihrem eigenen moralischen Kompass folgen, wird jeder in eine andere Richtung gehen wollen.</p>
<p style="text-align: justify;">Gesellschaftlich sind wir daran interessiert, dass es viele unterschiedliche Sichtweisen gibt. Nur so k&#246;nnen wir sicherstellen, nicht alle Eier in einem Korb zu haben. Das hilft dem einzelnen aber hinsichtlich seiner eigenen (moralischen) &#220;berzeugungsbildung nicht weiter. Die Finanzkrise ist insoweit durchaus lehrreich.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Moralisches Versagen?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Generell werden die Bereitschaft zum Engagement und zum Glauben an eine gute Sache von den Anh&#228;ngern der verschiedensten „guten Sachen“ als Tugend herausgestellt. Vor allem im politischen und im religi&#246;sen Bereich richtet diese Art von „Moral“ gro&#223;en Schaden an. Aber Leichtgl&#228;ubigkeit und blindes Engagement f&#252;r die Erkenntnisse einer halb-verstandenen Wissenschaft sind ebenso &#252;bel.</p>
<p style="text-align: justify;">Das zentrale Versagen des Bankmangements beruhte nicht auf Gier und selbstinteressiertem Verhalten. Es bestand darin, bestimmte Tugenden der Selbstkritik und kritischen Urteilsbildung nicht mehr hinreichend zu pflegen. Die beiden gro&#223;en Untugenden des blinden Engagements und des blinden Glaubens haben im Finanzsektor zu blindem Vertrauen auf die wissenschaftliche Fundierung bestimmter Theorien und Modelle gef&#252;hrt. Risiken auf der Basis statistisch gepr&#252;fter Verfahren abzusichern und nicht der omin&#246;sen Intuition von erfahrenen Experten in diesen Dingen zu vertrauen, war im Finanzbereich gewiss ein Fortschritt. Das &#252;berm&#228;&#223;ige Vertrauen in diese Methoden, das zum Teil quasi-religi&#246;se Z&#252;ge angenommen hat, indem man der hohen Kunst der „Finanzmathematik“ ohne kritische R&#252;ckfragen und die von den Theoretikern durchaus geforderten Einschr&#228;nkungen folgte, war fatal.</p>
<p style="text-align: justify;">In gewisser Weise wusste man zwar &#8212; beziehungsweise konnte man wissen &#8211;, dass die Risiken wom&#246;glich weit gr&#246;&#223;er sein konnten, als die Modelle und die M&#228;rkte es unterstellten. Man beruhigte sich aber mit dem &#252;berinterpretierten Wissen der Experten und der These, dass die M&#228;rkte im allgemeinen effizient sind. Die These, dass M&#228;rkte immer richtig liegen, ist jedoch keineswegs &#252;berzeugend. Was sich antizipieren l&#228;sst, das wird wom&#246;glich von M&#228;rkten optimal oder doch besser als von einzelnen Individuen ber&#252;cksichtigt. Die ganz andere Auffassung, dass sich „alles“ antizipieren lasse, wird durch nichts gest&#252;tzt. Wir leben nicht in einer kleinen Welt, in der wir &#252;ber alle m&#246;glichen Weltzust&#228;nde und deren Folgen vern&#252;nftige Wahrscheinlichkeitsverteilungen besitzen.</p>
<p style="text-align: justify;">Diese Ungewissheit erlegt uns moralische Pflichten auf. Die Normen rationaler Praxis unter Ungewissheitsbedingungen werden zwar typischerweise nicht als moralische Normen bezeichnet. Sie sind aber vermutlich die wichtigsten moralischen Normen &#252;berhaupt. „Mehr kritische Rationalit&#228;t praktizieren!“ w&#228;re eine sinnvolle Moralforderung. Das ist jedoch im Nachgang der Finanzkrise gerade nicht gefordert worden. Man hat vielmehr in naiver Weise so getan, als h&#228;tte man selbstverst&#228;ndlich wissen k&#246;nnen, welche Gefahren drohten und vor allem auch wann.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Voraussicht der Krise</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es ist auf halbwegs komplexen M&#228;rkten klar, dass es zu Krisen kommen wird, aber unklar, zu welchem Zeitpunkt. Bestimmte Personen sagen immer voraus, dass die B&#246;rsenkurse fallen, andere, dass sie steigen werden. Bestimmte Personen sehen voraus, dass Kredite gef&#228;hrdet sind, w&#228;hrend andere argumentieren, dass bestimmte Kredite zu den g&#228;ngigen Risikopr&#228;mien ein gutes Gesch&#228;ft darstellen. Irgendwann wird jemand, der t&#228;glich die Krise voraussagt, Recht behalten. Wenn es ihm dann gelingt, seine anderweitigen vorherigen Erkl&#228;rungen vergessen zu machen, steht er als gro&#223;er Held da. Genauso kann jemand in die umgekehrte Richtung gehen und den gro&#223;en Aufschwung vorhersagen. Auch er wird ab und zu Recht behalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die B&#246;rsen mit ihren M&#246;glichkeiten, Verkaufs- und Kaufoptionen zu platzieren, scheinen die besten Anhaltspunkte &#252;ber den Stand des Wissens zu bieten, indem sie die Vermutungen aller Marktteilnehmer zusammenf&#252;hren. Insoweit haben insbesondere die Anh&#228;nger der sogenannten Shareholder Value Ans&#228;tze auch moralisch respektable Gr&#252;nde daf&#252;r gehabt, sich an der Marktkapitalisierung der Unternehmen als wesentlicher Gr&#246;&#223;e zu orientieren. Der Pflicht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und die eigenen Erfolge und Misserfolge an allgemeinen Ma&#223;st&#228;ben kritisch zu messen, wurde damit zun&#228;chst auf eine plausible Weise Gen&#252;ge getan. Denn, wenn man davon &#252;berzeugt ist, dass in jedem Augenblick Kapitalm&#228;rkte &#252;ber die B&#246;rsen Unternehmen optimal (im Sinne der geringsten Irrtumswahrscheinlichkeit relativ zum gegebenen Kenntnisstand aller Akteure) bewerteten, dann sollten sich anscheinend auch die Vorst&#228;nde von gro&#223;en Unternehmen an diesen Bewertungen orientieren. Sofern sie daran glauben, dass die M&#228;rkte auch mit Bezug auf ihr eigenes Unternehmen in der Tendenz mehr wissen als sie selber, handeln sie zun&#228;chst richtig, wenn sie den Wert der Aktien zur Bewertung ihres eigenen Handelns heranziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Denkt man den Gedanken allerdings bis zu seinem logischen Ende, dann m&#252;ssten sich Manager b&#246;rsenorientierter Unternehmen vollst&#228;ndig an der t&#228;glichen Bewertung durch die B&#246;rse orientieren. Das ist absurd, weil es die Fehlbarkeit auch der Vernunft von M&#228;rkten nicht in Rechnung stellt. Eine Unternehmensf&#252;hrung kann sich zwar nicht der Bewertung durch den Markt entziehen, sie muss aber die eigenen Bewertungen zuk&#252;nftiger Strategien nicht v&#246;llig der Marktbewertung unterstellen. Es ist nicht irrational, nach eigenen Hypothesen und Kriterien vorzugehen, sofern man bereit ist, sie zu testen und aus den eigenen Fehlern zu lernen. So setzten sich ja auch in der Wissenschaft Neuerungen gegen die Anfangswahrscheinlichkeit und die abweichenden &#220;berzeugungen der Wissenschaftlergemeinschaft durch.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine plausible Moral verlangt vom Manger Risiken im Bewusstsein der Beschr&#228;nktheit des eigenen Wissens umsichtig einzugehen. Sie verlangt, die eigenen &#220;berzeugungen stetig zu pr&#252;fen und sich nicht blind auf Theorien und das Wissen anderer zu verlassen. An diesen Grundeinstellungen haben es viele Mitglieder der Finanzwelt fehlen lassen. Dabei hatten sie zun&#228;chst gro&#223;en Erfolg. Sie und viele andere – einschlie&#223;lich der &#246;ffentlichen H&#228;nde – verdienten lange sehr gut. Dennoch war das Handeln nach der hier vertretenen Auffassung auch moralisch falsch, insoweit es nicht sorgf&#228;ltig nach den Irrtumsm&#246;glichkeiten suchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist aber ebenso falsch zu schlie&#223;en, dass es weise ist, sich von M&#228;rkten zu verabschieden bzw. diese vollst&#228;ndig zu g&#228;ngeln und durchzuregulieren, nur weil sie Herdenverhalten und Blasen erm&#246;glichen. Am Ende wird der Preis f&#252;r die g&#228;nzliche Vermeidung von Herden-Risiken so hoch sein, dass das Pendel in die Gegenrichtung und erneut &#252;ber das Ziel hinaus schwingen wird. Viel besser als der von Beginn aussichtslose Versuch der Krisenvermeidung ist es, das System insgesamt robust zu machen, so dass es Krisen besser verdauen kann. Es ist merkw&#252;rdig, dass jene, die Blasen und Herdenverhalten beklagen, in der Meinungsbildung zur Finanzkrise gar nicht schell genug mit der Herde rennen k&#246;nnen. Etwas mehr kritische Distanz und Vernunft w&#228;re auch hier nicht schlecht.</p>
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		<title>BlogDialogFriedrich Breyer über das GesundheitswesenDer Ökonom aus Konstanz im Interview</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jul 2010 23:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wirtschaftliche Freiheit</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Risikostrukturausgleich]]></category>
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		<description><![CDATA[Herr Professor Breyer, ist Gesundheit ein Gut wie jedes andere auch?
Breyer: Gesundheit ist &#252;berhaupt kein Gut, denn es kann nicht gehandelt werden. Wenn man von „Gesundheit“ als einem Gut spricht, meint man meistens Gesundheitsleistungen, und diese sind G&#252;ter wie andere auch. Sie haben zwar gewisse Besonderheiten, diese aber auch nicht exklusiv.
&#214;konomen erkennen in unserem Gesundheitssystem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Herr Professor Breyer, ist Gesundheit ein Gut wie jedes andere auch?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Gesundheit ist &#252;berhaupt kein Gut, denn es kann nicht gehandelt werden. Wenn man von „Gesundheit“ als einem Gut spricht, meint man meistens Gesundheitsleistungen, und diese sind G&#252;ter wie andere auch. Sie haben zwar gewisse Besonderheiten, diese aber auch nicht exklusiv.</p>
<p><em>&#214;konomen erkennen in unserem Gesundheitssystem die &#214;lflecktheorie wieder, wonach eine staatliche Intervention die n&#228;chste nach sich zieht…</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Bei der Krankenversicherung ist das sicher der Fall: Das Verbot, Pr&#228;mien nach dem Risiko zu erheben, macht den Risikostrukturausgleich notwendig. Sonst w&#252;rde der Kassenwettbewerb nicht funktionieren. Die &#214;lflecktheorie ist also kein Grund, die Regulierung ganz abzuschaffen, denn viele Regeln sind sinnvoll.</p>
<p><em>Was w&#252;rde passieren, wenn sich der Staat vollkommen aus dem Gesundheitssektor zur&#252;ckzieht?</em></p>
<p><span id="more-3730"></span></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Dann w&#252;rde sich vor allem die Verteilung stark ver&#228;ndern: wer das Pech hat, mit Krankheit oder Behinderung geboren zu werden, w&#228;re gezwungen, das ganze Leben in Armut zu leben. Das kann niemand wollen.</p>
<p><em>Davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Hierzulande ist man entweder gesetzlich oder privat relativ gut versorgt. Warum steht unsere medizinische Absicherung so sehr in Verruf?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Zum einen ist es die Zweiklassen-Medizin, die es in dieser Sch&#228;rfe in kaum einem anderen Land gibt: Privatversicherte warten viel k&#252;rzer auf einen Termin und werden gro&#223;z&#252;giger versorgt, weil f&#252;r sie keine festen Budgets gelten. Zum anderen ist es aber der Eindruck, dass die Ausgaben st&#228;ndig steigen, ohne dass die Qualit&#228;t besser wird. Dies ist teilweise ein Trugschluss, weil nicht die Ausgaben relativ zum Bruttoinlandsprodukt steigen, sondern die Basis der Finanzierung der Krankenkassenbeitr&#228;ge kleiner wird, weil die Lohnquote sinkt und die Lohnspreizung zunimmt.</p>
<p><em>In der Gesetzlichen Krankenversicherung wird zur Finanzierung lediglich das Arbeitseinkommen herangezogen. Ist das gerechtfertigt?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Das ist ein historischer Zufall, weil der Sinn der Krankenversicherung in der Bismarck-Zeit die Finanzierung des Krankengelds war, also eines Lohnersatzes. Diese Begr&#252;ndung trifft nicht mehr zu. Jetzt ist es eine reine Umverteilung, aber auf einer Basis, die sich gerechtigkeitstheoretisch nicht halten l&#228;sst. Noch dazu schwindet diese Basis st&#228;ndig, und wir erhalten den falschen Eindruck einer Ausgabenexplosion.</p>
<p><em>Ein weiteres Merkmal ist die ann&#228;hernd parit&#228;tische Aufteilung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Hat sich dieses Modell &#252;berholt?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Auch dieses Modell hat gravierende Nachteile, weil dem Versicherten die wahren Kosten des Versicherungsschutzes nicht bewusst werden. Ein kleiner Fortschritt ist darin zu sehen, dass seit 2009 die Zusatzbeitr&#228;ge vom Versicherten allein aufzubringen sind. Damit sind wenigstens die Beitragsunterschiede zwischen den Kassen nicht k&#252;nstlich verkleinert.</p>
<p><em>In Deutschland werden derzeit zwei Reformvorschl&#228;ge auf der Finanzierungsseite diskutiert: Die Kopfpauschale und die B&#252;rgerversicherung. Welches Modell pr&#228;ferieren Sie?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Ich versuche seit 2003 zu vermitteln, dass beide Reformen durchaus miteinander kompatibel sind und dass es gute Gr&#252;nde gibt, beide zu verwirklichen. Allerdings wird sich die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung nicht von heute auf morgen &#252;berwinden lassen, weil die bestehenden Vertr&#228;ge in der privaten Krankenversicherung honoriert werden m&#252;ssen, und zwar bis ans Lebensende der heutigen Versicherten. Das sind viele Jahrzehnte. Andererseits ist die kassenspezifische Kopfpauschale dringend notwendig, weil sie dem Versicherten Transparenz dar&#252;ber verschafft, wie viel sein Versicherungsschutz bei den verschiedenen Kassen in Euro und Cent kostet. Das erleichtert den Preisvergleich und kurbelt den Kassenwettbewerb an. Die B&#252;rgerversicherung mit einkommensbezogenen Beitr&#228;gen halte ich dagegen f&#252;r viel zu b&#252;rokratisch, weil wir dazu bei jeder Krankenkasse ein kleines Finanzamt installieren m&#252;ssten. Nur wenn man sie mit der Kopfpauschale kombiniert und die Einkommensumverteilung ins Steuersystem auslagert, macht sie Sinn.</p>
<p><em>Oftmals wird behauptet, die Einf&#252;hrung einer Kopfpauschale w&#252;rde die privaten Versicherungen st&#228;rken.</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall: Mit Einf&#252;hrung der Kopfpauschale w&#252;rde die private Krankenversicherung ganz schnell unattraktiv, weil die Kopfpauschale niedriger w&#228;re als die meisten PKV-Tarife. Bisher leben die Privaten zum einen von den Beamten, zum anderen von gut verdienenden Angestellten, die sich auf diese Weise der Umverteilung in der gesetzlichen Krankenversicherung entziehen wollen. Dieser Anreiz entfiele mit der Kopfpauschale v&#246;llig.</p>
<p><em>Ist eine Umverteilung &#252;ber Steuern effizienter als Transfers innerhalb des Gesundheitssystems?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Es ist vermutlich effizienter, ein einziges System der Einkommensumverteilung zu haben und nicht mehrere parallele. Vor allem aber ist es gerechter, weil das Steuersystem alle Indikatoren der Leistungsf&#228;higkeit ber&#252;cksichtigen kann und nicht nur das Arbeitseinkommen. Es erfasst alle B&#252;rger und kennt keine willk&#252;rlichen Bemessungsgrenzen.</p>
<p><em>Steuern zahlt jeder Leistungstr&#228;ger. W&#228;ren die Privatversicherten die Gelackmeierten beim Modell der Kopfpauschale?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> So ist es. Mein Mitleid h&#228;lt sich jedoch in Grenzen, obwohl ich selbst als Beamter dazu geh&#246;re, denn das geltende Privileg, nicht zur Umverteilung in der gesetzlichen Krankenversicherung beitragen zu m&#252;ssen, ist unverdient und ungerechtfertigt.</p>
<p><em>Verbessern sich die Arbeitsanreize der Besserverdienenden bei einer Umstellung auf die Kopfpauschale im Vergleich zum derzeit praktizierten System?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Angenommen, nur der Arbeitnehmerbeitrag wird in eine Kopfpauschale umgewandelt. Dann sinkt die Grenzbelastung mit Abgaben im Einkommensbereich zwischen dem Durchschnittseinkommen und der Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 3750 Euro im Monat zun&#228;chst einmal um 7,9 Prozent. Um den Sozialausgleich zu finanzieren, m&#252;ssen jedoch die Steuers&#228;tze insgesamt angehoben werden. Letztlich ist es ein Nullsummenspiel, weil die GKV-Ausgaben insgesamt aufgebracht werden m&#252;ssen. Das Argument mit den Arbeitsanreizen halte ich daher f&#252;r &#252;berbewertet.</p>
<p><em>Sind risiko&#228;quivalente Pr&#228;mien das Allheilmittel f&#252;r die geschilderten Probleme?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Die Kunst besteht doch darin, zu erreichen, dass der Versicherte sein Risiko nicht tragen muss, die Krankenkasse jedoch f&#252;r jeden eine m&#246;glichst risiko&#228;quivalente Zuweisung erh&#228;lt, damit sie keinen Anreiz hat, hohe Risiken zu diskriminieren. Genau dies leistet der Risikostrukturausgleich, verbunden mit einer kassenspezifischen Kopfpauschale.</p>
<p><em>Auf welche Weise unterst&#252;tzt man diejenigen, die sich die Kopfpauschale nicht leisten k&#246;nnen?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Indem man die Versicherungspr&#228;mien subventioniert, wie es die Schweizer tun. F&#252;r Geringverdiener w&#252;rde sich mit der Kopfpauschale kaum etwas &#228;ndern, weil sie per saldo weiter nur einen gewissen Prozentsatz ihres Einkommens f&#252;r Kassenbeitr&#228;ge aufbringen m&#252;ssen.</p>
<p><em>Wird diese Personengruppe, sch&#228;tzungsweise immerhin 30 Millionen B&#252;rger, &#252;ber Nacht zu Bittstellern?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Nein, der Sozialausgleich kann so organisiert werden, dass er ohne Antragsverfahren auskommt. Er muss dazu in den Einkommensteuertarif eingearbeitet werden. Einzige Neuerung ist, dass unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze von etwa 1000 Euro monatlich die Steuerschuld negativ wird, also eine R&#252;ckzahlung vom Finanzamt erfolgt.</p>
<p><em>K&#246;nnte dies auch dazu f&#252;hren, dass noch mehr Menschen Anreize haben, Transferempf&#228;nger zu werden?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Nein, die Grenzbelastung mit Steuern und Abgaben wird dadurch nicht gr&#246;&#223;er, als sie heute ist. Das wahre Problem, das aber nichts mit der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung zu tun hat, sind die hohen Transferentzugsraten von 80 bis 90 Prozent bei den Hartz IV-Empf&#228;ngern, wenn sie Geld hinzuverdienen.</p>
<p><em>Auf Unterst&#252;tzung der Bev&#246;lkerung ist auch die Gruppe der schwer Versicherbaren angewiesen, etwa chronisch Kranke. Was halten Sie von der Idee, diese Patienten mit einem monatlichen Budget auszustatten, &#252;ber das sie beliebig frei verf&#252;gen d&#252;rfen?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Nicht der Patient, sondern der Hausarzt k&#246;nnte mit einem Budget zur freien Verf&#252;gung ausgestattet werden. Allerdings ist es sehr wichtig, dieses nach der Krankheitsart und -schwere angemessen zu staffeln. Immerhin &#252;bernimmt der Hausarzt damit die Funktion einer Versicherung. Auf freiwilliger Basis, also als Ergebnis eines Vertrags zwischen Hausarzt und Krankenkasse kann ich mir solche L&#246;sungen sehr gut vorstellen. Vielleicht hilft auch die Einrichtung einer R&#252;ckversicherung f&#252;r unerwartet hohe Ausgaben im Einzelfall.</p>
<p><em>Neben der Einnahmeseite r&#252;ckt auch die Ausgabenseite des Gesundheitssystems zunehmend in den Fokus. In welchen Bereichen sehen Sie die gr&#246;&#223;ten Einsparpotenziale?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Im Krankenhauswesen herrschen gro&#223;e &#220;berkapazit&#228;ten, und im Pharmabereich sind die Preise vergleichsweise hoch. Auch k&#246;nnte die Verzahnung zwischen ambulanter und station&#228;rer Versorgung verbessert werden.</p>
<p><em>Wie l&#228;sst sich das bilaterale Monopol zwischen den regionalen Krankenkassen und Gesundheitsanbietern aufbrechen?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Das bilaterale Monopol ist ein Produkt staatlicher Regulierung. Der Gesetzgeber m&#252;sste die Zwangsmitgliedschaft der Kassen&#228;rzte in der Kassen&#228;rztlichen Vereinigung aufheben und den Kassen den alleinigen Sicherstellungsauftrag &#252;bertragen. Zudem sollte der Zwang wegfallen, mit jedem Krankenhaus einen Vertrag abzuschlie&#223;en. Schlie&#223;lich m&#252;sste der Zwang f&#252;r die Kassen, gemeinsam und einheitlich zu verhandeln, wegfallen.</p>
<p><em>Am Pranger stehen derzeit vor allem die Pharmakonzerne. Um die Arzneimittelausgaben zu senken, fallen Schlagworte wie Zwangsrabatte, Preismoratorien und Pharma-Soli. Was halten Sie von derlei Instrumenten?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> W&#228;hrend der Patentlaufzeit hat der Anbieter ein Monopol. Da hilft kein Wettbewerb, sondern nur die Preisregulierung. Von den genannten pauschalen Instrumenten halte ich dagegen wenig. Die Regulierung muss am Preis des einzelnen Medikaments ansetzen.</p>
<p><em>Die Pharmakonzerne betonen die hohen FuE-Ausgaben, Verbrauchersch&#252;tzer stellen die geringen Produktionskosten der Medikamente in den Vordergrund. Wer hat denn recht?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Die Produktionskosten sind in der Tat kein Argument, denn der innovative Pharmaanbieter muss w&#228;hrend der Patentlaufzeit in der Lage sein, seine FuE-Ausgaben zu amortisieren, sonst lohnt sich die Forschung nicht. Irritierend ist f&#252;r mich, dass die Marketingausgaben h&#246;her sind als die f&#252;r FuE. Das schw&#228;cht die Argumentation der Pharmalobbyisten.</p>
<p><em>Ein moderner Ansatz w&#228;re die Kosten-Nutzen-Bewertung durch eine unabh&#228;ngige Pr&#252;forganisation. W&#252;rde ein solches Kontrollorgan funktionieren und w&#228;re es &#252;berhaupt finanzierbar?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Man kann erst dann valide Kosten-Nutzen-Ergebnisse erhalten, wenn das Medikament einigerma&#223;en gro&#223;fl&#228;chig eingesetzt wird, also nicht sofort bei der Markteinf&#252;hrung. Prinzipiell ist dies jedoch m&#246;glich, und das Institut f&#252;r Qualit&#228;t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen wurde dazu geschaffen. Die Kosten der Pr&#252;fung w&#252;rden sich bezahlt machen, wenn dadurch &#252;berh&#246;hte Arzneimittelpreise bei h&#228;ufigen Indikationen verhindert werden.</p>
<p><em>Im Gesundheitssektor spukt zudem das Gespenst der angebotsinduzierten Nachfrage. Es gibt Studien, aus denen hervorgeht, dass mit einem Anstieg der &#196;rztedichte die Nachfrage nach medizinischen Leistungen zunimmt…</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Angebotsinduzierte Nachfrage ist nur dann ein Problem, wenn die Anbieter f&#252;r jede Einzelleistung honoriert werden. Bei pauschalen Verg&#252;tungsformen droht im Gegenteil eher eine Unterversorgung. Die Verg&#252;tungsform sollte der Gesetzgeber nicht vorschreiben, sondern dem Wettbewerb zwischen den Krankenkassen und deren Vertragsgestaltung mit den Leistungsanbietern &#252;berlassen. Effiziente Verg&#252;tungsformen werden sich dann durchsetzen, weil die Kassen, die sie einsetzen, ihre Versicherten zu niedrigen Pr&#228;mien versichern k&#246;nnen.</p>
<p><em>Welche Rolle spielen &#252;bertrieben viele Arztbesuche in unserem Gesundheitssystem?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Deutschland hat mit die niedrigsten Zuzahlungen des Patienten beim Arztbesuch und die h&#246;chste Rate an Arztbesuchen. International ist es &#252;blich, bei jedem Arztbesuch eine Praxisgeb&#252;hr in der Gr&#246;&#223;enordnung von 10 Euro zu erheben und nicht nur einmal im Quartal.</p>
<p><em>H&#228;ufig ist von verdeckter Rationierung die Rede. Was versteht man darunter?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Unter Rationierung versteht man, dass &#196;rzte vor allem im Krankenhaus knappe Kapazit&#228;ten auf ihre Patienten aufteilen m&#252;ssen, weil das Budget nicht f&#252;r eine optimale Versorgung aller ausreicht. Als „verdeckt“ wird sie bezeichnet, wenn der Arzt dem Patienten vorgaukelt oder vorgaukeln muss, er werde optimal versorgt.</p>
<p><em>Warum werden die medizinischen Leistungen nicht einfach priorisiert, also eine Rangliste aufgestellt?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Priorisierung ist ein Euphemismus. Wer eine Leistung nach oben stellt, stellt gleichzeitig eine Leistung hinten an und spart dort ein. Priorisierung ohne Rationierung ist also eine nutzlose &#220;bung. Aber nur eine explizite Rationierung im Leistungskatalog schafft Rechtssicherheit und erm&#246;glicht private Zusatzversicherungen. Eine implizite Rationierung am Krankenbett &#252;ber Budgets ist dagegen willk&#252;rlich und f&#246;rdert eine Zweiklassen-Medizin.</p>
<p><em>Wie hoch m&#252;sste das j&#228;hrliche Wirtschaftswachstum sein, damit wir uns das jetzige System weiterhin leisten k&#246;nnen?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Es kommt weniger darauf an, was wir uns leisten k&#246;nnen, als darauf, was wir uns leisten wollen. Medizinische Innovationen sind oft sehr teuer, aber viele davon haben das Potential, Leben erheblich zu verl&#228;ngern und Leiden zu lindern. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP muss nicht sakrosankt sein.</p>
<p><em>Vielleicht hilft ein Blick nach &#220;bersee. Im Fr&#252;hjahr wurde das amerikanische Gesundheitssystem in einen neuen Gesetzestext gegossen. Der staatliche Einfluss wird gest&#228;rkt, 30 Millionen B&#252;rger sollen zuk&#252;nftig einen Versicherungsschutz erhalten. N&#228;hern sich die Amerikaner sukzessive unserem System an?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> F&#252;r Rentner haben die USA schon seit 1965 eine Art steuerfinanzierter sozialer Krankenversicherung, genannt Medicare. Auch Deutschland hatte bis vor wenigen Jahren eine Versicherungspflicht nur f&#252;r circa 80 Prozent der Bev&#246;lkerung. Beide L&#228;nder gehen also in Richtung „mehr Staat“, wenn auch Deutschland auf diesem Weg schon viel weiter gegangen ist.</p>
<p><em>Gleichzeitig werden sich auch in Zukunft Teile der US-Bev&#246;lkerung keinen Versicherungsschutz leisten k&#246;nnen. Ist das nicht ein Armutszeugnis f&#252;r die gr&#246;&#223;te Volkswirtschaft der Welt?</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Auch heute sind die hohen Pr&#228;mien nicht der einzige Grund, warum viele Amerikaner nicht krankenversichert sind. Viele sind es auch nur vor&#252;bergehend, nachdem sie den Job gewechselt haben. Andere entscheiden sich ganz bewusst, das Geld daf&#252;r zu sparen. Die &#196;rmsten sind au&#223;erdem durch Medicaid staatlich versichert.</p>
<p><em>Es gibt aber auch deutliche Unterschiede zwischen beiden Systemen. In den USA sind die Unternehmen noch viel st&#228;rker in das Gesundheitssystem eingespannt…</em></p>
<p><strong>Breyer:</strong> Das ist ein historischer Zufall: Wegen des Lohn- und Preisstopps w&#228;hrend des 2. Weltkriegs mussten die Unternehmen im Wettbewerb um knappe Arbeitskr&#228;fte Nebenleistungen, sogenannte „fringe benefits“ anbieten, und die wichtigste war die vom Unternehmen bezahlte Krankenversicherung.</p>
<p>Das Gespr&#228;ch f&#252;hrte <strong>J&#246;rg Rieger</strong>.</p>
<p><strong>Hinweis:</strong> Eine verk&#252;rzte Version dieses Interviews ist in der Fachzeitschrift <a href="http://vahlen.becksche.de/zneu/vahlen/zeitschriften.asp?SessionKey=&amp;zeitschrift=WiSt&amp;ebene=4&amp;jahr_ausgewaehlt=2010" target="blank">WiSt</a> (07/2010) erschienen.</p>
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		<title>Die Schuldenmechanik des Euro</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Jul 2010 06:16:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henning Klodt und Matthias Baumgarten</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Europäisches]]></category>
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		<description><![CDATA[So nachvollziehbar und berechtigt die Kritik an der mangelhaften finanziellen Disziplin der sogenannten PIGS-L&#228;nder auch ist &#8211; die W&#228;hrungsunion ist mitverantwortlich f&#252;r die derzeitige Schuldenkrise. Sie hat einen Prozess in Gang gesetzt, der als „Schuldenmechanik“ bezeichnet werden kann, da durch ihn die Neuverschuldung Griechenlands und einiger anderer L&#228;nder der Euro-Zone im vergangenen Jahrzehnt fast zwangsl&#228;ufig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So nachvollziehbar und berechtigt die Kritik an der mangelhaften finanziellen Disziplin der sogenannten PIGS-L&#228;nder auch ist &#8211; die W&#228;hrungsunion ist mitverantwortlich f&#252;r die derzeitige Schuldenkrise. Sie hat einen Prozess in Gang gesetzt, der als „Schuldenmechanik“ bezeichnet werden kann, da durch ihn die Neuverschuldung Griechenlands und einiger anderer L&#228;nder der Euro-Zone im vergangenen Jahrzehnt fast zwangsl&#228;ufig erh&#246;ht wurde. Fehleinsch&#228;tzung dieser Mechanik und kurzfristige Klientelpolitik haben diese Staaten in der Folge in eine „Schuldenfalle“ gef&#252;hrt. Sie &#228;u&#223;ert sich in kontinuierlich steigenden Staatsschulden und nachlassender internationaler Wettbewerbsf&#228;higkeit.</p>
<p><span id="more-3762"></span></p>
<p>Die Mechanik liegt darin, dass &#228;rmere L&#228;nder mit Eintritt in die W&#228;hrungsunion eine l&#228;ngere Phase durchlaufen, in der sie durch negative Realzinsen zum Schuldenmachen animiert werden. Wenn die Kredite vorrangig in den Konsum flie&#223;en, geraten diese L&#228;nder nahezu zwangsl&#228;ufig in eine Schuldenkrise. Das Hauptproblem liegt dabei nicht beim Niveau der Schulden, wie es die &#246;ffentliche Diskussion suggeriert, sondern bei den &#252;berzogenen Einkommenserwartungen der B&#252;rger.</p>
<p>Die Schuldenmechanik weist eine klare Struktur und Ablauffolge auf:</p>
<p>(1)	Beim Start in die W&#228;hrungsunion</p>
<p>- besitzen die &#228;rmeren Beitrittsl&#228;nder typischerweise ein relativ hohes Zinsniveau, und zwar nicht nur nominal, sondern auch real. Eine Ursache daf&#252;r ist das geringere Vertrauen, das Finanzinvestoren in die Bonit&#228;t &#228;rmerer L&#228;nder setzen. Der Zins, den diese L&#228;nder zahlen m&#252;ssen, enth&#228;lt also eine Risikopr&#228;mie.</p>
<p>- besitzen die &#228;rmeren Beitrittsl&#228;nder typischerweise ein relativ niedriges Preisniveau.  Die Erkl&#228;rung liegt beim sogenannten Balassa-Samuelson-Effekt: Der internationale Preiszusammenhang sorgt f&#252;r einen Ausgleich der Preise bei handelbaren G&#252;tern (Industrie), w&#228;hrend bei nicht-handelbaren G&#252;tern (Dienstleistungen) kein Preisausgleich &#252;ber die au&#223;enwirtschaftliche Verflechtung stattfindet. Da &#228;rmere L&#228;nder ein niedrigeres Produktivit&#228;tsniveau als reichere L&#228;nder aufweisen und da dieser R&#252;ckstand im Bereich handelbarer G&#252;ter ausgepr&#228;gter ist als bei nicht-handelbaren G&#252;tern, sind nicht-handelbare G&#252;ter in &#228;rmeren L&#228;ndern billiger als in reicheren L&#228;ndern. Daraus ergibt sich auch f&#252;r den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt eine Abh&#228;ngigkeit des Preisniveaus vom relativen Entwicklungsstand eines Landes.</p>
<p>(2)	Nach dem Beitritt zur W&#228;hrungsunion</p>
<p>- f&#252;hrt die Integration der Kapitalm&#228;rkte zu einer relativ raschen Absenkung der Zinss&#228;tze in den &#228;rmeren Mitgliedsl&#228;ndern, da diese von dem Vertrauen profitieren, das der Gemeinschaftsw&#228;hrung insgesamt entgegengebracht wird.</p>
<p>- f&#252;hrt die Intensivierung der Wirtschaftsverflechtungen zu einer allm&#228;hlichen Angleichung der internationalen Produktivit&#228;tsunterschiede bei handelbaren G&#252;tern, wodurch sich die L&#246;hne in den &#228;rmeren L&#228;ndern allm&#228;hlich an das Niveau in den reicheren L&#228;ndern anpassen. Durch den intersektoralen Lohnverbund werden damit auch die L&#246;hne im Bereich nicht-handelbarer G&#252;ter nach oben gezogen. Da es hier aber an entsprechenden Produktivit&#228;tssteigerungen fehlt, steigen die Preise f&#252;r nicht-handelbare G&#252;ter in den &#228;rmeren L&#228;ndern st&#228;rker als in den reichen L&#228;ndern. Diese Phase der &#252;berdurchschnittlichen Preissteigerungen reflektiert letztlich die Integration der G&#252;term&#228;rkte, die erheblich l&#228;nger dauert als die Integration der Kapitalm&#228;rkte.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Starke Anreize zum Schuldenmachen</strong></p>
<p>F&#252;r die &#228;rmeren L&#228;nder bringt der Beitritt zu einer W&#228;hrungsunion also rasch sinkende Zinsen und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum hinweg steigende Preise mit sich. Die Realzinsen sinken also drastisch und k&#246;nnen im Extremfall sogar negativ werden. Das gibt starke Anreize zum Schuldenmachen.</p>
<p>Wie stark die Anreize zum Schuldenmachen f&#252;r die &#246;ffentliche Hand steigen, l&#228;sst sich mit einer einfachen Rechen&#252;bung nachvollziehen, bei der es um den sogenannten Prim&#228;r&#252;berschuss geht. Er ist definiert als Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staates abz&#252;glich der Zinsausgaben. Es l&#228;sst sich zeigen, dass die Prim&#228;r&#252;berschussquote (Prim&#228;r&#252;berschuss in Relation zum Bruttoinlandsprodukt), die der Staat zur Stabilisierung der Schuldenquote ben&#246;tigt, der Differenz zwischen Nominalzins und nominaler Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts multipliziert mit der staatlichen Schuldenquote (Relation von Staatsschulden zu Bruttoinlandsprodukt) entspricht. Nehmen wir an, das Beitrittsland habe eine Schuldenquote von 60% (wie im Maastricht-Vertrag als Obergrenze vereinbart), und es m&#246;chte diese Quote auf diesem Niveau stabilisieren.  Dann muss es bei einem Zinsniveau von 10% und einer nominalen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 8% eine Prim&#228;r&#252;berschussquote von 1,2% realisieren. Sinkt nun das Zinsniveau auf 4%, w&#228;hrend das nominale Wachstum nur auf 6% sinkt, dann kann sich der Staat einen negativen Prim&#228;r&#252;berschuss (bzw. ein Prim&#228;rdefizit) von 1,2% erlauben, ohne die Stabilit&#228;t der Schuldenquote zu gef&#228;hrden. Sollte das nominale Wachstum sogar steigen, kann ein noch h&#246;heres Prim&#228;rdefizit gefahren werden.</p>
<p>Analoge Anreizmechanismen gelten f&#252;r die privaten Haushalte. Auch sie sehen sich nach dem Beitritt zur W&#228;hrungsunion stark gesunkenen Kreditkosten gegen&#252;ber, w&#228;hrend ihre Einkommen aufgrund integrationsbedingter Produktivit&#228;tsgewinne und inflation&#228;rer Aufholprozesse gegen&#252;ber den anderen Mitgliedsl&#228;ndern rascher als fr&#252;her steigen. Das erleichtert auch f&#252;r sie den Schuldendienst, und es werden Konsumw&#252;nsche realisierbar, die fr&#252;her unerreichbar schienen. Beide Entwicklungen zusammengenommen schlagen sich letztlich in der Leistungsbilanz nieder, da die erh&#246;hten Einkommensanspr&#252;che von Staat und Privathaushalten zunehmend aus Importen befriedigt werden m&#252;ssen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Aus Schuldenmechanik wird Schuldenfalle</strong></p>
<p>Das Schuldenmachen findet erst ein Ende, wenn die internationalen Finanzinvestoren bei der Bonit&#228;tsbewertung der verschiedenen Mitgliedsl&#228;nder der W&#228;hrungsunion differenzieren – wenn sie also nicht mehr blind darauf vertrauen, dass die steigenden Schulden auch tats&#228;chlich zur&#252;ckgezahlt werden. Haben die betroffenen L&#228;nder die Schulden nicht f&#252;r eine St&#228;rkung ihrer internationalen Wettbewerbsposition genutzt, m&#252;ssen sie einen Risikoaufschlag auf ihre Kredite zahlen, und zwar sowohl im staatlichen als auch im privaten Bereich. So wird aus der Schuldenmechanik schlie&#223;lich eine Schuldenfalle.</p>
<p>Aus der Schuldenmechanik der W&#228;hrungsunion gibt es kaum ein Entkommen. Weder das Absinken des Zinsniveaus noch der Anstieg des inl&#228;ndischen Preisniveaus k&#246;nnen von den betroffenen L&#228;ndern beeinflusst werden, da sie die dazu ben&#246;tigten geld- und w&#228;hrungspolitischen Kompetenzen an die Zentralbank der Gemeinschaftsw&#228;hrung abgegeben haben. Auch die EZB kann wenig ausrichten, da eine an den Defizitl&#228;ndern orientierte Geldpolitik &#252;berm&#228;&#223;ig restriktiv f&#252;r die &#252;brigen L&#228;nder wirken w&#252;rde. Nur wenn die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen in den &#228;rmeren Beitrittsl&#228;ndern die Schuldenmechanik vollst&#228;ndig durchschauen, aufs Schuldenmachen verzichten oder die erh&#246;hten Staatsschulden ausschlie&#223;lich in produktivit&#228;tssteigernde Investitionen lenken w&#252;rden, w&#228;ren sie f&#252;r die Zeiten nach erfolgter Integration der G&#252;term&#228;rkte gewappnet. Zus&#228;tzlich m&#252;ssten sie allerdings auch noch die privaten Haushalte davon &#252;berzeugen, auf schuldenfinanzierte Konsumausgaben zu verzichten. Der f&#252;r solch einen Kurswechsel n&#246;tige politische Kraftaufwand ist erheblich.</p>
<p>Am Beispiel Griechenlands l&#228;sst sich zeigen, dass sich die Parabel der Schuldenmechanik durchaus in der Realit&#228;t wiederfindet: W&#228;hrend sich das Land 1998 noch zu 8,5% Zinsen am Kapitalmarkt refinanzieren musste, sank dieser Wert 2001 mit dem Beitritt in die W&#228;hrungsunion auf 5,3% und weiter auf 4,5% in 2007. Das inflationsbeg&#252;nstigte nominale Wirtschaftswachstum &#252;bertraf in jedem Jahr die Kapitalmarktzinsen, die Voraussetzungen f&#252;r die Schuldenmechanik waren somit gegeben. Auch die B&#252;rger konnten von fallenden Zinsen f&#252;r Konsumentenkredite profitieren, die von 21% in 1999 auf 12% in 2001 und schlie&#223;lich auf 9% in 2007 sanken. In dieser Integrationsphase legten die L&#246;hne mit 16% (Deutschland: -1,2%) st&#228;rker als die Produktivit&#228;t mit 15% (Deutschland: 6%) zu, die Konsumentenpreise stiegen um 21% (Deutschland: 10%).</p>
<p>Dass aus der Schuldenmechanik eine Schuldenfalle wurde, lag nicht zuletzt an der vorwiegend konsumtiven Verwendung der Gelder. So stiegen die Ausgaben des griechischen Staates f&#252;r Soziale Sicherung pro Kopf zwischen 2001 und 2007 um 70% (Deutschland: 7%), die Sparquote der Haushalte lag in dieser Periode unter -5%. Der erh&#246;hte Konsum lie&#223; das bereits 2001 betr&#228;chtliche griechische Leistungsdefizit von -7% vom BIP bis 2007 auf -14% absinken.</p>
<p>Mit Beginn der W&#228;hrungsunion kam es auch in anderen damals &#228;rmeren Beitrittsl&#228;ndern zu einem Absinken der Realzinsen in den negativen Bereich und in der Folge zu einem ausgepr&#228;gten Schuldenanstieg. Besonders in Portugal ging dies &#228;hnlich wie in Griechenland mit einer konsumtiven Ausgabenpolitik einher. In Spanien und Irland verlief die Entwicklung g&#252;nstiger, so dass diese L&#228;nder weitaus weniger tief in die Schuldenfalle geraten sind.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Fazit</strong></p>
<p>Wenn die von uns in diesem Beitrag vertretene Argumentation zutreffend ist, dann werden auch die neuen Beitrittsl&#228;nder zur W&#228;hrungsunion die Phasen der Schuldenmechanik durchlaufen. So weisen Estland (6,8%), Bulgarien (5,9%) und Polen (5,6%) im April 2010 Refinanzierungszinss&#228;tze auf, die deutlich oberhalb des Euroraum-Durchschnitts (4,0%) liegen, und somit im Beitrittsfall potentiell sinken. Werden die aktuellen Wachstumsraten von 2,5% (Estland), 3,0%  (Bulgarien) und 5,8% (Polen) nach dem Beitritt integrations- und inflationsbedingt weiter gest&#252;tzt, sind alle Bedingungen f&#252;r die Schuldenmechanik erf&#252;llt. Hier bleibt zu hoffen, dass die wirtschaftspolitischen Akteure dieser L&#228;nder die Defizitstaaten als lehrreiches Beispiel verstehen und eine zukunftsgerichtete Investitionspolitik einer kurzfristigen Wohlfahrtserh&#246;hung vorziehen. Um es mit Warren Buffets Worten zu sagen: &#8220;Profit from folly, don’t participate in it.&#8221;</p>
<p><strong>Hinweis:</strong> Dipl.-Wirtschaftsinformatiker Matthias Baumgarten ist beim <a href="http://www.ifw-kiel.de/" target="blank">IfW</a> in Kiel am <a href="http://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/politikberatung" target="blank">Zentrum Wirtschaftspolitik</a> besch&#228;ftigt.</p>
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		<title>Alles Cluster, oder was?Warum die staatliche Förderung regionaler Netzwerke begrenzt werden sollte</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Jul 2010 23:01:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Berthold und Jörg Rieger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Europa mangelt es nicht an Clustern, aber an Clustern von Weltrang.“ (Carsten Schierenbeck)
In der Chemie sind Cluster eine Ansammlung von Atomen und Molek&#252;len mit besonderen Attributen. Sie werden erforscht, um den &#220;bergang der kleinsten Teilchen in einen makroskopischen Festk&#246;rper zu erkl&#228;ren. Auch in der &#214;konomie haben Cluster eine besondere Funktion. Sie stehen zwischen der Mikro- [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><em>„Europa mangelt es nicht an Clustern, aber an Clustern von Weltrang.“ (Carsten Schierenbeck)</em></p></blockquote>
<p>In der Chemie sind Cluster eine Ansammlung von Atomen und Molek&#252;len mit besonderen Attributen. Sie werden erforscht, um den &#220;bergang der kleinsten Teilchen in einen makroskopischen Festk&#246;rper zu erkl&#228;ren. Auch in der &#214;konomie haben Cluster eine besondere Funktion. Sie stehen zwischen der Mikro- und der Makro&#246;konomie und sind im Idealfall ein Treiber f&#252;r den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Das hat auch die Politik auf den Plan gerufen. Die Zahl der Clusterinitiativen ist in Europa seit Ende der neunziger Jahre rapide in die H&#246;he geschnellt.</p>
<p><span id="more-3492"></span></p>
<p>Clusteraktivit&#228;ten sollen die regionale Ballung der Wirtschaft f&#246;rdern und Kooperationen zwischen Unternehmen sowie mit Forschungseinrichtungen st&#228;rken. Die Schlagworte des Spitzenclusterwettbewerbs des Ministeriums f&#252;r Bildung und Forschung (BMBF) lauten: <em>Mehr Innovation. Mehr Wachstum. Mehr Besch&#228;ftigung.</em> Die Politik ist versucht, mit ihrer Clusterpolitik zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen sollen von innovativen Unternehmensnetzwerken positive Effekte auf Wettbewerbsf&#228;higkeit und Wertsch&#246;pfung ausgehen. Zum anderen sollen bestehende Disparit&#228;ten zwischen Regionen abgebaut werden.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Cluster sorgen f&#252;r Wachstumsimpulse</strong></p>
<p>Regional vernetzte Unternehmen sind wirtschaftlich erfolgreicher als solche, die keinem Cluster angeh&#246;ren. Diese These st&#252;tzt eine <a href="http://www.vwl.uni-wuerzburg.de/fileadmin/12010400/diskussionsbeitraege/DP_109.pdf" target="blank">Umfrage unter den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern</a>, aber auch viele weitere empirische Studien. So konnten Maschinen- und Anlagenbauer, die sich selbst in einem Cluster sehen, zwischen 2004 und 2008 signifikant h&#246;here Umsatz- und Besch&#228;ftigtenzahlen als der Rest vorweisen (siehe Abb. 1). Auch sind sie tendenziell innovativer. &#196;hnlich wie in der Chemie sind Cluster in der &#214;konomie also robuster und erfolgreicher gegen&#252;ber ihrer Umwelt als isolierte Unternehmen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="/wordpress/bilder/berthold/cluster1.png"><img class="aligncenter" title="Cluster 1" src="/wordpress/bilder/berthold/cluster1.png" alt="Cluster 1" width="400" /></a><br />
<small>- zum Vergr&#246;&#223;ern bitte auf die Grafik klicken &#8211; </small></p>
<p>Urs&#228;chlich f&#252;r die positiven Clustereffekte sind die sogenannten Marshall‘schen Lokalisationsvorteile: Eine enge Verflechtung mit Zulieferern, Produzenten und Kunden, ein gr&#246;&#223;erer und ergiebigerer Markt f&#252;r spezialisierte Arbeitskr&#228;fte sowie regional begrenzte Wissensspillovers. Letztere haben zumindest f&#252;r die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer offensichtlich die gr&#246;&#223;te Bedeutung. So wurde der Zugang zu Technologien und FuE-Laboren bei den Vorteilen durch die Zugeh&#246;rigkeit zu einem Cluster am h&#228;ufigsten genannt.</p>
<p>Dementsprechend intensiv wird innerhalb von Unternehmensnetzwerken in der Forschung und Entwicklung kooperiert. Mehr als 80 % der Clustermitglieder (beim Rest sind es deutlich weniger) treten in diesem Bereich mit anderen Unternehmen in Kontakt. Die meisten Kooperationen finden regelm&#228;&#223;ig und regional statt. &#196;hnliche Angaben haben die Unternehmen auch bei der Aus- und Weiterbildung gemacht. Zudem spricht die &#252;berdurchschnittlich hohe Kooperationsintensit&#228;t der Clustermitglieder mit Universit&#228;ten f&#252;r Ballungsvorteile im Bereich der FuE und Bildung.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Marktversagen bei der Clusterbildung?</strong></p>
<p>Einen staatlichen Eingriff in die Clusterbildung legitimieren diese Lokalisationsvorteile jedoch nicht. Nur wenn sich die Unternehmen in einem zu geringen Ausma&#223; ballen und zu wenige regionale Kooperationen zustande bringen, kann eine Clusterpolitik effizienzsteigernd sein – vorausgesetzt, die Politik verursacht durch ihr Handeln keine zus&#228;tzlichen Wohlfahrtsverluste. Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland ist verglichen mit anderen Branchen nur schwach konzentriert. Allerdings d&#252;rfte der optimale Konzentrationsgrad zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen stark schwanken. Rohstoffintensive Branchen wie der Eisenerzbergbau ballen sich aufgrund nat&#252;rlicher Standortvorteile deutlich st&#228;rker als eine Hochtechnologieindustrie wie der Maschinen- und Anlagenbau.</p>
<p>F&#252;r Marktversagen bei der Clusterbildung spricht schon eher ein hoher Kooperationsbedarf. So haben sowohl innerhalb als auch au&#223;erhalb von Clustern zahlreiche Unternehmen des Maschinen- und Anlagebaus angegeben, dass sie sich vor allem in der FuE und der Qualifizierung ihrer Arbeitskr&#228;fte mehr Projekte mit zus&#228;tzlichen Unternehmen w&#252;nschen (siehe Abb. 2). Marktineffizienzen sind wahrscheinlich, sofern Kooperationen aufgrund von Informationsdefiziten oder organisatorischer M&#228;ngel nicht durchgef&#252;hrt werden.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="/wordpress/bilder/berthold/cluster2.png"><img class="aligncenter" title="Cluster 2" src="/wordpress/bilder/berthold/cluster2.png" alt="Cluster 2" width="400" /></a><br />
<small>- zum Vergr&#246;&#223;ern bitte auf die Grafik klicken &#8211; </small></p>
<p>Allerdings werden die staatlichen Clusteraktivit&#228;ten von den befragten Unternehmen &#252;berwiegend kritisch gesehen. So lehnt die Mehrheit der Maschinen- und Anlagenbauer eine F&#246;rderung von Schl&#252;sseltechnologien ab, auch deshalb, weil sie meistens bereits in den Produktionsprozessen zur Anwendung kommen. Zudem stellen die Unternehmen den generellen Clusterprogrammen nur eine durchschnittliche Note aus. Ein Teil der Clusteraktivit&#228;ten ist nach Meinung der Unternehmen sogar weitgehend wirkungslos. In diesen F&#228;llen werden Steuergelder verteilt, ohne dass sich merkliche Wachstums- und Besch&#228;ftigungseffekte einstellen. Dies w&#228;re ein eindeutiges Indiz f&#252;r Staatsversagen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Anma&#223;ung von Wissen</strong></p>
<p>Die Einsch&#228;tzung der Maschinen- und Anlagenbauer &#252;berrascht nicht. Die Politik ma&#223;t sich Wissen an, wenn sie eine Technologie f&#246;rdert und die andere nicht. Sie schl&#252;pft in die Rolle des Propheten, wenn sie einem Cluster unter die Arme greift und dem anderen nicht. Und sie gibt sich als Experte betriebsinterner Abl&#228;ufe, wenn sie einem Unternehmen unter die Arme greift und dem anderen nicht.</p>
<p>Die Folgen sind Mitnahmeeffekte, Rent-seeking-Aktivit&#228;ten, Wettbewerbsverzerrungen und Strukturkonservierungen. Die Integration von Kerntechnologien in die industrielle Fertigung – etwa durch Kooperationen in einem Cluster – muss den Unternehmen vorbehalten bleiben, genau wie die Weiterentwicklung von innovativen Produkten bis hin zur Marktreife. Beides sollte daher auch nicht aktiv vom Staat durch Clusteraktivit&#228;ten gef&#246;rdert werden.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass die Politik bei der Entstehung von Unternehmensnetzwerken tatenlos bleiben soll. Im vorwettbewerblichen Bereich gibt es zwei Bet&#228;tigungsfelder, die f&#252;r erfolgreiche Clusterbildungen – wie auch generell f&#252;r eine Volkswirtschaft – unabdingbar sind: Das Setzen von Rahmenbedingungen sowie Investitionen in Bildung und Grundlagenforschung. Geeignete Rahmenbedingungen fangen bei einem anreizvertr&#228;glichen Patent- und Markenrecht an, gehen &#252;ber eine gut ausgebaute Infrastruktur bis hin zu einer F&#246;rderung von Unternehmensneugr&#252;ndungen.</p>
<p>Ad&#228;quate Rahmenbedingungen sind ein wichtiger Katalysator f&#252;r Clusterbildungen. FuE-Kooperationen und Ausgr&#252;ndungen. Die Grundlagen f&#252;r sp&#228;tere Innovationen und unternehmerische Erfolgsgeschichten m&#252;ssen aber in der Grundlagenforschung und der Ausbildung von Arbeitskr&#228;ften gelegt werden. Dabei sollte die Forschungslandschaft branchen- und technologieneutral ausgebaut werden. Die Qualifizierung der regionalen Arbeitskr&#228;ftepools spielt nicht nur f&#252;r die Clusterbildung, sondern auch generell f&#252;r den Erfolg einer Volkswirtschaft eine wichtige Rolle. Sie wird nicht zuletzt durch die staatlichen Investitionen in Humankapital ma&#223;geblich beeinflusst.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ph&#228;nomen FuE-Outsourcing</strong></p>
<p>Wenn in diesen Bereichen geschludert wird, droht nicht nur eine suboptimale Zahl an Clustern zu entstehen, sondern auch ein <a href="http://ideas.repec.org/p/zbw/fisibu/46.html" target="blank">Ausverkauf deutscher Entwicklungskompetenz.</a> Denn in zunehmendem Ma&#223;e folgen die FuE-Aktivit&#228;ten den Produktionsstandorten ins Ausland, auch wenn der gesamte Umfang gemessen an den FuE-Ausgaben noch gering ist. Diese Entwicklung ist nachvollziehbar. Wie die Umfrage unter den Maschinen- und Anlagenbauern, aber auch andere Untersuchungen zeigen, wird in Clustern h&#228;ufiger FuE-Outsourcing betrieben als au&#223;erhalb (siehe Abb. 3). Wenn sich aber mehr und mehr Produktionsst&#228;tten im Aus- und nicht mehr im Inland zu einem Unternehmensnetzwerk zusammenschlie&#223;en, ziehen auch die FuE-Abteilungen nach und es kommt zu einem FuE-Offshoring.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="/wordpress/bilder/berthold/cluster3.png"><img class="aligncenter" title="Cluster 3" src="/wordpress/bilder/berthold/cluster3.png" alt="Cluster 3" width="400" /></a><br />
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<p style="text-align: center;"><strong>Fazit</strong></p>
<p>Alles Cluster, oder was? Funktionierende Unternehmensnetzwerke sind kein Allheilmittel, schon gar nicht, um regionale Unterschiede einzuebnen. Aber sie tragen dazu bei, Wettbewerbsf&#228;higkeit und Wertsch&#246;pfung von Volkswirtschaften zu steigern. Deshalb sollte ihnen ein guter N&#228;hrboden bereitet werden. Dies lohnt alleine schon deshalb, weil mit Clustern auch eine hohe FuE-Intensit&#228;t einhergeht. K&#246;nnen Deutschland und Europa auch hier keine Standortvorteile mehr bieten, werden die FuE-Abteilungen &#252;ber kurz oder lang den Produktionsst&#228;tten nach Fernost und anderswo folgen.</p>
<p><strong>Hinweis:</strong> Die Studie <a href="http://www.impuls-stiftung.de/ecomaXL/index_04_detail.php?site=VDMA_news_detail_114.html" target="blank">Clusteraktivit&#228;ten der Unternehmen im deutschen Maschinen- und Anlagenbau</a> ist k&#252;rzlich in der <a href="http://www.impuls-stiftung.de/ecomaXL/index_02_01.html" target="blank">Schriftenreihe der Impuls-Stiftung</a> erschienen.</p>
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		<title>Der Schaufenstereffekt einer Fußball-WM</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Jul 2010 23:01:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernd Frick</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dass insbesondere Nationalspieler aus Afrika, aber auch solche aus Asien, Nordamerika, Australien und Neuseeland Fu&#223;ball-Weltmeisterschaften gerne als „Laufsteg“ interpretieren, der ihnen die M&#246;glichkeit gibt, sich f&#252;r ein Engagement in einer der europ&#228;ischen Top-Ligen zu empfehlen, ist vollkommen unstrittig. Die Frage, welchen Einfluss Eins&#228;tze bei einer Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft aber tats&#228;chlich auf den Marktwert – und damit nat&#252;rlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass insbesondere Nationalspieler aus Afrika, aber auch solche aus Asien, Nordamerika, Australien und Neuseeland Fu&#223;ball-Weltmeisterschaften gerne als „Laufsteg“ interpretieren, der ihnen die M&#246;glichkeit gibt, sich f&#252;r ein Engagement in einer der europ&#228;ischen Top-Ligen zu empfehlen, ist vollkommen unstrittig. Die Frage, welchen Einfluss Eins&#228;tze bei einer Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft aber tats&#228;chlich auf den Marktwert – und damit nat&#252;rlich auch auf das Gehalt – eines Spielers haben, ist jedoch nach wie vor unbeantwortet.</p>
<p><span id="more-3736"></span></p>
<p>Unter Verwendung entsprechender Daten aus dem Kicker-Managerspiel, die seit der Saison 1995/96 f&#252;r die &#252;berwiegende Mehrzahl der in einer Saison zum Einsatz kommenden Spieler verf&#252;gbar sind und offenbar hervorragende N&#228;herungsgr&#246;&#223;en f&#252;r den Marktwert und seine Ver&#228;nderung darstellen (vgl. <em>Frick</em>, 2007, 2010), l&#228;sst sich dieser Effekt nunmehr zweifelsfrei quantifizieren. Dies setzt allerdings voraus, dass man zun&#228;chst einmal den Einfluss weiterer (potentieller) Determinanten des individuellen Marktwertes bzw. Gehaltes isoliert: Neben dem Alter, der Zahl der Ligaeins&#228;tze und -tore sowie der Position auf dem Spielfeld haben insbesondere die Zahl der L&#228;nderspieleins&#228;tze und die regionale Herkunft eines Spielers einen statistisch signifikanten Einfluss auf sein Gehalt:</p>
<p>-        Unter sonst gleichen Bedingungen – d.h. bei statistischer Kontrolle der o.g. Faktoren – verdient ein Spieler aus S&#252;damerika rund 40% mehr als ein deutscher Athlet. F&#252;r Westeurop&#228;er ist die Lohnpr&#228;mie mit rund 20% immer noch erheblich, f&#252;r Osteurop&#228;er, Nordamerikanischer, Afrikaner und Asiaten l&#228;sst sich kein entsprechender Effekt nachweisen. Dies ist insofern nicht &#252;berraschend, als der Anteil an S&#252;damerikanern im Kader mit einer statistisch h&#246;heren Ticketnachfrage einhergeht, nicht aber der Anteil an Osteurop&#228;ern, Afrikanern und/oder Asiaten: Selbst bei einer eher bescheidenen sportlichen Performance pr&#228;ferieren die Zuschauer also offenbar s&#252;damerikanische Ballzauberer. Dar&#252;ber hinaus l&#228;sst sich eindeutig nachweisen, dass Spieler aus S&#252;damerika, aber auch aus Westeuropa signifikant h&#246;here Merchandisingerl&#246;se generieren: So wird beispielsweise die Zahl der Trikotverk&#228;ufe ganz erheblich durch den Klang des Namens beeinflusst – „Lucio“ ist offenbar erheblich attraktiver als „Woronin“.</p>
<p>-        L&#228;nderspieleins&#228;tze haben – wie auch das Alter und die Zahl der Ligaeins&#228;tze – einen positiven, aber nicht-linearen Effekt: Jeder Auftritt f&#252;r die Nationalmannschaft erh&#246;ht das Einkommen mit einer zun&#228;chst abnehmenden, sp&#228;ter aber wieder zunehmenden Rate, was auf die Existenz spezifischer „Superstareffekte“ hindeutet. Dieser positive Einfluss von L&#228;nderspieleins&#228;tzen differiert – und dies ist der entscheidende Punkt – ganz erheblich mit deren sportlichem Stellenwert: Jeder Einsatz bei der letzten Fu&#223;ball-WM erh&#246;ht das Einkommen um rund 8%. Eins&#228;tze bei weiter zur&#252;ck liegenden Weltmeisterschafts-Turnieren werden zwar ebenfalls noch mit einer Pr&#228;mie honoriert, doch ist dieser Effekt mit 2% pro Einsatz erheblich schw&#228;cher. Mit anderen Worten: Der Schaufenstereffekt nutzt sich zwar ab, bleibt aber auch langfristig nachweisbar. Interessant ist weiterhin, dass dieser Schaufenstereffekt keineswegs f&#252;r alle Spieler gleich ist: Diejenigen, die bereits vor dem jeweiligen WM-Turnier als Stars gelten, profitieren davon deutlich weniger als diejenigen, die zuvor weniger im Blickpunkt der Fu&#223;ball-&#214;ffentlichkeit standen (vgl. <em>Deutscher und Simmons</em>, 2010). Um es anders zu formulieren: Ein durchschnittlicher Spieler, der es bei der WM auf f&#252;nf Eins&#228;tze bringt (weil er beispielsweise mit seiner Mannschaft im Viertelfinale ausscheidet) wird seinen Marktwert um rund 40% erh&#246;hen. Bei einem Spieler, dessen Team mindestens das Spiel um den dritten Platz erreicht, betr&#228;gt die entsprechende Steigerung des Marktwertes nahezu 60%.</p>
<p>Was folgt aus den Ergebnissen? Die Erkenntnis, dass es sich offenbar lohnt, bei einem sportlichen Mega-Event wie der Fu&#223;ball-WM dabei zu sein, mag zun&#228;chst trivial klingen. Der j&#252;ngst erbrachte Nachweis, dass dies in vielen F&#228;llen auch zu systematischen Verhaltens&#228;nderungen f&#252;hrt, ist aber vielleicht doch &#252;berraschend: Spieler, deren Nominierung f&#252;r das Turnier zwar wahrscheinlich, aber noch keineswegs gesichert ist, steigern ihre Performance im Vorfeld der Kaderzusammenstellung ganz erheblich – eine Entwicklung, die weder bei denjenigen zu beobachten ist, die als gesetzt gelten, noch bei denjenigen, die keinerlei Chance (mehr) haben, den WM-Zug noch zu erreichen…</p>
<p>Dass das noch bis Sonntag andauernde Turnier von den Spielern auch tats&#228;chlich in dem beschriebenen Sinne genutzt wird, machen die t&#228;glichen Meldungen &#252;ber Neuverspflichtungen deutlich. Das Karussell ist in Bewegung gekommen und wird wohl noch bis in den August hinein in Schwung bleiben…</p>
<p><strong>Literatur </strong></p>
<p><em>Deutscher, Christian</em> und <em>Robert Simmons</em> (2010): The Economics of the World Cup, mimeo, Department of Management, University of Paderborn.<br />
<em>Frick, Bernd</em> (2007): Salary Determination and the Pay-Performance Relationship in Professional Soccer: Evidence from Germany, in: Rodriguez, Plácido, Stefan Késenne and Jaume Garcia (eds.): Sports Economics after Fifty Years: Essays in Honor of Simon Rottenberg, Oviedo: University of Oviedo Press, pp. 125-146.<br />
<em>Frick, Bernd</em> (2010): The Football Players’ Labor Market: Recent Developments and Econometric Evidence, mimeo, Department of Management, University of Paderborn.</p>
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		<title>Nationale Ersparnis und internationale Kreditrisiken als wirtschaftspolitische Herausforderung</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jul 2010 23:01:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gunther Schnabl</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Makro&#246;konomische Modelle zur intertemporalen Optimierung gehen von einem Wohlfahrtsgewinn beider L&#228;nder aus. Der Kapital- und G&#252;terexporteur spart f&#252;r die Zukunft. Der Konsumverzicht von heute erm&#246;glicht mehr Konsum f&#252;r morgen, beispielsweise f&#252;r alternde Gesellschaften. Hingegen zieht der Kapital- und G&#252;terimporteur Konsum und Investitionen vor. Werden die Kapitalimporte sinnvoll investiert, dann ist die R&#252;ckzahlung der Verschuldung ohne [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Makro&#246;konomische Modelle zur intertemporalen Optimierung gehen von einem Wohlfahrtsgewinn beider L&#228;nder aus. Der Kapital- und G&#252;terexporteur spart f&#252;r die Zukunft. Der Konsumverzicht von heute erm&#246;glicht mehr Konsum f&#252;r morgen, beispielsweise f&#252;r alternde Gesellschaften. Hingegen zieht der Kapital- und G&#252;terimporteur Konsum und Investitionen vor. Werden die Kapitalimporte sinnvoll investiert, dann ist die R&#252;ckzahlung der Verschuldung ohne Konsumverzicht sichergestellt. In Zwei-Perioden-Modellen kehren sich die Gl&#228;ubiger-Schuldner-Beziehungen von Periode 1 zu Periode 2 um, und die intertemporale Bilanz ist ausgeglichen.</p>
<p><span id="more-3725"></span></p>
<p>In Zeiten von globalen Ungleichgewichten, wandernden Finanzmarktblasen, dramatischen Krisen und gigantischen geld- und fiskalpolitischen Rettungsaktionen scheinen zwei Annahmen der intertemporalen Optimierung ausgesetzt. Erstens Leistungsbilanzsalden haben sich als persistent erwiesen. Zweitens Verbindlichkeiten werden oftmals nicht mehr von den Schuldnerl&#228;ndern, sondern den Steuerzahlern der Gl&#228;ubigerl&#228;nder zur&#252;ckgezahlt. Der Kreditausfall durch die Schuldnerl&#228;nder hat drei Gesichter.</p>
<p>Die offenste Art des Defaults ist die Einstellung von Zins- und Ratenzahlungen und die Stundung von Krediten. Beispielsweise wurde Argentinien 2001 nach dem Zusammenbruch des umstrittenen Currency Boards zahlungsunf&#228;hig. Da die Auslandsverschuldung in Fremdw&#228;hrung denominiert war, wurde diese durch die Abwertung gemessen in Peso nochmals aufgebl&#228;ht. Die argentinischen Euro- und Dollar-Bonds, die u.a. von vielen privaten Anlegern in den Industriel&#228;ndern gehalten wurden, bleiben weitgehend unbedient. Daran &#228;nderte auch die durch die Abwertung verbesserte Wettbewerbsf&#228;higkeit nichts. Ebenso stellten sich mit der Subprime-Krise als AAA eingestufte Verbriefungen als wertlos heraus. Insbesondere deutsche Landesbanken und Halter von Lehman-Zertifikaten realisierten schmerzhafte Verluste. Die Landesbanken wurden durch Steuergelder am Leben gehalten.</p>
<p>Weniger offensichtlich ist der Kreditausfall durch internationale Krisenkreditvergabe kombiniert mit Zinssenkungen in den Kreditgeberl&#228;ndern. Beispielsweise stabilisierten im Verlauf der Asienkrise und der j&#252;ngsten Krisen in Mittel-, Ost- und S&#252;deuropa &#246;ffentliche Kredite an die Krisenl&#228;nder die Finanzsektoren der Kreditgeberl&#228;nder. Die &#246;ffentlichen Kredite in Fremdw&#228;hrung machten den Schuldendienst trotz Abwertung der Krisenw&#228;hrungen m&#246;glich. Dem Vorwurf, dass die &#246;ffentlichen Hilfspakete zu einem Moralischen Risiko bei der internationalen Kreditvergabe f&#252;hrten, wurde entgegnet, dass die &#246;ffentlichen Kredite bisher immer zur&#252;ckgezahlt worden seien.</p>
<p>Allerdings wurde die R&#252;ckzahlung der Hilfskredite durch Zinssenkungen in den Kreditgeberl&#228;ndern beg&#252;nstigt. Monet&#228;re Expansion in Gl&#228;ubigerl&#228;ndern in Reaktion auf Krisen in Schuldnerl&#228;ndern erm&#246;glicht – transportiert von Carry Trades – eine schnelle Stabilisierung der Krisenl&#228;nder und damit der Finanzsektoren der Kreditgeberl&#228;nder. Da im Aufschwung nach der Krise die Zinserh&#246;hungen geringer ausfielen als die Zinssenkungen w&#228;hrend der Krise wurde der Schuldendienst vereinfacht. Die Kosten der Krisen wurden durch den graduellen Verfall des Weltzinsniveaus verschleiert und &#252;ber Inflation oder Umverteilung im Verlauf von Finanzmarktblasen auf die Sparer bzw. Sparnationen &#252;berw&#228;lzt. Ist der Zinssenkungsspielraum ausgereizt, steigt wie j&#252;ngst zu beobachten die Verschuldung in den Gl&#228;ubigerl&#228;ndern an. Diese sehen sich gezwungen, Steuern zu erh&#246;hen und/oder Ausgaben zu k&#252;rzen. In allen F&#228;llen tragen die L&#228;nder mit Spar&#252;bersch&#252;ssen &#252;berproportional die Risiken des versteckten Defaults.</p>
<p>(3) Schlie&#223;lich kann es zur Schuldenentwertung durch Inflation bzw. durch Abwertung kommen. Dieser schleichende Default steht L&#228;ndern offen, die &#252;ber das Privileg einer internationalen Leit- und Ankerw&#228;hrung verf&#252;gen. Insbesondere die USA haben einen hohen Bestand an internationalen Verbindlichkeiten in eigener W&#228;hrung angeh&#228;uft. Eine zeitnahe Konsolidierung wird in Washington derzeit nicht f&#252;r n&#246;tig erachtet. Denn die reale Entwertung der US-Verbindlichkeiten erfolgt &#252;ber zwei Kan&#228;le. Erstens, (moderate) Inflation entwertet die Dollarersparnisse der Ausl&#228;nder. Zweitens, die Abwertung des Dollars reduziert die realen internationalen Verbindlichkeiten. Der zweite Kanal wird blockiert, wenn L&#228;nder wie China ihren Wechselkurs an den Dollar gebunden halten. Gelingt es &#252;ber politischen Druck eine Aufwertung des chinesischen Yuan zu erzwingen, dann realisiert China betr&#228;chtliche Verluste auf sein immenses Dollarverm&#246;gen.</p>
<p>Je gr&#246;&#223;er die Wahrscheinlichkeit ist, dass Kapitalexporte nicht der Finanzierung von zuk&#252;nftigen heimischen Konsum dienen, sondern in den internationalen Zentren des Konsums versickern, desto dringlicher ist die Frage nach der ad&#228;quaten wirtschaftspolitischen Reaktion. Kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass internationale Kredite zur&#252;ckgezahlt werden, dann k&#246;nnte der derzeitige restriktive Kurs der deutschen Finanzpolitik ein Fehler sein. Eine fiskalische Kontraktion, die sich negativ auf das Konsum- und Investitionsverhalten des privaten Sektors auswirkt, k&#246;nnte zu einem erneuten Anstieg der deutschen Export&#252;bersch&#252;sse f&#252;hren. Dieser d&#252;rfte um so st&#228;rker ausfallen, je restriktiver die deutsche Finanzpolitik im Vergleich zu anderen L&#228;ndern ist. Beispielsweise w&#228;re ein deutlicher Anstieg der deutschen Kapital- und G&#252;terexporte in die USA zu erwarten, wo der makro&#246;konomische Kurs weiterhin expansiv ist. Neue Risiken w&#252;rden f&#252;r den deutschen Steuerzahler im US-Finanzmarkt entstehen.</p>
<p>Soll dies verhindert werden, dann w&#228;re eine expansive Finanzpolitik angesagt. Ein schuldenfinanziertes Investitionsprogramm keynesianischer Pr&#228;gung, z.B. durch den vorgezogenen Bau des Berliner Stadtschlosses, dem Ausbau des ICE-Netzes oder der Sanierung heruntergekommener westdeutscher Stadtkerne, w&#252;rde – &#228;hnlich der deutschen Wiedervereinigung  – den deutschen Spar- und Leistungsbilanz&#252;berschuss reduzieren. Die Bauindustrie w&#252;rde auf Kosten der Exportindustrie profitieren. Globale Ungleichgewichte w&#252;rden – wie weithin gew&#252;nscht –  reduziert. Doch stehen diesem Weg die Grunds&#228;tze einer soliden Haushaltspolitik sowie der (bald reformierte) Stabilit&#228;ts- und Wachstumspakt entgegen.</p>
<p>Alternativ k&#246;nnte das nationale Investitionsprogramm &#252;ber steigende Steuern finanziert werden. In diesem Fall w&#228;re aber nicht die Erh&#246;hung der Mehrwertsteuer, sondern die Anhebung des Spitzensteuersatzes angesagt, da die Spar&#252;bersch&#252;sse vor allem von den oberen Einkommensschichten generiert werden. Diesem Ansatz stehen die negativen Anreizwirkungen eines hohen Steuerniveaus sowie die Interessen der liberal-konservativen Regierung entgegen.</p>
<p>Damit deutet vieles auf neue Kosten f&#252;r den deutschen Steuerzahler hin. Es sei denn, dieser ahnt die neuen Risiken und misstraut dem Finanzsystem. Dann w&#252;rden die deutschen Sparer in mehr Konsum bzw. in Sachwerte getrieben. Die Konstanz des Konsums w&#228;hrend der Krise sowie der in Deutschland einsetzende Anstieg der Immobilienpreise k&#246;nnten in diese Richtung deuten. Diese Entwicklung h&#228;tte eine Licht- und eine Schattenseite. Einerseits w&#252;rde der kommende Aufschwung ohne staatliche Intervention getragen. Doch k&#246;nnte einem  Immobilienboom eine Bilanzrezession japanischen Musters folgen.</p>
<p>Deshalb bleibt nur eine Alternative: Die globale R&#252;ckkehr zu Haftungsprinzipien, stabilit&#228;tsorientierter Geld- und Finanzpolitik sowie zu mehr Konstanz in der Wirtschaftspolitik. Bleibt diese aber in anderen L&#228;ndern aus, dann k&#246;nnte f&#252;r Deutschland die einseitige R&#252;ckkehr zu soliden Staatsfinanzen neue internationale Kreditausf&#228;lle nach sich ziehen. Die j&#252;ngsten Konsolidierungsbem&#252;hungen unserer Regierung sollten deshalb nicht nur im Lichte nationaler oder europ&#228;ischer Ausgabendisziplin, sondern auch im Kontext internationaler Kreditrisiken diskutiert werden.</p>
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		<title>Totgesagte leben länger</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Jul 2010 23:01:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Grömling</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland l&#228;uft &#252;ber den Au&#223;enhandel und die Industrie. Damit wirken hierzulande nach wie vor die gleichen Wachstumstreiber wie vor der Krise. Kritiker des „deutschen  Gesch&#228;ftsmodells“ m&#246;gen darin die Fortsetzung einer vermeintlichen Fehlspezifizierung der deutschen Wirtschaft sehen. Offensichtlich bietet die deutsche Industrie aber G&#252;ter an, die sich weltweit einer gro&#223;en Nachfrage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland l&#228;uft &#252;ber den Au&#223;enhandel und die Industrie. Damit wirken hierzulande nach wie vor die gleichen Wachstumstreiber wie vor der Krise. Kritiker des „deutschen  Gesch&#228;ftsmodells“ m&#246;gen darin die Fortsetzung einer vermeintlichen Fehlspezifizierung der deutschen Wirtschaft sehen. Offensichtlich bietet die deutsche Industrie aber G&#252;ter an, die sich weltweit einer gro&#223;en Nachfrage erfreuen. Die Wettbewerbsf&#228;higkeit eines Landes resultiert nicht nur aus seiner preislichen Wettbewerbsf&#228;higkeit, sondern auch aus den G&#252;tern, die dort erstellt werden. Dazu geh&#246;ren mit Blick auf Deutschland vor allem Investitionsg&#252;ter. Die Belebung der Konjunktur hierzulande h&#228;ngt auch mit dem wieder anziehenden globalen Investitionszyklus zusammen. Nach dem Einbruch im vergangenen Jahr wird sich die globale Investitionst&#228;tigkeit in diesem Jahr wieder kr&#228;ftig erh&#246;hen. Vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsl&#228;ndern kommen die Investitionen in Fahrt und erreichen mit gut 6.100 Milliarden US-Dollar ein neues Rekordniveau.</p>
<p><span id="more-3571"></span></p>
<p>Die Weltwirtschaft hat im vergangenen Jahr bereits die Trendwende vollzogen. Die realwirtschaftlichen Einbr&#252;che im Gefolge der im Sommer 2007 beginnenden Immobilien- und Finanzmarktkrise konzentrierten sich im Wesentlichen auf das Winterhalbjahr 2008/2009. Danach setzte in vielen L&#228;ndern die Erholung ein. Die deutsche Wirtschaft konnte am globalen Auftrieb bereits im vergangenen Jahr gut teilhaben. Seit dem Tiefpunkt im ersten Quartal 2009 steigt das (preis-, saison- und arbeitst&#228;glich bereinigte) Bruttoinlandsprodukt von Quartal zu Quartal wieder an, wenngleich zuletzt mit etwas weniger Tempo. Die wirtschaftliche Erholung l&#228;uft hierzulande &#252;ber den Au&#223;enhandel und damit auch wieder &#252;ber die Industrie. Freilich waren auch hier in erster Linie die konjunkturellen Einbr&#252;che zu verorten. Die &#252;ber die Industrie laufende Erholung spricht daf&#252;r, dass die deutsche Wirtschaft offensichtlich mit ihrem Produktportfolio nach wie vor eine gute Position hat, um die globale Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zu bedienen. Offensichtlich bietet die deutsche Industrie jene G&#252;ter an, die sich weltweit einer gro&#223;en Nachfrage erfreuen. Die Wettbewerbsf&#228;higkeit eines Landes resultiert nicht nur aus seiner preislichen Wettbewerbsf&#228;higkeit, sondern auch aus den G&#252;tern, die dort erstellt werden. Dazu geh&#246;ren mit Blick auf Deutschland vor allem Investitionsg&#252;ter.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="/wordpress/bilder/groemling/ausfuhren.jpg"><img class="aligncenter" title="Ausfuhren" src="/wordpress/bilder/groemling/ausfuhren.jpg" alt="Ausfuhren" width="400" /></a><br />
<small>- zum Vergr&#246;&#223;ern bitte auf die Grafik klicken &#8211; </small></p>
<p>Die Weltwirtschaft wird weiter deutlich an Tempo zulegen. Die weltweiten Wirtschaftsaktivit&#228;ten werden im Jahr 2010 den Vorjahreswert um 4 Prozent &#252;bertreffen. Beim preisbereinigten Welthandel wird ein Plus in H&#246;he von 8 Prozent erwartet. Dabei kommen die Impulse vor allem aus den aufstrebenden Volkswirtschaften. Deren wieder anziehende Investitionst&#228;tigkeit wird besonders die deutschen Exporteure von Investitionsg&#252;tern beg&#252;nstigen: Auf Basis von IWF-Daten wird das globale Investitionsvolumen in nominaler Rechnung im Jahr 2010 gegen&#252;ber dem Vorjahr um 11 Prozent ansteigen. In diesem Jahr werden weltweit Investitionen in einer Gr&#246;&#223;enordnung von gut 13.700 Milliarden US-Dollar get&#228;tigt. Das sind einerseits gut 780 Milliarden US-Dollar weniger als im Rekordjahr 2008, andererseits aber schon wieder &#252;ber 1.300 Milliarden US-Dollar mehr als im Krisenjahr 2009. Im Jahr 2009 brachen die globalen Bruttoinvestitionen in nominaler Rechnung um 14,6 Prozent oder um &#252;ber 2.100 Milliarden US-Dollar gegen&#252;ber dem Vorjahr ein. Vor allem die fortgeschrittenen Volkswirtschaften hatten unter stark r&#252;ckl&#228;ufigen Investitionen zu leiden: W&#228;hrend die Bruttoinvestitionen in den fortgeschrittenen L&#228;ndern in nominaler Rechnung um fast 19 Prozent wegsackten, war in den Schwellen- und Entwicklungsl&#228;ndern „nur“ ein Minus von knapp 8 Prozent zu verbuchen.</p>
<p>Nimmt man die – unter Entwicklungsgesichtspunkten – erschreckend lange Stagnationsphase der globalen Investitionst&#228;tigkeit von 1995 bis 2002 als Bezugsgr&#246;&#223;e, dann bel&#228;uft sich das diesj&#228;hrige Investitionsvolumen bereits wieder auf rund das Doppelte des damaligen Durchschnittsniveaus. Mehr als zwei Drittel des absoluten Zuwachses bei den globalen Anlageinvestitionen im Jahr 2010 kommen aus den Schwellen- und Entwicklungsl&#228;ndern. Infolge des wieder fortgesetzten Investitions- und Aufbauprozesses in den Entwicklungs- und Schwellenl&#228;ndern werden dort wichtige Fundamente f&#252;r das k&#252;nftige Wirtschaftswachstum gelegt. Das ist sicherlich notwendig, um die Versorgungslage und die Wohlstandsw&#252;nsche der weiter – teilweise kr&#228;ftig – wachsenden Bev&#246;lkerungen in diesen L&#228;ndern zu f&#246;rdern. Au&#223;erdem stimulieren die wieder anziehenden Rohstoffpreise und die damit einhergehenden Einnahmen der rohstoffreichen L&#228;nder dort die Investitionst&#228;tigkeit. Hinzu kommt, dass die im Gro&#223;en und Ganzen verbesserte Lage an den Finanzm&#228;rkten die Finanzierungsbedingungen f&#252;r realwirtschaftliche Investitionen beg&#252;nstigt.</p>
<p>Auch in der Zeit vor der Krise hatte sich das globale Investitionsvolumen bereits immer st&#228;rker hin zu den aufstrebenden Volkswirtschaften verschoben. Entfielen im Zeitraum 1995 bis 2002 erst durchschnittlich gut 22 Prozent der globalen Investitionen auf die Entwicklungs- und Schwellenl&#228;nder, so stieg ihr Anteil bis zum Jahr 2008 bereits auf fast 40 Prozent an. In diesem Jahr entfallen mit gut 6.100 Milliarden US-Dollar fast 45 Prozent der weltweiten Investitionen in Geb&#228;ude, Maschinen und Gesch&#228;ftsausstattungen auf diese L&#228;ndergruppe und spiegelbildlich nur noch gut 55 Prozent auf die fortgeschrittenen Volkswirtschaften.</p>
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