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	<title>ctrl+verlust</title>
	
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	<description>Res gesta per amissionum</description>
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		<title>Komplexität: Handle mit es!</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Apr 2012 12:51:52 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Christian Stöcker hat kürzlich auf Spiegel Online eine Horrorvision eines zukünftigen Internets an die Wand gemalt. Im Gegensatz zu jenen, die meinen, dass das Internet vor allem als anarchischer, unkontrollierbarer Raum aufzufassen sei (also zum Beispiel ich), zeigt er gekonnt, wie die digitalen Technologien in Wirklichkeit ein enormes Kontrollpotential haben: &#8220;Es gibt eben doch einen zentralen Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Im Netz ist absolute Rechtsdurchsetzung möglich.&#8221; Das kommt dem Raunen Deleuzes sehr nah, der durch die Computer die &#8220;Kontrollgesellschaft&#8221; am Horizont zu erkennen glaubte, die die Foucaultsche Disziplinargesellschaft ablösen würde. Ohne, dass ich Christian Stöcker oder Deleuze wirklich eine technische Argumentation entgegenhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle meinen unerschütterlichen Glauben ausdrücken, dass dem nicht so kommt. Ja, ich glaube an den Kontrollverlust, und nein, ich glaube nicht an die Kontrollgesellschaft. Ich spreche von &#8220;Glauben&#8221;, denn ich bin mir bewusst, dass meine Zuversicht auf Annahmen fußt, die wahrscheinlich nicht beweisbar sind, die aber unerschütterlich zu meinen Glaubenssätzen gehören und aus denen sich sowohl meine Zuversicht für die Zukunft, als auch meine vermeintliche &#8220;Radikalität&#8221; speisen. * * * Es ist mittlerweile nicht mehr strittig, dass sich gesellschaftlich einiges ändern wird durch das Internet. Aber für die Frage, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/komplexitat-handle-mit-es/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Christian Stöcker hat kürzlich auf Spiegel Online eine Horrorvision eines zukünftigen Internets an die Wand <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828270,00.html">gemalt</a>. Im Gegensatz zu jenen, die meinen, dass das Internet vor allem als anarchischer, unkontrollierbarer Raum aufzufassen sei (also zum Beispiel ich), zeigt er gekonnt, wie die digitalen Technologien in Wirklichkeit ein enormes Kontrollpotential haben:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt eben doch einen zentralen Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Im Netz ist absolute Rechtsdurchsetzung möglich.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das kommt dem Raunen Deleuzes sehr nah, der durch die Computer die &#8220;Kontrollgesellschaft&#8221; am Horizont zu erkennen <a href="http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html">glaubte</a>, die die Foucaultsche Disziplinargesellschaft ablösen würde.</p>
<p>Ohne, dass ich Christian Stöcker oder Deleuze wirklich eine technische Argumentation entgegenhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle meinen unerschütterlichen Glauben ausdrücken, dass dem nicht so kommt. Ja, ich glaube an den <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlust</a>, und nein, ich glaube nicht an die Kontrollgesellschaft. Ich spreche von &#8220;Glauben&#8221;, denn ich bin mir bewusst, dass meine Zuversicht auf Annahmen fußt, die wahrscheinlich nicht beweisbar sind, die aber unerschütterlich zu meinen Glaubenssätzen gehören und aus denen sich sowohl meine Zuversicht für die Zukunft, als auch meine vermeintliche &#8220;Radikalität&#8221; speisen.</p>
<p>* * *</p>
<p>Es ist mittlerweile nicht mehr strittig, dass sich gesellschaftlich einiges ändern wird durch das Internet. Aber für die Frage, wie sie sich ändern wird, ist es ratsam, nicht auf das Internet zu schauen, sondern darauf, wie sich die Gesellschaft schon immer verändert hat. Denn das hat sie.</p>
<p>Sie ist von der Stammesgesellschaft über die frühen Hochkulturen, über die feudale Ständegesellschaft zur Bürgerlichen Gesellschaft erwachsen. Und bei all diesen Veränderungsprüngen lässt sich zumindest eines feststellen: die Organisationsform der Gesellschaft ist jedes mal <em>komplexer</em> geworden.</p>
<p>Dieser Drang Richtung Komplexität ist nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen. Er lässt sich auch zum Beispiel in der Evolution selbst beobachten. Von den Aminosäuren zu den Proteinen, zu den Einzellern, zu den Amöben, zu den Krustentieren, zu den Fischen, zu den Dinosauriern, zu den Säugetieren, zu dem Menschen ist eine stete Zunahme an Komplexität feststellbar. <a href="http://www.kk.org/">Kevin Kelly</a> nimmt noch die Entwicklung der Technologie seit der Menschheitsgeschichte hinzu und nennt diesen Drang Richtung Komplexität &#8220;<em>Extropie</em>&#8221; und stellt sie der &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Entropie_(Thermodynamik)">Entropie</a>&#8221; entgegen.</p>
<p><strong>Und ja, hier kann ich es ja sagen, ich glaube daran. Ich glaube an den Drang der Welt, sich zur immer <em>komplexestmöglichen</em> Ordnung zu organisieren. Das hier ist mein Bekenntnis. Amen.</strong></p>
<p>* * *</p>
<p><a href="http://www.dirkbaecker.com/">Dirk Baecker</a> hat die oben skizzierten Evolutionsstufen der Gesellschaft ebenfalls als Ausgangspunkt genommen und sie den jeweiligen Medienrevolutionen zugeordnet. Die Sprache erschuf die Stammesgesellschaft, die Schrift die frühen Hochkulturen, der Buchdruck die moderne Gesellschaft. Der Computer/das Internet sind nun dabei die &#8211; er nennt es &#8211; &#8220;<em>nächste Gesellschaft</em>&#8221; zu formen.</p>
<p>Das Aufkommen der neuen Medien zu der jeweils entsprechenden Zeit nennt er &#8220;<em>Katastrophe</em>&#8220;. Katastrophen nämlich in dem Sinne, dass völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation in eine Gesellschaft traten, die darauf noch gar nicht vorbereitet war. Mit den Medien treten neue und vor allem viel mehr Kommunikationen auf Jahrhunderte oder Jahrtausende tradierte Strukturen, die mit der neuen Komplexität einfach überfordert sind. Mit anderen Worten: die Gesellschaft musste sich ob dieser Komplexitätsdiskrepanz jedes mal reorganisieren.</p>
<p>Als Extropianer wende ich aber schon an dieser Stelle ein: die Gesellschaft <em>wollte</em> sich neu organsisieren, sie <em>wollte</em> jedes mal komplexer werden, sobald sie die Möglichkeit dazu hatte. Und was diesem Wandel im Weg stand, wurde &#8211; mal mehr, mal minder rücksichtslos &#8211; weggefegt. Die Magie durch die Schrift, der Adel durch den Buchdruck, etc.</p>
<p>* * *</p>
<p>Wenn wir nun das Internet, also die massenhaft verschalteten Computer und was sie heute bereits tun besehen, dann kann man erkennen, dass sie vor allem einen Unterschied machen: Sie schaffen es, selbst die komplexesten Organisationsprozesse in sich abzubilden. Mit dem Internet und dem Computer kann man besser, schneller und vor allem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Transaktionskostentheorie">Transaktionskosten</a>ärmer sein Leben organisieren. Man kann besser einkaufen, eine Wohnung suchen, einen Termin finden, gemeinsam Konzepte erarbeiten, Leute einladen, einen Sexualpartner finden, Demos organisieren, Texte, Musik, Filme etc. produzieren und vor allem auch verteilen. Und wer weiß, was da alles noch kommt, wir stehen ja bekanntlich noch am <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Anfang</a>.</p>
<p>Wir, die Heutigen, sind nun also dran, diesem Füllhorn an neuen Möglichkeiten zur komplexeren Organisation der Gesellschaft gerecht zu werden. Das ist &#8211; pathetisch gesagt &#8211; die Aufgabe unserer Generation. Und ich weiß nicht, wie Euch es geht, aber ich will es! Ich spüre es! Ich spüre, dass ein riesiges Maß an zusätzlicher Komplexität möglich ist und unausgeschöpft vor uns liegt. Und es nervt mich, wenn ich auf unnötig ineffiziente Strukturen treffe, wenn nicht alles auf Knopfdruck funktioniert, obwohl ich weiß, dass es das tun könnte, wenn ich keine Serie laden darf, obwohl es so einfach wäre und ich bin genervt davon, dass man über meinen Kopf hinweg bestimmt, wie mit dem Autobahnausbau zu verfahren ist, obwohl es heute Mittel und Wege gäbe, mich und jeden anderen dazu zu befragen und mit einzubeziehen. Die Zukunft ist da und niemand hebt sie auf. Es ist die <em>Extropie</em>, die wie ein kleiner Mann in meinem Kopf wohnt und randaliert und mich unzufrieden werden lässt, wenn ich sehe, wie die tatsächliche Organisation von Gesellschaft mit der möglichen Organisation von Gesellschaft so weit auseinanderfällt. Deswegen prophezeie ich: wie werden uns als Gesellschaft entsprechend der neuen Rahmenbedingungen neu organisieren und zwar <em>kom.plexest.möglich</em>.</p>
<ul>
<li>Wir werden mehr Demokratie fordern, mehr Mitbestimmung von mehr Menschen an mehr Entscheidungen.</li>
<li>Wir werden mehr Transparenz leben, werden immer mehr Privatheit (was vor allem auch ein Tool der Komplexitätsreduktion war) <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/postprivacy/">aufgeben</a>.</li>
<li>Wir werden das Urheberrecht <a href="http://mspr0.de/?p=2903">abschaffen</a> (eine unnötige Erhöhung von <a href="http://christophkappes.de/total-buyout-netzneutralitat-entfremdung-ein-galopp-durch-netzthemen-der-heutigen-timeline/">Transaktionskosten</a>).</li>
<li>Wir werden allerlei Institutionen <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/weltkontrollverlust/">abschaffen</a> und/oder marginalisieren (wahrscheinlich sogar den Staat.).</li>
<li>Wir werden vielleicht sogar Eigentum <a href="http://mspr0.de/?p=2817">abschaffen</a>, sobald wir rausfinden, dass es keinen organisatorischen Mehrwert mehr bringt.</li>
<li>Wir werden die Infrastrukturen so organisieren, dass sie <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Diversität zulassen</a>.</li>
<li>Wir werden viel mehr unterschiedliche Meinungen, Lebensentwürfe, Sexualitäten, Beziehungsformen zulassen. Müssen!</li>
</ul>
<p>Warum? Weil wir es können!<br />
Post-Privacy, Post-Eigentum, Post-National, Post-allesmögliche. Wir werden alle komplexitätsreduzierenden Mechanismen, Strukturen, Institutionen und Gesetze auf den Prüfstand stellen und was der Komplexität im Weg steht, was unnötiger Ballast ist oder Transaktionkosten künstlich erhöht, wird abgeschafft werden.</p>
<p>Kurz: <strong>Wir werden mehr Komplexität wagen!</strong></p>
<p>Die Piraten haben das erkannt und die etablierten Parteien und Journalisten verstehen es immer noch nicht: sie fragen ständig nach den Inhalten, dabei geht doch um die Strukturen. Es geht um die Organisation, es geht um die Infrastruktur. Bov Bjerg nannte die Piraten mal spöttisch die <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/207468.smarte-streber-mit-skorbut.html">Schweinesytemadministratoren</a>. Ja, sie sind die Systemadministratoren der neuen Demokratie, da hat er vollkommen recht, aber er versteht nicht &#8211; trotz McLuhan, trotz Strukturalismus und Poststrukturalismus &#8211; dass die Struktur <em>eben nicht</em> egal ist, sondern essentiell. Das Schweinesystem wird nach der Administration nie wieder das selbe Schweinesystem sein. The Medium is the Message &#8211; die Infrastruktur ist politisch, stupid! (<em>Achtung: es ist natürlich gut, dass sie es nicht verstehen. Würden sie es verstehen, würden sie viel hysterischer auf die Piraten reagieren.</em>)</p>
<p>* * *</p>
<p>Die Idee der Kontrollgesellschaft geht zu sehr von einer starren gesellschaftlichen Realität des Jetzt aus und schaut, wie sich die neuen Tools des Digitalen zur Durchsetzung der vorhandenen Strukturen einsetzen lassen. Ich hingegen glaube, dass sich die Gesellschaft und ihre Strukturen schneller ändern, als dass die heutigen Eliten das Kontrollpotential auch nur annähernd ausschöpfen können.</p>
<p>Aber keine Frage: wir sind mitten in diesem Umwälzungsprozess. Und ja, es gibt die Kräfte, von denen Chistian Stöcker spricht durchaus und in Syrien und China und Iran, etc. kann man auch schon ansatzweise sehen, wie weit die Kontrolle schon heute gehen kann. Und ACTA, SOPA, PIPA, die VDS und Internetsperren und alles was noch so kommt, wird weiterhin unsere volle Aufmerksamkeit erfordern. Aber in Wirklichkeit sind es nur die sich gegen ihr Überflüssigwerden aufbäumenden Institutionen, denen früher oder später von der Gesellschaft ihre Existenzlegitimationen entzogen wird.</p>
<p>Gewinnen können sie nicht. Ich weiß, dass sich die Komplexität durchsetzen wird, weil sie es immer getan hat. Das ist oft nicht unblutig geschehen und eventuell werden auch wir noch eine unruhige, vielleicht sogar schwere Phase durchleben. Vielleicht gibt es tatsächlich noch den einen oder anderen Rückschritt, das will ich gar nicht bezweifeln. Ich weiß auch noch nicht, von welchem Zeithorizont wir hier sprechen. Vom Buchdruck bis zur Französischen Revolution waren es 300 Jahre. So lange wird es nicht dauern, aber 20 bis 30 Jahre mit Sicherheit.</p>
<p>Am Ende aber, da bin ich mir sicher, steht die nächste Gesellschaft, die auf einem völlig neuen, wahnwitzig hohen Komplexitätsniveau organisiert sein wird. Und in dessen Komplexität man eine Freiheit verspüren kann, die heute noch nicht vorstellbar ist.</p>
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in+Wirklichkeit+sind+es+nur+die+sich+gegen+ihr+%C3%9Cberfl%C3%BCssigwerden+aufb%C3%A4umenden+Institutionen%2C+denen+fr%C3%BCher+oder+sp%C3%A4ter+von+der+Gesellschaft+ihre+Existenzlegitimationen+entzogen+wird.%0D%0A%0D%0AGewinnen+k%C3%B6nnen+sie+nicht.+Ich+wei%C3%9F%2C+dass+sich+die+Komplexit%C3%A4t+durchsetzen+wird%2C+weil+sie+es+immer+getan+hat.+Das+ist+oft+nicht+unblutig+geschehen+und+eventuell+werden+auch+wir+noch+eine+unruhige%2C+vielleicht+sogar+schwere+Phase+durchleben.+Vielleicht+gibt+es+tats%C3%A4chlich+noch+den+einen+oder+anderen+R%C3%BCckschritt%2C+das+will+ich+gar+nicht+bezweifeln.+Ich+wei%C3%9F+auch+noch+nicht%2C+von+welchem+Zeithorizont+wir+hier+sprechen.+Vom+Buchdruck+bis+zur+Franz%C3%B6sischen+Revolution+waren+es+300+Jahre.+So+lange+wird+es+nicht+dauern%2C+aber+20+bis+30+Jahre+mit+Sicherheit.%0D%0A%0D%0AAm+Ende+aber%2C+da+bin+ich+mir+sicher%2C+steht+die+n%C3%A4chste+Gesellschaft%2C+die+auf+einem+v%C3%B6llig+neuen%2C+wahnwitzig+hohen+Komplexit%C3%A4tsniveau+organisiert+sein+wird.+Und+in+dessen+Komplexit%C3%A4t+man+eine+Freiheit+versp%C3%BCren+kann%2C+die+heute+noch+nicht+vorstellbar+ist.&amp;tags=dirk+baecker%2Cextropie%2Ckelly%2Ckomplexit%C3%A4t%2Cn%C3%A4chste+gesellschaft%2Cblog" 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		<title>Plattformen</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Mar 2012 15:28:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Am Sonntag war ich auf einer Party und traf dort auf Christian Heller und leider kommt das nicht so oft vor, wie man denken könnte. Jedenfalls provozierte er mich mit der Bemerkung, dass die wirklich interessanten technologischen Neuerungen ja nicht im Mainstream passieren und er diesen also getrost ignorieren könne. Wirkliche Innovation, so Christian, passiere an den Rändern. Ich widersprach. Gerade im technologischen Mainstream werden neue Innovationen geboren. Wenn eine Technologie Mainstream wird, oder gar ubiquitär, dann kann und wird sie weiterer Innovation als Grundlage dienen. Als Plattform eben. Und dies ist eine gute Gelegenheit dem Plattformbegriff mal etwas zu Leibe zu rücken und ihn mit einigen Beispielen zu unterfüttern. Podcast Der Podcast wurde eigentlich schon 2000 erfunden. Die Technik, Audiodateien per Feed im Internet zu verteilen ist nun auch keine RocketScience. Aber erst als Apple seinen iPod herausbrachte, konnten sich die Dateien ein Publikum erschließen. Podcasts werden unterwegs konsumiert und Apple lieferte die Hardware dazu. Die weite Verbreitung der relativ homogenen Abspielgeräte war dann auch der Durchbruch für das, was man erst ab diesem Zeitpunkt ein &#8220;Medienformat&#8221; nennen konnte. Deswegen: &#8220;Podcast&#8220;. Es dauerte noch bis 2005 bis Apple selbst den Trend erkannte und eine eigene Podcast-Verwaltung in sein Musikprogramm &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag war ich auf einer Party und traf dort auf <a href="http://www.plomlompom.de/PlomWiki/">Christian Heller</a> und leider kommt das nicht so oft vor, wie man denken könnte. Jedenfalls provozierte er mich mit der Bemerkung, dass die wirklich interessanten technologischen Neuerungen ja nicht im Mainstream passieren und er diesen also getrost ignorieren könne. Wirkliche Innovation, so Christian, passiere an den Rändern. Ich widersprach.</p>
<p>Gerade im technologischen Mainstream werden neue Innovationen geboren. Wenn eine Technologie Mainstream wird, oder gar ubiquitär, dann kann und wird sie weiterer Innovation als Grundlage dienen. Als Plattform eben. Und dies ist eine gute Gelegenheit dem Plattformbegriff mal etwas zu Leibe zu rücken und ihn mit einigen Beispielen zu unterfüttern.</p>
<p><strong>Podcast</strong></p>
<p>Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Podcas">Podcast</a> wurde eigentlich schon 2000 erfunden. Die Technik, Audiodateien per Feed im Internet zu verteilen ist nun auch keine RocketScience. Aber erst als Apple seinen iPod herausbrachte, konnten sich die Dateien ein Publikum erschließen. Podcasts werden unterwegs konsumiert und Apple lieferte die Hardware dazu. Die weite Verbreitung der relativ homogenen Abspielgeräte war dann auch der Durchbruch für das, was man erst ab diesem Zeitpunkt ein &#8220;Medienformat&#8221; nennen konnte. Deswegen: &#8220;<em>Podcast</em>&#8220;. Es dauerte noch bis 2005 bis Apple selbst den Trend erkannte und eine eigene Podcast-Verwaltung in sein Musikprogramm iTunes integrierte. Seitdem boomt das Format, neuerdings nicht zu letzt auch durch die massenhafte Verbreitung von iOS-Geräten. Der Podcast hat die Welt verändert und hört nicht auf damit. Ohne das Mainstreamwerden der Basistechnologie des iPod wäre diese Entwicklung aber nicht denkbar gewesen.<br />
<span id="more-1154"></span><br />
<strong>WWW</strong></p>
<p>Ein viel prägnanterer Fall ist die Entwicklung des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Www">WWW</a>. Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web in genau <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_des_Internets">dem Zeitpunkt</a>, als das Internet zum Sprung in den Mainstream ansetzte. TCP/IP &#8211; das Netzwerkprotokoll des Internets &#8211; war lange Zeit nur Militärs und Universitäten vorbehalten. Es war vorher keinesfalls ausgemacht, dass das Internet die Netzwerktechnologie sein würde, die sich durchsetzen würde. Als Tim Berners-Lee das WWW konzipierte hatte TCP/IP sich aber gerade als dominantes Netzwerkprotokoll gegen die Konkurrenten durchgesetzt und wurde zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Berners-Lee wusste also, dass er sich in gewissen Maße auf einen Standard stützen konnte und entwickelte den ersten Webserver deswegen auf der Grundlage von TCP/IP. Dass mit seiner Entwicklung gleichzeitig der Sprung des Internets in die Konsumentenhaushalte gelang, war ein Zufall, der dem WWW erst den endgültigen Durchbruch verschaffte.<br />
Auch hier war also eine Basistechnologie entscheidend, die eine weit verbreitete, homogene Infrastruktur bot, um einer anderen Technologie den Weg zu bereiten.</p>
<p><strong>AJAX</strong></p>
<p>Nachdem das WWW sich ausgebreitet hatte und ein riesiger Erfolg wurde, gingen bald die so genannten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Browserkrieg">BrowserWars</a> los. Der Platzhirsch Netscape konnte am Ende nicht mehr mit der Marktpenetration (aber auch nicht mit der Qualität) des Internet Explorers aus dem Hause Microsoft mithalten. 2003 hatte der IE6 einen Marktanteil von sagenhaften 95%. Und alle hassten ihn. Microsoft hatte in seiner Arroganz einen mittelmäßigen Browser entwickelt und  dabei noch ignoriert, welche Features auf welche Weise standardmäßig zu implementieren sind. Man konnte seine Websites seither entweder Standardkonform bauen, oder so, dass der IE6 sie darstellen konnte. Angesichts des Marktanteils von Microsoft lag die Entscheidung der Webdesigner auf der Hand.</p>
<p>Eines der Features, das nie vom W3C vorgesehen war, aber im IE6 implementiert war, war ein JavaScript-Objekt namens XMLHttpRequest. Microsoft hatte diese Schnittstelle eingeführt, um Internetinhalte besser an den eigenen Exchange-Server zu binden. Dieses Objekt kann eigentlich nicht viel anderes, als einen HTTP Request abzusenden und eine Zeichenkette als Antwort erhalten. Doch der große Vorteil dieser Kommunikation ist, dass sie im Hintergrund abläuft.</p>
<p>Jemand kam nun auf die Idee, mit dieser Funktion HTML-Elemente, CSS-Eigenschaften oder weiteren Javascript Code bei Bedarf im Hintergrund nachzuladen und live in der bereits geladenen Website anzuwenden. Auf diese Weise konnte der Benutzer auf einmal mit einer Internetseite interagieren, ohne, dass diese sich andauernd neu laden muss. Websites wurden dadurch dem Look&#038;Feel von Programmen immer ähnlicher, was die Benutzbarkeit erheblich erhöhte. Die Technologie nannte man später <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ajax_(Programmierung)">AJAX</a> (Asynchronous JavaScript and XML) und es wurde zu einem der wichtigsten technologischen Treiber für das, was man später als &#8220;Web 2.0&#8243; bezeichnen sollte.</p>
<p>Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet die marktbeherrschende Stellung des Internet Explorer und die Arroganz von Microsoft war, die zur Entwicklung und Verbreitung einer der wichtigsten Innovationen im Web seit dessen Erfindung führten. </p>
<p><strong>Plattformen</strong></p>
<p>Es gibt natürlich noch viele andere Geschichten. Wie sich DSL gegen Glasfaser durchsetzte, weil es auf der bereits ubiquitären Verbreitung der Kupferkabeltechnologie aufbaute, zum Beispiel. Oder wie die breite Marktdurchdrinung von Facebook das neue Segment &#8220;<em>Social Gaming</em>&#8221; hervorbrachte. Ein anderes Beispiel ist, wie die iOS Plattform durch den AppStore ganz neue Geschäftsmodelle in Sachen Softwareentwickung entstehen ließ. Und man denke an die vielen hundert kleinen und großen Dienste, die auf der Twitter- oder Google Maps-API aufbauen. Eben nicht nur weil sie offen waren, sondern weil sie ein breites Publikum erreichten.</p>
<p>Wer sich für Technologie interessiert, darf nie den Blick vom Mainstream wenden. Vor ein paar Tagen kam das iPad3 raus und es werden jetzt schon keine <a href="http://www.imore.com/2012/03/11/ipad-preorders-officially-sold-response-charts/">Vorbestellungen</a> mehr angenommen. Das iPad hat nicht nur die PostPC-Ära eingeleutet, es ownt diese Ära fast ausschließlich. Sobald das iPad3 in den Händen der Konsumenten ist, wird das wieder eine Infrastrukturumwälzung in der Welt zur Folge haben. Es wird eine ubiquitäre Mainstreamplattform da sein, mit neuen Eigenschaften auf der wieder neue Ideen, neue soziale Praktiken, neue Medienformate und auch neue Technologien emergieren können. Egal, wie man zu Apple, iOS oder dem iPad steht: wer sich für den Fortgang von Technologie interessiert, kann sich für den iPad-Launch nicht nicht interessieren.</p>
<p>Das heißt nicht, dass eine Innovation nicht auch aus einer komplett unerwarteten Richtung kommen kann, dass Technologie nicht auch &#8220;from the Ground up&#8221; neu erfunden werden und dennoch Erfolg haben kann. Aber die meiste Technologie steht auf den Schultern von Giganten. Und je breiter die Schultern dieses Giganten sind, desto weltverändernder kann sich eine neue Technologie entwickeln und durchsetzen.</p>
<p><em>Plattformen müssen also hinreichend homogen und möglichst weit verbreitet sein. Erst dann kann sich auf ihnen eine disruptive technologische Wucht entfalten.<br />
</em></p>
<p>Bei Diskussionen um <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> wird dieser Faktor gerne unter den Tisch fallen gelassen. Warum nutze ich zum Beispiel Applegeräte, Twitter und Facebook statt Linux, Status.net und Diaspora &#8211; obwohl ich doch für Plattformneutralität eintrete? Ganz einfach: Die alternativen Dienste sind zwar eher neutral, aber mir eben oft nicht Plattform genug (wenig Verbreitung / starke Fragmentierung), um relevante technologische Neuerungen hervorzubringen. Und vor die Neutralität haben die Götter die Plattform gesetzt.</p>
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Asynchronous+JavaScript+and+XML%29+und+es+wurde+zu+einem+der+wichtigsten+technologischen+Treiber+f%C3%BCr+das%2C+was+man+sp%C3%A4ter+als+%22Web+2.0%22+bezeichnen+sollte.%0D%0A%0D%0AEs+ist+eine+Ironie+der+Geschichte%2C+dass+es+ausgerechnet+die+marktbeherrschende+Stellung+des+Internet+Explorer+und+die+Arroganz+von+Microsoft+war%2C+die+zur+Entwicklung+und+Verbreitung+einer+der+wichtigsten+Innovationen+im+Web+seit+dessen+Erfindung+f%C3%BChrten.+%0D%0A%0D%0APlattformen%0D%0A%0D%0AEs+gibt+nat%C3%BCrlich+noch+viele+andere+Geschichten.+Wie+sich+DSL+gegen+Glasfaser+durchsetzte%2C+weil+es+auf+der+bereits+ubiquit%C3%A4ren+Verbreitung+der+Kupferkabeltechnologie+aufbaute%2C+zum+Beispiel.+Oder+wie+die+breite+Marktdurchdrinung+von+Facebook+das+neue+Segment+%22Social+Gaming%22+hervorbrachte.+Ein+anderes+Beispiel+ist%2C+wie+die+iOS+Plattform+durch+den+AppStore+ganz+neue+Gesch%C3%A4ftsmodelle+in+Sachen+Softwareentwickung+entstehen+lie%C3%9F.+Und+man+denke+an+die+vielen+hundert+kleinen+und+gro%C3%9Fen+Dienste%2C+die+auf+der+Twitter-+oder+Google+Maps-API+aufbauen.+Eben+nicht+nur+weil+sie+offen+waren%2C+sondern+weil+sie+ein+breites+Publikum+erreichten.%0D%0A%0D%0AWer+sich+f%C3%BCr+Technologie+interessiert%2C+darf+nie+den+Blick+vom+Mainstream+wenden.+Vor+ein+paar+Tagen+kam+das+iPad3+raus+und+es+werden+jetzt+schon+keine+Vorbestellungen+mehr+angenommen.+Das+iPad+hat+nicht+nur+die+PostPC-%C3%84ra+eingeleutet%2C+es+ownt+diese+%C3%84ra+fast+ausschlie%C3%9Flich.+Sobald+das+iPad3+in+den+H%C3%A4nden+der+Konsumenten+ist%2C+wird+das+wieder+eine+Infrastrukturumw%C3%A4lzung+in+der+Welt+zur+Folge+haben.+Es+wird+eine+ubiquit%C3%A4re+Mainstreamplattform+da+sein%2C+mit+neuen+Eigenschaften+auf+der+wieder+neue+Ideen%2C+neue+soziale+Praktiken%2C+neue+Medienformate+und+auch+neue+Technologien+emergieren+k%C3%B6nnen.+Egal%2C+wie+man+zu+Apple%2C+iOS+oder+dem+iPad+steht%3A+wer+sich+f%C3%BCr+den+Fortgang+von+Technologie+interessiert%2C+kann+sich+f%C3%BCr+den+iPad-Launch+nicht+nicht+interessieren.%0D%0A%0D%0ADas+hei%C3%9Ft+nicht%2C+dass+eine+Innovation+nicht+auch+aus+einer+komplett+unerwarteten+Richtung+kommen+kann%2C+dass+Technologie+nicht+auch+%22from+the+Ground+up%22+neu+erfunden+werden+und+dennoch+Erfolg+haben+kann.+Aber+die+meiste+Technologie+steht+auf+den+Schultern+von+Giganten.+Und+je+breiter+die+Schultern+dieses+Giganten+sind%2C+desto+weltver%C3%A4ndernder+kann+sich+eine+neue+Technologie+entwickeln+und+durchsetzen.%0D%0A%0D%0APlattformen+m%C3%BCssen+also+hinreichend+homogen+und+m%C3%B6glichst+weit+verbreitet+sein.+Erst+dann+kann+sich+auf+ihnen+eine+disruptive+technologische+Wucht+entfalten.%0D%0A%0D%0A%0D%0ABei+Diskussionen+um+Plattformneutralit%C3%A4t+wird+dieser+Faktor+gerne+unter+den+Tisch+fallen+gelassen.+Warum+nutze+ich+zum+Beispiel+Appleger%C3%A4te%2C+Twitter+und+Facebook+statt+Linux%2C+Status.net+und+Diaspora+-+obwohl+ich+doch+f%C3%BCr+Plattformneutralit%C3%A4t+eintrete%3F+Ganz+einfach%3A+Die+alternativen+Dienste+sind+zwar+eher+neutral%2C+aber+mir+eben+oft+nicht+Plattform+genug+%28wenig+Verbreitung+%2F+starke+Fragmentierung%29%2C+um+relevante+technologische+Neuerungen+hervorzubringen.+Und+vor+die+Neutralit%C3%A4t+haben+die+G%C3%B6tter+die+Plattform+gesetzt.&amp;tags=ajax%2Capple%2Cberners-lee%2Cdsl%2Cfacebook%2Cinfrasturktur%2Cinternet%2Cipad%2Cipad3%2Cplattform%2Cplattformneutralit%C3%A4t%2Cpodcast%2Ctcp%2Fip%2Ctechnologie%2Cwww%2Cblog" 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		<title>Die echte Facebookfalle und wie wir wieder herauskommen</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Feb 2012 15:28:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Ich bin, der ich bin.&#8221; (Gott) &#8220;Ich lebe auf meinen eigenen Credit hin, […]&#8221; (Nietzsche) &#8220;Bezahlen sie doch mit Ihrem guten Namen.&#8221; (American Express) Wenn über Facebook geschimpft wird, dann meistens, weil Leute Angst um ihre Privatsphäre haben. Oder neuerdings, weil sie sich in einer selbsterschaffenen und von Facebook manipulierten Filterbubble gefangen wähnen. Selten aber wird Facebook für das kritisiert, weswegen es wirklich gefährlich ist: für das, was es gut macht. Facebook hat anscheinend einiges gut gemacht, denn über 800 Millionen Leute weltweit vertrauen sich dem Dienst an. Facebook ist so groß wie das ganze Internet in 2004 war und es wächst ständig weiter. Durch diese extreme Durchdringung aller Gesellschaften werden neue Kommunikationsformen möglich. Demonstrationen &#8211; nicht nur in arabischen Staaten, werden hier organisiert. Kampagnen von NGOs orientieren sich schon lange an Facebook als Plattform. In den USA ist es bereits Standard, sich in der Facebookgruppe des Mietshauses zu registrieren, wenn man eine Wohnung bezieht. Das alles hat viele Vorteile, erhöht die Kommunikation in Gemeinschaften und senkt die Transaktionskosten zum gemeinsamen Handeln. Das alles ist gut, kaum einer will darauf verzichten, doch Facebook macht sich dadurch unersetzlich. Facebook reicht nicht nur tief in die Offlinegemeinschaften herein, sondern breitet sich auch &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-echte-facebookfalle-und-wie-wir-wieder-herauskommen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Ich bin, der ich bin.&#8221; </em> (Gott)</span><br />
<span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Ich lebe auf meinen eigenen Credit hin, […]&#8221; </em> (Nietzsche)</span><br />
<span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Bezahlen sie doch mit Ihrem guten Namen.&#8221; </em> (American Express)</span></p>
<p>Wenn über Facebook geschimpft wird, dann meistens, weil Leute Angst um ihre Privatsphäre haben. Oder neuerdings, weil sie sich in einer selbsterschaffenen und von Facebook manipulierten Filterbubble gefangen wähnen. Selten aber wird Facebook für das kritisiert, weswegen es wirklich gefährlich ist: für das, was es gut macht.</p>
<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/02/fb_id_tbx_m1.jpeg"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/02/fb_id_tbx_m1.jpeg" alt="" title="fb_id_tbx_m" width="700" height="481" class="alignleft size-full wp-image-1120" /></a></p>
<p>Facebook hat anscheinend einiges gut gemacht, denn über 800 Millionen Leute weltweit vertrauen sich dem Dienst an. Facebook ist so groß <a href="http://www.techfieber.de/2011/10/11/facebook-heute-so-gross-wie-das-internet-2004/">wie das ganze Internet in 2004 war</a> und es wächst ständig weiter. Durch diese extreme Durchdringung aller Gesellschaften werden neue Kommunikationsformen möglich. Demonstrationen &#8211; nicht nur in arabischen Staaten, werden hier organisiert. Kampagnen von NGOs orientieren sich schon lange an Facebook als Plattform. In den USA ist es bereits Standard, sich in der Facebookgruppe des Mietshauses zu registrieren, wenn man eine Wohnung bezieht. Das alles hat viele Vorteile, erhöht die Kommunikation in Gemeinschaften und senkt die Transaktionskosten zum gemeinsamen Handeln. Das alles ist gut, kaum einer will darauf verzichten, doch Facebook macht sich dadurch unersetzlich.</p>
<p>Facebook reicht nicht nur tief in die Offlinegemeinschaften herein, sondern breitet sich auch innerhalb des Restinternets aus. Der Like-Button ist da nur der Anfang. Was immer mehr umsich greift, ist die Möglichkeit sich mit seinem Facebookprofil bei anderen Diensten anzumelden. Sei es, um in einem Blog zu kommentieren, oder einen Dienst mit Facebook zu verschränken. Manche Dienste wie Spotify lassen sogar nur noch die Registrierung per Facebook-Connect zu.<br />
<span id="more-1113"></span><br />
Facebook hat damit schon längst geschafft, was die Staaten &#8211; darunter auch Deutschland &#8211; gerade erst verzweifelt herzustellen versuchen: verbindliche Identifikation im Internet. Der ePersonalausweis, den der deutsche Staat seinen Bürgern anbietet, ist jedenfalls ein Ladenhüter. Und auch in anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Die staatlichen Online-Identifikationsservices finden kaum eine Durchsetzung. Auf der anderen Seite hält Facebook immer öfter auch in behördlichen und offiziellen Gefilden Einzug. Der australische Supreme Court <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Facebook#Reception">entschied bereits 2008</a>, dass Gerichtspost auch per Facebookmessage als offiziell zugestellt gilt.</p>
<p>Facebook ist der zentrale Identitätsprovider im Internet und das ist politisch brisant. Das Bereitsstellen von Identität war lange eine hoheitliche Aufgabe von zentraler Bedeutung. Doch warum sollte ausgerechnet der Staat für die Identität eines Nutzers bürgen, wenn das Internet von vornherein international funktioniert? Es muss eine internationale Struktur sein, die Identität im Internet providet. Facebook hat also schon gewonnen, die Frage ist nur: wie allumfassend? Welche Machtfülle ergäbe sich aus der Tatsache, dass Facebook zur allgemein anerkannten Infrastruktur zur Gewährleistung von Identitätsintegrität wird?</p>
<p><strong>Gewährte Identität</strong></p>
<p>Das <a href="http://fbbureau.com/">Kunstprojekt &#8220;FB Bureau&#8221;</a> spielt genau diese Variante durch. Wenn der Staat mit seiner Identitätspolitik im Internet scheitert, wird Facebook im Gegenzug vielleicht in der Kohlenstoffwelt auch seine Rolle einnehmen. Tobias Leingruber produziert Facebookausweise. Aus der Facebook-API lassen sich unter Eingabe der Account-URL alle nötigen Daten für einen Ausweis laden. Eine Laminiermaschine macht den Rest. Was passiert, wenn man das nächste mal einfach seinen Facebookausweis vorzeigt, wenn man gebeten wird, sich auszuweisen? Wer würde ihn vielleicht heute schon akzeptieren? Wie groß ist die Autorität von Facebook in der Offlinewelt?</p>
<p>Autorität ist der Schlüssel, denn es geht um Zeugenschaft. Zunächst war es die Kirche, die die Namen und Geburtsdaten ihrer Gemeindemitglieder verwaltete. Später übernahm der Staat diese Aufgabe und erst sehr spät übernahm er es für alle seine Bürger. Doch zunächst waren es nur die internen Listen, die gepflegt wurden. </p>
<p>Irgendwann gab es dann den Pass. Er ist das Dokument, das beglaubigt, dass der Staat mich in seinen Listen erfasst hat. Im Ausland bin ich eben nicht registriert, aber das Land, aus dem ich komme, gibt mir eine portable Beglaubigung, die an seine eigenen Register zurückverweist. Der Pass funktioniert wie Facebook-Connect. Ich akzeptiere den Zugriff auf mein Facebookprofil, wie einen Stempel in meinem Pass. Facebook verbürgt dafür die Integrität meiner Identität gegenüber dem Drittanbieter, so wie der deutsche Staat, wenn ich seine Grenzen überschreite. </p>
<p>Der Staat macht uns durch die Verwaltung unserer Identität in seinen Registern zu &#8220;Bürgern&#8221;. Was macht Facebook aus uns? Wird Facebook sein Identitätsregime führen wie einen Staat? Der drittgrößte Staat der Welt? Welche Rechte haben wir Facebook gegenüber, wenn wir uns über es ausweisen? Was passiert, wenn uns Facebook unsere Identität entzieht? Haben wir überhaupt ein Recht auf Identität? </p>
<p>Es mag sich gespenstisch anhören, dass eine private, kommerzielle Struktur wie Facebook so wichtige hoheitliche Aufgaben wahrnimmt. Fakt ist aber, dass wir Facebook freiwillig diese Aufgabe überantworten. Nicht, weil wir die Gefahren nicht sehen würden, sondern weil wir keine andere Wahl haben. Facebook ist die beste Infrastruktur für diese Aufgabe zur Zeit und die Aufgabe ist wichtig. Und so lange das der Fall ist, profitieren wir viel zu sehr davon, dass Facebook uns Registrierungsprozeduren abnimmt und Tools an die Hand gibt, mit denen wir unsere Identität managen können. Facebook entwickelt sich zu einem Standard und wie jeder Standard schafft er erstmal Erleichterung. Diese Erleichterung bezahlen wir allerdings mit dem Datenmonopol, das wir Facebook dafür zugestehen. Wir entkommen dem einen Paternalismus und tappen in die Falle des anderen. Vater Facebook ist nach Vater Staat der neue Ausdruck unserer eigenen identitären Unmündigkeit.</p>
<p><strong>Biometrie und Queryology</strong></p>
<p>In seinem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pbxaA6B8tfc">Vortrag &#8220;What is in a Name&#8221;</a> arbeitet Christoph Engemann die Geschichte des Identitätsproviding der letzten 500 Jahre ab. Neben vielen interessanten Details, ist mir vor allem das Aufkommen der &#8220;<em>Erkennungsdienstlichen Erfassung</em>&#8221; im Paris des 19. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben. Denn hier ereignet sich eine entscheidende Entwicklung, die bis heute noch nicht zu ihrem Ende gekommen ist: das Aufkommen biometrischer Verfahren.</p>
<p>Die Polizei vermisst und verdatet Leute zur erkennungsdienstlichen Erfassung. Körpergröße, Armlänge, Augenfarbe, etc. werden auf einer Karteikarte aufgeschrieben und im polizeilichen Register aufgehoben. Interessant ist hierbei nun aber das Konzept der Abfrage. Wie überprüft man, ob man jemanden schon in der Kartei vermerkt hat, ohne seinen Namen zu kennen? Das Geheimnis liegt in der Notation und Ordnung der Karteikarten. Körpergröße, Spannweite der Arme und Augenfarbe werden in einem Stück hintereinander Wegegeschrieben und ergeben zusammen eine unverwechselbare Zeichenkette. Nach dieser Zeichenkette werden die Karteikarten alphanummerisch sortiert. Wenn ein Subjekt also ein zweites Mal Erkennungdienstlich behandelt wird, misst man es aus, schreibt die Daten hintereinander weg und hat damit eine sehr konkrete Query, die man an das Register richten kann. Sofort hat man die richtige Karte in der Hand.</p>
<p>Fingerprinting &#8211; also das aggregieren von Informationskonfigurationen zu einem wiedererkennbaren Muster &#8211; verallgemeinert die Methode der Biometrie. Man kann schließlich alles mögliche fingerprinten: meinen Schreibstil, meine Sitzhaltung, meine Einkaufsgewohnheiten, meinen Musikgeschmack. Alle wiedererkennbaren Muster können einen Fingerprint ergeben, der sich in einer Masse an Daten wiederfinden lässt, wie die Karteikarte im Register der pariser Polizei.</p>
<p>Unter anderem kann man den Social Graph, also das Netzwerk an Kontakten fingerprinten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann man so zum Beispiel Facebook zu Twitteraccounts zuordnen, denn wer einer Konfiguration aus bestimmten Leuten auf Twitter followt, hat eine zumindest sehr ähnliche Konfiguration auch in seinem Social Graph bei Facebook.</p>
<p>Solcherlei Verknüpfungen schaffen oft unverhoffte Transparenz (&#8220;huch! Mein pseudonymer Twitteraccount ist enttarnt!&#8221;) und ich habe solche disruptiven Technologien nicht umsonst mit dem Label &#8220;<em><a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlust</a></em>&#8221; versehen. Doch hat man den Kontrollverlust erstmal für sich akzeptiert, kann man hier schön sehen, wie sich emanzipatorische Potentiale freilegen lassen.</p>
<p><strong>Fingerprinting und Emanzipation</strong></p>
<p>Biometrie wird gemeinhin als das Böse schlechthin betrachtet. Das liegt vor allem daran, dass die Verfahren der Erfassung und Verdatung immer in der Hand der machtvollen Institutionen &#8211; vor allem dem Staat &#8211; lagerten. Eine solche Sichtweise verdeckt aber die Tatsache, dass sich in der Biometrie &#8211; wie überhaupt in den Methoden des Fingerprinting &#8211; auch eine Menge emanzipatives Potential verbirgt. Fingerprinting braucht keine monopolistische Zwischeninstanz, die Identität beglaubigt. Stattdessen ist es der eigene Körper, der eigene Social Graph, das eigene Sosein, das sich selbst verbürgt und ausweist.</p>
<p>Und genau hier liegt das Potential zur Durchbrechung des Identitätsmonopols von Facebook. Biometrische oder soizale Fingerprints werden es in Zukunft schaffen, uns <em>plattformübergreifend</em> zu identifizieren. Durch Biometrie und andere Fingerprinting-Methoden wird Identität &#8211; online wie offline &#8211; portierbar und emanzipiert sich von den Registern, egal ob denen in den Behörden oder der kalifornischen Datenbanken. </p>
<p>Das ist der Ausweg. Die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Queryology</a> macht mich frei von den Institutionen. Die frei verfügbaren Daten über mich machen mich unabhängig von den Beglaubigungen Dritter. Ich bin ich, im Spiegel deiner Query. Je komplexer und umfangreicher die Daten sind, die über mich im Umlauf sind, desto höher die Integrität meiner Identität. Der Staat ist dann nur noch was für Datensparsame.</p>
<p><em>(Das Kunstprojekt <a href="http://fbbureau.com/">FB Bureau</a> ist am Freitag, den 2. März 19:00 Uhr im Supermarkt Berlin (Brunnenstraße) zu sehen. Ja, das ist Werbung, ich kenne den Künstler.)</em></p>
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ble+Beglaubigung%2C+die+an+seine+eigenen+Register+zur%C3%BCckverweist.+Der+Pass+funktioniert+wie+Facebook-Connect.+Ich+akzeptiere+den+Zugriff+auf+mein+Facebookprofil%2C+wie+einen+Stempel+in+meinem+Pass.+Facebook+verb%C3%BCrgt+daf%C3%BCr+die+Integrit%C3%A4t+meiner+Identit%C3%A4t+gegen%C3%BCber+dem+Drittanbieter%2C+so+wie+der+deutsche+Staat%2C+wenn+ich+seine+Grenzen+%C3%BCberschreite.+%0D%0A%0D%0ADer+Staat+macht+uns+durch+die+Verwaltung+unserer+Identit%C3%A4t+in+seinen+Registern+zu+%22B%C3%BCrgern%22.+Was+macht+Facebook+aus+uns%3F+Wird+Facebook+sein+Identit%C3%A4tsregime+f%C3%BChren+wie+einen+Staat%3F+Der+drittgr%C3%B6%C3%9Fte+Staat+der+Welt%3F+Welche+Rechte+haben+wir+Facebook+gegen%C3%BCber%2C+wenn+wir+uns+%C3%BCber+es+ausweisen%3F+Was+passiert%2C+wenn+uns+Facebook+unsere+Identit%C3%A4t+entzieht%3F+Haben+wir+%C3%BCberhaupt+ein+Recht+auf+Identit%C3%A4t%3F+%0D%0A%0D%0AEs+mag+sich+gespenstisch+anh%C3%B6ren%2C+dass+eine+private%2C+kommerzielle+Struktur+wie+Facebook+so+wichtige+hoheitliche+Aufgaben+wahrnimmt.+Fakt+ist+aber%2C+dass+wir+Facebook+freiwillig+diese+Aufgabe+%C3%BCberantworten.+Nicht%2C+weil+wir+die+Gefahren+nicht+sehen+w%C3%BCrden%2C+sondern+weil+wir+keine+andere+Wahl+haben.+Facebook+ist+die+beste+Infrastruktur+f%C3%BCr+diese+Aufgabe+zur+Zeit+und+die+Aufgabe+ist+wichtig.+Und+so+lange+das+der+Fall+ist%2C+profitieren+wir+viel+zu+sehr+davon%2C+dass+Facebook+uns+Registrierungsprozeduren+abnimmt+und+Tools+an+die+Hand+gibt%2C+mit+denen+wir+unsere+Identit%C3%A4t+managen+k%C3%B6nnen.+Facebook+entwickelt+sich+zu+einem+Standard+und+wie+jeder+Standard+schafft+er+erstmal+Erleichterung.+Diese+Erleichterung+bezahlen+wir+allerdings+mit+dem+Datenmonopol%2C+das+wir+Facebook+daf%C3%BCr+zugestehen.+Wir+entkommen+dem+einen+Paternalismus+und+tappen+in+die+Falle+des+anderen.+Vater+Facebook+ist+nach+Vater+Staat+der+neue+Ausdruck+unserer+eigenen+identit%C3%A4ren+Unm%C3%BCndigkeit.%0D%0A%0D%0ABiometrie+und+Queryology%0D%0A%0D%0AIn+seinem+Vortrag+%22What+is+in+a+Name%22+arbeitet+Christoph+Engemann+die+Geschichte+des+Identit%C3%A4tsproviding+der+letzten+500+Jahre+ab.+Neben+vielen+interessanten+Details%2C+ist+mir+vor+allem+das+Aufkommen+der+%22Erkennungsdienstlichen+Erfassung%22+im+Paris+des+19.+Jahrhunderts+in+Erinnerung+geblieben.+Denn+hier+ereignet+sich+eine+entscheidende+Entwicklung%2C+die+bis+heute+noch+nicht+zu+ihrem+Ende+gekommen+ist%3A+das+Aufkommen+biometrischer+Verfahren.%0D%0A%0D%0ADie+Polizei+vermisst+und+verdatet+Leute+zur+erkennungsdienstlichen+Erfassung.+K%C3%B6rpergr%C3%B6%C3%9Fe%2C+Arml%C3%A4nge%2C+Augenfarbe%2C+etc.+werden+auf+einer+Karteikarte+aufgeschrieben+und+im+polizeilichen+Register+aufgehoben.+Interessant+ist+hierbei+nun+aber+das+Konzept+der+Abfrage.+Wie+%C3%BCberpr%C3%BCft+man%2C+ob+man+jemanden+schon+in+der+Kartei+vermerkt+hat%2C+ohne+seinen+Namen+zu+kennen%3F+Das+Geheimnis+liegt+in+der+Notation+und+Ordnung+der+Karteikarten.+K%C3%B6rpergr%C3%B6%C3%9Fe%2C+Spannweite+der+Arme+und+Augenfarbe+werden+in+einem+St%C3%BCck+hintereinander+Wegegeschrieben+und+ergeben+zusammen+eine+unverwechselbare+Zeichenkette.+Nach+dieser+Zeichenkette+werden+die+Karteikarten+alphanummerisch+sortiert.+Wenn+ein+Subjekt+also+ein+zweites+Mal+Erkennungdienstlich+behandelt+wird%2C+misst+man+es+aus%2C+schreibt+die+Daten+hintereinander+weg+und+hat+damit+eine+sehr+konkrete+Query%2C+die+man+an+das+Register+richten+kann.+Sofort+hat+man+die+richtige+Karte+in+der+Hand.%0D%0A%0D%0AFingerprinting+-+also+das+aggregieren+von+Informationskonfigurationen+zu+einem+wiedererkennbaren+Muster+-+verallgemeinert+die+Methode+der+Biometrie.+Man+kann+schlie%C3%9Flich+alles+m%C3%B6gliche+fingerprinten%3A+meinen+Schreibstil%2C+meine+Sitzhaltung%2C+meine+Einkaufsgewohnheiten%2C+meinen+Musikgeschmack.+Alle+wiedererkennbaren+Muster+k%C3%B6nnen+einen+Fingerprint+ergeben%2C+der+sich+in+einer+Masse+an+Daten+wiederfinden+l%C3%A4sst%2C+wie+die+Karteikarte+im+Register+der+pariser+Polizei.%0D%0A%0D%0AUnter+anderem+kann+man+den+Social+Graph%2C+also+das+Netzwerk+an+Kontakten+fingerprinten.+Mit+einiger+Wahrscheinlichkeit+kann+man+so+zum+Beispiel+Facebook+zu+Twitteraccounts+zuordnen%2C+denn+wer+einer+Konfiguration+aus+bestimmten+Leuten+auf+Twitter+followt%2C+hat+eine+zumindest+sehr+%C3%A4hnliche+Konfiguration+auch+in+seinem+Social+Graph+bei+Facebook.%0D%0A%0D%0ASolcherlei+Verkn%C3%BCpfungen+schaffen+oft+unverhoffte+Transparenz+%28%22huch%21+Mein+pseudonymer+Twitteraccount+ist+enttarnt%21%22%29+und+ich+habe+solche+disruptiven+Technologien+nicht+umsonst+mit+dem+Label+%22Kontrollverlust%22+versehen.+Doch+hat+man+den+Kontrollverlust+erstmal+f%C3%BCr+sich+akzeptiert%2C+kann+man+hier+sch%C3%B6n+sehen%2C+wie+sich+emanzipatorische+Potentiale+freilegen+lassen.%0D%0A%0D%0AFingerprinting+und+Emanzipation%0D%0A%0D%0ABiometrie+wird+gemeinhin+als+das+B%C3%B6se+schlechthin+betrachtet.+Das+liegt+vor+allem+daran%2C+dass+die+Verfahren+der+Erfassung+und+Verdatung+immer+in+der+Hand+der+machtvollen+Institutionen+-+vor+allem+dem+Staat+-+lagerten.+Eine+solche+Sichtweise+verdeckt+aber+die+Tatsach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		<title>Happy Kontrollverlust! Happy DataloveDay!</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 08:16:56 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag war der zweite Geburtstag dieses Blogs und heute ist <a href="https://twitter.com/#!/dataloveday">DataloveDay</a>! </p>
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		<title>FES: Das Partizipations-Transparenz-Dilemma</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 10:13:04 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/***** Dieser Text ist im Rahmen des Arbeitsbereichs BerlinPolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen und ist eine Art Ergänzung zu dem Podium auf dem ich Gast sein durfte. Eine schön gesetzte PDF-Version zum Ausdrucken findet man hier. ******/ Neulich kam ich aus einem Restaurant. Ich hatte mit einem guten Freund gespeist und wir wollten noch weiter in eine Bar. Als ich zur Straße ging um ein Taxi zu rufen, hielt mich mein Freund zurück. Er zückte stattdessen sein Smartphone und startete dort ein Programm: eine Taxi-App. Nach anderthalb Minuten stand das Taxi vor uns. Das Internet funktioniert Ende zu Ende. Es verbindet jede Person mit jeder Person, direkt, ganz ohne Vermittler. Eine Taxizentrale braucht es nicht mehr, wenn man eine App hat. Die Positionsdaten des Smartphones werden zusammen mit den restlichen Daten den Taxis in der Nähe angezeigt und können sofort bedient werden. Für meine Generation sind Politiker, Parlamente und Parteien sowas wie Taxizentralen. Es gibt sie noch und sie dominieren ohne Frage das politische Tagesgeschehen. Aber das, wozu sie da sind, lässt sich in absehbarer Zeit besser, effektiver und vor allem direkter erledigen. Politik ist die Beantwortung der Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Viele politische Institutionen gibt es nur &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/das-partizipations-transparenz-dilemma/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*****<br />
<em>Dieser Text ist im Rahmen des Arbeitsbereichs BerlinPolitik der <a href="http://fes.de">Friedrich-Ebert-Stiftung</a> erschienen und ist eine Art Ergänzung zu dem <a href="http://mspr0.de/?p=2656">Podium auf dem ich Gast sein durfte</a>. Eine schön gesetzte PDF-Version zum Ausdrucken findet man <a href="http://www.fes-forumberlin.de/pdf_2012/berlinpositionen_05.pdf">hier</a>.</em><br />
******/</p>
<p>Neulich kam ich aus einem Restaurant. Ich hatte mit einem guten Freund gespeist und wir wollten noch weiter in eine Bar. Als ich zur Straße ging um ein Taxi zu rufen, hielt mich mein Freund zurück. Er zückte stattdessen sein Smartphone und startete dort ein Programm: eine Taxi-App. Nach anderthalb Minuten stand das Taxi vor uns.</p>
<p>Das Internet funktioniert Ende zu Ende. Es verbindet jede Person mit jeder Person, direkt, ganz ohne Vermittler. Eine Taxizentrale braucht es nicht mehr, wenn man eine App hat. Die Positionsdaten des Smartphones werden zusammen mit den restlichen Daten den Taxis in der Nähe angezeigt und können sofort bedient werden.<br />
<span id="more-1082"></span><br />
Für meine Generation sind Politiker, Parlamente und Parteien sowas wie Taxizentralen. Es gibt sie noch und sie dominieren ohne Frage das politische Tagesgeschehen. Aber das, wozu sie da sind, lässt sich in absehbarer Zeit besser, effektiver und vor allem direkter erledigen. Politik ist die Beantwortung der Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Viele politische Institutionen gibt es nur deswegen, weil wir diese komplexe Aufgabe bislang nicht besser abbilden konnten. Die Möglichkeiten der Vermittlung und Einbeziehung des Volkes in den demokratischen Prozess ist begrenzt durch die Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Medien. Im Internet macht man aber jetzt schon an vielen Stellen eine andere Erfahrung, was an Partitizipation und direkter Einflussnahme möglich ist. Zwar ist der Diskurs nicht die einzige Aufgabe der Politik, aber gerade er macht das speziell demokratische aus und ausgerechnet er bleibt derzeit unter seinen Möglichkeiten. Ich glaube, dass die Proteste von Stuttgart, Madrid bis OccupyWallStreet auch viel mit diesem Bewusstsein zu tun haben. Die Forderungen nach mehr Demokratie sind auch ein Mißtrauensvotum gegen die politischen Institutionen, den Taxizentralen der Politik.</p>
<p>Deswegen muss man den Piraten dankbar sein. Denn neben all dem frischen Wind, den sie in die Politik tragen, stellen sie sich vor allem als Atomwaffentestgelände der Demokratieforschung zur Verfügung. Liquid Democracy &#8211; eine Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie &#8211; wird von ihnen als das vielversprechendste Experiment der Demokratie von morgen vorangetrieben. Dabei kann jeder selbst abstimmen, wie bei der direkten Demokratie, kann aber auch einen Vertreter bestellen, wie in der repräsentativen Demokratie. Der Vertreter kann aber jeder andere Stimmberechtigte sein und diesem kann man die Stimme auch jederzeit wieder entziehen. Stimmen kann man für Themenschwerpunkte oder nur für bestimmte Wahlen delegieren, oder global. Und alles bleibt dabei ganz flüssig, liquide.</p>
<p>Es ist in der tat ein vielversprechender Ansatz, der dort versucht wird, aber er ist auch umstritten. Seit das System für die Bundespartei vor über einem Jahr eingeführt wurde, schwelt ein Streit, der die Piraten zeitweise zu zerreißen drohte und noch lange nicht ausgetragen ist. Denn das Experiment hat etwas zu Tage gefördert, das man vielleicht mit einer Naturkonstante gleichsetzen könnte. Man würde es dann das &#8220;<em>Partizipations-Transparenz-Dilemma</em>&#8221; nennen.</p>
<p>Was war passiert? In der Piratenpartei, die sich seit ihrer Gründung auch als Datenschutzpartei sieht, konnten es viele nicht hinnehmen, dass ihr Abstimmungsverhalten öffentlich protokolliert und auf Jahre abrufbar sein würde. Das aber geht nicht anders, denn &#8211; wie der Chaos Computer Club bereits 2008 so eindrucksvoll bewies &#8211; können Wahlen am Computer nicht beides gleichzeitig sein: nachvollziehbar und geheim. Um Manipulation auszuschließen müssen Wahlen am Computer öffentlich nachvollziehbar verlaufen. </p>
<p>Liquid Democracy hat gezeigt, dass die Piratenpartei seit ihrer Entstehung eine logische Inkonsitenz mit sich schleppt. Ihre drei wichtigsten Grundwerte: politische Transparenz, politische Partizipation und Datenschutz wollen sich in dieser Trias nicht zusammenfügen. Man kann zwar politische Transparenz und Datenschutz durchaus zusammendenken. Die Vorraussetzung dafür aber ist, dass es eine klare Grenze zwischen &#8220;Politiker&#8221; und &#8220;Bürger&#8221; gibt. Während wir vom Politiker erwarten können, dass er seine Handlungen transparent macht, weil er sich qua Amt und Macht für die zweite Kategorie, dem &#8220;Bürger&#8221; verantwortlich zeichnet, können wir im Gegenteil dem Bürger die Undurchsichtigkeit seiner Handlung zugestehen, weil sein Wirken und seine Macht begrenzt sind. </p>
<p>Das Modell gerät aber in ein Dilemma, wenn man beginnt, diese Grenze zwischen Politiker und Bürger mit partizipativen Elementen zu verwischen. Liquid Democracy ist angetreten, genau das zu tun. In der Welt von Liquid Democracy ist jeder zumindest potentiell verantwortlich, weil jeder Delegationen auf sich versammeln kann. In diesem System macht es schlicht keinen Sinn mehr, zwischen Politiker und Bürger zu unterscheiden &#8211; und genau das ist auch gewollt. In einer idealen partizipativen Demokratie gibt es schlicht keine Politiker mehr.</p>
<p>Wenn durch diese Verwischung aber das Diktum nicht mehr gilt, dass Politiker möglichst transparent, der Bürger möglichst datengeschützt sein soll, dann kommen wir immer öfter in die Verlegenheit zu entscheiden: was hat hier Vorrang, der Anspruch an Transparenz oder der Schutz der Privatsphäre? Die Piratenpartei steift diese Grenze ständig. Wer darf wen anstellen, wer treibt mit wem Geschäfte, wer kennt wen wie gut? Man merkt bald, dass man Politik nicht wirklich versteht, wenn man die sozialen &#8211; das heißt auch privaten Animositäten und Sympathien &#8211; versteht. Vor allem Liquid Feedback bildet durch die Delegationsverbindungen auch soziale und damit private Netzwerke ab. Liquid Democracy ist das Ende der Trennung von Privatheit und Politik. Viele Piraten haben deswegen Angst, dass ihr Netzwerk offenbar und ihr Stimmverhalten transparent wird und dass das dann gegen sie verwendet werden kann &#8211; egal ob Parteiintern oder vom Arbeitgeber. Sie haben Angst, dass eine längst vergangene Abstimmung, sie wieder einholt, obwohl sich ihre Meinung zu dem Thema längst geändert hat. Es gibt viele Versuche das Problem technisch etwas zu entschärfen, aber das Grundproblem bleibt: Abstimmungen über den Computer müssen nachvollziehbar bleiben, oder sie sind Manipulation anheimgegeben. Was aber nachvollzogen werden kann, ist auch auswertbar.</p>
<p>Wenn ich meinen Namen und meinen Standort der Taxizentrale weitergebe, dann wird sie nur an das eine Taxi weitergeleitet, das mich dann abholt. Die Taxi-App funktioniert aber nur deswegen, weil meine Daten an alle Taxis in der Nähe rausgehen und sich der betreffende Taxifahrer statt der Zentrale entscheidet, ob er mich bedient.</p>
<p>Transparenz ist der Preis dafür, wenn man Prozesse dezentral und partizipativ organisiert. Das Internet vermag uns alle miteinander nach unseren Wünschen, Situationen, Wertemodellen und Interessen zu verbinden. Es kann dies aber nur, wenn wir ihm diese Präferenzen als Daten dazu bereitstellen.</p>
<p>Und so geht es der ganzen Gesellschaft wie die Piratenpartei. Sie erahnt und nutzt die großartigen Potentiale zur freieren und selbstbestimmteren Selbstorganisation aber gerät immer wieder an den Punkt der unheimlichen Selbstoffenbarung. Wir wollen Wohnungen mieten ohne Makler, wir wollen Taxis ohne Zentrale, wir wollen Bücher schreiben ohne Verleger, wir wollen uns organisieren ohne Verein. Das alles ist heute durch das Internet möglich, aber nur wenn wir sagen, wer wir sind und was wir wollen. Nur dann haben die anderen die Chance uns zu finden. Unser Hadern mit unserer neuen Transparenz und die Auflösung der Privatsphäre wird gewöhnlich getrennt betrachtet von den Möglichkeiten der direkten Interaktion oder den emanzipativen Eruptionen wie dem arabischen Frühling oder OccupyWallStreet. Und doch es sind zwei Seiten der selben Medaille.</p>
<p>Wer partizipiert wird transparent und nur wer transparent ist, kann partizipieren. Das Partizipations-Transparenz-Dilemma gilt für alle Fragen einer Politik der Zukunft. Wir können in Frage stellen, ob es das ist, was wir wollen. Wir können aber nicht zum einen &#8220;Ja&#8221; und zum anderen &#8220;Nein&#8221; sagen.</p>
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		<title>Vortrag: Kontrolle und Kontrollverlust</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Jan 2012 13:40:05 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/***** Am 8. Dezember 2011 hielt ich den Eröffnungsvortrag auf der Konferenz „Neuste Medien unter Kontrolle?“ in Freiburg. Ich nutzte die Gelegenheit, etwas tiefer &#8211; das heißt philosophischer &#8211; in das Problem der Kontrolle und des Kontrollverlusts einzusteigen. *****/ Meine lieben Damen und Herren, liebe Veranstalter. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung und für die Ehre, diese Konferenz eröffnen zu dürfen. „Neuste Medien unter Kontrolle?“ ist das Thema dieser Tagung. Und natürlich ist das zweite, was einem unter diesen beiden Termen einfällt: Deleuze &#8211; gleich nach dem Jugendschutzmedienstaatsvertrag. In seinem &#8220;Postscriptum zur Kontrollgesellschaft&#8221; malt Deleuze schon 1990 aus, wie sich unsere Gesellschaft von der Disziplinargesellschaft hin zur Kontrollgesellschaft entwickelt. Zentrales Instrument und Katalysator &#8211; man ist versucht zu sagen: Medium &#8211; dieser Umwandlung ist der Computer. Kontrollgesellschaft &#8211; verkürzt: die Verwechslung des Gefängnisses mit der elektronischen Fußfessel &#8211; wäre somit eine Gesellschaft mit beschränktem Zugang. Automatische Schranken überall. Jeder Schritt wird kontrolliert, jede Handlung reglementiert. Deleuzes Vorhersage ist über 20 Jahre her und ich bin froh, dass es seither einige Tendenzen gibt, die ihr zu widersprechen scheinen. Wenn wir uns anschauen, wie die Computer, wie das Internet &#8211; vor allem die letzten zwei Jahre gewirkt haben &#8211; dann kann man &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/kontrolle-und-kontrollverlust/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*****<br />
<em>Am 8. Dezember 2011 hielt ich den Eröffnungsvortrag auf der Konferenz „<a href="http://www.nmuk2011.de/">Neuste Medien unter Kontrolle?</a>“ in Freiburg. Ich nutzte die Gelegenheit, etwas tiefer &#8211; das heißt philosophischer &#8211; in das Problem der Kontrolle und des Kontrollverlusts einzusteigen.</em><br />
*****/</p>
<p>Meine lieben Damen und Herren, liebe Veranstalter. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung und für die Ehre, diese Konferenz eröffnen zu dürfen. „<em>Neuste Medien unter Kontrolle?</em>“ ist das Thema dieser Tagung. Und natürlich ist das zweite, was einem unter diesen beiden Termen einfällt: Deleuze &#8211; gleich nach dem Jugendschutzmedienstaatsvertrag.</p>
<p>In seinem &#8220;<em>Postscriptum zur Kontrollgesellschaft</em>&#8221; malt Deleuze schon 1990 aus, wie sich unsere Gesellschaft von der Disziplinargesellschaft hin zur Kontrollgesellschaft entwickelt. Zentrales Instrument und Katalysator &#8211; man ist versucht zu sagen: Medium &#8211; dieser Umwandlung ist der Computer.</p>
<p>Kontrollgesellschaft &#8211; verkürzt: die Verwechslung des Gefängnisses mit der elektronischen Fußfessel &#8211; wäre somit eine Gesellschaft mit beschränktem Zugang. Automatische Schranken überall. Jeder Schritt wird kontrolliert, jede Handlung reglementiert.<br />
<span id="more-1073"></span><br />
Deleuzes Vorhersage ist über 20 Jahre her und ich bin froh, dass es seither einige Tendenzen gibt, die ihr zu widersprechen scheinen. Wenn wir uns anschauen, wie die Computer, wie das Internet &#8211; vor allem die letzten zwei Jahre gewirkt haben &#8211; dann kann man nicht umhin, das Gegenteil einer kontrollierten Gesellschaft festzustellen. An allen Ecken und Enden führt das Internet zu unvorhergesehenen &#8211; ich würde sogar behaupten &#8211; unvorhersehbaren &#8211; Effekten. Mit kollaborativer Online-Zusammenarbeit wurde die Doktorarbeit eines Bundesminsiters bis ins kleinste Detail analysiert und als Plagiat entlarvt. In einer so unfassbaren Geschwindigkeit, dass der Minister nicht mehr so schnell hinterherlügen konnte, wie neue Erkenntnisse auftauchten. Wikileaks hat wie ein Wirbelwind die Weltgeschichte verändert, indem es geheime Daten über Nationen und Konzerne öffentlich zur Verfügung stellte. Allen voran die USA standen mehrmals ohne Hosen da &#8211; unfähig sich gegen ein paar Hacker zur Wehr zu setzten. Auf der ganzen Welt brachen Revolutionen, Proteste und Ausschreitungen aus, die sich in ihrem Kern spontan und im mithilfe des Internets zusammenfanden. Das politische Antlitz der Welt hat sich auf einen Schlag auf immer verändert. Hackergruppen wie LulzSec und Anonymous brachten Großkonzerne, Bundespolizisten und Regierungsorganisationen in Verlegenheit und Milliarden private Daten in Umlauf. Ich habe vor etwa anderthalb Jahren angefangen diese Art von Phänomen unter dem Begriff &#8220;<em>Kontrollverlust</em>&#8221; zu sammeln und zu untersuchen. Ein Begriff, der seither eine gewisse Karriere gemacht hat, was sicher dazu geführt hat, dass ich hier nun die Ehre habe, zu Ihnen zu sprechen.</p>
<p>Warum Kontrollverlust? Was bedeutet das? Ich habe dafür erst vor kurzem eine &#8211; ich gestehe, nicht sehr elegante &#8211; Definition ersonnen.</p>
<blockquote><p>“Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.” (Seemann 2011)</p></blockquote>
<p>Ich halte diese Definition nach wie vor nicht für falsch, aber ich bin bis heute nie richtig glücklich damit geworden. Ich werde deswegen hier mit Ihnen versuchen, den Begriff etwas tiefer und theoretischer &#8211; und somit auch etwas genauer zu fassen.</p>
<p>Kommen wir zunächst zurück zum Begriff der Kontrolle. Etymologisch stammt der Begriff aus dem französischen „contrôle“, in älterer Schreibweise „contrerolle“ — zu frz. „<em>contre</em>“ → „<em>gegen</em>“ und „<em>rôle</em>“ → „<em>Rolle, Register, Liste</em>“ —- Die „<em>Contre Role</em>“ bezeichnet nämlich ursprünglich ein „<em>Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters</em>“.</p>
<p>Die erste Überraschung: Kontrolle ist ein Register, es ist ein Archiv. Es bewahrt Informationen auf, um zu Vergleichszwecken herangezogen zu werden. Es ist somit zweierlei: Es ist externalisiertes Gedächtnis und es ist externalisiertes Vertrauen. Es markiert den Erwartungswert, an dem sich eine Entität in Zukunft messen lassen muss.</p>
<p>Etwas polemisch verkürzt könnte man sagen: Kontrolle ist der Versuch, mithilfe eines Archivs, die Zukunft durch die Erwartungswerte der Vergangenheit zu ersetzen.</p>
<p>Es wird in etwa diese Überlegung gewesen sein, die Deleuze zu seiner Idee der Kontrollgesellschaft bewegte. Die Kontrollgesellschaft wäre also eine Gesellschaft der Vorhersagbarkeit, eine Gesellschaft ohne Zukunft – das heißt ohne Ereignis.</p>
<p>Wenn die Kontrolle der Zukunft durch die Vergangenheit über die Möglichkeiten des Archivs verläuft, haben wir es tatsächlich seit dem Computer mit einer gigantischen Machtverschiebung zu tun. Nur als Orientierung: Als Deleuze seinen Text über die Kontrollgesellschaft schrieb, kostete ein Gigabyte Festspeicher noch 10,000 Dollar. Heute kostet die selbe Speichermenge weniger als 3 Cent. Der Computer als Archivmaschine ist sicher die mächtigste &#8220;Role&#8221; in „Contre Role“, die wir Menschen je hatten.</p>
<p>Warum aber stellt sich die Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft dann nicht ein? Sicher, durch die fallenden Preise hat sich ein Demokratisierungseffekt ergeben, der die Kontrollkraft des Archivs egalitär ausbreitet. Das ist sicher ein Teil der Erklärung, aber der Kontrollverlust ist nur zum geringen Teil ein Effekt der Gegenkontrolle. Mich interessiert hier in erster Linie der Kontrollverlust des Archivs durch das Archiv. Wie funktioniert die Kontrolle des Archivs? Worauf basiert seine Funktionsweise und seine Macht und was durchbricht sie?</p>
<p>Es liegt natürlich nahe, sich zuerst an den Lehrer von Deleuze &#8211; Foucault &#8211; zu wenden, der als erster einen philosophischen Begriff des Archivs ausarbeitete. Natürlich ist hier Vorsicht geboten, denn Foucault bestimmt seinen Begriff des Archivs durchaus sehr verschieden von dem Alltagsbegriff.</p>
<p>Das Buch &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8221; ist der Versuch Foucaults, seine Forschung methodisch und theoretisch zu fundieren. Er hatte bereits einige bahnbrechende Werke vorgelegt, in denen er beispielsweise das Gefängnis, die Psychatrie, das Krankenhaus und die Humanwissenschaften in ihrem Wandel untersuchte. Nun versucht er diesen Wandel zu formalisieren und führt dabei an zentraler Stelle seinen Archivberiff ein. Das Archiv ist nach Foucault die Regelhaftigkeit der Formation und Transformation der Diskurse. Damit ist schon mal klar, dass das Archiv kein Ort oder Raum ist, auch kein materieller Träger von Eindrücken oder Daten, sondern ein System. Es ist das System der Aussagbarkeit, das innerhalb eines Diskurses zu einer bestimmten Zeit herrscht.</p>
<p>Foucault hatte verschiedentlich gezeigt, dass Diskurse zu unterschiedlichen Zeiten nicht nur inhaltlich variierten, sondern dass bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit bestimmte Aussagen überhaupt möglich waren. Und dieses System der Möglichkeit und Unmöglichkeit &#8211; der Möglichkeitsraum von Aussagen &#8211; ist das, was er „<em>Archiv</em>“ nennt.</p>
<p>Für uns ist das gleich mehrfach interessant.<br />
1) Obwohl sich Foucault eigentlich dagegen verwahrt, dass sein Begriff des Archivs eine dingliche Entsprechung hat, so ist doch seine Funktion der Kontrolle analog zu unserer vorherigen Umschreibung: Es geht um die Regulierung der Möglichkeit von Aussagen und damit die Regulierung von Zukunft.<br />
2) Die Zeitlichkeit des Archivs. Denn das Archiv ist ein je temporäres. Es hat einen Beginn und ein Ende. Der Diskurs wandelt sich abrupt und auf einmal ist das ganze System ein anderes. Es werden ganz andere Aussagen, nach ganz anderen Regeln geformt. Diese Brüche sind es, die beobachtbar sind. Sie sind es aber nur, so Foucault, sofern sie für den Beobachter bereits lang genug zurückliegen. Für das Archiv des eigenen Diskurs ist man blind.</p>
<blockquote><p>„Die Beschreibung des Archivs entfaltet ihre Möglichkeit [...] ausgehend von den Diskursen, die gerade aufgehört haben, die unsrigen zu sein; ihre Existenzschwelle wird von dem Schnitt gesetzt, der uns von dem trennt, was wir nicht mehr sagen können, und von dem, was außerhalb unserer diskursiven Praxis fällt;“ (Foucault 1981, 189)</p></blockquote>
<p>Die Macht des Archivs ist also beschränkt &#8211; zumindest zeitlich. Die Auslöser dieser Verschiebungen sind nach Foucault allerdings kontingent. Seien es zufällige wissenschaftliche Entdeckungen oder Machtverschiebungen der einen oder anderen Art. Und dennoch: das Archiv kann die Zukunft nur eine gewisse Zeit im Zaum halten. Dann passiert der Bruch, man könnte sagen, dann bricht die Zukunft in das Archiv ein und spült es hinfort und/oder errichtet ein neues Archiv. Es gibt neue Regeln und damit neue Aussagen, keine besseren, wohlgemerkt, sondern nur andere.</p>
<p>An dieser Stelle ist man versucht, den Bruch, die Diskontinuität bereits als &#8211; zumindest dem Kontrollverlust analoges &#8211; Moment zu betrachten. Aber bleiben wir vorsichtig, insbesondere, weil damit nicht viel gewonnen wäre.</p>
<p>Kommen wir lieber zu einem anderen Schüler von Foucault. Ein Schüler, der sich allerdings früh abgespalten hat, der eigentlich seine Karriere mit dieser Abspaltung begann: Jaques Derrida. Es war Derrida, der seinen Lehrer – der gerade erst mit seinem frühen Werk &#8220;<em>Wahnsinn und Gesellschaft</em>&#8221; Furore machte – öffentlich anging. Foucault untersucht darin die Geschichte des Wahnsinns als einen gewaltsamen, intellektuellen Abspaltungsprozess. Die Geburt der Vernunft, so seine These, sei  einhergegangen mit der gleichzeitigen Abspaltung und Internierung bzw. Ausschließung des Wahnsinns aus der Gesellschaft.</p>
<p>In &#8220;<em>Cogito und die Geschichte des Wahnsinns</em>&#8221; nimmt Derrida dieses Buch zwei Jahre später auseinander. Und obwohl Foucaults Begriff des Archivs noch nicht in der Welt ist (er sollte erst 7 Jahre später folgen), wagt es Derrida, quasi nach dem Archiv Foucaults zu fragen &#8211; also nach der Bedingung der Möglichkeit seiner Aussagen zum Wahnsinn. Derrida glaubt nämlich, dass &#8220;<em>es kein Zufall</em> [ist]<em>, wenn ein solches Vorhaben heute hat entwickelt werden können, </em>[...]&#8220;, und zwar weil &#8220;<em>eine bestimmte Befreiung des Wahnsinns begonnen hat.</em>&#8221; (Derrida 1981, 63)</p>
<p>Derrida spielt hier auf Freud und die Psychoanalyse an, die Foucault in seinem Buch lediglich in den Diskurs der Abspaltung einreiht. Derrida aber will darauf hinaus, dass erst die Psychoanalyse mit ihrer durchaus differenzierteren Sicht auf den &#8220;<em>Wahnsinn</em>&#8221; – der nämlich bei Freud ja schon nicht mehr schlichte Unvernunft ist – die Möglichkeit bereitete, Aussagen über die Spaltung von Wahnsinn und Vernunft zu treffen.</p>
<p>Es war nicht zuletzt auch dieser Streitpunkt mit Derrida, der Foucault dazu bewog seine Methodik in &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8221; nieder zu legen. Der Archivbegriff, wie ihn Foucault hier entwirft, befreit ihn nämlich von dem Vorwurf Derridas, seine eigenen Voraussetzungen nicht hinterfragt zu haben. Der Blinde Fleck für das eigene Archiv ist nach Foucault konstitutiv, jedenfalls bis zu seiner &#8220;<em>Existenzschwelle</em>&#8220;.</p>
<p>„<em>Im Grenzfall,</em>&#8221; so Foucault, &#8220;<em>wäre nicht die Seltenheit der Dokumente, so wäre die größte zeitliche Perspektive nötig, um es [das Archiv] zu analysieren.</em>“ (Foucault 1981,198)</p>
<p>Diese Stelle verdient einen kurzen Einschub: Die Seltenheit der Dokumente ist sicher ein Punkt, bei dem sich &#8211; weit über das hinaus, was Foucault sich hat vorstellen können &#8211; unsere Realität von der seinen wegentwickelt hat. Eric Schmidt behauptete 2010, dass innerhalb von 48 Stunden so viele Daten produziert werden, wie seit Beginn der Menschheit bis 2003.</p>
<p>Unser Jetzt beginnt sich langsam aber sicher in die von Georges Luis Borges beschriebene Bibliothek von Babel zu verwandeln. Eine Bibliothek in der jedes nur mögliche Buch, jeder logisch mögliche Text, jede mögliche Aneinandereihung von Buchstaben existiert. Glauben wir Foucault, dann bahnt sich hier eine Unmöglichkeit der Diskursanalyse an. Der Korpus des Aussagen ist sicher weit hinter einer realistischen Analysemöglichkeit gefallen. Nun ist mit dem Computer aber ja nicht nur die Menge der produzierten Daten gestiegen, sondern auch deren Verarbeitungsgeschwindigkeit.</p>
<p>Vor allem die Entwicklung der relationalen Datenbank in den 70ern hat die Möglichkeit zur Analyse von großen und komplexen Datenmengen weit voran gebracht. Und ein bisschen ähnelt das, was Foucault mit den der Analyse der Aussagen tätigt, dem, was moderne Datamining Algorithmen vollbringen. Sie finden verdeckte Regelhaftigkeiten in den Daten, Korrelationen und und Strukturen. All das schafft die Analyse, indem sie es fertig bringt, in Echtzeit Datenmengen aufeinander anzuwenden, also auf neue Weise zu verknüpfen. Hätte Foucault seine Aussage von der Endlichkeit der Dokumente auch geäußert, wenn er von den enormen Möglichkeiten der computergestützten Analyse gewusst hätte?</p>
<p>Aber bleiben wir zunächst bei dem Streit zwischen Derrida und Foucault. Der Kern ihrer Auseinandersetzung dreht sich nämlich in Wirklichkeit um das Ereignis. Ereignisse sind bei Foucault Singulariäten. Sie kommen aus dem Nichts und verändern in ihrer Einzigartigkeit unter Umständen das Archiv. Wir erinnern uns an die Diskontinuitäten und Brüche, die das Archiv verändern. Das Ereignis ist bei Foucault nicht determiniert, aber determinierend. Es determiniert selbst, nämlich das Archiv. Es findet also eine, wenn auch einzigartige, unwiederholbare Einschreibung statt.</p>
<p>Ausgerechnet entlang dieser Frage der Einschreibung hat Derrida seinen eigenen Begriff des Archivs entwickelt. Allerdings viel später, 1994, 10 Jahre nach Foucaults Tod. Derridas Archivbegriff ist nicht so abstrakt wie der Foucaults, sondern buchstäblich körperlich und doch ist sein Archivbegriff insofern analog, dass er ebenso das Gesetz dessen, was gesagt werden kann, bestimmt. Aber eben gerade durch seine Körperlichkeit:</p>
<blockquote><p>&#8220;[…] die technische Struktur des archivierenden Archivs bestimmt auch die Struktur des archivierbaren Inhalts schon in seiner Entstehung und seiner Beziehung zur Zukunft. Die Archivierung bringt das Ereignis in gleichem Maße hervor, wie sie es aufzeichnet.&#8221; (Derrida 1997, 35)</p></blockquote>
<p>Das Ereignisdenken bei Derrida ist im Gegensatz zu dem Foucaults von der Einschreibung her gedacht. Erst die Einschreibung und damit die Möglichkeit, sich auf das Ereignis zu beziehen, das heißt, es zu wiederholen, macht die Ereignishaftigkeit des Ereignisses aus. Derrida fragt sich, wie es das Archiv der Psychoanalyse verändert hätte, wenn Freud mit seinen Mitarbeitern, seiner Familie, seinen Patienten, etc. per Telefon, tragbaren Tonbandgeräten und vor allem E-Mail kommuniziert hätte. Denn das wesentliche Moment ist die Geschwindigkeit der Kommunikation, die durch die E-Mail möglich wird.</p>
<blockquote><p>&#8220;[…]:ein mit der Hand geschriebener Brief braucht so und so viele Tage, um in eine andere europäische Stadt zu gelangen, und nichts ist je unabhängig von diesem Verzug. Alles bleibt seinem Maße unterworfen.&#8221; (Derrida 1997, 35)</p></blockquote>
<p>Die Elektronische Post sei hingegen dabei &#8220;<em>den gesamten öffentlichen und privaten Raum der Menschheit und zunächst die Grenze zwischen dem Privaten, dem (privaten oder öffentlichen) Geheimen und dem Öffentlichen oder Phänomenalen zu verwandeln. Es ist nicht nur eine Technik im geläufigen und begrenzten Sinne dieses Ausdrucks: in einem unerhörten Rhythmus, gleichsam augenblicklich, muss diese instrumentelle Möglichkeit der Hervorbringung des Eindrucks, der Bewahrung und Zerstörung des Archivs zwangsläufig von juridischen und folglich politischen Veränderungen begleitet werden. Und diese affizieren das Recht auf Eigentum, das Recht zu publizieren und zu reproduzieren &#8211; und nichts weniger.</em>&#8221; (Derrida 1997, 35f)</p>
<p>Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass es diese Passage war, die mich in ihrer prophetischen Hellsichtigkeit beim ersten Lesen in den Bann zog. Was Derrida hier beschreibt, sind exakt die Umwälzungen, die wir seit den letzten 15 Jahren in Sachen Urheberrecht und Privatsphäre, Staatsgeheimnissen und der Kontrolle von Kommunikation erleben. Derrida nimmt den Kontrollverlust hier zweifellos vorweg, als eine Funktion des Archivs, des zunehmend mächtiger, weil schneller und umfassender werdenden Archivs.</p>
<p>Aber was heißt es, dass das Archiv das Ereignis genau so konstitutiert, wie es es aufzeichnet? Es heißt zweierlei:</p>
<p>Erstens: Es heißt, dass das Ereignis vom Archiv kommt, dass das Archiv eben nicht &#8211; jedenfalls nicht nur &#8211; das Ereignis reguliert und einschränkt, sondern dass es es geradezu hervorbringt. Ohne Archiv kein Ereignis – und damit keine Zukunft.</p>
<p>Zweitens heißt es aber auch, dass keine Operation am Archiv das Archiv selbst unangetastet lassen wird. Dass &#8211; ich zitiere &#8211; &#8220;<em>die Interpretation des Archivs ihren Gegenstand, ein gegebenes Erbe nämlich nur erhellen, lesen, interpretieren, einrichten kann, indem sie sich darin einschreibt, indem sie es öffnet und es ausreichend erweitert, um mit vollem Recht darin platz zu nehmen.</em>&#8221; Und Derrida fügt an: &#8220;<em>Es gibt kein Metaarchiv</em>.&#8221; (Derrida 1997, 122)</p>
<p>Das Archiv befragt sich, indem es es in sich einschreibt. Die Frage an das Archiv ist niemals unschuldig. Sie ist selbst ein Archiv, bzw. beruht auf einem oder mehreren Archiven, die sich, wenn sie sich an das Archiv richten, in es einschreiben.</p>
<p>Es ist also richtig: das Archiv determiniert das, was aufschreibbar, also sagbar ist. Aber gleichzeitig erhöht es die Zahl Anschlussstellen, es beschleunigt die Rückantwort, es öffnet sich selbst für die Einschreibung. Es ist somit nicht nur und in erster Linie ein Agent der Vergangenheit:</p>
<blockquote><p>„Ebensosehr und mehr noch als eine Sache der Vergangenheit, ihr vorrangig, müsste das Archiv das Kommen der Zukunft einbeziehen.“ (Derrida 1997, 60)</p></blockquote>
<p>Beziehen wir das ruhig testweise zurück auf Derridas Kritik an Foucaults „<em>Wahnsinn und Gesellschaft</em>“. Foucault hätte nach Derrida erkennen müssen, dass das Archiv der Geschichte des Wahnsinns eben kein abgeschlossenes ist, dass seine „<em>Existenzschwelle</em>“ noch lange nicht überschritten ist, sondern dass eine Reihe von Einschreibungen, Umschreibungen am Werk sind, von denen eine das Ereignis der Psychonanylse war und ein weiteres das Ereignis von Foucaults eigener Diskursanalyse. Das heißt A) dass das Archiv der Trennung von Wahnsinn und Vernunft die Psychoanalyse und B) dass die Psychoanalyse Foucaults Diskursanalyse – zumindest mit – ermöglicht hat. Auch wenn Foucaults Analyse sich den Anschein gibt: auch sie ist kein Metaarchiv.</p>
<p>Anders ausgedrückt könnte sagen, dass Foucault erst durch die Linse der Psychoanaylse hat erkennen können, wie die brutale Trennung des Wahnsinns von der Vernunft und sein jahrhundertelanges Schweigen ein Akt des Ausschlusses war. Damit geht eine empfindliche Verschiebung von statten, in die das Archiv – diesmal meine ich wieder Foucaults Begriff – umdeutet.  Die Kontrolle des Archivs verschiebt sich von dem System der Aussagbarkeit (was kann überhaupt gesagt werden?), hin zum System der Abfrage – (was überhaupt gefragt werden kann).</p>
<p>Der so gewendete – und nun instrumentelle – Charakter des Archivs ermöglicht einen geschärften Blick zurück auf das, was wir „<em>Archäologie</em>“ nennen &#8211; und zwar nicht nur die &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8220;, sondern die Archäologie im Allgemeinen. Dass nämlich die Rückfrage an das Archiv selbst ein Archiv ist. Und auch das Archiv der herkömmlichen Archäologie wächst und wächst. Von der Radiokohlenstoffdatierung, der Linguistik, der Zellbiologie, der Computersimulation und der Ultraschallsensorik eignet sich die Archäologie ein immer weiter wachsendes Archiv der Abfrage an. Und so erfahren wir über längst geborgene Artefakte heute mehr als gestern und übermorgen mehr als morgen. Gleiches lässt sich natürlich über das Archiv der Diskursanalyse und über das Archiv der Psychoanalyse sagen, ebenso wie über das Archiv der Dekonstruktion – die allesamt Archäologien, also Abfragen sind.</p>
<p>Was wir hier Archäologie nennen, kennt man in der Informationstechnologie als „<em>Datamining</em>“ und neuerdings als „<em>Big Data</em>“. Es geht darum, aus Daten Daten zu generieren, dass heißt also ein Archiv aus einem Archiv zu gebären. Die von Derrida angesprochene Geschwindigkeit mit denen Archive miteinander korrespondieren, hat sich so dramatisch erhöht, dass die Quantität in eine neue Qualität umgeschlagen ist. Die heutigen Archive werden durch algorithmische Routinen, die Verknüpfungen der Anschlussstellen nicht nur selbsttätig vornehmen, sondern sich auch selbstständig suchen, bestimmt. Bei Big Data werden quasi nur noch petabytegroße Datenmonster aufeinander losgelassen, ohne, dass die Wissenschaftler vorher überhaupt eine Hypothese formulieren müssten. Die Erkenntnisse, die aus diesen Verfahren gezogen werden, sind zwar nützlich, aber selten noch menschlich verstehbar.</p>
<p>Diese – ich nenne es – „<em>Echtzeitarchäologie</em>“ hat dazu geführt, dass wir Daten nicht mehr nur für einen bestimmten Zweck speichern, das heißt, für eine bestimmte Abfrage hin. Unsere Archive haben sich seit der Erfindung der relationalen Datenbank davon verabschiedet, in ihrer Struktur im Vorhinein zu berücksichtigen, welche Fragen eines Tages an sie gestellt werden. Ebenso beginnen wir zu akzeptieren, dass wir keinerlei Vorstellungsfähigkeit dafür besitzen, was eine Aussage, was ein Ereignis, was ein bestimmtes Datum bedeutet haben wird. Mit jeder Prozessorgeneration und damit der erneuten Beschleunigung der Kommunikation der Archive verschärft sich der Kontrollverlust. Dekonstruktion wird zum Alltagsgeschäft.</p>
<p>Die Frage der &#8220;<em>Ordnung des Wissens</em>&#8221; verliert zunehmend an Relevanz. Wo sowieso alles aufschreibbar ist und wo sich durch die Abfrage eine beliebige, vielleicht viel bessere, aber zumindest eine zielführende Ordnung in Echtzeit herstellen lässt, braucht es keine Onotologien, Taxonomien und Hierarchien mehr. Die Frage des Archivs verschiebt sich von der Frage der Einschreibung hin zur Abfrage und damit zu dem, was man in einem Jetzt nicht mehr kontrollieren kann. Die vermeintlichen Kontrollaparate und ihre Archive werden in Wirklichkeit die Anknüpfungspunkte vervielfältigt haben, durch die die Zukunft hineinspazieren wird. Je größer und mächtiger die Archive, desto vielfältiger die Anknüpfungspunkte, desto reichhaltiger die möglichen Anschlussoperationen der Abfrage. Die Kontrollgesellschaft mag auf dem Vormarsch sein, aber die dahinter stehende Macht wird den durch sie ausgelösten Kontrollverlust nicht überleben.</p>
<p>Derrida hat bei seiner Beschäftigung mit dem Archiv, halb ernsthaft, halb aus Provokation eine Wissenschaft des Archivs vorgeschlagen: eine Archivologie. Mir scheint es heute ein notwendiges und lohnendes Projekt statt einer Archivologie, eine Queryologie &#8211; eine Wissenschaft der Abfragesysteme &#8211; zu verfolgen. Eine Wissenschaft, die statt die Bedingungen der Möglichkeit von Archivierung, die vielfältigen Auswirkungen der Abfrage untersucht, die von der Googlesuche, bis zu den Browsertechnologien längst die Brennweite unseres Wissens geworden ist.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Derrida, Jacques: Dem Archiv verschrieben, Berlin 1997.</li>
<li>Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M 1981.</li>
<li>Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurth/M 1981.</li>
<li>Seemann, Michael: Vom Kontrollverlust zur Filtersouveränität, in: Heinrich Böll Stiftung: #public_life &#8211; Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz, Berlin 2011.</li>
</ul>
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k%C3%B6nnte+man+sagen%3A+Kontrolle+ist+der+Versuch%2C+mithilfe+eines+Archivs%2C+die+Zukunft+durch+die+Erwartungswerte+der+Vergangenheit+zu+ersetzen.%0D%0A%0D%0AEs+wird+in+etwa+diese+%C3%9Cberlegung+gewesen+sein%2C+die+Deleuze+zu+seiner+Idee+der+Kontrollgesellschaft+bewegte.+Die+Kontrollgesellschaft+w%C3%A4re+also+eine+Gesellschaft+der+Vorhersagbarkeit%2C+eine+Gesellschaft+ohne+Zukunft+%E2%80%93+das+hei%C3%9Ft+ohne+Ereignis.%0D%0A%0D%0AWenn+die+Kontrolle+der+Zukunft+durch+die+Vergangenheit+%C3%BCber+die+M%C3%B6glichkeiten+des+Archivs+verl%C3%A4uft%2C+haben+wir+es+tats%C3%A4chlich+seit+dem+Computer+mit+einer+gigantischen+Machtverschiebung+zu+tun.+Nur+als+Orientierung%3A+Als+Deleuze+seinen+Text+%C3%BCber+die+Kontrollgesellschaft+schrieb%2C+kostete+ein+Gigabyte+Festspeicher+noch+10%2C000+Dollar.+Heute+kostet+die+selbe+Speichermenge+weniger+als+3+Cent.+Der+Computer+als+Archivmaschine+ist+sicher+die+m%C3%A4chtigste+%22Role%22+in+%E2%80%9EContre+Role%E2%80%9C%2C+die+wir+Menschen+je+hatten.%0D%0A%0D%0AWarum+aber+stellt+sich+die+Herrschaft+der+Vergangenheit+%C3%BCber+die+Zukunft+dann+nicht+ein%3F+Sicher%2C+durch+die+fallenden+Preise+hat+sich+ein+Demokratisierungseffekt+ergeben%2C+der+die+Kontrollkraft+des+Archivs+egalit%C3%A4r+ausbreitet.+Das+ist+sicher+ein+Teil+der+Erkl%C3%A4rung%2C+aber+der+Kontrollverlust+ist+nur+zum+geringen+Teil+ein+Effekt+der+Gegenkontrolle.+Mich+interessiert+hier+in+erster+Linie+der+Kontrollverlust+des+Archivs+durch+das+Archiv.+Wie+funktioniert+die+Kontrolle+des+Archivs%3F+Worauf+basiert+seine+Funktionsweise+und+seine+Macht+und+was+durchbricht+sie%3F%0D%0A%0D%0AEs+liegt+nat%C3%BCrlich+nahe%2C+sich+zuerst+an+den+Lehrer+von+Deleuze+-+Foucault+-+zu+wenden%2C+der+als+erster+einen+philosophischen+Begriff+des+Archivs+ausarbeitete.+Nat%C3%BCrlich+ist+hier+Vorsicht+geboten%2C+denn+Foucault+bestimmt+seinen+Begriff+des+Archivs+durchaus+sehr+verschieden+von+dem+Alltagsbegriff.%0D%0A%0D%0ADas+Buch+%22Arch%C3%A4ologie+des+Wissens%22+ist+der+Versuch+Foucaults%2C+seine+Forschung+methodisch+und+theoretisch+zu+fundieren.+Er+hatte+bereits+einige+bahnbrechende+Werke+vorgelegt%2C+in+denen+er+beispielsweise+das+Gef%C3%A4ngnis%2C+die+Psychatrie%2C+das+Krankenhaus+und+die+Humanwissenschaften+in+ihrem+Wandel+untersuchte.+Nun+versucht+er+diesen+Wandel+zu+formalisieren+und+f%C3%BChrt+dabei+an+zentraler+Stelle+seinen+Archivberiff+ein.+Das+Archiv+ist+nach+Foucault+die+Regelhaftigkeit+der+Formation+und+Transformation+der+Diskurse.+Damit+ist+schon+mal+klar%2C+dass+das+Archiv+kein+Ort+oder+Raum+ist%2C+auch+kein+materieller+Tr%C3%A4ger+von+Eindr%C3%BCcken+oder+Daten%2C+sondern+ein+System.+Es+ist+das+System+der+Aussagbarkeit%2C+das+innerhalb+eines+Diskurses+zu+einer+bestimmten+Zeit+herrscht.%0D%0A%0D%0AFoucault+hatte+verschiedentlich+gezeigt%2C+dass+Diskurse+zu+unterschiedlichen+Zeiten+nicht+nur+inhaltlich+variierten%2C+sondern+dass+bestimmte+Voraussetzungen+gegeben+sein+m%C3%BCssen%2C+damit+bestimmte+Aussagen+%C3%BCberhaupt+m%C3%B6glich+waren.+Und+dieses+System+der+M%C3%B6glichkeit+und+Unm%C3%B6glichkeit+-+der+M%C3%B6glichkeitsraum+von+Aussagen+-+ist+das%2C+was+er+%E2%80%9EArchiv%E2%80%9C+nennt.%0D%0A%0D%0AF%C3%BCr+uns+ist+das+gleich+mehrfach+interessant.%0D%0A1%29+Obwohl+sich+Foucault+eigentlich+dagegen+verwahrt%2C+dass+sein+Begriff+des+Archivs+eine+dingliche+Entsprechung+hat%2C+so+ist+doch+seine+Funktion+der+Kontrolle+analog+zu+unserer+vorherigen+Umschreibung%3A+Es+geht+um+die+Regulierung+der+M%C3%B6glichkeit+von+Aussagen+und+damit+die+Regulierung+von+Zukunft.%0D%0A2%29+Die+Zeitlichkeit+des+Archivs.+Denn+das+Archiv+ist+ein+je+tempor%C3%A4res.+Es+hat+einen+Beginn+und+ein+Ende.+Der+Diskurs+wandelt+sich+abrupt+und+auf+einmal+ist+das+ganze+System+ein+anderes.+Es+werden+ganz+andere+Aussagen%2C+nach+ganz+anderen+Regeln+geformt.+Diese+Br%C3%BCche+sind+es%2C+die+beobachtbar+sind.+Sie+sind+es+aber+nur%2C+so+Foucault%2C+sofern+sie+f%C3%BCr+den+Beobachter+bereits+lang+genug+zur%C3%BCckliegen.+F%C3%BCr+das+Archiv+des+eigenen+Diskurs+ist+man+blind.%0D%0A%0D%0A%E2%80%9EDie+Beschreibung+des+Archivs+entfaltet+ihre+M%C3%B6glichkeit+%5B...%5D+ausgehend+von+den+Diskursen%2C+die+gerade+aufgeh%C3%B6rt+haben%2C+die+unsrigen+zu+sein%3B+ihre+Existenzschwelle+wird+von+dem+Schnitt+gesetzt%2C+der+uns+von+dem+trennt%2C+was+wir+nicht+mehr+sagen+k%C3%B6nnen%2C+und+von+dem%2C+was+au%C3%9Ferhalb+unserer+diskursiven+Praxis+f%C3%A4llt%3B%E2%80%9C+%28Foucault+1981%2C+189%29%0D%0A%0D%0ADie+Macht+des+Archivs+ist+also+beschr%C3%A4nkt+-+zumindest+zeitlich.+Die+Ausl%C3%B6ser+dieser+Verschiebungen+sind+nach+Foucault+allerdings+kontingent.+Seien+es+zuf%C3%A4llige+wissenschaftliche+Entdeckungen+oder+Machtverschiebungen+der+einen+oder+anderen+Art.+Und+dennoch%3A+das+Archiv+kann+die+Zukunft+nur+eine+gewisse+Zeit+im+Zaum+halten.+Dann+passiert+der+Bruch%2C+man+k%C3%B6nnte+sagen%2C+dann+bricht+die+Zukunft+in+das+Archiv+ein+und+sp%C3%BClt+es+hinfort+und%2Foder+errichtet+ein+neues+Archiv.+Es+gibt+neue+Regeln+und+damit+neue+Aussagen%2C+keine+besseren%2C+wohlgemerkt%2C+sondern+nur+andere.%0D%0A%0D%0AAn+dieser+Stelle+ist+man+versucht%2C+den+Bruch%2C+die+Diskontinuit%C3%A4t+bereits+als+-+zumindest+dem+Kontrollverlust+analoges+-+Moment+zu+betrachten.+Aber+bleiben+wir+vorsichtig%2C+insbesondere%2C+weil+damit+nicht+viel+gewonnen+w%C3%A4re.%0D%0A%0D%0AKommen+wir+lieber+zu+einem+anderen+Sch%C3%BCler+von+Foucault.+Ein+Sch%C3%BCler%2C+der+sich+allerdings+fr%C3%BCh+abgespalten+hat%2C+der+eigentlich+seine+Karriere+mit+dieser+Abspaltung+begann%3A+Jaques+Derrida.+Es+war+Derrida%2C+der+seinen+Lehrer+%E2%80%93+der+gerade+erst+mit+seinem+fr%C3%BChen+Werk+%22Wahnsinn+und+Gesellschaft%22+Furore+machte+%E2%80%93+%C3%B6ffentlich+anging.+Foucault+untersucht+darin+die+Geschichte+des+Wahnsinns+als+einen+gewaltsamen%2C+intellektuellen+Abspaltungsprozess.+Die+Geburt+der+Vernunft%2C+so+seine+These%2C+sei++einhergegangen+mit+der+gleichzeitigen+Abspaltung+und+Internierung+bzw.+Ausschlie%C3%9Fung+des+Wahnsinns+aus+der+Gesellschaft.%0D%0A%0D%0AIn+%22Cogito+und+die+Geschichte+des+Wahnsinns%22+nimmt+Derrida+dieses+Buch+zwei+Jahre+sp%C3%A4ter+auseinander.+Und+obwohl+Foucaults+Begriff+des+Archivs+noch+nicht+in+der+Welt+ist+%28er+sollte+erst+7+Jahre+sp%C3%A4ter+folgen%29%2C+wagt+es+Derrida%2C+quasi+nach+dem+Archiv+Foucaults+zu+fragen+-+also+nach+der+Bedingung+der+M%C3%B6glichkeit+seiner+Aussagen+zum+Wahnsinn.+Derrida+glaubt+n%C3%A4mlich%2C+dass+%22es+kein+Zufall+%5Bist%5D%2C+wenn+ein+solches+Vorhaben+heute+hat+entwickelt+werden+k%C3%B6nnen%2C+%5B...%5D%22%2C+und+zwar+weil+%22eine+bestimmte+Befreiung+des+Wahnsinns+begonnen+hat.%22+%28Derrida+1981%2C+63%29%0D%0A%0D%0ADerrida+spielt+hier+auf+Freud+und+die+Psychoanalyse+an%2C+die+Foucault+in+seinem+Buch+lediglich+in+den+Diskurs+der+Abspaltung+einreiht.+Derrida+aber+will+darauf+hinaus%2C+dass+erst+die+Psychoanalyse+mit+ihrer+durchaus+differenzierteren+Sicht+auf+den+%22Wahnsinn%22+%E2%80%93+der+n%C3%A4mlich+bei+Freud+ja+schon+nicht+mehr+schlichte+Unvernunft+ist+%E2%80%93+die+M%C3%B6glichkeit+bereitete%2C+Aussagen+%C3%BCber+die+Spaltung+von+Wahnsinn+und+Vernunft+zu+treffen.%0D%0A%0D%0AEs+war+nicht+zuletzt+auch+dieser+Streitpunkt+mit+Derrida%2C+der+Foucault+dazu+bewog+seine+Methodik+in+%22Arch%C3%A4ologie+des+Wissens%22+nieder+zu+legen.+Der+Archivbegriff%2C+wie+ihn+Foucault+hier+entwirft%2C+befreit+ihn+n%C3%A4mlich+von+dem+Vorwurf+Derridas%2C+seine+eigenen+Voraussetzungen+nicht+hinterfragt+zu+haben.+Der+Blinde+Fleck+f%C3%BCr+das+eigene+Archiv+ist+nach+Foucault+konstitutiv%2C+jedenfalls+bis+zu+seiner+%22Existenzschwelle%22.%0D%0A%0D%0A%E2%80%9EIm+Grenzfall%2C%22+so+Foucault%2C+%22w%C3%A4re+nicht+die+Seltenheit+der+Dokumente%2C+so+w%C3%A4re+die+gr%C3%B6%C3%9Fte+zeitliche+Perspektive+n%C3%B6tig%2C+um+es+%5Bdas+Archiv%5D+zu+analysieren.%E2%80%9C+%28Foucault+1981%2C198%29%0D%0A%0D%0ADiese+Stelle+verdient+einen+kurzen+Einschub%3A+Die+Seltenheit+der+Dokumente+ist+sicher+ein+Punkt%2C+bei+dem+sich+-+weit+%C3%BCber+das+hinaus%2C+was+Foucault+sich+hat+vorstellen+k%C3%B6nnen+-+unsere+Realit%C3%A4t+von+der+seinen+wegentwickelt+hat.+Eric+Schmidt+behauptete+2010%2C+dass+innerhalb+von+48+Stunden+so+viele+Daten+produziert+werden%2C+wie+seit+Beginn+der+Menschheit+bis+2003.%0D%0A%0D%0AUnser+Jetzt+beginnt+sich+langsam+aber+sicher+in+die+von+Georges+Luis+Borges+beschriebene+Bibliothek+von+Babel+zu+verwandeln.+Eine+Bibliothek+in+der+jedes+nur+m%C3%B6gliche+Buch%2C+jeder+logisch+m%C3%B6gliche+Text%2C+jede+m%C3%B6gliche+Aneinandereihung+von+Buchstaben+existiert.+Glauben+wir+Foucault%2C+dann+bahnt+sich+hier+eine+Unm%C3%B6glichkeit+der+Diskursanalyse+an.+Der+Korpus+des+Aussagen+ist+sicher+weit+hinter+einer+realistischen+Analysem%C3%B6glichkeit+gefallen.+Nun+ist+mit+dem+Computer+aber+ja+nicht+nur+die+Menge+der+produzierten+Daten+gestiegen%2C+sondern+auch+deren+Verarbeitungsgeschwindigkeit.%0D%0A%0D%0AVor+allem+die+Entwicklung+der+relationalen+Datenbank+in+den+70ern+hat+die+M%C3%B6glichkeit+zur+Analyse+von+gro%C3%9Fen+und+komplexen+Datenmengen+weit+voran+gebracht.+Und+ein+bisschen+%C3%A4hnelt+das%2C+was+Foucault+mit+den+der+Analyse+der+Aussagen+t%C3%A4tigt%2C+dem%2C+was+moderne+Datamining+Algorithmen+vollbringen.+Sie+finden+verdeckte+Regelhaftigkeiten+in+den+Daten%2C+Korrelationen+und+und+Strukturen.+All+das+schafft+die+Analyse%2C+indem+sie+es+fertig+bringt%2C+in+Echtzeit+Datenmengen+aufeinander+anzuwenden%2C+also+auf+neue+Weise+zu+verkn%C3%BCpfen.+H%C3%A4tte+Foucault+seine+Aussage+von+der+Endlichkeit+der+Dokumente+auch+ge%C3%A4u%C3%9Fert%2C+wenn+er+von+den+enormen+M%C3%B6glichkeiten+der+computergest%C3%BCtzten+Analyse+gewusst+h%C3%A4tte%3F%0D%0A%0D%0AAber+bleiben+wir+zun%C3%A4chst+bei+dem+Streit+zwischen+Derrida+und+Foucault.+Der+Kern+ihrer+Auseinandersetzung+dreht+sich+n%C3%A4mlich+in+Wirklichkeit+um+das+Ereignis.+Ereignisse+sind+bei+Foucault+Singulari%C3%A4ten.+Sie+kommen+aus+dem+Nichts+und+ver%C3%A4ndern+in+ihrer+Einzigartigkeit+unter+Umst%C3%A4nden+das+Archiv.+Wir+erinnern+uns+an+die+Diskontinuit%C3%A4ten+und+Br%C3%BCche%2C+die+das+Archiv+ver%C3%A4ndern.+Das+Ereignis+ist+bei+Foucault+nicht+determiniert%2C+aber+determinierend.+Es+determiniert+selbst%2C+n%C3%A4mlich+das+Archiv.+Es+findet+also+eine%2C+wenn+auch+einzigartige%2C+unwiederholbare+Einschreibung+statt.%0D%0A%0D%0AAusgerechnet+entlang+dieser+Frage+der+Einschreibung+hat+Derrida+seinen+eigenen+Begriff+des+Archivs+entwickelt.+Allerdings+viel+sp%C3%A4ter%2C+1994%2C+10+Jahre+nach+Foucaults+Tod.+Derridas+Archivbegriff+ist+nicht+so+abstrakt+wie+der+Foucaults%2C+sondern+buchst%C3%A4blich+k%C3%B6rperlich+und+doch+ist+sein+Archivbegriff+insofern+analog%2C+dass+er+ebenso+das+Gesetz+dessen%2C+was+gesagt+werden+kann%2C+bestimmt.+Aber+eben+gerade+durch+seine+K%C3%B6rperlichkeit%3A%0D%0A%0D%0A%22%5B%E2%80%A6%5D+die+technische+Struktur+des+archivierenden+Archivs+bestimmt+auch+die+Struktur+des+archivierbaren+Inhalts+schon+in+seiner+Entstehung+und+seiner+Beziehung+zur+Zukunft.+Die+Archivierung+bringt+das+Ereignis+in+gleichem+Ma%C3%9Fe+hervor%2C+wie+sie+es+aufzeichnet.%22+%28Derrida+1997%2C+35%29%0D%0A%0D%0ADas+Ereignisdenken+bei+Derrida+ist+im+Gegensatz+zu+dem+Foucaults+von+der+Einschreibung+her+gedacht.+Erst+die+Einschreibung+und+damit+die+M%C3%B6glichkeit%2C+sich+auf+das+Ereignis+zu+beziehen%2C+das+hei%C3%9Ft%2C+es+zu+wiederholen%2C+macht+die+Ereignishaftigkeit+des+Ereignisses+aus.+Derrida+fragt+sich%2C+wie+es+das+Archiv+der+Psychoanalyse+ver%C3%A4ndert+h%C3%A4tte%2C+wenn+Freud+mit+seinen+Mitarbeitern%2C+seiner+Familie%2C+seinen+Patienten%2C+etc.+per+Telefon%2C+tragbaren+Tonbandger%C3%A4ten+und+vor+allem+E-Mail+kommuniziert+h%C3%A4tte.+Denn+das+wesentliche+Moment+ist+die+Geschwindigkeit+der+Kommunikation%2C+die+durch+die+E-Mail+m%C3%B6glich+wird.%0D%0A%0D%0A%22%5B%E2%80%A6%5D%3Aein+mit+der+Hand+geschriebener+Brief+braucht+so+und+so+viele+Tage%2C+um+in+eine+andere+europ%C3%A4ische+Stadt+zu+gelangen%2C+und+nichts+ist+je+unabh%C3%A4ngig+von+diesem+Verzug.+Alles+bleibt+seinem+Ma%C3%9Fe+unterworfen.%22+%28Derrida+1997%2C+35%29%0D%0A%0D%0ADie+Elektronische+Post+sei+hingegen+dabei+%22den+gesamten+%C3%B6ffentlichen+und+privaten+Raum+der+Menschheit+und+zun%C3%A4chst+die+Grenze+zwischen+dem+Privaten%2C+dem+%28privaten+oder+%C3%B6ffentlichen%29+Geheimen+und+dem+%C3%96ffentlichen+oder+Ph%C3%A4nomenalen+zu+verwandeln.+Es+ist+nicht+nur+eine+Technik+im+gel%C3%A4ufigen+und+begrenzten+Sinne+dieses+Ausdrucks%3A+in+einem+unerh%C3%B6rten+Rhythmus%2C+gleichsam+augenblicklich%2C+muss+diese+instrumentelle+M%C3%B6glichkeit+der+Hervorbringung+des+Eindrucks%2C+der+Bewahrung+und+Zerst%C3%B6rung+des+Archivs+zwangsl%C3%A4ufig+von+juridischen+und+folglich+politischen+Ver%C3%A4nderungen+begleitet+werden.+Und+diese+affizieren+das+Recht+auf+Eigentum%2C+das+Recht+zu+publizieren+und+zu+reproduzieren+-+und+nichts+weniger.%22+%28Derrida+1997%2C+35f%29%0D%0A%0D%0AIch+muss+ganz+ehrlich+gestehen%2C+dass+es+diese+Passage+war%2C+die+mich+in+ihrer+prophetischen+Hellsichtigkeit+beim+ersten+Lesen+in+den+Bann+zog.+Was+Derrida+hier+beschreibt%2C+sind+exakt+die+Umw%C3%A4lzungen%2C+die+wir+seit+den+letzten+15+Jahren+in+Sachen+Urheberrecht+und+Privatsph%C3%A4re%2C+Staatsgeheimnissen+und+der+Kontrolle+von+Kommunikation+erleben.+Derrida+nimmt+den+Kontrollverlust+hier+zweifellos+vorweg%2C+als+eine+Funktion+des+Archivs%2C+des+zunehmend+m%C3%A4chtiger%2C+weil+schneller+und+umfassender+werdenden+Archivs.%0D%0A%0D%0AAber+was+hei%C3%9Ft+es%2C+dass+das+Archiv+das+Ereignis+genau+so+konstitutiert%2C+wie+es+es+aufzeichnet%3F+Es+hei%C3%9Ft+zweierlei%3A%0D%0A%0D%0AErstens%3A+Es+hei%C3%9Ft%2C+dass+das+Ereignis+vom+Archiv+kommt%2C+dass+das+Archiv+eben+nicht+-+jedenfalls+nicht+nur+-+das+Ereignis+reguliert+und+einschr%C3%A4nkt%2C+sondern+dass+es+es+geradezu+hervorbringt.+Ohne+Archiv+kein+Ereignis+%E2%80%93+und+damit+keine+Zukunft.%0D%0A%0D%0AZweitens+hei%C3%9Ft+es+aber+auch%2C+dass+keine+Operation+am+Archiv+das+Archiv+selbst+unangetastet+lassen+wird.+Dass+-+ich+zitiere+-+%22die+Interpretation+des+Archivs+ihren+Gegenstand%2C+ein+gegebenes+Erbe+n%C3%A4mlich+nur+erhellen%2C+lesen%2C+interpretieren%2C+einrichten+kann%2C+indem+sie+sich+darin+einschreibt%2C+indem+sie+es+%C3%B6ffnet+und+es+ausreichend+erweitert%2C+um+mit+vollem+Recht+darin+platz+zu+nehmen.%22+Und+Derrida+f%C3%BCgt+an%3A+%22Es+gibt+kein+Metaarchiv.%22+%28Derrida+1997%2C+122%29%0D%0A%0D%0ADas+Archiv+befragt+sich%2C+indem+es+es+in+sich+einschreibt.+Die+Frage+an+das+Archiv+ist+niemals+unschuldig.+Sie+ist+selbst+ein+Archiv%2C+bzw.+beruht+auf+einem+oder+mehreren+Archiven%2C+die+sich%2C+wenn+sie+sich+an+das+Archiv+richten%2C+in+es+einschreiben.%0D%0A%0D%0AEs+ist+also+richtig%3A+das+Archiv+determiniert+das%2C+was+aufschreibbar%2C+also+sagbar+ist.+Aber+gleichzeitig+erh%C3%B6ht+es+die+Zahl+Anschlussstellen%2C+es+beschleunigt+die+R%C3%BCckantwort%2C+es+%C3%B6ffnet+sich+selbst+f%C3%BCr+die+Einschreibung.+Es+ist+somit+nicht+nur+und+in+erster+Linie+ein+Agent+der+Vergangenheit%3A%0D%0A%0D%0A%E2%80%9EEbensosehr+und+mehr+noch+als+eine+Sache+der+Vergangenheit%2C+ihr+vorrangig%2C+m%C3%BCsste+das+Archiv+das+Kommen+der+Zukunft+einbeziehen.%E2%80%9C+%28Derrida+1997%2C+60%29%0D%0A%0D%0ABeziehen+wir+das+ruhig+testweise+zur%C3%BCck+auf+Derridas+Kritik+an+Foucaults+%E2%80%9EWahnsinn+und+Gesellschaft%E2%80%9C.+Foucault+h%C3%A4tte+nach+Derrida+erkennen+m%C3%BCssen%2C+dass+das+Archiv+der+Geschichte+des+Wahnsinns+eben+kein+abgeschlossenes+ist%2C+dass+seine+%E2%80%9EExistenzschwelle%E2%80%9C+noch+lange+nicht+%C3%BCberschritten+ist%2C+sondern+dass+eine+Reihe+von+Einschreibungen%2C+Umschreibungen+am+Werk+sind%2C+von+denen+eine+das+Ereignis+der+Psychonanylse+war+und+ein+weiteres+das+Ereignis+von+Foucaults+eigener+Diskursanalyse.+Das+hei%C3%9Ft+A%29+dass+das+Archiv+der+Trennung+von+Wahnsinn+und+Vernunft+die+Psychoanalyse+und+B%29+dass+die+Psychoanalyse+Foucaults+Diskursanalyse+%E2%80%93+zumindest+mit+%E2%80%93+erm%C3%B6glicht+hat.+Auch+wenn+Foucaults+Analyse+sich+den+Anschein+gibt%3A+auch+sie+ist+kein+Metaarchiv.%0D%0A%0D%0AAnders+ausgedr%C3%BCckt+k%C3%B6nnte+sagen%2C+dass+Foucault+erst+durch+die+Linse+der+Psychoanaylse+hat+erkennen+k%C3%B6nnen%2C+wie+die+brutale+Trennung+des+Wahnsinns+von+der+Vernunft+und+sein+jahrhundertelanges+Schweigen+ein+Akt+des+Ausschlusses+war.+Damit+geht+eine+empfindliche+Verschiebung+von+statten%2C+in+die+das+Archiv+%E2%80%93+diesmal+meine+ich+wieder+Foucaults+Begriff+%E2%80%93+umdeutet.++Die+Kontrolle+des+Archivs+verschiebt+sich+von+dem+System+der+Aussagbarkeit+%28was+kann+%C3%BCberhaupt+gesagt+werden%3F%29%2C+hin+zum+System+der+Abfrage+%E2%80%93+%28was+%C3%BCberhaupt+gefragt+werden+kann%29.%0D%0A%0D%0ADer+so+gewendete+%E2%80%93+und+nun+instrumentelle+%E2%80%93+Charakter+des+Archivs+erm%C3%B6glicht+einen+gesch%C3%A4rften+Blick+zur%C3%BCck+auf+das%2C+was+wir+%E2%80%9EArch%C3%A4ologie%E2%80%9C+nennen+-+und+zwar+nicht+nur+die+%22Arch%C3%A4ologie+des+Wissens%22%2C+sondern+die+Arch%C3%A4ologie+im+Allgemeinen.+Dass+n%C3%A4mlich+die+R%C3%BCckfrage+an+das+Archiv+selbst+ein+Archiv+ist.+Und+auch+das+Archiv+der+herk%C3%B6mmlichen+Arch%C3%A4ologie+w%C3%A4chst+und+w%C3%A4chst.+Von+der+Radiokohlenstoffdatierung%2C+der+Linguistik%2C+der+Zellbiologie%2C+der+Computersimulation+und+der+Ultraschallsensorik+eignet+sich+die+Arch%C3%A4ologie+ein+immer+weiter+wachsendes+Archiv+der+Abfrage+an.+Und+so+erfahren+wir+%C3%BCber+l%C3%A4ngst+geborgene+Artefakte+heute+mehr+als+gestern+und+%C3%BCbermorgen+mehr+als+morgen.+Gleiches+l%C3%A4sst+sich+nat%C3%BCrlich+%C3%BCber+das+Archiv+der+Diskursanalyse+und+%C3%BCber+das+Archiv+der+Psychoanalyse+sagen%2C+ebenso+wie+%C3%BCber+das+Archiv+der+Dekonstruktion+%E2%80%93+die+allesamt+Arch%C3%A4ologien%2C+also+Abfragen+sind.%0D%0A%0D%0AWas+wir+hier+Arch%C3%A4ologie+nennen%2C+kennt+man+in+der+Informationstechnologie+als+%E2%80%9EDatamining%E2%80%9C+und+neuerdings+als+%E2%80%9EBig+Data%E2%80%9C.+Es+geht+darum%2C+aus+Daten+Daten+zu+generieren%2C+dass+hei%C3%9Ft+also+ein+Archiv+aus+einem+Archiv+zu+geb%C3%A4ren.+Die+von+Derrida+angesprochene+Geschwindigkeit+mit+denen+Archive+miteinander+korrespondieren%2C+hat+sich+so+dramatisch+erh%C3%B6ht%2C+dass+die+Quantit%C3%A4t+in+eine+neue+Qualit%C3%A4t+umgeschlagen+ist.+Die+heutigen+Archive+werden+durch+algorithmische+Routinen%2C+die+Verkn%C3%BCpfungen+der+Anschlussstellen+nicht+nur+selbstt%C3%A4tig+vornehmen%2C+sondern+sich+auch+selbstst%C3%A4ndig+suchen%2C+bestimmt.+Bei+Big+Data+werden+quasi+nur+noch+petabytegro%C3%9Fe+Datenmonster+aufeinander+losgelassen%2C+ohne%2C+dass+die+Wissenschaftler+vorher+%C3%BCberhaupt+eine+Hypothese+formulieren+m%C3%BCssten.+Die+Erkenntnisse%2C+die+aus+diesen+Verfahren+gezogen+werden%2C+sind+zwar+n%C3%BCtzlich%2C+aber+selten+noch+menschlich+verstehbar.%0D%0A%0D%0ADiese+%E2%80%93+ich+nenne+es+%E2%80%93+%E2%80%9EEchtzeitarch%C3%A4ologie%E2%80%9C+hat+dazu+gef%C3%BChrt%2C+dass+wir+Daten+nicht+mehr+nur+f%C3%BCr+einen+bestimmten+Zweck+speichern%2C+das+hei%C3%9Ft%2C+f%C3%BCr+eine+bestimmte+Abfrage+hin.+Unsere+Archive+haben+sich+seit+der+Erfindung+der+relationalen+Datenbank+davon+verabschiedet%2C+in+ihrer+Struktur+im+Vorhinein+zu+ber%C3%BCcksichtigen%2C+welche+Fragen+eines+Tages+an+sie+gestellt+werden.+Ebenso+beginnen+wir+zu+akzeptieren%2C+dass+wir+keinerlei+Vorstellungsf%C3%A4higkeit+daf%C3%BCr+besitzen%2C+was+eine+Aussage%2C+was+ein+Ereignis%2C+was+ein+bestimmtes+Datum+bedeutet+haben+wird.+Mit+jeder+Prozessorgeneration+und+damit+der+erneuten+Beschleunigung+der+Kommunikation+der+Archive+versch%C3%A4rft+sich+der+Kontrollverlust.+Dekonstruktion+wird+zum+Alltagsgesch%C3%A4ft.%0D%0A%0D%0ADie+Frage+der+%22Ordnung+des+Wissens%22+verliert+zunehmend+an+Relevanz.+Wo+sowieso+alles+aufschreibbar+ist+und+wo+sich+durch+die+Abfrage+eine+beliebige%2C+vielleicht+viel+bessere%2C+aber+zumindest+eine+zielf%C3%BChrende+Ordnung+in+Echtzeit+herstellen+l%C3%A4sst%2C+braucht+es+keine+Onotologien%2C+Taxonomien+und+Hierarchien+mehr.+Die+Frage+des+Archivs+verschiebt+sich+von+der+Frage+der+Einschreibung+hin+zur+Abfrage+und+damit+zu+dem%2C+was+man+in+einem+Jetzt+nicht+mehr+kontrollieren+kann.+Die+vermeintlichen+Kontrollaparate+und+ihre+Archive+werden+in+Wirklichkeit+die+Ankn%C3%BCpfungspunkte+vervielf%C3%A4ltigt+haben%2C+durch+die+die+Zukunft+hineinspazieren+wird.+Je+gr%C3%B6%C3%9Fer+und+m%C3%A4chtiger+die+Archive%2C+desto+vielf%C3%A4ltiger+die+Ankn%C3%BCpfungspunkte%2C+desto+reichhaltiger+die+m%C3%B6glichen+Anschlussoperationen+der+Abfrage.+Die+Kontrollgesellschaft+mag+auf+dem+Vormarsch+sein%2C+aber+die+dahinter+stehende+Macht+wird+den+durch+sie+ausgel%C3%B6sten+Kontrollverlust+nicht+%C3%BCberleben.%0D%0A%0D%0ADerrida+hat+bei+seiner+Besch%C3%A4ftigung+mit+dem+Archiv%2C+halb+ernsthaft%2C+halb+aus+Provokation+eine+Wissenschaft+des+Archivs+vorgeschlagen%3A+eine+Archivologie.+Mir+scheint+es+heute+ein+notwendiges+und+lohnendes+Projekt+statt+einer+Archivologie%2C+eine+Queryologie+-+eine+Wissenschaft+der+Abfragesysteme+-+zu+verfolgen.+Eine+Wissenschaft%2C+die+statt+die+Bedingungen+der+M%C3%B6glichkeit+von+Archivierung%2C+die+vielf%C3%A4ltigen+Auswirkungen+der+Abfrage+untersucht%2C+die+von+der+Googlesuche%2C+bis+zu+den+Browsertechnologien+l%C3%A4ngst+die+Brennweite+unseres+Wissens+geworden+ist.%0D%0A%0D%0ALiteratur%3A%0D%0A%0D%0A%09Derrida%2C+Jacques%3A+Dem+Archiv+verschrieben%2C+Berlin+1997.%0D%0A%09Derrida%2C+Jacques%3A+Die+Schrift+und+die+Differenz%2C+Frankfurt%2FM+1981.%0D%0A%09Foucault%2C+Michel%3A+Arch%C3%A4ologie+des+Wissens%2C+Frankfurth%2FM+1981.%0D%0A%09Seemann%2C+Michael%3A+Vom+Kontrollverlust+zur+Filtersouver%C3%A4nit%C3%A4t%2C+in%3A+Heinrich+B%C3%B6ll+Stiftung%3A+%23public_life+-+Digitale+Intimit%C3%A4t%2C+die+Privatsph%C3%A4re+und+das+Netz%2C+Berlin+2011.%0D%0A&amp;tags=ach%C3%A4ologie%2Carchiv%2Cdeleuze%2Cderrida%2Cfoucault%2Ckontrolle%2Ckontrollgesellschaft%2Ckontrollverlust%2Cphilosophie%2Cvortrag%2Cblog" 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		<title>Was wäre echte Netzneutralität?</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 18:57:08 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wenn man sich in die Tiefen der Netzneutralitäts/Quality of Service Debatte einliest, merkt man schnell, dass das alles nicht so einfach ist. Schließlich ist die Topographie des Netzes nicht wirklich gleichmäßig und die Datenströme verteilen sich ebenso ungleichmäßig. Provider arbeiten schon lange daran, mithilfe von Priorisierungen und intelligentem Routing die Datenströme einigermaßen im Zaum zu halten. Egal wie man zur Netzneutralität steht, QoS gibt es und es ist notwendig und es ist auch wichtig für den Nutzer und es kann nicht darum gehen, dass den Providern verboten wird, ihren Traffic zu managen. Was Netzneutralität aber will, ist, dass jenseits von Maßnahmen zur Sicherung der Standards, Daten nicht nach ihrer Art oder Herkunft beliebig ausgebremst oder bevorzugt oder gar ganz aussortiert werden. Die Idee dahinter ist die einer neutralen Infrastruktur. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem aus politischen Beweggründen. Was wäre Meinungsfreiheit heute schließlich noch wert, wenn die Infrastrukturbetreiber oder Politiker heimlich darüber entscheiden können, welche Nachricht wie, ob und in welcher Qualität ankommt? In der Frage der Umsetzung jedoch scheiden sich die Geister. Wollen wir Netzneutralität staatlich garantieren, also eine Regulierung zur Nichtregulierung einführen? Oder sollten wir lieber ordnungspolitisch für einen vitalen Wettbewerb sorgen, und darauf hoffen, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/was-ware-echte-netzneutralitat/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man sich in die Tiefen der Netzneutralitäts/<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Quality_of_Service">Quality of Service</a> Debatte einliest, merkt man schnell, dass das alles nicht so einfach ist. Schließlich ist die Topographie des Netzes nicht wirklich gleichmäßig und die Datenströme verteilen sich ebenso ungleichmäßig. Provider arbeiten schon lange daran, mithilfe von Priorisierungen und intelligentem Routing die Datenströme einigermaßen im Zaum zu halten. Egal wie man zur Netzneutralität steht, QoS gibt es und es ist notwendig und es ist auch wichtig für den Nutzer und es kann nicht darum gehen, dass den Providern verboten wird, ihren Traffic zu managen.</p>
<p>Was Netzneutralität aber will, ist, dass jenseits von Maßnahmen zur Sicherung der Standards, Daten nicht nach ihrer Art oder Herkunft beliebig ausgebremst oder bevorzugt oder gar ganz aussortiert werden. Die Idee dahinter ist die einer <em>neutralen</em> Infrastruktur. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem aus politischen Beweggründen. Was wäre Meinungsfreiheit heute schließlich noch wert, wenn die Infrastrukturbetreiber oder Politiker heimlich darüber entscheiden können, welche Nachricht wie, ob und in welcher Qualität ankommt?</p>
<p>In der Frage der Umsetzung jedoch scheiden sich die Geister. Wollen wir Netzneutralität staatlich garantieren, also eine Regulierung zur Nichtregulierung einführen? Oder sollten wir lieber ordnungspolitisch für einen vitalen Wettbewerb sorgen, und darauf hoffen, dass sich dann die netzneutralen Anbieter am Markt durchsetzen?<br />
<span id="more-1056"></span><br />
Ich bin mittlerweile gegenüber beiden Ansätzen skeptisch. Der Marktansatz wird zu viele Extrasondersuperangebote hervorbringen, die mit sehr eingeschränkten Datenverbindungen viele Konsumentenwünsche befriedigen. Man kann das bereits daran sehen, dass Facebook schon heute fast überall auf der Welt für umsonst aufzurufen ist, weil es weltweit entsprechende Deals eingefädelt hat. Die meisten Smartphonenutzer haben eh nur eine App installiert: Facebook. Für viele reicht das auch, was sollen sie monatlich viel Geld ausgeben für dieses ominöse &#8220;Internet&#8221;?</p>
<p>Aber auch den staatlichen Ansatz sehe ich zunehmend kritisch. Erstens sind alle Regularien staatlicherseits schwer durchsetzbar, besonders wenn es um das Internet geht. Und gleichzeitig geraten wir in das selbe Dilemma, in dem der Datenschutz längst steckt. Sobald es staaliche oder quasistaatliche Institutionen sind, die die Netzneutralität garantieren sollen, wird sie auch genau von diesen nach gut dünken eingeschränkt werden. So wie es in der Politik keinesfalls als widersprüchlich gesehen wird, Facebooks Likebutton zu verbieten und gleichzeitig die Vorratsdatenspeicherung einzuführen, wird man auch gerade trotz eines Netzneutralitätsgesetzes nicht davor zurückschrecken, Netzsperren einzuführen. Sobald Netzneutralität ein Recht ist, kann man ihm auch Schranken geben, wenn es politisch opportun erscheint. Vielleicht könnte ein Netzneutralitätsgesetz die wirtschaftlichen Begehrlichkeiten der hiesigen Provider einschränken, aber den Meinungsfreiheitsaspekt haben wir damit noch lange nicht gewonnen. Im Gegenteil.</p>
<p>Von Netzneutralitätsbefürwortern wird gerne der Vergleich mit den Straßen angebracht: Die Straße entscheidet auch nicht, ob ein Auto auf ihr fahren darf, egal, ob ein Bankräuber oder ein Familienvater drin sitzt. Aber der Vergleich beginnt zu hinken, sobald wir intelligente Straßen annehmen. Sollten die Straßen eines Tages erkennen können, wer in dem Auto sitzt, wird auch die Politik von den Straßenbetreibern fordern, Bankräuber zum Halten zu zwingen. Und wenn sie grad dabei sind, auch gleich den Falschparker mit.</p>
<p>Das Internet wird &#8211; vor allem durch Technologien wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Packet_Inspection">Deep Packet Inspection</a> &#8211; zunhemend zur intelligenten Straße. Und weil es das wird, wird der Druck von allen Seiten gegen die Netzneutralität größer. Und damit geraten wir in das Dilemma der Verantwortlichkeit, das alles, was auf der Infrastruktur passiert zu einem Politikcum macht. &#8220;<em>Wenn wir wissen, dass X passiert, warum stoppen wir es dann nicht?</em>&#8221;</p>
<p>Ich gewinne also den Eindruck, dass wir noch gar nicht richtig ausgesprochen haben, was wir mit Netzneutralität wirklich wollen.</p>
<p>Eigentlich wollen wir unintelligente, blinde und dumme Straßen. Das wird sich aber nicht machen lassen, denn die Technologie wird ja nicht wieder weggehen. Gut. Alternativ hätten wir dann gerne Straßen, die zwar wissen <em>könnten</em>, aber aber nicht <em>wollen</em>. Auf lange Frist ist auch das unmöglich, denn so lange wir in einer Demokratie leben, wird das Wegsehen bei gewissen Verbrechen nicht durchsetzbar sein. Die Kinderpornokeule ist noch warm, alles weitere wird folgen.</p>
<p>Es gibt da eine weitere Möglichkeit. Als Mubarak in Ägypten den sogenannten &#8220;Kill Switch&#8221; umlegte und fast das ganze Land kein Internet mehr hatte, kamen die Hacker von <a href="http://telecomix.org/">Telecomix</a> auf eine Idee. Sie besorgten sich Hard- und Software alter Modem-Einwahlserver und faxten die Einwahlnummern an ägyptische Faxgeräte, die sie auf ägyptischen Seiten im Googlecache fanden. Sie stachen viele kleine Löcher in Mubaraks Abschottungspanzer, durch die das Internet scheinen konnte.</p>
<p>Es war nicht viel, aber aber mehr als nichts. Es schaffte ein kleines Stück freies Internet, jenseits der Kontrolle von den staatlichen Strukturen. In dem <a href="http://cre.fm/cre188">zugehörigen CRE</a> philosophiert der Telecomix-Aktivist Stephan Urbach darüber, dass sie mit dieser Aktion im Grunde die Souveränität des Ägyptischen Staates verletzt hatten. In anderen Zeiten, unter anderen Umständen hätte sowas Krieg bedeuten können.</p>
<p>Das, was Telecomix dort machte, im kleinen, ist die Lösung, die wir eigentlich haben wollen. Was wir wollen, ist eine Infrastruktur, die nicht zu kontrollieren ist. Wir wollen, dass, sobald sich jemand am Netzes vergreift, es sich andere Weg sucht. Es ist das was <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/John_Gilmore_(activist)">John Gilmore</a> schon 1993 &#8211; etwas vorschnell &#8211; in &#8220;<a href="http://www.chemie.fu-berlin.de/outerspace/internet-article.html">The first Nation Internet</a>&#8221; als das Wesen des Internets beschrieb:</p>
<blockquote><p>The Net interprets censorship as damage and routes around it.</p></blockquote>
<p>Schön wär&#8217;s.</p>
<p>In dem genannten CRE erzählt Stephan Urbach noch, wie sich die Telecomix-Aktivisten auf dem CCC-Camp 2011 zusammenfanden und beschlossen, sich aufzulösen. Sie machten dazu eine Session, um es offziell zu machen. Aber sie lösten sich nicht selbst auf. Sie riefen <em>Cameron</em> an &#8211; eine imaginäre, KI-ähnliche Entität &#8211; um Telecomix herunterzufahren. Das Sebstbild des &#8220;Telecomix Systems&#8221; kann man <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bxQS98gKW3U">in diesem Video</a> betrachten. Es ist ein posthumaner Organismus, der im Internet lebt. (Sie haben sich dann doch wieder zusammengerauft.)</p>
<p>Ein wenig in diese Richtung, nur noch größenwahnsinniger, geht auch das Projekt &#8220;Global Grid&#8221;, dass auf dem 28c3 <a href="http://www.bbc.co.uk/news/technology-16367042">vorgestellt</a> wurde. Man will selbst ein Netz von Satelliten betreiben, das als Fallback-Internetinfrastruktur dienen kann, wenn durchgeknallte Diktatoren Kill-Switches umlegen &#8211; oder auch nur demokratisch legitimierte Parlamente solche Schweinereien wir <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stop_Online_Piracy_Act">SOPA</a> beschließen.</p>
<p>Denkt man all das zu Ende, dann gelangt man zu einer Internetstruktur des institutionalisierten, posthumanen Kontrollverlusts, als die einzig wahre Netzneutralität. Keine Macht für niemand! Ein Internet, dass sich jedem Zugriff entzieht. Egal wem, egal mit welcher Legitimation. Ein Internet, dass Netzneutralität aus sich heraus garantiert &#8211; und im Zweifelsfall auch schützt. Wir wollen ein Internet, das sich selbst verwaltet, nicht abschaltbar ist, keine Eingriffe gestattet, sich selbst intelligent erneuert und erweitert, nicht mehr von Menschen kontrollierbar ist, sich vielleicht im Zweifel sogar gegen jeden menschlichen Eingriff wehrt.</p>
<p>Ja, richtig gehört, was wir eigentlich wollen, ist im Grunde <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Skynet_(Terminator)">Skynet</a>.</p>
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ja+nicht+wieder+weggehen.+Gut.+Alternativ+h%C3%A4tten+wir+dann+gerne+Stra%C3%9Fen%2C+die+zwar+wissen+k%C3%B6nnten%2C+aber+aber+nicht+wollen.+Auf+lange+Frist+ist+auch+das+unm%C3%B6glich%2C+denn+so+lange+wir+in+einer+Demokratie+leben%2C+wird+das+Wegsehen+bei+gewissen+Verbrechen+nicht+durchsetzbar+sein.+Die+Kinderpornokeule+ist+noch+warm%2C+alles+weitere+wird+folgen.%0D%0A%0D%0AEs+gibt+da+eine+weitere+M%C3%B6glichkeit.+Als+Mubarak+in+%C3%84gypten+den+sogenannten+%22Kill+Switch%22+umlegte+und+fast+das+ganze+Land+kein+Internet+mehr+hatte%2C+kamen+die+Hacker+von+Telecomix+auf+eine+Idee.+Sie+besorgten+sich+Hard-+und+Software+alter+Modem-Einwahlserver+und+faxten+die+Einwahlnummern+an+%C3%A4gyptische+Faxger%C3%A4te%2C+die+sie+auf+%C3%A4gyptischen+Seiten+im+Googlecache+fanden.+Sie+stachen+viele+kleine+L%C3%B6cher+in+Mubaraks+Abschottungspanzer%2C+durch+die+das+Internet+scheinen+konnte.%0D%0A%0D%0AEs+war+nicht+viel%2C+aber+aber+mehr+als+nichts.+Es+schaffte+ein+kleines+St%C3%BCck+freies+Internet%2C+jenseits+der+Kontrolle+von+den+staatlichen+Strukturen.+In+dem+zugeh%C3%B6rigen+CRE+philosophiert+der+Telecomix-Aktivist+Stephan+Urbach+dar%C3%BCber%2C+dass+sie+mit+dieser+Aktion+im+Grunde+die+Souver%C3%A4nit%C3%A4t+des+%C3%84gyptischen+Staates+verletzt+hatten.+In+anderen+Zeiten%2C+unter+anderen+Umst%C3%A4nden+h%C3%A4tte+sowas+Krieg+bedeuten+k%C3%B6nnen.%0D%0A%0D%0ADas%2C+was+Telecomix+dort+machte%2C+im+kleinen%2C+ist+die+L%C3%B6sung%2C+die+wir+eigentlich+haben+wollen.+Was+wir+wollen%2C+ist+eine+Infrastruktur%2C+die+nicht+zu+kontrollieren+ist.+Wir+wollen%2C+dass%2C+sobald+sich+jemand+am+Netzes+vergreift%2C+es+sich+andere+Weg+sucht.+Es+ist+das+was+John+Gilmore+schon+1993+-+etwas+vorschnell+-+in+%22The+first+Nation+Internet%22+als+das+Wesen+des+Internets+beschrieb%3A%0D%0A%0D%0AThe+Net+interprets+censorship+as+damage+and+routes+around+it.%0D%0ASch%C3%B6n+w%C3%A4r%27s.%0D%0A%0D%0AIn+dem+genannten+CRE+erz%C3%A4hlt+Stephan+Urbach+noch%2C+wie+sich+die+Telecomix-Aktivisten+auf+dem+CCC-Camp+2011+zusammenfanden+und+beschlossen%2C+sich+aufzul%C3%B6sen.+Sie+machten+dazu+eine+Session%2C+um+es+offziell+zu+machen.+Aber+sie+l%C3%B6sten+sich+nicht+selbst+auf.+Sie+riefen+Cameron+an+-+eine+imagin%C3%A4re%2C+KI-%C3%A4hnliche+Entit%C3%A4t+-+um+Telecomix+herunterzufahren.+Das+Sebstbild+des+%22Telecomix+Systems%22+kann+man+in+diesem+Video+betrachten.+Es+ist+ein+posthumaner+Organismus%2C+der+im+Internet+lebt.+%28Sie+haben+sich+dann+doch+wieder+zusammengerauft.%29%0D%0A%0D%0AEin+wenig+in+diese+Richtung%2C+nur+noch+gr%C3%B6%C3%9Fenwahnsinniger%2C+geht+auch+das+Projekt+%22Global+Grid%22%2C+dass+auf+dem+28c3+vorgestellt+wurde.+Man+will+selbst+ein+Netz+von+Satelliten+betreiben%2C+das+als+Fallback-Internetinfrastruktur+dienen+kann%2C+wenn+durchgeknallte+Diktatoren+Kill-Switches+umlegen+-+oder+auch+nur+demokratisch+legitimierte+Parlamente+solche+Schweinereien+wir+SOPA+beschlie%C3%9Fen.%0D%0A%0D%0ADenkt+man+all+das+zu+Ende%2C+dann+gelangt+man+zu+einer+Internetstruktur+des+institutionalisierten%2C+posthumanen+Kontrollverlusts%2C+als+die+einzig+wahre+Netzneutralit%C3%A4t.+Keine+Macht+f%C3%BCr+niemand%21+Ein+Internet%2C+dass+sich+jedem+Zugriff+entzieht.+Egal+wem%2C+egal+mit+welcher+Legitimation.+Ein+Internet%2C+dass+Netzneutralit%C3%A4t+aus+sich+heraus+garantiert+-+und+im+Zweifelsfall+auch+sch%C3%BCtzt.+Wir+wollen+ein+Internet%2C+das+sich+selbst+verwaltet%2C+nicht+abschaltbar+ist%2C+keine+Eingriffe+gestattet%2C+sich+selbst+intelligent+erneuert+und+erweitert%2C+nicht+mehr+von+Menschen+kontrollierbar+ist%2C+sich+vielleicht+im+Zweifel+sogar+gegen+jeden+menschlichen+Eingriff+wehrt.%0D%0A%0D%0AJa%2C+richtig+geh%C3%B6rt%2C+was+wir+eigentlich+wollen%2C+ist+im+Grunde+Skynet.&amp;tags=internet%2Cki%2Ck%C3%BCnstliche+intelligenz%2Cnetzneutralit%C3%A4t%2Cnetzsperren%2Cplattformneutralit%C3%A4t%2Cpolitik%2Cposthumanismus%2Cskynet%2Csopa%2Cblog" 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		<title>Queryology: Googles ehemaliges Geschäftsmodell</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Nov 2011 13:03:58 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Plattformneutralität]]></category>
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		<description><![CDATA[Oft ist es ja so, dass man erst versteht, was etwas wert war, wenn es weg ist. Mir geht das so mit Google. Klar, man hielt immer in eine gewisse kritischen Distanz zu diesem Riesen. Seine Macht und seine Reichweite und vor allem auch seine Unersetzlichkeit machten es einem schwer, das Unternehmen nicht unheimlich zu finden. Aber da gab es auch immer diese andere Komponente. Googles Erfolg kam nicht von ungefähr, er hatte gute Gründe. Google war das Unternehmen, das wie kein anderes das Web verstanden hatte. Auch wenn wir nicht mal wirklich verstanden, was genau sie verstanden hatten. Doch die Zeiten sind vorbei. Und weil sie vorbei sind, geben sie den Blick frei auf das, was fehlt. Die Lücke, die klafft hat einen Umriss und eine Ausdehnung und erlaubt so, sie zu vermessen und zu beschreiben. Was ich hier tun möchte. Was ist passiert? Seit Google G+ nicht nur eingeführt, sondern es als sein integralen, alles miteinander vernetzenden Dienst auserkoren hat, hat Google nicht nur eine ganze Menge Produkte und Dienste rausgeschmissen, sondern auch seinen zentralen Glaubenssatz. Der geht etwa folgendermaßen: Das Internet ist unser Freund. Wenn das Internet sich weiterentwickelt &#8211; egal in welche Richtung, egal durch wen &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/queryology-googles-ehemaliges-geschaftsmodell/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oft ist es ja so, dass man erst versteht, was etwas wert war, wenn es weg ist. Mir geht das so mit Google. Klar, man hielt immer in eine gewisse kritischen Distanz zu diesem Riesen. Seine Macht und seine Reichweite und vor allem auch seine Unersetzlichkeit machten es einem schwer, das Unternehmen nicht unheimlich zu finden.</p>
<p>Aber da gab es auch immer diese andere Komponente. Googles Erfolg kam nicht von ungefähr, er hatte gute Gründe. Google war das Unternehmen, das wie kein anderes das Web verstanden hatte. Auch wenn wir nicht mal wirklich verstanden, was genau sie verstanden hatten.</p>
<p>Doch die Zeiten sind vorbei. Und weil sie vorbei sind, geben sie den Blick frei auf das, was fehlt. Die Lücke, die klafft hat einen Umriss und eine Ausdehnung und erlaubt so, sie zu vermessen und zu beschreiben. Was ich hier tun möchte.</p>
<p>Was ist passiert? Seit Google G+ nicht nur eingeführt, sondern es als sein integralen, alles miteinander vernetzenden Dienst auserkoren hat, hat Google nicht nur eine ganze Menge Produkte und Dienste rausgeschmissen, sondern auch seinen zentralen Glaubenssatz. Der geht etwa folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Das Internet ist unser Freund. Wenn das Internet sich weiterentwickelt &#8211; egal in welche Richtung, egal durch wen und wer daran verdient &#8211; es ist gut für uns.</p></blockquote>
<p><span id="more-1030"></span><br />
Diese Haltung war es, die Google lange Zeit veranlasste, Dienste und Tools in die Runde zu werfen, die Dinge grandios erledigten und kostenfrei zu nutzen waren (und nein, es war nicht überall Werbung drauf). Und wenn man nach der Geschäftslogik dieser Freigiebigkeit fragte: siehe oben.</p>
<p>Mit der Abschaltung vieler APIs bzw. der Kostenpflichtigmachung der Maps-API wird diese Politik zu Grabe getragen. Auch schon Google Plus weicht extrem von der einstigen offenen Grundhaltung ab. Keine (bis heute kaum eine) API, Contenteinschließung durch Circles, Realname-Policy, etc. Auch die Selbstverstümmelung des GoogleReaders zugunsten der bescheidenen Möglichkeiten auf Google Plus spricht dieselbe Sprache: <em>Wir wollen nichts mehr weggeben. Wir wollen keinen anarchistischen Krautwuchs mehr. Wir wollen jetzt alles kanalisieren und kontrollieren.</em></p>
<p>Es ist an dieser Stelle hinzuzufügen, dass Google hier nicht eine Strategie fährt, die besonders neu ist. Dort, wo Google sich hinbewegt, sind schon alle. Da ist Facebook, da ist Yahoo!, da sind Microsoft und Apple. Es geht um die Kontrolle der Plattform, vertikale Integration, Eingrenzung und Ausbau des Ökosystems.<em> Schließt die Tore!</em></p>
<p>Die Frage ist also eher: warum konnte Google so lange <em>anders</em> sein?</p>
<p>Antwort: <strong>Weil Google ein vollkommen <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">queryologisches</a> Geschäftsmodell hat (hatte?).</strong></p>
<p>Google konnte nicht nur der anarchistischen und unkontrollierten Verbreitung des Internets gelassen zuschauen, sondern es war in seinem Interesse, diese Entwicklung auch unterstützen. Googles Geschäftsmodell war, die beste Query anzubieten, um sich in diesem Dschungel zurechtzufinden. Je größer, reichhaltiger und chaotischer der Dschungel war, desto wertvoller war Googles Dienstleistung, ihn für die Nutzer zu durchforsten. </p>
<p>Im Gegensatz zu Facebook, die die Leute auf ihre Plattform locken, um ihre Daten dann dort einzusperren, war für Google das ganze Web die Plattform. Facebook reduziert die Komplexität des Webs auf seine vereinfachenden Strukturen. Google reduzierte die Komplexität des Webs nicht, sondern perfektionierte nur die Query auf das Chaos. Das ganze Web war die Plattform und Google war das Tool &#8211; die Maske, die wie ein Layer darüber lag &#8211; die es erst nutzbar machte. Google war das GUI des Webs. (Wir reden oft über die &#8220;Macht des Links&#8221;. Aber was ist ein Link, wenn kein Algorithmus da ist, der ihn auswertet?)</p>
<p>Ich bin mir nicht ganz sicher, was Google dazu bewegt hat, diese Haltung aufzugeben. Sicher spielt der enorme Erfolg von Facebook eine Rolle. Facebook ist nicht sinnvoll indizierbar, weil die Daten von außen nicht zugänglich sind. Wenn sich aber ein Großteil der Kommunikationen hinter verschlossenen Türen abspielen, greift das Googles Geschäftsmodell an. Und die Funktionalität ihres Services.</p>
<p>Ich kann das nicht wirklich einschätzen, aber ich würde davon ausgehen, dass diese Gefahr durchaus handhabbar ist. Wer an das freie Web glaubt, gibt es nicht so schnell auf. Google hat es aber anscheinend getan. Wie ich finde, ohne Not.</p>
<p>Ich persönlich glaube weiterhin an das freie Web, trotz Facebook und jetzt Google+ (und obwohl auch Twitter immer weiter in die Richtung der Geschlossenheit marschiert). Auch wenn man nun davon ausgehen muss, dass man Google als Mitstreiter verloren hat. Aber es werden neue Anbieter kommen, ein neues Google, das mit einer neuen queryologischen Idee die ganze Reichhaltigkeit des Netzes zugänglich macht, ohne sie zu reduzieren.</p>
<p><strong>PS:</strong> <em>Was kann man tun? Antwort: Wer limited shared unterstützt Datensilos! Macht alles public, öffnet den Stream, vervielfältigt und spiegelt ihn! Privacy-Einstellungen sind der Feind des freien Webs!</em></p>
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		<title>Vortrag: Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe!</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 11:06:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[/********** Am 17. und 18. November fand ein Innovationsworkshop der Deutsche Digitalen Bibliothek statt. Das ist großes Projekt einer allgemeinen Dateninfrastruktur zur Zugänglichmachung aller möglichen Digitalisate &#8211; Bücher, Kunstwerke aller Art, archäologische Funde, etc. über das Internet. Außer mir waren fast nur Experten aus allen möglichen Sparten zugegen und es war wahnsinnig spannend so einen tiefen Einblick in das Projekt zu gewinnen. Ich selbst war eingeladen, um über die Queryology zu sprechen. Ich habe den Auftrag einfach mal so interpretiert, meine Ideologie des Zugänglichmachens &#8211; auch bekannt als Filtersouveränität &#8211; in den Kontext des Bibliothekswesens zu stellen. **********/ Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe! Die notwendige Gastfreundschaft des Archivs für die Möglichkeiten von morgen. Vielen Dank für die Einladung, vielen Dank auch für die einleitenden Worte. Ich bin ein eigentlich fachfremder Theoretiker, beschägtigte mich aber schon länger mit der Entwicklung von Wissenordnungen &#8211; vor allem in Zeiten des Internets. Ich möchte versuchen, ihr Vorhaben &#8211; die Deutsche Digitale Bibliothek &#8211; historisch einzuordnen und dabei die Richtung aufzeigen, in die ich glaube, dass die Aufgabe des Bibliothekars sich entwickeln könnte. Das Vorhaben der Deutschen Digitalen Bibliothek hat natürlich historische Vorbilder. Schon lange wird versucht, den einen Katalog des gesammelten Wissens &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/vortrag-vergesst-die-zukunft-der-zukunft-zu-liebe/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/**********<br />
<em>Am 17. und 18. November fand ein Innovationsworkshop der <a href="http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/">Deutsche Digitalen Bibliothek</a> statt. Das ist großes Projekt einer allgemeinen Dateninfrastruktur zur Zugänglichmachung aller möglichen Digitalisate &#8211; Bücher, Kunstwerke aller Art, archäologische Funde, etc. über das Internet. Außer mir waren fast nur Experten aus allen möglichen Sparten zugegen und es war wahnsinnig spannend so einen tiefen Einblick in das Projekt zu gewinnen.</p>
<p>Ich selbst war eingeladen, um über die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Queryology</a> zu sprechen. Ich habe den Auftrag einfach mal so interpretiert, meine Ideologie des Zugänglichmachens &#8211; auch bekannt als <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/filtersouveranitat/">Filtersouveränität</a> &#8211; in den Kontext des Bibliothekswesens zu stellen. </em><br />
**********/</p>
<p><strong>Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe!<br />
Die notwendige Gastfreundschaft des Archivs für die Möglichkeiten von morgen.</strong></p>
<p>Vielen Dank für die Einladung, vielen Dank auch für die einleitenden Worte. Ich bin ein eigentlich fachfremder Theoretiker, beschägtigte mich aber schon länger mit der Entwicklung von Wissenordnungen &#8211; vor allem in Zeiten des Internets. Ich möchte versuchen, ihr Vorhaben &#8211; die Deutsche Digitale Bibliothek &#8211;  historisch einzuordnen und dabei die Richtung aufzeigen, in die ich glaube, dass die Aufgabe des Bibliothekars sich entwickeln könnte.</p>
<p>Das Vorhaben der Deutschen Digitalen Bibliothek hat natürlich historische Vorbilder. Schon lange wird versucht, den <em>einen</em> Katalog des gesammelten Wissens anzulegen. In Deutschland scheiterte kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe daran, einen Gesamtkatalog der Weimarer und den Jenaer Bibliotheken zusammenzustellen. Einige Jahrzehnte später wurde das Projekt wieder aufgenommen. Diesmal sollte daraus der Gesamtkatalog aller preussischen Bibliotheken werden &#8211; der Königlichen Bibliothek und den 10 preußischen Regionalbibliotheken. </p>
<p>1888 offiziell gestartet, entwickelte sich das Projekt zu einer vielköpfigen Hydra. Der schiere Wust an heterogener Literatur, sowie die Verschiedenheiten der Ordnungs- und Notationssysteme ließen auch dieses Unternehmen scheitern. Der erste Band des Katalogs sollte erst 1931 erscheinen. 1979 kam der letzte Band heraus &#8211; er reicht bis &#8220;<em>Belych</em>&#8220;.<br />
<span id="more-1013"></span><br />
Mitten in diesem Chaos, um 1905 ging ein Erlass von Friedrich Althoff &#8211; einer der Verantwortlichen &#8211; an alle beteiligten Bibliotheken heraus. Um den enormen Massen an Beständen Herr zu werden &#8211; war man bereit zu drastischen Mitteln zu greifen: Die Bestände sollten gelichtet werden. Auszusortieren seien: ältere Dissertationen, Programme, Lehrbücher, populäre Literatur ohne wissenschaftlichen Wert, Natur und Reisebeschreibungen, etc. Die Bibliotheken taten wie es ihnen befohlen war, auch wenn es einige Zeit in Anspruch nahm. Es gab aber auch kritische Stimmen. Zum Beispiel aus der Bibliothek in Kiel:</p>
<blockquote><p>Der individuelle Wert jedes Buches pflegt nach dem Gewicht der geistigen Leistung bemessen zu werden, die ihm zugrunde liegt, und da unter diesem Gesichtspunkte die Skala nach oben wie nach unten unbegrenzt ist, so kann die Abschätzung allerdings oft genug bis zum Prädikat völliger Wertlosigkeit herabsinken. Anders ist es, wenn man erwägt, daß ein jedes Buch – im weitesten Sinne des Wortes – auch als historisches Dokument betrachtet werden kann und, sobald es dem Bestande einer Bibliothek angehört, auch betrachtet werden muß. Als solches besitzt es zumindest einen relativen Wert, der sinken, steigen, latent bleiben und anscheinend sogar völlig verschwinden kann, der aber alsbald hervortritt, sobald man es unter einem bestimmten Gesichtspunkt […] ansieht […]. Schon unter diesem Aspekt kann das an sich Unbedeutendste und Wertloseste Wert und Bedeutung gewinnen […] Demzufolge wird es geradezu als Pflicht jeder öffentlichen Bibliothek zu betrachten sein, ihren gesamten Bücherbestand […] ungeschmälert zu erhalten.</p></blockquote>
<p>Es wären hier viele Stellen hervorzuheben. Das Historischwerden selbst der werlosesten Dokumente beispielsweise. Doch, auch die Historisierung ist nur eine von den im Text adressierten &#8220;<em>bestimmten Gesichtspunkten</em>&#8221; unter dem sich der Bestand &#8220;<em>ansehen</em>&#8221; lässt. Die Frage &#8211; eigentlich die Hilflosigkeit &#8211; spricht aus diesen &#8220;<em>bestimmten Gesichtspunkten</em>&#8220;: Welche bestimmten Gesichtspunkte unter denen man die Bestände ansehen kann, sind noch denkbar? Sind sie überhaupt denkbar? Alle? Wie könnte man sich anmaßen, sie alle zu kennen?</p>
<p>Als Bibliothekar hat man also die unmögliche Aufgabe, in die Zukunft zu sehen. Man muss mit den Augen eines Anderen auf den eigenen Bestand schauen und zwar auch mit den Augen des ganz Anderen, des nicht vorstellbaren Anderen, des zukünftigen Anderen.</p>
<p>Man kann also nur scheitern. Und wie beim sympathischen Bibliothekar aus Kiel ist das Einräumen dieses Scheiterns vielleicht der erste Schritt, zumindest der philosophischste, im Umgang mit dem Archiv.</p>
<p>* * *</p>
<p>In der Frühzeit der Computergeschichte waren Datenbanken nicht viel anders strukturiert als Bibliotheken. Man schuf Kategorien und Unterkategorien, man gab den einzelnen Daten sprechende Signaturen und versuchte sie in eine möglichst semantische, logisch kohärente Reihenfolge zu bringen. Wer in diesen Datenbanken etwas suchte, musste nicht nur kryptische Befehlsfolgen, sondern auch ihren gesamten semantisch-, hierarchischen Aufbau kennen. Es blieb meist nicht viel anderes übrig, als sich von Verzeichnis zu Unterverzeichnis zu Unterunterverzeichnis zu hangeln, allerdings nicht selbst. Die Daten wurden meist direkt vom Spezialisten besorgt.</p>
<p>Ted Codd und der Kieler Bibliothekar hätten sich gut verstanden. Auch Codd sah die Aussichtslosigkeit des Unterfangens die Anforderungen an eine Wissensordnung schon beim Speichern zu vorherzusagen. Er suchte also einen Weg, den Prozess des Abrufens von Daten, von dem des Speicherns zu trennen. Die Intention beim Speichern sollte nicht mehr sein, eine Ordnung zu ersinnen, die für den Abrufenden nachvollziehbar ist, sondern nur eine Infrastruktur bereitzustellen, in der der Abfragende möglichst frei und direkt seine Abfragen formulieren kann.</p>
<p>Zusammen mit anderen und in zeitweiliger Konkurrenz zu Charles W. Bachmann entwickelte er in den 70er Jahren die erste relationale Datenbank &#8220;<em>Systems R</em>&#8220;. Sie gibt dem Benutzer der Datenbank eine einfache und zugleich sehr mächtige Abfragesprache zur Hand: SQL (Structured Query Language) (damals noch SEQUEL (= Structured English Query Language)). Man kann in ihr beinahe einfache englische Sätze formulieren, die dann von der Datenbank gelesen und ausgeführt werden.<br />
“SELECT Gehalt FROM Mitarbeiter;” zum Beispiel gibt alle Gehälter aus der Tabelle “Mitarbeiter” aus.</p>
<p>Die zweite, noch viel wichtigere Verbesserung ist, dass man in dieser Abfrage beliebige Felder verschiedener Tabellen miteinander verknüpfen kann. “SELECT Mitarbeiter.Gehalt FROM Mitarbeiter LEFT JOIN Abteilungen WHERE Mitarbeiter.id = Abteilungen.Leiter AND Abteilung.MitarbeiterAnzahl > 5;” Hier wird nur das Gehalt derjenigen Mitarbeiter ausgeben, die Abteilungsleiter einer Abteilung sind, die mehr als 5 Angestellte hat.</p>
<p>Es ist dabei ganz egal, wie  der Programmierer geplant hat, wie man die Datenbank benutzt und für welche Fragen sie gedacht ist. Denn was für Dinge sie ausspuckt, hängt einzig und allein von der Abfrage ab. Und der Benutzer der Datenbank ist frei, die absurdesten Abfragen an sie zu stellen. Wie hoch ist der Stromverbrauch der Etage, welche die meisten weiblichen Mitarbeiter mit über 6000 Euro Gehalt beherbergt, die einen grünen Firmenwagen haben und weniger als 80 Mails pro Monat schreiben? Kein Problem, sofern die Datensätze vorliegen.</p>
<p>Was Codd also tat, war, dass er die die Kontrolle der Daten – ihre Ordnung und all ihre Möglichkeiten – aus den Händen derer nahm, die die Daten strukturieren und einstellen und sie jenen gab, die die Daten abfragen. Es gibt keine Ordnung, bevor eine Abfrage sie nicht ordnet.</p>
<p>Seit der relationalen Datenbank, kann man nicht mehr davon sprechen, dass Daten für eine bestimmte Abfrage in der Zukunft gespeichert werden. Sie werden auch für die ganz andere Abfrage gespeichert, an die heute noch niemand denkt. </p>
<p>Die Entwicklung blieb nicht bei der relationalen Datenbank stehen. Die Emanzipation der Abfrage gegenüber dem Ordnungssystem seiner Speicherung schreitet seitdem voran. Heute verfügen wir über sehr mächtige Abfragesysteme, die es immer wieder schaffen, Beschränkungen zu überwinden, Informationen zusammenfassen oder grafisch aufbereiten, simultan zu übersetzen, zu filtern, zu korrelieren und Ergebnisse in beliebige Ordnungen zu setzen. Wir haben Feadreader, Suchmaschinen, Timelines, Notifications, Korrellationsanaylen, Adblocker und Big Data.</p>
<p>Seit der Erfindung des Computers ist die Macht der Abfrage eng an Moores Law geknüpft. Mit jeder neuen Prozessorgeneration wird die Abfrage mächtiger und emanzipiert sich weiterhin entsprechend schnell und stark von den vorhandenen Ordnungsstrukturen, das heißt: von den <em>Aufschreibesystemen</em>.</p>
<p>Der kürzlich verstorbene Medientheoretiker Friedrich Kittler hat die Medien treffend als &#8220;<em>Aufschreibesysteme</em>&#8221; bezeichnet und analysiert. Das war auch sicher die längste Zeit ausreichend und richtig. Die Theorie der Aufschreibesysteme muss aber heute um eine Theorie der <em>Abfragesysteme</em> ergänzt werden.</p>
<p>Wir leben in einer Welt, in der die Abfragesysteme durch Echtzeitstreams, Google- und Volltextsuchen längst die Brennweite des menschlichen Wissens geworden sind. Was bleibt also zu tun, wenn man auf der anderen Seite, der Seite des Archivs und des Aufschreibens, des Ordnens und Selektierens steht? Wie kann man die Herausforderungen der Abfrage des ganz Anderen adressieren?</p>
<p>Die Maßgabe unserer Zeit und die Aufgabe des Bibliothekars kann nicht mehr das Selektieren von Inhalten und die Bewerkstelligung einer Wissensordnung sein. Es kann nicht der Versuch sein, zu vorherzusehen, mit welcher Frage jemand an den Wissenschatz herantreten wird. </p>
<p>In Zeiten der emanzipierten Abfrage ist die Aufgabe des Bibliothekars die Gastfreundschaft. Der Gast &#8211; der Fremde, der Unbekannte &#8211; wird kommen und er wird eine Frage haben, mit der wir nicht rechnen. Gastfreundschaft heißt nicht, ihn mit dem abzuspeisen, was man sich gerade zurechtgelegt hat. Gastfreundschaft heißt, den Gast gerade in seiner Fremdheit und Andersartigkeit gewähren zu lassen. Es heißt, sich von den eigenen Vorurteilen zu befreien und jede Eifersucht zu überwinden.</p>
<p>Ein Bibliothekar kann nicht die Zukunft planen, er kann sie nur zu sich einladen. Er kann der Zukunft ein offenes Haus bereiten, viele Türen öffnen, durch die der Andere spazieren kann. </p>
<p>Der Bibliothekar sollte sich jede Eifersucht verkneifen. Er sollte so viele Wege zu seinen Schätzen anbieten, wie er fähig ist. Er sollte aber auch andere gewähren lassen, wenn sie Wege bauen, die die Daten erreichbar machen. Es sollte in Fragen des Zugangs kein Konkurrenzdenken geben. Es gibt keinen &#8220;<em>richtigen</em>&#8221; Weg zum Wissen. Und wenn jemand der Meinung ist, dass in diese oder jene Wand noch ein Tor gehört, zögere man nicht, sondern überreiche ihm einen Vorschlaghammer.</p>
<p>Draußen an diesem Gebäude steht das Motto dieser Institution:</p>
<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2011/11/IMG_2641.jpg"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2011/11/IMG_2641-1024x764.jpg" alt="" title="IMG_2641" width="640" height="477" class="alignleft size-large wp-image-1016" /></a> </p>
<p>Dieses Motto ist kein Motto. Es sind zwei Mottos. In den ersten vier Zeilen ist die <em>Stätte</em> frei und beherbergt die <em>freie Rede</em> und ist ein &#8220;<em>Safe Harbour</em>&#8221; für die freie Forschung.</p>
<p>In den letzten zwei Zeilen verwandelt sich der Hafen in paranoide Burg. Eine Burg, die das, was in ihr ist <em>hortet</em> und <em>schützt</em> und zwar nicht mehr das freie Wort, sondern die &#8220;<em>reine Wahrheit</em>&#8220;. Was immer das sein soll.</p>
<p>Der Unterschied kulminiert in dem Widerstreit zwischen den Worten &#8220;<em>Port</em>&#8221; und &#8220;<em>Hort</em>&#8220;. Der Port ist offen, er bietet Anschluss und Anknüpfungsmöglichkeiten. Er bietet Tore, durch die der <em>Andere/der Gast</em> hereinspazieren kann.</p>
<p>Die &#8220;<em>reine Wahrheit</em>&#8221; kennt die Zukunft schon, sie hat sie gehortet, um sie gegen das Andere zu &#8220;<em>schützen</em>&#8220;. Es ist kein Zufall, dass das freie Wort im <em>Port</em>, die reine Wahrheit aber im <em>Hort</em> seine Stätte findet.</p>
<p>Es sind zwei unterschiedliche Konzepte von Wissen, die hier in Konkurrenz stehen. Eventuell ist uns das bislang gar nicht so aufgefallen, aber dieser Widerspruch drückt sich in all den Querelen um Lizenzen, Digitalisierung und der weltweiten Verfügbarmachung des Angebots aus. </p>
<p>Ich bitte Sie, vergessen Sie die Zukunft, der Zukunft zu liebe. Man kann die Zukunft nicht planen, man kann ihr aber einen Port bauen. Je offener und freier um so besser.</p>
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		<title>Vortragsvideo: Die gesellschaftliche Singularität ist nah</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 13:30:42 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Das Video zu meinem Vortrag bei der Openmind 2011. Untitled from ms pro on Vimeo. Hier der ausformulierte Text auf (Telepolis) Tweet]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Video zu meinem Vortrag bei der <a href="http://11.openmind-konferenz.de">Openmind 2011</a>.</p>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/32136786?portrait=0" width="700" height="394" frameborder="0" webkitAllowFullScreen allowFullScreen></iframe>
<p><a href="http://vimeo.com/32136786">Untitled</a> from <a href="http://vimeo.com/user809959">ms pro</a> on <a href="http://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>
<p>Hier der ausformulierte Text auf (<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35735/1.html">Telepolis</a>)</p>
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		<title>Gute Daten, böse Daten – Kontrollverlust als Kontextverschiebung</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Nov 2011 20:03:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Letztens bin ich wieder über den &#8220;Skandal&#8221; um Daniel Cohn-Bendits Äußerungen gestoßen, die er 1975 in seinem Buch &#8220;Der große Basar&#8221; über die Sexualität von Kindern gemacht hatte. In dem Buch findet sich die Schilderung von erotischen Erlebnissen, die er angeblich als Betreuer in einem alternativen Kindergarten hatte. Später hat er diese Passagen als rein provokative Erfindung abgetan. (Die provokative Koketterie mit pädophilen Gefühlen war damals im Rahmen der &#8220;Sexuellen Revolution&#8221; nicht unüblich) Als die Aussagen gemacht wurden, waren sie ohne Frage eine Provokation. Sicher rüttelten sie auch an einem Tabu. Skandalisierungsfähig waren sie allerdings nicht. Das Buch, in dem sie geäußert wurden, wurde prominent besprochen, auch und gerade vom konservativ-bürgerlichen Lager. Und der Aufschrei war groß &#8211; wegen vieler Passagen, Werte und politischen Bekenntnissen &#8211; aber nicht wegen des Absatzes zur kindlichen Sexualität. Es sollte fast 30 Jahre dauern, nämlich bis 2001, als diese Worte wieder herausgekramt wurden und der Skandal losbrach. Cohn-Bendit hatte allerlei zu tun, sich vom Verdacht des Kindesmißbrauchs freizuschwimmen. (Es gelang vor allem durch die bezeugenden Stellungnahmen der damaligen Eltern und den von ihm betreuten Kindern.) Es ist interessant, wie diese ganz speziefische Form des Kontrollverlusts verlief. Ein Kontrollverlust passiert ja in der Regel, wenn &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/gute-daten-bose-daten-kontrollverlust-als-kontextverschiebung/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Letztens bin ich wieder über den &#8220;Skandal&#8221; um <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Cohn-Bendit">Daniel Cohn-Bendit</a>s Äußerungen gestoßen, die er 1975 in seinem Buch &#8220;Der große Basar&#8221; über die Sexualität von Kindern gemacht hatte. In dem Buch findet sich die Schilderung von erotischen Erlebnissen, die er angeblich als Betreuer in einem alternativen Kindergarten hatte. Später hat er diese Passagen als rein provokative Erfindung abgetan. (Die provokative Koketterie mit pädophilen Gefühlen war damals im Rahmen der &#8220;Sexuellen Revolution&#8221; nicht unüblich)</p>
<p>Als die Aussagen gemacht wurden, waren sie ohne Frage eine Provokation. Sicher rüttelten sie auch an einem Tabu. Skandalisierungsfähig waren sie allerdings nicht. Das Buch, in dem sie geäußert wurden, wurde prominent besprochen, auch und gerade vom konservativ-bürgerlichen Lager. Und der Aufschrei war groß &#8211; wegen vieler Passagen, Werte und politischen Bekenntnissen &#8211; aber <strong>nicht</strong> wegen des Absatzes zur kindlichen Sexualität.<br />
<span id="more-990"></span><br />
Es sollte fast 30 Jahre dauern, nämlich bis 2001, als diese Worte wieder herausgekramt wurden und der Skandal losbrach. Cohn-Bendit hatte allerlei zu tun, sich vom Verdacht des Kindesmißbrauchs freizuschwimmen. (Es gelang vor allem durch die bezeugenden Stellungnahmen der damaligen Eltern und den von ihm betreuten Kindern.)</p>
<p>Es ist interessant, wie diese ganz speziefische Form des <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlusts</a> verlief. Ein Kontrollverlust passiert ja in der Regel, wenn eine Information aus dem &#8220;<em>gemeinten</em>&#8221; Kontext ausbricht und sich in anderen verselbständigt. Das passiert auch hier. Allerdings findet hier die Kontextverschiebung nicht zwischen Kommunikationsräumen statt, sondern durch einen zeitlich fortschreitenden Wertewandel. Die Aussagen warteten wie eine Zeitkapsel darauf, zur richtigen Zeit wieder ausgegraben zu werden.</p>
<p>Wir leben heute in anderen Zeiten, mit anderen Werten. Ein Roman wie &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lolita_(Roman)">Lolita</a>&#8221; würde heute nicht mehr verlegt werden und eine Band wie die Scorpions würden keine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Virgin_Killer#Albumcover">Plattencover mehr mit nackten zehnjährigen Mädchen</a> veröffentlichen.<br />
Kein noch so provokanter Politiker würde heute noch mit pädophilen Gefühlen kokettieren. (&#8220;<em>Ich hab doch nur recherchiert!</em>&#8220;)</p>
<p>Auf einmal wird eine Aussage, die in einem anderen kulturellen, moralischen Bezugsrahmen &#8211; aber durchaus öffentlich &#8211; geäußert wurde, viele Jahre später zum echten Problem und hängt dem Autor nun an.</p>
<p>Es ist also genau die Situation, vor der uns die Datenschützer immer warnen. Diese Kontextverschiebung kann schließlich im Kleinen wie im Großen stattfinden. Das, was Jugendliche vermeintlich zu ihren Freunden auf Facebook sagen, wird vielleicht viele Jahre später den konservativen Personalchef erreichen. Oder eine völlig andere, derzeit in jeder hinsicht unproblematische Aussage kann &#8211; wenn sich der Wind dreht, der Diskurs sich verschiebt oder gar ein neuer Totalitarismus auf dem Plan tritt &#8211; zum existentiellen Problem werden. Nichts ist vor dem Kontrollverlust der Kontextverschiebung sicher.</p>
<p>Die zentralste Erzählung hierzu ist der Datenstaat der Nazis. Es ist zweifellos richtig, dass die Nazis die ersten waren, die mithilfe neuster Informationstechnologie (<a href="http://en.wikipedia.org/wiki/IBM_and_the_Holocaust#IBM_technology_in_the_camps">Hollerithmaschinen</a>) operierten und sogar den Holocaust damit organisierten. Dabei boten besetzte Länder dem oftmals Vorschub, weil auch sie bereits Zensus-Daten gesammelt hatten, oft mit Angabe der Religionszugehörigkeit ihrer Einwohner. Wie praktisch für die Nazis! Eine Information, die wahrscheinlich nicht in böser Absicht gespeichert wird, kann &#8211; sobald die Gesellschaft einen radikalen Wandel vollzieht &#8211; zum Todesurteil werden.</p>
<p>Die Erkenntnis die der Datenschutz unter anderem aus diesen Erfahrungen ableitet ist die sogenannte &#8220;Datensparsamkeit&#8221;. Behörden, Unternehmen und überhaupt alle Institutionen, die mit Daten operieren, sollen nur das wirklich Notwendigste speichern und möglichst auch nur, solange die Daten wirklich gebraucht werden.</p>
<p>Nun bin ich letztens über einen interessanten Link gestolpert. <a href="http://gawker.com/5858020/apple-hides-how-white-it-is">Apple Hides How White It Is</a>. Der Artikel beginnt mit:</p>
<blockquote><p>&#8220;A discussion about race in Silicon Valley has to start with the facts, facts the federal government already collects and many companies openly share. But Apple simply doesn&#8217;t want data about its racial makeup publicized, by anyone.&#8221;</p></blockquote>
<p>Apple (aber nicht nur Apple) behauptet, dass sie die Information welcher &#8220;Ethnie&#8221; ihre Mitarbeiter entstammen, nicht erfassen. Rasse spielt für sie keine Rolle, sagen sie. Apple will also verbergen wie stark der strukturelle Rassismus bei ihnen am Werke ist &#8211; also wie stark Weiße bevorzugt werden, so die Kritiker.</p>
<p>[Hier bitte eine dramatische Pause denken]</p>
<p>Man stelle sich kurz vor, ein großes Deutsches Unternehmen käme auf die Idee &#8220;Rasse&#8221; als Merkmal in den Mitarbeiterakten zu führen … Ich denke, der Sturm der Entrüstung wäre kaum vorstellbar. Peter Schaar und Thilo Weichert würden den nationalen Notstand ausrufen und Frank Rieger ginge in den Untergrund. </p>
<p>Lassen wir das aber zunächst mal so stehen und schauen auf ein anderes Beispiel das sehr verwandt, uns aber deutlich näher ist: Die Piratenpartei und die Genderfrage. </p>
<p>Die Piraten agrumentieren wie Apple, wenn sie sagen, &#8220;<em>bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle</em>&#8220;, deswegen wird es auch konsequenter Weise nicht in den Mitgliederdaten vermerkt &#8211; datensparsam, wie man ist. Die Piraten kämpfen sogar dafür, dass auch auf Meldeämtern das Geschlecht nicht miterfasst wird. Postgender und Datenschutz spazieren hier Hand in Hand.</p>
<p>Die Argumentation, mit der Apple in den Staaten angegangen wird ist nun folgende: Wenn die &#8220;Rasse&#8221; nicht erfasst wird, wenn es also keine Daten darüber gibt, wie und in welchem Umfang Menschen mit bestimmter Hautfarbe diskriminiert werden, können wir Rassismus auch nicht bekämpfen. Analog verläuft die Kritik an der Postgenderidee der Piraten: wenn man die Relevanz von &#8220;Geschlecht&#8221; leugnet, wird man &#8211; sprichwörtlich &#8211; blind gegenüber den strukturellen Benachteilung von Frauen. Und tatsächlich: ob die Piratenpartei wirklich ein &#8220;Frauenproblem&#8221; hat und wie stark es ist und wie genau es sich ausdrückt (bspw. Frauen in Ämtern/Frauen in der Partei), kann nicht abschließend beantwortet werden, solange die Piraten diese Daten nicht erheben.</p>
<p>Die oben genannte Kontextverschiebung hat also wiedermal zugeschlagen &#8211; nur in die völlig andere Richtung. Emanzipative, antirassistische und feministische Kräfte brauchen die Daten, um gegen Rassismus und Sexismus kämpfen zu können.</p>
<p>Ich glaube, wir können aus diesen immer wieder verwirrenderen Ambivalenzen zumindest zwei Lehren ziehen:</p>
<p>1. Der Kontext kann sich <em>immer</em> verschieben. Wir wissen aber niemals welcher Kontext und in welche Richtung. Der Kontrollverlust besagt, dass wir nicht wissen können, was morgen Daten sein werden. Es ist also auch möglich, dass die Öffentlichkeit ganz neue Intoleranzen hervorbringt, die vollkommen unvorhergesehene Kontextverschiebungen verursachen. Keine Aussage kann als sicher gelten. Die einzig gangbare Lösung wäre das Ende der öffentlichen Äußerung, also das vorauseilende Ducken gegenüber jeder möglichen, vielleicht hereinbrechenden Intoleranz. Ich denke aber kaum, dass das erstrebenswert ist, jedenfalls für die meisten Nichtdatenschützer.</p>
<p>2. Die Kontextverschiebung kann sogar so weit gehen, dass die Daten, die heute noch als gefährliches Diskriminierungspotential erachtet werden, morgen dazu genutzt werden, Diskriminierung aufzudenken, sichtbar zu machen und so effektiver zu bekämpfen. </p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Daten sind nicht ansich böse, ihre jeweilige Verwendung kann es sein. Der ewige Verweis auf die Nazis mit ihren Hollerithmaschinen bringt uns nicht weiter. Es waren Menschen, die getötet haben, nicht die Daten. Wir sollten uns besser darauf konzentrieren, Intoleranz und Rassismus zu verhindern, statt uns vorbeugend vor ihnen zu verstecken. Und wir sollten dabei auch immer in Betracht ziehen, dass Daten uns im Kampf gegen die Intoleranz auch unterstützen können, ja, dass sie vielleicht sogar unerlässlich sind.</p>
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		<title>Transprivacy: Eine kurze Geschichte der Postprivacy</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Nov 2011 15:30:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[/****** Für das Kunstprojekt Transparivacy habe ich in drei Teilen den Verlauf der Diskussion um Postprivacy in Deutschland aufgeschrieben. Ich glaube, es ist ein guter Einstieg in das Thema, wenn man nachvollziehen kann, wie sich der Diskurs entwickelt hat. ******/ Teil I: Postprivacy, Kontrollverlust und das &#8220;German Paradox&#8221; Es war kurz nach Weihnachten im Jahre 2008 &#8211; der Chaos Computer Club veranstaltete wie jedes Jahr seinen großen Kongress in Berlin &#8211; als ein junger Mann namens Christian Heller die Bühne betrat um seinen Vortrag zu halten. [Weiterlesen >>] * * * Teil II: StreetView, Wikileaks und die liquide Demokratie Es war noch im Frühjahr 2010 als in Form des Google-StreetView-Autos die Datensammelei ein Gesicht bekam. Auch auf deutschen Straßen fuhren sie nun und fotografierten die Hausfassaden und die Medien wurden nicht müde, diese &#8220;Bedrohung&#8221; zu dokumentieren und vor ihr zu warnen. [Weiterlesen >>] * * * Teil III: Filtersouveränität, Spackeria und die Datenschutzkritik Im Oktober des Jahres 2010 waren Christian Heller und ich auf eine Konferenz eingeladen, die von der Piratenpartei organisiert wurde, sich aber nicht nur an Piraten richtete. Die Openmind sollte eine kleine Konferenz werden, auf der durchaus unausgegorene, aber umso freigeistige Ideen und Utopien vorgestellt werden sollten. &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/transprivacy-eine-kurze-geschichte-der-postprivacy/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/******<br />
<em>Für das Kunstprojekt <a href="http://www.transprivacy.com/">Transparivacy</a> habe ich in drei Teilen den Verlauf der Diskussion um Postprivacy in Deutschland aufgeschrieben. Ich glaube, es ist ein guter Einstieg in das Thema, wenn man nachvollziehen kann, wie sich der Diskurs entwickelt hat.<br />
</em>******/</p>
<p><strong>Teil I:</strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/12/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-i-postprivacy-kontrollverlust-und-das-german-parad/">Postprivacy, Kontrollverlust und das &#8220;German Paradox&#8221;</a></p>
<p>Es war kurz nach Weihnachten im Jahre 2008 &#8211; der Chaos Computer Club veranstaltete wie jedes Jahr seinen großen Kongress in Berlin &#8211; als ein junger Mann namens Christian Heller die Bühne betrat um seinen Vortrag zu halten.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/12/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-i-postprivacy-kontrollverlust-und-das-german-parad/">Weiterlesen >></a>]</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p><strong>Teil II: </strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/28/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-ii/">StreetView, Wikileaks und die liquide Demokratie</a></p>
<p>Es war noch im Frühjahr 2010 als in Form des Google-StreetView-Autos die Datensammelei ein Gesicht bekam. Auch auf deutschen Straßen fuhren sie nun und fotografierten die Hausfassaden und die Medien wurden nicht müde, diese &#8220;Bedrohung&#8221; zu dokumentieren und vor ihr zu warnen.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/28/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-ii/">Weiterlesen >></a>]</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p><strong>Teil III:</strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/11/03/postprivacy-teil-iii-filtersouveraenitaet-spackeria-und-die-datenschutzkritik/">Filtersouveränität, Spackeria und die Datenschutzkritik</a></p>
<p>Im Oktober des Jahres 2010 waren Christian Heller und ich auf eine Konferenz eingeladen, die von der Piratenpartei organisiert wurde, sich aber nicht nur an Piraten richtete. Die Openmind sollte eine kleine Konferenz werden, auf der durchaus unausgegorene, aber umso freigeistige Ideen und Utopien vorgestellt werden sollten.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/11/03/postprivacy-teil-iii-filtersouveraenitaet-spackeria-und-die-datenschutzkritik/">Weiterlesen >></a>]</p>
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		<title>Nachtrag zur gesellschaftlichen Singularität</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Nov 2011 15:09:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hier ein kleiner Nachtrag zu meinem Vortragstext auf Telepolis. Worum es mir am Ende vor allem ging, ist leider nicht in seiner ganzen Tragweite rüber gekommen, wie mir scheint. Dewegen hier noch mal eine gesonderte Behandlung. Der Kontrollverlust und die damit einhergehende Machtakkumulation der Query nehmen uns einige Gewohnheitsprivilegien wie informationelle Selbstbestimmung und andere scheinbare Autonomien. Andererseits eröffnen sie ganz neue emanzipative Potentiale, nämlich &#8211; so meine These &#8211; die gesellschaftliche Organisation ohne Organisation. Und das heißt eben auch die Emanzipation von der Gängelung der Institutionen, eine Welt ohne Hierarchien und ohne den Zwang sich in allen Fragen des Politischen mit der Gruppe einigen zu müssen, in deren geographischen Bannkreis man schuldlos hineingeboren wurde. All das wird uns die technologische Query bringen, so die These. Das ist nicht so ganz utopisch und abstrakt wie es vielleicht scheint. Denn wir können Beispiele für die per Query organisierten gesellschaftlichen Prozesse schließlich schon heute beobachten und ihre Funktionsweise studieren. Nehmen wir den Immobilienmarkt. Man hatte lange Zeit die Möglichheit über regelmäßiges Studium der Zeitung und/oder durch Beauftragung eines Maklers an eine Wohnung zu kommen. All das verschlang eine Menge an monetären und nichtmonetären Transaktionskosten, setze eine Hierarchie und ein Regelwerk zwischen mir und &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/nachtrag-zur-gesellschaftlichen-singularitat/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hier ein kleiner Nachtrag zu meinem <a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35735/1.html">Vortragstext auf Telepolis</a>. Worum es mir am Ende vor allem ging, ist leider nicht in seiner ganzen Tragweite rüber gekommen, wie mir scheint. Dewegen hier noch mal eine gesonderte Behandlung.</p>
<p>Der <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlust</a> und die damit einhergehende <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-query-und-die-krise-des-archivs/">Machtakkumulation</a> der <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Query</a> nehmen uns einige Gewohnheitsprivilegien wie informationelle Selbstbestimmung und andere scheinbare Autonomien. Andererseits eröffnen sie ganz neue emanzipative Potentiale, nämlich &#8211; so meine These &#8211; die gesellschaftliche Organisation ohne Organisation. Und das heißt eben auch die Emanzipation von der Gängelung der Institutionen, eine Welt ohne Hierarchien und ohne den Zwang sich in allen Fragen des Politischen mit der Gruppe einigen zu müssen, in deren geographischen Bannkreis man schuldlos hineingeboren wurde. All das wird uns die technologische Query bringen, so die These.<br />
<span id="more-970"></span><br />
Das ist nicht so ganz utopisch und abstrakt wie es vielleicht scheint. Denn wir können Beispiele für die per Query organisierten gesellschaftlichen Prozesse schließlich schon heute beobachten und ihre Funktionsweise studieren.</p>
<p>Nehmen wir den Immobilienmarkt. Man hatte lange Zeit die Möglichheit über regelmäßiges Studium der Zeitung und/oder durch Beauftragung eines Maklers an eine Wohnung zu kommen. All das verschlang eine Menge an monetären und nichtmonetären Transaktionskosten, setze eine Hierarchie und ein Regelwerk zwischen mir und dem Vermieter in Kraft und war in seiner Effektivität eher unbefriedigend.</p>
<p>Seit freie Wohnungen und deren potentielle Mieter sich auf Plattformen treffen, können die Interessierten ihre Query sehr zielgenau auf ihre Wünsche konfigurieren und diese scannt für sie die hereinkommenden Wohnungen, matcht sie mit den Bedüfnissen und schlägt die Wohnungen gegebenfalls vor. Keine Frage, eine Wohnung ist prinzipiell einfacher geworden (von der Lage auf den jeweiligen Wohnungsmärkten mal abgesehen). </p>
<p>Die Macht der Query allerdings ist vor allem dadurch eingeschränkt, dass sie darauf angewiesen ist, dass die entsprechenden Daten, auf die sie angewendet wird, auch zur Verfügung stehen. Konkret:<br />
1. Es gehen nicht alle Wohnungsangebote auf der Plattform ein.<br />
2. Es werden diese Wohnungsangebote oftmals nur unzureichend mit Daten unterfüttert. (Badewanne, ja/nein, Balkon ja/nein), etc.</p>
<p>Ein anderes Beispiel ist die Freundesliste auf Social Networks. Ich pflege immer noch ein Adressbuch, dabei wäre das unnötig. Ich habe (fast) alle meine Kontakte in dem einen oder anderen Social Network. Wenn sich ihre Daten verändern, müßte ich eigentlich nicht mehr hingehen und den Eintrag per Hand korrigieren, wenn jeder seine Kontaktmöglichkeiten auf dem Laufenden halten würde. Aufgabenteilung wäre folgende: Ihr haltet eure Daten bereit, meine Query fasst euch zu meiner Kontaktliste zusammen.</p>
<p>Es gibt einige wenige Leute, die bereits ihre Kalander auf Google sharen (auch ich gehöre bislang nicht dazu). Wenn man als Außenstehender (oder auch Freund) einen Termin vereinbaren will, braucht es dann kein umständliches Hin-und-her-Gevorschlage mehr. Dann könnte  &#8211; alle wensentlichen Daten vorausgesetzt &#8211; sogar die Query vollautomatisch Termine vereinbaren. Ein Schritt dahin ist immerhin <a href="http://doodle.com/">doodle</a>, das tatsächlich eine große Hilfe ist, obwohl es noch recht viel persönliche Interaktion verlangt &#8211; eben weil die Leute ihre Daten nicht vorher schon bereithalten.</p>
<p>Wenn ich also von der &#8220;<em>Mächtigkeit der Query</em>&#8221; rede, dann klingt das immer wie eine <em>Selbstermächtigung</em>. Die gute, alte mcluhansche Erzählung von der Erweiterung des Selbsts durch die Auslagerung des Geistes in die mentalen Werkzeuge geht aber bei genauerer Betrachtung fehl. Wir erweitern uns nicht &#8211; die <strong>anderen</strong> erweitern uns. </p>
<p>Die Mächtigkeit meiner Query ist ganz wesentlich davon Abhängig, was <em>andere</em> an Informationen bereitstellen. Ich kann mich also nicht selbst ermächtigen, der Andere muss es tun. Nur durch seine Daten bin ich (sind wir gemeinsam) fähig, den Makler zu umgehen, umständliche Kommunikation zu vermeiden, mich einer Hierarchie und einer Institution zu verweigern und direkt mit dem Anbieter in Kontakt zu treten.</p>
<p>Und andersrum gilt ebenso: mit der Auslagerung von Daten ins Internet ermächtige ich mich nicht in erster Linie selbst, sondern den Anderen. Wenn ich private Dinge von mir Preis gebe, kann der Andere <a href="http://mspr0.de/?p=1750">sein Selbstbild daran justieren</a>. Oder mich per Query auf <a href="http://www.okcupid.com/">OKcupid</a> matchen. Mit mir einen Termin vereinbaren, mich treffen. Oder, oder, oder.</p>
<p>Wo immer wir heute schon Querybasierte Organisation sehen, stellen wir fest, dass sie Daten braucht. Möglichst vollständige, möglichst normalisierte und standardisierte Daten. Die Query und ihre emanzipative Kraft wird sich nur in einer <em>datengroßzügigen</em> Umgebung entfalten. Dort, wo mit Daten geknausert wird, kommt die Query nicht weit. Wir würden uns weiterhin auf Makler verlassen müssen, wir werden weiterhin Adressbücher pflegen müssen und Termine umständlich abstimmen. </p>
<p>Das mögen momentan nur ein paar Unbequemlichkeiten sein. Aber wir stehen ja erst am Anfang. Sobald die Query und ihre Möglichkeiten sich ausweiten, geht es nicht mehr nur um bequeme Adressbuchverwaltung, sondern um Organisation von Gesellschaft im Ganzen. Die Vermittlung von Projekten, die Anbahnung von Sexualität, das Einfädeln von Geschäften, <a href="http://wiki.piratenpartei.de/Liquid_Democracy">demokratische Prozesse</a>, die Art, wie wir konsumieren, wohnen und so weiter. All diese Dinge werden früher oder später über Query abgeabreitet. Besser, schneller, flexibler, gezielter, effektiver, selbstbestimmter und freier als es bisher der Fall ist.</p>
<p>Es ist also die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/filtersouveranitat/">Filtersouveränität</a> &#8211; besser, weil umfassender: die Querysouveränität, die sich hier wieder zeigt. Es ist das radikale Recht des Anderen, was die Gesellschaft von ihren eigenen Strukturen befreien wird. Noch ist es eine Geste, eine Ethik und vielleicht ein evolutionärer Vorteil, wenn man Daten preis gibt. Bald schon wird das eine sehr politische Frage, wenn die genannten Möglichkeiten in Reichweite kommen/bzw. die Leute sich beginnen so zu organisieren. Wer dann Daten zurückhält und damit überkomme Machtstrukturen stützt, wird bald sehr schal angesehen werden.</p>
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Dinge+von+mir+Preis+gebe%2C+kann+der+Andere+sein+Selbstbild+daran+justieren.+Oder+mich+per+Query+auf+OKcupid+matchen.+Mit+mir+einen+Termin+vereinbaren%2C+mich+treffen.+Oder%2C+oder%2C+oder.%0D%0A%0D%0AWo+immer+wir+heute+schon+Querybasierte+Organisation+sehen%2C+stellen+wir+fest%2C+dass+sie+Daten+braucht.+M%C3%B6glichst+vollst%C3%A4ndige%2C+m%C3%B6glichst+normalisierte+und+standardisierte+Daten.+Die+Query+und+ihre+emanzipative+Kraft+wird+sich+nur+in+einer+datengro%C3%9Fz%C3%BCgigen+Umgebung+entfalten.+Dort%2C+wo+mit+Daten+geknausert+wird%2C+kommt+die+Query+nicht+weit.+Wir+w%C3%BCrden+uns+weiterhin+auf+Makler+verlassen+m%C3%BCssen%2C+wir+werden+weiterhin+Adressb%C3%BCcher+pflegen+m%C3%BCssen+und+Termine+umst%C3%A4ndlich+abstimmen.+%0D%0A%0D%0ADas+m%C3%B6gen+momentan+nur+ein+paar+Unbequemlichkeiten+sein.+Aber+wir+stehen+ja+erst+am+Anfang.+Sobald+die+Query+und+ihre+M%C3%B6glichkeiten+sich+ausweiten%2C+geht+es+nicht+mehr+nur+um+bequeme+Adressbuchverwaltung%2C+sondern+um+Organisation+von+Gesellschaft+im+Ganzen.+Die+Vermittlung+von+Projekten%2C+die+Anbahnung+von+Sexualit%C3%A4t%2C+das+Einf%C3%A4deln+von+Gesch%C3%A4ften%2C+demokratische+Prozesse%2C+die+Art%2C+wie+wir+konsumieren%2C+wohnen+und+so+weiter.+All+diese+Dinge+werden+fr%C3%BCher+oder+sp%C3%A4ter+%C3%BCber+Query+abgeabreitet.+Besser%2C+schneller%2C+flexibler%2C+gezielter%2C+effektiver%2C+selbstbestimmter+und+freier+als+es+bisher+der+Fall+ist.%0D%0A%0D%0AEs+ist+also+die+Filtersouver%C3%A4nit%C3%A4t+-+besser%2C+weil+umfassender%3A+die+Querysouver%C3%A4nit%C3%A4t%2C+die+sich+hier+wieder+zeigt.+Es+ist+das+radikale+Recht+des+Anderen%2C+was+die+Gesellschaft+von+ihren+eigenen+Strukturen+befreien+wird.+Noch+ist+es+eine+Geste%2C+eine+Ethik+und+vielleicht+ein+evolution%C3%A4rer+Vorteil%2C+wenn+man+Daten+preis+gibt.+Bald+schon+wird+das+eine+sehr+politische+Frage%2C+wenn+die+genannten+M%C3%B6glichkeiten+in+Reichweite+kommen%2Fbzw.+die+Leute+sich+beginnen+so+zu+organisieren.+Wer+dann+Daten+zur%C3%BCckh%C3%A4lt+und+damit+%C3%BCberkomme+Machtstrukturen+st%C3%BCtzt%2C+wird+bald+sehr+schal+angesehen+werden.&amp;tags=datengro%C3%9Fz%C3%BCgigkeit%2Cemanzipation%2Cinstitutionen%2Cpost-privacy%2Cpostprivacy%2Cquery%2Cblog" 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		<item>
		<title>Post-Privacy-Buch: “Fesselt die Datenschützer!”</title>
		<link>http://www.ctrl-verlust.net/post-privacy-buch-post-privacy-buch-fesselt-die-datenschutzer/</link>
		<comments>http://www.ctrl-verlust.net/post-privacy-buch-post-privacy-buch-fesselt-die-datenschutzer/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Oct 2011 14:02:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
				<category><![CDATA[extern]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrollverlust]]></category>
		<category><![CDATA[Postprivacy]]></category>
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		<category><![CDATA[christian heller]]></category>
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		<category><![CDATA[renzension]]></category>

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		<description><![CDATA[/******* Diese Rezension des Buches von @plomlompom habe ich, wie man unschwer erkennen kann, nicht für dieses Blog geschrieben. Sie wird aber aus Gründen trotzdem hier veröffentlicht. *******/ Am Montag trafen sich Datenschützer, Politiker und Vertreter von Google und Facebook zu einer Anhörung im Bundestag. Viel kam dabei nicht heraus, doch wurde wieder deutlich, wie verhärtet die Fronten sind. Während der Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert einen &#8220;massiven nationalen Handlungsdruck&#8221; gegen die amerikanischen Dienste sieht, können diese auf die große Beliebtheit ihrer Dienste verweisen. Deutschland im Jahre 2011 ist gespalten. Aber nicht nur in Offliner und Onliner, sondern auch mitten durch die Onliner hindurch. 90 Prozent der deutschen Web-Nutzer mißtrauen Facebooks beim Umgang mit personenbezogenen Daten. Es sind zum großen Teil die selben Personen, die sich gleichzeitig auf eben jenen Plattformen tummeln. Die geäußerten Wünsche der Menschen, so scheint es, passen nicht zu ihrem Verhalten. Sind wir ein Volk von Lippenbekenntnisbedenkenträgern? Ende 2008 war es, als Christian Heller in einem Vortrag auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs das erste Mal das Wort &#8220;Post-Privacy&#8221; benutzte. Er forderte auf, das Ende der Privatsphäre zu &#8220;umarmen&#8221;. Die Reaktionen waren damals eher verwundert als geschockt. Zu absurd klangen seine Thesen, als dass man sie hätte &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/post-privacy-buch-post-privacy-buch-fesselt-die-datenschutzer/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*******<br />
<em>Diese Rezension des Buches von @<a href="http://twitter.com/plomlompom">plomlompom</a> habe ich, wie man unschwer erkennen kann, nicht für dieses Blog geschrieben. Sie wird aber aus Gründen trotzdem hier veröffentlicht.</em><br />
*******/</p>
<p>Am Montag trafen sich Datenschützer, Politiker und Vertreter von Google und Facebook zu einer <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Datenschuetzer-und-Facebook-Manager-prallen-im-Bundestag-aufeinander-1365988.html">Anhörung</a> im Bundestag. Viel kam dabei nicht heraus, doch wurde wieder deutlich, wie verhärtet die Fronten sind. Während der Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert einen &#8220;massiven nationalen Handlungsdruck&#8221; gegen die amerikanischen Dienste sieht, können diese auf die große Beliebtheit ihrer Dienste verweisen.</p>
<p>Deutschland im Jahre 2011 ist gespalten. Aber nicht nur in Offliner und Onliner, sondern auch mitten durch die Onliner hindurch. 90 Prozent der deutschen Web-Nutzer <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-90-Prozent-der-deutschen-Web-Nutzer-hegen-Bedenken-gegen-Facebook-1357778.html">mißtrauen</a> Facebooks beim Umgang mit personenbezogenen Daten. Es sind zum großen Teil die selben Personen, die sich gleichzeitig auf eben jenen Plattformen tummeln. Die geäußerten Wünsche der Menschen, so scheint es, passen nicht zu ihrem Verhalten. Sind wir ein Volk von Lippenbekenntnisbedenkenträgern?</p>
<p>Ende 2008 war es, als Christian Heller in einem V<a href="http://events.ccc.de/congress/2008/Fahrplan/events/2979.en.html">ortrag auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs</a> das erste Mal das Wort &#8220;Post-Privacy&#8221; benutzte. Er forderte auf, das Ende der Privatsphäre zu &#8220;umarmen&#8221;. Die Reaktionen waren damals eher verwundert als geschockt. Zu absurd klangen seine Thesen, als dass man sie hätte ernst nehmen können.</p>
<p>Seitdem ist eine Menge passiert. Googles Dienst StreetView bescherte dem Land die wohl größte Datenschutzdebatte seit der Volkszählung und Wikileaks zerstörte den Glauben an die Kontrollierbarkeit von Datenflüssen nachhaltig. Um den Begriff &#8220;Post-Privacy&#8221; entstand eine <a href="http://blog.spackeria.org/">Bewegung</a>, die sich im Netz fast täglich kritisch mit Datenschutz auseinandersetzt.<br />
<span id="more-964"></span><br />
Und heute kommt nun Christian Hellers <a href="http://www.plomlompom.de/PostPrivacyBuch/plomwiki.php?title=Start">Buch zu dem Thema</a> heraus. Es trägt den Titel: &#8220;<em>Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre</em>&#8220;. Anders, als der Titel vermuten lässt, handelt es sich aber nicht um einen FFK-Ratgeber. Stattdessen enthält es die Thesen aus Hellers Vorträgen und die gesammelten Argumente der Diskussionen über die Zeit, aufbereitet auf sehr dichten 174 Seiten.</p>
<p>Seine These: Die Privatsphäre sei am Ende und das ist gut so. Schuld sei das Internet, in dem wir nicht nur magisch immer weiter hinein- und dort ausgezogen werden, sondern auch die Unkontrollierbarkeit &#8211; die &#8220;Entfesselung&#8221; &#8211; der Daten. Das habe positive wie negative Effekte. Zu lange wurde nur auf die negativen geschaut. Er will sich auf Chancen konzentrieren.</p>
<p>In einem kurzen historischen Abriss erläutert er anschaulich, wie sich die Privatsphäre historisch seit der Antike entwickelt hat. Es zeigt sich, dass sie mehrmals umwandlungen und radikale Umdefinitionen erfahren hat und wie jung eigentlich unser heutiger, bürgerlicher Begriff von ihr ist. Heller räumt ein, dass sie zwar unsere Heutige Gesellschaft ermöglichte, aber zum Beispiel auch immer der Unterdrückung der Frau diente.</p>
<p>Er zeichnet auch die Entwicklung des Diskurses um den Datenschutz nach und kritisiert ihn eingehend. Datenschutz &#8211; so seine Hauptargumentationslinie &#8211; sei eine vom Staat gewährte und seinem Willen untergebene Einrichtung. Wenn der Staat will, dann sind wir nackt &#8211; der &#8220;Sicherheit&#8221; halber. Wer wollte ihm da angesichts der Staatstrojaneraffaire widersprechen?</p>
<p>Wirklich interessant wird es, wenn sich Heller kritisch mit der Privatheit als angeblichem Schutz vor Machtapparaten und Totalitarismen befasst. Die orwellsche Gesellschaft aus 1984 zum Beispiel &#8211; die wohl wichtigste Erzählung der Privatsphärenverteidiger &#8211; zeichne sich eben nicht nur durch Überwachung aus. Mindestens eben so wichtig sei die Vereinzelung und die Kontrolle der Informationsflüsse der Menschen untereinander. Wer abgeschottet von einander lebt, kann sich nicht gegen die Macht organisieren. Heller nimmt den Überwachungsbegriff und macht zwei Achsen auf: die vertikale Überwachung der Individuen durch die Macht und die horizontale: der Informationsfluss zwischen den Unterdrückten. Die Basis der Macht baue immer darauf den vertikalen Informationsfluss zu gewährleisten und die horizontale Durchlässigkeit einzudämmen.</p>
<p>Heller zeichnet historisch nach, wie das Geschenk des Privaten als Eigentum und Möglichkeit der Abschottung voneinander als bürgerliches Heilsversprechen der Freiheit unterbreitet wird. Ein Geschenk, dass sich aber als vergiftet herausstellt. Da &#8211; wie oben gezeigt &#8211; die vertikale Überwachungsachse von der Macht nie wirklich aufgegeben wird, aber durch die Vereinzelung der horizontale Informationsfluss geschwächt wird, schafft es eine Regierung um so besser, die Individuuen unter Kontrolle zu halten. Jedenfalls solange, bis das Internet kam.</p>
<p>An den emanzipatorischen Bewegungen wie der Frauen- und der Schwulenbewegung zeigt Heller, wie der vermeintliche Schutzraum des Privaten gerade für Minderheiten zum Gefängnis wird. Schwulsein konnte man zwar schon immer in seinen vier Wänden, doch tatsächliche Freiheit erlangt man eben erst, sobald man es nicht in der Öffentlichkeit verbergen muss. Die Privatsphäre gerät schon mal zum Agenten der Intoleranz und Unfreiheit, indem es das Andersartige vor den Augen der Öffentlichkeit wegsperrt. Erst die großen Coming-Outs und die &#8220;<em>Wir haben Abgetrieben</em>&#8220;-Kampagnen ermöglichten den Ausbruch aus dem Gefängnis Privatsphäre.</p>
<p>Wirklich irritiert sitzt man vor der Lektüre, wenn Heller ausgrechnet Facebook mit seinen vielen Datenschutzeinstellungen und der daraus resultiernden Geschlossenheit an die (idologische) Seite der Datenschützer verortet. Oder wenn er zeigt, wie ausgerechnet die DDR ihren inneren Frieden vor allem durch das Gewähren von Privatsphäre seiner Bürger sicherte. Gerade die vertikale Überwachung und die Tatsache, dass man sich bei Gruppen, die über den eigenen Familienkreis hinausgingen, nie sicher sein konnte, es nicht mit einem Stasispitzel zu tun zu haben, führte dazu, so Heller, dass die Leute sich immer stärker in&#8217;s Private zurückzogen. Öffentliches Leben fand in der DDR fast nicht statt, was sehr im Interesse der Obrigkeit lag.</p>
<p>Hellers Buch ist ein kompletter Gegenentwurf zum Privatsphären- und Datenschutzdenken in Deutschland. Seine Argumente treffen das Grundverständnis vieler unserer Werte und Erzählungen ins Mark. Erfreulicher Weise wird Heller bei aller Radikalität nie eifernd, sondern bleibt immer nüchtern und sachlich. Ein weiterer Pluspunkt ist die Sprache. Zwar schreibt er mit einem deutlichen Duktus, verwendet aber auch viel Sorgfalt auf Verständlichkeit. Zum Verständnis des Buches braucht man sich weder mit Internettechnik noch mit dem Netzdiskurs auseinander gesetzt haben.</p>
<p>Leider geht dabei aber auch gelegentlich etwas Tiefe verloren. Die Begriffe die er verwendet, stammen teilweise aus wichtigen Philosophischen Werken, ohne dass ihre Diskurse ausreichend referenziert und problematisisert wurden. Für den anspruchsvollen Leser bleiben einige Fragen ungeklärt. Man kann natürlich auch sagen, Heller hat sich im Zweifel für Lesbarkeit entschieden.</p>
<p>Zudem kann man Heller schnell vorwerfen, allzu leichtfertig lang gewachsene und für unsere Demokratie wichtige Werte über Board zu schmeißen. Das gelegentliche Aufblitzen seiner Sympathie für &#8220;das anarchistische Internet&#8221; spricht da oftmals Bände. Auch unterschätzt er die Notwendigkeit von Schutzräumen als Bedingung auch für emanzipative Bewegungen. Die Schwulenbewegung musste sich zunächst unter dem Schutz von blickdichten Wänden manifestieren und organisieren, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen konnte. </p>
<p>Bei aller Kritik und allem Widerspruch, den man einwenden kann: es ist gut, dass es dieses Buch gibt. Es ist eine erfrischende Wendung der Perspektive auf den allzu selten hinterfragten Wert des Privaten und bietet dem Datenschutzdiskurs ein vielleicht notwendiges Gegengewicht. Die Diskussion um die &#8220;Post-Privacy&#8221; wird die Agenda der Datenschützer unter Legitimationsdruck setzen, was der Debatte nur gut tun kann. </p>
<p>Keine Frage, die Privatsphäre befindet sich im Wandel. Die Diskrepanz zwischen den Datenschutzforderungen und dem eigentlichen Verhalten der Deutschen muss schließlich einen Grund haben. Heller liefert einen Ansatz, bei dem es lohnt, weiter zu fragen.</p>
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		<title>Vortrag/Telepolis: Die gesellschaftliche Singularität ist nah</title>
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		<pubDate>Sun, 23 Oct 2011 13:24:52 +0000</pubDate>
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<em>Letztes Wochenende war die Openmind Konferenz der Piraten. Ich war wieder dabei und habe einen ersten Entwurf einer &#8211; ich sag mal Utopie der Queryology &#8211; abgeliefert. Der Text zum Vortrag wurde, neben anderen Vorträgen der Konferenz &#8211; auch von Telepolis veröffentlicht.</em><br />
*******/</p>
<p><strong>Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter</strong></p>
<p>Ich komme gerade aus Hannover, wo ich aufgewachsen bin. Quasi direkt aus meinem Elternhaus. Wenn ich zurückdenke &#8211; und das passiert, wenn man in seinem Elternhaus ist bisweilen &#8211; an meine Jugend, an mein altes Ich in meiner alten Welt, dann ist davon nicht viel übrig geblieben. Es war ein komplett anderes Lebensgefühl, ein anderes Bewusstsein von Welt und Zeit, in dem wir lebten. </p>
<p>Wir telefonierten selten und nur kurz, weil das ja teuer war. Wir riefen aber keine Menschen, sondern Haushalte an. Und wenn der Mensch nicht im Haushalt war, hatten wir Pech gehabt. Es gab keinerlei kommunikativen Zugriff auf jemanden, der sich außerhalb seiner vier Wände aufhielt.</p>
<p>Zunächst 3 Kanäle. Später kamen RTL und Sat1 hinzu. Und bald noch ein Kanäle mehr. Das war unser Fenster zur Welt. Die intensivste Form der Kommunikation war das Reisen. Wenn man mit seinem Wissen und seinen Gewohnheiten in eine andere Welt taucht, dann war das noch ein echter Kulturschock. Dann fließt das Wissen zwischen den Kulturen am heftigsten, wie aus einem berstenden Staudamm. Denn das waren nationale Grenzen damals: informationelle Staudämme. Und wenn man wieder zu Hause war, hat es sich angefühlt, als käme man gerade aus einem sehr langen Fantasyfilm. Ausland/Deutschland, das waren unterschiedliche Realitätsebenen, quasi Paralleluniversen.</p>
<p>Wir lebten in Deutschland. Ich weiß nicht, ob man das heute so einfach noch sagen kann. Es fühlt sich eigentlich nicht mehr so an. Natürlich leben wir immer noch auf deutschem Staatsgebiet und haben ein Stück Papier, auf dem steht, dass die Regierung der Meinung ist, dass wir hier auch hergehören, aber all das wirkt merkwürdig abstrakt und bedeutungslos. Deutschland hat sich längst abgeschafft und das ist gut so.</p>
<p>[<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35735/1.html">Weiterlesen auf Telepolis >></a>]</p>
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		<title>Das politische Denken der Piraten</title>
		<link>http://www.ctrl-verlust.net/das-politische-denken-der-piraten/</link>
		<comments>http://www.ctrl-verlust.net/das-politische-denken-der-piraten/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 06 Oct 2011 15:22:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
				<category><![CDATA[Plattformneutralität]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Piratenpartei ist mit einem sensationellen Erfolg in den Berliner Landtag eingezogen. Journalisten und Politiker stehen vor einem Rätsel. Ihre Deutungsversuche gehen von &#8220;Protestpartei&#8220;, &#8220;neue FDP&#8221; bishin zur es sich bequem machenden &#8220;Einthemenpartei&#8220;. Sie versuchen gar nicht die Piraten zu verstehen, sondern nur die passende Schublade für sie zu finden. Dass die Piraten einen eigenen originären Politikansatz haben könnten, scheint niemand in Betracht zu ziehen. Doch wenn man sich den Wahlkampf genau ansieht, dann wundert man sich, dass kaum eines der Klischees über die Piratenpartei erfüllt wird. Wo bitte waren die Piraten eine &#8220;Einthemenpartei&#8220;? Netzpolitik kommt beispielsweise in dem Wahlprogramm der Piraten kaum vor. Außer der Forderung nach einem flächendeckenden W-Lan war dazu nicht viel zu finden. Warum auch? Netzpolitik ist schließlich nur sehr selten Ländersache. Und auch der Rest des Programms lässt sich kaum in eine klassische politische Richtung verorten. Wäre die FDP etwa für Marihuanalegalisierung, den Fahrscheinlosen Personennahverkehr und gegen Studiengebüren? Sind besserer Zugang zu Bildung und stärkere Trennung von Staat und Kirche etwa Themen mit denen eine Protestpartei auf Stimmenfang gehen würde? Auch die restlichen Themen der Piraten wirken für den Ottonormalwähler wie eine willkürliche Zusammenstellung von Gutmenschenforderungen: Mehr Transparenz in der Politik, Grundeinkommen, Wahlrecht für Ausländer, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/das-politische-denken-der-piraten/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Piratenpartei ist mit einem sensationellen Erfolg in den Berliner Landtag eingezogen. Journalisten und Politiker stehen vor einem Rätsel. Ihre Deutungsversuche gehen von &#8220;<em>Protestpartei</em>&#8220;, &#8220;<em>neue FDP</em>&#8221; bishin zur es sich bequem machenden &#8220;<em>Einthemenpartei</em>&#8220;. Sie versuchen gar nicht die Piraten zu verstehen, sondern nur die passende Schublade für sie zu finden. Dass die Piraten einen eigenen originären Politikansatz haben könnten, scheint niemand in Betracht zu ziehen.</p>
<p>Doch wenn man sich den Wahlkampf genau ansieht, dann wundert man sich, dass kaum eines der Klischees über die Piratenpartei erfüllt wird.</p>
<p>Wo bitte waren die Piraten eine &#8220;<em>Einthemenpartei</em>&#8220;? Netzpolitik kommt beispielsweise in dem Wahlprogramm der Piraten kaum vor. Außer der Forderung nach einem flächendeckenden W-Lan war dazu nicht viel zu finden. Warum auch? Netzpolitik ist schließlich nur sehr selten Ländersache.</p>
<p>Und auch der Rest des Programms lässt sich kaum in eine klassische politische Richtung verorten. Wäre die FDP etwa für Marihuanalegalisierung, den Fahrscheinlosen Personennahverkehr und gegen Studiengebüren? Sind besserer Zugang zu Bildung und stärkere Trennung von Staat und Kirche etwa Themen mit denen eine Protestpartei auf Stimmenfang gehen würde?<br />
<span id="more-936"></span><br />
Auch die restlichen Themen der Piraten wirken für den Ottonormalwähler wie eine willkürliche Zusammenstellung von Gutmenschenforderungen: Mehr Transparenz in der Politik, Grundeinkommen, Wahlrecht für Ausländer, etc.</p>
<p>Doch der Schein trügt. Hinter all diesen Forderungen steckt ein System, das man nur erkennt, wenn man mit dem Internet sozialisiert wurde und die netzpolitischen Forderungen verinnerlicht hat. Um die Piraten zu verstehen, muss man sich also doch mit Netzpolitik beschäftigen.</p>
<p>Paradigmatisch für die Netzpolitik hat sich die letzten Jahre die Forderung nach &#8220;Netzneutralität&#8221; erwiesen: Einige der größeren Provider wollen das Internet in eine Richtung entwickeln, die eine der grundlegenden Eigenschaften des Netzes verändern würde. Sie wollen die Daten von unterschiedlichen Diensten unterschiedlich behandeln. So könnte man die Daten von Google schneller durchleiten, als die vom Microsoft. Oder andersrum. Je nachdem wer mehr bezahlt. Da die Provider am Nadelör zwischen Endkunde und Dienst sitzen, könnten sie doppelt abkassieren: von ihren Kunden für den Internetzugang und dann noch vom Dienstanbieter, nach dem Motto: &#8220;<em>Schöne Daten haben sie da. Wäre doch schade, wenn ihnen auf dem Weg zum Kunden etwas passiert?</em>&#8221;</p>
<p>Die Piratenpartei kämpft zusammen mit der netzpoltischen Szene schon lange gegen diese Auswüchse und fordert eine diskrimierungsfreie Durchleitung der Daten durch die Provider &#8211; eben die sogenannte &#8220;<em>Netzneutralität</em>&#8220;.</p>
<p>Wenn man sich nun die Forderungen der Piratenpartei in Berlin genauer ansieht, stellt man fest, dass hier das selbe Denken dahinter steht:  Infrastrukturen, die Zugang und Teilhabe ermöglichen, müssen gestärkt und ausgebaut werden und gehören diskriminierungsfrei allen angeboten.</p>
<p>- Fahrscheinloser ÖPNV ist die diskriminierungsfreie Beförderung von Personen, jenseits der Einkommensunterschiede. </p>
<p>- Die Ressource Bildung soll diskriminierungsfrei jedem zur Verfügung stehen.</p>
<p>- Bei dem Wahlrecht für Ausländer sollte die Sache auch klar sein.</p>
<p>- Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine diskriminierungsfreie Infrastruktur zur ökonomischen Teilhabe an der Gesellschaft.</p>
<p>- Und auch die Forderung der konsequenteren Trennung von Kirche und Staat ist eine Netzneutralitätsforderung. Warum sollte die Infrastruktur Staat schließlich christliche Datenpakete gegenüber islamischen oder atheistischen bevorzugen dürfen?</p>
<p>Es ist also eigentlich ganz einfach: Die Piraten verstehen die öffentlichen Institutionen als Plattformen, die Teilhabe ermöglichen. Und auf jede dieser Plattformen fordern sie diskriminierungsfreien Zugang für alle, weil sie im Internet erfahren haben, dass sich nur so Wissen und Ideen &#8211; und damit auch Menschen &#8211; frei entfalten können.</p>
<p>Die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> steckt als abstraktes Konzept hinter allen Forderungen der Piraten, denn sie steckt tief in dem Denken eines jeden Netzbewohners. Die Plattformneutralität ist somit ein abstraktes Konzept, wie es die &#8220;<em>Nachhaltigkeit</em>&#8221; für die Grünen ist. Es ist ein völlig eigenständiger Politikansatz aus dem sich für fast jeden Politikbereich Lösungen generieren lassen.</p>
<p>Wer die Piraten verstehen will, darf sie nicht auf Netzpolitik reduzieren, muss aber Netzpolitik verstehen. Deswegen sind die Piraten alles andere, als eine Eintagsfliege, eine neue FDP oder eine &#8220;<em>Einthemenpartei</em>&#8220;. Die Piraten haben ein eigenes politisches Denken, das sich aus den Erfahrungen des Netzes speist und das sehr effektiv ist. Es wird spannend sein zu sehen, wie diese Konzepte in der Realpolitik fruchten.</p>
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		<title>Abstact: Derrida, Foucault und der Kontrollverlust</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Oct 2011 17:13:50 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/************ An meiner alten Uni in Lüneburg findet nächstes Jahr vom 2. bis 4. Februar das Symposion des DFG: &#8220;Soziale Medien — Neue Massen&#8221; statt. Ich hatte mich auf den Call for Papers beworben, habe aber heute leider eine Absage bekommen. Eigentlich wollte ich mich die nächste Zeit tiefer in die Thematik stürzen, die ja eigentlich mein Doktorarbeitsthema ist und dafür sind Vortragsdeadlines bei mir die effektivste Methode. Schade. Ich hoffe, ich werde die Motivation von irgendwo anders her aufbringen. Hier jedenfalls das Abstract, das ich eingereicht habe: ************/ Derrida, Foucault und der Kontrollverlust Die poststrukturalistischen Abgründe des Internets Im letzten Jahr hat sich der Begriff &#8220;Kontrollverlust&#8221; für die teilweise dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen etabliert, die sich durch das Internet ereigneten. Die Regierungen verlieren durch Plattformen wie Wikileaks die Kontrolle über ihre Geheimnisse, die Kulturindustrie verliert durch Piraterie die Kontrolle über ihre Distributionswege und Unternehmen verlieren durch das demokratisierten Sprechen im Netz die Kontrolle über ihre Markenkommunikation. Nicht zuletzt verlieren wir alle die Kontrolle über unsere Daten, die längst frei im Internet flottieren, manchmal gewollt, oft ungewollt. Ohne die Evidenz dieser Beobachtung in Frage zu stellen, halte ich es für geboten, dieser angeblichen Kontrolle, die da verloren geht, auf den Grund &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/abstact-derrida-foucault-und-der-kontrollverlust/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/************<br />
<em>An meiner alten Uni in Lüneburg findet nächstes Jahr vom 2. bis 4. Februar das Symposion des DFG: &#8220;<a href="https://www.leuphana.de/aktuell/meldungen/ansicht/datum/2011/07/26/dfg-symposium-soziale-medien-neue-massen.html">Soziale Medien — Neue Massen</a>&#8221; statt. Ich hatte mich auf den Call for Papers beworben, habe aber heute leider eine Absage bekommen. Eigentlich wollte ich mich die nächste Zeit tiefer in die Thematik stürzen, die ja eigentlich mein Doktorarbeitsthema ist und dafür sind Vortragsdeadlines bei mir die effektivste Methode. Schade. Ich hoffe, ich werde die Motivation von irgendwo anders her aufbringen. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Hier jedenfalls das Abstract, das ich eingereicht habe:</em><br />
************/</p>
<p><strong>Derrida, Foucault und der Kontrollverlust</strong><br />
<strong> Die poststrukturalistischen Abgründe des Internets</strong></p>
<p>Im letzten Jahr hat sich der Begriff &#8220;<em>Kontrollverlust</em>&#8221; für die teilweise dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen etabliert, die sich durch das Internet ereigneten. Die Regierungen verlieren durch Plattformen wie Wikileaks die Kontrolle über ihre Geheimnisse, die Kulturindustrie verliert durch Piraterie die Kontrolle über ihre Distributionswege und Unternehmen verlieren durch das demokratisierten Sprechen im Netz die Kontrolle über ihre Markenkommunikation. Nicht zuletzt verlieren wir alle die Kontrolle über unsere Daten, die längst frei im Internet flottieren, manchmal gewollt, oft ungewollt.</p>
<p>Ohne die Evidenz dieser Beobachtung in Frage zu stellen, halte ich es für geboten, dieser angeblichen Kontrolle, die da verloren geht, auf den Grund zu gehen. Damit meine ich aber nicht, die soziotechnischen Bedingung der Möglichkeit von Informationskontrolle zu untersuchen. Stattdessen möchte ich frontal die Frage nach dem Archiv stellen.<br />
<span id="more-790"></span><br />
Denn die Ordnung, Kontrolle und das Umgehen mit Information ist zuvorderst die Frage nach dem Archiv. Eine Frage, die vor allem Foucault völlig neu gestellt hatte, indem er diesen Begriff umdefinierte. Das Archiv ist nach Foucault der ordnende Ausgangspunkt, der die Möglichkeit und die Unmöglichkeit einer jeden Aussage innerhalb eines Diskurses bestimmt. Es ist die Summe der diskursiven Praktiken und bildet dadurch den Horizont all dessen, was überhaupt zu einer bestimmten Zeit gesagt werden kann.</p>
<p>Foucaults detailreiche Analyse der Dokumente auf die Regelsysteme ihrer Aussagen hin versetze ihn in eine Art Metabene, aus der er anfing, andere Strukturen zu sehen. “Diskurse”, eben jene, welche Foucault nun durch seinen speziellen Blick von einander differenzieren konnte, waren in gewissem Sinn eine Art Kontrollverlust der Geschichtswissenschaft. Auf einen Schlag wurde offenbar, dass die Konstruktion von Geschichte durch Aneinanderreihung von Ereignissen selbst ein Diskurs war, der zwar nicht nach beliebigen, aber doch nach austauschbaren Regeln funktionierte.</p>
<p>Die Strukturanalyse von positiven Datenbeständen &#8211; also ihre Neuverknüpfung auf unvorhergesehenem Wege &#8211; wie Foucault sie Betrieb, ist heute Gang und Gäbe. Diese<br />
Form von Echtzeitarchäologie nennt sich &#8220;Datamining&#8221; und wird von Computern erledigt. Die wichtigste Erfindung in dieser Hinsicht war sicher die Relationale Datenbank und ihre Abfragesprache SQL in den frühen Siebzigern. Die von der vorhandenen Datenstruktur weitgehend unabhängigen &#8220;Queries&#8221; (Abfragen) eröffneten neue Möglichkeiten der Datenauswertung und erschufen neue Freiheiten der Interpretation. SQL ermöglicht die Entdeckung von immer neuen, unvorhergesehenen Querverbindungen, das Aufdecken von Strukturen, die nicht direkt in den Daten stecken, sondern sich erst in einer höheren Abstraktion korrelieren lassen. Eine Entwicklung, die Chris Anderson 2008 zur These verleitete, dass das “Ende der Theorie” gekommen sei. Ist Foucault zum Algorithmus geworden?</p>
<p>Derrida hat im Gegensatz zu Foucault die Entwicklung des Computers und des Internets nicht nur miterlebt, sondern sich auch brennend für diese Technologie interessiert. Er, der ￼Schüler und spätere Kritiker Foucaults, hat seinen eigenen Archivbegriff formuliert. In “Mal d’Archive” steckt nicht nur ein aktueller Bezug auf die Informationsmedien, sondern auch das Kondensat des Streits zwischen den beiden Philosophen. Ein Streit, der &#8211; betrachtet man ihn genauer &#8211; sich um die Frage des &#8220;Archivs&#8221; und des &#8220;Ereignisses&#8221; dreht. Reicht es, nur die Daten neu zu interpretieren, oder muss das Archiv in einem ständigen, nie endenden Prozess der Dekonstruktion ausgeliefert sein?</p>
<p>Die Fragen, die sich Derrida über das Archiv stellt, wirken auf den ersten Blick, als ob er sich gegenüber Foucault wiederum in einer Art Metaebene positioniert. Doch der Eindruck täuscht. Derrida versucht im Gegenteil ein Denken über das Archiv zu etablieren, dass der Metaebene völlig entsagt. Ihn interessiert nicht, ob die “Queries” der Geschichtswissenschaft oder die von Foucault die “richtigeren” sind &#8211; für ihn steht die “Query” selbst im Fokus. Er untersucht, wie die Query &#8211; also das je aktuelle Umgehen mit dem Archiv &#8211; das Archiv selbst determiniert und dabei die Realität erschafft. Und vor allem wie die Query sich selbst, das Archiv und all seine Diskurse auslöscht, indem sie sich immer wieder neu und anders stellt. Der Kontrollverlust ist dem Archiv also immer inhärent. Er ist jene Öffnung in die Zukunft von der Derrida spricht und kann auch nur von der Zukunft her gedacht werden.</p>
<p>Statt einer Archivologie, wie Derrida sie vorschlägt, möchte ich das Projekt einer Queryologie zur Diskussion stellen. Denn die Query &#8211; in ihrer algorithmischen Form &#8211; ist durch Google, Wikipedia und das Web 2.0 längst die Brennweite des menschlichen Wissens geworden. Die Queryologie muss in zweifacher Hinsicht eine Zukunftswissenschaft sein. Sie fragt im Sinne einer Futurologie, wie die Queries eines Tages unsere Diskurse, die Gesellschaft und zuletzt uns selbst ordnen werden und obendrein muss sie ihre Fragen immer aus dem Blickwinkel eines zukünftigen Beobachters stellen.</p>
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		<title>Twitter, Amen und das neue Facebook – Queryology als Analyseansatz</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Sep 2011 10:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit Jörg Friedrich hatte ich unter meinem letzten Atrikel eine Grundsatzdiskussion über die Queryology, die realtionale Datenbank und die Freiheit. Friedrich wendete ein, dass in der heutigen Zeit, mit der heutigen Technik der Speicherung vor allem Freiheitsgrade verlorgen gingen und eben nicht hinzukämen. Die Strukturen der Datenbanken seien starr und verhinderten einen freien Umgang mit Daten. Noch auf Karteikarten seien viel erweiterbarere und sogar ganz aus der Rolle fallende Speichermöglichkeiten gegeben, etwa Notizen und Querverweise. Das ist ohne Frage richtig. Nur, wendete ich ein, die Queryology ist eben keine Liberalisierung der Speicherung, sondern der Abfrage. Sie ist der neue Ort der Freiheit. Wir sind es gewohnt nur auf die Seite der Speicherung &#8211; des Archivs &#8211; nach ihr zu suchen und beklagen uns, wenn sie uns dort abhanden kommt und deswegen entgehen uns schnell die neue Freiheitsgrade auf Seiten der Abfrage. Die Einschränkung der Freiheit auf Seiten des Archivs hat aber Methode. Sie vergrößert die Freiheit auf Seiten der Query. Im letzten Text habe ich das vor allem an der Entwicklung der Arbeit zu zeigen versucht. Je determinierter und eingeschränkter man Tätigkeiten aufteilen und definieren kann, desto besser können sie von der Query erfasst und von ihr ersetzt werden. Man &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/twitter-amen-und-das-neue-facebook-queryology-als-analyseansatz/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit <a href="http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/">Jörg Friedrich</a> hatte ich <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-query-und-die-krise-des-archivs/">unter meinem letzten Atrikel</a> eine Grundsatzdiskussion über die Queryology, die realtionale Datenbank und die Freiheit. Friedrich wendete ein, dass in der heutigen Zeit, mit der heutigen Technik der Speicherung vor allem Freiheitsgrade <em>verlorgen gingen</em> und eben nicht hinzukämen. Die Strukturen der Datenbanken seien starr und verhinderten einen freien Umgang mit Daten. Noch auf Karteikarten seien viel erweiterbarere und sogar ganz aus der Rolle fallende Speichermöglichkeiten gegeben, etwa Notizen und Querverweise.</p>
<p>Das ist ohne Frage richtig. Nur, wendete ich ein, die Queryology ist eben keine Liberalisierung der Speicherung, sondern der Abfrage. Sie ist der <em>neue Ort</em> der Freiheit. Wir sind es gewohnt nur auf die Seite der Speicherung &#8211; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-query-und-die-krise-des-archivs/">des Archivs</a> &#8211; nach ihr zu suchen und beklagen uns, wenn sie uns dort abhanden kommt und deswegen entgehen uns schnell die neue Freiheitsgrade auf Seiten der Abfrage.<br />
<span id="more-773"></span><br />
Die Einschränkung der Freiheit auf Seiten des Archivs hat aber Methode. Sie vergrößert die Freiheit auf Seiten der Query. <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-query-und-die-krise-des-archivs/">Im letzten Text</a> habe ich das vor allem an der Entwicklung der Arbeit zu zeigen versucht. Je determinierter und eingeschränkter man Tätigkeiten aufteilen und definieren kann, desto besser können sie von der Query erfasst und von ihr ersetzt werden. Man sieht sich traditionell schnell als Opfer einer solchen Standardisierung des Archivs. Als Arbeiter. Dabei ist man ja nur die Zwischenlösung.<br />
Es war die grundlegende Kritik des letzten Jahrhunderts an der Moderne, &#8220;<em>Entfremdung</em>&#8221; genannt bei Marx und wundervoll in Szene gesetzt in <a href="http://www.youtube.com/watch?v=CYbsBcPDVQM">&#8220;<em>Modern Times</em>&#8221; von Charlie Chaplin</a>. Doch seit der Emanzipation der Query haben wir die paradoxe Situation, dass es gerade diese Standardisierung ist, die neue Freiheiten generiert, mehr menschliche Interaktionen ermöglicht und der Entfremdung entgegentritt.</p>
<p><strong>Nehmen wir Facebook</strong></p>
<p>Ein Freund von mir &#8211; <a href="http://fffff.at/author/tobi/">Tobias Leingruber</a> &#8211; veranstaltete mal einen <a href="http://fffff.at/facebook-resistance-workshop-at-transmediale/">&#8220;Facebook-Resistance&#8221;-Workshop</a> auf der Transmediale. Ein künstlerischer Protest gegen die Schablonenhaftigkeit der Facebookprofile, ganz im Sinne von Jörg Friedrichs Kritik. Es wurden Browser-Plugins entwickelt, die die Facebookprofile so chaotisch und bunt werden ließen, wie damals die auf Myspace.</p>
<p>Das ist eine nette Idee. Und auch wenn die &#8220;<em>Freiheit</em>&#8221; auf Myspace eigentlich darin bestand, vorhandene Bugs des Systems dazu auszunutzen, um die Page zu designen, kann ich Tobi nur recht geben: Facebook schränkt Freiheiten ein. Es schränkt aber vor allem die Freiheit des Speichernden ein und macht es dem Lesenden dadurch angenehmer, sich zurecht zu finden. Außerdem ermöglicht die Standardisierung der Felder Vergleiche unter den Profilen anzustellen, die für Nutzer relevant sein könnten. Eine entsprechende Query vorausgesetzt.</p>
<p>Die Query, also die Seite des Information Abrufenden, wird gestärkt durch diese Einschränkung der Freiheit im Archiv. Und auch die Browserplugins, die Tobias entwickelte, stützen das. Denn die vorgenommene Myspacisierung der Facebookprofile findet nicht auf Seiten der Speicherung statt, sondern im Browser, also zur Zeit der Anfrage. (Browser gehören der Ordnung der Query an). Außerdem wurde auch diese Freiheit durch die feste Struktur auf Seiten des Archivs (Facebook) ermöglicht, denn auch das Plugin braucht eine strukturierte Konfiguration, wie XML-Tags und CSS-Klassen, um sich bei der Umgestaltung zu orientieren.</p>
<p><strong>Nehmen wir Twitter</strong></p>
<p>Das queryologische Konzept steckt auch hinter dem Erfolg von Twitter. Twitter ist ansich nichts neues. Es gab bereits zentrale Bloggingplattformen, auf denen die Leute einander asynchron abonnieren konnten. Die Neuerung ist also vor allem die Einschränkung auf der Seite des Senders, also auf Seiten des Archivs. Die 140 Zeichengrenze.</p>
<p>Diese hat zwei Auswirkungen:<br />
1. Die Sender sind gezwungen, sich auf kurze, schneller konsumierbare Nachrichten zu beschränken, was den Empfängern ermöglicht, einen viel höheren Durchsatz an Informationen konsumieren.<br />
2. Die produzierten Daten sind leichter maschinell auswertbar. Bis heute schnellen immer neue Dienste aus dem Boden, die alle möglichen Aspekte von Tweets und Twitterern in anschauliche Statistiken verpacken, während Marktforscher versuchen, aus den Tweets Stimmungen zu lesen oder gar den Erfolg von Kinofilmen vorherzusagen.</p>
<p>Twitters Daten sind aufgrund der Einschränkung auf Seiten des Archivs strukturierter und besser auswertbar, als beliebig lange Texte.  Durch ihre klare formale Vorhabe lassen sich Tweets leichter kategorisieren, rekontextualisieren, rekombinieren und aggregieren. Sie sind quasi gefundenes <em>Queryfutter</em>.</p>
<p><strong>Nehmen wir Amen</strong></p>
<p>Ein ganz neues Startup hat das auch verstanden. <a href="https://getamen.com/">Amen</a> zwängt die kommunikativen Möglichkeiten seiner Nutzer in ein ganz enges Korsett. Man darf nur Sätze einer festen Struktur von sich geben: &#8220;<em>X ist das beste/schlechteste Y ever</em>&#8220;. Hat man X und Y bestimmt und die Parameter eingestellt, kommt eine Behauptung zu stande, die eine sehr starke Meinung reklamiert. Diese kann für andere Nutzer durchaus nützlich sein. Mich interessiert oft, was meine Freunde für den besten Song, Club, Käsekuchen halten und welche die schlimmste Fahrradwerksatt in Berlin ist. </p>
<p>Vor allem aber lassen sich diese gewonnenen Daten auch leichter automatisiert verarbeiten. Die Query kann hier um so mächtiger zuschlagen und regionale, nationale und internationale Hitlisten aller Dinge herstellen. Oder persönliche Statistiken um meine mit den Präferenzen meiner Freunde zu vergleichen. Ab einer bestimmten Userbase kann sehr schnell extrem nutzbares Wissen generiert werden.</p>
<p>So einfach und so genial sich die Idee anhört, glaube ich dennoch nicht wirklich an den Erfolg. Der Nutzen für den einzelnen Nutzer am Abgeben eines &#8220;Amen&#8221; ist doch sehr beschränkt, gegenüber der Konfiguriererei.</p>
<p>Mit jeder Iteration im Social Media Markt wird unsere Aufmerksamkeit ein Stückweit kostbarer. Blogs brachen in ein Vakuum, Facebook hat sich langsam etabliert, Twitter hatte genug kleine Nischen in der alltäglichen Aufmerksamkeit um sich auszubreiten, Google Plus muss um jeden Tropfen Aufmerksamkeit hart kämpfen, während die restlichen Sozial Networkansätze vor sich hinversauern. <em>Nicht Daten sind die neue Währung, Aufmerksamkeit ist es!</em> (Es ist das, was diese Dienste finantziert, nämlich: Werbung. Die ist in erster Linie verkaufte Aufmerksamkeit. Die Daten werden nur benuntzt um unsere Aufmerksamkeit effektiver abzuzweigen. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist der Kampf um die Query des Konsumenten, ein Kampf gegen seine <em>Filtersouveränität</em>.)</p>
<p>Wer in den dicht gedrängten Markt der Aufmerksamkeit hinein will, darf nicht einfach nur zusätzliche Informationen anbieten, sondern muss den Leuten zunächst Aufmerksamkeit sparen. Er muss vor allem den Zeitaufwand minimieren. </p>
<p><strong>Und da sind wir bei dem neuen Facebook</strong></p>
<p>Seine Neuerungen versprechen zunächst einmal mehr Speicherung auf der Archivseite. Die Nutzer sollen <em>mehr</em> Daten bei Facebook posten. Der Trick zur Reduzierung des Aufmerksamkeitsaufwandes ist, dass das nun vor allem auch automatisiert passieren soll. Spotify soll Daten über den Musikkonsum, Run-Apps die sportlichen Erfolge, Kochapps das Koch- und Essverhalten einspeisen, usw. </p>
<p>Man soll jetzt nicht mehr nur &#8220;<em>liken</em>&#8221; dürfen, sondern seinen aktiven Bezug zu einem Objekt semantischer definieren. Man &#8220;<em>liest</em>&#8221; ein Buch, man &#8220;<em>läuft</em>&#8221; eine Strecke, man &#8220;<em>trinkt</em>&#8221; ein Getränk. Facebook &#8220;<em>weiß</em>&#8221; jetzt, was man trinken, laufen und lesen kann und wer das wie oft tut. Facebook wird semantisch. Die Frage stellt sich dann natürlich: wer soll den Kram noch lesen?</p>
<p>Auf die Frage, was wir brauchen, um mit der Informationsflut fertig zu werden, antwortete <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/David_Weinberger">David Weinberger</a> einmal: &#8220;<em>Mehr Daten</em>&#8220;. &#8220;<em>Mehr Daten und intelligente Queries</em>&#8221; würde ich ergänzen. Daten erhöhen den Wert von Daten, weil sie ihnen Kontexte schenken, aus denen dann wieder Relevanz generiert werden kann. Aber nur, wenn man die verknüpfenden Algorithmen dafür hat.</p>
<p>Die hat Facebook und zusätzlich eine neue, extrem komplexe Datenstruktur. Wenn Facebook nicht nur weiß, dass es ein Objekt X gibt, dass ich like, sondern dass X ein <em>Buch</em> ist, dass ich gerne <em>gelesen</em> habe, kann es meinen Freunden und Followern diese Information besser und komprimierter aufbereiten.</p>
<p>Aus dem Stream von teils völlig automatisch generierten Informationen, können dann Haufen gebildet werden, Korrelationen und Gewichtungen von statten gehen und so Relevanz für den Empfänger generiert werden. 3 Leute, die ich kenne lesen Buch X, 4 Leute, die ich kenne, hören Song Y. Das sind dann wohl eine relevante Objekte für mich. Zudem erhöht es die Konfigurierbarkeit meiner Query: Ich kann mich nur über Bücher, und Artikel im Web, nicht aber Musik informieren lassen, wenn ich das möchte. (hoffentlich baut facebook das so ein)</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Das Internet verändert die Gesellschaft massiv zu ihrem Vorteil. Die menschlichen Beziehungen werden wieder direkter, aber auch vielfältiger und schlicht mehr. Durch das Internet und seine Tools können wir mit immer mehr Menschen in kommunikativen Beziehungen treten, an immer mehr Ideen teilhaben, immer mehr Informationen prozessieren. Wir können das, weil wir immer intelligentere Querys haben, die die Welt speziell für uns aufbereiten.</p>
<p>Wir sind längst in der Zeit angekommen, in der die Query uns immer stärker unterstützen muss, um die Komplexität unserer Kommunikation zu bewältigen. Welche Schwerpunkte wir in der Query setzen, bleibt uns überlassen. Alle Informationen der Welt auf einen Klick, ein orgiastisches Rauschen von Informationsmassen über alles, was uns interessiert, wann immer wir das Handy zücken. Die Abschaffung der Langeweile und Erweiterung des Geistes sind heute alltägliche Erfahrungen.</p>
<p>Die Query führt uns in eine völlig neue Freiheit, weswegen wir bereit sind, ihr unsere Daten in der besten für sie verdaubaren Form darzureichen. Wir wollen die Query mächtig, wir brauchen die Query mächtig, und deswegen füttern wir sie so sehr. Denn die Query sind wir. Unsere Timelines, die Recommondations, Profile und die Googlesuche sind längst Teil von uns geworden. Unser Geist nimmt den Zugang zur Information bereits in sein mentales Modell von sich selber auf. Und wir werden ohne nicht mehr leben wollen (wenn wir es überhaupt könnten). Zu recht!</p>
<p>In der Moderne war der Konflikt klar: dort die unmenschliche Maschine, die die Welt nach ihren Anforderungen strukturiert. Hier der entfremdete Mensch. Die Prozesse sind noch die selben, sie sind nur kleinteiliger, schneller und verfügbarer geworden. Wir Menschen haben deswegen die Seiten gewechselt.</p>
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tters+Daten+sind+aufgrund+der+Einschr%C3%A4nkung+auf+Seiten+des+Archivs+strukturierter+und+besser+auswertbar%2C+als+beliebig+lange+Texte.++Durch+ihre+klare+formale+Vorhabe+lassen+sich+Tweets+leichter+kategorisieren%2C+rekontextualisieren%2C+rekombinieren+und+aggregieren.+Sie+sind+quasi+gefundenes+Queryfutter.%0D%0A%0D%0A%0D%0ANehmen+wir+Amen%0D%0A%0D%0AEin+ganz+neues+Startup+hat+das+auch+verstanden.+Amen+zw%C3%A4ngt+die+kommunikativen+M%C3%B6glichkeiten+seiner+Nutzer+in+ein+ganz+enges+Korsett.+Man+darf+nur+S%C3%A4tze+einer+festen+Struktur+von+sich+geben%3A+%22X+ist+das+beste%2Fschlechteste+Y+ever%22.+Hat+man+X+und+Y+bestimmt+und+die+Parameter+eingestellt%2C+kommt+eine+Behauptung+zu+stande%2C+die+eine+sehr+starke+Meinung+reklamiert.+Diese+kann+f%C3%BCr+andere+Nutzer+durchaus+n%C3%BCtzlich+sein.+Mich+interessiert+oft%2C+was+meine+Freunde+f%C3%BCr+den+besten+Song%2C+Club%2C+K%C3%A4sekuchen+halten+und+welche+die+schlimmste+Fahrradwerksatt+in+Berlin+ist.+%0D%0A%0D%0AVor+allem+aber+lassen+sich+diese+gewonnenen+Daten+auch+leichter+automatisiert+verarbeiten.+Die+Query+kann+hier+um+so+m%C3%A4chtiger+zuschlagen+und+regionale%2C+nationale+und+internationale+Hitlisten+aller+Dinge+herstellen.+Oder+pers%C3%B6nliche+Statistiken+um+meine+mit+den+Pr%C3%A4ferenzen+meiner+Freunde+zu+vergleichen.+Ab+einer+bestimmten+Userbase+kann+sehr+schnell+extrem+nutzbares+Wissen+generiert+werden.%0D%0A%0D%0ASo+einfach+und+so+genial+sich+die+Idee+anh%C3%B6rt%2C+glaube+ich+dennoch+nicht+wirklich+an+den+Erfolg.+Der+Nutzen+f%C3%BCr+den+einzelnen+Nutzer+am+Abgeben+eines+%22Amen%22+ist+doch+sehr+beschr%C3%A4nkt%2C+gegen%C3%BCber+der+Konfiguriererei.%0D%0A%0D%0AMit+jeder+Iteration+im+Social+Media+Markt+wird+unsere+Aufmerksamkeit+ein+St%C3%BCckweit+kostbarer.+Blogs+brachen+in+ein+Vakuum%2C+Facebook+hat+sich+langsam+etabliert%2C+Twitter+hatte+genug+kleine+Nischen+in+der+allt%C3%A4glichen+Aufmerksamkeit+um+sich+auszubreiten%2C+Google+Plus+muss+um+jeden+Tropfen+Aufmerksamkeit+hart+k%C3%A4mpfen%2C+w%C3%A4hrend+die+restlichen+Sozial+Networkans%C3%A4tze+vor+sich+hinversauern.+Nicht+Daten+sind+die+neue+W%C3%A4hrung%2C+Aufmerksamkeit+ist+es%21+%28Es+ist+das%2C+was+diese+Dienste+finantziert%2C+n%C3%A4mlich%3A+Werbung.+Die+ist+in+erster+Linie+verkaufte+Aufmerksamkeit.+Die+Daten+werden+nur+benuntzt+um+unsere+Aufmerksamkeit+effektiver+abzuzweigen.+Der+Kampf+um+Aufmerksamkeit+ist+der+Kampf+um+die+Query+des+Konsumenten%2C+ein+Kampf+gegen+seine+Filtersouver%C3%A4nit%C3%A4t.%29%0D%0A%0D%0AWer+in+den+dicht+gedr%C3%A4ngten+Markt+der+Aufmerksamkeit+hinein+will%2C+darf+nicht+einfach+nur+zus%C3%A4tzliche+Informationen+anbieten%2C+sondern+muss+den+Leuten+zun%C3%A4chst+Aufmerksamkeit+sparen.+Er+muss+vor+allem+den+Zeitaufwand+minimieren.+%0D%0A%0D%0AUnd+da+sind+wir+bei+dem+neuen+Facebook%0D%0A%0D%0ASeine+Neuerungen+versprechen+zun%C3%A4chst+einmal+mehr+Speicherung+auf+der+Archivseite.+Die+Nutzer+sollen+mehr+Daten+bei+Facebook+posten.+Der+Trick+zur+Reduzierung+des+Aufmerksamkeitsaufwandes+ist%2C+dass+das+nun+vor+allem+auch+automatisiert+passieren+soll.+Spotify+soll+Daten+%C3%BCber+den+Musikkonsum%2C+Run-Apps+die+sportlichen+Erfolge%2C+Kochapps+das+Koch-+und+Essverhalten+einspeisen%2C+usw.+%0D%0A%0D%0AMan+soll+jetzt+nicht+mehr+nur+%22liken%22+d%C3%BCrfen%2C+sondern+seinen+aktiven+Bezug+zu+einem+Objekt+semantischer+definieren.+Man+%22liest%22+ein+Buch%2C+man+%22l%C3%A4uft%22+eine+Strecke%2C+man+%22trinkt%22+ein+Getr%C3%A4nk.+Facebook+%22wei%C3%9F%22+jetzt%2C+was+man+trinken%2C+laufen+und+lesen+kann+und+wer+das+wie+oft+tut.+Facebook+wird+semantisch.+Die+Frage+stellt+sich+dann+nat%C3%BCrlich%3A+wer+soll+den+Kram+noch+lesen%3F%0D%0A%0D%0AAuf+die+Frage%2C+was+wir+brauchen%2C+um+mit+der+Informationsflut+fertig+zu+werden%2C+antwortete+David+Weinberger+einmal%3A+%22Mehr+Daten%22.+%22Mehr+Daten+und+intelligente+Queries%22+w%C3%BCrde+ich+erg%C3%A4nzen.+Daten+erh%C3%B6hen+den+Wert+von+Daten%2C+weil+sie+ihnen+Kontexte+schenken%2C+aus+denen+dann+wieder+Relevanz+generiert+werden+kann.+Aber+nur%2C+wenn+man+die+verkn%C3%BCpfenden+Algorithmen+daf%C3%BCr+hat.%0D%0A%0D%0ADie+hat+Facebook+und+zus%C3%A4tzlich+eine+neue%2C+extrem+komplexe+Datenstruktur.+Wenn+Facebook+nicht+nur+wei%C3%9F%2C+dass+es+ein+Objekt+X+gibt%2C+dass+ich+like%2C+sondern+dass+X+ein+Buch+ist%2C+dass+ich+gerne+gelesen+habe%2C+kann+es+meinen+Freunden+und+Followern+diese+Information+besser+und+komprimierter+aufbereiten.%0D%0A%0D%0AAus+dem+Stream+von+teils+v%C3%B6llig+automatisch+generierten+Informationen%2C+k%C3%B6nnen+dann+Haufen+gebildet+werden%2C+Korrelationen+und+Gewichtungen+von+statten+gehen+und+so+Relevanz+f%C3%BCr+den+Empf%C3%A4nger+generiert+werden.+3+Leute%2C+die+ich+kenne+lesen+Buch+X%2C+4+Leute%2C+die+ich+kenne%2C+h%C3%B6ren+Song+Y.+Das+sind+dann+wohl+eine+relevante+Objekte+f%C3%BCr+mich.+Zudem+erh%C3%B6ht+es+die+Konfigurierbarkeit+meiner+Query%3A+Ich+kann+mich+nur+%C3%BCber+B%C3%BCcher%2C+und+Artikel+im+Web%2C+nicht+aber+Musik+informieren+lassen%2C+wenn+ich+das+m%C3%B6chte.+%28hoffentlich+baut+facebook+das+so+ein%29%0D%0A%0D%0AFazit%0D%0A%0D%0ADas+Internet+ver%C3%A4ndert+die+Gesellschaft+massiv+zu+ihrem+Vorteil.+Die+menschlichen+Beziehungen+werden+wieder+direkter%2C+aber+auch+vielf%C3%A4ltiger+und+schlicht+mehr.+Durch+das+Internet+und+seine+Tools+k%C3%B6nnen+wir+mit+immer+mehr+Menschen+in+kommunikativen+Beziehungen+treten%2C+an+immer+mehr+Ideen+teilhaben%2C+immer+mehr+Informationen+prozessieren.+Wir+k%C3%B6nnen+das%2C+weil+wir+immer+intelligentere+Querys+haben%2C+die+die+Welt+speziell+f%C3%BCr+uns+aufbereiten.%0D%0A%0D%0AWir+sind+l%C3%A4ngst+in+der+Zeit+angekommen%2C+in+der+die+Query+uns+immer+st%C3%A4rker+unterst%C3%BCtzen+muss%2C+um+die+Komplexit%C3%A4t+unserer+Kommunikation+zu+bew%C3%A4ltigen.+Welche+Schwerpunkte+wir+in+der+Query+setzen%2C+bleibt+uns+%C3%BCberlassen.+Alle+Informationen+der+Welt+auf+einen+Klick%2C+ein+orgiastisches+Rauschen+von+Informationsmassen+%C3%BCber+alles%2C+was+uns+interessiert%2C+wann+immer+wir+das+Handy+z%C3%BCcken.+Die+Abschaffung+der+Langeweile+und+Erweiterung+des+Geistes+sind+heute+allt%C3%A4gliche+Erfahrungen.%0D%0A%0D%0ADie+Query+f%C3%BChrt+uns+in+eine+v%C3%B6llig+neue+Freiheit%2C+weswegen+wir+bereit+sind%2C+ihr+unsere+Daten+in+der+besten+f%C3%BCr+sie+verdaubaren+Form+darzureichen.+Wir+wollen+die+Query+m%C3%A4chtig%2C+wir+brauchen+die+Query+m%C3%A4chtig%2C+und+deswegen+f%C3%BCttern+wir+sie+so+sehr.+Denn+die+Query+sind+wir.+Unsere+Timelines%2C+die+Recommondations%2C+Profile+und+die+Googlesuche+sind+l%C3%A4ngst+Teil+von+uns+geworden.+Unser+Geist+nimmt+den+Zugang+zur+Information+bereits+in+sein+mentales+Modell+von+sich+selber+auf.+Und+wir+werden+ohne+nicht+mehr+leben+wollen+%28wenn+wir+es+%C3%BCberhaupt+k%C3%B6nnten%29.+Zu+recht%21%0D%0A%0D%0AIn+der+Moderne+war+der+Konflikt+klar%3A+dort+die+unmenschliche+Maschine%2C+die+die+Welt+nach+ihren+Anforderungen+strukturiert.+Hier+der+entfremdete+Mensch.+Die+Prozesse+sind+noch+die+selben%2C+sie+sind+nur+kleinteiliger%2C+schneller+und+verf%C3%BCgbarer+geworden.+Wir+Menschen+haben+deswegen+die+Seiten+gewechselt.&amp;tags=amen%2Carchiv%2Cfacebook%2Cmentales+exoskelett%2Cordnung%2Cquery%2Cstruktur%2Ctwitter%2Cweinberger%2Cblog" 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		<title>Die Query und die Krise des Archivs</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Sep 2011 09:05:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/******* Die Queryology &#8211; so sehr sie als Ansatz zur Erklärung vieler Phänomene in der heutigen Zeit taugt &#8211; wurde zuletzt theoretisch etwas unterbestimmt gelassen. Es blieben Fragen offen. Was genau sind die Mechanismen der Query? Wo kommt sie her, was ist ihre Geschichte? Was ist ihr Ort auf der Welt und zwar unabhängig von der Erfindung des Computers. Die Queryology muss einen gewissen Universalanspruch für sich reklamieren, das heißt, sie darf sich nicht darauf beschränken, Einzelphänomene zu einer bestimmten Zeit zu erklären, sondern sie muss auch auf den ganzen Rest, den wir Welt nennen, antworten können. In diesem Text versuche ich, diesem Anspruch ein wenig gerechter zu werden. *******/ Man stelle sich vor, man hat hat einen Stein. Es ist kein Stein, wie jeder andere, sondern ein besonderer Stein. Schön, glatt, schimmernd und irgendwie geheimnisvoll. Was tut man damit, wenn man ihn nicht die gesamte Zeit mit sich herumtragen will? Man legt ihn ab. An eine Stelle, wo man glaubt, dass man ihn wieder findet. Speichern hat immer mit einer Handlung in der Zukunft zu tun. Man speichert etwas an einer Stelle, wo man in einer zukünftigen Zeit wieder darauf kommt, wenn man sich fragt: &#8220;Wo habe ich den &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-query-und-die-krise-des-archivs/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*******<br />
<em>Die Queryology &#8211; so sehr sie als Ansatz zur Erklärung vieler Phänomene in der heutigen Zeit taugt &#8211; wurde zuletzt theoretisch etwas unterbestimmt gelassen. Es blieben Fragen offen. Was genau sind die Mechanismen der <strong>Query</strong>? Wo kommt sie her, was ist ihre Geschichte? Was ist ihr Ort auf der Welt und zwar unabhängig von der Erfindung des Computers. Die Queryology muss einen gewissen Universalanspruch für sich reklamieren, das heißt, sie darf sich nicht darauf beschränken, Einzelphänomene zu einer bestimmten Zeit zu erklären, sondern sie muss auch auf den ganzen Rest, den wir Welt nennen, antworten können. In diesem Text versuche ich, diesem Anspruch ein wenig gerechter zu werden. </em><br />
*******/</p>
<p>Man stelle sich vor, man hat hat einen Stein. Es ist kein Stein, wie jeder andere, sondern ein besonderer Stein. Schön, glatt, schimmernd und irgendwie geheimnisvoll. Was tut man damit, wenn man ihn nicht die gesamte Zeit mit sich herumtragen will? Man legt ihn ab. An eine Stelle, wo man glaubt, dass man ihn wieder findet.</p>
<p>Speichern hat immer mit einer Handlung in der Zukunft zu tun. Man speichert etwas an einer Stelle, wo man in einer zukünftigen Zeit wieder darauf kommt, wenn man sich fragt: &#8220;<em>Wo habe ich den Stein hingelegt?</em>&#8221;</p>
<p>Daraus folgen zwei Dinge, die eine gewisse Paradoxie offenbaren:<br />
<strong>Erstens</strong> ist die Query dem Vorgang des Speicherns <em>vorgängig</em>. Ohne einen Plan, wie eine Abfrage auszusehen hat, kann ich keinen sinnvollen Speicherprozess vollziehen.<br />
<strong>Zweitens</strong> ist die Query ein Pakt mit der Zukunft, also dem Speichern <em>nachgängig</em>. Erst in zukünftigen Zeiten werde ich auf die Speicherstelle zurückkommen. Speichern wendet sich an die Zukunft, glaubt an die Zukunft und zwar als Query und zwar noch vor dem Speichern.</p>
<p>Jedenfalls haben wir das bisher immer &#8211; also seit es Menschen gibt &#8211; so gemacht. Aber das geht jetzt zu ende. Wir leben in einem Umbruch, den ich immer mal wieder mit dem Wort <em>Queryology</em> oder <em>Kontrollverlust</em> zu umschreiben versuche und den man abstrakt so erklären könnte: <em>der Kontrollverlust ist die Emanzipation der Query vom Diktum des Archivs.</em></p>
<p>Doch zunächst müssen die Begriffe geklärt werden. Was ist <em>Archiv</em> und was ist <em>Query</em>?<br />
<span id="more-748"></span><br />
<strong>Das Archiv</strong> ist immer eine Konfiguration, eine Anordnung. Sie kann aus allem möglichen bestehen. Aber sie muss immer eine mehr oder weniger feste Struktur von Anknüpfungspunkten bieten. In unserem oberen Beispiel ist es eben der Ort, an dem ich den Stein ablege. Der Ort wiederum ist in eine Struktur (oder &#8220;<em>Topologie</em>&#8221; wie man bei Orten gerne sagt) eingebunden. Der Stein ist im Schrank über der Spüle in der Küche, in meiner Wohnung in Berlin, in Deutschland auf der Erde.<br />
(Orte können auch komplexere Dinge speichern. Jan Assmann z.B. weist darauf hin, dass die Ägypter, bevor die Schrift verwendeten, ihre Geschichten sehr eng an die rituellen Orte knüpften. Die Landschaft ihrer Heimat war Speicherort ihrer kollektiven Erinnerung.)<br />
Die Strukturen, die wir im Laufe der Zeit zum Verknüpfen von Informationen geschaffen haben, sind vielfältig. Es sind so unterschiedliche Dinge wie Versmaße, Gesetze, Melodien, Parlamente, Schrift, Grenzen, Malerei und Aktenordner.</p>
<p><strong>Die Query</strong> greift auf die Ordnung des Archivs zurück. Wichtig ist die Wiedererkennbarkeit der Konfiguration der Anknüpfungspunkte, so dass sie die Query auslösen kann, die die Information reproduziert. Die Query kann theoretisch Strukturen aller Art befragen, doch je einfacher eine Struktur ist, desto leichter hat es die Query. Steigt die &#8220;<em>Unordnung</em>&#8221; im Archiv, braucht es eine komplexere Query, um es zu befragen. Da die Möglichkeiten der Query begrenzt sind, sieht man traditionell lieber zu, Ordnung im Archiv zu schaffen. Von dem Versuch diese Ordnungen zu schaffen, ist die uns bekannte Welt geprägt.</p>
<p><strong>Die Queryemanzipation</strong></p>
<p>Bislang hat sich die Archivtechnik an den denkbaren Querys orientiert. Gespeichert wurde in Voraussicht einer bestimmten, sehr genau spezifizierten Query. Queries waren also lange Zeit nichts anderes als die immanente Reaktualisierung einer gespeicherten Verknüpfung; das Herauskramen einer Adressliste um Zugang zu Wissensinhalten zu bekommen. Man kann hier die gesamte Mediengeschichte anfügen und sie von der Query her erzählen. Man müsste die Einführung der Schrift (für die die Query natürlich das Lesen ist), des Buchdrucks, der Bibliothek und des Fernsehens daraufhin untersuchen, welche neuen Abfragetechniken sich aus diesen Archiven ermöglicht oder besser: welche Abfragetechnik welche Speicherformen hervorbrachte. Ich bin mir sicher, das ist möglich und das ist wahrscheinlich auch notwendig, denn Archiv und Query &#8211; das war lange Zeit eine interdependente Koevolution. </p>
<p>Der Grund aber, dass die Query bislang nicht als theoretischer Ansatz in der Erscheinung getreten ist, ist, dass die Mediengeschichte &#8211; nicht zu unrecht &#8211; vom Primat des Archivs und seiner Ordungstechniken her gedacht worden ist. Ich habe das &#8211; und die Unzureichendheit dieses Ansatzes &#8211; bereits in <a href="http://www.ctrl-verlust.net/queryology-i-das-ende-der-medien/">Queryology I &#8211; Das Ende der Medien</a> beschrieben.</p>
<p>Das Primat des Archivs aber geht dieser Tage zu Ende. Man kann sagen, dass die Queries sich von der Speicherstruktur des Archivs ein ganzes stückweit emanzipiert haben und noch weiter emanzipieren. Den Paradigmenwechsel kann man &#8211; das habe ich in <a href="http://www.ctrl-verlust.net/queryology-ii-das-filtersubjekt/">Queryologie II &#8211; Das Filtersubjekt</a> zu zeigen versucht &#8211; in der Entwicklung der realtionalen Datenbanken festmachen. In einer relationalen Datenbank wird die ordnende Archiv-Struktur um ein entscheidenes Stück weit aufgegeben, zugunsten einer viel freieren Abfrage. SQL, die Abfragesprache für diese Art von Datenbank, kann durch Echtzeitverknüpfung vieler Datensätze relativ frei komplexe Abfragen durchführen. Eine straffe Strukturierung der Daten &#8211; beispielsweise in einer Hierarchie &#8211; ist nicht mehr von Nöten, sondern eher hinderlich. </p>
<p>Seit der relationalen Datenbank, kann man nicht mehr davon sprechen, dass Daten für eine <em>bestimmte</em> Query in der Zukunft gespeichert werden. Sie werden auch für die <em>ganz andere Query</em> gespeichert, an die heute noch niemand denkt. Das ist ein Bruch, der so radikal ist, dass er eine tiefgreifende Veränderung in allen Aspekten der Kommunikation und des Gedächtnisses &#8211; aber auch in der Struktur der Gesellschaft selbst &#8211; hinterlassen wird.</p>
<p>Seit dem Computer ist die Macht der Query eng an Moores Law geknüpft. Mit jeder neuen Prozessorgeneration wird die Query mächtiger und emanzipiert sich weiterhin entsprechend schnell und stark von den vorhandenen Ordnungsstrukturen, das heißt: vom Archiv.</p>
<p>Ein Beispiel, das diesen Zusammenhang gut erklärt, ist die Gesichtserkennung. Fotos sind Archive, die so komplex sind, dass bislang nur Menschen darin lesen konnten. Das galt selbst für digitale Fotos. Mit zunehmender Macht der Query wird das Foto, seine chaotische Struktur, die nie für die Verarbeitung des Computers geschaffen war, verarbeitbar. Erst konnte der Computer Kontraste unterschieden, dann Formen erkennen und nun kann er bald biometrische Muster matchen. Die Query fängt an, in Fotos zu lesen, wie ein Mensch in Fotos lesen kann &#8211; oder sogar bald besser. Die Query, obwohl sie bei der Speicherung des Fotoinhalts nie vorgesehen war, evolviert also unabhängig von jeder ordnungsgebenden Struktur. So haben die meisten von uns Fotos im Internet gespeichert, ohne die computerisierte Query im Kopf gehabt zu haben, die Gesichter erkennen kann. Das ist der Kern des Phänomens, das ich immer &#8220;<em>Kontrollverlust</em>&#8221; nenne.</p>
<p><strong>Die Krise des Archivs</strong></p>
<p>Aber es passiert noch mehr. Wir haben ja noch eine ganze Menge andere Strukturen in der Gesellschaft und im alltäglichen Leben, die das Zusammenleben ordnen. Auch sie werden mit der mächtiger werdenden Query konfrontiert und somit herausgefordert. Die Queryology geht über eine reine &#8220;<em>Kontrollverlust-Lehre</em>&#8221; hinaus, indem sie untersucht, wie dieser Prozess &#8211; die Zunahme der Macht der Query &#8211; sich auf <em>alle</em> gesellschaftlichen Ordnungssysteme auswirkt.</p>
<p>Die These dazu ist folgende: Ordnungsstrukturen werden in dem Moment entwertet, in dem die Query mächtig genug wird, sie zu abstrahieren. Und Abstrahieren meint nicht nur &#8220;<em>in der Query abblilden</em>&#8220;, sondern auch das Gegenteil: sie umgehen, ihre Grenzen überschreiten, ihre Struktur zu igrnorieren und sie schließlich in einer höheren Ordnung der Komplexität aufgehen lassen. Die Query, indem sie Ordnung abstrahiert, löst alle Ordnung des Archivs auf und verleibt sie sich ein. Doch die Archivstruktur verschwindet dadurch ja nicht sofort, sondern sie gerät in eine Krise. Die Krise des Archivs, die wir derzeit erleben. </p>
<p>Es passiert gerade in einem unvorstellbaren Ausmaß weltweit und allumfassend: die Strukturen die aktuell betroffen sind, sind beispielsweise Verlage, Musikindustrie, Diktaturen, Reisebüros, Privatsphäre, der Arbeitsmarkt und vieles mehr. Und auf der Liste der bedrohten Arten stehen noch: Institutionen, Demokratie, Eigentum, Arbeit, Nation, Identität, etc. (Wer sich das zutraut, könnte untersuchen, inwieweit die Finanz-Euro-Schulden-Wirtschafts-Krise, ebenso eine Krise des Archivs ist. Es gibt zumindest einige Anzeichen, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte.)</p>
<p>Aber was heißt das konkret? Es heißt nicht, wie man annehmen könnte, dass diese Dinge schlagartig aufhören zu existieren, sondern nur, dass sie ihrer <em>Allgemeingültigkeit</em> beraubt werden. Ordungsstrukturen, die die Query sich einverleibt, werden vom Gesetz zur Möglichkeit degradiert.</p>
<p>Es ist ein wenig so, wie bei der kopernikanischen Wende. Im geozentrischen Weltbild, war Erde und Welt eins. Man konnte gar nicht über diese Grenze hinausdenken. Seit wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist, wissen wir auch, dass die Erde nur einer von vielen Planeten ist. Wir werden sehen, dass es dem Archiv &#8211; also den ausgeprägten Ordnungsstrukturen &#8211; ähnlich ergeht. Sie werden saturiert, indem sie in der Query aufgelöst werden. Sie werden zu einer möglichen Abfrage unter vielen.</p>
<p><strong>Ein Beispiel: Geschichte</strong></p>
<p>Geschichte ist gewissermaßen das klassische Schlachtfeld des Archivs und der Query und bietet somit eine gute Erklärmatrix für unsere Zwecke, obwohl (oder gerade weil?) der Zusammenhang der computerisierten Query nur sehr indirekt daran teil hat. Deswegen hat sie ihre Krise auch quasi schon hinter sich und man kann ihren Verlauf und ihr Resultat genauer Untersuchen.</p>
<p>Geschichte ist ein Archiv, das man angelegt hat, um eine bestimmte &#8211; relativ einfache &#8211; Query daran zu adressieren: <em>Kausalität</em>. Man arrangiert alle Ereignisse anhand einer Chronologie, bei der jedes Ereignis die Wirkung des Vorherigen zu sein scheint. Was dort nicht hineinpasst, wird nicht aufgeschrieben oder hinterher rausredigiert. Nicht erst heute haben wir entdeckt, dass das natürlich eine recht beliebige und keineswegs wahrhaftige Archivtechnik und Query ist. Also hat man die Query immer mal wieder umgestaltet und komplexer gemacht, das Archiv neu gesichtet und neu sortiert. Bishin zu Foucualt, der nicht einfach nur in den Texten las, sondern sie zu Diskursen gruppierte und das Ordungsschema des Archivs als ein solches untersuchte und entlarvte. </p>
<p>Heute ist es ersichtlich, dass es so viele unterschiedliche Anfragen auf ein so vielgestaltiges Archiv gibt, dass &#8220;<em>Geschichte</em>&#8221; nur noch eine unter vielen möglichen Queries ist, die man auf die Archive (im wörtlichen Sinn) anwenden kann. Seit Derrida fangen wir auch noch an, die Query selbst in das Blickfeld zu nehmen und stellen fest: Geschichte wird im hier und jetzt gemacht; bei der Abfrage, nicht bei der Speicherung.</p>
<p>Aber &#8220;<em>Geschichte</em>&#8221; ist deswegen nicht vorbei. Es gibt sie noch und es wird sie weiter geben. Aber sie ist keine <em>verbindliche</em> Query mehr. Man kann heute sehr viel freier an das Archiv herangehen, Platon mit Brecht und Elvis Presley remixen oder die Französische Revolution mithilfe der Query des Feminismus zu ihrem Frauenbild befragen. All das ist heute möglich und zwar parallel zur Query &#8220;<em>Geschichte</em>&#8220;.<br />
(Diese Zusammenhänge sind extrem stark heruntergebrochen. In Wirklichkeit arbeite ich an diesem Theoriestrang bereits seit Jahren sehr viel detaillierter und es wird auch an dieser Stelle noch eine gesonderte Beschäftigung mit diesem Thema geben.)</p>
<p><strong>Ein weiteres Beispiel: Arbeit</strong></p>
<p>Arbeit ist ebenfalls schon lange Gegenstand des Archivs, das heißt der ordnungsgebenden Strukturierung zu ihrer leichteren queryologischen Verarbeitung. Eine ordnungsgebende Struktur ist zum Beispiel der <em>Beruf</em>. Der Beruf ist ein wohldefiniertes und gegen andere Berufe relativ genau abgegrenztes Tätigkeitsfeld. Durch den Ordnungsrahmen <em>Beruf</em> lassen sich Queries zu Gehalt, gesellschaftlichem Ansehen, Position in der Firma, Verpflichtungen und Privilegien vereinfachen.</p>
<p>Gunter Dueck hat darauf hingewiesen, dass viele der Tätigkeiten von ihrer <em>Archivseite</em> &#8211; das heißt, wo sie als Wissensakkumulationsinstitution daherkommen &#8211; durch das Internet zunehmend obsolet werden. Die Archivseite von Tätigkeiten ist aber noch vielfältiger als diese neuere Entwicklung und hat eine gewisse Tradition.</p>
<p>Jede Tätigkeit ist der Strukturierungsmacht des Archivs unterworfen. Arbeitsteilung, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fordismus">Fordismus</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Taylorismus">Taylorismus</a> sind einige der wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Ordnung der Arbeit. Ziel ist es, die Arbeit so zu gestalten, dass eine Query sie leicht verarbeiten kann. Und dann eben auch <em>ersetzen</em> kann. </p>
<p>Durch die Aufsplittung der Arbeiter-Tätigkeiten am Fließband in einzelne Handgriffe, wird es bald möglich ebendiese durch die Maschine zu ersetzen, die das besser, schneller und genauer macht. Das geht bishin zu den vielen aufeinanderfolgenden und teils recht komplexen Arbeitsschritten, die seit den 80er Jahren vermehrt durch computergesteuerte Roboter übernommen werden. Als die Möglichkeiten der Query komplexer werden, können bereits einige Dienstleistungen an die Query ausgelagert werden. Automaten für Essen, Trinken und Geld, die in mehreren Schritten sowohl Kundenwünsche, als auch  Parameter  wie &#8220;<em>ist genug Geld eingeworfen</em>&#8221;  oder Authentifizierungsverfahren in der Query berücksichtigen müssen, ersetzen in den 90er Jahren viele Arbeitsplätze.</p>
<p>Derzeit wird die Query so mächtig, dass sie nicht mehr nur in den Grenzen eines Fließbandes &#8211; also einem vorgegebenen Ordnungsrahmen &#8211; oder im Raster eines festverdrahteten Prozesses agieren muss, sondern sich ihre Umgebung und ihre Ordnung selbst erschließen kann. Erste Vorboten sind die Staubsaugerroboter, die die Query ihrer eigenen Saugtätigkeit selbstständig erstellen, indem sie die Struktur Wohnung speichern. An dieser Stelle wird es vermutlich auch weitergehen; über vollautomatisierte Putztrupps bishin zur Robotermüllabfuhr.</p>
<p>Andere Berufe werden nur partiell obsolet oder eben &#8220;produktiver&#8221; gemacht, was aber letztlich die selbe Wirkung hat: man braucht weniger Menschen für mehr zu erledigende Dinge. Je weiter die Query voranschreitet, desto größer wird der Radius an Tätigkeit, die sie sich einverleiben kann. Je definierter die Tätigkeit ist, desto eher wird sie annektiert. Jede Struktur kommt der Query entgegen.</p>
<p>Arnold King fasst diesen Befund <a href="http://econlog.econlib.org/archives/2011/09/the_job-seekers.html">folgendermaßen zusammen</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;The paradox is this. A job seeker is looking for something for a well-defined job. But the trend seems to be that if a job can be defined, it can be automated or outsourced.&#8221;</p></blockquote>
<p>Der jeweilige Grad der Wohldefiniertheit eines Berufs oder einer Tätigkeit lässt auf seine Ersetzbarkeit schließen. Je undefinierter, grober umrissen, schlechter beschreibbar &#8211; das heißt eben <em>unberechenbarer</em> &#8211; eine Tätigkeit ist, umso mehr ist man davor sicher.</p>
<p><strong>Ein drittes Beispiel: Demokratie</strong> </p>
<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-institution-und-der-damon/">Mehr</a> <a href="http://www.zeit.de/digital/internet/2011-05/internet-proteste-demokratie/komplettansicht">als</a> <a href="http://www.ctrl-verlust.net/breivik-queryology-und-der-weltkontrollverlust/">einmal</a> habe ich darauf hingewiesen, dass ich die derzeitigen enormen Umwälzungen in der globalen, politischen Landschaft für eine Form des Kontrollverlusts halte. Auch hier haben wir es mit der Auswirkung einer mächtig gewordenen Query gegenüber einer über lange Zeit gewachsenen Ordnungsmacht zu tun. Dabei gilt: die Gesellschaftsstruktur ist immer so komplex, wie die Möglichkeiten ihrer Query. </p>
<p>Wir haben viele Systeme ausprobiert, um Gesellschaft zu organisieren. Der Feudalismus war zu einer Zeit gangbar, in der Gesellschaft noch durch Verwandtschaftsgrade organisiert werden konnte. Extrem lokal, extrem hierarchisch, extrem unbeweglich. Alles war auf die eine Query zum höhergestellten Herren hin organisiert. Die Macht wurde direkt ausgeübt und alles, was sich dieser direkten Macht entzog, war jenseits dieser Ordnung.</p>
<p>Mit dem Buchdruck, der Reformation und der Aufklärung reichte diese Struktur nicht mehr aus. Die Gesellschaft, in der sich Information nun schneller verbreiten konnte, drängte weiter Richtung Komplexität. Die Anzahl möglicher Queries explodierten und auch die Queries selbst wurden komplexer und damit musste wiederum die Archivseite angepasst werden. Statt der direkten Ausübung von Macht wurden in der Bürgergesellschaft Mittlerinstanzen eingesetzt: Werte, Wissenschaft und rechtliche wie politische Institutionen &#8211; die viel komplexere Hierarchiegeflechte ermöglichten und die Gesellschaft nicht mehr direkt, sondern indirekt und zum Gutteil dezentral organisierten.</p>
<p>Mit dem Aufstieg der Massenmedien, als vielfältigere Archivsysteme, konnten sich auf einmal auch unterschiedliche, politische Strömungen diversifizieren und schließlich in Parteien manifestieren. Die heutige Umsetzung der Demokratie ist eine Query, die auf das grobe Raster der Parteien angewendet wird, die alle paar Jahre behaupten, den gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess zu repräsentieren.</p>
<p>Durch die Weiterentwicklung der Query &#8211; hier natürlich vor allem im Zuge des Internets &#8211; ist der Möglichkeitsraum für die Ordnung des Archivs in&#8217;s Unermessliche gestiegen &#8211; also faktisch obsolet geworden. Die klassischen Ordnungsmächte wie die Verlage und Parteien kämpfen unter einem enormen Bedeutungsverlust. Vor allem aber leiden sie an einer drastischen Unterkomplexität &#8211; einer &#8220;<em>Komplexitätsdiskrepanz</em>&#8221; &#8211; gegenüber den Möglichkeiten der Meinungsbildung im Netz (aber eben auch, gegenüber der <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779256,00.html">Komplexität der Welt</a>, der Wirtschaft usw.). </p>
<p>Die Krise der Institutionen und der Parteien ist eine Krise ihrer Legitimität. Niemand fühlt sich durch das grobschlächtige Raster noch hinreichend repräsentiert. Die Krise der Repräsentation ist also auch nur eine Abwandlung der Krise des Archivs.<br />
(Ich werde eine viel ausführlichere Darlegung meiner Gedanken zu diesem Themenfeld auf der <a href="http://11.openmind-konferenz.de/?p=110">openmind 2011 vortragen</a>.)</p>
<p><strong>Fazit</strong> </p>
<p>Man könnte hier noch viele weitere Beispiele der Krise des Archivs formulieren. Privatsphäre und Urherberrecht wären die dankbarsten Beispiele, aber die werden ja bereits breit diskutiert. Schwieriger bleiben Dinge wie Eigentum oder Identität, die derzeit zweifelsohne auch in eine Krise geraten, die aber noch nicht wirklich verstanden wurde. </p>
<p>Aber ich denke, dass das Muster klar geworden ist. Die Query macht herrschende Ordnungsstrukturen obsolet. Sie geraten in eine Krise und stürzen sich in einen hoffnungslosen Abwehrkampf. Clay Shirky sagte einmal: <a href=http://www.neunetz.com/2010/03/16/shirky-institutionen-werden-versuchen-die-probleme-zu-erhalten-fuer-die-sie-die-loesung-sind/">Institutionen werden versuchen die Probleme zu erhalten, für die sie die Lösung sind</a>.</p>
<p>Ob Leistungsschutzrecht, Internetregulierung oder Arbeitsmarktpolitik, all das sind nur die Reaktionen auf den Kontrollverlust höherer Ebene. Sie werden die Entwicklung aber nicht aufhalten, höchstens hier und da abmildern. Ich will auch gar nicht abstreiten, dass es derzeit noch sinnvoll sein kann für Datenschutz, Arbeitsplätze und Erhaltung von Verlagen und letztendlich auch für Demokratie zu kämpfen. Wir befinden uns in der Phase des Übergangs zur Queryology, doch noch tragen die Queries uns nicht, wenn die Strukturen wegfallen. Deswegen sollten wir vorsichtig sein, mit radikalen Forderungen.</p>
<p>Andererseits ist es Zeit zu Erkennen, dass Vollbeschäftigung, informationelle Selbstbestimmung, der institutionelle Journalismus und die repräsentative Demokratie nicht der Weisheit letzter Schluss sind und dass sie sich so oder so wohl nicht mehr lange halten lassen werden.</p>
<p>Grundsätzlich lässt sich das wohl für jede Ordnung sagen. Die Query wird sich früher oder später jedes Archiv einverleiben. Durch die Abstraktion der Ordnung werden Potentiale frei. Ordnung ist immer Komplexitätsreduktion und damit Informationseinengung. Die Queryology wird also, soviel ist sicher, eine Welt schaffen, die um vieles komplexer und reichhaltiger ist, als wir sie kennen. Vielleicht zu komplex und reichhaltig, als dass wir sie noch verstehen könnten. Aber vielleicht muss das ja auch nicht sein.</p>
<p>Wenn man das Grundparadiga &#8211; den Konflikt zwischen Archiv und stärker werdender Query &#8211; weiterskaliert, endet man dort, wo es überhaupt keine Ordnung mehr braucht. Die allmächtige Query agiert jenseits jeder für sie angelegten Ordnung, das heißt, <em>die Welt selbst</em> wird ihr zur transparenten Datenbank. Mit anderen Worten: der theoretische Endpunkt der Queryologie wäre der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Laplacescher_D%C3%A4mon">Laplacesche Dämon</a>. Bei ihm fällt Zukunft und Vergangenheit sowie <em>Archiv</em> und <em>Welt</em> in eins.</p>
<p>Die Entwicklung geht jedoch zuletzt so rasend schnell, dass es schwer fällt noch irgendwelche Vorhersagen zu machen. Vielleicht kann die Queryology aber dabei helfen, die großen Linien der Veränderung zu erkennen. Denn nicht zuletzt ist die Queryology die Wissenschaft der Abfrage und damit die Zukunft selbst.</p>
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C3%BCrlich+das+Lesen+ist%29%2C+des+Buchdrucks%2C+der+Bibliothek+und+des+Fernsehens+daraufhin+untersuchen%2C+welche+neuen+Abfragetechniken+sich+aus+diesen+Archiven+erm%C3%B6glicht+oder+besser%3A+welche+Abfragetechnik+welche+Speicherformen+hervorbrachte.+Ich+bin+mir+sicher%2C+das+ist+m%C3%B6glich+und+das+ist+wahrscheinlich+auch+notwendig%2C+denn+Archiv+und+Query+-+das+war+lange+Zeit+eine+interdependente+Koevolution.+%0D%0A%0D%0ADer+Grund+aber%2C+dass+die+Query+bislang+nicht+als+theoretischer+Ansatz+in+der+Erscheinung+getreten+ist%2C+ist%2C+dass+die+Mediengeschichte+-+nicht+zu+unrecht+-+vom+Primat+des+Archivs+und+seiner+Ordungstechniken+her+gedacht+worden+ist.+Ich+habe+das+-+und+die+Unzureichendheit+dieses+Ansatzes+-+bereits+in+Queryology+I+-+Das+Ende+der+Medien+beschrieben.%0D%0A%0D%0ADas+Primat+des+Archivs+aber+geht+dieser+Tage+zu+Ende.+Man+kann+sagen%2C+dass+die+Queries+sich+von+der+Speicherstruktur+des+Archivs+ein+ganzes+st%C3%BCckweit+emanzipiert+haben+und+noch+weiter+emanzipieren.+Den+Paradigmenwechsel+kann+man+-+das+habe+ich+in+Queryologie+II+-+Das+Filtersubjekt+zu+zeigen+versucht+-+in+der+Entwicklung+der+realtionalen+Datenbanken+festmachen.+In+einer+relationalen+Datenbank+wird+die+ordnende+Archiv-Struktur+um+ein+entscheidenes+St%C3%BCck+weit+aufgegeben%2C+zugunsten+einer+viel+freieren+Abfrage.+SQL%2C+die+Abfragesprache+f%C3%BCr+diese+Art+von+Datenbank%2C+kann+durch+Echtzeitverkn%C3%BCpfung+vieler+Datens%C3%A4tze+relativ+frei+komplexe+Abfragen+durchf%C3%BChren.+Eine+straffe+Strukturierung+der+Daten+-+beispielsweise+in+einer+Hierarchie+-+ist+nicht+mehr+von+N%C3%B6ten%2C+sondern+eher+hinderlich.+%0D%0A%0D%0ASeit+der+relationalen+Datenbank%2C+kann+man+nicht+mehr+davon+sprechen%2C+dass+Daten+f%C3%BCr+eine+bestimmte+Query+in+der+Zukunft+gespeichert+werden.+Sie+werden+auch+f%C3%BCr+die+ganz+andere+Query+gespeichert%2C+an+die+heute+noch+niemand+denkt.+Das+ist+ein+Bruch%2C+der+so+radikal+ist%2C+dass+er+eine+tiefgreifende+Ver%C3%A4nderung+in+allen+Aspekten+der+Kommunikation+und+des+Ged%C3%A4chtnisses+-+aber+auch+in+der+Struktur+der+Gesellschaft+selbst+-+hinterlassen+wird.%0D%0A%0D%0ASeit+dem+Computer+ist+die+Macht+der+Query+eng+an+Moores+Law+gekn%C3%BCpft.+Mit+jeder+neuen+Prozessorgeneration+wird+die+Query+m%C3%A4chtiger+und+emanzipiert+sich+weiterhin+entsprechend+schnell+und+stark+von+den+vorhandenen+Ordnungsstrukturen%2C+das+hei%C3%9Ft%3A+vom+Archiv.%0D%0A%0D%0AEin+Beispiel%2C+das+diesen+Zusammenhang+gut+erkl%C3%A4rt%2C+ist+die+Gesichtserkennung.+Fotos+sind+Archive%2C+die+so+komplex+sind%2C+dass+bislang+nur+Menschen+darin+lesen+konnten.+Das+galt+selbst+f%C3%BCr+digitale+Fotos.+Mit+zunehmender+Macht+der+Query+wird+das+Foto%2C+seine+chaotische+Struktur%2C+die+nie+f%C3%BCr+die+Verarbeitung+des+Computers+geschaffen+war%2C+verarbeitbar.+Erst+konnte+der+Computer+Kontraste+unterschieden%2C+dann+Formen+erkennen+und+nun+kann+er+bald+biometrische+Muster+matchen.+Die+Query+f%C3%A4ngt+an%2C+in+Fotos+zu+lesen%2C+wie+ein+Mensch+in+Fotos+lesen+kann+-+oder+sogar+bald+besser.+Die+Query%2C+obwohl+sie+bei+der+Speicherung+des+Fotoinhalts+nie+vorgesehen+war%2C+evolviert+also+unabh%C3%A4ngig+von+jeder+ordnungsgebenden+Struktur.+So+haben+die+meisten+von+uns+Fotos+im+Internet+gespeichert%2C+ohne+die+computerisierte+Query+im+Kopf+gehabt+zu+haben%2C+die+Gesichter+erkennen+kann.+Das+ist+der+Kern+des+Ph%C3%A4nomens%2C+das+ich+immer+%22Kontrollverlust%22+nenne.%0D%0A%0D%0A%0D%0ADie+Krise+des+Archivs%0D%0A%0D%0AAber+es+passiert+noch+mehr.+Wir+haben+ja+noch+eine+ganze+Menge+andere+Strukturen+in+der+Gesellschaft+und+im+allt%C3%A4glichen+Leben%2C+die+das+Zusammenleben+ordnen.+Auch+sie+werden+mit+der+m%C3%A4chtiger+werdenden+Query+konfrontiert+und+somit+herausgefordert.+Die+Queryology+geht+%C3%BCber+eine+reine+%22Kontrollverlust-Lehre%22+hinaus%2C+indem+sie+untersucht%2C+wie+dieser+Prozess+-+die+Zunahme+der+Macht+der+Query+-+sich+auf+alle+gesellschaftlichen+Ordnungssysteme+auswirkt.%0D%0A%0D%0ADie+These+dazu+ist+folgende%3A+Ordnungsstrukturen+werden+in+dem+Moment+entwertet%2C+in+dem+die+Query+m%C3%A4chtig+genug+wird%2C+sie+zu+abstrahieren.+Und+Abstrahieren+meint+nicht+nur+%22in+der+Query+abblilden%22%2C+sondern+auch+das+Gegenteil%3A+sie+umgehen%2C+ihre+Grenzen+%C3%BCberschreiten%2C+ihre+Struktur+zu+igrnorieren+und+sie+schlie%C3%9Flich+in+einer+h%C3%B6heren+Ordnung+der+Komplexit%C3%A4t+aufgehen+lassen.+Die+Query%2C+indem+sie+Ordnung+abstrahiert%2C+l%C3%B6st+alle+Ordnung+des+Archivs+auf+und+verleibt+sie+sich+ein.+Doch+die+Archivstruktur+verschwindet+dadurch+ja+nicht+sofort%2C+sondern+sie+ger%C3%A4t+in+eine+Krise.+Die+Krise+des+Archivs%2C+die+wir+derzeit+erleben.+%0D%0A%0D%0AEs+passiert+gerade+in+einem+unvorstellbaren+Ausma%C3%9F+weltweit+und+allumfassend%3A+die+Strukturen+die+aktuell+betroffen+sind%2C+sind+beispielsweise+Verlage%2C+Musikindustrie%2C+Diktaturen%2C+Reiseb%C3%BCros%2C+Privatsph%C3%A4re%2C+der+Arbeitsmarkt+und+vieles+mehr.+Und+auf+der+Liste+der+bedrohten+Arten+stehen+noch%3A+Institutionen%2C+Demokratie%2C+Eigentum%2C+Arbeit%2C+Nation%2C+Identit%C3%A4t%2C+etc.+%28Wer+sich+das+zutraut%2C+k%C3%B6nnte+untersuchen%2C+inwieweit+die+Finanz-Euro-Schulden-Wirtschafts-Krise%2C+ebenso+eine+Krise+des+Archivs+ist.+Es+gibt+zumindest+einige+Anzeichen%2C+dass+da+ein+Zusammenhang+bestehen+k%C3%B6nnte.%29%0D%0A%0D%0AAber+was+hei%C3%9Ft+das+konkret%3F+Es+hei%C3%9Ft+nicht%2C+wie+man+annehmen+k%C3%B6nnte%2C+dass+diese+Dinge+schlagartig+aufh%C3%B6ren+zu+existieren%2C+sondern+nur%2C+dass+sie+ihrer+Allgemeing%C3%BCltigkeit+beraubt+werden.+Ordungsstrukturen%2C+die+die+Query+sich+einverleibt%2C+werden+vom+Gesetz+zur+M%C3%B6glichkeit+degradiert.%0D%0A%0D%0AEs+ist+ein+wenig+so%2C+wie+bei+der+kopernikanischen+Wende.+Im+geozentrischen+Weltbild%2C+war+Erde+und+Welt+eins.+Man+konnte+gar+nicht+%C3%BCber+diese+Grenze+hinausdenken.+Seit+wir+wissen%2C+dass+die+Erde+um+die+Sonne+kreist%2C+wissen+wir+auch%2C+dass+die+Erde+nur+einer+von+vielen+Planeten+ist.+Wir+werden+sehen%2C+dass+es+dem+Archiv+-+also+den+ausgepr%C3%A4gten+Ordnungsstrukturen+-+%C3%A4hnlich+ergeht.+Sie+werden+saturiert%2C+indem+sie+in+der+Query+aufgel%C3%B6st+werden.+Sie+werden+zu+einer+m%C3%B6glichen+Abfrage+unter+vielen.%0D%0A%0D%0A%0D%0AEin+Beispiel%3A+Geschichte%0D%0A%0D%0AGeschichte+ist+gewisserma%C3%9Fen+das+klassische+Schlachtfeld+des+Archivs+und+der+Query+und+bietet+somit+eine+gute+Erkl%C3%A4rmatrix+f%C3%BCr+unsere+Zwecke%2C+obwohl+%28oder+gerade+weil%3F%29+der+Zusammenhang+der+computerisierten+Query+nur+sehr+indirekt+daran+teil+hat.+Deswegen+hat+sie+ihre+Krise+auch+quasi+schon+hinter+sich+und+man+kann+ihren+Verlauf+und+ihr+Resultat+genauer+Untersuchen.%0D%0A%0D%0AGeschichte+ist+ein+Archiv%2C+das+man+angelegt+hat%2C+um+eine+bestimmte+-+relativ+einfache+-+Query+daran+zu+adressieren%3A+Kausalit%C3%A4t.+Man+arrangiert+alle+Ereignisse+anhand+einer+Chronologie%2C+bei+der+jedes+Ereignis+die+Wirkung+des+Vorherigen+zu+sein+scheint.+Was+dort+nicht+hineinpasst%2C+wird+nicht+aufgeschrieben+oder+hinterher+rausredigiert.+Nicht+erst+heute+haben+wir+entdeckt%2C+dass+das+nat%C3%BCrlich+eine+recht+beliebige+und+keineswegs+wahrhaftige+Archivtechnik+und+Query+ist.+Also+hat+man+die+Query+immer+mal+wieder+umgestaltet+und+komplexer+gemacht%2C+das+Archiv+neu+gesichtet+und+neu+sortiert.+Bishin+zu+Foucualt%2C+der+nicht+einfach+nur+in+den+Texten+las%2C+sondern+sie+zu+Diskursen+gruppierte+und+das+Ordungsschema+des+Archivs+als+ein+solches+untersuchte+und+entlarvte.+%0D%0A%0D%0AHeute+ist+es+ersichtlich%2C+dass+es+so+viele+unterschiedliche+Anfragen+auf+ein+so+vielgestaltiges+Archiv+gibt%2C+dass+%22Geschichte%22+nur+noch+eine+unter+vielen+m%C3%B6glichen+Queries+ist%2C+die+man+auf+die+Archive+%28im+w%C3%B6rtlichen+Sinn%29+anwenden+kann.+Seit+Derrida+fangen+wir+auch+noch+an%2C+die+Query+selbst+in+das+Blickfeld+zu+nehmen+und+stellen+fest%3A+Geschichte+wird+im+hier+und+jetzt+gemacht%3B+bei+der+Abfrage%2C+nicht+bei+der+Speicherung.%0D%0A%0D%0AAber+%22Geschichte%22+ist+deswegen+nicht+vorbei.+Es+gibt+sie+noch+und+es+wird+sie+weiter+geben.+Aber+sie+ist+keine+verbindliche+Query+mehr.+Man+kann+heute+sehr+viel+freier+an+das+Archiv+herangehen%2C+Platon+mit+Brecht+und+Elvis+Presley+remixen+oder+die+Franz%C3%B6sische+Revolution+mithilfe+der+Query+des+Feminismus+zu+ihrem+Frauenbild+befragen.+All+das+ist+heute+m%C3%B6glich+und+zwar+parallel+zur+Query+%22Geschichte%22.%0D%0A%28Diese+Zusammenh%C3%A4nge+sind+extrem+stark+heruntergebrochen.+In+Wirklichkeit+arbeite+ich+an+diesem+Theoriestrang+bereits+seit+Jahren+sehr+viel+detaillierter+und+es+wird+auch+an+dieser+Stelle+noch+eine+gesonderte+Besch%C3%A4ftigung+mit+diesem+Thema+geben.%29%0D%0A%0D%0AEin+weiteres+Beispiel%3A+Arbeit%0D%0A%0D%0AArbeit+ist+ebenfalls+schon+lange+Gegenstand+des+Archivs%2C+das+hei%C3%9Ft+der+ordnungsgebenden+Strukturierung+zu+ihrer+leichteren+queryologischen+Verarbeitung.+Eine+ordnungsgebende+Struktur+ist+zum+Beispiel+der+Beruf.+Der+Beruf+ist+ein+wohldefiniertes+und+gegen+andere+Berufe+relativ+genau+abgegrenztes+T%C3%A4tigkeitsfeld.+Durch+den+Ordnungsrahmen+Beruf+lassen+sich+Queries+zu+Gehalt%2C+gesellschaftlichem+Ansehen%2C+Position+in+der+Firma%2C+Verpflichtungen+und+Privilegien+vereinfachen.%0D%0A%0D%0AGunter+Dueck+hat+darauf+hingewiesen%2C+dass+viele+der+T%C3%A4tigkeiten+von+ihrer+Archivseite+-+das+hei%C3%9Ft%2C+wo+sie+als+Wissensakkumulationsinstitution+daherkommen+-+durch+das+Internet+zunehmend+obsolet+werden.+Die+Archivseite+von+T%C3%A4tigkeiten+ist+aber+noch+vielf%C3%A4ltiger+als+diese+neuere+Entwicklung+und+hat+eine+gewisse+Tradition.%0D%0A%0D%0AJede+T%C3%A4tigkeit+ist+der+Strukturierungsmacht+des+Archivs+unterworfen.+Arbeitsteilung%2C+Fordismus+und+Taylorismus+sind+einige+der+wichtigsten+Stationen+in+der+Entwicklung+der+Ordnung+der+Arbeit.+Ziel+ist+es%2C+die+Arbeit+so+zu+gestalten%2C+dass+eine+Query+sie+leicht+verarbeiten+kann.+Und+dann+eben+auch+ersetzen+kann.+%0D%0A%0D%0ADurch+die+Aufsplittung+der+Arbeiter-T%C3%A4tigkeiten+am+Flie%C3%9Fband+in+einzelne+Handgriffe%2C+wird+es+bald+m%C3%B6glich+ebendiese+durch+die+Maschine+zu+ersetzen%2C+die+das+besser%2C+schneller+und+genauer+macht.+Das+geht+bishin+zu+den+vielen+aufeinanderfolgenden+und+teils+recht+komplexen+Arbeitsschritten%2C+die+seit+den+80er+Jahren+vermehrt+durch+computergesteuerte+Roboter+%C3%BCbernommen+werden.+Als+die+M%C3%B6glichkeiten+der+Query+komplexer+werden%2C+k%C3%B6nnen+bereits+einige+Dienstleistungen+an+die+Query+ausgelagert+werden.+Automaten+f%C3%BCr+Essen%2C+Trinken+und+Geld%2C+die+in+mehreren+Schritten+sowohl+Kundenw%C3%BCnsche%2C+als+auch++Parameter++wie+%22ist+genug+Geld+eingeworfen%22++oder+Authentifizierungsverfahren+in+der+Query+ber%C3%BCcksichtigen+m%C3%BCssen%2C+ersetzen+in+den+90er+Jahren+viele+Arbeitspl%C3%A4tze.%0D%0A%0D%0ADerzeit+wird+die+Query+so+m%C3%A4chtig%2C+dass+sie+nicht+mehr+nur+in+den+Grenzen+eines+Flie%C3%9Fbandes+-+also+einem+vorgegebenen+Ordnungsrahmen+-+oder+im+Raster+eines+festverdrahteten+Prozesses+agieren+muss%2C+sondern+sich+ihre+Umgebung+und+ihre+Ordnung+selbst+erschlie%C3%9Fen+kann.+Erste+Vorboten+sind+die+Staubsaugerroboter%2C+die+die+Query+ihrer+eigenen+Saugt%C3%A4tigkeit+selbstst%C3%A4ndig+erstellen%2C+indem+sie+die+Struktur+Wohnung+speichern.+An+dieser+Stelle+wird+es+vermutlich+auch+weitergehen%3B+%C3%BCber+vollautomatisierte+Putztrupps+bishin+zur+Roboterm%C3%BCllabfuhr.%0D%0A%0D%0AAndere+Berufe+werden+nur+partiell+obsolet+oder+eben+%22produktiver%22+gemacht%2C+was+aber+letztlich+die+selbe+Wirkung+hat%3A+man+braucht+weniger+Menschen+f%C3%BCr+mehr+zu+erledigende+Dinge.+Je+weiter+die+Query+voranschreitet%2C+desto+gr%C3%B6%C3%9Fer+wird+der+Radius+an+T%C3%A4tigkeit%2C+die+sie+sich+einverleiben+kann.+Je+definierter+die+T%C3%A4tigkeit+ist%2C+desto+eher+wird+sie+annektiert.+Jede+Struktur+kommt+der+Query+entgegen.%0D%0A%0D%0AArnold+King+fasst+diesen+Befund+folgenderma%C3%9Fen+zusammen%3A%0D%0A%22The+paradox+is+this.+A+job+seeker+is+looking+for+something+for+a+well-defined+job.+But+the+trend+seems+to+be+that+if+a+job+can+be+defined%2C+it+can+be+automated+or+outsourced.%22%0D%0A%0D%0ADer+jeweilige+Grad+der+Wohldefiniertheit+eines+Berufs+oder+einer+T%C3%A4tigkeit+l%C3%A4sst+auf+seine+Ersetzbarkeit+schlie%C3%9Fen.+Je+undefinierter%2C+grober+umrissen%2C+schlechter+beschreibbar+-+das+hei%C3%9Ft+eben+unberechenbarer+-+eine+T%C3%A4tigkeit+ist%2C+umso+mehr+ist+man+davor+sicher.%0D%0A%0D%0A%0D%0AEin+drittes+Beispiel%3A+Demokratie+%0D%0A%0D%0AMehr+als+einmal+habe+ich+darauf+hingewiesen%2C+dass+ich+die+derzeitigen+enormen+Umw%C3%A4lzungen+in+der+globalen%2C+politischen+Landschaft+f%C3%BCr+eine+Form+des+Kontrollverlusts+halte.+Auch+hier+haben+wir+es+mit+der+Auswirkung+einer+m%C3%A4chtig+gewordenen+Query+gegen%C3%BCber+einer+%C3%BCber+lange+Zeit+gewachsenen+Ordnungsmacht+zu+tun.+Dabei+gilt%3A+die+Gesellschaftsstruktur+ist+immer+so+komplex%2C+wie+die+M%C3%B6glichkeiten+ihrer+Query.+%0D%0A%0D%0AWir+haben+viele+Systeme+ausprobiert%2C+um+Gesellschaft+zu+organisieren.+Der+Feudalismus+war+zu+einer+Zeit+gangbar%2C+in+der+Gesellschaft+noch+durch+Verwandtschaftsgrade+organisiert+werden+konnte.+Extrem+lokal%2C+extrem+hierarchisch%2C+extrem+unbeweglich.+Alles+war+auf+die+eine+Query+zum+h%C3%B6hergestellten+Herren+hin+organisiert.+Die+Macht+wurde+direkt+ausge%C3%BCbt+und+alles%2C+was+sich+dieser+direkten+Macht+entzog%2C+war+jenseits+dieser+Ordnung.%0D%0A%0D%0AMit+dem+Buchdruck%2C+der+Reformation+und+der+Aufkl%C3%A4rung+reichte+diese+Struktur+nicht+mehr+aus.+Die+Gesellschaft%2C+in+der+sich+Information+nun+schneller+verbreiten+konnte%2C+dr%C3%A4ngte+weiter+Richtung+Komplexit%C3%A4t.+Die+Anzahl+m%C3%B6glicher+Queries+explodierten+und+auch+die+Queries+selbst+wurden+komplexer+und+damit+musste+wiederum+die+Archivseite+angepasst+werden.+Statt+der+direkten+Aus%C3%BCbung+von+Macht+wurden+in+der+B%C3%BCrgergesellschaft+Mittlerinstanzen+eingesetzt%3A+Werte%2C+Wissenschaft+und+rechtliche+wie+politische+Institutionen+-+die+viel+komplexere+Hierarchiegeflechte+erm%C3%B6glichten+und+die+Gesellschaft+nicht+mehr+direkt%2C+sondern+indirekt+und+zum+Gutteil+dezentral+organisierten.%0D%0A%0D%0AMit+dem+Aufstieg+der+Massenmedien%2C+als+vielf%C3%A4ltigere+Archivsysteme%2C+konnten+sich+auf+einmal+auch+unterschiedliche%2C+politische+Str%C3%B6mungen+diversifizieren+und+schlie%C3%9Flich+in+Parteien+manifestieren.+Die+heutige+Umsetzung+der+Demokratie+ist+eine+Query%2C+die+auf+das+grobe+Raster+der+Parteien+angewendet+wird%2C+die+alle+paar+Jahre+behaupten%2C+den+gesellschaftlichen+Meinungsbildungsprozess+zu+repr%C3%A4sentieren.%0D%0A%0D%0ADurch+die+Weiterentwicklung+der+Query+-+hier+nat%C3%BCrlich+vor+allem+im+Zuge+des+Internets+-+ist+der+M%C3%B6glichkeitsraum+f%C3%BCr+die+Ordnung+des+Archivs+in%27s+Unermessliche+gestiegen+-+also+faktisch+obsolet+geworden.+Die+klassischen+Ordnungsm%C3%A4chte+wie+die+Verlage+und+Parteien+k%C3%A4mpfen+unter+einem+enormen+Bedeutungsverlust.+Vor+allem+aber+leiden+sie+an+einer+drastischen+Unterkomplexit%C3%A4t+-+einer+%22Komplexit%C3%A4tsdiskrepanz%22+-+gegen%C3%BCber+den+M%C3%B6glichkeiten+der+Meinungsbildung+im+Netz+%28aber+eben+auch%2C+gegen%C3%BCber+der+Komplexit%C3%A4t+der+Welt%2C+der+Wirtschaft+usw.%29.+%0D%0A%0D%0ADie+Krise+der+Institutionen+und+der+Parteien+ist+eine+Krise+ihrer+Legitimit%C3%A4t.+Niemand+f%C3%BChlt+sich+durch+das+grobschl%C3%A4chtige+Raster+noch+hinreichend+repr%C3%A4sentiert.+Die+Krise+der+Repr%C3%A4sentation+ist+also+auch+nur+eine+Abwandlung+der+Krise+des+Archivs.%0D%0A%28Ich+werde+eine+viel+ausf%C3%BChrlichere+Darlegung+meiner+Gedanken+zu+diesem+Themenfeld+auf+der+openmind+2011+vortragen.%29%0D%0A%0D%0AFazit+%0D%0A%0D%0AMan+k%C3%B6nnte+hier+noch+viele+weitere+Beispiele+der+Krise+des+Archivs+formulieren.+Privatsph%C3%A4re+und+Urherberrecht+w%C3%A4ren+die+dankbarsten+Beispiele%2C+aber+die+werden+ja+bereits+breit+diskutiert.+Schwieriger+bleiben+Dinge+wie+Eigentum+oder+Identit%C3%A4t%2C+die+derzeit+zweifelsohne+auch+in+eine+Krise+geraten%2C+die+aber+noch+nicht+wirklich+verstanden+wurde.+%0D%0A%0D%0AAber+ich+denke%2C+dass+das+Muster+klar+geworden+ist.+Die+Query+macht+herrschende+Ordnungsstrukturen+obsolet.+Sie+geraten+in+eine+Krise+und+st%C3%BCrzen+sich+in+einen+hoffnungslosen+Abwehrkampf.+Clay+Shirky+sagte+einmal%3A+&amp;tags=arbeit%2Carchiv%2Cdemokratie%2Cgeschichte%2Cinstitutionen%2Ckomplexit%C3%A4t%2Ckomplexit%C3%A4tsdiskrepanz%2Claplace%2Claplacescher+d%C3%A4mon%2Cordnung%2Cquery%2Cqueryology%2Cblog" 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		<title>Wikileaks Kontrollverlust</title>
		<link>http://www.ctrl-verlust.net/wikileaks-kontrollverlust/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 11:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kontrollverlust]]></category>
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		<category><![CDATA[wikileaks]]></category>

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		<description><![CDATA[Stehe! Stehe! Denn wir haben Deiner Gaben Vollgemessen! – Ach ich merk es, wehe! wehe! Hab ich doch das Wort vergessen! Johann Wolfgang von Goethe: Der Zauberlehrling In meinem ersten Artikel über Wikileaks schrieb ich: Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus war ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild. Und ja, mit und durch Wikileaks lässt sich das Phänomen &#8220;Kontrollverlust&#8221; gut erklären, deswegen tue ich das immer wieder. Und auch diesmal haben die Jungs um Julien Assange ein weiteres Lehrstück inszeniert und dabei eine weitere Erkenntnis bewiesen: Wikileaks hat gezeigt, dass der Kontrollverlust kein Subjekt und kein Objekt kennt und vor allem, dass er keine Metaebene hat. Es gibt kein Außerhalb des Kontrollverlusts. &#8220;Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.&#8221; (via) Ein Kontrollverlust ist immer ein notwendig subjektiver, wenn auch kein ausschließlich menschlicher. Aber es braucht einen Akteuer (oder Akteure), Leute die handeln, die kommunizieren und die glauben, Herr dieser kommunikativen Handlungen zu sein. So jemand wie Assange. Er stellte die gesamte Datenbank der Cables online. Aber er verschleierte diese &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/wikileaks-kontrollverlust/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right; font-size: 12pt;">Stehe! Stehe!<br />
Denn wir haben<br />
Deiner Gaben<br />
Vollgemessen! –<br />
Ach ich merk es, wehe! wehe!<br />
Hab ich doch das Wort vergessen!
</p>
<p style="text-align: right; font-size: 12pt;"><em>Johann Wolfgang von Goethe: Der Zauberlehrling</em></p>
</p>
<p>In meinem <a href="http://www.ctrl-verlust.net/wikileaks-und-eine-postbaudrillardsche-frage-der-informationsethik/">ersten Artikel über Wikileaks</a> schrieb ich:</p>
<blockquote><p>Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus <del datetime="2011-09-07T11:01:42+00:00">war</del> ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild.</p></blockquote>
<p>Und ja, mit und durch Wikileaks lässt sich das Phänomen &#8220;Kontrollverlust&#8221; gut erklären, deswegen tue ich das immer wieder. Und auch diesmal haben die Jungs um Julien Assange ein weiteres Lehrstück inszeniert und dabei eine weitere Erkenntnis bewiesen:</p>
<p>Wikileaks hat gezeigt, dass der Kontrollverlust kein Subjekt und kein Objekt kennt und vor allem, dass er keine Metaebene hat. Es gibt kein Außerhalb des Kontrollverlusts. </p>
<blockquote><p>&#8220;Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.&#8221;</p></blockquote>
<p>(<a href="http://carta.info/39625/vom-kontrollverlust-zur-filtersouveranitat/">via</a>)<br />
Ein Kontrollverlust ist immer ein notwendig subjektiver, wenn auch kein ausschließlich menschlicher. Aber es braucht einen Akteuer (oder Akteure), Leute die handeln, die kommunizieren und die glauben, Herr dieser kommunikativen Handlungen zu sein.<br />
<span id="more-726"></span><br />
So jemand wie Assange. Er stellte die gesamte Datenbank der Cables online. Aber er verschleierte diese Tatsache, versteckte die Datei und verschlüsselte sie. Das Verstecken ist kein wirksamer Schutz, das weiß auch Assange. Aber die Verschlüsselung schon. Jeder kann an die Datei, aber keiner kann sie öffnen. Was soll schon passieren?</p>
<p>In Gesprächen mit Journalisten, denen er Einblick in die Daten geben will, nennt er das Passwort. Er schreibt es auf. Aber nur einen Teil. Einen anderen muss sich der Journalist merken. Es ist ein langes Passwort. Ein sicheres Passwort. Die Journalisten sind redlich. Klar, das Passwort müsste jetzt mal geändert werden … morgen vielleicht. Aber was kann schon passieren?</p>
<p>Als Wikileaks seine Domain verliert und Hacker weltweit anfangen die Inhalte des Wikileaks-Server zu spiegeln, fließt bei Assange sicher eine Träne ob dieser demonstrierten Solidarität. Dann ein kurzer Stich in&#8217;s Bewusstsein. Moment, die Daten! Ach, sind ja verschlüsselt. Was soll schon passieren?</p>
<p>Als der Journalist David Leigh vom Guardian sein Buch herausbringt, muss es Assange eiskalt den Rücken runter gelaufen sein. Er rennt an die Konsole. Bloß schnell das Passwort ändern!. Bis er sich fragt, wie er das Passwort auf den anderen 1426 Servern ändern soll. Und auf Bit-Torrent?</p>
<p>Auch der Guardianjournalist hat sich nichts dabei gedacht, das Passwort zu veröffentlichen. Sind doch Profis! Das ist doch sicher längst geändert wenn das Buch draußen ist. Er denkt nicht an die Möglichkeit, dass die Datei bereits tausendfach herumschwirrt. Was soll schon passieren?</p>
<p>Assange beschließt still zu halten. Noch ist nichts passiert.</p>
<p>Es sind alles Handlungen, die nachvollziehbar sind. Jede der Handlungen hat sich sicher angefühlt. Alles kann man rechtfertigen. Jede Handlung für sich. Aber es sind Punkte, die, wenn sie verbunden werden, unweigerlich zum Kontrollverlust führen. </p>
<p>Herausgekommen ist ein Datenhaufen, der sich zunächst wie ein Wirrwarr von unstrukturiertem Chaos verhält. Das Chaos liegt in der Welt und wartet auf denjenigen, der die Datenspuren verknüpft. Es fehlt nur die richtige <strong>Query</strong>.</p>
<p>Wir wissen nicht genau, wer die Query bewerkstelligt hat. Ob es Daniel Domscheit-Berg war, der den Hinweis gab, wie Assange <a href="http://www.freitag.de/politik/1135-die-anderen-sind-schuld">öffentlich</a> vermutet, oder ob es ein paar andere Hacker waren, die die Datei entdeckten und das Passwort aus dem Guardianbuch ausprobierten. In Hackerkreisen zirkuliert die entdeckte Datei und das Passwort jedenfalls schon, als der <a href="http://www.freitag.de/politik/1134-nerds-ohne-nerven">Freitag den Hinweis bekommt</a>. Das weitere ist <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783694,00.html">Geschichte</a>.</p>
<p>In meinem letzten <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-offentlichkeit-der-anderen/">Wikileaks-Artikel schrieb ich</a>:</p>
<blockquote><p>Wikileaks mag ein Wetterphänomen sein, aber dahinter steht ein globaler Klimawandel, der sich mit atemberaubenden Tempo auf der Welt ausbreitet. Wenn das politische Hinterzimmer nicht mehr sicher ist, warum sollte es private Zimmer sein? Der Kontrollverlust ist im Internet schon immer angelegt und überragt Domscheit-Berg ebenso wie Julien Assange, den CCC und all ihre kleinlichen Befindlichkeiten. Das ist nicht mehr ihre Revolution. Sie läßt die Hacker auf eigentümliche Weise antiquiert aussehen. Aus dem Cyberpunk wird mehr und mehr ein Zauberlehrling. Und das Bier aus dem Automaten ist eh alle.</p></blockquote>
<p>Ich bleibe dabei.</p>
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