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	<title>ctrl+verlust</title>
	
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	<description>Res gesta per amissionum</description>
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		<title>Ego: die eierlegende Wollmilchsau des Bösen</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 12:43:04 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dieses Blog gäbe es ohne Frank Schirrmacher nicht. Er schlug mir vor, für die FAZ zu bloggen. Ich dachte mir ein Konzept aus und legte los: der CTRL-Verlust war geboren. Der Rest ist Geschichte. Auf eine gewisse Art war der CTRL-Verlust auch immer eine kontinuierliche Antwort auf die Thesen in Schirrmachers Buch Payback. Antworten, die Schirrmachers Thesen nicht negierten, sondern umdeuteten &#8211; versuchten, das emanzipative Potential aus dem Kontrollverlust herauszuarbeiten. Payback war kein gutes Buch, aber zu seiner Zeit ein wichtiges (Hier meine damalige Rezension). Nun ist der Nachfolger erschienen, das nächste Schirrmacherbuch, der nächste Hype: &#8220;Ego &#8211; Das Spiel des Lebens&#8220;. In gewisser Weise knüpft Ego tatsächlich inhaltlich an den Vorgänger an. Immer noch geht es um die Algorithmen. Immer noch werden wir fremdbestimmt von den Maschinen, diesmal aber nicht mehr abstrakt, sondern konkret. Schirrmacher hat sich Algorithmen herausgepickt, die er für unsere derzeitige Situation verantwortlich macht: die Algorithmen, die auf der Spieltheorie aufbauen und vornehmlich in der Finanzwirtschaft zum automatisierten Handel verwendet werden. Und wenn er es dabei belassen hätte, dann hätte auch ein vernünftiges Buch bei herauskommen können. Aber Schirrmacher reichte das nicht. Das Buch Im Gegensatz zu Payback folgt Ego einem Plot. Es wird die Geschichte &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/ego-die-eierlegende-wollmilchsau-des-bosen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieses Blog gäbe es ohne Frank Schirrmacher nicht. Er schlug mir vor, für die FAZ zu bloggen. Ich dachte mir ein Konzept aus und legte los: der CTRL-Verlust war geboren. Der Rest ist <a href="http://mspr0.de/?p=1468">Geschichte</a>. Auf eine gewisse Art war der CTRL-Verlust auch immer eine kontinuierliche Antwort auf die Thesen in Schirrmachers Buch <a href="http://www.amazon.de/Payback-Informationszeitalter-gezwungen-Kontrolle-zur%C3%BCckgewinnen/dp/389667336X">Payback</a>. Antworten, die Schirrmachers Thesen nicht negierten, sondern umdeuteten &#8211; versuchten, das emanzipative Potential aus dem Kontrollverlust herauszuarbeiten. Payback war kein gutes Buch, aber zu seiner Zeit ein wichtiges (<a href="http://mspr0.de/?p=924">Hier meine damalige Rezension</a>). Nun ist der Nachfolger erschienen, das nächste Schirrmacherbuch, der nächste Hype: &#8220;<a href="http://www.amazon.de/Ego-Spiel-Lebens-Frank-Schirrmacher/dp/3896674277">Ego &#8211; Das Spiel des Lebens</a>&#8220;.</p>
<p>In gewisser Weise knüpft Ego tatsächlich inhaltlich an den Vorgänger an. Immer noch geht es um die Algorithmen. Immer noch werden wir fremdbestimmt von den Maschinen, diesmal aber nicht mehr abstrakt, sondern konkret. Schirrmacher hat sich Algorithmen herausgepickt, die er für unsere derzeitige Situation verantwortlich macht: die Algorithmen, die auf der Spieltheorie aufbauen und vornehmlich in der Finanzwirtschaft zum automatisierten Handel verwendet werden. Und wenn er es dabei belassen hätte, dann hätte auch ein vernünftiges Buch bei herauskommen können. Aber Schirrmacher reichte das nicht.</p>
<p><strong>Das Buch</strong></p>
<p>Im Gegensatz zu Payback folgt Ego einem Plot. Es wird die Geschichte vom Aufstieg eines Algorithmuses erzählt. Dieser Algorithmus &#8211; Schirrmacher nennt ihn anthropomorphisierend &#8220;Nummer 2&#8243; wird uns zunächst als Spieltheorie vorgestellt. Im kalten Krieg soll sie wesentlich dazu beigetragen haben, die Sowjetunion zu besiegen (unbelegte These). In den 90ern wurde die Spieltheorie von den nun arbeitslosen Wissenschaftlern in die Finanzwirtschaft getragen. Spezielle Analysten &#8211; die Quants &#8211; entwarfen die entsprechenden Algorithmen aber &#8220;Nummer 2&#8243; geriet außer Kontrolle, was auch irgendwie mit der Finanzkrise zu tun habe (was genau, das wird nie so recht klar). Heute, mit dem Internet und Google, Facebook, Amazon und Big Data, so Schirrmacher, sei &#8220;Nummer 2&#8243; allgegenwärtig. Unsere ganze Welt wird nach &#8220;Nummer 2&#8243;s Bedürfnissen hin umgestaltet. Und nicht nur das: wir selbst werden zu &#8220;Nummer 2&#8243;, wir selbst hätten sein Wesen verinnerlicht und handelten zunehmend nach seinem Plan.</p>
<p>Um es gleich zu sagen: Ego ist ein schlechtes Buch. Es ist sogar ein sagenhaft schlechtes Buch. Es ist schlampig recherchiert, Wissen wird kaum vermittelt und es ist bis ins Mark unredlich, manipulativ geschrieben. Schirrmachers Duktus wirkt über das ganze Buch wie die bemühte Einflüsterung eines Paranoikers, ein viertel des Buches ist reine Redundanz: gebetsmühlenhafte Wiederholung immer der selben Geschichte. Das Buch ist auf Suggestion, statt auf Evidenz ausgelegt und man hat sofort das unangenehme Gefühl, dass der Autor es nicht ernst mit einem meint.</p>
<p>Inhaltlich ist es voller sachlicher Fehler, Verzerrungen und manipulativer Fehlschlüsse (was zu zeigen sein wird), statt Argumenten wird ein breiter He-said-she-said-Flickenteppich ausgerollt; zusammenhanglos, bloß keine Verantwortung übernehmen. Das Buch ist geschrieben, um diffuse Ängste vor Rationalität und Technik zu schüren, vor Entfremdung, vor Identitätsverlust. Es steht damit keinesfalls in einer linken Tradition, sondern vielmehr der, der konservativen Revolution. </p>
<p><strong>Die Nummer 2-Verschwörung</strong></p>
<p>Das Hauptaugenmerk des Buches scheint Schirrmacher darauf verwendet zu haben, ein Feindbild aufzubauen. Wirtschaft ist komplex, Politik auch. Wer Zustimmung ernten will, braucht ein Feindbild, das für alles, was irgendwie schief läuft, verantwortlich gemacht werden kann. Einen Punkt, auf den der Leser seine Angst und seine Wut konzentrieren kann und ihn nicht mit lästiger Komplexität konfrontiert.</p>
<p>Schirrmacher lässt keinen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist. &#8220;Nummer 2&#8243; ist kurz davor die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wahrscheinlich bist auch Du schon betroffen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Man kann die Türen verbarrikadieren, die Fenster schließen, Nummer 2 drängt sich noch schnell herein. Nummer 2 folgt uns wie ein Schatten und nimmt uns die Sonne. Nummer 2 ist die Sonne und sagt: Schau, wie schön ich leuchte. Nummer 2 trifft Entscheidungen für uns, macht Deals, schaut in die Zukunft, lobt uns, beschenkt uns, bestraft uns. Und vor allem: Nummer 2 wettet auf uns und setzt dabei immer öfter unsere Existenz aufs Spiel. Er fängt leider an, ein Monster zu werden.&#8221;</p></blockquote>
<p>Auffällig ist Schirrmachers Drang, &#8220;Nummer 2&#8243; zu anthropomorphisieren:</p>
<blockquote><p>&#8220;Bei seinem ersten Auftreten war Nummer 2 buchstäblich eine Maschine, die aussah wie ein Mensch. Sie rechnete da allerdings nicht, sondern spielte Flöte oder Klavier.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Von allen diesen Entwicklungsstufen stecken Reste der DNA im Erbgut von Nummer 2. Er ist technisch, aber auch spiritistisch, er rechnet wie eine Maschine und sieht Dinge voraus wie ein Medium.&#8221;</p></blockquote>
<p>Was auch immer dieses &#8220;Nummer 2&#8243; ist, es ist dabei die Macht zu ergreifen. Keine Frage: &#8220;Nummer 2&#8243; ist Dein Feind:</p>
<blockquote><p>&#8220;Nummer 2, der analysierende Algorithmus, und das digitale Du (man selbst), Nummer 1, stehen sich gegenüber wie die USA und die Sowjetunion im Kalten Krieg.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es wird schnell klar: wir sollen Angst bekommen, vor dieser &#8220;Nummer 2&#8243;. Doch was ist &#8220;Nummer 2&#8243; eigentlich? Das wird im Laufe des Buches immer unklarer. Zunächst ist es ein Finanzalgorithmus, der auf der Spieltheorie fußt, dann aber Automaten im Barock, bald steht &#8220;Nummer 2&#8243; für den Neoliberalismus. Irgendwann steht es sogar für Social Media, als nächstes für evolutionsbiologische Thesen, Amazons Empfehlungsalgorithmen und dann wieder für Algorithmen im Allgemeinen. Manchmal meint Schirrmacher damit die Wirtschaftswissenschaften als ganzes oder den Egoismus, schließlich ist &#8220;Nummer 2&#8243; synonym für Big Data, dann für Mr. Hyde und an anderer Stelle für Automation oder Effizienz. &#8220;Das ist alles das gleiche&#8221;, versucht Schirrmacher uns weis zu machen. Wir werden das wohl selbst aufdröseln müssen.</p>
<p><strong>Exkurs: Spieltheorie </strong></p>
<p>&#8220;Nummer 2&#8243; wird uns zunächst vorgestellt als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Spieltheorie">Spieltheorie</a>. Und über das ganze Buch hinweg bleibt die Spieltheorie auch der Kern des &#8220;Nummer 2&#8243;-Gespinstes. Auf sie kommt Schirrmacher wieder und wieder zurück, sie ist der Referenzpunkt für seine Thesen. Was Schirrmacher allerdings an keiner Stelle des Buches macht, ist, die Spieltheorie zu erklären. Deswegen ist es sinnvoll hier einen kleinen Exkurs voranzustellen.</p>
<p>Die Spieltheorie ist die formalisierte Entsprechung von Entscheidungssituationen. Stellen wir uns ein Spiel mit zwei Spielern vor: X und Y. Jedem dieser Spieler stehen verschiedene Handlungsoptionen zur Verfügung. Je nachdem, welche er beschreitet, wirkt sich das positiv oder negativ auf die Auszahlungsfunktion aus. Natürlich beeinflusst alles was X tut die Optionen und die Auszahlungsfunktion von Y und umgekehrt. Die Frage, die die Spieltheorie beantworten will, ist nun, mit welcher Strategien sowohl X als auch Y jeweils am besten fahren. Ziel des Spiels ist es für jeden Spieler, ein möglichst gutes Ergebnis in der Auszahlungsfunktion zu erreichen. </p>
<p>Dieser Egoismus ist es, den Schirrmacher immer wieder attackiert. Doch schon hier fängt es an: Natürlich ist der &#8220;Egoismus&#8221; des formalisierten Spieler nicht moralisch zu verstehen. Ein Spieler will das Spiel gewinnen, natürlich. Aber das Ziel dieses Gewinnes kann absolut altruistischer Natur sein: Man kann damit die Finanzierung eines Waisenhauses sicher stellen oder Spenden an NGO möglichst effizient verteilen. Mithilfe der Spieltheorie lassen sich altruistische Ziele gegen die Ziele egoistischer Mitspieler durchzusetzen &#8211; aber natürlich auch umgekehrt. </p>
<p>Es ist also schon mal völlig absurd, ein formales Logik-System zu nehmen, und es als moralische Handlungsanleitung zu lesen. Das ist in etwa so, als würde Schirrmacher die Willensfreiheit des Menschen dadurch bedroht sehen, dass man ihm verbietet durch Null zu dividieren.</p>
<p>Doch nicht nur das. Die Spieltheorie kennt neben der antagonistischen Spielart, bei der die Spieler gegeneinander spielen, auch die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kooperative_Spieltheorie">Kooperative Spieltheorie</a>. Dort geht es darum, besonders effiziente Strategien der Zusammenarbeit zu finden. Wie das eben ist im Leben: Manchmal hat man gemeinsame Ziele, manchmal widerstrebende. Dass Schirrmacher uns das vorenthält ist kein Zufall, es hätte schließlich nur seine These verwässert.</p>
<p>Das selbe Missverständnis versucht Schirrmacher zu einem der wichtigsten Erkenntnisse der Spieltheorie zu verbreiten &#8211; dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nash-Gleichgewicht">Nashgleichgewicht</a>. Er schreibt zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>&#8220;[Nash] war es, der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war.&#8221;</p></blockquote>
<p>Was allein schon deshalb kompletter Kokolores ist, weil die Spieltheorie &#8211; vor und nach Nash &#8211; das egoistische Handeln der einzelnen Spieler bereits als Prämisse vorgegeben hat. Und dass es nicht rational ist &#8220;mit abgrundtiefen Misstrauen&#8221; und &#8220;absoluten Eigennutz&#8221; zu spielen, genau das zeigte Nash.</p>
<p>Das Nashgleichgewicht ist ein Zustand im Spiel, in dem jeder Mitspieler eine relativ zu den Strategien der anderen Spieler für ihn selbst optimale Strategie gefunden hat. In dieser Situation macht es für keinen der Spieler Sinn, von seiner Strategie abzuweichen, weil er sich sonst verschlechtern würde. In diesem Gleichgewicht gibt es meist keinen absoluten Gewinner oder Verlierer. Das Nashgleichgewicht anzustreben, heißt den gegenseitig besten Ausgleich für alle Spieler anzustreben, statt the Winner takes it all. Das Nash-Gleichgewicht ist dem absoluten Gewinn meist vorzuziehen, weil seine Erreichung realistischer ist und dem Spieler dennoch genug Nutzen bringt.</p>
<p>Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, dass das Nashgleichgewicht den Beweis erbracht hat, dass Gier und Rücksichtslosigkeit oft keine rationalen Strategien sind.</p>
<p><strong>&#8220;Nummer 2&#8243; ist Schuld an der Finanzkrise</strong></p>
<p>Eine der Behauptungen, die im Buch implizit mitschwingen, ist dass &#8220;Nummer 2&#8243; &#8211; also die bösen Algorithmen der Spieltheorie &#8211; auch irgendwie an der Finanzkrise schuld seien. Schirrmacher weiß natürlich, dass das eine kaum zu beweisende These ist, deswegen raunt er uns auch hier wieder nur sein Assoziations- und Metapherngetöse entgegen:	</p>
<blockquote><p>&#8220;Was wir mit der Finanzkrise seit 2007 erleben, ist offenbar etwas anderes als ein vorübergehender irrationaler Systemfehler, mehr als der periodische Evergreen von »Systems gone wild«. Man kann nicht einfach Maschinen »abstellen« oder, wie nach Fukushima, eine Energiewende verkünden.&#8221;</p></blockquote>
<p>Oder:</p>
<blockquote><p>&#8220;Computer und Markt haben immer recht, wie sich in großem Maßstab in der Finanzkrise gezeigt hat, auch dann, wenn sie nicht recht haben können.&#8221; </p></blockquote>
<p>Diese These findet keine Fürsprecher in der Ökonomie. Egal an welchen der vielfältigen Brände der Finanzkrise man schaut: House Mortgages, Derivate, versagende Ratingagenturen; überall hat man es mit menschlichen, allzu menschlichen Versagen zu tun: Gier, fehlende Übersicht, Interessenkonflikte, etc. All dies sind aber eben nicht &#8211; egal was Schirrmacher uns weiß machen will &#8211; rationale Strategien im Sinne der Spieltheorie. Im Gegenteil!</p>
<p>Ich will nicht behaupten, dass, wenn wir alle Transaktionen spieltheoretischen Automaten überlassen würden, die Ökonomie uns holperfrei in eine wundervolle Zukunft fahren würde. Es gibt bereits einige Beispiele, wo Kursstürze und andere Anomalitäten an den Finanzmärkten auf die Algorithmen von High-Frequency Trading Computern zurückzuführen sind. An der Finanzkrise sind aber nachweislich Entscheidungen schuld, die ein rationaler Entscheider so wohl nie getroffen hätte.</p>
<p>Aber Schirrmacher brauchte anscheinend diesen Bezug zur Finanzkrise, um seinen Thesen die nötige Relevanz zu verleihen, da darf man wohl nicht kleinlich sein.</p>
<p><strong>&#8220;Nummer 2&#8243; > 9000!</strong></p>
<p>Nach einigen Hundert Seiten voller redundanter und suggestiver Einflüsterungen, wird sich der ein oder andere intelligente Leser immer noch fragen, was das alles überhaupt soll. Wofür steht dieses mit der Zeit immer schwammiger werdende Monster &#8220;Nummer 2&#8243; denn nun? Was kritisiert Schirrmacher eigentlich? </p>
<p>Vor allem: Wie schafft es Schirrmacher die Gültigkeit der Spieltheorie so wehement zu leugnen und gleichzeitig ihren jahrzehntelangen Siegeszug zu behaupten?</p>
<p>Der Mensch handelt anders als der  Homo Oeconomicus &#8211; und somit anders als in der Spieltheorie vorgesehen &#8211; damit hat Schirrmacher recht. Die Ökonomen haben mit ihrer Theorie einen Idealzustand eines rationalen Entscheiders ersonnen, der so nie existiert hat. Und auch wenn Schirrmacher uns über sein ganzes Buch hinweg etwas anderes suggerieren will: jeder verdammte Ökonom ist sich dessen bewusst. Im gesamten Buch sucht man deswegen vergeblich nach einem Beleg für die steile These, die Spieltheorie würde dafür verwendet, menschliches Verhalten vorherzusehen. Wahrscheinlich aus gutem Grund: diese Vorhersagen wären sehr schlecht und die Anbieter solcher Prognosen schnell weg vom Markt. Denn in der Tat eignet sich die Spieltheorie nicht, um menschenliches Verhalten lebensecht zu simulieren.</p>
<p>Dennoch gibt es Einsatzzwecke für die Spieltheorie, denn es ist nichtsdestotrotz sinnvoll, rationale Entscheidungen zu treffen. Wenn man mit Aktien handelt zum Beispiel. Ich bin kein Homo Oeconomicus, aber ist es deswegen ein Fehler, Trading-Algorithmen einzusetzen, die im Gegensatz zu mir selbst rationale Entscheidungen treffen können? Schirrmacher stellt diese Frage nicht explizit, aber man könnte glauben, dass sie in der Kritik an &#8220;Nummer 2&#8243; implizit drinsteckt. Weil der Homo Oeconomicus kein gutes Modell des Menschen ist, sei es falsch, mit seiner Hilfe Transaktionsentscheidungen zu tätigen? Das kann man zwar behaupten, dann sollte man aber seine Kritik konkretisieren (wo geht was schief und warum?) und möglichst Alternativen aufzeigen (wie kann man bessere Entscheidungen treffen?). Das aber interessiert Schirrmacher nicht. Ihm geht es um etwas anderes.</p>
<p>Schirrmachers rhetorischer Hütchenspielertrick ist es, diese Unterscheidung gar nicht zu machen; die zwischen der Verwendungsmöglichkeit 1. Ich versuche per Algorithmus eine bessere und schnellere Entscheidungsfindung für Transaktionen zu bekommen und 2. ich versuche menschliches Verhalten aufgrund von Modellen zu verstehen. Ersteres geht mit der Spieltheorie ganz hervorragend, zweiteres eher nicht. Schirrmacher tut aber so, als gäbe es da gar keinen Unterschied und subsumiert beide Verwendungsarten unter seinem Sammelbösewicht &#8220;Nummer 2&#8243;.</p>
<p>Natürlich gibt es auch in der Wirtschaftswissenschaft Ansätze, den Menschen in seinem Handeln verstehen zu wollen, statt sich ein idealisiertes Modell von ihm zu machen. Einer dieser Ansätze ist der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Behaviorismus">Behaviorismus</a>. Das weiß Schirrmacher auch, wenn er schreibt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Natürlich war Spieltheorie nicht alles. Eine Geschichte, die das Entstehen der neuen Rationalität erzählt, müsste auf die behavioristischen Ideen B. F. Skinners eingehen, die heute das Design der Plattformen von Google und Facebook auf der Oberfläche mehr bestimmen als die Spieltheorie: »Tue dies« – »Bekomme diese Belohnung«.&#8221;</p></blockquote>
<p>Schirrmacher wirft irriger Weise den Behaviorismus mit der Spieltheorie in den &#8220;Nummer 2&#8243;-Topf, obwohl sich dahinter vollkommen widerstrebende Ansätze versammeln. Der Behaviorismus wird erklärtermaßen in Konkurrenz zum Homo Oeconomicus verstanden. Es geht hier darum, zu untersuchen, wie menschliche Entscheidungen auf Reiz-Reaktions-Muster basieren. Damit lässt sich menschliches Verhalten oft viel besser erklären als durch die Annahme von rationalen Schlussfolgerungen. Schirrmachers Kernvorwurf an Nummer 2, auf Rationalismus und Egoismus programmiert zu sein, trifft also auf den Behaviorismus überhaupt gar nicht zu. Es ist völlig absurd, den Behaviorismus mit der Spieltheorie in einem Begriff zu subsumieren und es die Entstehung der &#8220;neuen Rationalität&#8221; zu nennen.</p>
<p>Als wäre das alles noch nicht genug, wird in die krude &#8220;Nummer 2&#8243; Suppe wird dann noch mit dem wichtigsten Buzzword unserer Tage angereichert: &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Big_Data">Big Data</a>&#8220;:</p>
<blockquote><p>&#8220;Big Data wird mit Multi-Agenten-Systemen arbeiten, die gar nicht anders können, als mit dem Ego von Nummer 2 und spieltheoretischen Formeln die Welt des Sozialen zu analysieren.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das ist natürlich wieder grob irreführend. Nicht nur, dass spieltheoretische Formeln &#8211; aus gutem Grund &#8211; nicht zum Einsatz gebracht werden, um menschliches Verhalten zu analysieren. Bei Big Data geht es unter anderem darum, den Bias durch das Verwenden von Modellen zu verhindern, indem man große Massen an Rohdaten durch reine Korrelation sprechen lässt. Der ganze Witz an Big Data besteht also darin, dass man riesige Datenmengen untersucht, ohne sich vorher auf eine Theorie festzulegen, weswegen zum Beispiel Chris Anderson von der &#8220;<a href="http://www.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory">end of theory</a>&#8221; spricht.</p>
<p>Vollends absurd wird es schließlich, wenn Schirrmacher Google, Facebook, Amazon und Social Media insgesamt gewaltsam in seinen Topf zwängt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wem das zu abstrakt ist, der frage sich, welche »Präferenzen« ihm Google oder Facebook vorgeben, oder, was im Augenblick sehr viel dramatischer ist, welche Börsenalgorithmen die Präferenzen des Traders abbilden. Die Annahmen von Nummer 2 sind beim Lesen eines E-Books, bei »smarten« Geräten, in Finanzmärkten, im politischen Leben alle immer schon implantiert.&#8221;</p></blockquote>
<p><em>Finanzmarkt, Google, Facebook. Alles das Selbe! Nummer 2 ist überall!</em> Natürlich haben weder Googles Suchalgorithmen, noch Facebooks Newsstream-Algorithmen, oder der Empfehlungsalgroithmus von Amazon auch nur im entferntesten irgendwas mit der Spieltheorie zu tun.</p>
<p>Das einzige Beispiel des Einsatzes der Spieltheorie in Social Media, das Schirrmacher findet, ist der Algorithmus der den Googleeigenen Marktplatz für Adwords bereitet. An einer Stelle also, wo der normale Nutzer überhaupt nicht mit in Berührung kommt, sondern wo Unternehmen und Agenturen sich gegenseitig im Buchen von Such-Keywords überbieten.</p>
<p>Man könnte dieses Spiel noch ewig weiter spielen. Den Unsinn, den Schirrmacher beispielsweise über Richard Dawkins verzapft hat, hat die Welt ja bereits ausführlich <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article113751734/Was-man-zitiert-sollte-man-auch-gelesen-haben.html">auseinander genommen</a>.</p>
<p><strong>Leistungsgesellschaft und das Imaginäre</strong></p>
<p>Man kann es sich nicht anders vorstellen, als dass Schirrmacher keinen anderen Ausweg gefunden hat, all diese heterogenen Themen und Konzepte, die er in seine &#8220;Nummer 2&#8243;-Figur gepresst hat, in einer vermeintlich höheren Ebene zusammenzuführen. Anders ist die Wende im Buch &#8211; ab dem zweiten Teil &#8211; nicht zu verstehen.</p>
<p>Um uns zu erklären, wie die Spieltheorie mit ihrer in Wirklichkeit sehr begrenzten Verwendung nun unser aller Leben kolonialisiert habe, vermanscht er sie nicht nur mit allem was er finden kann, sondern versucht dieses Gebräu dann im <em>Reich des Imaginären</em> aufzulösen. Ja, richtig gehört: im Imaginären.</p>
<p>Der Kampf: Das Imaginäre vs. das Reale ist dann die Ebene der Auflösung, mit der Spieltheorie, Finanzkrise und Informationsökonmie zusammen zu denken sind. </p>
<p>Mit einer Argumentation, die stellenweise krudester Zinskritik und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Freiwirtschaft">Freigeldsystem</a>-Ergüssen ähnelt, versucht uns Schirrmacher zunächst zu überzeugen, dass die ganze Finanzkrise ja ein Symptom der kommenden Diktatur immaterieller Werte &#8211; und damit des Imaginären &#8211; ist:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es ist nämlich genau das, was in der Wall Street geschehen ist, als virtuelles Geld seinen ohnehin schon nicht existenten Wert noch dadurch vervielfachte, dass man es als Kredit verlieh.&#8221;</p></blockquote>
<p>Zu dieser nichtssagenden Erkenntnis, wie man sie an jedem Stammtisch an den Kopf geworfen bekommt, addiert er einfach alle anderen Phänomene unserer Zeit, die irgendwas mit Imaterialität zu tun haben &#8211; zum Beispiel: Daten. Fertig ist der &#8220;Informationskapitalismus&#8221;. Dieser zeichne sich durch die &#8220;<em>transmutation von Materie</em>&#8221; aus. Das heißt der Loslösung des Geistigen vom Materiellen, einen Prozess, der schon bei der Alchemie seine Vorläufer gehabt habe.</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Motivation war klar: War erst alles »immateriell« und nur noch eine Frage von »Informationsökonomie« und Kommunikation, hatte man endlich die wirkliche Welt zu jenem symbolischen Raum gemacht, in dem Nummer 2, Computer und die Spieltheorie so agieren konnten wie im Kalten Krieg.&#8221;</p></blockquote>
<p>Mit diesem Vulgär-Baudrillardismus (wir erinnern uns: <a href="http://books.google.de/books/about/Kool_Killer_oder_Der_Aufstand_der_Zeiche.html?id=xgF9j8u9iGIC&#038;redir_esc=y">Der Aufstand der Zeichen</a> und so), glaubt Schirrmacher eine Schneise von der Finanzkrise (alles ja nur virtuelle Werte) über die Verdatung der Welt (Daten haben ebenso wie Finanzprodukte ja ebenfalls keine materielle Entsprechung) hin zum Menschen (der seine Identität auf Facebook ebenfalls virtualisiert) schlagen zu können. Wir reden hier also von nichts geringerem als der großen Megaverschwörung der Digitalisierung, die alles und jeden erfasst hat:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die kosmischen Supermärkte sind nur die auffälligsten, deshalb auch verräterischsten Adressen einer neuen folgenreichen Superstruktur, die im Begriff ist, die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft und die Beziehung des Menschen zu seinem eigenen Selbst vollständig zu verändern.&#8221;</p></blockquote>
<p>Und so springt dann das System, also &#8220;Nummer 2&#8243;, quasi, mithilfe des Informationskapitalismus von den Finanzalgorithmen, über Facebook per Big Data direkt in uns hinein, in den Menschen! Und deswegen die Leistungsgesellschaft und der ganze Neoliberalismus! Oder so.</p>
<p>Verstanden? Nein? Ich auch nicht.</p>
<p>Das Traurige ist: Schirrmacher hat nicht unrecht, wenn er eine zunehmend durchökonomisierte Gesellschaft beklagt, die dem Einzelnen einredet, er sei selbst Schuld, wenn er versagt. Schirrmacher liegt auch nicht falsch, wenn er dieses System als Ausgeburt einer neoliberalen Ideologie beschreibt. Aber welcher Ideologie? Der Spieltheorie? Mit Sicherheit nicht. Es würde zu weit führen, hier die echten Ursachen der Leistungsideologie benennen zu wollen, aber in Wirklichkeit geht es Schirrmacher darum eh nicht.</p>
<p><strong>Digitale Chemtrails</strong></p>
<p>In dem dreiteiligen Roman <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Illuminatus!">Illuminatus!</a> von Robert Shea und Robert Anton Wilson wird eine gleichnahmige Geheimloge beschrieben. Die Illuninati operieren im Untergrund, sie unterwandern Regierungen, planen Attentate und Revolutionen. Nichts passiert durch Zufall auf der Welt, hinter allem stecken die Illunimati. Ihre Zahl ist die 23 und sie wird, quasi als Bekenner-Signatur, in den Metadaten jedes Welthistorischen Ereignisses hinterlassen. Ob in der Anzahl von Stockwerken eines Ortes, dem Datum, der Uhrzeit, des Staßennamens oder der Anzahl von überfahrenen Pollern. Überall steckt die 23, oder ihre Quersumme 5 drin. Und wenn nicht, dann eben in den Quersummen von scheinbar unverdächtigen Zahlenreihen.</p>
<p>Der Witz ist nun, dass wenn man erstmal diese These für sich verinnerlicht hat, man anfängt, die 23 oder die 5 überall zu sehen. Man nimmt Daten bestimmter Ereignisse, zieht Quersummen aus allen Möglichen Zahlen, die zufällig auftauchen und tatsächlich: die 5 oder die 23 tauchen immer irgendwie auf. Und wenn man sich das angewöhnt, wird man zwangsläufig paranoid, beginnt zu glauben, dass alles, was geschieht &#8211; oder zumindest doch ziemlich viel &#8211; von den Illuminati kontrolliert wird.</p>
<p>Wenn man das Muster nur generisch und unscharf genug definiert, findet man es überall. Das hat Schirrmacher &#8211; wie wir gezeigt haben &#8211; mit seiner &#8220;Nummer 2&#8243; bis ins Absurde getrieben. &#8220;Nummer 2&#8243; ist alles und nichts. Nur deswegen kann Schirrmacher wenig kritischen Lesern vormachen, &#8220;Nummer 2&#8243; stehe bereits hinter ihnen. Es ist nichts anderes als eine perfide Manipulationsstrategie.</p>
<p>Schirrmachers Buch arbeitet mit den Mitteln einer Verschwörungstheorie. Ich bin mir sicher, dass er dies jederzeit abstreiten würde und dass er behaupten würde, es ginge ihm darum, Strukturen aufzuzeigen. Doch diese Chance hätte er gehabt. Er hätte Kritik üben können an den Modellen der Ökonomie. Doch dafür hätte er sie zunächst verstehen müssen. Er hätte auch ein kritisches Buch über der Leistungsgesellschaft schreiben können, doch dafür hätte er sich für sie interessieren müssen. Auch die Finanzkrise kann immer noch viel Aufklärung brauchen. Aber Aufkläung ist Schirrmachers Sache nicht. Im Gegenteil.</p>
<p><strong>Ist Schirrmacher jetzt &#8220;links&#8221;?</strong></p>
<p>Jakob Augstein <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html">bespricht</a> &#8220;Ego&#8221; in seiner SPIEGEL-Online Kolumne und betitelt sie mit den Worten: &#8220;<em>Ohne Zweifel links</em>&#8220;. Er spricht konkret von einer &#8220;<em>Linkswendung</em>&#8221; Schirrmachers und bezeichnet das Buch als &#8220;<em>intellektuelles Vergnügen</em>&#8220;. In der Tat ist Ego in etwa so &#8220;links&#8221;, wie es ein &#8220;intellektuelles Vergnügen&#8221; ist. Das Missverständnis, Schirrmachers Buch für &#8220;links&#8221; zu halten, erklärt sich aber aus dem Umstand, dass es schon lange keine Kapitalismuskritik von rechts mehr gab.</p>
<p>Doch wenn &#8220;Ego&#8221; links ist, wo ist dann Schirrmachers Kritik an den Ausbeutungsverhältnissen? Wo prangert er Armut an, oder die Ungleichverteilung von Ressourcen? Wo geht es ihm um Gerechtigkeit oder gar nur um ein lebenswertes Leben für jedermann? Wo stellt er den Eigentumsbegriff in Frage, wo zeigt er Wege auf, die in eine bessere Welt führen? All das kommt bei Schirrmacher nicht vor. Ihm geht es an keiner Stelle um die Unterprivilegierten, sondern ausschließlich um Seinesgleichen. Es geht ihm um das bekannte Alte-Weiße-Männer-Problem mit dem Fortschritt: Es geht ihm um die Entfremdungserfahrung von Identität durch Technik und Rationalismus.</p>
<p>Wer heute den Kapitalismus kritisiert, wird ohne Umschweife dem linken Lager zugeordnet, obwohl es schon immer auch eine rechte Schule der Kapitalismuskritik gab. Das letzte große Aufbäumen dieser Denkrichtung war die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konservative_Revolution">Konservative Revolution</a>. Autoren wie Heidegger, Ernst Jünger und Oswald Spengler kritiserten, ganz ähnlich wie Schirrmacher den Kapitalismus aus der Erfahrung der Entfremdung heraus. Der schon damals attakierte &#8220;Rationalismus&#8221; und die mit ihm einhergehende Technisierung bildeten den Kern der Attacken. Ihm gegenüber wurde das Irrationale, das Triebhafte des Menschen und vor allem die Verankerung in Heimat und Tradition beschworen. Identität war damals vor allem verknüpft mit Heimat, Vaterland und Ritualen. Ganz so plump scheint dieser Bezug bei Schirrmacher nicht durch. Doch die Erzählung ist durchaus strukturgleich:</p>
<blockquote><p>&#8220;Zwar hatten insbesondere die sogenannten postmodernen Philosophen schon einiges dafür getan, die Festung sturmreif zu schießen, aber das Ich war ziemlich hartnäckig. Es wollte Dinge, die mit Identität zu tun haben: langfristige Arbeitsverträge zum Beispiel oder abends nach Hause gehen, wie Generationen von Menschen, und sagen können, dass man seine Arbeitskraft, aber nicht seine Seele verkauft hat.&#8221;</p></blockquote>
<p>Identität als lebenslange Festanstellung und 9to5-Alltag. So liest sich das heute. Interessant auch sein Angriff auf das &#8220;lebenslange Lernen&#8221;:</p>
<blockquote><p>&#8220;So ist »lebenslanges Lernen«, das so ausgeruht und beschaulich klingt, oft genau das Gegenteil dessen, was man damit verbindet: die Fähigkeit, ständig zu verlernen, an was man noch gestern geglaubt hat, auch seine eigene Identität.&#8221;</p></blockquote>
<p>Schirrmacher beweint das gesamte Buch hindurch, wie sich Identität durch das digitale &#8220;<em>verflüssigt</em>&#8220;, wie &#8220;<em>Loyalitäten</em>&#8221; zu Bruch gehen, wie Arbeitsverhältnisse und Bildung nicht mehr wie dem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts gehorchen. Er fürchtet die Zerlegung des Menschen in &#8220;<em>ein Bündel von Daten</em>&#8221; und den Verlust von &#8220;<em>Bindungen</em>&#8221; und Identitäten, die in der guten alten Zeit &#8220;<em>ein Leben lang hielten.</em>&#8220;.</p>
<p>Kurz: Schirrmacher geht es an keiner Stelle, um das Verbessern der Zustände, nicht um die Verlierer des Kapitalismus. Es geht ihm schlicht und ergreifend um schnöden Kulturpessimismus. Man darf sich wohl glücklich schätzen, dass er die Trauer um den Verlust des Nationalstaates und pathetische Heimatgesänge außen vor gelassen hat.</p>
<p>Der von Schirrmachers aufgemachte Antagonismus bleibt dennoch der selbe, wie der der Konservativen Revolution: hier der alles sich unterwerfende Rationalismus und die alles bestimmende Technik vs. dem Mensch und sein irrationales Bedürfnis nach Identität und Sicherheit.</p>
<p>Und was präsentiert Schirrmacher uns als Lösung? Er ruft auf, sich dem System zu entziehen, Social Media weniger zu verwenden. Er plädiert für einen starken Datenschutz und wiederholt seine Forderung nach einer &#8220;europäischen Suchmaschine&#8221;. Auf eine gewisse Art passt sich das Buch ganz gut in den Deutschen Datenschutzdiskurs ein, der ja ebenfalls den Boden der Rationalität oft für das Schüren diffuser Ängste verlässt. Vielleicht hat Schirrmacher es ja geschafft, mit seiner kruden &#8220;Nummer 2&#8243;-Brühe eine Rechtfertigungsideologie für deutsche Kampf-Aluhüte zu bereiten.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Während &#8220;Payback&#8221; zwar auch eine <a href="http://www.merkur-blog.de/2013/02/sorgfaltspflichten-wenn-frank-schirrmacher-einen-bestseller-schreibt/">ganze Menge Mist</a> enthielt, konnte es sich hinter dem vergleichsweise bescheidenen Anspruch verstecken, nur eine Rundschau über den aktuellen Stand der Debatte seiner Zeit zu sein. &#8220;Payback&#8221; war wirr, aber gerade durch seine Unstrukturiertheit ungefährlich. Und es war, dazu stehe ich heute noch, ein wichtiger Debattenbeitrag in einer Zeit, als die deutschsprachigen Medien das Thema Internet und Digitalisierung vollkommen zu verschlafen drohten.</p>
<p>Ego ist anders. Ego will mehr sein, es will eine eigene These aufstellen. Eine These, die da lautet, dass die Spieltheorie überall unser Leben bestimmt. Diese These schafft Schirrmacher an keine Stelle zu belegen. Deswegen tut Schirrmacher einfach so, als sei Spieltheorie identisch oder irgendwie verwandt mit Big Data, Social Media, Behaviorismus, Empfehlungsalgorithmen und was er sonst noch so alles findet. Er versteckt die Heterogenität dieser Ansätze hinter dem Begriff &#8220;Nummer 2&#8243; und erzählt uns ein manipulatives Schauermärchen, von der kommenden Weltherrschaft dieses, seines Hirngespinstes. Dabei geht es an keiner Stelle darum, Ungerechtigkeiten oder unhaltbare Zustände der Kapitalismusverlierer zu kritisieren, sondern um das beweinen von Permanenz, Tradition und Identität. Von bürgerlichen Werten also.</p>
<p>Der eigentliche Clou bei &#8220;Ego&#8221; ist, dass so ziemlich alle Eigenschaften, die Schirrmacher seiner &#8220;Nummer 2&#8243; zuschreibt, auf sein Buch selber zutreffen:</p>
<ul>
<li>Nicht verrückte Wissenschaftler der RAND Corporation haben &#8220;Nummer 2&#8243; erfunden, sondern Schirrmacher allein.</li>
<li>Schirrmacher agiert viel egoistischer als &#8220;Nummer 2&#8243;, denn er verkauft seine Leser für dumm, um ausschließlich seiner eigenen Nutzenfunktion zu dienen.</li>
<li>Nicht die Spieltheorie ist paranoid. Alle Menschen als gehirngewaschene Wesen unter der Fuchtel eines transhumanen Algorithmuses zu sehen &#8211; das ist paranoid.</li>
<li>Und nein, Algorithmen sind keine guten Manipulationsstrategien. Antropomorphisierungen, Suggestion statt Argumenten, gebetsmühlenhafte Wiederholungen und zusammengeschusterte Narrative sind da viel effektiver.</li>
<li>Und der Humanismus ist übrigens nicht bedroht durch formalisierte Entscheidungstheorien und die Verknüpfung von Daten, sondern viel eher von demagogischen, antiaufklärerischen Pamphleten gegen den Rationalismus.</li>
</ul>
<p>Ich halte Schirrmachers Werk wegen seiner antiaufklärischen Tendenzen, seiner manipulativen Machart und seiner Anschlussfähigkeit an unreflektierte linke Positionen für gefährlich. Gott sei Dank ist das Buch handwerklich so schlecht, dass sein Erfolg ernstlich in Frage steht. Ich hoffe sehr, dass Schirrmachers Buch so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zukommt, weil es uns in der wichtigen Diskussion über den Kapitalismus in eine Sackgasse führt. Ich fürchte mich davor, dass in der linken Szene mit Schirrmacher argumentiert wird, ich fürchte mich vor Diskussionen, die keine Differenzen mehr kennen, die im Amalgam kulturkonservativer Ablehnungsrhetorik jeden Fortschritt und das rationale Denken ansich verdammen.</p>
<p>Ein solches Buch kann gefährlich sein, in einer Zeit, in der wieder viele Rattenfänger unterwegs sind. Leute, die mit populistischer Rhetorik, aber ohne politische Konzepte auf &#8220;Die da oben&#8221; oder &#8220;den Kapitalismus&#8221; schimpfen, in Wirklichkeit aber ihre eigene Agenda verfolgen. Schirrmacher ist vielleicht nur ein Vorbote. Wir müssen wieder wachsam sein.</p>
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		<title>Gretchenfrage Big Data</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Feb 2013 15:50:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kontrollverlust]]></category>
		<category><![CDATA[Weltkontrollverlust]]></category>
		<category><![CDATA[big data]]></category>
		<category><![CDATA[datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[effizienz]]></category>
		<category><![CDATA[eu-datenschutzreform]]></category>

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		<description><![CDATA[Dem einen oder anderen Beobachter mag aufgefallen sein, dass vieles von dem, was ich seit 2010 hier in diesem Blog aufschreibe, sich in Big Data manifestiert (hier eine gute Deutschlandradiosenung zu Big Data). Und ich bin mittlerweile auch zu der Ansicht gelangt, dass wir mit der Entwicklung von Big Data direkt am Scheideweg des Kontrollverlustes stehen. Ich glaube, dass die Kämpfe &#8211; insbesondere auch die um die EU-Datenschutzverordnung &#8211; in Wirklichkeit auch eine Richtungsentscheidung zu diesem Thema sein soll. Der Kontrollverlust, so wie ich ihn definiere, ist die generelle Unabsehbarkeit von Informationen, die aus Daten gewonnen werden können. Er schließt ein, dass ich 1. nicht mehr wissen kann, welche Daten erhoben werden, 2. welche Wege sie gehen, bzw. welche Kopien von ihnen angefertigt werden und 3. und wichtigstens, ich nicht wissen kann, wie diese Daten, verknüpft mit anderen Daten, welche Aussagen zulassen. Der dritte Punkt nun ist im großen und ganzen der Coup hinter Big Data. Big Data greift meist auf Bestandsdaten zurück, die zu einem ganz anderen Zweck erhoben wurden (Tracking, Suchabfragen, Mobiltelefonzellenortung, medizinische Daten, etc.) und korreliert sie mit anderen Datensätzen. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse. Und zwar in jeder Hinsicht verblüffend: vielleicht auch über mich. Wenn &#8211; so &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/grechenfrage-big-data/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dem einen oder anderen Beobachter mag aufgefallen sein, dass vieles von dem, was ich seit 2010 hier in diesem Blog aufschreibe, sich in <em>Big Data</em> manifestiert (hier eine gute <a href="http://breitband.dradio.de/brb130209/">Deutschlandradiosenung</a> zu Big Data). Und ich bin mittlerweile auch zu der Ansicht gelangt, dass wir mit der Entwicklung von Big Data direkt am Scheideweg des Kontrollverlustes stehen. Ich glaube, dass die Kämpfe &#8211; insbesondere auch die um die <a href="http://eudatenschutz.tumblr.com/">EU-Datenschutzverordnung</a> &#8211; in Wirklichkeit auch eine Richtungsentscheidung zu diesem Thema sein soll.</p>
<p>Der Kontrollverlust, <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">so wie ich ihn definiere</a>, ist die generelle Unabsehbarkeit von Informationen, die aus Daten gewonnen werden können. Er schließt ein, dass ich 1. nicht mehr wissen kann, welche Daten erhoben werden, 2. welche Wege sie gehen, bzw. welche Kopien von ihnen angefertigt werden und 3. und wichtigstens, ich nicht wissen kann, wie diese Daten, verknüpft mit anderen Daten, welche Aussagen zulassen.</p>
<p>Der dritte Punkt nun ist im großen und ganzen der Coup hinter Big Data. Big Data greift meist auf Bestandsdaten zurück, die zu einem ganz anderen Zweck erhoben wurden (Tracking, Suchabfragen, Mobiltelefonzellenortung, medizinische Daten, etc.) und korreliert sie mit anderen Datensätzen. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse. Und zwar in jeder Hinsicht verblüffend: vielleicht auch über mich.<br />
<span id="more-1280"></span><br />
Wenn &#8211; so die Datenschützer &#8211; Big Data ausschließlich vollständig anonymisierte Daten nutzen würde, dann wäre da auch gar nichts gegen einzuwenden. &#8220;<em>Jaja</em>&#8220;, antworten Startups und Konzerne, &#8220;<em>wir anonymisieren doch!</em>&#8221;</p>
<p>Leider gibt es da ein kleines Problem. Zu den oben erwähnten Unkalkulierbarkeiten von Big Data gehört unter anderem die ständige Gefahr der <em>Deanonymisierbarkeit</em>. Die meisten Daten (vor allem die interessanten) werden auf die eine oder andere Art eben doch durch den Menschen induziert. Nimmt man beispielsweise einen Datensatz eines Telefonanbieters, ersetzt alle personenbezogenen Daten (Telefonnumern, Namen, Adressen, etc) mit Aliasen, so dass man nur noch anonymisierte Bewegungsprofile irgendwelcher Menschen hat, glaubt man sich sicher. Korreliert man sie mit zum Beispiel Daten aus Foursquare (Welcher Alias ist an Orten, wo sich ein User eincheckt?) lassen sich einzelne Daten nicht nur wunderbar rückübersetzen, sondern auch alle Lücken des Foursquare-Users füllen. Korreliert man die paar Treffer widerum mit Facebook und den jeweiligen Social Graphs (Freundesnetzwerken) bekommt man auch einen Großteil aller anderen raus. (Dies ist ein einfaches, plakatives Beispiel. Das geht natürlich noch viel mehr von hinten durch die Brust ins Auge.) (PS: Anscheinend ist mein kleines Gedankenexperiment hier mittlerweile so &#8211; genau so &#8211; wissenschaftlich bestätigt <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/mobilfunkspuren-lassen-sich-leicht-menschen-zuordnen-a-891850.html">worden</a>.)</p>
<p>Und hier sind wir mitten drin, in der wohl wichtigsten Streitfrage der aktuellen Datenschutzdiskussion: der Frage nach der Definition von personen bezogenen Daten, die auch bei der Diskussion um die EU-Datenschutzverordnung eine große Rolle <a href="http://www.internet-law.de/2012/10/wie-sinnvoll-und-wie-demokratisch-ist-die-geplante-eu-datenschutzgrundverordnung.html">spielt</a>.</p>
<p>Datenschützer hätten deswegen gerne eine generell sehr weite Definition von &#8220;personenbezogenen Daten&#8221;. Alle Daten, die &#8211; auch nur potentiell &#8211; auf Personen <em>beziehbar</em> sind, sollen dazugehören. In Anbetracht unserer obigen Überlegungen hieße das nichts anderes, als dass fast alle Daten personenbezogen sind.</p>
<p>Würden sich die Datenschützer an dieser Stelle durchsetzen, hieße das das Ende von Big Data. (Klar, es gibt den Erlaubnisvorbehalt, aber wie ich oben beschrieben habe, ist bei Big Data ja eben das spannende, dass man <em>unvorhergesehene</em> Berechnungen macht. Und dafür können dann ja eben schlecht Erlaubnisse nachträglich eingeholt werden.)</p>
<p>Es würden &#8211; zumindest in Europa &#8211; alle Entwicklungen in Richtung Big Data extrem behindert werden. Aber nicht nur. Wenn zum Beispiel IP-Adressen zum personen bezogenen Datum werden (wie von manchen gefordert), kann ich keine Reportings mehr für meine Websites machen. Eine ganze Reihe von Netzwerkanalysetools würde illegal werden. Usertracking würde enorm erschwert werden und die eh schon dürren Geschäftsmodelle von Websitebetreibern ruinieren. Das Web würde sehr leiden unter einer solchen Definition.</p>
<p>Es war klar, dass der Datenschutz an einen Punkt kommen wird, an dem er von einem freiheitsermöglichenden Schutzrecht zu einem freiheitseinschränkenden Regime wird. Ich glaube, dieser Zeitpunkt ist jetzt.</p>
<p>Wenn der Datenschutz seine Vorstellungen von &#8220;Personenbezug&#8221; durchsetzt, erweitert er seine Kompetenzen auf beinahe Alles. Dann wird er entweder totalitär oder wird an dieser Stelle schlicht und ergreifend ebenso armselig scheitern, wie es die tragische Figur Thilo Weichert heute schon beinahe täglich vormacht.</p>
<p>Die Alternative dazu wäre nicht nur, den &#8220;Personenbezug&#8221; so eng zu definieren wie möglich, sondern den Datenschutz vom Ansatz her neu zu denken. Es würde nämlich bedeuten, dass die Datenverarbeiter zwar zusichern können alles zu tun, um Daten zu anonymisieren, dass sie aber keine Garantie geben könnten, dass die Daten nicht wieder deanonymisierbar sind. Es bräuchte einen Datenschutz, der den grundsätzlichen Kontrollverlust akzeptiert und dennoch alles Mögliche tut, die Folgen einzuschränken. (Beispielsweise wäre die derzeit wichtigste Aufgabe in dieser Hinsicht, gegen die Vorratsdatenspeicherung zu kämpfen.)</p>
<p>Ich denke, die Wahl ist nicht ganz leicht, aber sie stellt sich derzeit genau so. Ich bin für die letzte Variante, wie ich nicht müde werde zu betonen, aber ich kann schon verstehen, dass man sich damit schwer tut. </p>
<p>Ein paar Gedanken dazu: </p>
<p>1. Wir stehen in Sachen Datenverarbeitung immer noch am Anfang. Die Datenberge werden weiterhin exponentiell wachsen und deren Möglichkeiten und Mächtigkeiten mit ihr. Wenn wir jetzt einen restriktiven Faktor einbauen, dann wird diese Institution keine andere Chance haben, als mit den von ihr unter dem Deckel zu haltenden Möglichkeiten mitzuwachsen. Wenn wir also über eine machtvolle Datenschutzbehörde nachdenken, dann müssen wir bedenken, dass sie in zwei Jahren <a href="http://www.e-commerce-magazin.de/ecm/news/studie-von-idc-datenwachstum-verdoppelt-sich-alle-zwei-jahre">doppelt so mächtig sein muss</a> und in 10 Jahren 64 mal. Mir macht das mehr Angst, als jeder Kontrollverlust über meine Daten.</p>
<p>2. Wir stehen mit unserem gesamten &#8220;Way of Life&#8221; derzeit an einer Weggabelung. Und zwar nicht in erster Linie durch das Digitale, sondern vor allem wegen der Endlichkeit der Ressourcen. Die Welt &#8211; aber zu erst der Westen &#8211; kann es sich nicht mehr länger leisten seine Ökonomie auf einem ständigen Wachstum &#8211; und damit auf ständigem Mehrverbrauch von Ressourcen aufzubauen. Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten aus der Misere: wir verbrauchen weniger, d.h. wir alle schnallen den Gürtel enger, schränken uns ein, etc. Das wird hart, vielleicht in gewissen Maße auch auch unumgänglich. Und/Oder zweitens: Wir schaffen es, die vorhandenen Ressourcen effizienter zu verteilen. Ich bin überzeugt, dass wir uns keine Vorstellung davon machen, was für enorme Potentiale für Wohlstand bei gleichzeitiger Umweltverträglichkeit in der effizienteren Umorganisation von Ressourcen steckt. Und ich glaube, dass da gar kein Weg dran vorbei geht.</p>
<p>Wir können uns auf Dauer keinen motorisierten Individialverkehr mehr leisten. Wir könnten uns aber wenige selbstfahrende, jederzeit über ihre Fahrgäste und ihre Position bewusste Taxis leisten. Wir können uns nicht leisten, auf regenerative Energie zu verzichten. Dafür aber brauchen wir intelligente Stromnetze, die in Echtzeit Strom dorthin schicken, wo er gebraucht wird. Wir können uns Fehlplanungen beim Wohnungsbau nicht mehr leisten. Wir können uns nicht leisten, weiterhin intransparente Märkte zu haben, indem wir uns weiterhin selbst zutrauen, sie zu durchforsten. Wir können uns nicht mehr leisten, mit Werbung, die enorme Streuverluste hat, die Welt vollzustellen. Wir können uns nicht mehr leisten, Butterberge, Getreideberge etc. herzustellen und dann verrotten zu lassen. Und es gibt viele, viele andere Beispiele, wie unsere Ökonomie zwar nicht mehr wachsen kann, aber trotzdem nicht weniger lebenswert werden muss. Das Wachstum muss und wird sich nach innen verlagern.</p>
<p>Um diese Dinge aber zu lösen, müssen wir von der Milchtüte bis zum Fensterscharnier alles mit Intelligenz ausstatten. Und um die Dinge intelligent und effizient auf einander einzustellen, werden wir jede Sekunde viele Petabyte an Daten auswerten müssen. Und wir werden keine Rücksicht darauf nehmen können, wenn Dinge aus diesen Daten herauslesbar sein werden, die uns manchmal nicht passen. Big Data wird in jeder Hosentasche stattfinden, ob die Datenschützer es nun wollen oder nicht.</p>
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		<title>Carta.info: Die Null-Euro Utopie</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Feb 2013 16:29:24 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/****** Für einen noch anzukündigenden Sammelband über das Urheberrecht habe ich einen Beitrag verfasst. Dort schreibe ich nebenbei auf, warum ich glaube, dass der sogenannte &#8220;Informationsmarkt&#8221; die längste Zeit mißverstanden wurde. Eine These im übrigen, die hier sehr gut herpasst und die ich weiterzuentwickeln gedenke. Da ich freie Hand hatte, den Beitrag auch anderweitig zu veröffentlichen, gab ich ihn Carta.info, weil ich irgendwie fand, dass er da gut hinpasst. ******/ Als ich mit dem Bloggen anfing, interessierte ich mich nicht für das Urheberrecht. Das ist etwas ganz Normales. Das Urheberrecht ist kompliziert und schwer verständlich. Nicht mal die Urheber wissen, was da drin steht. Sie haben Manager und Anwälte, die das für sie regeln. Dass ich aber mit dieser Haltung im Internet nicht weit komme, musste ich erst lernen. Man schreibt so seine Texte, sucht per Google nach einem passenden Bild, um den Text etwas aufzulockern, und denkt sich nichts weiter dabei. Viele haben diese Erfahrung gemacht, einige allerdings teuer dafür bezahlt: eine Abmahnung kann schnell mal 1500 Euro kosten. Als ich immer häufiger von solchen Fällen hörte, war ich empört. Wo ist denn bitte das Problem, fragte ich? Wo ist der Schaden? Wem wurde denn bitte etwas weggenommen? Mein &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/carta-info-die-null-euro-utopie/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/******<br />
<em>Für einen noch anzukündigenden Sammelband über das Urheberrecht habe ich einen Beitrag verfasst. Dort schreibe ich nebenbei auf, warum ich glaube, dass der sogenannte &#8220;Informationsmarkt&#8221; die längste Zeit mißverstanden wurde. Eine These im übrigen, die hier sehr gut herpasst und die ich weiterzuentwickeln gedenke. Da ich freie Hand hatte, den Beitrag auch anderweitig zu veröffentlichen, gab ich ihn <a href="http://carta.info/53904/die-null-euro-utopie/">Carta.info</a>, weil ich irgendwie fand, dass er da gut hinpasst.</em><br />
******/</p>
<p>Als ich mit dem Bloggen anfing, interessierte ich mich nicht für das Urheberrecht. Das ist etwas ganz Normales. Das Urheberrecht ist kompliziert und schwer verständlich. Nicht mal die Urheber wissen, was da drin steht. Sie haben Manager und Anwälte, die das für sie regeln.</p>
<p>Dass ich aber mit dieser Haltung im Internet nicht weit komme, musste ich erst lernen. Man schreibt so seine Texte, sucht per Google nach einem passenden Bild, um den Text etwas aufzulockern, und denkt sich nichts weiter dabei. Viele haben diese Erfahrung gemacht, einige allerdings teuer dafür bezahlt: eine Abmahnung kann schnell mal 1500 Euro kosten. Als ich immer häufiger von solchen Fällen hörte, war ich empört. Wo ist denn bitte das Problem, fragte ich? Wo ist der Schaden? Wem wurde denn bitte etwas weggenommen? Mein Gerechtigkeitsempfinden rebellierte gegen dieses offensichtlich antiquierte Gesetz: Urheberrecht.</p>
<p><strong>[<a href="http://carta.info/53904/die-null-euro-utopie/">Weiterlesen auf Carta >></a>]</strong></p>
<div id="tweetbutton1276" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fcarta-info-die-null-euro-utopie%2F&amp;via=mspro&amp;text=Carta.info%3A%20Die%20Null-Euro%20Utopie&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fcarta-info-die-null-euro-utopie%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1276&amp;md5=9f47b399e3ee976a8536dfd0dfd82980" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>SPEX: Into the Deep Wide Open – Unterwegs im Darknet</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Nov 2012 19:07:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[/*********** Ich wurde von Torsten Groß gefragt, ob ich nicht für die SPEX was über das Darknet schreiben will. Natürlich wollte ich. Ich schlug eine Reportage vor. Die Herausforderungen waren also: 1. Mit welcher Perspektive nimmt man am besten ein nicht per se technikaffines Publikum in krypto-technologische Welten mit? 2. Wie kann man eine Reportage einigermaßen spannend erzählen, wenn der Erzähler im Grunde nichts weiter tut, als im Browser rumzuklicken? Das Ergebnis hat hoffentlich bei der Zielgruppe erreicht, was es sollte: aufklären, unterhalten und die politische Botschaft mitgeben. Für eingefleischte Nerds mit Darknet-Tiefblick wird der Artikel allerdings eher enttäuschend sein. In der Onlineversion korrigiert: Errata: Dass das Crypto Anarchist Manifesto kein Buch ist, weiß ich, konnte es der SPEX-Redaktion aber nicht schnell genug sagen. ***********/ Der Ladebalken steht bei 25 Prozent, als das Chatfenster aufspringt. Eine verschlüsselte Verbindung. »Und, bist du soweit?« »Nein«, antworte ich kurz. Der Hacker am anderen Computer hatte auf einen Link verwiesen, von dem aus ich nun ein Softwarepaket herunterlade. 30 Prozent. Das Paket enthält diverse Programme, die es erlauben, Daten auszutauschen, ohne dass jemand die Möglichkeit hat, mich dabei zu beobachten. Diese Programme sollen mich zu einem Knoten in einem Netz machen, das zwar im &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/spex-into-the-deep-wide-open-unterwegs-im-darknet/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/***********<em><br />
Ich wurde von Torsten Groß gefragt, ob ich nicht für die SPEX was über das Darknet schreiben will. Natürlich wollte ich. Ich schlug eine Reportage vor.</p>
<p>Die Herausforderungen waren also: 1. Mit welcher Perspektive nimmt man am besten ein nicht per se technikaffines Publikum in krypto-technologische Welten mit? 2. Wie kann man eine Reportage einigermaßen spannend erzählen, wenn der Erzähler im Grunde nichts weiter tut, als im Browser rumzuklicken? </p>
<p>Das Ergebnis hat hoffentlich bei der Zielgruppe erreicht, was es sollte: aufklären, unterhalten und die politische Botschaft mitgeben. Für eingefleischte Nerds mit Darknet-Tiefblick wird der Artikel allerdings eher enttäuschend sein.</p>
<p>In der Onlineversion korrigiert: <del datetime="2012-11-20T14:55:10+00:00">Errata: Dass das Crypto Anarchist Manifesto kein Buch ist, weiß ich, konnte es der SPEX-Redaktion aber nicht schnell genug sagen.</del><br />
</em>***********/</p>
<p>Der Ladebalken steht bei 25 Prozent, als das Chatfenster aufspringt. Eine verschlüsselte Verbindung. »Und, bist du soweit?« »Nein«, antworte ich kurz. Der Hacker am anderen Computer hatte auf einen Link verwiesen, von dem aus ich nun ein Softwarepaket herunterlade. 30 Prozent. Das Paket enthält diverse Programme, die es erlauben, Daten auszutauschen, ohne dass jemand die Möglichkeit hat, mich dabei zu beobachten. Diese Programme sollen mich zu einem Knoten in einem Netz machen, das zwar im Internet und über das Internet kommuniziert, selbst aber kein Teil davon ist. Ich will ein Teil des Darknet werden.</p>
<p><strong>[<a href="http://www.spex.de/2012/11/19/darknet-reportage-mspro-michael-seemann/">Weiterlesen >></a>]</strong><br />
<br/><br/></p>
<div id="tweetbutton1259" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fspex-into-the-deep-wide-open-unterwegs-im-darknet%2F&amp;via=mspro&amp;text=SPEX%3A%20Into%20the%20Deep%20Wide%20Open%20%26%238211%3B%20Unterwegs%20im%20Darknet&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fspex-into-the-deep-wide-open-unterwegs-im-darknet%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1259&amp;md5=a6f0d548b749fd1ed04231791fc3e289" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Plattformen II – Infrastruktur und Kontrolle</title>
		<link>http://www.ctrl-verlust.net/plattformen-ii-infrastruktur-und-kontrolle/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Aug 2012 13:39:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein neuer Heilsbringer ist am Netzgemeindenhorizont erschienen. Nach Status.net, Diaspora und Zurcker soll uns nun also APP.net aus den Fängen all der pösen Facebooks, Googleplusses und Twitters befreien. Der Gründer Dalton Caldwell initiierte das Projekt gewissermaßen mit einem Rant über die zunehmende Geschlossenheit der Twitterplattform. Twitter, einst vorbildlich offen nach innen wie nach außen, hat ein enormes Ökosystem um sich herum geschaffen, mit vielen externen Dienstleistern und einer ganzen Reihe von Drittanbietersoftware. Doch seit die Entscheidung zur Werbung als Geschäftsmodell gefallen ist, zieht Twitter die Mauern hoch, exkommuniziert Drittanbieter per API und sperrt die Inhalte seiner Nutzer immer weiter ein. &#8220;Wenn du für das Produkt nicht zahlst, bist du das Produkt&#8220;. Diese gebetsmühlenhaft wiederholte Weisheit scheint sich ein weiteres Mal zu bestätigen. Das Rezept dagegen ist so einfach wie die Analyse, jedenfalls nach Caldwell: man muss dann eben für den Service zahlen, dann ist man der Kunde, kein produkt mehr, dann wird man gehört. Und so sammelt er für seinen Dienst im Vorfeld Geld (bald 1 Mio Dollar) und will auch nach dem Launch die Nutzer zur Kasse bitten. Ich will den Ansatz nicht vorschnell niederreden, aber angesichts der langen Geschichte der vermeintlichen Erlöser ist Skepsis durchaus angesagt. Davon abgesehen, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen-ii-infrastruktur-und-kontrolle/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein neuer Heilsbringer ist am Netzgemeindenhorizont erschienen. Nach <a href="http://status.net/">Status.net</a>, <a href="https://joindiaspora.com/">Diaspora</a> und Zurcker soll uns nun also <a href="https://join.app.net/">APP.net</a> aus den Fängen all der pösen Facebooks, Googleplusses und Twitters befreien.</p>
<p>Der Gründer Dalton Caldwell initiierte das Projekt gewissermaßen mit einem <a href="http://daltoncaldwell.com/what-twitter-could-have-been">Rant</a> über die zunehmende Geschlossenheit der Twitterplattform. Twitter, einst vorbildlich offen nach innen wie nach außen, hat ein enormes Ökosystem um sich herum geschaffen, mit vielen externen Dienstleistern und einer ganzen Reihe von Drittanbietersoftware. Doch seit die Entscheidung zur Werbung als Geschäftsmodell gefallen ist, zieht Twitter die Mauern hoch, exkommuniziert Drittanbieter per API und sperrt die Inhalte seiner Nutzer immer weiter ein.</p>
<p>&#8220;<em>Wenn du für das Produkt nicht zahlst, bist du das Produkt</em>&#8220;. Diese gebetsmühlenhaft wiederholte Weisheit scheint sich ein weiteres Mal zu bestätigen. Das Rezept dagegen ist so einfach wie die Analyse, jedenfalls nach Caldwell: man muss dann eben für den Service zahlen, dann ist man der Kunde, kein produkt mehr, dann wird man gehört. Und so sammelt er für seinen Dienst im Vorfeld Geld (bald 1 Mio Dollar) und will auch nach dem Launch die Nutzer zur Kasse bitten.<br />
<span id="more-1245"></span><br />
Ich will den Ansatz nicht vorschnell niederreden, aber angesichts der langen Geschichte der vermeintlichen Erlöser ist Skepsis durchaus angesagt. Davon abgesehen, dass die Netzwerkeffekte von Facebook und Twitter ein derart starken LockIn erzeugen, dass sich die Nutzer so schnell nicht dort wegbewegen lassen, ist es überhaupt fraglich, ob das Bezahlprinzip von sich aus bereits eine Verbesserung für die Nutzer bringt. Ich fühle mich beispielsweise von meinem DSL- und auch Mobil-Provider nicht wesentlich besser behandelt als von Facebook und Twitter. Eher im Gegenteil. Warum sollte ich mich darauf verlassen, dass mir 10 Euro pro Monat eine Vorzugsbehandlung bringen, die mir bei anderen Infrastrukturanbietern auch für mehr Geld nicht gewährt wird?</p>
<p>Aber egal, ob App.net nun hält, was es verspricht oder nicht: das adressierte Problem ist real und verfolgt uns nicht erst seit gestern. Es ist ein generelles Problem, mit dem Plattformen zu schaffen haben, die sich einerseits als Mittelpunkt eines Ökosystems etablieren, aber sich andererseits auf Dauer nicht leisten können, zur reinen Infrastruktur zu verkommen. Dieses Problem scheint ein zentrales im Internet zu sein und die Grundlage dessen zu bilden, was ich mit der <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> zu lösen versuche. <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/">Im ersten Teil der Plattformenreihe</a> habe ich versucht zu umreißen, was das inhärente Innovationspotential von Plattformen ausmacht. Hier möchte ich nun auf die plattforminternen Kräfte eingehen, die dieses Innovationspotential wieder gefährden und somit überhaupt die Forderung nach <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> virulent machen.</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p>Wenn man den Werdegang von Twitter betrachtet, dann fällt auf, wie Nutzer und Kommentatoren die Offenheit der Plattform in seinen Anfangstagen bejubelten und als zentralen Erfolgsfaktor des Dienstes ausmachten. Die API, die alle Funktionen zum In- wie Output umfasste und für alle zur freien Verfügung stand, erschuf recht schnell einen <a href="http://www.neunetz.com/2010/04/02/zweiseitige-maerkte-die-grundlagen/">zweiseitigen Markt</a>. Sie zog Entwickler an, die externe Dienste und Clients für allerlei Geräte und Betriebssysteme schufen, was die Plattform wiederum attraktiver für die Nutzer machte. Das Timing des Starts &#8211; etwa zeitgleich mit der Smartphonerevolution &#8211; machte Twitter schnell auf allen mobilen Geräten verfügbar und machte ihn zum ersten erfolgreichen mobilen Internetdienst. Zudem boten externe Dienstleister Analysetools und zusätzliche Features für den Dienst an, ohne dass Twitter diese selbst entwickeln musste. Die Attraktivität als Entwicklerplattform erhöhte die Attraktivität für die Nutzer und umgekehrt.</p>
<p>Diese Designentscheidung zur Offenheit in der Anfangsphase schuf ein Ökosystem für den Nutzer, das den Dienst selbst komplett in den Hintergrund treten ließ. Die Oberfläche, auf der ich meine Tweets lese, ist der Client, den ich mir aus einer großen Auswahl aussuche (Twitter ist ein sehr gutes Beispiel für das enorme Innovationspotential, dass ubiquitäre Plattformen <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/">entfalten können</a>). Die Tweets, die ich lese, kommen von Leuten, die die Twitterwebsite nur noch aus der Erinnerung kennen. Twitter wurde zur reinen Infrastruktur, so wie das Internet selbst &#8211; TCP/IP &#8211; ein weiteres Protokoll zur Übertragung von bestimmten Daten &#8211; in diesem Fall Tweets.</p>
<p>Lange stand die Frage im Raum: wie verdient man Geld mit sowas? Will man Werbung schalten, dann braucht man den Zugang zum Nutzer. Doch der sitzt oft nicht hinter der Twitterwebsite, sondern dank der API hinter seiner Clientsoftware von irgendeinem Anbieter. Banner erreichen ihn nicht und selbst wenn man ihm per Protokoll Werbetweets unterschieben möchte &#8211; gute Clientsoftware könnte die ausblenden. Und während in all der Zeit allerlei Unternehmen durch Twitter Geld verdienten &#8211; z.B. <a href="http://favstar.fm/">Favstar</a> oder die meist kostenpflichtigen Clientanbieter &#8211; stellte Twitter mit einem Mal fest, wie es sich selbst um die Möglichkeiten amputiert hatte, die Inhalte zu kontrollieren und somit Geld zu verdienen.</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p><strong>Infrastruktur und Kontrolle </strong>- zwischen diesen beiden Optionen muss jeder Dienst seine Ballance finden. Facebook hat zwar immer noch die Kontrolle über die Plattform, weil sie selbst die Clients entwickeln, doch auch sie verdienen zum Beispiel kaum Geld auf Mobiltelefonen. Einer der Hauptgründe für den vermehrten <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/facebook-wie-das-mobile-internet-web-das-soziale-netzwerk-bedroht-a-849775.html">Zweifel der Analysten an der Zukunft der Plattform</a>. Megaupload hingegen will sich seit seiner Hochnahme damit herausreden, lediglich Infrastruktur gewesen zu sein und keine Kontrolle über die von Nutzern hochgeladenen Inhalte zu haben. Eventuell wird ihnen nun die erfolgreiche Bereinigung der Plattform von Kinderpornographie zum Verhängnis (Wenn die es schaffen, das zu bereinigen, warum dann nicht auch alle anderen illegalen Inhalte?). Google hingegen kann durch die Integration der Werbeanzeigen mitten in den Suchergebnissen kaum verlieren. Sie haben viel dafür getan, nicht nur den besten Dienst anzubieten, sondern auch die Nutzerinteraktion zu kontrollieren. Ein minimalistisches, funktionales Design der Suchoberfläche von Anfang an, die Schaffung eigener attraktiver vorgelagerter Interfaces durch die Entwicklung von Android und Chrome, etc. Googles Geschäftsmodell sitzt auch durch den direkten Kontakt zum Nutzer fest im Sattel.</p>
<p>Oder etwa nicht?</p>
<p>Als Apple den Sprachassistenten Siri herausbrachte, war das ein gefährliches Signal Richtung Google. Siri kombiniert unterschiedliche Onlinedienste, um seinen Anwendern Fragen zu beantworten. Neben der semantischen Wissenssuchmaschine <a href="http://www.wolframalpha.com/">Wolfram Alpha</a> und ein paar anderen Diensten implementiert Siri eben <em>auch</em> Google. Das alles ist noch nicht an sich bedrohlich. Aber sollten Siri (und ihre Schwestern) eines Tages zum bevorzugten Nutzerinterface auf Smartphones werden, würde Google die Kontrolle über den Nutzerzugang verlieren. Google würde augenblicklich zum Backend, zur reinen Infrastruktur degradiert.</p>
<p>Das Schicksal jeder erfolgreichen Plattform, ist, dass sich irgendwann eine Plattform vor ihr/über ihr positionieren wird. Eine Plattform, die die eigenen Leistungen wiederum in ein größeres Leistungsspektrum integriert und aggregiert und diese somit abstrahiert. Und wenn diese neue Plattform dann Erfolg hat, wird die eigene durchgereicht, zur nur noch funktionalen Instrastruktur. Das tut weh, das kostet Geld und Einfluss, das will keiner. Und doch ist es Lauf der Dinge im volatilen und sich immer vertikal weiterentwickenden Markt des Internets.</p>
<p>Die Gegenbewegungen, die diese Entwicklung dann hervorrufen sind hingegen gefährlich für Freiheit des ganzen Internets. Seien es die Provider, die durch Aufhebung der Netzneutralität wieder mehr Kontrolle über die Inhalte und damit Einnahmemöglichkeiten herstellen wollen, seien es Twitter und Facebook, die durch ihre Einmauerung neue Geschäftsfelder explorieren oder alte beschützen, oder eben die deutschen Verlage, die sich durch das Leistungsschutzrecht gegen die freie Aggregation und damit externen Vermarktbarkeit ihrer Inhalte zur Wehr setzen wollen. Und wer weiß: falls Siri mal erfolgreich wird, wird Google vielleicht auch für ein Leistungsschutzrecht für Suchmaschinen lobbyieren?</p>
<p>An dieser Stelle muss man wohl eingestehen, dass Plattformneutralität und Geschäftsmodelle (welcher Art auch immer) auf Dauer nicht zusammengehen. Man kann keine plattformneutrale Infrastruktur schaffen, die auf Dauer ein Geschäftsmodell garantiert. Und ja, das gilt auch für das Bezahlgeschäftsmodell, wie es APP.net verfolgt. Nur wer den Ein- und Ausgang der Daten kontrolliert, kann dafür Geld nehmen. Kein Kassenhäuschen ohne Schranke.</p>
<p>Plattformneutralität stößt irgendwann zwangsläufig an die Grenzen des betriebswirtschaftlichen Kalküls des Plattformbetreibers. Und dies ist ein grundsätzlicher Konflikt ohne Aussicht auf Lösung.</p>
<p>Nachdem ich in <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/">Plattformen I</a> den Kapitalismus &#8211; sogar die Monopolbildung &#8211; als so wunderbar anschlussfähig dargestellt habe, muss man an dieser Stelle also fragen: ist die Plattformneutralität überhaupt mit dem Kapitalismus vereinbar? Strebt die Plattformneutralität als politisches Konzept dann nicht eine wie auch immer geartete postkapitalistische Ordnung an?</p>
<p>(Ich lass das hier mal so als Cliffhanger für den dritten Teil offen.)</p>
<div id="tweetbutton1245" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fplattformen-ii-infrastruktur-und-kontrolle%2F&amp;via=mspro&amp;text=Plattformen%20II%20%26%238211%3B%20Infrastruktur%20und%20Kontrolle&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fplattformen-ii-infrastruktur-und-kontrolle%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1245&amp;md5=8f194f97a7808f5d8056961a5025453c" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Carta: Der entfesselte Skandal: Das Buch zum Kontrollverlust</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Jun 2012 12:14:30 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Vor knapp einem Jahr lud mich Bernhard Pörksen ein, an der Uni Tübingen einen Vortrag über den Kontrollverlust zu halten, was ich gerne annahm. Wir blieben seitdem über das Thema in Kontakt, denn Pörksen schrieb zu dieser Zeit zusammen mit seiner Mitarbeiterin Hanne Detel ein Buch über Skandale im Internetzeitalter. Während der Entstehungsphase gab es weiteren Austausch und Zusammenarbeit; so habe ich eine frühe Alphaversion des Buches lesen und kommentieren dürfen. Ich bin also befangen, was die Autoren und das Buch angeht, finde aber den Beitrag zu wichtig, als ich dass ich ihn unrezensiert lassen könnte. In gewissem Sinne ist „Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ nun das Kontrollverlustbuch. Jedenfalls ist es das erste Buch, das die Kontrollverlustthese in Buchform in die Debatte wirft. In einem anderen Sinn ist es das aber auch wieder nicht, denn einerseits haben Pörksen und Detel ihren Kontrollverlustbegriff anders definiert, als ich es tat (dazu gleich mehr), andererseits ist das Thema, mit dem sich das Buch auseinandersetzt – der Skandal – nur ein Ausschnitt dessen, was ich alles unter dem Begriff Kontrollverlust subsumiere. Aber genau diese Konzentration auf ein Kernthema tut dem Buch gut. Pörksen und Detel legen eine extrem &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/carta-der-entfesselte-skandal-das-buch-zum-kontrollverlust/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor knapp einem Jahr lud mich Bernhard Pörksen ein, an der Uni Tübingen einen Vortrag über den Kontrollverlust zu halten, was ich gerne annahm. Wir blieben seitdem über das Thema in Kontakt, denn Pörksen schrieb zu dieser Zeit zusammen mit seiner Mitarbeiterin Hanne Detel ein Buch über Skandale im Internetzeitalter. Während der Entstehungsphase gab es weiteren Austausch und Zusammenarbeit; so habe ich eine frühe Alphaversion des Buches lesen und kommentieren dürfen. Ich bin also befangen, was die Autoren und das Buch angeht, finde aber den Beitrag zu wichtig, als ich dass ich ihn unrezensiert lassen könnte.</p>
<p>In gewissem Sinne ist „Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ nun das Kontrollverlustbuch. Jedenfalls ist es das erste Buch, das die Kontrollverlustthese in Buchform in die Debatte wirft. In einem anderen Sinn ist es das aber auch wieder nicht, denn einerseits haben Pörksen und Detel ihren Kontrollverlustbegriff anders definiert, als ich es tat (dazu gleich mehr), andererseits ist das Thema, mit dem sich das Buch auseinandersetzt – der Skandal – nur ein Ausschnitt dessen, was ich alles unter dem Begriff Kontrollverlust subsumiere.</p>
<p>Aber genau diese Konzentration auf ein Kernthema tut dem Buch gut. Pörksen und Detel legen eine extrem lesbare Sammlung von einzelnen Fallstudien vor. Allesamt sind sie Beispiele des Kontrollverlusts auf die eine oder andere Weise, alle werden sehr detailliert beschrieben, sind sehr gut recherchiert, und erst am Schluss jeder Geschichte werden sie in den medientheoretischen Kontext gesetzt. Obwohl die Geschichten schon für sich sprechen, schaffen es die beiden Autoren durch die theoretische Anreicherung, den Blick auf das Phänomen des Kontrollverlusts auf neue Weise freizulegen.</p>
<p>[<a href="http://carta.info/45136/der-entfesselte-skandal-das-buch-zum-kontrollverlust/">Weiterlesen bei Carta >></a>]</p>
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		<title>Schufa, Facebook und die Plattformneutralität</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jun 2012 16:04:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kontrollverlust]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Post-Privacydebatte. Ich hatte sie schon längst aus der allgemeinen Wahrnehmung gewähnt. Doch so, wie die Urheberrechtsdebatte alle Jahre wieder aufflammt, wird es wahrscheinlich auch mit der Post-Privacydebatte passieren. Wir haben es schließlich mit den selben Voraussetzungen zu tun: der technische Wandel zwingt uns dazu, gesellschaftliche Institutionen neu zu bewerten und solange das nicht geschehen ist, wird der Zombie auferstehen und uns heimsuchen, wieder und wieder und wieder. Frank Rieger hat nun anlässlich der Diskussion um die Nutzung von Facebookdaten durch die Schufa in der FAZ zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Debatte aufgerufen. Leider vergaß er, sie selbst zu führen. Stattdessen beließ er es dabei, einige gezielte Aufreger rund um die Aussage zu stricken, dass Postprivacy eine neoliberale Ideologie sei. Ohne mich auf die Debatte einlassen zu wollen, ob Postprivacy nun [politischer Kampfbegriff A] oder eher [politischer Kampfbegriff B] ist, will ich den Artikel zum Anlass nehmen, die Post-Privacy-Argumente noch mal anhand der Schufadebatte in Stellung zu bringen. Denn Argumente gibt es tatsächlich, auch wenn Frank Rieger sie mit keinem Wort erwähnt. 1.) Die Schufa und die Notwendigkeit der Diskriminierung Es ist leicht die Schufa nicht zu mögen. Jeder, der mit ihr konfrontiert wird, hat ein unangenehmes Gefühl. Das geht mir &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/schufa-facebook-und-die-plattformneutralitat/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/postprivacy/">Post-Privacydebatte</a>. Ich hatte sie schon längst aus der allgemeinen Wahrnehmung gewähnt. Doch so, wie die Urheberrechtsdebatte alle Jahre wieder aufflammt, wird es wahrscheinlich auch mit der Post-Privacydebatte passieren. Wir haben es schließlich mit den selben Voraussetzungen zu tun: der technische Wandel zwingt uns dazu, gesellschaftliche Institutionen neu zu bewerten und solange das nicht geschehen ist, wird der Zombie auferstehen und uns heimsuchen, wieder und wieder und wieder.</p>
<p><a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/schufa-facebook-kredit-auf-daten-11779657.html">Frank Rieger hat nun anlässlich der Diskussion um die Nutzung von Facebookdaten durch die Schufa in der FAZ zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Debatte aufgerufen</a>. Leider vergaß er, sie selbst zu führen. Stattdessen beließ er es dabei, einige gezielte Aufreger rund um die Aussage zu stricken, dass Postprivacy eine neoliberale Ideologie sei.</p>
<p>Ohne mich auf die Debatte einlassen zu wollen, ob Postprivacy nun [<em>politischer Kampfbegriff A</em>] oder eher [<em>politischer Kampfbegriff B</em>] ist, will ich den Artikel zum Anlass nehmen, die Post-Privacy-Argumente noch mal anhand der Schufadebatte in  Stellung zu bringen. Denn Argumente gibt es tatsächlich, auch wenn Frank Rieger sie mit keinem Wort erwähnt.<br />
<span id="more-1212"></span><br />
<strong>1.) Die Schufa und die Notwendigkeit der Diskriminierung</strong></p>
<p>Es ist leicht die Schufa nicht zu mögen. Jeder, der mit ihr konfrontiert wird, hat ein unangenehmes Gefühl. Das geht mir ganz ehrlich auch so. Die Schufa bewertet Menschen. Und zwar ihre Kreditwürdigkeit. Das ist durchaus vergleichbar mit einem Zeugnis über die eigene ökonomische Relevanz und fühlt sich mitunter in unserer durchökonomisierten Welt an, als wäre diese Zahl der gesellschaftliche Wert der eigenen Existenz. Niemand mag das und für viele ist das tatsächlich sogar ein existenzielle Problem, da hat Frank Rieger recht.</p>
<p>Was er aber komplett auslässt, ist die Frage, auf welches Problem die Institution Schufa antwortet. In einer idealen Welt ist jeder kreditwürdig. Zahlungsausfälle sind aber in der realen Wirtschaft alltäglich und bedrohen viele Existenzen, nicht nur Banken und große Firmen. Die Schufa versucht durch ihr Scoring Anhaltspunkte für eine Bewertung der Kreditwürdigkeit zu liefern. </p>
<p>Wer hier schon Unrecht wittert, ist in der Pflicht erklären müssen, wie er sonst in der Gesellschaft Transaktionen unter völlig Fremden bewerkstelligen möchte. Das heißt, wie er auf das Vertrauensproblem in der modernen Gesellschaft antworten möchte.</p>
<p>Nicht, dass es nicht auch andere Lösungen für das Problem gäbe. Es gab schließlich schon Kredite vor der Datenverarbeitung. Man bekam entweder jeden Kredit, weil man der Sohn der wichtigen Familie X war, oder keinen Kredit, weil der Bankangestellte keine Menschen mit langen Haaren mochte. Sprich: man war dem subjektiven menschlichen Urteil von &#8211; meist sehr konservativen &#8211; Menschen ausgeliefert. Und wenn man dann noch in eine fremde Stadt kam, hatte man vollends verloren.</p>
<p><strong>Erste Erkenntnis:</strong> <em>Wenn man als Prämissen annehmen kann, dass es A) nicht sinnvoll ist, wenn jeder jeden Kredit bekommt und B) es Kriterien geben muss, diese Entscheidung zu fällen, kann man die Schufa und das, was sie tut, nicht rundherum ablehnen.</em></p>
<p>Und meiner Meinung nach ist die datenbasierte Bewertung durchaus ein Fortschritt gegenüber der sozialen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Menschen aus gutem Hause oder mit guten Verbindungen das anders sehen.</p>
<p><strong>2. Statistik und der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität</strong></p>
<p>Wenn man nun soweit ist, den Sinn und Nutzen der Schufa-Bewertung anzuerkennen, braucht man noch lange nicht aufhören, dessen Zustandekommen zu kritisieren. Wie misst man Kreditwürdigkeit? &#8211; ist die Frage und die Antwort ist: Gar nicht. Man kann Kreditwürdigkeit nicht messen, denn ob ein Kredit abbezahlt wird oder nicht, ist ein Messungspunkt in der Zukunft und die Zukunft ist bekanntlich für Messinstrumente aller Art unzugänglich.</p>
<p>Schon hier können wir feststellen: Es gibt weder eine &#8220;<em>gerechte</em>&#8221; noch eine &#8220;<em>wirkliche</em>&#8221; Bewertung von Kreditwürdigkeit. Es kann sie nicht geben, niemals und per Definitionem.</p>
<p>Was man stattdessen macht, ist natürlich die Schuldenstände der Konten des Betreffenden zu bewerten. Das ist eine recht effektive Methode zumindest die Zahlungsunfähigen herauszufiltern. Aber das sind Ausnahmen. Was ist mit dem großen Rest der Menschen, deren &#8220;normale&#8221; Kontostände kaum Prognosen ihrer zukünftigen Zahlungsfähigkeit zulassen? Jobs können verloren gehen, Investitionen fehlschlagen, Kunden können nicht zahlen oder sie fühlen sich moralisch/kulturell nicht genügend verpflichtet, etc. Ob man einen Kredit zurückzahlen wird oder nicht kann tausend Ursachen haben, für die meisten Ursachen existiert gar keine Datenbasis.</p>
<p>Die Schufa experimentiert deswegen schon länger damit, indirekte Daten zu nutzen, um die Hinweise auf die Kreditwürdigkeit zu bekommen. Einen Aufschrei gab es beispielsweise, als sie die Adresse nutzen wollten. </p>
<p>Ist jemand weniger kreditwürdig, weil er in dem Stadtteil A wohnt? Die Antwort ist natürlich: nein. Aber das liegt daran, dass die Frage falsch gestellt ist. Es geht der Schufa nämlich nicht um Kausalität, sondern um Korrelation. Korrelation kann auch dann vorliegen und valide sein, wenn man keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen zwei Werten herleiten kann.</p>
<p>Beispiel: Wenn die Analyse von Daten mit Zahlungsausfällen ergibt, dass in Stadtteil A eine Ausfallhäufigkeit von 30% über dem Schnitt existiert, dann macht es durchaus Sinn, dies in die Bewertung einfließen zu lassen, auch wenn man gar keine Meinung zu Stadtteil A hat. Denn wenn dieser Wert nicht nur eine kurzzeitige Anomalie ist, kann ein Unternehmen, das diese Korrelation berücksichtigt, tatsächlich Geld sparen, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die bisherige statistische Rückzahlwahrscheinlichkeit auch in den Zahlen des Unternehmens auswirkt.</p>
<p>Aber werden da nicht Leute falsch bewertet, wenn alle über einen Kamm geschert werden? Ja, das werden sie. Das werden sie aber so oder so, wie wir oben festgestellt haben. <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Falschakzeptanzrate">False Positives</a></em> sind sowieso unvermeidlich und als solches kein Argument für oder gegen eine Maßnahme. Vielleicht produziert die Einrechnung dieses Faktors <em>andere</em> false Positives als ohne, aber unwahrscheinlich ist, dass sie <em>mehr</em> produziert.</p>
<p>Aber nur die <em>Zunahme</em> an false Positives wäre ein valides Gegenargument. Das steht aber nicht zu befürchten, denn wenn dem so wäre, hätte das Modell weder für die Schufa noch für die Banken einen Sinn, denn false Positives kosten sie bares Geld (dazu gleich mehr). Es ist eher wahrscheinlich, dass die Einberechnung solcher Daten tatsächlich zu einer signifikanten Senkung von Zahlungsausfällen führt. Das heißt: zu einer realistischer<em>en</em> (Vorsicht: nicht(!) realistischen) Einschätzung der Kreditwürdigkeit.</p>
<p><strong>Zweite Erkenntnis:</strong> <em>Das Heranziehen von indirekten Daten durch Korrelation produziert zwar keine &#8220;<em>Wahrheit</em>&#8221; und ist im Einzelfall oft falsch, aber es steigert die Richtigkeit der Einschätzung in ihrer Gesamtheit. Wer beide Ebenen argumentativ vermischt, verkennt den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.<br />
</em>(Der Vollständigkeit halber: <a href="http://www.goowell.de/2012/06/07/zur-schufa-diskussion-mit-ms0/">eine etwas in’s esoterische driftender „Argumentation“</a>, warum Daten ja grundsätzlich gar nichts aussagen. Begründung: sie könnten ja falsch sein. Außerdem: Taleb!!1) </p>
<p><strong>3. Macht und Interessen</strong></p>
<p>Immer wenn Frank Rieger keine Lust hat, Interessen und Machtgefüge tatsächlich zu beschreiben, raunt er nur etwas undeutliches von &#8220;der Macht&#8221;, die &#8220;wir&#8221; naiven Post-Privacyler ja nicht berücksichtigen würden. Damit macht er es sich ziemlich bequem. Tatsächlich ist der Macht- und Interessenzusammenhang genau bei diesem Beispiel aber extrem aufschlussreich und verdient eine genaue Betrachtung.</p>
<p>Wenn wir weiterhin also davon ausgehen, dass A) die Aufgabe der Kreditwürdigkeitsbewertung der Schufa notwendig ist und B) anhand von mehr und besseren Daten genauer ist, muss man natürlich die Machtfrage stellen. Sie lautet: <em>Wem nützt das?</em></p>
<p>Klar ist es im Interesse der Banken und Unternehmen herauszufinden, wer vermutlich zahlungsfähig sein wird und wer nicht. Schön für die Banken. Aber ich, als machtloses Individuum bin dem doch vollkommen ausgeliefert!</p>
<p> 1. Ändert die Einbeziehung oder Auslassung der zusätzlichen Daten <a href="the-gay-bar.com/2012/06/07/facebook-und-die-schufa">nichts an der Machtsituation.</a> Der Schufawert ist auch dann entscheidend für mein Leben, wenn er mit einer schlechteren Datenbasis errechnet wird.<br />
2. Ist es sogar auch in meinem Interesse, richtig eingeschätzt zu werden. Es ist scheiße, ein false Positive zu sein. Alles, was dem Abhilfe verschafft ist in meinem Interesse. Bzw. es ist nicht in meinem Interesse, dass die Schufa mich aufgrund mangelhaften Wissens bewertet. (Es sei denn, ich bin tatsächlich nicht zahlungsfähig, weiß das auch, will aber dennoch einen Kredit)<br />
3. Die Bank ihrerseits verweigert mir den Kredit nicht, weil sie Kreditverweigerung so schnafte findet. Im Gegenteil. Die Bank würde am liebsten jedem einen Kredit geben, denn sie verdient Geld schließlich nicht mit Kreditver<em>weigerung</em>, sondern mit Kredit<em>vergabe</em>. </p>
<p>Paradoxerweise stellen wir an diesem Punkt fest: die Interessen eines Kreditantragsstellers und seiner Bank grundsätzlich die selben: Der Kredit sollte möglichst zustande kommen. (Gleiches gilt natürlich für das Zustandekommen von Handyverträgen und Wohnungsvermietungen.)</p>
<p><strong>Dritte Erkenntnis:</strong> <em>Ja, es gibt ein Machtgefälle. Aber es ist hier nicht ausschlaggebend, denn es gibt hier gar keinen Interessenkonflikt.</em></p>
<p>Wenn man einmal verstanden hat, dass Kreditnehmer und Bank &#8211; und natürlich auch die Schufa &#8211; (Kreditbetrüger nehmen wir mal aus) allesamt ein vitales Interesse an einer möglichst korrekten Bewertung der Kreditwürdigkeit haben, dann wird vieles klarer.</p>
<p>Beispiel Wohnorte: Wir wissen alle, wie schlecht und unzureichend die Bewertung der Kreditwürdigkeit anhand von Wohnorten ist. Was wir aber nicht bedenken ist, dass die Schufa und die Banken im Jammer über diese Unzureichendheit sofort mit einstimmen würden. Denn natürlich würden sie gerne bessere Daten heranziehen. Aber es ist schwer, daran zu kommen und zu testen, welche Daten sich eignen und welche nicht. Das Stadtteilraster bietet nur ein wenig &#8211; aber immerhin ein bisschen &#8211; Signifikanz. Wahrscheinlich gerade so viel, dass es reicht, die Rückzahlquoten <em>etwas</em> zu verbessern. </p>
<p>Und genau hier kommt Facebook in’s Spiel. Facebook hat viele Daten. Es ist nicht ganz klar, welche Daten eine signifikante Korrelation zu Kreditausfällen aufweisen. Wir dürfen an dieser Stelle nicht wieder dem gängigen Fehler verfallen und nach Kausalitäten suchen und so zu wissen glauben, was hier Aussagekräftig ist und was nicht. Deswegen ja auch ein Forschungsprojekt. </p>
<p>Klar, viele Daten bedeuten nicht automatisch bessere Daten, aber sie bedeuten potentiell mehr Möglichkeiten für signifikante Korrelationen. Wie gut diese sind, würde sich in einer Studie zeigen lassen. Leider haben das Hasso Plattner Institut und die Schufa das Projekt aber bereits abgesagt. </p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Was bleibt: die Schufa wird weiterhin ihre Bewertungen vornehmen, aber auf schlechterer Datenbasis. Damit werden mehr Menschen in ihrer Kreditwürdigkeit falsch eingeschätzt. Das ist doof für viele Menschen, die einen Kredit deswegen nicht bekommen und es ist doof für die Banken, die ihre Ausfallraten nicht senken können. Die einzigen Gewinner sind die falsch Eingeschätzten, die einen Kredit bekommen, obwohl sie ihn wohl nicht zurückzahlen können. (Selbst da kann man sich fragen kann, ob das wirklich etwas gutes ist.)</p>
<p>Es ist so leicht die Schufa zu hassen. Aber man sollte sich darüber im klaren sein, dass hier die Psychologie des „<em>shooting the messenger</em>“ aus einem spricht. Denn das, was die Schufa tut, ist Reporting. Ja, sie reportet soziale und ökonomische Ungleichheit und macht sie anschlussfähig. Sie reportet Kapitalismus. Das ist traurig, aber eben wahr &#8211; es ist unsere Welt.</p>
<p>Frank Rieger tut in seinem Artikel so, als ginge es um die Frage, ob wir eine machtvolle Schnüffel-Schufa haben wollen, oder eine harmlose Datenschutz-Schufa. Die Wahl ist aber eine andere: wollen wir eine informierte Schufa oder eine uninformierte. Denn so lange kein nennenswerter Konkurrent am Horizont erscheint, bleibt der Schufa-Score so mächtig wie er ist. Egal wie falsch er ist.</p>
<p><strong>Worüber wir eigentlich reden sollten: Der Kampf gegen Diskriminierung.</strong></p>
<p>Ich kann jeden verstehen, der gegen Diskriminierung ist. Unredlicher Budenzauber ist es aber, wenn man die Abschaffung der Schufa fordert ohne ein Alternativkonzept zum Kapitalismus beizulegen. Wie wir festgestellt haben ist &#8220;<em>Kredite für alle!</em>&#8221; keine echte Option (ok, die USA haben das Konzept zwar mal ausprobiert, aber das ging ja nur eine kurze Zeit lang gut …).</p>
<p>Aber nach wie vor bin auch ich gegen Diskriminierung wo immer es geht. Besonders wenn sie so weitreichende Auswirkung auf die Lebensführung hat, wie der Schufa-Score. Doch im Gegensatz zu den Datenschützern glaube ich nicht, dass man Diskriminierung sinnvoll bekämpft, indem man versucht, Diskriminierungsmerkmale zu vertuschen. Vor allem nicht in einer sich zunehmend <a href="http://blog.koehntopp.de/archives/3233-Das-Opium-der-herrschenden-Klasse.html">verdatenden Welt</a>.</p>
<p>Es wird immer Kriterien und Eigenschaften geben, jemanden zu bewerten, ob berechtigt oder unberechtigt. In Zukunft noch mehr als heute. An dieser Front ist nichts zu gewinnen. Wenn wir Teilhabe diskriminierungsfrei haben wollen, dann müssen wir das Problem direkt angehen. Dann müssen wir politisch diskriminierungfreie Bereiche durchsetzen.</p>
<p>Das ist das, was die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> will. Sie will bestimmte Aspekte der sozialen Teilhabe effektiv jeder Diskriminierungsmöglichkeit entziehen. Nicht, indem sie Unterschiede verdeckt, sondern indem sie Teilhabe <em>bedingungslos</em> sichert.</p>
<p>Egal, ob Bedingungsloses Grundeinkommen, Netzneutralität, ein Recht auf Wasseranschluss oder der fahrscheinlose Nahverkehr. Nur wo <em>gar keine</em> Möglichkeit zur Diskriminierung vorgesehen ist, können Menschen egal welche Meinungen, Hautfarben und Scoringwerte haben, ohne einen Nachteil davon erleiden zu müssen . Das ist wesentlich effektiver, als den Kontrollinstanzen Blindheit zu verordnen.</p>
<p>Plattformneutralität ist deswegen für mich die einzig gangbare politische Antwort auf den Kontrollverlust und Post-Privacy. Alles andere ist reine Symptomdoktorei.</p>
<p><strong>PS: Panoptismus</strong></p>
<p><a href="https://twitter.com/andreasdotorg/status/212218324543737857">Andreas Bogk</a> bemängelt zu recht, dass ich den Panoptismus der Schufa-Situation nicht problematisiere. Das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Panopticon">Panopticon</a> ist ein Entwurf zu einem Gefängnis von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham">Jeremy Bentham</a>, indem die Bewacher von einem zentralen Punkt aus in alle Gefangenen-Zellen schauen können, die Gefangenen, die Wärter dabei aber nicht zurückbeobachten können. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault">Foucault</a> greift in &#8220;Überwachen und Strafen&#8221; diese Idee als Metapher des Subjektivierungsprozesses auf: Indem wir ständig damit konfrontiert werden, beobachtet zu werden, ändern wir unser Verhalten. Selbst dann, wenn wir gar nicht beobachtet werden.</p>
<p>Die Einbeziehung von persönlichen Facebook-Daten in den Schufa-Score würde wahrscheinlich einen solchen Effekt hervorrufen. Viele würden wahrscheinlich anfangen, anders und andere Dinge zu schreiben, wenn sie darüber gewahr sind, dass sie zur Einschätzung ihrer Kreditwürdigkeit herangezogen werden.</p>
<p>Ich kann darauf zwei &#8211; vielleicht nicht ganz befriedigende &#8211; Antworten geben:</p>
<p>1. Foucault hat völlig recht, den Panoptismus als gesellschaftliche Normalität zu beschreiben. Dass wir unter Aufpassern und Drohung von Strafe unser Verhalten anpassen ist sicher ein wichtiger Faktor in der Genese unserer Persönlichkeit. Dazu gehören aber auch wünschenswerte Verhaltensweisen, dass wir beispielsweise nicht auf die Straße kacken. Panoptismus ist also ansich nicht per se böse, obwohl ich natürlich auch die Gefahren sehe.</p>
<p>2. Die Facebookprofile sind mir heute schon alle viel zu gestreamlined. Schon heute ist der Personalchef im Online-Design vieler Profile längst mitgedacht. Ich glaube nicht, dass die Schufa-Schere im Kopf die Situation verbessert.</p>
<p>Ich kann an dieser Stelle aber nur ein weiteres Mal auf die Plattformneutralität drängen. Nur ein diskriminierungsfreier Bereich nimmt den Druck aus der Schufa-Bewertung. Und nicht nur aus der. Klar, wird es auch in einer Welt mit Grundeinkommen blöd sein, einen Kredit nicht zu bekommen, aber es ist vielleicht nicht mehr so die existentielle Angst, die einen dazu bringt, das Leben nach den Kriterien der Schufa zu inszenieren.</p>
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		<title>Demokratisch in die Kontrollgesellschaft</title>
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		<pubDate>Fri, 25 May 2012 17:18:05 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Gestern war ich bei einem Treffen der OHU Öffentlichkeit und Privatheit des von Google betriebenen Collaboratorys. Das erste Thema, über das wir sprachen, war das aus der Initiative heraus entstandene Projekt der Offline-Tags. Die Idee ist denkbar einfach: Man klebt sich einen Button sichtbar auf die Kleidung und kann so für Mensch und Maschine sein Bedürfnis nach öffentlicher Privatsphäre ausdrücken, d.h. unter welchen Umständen man mit den allgegenwärtigen Fotokameras und ihrem Internetzugang konfrontiert werden möchte. Eines der Tags steht für &#8220;keine Fotos&#8221;, eines für &#8220;Bitte vorher fragen&#8221;, eines für &#8220;Fotos gerne, aber kein Personen-Tagging&#8221;. Ein einziges steht für &#8220;Fotografieren und Taggen: bitte gerne!“. Die Tags sollen auch maschinell ausgelesen werden; eine entsprechende App ist bereits in der Mache. Ich bin nicht ganz unschuldig an dieser Idee. Ich hatte allerdings ein einziges Zeichen vorgeschlagen, um meinem Recht am eigenen Bild zu widersprechen. Eine Art Post-Privacy-CC-Linzenz schwebte mir vor. Die Idee sollte eigentlich der &#8220;Recht am eigenen Bild&#8221;-Überregulation entgegentreten, ähnlich wie die CC-Lizenz das einst mit dem Urheberrecht machen sollte. Natürlich hätte ich mir denken können, dass &#8211; ebenfalls wie bei CC &#8211; die Regulation und Kompliziertheit eher zunimmt, als abnimmt, wenn man versucht, einen solchen Weg einzuschlagen. Alle wollen dann darin &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/demokratisch-in-die-kontrollgesellschaft/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/05/privacytags.jpg"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/05/privacytags-1024x573.jpg" alt="" title="privacytags" width="640" height="358" class="alignleft size-large wp-image-1192" /></a></p>
<p>Gestern war ich bei einem Treffen der <a href="http://collaboratory.de/arbeitsgruppen/ohu-privatheit-oeffentlichkeit/beschreibung">OHU Öffentlichkeit und Privatheit</a> des von Google betriebenen <a href="http://collaboratory.de">Collaboratorys</a>. Das erste Thema, über das wir sprachen, war das aus der Initiative heraus entstandene Projekt der <a href="http://offlinetags.net/">Offline-Tags</a>. Die Idee ist denkbar einfach: Man klebt sich einen Button sichtbar auf die Kleidung und kann so für Mensch und Maschine sein Bedürfnis nach öffentlicher Privatsphäre ausdrücken, d.h. unter welchen Umständen man mit den allgegenwärtigen Fotokameras und ihrem Internetzugang konfrontiert werden möchte. Eines der Tags steht für &#8220;keine Fotos&#8221;, eines für &#8220;Bitte vorher fragen&#8221;, eines für &#8220;Fotos gerne, aber kein Personen-Tagging&#8221;. Ein einziges steht für &#8220;Fotografieren und Taggen: bitte gerne!“. Die Tags sollen auch maschinell ausgelesen werden; eine entsprechende App ist bereits in der Mache.<br />
<span id="more-1191"></span></p>
<p>Ich bin nicht ganz unschuldig an dieser Idee. Ich hatte allerdings ein einziges Zeichen vorgeschlagen, um meinem Recht am eigenen Bild zu widersprechen. Eine Art Post-Privacy-CC-Linzenz schwebte mir vor. Die Idee sollte eigentlich der &#8220;Recht am eigenen Bild&#8221;-Überregulation entgegentreten, ähnlich wie die CC-Lizenz das einst mit dem Urheberrecht machen sollte. Natürlich hätte ich mir denken können, dass &#8211; ebenfalls wie bei CC &#8211; die Regulation und Kompliziertheit eher zunimmt, als abnimmt, wenn man versucht, einen solchen Weg einzuschlagen. Alle wollen dann darin ihre Bedürfnisse formulieren können und man läuft schnell in die Falle, das auch noch zu bedienen.</p>
<p>Die Offline-Tags wurden auch auf der diesjährigen re:publica vorgestellt. Laut einem der Beteiligten war die häufigste Frage aus dem Publikum, ob man das automatisierte Auswerten der Tags nicht gleich in die Firmware sämtlicher Kamerahersteller integrieren sollte. Die Kameras sollten einfach den Dienst versagen, oder das Gesicht ausgrauen, wenn sie auf ein entsprechend getaggten Menschen gerichtet werden.</p>
<p>In irgendeinem &#8220;<a href="http://wir.muessenreden.de/">Wir müssen Reden</a>&#8220;-Podcast bemerkte Max einmal am Rande, dass eigentlich die Möglichkeiten für die Durchsetzung der eigenen Privatsphäre durch die digitalen Technologien ja auch gewachsen seien. Es ging wie so oft um den Verpixelungsstreit bezüglich Google Streetview. Und in der Tat: In welchem Medium hatten die Menschen je die Möglichkeit gehabt, der Abbildung ihrer Hausfassade zu widersprechen? Google richtete diese Möglichkeit ein.  Nicht nur aufgrund des öffentlichen Drucks, sondern vor allem auch: weil es ging.</p>
<p>Peter Glaser <a href="http://www.brandeins.de/magazin/warenwelt/digital-ist-ueberall.html">beschreibt</a>, wie das weitergehen könnte. In Singapur gibt es die Bukit-Panjang-LRT-Bahn, die mit sogenanntem „Privacy-Glass“ ausgestattet ist. Weil Anwohner sich beschwerten, dass die Fahrgäste ihnen in die Wohnungen gucken können, färbt sich das „Privacy-Glass“ beim Vorbeifahren opak und bietet so einen effektiven, automatischen Sichtschutz. </p>
<p>Werden die Google-Streetview-Autos demnächst schon bei der Vorbeifahrt vorfiltern und verpixeln, anhand von Streetview-Verweigerer-Datenbanken oder Privacy-Tags, die an Hauswänden angebracht sind? Werden unsere Brillen einst Menschen ausblenden, wenn diese bei einem zentralen Anbieter ihre Erscheinung ausgeoptet haben?</p>
<p>Im Jahre 1990 schrieb Gilles Deleuze einen kurzen aber zukunftsweisenden Text. Im „<a href="http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html">Postskriptum über die Kontrollgesellschaften</a>“ beschreibt er den Übergang von den noch durch Foucault beschriebenen Disziplinargesellschaften hin zu den Kontrollgesellschaften. Die Kontrollgesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass das Regime seine Macht in Entscheidungspotente Maschinen ausgelagert hat. In einer durchcomputerierten Welt werden Maschinen nach den jeweiligen Entscheidungskriterien unhintergehbar die Handlungs-Möglichkeiten der Menschen bestimmen. Eine Welt der automatisierten Schranken, ein Kafka 2.0 sozusagen. Lorenz Lessig beschrieb 10 Jahre später mit dem Satz &#8220;Code is Law&#8221; diesen Paradigmenwechsel und seitdem wird allüberall &#8211; vor allem in deutschen Feuilletons &#8211; auf &#8220;die Algorithmen&#8221; eingedroschen, die unser Leben zunehmend fremdbestimmen.</p>
<p>Miriam Meckel hielt dazu 2010 auf der re:publica einen vielbeachteten Votrag, der in diese Richtung wies. Der Titel ihres Talks &#8220;<a href="http://re-publica.de/10/event-list/this-object-cannot-be-liked/">This Object cannot be liked</a>&#8221; referenzierte auf eine von ihr erlebte Geschichte. Eine Freundin hatte Geburtstag und bekam von jemanden eine virtuelle Torte auf ihre Pinnwand gepostet. Als Frau Meckel den Eintrag &#8220;liken&#8221; wollte, versagte ihr Facebook dies mit oben stehender Fehlermeldung. Ich kann dieses Verhalten nicht reproduzieren, aber ich bin mir sicher, dass dieser Zwischenfall nichts mit bösartigen Algorithmen eines despotischen Mark Zuckerberg zu tun hat, wie Meckel es suggerierte, sondern vielmehr mit dem komplexen Zusammenspiel der jeweiligen Privacyeinstellungen aller Beteiligten. Facebook wird zu einem unüberschaubaren Labyrinth der selbsterstellten Privacyschranken. Kaum einer blickt noch durch, warum was wann nicht funktioniert. </p>
<p>Miriam Meckel wollte es wohl nicht sehen, Deleuze konnte es noch nicht sehen, Max aber ahnte es: nicht eine ominöse Macht ist es, die die digitale Technologie in Richtung Kontrollgesellschaft weitertreibt, sondern wir sind es. Wir einzelne Menschen, einfachen Nutzer, mit unserem kleinlichen Bedürfnis nach Privacy, legitimieren die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/facebook-der-privacy-leviathan/">Kontrollregime</a>, fordern sie sogar ein. Es sind nicht Google und Facebook, es sind nicht die Regierungen oder Eliten, die diese Entwicklung befeuern, sondern solche Institutionen wie Privatsphäre und Urheberrecht, die wir umbedingt in das Internet einprügeln wollen, weil uns die Fantasie fehlt, wie wir auch ohne sie auskommen.</p>
<p>Christian Stöcker hat völlig <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/freiheitsdebatte-das-internet-ist-totalitaer-a-828270.html">recht</a>, dass ein Regulierungsanspruch, der sich der digitalen Kontrollgesellschafts-Techniken bedient, total sein kann, vielleicht sogar total sein muss. Denn wenn die totale Kontrolle möglich ist, wird man sich dann trotzdem mit Ausnahmen begnügen? Und wenn ja, wer entscheidet welche?</p>
<p>Der Kontrollverlust und die Kontrollgesellschaft. Zwei sich widersprechende aber beides valide Diagnosen der Zukunft der Internet-Gesellschaft. Sie stehen nicht als gegenüberstehende Extreme einer kontinuierlichen Skala, sondern als binäre Pole einer Entscheidung. Weil in der &#8220;Code is Law&#8221;-Welt das Recht gar nicht oder nur total durchsetzbar ist, wird die Gesellschaft sich entscheiden müssen. <a href="http://www.ctrl-verlust.net/komplexitat-handle-mit-es/">Nach wie vor aber gilt</a>: Ich bin davon überzeugt, dass wir uns für das Richtige entscheiden werden. Wir müssen nur noch die Urheber und Aluhüte davon überzeugen.</p>
<p>Bis dahin kann man sich dieses hübsche Video ansehen:</p>
<p><iframe width="640" height="360" src="http://www.youtube.com/embed/rKhbUjVyKIc" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<div id="tweetbutton1191" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fdemokratisch-in-die-kontrollgesellschaft%2F&amp;via=mspro&amp;text=Demokratisch%20in%20die%20Kontrollgesellschaft&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fdemokratisch-in-die-kontrollgesellschaft%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1191&amp;md5=1e40f10efe1c1932dec0231a68907b80" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Komplexität: Handle mit es!</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Apr 2012 12:51:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Christian Stöcker hat kürzlich auf Spiegel Online eine Horrorvision eines zukünftigen Internets an die Wand gemalt. Im Gegensatz zu jenen, die meinen, dass das Internet vor allem als anarchischer, unkontrollierbarer Raum aufzufassen sei (also zum Beispiel ich), zeigt er gekonnt, wie die digitalen Technologien in Wirklichkeit ein enormes Kontrollpotential haben: &#8220;Es gibt eben doch einen zentralen Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Im Netz ist absolute Rechtsdurchsetzung möglich.&#8221; Das kommt dem Raunen Deleuzes sehr nah, der durch die Computer die &#8220;Kontrollgesellschaft&#8221; am Horizont zu erkennen glaubte, die die Foucaultsche Disziplinargesellschaft ablösen würde. Ohne, dass ich Christian Stöcker oder Deleuze wirklich eine technische Argumentation entgegenhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle meinen unerschütterlichen Glauben ausdrücken, dass dem nicht so kommt. Ja, ich glaube an den Kontrollverlust, und nein, ich glaube nicht an die Kontrollgesellschaft. Ich spreche von &#8220;Glauben&#8221;, denn ich bin mir bewusst, dass meine Zuversicht auf Annahmen fußt, die wahrscheinlich nicht beweisbar sind, die aber unerschütterlich zu meinen Glaubenssätzen gehören und aus denen sich sowohl meine Zuversicht für die Zukunft, als auch meine vermeintliche &#8220;Radikalität&#8221; speisen. * * * Es ist mittlerweile nicht mehr strittig, dass sich gesellschaftlich einiges ändern wird durch das Internet. Aber für die Frage, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/komplexitat-handle-mit-es/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Christian Stöcker hat kürzlich auf Spiegel Online eine Horrorvision eines zukünftigen Internets an die Wand <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828270,00.html">gemalt</a>. Im Gegensatz zu jenen, die meinen, dass das Internet vor allem als anarchischer, unkontrollierbarer Raum aufzufassen sei (also zum Beispiel ich), zeigt er gekonnt, wie die digitalen Technologien in Wirklichkeit ein enormes Kontrollpotential haben:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt eben doch einen zentralen Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Im Netz ist absolute Rechtsdurchsetzung möglich.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das kommt dem Raunen Deleuzes sehr nah, der durch die Computer die &#8220;Kontrollgesellschaft&#8221; am Horizont zu erkennen <a href="http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html">glaubte</a>, die die Foucaultsche Disziplinargesellschaft ablösen würde.</p>
<p>Ohne, dass ich Christian Stöcker oder Deleuze wirklich eine technische Argumentation entgegenhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle meinen unerschütterlichen Glauben ausdrücken, dass dem nicht so kommt. Ja, ich glaube an den <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlust</a>, und nein, ich glaube nicht an die Kontrollgesellschaft. Ich spreche von &#8220;Glauben&#8221;, denn ich bin mir bewusst, dass meine Zuversicht auf Annahmen fußt, die wahrscheinlich nicht beweisbar sind, die aber unerschütterlich zu meinen Glaubenssätzen gehören und aus denen sich sowohl meine Zuversicht für die Zukunft, als auch meine vermeintliche &#8220;Radikalität&#8221; speisen.<br />
<span id="more-1174"></span><br />
* * *</p>
<p>Es ist mittlerweile nicht mehr strittig, dass sich gesellschaftlich einiges ändern wird durch das Internet. Aber für die Frage, wie sie sich ändern wird, ist es ratsam, nicht auf das Internet zu schauen, sondern darauf, wie sich die Gesellschaft schon immer verändert hat. Denn das hat sie.</p>
<p>Sie ist von der Stammesgesellschaft über die frühen Hochkulturen, über die feudale Ständegesellschaft zur Bürgerlichen Gesellschaft erwachsen. Und bei all diesen Veränderungsprüngen lässt sich zumindest eines feststellen: die Organisationsform der Gesellschaft ist jedes mal <em>komplexer</em> geworden.</p>
<p>Dieser Drang Richtung Komplexität ist nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen. Er lässt sich auch zum Beispiel in der Evolution selbst beobachten. Von den Aminosäuren zu den Proteinen, zu den Einzellern, zu den Amöben, zu den Krustentieren, zu den Fischen, zu den Dinosauriern, zu den Säugetieren, zu dem Menschen ist eine stete Zunahme an Komplexität feststellbar. <a href="http://www.kk.org/">Kevin Kelly</a> nimmt noch die Entwicklung der Technologie seit der Menschheitsgeschichte hinzu und nennt diesen Drang Richtung Komplexität &#8220;<em>Extropie</em>&#8221; und stellt sie der &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Entropie_(Thermodynamik)">Entropie</a>&#8221; entgegen.</p>
<p><strong>Und ja, hier kann ich es ja sagen, ich glaube daran. Ich glaube an den Drang der Welt, sich zur immer <em>komplexestmöglichen</em> Ordnung zu organisieren. Das hier ist mein Bekenntnis. Amen.</strong></p>
<p>* * *</p>
<p><a href="http://www.dirkbaecker.com/">Dirk Baecker</a> hat die oben skizzierten Evolutionsstufen der Gesellschaft ebenfalls als Ausgangspunkt genommen und sie den jeweiligen Medienrevolutionen zugeordnet. Die Sprache erschuf die Stammesgesellschaft, die Schrift die frühen Hochkulturen, der Buchdruck die moderne Gesellschaft. Der Computer/das Internet sind nun dabei die &#8211; er nennt es &#8211; &#8220;<em>nächste Gesellschaft</em>&#8221; zu formen.</p>
<p>Das Aufkommen der neuen Medien zu der jeweils entsprechenden Zeit nennt er &#8220;<em>Katastrophe</em>&#8220;. Katastrophen nämlich in dem Sinne, dass völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation in eine Gesellschaft traten, die darauf noch gar nicht vorbereitet war. Mit den Medien treten neue und vor allem viel mehr Kommunikationen auf Jahrhunderte oder Jahrtausende tradierte Strukturen, die mit der neuen Komplexität einfach überfordert sind. Mit anderen Worten: die Gesellschaft musste sich ob dieser Komplexitätsdiskrepanz jedes mal reorganisieren.</p>
<p>Als Extropianer wende ich aber schon an dieser Stelle ein: die Gesellschaft <em>wollte</em> sich neu organsisieren, sie <em>wollte</em> jedes mal komplexer werden, sobald sie die Möglichkeit dazu hatte. Und was diesem Wandel im Weg stand, wurde &#8211; mal mehr, mal minder rücksichtslos &#8211; weggefegt. Die Magie durch die Schrift, der Adel durch den Buchdruck, etc.</p>
<p>* * *</p>
<p>Wenn wir nun das Internet, also die massenhaft verschalteten Computer und was sie heute bereits tun besehen, dann kann man erkennen, dass sie vor allem einen Unterschied machen: Sie schaffen es, selbst die komplexesten Organisationsprozesse in sich abzubilden. Mit dem Internet und dem Computer kann man besser, schneller und vor allem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Transaktionskostentheorie">Transaktionskosten</a>ärmer sein Leben organisieren. Man kann besser einkaufen, eine Wohnung suchen, einen Termin finden, gemeinsam Konzepte erarbeiten, Leute einladen, einen Sexualpartner finden, Demos organisieren, Texte, Musik, Filme etc. produzieren und vor allem auch verteilen. Und wer weiß, was da alles noch kommt, wir stehen ja bekanntlich noch am <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Anfang</a>.</p>
<p>Wir, die Heutigen, sind nun also dran, diesem Füllhorn an neuen Möglichkeiten zur komplexeren Organisation der Gesellschaft gerecht zu werden. Das ist &#8211; pathetisch gesagt &#8211; die Aufgabe unserer Generation. Und ich weiß nicht, wie Euch es geht, aber ich will es! Ich spüre es! Ich spüre, dass ein riesiges Maß an zusätzlicher Komplexität möglich ist und unausgeschöpft vor uns liegt. Und es nervt mich, wenn ich auf unnötig ineffiziente Strukturen treffe, wenn nicht alles auf Knopfdruck funktioniert, obwohl ich weiß, dass es das tun könnte, wenn ich keine Serie laden darf, obwohl es so einfach wäre und ich bin genervt davon, dass man über meinen Kopf hinweg bestimmt, wie mit dem Autobahnausbau zu verfahren ist, obwohl es heute Mittel und Wege gäbe, mich und jeden anderen dazu zu befragen und mit einzubeziehen. Die Zukunft ist da und niemand hebt sie auf. Es ist die <em>Extropie</em>, die wie ein kleiner Mann in meinem Kopf wohnt und randaliert und mich unzufrieden werden lässt, wenn ich sehe, wie die tatsächliche Organisation von Gesellschaft mit der möglichen Organisation von Gesellschaft so weit auseinanderfällt. Deswegen prophezeie ich: wie werden uns als Gesellschaft entsprechend der neuen Rahmenbedingungen neu organisieren und zwar <em>kom.plexest.möglich</em>.</p>
<ul>
<li>Wir werden mehr Demokratie fordern, mehr Mitbestimmung von mehr Menschen an mehr Entscheidungen.</li>
<li>Wir werden mehr Transparenz leben, werden immer mehr Privatheit (was vor allem auch ein Tool der Komplexitätsreduktion war) <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/postprivacy/">aufgeben</a>.</li>
<li>Wir werden das Urheberrecht <a href="http://mspr0.de/?p=2903">abschaffen</a> (eine unnötige Erhöhung von <a href="http://christophkappes.de/total-buyout-netzneutralitat-entfremdung-ein-galopp-durch-netzthemen-der-heutigen-timeline/">Transaktionskosten</a>).</li>
<li>Wir werden allerlei Institutionen <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/weltkontrollverlust/">abschaffen</a> und/oder marginalisieren (wahrscheinlich sogar den Staat.).</li>
<li>Wir werden vielleicht sogar Eigentum <a href="http://mspr0.de/?p=2817">abschaffen</a>, sobald wir rausfinden, dass es keinen organisatorischen Mehrwert mehr bringt.</li>
<li>Wir werden die Infrastrukturen so organisieren, dass sie <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Diversität zulassen</a>.</li>
<li>Wir werden viel mehr unterschiedliche Meinungen, Lebensentwürfe, Sexualitäten, Beziehungsformen zulassen. Müssen!</li>
</ul>
<p>Warum? Weil wir es können!<br />
Post-Privacy, Post-Eigentum, Post-National, Post-allesmögliche. Wir werden alle komplexitätsreduzierenden Mechanismen, Strukturen, Institutionen und Gesetze auf den Prüfstand stellen und was der Komplexität im Weg steht, was unnötiger Ballast ist oder Transaktionkosten künstlich erhöht, wird abgeschafft werden.</p>
<p>Kurz: <strong>Wir werden mehr Komplexität wagen!</strong></p>
<p>Die Piraten haben das erkannt und die etablierten Parteien und Journalisten verstehen es immer noch nicht: sie fragen ständig nach den Inhalten, dabei geht doch um die Strukturen. Es geht um die Organisation, es geht um die Infrastruktur. Bov Bjerg nannte die Piraten mal spöttisch die <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/207468.smarte-streber-mit-skorbut.html">Schweinesytemadministratoren</a>. Ja, sie sind die Systemadministratoren der neuen Demokratie, da hat er vollkommen recht, aber er versteht nicht &#8211; trotz McLuhan, trotz Strukturalismus und Poststrukturalismus &#8211; dass die Struktur <em>eben nicht</em> egal ist, sondern essentiell. Das Schweinesystem wird nach der Administration nie wieder das selbe Schweinesystem sein. The Medium is the Message &#8211; die Infrastruktur ist politisch, stupid! (<em>Achtung: es ist natürlich gut, dass sie es nicht verstehen. Würden sie es verstehen, würden sie viel hysterischer auf die Piraten reagieren.</em>)</p>
<p>* * *</p>
<p>Die Idee der Kontrollgesellschaft geht zu sehr von einer starren gesellschaftlichen Realität des Jetzt aus und schaut, wie sich die neuen Tools des Digitalen zur Durchsetzung der vorhandenen Strukturen einsetzen lassen. Ich hingegen glaube, dass sich die Gesellschaft und ihre Strukturen schneller ändern, als dass die heutigen Eliten das Kontrollpotential auch nur annähernd ausschöpfen können.</p>
<p>Aber keine Frage: wir sind mitten in diesem Umwälzungsprozess. Und ja, es gibt die Kräfte, von denen Chistian Stöcker spricht durchaus und in Syrien und China und Iran, etc. kann man auch schon ansatzweise sehen, wie weit die Kontrolle schon heute gehen kann. Und ACTA, SOPA, PIPA, die VDS und Internetsperren und alles was noch so kommt, wird weiterhin unsere volle Aufmerksamkeit erfordern. Aber in Wirklichkeit sind es nur die sich gegen ihr Überflüssigwerden aufbäumenden Institutionen, denen früher oder später von der Gesellschaft ihre Existenzlegitimationen entzogen wird.</p>
<p>Gewinnen können sie nicht. Ich weiß, dass sich die Komplexität durchsetzen wird, weil sie es immer getan hat. Das ist oft nicht unblutig geschehen und eventuell werden auch wir noch eine unruhige, vielleicht sogar schwere Phase durchleben. Vielleicht gibt es tatsächlich noch den einen oder anderen Rückschritt, das will ich gar nicht bezweifeln. Ich weiß auch noch nicht, von welchem Zeithorizont wir hier sprechen. Vom Buchdruck bis zur Französischen Revolution waren es 300 Jahre. So lange wird es nicht dauern, aber 20 bis 30 Jahre mit Sicherheit.</p>
<p>Am Ende aber, da bin ich mir sicher, steht die nächste Gesellschaft, die auf einem völlig neuen, wahnwitzig hohen Komplexitätsniveau organisiert sein wird. Und in dessen Komplexität man eine Freiheit verspüren kann, die heute noch nicht vorstellbar ist.</p>
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		<title>Plattformen I – Ubiquität und Innovation</title>
		<link>http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Mar 2012 15:28:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Am Sonntag war ich auf einer Party und traf dort auf Christian Heller und leider kommt das nicht so oft vor, wie man denken könnte. Jedenfalls provozierte er mich mit der Bemerkung, dass die wirklich interessanten technologischen Neuerungen ja nicht im Mainstream passieren und er diesen also getrost ignorieren könne. Wirkliche Innovation, so Christian, passiere an den Rändern. Ich widersprach. Gerade im technologischen Mainstream werden neue Innovationen geboren. Wenn eine Technologie Mainstream wird, oder gar ubiquitär, dann kann und wird sie weiterer Innovation als Grundlage dienen. Als Plattform eben. Und dies ist eine gute Gelegenheit dem Plattformbegriff mal etwas zu Leibe zu rücken und ihn mit einigen Beispielen zu unterfüttern. Podcast Der Podcast wurde eigentlich schon 2000 erfunden. Die Technik, Audiodateien per Feed im Internet zu verteilen ist nun auch keine RocketScience. Aber erst als Apple seinen iPod herausbrachte, konnten sich die Dateien ein Publikum erschließen. Podcasts werden unterwegs konsumiert und Apple lieferte die Hardware dazu. Die weite Verbreitung der relativ homogenen Abspielgeräte war dann auch der Durchbruch für das, was man erst ab diesem Zeitpunkt ein &#8220;Medienformat&#8221; nennen konnte. Deswegen: &#8220;Podcast&#8220;. Es dauerte noch bis 2005 bis Apple selbst den Trend erkannte und eine eigene Podcast-Verwaltung in sein Musikprogramm &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag war ich auf einer Party und traf dort auf <a href="http://www.plomlompom.de/PlomWiki/">Christian Heller</a> und leider kommt das nicht so oft vor, wie man denken könnte. Jedenfalls provozierte er mich mit der Bemerkung, dass die wirklich interessanten technologischen Neuerungen ja nicht im Mainstream passieren und er diesen also getrost ignorieren könne. Wirkliche Innovation, so Christian, passiere an den Rändern. Ich widersprach.</p>
<p>Gerade im technologischen Mainstream werden neue Innovationen geboren. Wenn eine Technologie Mainstream wird, oder gar ubiquitär, dann kann und wird sie weiterer Innovation als Grundlage dienen. Als Plattform eben. Und dies ist eine gute Gelegenheit dem Plattformbegriff mal etwas zu Leibe zu rücken und ihn mit einigen Beispielen zu unterfüttern.</p>
<p><strong>Podcast</strong></p>
<p>Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Podcas">Podcast</a> wurde eigentlich schon 2000 erfunden. Die Technik, Audiodateien per Feed im Internet zu verteilen ist nun auch keine RocketScience. Aber erst als Apple seinen iPod herausbrachte, konnten sich die Dateien ein Publikum erschließen. Podcasts werden unterwegs konsumiert und Apple lieferte die Hardware dazu. Die weite Verbreitung der relativ homogenen Abspielgeräte war dann auch der Durchbruch für das, was man erst ab diesem Zeitpunkt ein &#8220;Medienformat&#8221; nennen konnte. Deswegen: &#8220;<em>Podcast</em>&#8220;. Es dauerte noch bis 2005 bis Apple selbst den Trend erkannte und eine eigene Podcast-Verwaltung in sein Musikprogramm iTunes integrierte. Seitdem boomt das Format, neuerdings nicht zu letzt auch durch die massenhafte Verbreitung von iOS-Geräten. Der Podcast hat die Welt verändert und hört nicht auf damit. Ohne das Mainstreamwerden der Basistechnologie des iPod wäre diese Entwicklung aber nicht denkbar gewesen.<br />
<span id="more-1154"></span><br />
<strong>WWW</strong></p>
<p>Ein viel prägnanterer Fall ist die Entwicklung des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Www">WWW</a>. Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web in genau <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_des_Internets">dem Zeitpunkt</a>, als das Internet zum Sprung in den Mainstream ansetzte. TCP/IP &#8211; das Netzwerkprotokoll des Internets &#8211; war lange Zeit nur Militärs und Universitäten vorbehalten. Es war vorher keinesfalls ausgemacht, dass das Internet die Netzwerktechnologie sein würde, die sich durchsetzen würde. Als Tim Berners-Lee das WWW konzipierte hatte TCP/IP sich aber gerade als dominantes Netzwerkprotokoll gegen die Konkurrenten durchgesetzt und wurde zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Berners-Lee wusste also, dass er sich in gewissen Maße auf einen Standard stützen konnte und entwickelte den ersten Webserver deswegen auf der Grundlage von TCP/IP. Dass mit seiner Entwicklung gleichzeitig der Sprung des Internets in die Konsumentenhaushalte gelang, war ein Zufall, der dem WWW erst den endgültigen Durchbruch verschaffte.<br />
Auch hier war also eine Basistechnologie entscheidend, die eine weit verbreitete, homogene Infrastruktur bot, um einer anderen Technologie den Weg zu bereiten.</p>
<p><strong>AJAX</strong></p>
<p>Nachdem das WWW sich ausgebreitet hatte und ein riesiger Erfolg wurde, gingen bald die so genannten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Browserkrieg">BrowserWars</a> los. Der Platzhirsch Netscape konnte am Ende nicht mehr mit der Marktpenetration (aber auch nicht mit der Qualität) des Internet Explorers aus dem Hause Microsoft mithalten. 2003 hatte der IE6 einen Marktanteil von sagenhaften 95%. Und alle hassten ihn. Microsoft hatte in seiner Arroganz einen mittelmäßigen Browser entwickelt und dabei noch ignoriert, welche Features auf welche Weise standardmäßig zu implementieren sind. Man konnte seine Websites seither entweder Standardkonform bauen, oder so, dass der IE6 sie darstellen konnte. Angesichts des Marktanteils von Microsoft lag die Entscheidung der Webdesigner auf der Hand.</p>
<p>Eines der Features, das nie vom W3C vorgesehen war, aber im IE6 implementiert war, war ein JavaScript-Objekt namens XMLHttpRequest. Microsoft hatte diese Schnittstelle eingeführt, um Internetinhalte besser an den eigenen Exchange-Server zu binden. Dieses Objekt kann eigentlich nicht viel anderes, als einen HTTP Request abzusenden und eine Zeichenkette als Antwort erhalten. Doch der große Vorteil dieser Kommunikation ist, dass sie im Hintergrund abläuft.</p>
<p>Jemand kam nun auf die Idee, mit dieser Funktion HTML-Elemente, CSS-Eigenschaften oder weiteren Javascript Code bei Bedarf im Hintergrund nachzuladen und live in der bereits geladenen Website anzuwenden. Auf diese Weise konnte der Benutzer auf einmal mit einer Internetseite interagieren, ohne, dass diese sich andauernd neu laden muss. Websites wurden dadurch dem Look&amp;Feel von Programmen immer ähnlicher, was die Benutzbarkeit erheblich erhöhte. Die Technologie nannte man später <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ajax_(Programmierung)">AJAX</a> (Asynchronous JavaScript and XML) und es wurde zu einem der wichtigsten technologischen Treiber für das, was man später als &#8220;Web 2.0&#8243; bezeichnen sollte.</p>
<p>Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet die marktbeherrschende Stellung des Internet Explorer und die Arroganz von Microsoft war, die zur Entwicklung und Verbreitung einer der wichtigsten Innovationen im Web seit dessen Erfindung führten.</p>
<p><strong>Plattformen</strong></p>
<p>Es gibt natürlich noch viele andere Geschichten. Wie sich DSL gegen Glasfaser durchsetzte, weil es auf der bereits ubiquitären Verbreitung der Kupferkabeltechnologie aufbaute, zum Beispiel. Oder wie die breite Marktdurchdrinung von Facebook das neue Segment &#8220;<em>Social Gaming</em>&#8221; hervorbrachte. Ein anderes Beispiel ist, wie die iOS Plattform durch den AppStore ganz neue Geschäftsmodelle in Sachen Softwareentwickung entstehen ließ. Und man denke an die vielen hundert kleinen und großen Dienste, die auf der Twitter- oder Google Maps-API aufbauen. Eben nicht nur weil sie offen waren, sondern weil sie ein breites Publikum erreichten.</p>
<p>Wer sich für Technologie interessiert, darf nie den Blick vom Mainstream wenden. Vor ein paar Tagen kam das iPad3 raus und es werden jetzt schon keine <a href="http://www.imore.com/2012/03/11/ipad-preorders-officially-sold-response-charts/">Vorbestellungen</a> mehr angenommen. Das iPad hat nicht nur die PostPC-Ära eingeleutet, es ownt diese Ära fast ausschließlich. Sobald das iPad3 in den Händen der Konsumenten ist, wird das wieder eine Infrastrukturumwälzung in der Welt zur Folge haben. Es wird eine ubiquitäre Mainstreamplattform da sein, mit neuen Eigenschaften auf der wieder neue Ideen, neue soziale Praktiken, neue Medienformate und auch neue Technologien emergieren können. Egal, wie man zu Apple, iOS oder dem iPad steht: wer sich für den Fortgang von Technologie interessiert, kann sich für den iPad-Launch nicht nicht interessieren.</p>
<p>Das heißt nicht, dass eine Innovation nicht auch aus einer komplett unerwarteten Richtung kommen kann, dass Technologie nicht auch &#8220;from the Ground up&#8221; neu erfunden werden und dennoch Erfolg haben kann. Aber die meiste Technologie steht auf den Schultern von Giganten. Und je breiter die Schultern dieses Giganten sind, desto weltverändernder kann sich eine neue Technologie entwickeln und durchsetzen.</p>
<p><em>Plattformen müssen also hinreichend homogen und möglichst weit verbreitet sein. Erst dann kann sich auf ihnen eine disruptive technologische Wucht entfalten.<br />
</em></p>
<p>Bei Diskussionen um <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/plattformneutralitat/">Plattformneutralität</a> wird dieser Faktor gerne unter den Tisch fallen gelassen. Warum nutze ich zum Beispiel Applegeräte, Twitter und Facebook statt Linux, Status.net und Diaspora &#8211; obwohl ich doch für Plattformneutralität eintrete? Ganz einfach: Die alternativen Dienste sind zwar eher neutral, aber mir eben oft nicht Plattform genug (wenig Verbreitung / starke Fragmentierung), um relevante technologische Neuerungen hervorzubringen. Und vor die Neutralität haben die Götter die Plattform gesetzt.</p>
<p><strong>(Hier geht es zu <a href="http://www.ctrl-verlust.net/plattformen-ii-infrastruktur-und-kontrolle/">Plattformen II &#8211; Infrastruktur und Kontrolle</a>)</strong></p>
<div id="tweetbutton1154" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fplattformen%2F&amp;via=mspro&amp;text=Plattformen%20I%20%26%238211%3B%20Ubiquit%C3%A4t%20und%20Innovation&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fplattformen%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1154&amp;md5=afd0dc7112999ca9caa87c1d4a8520ed" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die echte Facebookfalle und wie wir wieder herauskommen</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Feb 2012 15:28:18 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[&#8220;Ich bin, der ich bin.&#8221; (Gott) &#8220;Ich lebe auf meinen eigenen Credit hin, […]&#8221; (Nietzsche) &#8220;Bezahlen sie doch mit Ihrem guten Namen.&#8221; (American Express) Wenn über Facebook geschimpft wird, dann meistens, weil Leute Angst um ihre Privatsphäre haben. Oder neuerdings, weil sie sich in einer selbsterschaffenen und von Facebook manipulierten Filterbubble gefangen wähnen. Selten aber wird Facebook für das kritisiert, weswegen es wirklich gefährlich ist: für das, was es gut macht. Facebook hat anscheinend einiges gut gemacht, denn über 800 Millionen Leute weltweit vertrauen sich dem Dienst an. Facebook ist so groß wie das ganze Internet in 2004 war und es wächst ständig weiter. Durch diese extreme Durchdringung aller Gesellschaften werden neue Kommunikationsformen möglich. Demonstrationen &#8211; nicht nur in arabischen Staaten, werden hier organisiert. Kampagnen von NGOs orientieren sich schon lange an Facebook als Plattform. In den USA ist es bereits Standard, sich in der Facebookgruppe des Mietshauses zu registrieren, wenn man eine Wohnung bezieht. Das alles hat viele Vorteile, erhöht die Kommunikation in Gemeinschaften und senkt die Transaktionskosten zum gemeinsamen Handeln. Das alles ist gut, kaum einer will darauf verzichten, doch Facebook macht sich dadurch unersetzlich. Facebook reicht nicht nur tief in die Offlinegemeinschaften herein, sondern breitet sich auch &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/die-echte-facebookfalle-und-wie-wir-wieder-herauskommen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Ich bin, der ich bin.&#8221; </em> (Gott)</span><br />
<span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Ich lebe auf meinen eigenen Credit hin, […]&#8221; </em> (Nietzsche)</span><br />
<span style="margin-left:100px;"><em>&#8220;Bezahlen sie doch mit Ihrem guten Namen.&#8221; </em> (American Express)</span></p>
<p>Wenn über Facebook geschimpft wird, dann meistens, weil Leute Angst um ihre Privatsphäre haben. Oder neuerdings, weil sie sich in einer selbsterschaffenen und von Facebook manipulierten Filterbubble gefangen wähnen. Selten aber wird Facebook für das kritisiert, weswegen es wirklich gefährlich ist: für das, was es gut macht.</p>
<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/02/fb_id_tbx_m1.jpeg"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2012/02/fb_id_tbx_m1.jpeg" alt="" title="fb_id_tbx_m" width="700" height="481" class="alignleft size-full wp-image-1120" /></a></p>
<p>Facebook hat anscheinend einiges gut gemacht, denn über 800 Millionen Leute weltweit vertrauen sich dem Dienst an. Facebook ist so groß <a href="http://www.techfieber.de/2011/10/11/facebook-heute-so-gross-wie-das-internet-2004/">wie das ganze Internet in 2004 war</a> und es wächst ständig weiter. Durch diese extreme Durchdringung aller Gesellschaften werden neue Kommunikationsformen möglich. Demonstrationen &#8211; nicht nur in arabischen Staaten, werden hier organisiert. Kampagnen von NGOs orientieren sich schon lange an Facebook als Plattform. In den USA ist es bereits Standard, sich in der Facebookgruppe des Mietshauses zu registrieren, wenn man eine Wohnung bezieht. Das alles hat viele Vorteile, erhöht die Kommunikation in Gemeinschaften und senkt die Transaktionskosten zum gemeinsamen Handeln. Das alles ist gut, kaum einer will darauf verzichten, doch Facebook macht sich dadurch unersetzlich.</p>
<p>Facebook reicht nicht nur tief in die Offlinegemeinschaften herein, sondern breitet sich auch innerhalb des Restinternets aus. Der Like-Button ist da nur der Anfang. Was immer mehr umsich greift, ist die Möglichkeit sich mit seinem Facebookprofil bei anderen Diensten anzumelden. Sei es, um in einem Blog zu kommentieren, oder einen Dienst mit Facebook zu verschränken. Manche Dienste wie Spotify lassen sogar nur noch die Registrierung per Facebook-Connect zu.<br />
<span id="more-1113"></span><br />
Facebook hat damit schon längst geschafft, was die Staaten &#8211; darunter auch Deutschland &#8211; gerade erst verzweifelt herzustellen versuchen: verbindliche Identifikation im Internet. Der ePersonalausweis, den der deutsche Staat seinen Bürgern anbietet, ist jedenfalls ein Ladenhüter. Und auch in anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Die staatlichen Online-Identifikationsservices finden kaum eine Durchsetzung. Auf der anderen Seite hält Facebook immer öfter auch in behördlichen und offiziellen Gefilden Einzug. Der australische Supreme Court <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Facebook#Reception">entschied bereits 2008</a>, dass Gerichtspost auch per Facebookmessage als offiziell zugestellt gilt.</p>
<p>Facebook ist der zentrale Identitätsprovider im Internet und das ist politisch brisant. Das Bereitsstellen von Identität war lange eine hoheitliche Aufgabe von zentraler Bedeutung. Doch warum sollte ausgerechnet der Staat für die Identität eines Nutzers bürgen, wenn das Internet von vornherein international funktioniert? Es muss eine internationale Struktur sein, die Identität im Internet providet. Facebook hat also schon gewonnen, die Frage ist nur: wie allumfassend? Welche Machtfülle ergäbe sich aus der Tatsache, dass Facebook zur allgemein anerkannten Infrastruktur zur Gewährleistung von Identitätsintegrität wird?</p>
<p><strong>Gewährte Identität</strong></p>
<p>Das <a href="http://fbbureau.com/">Kunstprojekt &#8220;FB Bureau&#8221;</a> spielt genau diese Variante durch. Wenn der Staat mit seiner Identitätspolitik im Internet scheitert, wird Facebook im Gegenzug vielleicht in der Kohlenstoffwelt auch seine Rolle einnehmen. Tobias Leingruber produziert Facebookausweise. Aus der Facebook-API lassen sich unter Eingabe der Account-URL alle nötigen Daten für einen Ausweis laden. Eine Laminiermaschine macht den Rest. Was passiert, wenn man das nächste mal einfach seinen Facebookausweis vorzeigt, wenn man gebeten wird, sich auszuweisen? Wer würde ihn vielleicht heute schon akzeptieren? Wie groß ist die Autorität von Facebook in der Offlinewelt?</p>
<p>Autorität ist der Schlüssel, denn es geht um Zeugenschaft. Zunächst war es die Kirche, die die Namen und Geburtsdaten ihrer Gemeindemitglieder verwaltete. Später übernahm der Staat diese Aufgabe und erst sehr spät übernahm er es für alle seine Bürger. Doch zunächst waren es nur die internen Listen, die gepflegt wurden. </p>
<p>Irgendwann gab es dann den Pass. Er ist das Dokument, das beglaubigt, dass der Staat mich in seinen Listen erfasst hat. Im Ausland bin ich eben nicht registriert, aber das Land, aus dem ich komme, gibt mir eine portable Beglaubigung, die an seine eigenen Register zurückverweist. Der Pass funktioniert wie Facebook-Connect. Ich akzeptiere den Zugriff auf mein Facebookprofil, wie einen Stempel in meinem Pass. Facebook verbürgt dafür die Integrität meiner Identität gegenüber dem Drittanbieter, so wie der deutsche Staat, wenn ich seine Grenzen überschreite. </p>
<p>Der Staat macht uns durch die Verwaltung unserer Identität in seinen Registern zu &#8220;Bürgern&#8221;. Was macht Facebook aus uns? Wird Facebook sein Identitätsregime führen wie einen Staat? Der drittgrößte Staat der Welt? Welche Rechte haben wir Facebook gegenüber, wenn wir uns über es ausweisen? Was passiert, wenn uns Facebook unsere Identität entzieht? Haben wir überhaupt ein Recht auf Identität? </p>
<p>Es mag sich gespenstisch anhören, dass eine private, kommerzielle Struktur wie Facebook so wichtige hoheitliche Aufgaben wahrnimmt. Fakt ist aber, dass wir Facebook freiwillig diese Aufgabe überantworten. Nicht, weil wir die Gefahren nicht sehen würden, sondern weil wir keine andere Wahl haben. Facebook ist die beste Infrastruktur für diese Aufgabe zur Zeit und die Aufgabe ist wichtig. Und so lange das der Fall ist, profitieren wir viel zu sehr davon, dass Facebook uns Registrierungsprozeduren abnimmt und Tools an die Hand gibt, mit denen wir unsere Identität managen können. Facebook entwickelt sich zu einem Standard und wie jeder Standard schafft er erstmal Erleichterung. Diese Erleichterung bezahlen wir allerdings mit dem Datenmonopol, das wir Facebook dafür zugestehen. Wir entkommen dem einen Paternalismus und tappen in die Falle des anderen. Vater Facebook ist nach Vater Staat der neue Ausdruck unserer eigenen identitären Unmündigkeit.</p>
<p><strong>Biometrie und Queryology</strong></p>
<p>In seinem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pbxaA6B8tfc">Vortrag &#8220;What is in a Name&#8221;</a> arbeitet Christoph Engemann die Geschichte des Identitätsproviding der letzten 500 Jahre ab. Neben vielen interessanten Details, ist mir vor allem das Aufkommen der &#8220;<em>Erkennungsdienstlichen Erfassung</em>&#8221; im Paris des 19. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben. Denn hier ereignet sich eine entscheidende Entwicklung, die bis heute noch nicht zu ihrem Ende gekommen ist: das Aufkommen biometrischer Verfahren.</p>
<p>Die Polizei vermisst und verdatet Leute zur erkennungsdienstlichen Erfassung. Körpergröße, Armlänge, Augenfarbe, etc. werden auf einer Karteikarte aufgeschrieben und im polizeilichen Register aufgehoben. Interessant ist hierbei nun aber das Konzept der Abfrage. Wie überprüft man, ob man jemanden schon in der Kartei vermerkt hat, ohne seinen Namen zu kennen? Das Geheimnis liegt in der Notation und Ordnung der Karteikarten. Körpergröße, Spannweite der Arme und Augenfarbe werden in einem Stück hintereinander Wegegeschrieben und ergeben zusammen eine unverwechselbare Zeichenkette. Nach dieser Zeichenkette werden die Karteikarten alphanummerisch sortiert. Wenn ein Subjekt also ein zweites Mal Erkennungdienstlich behandelt wird, misst man es aus, schreibt die Daten hintereinander weg und hat damit eine sehr konkrete Query, die man an das Register richten kann. Sofort hat man die richtige Karte in der Hand.</p>
<p>Fingerprinting &#8211; also das aggregieren von Informationskonfigurationen zu einem wiedererkennbaren Muster &#8211; verallgemeinert die Methode der Biometrie. Man kann schließlich alles mögliche fingerprinten: meinen Schreibstil, meine Sitzhaltung, meine Einkaufsgewohnheiten, meinen Musikgeschmack. Alle wiedererkennbaren Muster können einen Fingerprint ergeben, der sich in einer Masse an Daten wiederfinden lässt, wie die Karteikarte im Register der pariser Polizei.</p>
<p>Unter anderem kann man den Social Graph, also das Netzwerk an Kontakten fingerprinten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann man so zum Beispiel Facebook zu Twitteraccounts zuordnen, denn wer einer Konfiguration aus bestimmten Leuten auf Twitter followt, hat eine zumindest sehr ähnliche Konfiguration auch in seinem Social Graph bei Facebook.</p>
<p>Solcherlei Verknüpfungen schaffen oft unverhoffte Transparenz (&#8220;huch! Mein pseudonymer Twitteraccount ist enttarnt!&#8221;) und ich habe solche disruptiven Technologien nicht umsonst mit dem Label &#8220;<em><a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlust</a></em>&#8221; versehen. Doch hat man den Kontrollverlust erstmal für sich akzeptiert, kann man hier schön sehen, wie sich emanzipatorische Potentiale freilegen lassen.</p>
<p><strong>Fingerprinting und Emanzipation</strong></p>
<p>Biometrie wird gemeinhin als das Böse schlechthin betrachtet. Das liegt vor allem daran, dass die Verfahren der Erfassung und Verdatung immer in der Hand der machtvollen Institutionen &#8211; vor allem dem Staat &#8211; lagerten. Eine solche Sichtweise verdeckt aber die Tatsache, dass sich in der Biometrie &#8211; wie überhaupt in den Methoden des Fingerprinting &#8211; auch eine Menge emanzipatives Potential verbirgt. Fingerprinting braucht keine monopolistische Zwischeninstanz, die Identität beglaubigt. Stattdessen ist es der eigene Körper, der eigene Social Graph, das eigene Sosein, das sich selbst verbürgt und ausweist.</p>
<p>Und genau hier liegt das Potential zur Durchbrechung des Identitätsmonopols von Facebook. Biometrische oder soizale Fingerprints werden es in Zukunft schaffen, uns <em>plattformübergreifend</em> zu identifizieren. Durch Biometrie und andere Fingerprinting-Methoden wird Identität &#8211; online wie offline &#8211; portierbar und emanzipiert sich von den Registern, egal ob denen in den Behörden oder der kalifornischen Datenbanken. </p>
<p>Das ist der Ausweg. Die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Queryology</a> macht mich frei von den Institutionen. Die frei verfügbaren Daten über mich machen mich unabhängig von den Beglaubigungen Dritter. Ich bin ich, im Spiegel deiner Query. Je komplexer und umfangreicher die Daten sind, die über mich im Umlauf sind, desto höher die Integrität meiner Identität. Der Staat ist dann nur noch was für Datensparsame.</p>
<p><em>(Das Kunstprojekt <a href="http://fbbureau.com/">FB Bureau</a> ist am Freitag, den 2. März 19:00 Uhr im Supermarkt Berlin (Brunnenstraße) zu sehen. Ja, das ist Werbung, ich kenne den Künstler.)</em></p>
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		<title>Happy Kontrollverlust! Happy DataloveDay!</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 08:16:56 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Am Samstag war der zweite Geburtstag dieses Blogs und heute ist DataloveDay! Tweet]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag war der zweite Geburtstag dieses Blogs und heute ist <a href="https://twitter.com/#!/dataloveday">DataloveDay</a>! </p>
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		<title>FES: Das Partizipations-Transparenz-Dilemma</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 10:13:04 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/***** Dieser Text ist im Rahmen des Arbeitsbereichs BerlinPolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen und ist eine Art Ergänzung zu dem Podium auf dem ich Gast sein durfte. Eine schön gesetzte PDF-Version zum Ausdrucken findet man hier. ******/ Neulich kam ich aus einem Restaurant. Ich hatte mit einem guten Freund gespeist und wir wollten noch weiter in eine Bar. Als ich zur Straße ging um ein Taxi zu rufen, hielt mich mein Freund zurück. Er zückte stattdessen sein Smartphone und startete dort ein Programm: eine Taxi-App. Nach anderthalb Minuten stand das Taxi vor uns. Das Internet funktioniert Ende zu Ende. Es verbindet jede Person mit jeder Person, direkt, ganz ohne Vermittler. Eine Taxizentrale braucht es nicht mehr, wenn man eine App hat. Die Positionsdaten des Smartphones werden zusammen mit den restlichen Daten den Taxis in der Nähe angezeigt und können sofort bedient werden. Für meine Generation sind Politiker, Parlamente und Parteien sowas wie Taxizentralen. Es gibt sie noch und sie dominieren ohne Frage das politische Tagesgeschehen. Aber das, wozu sie da sind, lässt sich in absehbarer Zeit besser, effektiver und vor allem direkter erledigen. Politik ist die Beantwortung der Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Viele politische Institutionen gibt es nur &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/das-partizipations-transparenz-dilemma/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*****<br />
<em>Dieser Text ist im Rahmen des Arbeitsbereichs BerlinPolitik der <a href="http://fes.de">Friedrich-Ebert-Stiftung</a> erschienen und ist eine Art Ergänzung zu dem <a href="http://mspr0.de/?p=2656">Podium auf dem ich Gast sein durfte</a>. Eine schön gesetzte PDF-Version zum Ausdrucken findet man <a href="http://www.fes-forumberlin.de/pdf_2012/berlinpositionen_05.pdf">hier</a>.</em><br />
******/</p>
<p>Neulich kam ich aus einem Restaurant. Ich hatte mit einem guten Freund gespeist und wir wollten noch weiter in eine Bar. Als ich zur Straße ging um ein Taxi zu rufen, hielt mich mein Freund zurück. Er zückte stattdessen sein Smartphone und startete dort ein Programm: eine Taxi-App. Nach anderthalb Minuten stand das Taxi vor uns.</p>
<p>Das Internet funktioniert Ende zu Ende. Es verbindet jede Person mit jeder Person, direkt, ganz ohne Vermittler. Eine Taxizentrale braucht es nicht mehr, wenn man eine App hat. Die Positionsdaten des Smartphones werden zusammen mit den restlichen Daten den Taxis in der Nähe angezeigt und können sofort bedient werden.<br />
<span id="more-1082"></span><br />
Für meine Generation sind Politiker, Parlamente und Parteien sowas wie Taxizentralen. Es gibt sie noch und sie dominieren ohne Frage das politische Tagesgeschehen. Aber das, wozu sie da sind, lässt sich in absehbarer Zeit besser, effektiver und vor allem direkter erledigen. Politik ist die Beantwortung der Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Viele politische Institutionen gibt es nur deswegen, weil wir diese komplexe Aufgabe bislang nicht besser abbilden konnten. Die Möglichkeiten der Vermittlung und Einbeziehung des Volkes in den demokratischen Prozess ist begrenzt durch die Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Medien. Im Internet macht man aber jetzt schon an vielen Stellen eine andere Erfahrung, was an Partitizipation und direkter Einflussnahme möglich ist. Zwar ist der Diskurs nicht die einzige Aufgabe der Politik, aber gerade er macht das speziell demokratische aus und ausgerechnet er bleibt derzeit unter seinen Möglichkeiten. Ich glaube, dass die Proteste von Stuttgart, Madrid bis OccupyWallStreet auch viel mit diesem Bewusstsein zu tun haben. Die Forderungen nach mehr Demokratie sind auch ein Mißtrauensvotum gegen die politischen Institutionen, den Taxizentralen der Politik.</p>
<p>Deswegen muss man den Piraten dankbar sein. Denn neben all dem frischen Wind, den sie in die Politik tragen, stellen sie sich vor allem als Atomwaffentestgelände der Demokratieforschung zur Verfügung. Liquid Democracy &#8211; eine Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie &#8211; wird von ihnen als das vielversprechendste Experiment der Demokratie von morgen vorangetrieben. Dabei kann jeder selbst abstimmen, wie bei der direkten Demokratie, kann aber auch einen Vertreter bestellen, wie in der repräsentativen Demokratie. Der Vertreter kann aber jeder andere Stimmberechtigte sein und diesem kann man die Stimme auch jederzeit wieder entziehen. Stimmen kann man für Themenschwerpunkte oder nur für bestimmte Wahlen delegieren, oder global. Und alles bleibt dabei ganz flüssig, liquide.</p>
<p>Es ist in der tat ein vielversprechender Ansatz, der dort versucht wird, aber er ist auch umstritten. Seit das System für die Bundespartei vor über einem Jahr eingeführt wurde, schwelt ein Streit, der die Piraten zeitweise zu zerreißen drohte und noch lange nicht ausgetragen ist. Denn das Experiment hat etwas zu Tage gefördert, das man vielleicht mit einer Naturkonstante gleichsetzen könnte. Man würde es dann das &#8220;<em>Partizipations-Transparenz-Dilemma</em>&#8221; nennen.</p>
<p>Was war passiert? In der Piratenpartei, die sich seit ihrer Gründung auch als Datenschutzpartei sieht, konnten es viele nicht hinnehmen, dass ihr Abstimmungsverhalten öffentlich protokolliert und auf Jahre abrufbar sein würde. Das aber geht nicht anders, denn &#8211; wie der Chaos Computer Club bereits 2008 so eindrucksvoll bewies &#8211; können Wahlen am Computer nicht beides gleichzeitig sein: nachvollziehbar und geheim. Um Manipulation auszuschließen müssen Wahlen am Computer öffentlich nachvollziehbar verlaufen. </p>
<p>Liquid Democracy hat gezeigt, dass die Piratenpartei seit ihrer Entstehung eine logische Inkonsitenz mit sich schleppt. Ihre drei wichtigsten Grundwerte: politische Transparenz, politische Partizipation und Datenschutz wollen sich in dieser Trias nicht zusammenfügen. Man kann zwar politische Transparenz und Datenschutz durchaus zusammendenken. Die Vorraussetzung dafür aber ist, dass es eine klare Grenze zwischen &#8220;Politiker&#8221; und &#8220;Bürger&#8221; gibt. Während wir vom Politiker erwarten können, dass er seine Handlungen transparent macht, weil er sich qua Amt und Macht für die zweite Kategorie, dem &#8220;Bürger&#8221; verantwortlich zeichnet, können wir im Gegenteil dem Bürger die Undurchsichtigkeit seiner Handlung zugestehen, weil sein Wirken und seine Macht begrenzt sind. </p>
<p>Das Modell gerät aber in ein Dilemma, wenn man beginnt, diese Grenze zwischen Politiker und Bürger mit partizipativen Elementen zu verwischen. Liquid Democracy ist angetreten, genau das zu tun. In der Welt von Liquid Democracy ist jeder zumindest potentiell verantwortlich, weil jeder Delegationen auf sich versammeln kann. In diesem System macht es schlicht keinen Sinn mehr, zwischen Politiker und Bürger zu unterscheiden &#8211; und genau das ist auch gewollt. In einer idealen partizipativen Demokratie gibt es schlicht keine Politiker mehr.</p>
<p>Wenn durch diese Verwischung aber das Diktum nicht mehr gilt, dass Politiker möglichst transparent, der Bürger möglichst datengeschützt sein soll, dann kommen wir immer öfter in die Verlegenheit zu entscheiden: was hat hier Vorrang, der Anspruch an Transparenz oder der Schutz der Privatsphäre? Die Piratenpartei steift diese Grenze ständig. Wer darf wen anstellen, wer treibt mit wem Geschäfte, wer kennt wen wie gut? Man merkt bald, dass man Politik nicht wirklich versteht, wenn man die sozialen &#8211; das heißt auch privaten Animositäten und Sympathien &#8211; versteht. Vor allem Liquid Feedback bildet durch die Delegationsverbindungen auch soziale und damit private Netzwerke ab. Liquid Democracy ist das Ende der Trennung von Privatheit und Politik. Viele Piraten haben deswegen Angst, dass ihr Netzwerk offenbar und ihr Stimmverhalten transparent wird und dass das dann gegen sie verwendet werden kann &#8211; egal ob Parteiintern oder vom Arbeitgeber. Sie haben Angst, dass eine längst vergangene Abstimmung, sie wieder einholt, obwohl sich ihre Meinung zu dem Thema längst geändert hat. Es gibt viele Versuche das Problem technisch etwas zu entschärfen, aber das Grundproblem bleibt: Abstimmungen über den Computer müssen nachvollziehbar bleiben, oder sie sind Manipulation anheimgegeben. Was aber nachvollzogen werden kann, ist auch auswertbar.</p>
<p>Wenn ich meinen Namen und meinen Standort der Taxizentrale weitergebe, dann wird sie nur an das eine Taxi weitergeleitet, das mich dann abholt. Die Taxi-App funktioniert aber nur deswegen, weil meine Daten an alle Taxis in der Nähe rausgehen und sich der betreffende Taxifahrer statt der Zentrale entscheidet, ob er mich bedient.</p>
<p>Transparenz ist der Preis dafür, wenn man Prozesse dezentral und partizipativ organisiert. Das Internet vermag uns alle miteinander nach unseren Wünschen, Situationen, Wertemodellen und Interessen zu verbinden. Es kann dies aber nur, wenn wir ihm diese Präferenzen als Daten dazu bereitstellen.</p>
<p>Und so geht es der ganzen Gesellschaft wie die Piratenpartei. Sie erahnt und nutzt die großartigen Potentiale zur freieren und selbstbestimmteren Selbstorganisation aber gerät immer wieder an den Punkt der unheimlichen Selbstoffenbarung. Wir wollen Wohnungen mieten ohne Makler, wir wollen Taxis ohne Zentrale, wir wollen Bücher schreiben ohne Verleger, wir wollen uns organisieren ohne Verein. Das alles ist heute durch das Internet möglich, aber nur wenn wir sagen, wer wir sind und was wir wollen. Nur dann haben die anderen die Chance uns zu finden. Unser Hadern mit unserer neuen Transparenz und die Auflösung der Privatsphäre wird gewöhnlich getrennt betrachtet von den Möglichkeiten der direkten Interaktion oder den emanzipativen Eruptionen wie dem arabischen Frühling oder OccupyWallStreet. Und doch es sind zwei Seiten der selben Medaille.</p>
<p>Wer partizipiert wird transparent und nur wer transparent ist, kann partizipieren. Das Partizipations-Transparenz-Dilemma gilt für alle Fragen einer Politik der Zukunft. Wir können in Frage stellen, ob es das ist, was wir wollen. Wir können aber nicht zum einen &#8220;Ja&#8221; und zum anderen &#8220;Nein&#8221; sagen.</p>
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		<title>Vortrag: Kontrolle und Kontrollverlust</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Jan 2012 13:40:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[/***** Am 8. Dezember 2011 hielt ich den Eröffnungsvortrag auf der Konferenz „Neuste Medien unter Kontrolle?“ in Freiburg. Ich nutzte die Gelegenheit, etwas tiefer &#8211; das heißt philosophischer &#8211; in das Problem der Kontrolle und des Kontrollverlusts einzusteigen. *****/ Meine lieben Damen und Herren, liebe Veranstalter. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung und für die Ehre, diese Konferenz eröffnen zu dürfen. „Neuste Medien unter Kontrolle?“ ist das Thema dieser Tagung. Und natürlich ist das zweite, was einem unter diesen beiden Termen einfällt: Deleuze &#8211; gleich nach dem Jugendschutzmedienstaatsvertrag. In seinem &#8220;Postscriptum zur Kontrollgesellschaft&#8221; malt Deleuze schon 1990 aus, wie sich unsere Gesellschaft von der Disziplinargesellschaft hin zur Kontrollgesellschaft entwickelt. Zentrales Instrument und Katalysator &#8211; man ist versucht zu sagen: Medium &#8211; dieser Umwandlung ist der Computer. Kontrollgesellschaft &#8211; verkürzt: die Verwechslung des Gefängnisses mit der elektronischen Fußfessel &#8211; wäre somit eine Gesellschaft mit beschränktem Zugang. Automatische Schranken überall. Jeder Schritt wird kontrolliert, jede Handlung reglementiert. Deleuzes Vorhersage ist über 20 Jahre her und ich bin froh, dass es seither einige Tendenzen gibt, die ihr zu widersprechen scheinen. Wenn wir uns anschauen, wie die Computer, wie das Internet &#8211; vor allem die letzten zwei Jahre gewirkt haben &#8211; dann kann man &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/kontrolle-und-kontrollverlust/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/*****<br />
<em>Am 8. Dezember 2011 hielt ich den Eröffnungsvortrag auf der Konferenz „<a href="http://www.nmuk2011.de/">Neuste Medien unter Kontrolle?</a>“ in Freiburg. Ich nutzte die Gelegenheit, etwas tiefer &#8211; das heißt philosophischer &#8211; in das Problem der Kontrolle und des Kontrollverlusts einzusteigen.</em><br />
*****/</p>
<p>Meine lieben Damen und Herren, liebe Veranstalter. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung und für die Ehre, diese Konferenz eröffnen zu dürfen. „<em>Neuste Medien unter Kontrolle?</em>“ ist das Thema dieser Tagung. Und natürlich ist das zweite, was einem unter diesen beiden Termen einfällt: Deleuze &#8211; gleich nach dem Jugendschutzmedienstaatsvertrag.</p>
<p>In seinem &#8220;<em>Postscriptum zur Kontrollgesellschaft</em>&#8221; malt Deleuze schon 1990 aus, wie sich unsere Gesellschaft von der Disziplinargesellschaft hin zur Kontrollgesellschaft entwickelt. Zentrales Instrument und Katalysator &#8211; man ist versucht zu sagen: Medium &#8211; dieser Umwandlung ist der Computer.</p>
<p>Kontrollgesellschaft &#8211; verkürzt: die Verwechslung des Gefängnisses mit der elektronischen Fußfessel &#8211; wäre somit eine Gesellschaft mit beschränktem Zugang. Automatische Schranken überall. Jeder Schritt wird kontrolliert, jede Handlung reglementiert.<br />
<span id="more-1073"></span><br />
Deleuzes Vorhersage ist über 20 Jahre her und ich bin froh, dass es seither einige Tendenzen gibt, die ihr zu widersprechen scheinen. Wenn wir uns anschauen, wie die Computer, wie das Internet &#8211; vor allem die letzten zwei Jahre gewirkt haben &#8211; dann kann man nicht umhin, das Gegenteil einer kontrollierten Gesellschaft festzustellen. An allen Ecken und Enden führt das Internet zu unvorhergesehenen &#8211; ich würde sogar behaupten &#8211; unvorhersehbaren &#8211; Effekten. Mit kollaborativer Online-Zusammenarbeit wurde die Doktorarbeit eines Bundesminsiters bis ins kleinste Detail analysiert und als Plagiat entlarvt. In einer so unfassbaren Geschwindigkeit, dass der Minister nicht mehr so schnell hinterherlügen konnte, wie neue Erkenntnisse auftauchten. Wikileaks hat wie ein Wirbelwind die Weltgeschichte verändert, indem es geheime Daten über Nationen und Konzerne öffentlich zur Verfügung stellte. Allen voran die USA standen mehrmals ohne Hosen da &#8211; unfähig sich gegen ein paar Hacker zur Wehr zu setzten. Auf der ganzen Welt brachen Revolutionen, Proteste und Ausschreitungen aus, die sich in ihrem Kern spontan und im mithilfe des Internets zusammenfanden. Das politische Antlitz der Welt hat sich auf einen Schlag auf immer verändert. Hackergruppen wie LulzSec und Anonymous brachten Großkonzerne, Bundespolizisten und Regierungsorganisationen in Verlegenheit und Milliarden private Daten in Umlauf. Ich habe vor etwa anderthalb Jahren angefangen diese Art von Phänomen unter dem Begriff &#8220;<em>Kontrollverlust</em>&#8221; zu sammeln und zu untersuchen. Ein Begriff, der seither eine gewisse Karriere gemacht hat, was sicher dazu geführt hat, dass ich hier nun die Ehre habe, zu Ihnen zu sprechen.</p>
<p>Warum Kontrollverlust? Was bedeutet das? Ich habe dafür erst vor kurzem eine &#8211; ich gestehe, nicht sehr elegante &#8211; Definition ersonnen.</p>
<blockquote><p>“Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.” (Seemann 2011)</p></blockquote>
<p>Ich halte diese Definition nach wie vor nicht für falsch, aber ich bin bis heute nie richtig glücklich damit geworden. Ich werde deswegen hier mit Ihnen versuchen, den Begriff etwas tiefer und theoretischer &#8211; und somit auch etwas genauer zu fassen.</p>
<p>Kommen wir zunächst zurück zum Begriff der Kontrolle. Etymologisch stammt der Begriff aus dem französischen „contrôle“, in älterer Schreibweise „contrerolle“ — zu frz. „<em>contre</em>“ → „<em>gegen</em>“ und „<em>rôle</em>“ → „<em>Rolle, Register, Liste</em>“ —- Die „<em>Contre Role</em>“ bezeichnet nämlich ursprünglich ein „<em>Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters</em>“.</p>
<p>Die erste Überraschung: Kontrolle ist ein Register, es ist ein Archiv. Es bewahrt Informationen auf, um zu Vergleichszwecken herangezogen zu werden. Es ist somit zweierlei: Es ist externalisiertes Gedächtnis und es ist externalisiertes Vertrauen. Es markiert den Erwartungswert, an dem sich eine Entität in Zukunft messen lassen muss.</p>
<p>Etwas polemisch verkürzt könnte man sagen: Kontrolle ist der Versuch, mithilfe eines Archivs, die Zukunft durch die Erwartungswerte der Vergangenheit zu ersetzen.</p>
<p>Es wird in etwa diese Überlegung gewesen sein, die Deleuze zu seiner Idee der Kontrollgesellschaft bewegte. Die Kontrollgesellschaft wäre also eine Gesellschaft der Vorhersagbarkeit, eine Gesellschaft ohne Zukunft – das heißt ohne Ereignis.</p>
<p>Wenn die Kontrolle der Zukunft durch die Vergangenheit über die Möglichkeiten des Archivs verläuft, haben wir es tatsächlich seit dem Computer mit einer gigantischen Machtverschiebung zu tun. Nur als Orientierung: Als Deleuze seinen Text über die Kontrollgesellschaft schrieb, kostete ein Gigabyte Festspeicher noch 10,000 Dollar. Heute kostet die selbe Speichermenge weniger als 3 Cent. Der Computer als Archivmaschine ist sicher die mächtigste &#8220;Role&#8221; in „Contre Role“, die wir Menschen je hatten.</p>
<p>Warum aber stellt sich die Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft dann nicht ein? Sicher, durch die fallenden Preise hat sich ein Demokratisierungseffekt ergeben, der die Kontrollkraft des Archivs egalitär ausbreitet. Das ist sicher ein Teil der Erklärung, aber der Kontrollverlust ist nur zum geringen Teil ein Effekt der Gegenkontrolle. Mich interessiert hier in erster Linie der Kontrollverlust des Archivs durch das Archiv. Wie funktioniert die Kontrolle des Archivs? Worauf basiert seine Funktionsweise und seine Macht und was durchbricht sie?</p>
<p>Es liegt natürlich nahe, sich zuerst an den Lehrer von Deleuze &#8211; Foucault &#8211; zu wenden, der als erster einen philosophischen Begriff des Archivs ausarbeitete. Natürlich ist hier Vorsicht geboten, denn Foucault bestimmt seinen Begriff des Archivs durchaus sehr verschieden von dem Alltagsbegriff.</p>
<p>Das Buch &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8221; ist der Versuch Foucaults, seine Forschung methodisch und theoretisch zu fundieren. Er hatte bereits einige bahnbrechende Werke vorgelegt, in denen er beispielsweise das Gefängnis, die Psychatrie, das Krankenhaus und die Humanwissenschaften in ihrem Wandel untersuchte. Nun versucht er diesen Wandel zu formalisieren und führt dabei an zentraler Stelle seinen Archivberiff ein. Das Archiv ist nach Foucault die Regelhaftigkeit der Formation und Transformation der Diskurse. Damit ist schon mal klar, dass das Archiv kein Ort oder Raum ist, auch kein materieller Träger von Eindrücken oder Daten, sondern ein System. Es ist das System der Aussagbarkeit, das innerhalb eines Diskurses zu einer bestimmten Zeit herrscht.</p>
<p>Foucault hatte verschiedentlich gezeigt, dass Diskurse zu unterschiedlichen Zeiten nicht nur inhaltlich variierten, sondern dass bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit bestimmte Aussagen überhaupt möglich waren. Und dieses System der Möglichkeit und Unmöglichkeit &#8211; der Möglichkeitsraum von Aussagen &#8211; ist das, was er „<em>Archiv</em>“ nennt.</p>
<p>Für uns ist das gleich mehrfach interessant.<br />
1) Obwohl sich Foucault eigentlich dagegen verwahrt, dass sein Begriff des Archivs eine dingliche Entsprechung hat, so ist doch seine Funktion der Kontrolle analog zu unserer vorherigen Umschreibung: Es geht um die Regulierung der Möglichkeit von Aussagen und damit die Regulierung von Zukunft.<br />
2) Die Zeitlichkeit des Archivs. Denn das Archiv ist ein je temporäres. Es hat einen Beginn und ein Ende. Der Diskurs wandelt sich abrupt und auf einmal ist das ganze System ein anderes. Es werden ganz andere Aussagen, nach ganz anderen Regeln geformt. Diese Brüche sind es, die beobachtbar sind. Sie sind es aber nur, so Foucault, sofern sie für den Beobachter bereits lang genug zurückliegen. Für das Archiv des eigenen Diskurs ist man blind.</p>
<blockquote><p>„Die Beschreibung des Archivs entfaltet ihre Möglichkeit [...] ausgehend von den Diskursen, die gerade aufgehört haben, die unsrigen zu sein; ihre Existenzschwelle wird von dem Schnitt gesetzt, der uns von dem trennt, was wir nicht mehr sagen können, und von dem, was außerhalb unserer diskursiven Praxis fällt;“ (Foucault 1981, 189)</p></blockquote>
<p>Die Macht des Archivs ist also beschränkt &#8211; zumindest zeitlich. Die Auslöser dieser Verschiebungen sind nach Foucault allerdings kontingent. Seien es zufällige wissenschaftliche Entdeckungen oder Machtverschiebungen der einen oder anderen Art. Und dennoch: das Archiv kann die Zukunft nur eine gewisse Zeit im Zaum halten. Dann passiert der Bruch, man könnte sagen, dann bricht die Zukunft in das Archiv ein und spült es hinfort und/oder errichtet ein neues Archiv. Es gibt neue Regeln und damit neue Aussagen, keine besseren, wohlgemerkt, sondern nur andere.</p>
<p>An dieser Stelle ist man versucht, den Bruch, die Diskontinuität bereits als &#8211; zumindest dem Kontrollverlust analoges &#8211; Moment zu betrachten. Aber bleiben wir vorsichtig, insbesondere, weil damit nicht viel gewonnen wäre.</p>
<p>Kommen wir lieber zu einem anderen Schüler von Foucault. Ein Schüler, der sich allerdings früh abgespalten hat, der eigentlich seine Karriere mit dieser Abspaltung begann: Jaques Derrida. Es war Derrida, der seinen Lehrer – der gerade erst mit seinem frühen Werk &#8220;<em>Wahnsinn und Gesellschaft</em>&#8221; Furore machte – öffentlich anging. Foucault untersucht darin die Geschichte des Wahnsinns als einen gewaltsamen, intellektuellen Abspaltungsprozess. Die Geburt der Vernunft, so seine These, sei  einhergegangen mit der gleichzeitigen Abspaltung und Internierung bzw. Ausschließung des Wahnsinns aus der Gesellschaft.</p>
<p>In &#8220;<em>Cogito und die Geschichte des Wahnsinns</em>&#8221; nimmt Derrida dieses Buch zwei Jahre später auseinander. Und obwohl Foucaults Begriff des Archivs noch nicht in der Welt ist (er sollte erst 7 Jahre später folgen), wagt es Derrida, quasi nach dem Archiv Foucaults zu fragen &#8211; also nach der Bedingung der Möglichkeit seiner Aussagen zum Wahnsinn. Derrida glaubt nämlich, dass &#8220;<em>es kein Zufall</em> [ist]<em>, wenn ein solches Vorhaben heute hat entwickelt werden können, </em>[...]&#8220;, und zwar weil &#8220;<em>eine bestimmte Befreiung des Wahnsinns begonnen hat.</em>&#8221; (Derrida 1981, 63)</p>
<p>Derrida spielt hier auf Freud und die Psychoanalyse an, die Foucault in seinem Buch lediglich in den Diskurs der Abspaltung einreiht. Derrida aber will darauf hinaus, dass erst die Psychoanalyse mit ihrer durchaus differenzierteren Sicht auf den &#8220;<em>Wahnsinn</em>&#8221; – der nämlich bei Freud ja schon nicht mehr schlichte Unvernunft ist – die Möglichkeit bereitete, Aussagen über die Spaltung von Wahnsinn und Vernunft zu treffen.</p>
<p>Es war nicht zuletzt auch dieser Streitpunkt mit Derrida, der Foucault dazu bewog seine Methodik in &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8221; nieder zu legen. Der Archivbegriff, wie ihn Foucault hier entwirft, befreit ihn nämlich von dem Vorwurf Derridas, seine eigenen Voraussetzungen nicht hinterfragt zu haben. Der Blinde Fleck für das eigene Archiv ist nach Foucault konstitutiv, jedenfalls bis zu seiner &#8220;<em>Existenzschwelle</em>&#8220;.</p>
<p>„<em>Im Grenzfall,</em>&#8221; so Foucault, &#8220;<em>wäre nicht die Seltenheit der Dokumente, so wäre die größte zeitliche Perspektive nötig, um es [das Archiv] zu analysieren.</em>“ (Foucault 1981,198)</p>
<p>Diese Stelle verdient einen kurzen Einschub: Die Seltenheit der Dokumente ist sicher ein Punkt, bei dem sich &#8211; weit über das hinaus, was Foucault sich hat vorstellen können &#8211; unsere Realität von der seinen wegentwickelt hat. Eric Schmidt behauptete 2010, dass innerhalb von 48 Stunden so viele Daten produziert werden, wie seit Beginn der Menschheit bis 2003.</p>
<p>Unser Jetzt beginnt sich langsam aber sicher in die von Georges Luis Borges beschriebene Bibliothek von Babel zu verwandeln. Eine Bibliothek in der jedes nur mögliche Buch, jeder logisch mögliche Text, jede mögliche Aneinandereihung von Buchstaben existiert. Glauben wir Foucault, dann bahnt sich hier eine Unmöglichkeit der Diskursanalyse an. Der Korpus des Aussagen ist sicher weit hinter einer realistischen Analysemöglichkeit gefallen. Nun ist mit dem Computer aber ja nicht nur die Menge der produzierten Daten gestiegen, sondern auch deren Verarbeitungsgeschwindigkeit.</p>
<p>Vor allem die Entwicklung der relationalen Datenbank in den 70ern hat die Möglichkeit zur Analyse von großen und komplexen Datenmengen weit voran gebracht. Und ein bisschen ähnelt das, was Foucault mit den der Analyse der Aussagen tätigt, dem, was moderne Datamining Algorithmen vollbringen. Sie finden verdeckte Regelhaftigkeiten in den Daten, Korrelationen und und Strukturen. All das schafft die Analyse, indem sie es fertig bringt, in Echtzeit Datenmengen aufeinander anzuwenden, also auf neue Weise zu verknüpfen. Hätte Foucault seine Aussage von der Endlichkeit der Dokumente auch geäußert, wenn er von den enormen Möglichkeiten der computergestützten Analyse gewusst hätte?</p>
<p>Aber bleiben wir zunächst bei dem Streit zwischen Derrida und Foucault. Der Kern ihrer Auseinandersetzung dreht sich nämlich in Wirklichkeit um das Ereignis. Ereignisse sind bei Foucault Singulariäten. Sie kommen aus dem Nichts und verändern in ihrer Einzigartigkeit unter Umständen das Archiv. Wir erinnern uns an die Diskontinuitäten und Brüche, die das Archiv verändern. Das Ereignis ist bei Foucault nicht determiniert, aber determinierend. Es determiniert selbst, nämlich das Archiv. Es findet also eine, wenn auch einzigartige, unwiederholbare Einschreibung statt.</p>
<p>Ausgerechnet entlang dieser Frage der Einschreibung hat Derrida seinen eigenen Begriff des Archivs entwickelt. Allerdings viel später, 1994, 10 Jahre nach Foucaults Tod. Derridas Archivbegriff ist nicht so abstrakt wie der Foucaults, sondern buchstäblich körperlich und doch ist sein Archivbegriff insofern analog, dass er ebenso das Gesetz dessen, was gesagt werden kann, bestimmt. Aber eben gerade durch seine Körperlichkeit:</p>
<blockquote><p>&#8220;[…] die technische Struktur des archivierenden Archivs bestimmt auch die Struktur des archivierbaren Inhalts schon in seiner Entstehung und seiner Beziehung zur Zukunft. Die Archivierung bringt das Ereignis in gleichem Maße hervor, wie sie es aufzeichnet.&#8221; (Derrida 1997, 35)</p></blockquote>
<p>Das Ereignisdenken bei Derrida ist im Gegensatz zu dem Foucaults von der Einschreibung her gedacht. Erst die Einschreibung und damit die Möglichkeit, sich auf das Ereignis zu beziehen, das heißt, es zu wiederholen, macht die Ereignishaftigkeit des Ereignisses aus. Derrida fragt sich, wie es das Archiv der Psychoanalyse verändert hätte, wenn Freud mit seinen Mitarbeitern, seiner Familie, seinen Patienten, etc. per Telefon, tragbaren Tonbandgeräten und vor allem E-Mail kommuniziert hätte. Denn das wesentliche Moment ist die Geschwindigkeit der Kommunikation, die durch die E-Mail möglich wird.</p>
<blockquote><p>&#8220;[…]:ein mit der Hand geschriebener Brief braucht so und so viele Tage, um in eine andere europäische Stadt zu gelangen, und nichts ist je unabhängig von diesem Verzug. Alles bleibt seinem Maße unterworfen.&#8221; (Derrida 1997, 35)</p></blockquote>
<p>Die Elektronische Post sei hingegen dabei &#8220;<em>den gesamten öffentlichen und privaten Raum der Menschheit und zunächst die Grenze zwischen dem Privaten, dem (privaten oder öffentlichen) Geheimen und dem Öffentlichen oder Phänomenalen zu verwandeln. Es ist nicht nur eine Technik im geläufigen und begrenzten Sinne dieses Ausdrucks: in einem unerhörten Rhythmus, gleichsam augenblicklich, muss diese instrumentelle Möglichkeit der Hervorbringung des Eindrucks, der Bewahrung und Zerstörung des Archivs zwangsläufig von juridischen und folglich politischen Veränderungen begleitet werden. Und diese affizieren das Recht auf Eigentum, das Recht zu publizieren und zu reproduzieren &#8211; und nichts weniger.</em>&#8221; (Derrida 1997, 35f)</p>
<p>Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass es diese Passage war, die mich in ihrer prophetischen Hellsichtigkeit beim ersten Lesen in den Bann zog. Was Derrida hier beschreibt, sind exakt die Umwälzungen, die wir seit den letzten 15 Jahren in Sachen Urheberrecht und Privatsphäre, Staatsgeheimnissen und der Kontrolle von Kommunikation erleben. Derrida nimmt den Kontrollverlust hier zweifellos vorweg, als eine Funktion des Archivs, des zunehmend mächtiger, weil schneller und umfassender werdenden Archivs.</p>
<p>Aber was heißt es, dass das Archiv das Ereignis genau so konstitutiert, wie es es aufzeichnet? Es heißt zweierlei:</p>
<p>Erstens: Es heißt, dass das Ereignis vom Archiv kommt, dass das Archiv eben nicht &#8211; jedenfalls nicht nur &#8211; das Ereignis reguliert und einschränkt, sondern dass es es geradezu hervorbringt. Ohne Archiv kein Ereignis – und damit keine Zukunft.</p>
<p>Zweitens heißt es aber auch, dass keine Operation am Archiv das Archiv selbst unangetastet lassen wird. Dass &#8211; ich zitiere &#8211; &#8220;<em>die Interpretation des Archivs ihren Gegenstand, ein gegebenes Erbe nämlich nur erhellen, lesen, interpretieren, einrichten kann, indem sie sich darin einschreibt, indem sie es öffnet und es ausreichend erweitert, um mit vollem Recht darin platz zu nehmen.</em>&#8221; Und Derrida fügt an: &#8220;<em>Es gibt kein Metaarchiv</em>.&#8221; (Derrida 1997, 122)</p>
<p>Das Archiv befragt sich, indem es es in sich einschreibt. Die Frage an das Archiv ist niemals unschuldig. Sie ist selbst ein Archiv, bzw. beruht auf einem oder mehreren Archiven, die sich, wenn sie sich an das Archiv richten, in es einschreiben.</p>
<p>Es ist also richtig: das Archiv determiniert das, was aufschreibbar, also sagbar ist. Aber gleichzeitig erhöht es die Zahl Anschlussstellen, es beschleunigt die Rückantwort, es öffnet sich selbst für die Einschreibung. Es ist somit nicht nur und in erster Linie ein Agent der Vergangenheit:</p>
<blockquote><p>„Ebensosehr und mehr noch als eine Sache der Vergangenheit, ihr vorrangig, müsste das Archiv das Kommen der Zukunft einbeziehen.“ (Derrida 1997, 60)</p></blockquote>
<p>Beziehen wir das ruhig testweise zurück auf Derridas Kritik an Foucaults „<em>Wahnsinn und Gesellschaft</em>“. Foucault hätte nach Derrida erkennen müssen, dass das Archiv der Geschichte des Wahnsinns eben kein abgeschlossenes ist, dass seine „<em>Existenzschwelle</em>“ noch lange nicht überschritten ist, sondern dass eine Reihe von Einschreibungen, Umschreibungen am Werk sind, von denen eine das Ereignis der Psychonanylse war und ein weiteres das Ereignis von Foucaults eigener Diskursanalyse. Das heißt A) dass das Archiv der Trennung von Wahnsinn und Vernunft die Psychoanalyse und B) dass die Psychoanalyse Foucaults Diskursanalyse – zumindest mit – ermöglicht hat. Auch wenn Foucaults Analyse sich den Anschein gibt: auch sie ist kein Metaarchiv.</p>
<p>Anders ausgedrückt könnte sagen, dass Foucault erst durch die Linse der Psychoanaylse hat erkennen können, wie die brutale Trennung des Wahnsinns von der Vernunft und sein jahrhundertelanges Schweigen ein Akt des Ausschlusses war. Damit geht eine empfindliche Verschiebung von statten, in die das Archiv – diesmal meine ich wieder Foucaults Begriff – umdeutet.  Die Kontrolle des Archivs verschiebt sich von dem System der Aussagbarkeit (was kann überhaupt gesagt werden?), hin zum System der Abfrage – (was überhaupt gefragt werden kann).</p>
<p>Der so gewendete – und nun instrumentelle – Charakter des Archivs ermöglicht einen geschärften Blick zurück auf das, was wir „<em>Archäologie</em>“ nennen &#8211; und zwar nicht nur die &#8220;<em>Archäologie des Wissens</em>&#8220;, sondern die Archäologie im Allgemeinen. Dass nämlich die Rückfrage an das Archiv selbst ein Archiv ist. Und auch das Archiv der herkömmlichen Archäologie wächst und wächst. Von der Radiokohlenstoffdatierung, der Linguistik, der Zellbiologie, der Computersimulation und der Ultraschallsensorik eignet sich die Archäologie ein immer weiter wachsendes Archiv der Abfrage an. Und so erfahren wir über längst geborgene Artefakte heute mehr als gestern und übermorgen mehr als morgen. Gleiches lässt sich natürlich über das Archiv der Diskursanalyse und über das Archiv der Psychoanalyse sagen, ebenso wie über das Archiv der Dekonstruktion – die allesamt Archäologien, also Abfragen sind.</p>
<p>Was wir hier Archäologie nennen, kennt man in der Informationstechnologie als „<em>Datamining</em>“ und neuerdings als „<em>Big Data</em>“. Es geht darum, aus Daten Daten zu generieren, dass heißt also ein Archiv aus einem Archiv zu gebären. Die von Derrida angesprochene Geschwindigkeit mit denen Archive miteinander korrespondieren, hat sich so dramatisch erhöht, dass die Quantität in eine neue Qualität umgeschlagen ist. Die heutigen Archive werden durch algorithmische Routinen, die Verknüpfungen der Anschlussstellen nicht nur selbsttätig vornehmen, sondern sich auch selbstständig suchen, bestimmt. Bei Big Data werden quasi nur noch petabytegroße Datenmonster aufeinander losgelassen, ohne, dass die Wissenschaftler vorher überhaupt eine Hypothese formulieren müssten. Die Erkenntnisse, die aus diesen Verfahren gezogen werden, sind zwar nützlich, aber selten noch menschlich verstehbar.</p>
<p>Diese – ich nenne es – „<em>Echtzeitarchäologie</em>“ hat dazu geführt, dass wir Daten nicht mehr nur für einen bestimmten Zweck speichern, das heißt, für eine bestimmte Abfrage hin. Unsere Archive haben sich seit der Erfindung der relationalen Datenbank davon verabschiedet, in ihrer Struktur im Vorhinein zu berücksichtigen, welche Fragen eines Tages an sie gestellt werden. Ebenso beginnen wir zu akzeptieren, dass wir keinerlei Vorstellungsfähigkeit dafür besitzen, was eine Aussage, was ein Ereignis, was ein bestimmtes Datum bedeutet haben wird. Mit jeder Prozessorgeneration und damit der erneuten Beschleunigung der Kommunikation der Archive verschärft sich der Kontrollverlust. Dekonstruktion wird zum Alltagsgeschäft.</p>
<p>Die Frage der &#8220;<em>Ordnung des Wissens</em>&#8221; verliert zunehmend an Relevanz. Wo sowieso alles aufschreibbar ist und wo sich durch die Abfrage eine beliebige, vielleicht viel bessere, aber zumindest eine zielführende Ordnung in Echtzeit herstellen lässt, braucht es keine Onotologien, Taxonomien und Hierarchien mehr. Die Frage des Archivs verschiebt sich von der Frage der Einschreibung hin zur Abfrage und damit zu dem, was man in einem Jetzt nicht mehr kontrollieren kann. Die vermeintlichen Kontrollaparate und ihre Archive werden in Wirklichkeit die Anknüpfungspunkte vervielfältigt haben, durch die die Zukunft hineinspazieren wird. Je größer und mächtiger die Archive, desto vielfältiger die Anknüpfungspunkte, desto reichhaltiger die möglichen Anschlussoperationen der Abfrage. Die Kontrollgesellschaft mag auf dem Vormarsch sein, aber die dahinter stehende Macht wird den durch sie ausgelösten Kontrollverlust nicht überleben.</p>
<p>Derrida hat bei seiner Beschäftigung mit dem Archiv, halb ernsthaft, halb aus Provokation eine Wissenschaft des Archivs vorgeschlagen: eine Archivologie. Mir scheint es heute ein notwendiges und lohnendes Projekt statt einer Archivologie, eine Queryologie &#8211; eine Wissenschaft der Abfragesysteme &#8211; zu verfolgen. Eine Wissenschaft, die statt die Bedingungen der Möglichkeit von Archivierung, die vielfältigen Auswirkungen der Abfrage untersucht, die von der Googlesuche, bis zu den Browsertechnologien längst die Brennweite unseres Wissens geworden ist.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Derrida, Jacques: Dem Archiv verschrieben, Berlin 1997.</li>
<li>Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M 1981.</li>
<li>Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurth/M 1981.</li>
<li>Seemann, Michael: Vom Kontrollverlust zur Filtersouveränität, in: Heinrich Böll Stiftung: #public_life &#8211; Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz, Berlin 2011.</li>
</ul>
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		<title>Was wäre echte Netzneutralität?</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 18:57:08 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wenn man sich in die Tiefen der Netzneutralitäts/Quality of Service Debatte einliest, merkt man schnell, dass das alles nicht so einfach ist. Schließlich ist die Topographie des Netzes nicht wirklich gleichmäßig und die Datenströme verteilen sich ebenso ungleichmäßig. Provider arbeiten schon lange daran, mithilfe von Priorisierungen und intelligentem Routing die Datenströme einigermaßen im Zaum zu halten. Egal wie man zur Netzneutralität steht, QoS gibt es und es ist notwendig und es ist auch wichtig für den Nutzer und es kann nicht darum gehen, dass den Providern verboten wird, ihren Traffic zu managen. Was Netzneutralität aber will, ist, dass jenseits von Maßnahmen zur Sicherung der Standards, Daten nicht nach ihrer Art oder Herkunft beliebig ausgebremst oder bevorzugt oder gar ganz aussortiert werden. Die Idee dahinter ist die einer neutralen Infrastruktur. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem aus politischen Beweggründen. Was wäre Meinungsfreiheit heute schließlich noch wert, wenn die Infrastrukturbetreiber oder Politiker heimlich darüber entscheiden können, welche Nachricht wie, ob und in welcher Qualität ankommt? In der Frage der Umsetzung jedoch scheiden sich die Geister. Wollen wir Netzneutralität staatlich garantieren, also eine Regulierung zur Nichtregulierung einführen? Oder sollten wir lieber ordnungspolitisch für einen vitalen Wettbewerb sorgen, und darauf hoffen, &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/was-ware-echte-netzneutralitat/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man sich in die Tiefen der Netzneutralitäts/<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Quality_of_Service">Quality of Service</a> Debatte einliest, merkt man schnell, dass das alles nicht so einfach ist. Schließlich ist die Topographie des Netzes nicht wirklich gleichmäßig und die Datenströme verteilen sich ebenso ungleichmäßig. Provider arbeiten schon lange daran, mithilfe von Priorisierungen und intelligentem Routing die Datenströme einigermaßen im Zaum zu halten. Egal wie man zur Netzneutralität steht, QoS gibt es und es ist notwendig und es ist auch wichtig für den Nutzer und es kann nicht darum gehen, dass den Providern verboten wird, ihren Traffic zu managen.</p>
<p>Was Netzneutralität aber will, ist, dass jenseits von Maßnahmen zur Sicherung der Standards, Daten nicht nach ihrer Art oder Herkunft beliebig ausgebremst oder bevorzugt oder gar ganz aussortiert werden. Die Idee dahinter ist die einer <em>neutralen</em> Infrastruktur. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem aus politischen Beweggründen. Was wäre Meinungsfreiheit heute schließlich noch wert, wenn die Infrastrukturbetreiber oder Politiker heimlich darüber entscheiden können, welche Nachricht wie, ob und in welcher Qualität ankommt?</p>
<p>In der Frage der Umsetzung jedoch scheiden sich die Geister. Wollen wir Netzneutralität staatlich garantieren, also eine Regulierung zur Nichtregulierung einführen? Oder sollten wir lieber ordnungspolitisch für einen vitalen Wettbewerb sorgen, und darauf hoffen, dass sich dann die netzneutralen Anbieter am Markt durchsetzen?<br />
<span id="more-1056"></span><br />
Ich bin mittlerweile gegenüber beiden Ansätzen skeptisch. Der Marktansatz wird zu viele Extrasondersuperangebote hervorbringen, die mit sehr eingeschränkten Datenverbindungen viele Konsumentenwünsche befriedigen. Man kann das bereits daran sehen, dass Facebook schon heute fast überall auf der Welt für umsonst aufzurufen ist, weil es weltweit entsprechende Deals eingefädelt hat. Die meisten Smartphonenutzer haben eh nur eine App installiert: Facebook. Für viele reicht das auch, was sollen sie monatlich viel Geld ausgeben für dieses ominöse &#8220;Internet&#8221;?</p>
<p>Aber auch den staatlichen Ansatz sehe ich zunehmend kritisch. Erstens sind alle Regularien staatlicherseits schwer durchsetzbar, besonders wenn es um das Internet geht. Und gleichzeitig geraten wir in das selbe Dilemma, in dem der Datenschutz längst steckt. Sobald es staaliche oder quasistaatliche Institutionen sind, die die Netzneutralität garantieren sollen, wird sie auch genau von diesen nach gut dünken eingeschränkt werden. So wie es in der Politik keinesfalls als widersprüchlich gesehen wird, Facebooks Likebutton zu verbieten und gleichzeitig die Vorratsdatenspeicherung einzuführen, wird man auch gerade trotz eines Netzneutralitätsgesetzes nicht davor zurückschrecken, Netzsperren einzuführen. Sobald Netzneutralität ein Recht ist, kann man ihm auch Schranken geben, wenn es politisch opportun erscheint. Vielleicht könnte ein Netzneutralitätsgesetz die wirtschaftlichen Begehrlichkeiten der hiesigen Provider einschränken, aber den Meinungsfreiheitsaspekt haben wir damit noch lange nicht gewonnen. Im Gegenteil.</p>
<p>Von Netzneutralitätsbefürwortern wird gerne der Vergleich mit den Straßen angebracht: Die Straße entscheidet auch nicht, ob ein Auto auf ihr fahren darf, egal, ob ein Bankräuber oder ein Familienvater drin sitzt. Aber der Vergleich beginnt zu hinken, sobald wir intelligente Straßen annehmen. Sollten die Straßen eines Tages erkennen können, wer in dem Auto sitzt, wird auch die Politik von den Straßenbetreibern fordern, Bankräuber zum Halten zu zwingen. Und wenn sie grad dabei sind, auch gleich den Falschparker mit.</p>
<p>Das Internet wird &#8211; vor allem durch Technologien wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Packet_Inspection">Deep Packet Inspection</a> &#8211; zunhemend zur intelligenten Straße. Und weil es das wird, wird der Druck von allen Seiten gegen die Netzneutralität größer. Und damit geraten wir in das Dilemma der Verantwortlichkeit, das alles, was auf der Infrastruktur passiert zu einem Politikcum macht. &#8220;<em>Wenn wir wissen, dass X passiert, warum stoppen wir es dann nicht?</em>&#8221;</p>
<p>Ich gewinne also den Eindruck, dass wir noch gar nicht richtig ausgesprochen haben, was wir mit Netzneutralität wirklich wollen.</p>
<p>Eigentlich wollen wir unintelligente, blinde und dumme Straßen. Das wird sich aber nicht machen lassen, denn die Technologie wird ja nicht wieder weggehen. Gut. Alternativ hätten wir dann gerne Straßen, die zwar wissen <em>könnten</em>, aber aber nicht <em>wollen</em>. Auf lange Frist ist auch das unmöglich, denn so lange wir in einer Demokratie leben, wird das Wegsehen bei gewissen Verbrechen nicht durchsetzbar sein. Die Kinderpornokeule ist noch warm, alles weitere wird folgen.</p>
<p>Es gibt da eine weitere Möglichkeit. Als Mubarak in Ägypten den sogenannten &#8220;Kill Switch&#8221; umlegte und fast das ganze Land kein Internet mehr hatte, kamen die Hacker von <a href="http://telecomix.org/">Telecomix</a> auf eine Idee. Sie besorgten sich Hard- und Software alter Modem-Einwahlserver und faxten die Einwahlnummern an ägyptische Faxgeräte, die sie auf ägyptischen Seiten im Googlecache fanden. Sie stachen viele kleine Löcher in Mubaraks Abschottungspanzer, durch die das Internet scheinen konnte.</p>
<p>Es war nicht viel, aber aber mehr als nichts. Es schaffte ein kleines Stück freies Internet, jenseits der Kontrolle von den staatlichen Strukturen. In dem <a href="http://cre.fm/cre188">zugehörigen CRE</a> philosophiert der Telecomix-Aktivist Stephan Urbach darüber, dass sie mit dieser Aktion im Grunde die Souveränität des Ägyptischen Staates verletzt hatten. In anderen Zeiten, unter anderen Umständen hätte sowas Krieg bedeuten können.</p>
<p>Das, was Telecomix dort machte, im kleinen, ist die Lösung, die wir eigentlich haben wollen. Was wir wollen, ist eine Infrastruktur, die nicht zu kontrollieren ist. Wir wollen, dass, sobald sich jemand am Netzes vergreift, es sich andere Weg sucht. Es ist das was <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/John_Gilmore_(activist)">John Gilmore</a> schon 1993 &#8211; etwas vorschnell &#8211; in &#8220;<a href="http://www.chemie.fu-berlin.de/outerspace/internet-article.html">The first Nation Internet</a>&#8221; als das Wesen des Internets beschrieb:</p>
<blockquote><p>The Net interprets censorship as damage and routes around it.</p></blockquote>
<p>Schön wär&#8217;s.</p>
<p>In dem genannten CRE erzählt Stephan Urbach noch, wie sich die Telecomix-Aktivisten auf dem CCC-Camp 2011 zusammenfanden und beschlossen, sich aufzulösen. Sie machten dazu eine Session, um es offziell zu machen. Aber sie lösten sich nicht selbst auf. Sie riefen <em>Cameron</em> an &#8211; eine imaginäre, KI-ähnliche Entität &#8211; um Telecomix herunterzufahren. Das Sebstbild des &#8220;Telecomix Systems&#8221; kann man <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bxQS98gKW3U">in diesem Video</a> betrachten. Es ist ein posthumaner Organismus, der im Internet lebt. (Sie haben sich dann doch wieder zusammengerauft.)</p>
<p>Ein wenig in diese Richtung, nur noch größenwahnsinniger, geht auch das Projekt &#8220;Global Grid&#8221;, dass auf dem 28c3 <a href="http://www.bbc.co.uk/news/technology-16367042">vorgestellt</a> wurde. Man will selbst ein Netz von Satelliten betreiben, das als Fallback-Internetinfrastruktur dienen kann, wenn durchgeknallte Diktatoren Kill-Switches umlegen &#8211; oder auch nur demokratisch legitimierte Parlamente solche Schweinereien wir <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stop_Online_Piracy_Act">SOPA</a> beschließen.</p>
<p>Denkt man all das zu Ende, dann gelangt man zu einer Internetstruktur des institutionalisierten, posthumanen Kontrollverlusts, als die einzig wahre Netzneutralität. Keine Macht für niemand! Ein Internet, dass sich jedem Zugriff entzieht. Egal wem, egal mit welcher Legitimation. Ein Internet, dass Netzneutralität aus sich heraus garantiert &#8211; und im Zweifelsfall auch schützt. Wir wollen ein Internet, das sich selbst verwaltet, nicht abschaltbar ist, keine Eingriffe gestattet, sich selbst intelligent erneuert und erweitert, nicht mehr von Menschen kontrollierbar ist, sich vielleicht im Zweifel sogar gegen jeden menschlichen Eingriff wehrt.</p>
<p>Ja, richtig gehört, was wir eigentlich wollen, ist im Grunde <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Skynet_(Terminator)">Skynet</a>.</p>
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		<title>Queryology: Googles ehemaliges Geschäftsmodell</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Nov 2011 13:03:58 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Oft ist es ja so, dass man erst versteht, was etwas wert war, wenn es weg ist. Mir geht das so mit Google. Klar, man hielt immer in eine gewisse kritischen Distanz zu diesem Riesen. Seine Macht und seine Reichweite und vor allem auch seine Unersetzlichkeit machten es einem schwer, das Unternehmen nicht unheimlich zu finden. Aber da gab es auch immer diese andere Komponente. Googles Erfolg kam nicht von ungefähr, er hatte gute Gründe. Google war das Unternehmen, das wie kein anderes das Web verstanden hatte. Auch wenn wir nicht mal wirklich verstanden, was genau sie verstanden hatten. Doch die Zeiten sind vorbei. Und weil sie vorbei sind, geben sie den Blick frei auf das, was fehlt. Die Lücke, die klafft hat einen Umriss und eine Ausdehnung und erlaubt so, sie zu vermessen und zu beschreiben. Was ich hier tun möchte. Was ist passiert? Seit Google G+ nicht nur eingeführt, sondern es als sein integralen, alles miteinander vernetzenden Dienst auserkoren hat, hat Google nicht nur eine ganze Menge Produkte und Dienste rausgeschmissen, sondern auch seinen zentralen Glaubenssatz. Der geht etwa folgendermaßen: Das Internet ist unser Freund. Wenn das Internet sich weiterentwickelt &#8211; egal in welche Richtung, egal durch wen &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/queryology-googles-ehemaliges-geschaftsmodell/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oft ist es ja so, dass man erst versteht, was etwas wert war, wenn es weg ist. Mir geht das so mit Google. Klar, man hielt immer in eine gewisse kritischen Distanz zu diesem Riesen. Seine Macht und seine Reichweite und vor allem auch seine Unersetzlichkeit machten es einem schwer, das Unternehmen nicht unheimlich zu finden.</p>
<p>Aber da gab es auch immer diese andere Komponente. Googles Erfolg kam nicht von ungefähr, er hatte gute Gründe. Google war das Unternehmen, das wie kein anderes das Web verstanden hatte. Auch wenn wir nicht mal wirklich verstanden, was genau sie verstanden hatten.</p>
<p>Doch die Zeiten sind vorbei. Und weil sie vorbei sind, geben sie den Blick frei auf das, was fehlt. Die Lücke, die klafft hat einen Umriss und eine Ausdehnung und erlaubt so, sie zu vermessen und zu beschreiben. Was ich hier tun möchte.</p>
<p>Was ist passiert? Seit Google G+ nicht nur eingeführt, sondern es als sein integralen, alles miteinander vernetzenden Dienst auserkoren hat, hat Google nicht nur eine ganze Menge Produkte und Dienste rausgeschmissen, sondern auch seinen zentralen Glaubenssatz. Der geht etwa folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Das Internet ist unser Freund. Wenn das Internet sich weiterentwickelt &#8211; egal in welche Richtung, egal durch wen und wer daran verdient &#8211; es ist gut für uns.</p></blockquote>
<p><span id="more-1030"></span><br />
Diese Haltung war es, die Google lange Zeit veranlasste, Dienste und Tools in die Runde zu werfen, die Dinge grandios erledigten und kostenfrei zu nutzen waren (und nein, es war nicht überall Werbung drauf). Und wenn man nach der Geschäftslogik dieser Freigiebigkeit fragte: siehe oben.</p>
<p>Mit der Abschaltung vieler APIs bzw. der Kostenpflichtigmachung der Maps-API wird diese Politik zu Grabe getragen. Auch schon Google Plus weicht extrem von der einstigen offenen Grundhaltung ab. Keine (bis heute kaum eine) API, Contenteinschließung durch Circles, Realname-Policy, etc. Auch die Selbstverstümmelung des GoogleReaders zugunsten der bescheidenen Möglichkeiten auf Google Plus spricht dieselbe Sprache: <em>Wir wollen nichts mehr weggeben. Wir wollen keinen anarchistischen Krautwuchs mehr. Wir wollen jetzt alles kanalisieren und kontrollieren.</em></p>
<p>Es ist an dieser Stelle hinzuzufügen, dass Google hier nicht eine Strategie fährt, die besonders neu ist. Dort, wo Google sich hinbewegt, sind schon alle. Da ist Facebook, da ist Yahoo!, da sind Microsoft und Apple. Es geht um die Kontrolle der Plattform, vertikale Integration, Eingrenzung und Ausbau des Ökosystems.<em> Schließt die Tore!</em></p>
<p>Die Frage ist also eher: warum konnte Google so lange <em>anders</em> sein?</p>
<p>Antwort: <strong>Weil Google ein vollkommen <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">queryologisches</a> Geschäftsmodell hat (hatte?).</strong></p>
<p>Google konnte nicht nur der anarchistischen und unkontrollierten Verbreitung des Internets gelassen zuschauen, sondern es war in seinem Interesse, diese Entwicklung auch unterstützen. Googles Geschäftsmodell war, die beste Query anzubieten, um sich in diesem Dschungel zurechtzufinden. Je größer, reichhaltiger und chaotischer der Dschungel war, desto wertvoller war Googles Dienstleistung, ihn für die Nutzer zu durchforsten. </p>
<p>Im Gegensatz zu Facebook, die die Leute auf ihre Plattform locken, um ihre Daten dann dort einzusperren, war für Google das ganze Web die Plattform. Facebook reduziert die Komplexität des Webs auf seine vereinfachenden Strukturen. Google reduzierte die Komplexität des Webs nicht, sondern perfektionierte nur die Query auf das Chaos. Das ganze Web war die Plattform und Google war das Tool &#8211; die Maske, die wie ein Layer darüber lag &#8211; die es erst nutzbar machte. Google war das GUI des Webs. (Wir reden oft über die &#8220;Macht des Links&#8221;. Aber was ist ein Link, wenn kein Algorithmus da ist, der ihn auswertet?)</p>
<p>Ich bin mir nicht ganz sicher, was Google dazu bewegt hat, diese Haltung aufzugeben. Sicher spielt der enorme Erfolg von Facebook eine Rolle. Facebook ist nicht sinnvoll indizierbar, weil die Daten von außen nicht zugänglich sind. Wenn sich aber ein Großteil der Kommunikationen hinter verschlossenen Türen abspielen, greift das Googles Geschäftsmodell an. Und die Funktionalität ihres Services.</p>
<p>Ich kann das nicht wirklich einschätzen, aber ich würde davon ausgehen, dass diese Gefahr durchaus handhabbar ist. Wer an das freie Web glaubt, gibt es nicht so schnell auf. Google hat es aber anscheinend getan. Wie ich finde, ohne Not.</p>
<p>Ich persönlich glaube weiterhin an das freie Web, trotz Facebook und jetzt Google+ (und obwohl auch Twitter immer weiter in die Richtung der Geschlossenheit marschiert). Auch wenn man nun davon ausgehen muss, dass man Google als Mitstreiter verloren hat. Aber es werden neue Anbieter kommen, ein neues Google, das mit einer neuen queryologischen Idee die ganze Reichhaltigkeit des Netzes zugänglich macht, ohne sie zu reduzieren.</p>
<p><strong>PS:</strong> <em>Was kann man tun? Antwort: Wer limited shared unterstützt Datensilos! Macht alles public, öffnet den Stream, vervielfältigt und spiegelt ihn! Privacy-Einstellungen sind der Feind des freien Webs!</em></p>
<div id="tweetbutton1030" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fqueryology-googles-ehemaliges-geschaftsmodell%2F&amp;via=mspro&amp;text=Queryology%3A%20Googles%20ehemaliges%20Gesch%C3%A4ftsmodell&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fqueryology-googles-ehemaliges-geschaftsmodell%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1030&amp;md5=e5dabe7009ee108a782f6305e4fe575c" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Vortrag: Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe!</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 11:06:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mspro</dc:creator>
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		<description><![CDATA[/********** Am 17. und 18. November fand ein Innovationsworkshop der Deutsche Digitalen Bibliothek statt. Das ist großes Projekt einer allgemeinen Dateninfrastruktur zur Zugänglichmachung aller möglichen Digitalisate &#8211; Bücher, Kunstwerke aller Art, archäologische Funde, etc. über das Internet. Außer mir waren fast nur Experten aus allen möglichen Sparten zugegen und es war wahnsinnig spannend so einen tiefen Einblick in das Projekt zu gewinnen. Ich selbst war eingeladen, um über die Queryology zu sprechen. Ich habe den Auftrag einfach mal so interpretiert, meine Ideologie des Zugänglichmachens &#8211; auch bekannt als Filtersouveränität &#8211; in den Kontext des Bibliothekswesens zu stellen. **********/ Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe! Die notwendige Gastfreundschaft des Archivs für die Möglichkeiten von morgen. Vielen Dank für die Einladung, vielen Dank auch für die einleitenden Worte. Ich bin ein eigentlich fachfremder Theoretiker, beschägtigte mich aber schon länger mit der Entwicklung von Wissenordnungen &#8211; vor allem in Zeiten des Internets. Ich möchte versuchen, ihr Vorhaben &#8211; die Deutsche Digitale Bibliothek &#8211; historisch einzuordnen und dabei die Richtung aufzeigen, in die ich glaube, dass die Aufgabe des Bibliothekars sich entwickeln könnte. Das Vorhaben der Deutschen Digitalen Bibliothek hat natürlich historische Vorbilder. Schon lange wird versucht, den einen Katalog des gesammelten Wissens &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/vortrag-vergesst-die-zukunft-der-zukunft-zu-liebe/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/**********<br />
<em>Am 17. und 18. November fand ein Innovationsworkshop der <a href="http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/">Deutsche Digitalen Bibliothek</a> statt. Das ist großes Projekt einer allgemeinen Dateninfrastruktur zur Zugänglichmachung aller möglichen Digitalisate &#8211; Bücher, Kunstwerke aller Art, archäologische Funde, etc. über das Internet. Außer mir waren fast nur Experten aus allen möglichen Sparten zugegen und es war wahnsinnig spannend so einen tiefen Einblick in das Projekt zu gewinnen.</p>
<p>Ich selbst war eingeladen, um über die <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/queryology/">Queryology</a> zu sprechen. Ich habe den Auftrag einfach mal so interpretiert, meine Ideologie des Zugänglichmachens &#8211; auch bekannt als <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/filtersouveranitat/">Filtersouveränität</a> &#8211; in den Kontext des Bibliothekswesens zu stellen. </em><br />
**********/</p>
<p><strong>Vergesst die Zukunft, der Zukunft zu liebe!<br />
Die notwendige Gastfreundschaft des Archivs für die Möglichkeiten von morgen.</strong></p>
<p>Vielen Dank für die Einladung, vielen Dank auch für die einleitenden Worte. Ich bin ein eigentlich fachfremder Theoretiker, beschägtigte mich aber schon länger mit der Entwicklung von Wissenordnungen &#8211; vor allem in Zeiten des Internets. Ich möchte versuchen, ihr Vorhaben &#8211; die Deutsche Digitale Bibliothek &#8211;  historisch einzuordnen und dabei die Richtung aufzeigen, in die ich glaube, dass die Aufgabe des Bibliothekars sich entwickeln könnte.</p>
<p>Das Vorhaben der Deutschen Digitalen Bibliothek hat natürlich historische Vorbilder. Schon lange wird versucht, den <em>einen</em> Katalog des gesammelten Wissens anzulegen. In Deutschland scheiterte kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe daran, einen Gesamtkatalog der Weimarer und den Jenaer Bibliotheken zusammenzustellen. Einige Jahrzehnte später wurde das Projekt wieder aufgenommen. Diesmal sollte daraus der Gesamtkatalog aller preussischen Bibliotheken werden &#8211; der Königlichen Bibliothek und den 10 preußischen Regionalbibliotheken. </p>
<p>1888 offiziell gestartet, entwickelte sich das Projekt zu einer vielköpfigen Hydra. Der schiere Wust an heterogener Literatur, sowie die Verschiedenheiten der Ordnungs- und Notationssysteme ließen auch dieses Unternehmen scheitern. Der erste Band des Katalogs sollte erst 1931 erscheinen. 1979 kam der letzte Band heraus &#8211; er reicht bis &#8220;<em>Belych</em>&#8220;.<br />
<span id="more-1013"></span><br />
Mitten in diesem Chaos, um 1905 ging ein Erlass von Friedrich Althoff &#8211; einer der Verantwortlichen &#8211; an alle beteiligten Bibliotheken heraus. Um den enormen Massen an Beständen Herr zu werden &#8211; war man bereit zu drastischen Mitteln zu greifen: Die Bestände sollten gelichtet werden. Auszusortieren seien: ältere Dissertationen, Programme, Lehrbücher, populäre Literatur ohne wissenschaftlichen Wert, Natur und Reisebeschreibungen, etc. Die Bibliotheken taten wie es ihnen befohlen war, auch wenn es einige Zeit in Anspruch nahm. Es gab aber auch kritische Stimmen. Zum Beispiel aus der Bibliothek in Kiel:</p>
<blockquote><p>Der individuelle Wert jedes Buches pflegt nach dem Gewicht der geistigen Leistung bemessen zu werden, die ihm zugrunde liegt, und da unter diesem Gesichtspunkte die Skala nach oben wie nach unten unbegrenzt ist, so kann die Abschätzung allerdings oft genug bis zum Prädikat völliger Wertlosigkeit herabsinken. Anders ist es, wenn man erwägt, daß ein jedes Buch – im weitesten Sinne des Wortes – auch als historisches Dokument betrachtet werden kann und, sobald es dem Bestande einer Bibliothek angehört, auch betrachtet werden muß. Als solches besitzt es zumindest einen relativen Wert, der sinken, steigen, latent bleiben und anscheinend sogar völlig verschwinden kann, der aber alsbald hervortritt, sobald man es unter einem bestimmten Gesichtspunkt […] ansieht […]. Schon unter diesem Aspekt kann das an sich Unbedeutendste und Wertloseste Wert und Bedeutung gewinnen […] Demzufolge wird es geradezu als Pflicht jeder öffentlichen Bibliothek zu betrachten sein, ihren gesamten Bücherbestand […] ungeschmälert zu erhalten.</p></blockquote>
<p>Es wären hier viele Stellen hervorzuheben. Das Historischwerden selbst der werlosesten Dokumente beispielsweise. Doch, auch die Historisierung ist nur eine von den im Text adressierten &#8220;<em>bestimmten Gesichtspunkten</em>&#8221; unter dem sich der Bestand &#8220;<em>ansehen</em>&#8221; lässt. Die Frage &#8211; eigentlich die Hilflosigkeit &#8211; spricht aus diesen &#8220;<em>bestimmten Gesichtspunkten</em>&#8220;: Welche bestimmten Gesichtspunkte unter denen man die Bestände ansehen kann, sind noch denkbar? Sind sie überhaupt denkbar? Alle? Wie könnte man sich anmaßen, sie alle zu kennen?</p>
<p>Als Bibliothekar hat man also die unmögliche Aufgabe, in die Zukunft zu sehen. Man muss mit den Augen eines Anderen auf den eigenen Bestand schauen und zwar auch mit den Augen des ganz Anderen, des nicht vorstellbaren Anderen, des zukünftigen Anderen.</p>
<p>Man kann also nur scheitern. Und wie beim sympathischen Bibliothekar aus Kiel ist das Einräumen dieses Scheiterns vielleicht der erste Schritt, zumindest der philosophischste, im Umgang mit dem Archiv.</p>
<p>* * *</p>
<p>In der Frühzeit der Computergeschichte waren Datenbanken nicht viel anders strukturiert als Bibliotheken. Man schuf Kategorien und Unterkategorien, man gab den einzelnen Daten sprechende Signaturen und versuchte sie in eine möglichst semantische, logisch kohärente Reihenfolge zu bringen. Wer in diesen Datenbanken etwas suchte, musste nicht nur kryptische Befehlsfolgen, sondern auch ihren gesamten semantisch-, hierarchischen Aufbau kennen. Es blieb meist nicht viel anderes übrig, als sich von Verzeichnis zu Unterverzeichnis zu Unterunterverzeichnis zu hangeln, allerdings nicht selbst. Die Daten wurden meist direkt vom Spezialisten besorgt.</p>
<p>Ted Codd und der Kieler Bibliothekar hätten sich gut verstanden. Auch Codd sah die Aussichtslosigkeit des Unterfangens die Anforderungen an eine Wissensordnung schon beim Speichern zu vorherzusagen. Er suchte also einen Weg, den Prozess des Abrufens von Daten, von dem des Speicherns zu trennen. Die Intention beim Speichern sollte nicht mehr sein, eine Ordnung zu ersinnen, die für den Abrufenden nachvollziehbar ist, sondern nur eine Infrastruktur bereitzustellen, in der der Abfragende möglichst frei und direkt seine Abfragen formulieren kann.</p>
<p>Zusammen mit anderen und in zeitweiliger Konkurrenz zu Charles W. Bachmann entwickelte er in den 70er Jahren die erste relationale Datenbank &#8220;<em>Systems R</em>&#8220;. Sie gibt dem Benutzer der Datenbank eine einfache und zugleich sehr mächtige Abfragesprache zur Hand: SQL (Structured Query Language) (damals noch SEQUEL (= Structured English Query Language)). Man kann in ihr beinahe einfache englische Sätze formulieren, die dann von der Datenbank gelesen und ausgeführt werden.<br />
“SELECT Gehalt FROM Mitarbeiter;” zum Beispiel gibt alle Gehälter aus der Tabelle “Mitarbeiter” aus.</p>
<p>Die zweite, noch viel wichtigere Verbesserung ist, dass man in dieser Abfrage beliebige Felder verschiedener Tabellen miteinander verknüpfen kann. “SELECT Mitarbeiter.Gehalt FROM Mitarbeiter LEFT JOIN Abteilungen WHERE Mitarbeiter.id = Abteilungen.Leiter AND Abteilung.MitarbeiterAnzahl > 5;” Hier wird nur das Gehalt derjenigen Mitarbeiter ausgeben, die Abteilungsleiter einer Abteilung sind, die mehr als 5 Angestellte hat.</p>
<p>Es ist dabei ganz egal, wie  der Programmierer geplant hat, wie man die Datenbank benutzt und für welche Fragen sie gedacht ist. Denn was für Dinge sie ausspuckt, hängt einzig und allein von der Abfrage ab. Und der Benutzer der Datenbank ist frei, die absurdesten Abfragen an sie zu stellen. Wie hoch ist der Stromverbrauch der Etage, welche die meisten weiblichen Mitarbeiter mit über 6000 Euro Gehalt beherbergt, die einen grünen Firmenwagen haben und weniger als 80 Mails pro Monat schreiben? Kein Problem, sofern die Datensätze vorliegen.</p>
<p>Was Codd also tat, war, dass er die die Kontrolle der Daten – ihre Ordnung und all ihre Möglichkeiten – aus den Händen derer nahm, die die Daten strukturieren und einstellen und sie jenen gab, die die Daten abfragen. Es gibt keine Ordnung, bevor eine Abfrage sie nicht ordnet.</p>
<p>Seit der relationalen Datenbank, kann man nicht mehr davon sprechen, dass Daten für eine bestimmte Abfrage in der Zukunft gespeichert werden. Sie werden auch für die ganz andere Abfrage gespeichert, an die heute noch niemand denkt. </p>
<p>Die Entwicklung blieb nicht bei der relationalen Datenbank stehen. Die Emanzipation der Abfrage gegenüber dem Ordnungssystem seiner Speicherung schreitet seitdem voran. Heute verfügen wir über sehr mächtige Abfragesysteme, die es immer wieder schaffen, Beschränkungen zu überwinden, Informationen zusammenfassen oder grafisch aufbereiten, simultan zu übersetzen, zu filtern, zu korrelieren und Ergebnisse in beliebige Ordnungen zu setzen. Wir haben Feadreader, Suchmaschinen, Timelines, Notifications, Korrellationsanaylen, Adblocker und Big Data.</p>
<p>Seit der Erfindung des Computers ist die Macht der Abfrage eng an Moores Law geknüpft. Mit jeder neuen Prozessorgeneration wird die Abfrage mächtiger und emanzipiert sich weiterhin entsprechend schnell und stark von den vorhandenen Ordnungsstrukturen, das heißt: von den <em>Aufschreibesystemen</em>.</p>
<p>Der kürzlich verstorbene Medientheoretiker Friedrich Kittler hat die Medien treffend als &#8220;<em>Aufschreibesysteme</em>&#8221; bezeichnet und analysiert. Das war auch sicher die längste Zeit ausreichend und richtig. Die Theorie der Aufschreibesysteme muss aber heute um eine Theorie der <em>Abfragesysteme</em> ergänzt werden.</p>
<p>Wir leben in einer Welt, in der die Abfragesysteme durch Echtzeitstreams, Google- und Volltextsuchen längst die Brennweite des menschlichen Wissens geworden sind. Was bleibt also zu tun, wenn man auf der anderen Seite, der Seite des Archivs und des Aufschreibens, des Ordnens und Selektierens steht? Wie kann man die Herausforderungen der Abfrage des ganz Anderen adressieren?</p>
<p>Die Maßgabe unserer Zeit und die Aufgabe des Bibliothekars kann nicht mehr das Selektieren von Inhalten und die Bewerkstelligung einer Wissensordnung sein. Es kann nicht der Versuch sein, zu vorherzusehen, mit welcher Frage jemand an den Wissenschatz herantreten wird. </p>
<p>In Zeiten der emanzipierten Abfrage ist die Aufgabe des Bibliothekars die Gastfreundschaft. Der Gast &#8211; der Fremde, der Unbekannte &#8211; wird kommen und er wird eine Frage haben, mit der wir nicht rechnen. Gastfreundschaft heißt nicht, ihn mit dem abzuspeisen, was man sich gerade zurechtgelegt hat. Gastfreundschaft heißt, den Gast gerade in seiner Fremdheit und Andersartigkeit gewähren zu lassen. Es heißt, sich von den eigenen Vorurteilen zu befreien und jede Eifersucht zu überwinden.</p>
<p>Ein Bibliothekar kann nicht die Zukunft planen, er kann sie nur zu sich einladen. Er kann der Zukunft ein offenes Haus bereiten, viele Türen öffnen, durch die der Andere spazieren kann. </p>
<p>Der Bibliothekar sollte sich jede Eifersucht verkneifen. Er sollte so viele Wege zu seinen Schätzen anbieten, wie er fähig ist. Er sollte aber auch andere gewähren lassen, wenn sie Wege bauen, die die Daten erreichbar machen. Es sollte in Fragen des Zugangs kein Konkurrenzdenken geben. Es gibt keinen &#8220;<em>richtigen</em>&#8221; Weg zum Wissen. Und wenn jemand der Meinung ist, dass in diese oder jene Wand noch ein Tor gehört, zögere man nicht, sondern überreiche ihm einen Vorschlaghammer.</p>
<p>Draußen an diesem Gebäude steht das Motto dieser Institution:</p>
<p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2011/11/IMG_2641.jpg"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/uploads/2011/11/IMG_2641-1024x764.jpg" alt="" title="IMG_2641" width="640" height="477" class="alignleft size-large wp-image-1016" /></a> </p>
<p>Dieses Motto ist kein Motto. Es sind zwei Mottos. In den ersten vier Zeilen ist die <em>Stätte</em> frei und beherbergt die <em>freie Rede</em> und ist ein &#8220;<em>Safe Harbour</em>&#8221; für die freie Forschung.</p>
<p>In den letzten zwei Zeilen verwandelt sich der Hafen in paranoide Burg. Eine Burg, die das, was in ihr ist <em>hortet</em> und <em>schützt</em> und zwar nicht mehr das freie Wort, sondern die &#8220;<em>reine Wahrheit</em>&#8220;. Was immer das sein soll.</p>
<p>Der Unterschied kulminiert in dem Widerstreit zwischen den Worten &#8220;<em>Port</em>&#8221; und &#8220;<em>Hort</em>&#8220;. Der Port ist offen, er bietet Anschluss und Anknüpfungsmöglichkeiten. Er bietet Tore, durch die der <em>Andere/der Gast</em> hereinspazieren kann.</p>
<p>Die &#8220;<em>reine Wahrheit</em>&#8221; kennt die Zukunft schon, sie hat sie gehortet, um sie gegen das Andere zu &#8220;<em>schützen</em>&#8220;. Es ist kein Zufall, dass das freie Wort im <em>Port</em>, die reine Wahrheit aber im <em>Hort</em> seine Stätte findet.</p>
<p>Es sind zwei unterschiedliche Konzepte von Wissen, die hier in Konkurrenz stehen. Eventuell ist uns das bislang gar nicht so aufgefallen, aber dieser Widerspruch drückt sich in all den Querelen um Lizenzen, Digitalisierung und der weltweiten Verfügbarmachung des Angebots aus. </p>
<p>Ich bitte Sie, vergessen Sie die Zukunft, der Zukunft zu liebe. Man kann die Zukunft nicht planen, man kann ihr aber einen Port bauen. Je offener und freier um so besser.</p>
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		<title>Vortragsvideo: Die gesellschaftliche Singularität ist nah</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 13:30:42 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Das Video zu meinem Vortrag bei der Openmind 2011. Untitled from ms pro on Vimeo. Hier der ausformulierte Text auf (Telepolis) Tweet]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Video zu meinem Vortrag bei der <a href="http://11.openmind-konferenz.de">Openmind 2011</a>.</p>
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<p><a href="http://vimeo.com/32136786">Untitled</a> from <a href="http://vimeo.com/user809959">ms pro</a> on <a href="http://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>
<p>Hier der ausformulierte Text auf (<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35735/1.html">Telepolis</a>)</p>
<div id="tweetbutton1007" class="tw_button" style="float:left;margin-right:10px;"><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fvortragsvideo-die-gesellschaftliche-singularitat-ist-nah%2F&amp;via=mspro&amp;text=Vortragsvideo%3A%20Die%20gesellschaftliche%20Singularit%C3%A4t%20ist%20nah&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.ctrl-verlust.net%2Fvortragsvideo-die-gesellschaftliche-singularitat-ist-nah%2F" class="twitter-share-button"  style="width:55px;height:22px;background:transparent url('http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/wp-tweet-button/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;">Tweet</a></div> <p><a href="http://www.ctrl-verlust.net/?flattrss_redirect&amp;id=1007&amp;md5=494765bc0ada83fbf8bd4e7e56e2d23e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.ctrl-verlust.net/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Gute Daten, böse Daten – Kontrollverlust als Kontextverschiebung</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Nov 2011 20:03:56 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Letztens bin ich wieder über den &#8220;Skandal&#8221; um Daniel Cohn-Bendits Äußerungen gestoßen, die er 1975 in seinem Buch &#8220;Der große Basar&#8221; über die Sexualität von Kindern gemacht hatte. In dem Buch findet sich die Schilderung von erotischen Erlebnissen, die er angeblich als Betreuer in einem alternativen Kindergarten hatte. Später hat er diese Passagen als rein provokative Erfindung abgetan. (Die provokative Koketterie mit pädophilen Gefühlen war damals im Rahmen der &#8220;Sexuellen Revolution&#8221; nicht unüblich) Als die Aussagen gemacht wurden, waren sie ohne Frage eine Provokation. Sicher rüttelten sie auch an einem Tabu. Skandalisierungsfähig waren sie allerdings nicht. Das Buch, in dem sie geäußert wurden, wurde prominent besprochen, auch und gerade vom konservativ-bürgerlichen Lager. Und der Aufschrei war groß &#8211; wegen vieler Passagen, Werte und politischen Bekenntnissen &#8211; aber nicht wegen des Absatzes zur kindlichen Sexualität. Es sollte fast 30 Jahre dauern, nämlich bis 2001, als diese Worte wieder herausgekramt wurden und der Skandal losbrach. Cohn-Bendit hatte allerlei zu tun, sich vom Verdacht des Kindesmißbrauchs freizuschwimmen. (Es gelang vor allem durch die bezeugenden Stellungnahmen der damaligen Eltern und den von ihm betreuten Kindern.) Es ist interessant, wie diese ganz speziefische Form des Kontrollverlusts verlief. Ein Kontrollverlust passiert ja in der Regel, wenn &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/gute-daten-bose-daten-kontrollverlust-als-kontextverschiebung/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Letztens bin ich wieder über den &#8220;Skandal&#8221; um <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Cohn-Bendit">Daniel Cohn-Bendit</a>s Äußerungen gestoßen, die er 1975 in seinem Buch &#8220;Der große Basar&#8221; über die Sexualität von Kindern gemacht hatte. In dem Buch findet sich die Schilderung von erotischen Erlebnissen, die er angeblich als Betreuer in einem alternativen Kindergarten hatte. Später hat er diese Passagen als rein provokative Erfindung abgetan. (Die provokative Koketterie mit pädophilen Gefühlen war damals im Rahmen der &#8220;Sexuellen Revolution&#8221; nicht unüblich)</p>
<p>Als die Aussagen gemacht wurden, waren sie ohne Frage eine Provokation. Sicher rüttelten sie auch an einem Tabu. Skandalisierungsfähig waren sie allerdings nicht. Das Buch, in dem sie geäußert wurden, wurde prominent besprochen, auch und gerade vom konservativ-bürgerlichen Lager. Und der Aufschrei war groß &#8211; wegen vieler Passagen, Werte und politischen Bekenntnissen &#8211; aber <strong>nicht</strong> wegen des Absatzes zur kindlichen Sexualität.<br />
<span id="more-990"></span><br />
Es sollte fast 30 Jahre dauern, nämlich bis 2001, als diese Worte wieder herausgekramt wurden und der Skandal losbrach. Cohn-Bendit hatte allerlei zu tun, sich vom Verdacht des Kindesmißbrauchs freizuschwimmen. (Es gelang vor allem durch die bezeugenden Stellungnahmen der damaligen Eltern und den von ihm betreuten Kindern.)</p>
<p>Es ist interessant, wie diese ganz speziefische Form des <a href="http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust/">Kontrollverlusts</a> verlief. Ein Kontrollverlust passiert ja in der Regel, wenn eine Information aus dem &#8220;<em>gemeinten</em>&#8221; Kontext ausbricht und sich in anderen verselbständigt. Das passiert auch hier. Allerdings findet hier die Kontextverschiebung nicht zwischen Kommunikationsräumen statt, sondern durch einen zeitlich fortschreitenden Wertewandel. Die Aussagen warteten wie eine Zeitkapsel darauf, zur richtigen Zeit wieder ausgegraben zu werden.</p>
<p>Wir leben heute in anderen Zeiten, mit anderen Werten. Ein Roman wie &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lolita_(Roman)">Lolita</a>&#8221; würde heute nicht mehr verlegt werden und eine Band wie die Scorpions würden keine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Virgin_Killer#Albumcover">Plattencover mehr mit nackten zehnjährigen Mädchen</a> veröffentlichen.<br />
Kein noch so provokanter Politiker würde heute noch mit pädophilen Gefühlen kokettieren. (&#8220;<em>Ich hab doch nur recherchiert!</em>&#8220;)</p>
<p>Auf einmal wird eine Aussage, die in einem anderen kulturellen, moralischen Bezugsrahmen &#8211; aber durchaus öffentlich &#8211; geäußert wurde, viele Jahre später zum echten Problem und hängt dem Autor nun an.</p>
<p>Es ist also genau die Situation, vor der uns die Datenschützer immer warnen. Diese Kontextverschiebung kann schließlich im Kleinen wie im Großen stattfinden. Das, was Jugendliche vermeintlich zu ihren Freunden auf Facebook sagen, wird vielleicht viele Jahre später den konservativen Personalchef erreichen. Oder eine völlig andere, derzeit in jeder hinsicht unproblematische Aussage kann &#8211; wenn sich der Wind dreht, der Diskurs sich verschiebt oder gar ein neuer Totalitarismus auf dem Plan tritt &#8211; zum existentiellen Problem werden. Nichts ist vor dem Kontrollverlust der Kontextverschiebung sicher.</p>
<p>Die zentralste Erzählung hierzu ist der Datenstaat der Nazis. Es ist zweifellos richtig, dass die Nazis die ersten waren, die mithilfe neuster Informationstechnologie (<a href="http://en.wikipedia.org/wiki/IBM_and_the_Holocaust#IBM_technology_in_the_camps">Hollerithmaschinen</a>) operierten und sogar den Holocaust damit organisierten. Dabei boten besetzte Länder dem oftmals Vorschub, weil auch sie bereits Zensus-Daten gesammelt hatten, oft mit Angabe der Religionszugehörigkeit ihrer Einwohner. Wie praktisch für die Nazis! Eine Information, die wahrscheinlich nicht in böser Absicht gespeichert wird, kann &#8211; sobald die Gesellschaft einen radikalen Wandel vollzieht &#8211; zum Todesurteil werden.</p>
<p>Die Erkenntnis die der Datenschutz unter anderem aus diesen Erfahrungen ableitet ist die sogenannte &#8220;Datensparsamkeit&#8221;. Behörden, Unternehmen und überhaupt alle Institutionen, die mit Daten operieren, sollen nur das wirklich Notwendigste speichern und möglichst auch nur, solange die Daten wirklich gebraucht werden.</p>
<p>Nun bin ich letztens über einen interessanten Link gestolpert. <a href="http://gawker.com/5858020/apple-hides-how-white-it-is">Apple Hides How White It Is</a>. Der Artikel beginnt mit:</p>
<blockquote><p>&#8220;A discussion about race in Silicon Valley has to start with the facts, facts the federal government already collects and many companies openly share. But Apple simply doesn&#8217;t want data about its racial makeup publicized, by anyone.&#8221;</p></blockquote>
<p>Apple (aber nicht nur Apple) behauptet, dass sie die Information welcher &#8220;Ethnie&#8221; ihre Mitarbeiter entstammen, nicht erfassen. Rasse spielt für sie keine Rolle, sagen sie. Apple will also verbergen wie stark der strukturelle Rassismus bei ihnen am Werke ist &#8211; also wie stark Weiße bevorzugt werden, so die Kritiker.</p>
<p>[Hier bitte eine dramatische Pause denken]</p>
<p>Man stelle sich kurz vor, ein großes Deutsches Unternehmen käme auf die Idee &#8220;Rasse&#8221; als Merkmal in den Mitarbeiterakten zu führen … Ich denke, der Sturm der Entrüstung wäre kaum vorstellbar. Peter Schaar und Thilo Weichert würden den nationalen Notstand ausrufen und Frank Rieger ginge in den Untergrund. </p>
<p>Lassen wir das aber zunächst mal so stehen und schauen auf ein anderes Beispiel das sehr verwandt, uns aber deutlich näher ist: Die Piratenpartei und die Genderfrage. </p>
<p>Die Piraten agrumentieren wie Apple, wenn sie sagen, &#8220;<em>bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle</em>&#8220;, deswegen wird es auch konsequenter Weise nicht in den Mitgliederdaten vermerkt &#8211; datensparsam, wie man ist. Die Piraten kämpfen sogar dafür, dass auch auf Meldeämtern das Geschlecht nicht miterfasst wird. Postgender und Datenschutz spazieren hier Hand in Hand.</p>
<p>Die Argumentation, mit der Apple in den Staaten angegangen wird ist nun folgende: Wenn die &#8220;Rasse&#8221; nicht erfasst wird, wenn es also keine Daten darüber gibt, wie und in welchem Umfang Menschen mit bestimmter Hautfarbe diskriminiert werden, können wir Rassismus auch nicht bekämpfen. Analog verläuft die Kritik an der Postgenderidee der Piraten: wenn man die Relevanz von &#8220;Geschlecht&#8221; leugnet, wird man &#8211; sprichwörtlich &#8211; blind gegenüber den strukturellen Benachteilung von Frauen. Und tatsächlich: ob die Piratenpartei wirklich ein &#8220;Frauenproblem&#8221; hat und wie stark es ist und wie genau es sich ausdrückt (bspw. Frauen in Ämtern/Frauen in der Partei), kann nicht abschließend beantwortet werden, solange die Piraten diese Daten nicht erheben.</p>
<p>Die oben genannte Kontextverschiebung hat also wiedermal zugeschlagen &#8211; nur in die völlig andere Richtung. Emanzipative, antirassistische und feministische Kräfte brauchen die Daten, um gegen Rassismus und Sexismus kämpfen zu können.</p>
<p>Ich glaube, wir können aus diesen immer wieder verwirrenderen Ambivalenzen zumindest zwei Lehren ziehen:</p>
<p>1. Der Kontext kann sich <em>immer</em> verschieben. Wir wissen aber niemals welcher Kontext und in welche Richtung. Der Kontrollverlust besagt, dass wir nicht wissen können, was morgen Daten sein werden. Es ist also auch möglich, dass die Öffentlichkeit ganz neue Intoleranzen hervorbringt, die vollkommen unvorhergesehene Kontextverschiebungen verursachen. Keine Aussage kann als sicher gelten. Die einzig gangbare Lösung wäre das Ende der öffentlichen Äußerung, also das vorauseilende Ducken gegenüber jeder möglichen, vielleicht hereinbrechenden Intoleranz. Ich denke aber kaum, dass das erstrebenswert ist, jedenfalls für die meisten Nichtdatenschützer.</p>
<p>2. Die Kontextverschiebung kann sogar so weit gehen, dass die Daten, die heute noch als gefährliches Diskriminierungspotential erachtet werden, morgen dazu genutzt werden, Diskriminierung aufzudenken, sichtbar zu machen und so effektiver zu bekämpfen. </p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Daten sind nicht ansich böse, ihre jeweilige Verwendung kann es sein. Der ewige Verweis auf die Nazis mit ihren Hollerithmaschinen bringt uns nicht weiter. Es waren Menschen, die getötet haben, nicht die Daten. Wir sollten uns besser darauf konzentrieren, Intoleranz und Rassismus zu verhindern, statt uns vorbeugend vor ihnen zu verstecken. Und wir sollten dabei auch immer in Betracht ziehen, dass Daten uns im Kampf gegen die Intoleranz auch unterstützen können, ja, dass sie vielleicht sogar unerlässlich sind.</p>
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		<title>Transprivacy: Eine kurze Geschichte der Postprivacy</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Nov 2011 15:30:55 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[/****** Für das Kunstprojekt Transparivacy habe ich in drei Teilen den Verlauf der Diskussion um Postprivacy in Deutschland aufgeschrieben. Ich glaube, es ist ein guter Einstieg in das Thema, wenn man nachvollziehen kann, wie sich der Diskurs entwickelt hat. ******/ Teil I: Postprivacy, Kontrollverlust und das &#8220;German Paradox&#8221; Es war kurz nach Weihnachten im Jahre 2008 &#8211; der Chaos Computer Club veranstaltete wie jedes Jahr seinen großen Kongress in Berlin &#8211; als ein junger Mann namens Christian Heller die Bühne betrat um seinen Vortrag zu halten. [Weiterlesen >>] * * * Teil II: StreetView, Wikileaks und die liquide Demokratie Es war noch im Frühjahr 2010 als in Form des Google-StreetView-Autos die Datensammelei ein Gesicht bekam. Auch auf deutschen Straßen fuhren sie nun und fotografierten die Hausfassaden und die Medien wurden nicht müde, diese &#8220;Bedrohung&#8221; zu dokumentieren und vor ihr zu warnen. [Weiterlesen >>] * * * Teil III: Filtersouveränität, Spackeria und die Datenschutzkritik Im Oktober des Jahres 2010 waren Christian Heller und ich auf eine Konferenz eingeladen, die von der Piratenpartei organisiert wurde, sich aber nicht nur an Piraten richtete. Die Openmind sollte eine kleine Konferenz werden, auf der durchaus unausgegorene, aber umso freigeistige Ideen und Utopien vorgestellt werden sollten. &#8230; <a href="http://www.ctrl-verlust.net/transprivacy-eine-kurze-geschichte-der-postprivacy/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>/******<br />
<em>Für das Kunstprojekt <a href="http://www.transprivacy.com/">Transparivacy</a> habe ich in drei Teilen den Verlauf der Diskussion um Postprivacy in Deutschland aufgeschrieben. Ich glaube, es ist ein guter Einstieg in das Thema, wenn man nachvollziehen kann, wie sich der Diskurs entwickelt hat.<br />
</em>******/</p>
<p><strong>Teil I:</strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/12/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-i-postprivacy-kontrollverlust-und-das-german-parad/">Postprivacy, Kontrollverlust und das &#8220;German Paradox&#8221;</a></p>
<p>Es war kurz nach Weihnachten im Jahre 2008 &#8211; der Chaos Computer Club veranstaltete wie jedes Jahr seinen großen Kongress in Berlin &#8211; als ein junger Mann namens Christian Heller die Bühne betrat um seinen Vortrag zu halten.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/12/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-i-postprivacy-kontrollverlust-und-das-german-parad/">Weiterlesen >></a>]</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p><strong>Teil II: </strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/28/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-ii/">StreetView, Wikileaks und die liquide Demokratie</a></p>
<p>Es war noch im Frühjahr 2010 als in Form des Google-StreetView-Autos die Datensammelei ein Gesicht bekam. Auch auf deutschen Straßen fuhren sie nun und fotografierten die Hausfassaden und die Medien wurden nicht müde, diese &#8220;Bedrohung&#8221; zu dokumentieren und vor ihr zu warnen.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/10/28/eine-kurze-geschichte-der-postprivacy-teil-ii/">Weiterlesen >></a>]</p>
<p><strong>* * *</strong></p>
<p><strong>Teil III:</strong> <a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/11/03/postprivacy-teil-iii-filtersouveraenitaet-spackeria-und-die-datenschutzkritik/">Filtersouveränität, Spackeria und die Datenschutzkritik</a></p>
<p>Im Oktober des Jahres 2010 waren Christian Heller und ich auf eine Konferenz eingeladen, die von der Piratenpartei organisiert wurde, sich aber nicht nur an Piraten richtete. Die Openmind sollte eine kleine Konferenz werden, auf der durchaus unausgegorene, aber umso freigeistige Ideen und Utopien vorgestellt werden sollten.<br />
[<a href="http://www.transprivacy.com/der-blog/blog-post/2011/11/03/postprivacy-teil-iii-filtersouveraenitaet-spackeria-und-die-datenschutzkritik/">Weiterlesen >></a>]</p>
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