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      <title>ernst schmiederer schreibt</title>
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      <description>ES schreibt. Hier über Ausländer. Und über Österreicher im Ausland. es@ernstschmiederer.com</description>
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         <title>Blut, Schweiß und Kampferöl</title>
         <description><![CDATA[    Der Fotograf Götz Schrage, 55, hat im Nachtgeschäft Lebenserfahrung gesammelt und engagiert sich als Flüchtlingshelfer.<br /><br />Heute vormittag wurde ich als SPÖ-Bezirksrat für meinen Heimatbezirk Wien-Neubau angelobt. Ich werde mich um Kultur und Soziales kümmern. Dass ich mit diesem Amt betraut wurde, macht mir doppelt Freude. Zum einen empfinde ich es als eine Art Belohnung, als eine Bestätigung meines Engagements im Rahmen der Volkshilfe Neubau, wo ich im Vorstand tätig bin. Seit Jahren schon organisieren wir dort Gratisnachhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund. Damit habe ich nun wohl den Gipfel meiner politischen Karriere in der SPÖ erreicht. Der zweite Grund: Schon mein Vater, Dieter Schrage, war einst als Bezirksrat in Neubau tätig, allerdings für die Grünen. 

Geboren wurde ich in Bochum, wo ich meine ersten Jahre gelebt habe. Als mein Vater das Arbeiterabitur abgelegt hatte, wollte er Theaterwissenschaft studieren. Dafür boten sich nur zwei Städte an: Wien. Oder Berlin, was für meine Mutter wegen der Mauer keine Option war. Und so pendelten wir ein paar Jahre zwischen Bochum und Wien. Erst als ich schulfplichtig war, übersiedelten wir endgültig. Österreicher wurde ich ein paar Jahre später - wohl auch, weil Bruno Kreisky 1971 die Schülerfreifahrt eingeführt hatte.

Von Beruf bin ich ursprünglich Portraitfotograf. Mein Leben verdiene ich seit Jahren allerdings als Sportfotograf. Ich bin für den Wiener Basketball-Verein BC Vienna und zudem bei diversen Kampfsport-Events tätig. Das hat sich nach und nach so ergeben. Das Boxen faszinierte mich schon im Bubenalter. Als Schüler stand ich bereitwillig nachts um zwei Uhr auf, um Kämpfe mit Muhammad Ali zu sehen. Auch wenn ich um acht in der Schule sein musste. Heute ist aus dem Boxen MMA geworden, Mixed Martial Arts. Aber der Sport begeistert mich noch wie eh und je. In der Sportfotografie sehe ich die Königsdisziplin der Fotografie: Man entscheidet blitzschnell zwischen dem Moment und der Komposition, man ist extrem aufmerksam und immer Teil des Geschehens. Man antizipiert, wie das heute heisst. Meine Bilder sind dann eine Art Applaus für die Sportler, die ich alle sehr bewundere. Wenn ich nach so einem intensiven Wochenende vom Arbeiten zurückkomme, sind meine Kameras häufig stark verschmutzt. Alles ist voll Blut, Schweiß und Kampferöl. Da komme ich mir manchmal vor wie ein Kriegsfotograf in Vietnam.

Bis zu meinem 40. Lebensjahr war ich die meiste Zeit im Nachtgeschäft tätig. Erst im Poker als Berufsspieler, später im Management diverser Unternehmungen. Ich habe gutes Geld verdient, musste aber irgendwann einsehen, dass ich nicht hart genug bin für diese Wirklichkeit. Mir ist zu viel passiert. Mal hatte ich eine Magnum vor dem Bauch, dann hat man mich als Geisel genommen. Ich wurde bedroht und angegriffen.

Seit Monaten bin ich nun als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer tätig. Im August habe ich am Westbahnhof begonnen, Flüchtlinge zu fotografieren. Schnell habe ich verstanden, dass diese Menschen meine Hilfe brauchen könnten. Man merkt dann, dass all dem, was sich da jetzt bei uns tut, eine einfache Rechnung zugrunde liegt: Tausend Menschen sind tausend Mal ein Mensch. Diese Erkenntnis hält mich auf Trab. Seit einiger Zeit bin ich in der vom Roten Kreuz betriebenen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kurier-Haus engagiert. Weil es immer noch zu wenig Wohn- und Schlafplätze gibt, habe ich eine Art couch-surfing-Projekt aufgezogen. Wenn Mütter mit ihren Kindern keinen Platz mehr bekommen, telefoniere ich mich durch die Liste meiner Freunde und Bekannten. Dabei kann ich richtig lästig sein, so dass ich im Ergebnis immer bekomme, was ich will - sichere Wohn- und Schlafplätze für ein paar Wochen.

Ich hatte in meinem Leben zwar viele falsche Freunde, mit meinen Frauen hatte ich aber immer Glück. Schon in meiner ersten Ehe habe ich irgendwann eine Bosnierin mit ihrem Baby mitgebracht, die dann lange bei uns lebte. Vor ein paar Wochen brachte ich eine 25jährige Frau aus Syrien mit ihrem 18 Monate alten Sohn nachhause. Um diese beiden kümmert sich nun meine zweite Frau, während ich im Kurierhaus tagein, tagaus das Leben auf mich einprasseln lasse.
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         <pubDate>Mon, 29 May 2017 10:15:31 +0100</pubDate>
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         <title>Impressum</title>
         <description><![CDATA[    ernstschmiederer.com ist eine Webpräsenz von Ernst Schmiederer und steht im Eigentum der Blinklicht Medien Rat & Tat GmbH<br /><br />Medieninhaber, Herausgeber:
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Firmenbuch: FN 283345i
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Grundlegende Richtung: Hier gelten im Wesentlichen Hausregel I (Die jeweilige Herkunft der Menschen, die sich hier aufhalten, ist weniger wichtig, als die Tatsache, dass sie hier sind.) und Hausregel II (Vielfalt ist kein importiertes Problem, sondern ein gestaltbares Potential.)


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         <pubDate>Fri, 16 Dec 2016 13:41:02 +0100</pubDate>
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         <title>Daheim am Macondoplatz</title>
         <description><![CDATA[    Der Baggerfahrer Husni Sheikho, 20, ist aus Syrien geflüchtet und lebt in Wien-Simmering.<br /><br />Ich stamme aus Afrin, einem Bezirk im Gouvernement Aleppo. Zu sagen, dass man aus Afrin kommt, bedeutet faktisch, dass man Kurde ist. Nach der Schule habe ich immer gearbeitet. Ich habe meinem Vater geholfen, der mit Oliven und anderen Lebensmitteln gehandelt hat. Vor allem habe ich für meinen Cousin als Baggerfahrer gearbeitet. Mein Onkel hat mit seiner Firma Wasserleitungen gebaut, wir haben die Gräben dafür ausgehoben. Insgesamt gab es in meiner erweiterten Familie 14 Baggerfahrer. Leider wurde das Leben im Lauf der Jahre immer schlechter in Afrin. Am Abend war es besonders gefährlich, man sollte besser um 19.00 zuhause sein. Nachdem zwei meiner Onkel und zwei meiner Cousins getötet worden waren, machte ich mich auf den Weg in die Türkei. Ein paar Wochen später kamen auch meine Eltern und Brüder nach Istanbul; meine beiden Schwestern leben bis heute in Afrin. Zwei Jahre und sechs Monate habe ich in einer türkischen Fabrik gearbeitet, die T-Shirts produziert. Wir haben die Ware gebügelt und verpackt.

Seit genau einem Jahr und 20 Tagen bin ich jetzt mit meinen Eltern und zwei Brüdern in Wien. Wir leben im Macondo, einer Siedlung für Flüchtlinge in Simmering. Meine Eltern bewohnen mit meinem 15jährigen Bruder die Unterkunft Nummer 27, der andere Bruder wohnt auf 31 und ich bewohne das Zimmer Nummer 6. Vier Tage in der Woche besuche ich einen Deutschkurs, immer für drei Stunden. Den Rest des Tages habe ich nicht viel zu tun. Es ist schwierig, weil alle Leute Arabisch sprechen. Ich möchte aber schnell Deutsch lernen und gehe oft zu Angelika oder zu Jan in den Flüchtlingsdienst der Diakonie, damit ich schneller lerne. Am liebsten würde ich arbeiten. Sobald mein Deutsch gut ist, möchte ich mich zum Baggerfahrer ausbilden lassen.

Gestern habe ich hier einen Mann kennengelernt, der mir die Geschichte von Macondo erzählt hat. Genau vor 60 Jahren kamen die ersten Flüchtlinge auf dieses Gelände, das früher eine Kaserne war. Diese Leute waren aus Ungarn. Den Namen Macondo brachten 20 Jahre später Flüchtlinge aus Chile nach Simmering. Jetzt bauen wir gemeinsam mit einem Team von "Architektur ohne Grenzen" einen schönen Platz in der Mitte dieser Gebäude, den Macondoplatz. Vor gar nicht langer Zeit war es da noch schmutzig, alles war voller Gestrüpp und Abfall. Wir haben sauber gemacht und mit den Architekten eine große Bank gebaut, aus Holzpaletten und Betonplatten. Jetzt soll noch ein Brunnen dazukommen und ein hoher Tisch, an dem man stehen und reden kann. Das wird dann unser Dorfplatz, wo man Freunde treffen kann. Wo man redet. Wo man zuhause ist.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/10/daheim_am_macondoplatz.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/10/daheim_am_macondoplatz.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Thu, 13 Oct 2016 15:10:56 +0100</pubDate>
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         <title>Mortadella für Pavarotti</title>
         <description><![CDATA[    Leonardo Famea, 51, versucht als Verkäufer den Wienern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. <br /><br />Ich war drei Jahre in der Hotelfachschule und habe dann als Kellner gearbeitet. Mein Vater hätte seine vier Kinder gerne auf einem sicheren Arbeitsplatz in der Stadtverwaltung oder bei der Post untergebracht. Die beiden älteren Geschwister haben ihm auch gefolgt. Die sind heute noch bei der Post. Ich wollte aber von meinen eigenen Fähigkeiten leben. Also wurde ich Kellner. 18 Monate war ich in Graubünden, in der Schweiz, in einem feinen Sporthotel, im Restaurant. Dann in Südtirol. Später habe ich von Saison zu Saison in den Supermärkten der Urlaubsorte als Verkäufer gearbeitet. In Grado. In Lignano. Da waren viele Österreicher meine Kunden. 

Vor 20 Jahren bin ich nach Wien gegangen. In Gorizia gibt es nichts mehr, die Stadt stirbt langsam vor sich hin. Früher hat der italienische Teil von Import/Export gelebt. Jetzt ist die Grenze zu Slowenien offen und es gibt kaum Jobs in der Stadt. In Wien läuft es gut für mich. Ich lebe in Favoriten, habe eine Jahreskarte für die Wiener Linien, eine Vorteilskarte für die ÖBB, bin ungebunden, habe keine Sorgepflichten, keine Scheidungsdramen, kein Auto. Elf Jahre lang war ich beim Billa in den Ringstraßen-Gallerien in der Feinkost. Senior Pavarotti war mein Kunde. Riccardo Muti hat seine Mortadella bei mir holen lassen. Seiji Ozawa war oft da. Unfassbar, der Mann ist weltbekannt und dabei der netteste Mensch, den man sich denken kann. Seine Frisur, seine Höflichkeit, alles perfetto. 

Jetzt bin ich schon bald zehn Jahre bei der Konkurrenz, beim Spar, immer noch im ersten Bezirk, in der Vorlaufstraße. Ich verkaufe Fleisch, Wurst, Käse, Brot. Ich will etwas anbieten, nicht nur Leberkäse in Semmeln verkaufen. Prosciutto, Beinschinken, Roastbeef, gute Ware. Ich bin ein Botschafter der Freundlichkeit. Ich will den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich bin kein Roboter, ich kommuniziere. Bei manchen Kunden scheitere ich allerdings. Ich brauche Ihre Tipps nicht, heisst es dann. Oder: ich weiß schon selber, was ich will. Dann gibt es noch die Sorte Mensch, die knapp vor Geschäftsschluss reinkommt und ein Stück Fleisch faschiert haben will, obwohl die Maschine schon geputzt ist. Die kenne ich, solche Leute kommen zum Provozieren. Da halte ich mich dann einfach zurück.

Ich bin ein treuer Mensch, ich kaufe meine Lebensmittel alle beim Spar. Früher habe ich nur beim Billa gekauft. Ich esse nicht nur Prosciutto, manchmal kaufe ich österreichischen Jausenspeck. Aber mit der österreichischen Wurst kann ich leider nichts anfangen. Gut, dass es Mortadella gibt. Für einen eigenen Laden reicht mein Mut nicht. Ich wäre sofort pleite. Aber so ist es gut. Ich habe jeden zweiten Samstag frei. Da kann man durchatmen. Meine Schwägerin in Italien muss als Verkäuferin auch am Sonntag arbeiten. Das wäre wohl mein Ende. Der Mensch braucht mindestens einen Tag in der Woche zum Erholen.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/mortadella_fur_pavarotti.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/mortadella_fur_pavarotti.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Fri, 23 Sep 2016 18:18:00 +0100</pubDate>
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         <title>Es braucht Empathie</title>
         <description><![CDATA[    Die Regisseurin Corinne Eckenstein, 52, leitet den Dschungel Wien, das Theaterhaus für junges Publikum.<br /><br />Theater hat mich sehr früh schon fasziniert. Beim Straßenzirkus-Festival in Basel streunte ich mit einer Gruppe von Kindern in der Stadt herum. Bald wurde unsere Kindergang ins Programm eingebaut, damit wir den Betrieb nicht stören. Von da an habe ich selbst immer wieder neue Theatertruppen gegründet. Die erste, den Circo Zingaro, im Alter von 13. Später zog ich nach Kalifornien, um an einer Schule für Straßentheater zu lernen. 
Straßentheater war mein Lebensplan. Irgendwann bin ich aber abgebogen, um in New York eine Musical-Ausbildung zu absolvieren. Damals fand ich heraus, dass eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten für mich essentiell ist. Als Regisseurin kann ich etwas gestalten, etwas in die Welt setzen. Ich kann die Schauspieler anleiten, ihnen sagen, wie es geht. Ich war selbst auch gerne Schauspielerin, aber die Regie entspricht meinem Naturell viel besser.

Vor 25 Jahren kam ich nach Wien, weil ich eine künstlerische Heimat suchte. Berlin wäre auch in Frage gekommen, da hat sich aber niemand für mich interessiert. In Wien sind dagegen gleich viele Türen aufgegangen. Ich wurde zu Parties eingeladen, konnte beim Impulstanz-Festival andocken und lernte Choreografen und Tänzerinnen kennen. Meinen ersten richtigen Auftritt in der Stadt hatte ich in der Broadway Bar, wo ich Lieder aus den 30er Jahren gesungen und getanzt habe. Ab da reiht sich eins ans andere. Seit 1995 produzieren wir in unserem Theater Foxfire jedes Jahr mehrere Stücke für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Seit zehn Jahren bin ich zudem im Dschungel Wien als Regisseurin tätig, dem Theaterhaus für junges Publikum. Und dort bereite ich mich jetzt gerade auf meine neue Rolle vor: mit 1. Juli übernehme ich das Amt der Künstlerischen Leiterin und Direktorin.

Wer für Erwachsene Theater macht, kann naturgemäß viel voraussetzen. Man kennt sein Publikum im Wesentlichen. Bei Jugendlichen ist das anders. Man fängt immer bei Null an, man setzt nichts voraus. Gerade das Publikum des Dschungel ist in jeder Hinsicht sehr gemischt. Da braucht es Empathie. Jungen Menschen muss man zeigen, dass man sich für sie interessiert. Man muss die Chance nützen, ihnen einen neuen Blickwinkel zu eröffnen. Buben können dabei im Idealfall erfahren, dass sie nicht vorgefertigten Rollenbildern entsprechen müssen, sondern sich selbst aussuchen können, wie und was sie sein wollen. Das eigene Lebensalter spielt bei der Arbeit mit Jugendlichen überhaupt keine Rolle, wichtig ist nur, dass man selber wach im Hirn bleibt. Und dafür sorgen zum Glück schon meine beiden Kinder.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/es_braucht_empathie.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/es_braucht_empathie.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Fri, 23 Sep 2016 18:10:06 +0100</pubDate>
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         <title>Den Texten Seele geben</title>
         <description><![CDATA[    Mel Greenwald, 65, genießt sein Leben und seine Arbeit als Übersetzer in Salzburg.<br /><br />Meine Heimat gibt es nicht mehr. Im 17. Jahrhundert hatten sich Menschen aus Holland in Central New Jersey angesiedelt. Dann kamen Engländer und später die Iren, die das amerikanische Kanalsystem bauten. Schließlich zog es Katholiken, Protestanten und Juden aus Ungarn in diese Gegend. Die fanden Arbeit in den Fabriken. Meine Großeltern, arme Menschen aus Debrezen, waren ein typischer Fall. Sie kamen mit nichts. Und am Ende ihres Lebens hatten sie zwei studierte Kinder, ein Haus und ein Aktienportfolio. Die Familie war in die Mittelschicht aufgestiegen. In meiner Kindheit war der Alltag von solchen Einwanderern geprägt. Es gab eine Magyar Savings Bank, ungarische Tierärzte und viele Polen, Griechen und Italiener. Ihr Geld verdienten diese Menschen auf jenen Industriearbeitsplätzen, die inzwischen in China sind. Heute leben vor allem Latinos in der Gegend, die meine Heimat war, Menschen aus Kuba, Puerto Rico, Mexiko und aus der Dominikanischen Republik. Um in New Brunswick zu überleben, braucht man kein Englisch mehr, Spanisch reicht. 

Als junger Mann wollte ich weg. Ich ging nach Chicago und wurde Buchhalter. Ich zog weiter nach Kalifornien, arbeitete für ein Unternehmen, das Hotelprojekte entwickelte, und wohnte in Venice Beach direkt am Strand. Das war das Paradies auf Erden. Später, als diese Firma auch in New York Projekte realisierte, ging ich dorthin. Und so lernte ich 1989 meine Frau kennen. Helga, eine junge Frau Magister aus Österreich, war mit einem Fulbright-Stipendium in die Stadt gekommen und auf der Suche nach einer Unterkunft in eines unserer günstigen Single Room Occupancy Hotels vermittelt worden. Dass dieser Laden eines Tages in einem Bericht der New York Times als Crack House enttarnt werden sollte, konnten wir damals nicht wissen. 

Seit 20 Jahren verdiene ich mein Leben als Übersetzer, großteils im Universum der Linzer Ars Electronica. Dort hat man erkannt, dass ich Sprachgefühl, Fleiß und einen guten Mannschaftsgeist mitbringe und betraut mich mit hochinteressanten Aufgaben. Die Arbeit ist einsam: ich sitze mit meinem Arsch auf einem Stuhl vor dem Bildschirm, that's it. Einfache Dinge kann heute der Computer übersetzen, Betriebsanleitungen etwa. Was ich mache, kann der Computer aber nicht: ich formuliere mit Tiefe, gehe mit Phantasie ans Werk und gebe den Texten Seele. Ich beherrsche die Werbesprache und die akademische Sprache ebenso wie die Sprache der jungen Online-Millennials. Natürlich hilft der Computer. Früher musste ich Wörterbücher schleppen, heute ist der Bildschirm voll mit Icons, die mich blitzartig auch auf hochspezialisierten Technikslang zugreifen lassen. Für Begriffe, die in einem Text häufig vorkommen, programmiere ich die Autokorrektur im Word: ge plus Leertaste = genetic engineering. In diesem Setup bin ich sehr schnell. 

Um fit zu bleiben, löse ich jeden Tag ein Kreuzworträtsel. Besonders angetan haben es mir die ZEIT-Rätsel. Die mache ich alle, jede Woche am Donnerstag "Um die Ecke gedacht" und am liebsten die Preisrätsel. Leider habe ich noch nie etwas gewonnen, nicht mal ein Rätselheft. Ansonsten kann ich nicht klagen. Wenn ich mein Dasein mit dem von Studienkollegen vergleiche, die als Juristen tätig waren bis sie der Konzern in die Wüste geschickt hat, bin ich besonders zufrieden. Ich genieße mein Leben und meine Arbeit. Ich bin happy.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/den_texten_seele_geben.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/den_texten_seele_geben.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Fri, 23 Sep 2016 17:52:21 +0100</pubDate>
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         <title>Wenn die Gäste ausbleiben</title>
         <description><![CDATA[    Eva Schöll, 52, unterrichtet am St. Georgs Kolleg in Istanbul und genießt die vorurteilsfreie Freundlichkeit der Menschen in dieser Stadt.<br /><br />Nach meiner Ankunft im Sommer vergangenen Jahres, fand ich ein Zitat des Fotografen Ercan Arslan, das meine Gefühle dieser Stadt gegenüber perfekt zum Ausdruck brachte: "An Istanbul liebe ich die Vielfalt, die Multiethnizität, das Bunte. Hier findet jeder seinen Platz. Wirklich jeder." Inzwischen haben viele tragische Ereignisse ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Wohl bemühen sich die Menschen um Alltäglichkeit, sie wollen wieder ein normales Leben führen, auch wenn der Touristenstrom abgerissen ist. Aber wie soll das gehen, wenn einem die Dinge so nahe kommen. Der Sohn meiner Haushaltshilfe Ayse etwa hat seinen Freund in dieser Nacht verloren: der wurde vor seinen Augen erschossen.

Ich habe lange als Wirtschaftspädagogin an einer Wiener Handelsakademie unterrichtet und mich auf den Gegenstand "Übungsfirma" spezialisiert. Übungsfirmen kaufen und verkaufen Produkte oder Dienstleistungen, sie zahlen Steuern und Abgaben, sie erledigen Behördenwege online. Weltweit sind 5.000 solcher Übungsfirmen miteinander vernetzt. So lassen sich Fremdsprachen trainieren und Einblicke in die Wirtschaftskultur der Geschäftspartner gewinnen. Mich begeistert dieses eigenverantworliche Lernen, bei dem Schüler auch Freiraum haben, Fehler zu machen. Nach 15 Berufsjahren und einer sehr intensiven Zeit der Kinderbetreuung wollte ich mich neu orientieren und habe mich für eine Stelle am St. Georgs Kolleg in Istanbul beworben. An dieser Schule werden türkische Jugendliche von österreichischen und türkischen Lehrern unterrichtet, sie zählt zu den besten Bildungsinstitutionen des Landes und ist für ihre Absolventen ein Sprungbrett zu österreichischen und europäischen Hochschulen. Wer keine Deutsch-Vorkenntnisse mitbringt, wird in einer Vorbereitungsklasse in einem Ausmaß von 20 Wochenstunden mit der Sprache vertraut gemacht – ein Modell mit dem wir auch in Österreich vielen Kindern und Jugendlichen das Leben leichter machen könnten. Am 26. Jänner 2015 wurde mir telefonisch mitgeteilt, dass meine Bewerbung erfolgreich war und ich aufgenommen werde. Dieser Anruf hat mein Leben verändert.

Der Zeitpunkt, ins Ausland zu gehen, war ideal. Meine beiden Söhne hatten ihre HTL-Ausbildung mit Matura abgeschlossen und waren bereit für ein eigenständiges Leben ohne ständige Begleitung der Eltern. Mein Mann ist selbstständig und wendet sein Knowhow in Projektentwicklung nun eben in Istanbul an. Zudem war uns beiden die Aussicht auf Abenteuer, auf eine neue Sprache und neue Freunde ein großer Antrieb.

Wir leben in einer Duplex-Wohnung mit Terasse im europäischen Stadtteil Beyoglu. Eine kleine Palme sowie je ein Oliven-, ein Zitronen- und ein Feigenbaum gedeihen aufgrund der vielen Sonnentage wie Zauberhand. Von unserer Dachterrasse haben wir einen zauberhaften Blick auf die bunte Millionenstadt. Schade nur, dass unser Gästezimmer aufgrund der veränderten politischen Situation jetzt meist leerstehen.

Die Schule beginnt um 08.00 Uhr. Nach acht Unterrichtsstunden endet der Schultag für alle um 15.30 Uhr. Freizeit empfinden und leben die Menschen hier ganz anders als in Österreich. Schon am Weg von der Schule nach Hause trete ich mit allen möglichen Menschen in Interaktion. Es gibt noch jede Menge Handwerksbetriebe. Man trifft auf freundliche Gesichter, die einen zum Cay einladen. Oft verweile und staune ich vor einem der vielen Kellerlokale, in denen Schuster oder Goldschmiede ihrer Arbeit nachgehen. Mich erinnert das alles ein bisschen an das Burgenland, in dem ich aufgewachsen bin als Nachbarschaftshilfe, Freundschaft und Werte wie eine Verteilungsgerechtigkeit noch Bedeutung hatten. Ich genieße die offene, warme und vorurteilslose Freundlichkeit der Menschen hier.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/wenn_die_gaste_ausbleiben.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/09/wenn_die_gaste_ausbleiben.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Fri, 23 Sep 2016 17:44:26 +0100</pubDate>
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         <title>Mein Europa wird auf die Probe gestellt</title>
         <description><![CDATA[    Wolfgang Schmale, 59, lebt, unterrichtet und forscht als Historiker in Wien. <br /><br />Den ersten Kulturschock meines Lebens hatte ich im Alter von neun Jahren. Meine Familie übersiedelte damals aus Unterfranken ins Ruhrgebiet. Unser Dialekt machte mich in der Schule zum Fremden. So wurde mir das Fränkische ausgetrieben. Europa wurde mir schon in frühester Jugend zum Thema. Wir waren viel unterwegs mit unseren Eltern. In klassischen Bildungsreisen haben sie meinen beiden Schwestern und mir Südeuropa gezeigt. Spanien, Italien, Griechenland. Von diesen Anfängen sehe ich die Antike bis heute als meinen Ruhepol. Ich habe ein bisschen Griechisch gelernt, Italienisch und Spanisch. Als studentische Hilfskraft konnte ich in einem Forschungsprojekt zum bäuerlichen Widerstand in Frankreich arbeiten. All das hat mir früh die Türen nach Europa geöffnet.

Während einer Wanderung durch Marokko habe ich 2008 begonnen, Notizen zu machen. Abends zog ich mich mit Stift und Heft zurück, um meine Eindrücke zu sortieren. Mein Grundmotiv war die Frage: Wo überall finde ich Europa? Das hat Spaß gemacht. Nach einer Weile wurde daraus ein Buchprojekt, ein Blog. Und schließlich lagen die "Reisetagebücher eines Historikers" unter dem Titel "Mein Europa" als Buch vor. 

Mit Blick auf die aktuelle Lage ist natürlich einmal zu fragen, ob die Politik nicht etwas vorausschauender agieren hätte können. Das muss man als Europäer und Historiker gerade mit Blick auf Syrien bejahen. Der antike Raum, der Mittelmeerraum: das ist keine fremde Region sondern im Gegenteil ein großer Kommunikationsraum aus dem wir unsere philosophischen und ästhetischen Kategorien beziehen. Jetzt stellen uns die Flüchtlinge in jeder Hinsicht auf die Probe: Meinen wir es ernst mit Europa? Was bedeuten uns die Menschenrechte? Was heisst Solidarität? Griechenland droht zu einem riesigen Flüchtlingslager zu werden. Es führt wohl kein Weg vorbei an der Erkenntnis und dem Eingeständnis, dass Europa die Flüchtlinge nicht aussperren kann, sondern sich auf das besinnen muss, was es bei Sonnenschein immer für sich in Anspruch genommen hat: Europa ist die Zivilisation der Menschenrechte und des Humanitarismus. Im Moment stehen wir an den Grenzen unserer Glaubwürdigkeit.

Auch wenn es schwerfällt, bleibe ich aus Prinzip optimistisch. Wir Europäer leben in reichen Gesellschaften, jeder von uns kann vieles tun, um zu helfen. Wenn jeder etwas macht, dann passt das schon. Europa ist stark genug für seine vielfältige Kultur mit ihren vielfältigen Wurzeln. Europa ist auch stark genug, dies den zu uns Kommenden vor Augen zu führen und von ihnen Respekt für unsere europäische Vielfalt zu erwarten. Was ich aber noch nicht sehe: wie lassen sich in Syrien, wie lassen sich im Irak wieder Bedingungen schaffen, die den Menschen dort ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen?
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/04/mein_europa_wird_auf_die_probe_gestellt.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/04/mein_europa_wird_auf_die_probe_gestellt.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Mon, 04 Apr 2016 17:18:08 +0100</pubDate>
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         <title>Ich bin empört!</title>
         <description><![CDATA[    Regina Wiesinger, 50, unterrichtet an der Deutschen Schule Athen (DSA) Geschichte, Sozialkunde und ökumenische Religion.<br /><br />Wer in Griechenland lebt, hört schon morgens im Radio die Spendenaufrufe. Es fehlt an allem. Besonders rar sind Medikamente. Infolge der Sparmaßnahmen wurden Krankenhäuser geschlossen, ein Drittel der Griechen hat keine Krankenversicherung. Als mein Sohn eine simple Diptherie-Tetanus-Impfung brauchte, musste ich vier Wochen lang danach suchen. Unter Jugendlichen liegt die Arbeitslosenrate bei 65 Prozent. Seit Jahren wird überall gespart, besonders hart ist im Sozial- und Bildungsbereich. Zu dieser humanitären Katastrophe kommt nun die Flüchtlingskrise. Dass in dieser Situation nun gerade die österreichische Bundesregierung eine Vorreiterrolle für die Abschottungspolitik spielt, empörte mich ebenso und sehr viele hier lebende Auslandsösterreicher.

Also habe ich, gemeinsam mit Kollegen, einen <a href="https://www.griechenland.net/nachrichten/politik/19825-offener-brief-an-die-österreichische-bundesregierung">offenen Brief</a> an die Regierung formuliert: "Die an Syrien angrenzenden Staaten zeigen eine beispielhafte Solidarität. Angesichts der Tatsache, wie viele Millionen Flüchtlinge sich in diesen Ländern, die um vieles ärmer sind als Österreich, in ihrer Not angesammelt haben, ist es beschämend, wenn von Seiten Österreichs behauptet wird, unser Land nehme mehr Menschen auf als die meisten anderen Länder. Der Blick vom Süden Europas auf die Flüchtlingssituation attestiert der österreichischen Bundesregierung leider eine völlige Fehleinschätzung der Fakten." Unterzeichnet war dieser Brief von vielen Österreichern, die in Griechenland leben. Eine Antwort haben wir bisher nicht bekommen.

Ich lebe seit mehr als 20 Jahren in Athen und unterrichte hier an der Deutschen Schule Geschichte, Sozialkunde und ökumenische Religion. Mein Mann ist Grieche und arbeitet als Jurist im Gesundheitsministerium. Wir pflegen eine bikulturelle Ehe, unsere beiden Kinder sind in einem weltoffenen Geist, dreisprachig, multinational und überkonfessionell erzogen worden. Als moderne Europäer fühlen sie sich sowohl als Österreicher, als Griechen sowie als Deutsche. Unsere Schule hier ist ebenso identitätsstiftend wie zahlreiche Ferienaufenthalte und der familiäre Bezug. 

Die herzliche Gastfreundschaft der Griechen hat mich nie spüren lassen, dass ich eine Fremde in diesem Land bin - obwohl meine Schwiegereltern Grund dazu gehabt hätten. Beide haben im 2. Weltkrieg unter der Willkür und Gewalt der deutschen Besatzung gelitten. Meine Schwiegermutter hat ihren jüngeren Bruder und einige Männer ihres Dorfes vor einem Erschießungskommando gerettet. Dass man sich an der wehrlosen Zivilbevölkerung durch grausame Verbrechen schuldig gemacht hat, wurde in Deutschland und Österreich allzu gerne vergessen. Bis heute werden die Verbrechen österreichischer Wehrmachtssoldaten in Kalavrytra in keinem österreichischen Schulbuch erwähnt. Mit meinen Schülern bin ich jedes Jahr in Distomo, der bekanntesten der Märtyrergemeinden zu Gast. Gemeinsam mit griechischen Schülern arbeiten sie dort in Begegnungsprojekten die Vergangenheit auf. Zuletzt entstand dabei das Theaterstück "Kinder des Krieges", eine eindrucksvolle Mahnung, dass Kinder und junge Menschen ein Recht darauf haben, in Frieden, Sicherheit und Menschenwürde zu leben. Genau dieses Recht wird an Stacheldrahtzäunen und geschlossenen Grenzen heute mit Füßen getreten.

In diesem Kontext klingt es besonders zynisch, unfair und arrogant, wenn der Außenminister der Republik Österreich die Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge im vergangenen Jahr selbstgefällig als eigenständige österreichische Leistung hervorhebt und Griechenland dabei abkanzelt. Im Gegensatz zu Griechenland befindet sich Österreich eben nicht in einer humanitären Krise. Dem immensen Leidensdruck zum Trotz zeigt sich die griechische Bevölkerung jedoch hilfsbereit und großzügig. 50.000 Flüchtlinge sind schon im Land, täglich werden es mehr. All das erinnert viele Griechen an das Leid ihrer eigenen Angehörigen im Zweiten Weltkrieg. Für die Politik, mit der Österreich in dieser Situation die Balkanstaaten unter Druck setzt, muss man sich angesichts all dessen schämen.
<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/04/ich_bin_emport.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/04/ich_bin_emport.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Mon, 04 Apr 2016 17:06:32 +0100</pubDate>
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         <title>Remix mit Superheldinnen</title>
         <description><![CDATA[    Barbi Markovic, 35, wird in Wien als Autorin berühmt.<br /><br />Ich schreibe nicht über Dinge, von denen ich nichts weiß. Meine Texte enstehen also aus all dem Zeug, das ich aus meinem Kopf ziehen kann. Wichtig ist aber das Konzept, ein Rahmen, den ich mir selber vorgebe, ein paar Regeln. Heute abend wird mein jüngstes Buch in Wien präsentiert, Superheldinnen. Das ist ein Stadtroman für den ich sechs Städte abgeschrieben habe: Graz, Wien, Sarajevo, Zagreb, Berlin und Belgrad. Um eine Stadt abzuschreiben gehe ich auf einen Platz und schreibe auf, was ich lesen kann. Plakate. Werbungen. Graffiti. Verbotsschilder. Vor ein paar Jahren war ich als Stadtschreiberin in Graz engagiert. Damals habe ich diese Methode für mich entwickelt. Ein Heft. Ein Stift. Viel gehen. Man friert. Alles wird nass. Leute quatschen einen an. Man wird verjagt. In Graz habe ich damals viel Kontrollen erlebt und viele Verbotstexte dokumentiert. In Sarajevo gab es das überhaupt nicht: kein einziges Verbot, kein Mensch hat sich interessiert für mein Tun. Zensur übe ich nur bei einer einzigen Sache: Autokennzeichen. Die abzuschreiben, ist mir einfach zu langweilig. 

Nachdem ich in jeder Stadt ein bis vier Wochen verbracht hatte, musste ich meine Notizhefte transkribieren. Das ergab ingesamt 200 Seiten Material. Daraus wollte ich dann den Stadtroman schreiben, über das Stadtleben heute, über Menschen, die mit mir zusammen ein Wir bilden. Menschen also, die Städte gewechselt haben, Migranten. Es ist aber kein Migrationsroman. Ich wollte keine Figuren, die Mitleid erregen. Ich wollte Menschen beschreiben, die man cool findet. Superheldinnen. So gesehen bin ich zufrieden mit dem, was mir gelungen ist. Ich habe das Gefühl, dass man das Buch so verstehen wird, wie es gemeint ist. Und jetzt? Jetzt werde ich erstmal berühmt und dann schauen wir weiter.

Mit dem Schreiben habe ich als neunjähriges Mädchen begonnen. Es musste gleich ein Roman sein. Über einen Hund. Nach der vierten Seite gab ich das Projekt aber auf. Und seither übe ich. Ich war nie wirklich zufrieden mit dem, was dabei entstanden ist. Erst über meine Lektoratsarbeiten in einem kleinen Belgrader Verlag habe ich gelernt, Sachen überhaupt einmal fertig zu schreiben und dann zu bearbeiten. Bis dahin bin ich immer an meinem 100-Prozent-Anspruch gescheitert. 

2003 war ich schon einmal als Germanistik-Studentin mit einem Stipendium in Wien. Damals belegte ich ein Seminar über Thomas Bernhards Gehen. Ich habe aber immer geschwänzt und auch das Buch erst später dann in Belgrad gelesen. Aus Spaß fing ich damals an, Satz für Satz aus dem Wien der 1970er Jahre in meine Belgrader Welt zu übersetzen. Aus drei raunzenden Rentnern wurden drei Mädchen, die in den Belgrader Clubs die Trostlosigkeit ihrer Existenzen bejammmern. So entstand mein erstes Buch, Ausgehen. Ich nannte es einen Remix. Nicht nur der Methode wegen, sondern auch weil die deutschen Popliteraten so oft nicht hielten, was sie versprachen, wenn sie etwas Remix nannten. 
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         <pubDate>Tue, 15 Mar 2016 18:18:23 +0100</pubDate>
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         <title>Herausfinden, wohin man gehört</title>
         <description><![CDATA[    Louise Hecht, 54, lebt als jüdische Historikerin in Deutschland und Tschechien.<br /><br />Ich bin am Wiener Stubenring aufgewachsen. Abgesehen von einer Greißlerei, in der Beamte aus den umliegenden Ministerien Wurstsemmeln kauften, gab es dort kaum Infrastruktur. In dem riesigen Haus, in dem wir einen schönen Dachausbau bewohnten, waren viele Büros untergebracht, aber nur zwei Wohnparteien. Zu jener Zeit war das eine tote Gegend. In der Zwischenkriegszeit war das Viertel sehr jüdisch geprägt. Meine Großeltern haben damals diesen Dachboden gemietet. Vor den Nazis konnten sie sich nach England retten. Als sie nach dem Krieg zurückkamen, saß eine Frau in ihrer Wohnung, die gute Beziehungen zur NSDAP unterhalten hatte. Mein Großvater war Rechtsanwalt, das war bei der Restitution hilfreich. Und dass mein Vater in der englischen Armee gedient hatte, war sicher auch kein Nachteil. Dass wir Juden sind, war in unserer Familie kaum Thema, nur im Kontext der Emigration. Ich habe zunächst Chemie studiert, wurde dann aber doch neugierig auf das Judentum. Für mich als Atheistin lag es nahe, an der Uni nach Aufklärung zu suchen. So lernte ich Kurt Schubert kennen, den Doyen der Judaistik in Wien. Ich ließ die Chemie sein, studierte Judaistik, lernte Hebräisch und promovierte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dass ich mich heute als jüdische Historikerin verstehe, bezieht sich aber auf mein Fachgebiet und nicht auf meine jüdische Herkunft. Mein Mann hat Geschichte studiert, er ist Historiker.

Mein Thema ist die Haskala, die jüdische Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts. Diese Maskilim genannten Aufklärer verstanden sich als alternative intellektuelle Elite in der jüdischen Gesellschaft. Sie waren Revolutionäre gegen die traditionellen jüdischen Eliten, gegen die Rabbiner und die Gemeindevorsteher. Zudem öffneten sie das Judentum zur Mehrheitskultur, pflegten also einen intensiven Dialog mit der christlichen Kultur. Seit gut zehn Jahren arbeite ich in diesem Kontext am Kurt-und-Ursula-Schubert Center for Jewish Studies in Olomouc/Olmütz in der Tschechischen Republik. Als ein Ergebnis dieser Arbeit ist jetzt gerade ein von mir herausgegebenes Buch erschienen: "Ludwig August Frankl (1810 - 1894). <a href="http://www.boehlau-verlag.com/download/164453/978-3-412-50374-1_Inhalt.pdf">Eine jüdische Biographie zwischen Okzident und Orient</a>." Frankl wird von manchen als österreichischer Heinrich Heine bezeichnet, auch weil er die bedeutendste Kulturwochenschrift seiner Zeit herausgegeben hat, Die Sonntagsblätter. Zudem ist er als Mitinitiator des Schiller-Denkmals am Ring und als Begründer des Israelitischen Blindeninstituts auf der Hohen Warte bekannt, eine Schule in der heute die Polizei untergebracht ist.

Seit Jahresanfang bin ich in Olmütz karrenziert und am Institut für Jüdische Studien in Potsdam tätig, in einem großen Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Haskala im Dialog". Im Gefolge von Moses Mendelssohn, dem Wegbereiter der Haskala, waren zwei viel weniger bekannte Maskilim auch in Wien sehr aktiv: Juda Jeitteles und Juda Leib ben Ze'eb. Diese beiden Denker der Aufklärungszeit stehen mit ihren Werken im Zentrum dieses aufregenden Projekts.

Die Konflikte und Probleme, mit denen diese Maskilim sich beschäftigten, sind teils bis heute hochaktuell. Viele Menschen suchen nach ihrer eigenen Definition von jüdischer Identität. Ganz allgemein ist das Leben in mehreren Welten ein sehr moderner Aspekt des Daseins: man muss jeden Tag aufs Neue herausfinden, wo man steht, wohin man gehört. Wenn ich zu einer Demonstration für das Asylrecht gehe, dann gehe ich da nicht als Jüdin hin, sondern als Frau, der es wichtig ist, demokratische Werte auch im Kontext von Flucht und Asyl hochzuhalten. Ich hoffe jedenfalls, dass ich mich auch ohne meine spezifische Familiengeschichte entsprechend engagieren würde.

<br /><br /><b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/02/herausfinden_wohin_man_gehort.php">Original Entry</a></b> | <b><a href="http://www.ernstschmiederer.com/2016/02/herausfinden_wohin_man_gehort.php#comments">Comments</a></b><br /><br /><a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!"><img alt="Jetzt online spenden!" src="http://feeds.blinklicht.at/msf-petit1.gif" width="468" height="60" /></a><br /><small>Eine Website von Ärzte ohne Grenzen <a href="http://www.schnellehilfewirkt.at/?ref=X1012" target="_blank" title="Jetzt online spenden!">http://www.schnellehilfewirkt.at/</a><br />powerd by <a href="http://www.blinklicht.at">Blinklicht</a> via <a href="http://twitter.com/phreak20/with_friends" target="_blank">Phreak 2.0</a></small>
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         <pubDate>Sun, 21 Feb 2016 17:03:41 +0100</pubDate>
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         <title>Fremde unter Fremden</title>
         <description><![CDATA[    Mariam Wagialla, Architektin und Raumplanerin, musste mit ihrer Familie aus dem Sudan flüchten und lebt heute in der Steiermark.<br /><br />Ich ging am 10. November 2011 mit meinen drei Söhnen aus Karthoum weg. Als leitende Raumplanerin in der Stadtverwaltung hatte ich versucht, Korruption aufzudecken, und war dadurch mit meiner Familie in Lebensgefahr geraten. Die Stadt ist riesig. Immer mehr Arme haben immer weniger Platz, das fruchtbare Land am Nil wird an reiche Araber aus den Golfstaaten verkauft. Dabei verschwinden gigantische Summen in den Taschen einer korrupten Elite. Hätte ich bei diesen Deals mitgemacht, könnte ich heute mit meiner Familie in Dubai, in Malaysien oder sogar in Europa leben - und zwar mit Geld, ohne Asyl. Ich habe der Gerechtigkeit wegen aber den schweren Weg gewählt - so wie ich das von meiner Mutter gelernt habe. Sie hätte ihre Töchter verheiraten und dafür viel Geld bekommen können. Sie wollte aber, dass wir studieren können und hat dafür hart gearbeitet. Jedenfalls kamen wir am 23. Dezember 2011 in Traiskirchen an und wurden eine Woche später in die Steiermark geschickt. Man kann sich als Asylwerber nicht aussuchen, wo man hinkommt. In Pinggau war Platz für uns.

Als ich am 3. Jänner 2012 dort den ersten Wintersonnenuntergang erlebte, war ich deprimiert und tief traurig. Es war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Mein Mann war noch im Sudan und wir waren hier alleine, Fremde unter Fremden. Mit meinen drei Kindern kam ich gerade aus dem Supermarkt, wo wir die ersten Lebensmittel eingekauft hatten. Bei eisigen Temperaturen kämpften wir uns mit schweren Taschen den Berg hinauf. In diesem Moment der völligen Verzweiflung sprach uns eine Frau an, Ulli. 

Das war der Beginn einer besonderen Beziehung. Seither haben uns viele Menschen geholfen. Im Omega Frauen Café. Im Deutschkurs. In den Schulen. Philosophen sagen, dass der Moment der tiefsten Verzweiflung eine Umkehr zum Guten bringt. Für mich war die Begegnung mit Ulli ein Licht der Hoffnung.

Nach dreieinhalb Jahren in der Flüchtlingsunterkunft haben wir Asyl bekommen und nun auch eine eigene Wohnung in Pinggau bezogen. Mein Mann lebt inzwischen bei uns. Unsere Söhne sind 15, 13 und neun Jahre alt. Omer, der älteste, fährt jeden Tag nach Pinkafeld in die HTL. Er will auch Architekt werden. Ich habe meine Deutschkurse abgeschlossen und schreibe an der Universität für Bodenkultur in Wien meine Doktorarbeit in Landschaftsplanung. Am Beispiel Karthum zeige ich, wie eine Stadt zu entwickeln wäre damit sie für alle - für Arme und Reiche, für Frauen und Männer, für Kinder und Alte - lebenswert und fair ist. Mein Vergleichsmaßstab ist Wien, eine Stadt, die diesem Ideal sehr nahe kommt. Karthum ist defakto in Klassen unterteilt. Wenn man in der 1. Klasse wohnt, dann hat man alles: Straßen, Elektrizität, Wasser, Infrastruktur. Wer sich nur ein Leben dritter Klasse leisten kann, haust in einer notdürftig zusammengestückelten Hütte. Es gibt also genug zu tun für mich, wenn wir eines Tages wieder nach Karthum zurück können.
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         <pubDate>Sat, 13 Feb 2016 17:08:29 +0100</pubDate>
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         <title>Ich weiß, was ich will</title>
         <description><![CDATA[    Eva Beresin aus Budapest ist Künstlerin, betreibt ein Konzept- und Design-Studio und lebt in Wien.<br /><br />Ein Leben lang wollte ich Künstlerin sein. Schon als Mädchen habe ich viel gemalt. Ich habe in Budapest die Kunstschule absolviert. Mein Kunststudium habe ich abgebrochen, um zu heiraten und in Wien zu leben. Bis heute habe ich Hemmungen, mich Künstlerin zu nennen. Ich war immer kreativ, hatte immer Ideen, wollte immer wieder Neues schaffen und war mit manchem sehr erfolgreich. Aber ich konnte das nie in Ruhe genießen, weil immer neue Ideen kamen. In den 1980er Jahren habe ich eine Manufaktur für Gürtel und Ledertaschen aufgebaut. Die lief sehr gut. Aber nach einer Weile musste etwas Neues her. Als mein Mann erkrankte, übernahm ich sein Geschäft. Da habe ich Jahre lang Sünden abgebüßt, weil ich kaum Ahnung von dem hatte, was zu tun war. Als ich nach 17 Jahren damit fertig war ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen, war ich stolz. Wieder hatte ich aus einer Situation, die unmöglich schien, etwas gemacht. Meine Kreativität fokussierte ich über die Jahre aber auf meinen eigentlichen Job, den Aufbau und Betrieb meines Studios, das Konzepte und Designs für Lokale und Büros entwickelt.

Die Malerei ist mir neben alldem aber immer geblieben. Mein Thema sind Menschen und Situationen, die ich beobachte. Die jüngste Arbeit - ACHT UND NEUNZIG SEITEN - fasst zusammen, was ich ein Leben lang in mir trage. Ich habe mich immer gefragt, woher mein Lebensgefühl kommt, woher meine Ängste rühren. Erst spät wurde mir klar, was ich alles von meinen Eltern mitbekommen habe. Sie haben beide den Holocaust überlebt. Zehn Jahre später kam ich zur Welt. Wie konnte man damals überhaupt Kinder auf die Welt bringen? Wir, die erste Generation der nach dem Krieg Geborenen, haben wohl alle einen schweren Schuss. Wir alle - ob Kinder von Opfern oder von Tätern - kennen ja die schrecklichen Bilder. Wie leer müsste man sein, dass einen das nicht prägt? Meine Mutter war in Auschwitz. Ihr Weg zurück in die Heimat dauerte sieben Monate. In dieser Zeit schrieb sie Tagebuch. 98 Seiten. Mit Bleistift. Nach ihrem Tod 2007 habe ich begonnen, das zu entziffern. Die Schrift war verblasst. Ich musste Kopien machen, die Kontraste betonen, die Schrift mit einem Stift nachziehen. So lernte ich diese Person, die ich gut zu kennen glaubte, besser kennen. 2012 habe ich begonnen, ihre Geschichte zu malen. Ich hatte Fotos entdeckt, die 1943 entstanden waren, vor der Deportation also, als sie in Budapest ihr modänes Leben gelebt hat. Sie war belesen. Kunststudentin. Sehr elegant. Sehr speziell. Das habe ich in Farbe und in großen Formaten umgesetzt. Schnell. Grobe Pinselstriche. 

Das ist das Schönste. Ich beginne mit dunklen Farben. Dicke, schwarze Striche. Die Komposition steht in zwei Minuten. Dann gehe ich drüber, decke das Dunkle ab. Jede Schicht bleibt wichtig, jeder Layer spielt eine Rolle. Wie in unserem Leben. Meine Mutter erzählte nicht und ich stellte nie Fragen. Heute weiß ich, dass ihr Schicksal Teil meines Lebens ist. Ich sehe, dass mich der Holocaust einholt. Jetzt mit sechzig sehe ich klar. Jetzt weiß ich, was ich will. Ich weiß, dass die Malerei das Wichtigste für mich ist. 
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         <pubDate>Fri, 08 Jan 2016 16:50:54 +0100</pubDate>
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         <title>Wenn Ärzte schreiben</title>
         <description><![CDATA[    Hans Steiner ist Professor für Psychiatrie und menschliche Entwicklung an der Stanford University und lebt in Palo Alto.<br /><br />Ich bin an der Stanford Universität als Professor für Psychiatrie und menschliche Entwicklung tätig. Besonderen Wert lege ich bei meinem Tun auf den zweiten Teil, auf die menschliche Entwicklung. Die Psychiatrie beschäftigt sich mit Symptomen und Krankheiten. Das reicht aber in den meisten Fällen nicht. Es gibt Menschen, die keinerlei Krankheitssymptome zeigen, aber so leben als ob sie festgefroren wären. Sie entwickeln sich nicht weiter. Häufig kann man dieses Phänomen etwa bei Mädchen mit Anorexie beobachten. Die werden psychiatrisch behandelt und von ihrer Anorexie geheilt. Dadurch kommen sie zwar wieder in einen Normalzustand, sie essen, sie haben ihre Periode, sie gehen zur Schule. Aber sie machen nicht, was Gleichaltrige machen. Sie bleiben stecken. Dazu kommt, dass Menschen, deren Magersucht geheilt wurde, dann oft mit Angstzuständen reagieren, die sie an der Weiterentwicklung hindern. All das kann man nicht allein mit Drogen behandeln. 

Drogen an sich sind nichts Schlechtes. Als Arzt darf man aber nie vergessen, dass es in der Psychiatrie kein einziges Medikament gibt, das eine Krankheit auskurieren kann. Wir haben kein Penicillin. Wir müssen daher psychologisch gut beobachten und das soziale Umfeld intensiv einbeziehen. Ich habe im Rahmen meiner Forschungsgruppe an der Stanford University über 30 Jahre lang mit Delinquenten gearbeitet, mit Gefängnisinsassen, mit traumatisierten Jugendlichen, die in den innerstädtischen Kriegszonen Kaliforniens aufgewachsen sind. Stress, Traumatisierung, Delinquenz - diese Themen domieren mein Forscherleben. Heute setze ich große Hoffnungen in die Entwicklungen der Neuropsychologie, wo etwa bei der Behandlung von Patienten mit Angststörungen Virtual Reality Gaming mit Biofeedback verbunden wird. Die Umgebung des Silicon Valley ist bei solchen Methoden sicher ein befruchtender Faktor.

Ich bin inzwischen emeritiert, aber sowohl in Lehre und Forschung als auch in meiner Privatpraxis weiterhin tätig. Daneben kümmere ich mich vor allem um unsere Schreibgruppe hier an der Stanford University, "The Pegasus Physicians". Die habe ich 2008 initiert, weil das Lesen und Schreiben für Ärzte essentiell ist. Der Arzt muss wissen, wie er in einen Menschen einsteigt. Und da hilft ihm das Schreiben. Aktuell sind mehr als 50 etablierte Ärzte und gut 20 Studenten bei uns schreibend aktiv. Wir sind in fünf Arbeitsgruppen organisiert und kommen einmal im Monat zusammen, um Werke vorzutragen und zu diskutieren. Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind als Arzt auf einer onkologischen Station tätig. Da sterben jede Woche drei oder vier Kinder. Das halten Sie doch nicht einfach so aus. Vielleicht würden Sie in der Religion eine Stütze finden. Bei mir funktioniert das leider nicht. Dafür habe ich im Lauf meines Lebens immer wieder erfahren, wie wichtig Geschichten für uns Menschen sind. Wir sprechen schon im Alter von ein bis zwei Jahren gut darauf an. Dem folgend sollte das Schreiben von Geschichten schon in den Schulen ganz fest verankert werden. Wir bieten deshalb auch Schreibkurse für unsere Studenten an. Obendrein laden wir jedes Jahr einen Gastprofessor zu uns ein, den Pegasus Physicians Visiting Professor. Zuletzt hat mein österreichischer Landsmann und Freund Paulus Hochgatterer bei uns vorgetragen. Worüber er gesprochen hat? Über das Geschichtenerzählen. Und warum das so wichtig ist.
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         <pubDate>Sun, 13 Dec 2015 16:58:40 +0100</pubDate>
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         <title>Nichts als Ebola</title>
         <description><![CDATA[    Thomas Rassinger, 35, arbeitet als Logistiker für Ärzte ohne Grenzen, derzeit in New York City, NY.<br /><br />Nachdem ich maturiert hatte, wusste ich lange nicht so recht, was ich mit meinem Leben machen will. Für eine Weile war ich Kassier in einer Bank. Einige Jahre habe ich als Shopmanager Handies verkauft. Als ich eines Tages erfuhr, dass Ärzte ohne Grenzen (MSF) Logistiker sucht, war klar: ich werde Logistiker. Ich habe in Wiener Neustadt Logistik und Supply Chain Management studiert und anschließend in <a href="http://www.aspr.peacecastle.eu">Schlaining</a> einen Master in Peace and Conflict Studies angehängt. Dann wurde ich <a href="http://www.aerzte-ohne-grenzen.at/hilfseinsaetze/derzeit-auf-einsatz/details/rassinger/">gleich rekrutiert</a>. 2008 war ich zum ersten Mal auf Einsatz, in Darfur im Nordsudan. Danach war ich in Uganda und Äthiopien, im Südsudan und in Pakistan im Feld.

Seit zwei Monaten beschäftigt mich nun nichts anderes als Ebola. Ich habe das Gefühl, dass ich tun muss, was immer ich kann, um da zu helfen. Diese Krankheit weckt Urängste, aber nur rationelles Verhalten der Menschen wird helfen, sie einzudämmen. Panik hilft gar nicht. Im September war ich vier Wochen lang als Projektkoordinator für MSF in Liberia. Ich habe Erfahrung, ich habe schon viel Leid gesehen, ich weiss, wie man sich auf unsicherem Terrain bewegt. Aber diese vier Wochen haben jeden Rahmen gesprengt. Bei MSF ist man es nicht gewohnt, eine Situation nicht in den Griff zu bekommen. Aber dieser Ebola-Ausbruch war anfangs einfach zu schnell und zu groß, um wirklich etwas bewirken zu können. Das alltägliche Leid zu beschreiben, fällt mir immer noch schwer. Anfangs hatten wir zu wenig Betten und mussten Ebola-Patienten abweisen. Zu wissen, dass ein Erkrankter seine Familie anstecken wird, wenn man ihn wegschickt, ist ein unerträglicher Gedanke - und doch konnte man nichts anderes tun. Trotz alledem ist es wichtig, dort zu sein, Zeuge zu sein und der Welt zu erzählen, was da passiert. Es verstört mich massiv, wenn ich jetzt als Human Ressource Officer für MSF in <a href="http://topics.nytimes.com/top/reference/timestopics/organizations/d/doctors_without_borders/index.html">New York</a> mitansehen muss, wie selbstbezogen und irrational die westliche Welt reagiert. So lange im fernen Afrika täglich Tausende sterben, wird das ignoriert. Aber kaum taucht ein Fall in unserer Welt auf, wird total überreagiert. Wir unterschätzen immer noch, wie eng die Welt heute vernetzt ist. Afrika zu ignorieren, ist nicht nur aus ethischen Gründen falsch, es ist auch dumm, weil es das Risiko für den Rest der Welt erhöht.

Richtigerweise müsste heute jeder Staat der Welt sein Möglichstes tun, um <a href="http://www.doctorswithoutborders.org/our-work/medical-issues/ebola">West-Afrika</a> zu unterstützen. Medien und Politik könnten ganz einfach transparent und rational agieren, anstatt billig Panikmache zu betreiben. Wenn man schon nicht bereit ist, im großen Rahmen Hilfe zu leisten, dann soll man zumindest jenen Menschen, die helfen, das Leben nicht zusätzlich schwer machen. In den USA erleben wir gerade, wie unsere Kollegen stigmatisiert werden. Manche trauen sich nicht mehr in die U-Bahn oder ins Kino aus Angst, als unverantwortlich gebrandmarkt zu werden, obwohl sie gar nicht ansteckend sind, wenn sie symptomfrei sind. Stellen Sie sich einmal vor, wie das ist: Sie sind über Wochen hinweg im Einsatz, erleben dabei nur Dramatisches, geben Tag für Tag Ihr absolutes Maximum  und dürfen während all dieser Zeit keinem anderen Menschen nahe sein. Dann kommen Sie völlig erschöpft und ausgelaugt zurück in Ihre Heimat und werden dort erst einmal 21 Tage lang in <a href="http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ebola-krankenschwester-kaci-hickox-beendet-eigenstaendig-quarantaene-a-1000250.html">Isolation</a> gehalten. Das ist unwürdig!
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         <pubDate>Tue, 11 Nov 2014 15:31:40 +0100</pubDate>
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