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	<title>European Cultural News</title>
	
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	<description>Kunst - Kultur - Politik - Kulinarium aus Europe</description>
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		<title>Kein einziger lehnte sich auf</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 12:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michaela Preiner</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die neue Produktion von Janez Janša zu besprechen macht nur dann Sinn, wenn man zulässt, anstelle der alleinigen Reproduktion des Gesehenen auch jene Assoziationen und Reflexionen zu beschreiben, die während...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5319" class="wp-caption aligncenter" style="width: 530px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/02/text_who_is_next.jpg"><img class="size-full wp-image-5319" title="text_who_is_next" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/02/text_who_is_next.jpg" alt="" width="520" height="372" /></a><p class="wp-caption-text">Who is next? (c)Matjaz Kenda</p></div>
<p>Die neue Produktion von Janez <span style="color: #0000ff;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span> zu besprechen macht nur dann Sinn, wenn man zulässt, anstelle der alleinigen Reproduktion des Gesehenen auch jene Assoziationen und Reflexionen zu beschreiben, die während und nach der Vorstellung aufkamen.</p>
<p>„Who is next?“ lautete der Titel des Abends, den der Performance- und Konzeptkünstler exemplarisch für das Geschehen nicht nur auf der Bühne einsetzte. Exemplarisch deshalb, weil hinter der einfachen Frage wer wohl der Nächste sei, ein viel größeres Gedankenkonstrukt steckt, wie das auch bei den einzelnen dargebotenen Szenen der Fall war. Janez <span style="color: #0000ff;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span></span> wurde 1970 als Davide Grassi in Italien geboren und nahm zugleich mit Žiga Kariž sowie Emil Hrvatin<span style="font-family: Times,serif;"><span style="font-size: x-small;">, </span></span>zwei Künstlerkollegen, im Jahr 2007 offiziell seinen jetzigen Namen an. Namensträger sind nun nicht nur die drei bereits Erwähnten, sondern auch Sloweniens Ministerpräsident, der übrigens am Tag vor der Österreichpremiere im Tanzquartier zum zweiten Mal in seinem Amt bestätigt worden war.</p>
<p>Der Politiker, dem ein hohes Aggressionspotential gegenüber der Opposition sowie völlige Humorlosigkeit im Umgang mit Kritik an seiner Person nachgesagt wird, findet sich seit der Zeit, als er plötzlich 3 Namensvettern bekam, nicht nur in Zusammenhang mit politischen Aktivitäten in der Öffentlichkeit wieder, sondern auch im zeitgenössischen Kunstkontext. Denn wann auch immer „Janez <span style="color: #0000ff;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span>“ nun Kunst produziert und diese öffentlich macht, erscheint sie in den Medien – und im Internet.</p>
<p>Die Aktion der Namensänderungen der drei Künstler erregte in Slowenien heftiges Aufsehen und Grassi – alias <span style="color: #0000ff;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span></span> – gilt nicht nur seit dieser Zeit über das Land hinaus als Enfant terrible in der Kunstszene. Und das wohl nicht zu Unrecht, denn seine Positionen sind nicht nur gegen sich selbst von Radikalität geprägt, sondern auch gegenüber seinem Publikum. Er verlangt nicht nur, dass es ihm auf seiner Reise durch unsere postmoderne Kapitalismusgesellschaft folgt, sondern noch viel mehr. Er verlangt, dass es selbst aktiv wird, und stellt sich dabei ganz wie nebenbei an die Seite von Stéphane Hessel. Allein mit dem Unterschied, dass Janez <span style="color: #0000ff;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span></span>s Aufruf zum Widerstand gegen das Establishment mit einer großen Portion Gewalt unterfüttert ist.</p>
<p>Das multimediale Ereignis – oder die Performance, wie der Künstler den Abend selbst nennt – beginnt mit der eindringlichen Aufforderung sich vorzustellen, wie es wäre, ein richtiges menschliches Schwein aufzulauern und so lange mit einer Brechstange auf dieses einzuschlagen, bis es geschunden am Boden liegt. Menschen, die sich dieses Szenario nicht wirklich vorstellen können, gibt er Peter Pan oder Pippi Langstrumpf an die Seite, um sich zumindest mit diesen Kämpfern für Recht und Freiheit solidarisieren zu können. Die kurz vor Vorstellungsbeginn auf den Bühnenboden aufgeschriebenen Namen des Publikums werden bald nicht nur mit Füßen getreten, sondern durch die Hinterteile von den Performern – insgesamt 3 Männer und 3 Frauen – teilweise weggewischt. Ein drastisches Bild, das auch durch die groteske „Choreographie“ dieser Aktion nicht gemildert wird.</p>
<p>Im Laufe des Abends folgten jedoch noch andere Themenkomplexe – wie z.B. die oftmalige Änderung des Passes aufgrund der unterschiedlichen Wohnorte von Jelena Rusjan quer durch die heutigen autonomen Länder des ehemaligen Jugoslawiens – grotesk durch einen kurzen, eingespielten Film beleuchtet; oder die Frage, ab wann man im Kulturbetrieb zu den ganz Großen gehört. Diese wurde ziemlich ernüchternd, wenngleich auch ganz simpel dargestellt. Dafür wurden 3 Kulturmacher gebeten, vor laufender Kamera so viele Künstlerinnen und Künstler wie nur möglich aus ihrem jeweiligen Spezialgebiet zu nennen. Schon nach wenigen Aufzählungen, nach wenigen Minuten, waren sie alle an ihrer Leistungsgrenze des Erinnerns angekommen. Der dadurch transportiere Eindruck, dass alleine schon das menschliche Aufnahmevermögen daran scheitert, wollte es unbegrenzt Namen aufzählen, machte klar, dass eine demokratische Verteilung der Kulturschaffenden in der Aufmerksamkeitsgunst des Publikums nicht mehr als ein Wunschtraum ist.</p>
<p>Die mehr oder weniger lose Reihenfolge unterschiedlicher Themenkreise wurde jäh unterbrochen. Ein wahres Anklagefeuerwerk prasselte auf die Zuseherinnen und Zuseher ein, im welchem Ungerechtigkeiten am laufenden Band aufgezählt und ihnen nichts anderes als Gewaltlosigkeit entgegengesetzt wurde. Ohne Unterlass wurden Gräueltaten aufgezählt, die sich von psychischen hin zu physischen Gewalttaten steigerten. Ganz nach dem Motto: Der Kluge gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Doch auch das Sprichwort in dem veranschaulicht wird, dass ein einziger Tropfen ein Fass zum Überlaufen bringt, kam im Anschluss zu seinem Recht. Denn nach all den Erniedrigungen, gegen die es keine adäquate Reaktion gab, um weiteres Übel endlich aufzuhalten, verwandelte sich die Bühne in ein Schlachtfeld. Zu Heavymetal-Klängen veranstalteten die Protagonistinnen und Protagonisten so etwas wie eine Revolution im Wasserglas, bei der mit Gegenständen herumgeworfen und Klopapierrollen sinnbildhaft als Explosionsmaterial eingesetzt wurden. Nun war der Damm gebrochen. Niemand mehr sicher vor dem nächsten Geschehen. Und doch blieb das Publikum in Wien ziemlich distanziert, denn niemand ließ sich darauf ein, von den Agitationsparolen, die gegen die Sitzreihen gebrüllt wurden, mitgerissen zu werden.</p>
<p>Das anschließende bzw. abschließende laute Zahlenzählen – von etwas über 300 beständig abwärts – wurde nach einigen Minuten schließlich von einem Teil des Publikums als Ende des Stückes erkannt und akklamiert. Und tatsächlich kam das Ensemble auf die Bühne um sich zu verbeugen – während einer von ihnen weiter mit dem Zählen beschäftigt war. Wer meinte, jetzt nach Hause gehen zu müssen – trug einen wahrlich anderen Schluss mit sich als all jene, die noch eine Zeitlang sitzen blieben.</p>
<p>Denn die nicht enden wollende Zählorgie machte plötzlich klar, dass es sich hierbei um ein Kräftemessen handelte. Um ein Kräftemessen mit dem verbliebenen Publikum. Ein Kräftemessen, das aber, immer zugunsten der Schauspieltruppe ausgehen würde – das wurde klar, nachdem einzelne Mitglieder begannen, sich nach ermüdenden Zählminuten abzuwechseln. Das Wiener Publikum blieb – das sollte hier ehrenhalber erwähnt werden – sehr standhaft und verabschiedete sich erst, nachdem der dritte Schauspieler bei der Zahl 1000 angekommen war.</p>
<p>Die Aussage dieser letzten Aktion war mehr als klar. Hier hatte also eine kleine, mächtige Gruppe gegenüber der großen, anonymen ihren Sieg davon getragen. Eine unter die Haut gehende Metapher, denkt man dabei an reelle politische Machtstrukturen. Obwohl es nicht schwer gewesen wäre, diesem Treiben mit einer simplen Gegenaktion ein Ende zu setzen, war an diesem Abend niemand aus dem Publikum dazu in der Lage.</p>
<p>Und so stellt sich die Frage: Wer von uns, die wir an diesem Abend an diesem Spektakel teilgenommen haben, wer von uns ist in der Lage, im „real life“ einer machttrunkenen Autorität etwas entgegenzusetzen, wenn wir es schon nicht an diesem Abend taten? Die Hoffnung besteht dennoch, denn die Motivation sich gegen Ungerechtigkeiten in einer demokratischen Struktur aufzulehnen ist ja hoffentlich doch eine andere, als dem Bühnen-Janez <span style="color: #0000ff;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span> die Stirn bieten zu wollen.</p>
<p>Eine Produktion, deren Nachhaltigkeit darin besteht, dass sie durch ihren multidimensionalen Kunstansatz zum Denken auffordert und nicht im Angebot des reinen Kulturkonsums stecken bleibt.</p>
<p>Janez <span style="color: #0000ff;"><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Janez_Jan%C5%A1a_%28artist%29"><span style="color: #00000a;">Janša</span></a></span> wird sicherlich noch oft in die Schlagzeilen kommen!<br />
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		<title>Wir marschieren schön in 2er Reihen! Das meine ich ernst!</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 09:38:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5308" class="wp-caption alignleft" style="width: 252px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_Schubert2_03_Zeleny_Rehm_Schlatte.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-5308  " style="margin: 0px 4px 0px 2px;" title="text_Schubert2_03_Zeleny_Rehm_Schlatte" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_Schubert2_03_Zeleny_Rehm_Schlatte.jpg" alt="" width="242" height="340" /></a><p class="wp-caption-text">Schubert Teil 2: Wohin ? v.l.n.r Sebastian Zeleny, Johanna Elisabeth Rehm, Martin Schlatte (c) Schauspielhaus</p></div>
<p>(Beinahe) folgsam formierte sich nach dieser unmissverständlichen Aufforderung eines jungen Schauspielers am Premierenabend von „Schubert – eine Winterwanderung, Teil 2, ein kleines Häufchen Publikum in der Porzellangasse vor dem Schauspielhaus. Begleitet von einigen AssistentInnen des Theaters, die mit Nachtwächterlaternchen ausgestattet waren, ging es dann – überhaupt nicht im gewollten 2er-Reihen-Gänsemarsch &#8211; zum nahe gelegenen Ziel – in das Erich-Fried-Realgymnasium. Die Besucherinnen und Besucher des Schauspielhauses sind eben, das wurde schnell klar, nicht wirklich gut zu disziplinieren! Dort, wo zu Schuberts Zeiten einst Äcker und Felder waren und sich heute besagte Schule befindet, fädelten sich die werten Damen und Herren dann jedoch ganz brav in die eng aneinandergestellte Schulbankreihen des Musikzimmers. Und erlebten dabei unwillkürlich das Aufkommen von Erinnerungen an die eigene Schulzeit, die sich emotional wahrscheinlich nicht wesentlich von jener Schuberts unterschieden hat. Zwar ist der militärische Drill, den das heranreifende Genie erleiden musste, subtileren Dressurmethoden gewichen. Das Eintrichtern von Wissen jeglicher Art war und ist bis auf den heutigen Tag dennoch mit vielerlei Nadelstichen versehen, die so manche junge Seele tief verletzen.</p>
<p>Und genauso, wie eine ordentliche Schulstunde, behandelte Regisseur Gernot Grünewald das Thema rund um Schuberts Schuljahre im k.k. Stadtkonvikt, sowie seine anschließende Not als angehender Schulmeister mit den Kindern in der Schule seines Vaters, in der er unter allen Umständen dessen Nachfolger werden sollte &#8211; in 45 Minuten.</p>
<p>Die Entscheidung, mit aufkaschierten historischen Portraits aus der Zeit des Komponisten, die Gesichter der Protagonistinnen und Protagonisten teilweise zu verhüllen, hatte etwas von einer kindlichen Attitüde – aber schließlich saß man ja auch in einer Schulstunde! Und so kippte das Geschehen permanent zwischen Schulaufführung und professionellem Off-Theater. Eine Gratwanderung, die nicht nur plausibel erschien, sondern auch funktionierte.</p>
<p>Haeki Min am Klavier und der voluminöse, satte Bassbariton von Ben Connor trugen viel dazu bei, die jeweiligen Stimmungen musikalisch einzufärben. Dass sie zugleich auch zeigten, dass Schubert einmal – wie er es selbst gehofft hatte – weit über seinen Einflussbereich am Alsergrund hinaus wahrgenommen werden würde war – wenn beabsichtigt – ein cleverer Regieeinfall. „Erst durch die Interpretation dieser beiden, nicht aus Wien Stammenden, habe ich begriffen, dass Schuberts Melancholie und seine Todessehnsucht von Menschen auf der ganzen Welt verstanden und nachempfunden werden kann“, hörte ich eine Dame aus dem Publikum nach der Aufführung sagen, die selbst in Schuberts Heimatbezirk aufgewachsen war.</p>
<p>Was an Bühnenbild fehlte, wurde mit dem Auflegen von Overhead-Folien wettgemacht. Auf ihnen war nicht nur die „Schubertkirche“ (Pfarrkirche Lichtental) zu sehen, sondern mit ihnen zauberte Johanna Elisabeth Rehm, wie schon im 1. Teil vor allem in ihrer Fragilität berührend, auch winterliches Flair in den Klassenraum. Dazu genügte allein das Aufstreuen von Kokosflocken auf die Projektionsfläche und im Nu war das Knirschen des Schnees in einer kalten Winternacht spürbar. Sie verkörperte sowohl Schuberts Mutter als auch seine erste, große Liebe und hatte, auch Dank der ausgeklügelten Regie, keinerlei Mühe damit.</p>
<p>Es war aber nicht allein die intelligente Inszenierung, welche zu beeindrucken imstande war. Am stärksten lebte die Aufführung von den zur Schau getragenen Emotionen Schuberts – allen voran jenen, die er erlitt, als er sich von seiner Mutter trennen musste, um Zögling im Konvikt zu werden. Der Knabe Simon Fischerauer bohrte sich mit seiner Performance ganz tief in die Herzen, als er wieder und wieder von seinem Vater schroff abgewiesen und weggestoßen wurde, während er in seinem rasenden, kindlichen Schmerz nach seiner Mutter rief und an ihrer statt vergeblich bei seinem Vater Liebe und Geborgenheit suchte. Mit seiner glasklaren Sängerknabenstimme durfte er schon zuvor das Heideröslein wiedergeben und dann im Anschluss zeigen, dass in ihm auch ein großes schauspielerisches Talent angelegt ist.  Martin Schlatte hingegen durfte die Zerrissenheit des jungen Schubert vermitteln, der unter dem Tod seiner Mutter und das Einsetzen des Stimmbruches im selben Jahr seine bisherige Existenz in Scherben geborsten sah. Die übermenschliche Produktivität des Jahres 1815, in welcher Schubert mehr als 100 Lieder komponierte, übergoss sich förmlich auch aufs Publikum. Unterlegt mit extrem nervendem Kindergeschrei &#8211; wer einmal in einem Pausenhof von Erstklässlern Aufsicht hatte, weiß &#8220;ein Lied davon zu singen&#8221;, fetzte Schlatte ein Notenblatt nach dem anderen vom Schreibtisch, immer mit der flehenden Bitte um mehr Papier &#8211; die in der Schubertkorrespondenz getreulich nachzulesen ist. Eine eindrucksvolle Interpretation des Geniebegriffes, die klar machte, dass es für ihn keinerlei Alternativen geben konnte, ja mehr noch, dass man heute vielleicht von Obsessionen sprechen würde, die es unter allen Umständen zu heilen gelte!</p>
<p>Auffallend war, dass die Inszenierung mit Farben geizte. Nicht nur die Projektionen waren in Schwarz-Weiß gehalten, sondern auch sämtliche Kostüme, was das Geschehen in einen ganz bestimmten Bedeutungshof verankerte. Man konnte sich leicht die erklärende Stimme des Regisseurs dazu vorstellen: „Das, was hier gezeigt wird, das was ihr gerade seht, ist Historie; ja mehr noch: Ist etwas, woran man sich nur durch die Überlieferung erinnert, was in einem selbst als bildhafte Gedanken zum Leben Schuberts. Und gerade diese Erinnerungen sind bei den meisten Menschen nicht bunt angefärbelt.“ Eine Ideenumsetzung, die in diesem Kontext sehr stimmig wirkte.</p>
<p>Hannes Prendl und Sebastian Zeleny durften auch dieses Mal, wie schon im ersten Teil des Schubertzyklus, in verschiedene Rollen schlüpfen, und darin überzeugen. Bei der Verbeugung des gesamten Teams – und dies bei langanhaltendem Applaus – konnte man feststellen, dass nicht nur ergraute Theaterhasen interessante Abende gestalten können. Vielmehr bezauberte hier die Jugend, deren Enthusiasmus, Lebenslust aber auch Können beglückend wirkten.<br />
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 14:03:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Pilot: Der Doppelgänger</strong></p>
<p>Schön ist sie wahrlich, die so oft besungene Müllerin aus <a title="Schuberts" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Schubert">Schuberts</a> Liederzyklus. Unbefangen tritt sie vor den Vorhang und präsentiert mit einer Gurke und einem Rettich ein kleines Kasperltheater. <a title="Franziska Weisz" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Weisz">Franziska Weisz</a>, von der Regisseurin <a title="Carina Riedl" href="http://www.garage-x.at/portal/index.php%3Foption%3Dcom_flexicontent%26view%3Ditems%26cid%3D44:garage-kuenstler-detail%26id%3D471:vorlage-detail">Carina Riedl</a> ans <a title="Schauspielhaus Wien" href="http://www.schauspielhaus.at" target="_blank">Schauspielhaus Wien</a> geholt, verkörpert an diesem Abend nicht nur das Objekt der Liebesbegierde, sondern auch eine Conferoncière, die durch ihre Fragen wie nebenbei den Handlungsstrang der Aufführung vorantreibt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_5290" class="wp-caption aligncenter" style="width: 550px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_SchubertPilot_04_Belakowitsch_Rehm_Pendl_Zeleny_Weisz.jpg"><img class="size-full wp-image-5290" title="SchubertPilot_04_Belakowitsch_Rehm_Pendl_Zeleny_Weisz" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_SchubertPilot_04_Belakowitsch_Rehm_Pendl_Zeleny_Weisz.jpg" alt="Schubert am Schauspielhaus in Wien (c)Schauspielhaus Wien" width="540" height="360" /></a><p class="wp-caption-text">v.l.n.r Erwin Belakowitsch, Johanna Rehm, Hannes Pendl, Sebastian Zeleny, Franziska Weisz (c)Schauspielhaus Wien</p></div>
<p>Die in rosarot und hellgrün gestrichenen Bretterwände, ganz im heimeligen Streifenmuster gehalten, verbreiten <a title="Biedermeierfeeling" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier">Biedermeierfeeling</a>. Die lose verteilten Säcke verweisen unverkennbar auf den Liedzyklus der „<a title="Die Schöne Müllerin bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_sch%C3%B6ne_M%C3%BCllerin" target="_blank">Schönen Müllerin</a>“ und am Klavier sitzt ein junger Pianist der scheu dem Publikum zugewandt erklärt „Man hat mir gesagt, ich sei Schubert“. Die Lacher er hat prompt auf seiner Seite – und deren kommen noch mehr, so wie auch jene Momente, in welchem die Tragik des Lebens zu Schuberts Zeiten einem wahrlich im Halse stecken bleibt. <a title="Stephen Delaney" href="http://www.youtube.com/watch%3Fv%3DwlnQRbrgPm0">Stephen Delaney</a>, der als Schubert Klavier spielen darf, bleibt aber nicht allein in seiner Rolle. Ganz doppelgängermäßig oder wie <a title="Richard David Precht" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_David_Precht">Richard David Precht</a>, Deutschlands derzeitiger Kuschelphilosoph zum Angreifen, einen seiner jüngsten Bestseller betitelte „<a title="Wer bin ich und wenn ja wie viele" href="http://www.amazon.de/Wer-bin-ich-viele-philosophische/dp/3442311438">Wer bin ich und wenn ja wie viele?</a>“, gesellen sich zu Delaney noch <a title="Hannes Pendl" href="http://www.maxreinhardtseminar.at/mrs.php%3FSel%3D11223">Hannes Pendl</a>, <a title="Johanna Elisabeth Rehm" href="http://www.schauspielhaus.at/jart/prj3/schauspielhaus/main.jart%3Frel%3Dde%26reserve-mode%3Dactive%26content-id%3D1188466708010%26personen_id%3D1314909025970">Johanna Elisabeth Rehm</a> und <a title="Sebastian Zeleny" href="http://www.buehnen-graz.com/schauspielhaus/ensemble/ensemble.php%3Fbereich%3D77%26id%3D2123">Sebastian Zeleny</a>. Und alle dürfen sich rühmen, in diesem Stück „den Schubert“ zu spielen.</p>
<p>Was auf den ersten Blick kompliziert klingt, ist es ganz und gar nicht. Die kleine, allseits bekannte, runde, Schubert´sche Nickelbrille wandert kurzerhand von einem zum anderen um zu verdeutlichen, wer von ihnen nun gerade welche Schubert´sche Befindlichkeit oder Idee zum Besten gibt. Mit diesem kleinen Regietrick wird bald klar: Schubert gibt oder gab es – zumindest in der Rezeption, aber wahrscheinlich auch in seiner Person vereinigt – viele. Verängstigt als Kind, das viele Geschwister sterben gesehen hat und in der Vertonung des Erlkönigs später einmal eine ganz persönliche Betroffenheit verspürt haben muss; erniedrigt vom Vater, der in ihm die Nachfolge seiner Schulmeisterei sah; als Außenseiter, der sich nirgends beheimatet fühlt; als Glücksuchender, der meint, man habe ihm posthum alles Glück aus seinem Leben gestrichen; als vermeintlich Homosexueller oder bis über beide Ohren in ein Mädchen Verliebter; als Unterhaltungs-Schani, der überall dort spielte, wo er hingerufen wurde; die Rollen sind wahrlich so vielfältig, dass die Aufteilung auf mehrere Personen auf der Hand liegt.</p>
<p>Dass die Umsetzung der Idee so meisterhaft gelingt, liegt aber – wie sollte es auch anders sein – an den spielenden Personen. Und wie sie spielen! Hannes Pendl und Sebastian Zeleny sprühen nur so vor Spielfreude und reißen das Publikum in ihrem Energiefluss unaufhaltsam mit. Johanna Elisabeth Rehm verkörpert im Gegensatz dazu schon optisch vielmehr die Zerbrechlichkeit des jungen Komponisten und <a title="Erwin Belakowitsch" href="http://www.erwin-belakowitsch.com/">Erwin Belakowitsch</a> kehrt in dieser Rolle zurück nach Wien, wo er seine Ausbildung als Bariton absolvierte. Dass er gemeinsam mit Stephen Delaney „Die schöne Müllerin“ als CD eingespielt hat, war wohl der Grund ihrer beider Verwendung bei dieser Produktion, wobei hinzugefügt werden MUSS: Liederabende sah und hörte ich schon viele, aber ich entdeckte noch bei keinem Sänger eine derart komödiantische Ader wie bei Belakowitsch. Sein Mienenspiel ist seiner Stimme ebenbürtig, die geschmeidig und klar, zärtlich und schlank all jene Emotionen transportieren kann, die Schuberts Liedern eingeschrieben sind. Fast möchte man ihn als singenden Schauspieler rühmen und nicht als schauspielenden Sänger. Eine meisterliche Besetzung!</p>
<p>Neben den Schauspielerinnen und Schauspielern ist es aber vor allem Carina Riedls Geschick, scheinbar mühelos zu transportieren, was in hunderten von Geschichtsbüchern nicht möglich ist: Die Ängste und Freuden einer Zeit, die gebeutelt war von Unterdrückung, Krieg und Hunger, in der die Menschen aber wie in jeder anderen Zeit auch, sich nach Freude und Glück sehnten. Ganz nah schiebt sie das Publikum ans emotionale Geschehen und schafft dabei noch das Kunststück, Schuberts Genie als unerklärlich stehen zu lassen, wenn nach der beeindruckenden Leiderfahrung der Geschwister Tod ein Teil des Impromptu Nr. 3 in G-Dur Opusnummer 90 erklingt. Unweigerlich stellt sie damit etwas zur Debatte, das heute gerne allenthalben totgeredet wird: Das Genie eines Künstlers und gibt dabei eine große Denksportaufgabe mit auf den Weg.</p>
<p>Noch einmal ist Carina Riedl mit der Regie anlässlich dieses Schubertzyklus betraut. Nämlich am 19.1. und man darf schon mehr als gespannt sein, ob sie die mit „Morgengruß“ übertitelte Vorstellung als Fortsetzung, oder Bruch zu ihrem „Doppelgänger“ anlegt.</p>
<p>Weitere Informationen zum Schubert-Zyklus im Schauspielhaus Wien: <a title="Schubert - Eine Winterwanderung in 5 Folgen con da capo !" href="http://www.schauspielhaus.at/jart/prj3/schauspielhaus/main.jart?rel=de&amp;j-dummy=active&amp;content-id=1188466708002&amp;produktionen_id=1314109705605&amp;reserve-mode=active" target="_blank">Schauspielhaus Wien &#8211; Schubert-Zyklus</a><br />
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 14:45:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="norton.commander.productions" href="http://www.nc-productions.com/">norton.commander.productions</a> mit „X Gebote“ im <a title="WUK" href="http://www.wuk.at/">WUK</a></p>
<div id="attachment_5284" class="wp-caption aligncenter" style="width: 550px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_xgebote.jpg"><img class="size-full wp-image-5284" title="text_xgebote" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2012/01/text_xgebote.jpg" alt="X Gebote - norton.commander.productions im WUK in Wien" width="540" height="360" /></a><p class="wp-caption-text">X Gebote - norton.commander.productions im WUK in Wien (c) norton.commander.productions</p></div>
<p>Wenn man alt wird, verwandelt man sich wieder zum Kind. Man beschäftigt sich mit Kinderspielen und trägt Windelhosen und vergisst, was einem das Leben einst bedeutete. Man kehrt zurück in jene Zeit, in der das Spiel einzige Lebensaufgabe und einziger Lebenssinn war – und wenn diese auch nur darin bestanden Gummi-Tierchen aufzublasen. Genau diese Vorstellung visualisiert das erste Bild von „<a title="X Gebote" href="http://www.religionsfrei-im-revier.de/wp-content/uploads/2011/12/newsletterXgebote.pdf">X Gebote</a>“, einer Produktion der norton.commander.productions, die derzeit auf einer kleinen Tour in Deutschland und Österreich zu sehen ist.</p>
<p>Zu Beginn des Geschehens sind 4 Männer, einzig mit Geriatriewindeln bekleidet, auf der Bühne damit beschäftigt, sich eine Spielwelt zu erschaffen, in der es von aufblasbaren Plastiktierchen nur so wimmelt. Bis es aber soweit ist, müssen einige Hürden überwunden werden. Zuallerst jene des eigenen, begrenzten Atemvolumens.<br />
Kläglich mühen sie sich an 4 kleinen, grünen Luftwürstchen ab – weit ist es also nicht her mit Gottes Odem – bis schließlich – der technischen Evolution sei Dank – vier Kompressoren angeworfen werden dürfen. Diese pumpen in kurzer Zeit rasch genügend CO2 in die bunte, artifizielle Tierschar, in der es sich offenbar lustiger leben lässt als zuvor.</p>
<p>Der Titel „X Gebote“ und die Vorankündigung , dass es sich an diesem Abend um die Aufarbeitung und Neufassung von 3 Geboten, der allseits bekannten 10 christlichen, geht, lassen jedoch beim Publikum nicht wirklich Humor aufkommen. Da muss doch noch ein tieferer Sinn hinter dem Ganzen stecken? Warum nur komme ich nicht dahinter? Dies oder so Ähnliches mag sich bei der oder dem ein oder anderen im Kopf abgespielt haben, denn, obwohl die Absurdität des Geschehens über lange Strecken nicht zu überbieten ist, entkommt nur wenigen im Publikum ein leises Kichern. Welcher Lust-Hemmschuh kann sozial erwünschtes Verhalten doch sein! Diejenigen aber, die sich auch abseits eines Theaterabends einlassen auf das Spiel das da heißt, „Nimm die Realität nicht ernst, sie holt dich ja doch ein“, kommen an diesem Abend voll auf ihre Kosten.</p>
<p>Die Erkenntnis, von der wir alle wissen, dass sie ein Abkömmling jenes Baumes ist, dessen Früchte Adam und Eva untersagt waren zu essen, folgt rasch. Beigesteuert von der Projektion des Gemäldes „Paradies“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1530. Aufgemerkt in der Fassung der Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in welchem – ganz im Gegensatz zu jenem Bild im KHM in Wien &#8211; eine Unzahl an Getier kreucht und fleucht. Ganz so wie auf der Bühne. Hirsche, Rehe, Löwen und Schafe, Pferde und – Flamingos &#8211; sind dort wie da zu sehen – wobei – das mit den Flamingos, das ist eine künstlerische Freiheit, die sich das Ensemble nimmt, wohl in der Ermangelung jener Reiher, die Cranach auf seinem Gemälde verewigte. Aber um eine detailgetreue Darstellung geht es ja wahrlich nicht. Vielmehr wohl darum zu zeigen, auf welchem Mythos unser westlicher Wertekanon aufgebaut ist und welche Bilder dazu beitrugen, unsere Vorstellung vom Paradies und vom „Goldenen Zeitalter“ zu formen. Schwupps &#8211; schon hält uns Ikonographie und Ikonologie in trauter Umarmung. Wohlig in sie eingekuschelt, umso mehr wenn man kunsthistorisch ein wenig verbildet ist, darf man sich einlassen auf ein Ratespiel. Ein Ratespiel, in welchem man gegen die Dramaturgie antritt und brav Punkte sammeln darf. Eine Pose gedeutet, eine Requisite erkannt, ein versteckter Hinweis in kulturgeschichtlichen Kontext gebracht – und schon hat man 100 Punkte erspielt. Schade und zu dumm nur, dass die nebenan Sitzenden vom persönlichen Bildungsniveau gar nichts mitbekommen! Schön, dass uns dabei die eingefrorenen Posen der Protagonisten Adam und Eva samt Engel mit Schwert und listiger Schlange auf die Sprünge helfen. Und das alles im „Theater ohne Worte“ – oder ist dies nicht unter dem Begriff Performance längst bekannt?</p>
<p>Egal, kaum glaubt man das „Spiel“ verstanden zu haben, wechselt das Geschehen von der Bühne auf die dahinter angebrachte Leinwand und weicht dem Medium Film.<br />
Gott Vater erscheint nun als ein in weiße Ausgehuniform gekleideter, ergrauter Oberst (<a title="Hermann Beyer" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Beyer_(Schauspieler)">Hermann Beyer</a>) – oder ist er gar General?, der alle Hände voll zu tun hat, seine unorganisierte Truppe auf Linie zu bringen. Brüllend müht er sich ab, ihr die Richtlinien und Gesetze der christlichen Dogmen einzubläuen und dies mit all jenen militärischen Finessen, die da wären: Erniedrigen, demütigen und schinden. Anfangs laufen Matthäus, Jakobus, Bartholomäus, Simon, Philippus und Judas noch brav im Ertüchtigungsschritt hintereinander durch das leere Parkhaus, fröhlich eine Kinder-Gotteslobpreisung singend, auf dass sie sich einstimmen mögen in das, was sie schließlich in die Welt hinaustragen sollen. Wobei die Fronten hier schon aufbrechen, denn Jakobus – (<a title="Angie Reed" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Angie_Reed">Angie Reed</a> mit aufgeklebtem Bart) wird kurzerhand von ihrem „Herrn“ zu Maria Magdalena umtituliert, was widerwillig zur Kenntnis genommen wird. Womit Gott Vater aber nicht gerechnet hat ist, dass rund 2000 Jahre nach der Ideenimplementierung des christlichen Glaubens die Menschheit sich doch erdreistet, gegen ihn uns seine vermeintliche Wahrheit aufzumucken. Irm Hermann, in der Rolle der gestrengen Psychotherapeutin wird zur Geburtshelferin jenes freien Denkens, welches gegen den „allmächtigen Vater“ revoltiert. Und doch ist es zum Schluss sie, die allen die Frage stellt „wird er euch nicht abgehen?“ Und schon ist sie geschehen jene Todsünde, die da heißt: Du sollst nicht töten. Denn schon hat er sich in Luft aufgelöst, jener Gott, der sich selbst gar nicht vorstellen konnte, jemals getötet zu werden. Die Erleichterung von seiner Knechtschaft wird nur durch die Absenz dessen getrübt, was einst dazu diente, alle Mühe und Plage auf dieser Welt im Hinblick auf eine bessere himmlische Zukunft zu ertragen – und sei es auch nur für wenige Momente im betroffenen Gesichtsausdruck der Therapeutin.</p>
<p>Soweit, so gut – das erste der drei an diesem Abend thematisierten Gebote wurde abgehandelt. Was kommt jetzt?„Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben“ und „Du sollst nicht stehlen“ – wird in den zweiten Teil nach der Pause verlegt. Und da ganz pragmatisch und doch lustvoll zugleich behandelt. Pragmatisch, weil es keiner weiteren Erklärungen bedarf außer eines einzigen Songs, der weltweit zu den Ikonen der Popgeschichte gehört: John Lennons „Imagine“ und lustvoll, weil er in einer ganzen Reihe von Neuinterpretationen zu Gehör gebracht wird. Nun zeigen Angie Reed und die männlichen Interpreten, was musikalisch in ihnen steckt. Ganz wie weiland Otto Waalkes gehen sie daran, mit immer demselben Text eine musikalische Stilrichtung nach der anderen abzuhandeln. Vom Choral über ein Blockflötenseptett, vom Sing-a-Song-Writer- über eine Heavy-Metal-Version wird nichts ausgelassen, was die Menschen auf unserem Globus derzeit musikalisch beglückt. Und immer ist es der groß gewachsene Nikolaus Woernle, auch er ganz in weiß gewandet, der den Ton angibt. Ihm sind sie alle ergeben, blicken auf zu ihrem Idol und machen klar, dass er nun drauf und dran ist jenen zu ersetzen, den man doch erst kurz zuvor für tot erklärte. So schnell wechselt der Thron im Götterhimmel und so rasch haben wir damit gleichzeitig ein weiteres Gebot gebrochen. Dagegen nimmt sich das Gebot nicht zu stehlen gar nicht mehr so tragisch aus, hat es doch längst mit „Copy &amp; paste“ nicht nur in das Musikbusiness Einzug gehalten, sondern kann auch, wie Karl Theodor zu Guttenberg und andere gezeigt haben, zu wissenschaftlichen Weihen führen. Wie schön ist es aber doch, wieder an etwas zu glauben! An eine vereinte Welt, in der es keinen Himmel aber auch keine Hölle gibt, die aber zumindest noch einen Anführer hat. Auch wenn der mehrmals erschossen wird. Macht nichts, im nächsten Moment steht er wieder da – bewundernswert wie eh und je.</p>
<p>Was die zehn Gebote selbst betrifft ist festzustellen: Noch können wir auf diese offensichtlich nicht verzichten, ob Gott sich nun verabschiedet hat oder nicht. Das ist es wohl, was <a title="Harriet Maria" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Norton.commander.productions">Harriet Maria</a> und <a title="Peter Meining" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Norton.commander.productions">Peter Meining</a>, verantwortlich für Regie, Buch, Bühne und Film uns vermitteln möchten. Ganz subtil mit ihrem spielerischen und multimedialen Ansatzes, dem „Gott sei Dank“ der Holzhammer fehlt.</p>
<p>In weiteren Rollen: Otmar Wagner, Gregor Biermann, Ole Wulfers, Mark Boombastik, Jörn Burmester, Nikolaus Woernle sowie das Kind Noel Lode.<br />
Das 11. Gebot steht jedenfalls fest: Du sollst „X Gebote“ Teil 2 ansehen.<br />
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 08:15:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michaela Preiner</dc:creator>
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<p>Jeder von uns kennt sie, aber nur wenige kennen den entsprechenden Begriff dafür. Wikipedia sei Dank, gibt es eine rasch zu findende Erklärung.</p>
<p>„Als Homonym bezeichnet man ein Wort, das für verschiedene Begriffe oder unterschiedliche Einzeldinge steht&#8230;Ein Beispiel ist das Wort „Tau“, das ein Seil, einen morgendlichen Niederschlag oder den 19. Buchstaben des griechischen Alphabets bedeuten kann.“ Liest man weiter, so findet man allerlei Homonyme, aber eines nicht: Sehnen und sehnen.</p>
<p>Dieses war jedoch als Titel der neuen Choreographie von <a title="Paul Wenninger" href="http://www.kabinettadco.at/about/paul-wenninger/">Paul Wenninger</a> vorangestellt und von ihm in seiner ersten Assoziation sogleich den körperlichen Sehnen zugeschrieben worden. Erst aus der Idee heraus, dass eine Information im Körper selbst an Sehnen weitergeleitet wird, um diese in Aktion zu setzen – um zum Beispiel mit der Hand nach einem Wasserglas zu greifen – entwickelte sich das Konzept des Abends. Doch um das Gefühl des Sehnens mit jenen in Verbindung zu bringen, die in unserem Körper für unsere reibungslose Motorik mitverantwortlich sind, bedurfte es noch eines weiteren Gedankenschrittes. Wenn man sich nach etwas sehnt, so ist das, wonach man sich sehnt, auch in einem gewissen Abstand zu einem selbst vorhanden – also muss, um das Sehnen zu minimieren, auch hier eine gewisse Distanz überwunden werden. Und diese Überlegung führte zum Ausgangspunkt der Tanzarbeit, die im Tanzquartier Wien zur Aufführung gelangte.</p>
<p><a title="Kabinett ad Co" href="http://www.kabinettadco.at/">Kabinett ad Co</a>. bestehend aus <a title="Adriana Cubides" href="http://www.side-by-side.net/de/nominee/35/name/Adriana%2BCubides">Adriana Cubides</a>, <a title="Raúl Maia" href="http://en-gb.facebook.com/people/Raul-Maia/782884088">Raúl Maia</a>, <a title="Rotraud Kern" href="http://de-de.facebook.com/people/Rotraud-Kern/646389953">Rotraud Kern</a> und Paul Wenninger selbst, agierten permanent zu viert auf der Bühne, die von einem weißen, erleuchteten Rechteck am Boden markiert worden war. <a title="Leo Schatzl" href="http://www.basis-wien.at/db/cgi-bin/browse.pl%3Ft%3Dfipo.tpl%26fipoid%3D15521">Leo Schatzl</a>, der schon des Öfteren mit Wenninger zusammengearbeitet hat, schuf eine Lichtinstallation, die sich während des Abends teilweise kaum wahrnehmbar veränderte und dennoch für Aufmerksamkeit sorgte. Er markierte damit keine klar definierten Räume, vielmehr ließ seine Arbeit dem Publikum Platz für eigene Spekulationen. <a title="Peter Jakober" href="http://www.peterjakober.com/">Peter Jakober</a> und Tiziana Beroncini agierten sowohl am PC als auch an der elektrisch verstärkten Geige neben dem Geschehen direkt auf der Bühne und beeinflussten dieses durch ihre Musik maßgeblich. „Noise-Klänge“, zuvor von Beroncini an ihrem Instrument erzeugt und hundertfach elektronisch übereinander gelegt, kontrastierten zu einem stillen Part und beeinflussten die Bewegungsmuster sichtbar. Frozen human sculptures markierten das erste Drittel der Vorstellung und hinterließen den Eindruck, dass man einer fragmentarischen Handlung beiwohnte, ohne diese jedoch weiter deuten zu können. Die Zunahme der akustischen Dramatik brachte dann im zweiten Drittel auch eine Zunahme an zusammenhängenden Bewegungen, welche eine Lesbarkeit des Geschehens ermöglichte. Nun waren es nicht mehr die einzelnen Personen, sondern vielmehr die Interaktionen zwischen diesen, aus denen man ganz salopp gesprochen, eine Beziehungskiste erahnen konnte, wie sie so häufig im Leben zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Attraktion und Verletzung zu finden ist. Plötzlich wurden Bewegungen, die im ersten Teil noch abstrakt gewirkt hatten, mit Bedeutungen hinterlegt – und das, obwohl Wenninger gar keine Geschichte erzählen wollte.</p>
<p>Tatsächlich aber musste er zumindest mit diesem Versuch, in der Abstraktion zu bleiben, an der <a title="Wahrnehmungspsychologie" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmungspsychologie" target="_blank">Wahrnehmungspsychologie</a> und den Zuschauern scheitern. Im anschließenden Künstlergespräch wurde mehr als deutlich, dass es für den modernen Tanz fast unmöglich ist, sich seiner narrativen Wurzeln zu entledigen. Allein durch die zeitlichen Abläufe von Bewegungen, auch wenn diese extrem verlangsamt ausgeführt werden, entsteht eine Abfolge von Bildern, die der Mensch ganz automatisch in eine sinnvolle Reihenfolge und eine lineare Geschichte verwandeln will. Diesem in der Gestaltpsychologie längst bekanntem Phänomen konnten sich die Tänzerinnen und Tänzer sowie der Choreograph nicht entziehen.</p>
<p>Alleine, dass sich der Choreograph für zwei Tanzpaare entschieden hatte, die sich auch im Privaten sehr gut kennen, lud dazu ein, dass sich im Stück Eigendynamiken entwickelten, die in der <a title="Kybernetik" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kybernetik" target="_blank">Kybernetik</a> und <a title="Kommunikationspsychologie " href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation_(Psychologie)">Kommunikationspsychologie </a>längst bekannt und gut erforscht sind. Diese Aspekte der Interaktion und der Rückkoppelungen waren von Wenninger in der Konzeption des Stückes nicht in letzter Konsequenz mit gedacht worden. Diese nicht oder zumindest unzulängliche Berücksichtigung der philosophischen und psychologischen Erkenntnisse der letzten 40 Jahre führte relativ schnell zu Missverständnissen und nicht beabsichtigten oder gar nicht erwünschten Effekten, wie es zumindest Wenninger im anschließenden Künstlergespräch erklärte. Allerdings hat er ohne es zu wollen, unbewusst und unreflektiert aufgezeigt, dass jeder Einzelne bei der Rezeption eines solches Stückes von den eigenen Erwartungen und der persönlichen Geschichte geprägt ist und deren Wirkungen eben auch auf die individuelle Interpretation Rückwirkungen entfalten. Gerade unter diesem Licht betrachtet bot das Stück, ganz am Puls der Zeit, die Möglichkeit, über eigene Beziehungen nachzudenken. Dem Ensemble ist es gelungen, einen Metaraum der Sehnsüchte und Beziehungen zu gestalten, der von allen Besucherinnen und Besuchern mit der eigenen Lebensgeschichte gefüllt werden konnte. Gerade unter Berücksichtigung der <a title="postmodernen Theorie" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne">postmodernen Theorie</a> ist diese Leistung eine der schwierigsten und wünschenswertesten überhaupt. Die Bühne war an diesem Abend ein Ort, an dem ein narrativer Freiraum gestaltet wurde, ohne dass dabei eine aus sich heraus verstehbare oder gar fest konzipierte Geschichte erzählt wurde. Bekömmlich, weil belebend für die einen, hartes Brot aber für jene, die vor einer Veranstaltung lieber ihre Denkfähigkeit bei der Garderobe mit abgeben.<br />
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		<title>Das Selbst ist ein herrliches Geheimnis</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 11:06:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Selbst ist ein herrliches Geheimnis hinter tausend einem Elend und niemals darstellbar &#8230; Mit diesem Satz begann der Abend „Verrückung“ im Theater in der Drachengasse. Agnes Heginger (Komposition, Gesang, Stimme),...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Das Selbst ist ein herrliches Geheimnis hinter tausend einem Elend und niemals darstellbar &#8230;</strong></em></p>
<div id="attachment_5248" class="wp-caption alignleft" style="width: 431px"><a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Klagenfurt_-_Musilhaus_-_Christine_Lavant.jpg&amp;filetimestamp=20110203225335" target="_blank"><img class="size-full wp-image-5248  " title="Grafitti von Jef Aerosol am Musilhaus in Klagenfurt-Christine Lavant" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/Grafitti-von-Jef-Aerosol-am-Musilhaus-in-Klagenfurt-Christine-Lavant.jpg" alt="" width="421" height="600" /></a><p class="wp-caption-text">Christine Lavant: Grafitti von Jef Aerosol am Musilhaus in Klagenfurt (c) Neithan90</p></div>
<p>Mit diesem Satz begann der Abend „Verrückung“ im <a title="Theater in der Drachengasse" href="http://www.drachengasse.at/">Theater in der Drachengasse</a>. <a title="Agnes Heginger" href="http://www.agnesheginger.com/">Agnes Heginger</a> (Komposition, Gesang, Stimme), <a title="Maria Frodl Biografie" href="http://www.reconsilexploringtheworld.com/bio_maria.html" target="_blank">Maria Frodl </a>(Violoncello, singende Säge) und <a title="Martina Spitzer " href="http://www.tanjasiefert.at/actors/9548/martina_spitzer">Martina Spitzer </a>(Rezitation) hatten sich dafür einen posthum <a title="veröffentlichten Text" href="http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/aufzeichnungenaus-r.htm">veröffentlichten Text</a> von <a title="Christine Lavant" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Lavant">Christine Lavant</a> ausgesucht, in dem ihr tiefes Elend, aber auch völlig groteske Situationen während eines Aufenthaltes in einer Irrenanstalt, thematisiert wurden. Die Literatin, deren Sprache zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur absoluten Avantgarde gehörte, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte fast in Vergessenheit geraten. Gerade mit diesem Text hat sich das weibliche Triumvirat eine Besonderheit in ihrem Werk vorgenommen, steht er doch abseits von tagespolitischem Geschehen und damit völlig herausgerückt aus der Zeit. Die „Ver-rückung“, die darin beschrieben wird, ist nicht eine, die in Lavant selbst stattfand. In diesem Text wird klar, dass es nicht diese hilfesuchende Frau war, die sich selbst zur Behandlung einliefern ließ, die als verrückt bezeichnet werden kann. „Man kann sich nicht verstecken hier – es gibt zu viele Gegner&#8221; diese Aussage lässt tief in ihre Beweggründe blicken, die als Flucht vor der Realität außerhalb der Anstaltsmauern charakterisiert werden kann. Dass es dort jedoch nur Menschen gab, die den Wahnsinn real in sich trugen und nicht spielen mussten – wie Lavant es zumindest streckenweise tat – darauf war die sensible Frau nicht wirklich eingestellt.</p>
<p>Die Inszenierung lebt gleichberechtigt von der Lesung des Textes durch Martina Spitzer, die es versteht, mit ihrer Stimme aber auch ihrer Mimik zu fesseln. Aber auch von Agnes Heginger, die einige der Gedichte musikalisch umsetzte und damit viele emotionale Momente so interpretierte, dass die Sprache Lavants dabei ein passendes Äquivalent fand. Ob dadaistisch-lautmalerisch an der Grenze der rationalen Nachvollziehbarkeit, oder ihren Gott innig beschwörend ihr doch zu helfen, immer unterlegte Heginger das Wortmaterial Lavants mit Tönen, die wie dazu gewachsen schienen. Sie bibberte, zitterte und schrie dabei mit dem Cello um die Wette, mit dem ihr Maria Frodl tatkräftig zur Seite stand. Der Einfall, neben dem klassischen Streichinstrument auch eine singende Säge einzusetzen, kann als zusätzliche Metapher gesehen werden. In ihr wird klar, dass es lediglich der veränderte Kontext, in dem sie eingesetzt wird, ist, der bestimmt, ob ein Objekt oder auch Subjekt nun als „passend“ oder eben realitätsver-rückt empfunden wird.</p>
<p>Die geglückte Textauswahl beschert dem Publikum ein kurzweiliges emotionales Wechselbad. Man wird Zeuge Lavants&#8217; Selbsteinlieferung, erschaudert, wenn sie ihre Situation schildert, in der sie von Weinkrämpfen geschüttelt im Badezimmer eingesperrt verbringt, lacht ob des religiösen Wahns einer Mitinsassin und wird Zeuge einer absurden Konsultation durch den gerichtlich eingesetzten Psychiater, „in dessen Glatze sich das Licht spiegelte“. Doch trotz oder vielleicht gerade aufgrund der gekonnt inszenierten Kurzweiligkeit rückt man Stück für Stück an Lavants Sprachgebäude heran und bekommt große Lust, sich näher damit zu befassen.</p>
<p>Ein schöneres Kompliment kann man den Akteurinnen wohl nicht machen!<br />
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		<title>1001 Bewegung</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Dec 2011 21:18:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michaela Preiner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Tanz]]></category>
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		<category><![CDATA[Tanzquartier Wien]]></category>
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		<description><![CDATA[Tanztheater – was ist das eigentlich? Wann wird Tanz zu einem Ereignis für das Publikum? Welche Rolle spielt die Musik? Was geschieht mit Tänzern, die gemeinsam auf der Bühne agieren?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Tanztheater – was ist das eigentlich? Wann wird Tanz zu einem Ereignis für das Publikum? Welche Rolle spielt die Musik? Was geschieht mit Tänzern, die gemeinsam auf der Bühne agieren? Was ist eine Choreografie? Ist das gesprochene Wort stärker wahrnehmbar als der bewegte Körper? Lassen sich Texte auch mit Tanz in Einklang bringen?</p>
<div id="attachment_5242" class="wp-caption aligncenter" style="width: 619px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/texttanzquartier_Chetouane_HadZ1_c_SebastianBolesch.jpg"><img class="size-full wp-image-5242" title="texttanzquartier_Chetouane_HadZ1_c_SebastianBolesch" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/texttanzquartier_Chetouane_HadZ1_c_SebastianBolesch.jpg" alt="Tanzquartier Wien Hommage an das Zaudern (c) Sebastian Bolesch" width="609" height="405" /></a><p class="wp-caption-text">Hommage an das Zaudern (c) Sebastian Bolesch</p></div>
<p>Laurent Chétouane stellte mit seiner Produktion „Hommage an das Zaudern“ im <a title="Tanzquartier" href="http://www.tqw.at/">Tanzquartier</a> in Wien all diese Fragen und verlangte dabei vom Publikum die Bereitschaft, sich auf diese Hinterfragung auch einzulassen. Sein „Stück“ ist kein herkömmliches, welches auf einer bestimmten Handlung basiert. Vielmehr konnte man an diesem Abend die einzelnen Bausteine näher betrachten, die ein Tanzstück erst zu einem solchen machen. Als da wären – allen voran – Tänzer. Joris Camelin und Rémy Héritier folgten, so hatte es den Anschein, ganz ihren eigenen Bewegungsmustern, die sie teilten, teilweise aber auch wie Rivalen gegeneinander ausspielten. Sie machten klar, dass es nicht nur die Arbeit am Tanz an sich ist, sondern auch die Darstellung der Persönlichkeit, ja die Behauptung der eigenen Persönlichkeit gegenüber dem anderen, die eines der Rädchen darstellt, mit denen eine Vorstellung erst zu einer solchen wird.</p>
<p>Dann darf nicht vergessen werden – Tanz benötigt – zumindest meist – Musik. Hier unterstützte Jan Burkhardt die beiden Tänzer auf sehr subtile Art und Weise. Er brillierte am Piano nicht mit waghalsigen Stücken, sondern reduzierte die Melodien auf das allernotwendigste Maß. Anschläge, die lange Pausen nach sich zogen und der Stille breiten Raum gaben, machten umso deutlicher, welch starke Kraft von der Musik tatsächlich ausgeht. Ganz deutlich sichtbar wurde die Magie, welche sie auf Tänzer ausübt, denn, egal in welcher Stimmungslage sie sich vor dem Erklingen der Melodien befunden hatten, ob nun in sich gekehrt oder rivalisierend: Mit dem Erklingen der ersten Töne begannen sich beide sofort zu bewegen, zu tanzen, sich dem Rhythmus hinzugeben. Diese schlichte Visualisierung machte schlagartig klar, was es auch heißt, von etwas besessen zu sein. Sich einer Sache beinahe schon ausgeliefert hingeben zu müssen.</p>
<p>Aber auch der Spracheinsatz auf einer Bühne wurde näher betrachtet. Beide Protagonisten hatten jeweils einen kurzen Text vorzutragen. Der Inhalt spielte dabei nicht wirklich eine Rolle. Vielmehr war es der Vortragsstil an sich – einmal statisch und rein narrativ, das andere Mal durch Bewegungen begleitet, der unterschiedliche performative Qualitäten verdeutlichte. „Gewinner“ gab es keinen bei diesem Vergleich.</p>
<p>Interessant war, dass gleich zu Beginn der Vorstellung beide Tänzer sich mit kurzen Sequenzen einer klassischen Choreografie vorstellten, um jeweils nach diesen Sequenzen in sich zusammenzusacken und auf dem Boden liegen zu bleiben. Klassischer Tanz ermüdet und raubt die eigene Persönlichkeit, war die Botschaft, die beim Publikum ankam. Wer dies nicht will, der steigt um auf modernes Tanztheater und bemüht die Fantasie der Zuseherinnen und Zuseher. Ganz ähnlich wie Prinz Gholam, das Künstlerduo Wolfgang Prinz und Michel Gholam, froren auch Camelin und Héritier ihre Postionen ein, zeigen im „Standbild“ was sonst nur im Bruchteil der Zeit als Bewegung wahrgenommen werden kann und machten so klar, dass gerade die choreografische Arbeit im Kleinen, an jeder einzelnen Position, schließlich eine Summe ergibt, in welcher diese Aufbauarbeit eine andere Dimension erhält.</p>
<p>In Chétouanes Choreografie geben die Arme den Bewegungsmodus und die Richtung vor. Ihren zu Beginn zackigen Bewegungen scheinen die Tänzer zu folgen und nicht umgekehrt. Es ist nicht leicht, den Titel der Vorstellung „Hommage an das Zaudern“ als solchen mit dem Geschehen auf der Bühne in Zusammenhang zu bringen – außer, man nimmt all das, was man sieht, als Möglichkeit, als Versuch, sich ein Stück zu erarbeiten; und dazu gehört wohl auch oftmaliges Innehalten, Überlegen, Abwägen, Zaudern. Der Weg ist das Ziel – dieses Konfuzius zugeschriebene Zitat, über dessen Richtigkeit gerne diskutiert wird – würde diese Performance wohl etwas besser charakterisieren. Eingebettet war die Vorstellung in den Zyklus „Scores N° 4: under protest, in welchem 6 verschiedene Produktionen sich in unterschiedlicher Art und Weise mit dem gesellschaftspolitischen Moment von Körper und Bewegung auseinandersetzten.</p>
<p>Laurent Chétouane blieb dabei ganz in dem ihm vertrauten Umfeld der Bühne. Sie ist aber wiederum zugleich nichts anderes als ein Stellvertreter jener Realität, mit der wir tagtächlich konfrontiert sind. Gegenüber dieser hat aber gerade die Bühne den großen Vorteil, dass uns dort Strukturen besser klar werden können, wie an diesem Abend exemplarisch vorgezeigt wurde.<br />
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		<title>Der Garten frisst seine Kinder</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Dec 2011 08:09:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5228" class="wp-caption alignleft" style="width: 350px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/text_07_garten_strutzenberger_kirsch.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-5228 " title="text_07_garten_strutzenberger_kirsch" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/text_07_garten_strutzenberger_kirsch.jpg" alt="© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Thiemo Strutzenberger, Nicola Kirsch" width="340" height="510" /></a><p class="wp-caption-text">Thiemo Strutzenberger und Nicola Kirsch © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus /</p></div>
<p>Im <a title="Schauspielhaus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schauspielhaus_(Wien)">Schauspielhaus</a> in Wien hatte am 10. Dezember <a title="Anja Hillings" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anja_Hilling">Anja Hillings</a> neues Stück „<a title="Der Garten" href="http://www.schauspielhaus.at/jart/prj3/schauspielhaus/main.jart%3Frel%3Dde%26reserve-mode%3Dactive%26content-id%3D1188466708002%26produktionen_id%3D1314109663632">Der Garten</a>“ Premiere. Vieles darin war neu – aber einiges auch altbekannt.</p>
<p>Der Inhalt ist rasch erzählt: Antonia, eine Kritikerin, die Artikel über Rockkonzerte schreibt und von einem Tag auf den anderen dieser Arbeit überdrüssig wird, düpiert ihren Freund, ihre Chefin und ihre KollegInnen und schmeißt alles hin, um aus ihrem bisherigen Leben auszusteigen. Als Gärtnerin möchte sie arbeiten und das, obwohl sie selbst nicht einmal Tulpen von Hyazinthen unterscheiden kann. Ihr neuer Arbeitsplatz ist aber nicht irgendein Stück Grün, sondern der Garten Sam Embers, jenes Rockstars, dessen letztes Konzert sie komplett aus ihrer Bahn geworfen hat.</p>
<p>Fast möchte man meinen, die Geschichte sei vor 3 oder 4 Dezennien geschrieben worden. Zu einer Zeit, in der es ein Leichtes war, einen Job zu ergattern und ihn auch flugs wieder aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich aber entstand der Text erst in diesem Jahr als Auftragswerk des Schauspielhauses. Gemessen an der aktuellen europäischen Jugendarbeitslosigkeit benimmt sich das Geschehen beinahe schon antiquiert. Denn Hand aufs Herz – es wird momentan nicht sehr viele Frauen geben, die ihren gut bezahlten und sicheren Redakteurinnenjob zugunsten eines erhofften Gärtnerinnenjobs sausen lassen würden. Aber wir sind im Theater – und hier darf schon mal die Realität verschoben werden.</p>
<p>Die anderen Redaktionsmitglieder bemühen sich zumindest noch – auch wenn es ihnen schwer fällt – jene Lebensrollen aufrecht zu erhalten, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben. Dabei tragen alle persönliche Bürden mit sich und teilen diese, so oft es nur geht, den anderen auch kräftig mit. Ob schwul oder hypochondrisch veranlagt, ob brustamputiert oder abgeglitten in einen falschen Beruf – jede und jeder von ihnen verspürt die Ungerechtigkeit des Lebens am eigenen Leib, ohne sich dagegen jedoch wirklich aufzulehnen.</p>
<p>Da mutet das Schicksal von Wolfgang und Georg hingegen ein wenig erfreulicher an. Die beiden Polizeibeamten unterbrechen den Handlungsfluss immer wieder, um das Ende des Stückes vorzubereiten. Ein Ende, das – wie könnte es anders sein – kein Happyend darstellt. Antonia stirbt gemeinsam mit Sam im Drogenliebesrausch und die beiden Kommissare sind ausgeschickt, um den Tatort zu sichern. Trotz ihres gruseligen Handwerks haben sie sich, obwohl im Privatleben nicht gerade verwöhnt, zumindest noch einen Hauch von Lebensfreude erhalten. Und – was mehr zählt – erscheinen wesentlich geerdeter als ihre „Gegenspieler“ in der Redaktion. Mit einem Seitenhieb auf die asiatische Lifestyle-Welle mimt einer von ihnen einen Bären – ganz im Stile der Bewegungsmuster aus dem Qigong &#8211; und erheitert dabei nicht nur seinen Kollegen, sondern auch das Publikum. Zumindest in diesem Moment ist Hilling mit dem Plot ganz im Hier und Jetzt angekommen.</p>
<p>Bis es aber soweit ist, wird das Publikum Zeuge einer feuchtfröhlichen Party, eines Rockkonzertausschnittes sowie einer gespenstischen Spurensuche im noch dunklen Garten, in dem die beiden Polizisten schließlich die Leichname jener Menschen bergen, die alles gewagt und dabei alles verloren haben.<br />
Es ist aber nicht die Handlung, die wirklich beeindruckt, sondern vielmehr die sprachliche Leistung der Autorin. So erhält der Garten selbst bei ihr nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stimmen. Diese beschreiben die einzelnen Figuren ausführlicher oder nähere Umstände und kommen beinahe sommernachtstraumgleich von beseelten Blumen, die so klingende Namen wie Beauty of Livemere oder Darjeeling Red tragen. Wer sich allerdings kein Programmheft geleistet hat, bleibt von dieser Information ausgeschlossen, denn auf der Bühne ist nicht zu erkennen, dass Anja Hilling diese Textpassagen floralen Zungen zugeschrieben hat. Vielmehr sind es die Schauspielerinnen und Schauspieler, die abwechselnd unerkannt in diese Rollen schlüpfen, was zwar dem Verständnis des Textes keinen Abbruch tut, die zusätzlich eingezogene Gedankenebene von Hilling jedoch leider ganz missachtet. Gerade in diesen Passagen möchte man gerne den Text vor sich auf den Knien liegen haben, um mitzulesen. Man hat große Lust, in diese ganz besondere Sprachpoesie noch tiefer eintauchen und nur ja nichts zu verpassen und sich daran zu delektieren. Schlingpflanzengleich bemühen sich die Worte in ihren Sätzen neben dem Verstand vor allem jene Gehirnregionen zu kitzeln, die für die Schönheit einer bestimmten Sprachmelodie verantwortlich sind. Und sie kitzeln so, dass man danach so süchtig werden könnte. Es sind Sätze wie: „Sie haben Angst vor der eigenen Persönlichkeit, die zu fett ist für das Loch der Erlösung“ oder „Sie wird nicht eher sterben, bevor die Seele in einen Hauptsatz passt“, in denen die Autorin zeigt, wie groß ihre Meisterschaft in der Erfindung neuer sprachlicher Qualitäten ist.</p>
<p>Darüber hinaus geizt Hilling nicht mit dramaturgischen Kunstgriffen: Das Ende der Geschichte gleich zu Beginn aufzuzeigen, ohne dass man sich dessen bewusst wird, ist einer davon. Die schon angesprochene parallele Handlung der Polizisten, die auch wiederum dem Geschehen weit vorausgreift, der nächste. Hätte die Regie unter Felicitas Brucker die Blumensprache auch optisch stärker hervorgehoben, man könnte beinahe meinen, die Autorin würde damit eine kleine Verbeugung vor William Shakespeare machen, in dessen Komödien sich Fauna und Flora gerne neben dem schwachen Menschengeschlecht ein fröhliches Stelldichein geben. So aber geschieht das Blühen und Wachsen der Blumen ausschließlich durch flüssige Neonfarben, die im letzten Teil des Stückes nach und nach auf gläserene Paravents aufgespritzt werden. Solcherart künstlich hervorgerufen, wächst hier Rotes neben Gelbem, Blauem und Grünem, wie von der Natur auf den Kopf gestellt, von oben nach unten. Und es wird klar: Diese Blumen sind giftig und nur mehr dazu geeignet, eine postromantische Idee von der Natur hochzuhalten.</p>
<p>So blumig dies nun auch alles klingen mag, so kann nicht übersehen werden, dass Anja Hillinger vor allem eines am Herzen liegt: Die Beschreibung einer Gesellschaft, der es aufgrund ihres Existentialismus, an dem sie unbewusst schwer trägt, unmöglich geworden ist, dem Leben noch Freude und Sinn abzugewinnen. Interessant, dass offenbar jede neue Generation sich an diesem – fast hat es den Anschein – übermächtigen philosophischem Gedankengebäude neu abarbeiten muss.</p>
<p>Nicola Kirsch als Antonia und Thiemo Strutzenberger als Sam Embers bestimmen zwar über weite Strecken bravourös das Bühnengeschehen. Max Mayer als ewiger Dissertant und Antonias Freund, Katja Jung als ihre Chefin, Veronika Glatzner als ihre Freundin sowie Vincent Glander und Steffen Höld, die in den Doppelrollen von Kollegen und Polizeibeamten brillieren dürfen, zeigen aber, dass es niemandem im Ensemble gibt, der den anderen nicht gleichwertig gegenüberstehen würde.</p>
<p>Man sagt, dass die Revolution ihre Kinder frisst – bei Hilling bedarf es hierzu nur der Natur.<br />
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		<title>Der Tod gebiert Schmerzensmütter und Schmerzensväter</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Dec 2011 13:32:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elisabeth Ritonja</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt Theatervorstellungen, die erfordern Mut. Mut von den Produzenten und Veranstaltern aber auch Mut vom Publikum. Mater dolorosa, derzeit noch im Theater Nestroyhof-Hamakom zu sehen, ist eine solche Vorstellung....]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5216" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/text_MaterDolorosa8919_15a.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-5216 " title="text_MaterDolorosa8919_15a" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/text_MaterDolorosa8919_15a.jpg" alt="" width="600" height="398" /></a><p class="wp-caption-text">Mater Dolorosa - Foto: Nick Mangafas</p></div>
<p>Es gibt Theatervorstellungen, die erfordern Mut. Mut von den Produzenten und Veranstaltern aber auch Mut vom Publikum.<br />
<a href="http://hamakom.at/index.php?id=585" target="_blank"> Mater dolorosa</a>, derzeit noch im Theater <a title="Nestroytheater Wien" href="http://hamakom.at/" target="_blank">Nestroyhof-Hamakom</a> zu sehen, ist eine solche Vorstellung. Sie verspricht, wie der Titel schon sagt, keine leichte Kost. Daraus resultierend ist abzusehen, dass das Publikum nicht unbedingt Schlange an der Kasse stehen wird, denn wer begibt sich jetzt in der Vorweihnachtszeit gerne auf die Spuren von Schmerz und Leid? Und dennoch war die Premiere ausverkauft und dennoch ist das, was gezeigt wird trotz der Schwere der Thematik sehenswert, in keinem Augenblick tränendrüsenherausfordernd und dennoch emotional packend.</p>
<p>Das „<a title="progetto semiserio" href="http://www.progettosemiserio.at/">progetto semiserio</a>“ unter der Gesamtleitung von Georg Steker macht, wie es auf seiner Internetseite verkündet, neues Musiktheater. Aber mit diesem Terminus ist das Geschehen dieser Produktion bei Weitem noch nicht in seiner Gänze umrissen. Denn neben zeitgenössischer Ensemblemusik, neben der wunderbaren Stimme von Christina Kummer, die im Opernfach ausgebildet wurde, neben theatralischen Szenen, wird auch dem zeitgenössischen Tanz breiter Raum gewidmet. In kurzen, hintereinander aufgereihten Sequenzen, die jede für sich Bestand hat, breitet sich ein Kaleidoskop von jenem introspektivem Geschehen aus, über das man nicht spricht, weil man meint, dass es einen selbst nie betreffen würde. Weil man glaubt, dass der Tod eines Kindes eine Randerscheinung darstellt, die nur wenige Menschen heimsucht. Dass man dabei Millionen von Menschen aus den unterentwickelten Ländern ausblendet und Millionen von Menschen,die ihre „Kinder“ – egal in welchem Alter – im Krieg verlieren, nicht bedenkt, wird einem im Laufe dieses Theaterabends klar.<br />
Hier schafft die Produktion das Kunststück, vom Einzelschicksal den großen Bogen hin zu den internationalen Kriegsschauplätzen zu spannen und letztendlich das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass auch in unserem Kulturkreis viele Menschen durch die Hölle dieses persönlichen Abschieds gehen mussten. Als Verbindungsglied agiert Melitta Jurisic, die in großartiger Weise jenen trauernden Frauen ein Gesicht gibt, die ihre Söhne im Jugoslawienkrieg verloren haben. Mit ihrem bosnischen Lamento, einer Überlieferung aus dem 14. Jahrhundert, macht sie klar, dass das Abschiednehmen über alle Zeiten hinweg emotional gleich schwer empfunden wurde und wird und dass es keinen Unterschied macht, welches Unglück dafür verantwortlich zeichnet. Schmerz bleibt immer individuell und ist doch kollektiv.</p>
<p>Mater dolorosa, die „Schmerzensmutter“, die in der christlichen Ikonographie seit Jahrhunderten tradiert wird, wird in der Regie von Radovan Grahovac klugerweise nicht nur auf das Leid von Frauen reduziert. Bert Gstettner schlüpft in mehrere Rollen und visualisiert tanzend sowohl den sterbenden und Abschied nehmenden Säugling als auch den Soldaten, der von Kugeln durchsiebt wird. Aber er verkörpert auch jene Männer, die vom Tod ihrer Kinder betroffen sind. In einer eindrucksvollen Passage verschwindet er vom Esstisch, an dem er seiner Frau schweigend, in Trauer wortlos geworden gegenübersaß, und trägt die schwere Tischplatte symbolisch als Lebensbürde mit sich davon. Doch Trauer und Schmerz sind Emotionen, die einem Wandel unterliegen. Sie überfluten und erdrücken einen, aber sie lösen sich auch wieder und hinterlassen ein verändertes Sein. Und so geht auch er durch diesen unbeschreiblichen Prozess, der nur dann eine lebensbejahende Wandlung erfahren kann, wenn er zugelassen wird.</p>
<p>Mit Rainer Maria Rilkes Gedicht „Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht“ wird eine zusätzliche Ebene der Schmerzbewältigung eingezogen, die versucht, dem Abschied eine Erklärung und einen Sinn zu geben, den Tod als Erlösung und Befreiung zu interpretieren, wenn man ihn akzeptieren kann. Die Musik von Jörg Ulrich Krah unterstützt völlig adäquat die Dramaturgie. Sie brüllt dort, wo es nicht anders möglich ist, wird leise, wo die Introspektion der ProtagonistInnen es verlangt und schafft mit verhaltener Farbigkeit süd-ost-europäische Landschaften, ohne je ins Folkloristische abzugleiten. Krahs Partitur bleibt gerade in der Singstimmenbehandlung sehr abstrakt, was aber Kummers Interpretation eine Art Leichtigkeit und beinahe kristallene Transparenz beschert. Hier werden keine Gedankenautobahnen gelegt, sondern ganz im Gegenteil Freiräume geschaffen, die jeder individuell füllen kann.</p>
<p>Die ständige Präsenz von Kindern auf der Bühne stiftet einen Ausgleich zu jener Absenz, über die an diesem Abend verhandelt wird. Sie zeigt gleichzeitig, dass das Leben weiter geht und fungiert nicht nur als visualisierte Erinnerung, sondern viel mehr noch als Hoffnung, die in eine Zukunft weist, in der der Schmerz überwunden werden kann.</p>
<p>Ein bemerkenswerter Abend, an dem das Publikum die Möglichkeit hat mit einer großen Portion Erkenntniszuwachs nach Hause zu gehen.<br />
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		<title>Die heilige Kuh „Konsum“ wird nicht geschlachtet</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Dec 2011 10:19:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Politikbeobachter</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der gefühlte 20. EU-Gipfel zur Eurorettung ist vorüber und erneut ist das Ergebnis eher ein Zeichen von operativer Hektik, die ja bekanntlich ein Zeichen geistiger Windstille darstellt, als ein strategischer Befreiungsschlag für den Euro und die Eurozone. Die Briten haben sich ins Abseits gestellt und Angela Merkel und Nicolas Sarkozy feiern die Ergebnisse, als handle es sich um ein Jahrhundertereignis. Die Kommentatoren sind sich einig, dass die Beschlüsse die kurzfristigen Probleme nicht lösen werden und die langfristige Wirkung sich erst im Rückblick beurteilen lassen wird. Niemand wagt die heilige Kühe Wachstum und Konsum zu benennen, geschweige denn zu schlachten. Aber grenzenloses Wachstum ist in einem lebenden System nicht machbar. Wer sich weigert das Wachstumsparadigma zu diskutieren und zu hinterfragen, wird dauerhaft keine Lösung der Wirtschafts- und Finanzkrise finden. Natürlich ist jetzt zu allererst Notfallmedizin angesagt, nur muss der Patient Europa und dessen Einwohner über einen gesünderen und vernünftigeren Lebenswandel nachdenken, wenn er nicht permanent auf der Intensivstation landen will.</p>
<div id="attachment_5206" class="wp-caption aligncenter" style="width: 594px"><a href="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/konsum_502236_original_R_K_B_by_Wilhelmine-Wulff_pixelio.de_.jpg" target="_blank"><img class="size-full wp-image-5206 " title="Einkaufen als Religionsersatz - Wilhelmine-Wulff_pixelio.de" src="http://www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2011/12/konsum_502236_original_R_K_B_by_Wilhelmine-Wulff_pixelio.de_.jpg" alt="" width="584" height="456" /></a><p class="wp-caption-text">Hauptsache wir kaufen (c) Wilhelmine Wulff/pixelio.de</p></div>
<h3>Das Leistungsversprechen gilt schon lange nicht mehr</h3>
<p>Der globale Finanzkapitalismus zeigt die Fratze des Unbeherrschbaren und des zügellosen Egoismus und ist damit zu einer Krise der bürgerlichen Identität geworden. Die 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren geprägt von einem historischen Missverständnis und damit von einer Fehleinschätzung der gesellschaftlichen Folgen der nahezu unreglementierten Finanzmärkte. Das bürgerliche Versprechen, dass Leistung sich lohne, hat sich längst ad absurdum geführt. Wir verwechseln finanziellen Erfolg viel zu oft mit diesem bürgerlichen Paradigma, das die Gesellschaft über nahezu 200 Jahre prägte und sich mit der protestantischen Arbeitsethik im Sinne von Max Weber zu einem fast religiösen Heilsversprechen mauserte. Allerdings ist die individuelle Leistung eines Börsengewinns und von Finanztransaktionen nicht mehr mit dem althergebrachten Leistungsbegriff kompatibel. Es zählt nicht mehr die Leistung, die an Arbeitsstunden erbracht wurde, nicht mehr die Leistung, die an Wissen oder in Form von Produktionsgütern in eine Gesellschaft eingebracht wird, sondern nur mehr jene Leistung, bei der sich Geld durch Geld vermehrt.</p>
<p>Es ist der Finanzelite gelungen, das Wortfeld Leistung mit all seinen Ver- und Entsprechungen, mit materiellem Erfolg gleichzusetzen. Damit wurde der Begriff Leistung, ähnlich wie Tschernobyl und Fukushima, auf unabsehbare Zeit kontaminiert und in Misskredit gebracht. Die Politikerinnen und Politiker waren willfährige Vollstreckungsgehilfen dieses Paradigmenwechsels im bürgerlichen Denken. Das Versprechen des sozialen Aufstieges durch die individuelle Leistungsbereitschaft hat sich in realita jedoch verabschiedet und ist einem ausschließlichen Diktat des wirtschaftlichen Erfolges gewichen. Die dunkelsten Ahnungen, die uns erfassten, als Michael Douglas den skrupellosen Börsenmakler Gordon Gecko in Wall Street verkörperte, wurden extrem übertroffen und übersteigen unsere kühnsten und apokalyptischsten Vorstellungen bei Weitem. Diese Entwicklung führte nicht nur, wie wir jetzt sehen, zu einer wirtschaftlich unkalkulierbaren Größe, sondern gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft nachhaltig und droht sogar die Demokratie zu gefährden.</p>
<p>Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass die Finanzmärkte die Politik bestimmen und schon aus diesem Grund den Glauben in die staatlichen Organisationen und ihre Vertreterinnen und Vertreter verloren. Die immense Jungendarbeitslosigkeit in Europa hält eine ganze Generation vom gesellschaftlichen und sozialen Aufstieg ab. 40% Jungendarbeitslosigkeit in manchen Ländern Europas führen zu einer emotionalen Gemengelage, die sich im Zweifelsfall gewalttätig Luft macht. Die friedlichen Proteste der spanischen Jugend können hier als Vorstufe gesehen werden. Die Auseinandersetzungen und Straßenschlachten in Griechenland sind bereits die nächste Eskalationsstufe. Sollte die Politik dauerhaft keine Antworten auf die Fragen der Jugendlichen finden, die auch in deren Alltag sichtbar werden, dann wird die Frustration auch in Spanien einen Anlass zur Gewalt finden und wir werden auch darüber hinaus in Europa wieder mit Jugendrevolten konfrontiert sein. Die politischen Ansätze zur Bewältigung der gesellschaftlichen Probleme wirken bis jetzt aber nicht gerade souverän und überzeugend. Die Lösung eines komplexen Problems ist in der Regel durch einfache Rezepte nicht möglich, obwohl wir uns doch alle danach sehnen und darauf hoffen.</p>
<h3>Die einfache Erklärung hilft nicht bei der Lösung der globalen Probleme</h3>
<p>Wenn es noch eines Beweises für die postmoderne Idee des „Endes der großen Erzählungen“ bedurft hat, dann wird dieser heute im Umgang mit der Finanz- und Währungskrise sicherlich geliefert. Jean-Francois Lyotard hat mit dieser Aussage den Finger in die Wunde aller Welterklärer und -verbesserer gelegt. Denn mit seinem gesellschaftlichen Erklärungsmodell hat er die Unsicherheit zur Regel ernannt und aufgezeigt, dass es keine eindimensionalen Lösungsansätze, die alles abdecken, woran die Gesellschaft krankt, geben kann. Gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten und in gesellschaftlichen Krisen wird dies zu einer großen Belastung. Denn im Grunde sehnen wir uns nach wie vor nach großen Politikern wie Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und als Letzten seiner Art Helmut Kohl, ohne Rücksicht zu nehmen auf den immensen Komplexitätszuwachs und vor allem die immer geringer werdende Bedeutung und Einflussmöglichkeiten der Nationalstaaten und deren Regierungen.</p>
<p>Der extrem zugenommene Informationsfluss und die Entwicklung der Welt zum „globalen Dorf“ führen zusätzlich zu Irritationen und Verunsicherung der Menschen. Mein Urgroßvater und mein Großvater wussten über den Rest der Welt und die Auswirkung ihres Lebenswandels auf das ökologische und soziale Gleichgewicht auf dieser Erde relativ wenig. Wir sind uns jedoch bewusst, dass unser Planet völlig überfordert ist und kollabieren würde, wenn die Bewohner des indischen oder afrikanischen Kontinents je unseren heutigen Lebensstandard erreichen würden. In diesem Zusammenhang sehen wir uns sehr wohl mit der Sinn- und Nutzlosigkeit des Wirtschaftswachstums konfrontiert. Wenn es jedoch darum geht, unseren eigenen Konsum und das Wirtschaftswachstum in Europa bzw. der westlichen Welt zu hinterfragen, sieht es schon wieder ganz anders aus. Immer deutlicher zeichnet sich dennoch ab, dass wir unseren heutigen Lebensstil nicht mehr sehr lange über die Zeit retten werden können. Längst gleicht die westliche Konsumgesellschaft dem angezählten Boxer, von dem jeder weiß, dass er demnächst ausgeknockt werden wird. Uns bleibt aber nicht einmal die Hoffnung auf den „lucky Punch“, der die Spannung eines solchen Kampfes zumindest für das Publikum noch etwas erhält. Karl Marx hat in seinem Werk „Das Kapital“ im dritten Buch schon darauf hingewiesen, dass der Kapitalismus an seinen Finanzspekulationen zugrunde gehen wird. Aus heutiger Sicht können wir seine Analyse teilen, allein sein Rezept des Sozialismus gleicht den „großen Erzählungen“ der Religion und ist schon deshalb zum Scheitern verurteilt, wie die Geschichte ja bereits belegte.</p>
<h3>Die Diagnose ist gestellt, die Therapie oft nicht nachvollziehbar</h3>
<p>Wir wissen, woran unser System krankt und viele Therapien sind in der Diskussion, ohne dass heute noch jemand für sich in Anspruch nehmen könnte, die Königsidee oder die Lösung schlechthin gefunden zu haben. Politik und die Bekämpfung der verschiedenen Krisen geschehen heute, so hat man zumindest auf große Strecken den Eindruck, vor allem nach der Idee „Versuch und Irrtum“. Politikerinnen und Politiker revidieren ihre Ideen zur effektiven Bekämpfung der Finanzkrise beinahe wöchentlich. Natürlich kann sich keine Politikerin und kein Politiker hinstellen und dies zur Maxime ihres oder seines Handelns erheben, führe dies doch zu noch größerer Verunsicherung, mit der wir Menschen offensichtlich noch schwerer umgehen können, als mit einer jedermann bewussten, aber verdrängten Wahrnehmungsverzerrung. Die bequeme Lüge ist für uns offensichtlich noch immer leichter zu ertragen als die grausame Wahrheit. Wir erwarten – so wie eh und je &#8211; den unerschütterlichen Steuermann, der in stürmischen Zeiten um jeden Preis den Kurs hält und uns Anweisungen gibt, wie wir unbeschadet durch die schwere See an das rettende Ufer kommen. Außerdem neigen wir dazu, den Status quo erhalten zu wollen. Viele meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner versichern mir durchaus engagiert und glaubhaft, dass es so nicht weitergehen könne und dass sich etwas ändern müsse. Allerdings erklären mir die meisten auch gleichzeitig, dass sie allerdings ohnehin schon alles machten oder dass sie alleine die Welt nicht ändern könnten. Im Prinzip meinen sie nichts anderes wie: „Für mich soll sich nichts ändern, ich bin ohnehin ein „Guter“ und schon aus diesem Grund ist es schwierig, unser System zu hinterfragen, geschweige denn sogar den Absprung aus der Konsumgesellschaft zu schaffen. Die „üblichen Verdächtigen“ aus Politik und Wirtschaft sehen nur in zusätzlichem Konsum eine Lösung des Problems. Niemand von ihnen übernimmt freiwillig das Selbstmordkommando und erklärt der Bevölkerung, dass der Abschied vom Konsum auch bedeutet, lieb gewonnene Gewohnheiten zu opfern und auf Wohltaten unserer Zeit zu verzichten. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Es ist weder ökologisch noch wirtschaftlich vertretbar, dass ich um 100 Euro von Wien nach Berlin und zurück mit dem Flugzeug befördert werde. Aber diesen „Luxus“, der auf Kosten unserer Umwelt konsumiert wird, möchte niemand infrage stellen, ohne sofort Angst zu bekommen, hunderttausende Wählerstimmen zu verlieren.</p>
<h3>Wachstum und Konsum sind längst ein großer Teil der globalen Probleme</h3>
<p>Der Abschied von der Konsumgesellschaft bedeutet letztlich Verzicht auf Güter aber auch Bequemlichkeiten wie z.B. den Transport von A nach B mit dem eigenen Auto. Da dies auf freiwilliger Basis eher schwierig durchzusetzen zu sein scheint, muss dieser Verzicht über Abgaben und Steuern bzw. durch einen gesellschaftlichen Konsens geschaffen werden. Es darf eben nicht länger cool sein, einmal schnell für ein Wochenende nach Berlin oder New York zu fliegen. Man ist eben nicht nur hip, wenn man ein I-Phone, I-Pad und sonstige I-Produkte besitzt oder sich leisten kann, sondern man muss sich gleichzeitig auch bewusst sein, dass dafür Bodenschätze minimiert werden und allzu viele Menschen unter unwürdigen Bedingungen in der Produktion dieser Güter eingesetzt werden. Die gesellschaftliche Verfasstheit muss wieder mehr auf soziale Erlebnisse und Verantwortung abzielen und sich der friedensstiftenden Funktion des sozial und ökologisch nachhaltigen Handelns bewusst werden. Wir müssen uns Gedanken über ein Wirtschaftssystem mit vernünftigem Konsum machen, wobei die Auswirkungen unseres Konsumverhaltens noch viel transparenter werden müssen. Die Industrie muss dazu angehalten werden, die Selbstzerstörung ihrer Produkte zu minimieren. Die Folgen unseres am Konsum orientierten Lebensstils müssen noch stärker in ihrer Komplexität verstehbar und nachvollziehbar gemacht werden. Das grundsätzlich Schöne an der menschlichen Vergesslichkeit und der Fähigkeit zur Verdrängung wird hier zum Hauptproblem. Wir können die Komplexität und die Folgen unseres Tuns eben nicht bis zum Ende der Wirkungskette hin durchdenken. Hier bedarf es durch Aufklärung des Gewahrwerdens der Problematiken und damit einhergehend eines Paradigmenwechsels. Dass dies sicher eine längere Phase der Anpassung benötigt, steht außer Zweifel. Die Umweltbewegung der 80er Jahre hat dazu sicherlich schon einen großen Beitrag geleistet und uns auf diesen Themenbereich überhaupt sensibilisiert. Allerdings muss hier noch viel getan und Bewusstsein geschaffen werden, um dies auch auf ein globales Niveau zu heben. Gerade die nationalen Egoismen sind für die Lösung solcher komplexen Wirkzusammenhänge eher als Hemmschuh zu betrachten. Die Finanzkrise zeigt ja mehr als deutlich, dass es vielversprechende Ansätze zur Lösung des einen oder anderen Problemkreises gibt, die nationalen Befindlichkeiten einer Lösung allerdings immer wieder im Wege stehen.</p>
<p>Gerade die Occupy-Bewegung macht allerdings auch Mut darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger sich global vereinigen und damit ihre nationalen Regierungen unter Druck setzen werden. Vor allem die US-Administration wird auch im Hinblick auf die nächsten Präsidentschaftswahlen diesbezüglich unter Handlungsdruck geraten. Es bleibt zu hoffen, dass gerade auch mithilfe der Krise der Ausstieg aus der blinden Wachstumsökonomie gelingt und wir unsere Wirtschaft in Zukunft sozial und ökologisch verantwortungsvoller ausrichten werden. Eines ist sicher: Wir leben in spannenden Zeiten und ich bin extrem neugierig, wie sich unsere Gesellschaft in den nächsten 20 Jahren verändern wird. Dass sie es tun muss, davon bin ich überzeugt.</p>
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