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        <title>ScienceBlogs</title>
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        <language>de</language>
        <copyright>Copyright 2009</copyright>
        <lastBuildDate>Tue, 03 Nov 2009 06:30:00 +0100</lastBuildDate>
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<title>In eigener Sache: ScienceBlogs baut um [Geograffitico]</title>
<description><![CDATA[<img alt="200px-Zeichen_123.svg.png" src="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/200px-Zeichen_123.svg.png" width="200" height="176" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" />Jeder braucht mal "Tapetenwechsel". Auch (oder gerade) die deutschen Scienceblogs - unsere bisherige Blog-Software <em>Movable Type </em> hat sich auf Dauer als nicht unbedingt ideal entpuppt; und nach dem jüngsten <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/06/technische-probleme-bei-scienceblogs.php">Update</a>, der (leider) zwangsweise durchgeführt wurde, funktioniert vieles auf der Homepage und in den einzelnen Blogs nicht mehr. Ab jetzt soll das alles besser werden: Am Dienstag werden die ScienceBlogs.de auf <a href="http://de.wordpress.org/">WordPress</a> als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Content-Management-System">Content-Management-System</a> umrüsten; es wird hier daher für ein paar Stunden kein "normaler" Betrieb auf unseren Seiten herrschen. Und wie bei allen Umbauarbeiten kann es dabei zu kleinen (hoffentlich!) Störungen kommen. Wir bitten daher alle unsere Leserinnen und Leser um Geduld, falls in den ersten Stunden und (hoffentlich nicht!) Tagen mal etwas nicht funktioniert. Doch unabhängig vom Design, werden die ScienceBloggerinnen und -Blogger sich auch unverändert darum bemühen, Ihr Bestes an Wissenschaftskommunikation zu bieten. Ganz wie gehabt.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/09/in-eigener-sache-scienceblogs-baut-um.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Mon, 03 Sep 12 23:43:20 -0400</pubDate>
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<item>
<title>Basics - Apoptose oder der programmierte Zelltod [blooDNAcid]</title>
<description><![CDATA[Dieser Basics-Artikel, der auch eine hilfreiche Lektüre für die <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/08/was-ist-krebs---krankheit-und-herausforderung---eine-personliche-einfuhrung.php">neue Krebs-Serie</a> in blooD'N'Acid sein kann, erklärt das Phänomen des „porgrammierten Zelltods".<br />
Eine kalte Roboterstimme sagt: „Selbstzerstörung in 10 Sekunden. 10 - 9 - 8 - 7 - 6 --..." eine Tür fliegt auf, ein meist arg ramponierter, schwitzender Mann stürzt herein, öffnet hektisch eine Klappe in einer Konsole, starrt in ein Gewirr von Kabeln und Schaltkreisen und reißt schließlich das blaue heraus... „2 - 1 - .... Abbruch der Selbstzerstörungssequenz". Puh... gerade noch geschafft. Aber wozu gibt es diese Selbstzerstörungsmechanismen (also außer, um die Enden von Actionfilmen spannender zu machen)? Meist, um das zu zerstörende Objekt vor Zugriff oder Übernahme von Feinden, Unbefugten o.ä. zu schützen, selbst wenn dazu seine vollständige Vernichtung in Kauf genommen werden muß.<br />
<br />
Und genau so ein Mechanismus findet sich auch in unseren Zellen, man bezeichnet ihn als „<em>Apoptose</em>".<br />
<img alt="fallingleaves.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/fallingleaves.jpg" width="200" height="260" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /><small><a href="http://www.artbycedar.com">Quelle</a></small><br />
<br />
Der Begriff Apoptose (altgr. ἀπόπτωσις apoptosis, von ἀποπίπτειν apopiptein ‚abfallen') kommt aus dem Griechischen und ist auf den fast schon romantischen Vergleich mit dem herbstlichen Abfallen der Blätter zurückzuführen. Körperzellen, die nicht länger benötigt werden, „fallen" ab, werden also auf sanfte Weise entfernt. Man kann das wirklich so sagen, denn durch Apoptose läßt sich eine Zelle auf eine für den Körper völlig unschädliche, physiologische Weise entfernen - im Gegensatz zur pathologischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nekrose">Nerkrose</a> bei der die Zellen platzen und all ihre ungustiösen Inhalte in der Umgebung verstreuen, wodurch es u.a. zu Entzündungen kommt. Man könnte sagen, die Apoptose verhält sich zur Nekrose, wie eine kontrollierte Sprengung in einer Nachbarschaft, die genau ein Gebäude harmlos zum Einsturz bringt, zu einem Terrorangriff mit Sprengstoff, bei dem umstürzende Gebäude und umherfliegende Trümmer einen ganzes Viertel zerstören. Und weil sie nach einem exakten Programm und unter strenger Regulation abläuft, bezeichnet man sie auch als „programmierten Zelltod".<br />
Bevor ich aber erkläre, wie die Apoptose in der Zelle verwirklicht wird, sehen wir uns an, wann es überhaupt zur Apoptose kommt: Die Apoptose ist wie ein „Not-Aus"-Knopf, ein Mechanismus, der Zellen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr zu retten, zu reparieren oder zu gebrauchen sind, schonend aus dem Organismus entfernt. So etwas ist nötig, wenn z.B. das Erbgut einer Zelle irreparabel beschädigt oder die Zelle von einem Virus infiziert ist. Im ersten Fall läuft die Zelle Gefahr, zu entarten und zur Gründerzelle eines Tumors zu werden, im zweiten Fall würde sie bald zu einer Produktionsstätte neuer Viren - beides ist für den Organismus sehr kritisch und so hat es sich als äußerst vorteilhaft erwiesen, solche Zellen rechtzeitig zerstören zu können.<br />
<br />
Neben solchen „Not-Aus"-Situationen wird die Apoptose aber auch „gestalterisch" eingesetzt, um z.B. beim Menschen die Interdigitalhäute (Häute zwischen Fingern und Zehen) zu entfernen, die beim Embryo ursprünglich noch angelegt werden, um Gewebe zu verjüngen (Riechepithel), um die Lichtdurchlässigkeit der Augenlinse zu gewährleisten, indem störende Zellen eliminiert werden, um eine korrekte Verschaltung von Hirnstrukturen herzustellen (sozusagen zur Vermeidung von Kurzschlüssen) und Plastizität im zentralen Nervensystem zu ermöglichen und allgemein zur Aufrechterhaltung der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6ostase#Biologie">Homöostase</a>, indem die Zellzahl und damit die Größe von Geweben apoptotisch kontrolliert wird. <br />
Eine ganz besonders wichtige Funktion übt die Apoptose auch beim Immunsystem aus. Ein sehr hoher Anteil aller neu gebildeten B- und T-Immunzellen ist, nachdem sie ihre DNA modifiziert haben, um sich für die Abwehr ganz spezieller äußerer Gefahren, wie Bakterien oder Viren zu perfektionieren, unbrauchbar oder sogar gefährlich für den Körper (wenn sie z.B. statt Krankheitserreger körpereigene Moleküle erkennen). Sie durchlaufen daher zwei sehr strenge Selektionsprozesse, bevor sie „freigegeben" werden und das Immunsystem verstärken können. Sollten sie diese Tests nicht bestehen, wird bei ihnen die Apoptose eingeleitet, was neben ihrer schonenden Eliminierung den weiteren Vorteil hat, daß die Zellbestandteile „recycelt", also von anderen Zellen aufgenommen und wiederverwertet werden können. <br />
Man sieht also: die Apoptose ist eine äußert wichtige und sehr zentrale Funktion von Zellen, die besonders bei Krebszellen sehr „<a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2011/03/biologischer-disclaimer.php">gefürchtet</a>" ist, denn eigentlich müsste das Chaos, das diese Zellen in sich anrichten, ziemlich bald für die Auslösung ihrer Selbstzerstörung sorgen. Es wundert also nicht, daß einer der ersten Tricks, den viele Krebszellen lernen, die Umgehung der Apoptose ist. Dazu aber später mehr, im Rahmen der Serie über Krebs.<br />
<br />
Aber wie funktioniert Apoptose? Wie zerstören sich die Zellen selbst? Das ganze ist, wie so vieles in der molekularen Zellbiologie, sehr kompliziert und keineswegs vollständig erforscht. Ich bescheide mich daher damit, hier zwei Hauptarten vorzustellen ohne allzusehr ins Detail zu gehen: die extrinsische, von außen ausgelöste und die intrinsische, von der Zelle selbst ausgelöste Apoptose.<br />
<br />
Die extrinsische Apoptose ist für den Körper die Möglichkeit, nicht mehr benötigte oder gar gefährliche (z.B. infizierte) Zellen zu entfernen. Im Immunsystem zum Beispiel gibt es cytotoxische T-Zellen, die mit einem Virus infizierte Zellen von außen erkennen können und dann Botenstoffe (=Liganden) abgeben, die an ein Empfängermolekül das alle Zellen auf ihren Oberflächen tragen (=Rezeptor) binden und damit in der Zelle eine Kaskade von Prozessen in Gang setzt, an deren Ende die Apoptose steht.<br />
<br />
<img alt="Vorschaubild für extrinsisch.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/assets_c/2012/08/extrinsisch-thumb-555x642-32526.jpg" width="550" height="630" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /><br />
<br />
Im Bild sieht man, wie der Todesrezeptor einer Zelle ein Signal von außen erhält, es durch die Zellmembran nach innen weiterleitet und so die Apoptosekaskade initiiert. Ganz wichtig für die Ausführung der Apoptose sind dabei die sogenannten Caspasen, Enzyme, die gezielt andere Proteine an bestimmten Stellen zertrennen und damit zerstören können. Caspasen sind also gefährlich für die Zellen und müssen daher gut kontrolliert und gesichert sein: sie funktionieren erst, wenn sie „angeschaltet" werden. <br />
Genau das geschieht durch die extrinische Apoptoseeinleitung. Hierbei wird immer die Caspase 8 aktiviert. Diese wiederum aktiviert dann die Caspasen 3, 6 und 7 - das sind die sogenannten Effektorcaspasen, die dann in der Zelle sozusagen die Abrissarbeiten übernehmen, indem sie das zelluläre Inventar darunter auch die DNA zerlegen.<br />
<br />
Bei der intrinsischen Apoptose ist das ganze noch deutlich komplizierter.<br />
<br />
<img alt="Vorschaubild für intrinsisch.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/assets_c/2012/08/intrinsisch-thumb-555x453-32530.jpg" width="550" height="450" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /><br />
<br />
Hier löst ein zellinterner Stimulus die Apoptose aus. Dieser Stimulus kann vieles sein, z.B. ein unphysiologischer pH-Wert, ein Mangel an Glucose oder irreparabel beschädigte DNA (z.B. durch UV-Licht oder Chemikalien). Bestimmte Proteine, die die Beschädigung registrieren können, z.B. das „berühmte" p53 signalisieren dann: „hat keinen Zweck mehr. Abschalten!". Ob letztlich tatsächlich die Apoptose eingeleitet wird, ist dann noch abhängig von einer Vielzahl von Einflussgrößen (, deren detaillierte Beschreibung den angestrebten Rahmen dieses Artikels pulverisieren würde). Im Bild sieht man eine Reihe von Proteinen, die diesen zellulären Signalweg modifizieren (Noxa, Puma, Bak, Bax) und einige andere, z.B. BCL-2, die die Apoptose hemmen können (was unter bestimmten Umständen ebenfalls sinnvoll sein kann). Erst wenn nach Integration aller zellulären pro- und antiapoptotischen Signale der proapoptotische Stimulus überwiegt (das ist nicht ganz unähnlich dem „Entscheidungsprozess" in Nervenzellen, darüber ob ein Aktionspotential ausgelöst wird oder nicht, indem Signale aus hemmenden und erregenden Nervenzellen zusammengefasst werden), wird das Mitochondrium zur Freisetzung von „Cytochrom c" veranlasst.<br />
Danach gibt es dann kein Zurück mehr: zusammen mit dem Protein Apaf 1 bildet sich ein Komplex, das sogenannte „Apoptosom", welches die Caspase 9 aktivieren kann. Die so scharf geschaltete Caspase 9 aktiviert ihrerseits die Effektorcaspasen, die wir oben schon kennengelernt haben und wir wissen ja jetzt, was diese anrichten: die Zelle stirbt.<br />
<br />
<img alt="apoptose.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/apoptose.jpg" width="500" height="365" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /><small><a href="http://www.uni-due.de/imperia/md/images/phys_chem_rauen/apoptose_gro__.jpg">Quelle</a></small><br />
<br />
So wie im Bild oben sehen apoptotische Zelle aus. Sie schrumpfen und runden sich ab und man erkennt noch das „membrane blebbing" (sieht ein bißchen so aus, als würde die Zellmembran Blasen werfen), die Kondensation des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chromatin">Chromatins</a>, die Fragmentierung des Zellkerns und einen Verlust der Adhäsion. Es bilden sich die typischen "apoptotischen Körperchen", die sich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Makrophage">Makrophagen</a> und/oder benachbarten Zellen einverleiben (= phagozytieren). Im Inneren der Zelle, nicht mikroskopisch beobachtbar aber biochemisch nachweisbar, werden die DNA und intrazelluläre Proteine und Strukturen in Stücke zerlegt. Was also von der Zelle übrig bleibt ist, ist sehr überschaubar, recyclebar und - das ist wichtig - unschädlich für die Umgebung der Zelle. <br />
<br />
Die sehr schematische Darstellung dieser beiden Wege der Apoptoseeinleitung sollte übrigens nicht dazu verleiten, sie sich als völlig isoliert voneinander vorstellen, denn es gibt durchaus Schnittstellen und Wechselwirkungen zwischen ihnen, die - wie so oft in der Biologie - alles noch viel komplizierter machen. Hinzu kommt, daß es mit der sogenannten „Nekroptose" ohnehin ein Phänomen gibt, das insofern eine Schnittmenge von Apoptose und Nekrose darstellt, als es Charakteristika von beiden aufweist. Darüber hinaus kennt man noch die Prozesse der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Autophagozytose">Autophagie</a>, bei der die Zelle Teile von sich selbst verdaut, und der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Altern#Zellul.C3.A4re_Seneszenz_.E2.80.93_Krebs_oder_Altern">Seneszenz</a>, ein "Alterseffekt" bei Zellen, der u.a. verhindert, daß sie sich weiter teilen, die ebenfalls Mechanismen sind, die zur Optimierung der Resourcenverwaltung aber auch zum Schutz vor Infektionen und Entartung dienen und deren Abläufe und Regulation dicht in das zelluläre Kommunikationsnetz eingeflochten und auch von der Apoptosesteuerung nicht scharf zu trennen sind.<br />
Wir stellen also fest, daß Funktionalität und "Konformität" der Zelle einer strengen und straffen Kontrolle sowohl von innen als auch von außen unterliegen und daß die reinigende, formende, schützende und nachhaltige Funktion der evolutiv stark konservierten  programmierten Selbstzerstörung der Zellen untrennbar mit Gesundheit und Überleben des gesamten Organismus verbunden ist.<br />
Wir werden später noch sehen, daß das, was unser Actionheld am Anfang dieses Beitrages tut, nämlich den Selbstzerstörungsmechanismus zu stoppen, in einer Zelle einen der Grundsteine der Krebsentstehung legen würde...<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/09/basics---apoptose-oder-der-programmierte-zelltod.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Mon, 03 Sep 12 18:00:00 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>BBC über Genies [Mathlog]</title>
<description><![CDATA[Gehirne aufschneiden und den n&auml;chsten Newton oder Einstein entdecken.Noch ein letzter Alt-Beitrag vor dem Wechsel zu wordpress.<br />
<br />
Vor einem Jahr hatten wir mal <a href="http://www.scienceblogs.de/mathlog/2011/09/sautoy-uber-malerei.php">auf einen Vortrag von Sautoy zur versteckten Mathematik in Malerei, Musik, Literatur und Tanz</a> hingewiesen (bei der DMV-Tagung in K&ouml;ln). <br />
<br />
Sautoy hat sich aber nicht nur mit der Mathematik hinter k&uuml;nstlerischer Krativit&auml;t befa&szlig;t, sondern auch einmal einen Dokumentarfilm f&uuml;r die BBC gedreht, in dem er zu ergr&uuml;nden versuchte, was ein 'Genie" ausmache:<br />
<br />
<iframe width="420" height="315" src="http://www.youtube.com/embed/todrSnlOh5g" frameborder="0" allowfullscreen></iframe><br />
<br />
<em>Times Online</em> wies seinerzeit unter der &Uuml;berschrift <a href="http://www.psy.jhu.edu/~labforchilddevelopment/pdf_files/US%20IN%20THE%20NEWS%20PDF'S/TIMESONLINE.pdf">"Sexy science: How to spot a genius.<br />
Discover if your child will be another Newton or Einstein"</a> auf die Sendung hin. <em>Nichts genaues wei&szlig; man nicht</em> scheint mir aber eher das Fazit zu sein.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/mathlog/2012/09/sautoy-uber-genies.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Mon, 03 Sep 12 16:45:14 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Beschneidung: Was dürfen Ärzte? [Frischer Wind]</title>
<description><![CDATA[Die Diskussion um die religiöse Beschneidung ist durch Vorurteile und Missinterpretationen erschwert. Es ist an der Zeit, zumindest einige davon aus dem Weg zu räumen und mit etwas Abstand das Thema nüchtern und zur Abwechslung von einem rein juristisch-medizinischen Standpunkt zu betrachten. Ein Gastbeitrag von Dr. Ludwig Klam.<hr><hr><br><br />
<br />
Seit dem <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/religioes-motivierte-beschneidung-von-jungen-ist-laut-gericht-strafbar-a-841084.html">Urteil des Landgerichtes Köln</a> zu religiös motivierten Beschneidungen bei männlichen Juden und Muslimen, schlagen die Wellen nicht nur in der Blogosphäre hoch. Während die einen den <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rituelle-beschneidung-beschneidungsdebatte-empoert-israel-11867158.html">Exodus jüdischer Gemeinden aus der Bundesrepublik befürchten</a>, sehen andere in dem Urteil eine mehr als <a href="http://bremen.piratenpartei.de/Blog/2012-7-19/das-beschneidungsurteil-von-koeln---ein-richtiges-zeichen/">willkommene staatliche Grenzziehung</a> im Bereich der religiösen Prägung und Erziehung. Auch hier auf den ScienceBlogs wurde das Urteil mit viel emotionalen Engagement <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/beschneidung-was-durfen-religionen.php">hier</a> bei Florian Freistetter, <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/verstummeln-hat-doch-tradition.php">hier</a> und <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/08/nachtrag-zur-verstummelung.php">hier</a> bei Cornelius Courts und <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/es-geht-um-mehr-als-ein-stuck-haut.php">hier</a> bei unserem SB-Redaktionschef Jürgen Schönstein diskutiert, wobei das "Urteil zum Urteil" stets positiv ausfiel. Ich freue mich, dass dank eines lesenswerten und umfangreich recherchierten Gastbeitrags von <a href="http://www.itp.phys.ethz.ch/people/lklam/index">Dr. Ludwig Klam</a>, der als Physiker an der <a href="http://www.ethz.ch/">ETH Zürich</a> forscht und vielen hier sicher als gleichnamiger Kommentator bekannt ist, heute auch einmal eine Gegenposition auf den ScienceBlogs zur Diskussion gestellt werden kann. Für eben diese bitte ich schon vorab alle Kommentatorinnen und Kommentatoren um den gleichen <a href="http://www.scienceblogs.de/netiquette.php">ruhigen Tonfall</a>, durch den sich auch der Gastbeitrag auszeichnet. Vielen Dank!<br />
<br />
<hr><hr><br />
<br />
<blockquote>"Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."<br>(Voltaire)</blockquote><br />
<br />
Fangen wir an mit den Grundrechten, d.h. mit dem deutschen Grundgesetz.<br />
<br />
Zunächst einmal zum häufig missverstandenen Zweck des Grundgesetzes: Denn im Gegensatz zu anderen Gesetzen und Vorschriften die der Staat erlässt um das Zusammenleben zu regeln, formuliert das Grundgesetz <a href="http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv007198.html">in erster Linie Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat</a>. Das Grundgesetz ist also für uns Bürger gedacht, um uns gegen staatliche Willkür zur Wehr zu setzen - das schliesst sowohl die Exekutive, Legislative als auch die Judikative mit ein. Das de-facto Beschneidungsverbot des <a href="http://adam1cor.files.wordpress.com/2012/06/151-ns-169-11-beschneidung.pdf">Kölner Urteils</a> führt also zu den folgenden zwei Fragen: a) Ist eine Beschneidung aus religiösen Gründen wirklich verfassungswidrig? b) Ist dieses de-facto Beschneidungsverbot ein grundgesetzkonformer Eingriff des Staates in das Leben der Bürger?<br><br />
<br />
In den Medien ist die Meinung ziemlich verbreitet, dass es bei der Beschneidungsfrage einen Grundrechtekonflikt gibt. Die körperliche Unversehrtheit des Kindes auf der einen Seite und die Religionsfreiheit auf der anderen Seite (siehe auch die ScienceBlogs-Artikel <a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/wahrheit-frieden-und-recht.php">hier</a> und <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/beschneidung-was-durfen-religionen.php">hier</a>). Es lohnt sich aber, diesen scheinbaren oder tatsächlichen Grundrechtekonflikt etwas genauer zu beleuchten. Gehen wir einfach die Grundrechte der Reihe nach durch, die bei der Beschneidung eine Rolle spielen können:<br />
<br />
<b>Die körperliche Unversehrtheit (GG Art. 2)</b><br />
<br />
<blockquote>(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.</blockquote><br />
<br />
Wir stellen zweierlei fest:<br />
<br />
<ol><li>gilt das <a href="http://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/06/26/richter-erklren-beschneidung-von-jungs-fr-strafbar/">Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht absolut</a>. Genau wie viele andere Grundrechte auch, hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit seine Grenzen - die im Gegensatz zu anderen Grundrechten hier aber explizit durch den Verweis auf Gesetze genannt werden. In einigen Situationen darf der Staat in dieses Recht eingreifen. Beispiele hierfür sind z.B. die Impfpflicht im Seuchenfall (die seit 1983 nicht mehr zur Anwendung kam), eine Zwangs-Blutabnahme von potentiellen Straftätern, etc.</li><br />
<li>handelt es sich bei GG Art. 2 um ein sog. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_k%C3%B6rperliche_Unversehrtheit">disponibles Rechtsgut</a>. D.h. die entsprechende Person kann nach freiem Willen über ihre Unversehrtheit entscheiden und auch darauf verzichten. Das setzt natürlich erstmal einen freien Willen voraus (hier ist natürlich nicht die philosophische Diskussion gemeint) - falls dieser noch nicht vorhanden ist oder nicht geäussert werden kann, muss man Gesetze zurate ziehen.</li></ol><br />
<br />
Im Gegensatz zu einigen anderen Grundrechten ist Art. 2 deshalb eher schwach, denn es ist nicht vorbehaltlos und es kann darauf verzichtet werden. Und das ist auch so gewollt, wie sich bei der Diskussion um medizinische Eingriffe zeigen wird.<br />
<br />
<b>Das Diskriminierungsverbot (GG Art. 3)</b><br />
<br />
<blockquote>(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.</blockquote><br />
<br />
Dieses Grundrecht ist ein starkes Grundrecht, da vorbehaltlos und nicht disponibel. D.h. selbst wenn es die diskriminierte Person in Ordnung findet, vom Staat benachteiligt zu werden, kann eine Verfassungsbeschwerde eingelegt werden. Was hat dieses Grundrecht nun mit der Beschneidung zu tun?<br />
<br />
Das Kölner Urteil hat die Beschneidung aus religiösen Motiven in Deutschland (bis zur neuen gesetzlichen Regelung) zu einer strafbaren Handlung erklärt. Bei der Urteilsbegründung argumentieren die Richter ausschliesslich im Hinblick auf die religiöse Motivation der Eltern. Auch die derzeitig diskutierte Online-Petition zum "Verbot von Beschneidungen bei Minderjährigen" fordert explizit eine Diskriminierung nach religiösen Gründen (deshalb verlinke ich diese darüberhinaus stümperhaft formulierte Petition auch nicht). Eine solche Diskriminierung ist aber laut GG Art. 3 vorbehaltlos verboten. <br />
<br />
<b>Die Religionsfreiheit (GG Art. 4)</b><br />
<br />
<blockquote>(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.</blockquote><br />
<br />
Dieses Grundrecht ist ebenfalls ein starkes Grundrecht, denn es ist vorbehaltlos. Natürlich gilt dieses Grundrecht nicht absolut - es findet genau wie die anderen Grundrechte dort seine Schranken, wo andere Grundrechte verletzt werden. Es wird häufig argumentiert, dass dieser Artikel (insbesondere Absatz 1) auch die Freiheit des Nicht-Glaubens schützt. Das ist soweit völlig richtig. Diese sog. "negative Religionsfreiheit" stünde dann aber laut weiterer Argumentation auf Seiten des Kindes und man müsste dann das Kind deshalb vor jeglichem religiösem Einfluss schützen, damit es später selbst eine unbeeinflusste Entscheidung treffen könne. Das ist aus verfassungsrechtlicher Sicht falsch: <a href="http://verfassungsblog.de/religion-vor-recht-recht-vor-religion/">Eine solche "negative Religionsfreiheit" ist reine Unterstellung und Spekulation</a>.<br />
<br />
<br><b>Das Fürsorgepflicht der Eltern (GG Art. 6)</b><br />
<br />
<blockquote>(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.</blockquote><br />
<br />
Bei diesem Grundrecht wird wieder explizit eine Beschränkung genannt, nämlich das sog. Wächteramt des Staates. Allerdings ist Art. 6 nicht disponibel: Die Eltern haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihre Kinder zu pflegen und zu erziehen. Dieses Grundgesetz ist auch der Grund dafür, dass es keine "negative Religionsfreiheit" geben kann: Wie sollen die Eltern ihre Kinder pflegen und erziehen und dabei vor jeglichem religiösem Einfluss schützen (auch gegen die eigene Überzeugung der Eltern)?<br />
<br />
Wie man sieht sind also mehr Grundrechte betroffen, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Dabei stellt <a href="http://verfassungsblog.de/religion-vor-recht-recht-vor-religion/">Georg Neureither im Verfassungsblog</a> - an dessen Argumentation ich mich hier anlehne - zurecht fest: "Interessant ist dabei, dass sich in der Diskussion durch das Hinzutreten der Religion die Dinge eher gegen die Eltern wenden als zu ihnen, obwohl sie mit Art. 4 I, II GG nun ein weiteres Grundrecht an ihrer Seite haben, und noch dazu ein „starkes", weil vorbehaltloses. Das ist zumindest kontraintuitiv."</br><br />
Mir scheint das noch sehr vorsichtig formuliert zu sein, denn aus keinem einzigen der diskutierten Grundrechte lässt sich direkt ableiten, dass die Beschneidung von Jungen verfassungswidrig wäre - im Gegenteil: Das Diskriminierungsverbot, die Religionsfreiheit und die Fürsorgepflicht der Eltern sprechen alle dafür, dass sich der Staat aus der Beschneidungsfrage heraushalten und die Entscheidung den Eltern überlassen sollte. Auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist direkt jedenfalls nicht anwendbar, da die Eltern im Rahmen der Fürsorgepflicht für die Kinder Entscheidungen treffen. Trotzdem dürfen Eltern natürlich nicht alles mit ihren Kindern machen, was sie wollen. Auch hier gibt es Grenzen. Aber diese werden durch Gesetze (und nicht durch das Grundgesetz) geregelt. Deshalb soll es im Folgenden darum gehen, wann Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit von Kindern erlaubt sind, und wann nicht. Denn das ist die alles entscheidende Frage.<br />
<br />
<a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/assets_c/2012/08/Justitia-32520.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/assets_c/2012/08/Justitia-32520.php','popup','width=564,height=794,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/assets_c/2012/08/Justitia-thumb-512x720-32520.jpg" width="512" height="720" alt="Justitia.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a><br />
<br />
<em><div style="text-align: center;">Die Göttin Justitia in einer Darstellung von Marten van Heemskerck aus dem 16. Jahrhundert. Welche Interpretation der Augenbinde hatte der Künstler wohl im Sinn, als er dieses Kunstwerk schuf? (Quelle: <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Iustitia_van_Heemskerck.png&filetimestamp=20101106034146">Wikipedia</a>)</div></em><br><br />
<br />
<b>Wie argumentieren die Ärzte?</b><br />
<br />
Im Folgenden fasse ich die relevante Argumentation aus zwei Artikeln im Ärzteblatt zusammen. Ich empfehle insbesondere den <a href="http://m.aerzteblatt.de/print/61273.htm">kürzeren Artikel</a> (<a href="http://www.aerzteblatt.de/archiv/54690">hier der längere</a>). Zuerst möchte ich die offengebliebene Frage beantworten, warum der körperlichen Unversehrtheit im Grundgesetz eine so restriktive Rolle zukommt. Die Antwort ist einfach: Jeder medizinische Eingriff ist eine Körperverletzung:<br />
<br />
<blockquote>Die Rechtsprechung zum Heileingriff, der ärztlichen Aufklärung und der Patienteneinwilligung ist äußerst komplex (1-25). Ausgehend von der Auffassung des Reichsgerichtshofs aus dem Jahre 1894 (RGSt 25, 375) und der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGHSt 35, 246) stellt jeder ärztliche Heileingriff tatbestandlich eine Körperverletzung dar im Sinne der §§ 223 ff. StGB; 823 I BGB.</blockquote><br />
<br />
Ja sogar diagnostische Eingriffe und auch das Haareschneiden/Rasieren sind eine Körperverletzung und damit ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Machen sich jetzt alle Ärzte in Deutschland strafbar? Nein, natürlich nicht. Dass jeder ärztliche Eingriff eine Körperverletzung darstellt ist einfach nur Terminologie. Die Strafbarkeit von Körperverletzungen wird nämlich separat geregelt. Sobald eine Einwilligung des Patienten vorliegt, macht sich der Arzt nicht strafbar (abgesehen von Ausnahmen, die uns jetzt nicht interessieren). Das ist genau der Grund, warum das Recht auf körperliche Unversehrtheit ein "disponibles Rechtsgut" ist - wäre es das nicht, dann wäre jeder ärztliche Eingriff verboten. Nun sind aber Kinder noch nicht einwilligungsfähig (die Altersgrenze liegt ungefähr bei 14 Jahren) - und trotzdem müssen die Haare geschnitten werden, ärztliche Vorsorgeuntersuchungen gemacht werden, prophylaktische Massnahmen ergriffen werden oder sogar in Notfällen sofort behandelt werden. In all diesen Fällen sind die Eltern entscheidungsberechtigt.<br />
<br />
<blockquote>Ihre Einwilligung ist gemäß § 1627 Satz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs allerdings daran gebunden, dass die Personensorge „zum Wohl des Kindes" ausgeübt wird, andernfalls sind die Personensorgeberechtigten nicht dispositionsbefugt. Damit eine Entscheidung im „Wohl des Kindes" liegt, muss sie seinen Interessen entsprechen, vereinfacht formuliert: vorteilhaft sein. Sind mit einer Maßnahme auch Nachteile verbunden, müssen sie von den Vorteilen überwogen werden. Letztlich läuft alles auf eine Güterabwägung hinaus.</blockquote><br />
<br />
Daher stammt also das vielzitierte "Wohl des Kindes". Und jetzt ergibt sich auch ein konsistentes Bild, warum die in diesem Zusammenhang immer wieder erwähnte weibliche Genitalverstümmelung sowie die Prügelstrafe verboten sind: in beiden Fällen überwiegen eindeutig die Nachteile. Und wenn die Nachteile überwiegen, dann kann eine Massnahme nicht dem Wohl des Kindes dienen und die Eltern dürfen auch nicht darüber entscheiden. Diese Überlegungen haben aus ärztlicher Sicht nichts mit einem Grundrechtekonflikt oder mit "praktischer Konkordanz" zu tun. Es geht einzig und alleine um eine Abwägung der medizinischen Vor- und Nachteile einer Beschneidung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch.<br />
<br />
Soviel zum unbestrittenen Argumentationspfad. Als nächstes muss nun bestimmt werden, wie die Abwägung bei einer Beschneidung ausfällt. Denn prinzipiell ist eine Beschneidung aus ärztlicher Sicht auch nicht anders zu werten als das Entfernen von Rachen-Mandeln, das Operieren von Nasen-Polypen, das Impfen oder das verordnen von Zahnspangen. Es sind alles Eingriffe/Körperverletzungen, die im nicht-einwilligungsfähigen Alter nur durchgeführt werden dürfen, wenn der Eingriff vorteilhaft für das Kind ist. Ob es sich dabei um eine akute Massnahme handelt, ob der Eingriff erst später seine vorteilhafte Wirkung entfaltet, ob die Massnahme prophylaktisch ist, oder ob der Eingriff nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Vorteile/Nachteile bringt, spielt alles überhaupt keine Rolle. Ausserdem ist das "Kindeswohl" meiner Meinung nach auch nicht wortwörtlich zu verstehen. Es geht hier nicht darum, nur Eingriffe zuzulassen, die dem Kind im Kindesalter zugute kommen. Vielmehr ist das Kindeswohl so zu verstehen, dass der Eingriff der Person zugute kommt, die zur Zeit des Eingriffs noch ein Kind ist. So verursachen Zahnspangen im Kindesalter nur Schmerzen - die Vorteile entfalten sich hingegen erst überwiegend im Erwachsenenalter. Trotzdem wird wohl niemand bestreiten, dass die Zahnspange dem Kindeswohl dient.<br />
<br />
Der <a href="http://m.aerzteblatt.de/print/61273.htm">kurze Artikel im Ärzteblatt</a>, wie auch die Stellungnahme der <a href="http://www.dgkic.de/index.php/presse/189-pressemitteilung-juli-2012">Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie</a> oder die <a href="http://dakj.de/media/stellungnahmen/ethische-fragen/2012_Stellungnahme_Beschneidung.pdf">Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin</a> kommen alle zum Ergebnis, dass die Nachteile schwerer wiegen als die Vorteile. Auf eine Begründung durch Berufung auf die Fachliteratur wird in so gut wie allen Stellungnahmen vollständig verzichtet. Falls die Einschätzung der zitierten Verbände und Vereine stimmt (und die Nachteile wirklich so schwerwiegend sind, wie dargestellt), dann sollte die prophylaktische Beschneidung (egal aus welchen Motiven) vom Gesetzgeber verboten werden - und zwar genauso wie die Prügelstrafe auch. Denn Massnahmen, die dem Kind schaden, sollten unter keinem Vorwand legitimiert werden. Zumindest dann nicht, wenn unsere oberste Priorität dem Kindeswohl gilt.  <br />
<br />
<b>Wie argumentieren die Kölner Richter?</b><br />
<br />
Das Kölner Urteil ist <a href="http://adam1cor.files.wordpress.com/2012/06/151-ns-169-11-beschneidung.pdf">hier</a> nachzulesen - und sollte auch für jeden nach der obigen Einführung einigermassen verständlich sein. Leider wird es viel zu häufig in den Medien völlig falsch zitiert. So titelten z.B. <a href="http://www.welt.de/regionales/koeln/article107270788/Gericht-verurteilt-Beschneidung-als-Koerperverletzung.html">verschiedenste</a> <a href="http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/religionsfreiheit-urteil-beschneidung-ist-koerperverletzung/6803032.html">Zeitungen</a>, dass laut Kölner Urteil, die Beschneidung Körperverletzung sei. Inzwischen wissen wir es aber besser als die Medien: Jeder medizinische Eingriff ist eine Körperverletzung - deshalb kann die Aussage des Kölner Urteils gar nicht so gelautet haben - oder etwa doch?<br><br />
<br />
Auf den Verbotsirrtum des Arztes und den damit verbundenen Freispruch, den konkreten Fall (von einem Arzt lege artis durchgeführte Beschneidung auf Wunsch muslimischer Eltern mit anschliessender Komplikation), etc. will ich gar nicht eingehen, dazu kann man entweder gleich das Urteil lesen, oder die vielen Artikel in den Medien. Interessant ist eigentlich die allesentscheidende Frage, wie das Kölner Gericht die Abwägung zum Kindeswohl vornimmt - dazu schweigen sich nämlich die Medien aus.<br><br />
<br />
Leider findet man zu dieser zentralen Frage nur zwei kurze Textstellen im Urteil. Die erste ist eine einleitende Anmerkung<br />
<br />
<blockquote>Außerdem besteht - so der Sachverständige - jedenfalls in Mitteleuropa keine Notwendigkeit Beschneidungen vorbeugend zur Gesundheitsvorsorge vorzunehmen.</blockquote><br />
<br />
die nur Vermutungen über die Abwägung zulässt (sind nicht-notwendige gesundheitliche Vorbeugemassnahmen zwangsweise schädlich für das Kindeswohl?) und die zweite Stelle beginnt folgendermassen:<br />
<br />
<blockquote>Eine Einwilligung der Eltern lag vor, vermochte indes die tatbestandsmäßige Körperverletzung nicht zu rechtfertigen.</blockquote><br />
<br />
Hier erwartet man jetzt - wie oben ausgeführt - eine medizinische Begründung, stattdessen liest man aber:<br />
<br />
<blockquote>Nach wohl herrschender Auffassung in der Literatur (vgl. Schlehofer [...]; Lenckner/Sternberg-Lieben [...]; Jerouschek [...]; wohl auch Exner a.a.O.; Herzberg a.a.O.; Putzke a.a.O.) entspricht die Beschneidung des nicht einwilligungsfähigen Knaben weder unter dem Blickwinkel der Vermeidung einer Ausgrenzung innerhalb des jeweiligen religiös gesellschaftlichen Umfeldes noch unter dem des elterlichen Erziehungsrechts dem Wohl des Kindes.</blockquote><br />
<br />
Ob das "wohl" in "Nach wohl herrschender Auffassung [...]" Unsicherheit ausdrücken soll, kann ich als Laie nicht beurteilen - befremdlich klingt es aber schon, wenn sich die Richter nicht ganz sicher sein sollten, ob das wirklich die herrschende Auffassung in der Literatur ist. In dem Fall wäre - zumindest im Hinblick auf die Tragweite des Urteils - eine ausführlichere Literatursuche wohl nicht zuviel verlangt gewesen. Wie dem auch sei: Statt einer medizinischen Abwägung werden nur soziokulturelle Gründe zitiert. Was ist aber mit medizinischen Vor-/Nachteilen? Spielen die etwa bei der Beurteilung von Operationen keine Rolle?<br />
<br />
Da ich mir selbst keine Bewertung des Urteils anmasse (obwohl mir die Texte von Putzke bekannt sind), möchte ich im Folgenden die mir recht plausibel erscheinende Kritik von <a href="http://www.zis-online.com/dat/artikel/2012_7_685.pdf">Beulke und Dießner</a> an dem Urteil (bzw. der dort übernommenen Argumentation aus der zitierten Literatur) zusammenfassen:<br />
<br />
<ul><br />
<li>Das Kölner Gericht ignoriert die Gegenposition in der Fachliteratur - vertreten durch die Autoren Rohe, Zähle, Schwarz, Fateh-<br />
Moghadam, Valerius und Schramm. (Wer interessiert ist, dem empfehle ich den ausführlichen Artikel von <a href="http://www.rechtswissenschaft.nomos.de/fileadmin/rechtswissenschaft/doc/Aufsatz_ReWiss_10_02.pdf">Fateh-Moghadam</a>.)<br />
<li>Dem Autor Putzke wird Willkür bei seiner Nutzen-/Schadens-Bilanzierung vorgeworfen.</li><br />
<li>Jerouschek wird vorgeworfen, den de-facto Verfassungsrang des Kindeswohls nicht zu berücksichtigen.</li><br />
<li>Scharfe Kritik wird an Herzberg adressiert:<br><br />
<br />
<blockquote>Würde der Gesetzgeber insoweit Vorschriften erlassen, würde er das Gebot religiöser Neutralität verlassen und sich zum Religionsgelehrten aufschwingen. Als Beispiel dafür, was einen dann erwarten würde, seien die Äußerungen Herzbergs[76] genannt, der sich zu Überlegungen verleiten lässt, auf welche Weise das Judentum bzw. der Islam die aus seiner Sicht gebotene Wartezeit bis zur selbstbestimmten (Verweigerung der) Beschneidung überbrücken könnte.[77]</blockquote></li><br />
<br />
<li>Den zitierten Autoren wird vorgeworfen, sich auf unbegründete Behauptungen zu stützen:<br><br />
<br />
<blockquote>Die von Putzke, Herzberg, Schlehofer, Sternberg-Lieben und Jerouschek behauptete Pflicht der Eltern, von unumkehrbaren, mit körperlichen Auswirkungen behafteten Bekenntnissen bis zum Eintritt der Einwilligungsfähigkeit des Knaben Abstand zu nehmen, lässt sich aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht begründen und auch dem einfachen Recht nicht entnehmen. Im Übrigen würde eine solche Verpflichtung in das durch die Eltern bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit fiduziarisch ausgeübte Recht des Kindes auf ungestörte Religionsausübung eingreifen, also - aus grundrechtsdogmatischer Sicht - nicht weniger eingriffsintensiv sein.</blockquote></li><br />
</ul><br />
<br />
Das Fazit von Beulke und Dießner zum Kölner Urteil und der darin zitierten Literatur fällt vernichtend aus. Offensichtlich wird ein Zirkelschluss begangen (der in den Medien breitgetreten wird, wie weiter oben angesprochen):<br />
<br />
<blockquote>Liest man die Veröffentlichungen zu dem Thema, so fühlt man sich an die Worte „Rose is a rose is a rose is a rose" von Getrude Stein erinnert: Weil die Beschneidung eine Verletzung des Körpers darstellt, ist die Einwilligung in die Körperverletzung unwirksam und die Körperverletzung damit strafbar. Wie gezeigt worden ist, ist es so einfach nicht. Die Entscheidung des LG Köln ist zunächst einmal eines: ärgerlich.</blockquote><br />
<br />
Diese Kritik - unter anderem auch an dem Freispruch und der damit verbundenen Unmöglichkeit der weiteren Klärung durch das Bundesverfassungsgericht - ist auch in <a href="http://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/06/26/richter-erklren-beschneidung-von-jungs-fr-strafbar/">zahlreichen</a> <a href="http://verfassungsblog.de/religion-vor-recht-recht-vor-religion/">juristischen</a> <a href="http://verfassungsblog.de/das-beschneidungsurteil-aus-kln-und-die-frage-wozu/">Blog</a>-<a href="http://verfassungsblog.de/der-gesetzgeber-ist-gefordert-ein-vorschlag-zur-regelung-der-zirkumzision-im-gesetz-ber-die-religise-kindererziehung/">Artikeln</a> nachzulesen. Schliesslich gipfelt die Kritik im Vorwurf "Fiat iustitia, et pereat mundus!", auf Deutsch etwa "Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde".<br />
<br />
<b>Was sagt die medizinische Forschung?</b><br />
<br />
Um sich einen kleinen Überblick über den Stand der Forschung zu einem Thema zu verschaffen in dem man sich überhaupt nicht auskennt, kann man erstmal eine kleine Literatursuche empfehlen. Google Scholar ist dazu hervorragend geeignet und wird auch in vielen Fällen als zusätzliches Tool bei der wissenschaftlichen Literatursuche benutzt, da spezialisierte Suchmaschinen z.T. einige relevante Artikel nicht/noch nicht auflisten. Um nicht alle 16000 aufgelistete Artikel zu "circumcision" durchzugehen, sollte man die Suche etwas einschränken. Z.B. mit den Suchbegriffen "male circumcision" "systematic review", die Suche auf aktuelle Artikel beschränken (z.B. ab 2008) und die Patente und Zitate ausschliessen. Laut den Abstracts der ersten 5 Seiten, finden sich 23 Arbeiten, die den gesundheitlichen Vorteil durch Beschneidung hervorheben und 21 Arbeiten, die sich nicht dazu äussern. Arbeiten, die einen Nachteil für Beschnittene sehen, finden sich überhaupt nicht - selbst wenn man noch weitere 10 Seiten anhand der Titel überfliegt, taucht keine beschneidungskritische Arbeit auf.<br />
<br />
Dabei habe ich sehr strenge Kriterien angelegt: Sobald eine Arbeit zwar Vorteile der Beschneidung benennt, aber noch weiteren Forschungsbedarf sieht um eine Empfehlung auszusprechen, habe ich die Arbeit zu der zweiten Gruppe gezählt.<br />
<br />
Natürlich behandeln die meisten Arbeiten in dieser groben Suche sehr verschiedene Themen. Deshalb ist es sinnvoll die Literatursuche weiter einzuschränken und z.B. nach Reviews zu suchen, die das genaue Thema behandeln, nämlich die medizinischen Vor-/Nachteile der prophylaktischen Beschneidung von Jungen in entwickelten Ländern. Dazu findet man die folgenden aktuellen Reviews in der Literatur, die ich nun im Einzelnen durchgehen möchte:<br />
<br />
(Anmerkung: Ich stütze mich deshalb ausschliesslich auf Reviews, weil sie den Stand der Wissenschaft zu einem Thema zusammenfassen und bewerten.)<br />
<br />
<b><a href="http://www.publichealthinafrica.org/index.php/jphia/article/view/jphia.2011.e4/pdf_22">Robert S. van Howe, "How the circumcision<br />
solution in Africa will increase HIV infections"</a></b><br />
<br />
Auch wenn man schon am Titel erkennt, dass dieser Review nicht wirklich die oben genannten Such-Kriterien erfüllt (es geht nur um den Teilaspekt HIV und es geht um Afrika und nicht um entwickelte Länder), wollte ich trotzdem einen beschneidungskritischen Review/Autor in diese Liste aufnehmen, u.a. auch, weil van Howe anscheinend ein ziemlich prominenter Gegner der Beschneidung zu sein scheint - zumindest hat er in einem Beitrag für die <a href="http://www.nature.com/nrurol/journal/v6/n2/full/ncpuro1292.html">Nature Publishing Group einen Viewpoint</a> zu diesem Thema verfasst. Wie dem auch sei, eine qualitativ hochwertige Zusammenfassung zum Thema Beschneidung findet man von ihm jedenfalls nicht.<br />
<br />
Van Howe behauptet in seinen Arbeiten folgendes:<br />
<ul><li>Die Beschneidung sei nicht kosteneffektiv.</li><li>Sanftere Behandlungsmethoden seien der medizinisch indizierten Beschneidung bei Vorhautverengungen vorzuziehen.</li><li>Die in der Fachliteratur diskutierten Vorteile seien nicht vorhanden.</li><li>Eine Beschneidung wirkt sich negativ auf das sexuelle Empfinden und die Funktion aus.</li><li>Das Wissen um die Vorteile der Beschneidung fördere riskanteres Sexualverhalten.</li><li>Die Komplikationsrate bei Beschneidungen sei aussergewöhnlich hoch. "Phimose (1-2%)" wird u.a. als Komplikation einer Beschneidung angegeben.</li><li>HIV würde in Afrika vornehmlich durch Ärzte übertragen.</li></ul><br />
<br />
Ich denke nicht, dass man zu den Punkten etwas sagen muss, denn zu jedem einzelnen existiert eine Fülle von medizinischer Fachliteratur inklusive Reviews, die von van Howe nur äusserst selektiv und sparsam zitiert wird, - abgesehen natürlich von den letzten beiden absurden Punkten, bei denen es einem auch als Laien die Sprache verschlägt. <br />
<br />
Niederschmetternde Kritik zu van Howes Review findet man aber gleich in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift <a href="http://www.publichealthinafrica.org/index.php/jphia/article/view/jphia.2011.e32">hier</a> und <a href="http://www.publichealthinafrica.org/index.php/jphia/article/view/jphia.2011.e28">hier</a>. Auch interessant ist die Abbildung 1 in van Howes Review, die wegen fehlender Skalierung der Achsen komplett leer ist - man fragt sich wirklich, wie es eine solche Arbeit durch den Peer-Review schafft: es sind ja nicht einmal formale Mindeststandards erfüllt.<br />
<br />
<b><a href="http://annfammed.org/content/8/1/64.short">Caryn L. Perera et al., "Safety and Efficacy of Nontherapeutic Male Circumcision: A Systematic Review" (2010)</a></b><br />
<br />
Auch wenn der Titel dieses Reviews recht vielversprechend ist, erfüllt er nicht die Erwartungen. In diesem Review wird die Literatur nach sehr strengen Regeln durchfiltert, so dass von 1200 Studien nur noch 8 Studien in die engere Auswahl genommen werden. Themen dieser 8 Studien sind hauptsächlich HIV-Prävention durch Beschneidung in Afrika (3 Studien), das sexuelle Risikoverhalten (1 Studie), die sexuelle Befriedigung und Funktion (1 Studie) und weitere Studien zur Sicherheit der Beschneidung und dem Schmerzempfinden. Das Fazit aus diesen Studien lautet gemäss Review:<br />
<br />
<ul><li>Schwere Komplikationen infolge von Beschneidungen sind selten. Insbesondere wird von keinen Todesfällen berichtet.</li><li>Genitalgeschwüre sind bei Beschnittenen signifikant seltener als bei Unbeschnittenen.</li><li>Beschnittene Männer in einigen afrikanischen Ländern stecken sich signifikant seltener mit HIV an.</li><li>Die Beschneidung erwachsener Männer beeinflusst nicht die sexuelle Befriedigung und Funktion.</li></ul><br />
<br />
Ausserdem zweifeln die Autoren daran, dass die Ergebnisse aus den Studien zur HIV-Prävention der Beschneidung auf andere Länder übertragbar sind. Unklar sei auch, ob die Beschneidung von Erwachsenen zu einem Rückgang sexuell übertragbarer Krankheiten, Harnwegsinfektionen und Peniskrebs führt. Die Autoren empfehlen keine umfassende prophylaktische Beschneidung Neugeborener, weil die Studienlage dazu zu dürftig sei.<br />
<br />
Die letzten zwei Aussagen führten zu heftigem Widerspruch in den Kommentaren zu diesem Review. Denn die strengen Anforderungen an das Studiendesign sind aus ethischen Gründen nur schwer zu erfüllen. Ausserdem wird den Autoren vorgeworfen, einige Studien nicht zu zitieren ("Cherry-picking"). Problematisch in diesem Zusammenhang ist wohl auch die Aktualität: Die Autoren haben in dem 2010 publizierten Review nur Literatur bis zum Jahr 2008 berücksichtigt. Inzwischen hat sich die Studienlage aber dramatisch verändert was unter anderem daran auffällt, dass in vielen der Kommentare deutlich mehr Zitate enthalten sind als im Review selbst, der es nur auf lausige 29 Zitate bringt. So wird z.B. ein Cochrane Review (das ist eine qualitativ besonders hochwertige Arbeit) von 2009 zu dem Thema nicht zitiert. Damit ist dieser Review bereits bei dessen Publikation veraltet gewesen.<br />
<br />
<b><a href="http://www.scirp.org/Journal/PaperInformation.aspx?paperID=17415">Brian J. Morris et al., "Infant male circumcision: An evidence-based policy statement" (2012)</a></b><br />
<br />
Dieser Review ist mit Abstand der aktuellste, vollständigste und umfassendste zur prophylaktischen Beschneidung von Jungen. Eine themenspezifische Suche auf PubMed liefert diesen Review als inhaltlich einzigen passenden Treffer in einer überschaubaren Liste. Natürlich gibt es noch weitere detailliertere Reviews zu Einzelaspekten der Beschneidung, diese werden aber a) alle im Morris-Review zitiert und kommen b) alle bis auf ganz wenige Aussnahmen zum gleichen Fazit. Die knapp 200 zitierten Fachpublikationen zeugen ebenfalls von der Qualität des Reviews. Es wird die gesamte relevante Literatur zum Thema nach einem standardisiertem Verfahren bewertet und übersichtlich dargestellt. Es werden die Vorteile und Risiken der Beschneidung gegenübergestellt und quantitativ bewertet. Zusätzlich wird auch noch ein Mass für die Verlässlichkeit der gemachten Aussagen angegeben. Der Review zitiert nicht nur einseitig Fachpublikationen die die prophylaktische Beschneidung befürworten oder kritisieren, sondern berücksichtigt beides und deckt von den Themen alles ab, was bisher in der Literatur diskutiert wurde (ca. 15 Krankheiten, Kosteneffektivität, Hygiene, sexuelle Empfindsamkeit/Befriedigung/Funktion, Beschneidungstechniken, Betäubung, Komplikationen und ethische Gesichtspunkte).<br />
<br />
Eigentlich sollten das alles Selbstverständlichkeiten für einen Review sein - wie man aber an den obigen (z.T. abschreckenden) Beispielen sieht, ist dem leider nicht so.<br />
<br />
Eine praktische und allgemeinverständliche Zusammenfassung der Fachliteratur findet sich in Tabelle 1. Laut dieser Tabelle sind die Vorteile der prophylaktischen Beschneidung laut Fachliteratur überwältigend. Greift man sich die relevantesten Vorteile der Beschneidung heraus, so vermeiden<br />
<br />
<ul><br />
<li>4 Beschneidungen einen Fall von Harnwegsinfektion</li><br />
<li>10 Beschneidungen einen Fall von Candidiasis</li><br />
<li>6 Beschneidungen einen Fall von Prostatakrebs</li><br />
<li>10 Beschneidungen einen Fall von Balanitis</li><br />
<li>10 Beschneidungen einen Fall von Phimose</li><br />
<li>2 Beschneidungen einen Fall von hoch-risiko HPV</li><br />
<li>5 Beschneidungen einen Fall von Genitalherpes</li><br />
</ul><br />
<br />
während die Risiken nahezu vernachlässigbar sind.<br />
<br />
Interessant ist auch, dass das sonst in der Diskussion so dominante Thema HIV und Peniskrebs in entwickelten Ländern den mit Abstand unbedeutendsten Grund darstellt, Jungen zu beschneiden.<br />
<br />
Das Fazit des Reviews lautet:<br />
<br />
<blockquote>MC [Anm.: Male circumcision] has no adverse effect on sexual function, sensitivity, penile sensation or satisfaction and may enhance the male sexual experience. Adverse effects are uncommon (&lt;1%), and virtually all are minor and easily treated. For maximum benefits, safety, convenience and cost savings, MC should be performed in infancy and with local anesthesia. A risk-benefit analysis shows benefits exceed risks by a large margin. Over their lifetime up to half of uncircumcised males will suffer a medical condition as a result of retaining their foreskin. The ethics of infant MC and childhood vaccination are comparable. Our analysis finds MC is beneficial, safe and cost-effective, and should optimally be performed in infancy.</blockquote><br />
<br />
<b>Fazit</b><br />
<br />
Die Argumentation aus Sicht der Ärzte, sowie die wissenschaftliche Fachliteratur und damit der Standpunkt der Evidenzbasierten Medizin wird in der öffentlichen Diskussion zur Beschneidungsfrage so gut wie komplett ignoriert. Dabei dient laut Fachliteratur die prophylaktische Beschneidung eindeutig dem Kindeswohl. Und damit haben sich auch alle juristisch komplizierten Argumente erledigt, die für den Fall zu berücksichtigen wären, dass es keinen Konsens in der Fachliteratur gäbe, dass die Beschneidung aus medizinischer Sicht kindeswohlneutral wäre oder eine (leicht) negative Bilanz vorweisen würde. Nur in diesen Fällen müsste nämlich tatsächlich das Kindeswohl (dem Verfassungsrang zukommt) in <a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/wahrheit-frieden-und-recht.php">praktischer Konkordanz</a> mit dem Recht auf Religionsfreiheit und der Fürsorgepflicht der Eltern gebracht werden.<br />
<br />
Ein Blick in die medizinische Fachliteratur verrät aber, dass dies nicht notwendig ist, da die überwältigende Mehrheit der Publikationen die prophylaktische Beschneidung als positiv zu bewertende Gesundheitsmassnahme sieht. Und Eltern die sich für eine lege artis ausgeführte Massnahme entscheiden, die dem Kindeswohl dient, ist kein Vorwurf zu machen. Egal ob die Eltern nun religiöse, ästhetische, traditionelle oder einfach nur medizinische Motive angeben: was dem Kindeswohl dient, kann nicht verboten sein.<br />
<br />
<b>Disclaimer</b><br />
<br />
Nachdem ich in Diskussionen zu diesem Thema immer wieder gefragt wurde hier meine persönliche Ansicht: Ich selbst würde Kinder aus den gleichen Gründen wie <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/es-geht-um-mehr-als-ein-stuck-haut.php">Jürgen Schönstein</a> nicht beschneiden lassen - auch wenn die wissenschaftliche Evidenz absolut überzeugend ist. Aber das wäre meine private (und meinetwegen irrationale) Entscheidungen, und diese sollte man nicht dazu missbrauchen um sich den Stand der medizinischen Forschung so zurechtzubiegen, dass er das persönliche Weltbild befriedigt. Kurz: Ich bin absolut gegen die Beschneidung von Kindern - setze mich aber trotzdem dafür ein, dass Eltern die Wahlfreiheit haben, solange die Fachliteratur auf ihrer Seite ist.<br />
<br />
<i>Soviel zum Eingangszitat von Voltaire...</i><br /><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2012/08/beschneidung-verbot-was-duerfen-aerzte.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

<a href="http://www.scienceblogs.de/redirect.php?7424,http%3A%2F%2Fwww.scienceblogs.de%2Fwerbung.php" target="_blank"><img src="http://www.scienceblogs.de/rssadds/Banner_Kauf_mich_468.gif" border="0" alt="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " title="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " /></a>

]]></description>
<link>http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2012/08/beschneidung-verbot-was-duerfen-aerzte.php</link>
<guid>http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2012/08/beschneidung-verbot-was-duerfen-aerzte.php</guid>
<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Fri, 31 Aug 12 09:23:23 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Meine Emails mit dem XCell-Center [WeiterGen]</title>
<description><![CDATA[<a href="http://www.scienceblogs.de/weitergen/2012/08/meine-emails-mit-dem-xcell-center.php"><img alt="XCell550.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/weitergen/assets_c/2012/08/XCell550-thumb-550x131-32502.jpg" width="550" height="131" class="mt-image-none" style="" /></a><br />
<br />
<strong>Das XCell-Center in Köln bot experimentelle Stammzelltherapien für eine bunte Sammlung schwerer und schwerster Erkrankungen an. Bis es 2011 geschlossen wurde. Nicola Kuhrt hat in einem aktuellen Spiegel-Artikel die Geschichte der umstrittenen Klinik aufgearbeitet. Hier als Ergänzung mein Emailaustausch mit dem XCell-Center inklusive der mir zugesandten Präsentationen zu Cohortstudien mit XCell Patienten.</strong>Spiegel Online widmete gestern einen sechsteiligen <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/xcell-klinik-chronologie-eines-vermeidbaren-todesfalls-a-852230.html">Artikel</a> dem dubiosen und seit 2011 geschlossenen XCell-Centers, damals mit Sitz in Köln. Das XCell-Center bot für einige Jahre experimentelle Stammzelltherapien an, bei denen eigene, adulte Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen werden und an anderem Ort, also Beispielsweise dem Rückenmarkskanal oder dem Hirnwasserraum, wieder injiziert werden. <br />
<br />
Eine 2010 publiziere kritische Evaluation des XCell-Centers bietet einen Überblick (<a href="http://www.quackwatch.org/06ResearchProjects/als/xcell.pdf">pdf</a>) über deren Aktivitäten und listet über ein Dutzend schwerer und schwerster Erkrankungen, die angeblich mit autologer Stammzelltherapie behandelt werden könnten: <br />
<br />
<blockquote><em>In addition to advertising its version of stem cell transplants to patients with ALS, the Cell-Center also advertises it to patients with Alzheimer 's disease, autism, cardiovascular disease, cerebral palsy, diabetes mellitus types 1 and 2, failed back syndrome, macular degeneration, multiple sclerosis, osteoarthritis, Parkinson 's disease, spinal cord injuries and stroke. </em></blockquote><br />
<br />
Ich war zum ersten Mal Ende 2009 auf das XCell-Center aufmerksam geworden und recherchierte für einen Artikel hier im Blog. Besonders wissenschaftliche Veröffentlichungen, welche die angebotenen Therapieformen stützen sollten interessierten mich. Speziell eine klinische Studie in Phase II zur erfolgreichen Behandlung von Rückenmarksverletzungen, die auf der XCell-Webseite zwar erwähnt wurde, aber nicht verfügbar war.<br />
<br />
Meine Recherchen von damals haben es nie ins Blog geschafft. Erst kam die <a href="https://www.google.es/webhp?sourceid=chrome-instant&ie=UTF-8&ion=1#hl=en&safe=off&output=search&sclient=psy-ab&q=site%3Ahttp%3A%2F%2Fscienceblogs.de%2Fweitergen%20schweinegrippe&oq=&gs_l=&pbx=1&fp=1&ion=1&biw=1152&bih=849&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_cp.r_qf.&cad=b">Schweinegrippe</a> dazwischen, dann fehlte die Motivation. Hier nun also, sozusagen als Ergänzung zu dem Artikel von Nicola Kuhrt in Spiegel Online gestern, mein Emailaustausch mit dem XCell-Center vom Oktober 2009. Der Erstkontakt lief über ein Formular auf deren Website, kurz darauf bekam ich Post:<br />
<br />
<blockquote>Dear Mr Maier,<br />
We are proud to offer you our innovative adult stem cell treatments and we thank you very much for your interest.<br />
The XCell-Center is Europe's first certified private stem cell treatment facility and is its leading adult stem cell therapy provider. Our clinical and laboratory standards are governed by the German Medical Act and European Union GMP regulations. These standards are on par with US FDA regulations.<br />
At the XCell-Center, to best ensure the safety and success of every patient's care, each medical evaluation and stem cell procedure is performed by a team of German Medical Board certified physicians; among them are radiologists, diabetes specialists, neurosurgeons, cardiologists, ophthalmologists and pharmacologists. Together they have treated more than 1500 patients and seen excellent results.<br />
When your disease was not listed, but you want our medical team to see if it is eligible for treatment, we kindly ask that you to complete the Medical Information Form.<br />
After we receive the medical information form from you, it will be carefully reviewed . Someone will contact you within a few working days, in order to give you their preliminary opinion and explain the next steps in the evaluation process.<br />
The use of autologous adult stem cells is free of ethical concerns; there is no risk of rejection or contamination with foreign viruses as with other stem cell sources.<br />
Feel free to contact me any time if you have any questions or if you need any assistance.</blockquote><br />
Ich habe geantwortet:<br />
<blockquote>Dear Dr Randomname,<br />
thanks for your fast reply to my enquire on your homepage. I am intrigued by the opportunities your stem cell therapy offers. Would you be so kind to respond to my question in person please?<br />
<br />
1. Could you possibly send me more background information on you stem cell therapy? The link to the .pdf for the follow-up study for stem cell injection by lumbal puncture in your news section from July 20th does not work.<br />
2. Could you also please send me information on your phase II trials mentioned on the German website of xcell?</blockquote><br />
<br />
Die Antwort vom XCell-Center:<br />
<blockquote>Dear Mr Maier<br />
Thank you for your message.<br />
In your request of information there is no disease selected and your comment do not refer to any concrete diseases.<br />
I think that is the reason why the link did not work.<br />
Could you give me more information about your disease?</blockquote><br />
Meine Antwort.<br />
<blockquote>Dear Dr Randomname,<br />
thank you for your fast reply. I would kindly ask you to understand that I am reluctant to give information on my disease over the internet or by email.<br />
Nevertheless, since I am very much interested in the type of therapy you offer, I would like to get more familiar with the stem cell treatment. I would be very happy if you could forward me the .pdf on the follow up study for stem cell injection by lumbal puncture and more detailed information on your phase II trials. They evidently present your most advanced therapeutic tools and since they are in phaseII trials already, possible health risks should be considerably low.</blockquote><br />
Und deren letzte Nachricht:<br />
<blockquote>Dear Mr Maier<br />
Thank you for your message.<br />
I understand your concern but I cannot give you any information about the success of any therapy if I don't know which disease Is tried to solve or help. It is not the same treating Amyotrophic Lateral Sclerosis through lumbar puncture than treating Cerebral Palsy.<br />
But I can send you a consent of how the lumbar puncture is done and the risks involved and our statistics for some diseases treated with lumbar puncture.<br />
Those trials that you mention are not done yet... therefore we cannot give info about them.<br />
I hope you understand me too.</blockquote><br />
<br />
Die klinischen Studie, die auf der Homepage beworben wurde existierte also überhaupt nicht. Stattdessen erhielt ich ein paar andere Dokumente vom XCell-Center als Mail-Attachment:<br />
<br />
Präsentation zu einer Cohortstudie mit Patienten mit Rückenmarksverletzungen (<a href="http://www.scienceblogs.de/weitergen/SpinalcordInjury_cohort110_01072009_hdm.pdf">pdf</a>)<br />
Präsentation zu einer Cohortstudie mit Patienten mit Zerebralparese (<a href="http://www.scienceblogs.de/weitergen/CerebroPalsy_cohort45_01072009_hdm.pdf">pdf</a>)<br />
Die Einverständniserklärung zur Lumbalpunktion (<a href="http://www.scienceblogs.de/weitergen/Eng%20Inform%20Consent%20LP%20July09.pdf">pdf</a>)<br />
<br />
Es ist fahrlässig, stammzellbasierte Therapien anzubieten mit rein hypothetischem Wirkmechanismus und ohne jeden Wirkungsnachweis. Dennoch gibt es eine ganze Reihe Erkrankungen, die mit Spenderstammzellen therapiert werden können, zum Teil mit ausgezeichneten Heilungschancen. In erster Linie sind das Blutstammzelltransplantationen bei myeloproliferativen Erkrankungen (bösartige Erkrankungen blutbildender Organe, zum Beispiel Leukämie). Angeboten werden diese Therapien keinesfalls in dubiosen Instituten. Sie sind leider auch immer aufwändiger als eine Spritze ins Rückenmark.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/weitergen/2012/08/meine-emails-mit-dem-xcell-center.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Thu, 30 Aug 12 09:35:58 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Nachtrag zur Verstümmelung [blooDNAcid]</title>
<description><![CDATA[In diesem Artikel trage ich zum <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/verstummeln-hat-doch-tradition.php"> "Hauptbeitrag"</a> zur religiös-traditionellen Kinderverstümmelung kurz zwei Dinge nach:<br />
den Offenen Brief eines von der Knabenbeschneidung Betroffenen und eine Kritik an der Einlassung der American Academy of Pediatrics.Alexander Bachl ist ein von der Zwangsbeschneidung im Knabenalter Betroffener, der schwer unter der Verstümmelung gelitten hat und sich bis heute nicht damit abfinden will. Über seine Erinnerungen und heutigen Gedanken dazu schrieb er einen <a href="http://mogis-und-freunde.de/blog/offener-brief-eines-betroffenen-an-den-deutschen-kinderschutzbund/">bewegenden aber auch erschütternden Ofenen Brief</a>. Hier ein paar kurze Auszüge und die Bitte, den ganzen Brief zu lesen.<br />
<br />
<blockquote>Die nächsten drei Wochen waren eine Qual. Ich weiß nicht, ob die Narben weh taten oder die vertrocknende freigelegte Eichel. Ich konnte keine Hose tragen. Ich konnte nicht laufen. Ich konnte mich im Bett nicht zudecken. Ich lag stundenlang im Bett auf dem Rücken mit angewinkelten Knien, damit die Decke meine Eichel nicht berührt. Tagelang. Ich weinte häufig. Das erste Mal, als ich aufs Klo ging, wusste ich nicht, was passieren würde. Ich hatte Angst, es könnte weh tun. Ich hatte Recht. Von nun an hielt ich es zurück, bis es nicht mehr ging. Der Druck war deshalb größer. Es war schlimmer. Aber ich hatte Angst.<br />
[...]<br />
Meine Beschneidung ist das Schlimmste, was man mir je angetan hat. Sie hat mein gesamtes Leben beeinflusst. Hat mich immer mit Scham erfüllt. Meiner Mutter tut es sehr leid. Sie sagt, sie würde es nie wieder tun. Das hilft seelisch, aber nicht körperlich. Meine Vorhaut ist weg und kommt nicht wieder. </blockquote><br />
<br />
____________<br />
<br />
Außerdem wurde nun auch eine <a href="http://www.circumcision.org/aap.htm">vernichtende Kritik</a> zu den pro-Beschneidung-Einlassungen der "American Academy of Pediatrics (AAP)" veröffentlicht, die unbedingt lesenswert ist. Hier die Einleitung (in meiner Übersetzung):<br />
<blockquote>Die endlose Suche nach einem medizinischen Nutzen der Beschneidung, von der Behandlung der Epilepsie, Reizbarkeit und Masturbation im späten 19. Jhdt bis zur Vermeidung sexuell übertragbarer Krankheiten, war immer schon suspekt.<br />
Eine nähere Untersuchung ergibt, daß alle Aspekte dieser Praxis von psychologischen Faktoren beeinflusst werden, darunter die Auswahl derer, die Studien zur Beschneidung durchführen, welche Fragestellungen bearbeitet und welche ignoriert werden, welche Studien zur Veröffentlichung gelangen und welche nicht, welche Informationen zur Beschneidung an Eltern weitergegeben und welche ihnen vorenthalten werden, welche Empfehlungen von Ausschüssen/Komitees ausgesprochen und welche ignoriert werden und welche Erkenntnisse zur Beschneidung in den Medien berichtet und welche verschwiegen werden.<br />
<br />
Die wissenschaftlich-medizinische Literatur zur Beschneidung reflektiert die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Publikationsbias">Voreingenommenheit </a> der <em>beschnittenen amerikanischer Forscher</em>, die gezielt nach Vorteilen der Beschneidung suchen und mögliche Nachteile ignorieren und nicht erforschen. Die Antwort auf die Frage, die der Forschung gestellt wird, ist davon abhängig, welche Frage im Fokus der Forschung steht. Die Voreingenommenheit für Beschneidung in der amerikanischen Medizin reflektiert die  Voreingenommenheit für Beschneidung in der amerikanischen Kultur: die USA sind das einzige Land der Welt, in dem viele männliche Säuglinge aus nicht religiösen Gründen beschnitten werden.</blockquote><br />
<br />
Die Kritik behandelt folgende Punkte:<br />
1.) Die falsche Annahme, daß der einzige Weg, die Beschneidung zu beurteilen, die Durchführung medizinischer Studien sei<br />
2.) Die dem AAP-Bericht zugrunde liegenden persönlichen, kulturellen, finanziellen und professionellen Interessenskonflikte<br />
3.) Die Unvereinbarkeit des AAP-Berichts mit den Positionen anderer Länder, die einer Beschneidung entgegenstehen oder ihre gesetzliche Beschränkung diskutieren<br />
4.) Die Zweifel, die an vielen der im AAP-Bericht zitierten Studen angemeldet wurden<br />
5.) Die Tatsache, daß bei der Diskussion über den möglichen Nutzen der Beschneidung bei der Verhinderung der Übertragung von Krankheiten, mit keinem Wort Kondome erwähnt wurden<br />
6.) Die übertriebene Darstellung des Nutzens der Beschneidung bei der Vermeidung von Peniskrebs<br />
7.) Die übertriebene Darstellung des Nutzens der Beschneidung bei der Vermeidung von Harnwegsinfekten<br />
8.) Die Tatsache, daß potentielle medizinische Vorteile keine tatsächlichen medizinischen Vorteile sind.<br />
9.) Das Versäumnis, auf den Beschneidungsschmerz und seinen Einfluss auf das Verhalten des Kindes einzugehen<br />
10.) Das Versäumnis, alle Risiken und ethischen Bedenken zur Beschneidung aufzuführen<br />
11.) Das Versäumnis, die Nötigung von Ärzten und die Durchführung nicht autorisierter Beschneidungen aufzuführen<br />
12.) Der Versuch, Hygiene als Vorteil der Beschneidung darzustellen<br />
13.) Die Nichterwähnung der Funktionen der Vorhaut<br />
14.) Das Versäumnis, den gut bekannten Zusammenhang zwischen Beschneidung und erektiler Dysfunktion zu untersuchen<br />
15.) Die Nichterwähnung psychologischer Schäden, die durch die Beschneidung verursacht werden<br />
16.) Die Unausgewogenheit des AAP-Berichts zugunsten des Nutzens der Beschneidung<br />
17.) Die Voreingenommenheit bei der Empfehlung zukünftiger Forschungsansätze zur Entdeckung von Vorteilen statt Nachteilen der Beschneidung<br />
18.) Die Nichtbeachtung von Schwierigkeiten bei der Erlangung eines "informierten Einverständnisses" des Patienten<br />
19.) Der Versuch, die Verantwortlichkeit für die Beschneidung auf die Eltern zu schieben<br />
20.) Die Nichtbeachtung <a href="http://www.circumcision.org/blank.htm">ernster ethischer Bedenken</a>  angesichts der Entfernung eines wichtigen, gesunden und unersetzlichen Teils vom Körper eines Kindes ohne medizinische Notwendigkeit<br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/08/nachtrag-zur-verstummelung.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Wed, 29 Aug 12 07:00:00 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>&quot;Ganzheitliche&quot; Zahnheilkunde: Heeeereinspaziert! [Kritisch gedacht]</title>
<description><![CDATA[<p>Das Vorhaben, die vorübergehende Auszeit dieses Blogs <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/gastautoren-gesucht.php">wie Florian</a> mit täglichen Gastbeiträgen zu überbrücken, wäre wohl etwas vermessen gewesen. Nichtsdestotrotz nach langer Stille hier ein ebenso interessanter wie amüsanter Gastbeitrag. Das folgende Interview gab Dr. Hans-Werner Bertelsen - meinen Leserinnen und Lesern vielleicht noch von seinem dramatischen <a href="http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2012/02/insider-bericht.php">"Insiderbericht"</a> in Erinnerung - dem Magazin der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns, <i>kzvb TRANSPARENT</i>. Eine gekürzte Fassung ist dort im Juli <a href="http://www.kzvb.de/presse/publikationen/kzvb-transparent/2012/kzvb-transparent-13/#c16190">erschienen</a>, als Kritisch-gedacht-LeserIn kommen Sie natürlich in den Genuss der ungekürzten Fassung, die mir Dr. Bertelsen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.</p><p><br /></p><p align="center">======================================</p><p align="center"><br />
</p><p class="MsoNormal"><span lang="DE"><font style="font-size: 1.95312em;"><b>Wer Recht hat, heilt</b></font><br /></span></p><p class="MsoNormal"><b><span style="font-size:36.0pt;text-transform:uppercase" lang="DE"></span></b><i style="mso-bidi-font-style:normal"><span lang="DE">Frischzellentherapie, Magnetfeldtherapie, Homöopathie &amp; Co. haben mittlerweile auch in der Zahnheilkunde Einzug gehalten. Dr. Hans-Werner Bertelsen setzt sich kritisch mit diesen Behandlungen, die sich ganzheitliche, alternative oder naturheilkundliche Therapien nennen, auseinander. Dr. Michael Gleau, KZVB-Referent für Öffentlichkeitsarbeit, sprach mit dem Bremer Zahnarzt.</span></i></p><p></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Der Begriff „ganzheitliche
Zahnheilkunde" wird derzeit geradezu inflationär verwendet. Wie kam es dazu,
dass das so ein Modebegriff geworden ist? 
</span></p>

<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Zunächst einmal ist es ein Marketing-Instrument. Oftmals verbunden mit viel heißer Luft. Der Begriff suggeriert, alle anderen Kollegen würden „halbheitlich" arbeiten. Frei nach dem Motto: <i style="mso-bidi-font-style:normal">„Papperlapapp. Jetzt machen Sie schon endlich den Mund auf!"</i> Dieses Modell ist aber seit mehr als 70 Jahren überholt und funktioniert nicht mehr. Sie müssen mit den Menschen sprechen, um ihre Bedürfnisse zu erkennen.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Eigentlich ist ganzheitliches Denken etwas Gutes. Das macht jeder Zahnarzt, denn der Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und allgemeinem Gesundheitszustand ist ja inzwischen ziemlich gut belegt. Wo endet für Sie seriöse ganzheitliche Zahnheilkunde und wo beginnen Sie skeptisch zu werden? <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Ich unterstelle, dass die allermeisten Kolleginnen und Kollegen ganzheitlich arbeiten und sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Wenn Patienten überlastet sind, werden keine großen Sanierungen gemacht. Jeder verantwortungsvolle Kollege spricht mit seinen Patienten - auch und gerade über Allgemeinerkrankungen. Für viele medizinische Disziplinen ist ein Rat aus zahnmedizinischer Sicht wichtig. Denken Sie an die Kardiologie oder die Orthopädie. Ganz zu schweigen von der modernen Transplantationschirurgie. Jede Woche bekomme ich mehrere Konsilpatienten aus anderen Disziplinen. Da braucht kein Rad neu erfunden werden. Wir Zahnärzte arbeiten längst interdisziplinär und somit ganzheitlich. Der Rubicon wird überschritten, sobald Menschen unter dem Etikett der „Ganzheitlichkeit" Schaden zugefügt wird und z.B. Angst-Projektionen benutzt werden. Etwa bei Tumor-Patienten oder chronisch kranken Kindern. Zahnärztekammern haben hier Vorbildfunktion und sollten sich keiner Mode anschließen. Sie sollten keine Kurse „Analoges Denken in der digitalen Praxis" oder andere Kurse mit unseriösen Inhalten anbieten, nur weil „eine Nachfrage besteht". Jedes Angebot hat Triggerfunktion und erzeugt wiederum eine neue Nachfrage. Es ist ein Angebot aus Gefälligkeitsmotiven, welches immer einen Bumerang enthält. Oder anders ausgedrückt: Wenn im Wartezimmer weiß-blau-gesiegelte Jodeldiplome hängen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es über 300 Sekten in Bayern gibt. Das sehe ich streng ganzheitlich. Die Frage nach der der Trennung von <i style="mso-bidi-font-style:normal">seriöser</i> und <i style="mso-bidi-font-style:normal">unseriöser </i>ganzheitlicher Zahnheilkunde kann jeder leicht beantworten. Unseriöse Verfahren finden Sie auf <a href="http://www.psiram.com/">www.psiram.com</a> unter <i style="mso-bidi-font-style:normal">„Alternativmedizinische Zahnheilkunde"</i>. Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Komplettheit. Ich habe diese überflüssigen Verfahren benannt als <i style="mso-bidi-font-style:normal">„Mittels unseriöser Methodik, psychologisch irreführende, tricksende Zahnmedizin"</i>, oder kurz: M.U.M.P.I.T.Z. Eine Gesellschaft, die vorgibt ganzheitlich orientiert zu sein, lässt im Übrigen die Zähne ihrer alten Menschen nicht unbeachtet in den Heimen verrotten. Das ist sehr schlecht für das eigene Karma und rächt sich spätestens bei der nächsten Reinkarnation.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Wie kam es dazu, dass Sie sich kritisch mit alternativen Behandlungsmethoden auseinandersetzen? <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Meine eigenen Erfahrungen in einer sogenannten Alternativzahnmedizinischen Praxis. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, welcher abenteuerliche Unsinn geglaubt und dann auch noch teuer verkauft wird. Die psychologischen Mechanismen sind simpel kaskadenförmig strukturiert. Ich habe diese Mechanismen beschrieben. Wenn ich jetzt beobachte, dass Krankenkassen lieber 100.- Euro für wirkfreien Unfug bezahlen, in der Hoffnung, damit die ultimative Vermeidungsstrategie gegen den Einsatz invasiver Diagnostik gefunden zu haben, dann ist das ein verhängnisvolles, grundfalsches Signal. Ehrlicher wäre eine jährliche Intensivberatung pro Patient. Diese darf ruhig 100.- Euro kosten. Dann hätte man die Nachfrageseite zum großen Teil zufrieden gestellt. Es existiert auf Seiten der Patienten ein ungeheurer Informations- und Gesprächsbedarf, der nur deshalb nicht gestillt wird, weil es für eine Beratung 8.- Euro pro Quartal gibt. In einer Welt, die sich fortschrittlicher Kommunikation rühmt, ein trauriger, mittlerweile chronifizierter Skandal. Meine Forderung: Gebt allen Versicherten einen Intensivberatungsscheck im Wert von 100.- Euro und schon schwindet die Nachfrage nach unseriösen Ausweichangeboten!</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Was war das bisher skurrilste Angebot, das Sie bisher gesehen haben?</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Die gesamte esoterische Palette ist skurril. Es gibt allerdings Steigerungen. Meine persönlichen Erfahrungen decken sich mit einem Hilferuf aus Bayern. Als Reaktion auf meinen „ZM"-Artikel bekam ich eine Mail von einer Kollegin aus Bayern, die von Ihrer erkrankten Tochter berichtet. Diese hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und leidet unter einem Hirntumor, einem Astrozytom. Ein Zahnkollege aus München diagnostizierte<br />
„Restostitis" und wollte den Kiefer an mehreren Stellen auffräsen. Er sagte im Beisein der Tochter: Es sei Eile geboten, man müsse heute noch zur Tat schreiten. Es sei ein Wunder, dass sie noch lebe! Sie werden mir rechtgeben: Solche Kollegen gehören wegen Eigen- und Fremdgefährdung zwangseingewiesen. Die Kollegin hat das Spiel durchschaut und hat die Praxis sofort verlassen. Ich kenne solche Geschichten und weiß: dieser Wahnsinn hat Methode. Aber auch in Bremen haben wir einen „Spezialisten", der vor 20 Jahren Amalgamfüllungen mit dem Daumen modellierte. Heute verkauft er chronisch Kranken Infusionstherapien teuer und erzählt Ihnen, das Gift werde „ausgeschwemmt". Das einzige, was hier ausgeschwemmt wird, ist das Geld aus der Geldbörse.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Befürworter alternativer Behandlungsmethoden behaupten gern: Wer heilt, hat Recht. Was sagen Sie dazu?</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Gestatten Sie mir zunächst einmal einen Blick auf die Zielgruppen. Da ist die riesengroße Gruppe der larviert depressiven Frauen zwischen der 5. Und 7. Lebensdekade. Sie stellen die größte Gruppe auf der Nachfrageseite. Viele davon fühlen sich im Stich gelassen und sind emotional derart stark vereinsamt, dass allein schon der freundliche<br />
Arzt-Kontakt eine enorm heilende Wirkung zeigt. Ich habe es oft erlebt, wie Tränen flossen bei der sogenannten „Cranio-Sacralen-Therapie", einer kruden Umschreibung für<span style="mso-spacerun:yes">&nbsp; </span>„Dem Menschen Aufmerksamkeit widmen". Die andere große Gruppe sind die Tumorpatienten und chronisch kranken Kinder, für die im laufenden Medizinbetrieb viel zu wenig Zeit ist. Die Crux, die aus der völlig unterrepräsentierten Psycho-Onkologie entsteht, wird häufig in die „ganzheitlichen" Zahnarztpraxen getragen und hier oftmals streng gewinnorientiert genutzt. Es wird dann erzählt, das Material sei krankmachend und böse. Aus dem Fundus von 20000 zahnmedizinischen Materialien werden rein zufällig nur fünf oder zehn zielgerichtet „schwingungsmäßig getestet" und „das richtige" hervorgezaubert. Mit dieser tumben Wünschelrutenmethodik diskreditiert man gleichzeitig seriös arbeitende Umweltmediziner, die detektivisch nach Unverträglichkeiten suchen. Ansonsten hilft Voltaire:<i style="mso-bidi-font-style:&lt;br /&gt;
normal"> „Das Geheimnis der Medizin besteht darin, den Patienten abzulenken, während die Natur sich selber hilft."</i><span style="mso-spacerun:yes">&nbsp;<br />
</span>Gerne zitiere ich in diesem Zusammenhang auch Prof. Edzard Ernst: „Wer Recht hat, heilt!"</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Mir ist aufgefallen, dass Sie beim Umgang mit alternativen Behandlungsmethoden überraschend humorvoll auftreten. Nehmen Sie das Phänomen damit nicht auf die leichte Schulter?</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Sie sind Opfer einer klassischen Fehlwahrnehmung. Wir Norddeutschen besitzen konstitutionell bedingt keinen Humor - im Gegensatz zu euch Bayern. Ich bin bekennender Gerhard-Polt-Fan und bin bemüht, kein einziges Ringsgwandel-Konzert im Norden zu verpassen. Die besten Witze der Nordhalbkugel hörte ich bei Fortbildungen von Prof. Gutowski in München. Man lacht und ganz nebenbei wird man ein besserer Zahnarzt. Genial seid ihr in Bayern! Aber mal im Ernst: Als ich mit den ausgewiesenen Fachleuten der<br />
Ganzheitsfraktion, allesamt Zahnärzte und Heilpraktiker, im fachlichen Austausch stand und die hanebüchenen Antworten zu meinen Anfragen las, steigerte sich mein Lachanfall bis zum imperativen Harndrang. Der „fachliche Austausch" war der „Süddeutschen Zeitung" einen schönen Bericht wert mit dem Titel<span style="mso-spacerun:yes">&nbsp; </span>„Können Zähne fremdgehen?". Ein echter Comedy-Klassiker. Die Herren (warum eigentlich immer nur Männer?) pflegen im fachlichen Austausch das Prinzip der asymmetrischen Informationsverteilung zu bevorzugen, ganz im Gegensatz zur gewohnten Umgehensweise in der seriösen Medizin. Stets stellt man sich über alle anderen! Der Ablauf war bei allen Herren kongruent. Sobald ich mich als Insider zu erkennen gab, der weiß, wo sich beim Hasen die Rücklichter befinden, brach der Kontakt jäh ab. Humor ist gerade im Umgang mit diesen Herren enorm wichtig. Humor kann helfen, Transparenz zu schaffen. Das Lachen bleibt Ihnen allerdings im Halse stecken, wenn Sie erleben, dass es in Deutschland möglich ist, eine Patientin auf dem Zahnarztstuhl zu töten und einfach weiterzuarbeiten. Bussiness as usual. Lesen Sie meinen Erfahrungsbericht. Dort gab es eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die nach einer Injektion in der Praxis verstarb. <a href="http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2012/02/insider-bericht.php">http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2012/02/insider-bericht.php</a> <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Aber das ist nicht alles. Es steht noch viel mehr auf dem Spiel. Die Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes ist einer massiven Bedrohung ausgesetzt. Wenn Sie einem Kind eine Intensivzahnpflege empfehlen, und sie bekommen von der Mutter gesagt, das Unterfangen sei deshalb zwecklos, weil das Kind laut Aussage der Homöopathin ein „Sulfur-Typ" sei, dann läuft das Fass gewaltig über. „Sulfur-Typen" sind laut esoterischer Konstitutionslehre „von<br />
Natur aus schmutzig". Ein desolates Gebiss ist also mit allen Konsequenzen schicksalhaft<br />
vorhergesehen. Hier brauchen wir schleunigst deutlichen und massiven Widerstand von Seiten der BZÄK, bevor die Mannschaft in Berlin von einem spirituellen Zirkel im Handstreich übernommen wird. Das können wir in unseren Praxen nicht alleine ausbaden. Jedes desolate Milchgebiss verbraucht enorme Zeitressourcen und verursacht auf lange Sicht enorme Kosten. <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Sollte man Behandlungen, die nicht im Geringsten evidenzbasiert sind, nicht einfach verbieten? Dann hätte der Spuk doch ein schnelles Ende. <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Nein. Niemals! Ich lasse mir zu gerne aus der Hand lesen. Ein Verbot schränkte das unterhaltsame zwischenmenschliche Miteinander zu sehr ein. Meine Forderungen sind viel bescheidener. Drei kleine Dinge würden für den Anfang schon ausreichen, die Kundschaft gegen <i>ungewollte </i>Esoterikattacken zu schützen:</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">1. Man sollte die Kundschaft aufklären, sobald der wirksamkeitsgeprüfte Bereich verlassen wird und sie somit keinen Anspruch auf faire gerichtliche Klärung haben, weil im Bereich der MUMPITZ keine Standards definiert sind. Die geneigte Kundschaft sollte dieses durch eine Unterschrift verbindlich erklären. In der Implantologie ist dieses Procedere längst Alltag. Wer unterschreibt, braucht sich hinterher nicht beklagen und vor allem nicht zu schämen. Jeder darf schließlich sein Geld Hütchenspielern geben oder auch anonym verschenken. Das steht<br />
mündigen Bürgern frei.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">2. Man sollte eine standardisierte Begrüßungsformel einführen. Statt „Guten Tag! Wie geht es Ihnen heute?" sollte es klar verständlich heißen: „Heeeereinspaziert!" Damit ist jedem klar: Esotime! Jetzt gibt es Jahrmarktsmedizin!</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">3. Die weiße Berufskleidung sollte getauscht werden gegen Frack und Zylinder. Sonst ist die Gefahr der Verwechslung für unsere Patienten einfach zu groß.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gleau: Vielen Dank für das Gespräch! <br /></span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bertelsen: Ich danke Ihnen sehr für Ihre Bereitschaft, meine Kritik zu thematisieren!</span></p><p></p><br /><a href="http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2012/08/ganzheitliche-zahnheilkunde.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Tue, 28 Aug 12 21:53:04 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Appendix! In Belgien. [Hinterm Mond gleich links]</title>
<description><![CDATA[Das in meinem Alter...<iframe width="420" height="315" src="http://www.youtube.com/embed/iR7oVDQF_BI" frameborder="0" allowfullscreen></iframe><br />
<br />
Bei mir war der Verlauf dann doch etwas anders. In der Notaufnahme haben sie mich z.B. schon gar nicht mehr gefragt, ob ich Schmerzen hätte, weil ich denen in der Wartezeit bereits 3 Nierenschalen vollgekotzt hatte. Es ist einfach unmöglich bei einer ausgewachsenen Kolik würdevoll zu leiden.<br />
<br />
Außerdem Druckpunkt? Was für ein Druckpunkt? Meine Schmerzen waren zwar heftig, aber diffus im gesamten Bauchraum verteilt. Zwei Ärzte haben mittels Ultraschall alles mögliche abgesucht: Niere, Pankreas, Gallenblase. Erst als der eine Arzt den Ultraschallkopf tief in meinem rechten Unterbauch vergrub, meinte ich: 'Och ja, das könnte man - wenn man denn wollte - als leicht druckempfindlich bezeichnen.'<br />
<br />
Die Ausmessung des Wurmfortsatzes und der Ausschluss anderer Ursachen ergab dann schließlich den Befund: Appendizitis. Ich gelangte zunächst in den Genuss von drei Infusionsbeuteln mit Schmerzmitteln, zu dem mich hinterher die gesamte Notaufnahme beglückwünschte, und anschließend musste der Wurmfortsatz dran glauben. <br />
<br />
Dank minimal-invasiver endoskopischer Operationstechnik stand ich dann auch 12 Stunden nach der OP auf der Straße. Für die endgültige Heilung sind aber doch drei ganze Wochen veranschlagt, denn so ganz ohne ist selbst ein so vergleichsweise kleiner Eingriff am Bauch nicht. <br />
<br />
Na ja, so lerne ich immerhin direkt die wichtigsten Unterschiede zwischen deutschem und belgischen System kennen.<br />
1. Nimm immer Bargeld zu einem belgischen Arzt mit. Der normale Arztbesuch muss sofort bezahlt werden. Eine normale Konsultation kostet etwa 20-25 Euro und die meisten Ärzte haben keinen EC-Karten-Leser. Im Krankenhaus kommt die Rechnung hinterher zu Dir nach Hause.<br />
2. Belgische Ärzte haben in der Regel keine Arzthelfer, sondern machen alles alleine: Termineinteilung, Abrechnung, Telefondienst und Konsultation; manchmal auch alles gleichzeitig. Daher empfiehlt es sich auch bei einem Notfall vorher in der Praxis anzurufen. <br />
3. Zumindest im flämischen Teil Belgiens können wirklich alle passabel Englisch.<br />
4. Leg Dir ne Mappe für Quittungen und Rechnungen zu! Selbst der Betreiber des Krankenwagens schickt Dir ne Rechnung nach Hause, die Du zunächst bezahlen musst. Du musst dann das Geld hinterher bei der Krankenkasse und/oder bei der Zusatzversicherung für den Krankenhausaufenthalt (Wichtig! Sollte mensch unbedingt abschließen.) wieder einfordern. Viele Belgier sammeln die Quittungen und reichen sie dann gesammelt ein oder zweimal im Jahr ein. Die Quittungen sind bis zu zwei Jahre gültig.<br />
5. Selbst wenn Du noch nichts von der belgischen Krankenkasse/Versicherung hast: Keine Panik! Meine Unterlagen von der Krankenkasse waren praktischerweise auch erst einen Tag <strong>nach</strong> meiner OP im Briefkasten. Ich konnte denen in der Notaufnahme auch nur den Namen meiner Krankenkasse nennen und sonst nichts. Ich hab dann einfach nach meiner Entlassung im Krankenhaus angerufen und der Rechnungsstelle die Daten durchgegeben. War alles kein Problem.<br />
<br />
Und ja, abgesehen davon, dass mein Bauchnabel ab und an noch zwickt, geht's mir eigentlich ganz passabel.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/planeten/2012/08/appendix.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<link>http://www.scienceblogs.de/planeten/2012/08/appendix.php</link>
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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Tue, 28 Aug 12 18:22:00 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Scienceblogs-Podcast: Homöopathischer Tierarzt und Krebsserie [ScienceBlogs Podcast - Wissenschaft zum Mitnehmen]</title>
<description><![CDATA[Ich hoffe mal dass heute im Feed alles stimmt, Letze Woche hatte ich einen fehlerhaften Link gepostet und nicht gemerkt, sorry dafuer. Der Feed selbst sollte jetzt wieder in Ordning sein.<br />
<br />
 In einem Gastbeitrag bei Astrodicticum Simplex geht es um einen Besuch beim Tierarzt. Der Grund, darüber zu schreiben ist, dass der Tierarzt homöopathische "Medikamente" gibt ohne den Tierbesitzer darüber aufzuklären.<br />
<br />
<br />
Bloodnacid startet eine Reihe über Krebsforschung und hier im Podcast schon mal die Einstimmung.<br />
<br />
<br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/wissenschaft-zum-mitnehmen/2012/08/scienceblogs-podcast-homoopathischer-tierarzt-und-krebsserie.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<link>http://www.scienceblogs.de/wissenschaft-zum-mitnehmen/2012/08/scienceblogs-podcast-homoopathischer-tierarzt-und-krebsserie.php</link>
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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Fri, 24 Aug 12 11:41:49 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Viel (Passiv)Rauch um nichts?: Die Piratenpartei Deutschland und die Pseudowissenschaft [Astrodicticum Simplex]</title>
<description><![CDATA[Während meiner <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/auszeit.php">Auszeit</a> erscheinen hier einige Gastbeiträge von anderen Bloggern.<br />
<br />
Der heutige Artikel stammt von Wolfgang. Ich vermute, es könnten sich hitzige Diskussion entwickeln... Es geht ums Rauchen <i>und</i> die Piratenpartei. Jede Menge Material zum Streiten. Bemüht euch aber trotzdem, halbwegs vernünftig zu bleiben. Über das Passivrauchen hat Josef Kuhn übrigens kürzlich einen <a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/beda-stadler---ein-skeptiker-auf-abwegen.php">interessanten Artikel geschrieben</a>. Das Thema wurde vor einigen Tagen auch schon bei <a href="https://lobbywatch.wordpress.com/2012/08/17/tabaklobbyisten-kapern-die-piratenpartei/">Lobbywatch</a> aufgegriffen, dort gibt es weitere Informationen. Und damit es nicht wieder heißt, hier würde die Piratenpartei einseitig präsentiert, verweise ich noch auf das Projekt <a href="http://wiki.piratenpartei.de/Skeptische_Piraten">Skeptische Piraten</a>! (strengt euch an, ihr werdet gebraucht).<br />
<br />
<small>P.S. Und um etwaige aufgeregte Kommentare von Piraten abzuwenden: Ja, sowohl mir als auch dem Autor dieses Gastartikels ist klar, dass es sich hier nicht um offizielle Parteimeinung handelt. Es sind nur "irgendwelche" Mitglieder, die sich hier äußern. Aber die äußern sich eben als Piraten - und die Partei kann nicht ständig so tun, als würde es sie nichts angehen, was ihre Mitglieder unter dem Piratenlogo im Internet verkünden...</small><br />
<hr>Die <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804278,00.html">Esoterik Affäre um Daniela Scherler</a> ist kaum ausgesessen, da treiben es die<br />
Piraten weiter auf die Spitze. Eine <a href="http://wiki.piratenpartei.de/Datei:AG_Nichtraucherschutz_Studien_zur_Gef%C3%A4hrlichkeit_von_Passivrauch.pdf ">Arbeitsgruppe der Piratenpartei</a><br />
übt sich in Pseudowissenschaft und will belegen, dass Passivrauch<br />
eigentlich gar nicht schädlich ist. In der Untersuchung heißt es:<br />
<br />
<blockquote>Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass die Summe<br />
der Studien keinen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs<br />
beweisen können. Es gibt also mehr als genug Anlass, die offizielle<br />
Lehrmeinung hinsichtlich der Gesundheitsgefährdung durch Passivrauch<br />
in Zweifel zu ziehen.</blockquote><br />
<br />
Man muss sich nun auf der Zunge zergehen lassen, was hier veranstaltet<br />
wird: In einem 8 Seiten langen Dokument widerlegen sie eine Hypothese,<br />
über die es jahrelangen Konsens gibt. Konsens, der sich aus groß<br />
angelegten und von Epidemiologen durchgeführten Meta-Analysen gebildet<br />
hat. Hier stehen in wissenschaftlichen Fachjournalen publizierte<br />
Ergebnisse, die damit der weltweiten Kritik von Experten standhalten<br />
mussten, einer in Eigenpublikation erschienenen Erhebung gegenüber.<br />
Die Aussage der Fachleute zum Thema ist klar und deutlich:<br />
<br />
<blockquote>"The abundance of evidence, consistency of finding across<br />
continent and study type, dose-response relationship and biological<br />
plausibility, overwhelmingly support the existence of a causal<br />
relationship between passive smoking and lung cancer."  (Taylor et<br />
al., 2007, International Journal of Epidemiology)</blockquote><br />
<br />
Oder:<br />
<br />
<blockquote>"Worldwide, 40% of children, 33% of male non-smokers, and<br />
35% of female non-smokers were exposed to second-hand smoke in 2004.<br />
This exposure was estimated to have caused 379,000 deaths from<br />
ischaemic heart disease, 165,000 from lower respiratory infections,<br />
36,900 from asthma, and 21,400 from lung cancer. 603,000 deaths were<br />
attributable to second-hand smoke in 2004, which was about 1·0% of<br />
worldwide mortality. (Oberg et al., 2011, Lancet)</blockquote><br />
<br />
Ein weiterer absurder Punkt ist, dass die Arbeitsgruppe der<br />
Piratenpartei kurz und knapp beschließt, Lungenkrebs für den alleinig<br />
ausschlaggebenden Faktor der Passivrauch-Schädigung zu erklären:<br />
<br />
<blockquote>"Wir beschränken uns hier der Übersichtlichkeit halber<br />
bewusst auf den Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs,<br />
wo auch nach der offiziellen Lehrmeinung der deutlichste Zusammenhang<br />
gesehen wird. Sollte dieser in Frage stehen, dann gilt das natürlich<br />
um so mehr für die anderen Krankheiten, wo ein Zusammenhang weit<br />
weniger evident ist."</blockquote><br />
<br />
Auch hier ist die Fachwelt gänzlich anderer Meinung:<br />
<br />
<blockquote>"There is evidence of a strong, consistent and<br />
dose-dependent association between exposure to secondhand smoke and<br />
risk of stroke, suggestive of a causal relationship, with<br />
disproportionately high risk at low levels of exposure suggesting no<br />
safe lower limit of exposure." (Oono et al., 2011, J Public Health<br />
(Oxf))</blockquote><br />
<br />
Oder:<br />
<br />
<blockquote>"Meta-analysis of before and after studies shows a 10%<br />
reduction in acute coronary events after introduction of comprehensive<br />
smoke-free legislation." (Mackay et al., 2010, Heart)</blockquote><br />
<br />
So weit so unseriös. Nun stellt man sich natürlich zu Recht die Frage:<br />
Die Piratenpartei betreibt nun also Epidemiologie im großen Stil? Ich<br />
denke das Thema Einschätzung der Wirkung von Faktoren, die langfristig<br />
über viele Jahre zur Schädigung des Organismus führen, gehört durchaus<br />
zu den Königsklassen in Statistik und Epidemiologie. Hat die<br />
Piratenpartei also nun eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe mit großen<br />
Namen an Epidemiologen und Statistikern gegründet? Nein, so ist es<br />
nicht. Vielmehr haben sich zwei bekannte Namen aus dem Umkreis<br />
"Netzwerk Rauchen" <a href="http://lobbywatch.wordpress.com/2012/08/17/tabaklobbyisten-kapern-die-piratenpartei/">in die Piratenpartei "eingebracht"</a>. Es werden unter Anderem Seiten<br />
wie rauchernews.de oder verbotswahn.de von einer dieser Personen<br />
betrieben. Mit einer kurzen Google Suche zu den betreffenden Namen,<br />
kann man ihre Gesinnung innerhalb von wenigen Minuten bestätigen.<br />
<br />
Dennoch ist es kein Problem für offensichtlich befangene Personen bei<br />
der Piratenpartei Arbeitsgruppen zum Thema zu gründen und noch viel<br />
schlimmer: ungehindert im Namen der Piratenpartei Meinungsbildung zu<br />
betreiben. Dies nahm seinen Anfang bereits bei der "<a href="http://www.piratenpartei-nrw.de/47559/2012-07-02/position-zur-novellierung-des-nichtraucherschutzgesetz-nrw/">Position zur Novellierung des Nichtraucherschutzgesetz NRW</a>".<br />
<br />
Die Auswirkungen dieses pseudowissenschaftlichen Treibens sind<br />
nachhaltig. Auf einschlägigen Seiten werden die Meldungen bereits<br />
wohlwollend aufgegriffen und verbreitet. Etwa: "PIRATENPARTEI BRINGT<br />
STUDIE ZUM NICHTRAUCHERSCHUTZ" von <a href=""http://www.tabakmeier.com/piratenpartei-bringt-studie-zum-nichtraucherschutz/" rel="nofollow">tabakmeier</a> und " PIRATEN bezweifeln Passivrauch-These" auf <a href="http://www.cigarworld.de/community/Blog_show_post.php4?blogID=489" rel="nofollow">Cigar-World</a>.<br />
<br />
Bei den Piraten ist die Sachlage <a href="http://www.facebook.com/PiratenparteiDeutschland/posts/346198595466341">mittlerweile bekannt</a>. Getan wurde aber immer noch nichts. Es gibt weder eine offizielle Stellungnahme, noch wurden Konsequenzen gesetzt. Die Arbeitsgruppe treibt weiterhin ungehindert ihr Unwesen.<br />
<br />
Wissenschaft darf und will kritisch gesehen werden. Was hier betrieben<br />
wird, ist aber Meinungsbildung auf niedrigem Niveau. Dass das Ganze<br />
von einer Partei unterstützt wird, setzt dem Ganzen die Krone auf.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/viel-passivrauch-um-nichts-die-piratenpartei-deutschland-und-die-pseudowissenschaft.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Fri, 24 Aug 12 09:22:47 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Homöopathie bei Tieren - die alternativlose Behandlung [Astrodicticum Simplex]</title>
<description><![CDATA[Während meiner <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/auszeit.php">Auszeit</a> erscheinen hier einige Gastbeiträge von anderen Bloggern. <br />
<br />
Heute gibt es einen Artikel von "Mr. Horn".<br />
<hr><b>Bis heute hatte ich keinen ernsthaften Kontakt zur Homöopathie oder Homöopathen - erfolgreich umging ich sie bislang. Doch die Auswüchse dieser Art der medizinischen Verblödung machen vor Niemandem halt: Ich komme gerade vom Tierarzt und fühle mich sauer und verzweifelt. Weil ich vor der Homöopathie nicht fliehen konnte. Weil es scheinbar bald keine Alternativen mehr dazu geben wird. Ein Erfahrungsbericht.</b><br><br />
<br><br />
Vielleicht sollte ich damit beginnen, was ich gelernt habe: Man sollte immer VOR dem Beginn der ersten Behandlung klarstellen, ob man eine homöopathische Behandlung wünscht oder nicht. Ich wünsche sie nicht. Leider scheint es mittlerweile nicht mehr üblich zu sein, das man als Arzt seinen Patienten fragt, wie er zur Homöopathie steht. Homöopathie wirkt nicht - meiner Meinung nach handelt es sich dabei einfach nur um einen moderne, rechtsfreie Methode der Pharmaindustrie, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Kohle zu scheffeln. Ich habe nichts dagegen, wenn sich jemand bewusst für eine homöopathische Behandlung entscheidet! Aber ich für mich lehne sie ab.<br><br />
<br><br />
Also worum geht es überhaupt? Ich habe eine Katze. Und diese Katze hat wohl so etwas wie Schnupfen. Achtung jetzt wird's eklig, wer will kann das überspringen): Sie niest einfach häufig und dabei fliegt auch eine beachtliche Menge an grünem Rotz aus ihrer Nase - besonders toll, wenn man gerade mit dem niedlichen Tier kuschelt.<br><br />
<br><br />
Also gut, man geht zum Tierarzt. Es handelt sich um eine sehr junge Katze, es war erst mein dritter Besuch bei besagtem Arzt - genauer gesagt war ich aus Zeitmangel nicht mal selber da, eine Bekannte von mir war so nett, die Katze hinzubringen. Sie weiß auch, das ich von Homöopathie nichts halte. Wir vertrauen unseren Ärzten. Der Arzt hat Medizin studiert, hat einen Doktortitel. Wir Patienten und unsere Tiere sind von Ärzten abhängig. Er weiß ja was hilft. Also half er der Katze. Meiner Meinung nach missbrauchte er dabei seine Autorität und die Abhängigkeit seiner Patientin. Das ist aber wie gesagt nur mein subjektives Empfinden, der Arzt sähe das sicherlich anders.<br><br />
<br><br />
Meine Bekannte sagte mir, dass die Katze zwei Spritzen erhielt. "Ein Antibiotikum und irgendwas mit Zuckerwasser oder ähnliches - das soll ihr Immunsystem stärken", sagte sie mir. Das klang für mich schon nach ziemlichem Quatsch - aber gut, vertrauen wir dem Arzt. Außerdem hatte sie mir ein Medikament vom Arzt mitgebracht: Echinacea D6 - ein homöopathisches Mittel. Sie merkte auch an: "Ich weiß, du magst keine Homöopathie, aber der Arzt meinte, dass das in vier Wochen besser wird". Was der Arzt ihr genau gesagt hat, werde ich wohl nie erfahren - das menschliche Gedächtnis ist für sowas einfach zu unpräzise.<br><br />
<br><br />
Jedenfalls war mein Entschluss schnell gefasst: Ich muss den Arzt wechseln! Aber da war ja noch was: In meiner Hand halte ich ein homöopathisches Mittel. Einen Placebo. Den ich der Katze geben soll. Das ist so unglaublich großer Blödsinn, da muss ich einfach die Kompetenz des Arztes in Frage stellen! Ich wollte das Mittel zurückbringen - irgendwie muss man ja auch konsequent sein: Wenn man was gegen Homöopathie hat, sollte man nicht noch der Pharmazie das Geld in den Rachen schmeißen.<br><br />
<br><br />
Gesagt getan. Ich ging also am nächsten Tag ohne Katze zum Arzt, um diese Angelegenheit zu klären. Eine Sache war mir besonders wichtig: Verstehen, was er überhaupt der Katze gespritzt hat, damit der nächste Arzt die Behandlung fortsetzen kann, falls notwendig. Also fragte ich den Arzt, ob er seine Behandlungen dokumentiere. Ich war zugegebener Maßen etwas überrascht, als er dies bejahte - ich hatte mit Schlimmerem gerechnet. Er fragte, ob es wirklich notwendig sei, die Unterlagen rauszusuchen - oder ob es mir reiche, wenn er es mir aufschreibt. Ich entschied mich für Letzteres. Er verabreichte laut dem Zettel, den er mir gab "Amoxicillin" und "Echinacea". Aha. Ein Antibiotikum... und... das Pflanzenzeugs? Ich nutzte die Gelegenheit, um dem Arzt sein homöopathisches Präparat ungeöffnet wiederzugeben und ihm zu sagen, dass ich solche Behandlungen nicht wünsche. Er nahm es sogar widerspruchslos zurück und nahm es wieder von der Rechnung runter - ich war erneut überrascht, wie entgegenkommend der Arzt sich verhielt!<br><br />
<br><br />
Und ich wollte mehr wissen. Was war in dieser zweiten Spritze, die er der Katze gab?<br><br />
<br><br />
[Der folgende Dialog ist natürlich nur aus meinem Gedächtnis rekonstruiert und demenstprechend unpräzise]<br><br />
Ich: "Sagen Sie mal, was ist denn das andere?"<br><br />
Er: "Ein Wirkstoff auf pflanzlicher Basis. Wegen Ihrer Bedenken: Die Wirkung dieser Pflanze wurde bereits in den 80er Jahren in einer medizinischen - nicht homöopathischen! - Studie bewiesen. Die Wirkung des Präparates ist belegt!"<br><br />
Ich: "Meine Bekannte meinte, das wäre irgendwas mit Zuckerwasser?"<br><br />
Er: (schaut mich mit fragendem Blick an)<br><br />
<br><br />
Dieser Dialog ging ziemlich oft hin und her. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es sich um eine homöopathische Dosierung handelte. Es fiel mir wirklich schwer das auszusprechen: "Ist dieses Medikament homöopathisch?" Ich finde diese Frage provozierend. Es fällt mir schon so schwer genug den Behandlungsmethoden eines erfolgreichen und laut Patientenberichten guten Arztes zu widersprechen. Zu sagen "Homöopathie ist nonsens" könnte der Arzt als Angriff auf seine Integrität auffassen. Ich wollte versuchen, nur zu erklären, dass ich persönlich nichts davon halte. Irgendwann gelang es mir die Frage so zu stellen, dass er auch endlich darauf antwortete.<br><br />
<br><br />
Er: "Ja, das ist ein homöopathisches Präparat."<br><br />
Ich: "Und in welcher Dosierung?"<br><br />
Er: "D6. So wie das, was ich Ihnen mitgegeben hatte."<br><br />
<br><br />
D6 - also wirkunslos. Ich hatte genug gehört. Warum konnte der Arzt das nicht vor der Behandlung sagen? Nichtsdestotrotz: Mein Vertrauen in ihn war einfach ab diesem Moment völlig zerstört.<br><br />
<br><br />
Die Stimmung war bereits sehr gereizt, entsprechend zittrig meine Stimme - ich versuchte Ruhe zu bewahren.<br><br><br />
Ich: "Ich muss Sie leider darauf hinweisen, dass ich mich aufgrund dieses kleinen Vorfalls dazu gezwungen sehe, den Tierarzt zu wechseln."<br><br />
Er: "Darf ich fragen, was Sie mit 'kleiner Vorfall' meinen?"<br><br />
Ich: "Wie gesagt: Die Vergabe von homöopathischen Mitteln. Ich bin schlichtweg strikt gegen den Einsatz von homöo..."<br><br />
Er: "Es ist aber, wie ich es Ihnen sagte: Die Wirksamkeit von Echinacea wurde medizinisch bewiesen!"<br><br />
Ich: "Aber nicht in homöopathischer Dosierung, oder?"<br><br />
Er: "Doch, natürlich! Die Wirksamkeit von Echinacea in homöopathischer Dosierung wurde wissenschaftlich - nicht homöopathisch - bewiesen! Das ist es ja, was ich die ganze Zeit versucht habe, Ihnen zu erkläre..."<br><br />
Ich: "Okay, jetzt erzählen Sie mir gerade totalen Blödsinn. Ein weiterer Grund für mich den Tierarzt zu wechs..."<br><br />
Er: "Das reicht! Bitte gehen Sie! [er begleitet mich zügig heraus] Bitte verlassen Sie meine Praxis!"<br><br />
<br><br />
Ich wollte ihm noch im Zorn mitteilen, was ich davon halte: Entweder er glaubt tatsächlich an Homöopathie - dann wäre er meines Erachtens nach ein schlechter Arzt. Oder er weiß genauso wie ich, dass es nicht gezielt wirken kann - dann wäre er ein noch schlechterer Arzt (und meiner Meinung nach ein Betrüger). Ich schaffte nur den ersten Teil.<br><br />
<br><br />
Ich: "Entweder Sie glauben tatsächlich daran - dann sind Sie ein schlechter Arzt. Oder..."<br><br />
Er: "Sie beleidigen mich persönlich! Gehen Sie sofort!"<br><br />
Ich: "Ich bin schwer enttäuscht!"<br><br />
<br><br />
Er knallte die Tür hinter mir zu.<br><br />
<br><br />
Fünf Minuten später kehrte ich zurück, um mich für die persönliche Beleidigung zu entschuldigen. Er versicherte mir, dass ich ihn tatsächlich beleidigt habe. Ich wollte nicht weiter diskutieren. Ich bat um die Rechnung. Er bat mich darum, in Zukunft nicht mehr von Dingen zu reden, die ich nicht verstehe. Wenn ich nichtmal wüsste, was Amoxicillin ist, könnte ich ja wohl kaum was von Homöopathie verstehen. Das Präparat wirke. Ich schüttelte ihm die Hand, bat nochmals um Entschuldigung und wünschte ihm viel Glück im weiteren beruflichen Werdegang.<br><br />
<br><br />
Ich denke hier jedoch etwas anders, als der Tierarzt: Patienten MÜSSEN von Dingen reden, die sie nicht komplett verstehen. Und der Arzt steht hier in der Verantwortung, nach bestem Wissen zu helfen. "Bestes Wissen" lag hierbei jedoch meiner Meinung nach nicht vor.<br><br />
<br><br />
Auf dem Weg nach draußen passierte schließlich das Traurigste. Die Tierarzthelferin sagte sehr freundlich:<br><br />
<br><br />
"Noch ein Tipp bei der Suche nach dem neuen Tierarzt: Sagen Sie vorher bescheid, wenn Sie keine Homöopathie wollen. Hier in [dieser Stadt] machen das ALLE Tierärzte."<br><br />
<br><br />
Es ist zum Heulen. Zum Verzweifeln. Deutschlands Medizin driftet zunehmend in irgendeine Parallelwelt ab und die Tierärzte bilden wohl mitunter die Speerspitze. Ich bin sauer, weil wir als Patienten in Deutschland einfach keine Chance mehr haben, den rechtsfreien Raum der Pseudomedizin zu umgehen, ohne die Integrität eines Arztes in Frage zu stellen! Die Auswüchse der Homöopathie führen zu merkwürdigen Situationen. Ärzte, die Patienten rausschmeißen? Die ein wirkloses Präparat aus eigener Überzeugung verabreichen? Man kann nur hoffen, dass der deutsche Gesetzgeber bald mal aufwacht. Irgendetwas MUSS gegen Homöopathie unternommen werden. <br><br />
<br><br />
Glauben wirklich alle anderen Tierärzte an die Wirksamkeit einer homöopathischen Behandlung? Wird es überhaupt möglich sein, einem Arzt mitzuteilen, dass man keine homöopathische Behandlung wünscht, OHNE dass dieser sofort versucht, die Homöopathie zu rechtfertigen (und das wird passieren, wenn Behandlungsmethoden eines Arztes hinterfragt werden)? Und wenn alle Ärzte in der Umgebung homöopathisch Behandeln - welche Wahl hat man dann noch?<br><br /><a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/homoopathie-bei-tieren---die-alternativlose-behandlung.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<link>http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/homoopathie-bei-tieren---die-alternativlose-behandlung.php</link>
<guid>http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/homoopathie-bei-tieren---die-alternativlose-behandlung.php</guid>
<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Thu, 23 Aug 12 12:57:52 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Was ist Krebs? - Krankheit und Herausforderung - Eine persönliche Einführung [blooDNAcid]</title>
<description><![CDATA[Das hier soll der Anfang einer neuen Serie zum Thema Krebs sein. Meine bislang spannendsten wissenschaftlichen Erlebnisse hatte ich in der Krebsforschung und ich möchte versuchen so gut es geht, sowohl zu erklären, was Krebs ist und wie er „funktioniert", als auch mitzuteilen, warum ich und viele andere Forscher dieses ‚feindliche Phänomen' so faszinierend finden und sich ständig dadurch herausgefordert fühlen.Krebs ist eine schlimme und nicht selten tödliche Krankheit, es gibt eine Unzahl verschiedener Krebsarten und so ziemlich jedes Organ kann davon betroffen sein.<br />
Laut der „<a href="http://www.gekid.de/">Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland</a>" erkrankten 2008 469.800 Menschen in Deutschland an Krebs, das sind etwa 43.000 Patienten mehr als 2006. Für 2012 werden, basierend auf dieser Zahl, ca. 486.000 neue Krebserkrankungen erwartet. Noch sind Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems die Haupttodesursache doch wahrscheinlich wird Krebs in nicht allzu ferner Zukunft diese Stellung einnehmen, insbesondere, weil Krebs eine Erkrankung der Alten ist und die Menschen in den Industrienationen immer älter werden. Statistisch ist es daher heute schon so, daß jeder Mensch, der nicht selber von Krebs betroffen ist, zumindest eine Person näher kennt oder mit ihr verwandt ist, die Krebs hat. Krebs ist also ein gewaltiges medizinisches Problem und damit zugleich eine große Bedrohung für die allgemeine Gesundheit und eine ebensogroße Herausforderung für die Wissenschaft.<br />
<br />
Doch die wenigsten wissen, was Krebs eigentlich wirklich ist. Krebs ist der Feind im eigenen Körper, der aus einer irgendwann entarteten, also ‚bösartig' gewordenen ganz normalen Zelle hervorgegangen ist, die sich Schritt für Schritt zu einem mit allen Wassern gewaschenen Terrorkommando, das gegen alle Abwehrmaßnahmen des Körpers gewappnet und dabei häufig tödlich ist, verwandelt hat. <br />
Wenn man versteht, wie flexibel und scheinbar „genial" Tumoren, also Krebsgeschwulste, sich selbst und ihr unmittelbares zelluläres Umfeld organisieren und modifizieren, mit Nährstoffen und Resourcen versorgen und, völlig abgekoppelt von den eigentlichen Aufgaben ihrer Ursprungszellen und der Notwendigkeit zur „Nützlichkeit" für den Organismus, ein Eigenleben und zugleich evolutives Wettrüsten mit dem restlichen Körper führen, so daß man sich immer wieder klar machen muß, daß <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2011/03/biologischer-disclaimer.php">kein böser, planender Geist</a> dahinter steckt, der sie sich ausdenkt, dann kann mancher nicht umhin, zu empfinden, daß Krebs ziemlich unheimlich ist.<br />
Aber genau das macht Krebs auch irgendwie geheimnisvoll und - so merkwürdig das klingt - ungeheuer faszinierend.<br />
<br />
<em>Ein Beispiel: </em>eine besonders gefürchtete Eigenschaft fortgeschrittener Tumoren ist die Metastasenbildung. Die Tumoren, die in Kontakt mit größeren Blut- oder Lymphgefäßen gekommen sind, scheiden einzelne Tumorzellen ab, die im Strom von Blut oder Lymphe mitfließen und dann irgendwo anders im Körper „an Land gehen", sich dort ansiedeln und eine Tochtergeschwulst, eine Metastase bilden. Es gibt aber inzwischen Erkenntnisse, denen zufolge Tumorzellen in diesen „Außenstellen" auch nur als Gäste verweilen können, um sich dort, fast wie in einem Trainingscamp, neue Fähigkeiten, die sie in ihrem Ursprungstumor nicht hatten erwerben können, anzueigenen, um dann genau dorthin zurückzukehren und das neu „Erlernte" in dessen Dienst zu stellen. Ist das nicht zu gleichen Teilen großartig und gruselig?!<br />
<br />
Meine Zeit in der Krebsforschung war, gemessen an der intellektuellen Herausforderung und ohne die Disziplinen der forensischen Wissenschaft schmälern zu wollen, sicher die bisher spannendste in meinem Wissenschaftlerdasein. <br />
Die Krebsforschung ist dabei ein klein wenig paradox: es wird ungeheurer Aufwand betrieben, um zu verstehen, wie die Tumorzellen „ticken", und man entwickelt eine brennende Neugier darauf, zu verstehen was sie können und wo ihre Schwachstellen liegen, welchen „Charakter" ein Tumor hat, wo er herkommt und wo er „hin will". Man grübelt ständig darüber, wie er bestimmte Dinge macht, wie er dieser oder jener Abwehrmaßnahme des Körpers entgeht und man versucht, sich Experimente auszudenken, mit denen man seine eigenen Hypothesen überprüfen und dem Tumor „in die Karten schauen" kann.<br />
Kurz: man möchte ihn so gut und noch besser kennenlernen, als einen engen, lieben Freund, über den fast man alles weiß, dessen Geheimnisse, Eigenschaften, Schnurren und kleine Tricks man kennt und für den man schon nicht selten einen begonnenen Satz zuendesprechen konnte. Ich kenne auch einige Krebsforscher, die über „ihren Tumor" tatsächlich wie über eine gut bekannte Person sprechen können und die im Gespräch mit anderen Forschern deren spezifische Eigenschaften fast wie beim Autoquartett vergleichen. <br />
Und jetzt die Paradoxie: all dieses in Jahren angehäufte Wissen dient nicht der Pflege und Aufrechterhaltung einer langen Freundschaft, sondern der erbitterten Bekämpfung und letztlich Vernichtung dessen, was man so gut und innig kennt, getrieben vom Wunsch, ihm eines Tages nie wieder begegnen zu müssen. Irgendwie schon ein bißchen verrückt, oder?<br />
<br />
Was mich persönlich an der Krebsforschung aber am meisten fasziniert und herausfordert, ist, daß es sich dabei um eine zunehmend logisch aufgebaute Wissenschaft handelt, die die nahezu unzähligen komplexen, phänotypischen Erscheinungen des Phänomens Krebs auf eine kleine Gruppe begründender Prinzipien zurückführen kann. Und genau diese möchte ich in den Folgen dieser Serie vorstellen.<br />
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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Tue, 21 Aug 12 19:00:00 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Denialismus beim Impfen [Gesundheits-Check]</title>
<description><![CDATA[Viele, wenn nicht alle medizinische Eingriffe sind mit einem Risiko behaftet. Man akzeptiert dieses Risiko, wenn der Nutzen überwiegt. Eine Herzoperation ist alles andere als risikofrei, aber wenn die Alternative der Tod ist, lässt man sich operieren. Mehr noch als in der Kuration geht es in der Prävention um ein Abwägen von Vor- und Nachteilen, denn hier werden nicht kranke, sondern gesunde Menschen „behandelt". Bei Präventionsmaßnahmen muss das Schadenspotential daher besonders kritisch betrachtet werden und die Nutzen-Risiko-Relation sollte klar positiv sein. Eine klassische Präventionsmaßnahme ist das Impfen. Beginnend mit der Pockenimpfung vor ca. 200 Jahren hat sich das Impfen als erfolgreiche Präventionsstrategie etabliert, die zahllose Menschenleben gerettet hat. Die Pocken, wie die Pest eine „Geißel der Menschheit", sind seit 30 Jahren ausgerottet, bei Polio könnte das bald auch der Fall sein und die Masern könnten bei besseren Durchimpfungsraten zumindest aus Europa verschwinden. <br />
<br />
Es gab allerdings mehrfach auch ernste Unglücksfälle im Zusammenhang mit dem Impfen, z.B. das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCbecker_Impfungl%C3%BCck" rel="nofollow">Lübecker Impfunglück</a> 1930, bei dem zahlreiche Kinder infolge einer Impfung gegen Tuberkulose mit verunreinigtem Impfstoff starben. Auch gewöhnliche Impfungen können mit „unerwünschten Arzneimittelreaktionen", wie es im Fachjargon heißt, einhergehen. Diese werden in Deutschland beim Paul-Ehrlich-Institut registriert und bewertet - wenn sie gemeldet werden. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass eine Impfung auch ein Schadenspotential hat, ist somit eine vernünftige Aufklärung über Nutzen und Risiko durch den Arzt notwendig und es ist auch das gute Recht jedes Menschen, im Anschluss daran eine Impfung abzulehnen. Es gibt es Deutschland keine Impfpflicht mehr (das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Infektionsschutzgesetz" rel="nofollow">Infektionsschutzgesetz</a> sieht die Möglichkeit dazu in besonderen Notlagen zwar vor, dies war aber erfreulicherweise bisher nicht nötig). <br />
<br />
Noch sorgfältiger muss die Abwägung zwischen Nutzen und Risiken bei der Impfung von Kindern ausfallen, weil Kinder nicht selbst darüber entscheiden können, ob sie geimpft werden wollen und stattdessen die Eltern für das Kind einwilligen oder ablehnen müssen. Eine Hilfestellung geben dabei die Impfempfehlungen der <a href="http://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/stiko_node.html" rel="nofollow">Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO)</a>, dort wird eine Nutzen-Risiko-Bewertung vorgenommen. Ernste und bleibende Schäden sind bei den von der STIKO empfohlenen Impfungen sehr selten, aber auch hier nicht unmöglich. Insofern ist es legitim, über Pro und Contra auch von sehr nützlichen und risikoarmen Impfungen zu sprechen und Ärzte sind gut beraten, offen für die Fragen und Unsicherheiten ihres Impfklientels zu sein, ganz abgesehen davon, dass so auch besser individuelle Kontraindikationen eingrenzbar sind.<br />
<br />
Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind irrationale Impfgegner, die mit völlig absurden Begründungen das Impfen an sich ablehnen. Da wird z.B. behauptet, es gäbe gar keine Viren, also könne man auch nicht gegen Viren impfen. Oder es wird behauptet, eine durchgemachte Masernerkrankung würde die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen, oder es werden abenteuerliche Behauptungen über Nebenwirkungen aufgestellt und weiterverbreitet, auch wenn sie längst eindeutig widerlegt sind. Hier geht es nicht um das Abwägen von Nutzen und Risiken, sondern darum, den wissenschaftlichen Sachstand nicht zur Kenntnis zu nehmen. In diesen Fällen kann man von „Denialismus" sprechen. Den Begriff haben die amerikanischen <a href="http://scienceblogs.com/denialism/" rel="nofollow">scienceblogs-Kollegen Chris und Mark Hoofnagle</a> vor einigen Jahren im Zusammenhang mit dem Leugnen des anthropogenen Klimawandelns populär gemacht, <a href="http://eurpub.oxfordjournals.org/content/19/1/2.full" rel="nofollow">Pascal Diethelm und Martin McKee</a> haben den Begriff dann auf das Leugnen der wissenschaftlichen Evidenz zu den gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums übertragen - und beim Impfen kann man dieses Phänomen ebenfalls beobachten. Impf-Denialismus ist übrigens kein Ausdruck mangelnder Bildung: er ist gerade im gut gebildeten, alternativ angehauchten Milieu verbreitet und geht nicht selten mit einer Vorliebe für Homöopathie und andere „sanfte" Heilmethoden einher. In Bayern findet man strikte Impfgegner beispielsweise deutlich häufiger im wohlhabenden Südwesten als im Rest des weißblauen Landes.<br />
<br />
Als Kernelemente des Denialismus sehen die Hoofnagles bzw. Diethelm/McKee folgende Aspekte:<br />
<ul><br />
<li><i> Identification of conspiracies/Verschwörungstheorien: Man vermutet hinter dem wissenschaftlichen Konsens eine Verschwörung, z.B. seitens der Pharmaindustrie, die nur ihre Impfstoffe verkaufen will.</i></li><br />
<li><i> Fake Experts/Scheinexperten: Man beruft sich auf  vorgebliche Fachleute, die die eigene Meinung stützen, aber keine wirklichen Experten sind, Stichwort Dr. med. Gerhard Buchwald.</i></li><br />
<li><i> Selectivity/Selektivität: Man zitiert nur ausgewählte Studien oder Fachleute, die die eigene Meinung bestätigen.</i></li><br />
<li><i> Impossible expectations/Überforderung: Man verlangt von der Wissenschaft ein Maß an Sicherheit, das sie nicht einlösen kann, z.B. dass Impfungen erst eingeführt werden, wenn jegliche Schäden definitiv ausgeschlossen sind.</i></li><br />
<li><i> Misrepresentation and logical fallacies/Trugschlüsse: Man arbeitet mit unzulässigen Analogien und logischen Sprüngen, z.B. dass Impfungen generell abzulehnen seien, weil es schon impfbedingte Todesfälle gegeben hat.</i></li><br />
</ul><br />
Überschneidungen mit dem gerade nebenan bei Florian Freistetter diskutierten Thema <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/08/der-unterschied-zwischen-wissenschaft-und-pseudowissenschaft.php" rel="nofollow">„Pseudowissenschaften"</a> sind unübersehbar. Und manche Menschen schaffen es auch, bei einem Thema tapfer gegen Denialismus zu streiten und bei einem anderen selbst denialistisch zu argumentieren, siehe die <a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/beda-stadler---ein-skeptiker-auf-abwegen.php" rel="nofollow">Diskussion um Beda Stadler</a>. <br />
Man wird unschwer über die genannnten Beispiele hinaus weitere typische Argumentationsmuster des Denialismus beim Impfen finden. Wer schöne Beispiele (idealerweise mit Quellenangabe) hat, ist herzlich eingeladen, hier ein paar zu dokumentieren. <br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/08/denialismus-beim-impfen.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Thu, 16 Aug 12 19:59:55 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Wie schnell kann Usain Bolt laufen? [Mathlog]</title>
<description><![CDATA[9,45 Sekunden sind m&ouml;glich - meint Professor John Barrow.Bekanntlich liegt Bolts Rekord (noch) bei 9,58 Sekunden. In einer im April erschienenen Studie hat John Barrow nun berechnet, dass Bolt diese Zeit ohne zus&auml;tzliche Anstrengung oder verbesserte Fitness auf 9,45 Sekunden verbessern k&ouml;nne, nur indem er seine Reaktionszeit beim Start verbessert, optimalen R&uuml;ckenwind bekommt und in mehr als 1000 Meter H&ouml;he l&auml;ft. Das klingt alles nicht besonders originell, aber jedenfalls wurde die Arbeit in <a href="http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1740-9713.2012.00552.x/pdf">"Significance"</a> ver&ouml;ffentlicht.<br />
<br />
<iframe width="420" height="315" src="http://www.youtube.com/embed/1KF432zVWDQ" frameborder="0" allowfullscreen></iframe><br />
<br />
Das Video ist Teil der vom <em>Maths Millenium Project</em> zur Londoner Olympiade entwickelten Webseite <a href="http://sport.maths.org/content/">Maths and Sports</a> mit vielen Projekten f&uuml;r Schulklassen, z.B. <a href="http://sport.maths.org/content/2012-medal-count-how-do-our-predictions-add">"Medal count: how do our predictions add up?"</a> oder <a href="http://sport.maths.org/content/olympic-measures">Ratespielen zu olympischen Zahlen und Ma&szlig;en</a> oder <a href="http://sport.maths.org/content/gresham">weiteren Videos</a> zur Statistik der Olympiade wie auch zur Physik einzelner Sportarten.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/mathlog/2012/08/wie-schnell-kann-usain-bolt-laufen.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Thu, 02 Aug 12 06:06:16 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>WTF Forensik - Von vier Arten, den Kopf zu verlieren [blooDNAcid]</title>
<description><![CDATA[Warnung: in dieser Reihe wird es immer wieder zu Begegnungen mit und Blicke in die tiefsten menschlichen Abgründe kommen und obgleich ich mich stets bemühen werde, nicht ins Sensationalistische abzugleiten, mag bisweilen die unausgeschmückte Realität bereits mehr sein, als manche(r) erträgt.<br />
<span style="float: left; padding: 5px;"><a href="http://www.researchblogging.org"><img alt="ResearchBlogging.org" src="http://www.researchblogging.org/public/citation_icons/rb2_large_gray.png" style="border:0;"/></a></span><br />
Diesmal: ein Bericht aus Norwegen über drei klassische und einen 'neuen' Weg der Enthauptung.Enthauptungen begegnen einem, vielleicht entgegen verbreiteten Auffassungen, in der forensischen Praxis nicht sehr selten. Auch ich habe, in der nicht so langen Zeit, die ich nun in der Rechtsmedizin arbeite, schon <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2011/03/die-dunkle-seite.php">mehrere</a> enthauptete Leichen ‚mitbekommen'. Daher ist es sehr wichtig, anhand des Spurenbildes an der Auffindestelle aber auch am Körper der verstorbenen Person die richtigen Schlüsse über den Hergang des Geschehens zu ziehen, denn nur so kann zwischen Unfall, Suizid und Tötungsdelikt unterschieden werden. Bei Tötungsdelikten z.B. finden sich häufig noch andere Verletzung an der Leiche, wenn die Enthauptung gar nicht zur Tötung diente, sondern erst postmortal z.B. zu Zwecken der Vertuschung erfolgte.<br />
Wie die im folgenden beschriebenen Fälle zeigen, können sich die sich bietenden Szenarien nach Enthauptungsereignissen sehr stark voneinander unterscheiden:<br />
<br />
<em>1. Fall: ein Mord</em><br />
Ein 54-Jähriger verschwindet im Juli des Jahres 2007, ein Verbrechen wird bereits vermutet. Im Januar 2008 findet man eine verstümmelte Leiche, der sämtliche inneren Organe fehlen, vergraben in der Nähe des Hauses eines Verwandten des Vermissten. <br />
Dem Toten war der Kopf abgetrennt und der Körper offenbar der Länge nach zerteilt worden, denn es fanden sich je eine rechte und linke Torso- und Beckenhälfte, sowie abgetrennte Arme und Beine. Wirbelsäule und Brustbein des Torsos, Kreuzbein und Schambeinfuge des Beckenknochens waren längs, vermutlich mit einer Säge, durchtrennt worden. Ober- und Unterkörper waren durch einen horizontalen Schnitt zwischen viertem und fünftem Lendenwirbel zertrennt. Die Enthauptung war offenbar durch zunächst einen Messerschnitt durch die Haut und dann Sägearbeit zwischen fünftem und sechstem Halswirbel erfolgt, es fanden sich auf einigen Wirbel auch noch Werkzeugmarken. Der Schildknorpel war horizontal durchschnitten, das Zungenbein hingegen intakt. <br />
Es fanden sich keine vor dem Tod zugefügten Verletzungen und alle inneren Organe waren entfernt worden, was auf Erfahrung des Täters als Jäger oder Metzger hinweist. Die erkennbaren Wunden zeigten keine Anzeichen von Vitalreaktionen, was nahelegt, daß die Zerlegung der Leiche nach dem Tod stattfand. Die Untersuchung von Muskelbiopsaten erbrachte zudem keine Hinweise auf Alkohol, Medikamente oder Drogen. Obwohl tödliche Strangulation vermutet wurde, konnte die Todesursache nicht abschließend geklärt werden.<br />
<br />
<em>2. Fall: ein Suizid mit Fahrzeug</em><br />
Ein Auto rast mit hoher Geschwindigkeit über einen Parkplatz, die Heckklappe steht weit offen. Plötzlich kommt es, genau in einer Parklücke, zum Stehen und nichts rührt sich mehr. Nach einer Weile, niemand steigt aus, die Heckklappe steht noch immer offen, die Scheinwerfer brennen noch, geht der Parkplatzwächter hin, um nachzusehen. Er findet einen kopflosen Toten angeschnallt auf dem Fahrersitz, um ihn herum überall Blut. Der zweite Gang ist eingelegt, die Zündung steht auf "An" und der CD-Player spielt dasselbe Lied immer wieder. Der Kopf des Toten liegt zwischen den Vordersitzen. Die hinzugerufenen Polizisten und Forensiker finden zunächst kein Werkzeug, mit dem die Enthauptung hätte durchgeführt werden können. Erst ein Spürhund findet ein 7 mm dickes, blaues Nylonseil, das mit einem Ende an einem Laternenpfahl in 55 m Entfernung vom Auto befestigt worden war. Das gesamte Seil (28 m) lag nahe beim Laternenpfahl und am freien Ende war eine Schlinge geknüpft worden, an der sich noch ein Stück Haut mit Barthaaren fand.<br />
Die Obduktion ergab: Der Kopf wurde durch eine relativ scharfe Schnittwunde in der Vorderseite des Halses abgetrennt. Am hinteren Teil war ein Stück Haut fortgerissen worden, das sich in der extrem festen Schlinge fand. Die Hautschnittwunde wies am hinteren Nacken sehr geringe Unregelmäßigkeiten und konnte nur schwer von einer möglichen Messerschnittwunde abgegrenzt werden. Das Weichgewebe war jedoch unregelmäßig zertrennt. Nahe an der Schnittfläche, die zwischen dem dritten und vierten Halswirbel lag, fand sich eine Strangmarke, die das Anlegen des Seils andeutete. Insgesamt zeigten die Verletzungsbefunde der Halsweichteile, daß das Seil einen Weg durch den schwächsten Punkt der Wirbelsäule gefunden hatte. Der toxikologische Befund (Drogen, Alkohol) war negativ. Der Verstorbene hatte also das Seil an der Laterne und eine Schlinge um seinen Hals befestigt, wobei das Seil durch die Heckklappe geführt wurde. Dann fuhr er mit hoher Geschwindigkeit von der Laterne weg, bis sich das Seil mit einem Ruck spannte und die Schlinge den Kopf abtrennte. Dabei rutschte der Fuß vom Gas, der Motor ging schließlich aus und das Fahrzeug kam, zufällig in einer Parklücke, zum Stehen. Es handelte sich bei diesem Vorfall also um einen Suizid durch Enthauptung mit einem Seil unter Zuhilfenahme eines Fahrzeugs.<br />
<br />
<em>3. Fall: ein Suizid mit Erhängen aus großer Höhe</em><br />
Januar, 2010. Eine junger, suizidgefährdeter Mann hält sich zu Hause zusammen mit seiner Mutter auf, die ihn beobachten und notfalls von suizidalem Verhalten abhalten soll. Er geht nach oben, die Mutter ruft ihm hinterher er solle keine Dummheiten machen. Wenige Minuten hört die Mutter ein Geräusch vom Fenster im oberen Stockwerk. Die Mutter stürzt vor die Tür und findet den Körper des Sohnes auf dem Boden. Der Kopf hängt noch an einer Schlinge. Das Seil war an der Balkonbrüstung angebracht worden und ein Stuhl stand nahe daneben.<br />
<br />
<img alt="02.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/02.jpg" width="451" height="622" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /><br />
<br />
Die Obduktion des 183 cm großen und 109 kg schweren Mannes ergab: Es fanden sich Hautabschürfungen an der vorderen Halsseite, die restliche Haut am Hals war relativ scharf durchschnitten, der Hals zwischen fünftem und sechstem Halswirbel durchtrennt. Der Knoten der Schlinge war an der vorderen Halsseite plaziert und das Rückenmark war kurz vor der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pons">Pons</a> abegrissen.<br />
Die Haut des Oberkörpers wies einige Abschürfungen auf, die durch den Sturz erklärlich waren, es wurden jedoch keine schwereren Verletzungen und auch keine Anzeichen für eine Erkrankung festgestellt. Der toxikologische Befund war positiv für Chlorprotixen (ein Antipsychotikum), N-desmethyldiazepam (ein Abbauprodukt eines Beruhigungsmittels), Oxycodon (ein opiathaltiges Schmerzmittel), Citalopram (ein Antidepressivum) und Olanzapin (ein Neuroleptikum zur Behandlung schizophrener Psychosen). Der offensichtlich schwer psychisch erkrankte Verstorbene hatte also Suizid durch Erhängen verüben wollen, was aber durch sein relativ hohes Körpergewicht in Kombination mit einer großen Fallhöhe zu einer Abtrennung des Kopfes führte.<br />
<br />
<em>4. Der Sonderfall</em><br />
Juni, 2003. Ein Mazda rast eine Landstrasse entlang auf eine scharfe Linkskurve zu. Er passiert eins von mehreren Warnschildern, die auf die Kurve hinweisen. Dann passiert der Unfall: das Auto rammt die rechte Leitplanke direkt neben einem weiteren Warnschild, die dabei verbogen und zerstört wird und kracht danach 50 m weiter gegen eine Felswand. Als die Rettungskräfte eintreffen, ist der Fahrer des Wagens verschwunden, der Motor läuft noch, alle Türen sind geschlossen und beide Frontairbags haben ausglöst. Das Fenster auf der Beifahrerseite ist zerbrochen und die Scherben sind hinausgefallen, die Windschutzscheibe ist gebrochen und auf der Beifahrerseite mit Blutspuren bedeckt. Auf dem Beifahrersitz sitzt, nach vorne gelehnt und ohne Gurt, die kopflose Leiche einer jungen Frau.<br />
<br />
<a href="http://www.scienceblogs.de/01.jpg"><img alt="01.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/assets_c/2012/07/01-thumb-555x365-32172.jpg" width="555" height="365" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a><br />
<br />
Ihr Kopf wird schließlich gefunden, neben dem Warnschild, das direkt neben der Stelle steht, an der das Auto die Leitplanke gerammt hatte.<br />
Zur Obduktion gelangte eine 34-jährige Frau mit oberflächlichen Hautabschürfungen und Prellmarken am rechten Arm. Am Kinn und der vorderen Halsseite zeigten Abschürfungen die Stelle des Aufpralls an: es fand sich ein unregelmäßiger Einschnitt in der Haut der vorderen Halsseite gerade unter dem Kinn. Am restlichen Nackenbereich war die Haut rundherum relativ scharf durchtrennt. Am Kopf verlief der Schnitt durch die unteren Schläfen an beiden Seiten, so daß das komplette linke Ohr und Teile des rechten Ohrs vom Kopf abgetrennt und am Halsrest des Körpers verblieben waren. Der Hinterkopf war so gebrochen, daß die Schädelbasis auf dem Halsrest des Körpers, Kiefer und Zunge jedoch am Schädel verblieben waren. Das Kleinhirn und der untere Teil des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Occipitallappen">Hinterhauptlappens</a> waren beschädigt, Pons und verlängertes Mark waren abgerissen und durchtrennt. Der Kiefer aber nicht die Wirbelsäule war gebrochen. Der toxikologische Befund ergab einen Blutalkoholwert von 0,18 Promille.<br />
Aufgrund der autoptischen Befunde und der Spuren am Unfallort wurde das Geschehen  rekonstruiert: Durch den Aufprall an der Leitplanke hatten die beiden Airbags ausgelöst und die Plastikabdeckung des Beifahrerairbags war dabei in das Fenster geschleudert worden, wodurch dieses zerbrach, zunächst jedoch ohne auseinanderzufallen. Die Verstorbene war nicht angeschnallt und befand sich zum Zeitpunkt der Airbagauslösung vermutlich nicht in der normalen Sitzposition, so daß sie vom Airbag gegen das Beifahrerfenster gedrückt wurde, welches dadurch schließlich ganz zerbrach. Durch den Druck das Airbags wurde dann vermutlich ihr Kopf durch das Fenster gedrückt und dieser konnte so mit dem Warnschild direkt neben der Leitplanke, die das Auto gerammt hatte, zusammenprallen. Die Stange des Schilds und das Schild selbst waren intakt. Das Schild befand sich jedoch in zu großer Höhe, so daß die tödliche Verletzung letztlich einer stumpfen Gewalteinwirkung durch Zusammenprall mit der Schildstange zugeschrieben wurde. Der Fahrer wurde später noch gefunden und verhaftet.<br />
<br />
<br />
Die Enthauptung führt schnell und unweigerlich zum Tod, ohne Anschluss an den Kreislauf tritt der Hirntod innerhalb von Minuten ein.<br />
Und obwohl zuletzt immer häufiger auch homizidale Enthauptungen berichtet wurden, z.B. als Abschreckungsmaßnahmen im <a href="http://articles.nydailynews.com/2012-06-29/news/32475737_1_gulf-cartel-drug-cartel-leader-zetas-cartel">mexikanischen Drogenkrieg</a> und seit 2003 vermehrt als <a href="http://www.au.af.mil/au/awc/awcgate/ssi/terr_beheadings.pdf">Terrortaktik</a> im Irak, sind Enthauptugen in der forensischen Routine doch eher selten und meist verursacht durch Unfälle (Explosionen, Zug- und Autounfälle) und Suizide (meist durch Überfahren durch einen Zug).<br />
Bei Auto- und Zugunfällen und anderen traumatischen Einwirkungen finden sich meist mehrere <a href="http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/inst_rechts_verkehrsmed/pdfs/stumpfegewalt-20070504.pdf">stumpfe Gewalteinwirkungen</a> auf Haut und knöcherne Halsanteile und keine scharf abgegrenzten Schnittmuster, wie es nach Einwirkung eines Messers der Fall wäre. Das ist meist ausreichend, um die stumpfe Gewalteinwirkung als Ursache für die Enthauptung festzustellen. Hinzuzkommt, daß fast immer der Ort des Todeseintritts einen Hinweis auf die Art des Todes gibt, weshalb es in solchen Fällen entscheidend wichtig ist, wie man auch an den hier berichteten Fällen 2 und 4 sieht, daß ein Rechtsmediziner nicht nur den Leichnam sondern auch den Fundort besichtigt.<br />
Außerdem sollte die Unterscheidung zwischen Enthauptung durch Suizid oder Unfall bei solchen traumatischen Einwirkungen erst nach Einbeziehung aller Details, Befunde und Spuren von Fundort und Obduktion (insb. Wundränder und mögliche Abwehrverletzungen), sowie psychiatrischer Krankengeschichte und toxikologischer Untersuchungen vorgenommen werden.<br />
<br />
___<br />
<br />
Und mit diesem heiteren Thema verabschiede ich mich in den voraussichtlich blogarmen aber sonnereichen Urlaub. Bis bald...<br />
<br />
_________<br />
<small><strong>Literatur: </strong></small><br />
<br />
<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Ajournal&rft.jtitle=Journal+of+forensic+sciences&rft_id=info%3Apmid%2F22582715&rfr_id=info%3Asid%2Fresearchblogging.org&rft.atitle=Different+Mechanisms+of+Decapitation%3A+Three+Classic+and+One+Unique+Case+History.&rft.issn=0022-1198&rft.date=2012&rft.volume=&rft.issue=&rft.spage=&rft.epage=&rft.artnum=&rft.au=Morild+I&rft.au=Lilleng+PK&rfe_dat=bpr3.included=1;bpr3.tags=Medicine%2COther%2Cforensic+science">Morild I, & Lilleng PK (2012). Different Mechanisms of Decapitation: Three Classic and One Unique Case History. <span style="font-style: italic;">Journal of forensic sciences</span> PMID: <a rev="review" href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22582715">22582715</a></span><br />
<br />
<br />
<small>und bevor wieder einer fragt: <a href="http://youtu.be/PQpBbK7ua-g">hier </a>eine klangliche Untermalung...</small><br /><a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/von-vier-arten-den-kopf-zu-verlieren.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Mon, 30 Jul 12 22:00:00 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>EbM [Wissenschaftsfeuilleton]</title>
<description><![CDATA[Ich bin kein Arzt und nur Patient. Das heißt, ich bin ein dankbarer Patient, da ärztliches (chirurgisches) Handeln mir das Leben gerettet hat, und eigentlich sollte das reichen. Aber man bleibt auch im zweiten Leben Patient, und in dieser Eigenschaft schaut man auf die Medizin, die sich in den letzten Jahren stolz als "evidenzbasierte Medizin" - eben EbM - angeboten hat, was mich immer gewundert hat. Offenbar gab es vorher Medizin, die ohne Evidenz vorgingt, und inzwischen scheinen auch die Offiziellen die eher peinliche Wortschöpfung zu bemerken. Still und heimlich wird EbM durch "wissenschaftlich begündete Medizin" ersetzt, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet (Ausgabe vom 9. Juli 2012, S. C 1205), oder doch nicht? Der Artikel verwendet den Begriff nämlich tapfer weiter und behauptet sogar, "EbM macht Spaß", den Ärzten nämlich, obwohl offenbar keiner von ihnen so recht Lust auf die Statistik hat, die dazugehört. Wahrscheinlichkeiten sind doch so schwierig, klagt die Ärzteschaft, und so verkündet das Ärzteblatt, man brauche keine Statistik, um die Güte einer Studie zu erfassen. Klar, warum nicht die Zahlen ganz abschaffen, wenn man nicht rechnen kann. Vermutlich halten die Ärzte an den Zahlen und Figuren vor allem fest, weil sie ihre Honorare sonst nicht angeben können. Gut, daß man als Notfallpatient diese Fragen erst stellen kann, wenn man alle Eingriffe überlebt hat - auch gegen jede Wahrscheinlichkeit.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/wissenschaftsfeuilleton/2012/07/ebm.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Fri, 27 Jul 12 10:56:55 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Beda Stadler - ein Skeptiker auf Abwegen? [Gesundheits-Check]</title>
<description><![CDATA[<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beda_M._Stadler" rel="nofollow">Beda Stadler</a> ist Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. Ein Mann der Wissenschaft also. Zudem ist er in der Skeptikerbewegung, u.a. bei <a href="http://blog.gwup.net/" rel="nofollow">GWUP</a> aktiv, ein löbliches Engagement gegen Pseudowissenschaften, sollte man meinen. Dass Beda Stadler leidenschaftlicher Raucher ist und bei dem Thema ab und zu die Pferde mit ihm durch gehen, ist nichts Neues. Vor ein paar Tagen hat er nun der Basler Zeitung ein <a href="http://bazonline.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Die-Zahlen-sind-nicht-serioes/story/19770867" rel="nofollow">Interview zum Thema Passivrauchen</a> gegeben, in dem er sich selbst übertrifft. Dass er gerne raucht, sei ihm gegönnt, jeder soll für sich selbst entscheiden, was ihm gut tut und was nicht. Aber er soll um diese Entscheidung herum keinen pseudowissenschaftlichen Zinnober veranstalten. <br />
<br />
Im Interview mit der Basler Zeitung behauptet Beda Stadler z.B.:<br />
<br />
Zur Frage der Schädlichkeit des Passivrauchens:<br />
<blockquote>"Die meisten Daten basieren auf einer einzigen Hochrechnung, die in Deutschland gemacht wurde."</blockquote><br />
und:<br />
<blockquote>"Es gibt keine seriöse Studie, die belegt, dass Passivrauchen wirklich tötet."</blockquote><br />
Zur Frage der Manipulation von Wissenschaft durch die Tabakindustrie:<br />
<blockquote>"Zugegeben: Auch hier gab es gekaufte Studien. Aber das ist lange her."</blockquote><br />
Und zur Frage des Schutzes von Serviceangestellten in Raucherlokalen:<br />
<blockquote>"Niemand darf gezwungen werden, in einem Raucherlokal zu arbeiten."</blockquote><br />
<br />
So geht das ganze Interview. Zur Evidenzlage beim Passivrauchen kann sich, wer da noch Bedarf hat und sich nicht auf den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Passivrauchen" rel="nofollow">Wikipedia-Eintrag</a> oder die Evidenzsynthesen des amerikanischen <a href="http://www.surgeongeneral.gov/library/reports/index.html" rel="nofollow"> Surgeon General</a> verlassen will, auch schnell selbst ein Bild verschaffen, indem er bei <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/" rel="nofollow">Pubmed</a> mit Suchbegriffen wie ETS, environmental tobacco smoke, passive smoking, second-hand smoke oder Ähnlichem, kombiniert z.B. mit mortality, cancer, lung, pregnancy oder anderem nach Originalstudien und Reviews sucht. Um sich von der Schädlichkeit des Passivrauchens an sich zu überzeugen, muss man nicht lange suchen. Es gibt eine fast endlose Liste von Erkrankungen, deren Risiko durch die Passivrauchbelastung erhöht wird, das erhöhte Sterberisiko ist nur eine Sache und auf die Diskussion, wie genau die vielzitierten 3.000 Passivrauchtoten durch häusliche Passivrauchbelastung in Deutschland nun zu nehmen sind, muss man sich gar nicht einlassen. Das ist ein Nebenkriegsschauplatz. Vielleicht sind es wirklich „nur" 500? Was würde das ändern?<br />
<br />
Ich habe dem Philosophieprofessor Günter Ropohl, auch ein leidenschaftlicher Raucher mit Berufung zu epidemiologischen Grundsatzerklärungen, einmal vorgeworfen, er würde mit seinen Traktaten die <a href="http://www.forum-rauchfrei.de/aktuelles/novoargumente_95_97_2008.pdf" rel="nofollow">intellektuelle Redlichkeit verletzen</a>. Für Beda Stadlers Interview wäre das wohl eine zu höfliche Beschreibung. Was treibt einen Skeptiker, der sich gegen pseudowissenschaftliche Meinungen engagiert, zu solchen unhaltbaren Äußerungen? Das ist <a href="http://www.josephkuhn.de/pdf/Evidenz_Interessenkonflikte_lang_FKP.pdf" rel="nofollow">"Denialism"</a> par excellence. Ich bin etwas ratlos. <br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/beda-stadler---ein-skeptiker-auf-abwegen.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Sun, 22 Jul 12 13:10:36 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Wahrheit, Frieden und Recht [Gesundheits-Check]</title>
<description><![CDATA[Eigentlich wollte ich nicht auch noch einen Blogbeitrag zur Beschneidungsfrage schreiben und damit die Diskussion zu diesem Thema hier auf scienceblogs weiter zersplittern. Schließlich gibt es schon ausführliche Debatten dazu bei <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/beschneidung-was-durfen-religionen.php" rel="nofollow">astrodicticum</a>, <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/es-geht-um-mehr-als-ein-stuck-haut.php" rel="nofollow">geograffitico</a> und <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/verstummeln-hat-doch-tradition.php" rel="nofollow">blooDNAcid</a>. Und ich bin weder Religionswissenschaftler, noch Jurist, noch Arzt. Was habe ich also überhaupt zu dem Thema beizutragen? Die Antwort darauf ist auch der Grund, warum ich jetzt doch einen Beitrag dazu mache. Es geht mir um einige eher „politische" Überlegungen zum Verlauf der Beschneidungsdebatte.Diese Debatte wird mit vielen Emotionen geführt, aber sie fördert auch viele Informationen zutage, die vorher so nicht im öffentlichen Bewusstsein präsent waren. Mir ist beispielsweise erst im Verlauf der Debatte klargeworden, dass die medizinische Bewertung der <i>präventiven</i> Beschneidung, im Gegensatz zur <i>therapeutischen</i> Beschneidung, nicht so einfach ist. Es gibt Pro- und Contra-Argumente und dabei spielen Rahmenbedingungen (z.B. um welche Länder und Gesundheitssysteme geht es) und Verfahrensvariationen (um welches Beschneidungsalter geht es, wer operiert, wird betäubt oder nicht usw.) eine wichtige Rolle. Allein bei <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/" rel="nofollow">Pubmed</a> gibt es mehr als 1.500 Einträge, wenn man nur nach „male infant circumcision" sucht. Mit spezielleren Suchstrategien oder in anderen Datenbanken, z.B. <a href="http://www.embase.com/" rel="nofollow">Embase</a>, habe ich gar nicht mehr gesucht. Zudem müsste man bei diesem Thema auch graue Literatur und Erfahrungsberichte einbeziehen, da möglicherweise die Studienlage allein nicht die ganze Wirklichkeit abbildet. Eine solche umfassende Evidenzsynthese, die die vorhandenen Erkenntnisse und Erfahrungen für eine Bewertung zur präventiven Beschneidung kleiner Kinder in Deutschland zusammenführt, scheint es bisher nicht zu geben. Das finde ich erstaunlich und aus meiner Sicht wäre das überfällig, auch für die angestrebte gesetzliche Regelung zur <i>rituellen</i> Beschneidung.<br />
<br />
Die Beschneidung aus rituellen Gründen, nicht aus medizinischen Gründen, ist Gegenstand der laufenden Debatte in Deutschland. Hier scheinen sich Positionen von säkularen Teilen der Gesellschaft, die sich auf die Werte (!) und die Tradition (!) der Aufklärung berufen, und von religiös gebundenen Teilen der Gesellschaft, die die Beschneidung als unverzichtbaren Bestandteil ihrer religiösen Praxis sehen, unvereinbar gegenüberzustehen. Beide Seiten beanspruchen die „Wahrheit" für sich. Durch die Medien gehen Meinungsumfragen, nach denen die deutsche Bevölkerung sich mehr oder weniger gleich auf beide „Seiten" verteilt, vielleicht sogar mit einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/umfrage-beschneidungsverbot-entzweit-deutsche-a-845208.html" rel="nofollow">leichten Mehrheit für die säkulare Position</a>. Kein Wunder, dass die Debatte breit geführt wird, dass dabei alle möglichen Trittbrettfahrer, auch aus dem antisemitischen Spektrum, mitreden und dass es mehr und weniger kluge Meinungsäußerungen zu dem Thema gibt. <br />
<br />
Erschreckend ist allerdings, wie schnell die Politik das Debattenfeuer austreten wollte. Da beklagt man sonst so wortreich den Verlust von Werten in der Gesellschaft und dass viele Menschen so gleichgültig und konsumorientiert seien, und wenn einmal eine ernste Wertedebatte geführt wird, hat man in der politischen Klasse Angst vor den Folgen. Man will derart überstürzt handeln, dass man eine gesetzliche Befriedung der Debatte sogar im Patientenrecht überlegt, so der Gesundheitsminister Bahr, als ob es hier um Patienten ginge, und als ob nicht das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_%C3%BCber_die_religi%C3%B6se_Kindererziehung" rel="nofollow">"Gesetz über die religiöse Kindererziehung"</a> der angemessenere Ort für eine Regelung zur rituellen Beschneidung wäre.<br />
<br />
Warum diese Eile? Dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland nicht nur möglich sein soll, sondern normaler Teil „unseres" Lebens, steht doch eigentlich nicht wirklich infrage. Was das bedeutet, muss aber diskussionsfähig sein. Ohne eine ausführliche Diskussion wird die bei diesem Grundrechtekonflikt zwischen der körperlichen Unversehrtheit des Kindes und der Religionsfreiheit der Eltern gebotene <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Praktische_Konkordanz" rel="nofollow">"praktische Konkordanz"</a> vielleicht gar nicht gefunden werden. Jedenfalls wird sie dann nur wenig gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, ein Teil der in der Debatte engagierten Bevölkerung wird sich mit einer zu schnell verabschiedeten gesetzlichen Regelung „unterlegen" fühlen und vielleicht der vielbeklagten Politikverdrossenheit wieder einen Schritt näher sein. <br />
<br />
Von dem Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde soll die Formulierung stammen, dass das Recht nicht dafür sorgen könne, dass die Menschen „in der Wahrheit leben", aber dafür, dass sie „in Frieden leben". Ich weiß nicht, ob die Formulierung wirklich von ihm ist, sie scheint mir aber recht klug zu sein. Und mir scheint, in diesem Konflikt wird eine „Seite" gegen ihre innersten Überzeugungen, gegen ihre „Wahrheit", zurückstecken müssen, um des gesellschaftlichen Friedens willen. Es zeichnet sich ab, dass das die säkulare Seite sein wird. Aber ist es dann damit getan, dass man eine „medizinisch fachgerechte" Beschneidung der Kinder straffrei stellt, oder gar explizit erlaubt? Oder müsste man nicht zumindest auch einen Prozess der Reflexion innerhalb der Religionsgemeinschaften anstoßen, der ein Überdenken der althergebrachten Riten befördert? Denn diese Riten beinhalten offenkundig ein magisches Denken, das symbolische Ausdrucksformen für den „Bund mit Gott" für bare Münze nimmt. Und noch dazu wird hier ein „Gebot Gottes" als Fundament des Glaubens hochgehalten, dem man doch auch andere „Gebote Gottes", z.B. das Tötungsverbot, als höherwertig entgegenhalten könnte. „Du sollst nicht töten" - könnte das nicht auch aus der Sicht von Gläubigen das wahre Fundament einer aufgeklärten Religion sein und der beste Ausdruck des „Bundes mit Gott"? So viel Emotion für die Beschneidung, so wenig Emotion für Syrien, ist das so „gottgefällig"?<br />
<br />
Ich denke, die Politik ist gut beraten, diese Debatte noch etwas laufen zu lassen. Das schafft die nötige Zeit, durch mehr Information über die Sache selbst leichter zu der erwähnten „praktischen Konkordanz" der konfligierenden Grundrechte zu kommen und es schlägt dem Engagement vieler Menschen in der Diskussion nicht so ignorant ein „Basta" vor den Kopf. Es ist schließlich eine Debatte, die uns alle angeht, ob wir religiös sind oder nicht, ob wir der politischen Klasse angehören oder nicht. Die politische Klasse sollte erkennen, dass diese Debatte etwas Positives ist.<br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/wahrheit-frieden-und-recht.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Fri, 20 Jul 12 20:44:37 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Für medizinisches Doping? [Geograffitico]</title>
<description><![CDATA[Nur noch ein paar Tage sind's bis zu den Olympischen Sommerspielen in London. Und damit auch - dies ist ja fast schon eine olympische Tradition - nur ein paar Tage bis zum nächsten <a href="http://www.on-dope.de/doping-bei-olympia">Dopingskandal</a>. Das Magazin <a href="http://www.nature.com">nature</a> hat sich in seiner aktuellen Ausgabe auch dieses Themas angenommen; der Beitrag <a href="http://www.nature.com/news/performance-enhancement-superhuman-athletes-1.11029?WT.ec_id=NATURE-20120719">Performance enhancement: Superhuman athletes</a> beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema, wie die Wissenschaft, wenn man sie denn ließe, die sportlichen Leistungen steigern könnte. Und mit der Frage, ob es angesichts der Jahrtausende alten Tradition, solche Leistungsverstärker zu nutzen (schon in der Antike wurde mit nahzu wissenschaftlicher Akribie gedopt), nicht der intelligentere Weg wäre, Doping zu genehmigen und entsprechend zu überwachen, um wenigstens die Schäden für Athletinnen und Athleten weitestgehend zu vermeiden. Das finde ich eine spannende Frage: Ist es besser, Doping zu legalisieren?<br />
<iframe width="520" height="315" src="http://www.youtube.com/embed/8HcXcYlF3_0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe><br />
<br />
<br />
Ich selbst bin, was sportliche Aktionen angeht, eher ein neutraler Beobachter. Ich kann mich viel mehr für solche künstlerisch-körperliche Leistungen begeistern, wie sie im nachfolgenden Video zu bewundern sind:<br />
<iframe width="555" height="305" src="http://www.youtube.com/embed/_zS2_gydyf8" frameborder="0" allowfullscreen></iframe><br />
und da ich zumindest einen der darin auftretenden Akrobaten persönlich kenne, wage ich zu behaupten, dass diese allenfalls ihr körpereigenes Adrenalin als "Dopingmittel" nutzen - was anderes können sie sich nämlich gar nicht leisten. An dieser Art Kunst kann man zwar<a href="http://www.usatoday.com/news/nation/2004-05-23-circus-death_x.htm"> unter Umständen sterben</a> - leben kann man von ihr aber kaum.<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/fur-medizinisches-doping.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<link>http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/fur-medizinisches-doping.php</link>
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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Thu, 19 Jul 12 05:12:14 -0400</pubDate>
</item>

<item>
<title>Aber Verstümmeln hat doch Tradition! [blooDNAcid]</title>
<description><![CDATA[<blockquote><a href="http://demotivators.despair.com/demotivational/traditiondemotivator.jpg">Tradition</a>. Nur weil man 'es' immer so gemacht hat, bedeutet das nicht, daß 'es' nicht unglaublich dämlich ist.</blockquote><br />
Feststellung: das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist eines der zentralen, fundamentalen Menschenrechte, das auch Kinder genießen. Die Beschneidung des Penis' eines Kindes ohne medizinische Indikation ist eine Verstümmelung. Damit ist eine Beschneidung gegen bzw. ohne den Willen des Kindes ein Verbrechen!<br />
Es war zu erwarten, daß das <a href="http://www.justiz.nrw.de/nrwe/lgs/koeln/lg_koeln/j2012/151_Ns_169_11_Urteil_20120507.html">wackere und überfällige Urteil des Kölner Gerichts zur Strafbarkeit der Beschneidung</a> und seine Folgen erstens für hohe Wellen sorgen und zweitens auch in den <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/07/es-geht-um-mehr-als-ein-stuck-haut.php">Scienceblogs</a> <a href="http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2012/07/wahrheit-frieden-und-recht.php">diskutiert </a>werden würden. Ich hatte ja selbst auch das Thema in einem Text zu den <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/02/sonderrechte-fur-religion.php">Sonderrechten der Religiösen</a> zufällig  bereits vorweggenommen.<br />
<br />
Im folgenden will ich den Blickwinkel aber noch mal etwas ausweiten und, ausgehend von der bekannten Jungen-Beschneidung, noch andere Formen der traditionellen Kinderverstümmelung ansprechen. Angesichts der derzeitigen abscheulich populistischen <a href="http://www.fr-online.de/politik/beschneidung-beschneidungs-neuregelung-wird-schwierig,1472596,16636852.html">Appeasement-Bestrebungen der fast gesamten deutschen Politik</a>, möglichst schnell die traditionell-religiöse Penisverstümmelung bei Säuglingen und Kindern per Gesetz zu erlauben, sollte man darauf vorbereitet sein, für welche Praktiken als nächstes von den entsprechend Geneigten mit dem "Wenn die dürfen, wollen wir auch"-Argument, dann, wenn so ein Gesetz wirklich verabschiedet wird, religiös-traditionell begründeter, gesetzlicher Dispens gefordert werden wird:<br />
<br />
Die "üblichen" Erscheinungsformen der traditionellen Kinderverstümmelung sind, steil ansteigend in Perversion und Bösartigkeit:<br />
1.) die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Brit_Mila">Beschneidung des Penis</a>' kurz nach der Geburt, wie sie im Judentum und Islam Pflicht bzw. dringend empfohlen ist,<br />
2.) das sog. "<a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Breast_ironing">breast ironing</a>" oder "<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Brustb%C3%BCgeln">Brustbügeln</a>", das jungen Mädchen angetan wird, um ihre Brustentwicklung zu verlangsamen und die Brüste unattraktiv zu machen (<a href="http://www.youtube.com/watch?v=zk-esBfPxpI">hier</a> ein erschütternder <a href="http://www.ipsnews.net/2006/06/rights-cameroon-an-unwelcome-gift-of-god/">Bericht</a> darüber),<br />
3.) die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien">Beschneidung weiblicher Genitalien</a>, bei der, je nach Art der Durchführung, Mädchen oder jungen Frauen, bestimmte Teile der Genitalien abgeschnitten werden (wer es sich wirklich antun möchte, findet <a href="http://www.guardian.co.uk/society/2010/jul/25/female-circumcision-children-british-law">hier</a> einen Bericht zu Beschneidungen britischer Mädchen - folgende sprachlos machende Auszüge daraus muß ich aber jedem zumuten:<br />
<blockquote>Some will be taken[...] to "cutting parties" for a few girls at a time in a cost-saving exercise.<br />
(Übersetzung: Einige werden [...] als kostensparende Maßnahme zu "Beschneidungsparties" für mehrere Mädchen gleichzeitig gebracht.)</blockquote><blockquote><br />
Other girls have died, of shock or blood loss; some have picked up infections from dirty tools. Jamelia's mother paid extra for the woman to use a clean razor.<br />
(Übersetzung: Andere Mädchen sind am Schock oder dem Blutverlust gestorben; einige haben sich durch schmutziges Besteck Infektionen zugezogen. Jamelias Mutter hat extra etwas mehr bezahlt, damit die Frau, die die Beschneidung durchführte, eine saubere Rasierklinge verwendete))</blockquote><br />
<br />
Die Beschneidung des Penis' setzt durch die Entfernung der schützenden Vorhaut die Eichel einer ständigen Reibung aus, was letztlich die Sensitivität herabsetzt und <a href="http://www.norm-uk.org/circumcision_lost.html">zu einer Reihe von Problemen</a> führen kann. Der zentrale Punkt ist aber, daß die Vorhaut einen Arm des Dorsalnervs und zwischen 10.000 und 20.000 spezielle erogene Nervenendigungen enthält und für viele Männer notwendig für befriedigendes, sexuelles Erleben ist.<br />
<br />
<small>[<strong>Nachtrag 19.07.</strong>: in den <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/verstummeln-hat-doch-tradition.php#comment345238">Kommentaren</a> wurde auf ein "Lehrvideo" verlinkt, das die Durchführung einer routinemäßigen Genitalverstümmelung (=Beschneidung) an einem Baby, selbstverständlich ohne Betäubung, zeigt. Das Video ist so schon schlimm genug, aber wenn man noch den Ton dazu hört, wird es vollends abartig! Ich repliziere hier ausdrücklich die Warnung des Kommentatoren, jedoch empfehle, ja verlange ich, daß sich die Beschneidungsbefürworter, insbesondere die "harmloser, kleiner Eingriff"-Fraktion, sich <a href="http://video.google.com/videoplay?docid=8212662920114237112">das</a> ansieht.]</small><br />
<br />
Das "Bügeln" der Brüste, welches ursprünglich und fälschlicherweise für die Verbesserung der Milchproduktion für nützlich befunden wurde, dient heute ganz offen dem Zweck, die verstümmelten Mädchen <em>unattraktiver für Männer </em>und somit "unbegehrter" für Geschlechtsverkehr zu machen und mithin vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen.<br />
Die Mütter nehmen die mit der Prozedur verbundenen Schmerzen, Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls, Infektionen, Zysten und das später erhöhtes Krebsrisiko für ihre Töchter in Kauf. Man könnte meinen, daß Aufklärung, Sexualerziehung und Verhütung die weniger destruktiven und deutlich effektiveren Möglichkeiten zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften seien (an dieser Stelle ist vielleicht zu erwähnen, daß Kamerun, wo diese Barbarei vor allem durchgeführt wird, zu 25% katholisch ist...).<br />
<br />
Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien ist sicher eine der monströsesten, zynischsten und abartigsten Prozeduren, ja Foltern, die überhaupt denkbar sind. Alles daran, Absicht, Durchführung und Folgen sind zutiefst grausam und menschenverachtend und es gibt wohl keine verheerendere Manifestation religiösen oder sonstwie begründeten Frauenhasses, als dieses unerträgliche Verbrechen!<br />
Es werden von den Befürwortern dieser Praktik verschiedene Gründe angeführt. Immer wieder werden z.B. "Tradition", "Ästhetik" oder vermeintliche medizinische Vorteile dieser "Behandlung" genannt. Aber auch die Auffassung, es handle sich bei der Prozedur um ein religiöses Gebot, existiert und sowohl Moslems als auch Juden aber auch Christen führen sie durch. (In der Tat haben religiös motivierte Bestrebungen, die Masturbation zu bekämpfen, dazu geführt, daß auch in Europa zwischen dem 19. Jahrhundert bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts Klitoridektomien an Frauen und Mädchen durchgeführt wurden (s. Literatur).<br />
<br />
Ich erspare es uns allen an dieser Stelle, die weiteren medizinischen Folgen und Risiken dieser Verstümmelungen aufzuführen oder gar Bilder zu zeigen und die schwindelerregenden Zahlen von schweren Komplikationen, Todesfällen und durch diese Tortur lebenslang traumatisierten und an Sexualität und Selbstverständnis verkrüppelten Frauen wiederzugeben.<br />
Ich will vielmehr darüber nachdenken, warum das alles immer noch und wieder Menschen angetan wird. Ich glaube, hinter all diesen Prozeduren steckt am ehesten ein mehr oder weniger verhohlener Angriff auf die Sexualität, unter anderem eine Spezialität der Religion. Das ganze Gewäsch von wegen "Hygiene", "Ästhetik" etc. ist in meinen Augen vorgeschoben: Es geht um die Herabsetzung oder völlige Zerstörung des Lustempfindens während und/oder die Verhinderung der Sexualität. Dies ermöglicht ein höheres Maß an <em>Kontrolle</em> über die Menschen. Den beschnittenen Männern wird durch die mit der Beschneidung einhergehende Desensibilisierung ein Stück des Lustempfindens genommen und zudem die Masturbation erheblich erschwert (so kann man(n) sich bestimmt auch besser auf's Torah/Koran-Auswendiglernen konzentrieren). Man weiß ja auch, daß der Mann grundsätzlich hifloser Spielball seiner Triebe ist (s. Kopftuch) und nur durch derart handfeste Maßnahmen halbwegs auf Kurs gehalten werden kann.<br />
<br />
Viel schlimmer trifft es hingegen die Frauen: in brutaler Verkennung des Rechts der Frauen auf die Möglichkeit einer erfüllten Sexualität, die <em>eben nicht notwendig</em> mit Reproduktion gekoppelt ist, und mit einer an Verachtung nicht zu überbietenden und trotz der Tatsache, daß die Prozeduren meist selbst von Frauen durchgeführt werden, patriarchalischen Gebärde, werden die Körper der Frauen auf eine Weise verhackstückt, die normale Sexualität häufig unmöglich oder unerträglich schmerzhaft machen. <br />
Damit werden Frauen mit gnadenloser Effektivität zur "Keuschheit" gezwungen, weil sie selbst Sexualität nie als etwas angenehmes oder schönes erfahren und erleben können (und häufig nicht einmal mehr die Möglichkeit zur genussvollen Masturbation haben) und daher Sexualität um ihrer selbst willen aus eigenen Stücken nicht (mehr) anstreben. Man muß sich das in seiner Bestialität wirklich klar machen: für diese Frauen sind Ermahnung oder Bewachung oder Keuschheitsgürtel o.ä. nicht mehr notwendig - man hat ihnen die Fähigkeit zu freudvoller Sexualität (= Sünde) aus dem und den Selbstzwang zur Enthaltsamkeit in das Fleisch geschnitten! Es ist die perfekte und diabolischste Umsetzung des religiösen Gebotes, sich zu vermehren, jedoch beim Vorgang der Vermehrung - zumindest als minderwertiges Frauenzimmer - bloß keinen Spaß zu haben. Denn natürlich werden die verstümmelten Frauen dennoch zur Reproduktion "benutzt", also - mal wieder - zum reinen Gebärorganismus reduziert, und die Schmerzen, Gefahren und Komplikationen, die mit dem Zeugungsakt und vor allem der Geburt einhergehen, bereitwillig in Kauf genommen.<br />
Für die von Verstümmelungen Betroffenen, die in (offiziell) die Menschenrechte achtenden Ländern leben ergibt sich zudem noch eine besonders perfide Implikation: Um die in diesen Ländern verbotenen Praktiken des Brustbügelns und der weiblichen Beschneidung überhaupt so massenhaft und "effizient" durchühren zu können, wie es auch heute noch der Fall ist, bedarf es notwendig der Mitwirkung der Mütter. Diese müssen (zumindest in westlichen Ländern) bei der Tarnung und Verheimlichung helfen und die zukünftigen Opfer, ihre Töchter, durch unablässige Indoktrination auf das Kommende und vermeintlich Unausweichliche vorbereiten. Dabei müssen sie, die sie diesen Horror fast immer auch am eigenen Leib und mit eigenen Sinnen ertragen mußten, das ganze Entsetzen, all den Schmerz und das Elend, das sie durchmachen mußten, verleugnen, verdrängen und ihren Töchtern im Bericht vorenthalten. Der Zynismus, der notwendig ist, um Frauen, ja Mütter so zu pervertieren, daß sie die an ihnen selbst vollzogene Maßnahme nachträglich auch selbst als gut und wertvoll für ihre eigenen Töchter erachten, statt alles daran zu setzen, wenigstens ihnen dieses gräßliche Schicksal zu ersparen, ist schier atemberaubend!<br />
<br />
Eine solche Tat an seinen eigenen Kindern, Schutzbefohlenen, gleich ob Mädchen oder Jungen, die man doch lieb haben und zur Not mit dem eigenen Leben vor Gefahr und Verletzung verteidigen sollte, zu verüben, zeigt, wie sehr der menschliche Geist und das eigentlich natürliche menschliche Mitgefühl durch <a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2011/06/eine-kraft-zum-bosen.php">Religion</a> oder allgemeiner die unreflektierte Übernahme und Anwendung von auf irrationalen Annahmen beruhenden Traditionen verdorben und entstellt werden kann. Sie befähigen zu jedem denkbaren Verbrechen.<br />
<br />
________<br />
<strong>Nachtrag 20.07.</strong>: Es gibt nun eine <a href="https://www.kinderhilfe.de/blog/artikel/bundestagspetition-zu-beschneidungen/">Petition</a> der Deutsche Kinderhilfe, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, MOGIS e.V. (Verband Betroffener sexuellen Kindesmissbrauchs), des Bund Deutscher Kriminalbeamter und zahlreicher Einzelpersonen als Antwort auf die <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestag-beschliesst-resolution-gegen-beschneidung-a-845389.html">gestrige Resolution</a> des Bundestages. Ich hoffe, dieser Irrsinn ist noch zu stoppen...<br />
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<br />
<small><strong>Literatur und Links:</strong></small><br />
<br />
<a href="http://www.netzwerk-integra.de/dokumente/recht/">Integra</a>: Deutsches Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung<br />
<br />
R. Dettmeyer, J. Laux, H. Friedl, B. Zedler, H. Bratzke, M. Parzeller. Medizinische und rechtliche Aspekte der Genitalverstümmelung bzw. Beschneidung, Teil I: Weibliche Genitalverstümmelung; Archiv für Kriminologie; Band 227, Heft 1 und 2; Jan/Feb 2011, Seite 1 <br />
<br />
Weibliche Genitalverstümmelung: Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum [Taschenbuch] <br />
Marion Hulverscheidt (Autor)<br />
<br /><a href="http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2012/07/verstummeln-hat-doch-tradition.php">Zum Beitrag im Blog&nbsp;&raquo;</a><hr />

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<category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Medizin</category>
<pubDate>Tue, 17 Jul 12 18:00:00 -0400</pubDate>
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