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        <title>Historikertag</title>
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            <title>Grenzen der antiken Gewalt</title>
            <description><![CDATA[
     <p><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/252dc3f6af5d4b65898e13e2a7e53334" width="1" height="1" alt=""></p>

<p><strong>In der von <a href="http://classics.unc.edu/people/faculty/riess.html">Werner Riess</a> (Chapel Hill) und <a href="http://www.ag.geschichte.uni-muenchen.de/personen/mitarbeiter/zimmermann_martin/index.html">Martin Zimmermann</a> (München) geleiteten Sektion „Grenzen der Gewalt - Definition, Repräsentation und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken Kulturen" (1.10.2010) wurden überlieferte Gewaltbilder verschiedener Quellentypen der griechischen und römischen Geschichte einander gegenübergestellt. Dabei ging es nicht nur um einen Vergleich der antiken Herangehensweisen an die Gewalt und die vielfältige Auseinandersetzung mit dieser in Literatur, Kunst und weiteren Quellengattungen, Medien und Kontexten, sondern auch um die Frage, inwieweit die antiken Vorstellungen von Gewalt mit dem aktuellen „westlichen" Gewaltbegriff kompatibel sind.</strong></p>

<p><em>Von Christian Jung</em></p><p><br />
<strong>Plötzliche Konfrontation mit Gewalt</strong></p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/ht10Zimmermann1.jpg"><img alt="ht10Zimmermann1.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/ht10Zimmermann1-thumb-200x260.jpg" width="200" height="260" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /></a></span><em><strong>In seinem Vortrag „Literarische Gewaltbilder als Medien moralischer, politischer und kultureller Grenzziehungen" betonte <a href="http://www.ag.geschichte.uni-muenchen.de/personen/mitarbeiter/zimmermann_martin/index.html">Prof. Dr. Martin Zimmermann</a> (München) zu Beginn, dass der Mensch immer fähig sei, „physische Gewalt auszuüben, und daher auch ständig in Gefahr" sei, „sie durch andere zu erleiden". Diese banale Grundaussage benenne zwar recht neutral die verstörende Grundbedingung der menschlichen Existenz. Doch ist nach seinen Worten die Gefahr der plötzlichen Konfrontation mit Gewalt im Denken und Handeln von Individuen und Gemeinschaften existent. Dies erklärt auch die Entwicklung von Schutzgeistern, die sich später in den christlichen Schutzengeln manifestierte.</strong></em></p>

<p></p>

<p><strong>Rausch der Gewalt im Götterhimmel als Ordnungsinitiation</strong></p>

<p>Am Beispiel der irratonalen Sorge, die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft nehme zu, und die Medienberichterstattung über Ereignisse, die mit Gewalt in Verbindung stehen, werden immer wieder diffuse Gefühle und Ängste verstärkt. Diese gefährden für Zimmermann „immer die in langen Prozessen ausgehandelten Modi der Gewaltbändigung" auf grundsätzliche Weise. Nach dieser Einführung spannte der Referent den inhaltlichen Bogen zurück zur mythischen Weltentstehung und des Pantheons, wie sie schon von Hesiod in seiner Theogonie beschrieben wird. Der seine Kinder verschlingende Uranus ist laut dem Münchener Althistoriker der erste, der im Rausch der Gewalt die „aeikieia erga", die schrecklichen Taten vollführt und dadurch im Götterhimmel die gute Ordnung indirekt mit initiiert.</p>

<p><strong>Schutz des Einzelnen gegen Gewalt</strong></p>

<p>Nach zahlreichen Gewaltanwendungen schafft es dann schließlich Zeus nach langem Kampf gegen die Giganten, eine mit dem Recht in Verbindung stehende Ordnung, in der die physische Gewalt kalkulierbar wird und illegitime Formen der Gewalt „grausam und mitleidlos" bestraft werden, zu errichten. Durch die fortwährende mythische Reflexion und die Weitergabe an die folgenden Generationen kam es schließlich in den antiken Gesellschaften zu einem komplizierten Prozess, in dem der Einzelne gegen Gewalt geschützt und seine körperliche Integrität gewährleistet wurde. So ist auch zu erklären, dass bei Verstößen gegen diese mythische Ordnung Züchtigung und Todesstrafe nur durch Personen vorgenommen wurden, die man im Konsens und gemeinschaftlich zu diesem Zweck bestellte.</p>

<p><strong>Antike Medien thematisierten Optionen menschlichen Handelns</strong></p>

<p>Eine Aufhebung dieser Machtzustände lässt sich nach Auskunft von Zimmermann etwa „beim Tyrannenmord studieren, in dessen Umfeld Lynchjustiz verübt und sogar die sakrale Ordnung ausgesetzt wird". Die Option des menschlichen Handelns, aber insbesondere die Aufhebung von Machtzuständen durch eine „Transgression der Ordnung" seien in damaligen Kommunikationsformen und Medien ununterbrochen thematisiert und ausgehandelt worden. „Dies geschah in performativen Akten, Ritualen, in Bildwerken und in besonders vielfältiger Art auch in den Schriften unterschiedlicher historischer Gattungen", sagte Zimmermann und unterstrich, dass neben Tragödien und Epik insbesondere die Geschichtsschreibung und Biographie eine zentrale Rolle bei der Beantwortung der Frage gespielt habe, welche Formen von Gewalt legitim und illegitim sind.</p>

<p><strong>Aufhebung der Ordnung durch Übertreibung</strong></p>

<p>Das explizite Sprechen über Gewalt in der Literatur hat nach der Analyse Zimmermanns jedoch keine direkte moralisch-ethische Funktion, sondern verfolge, wie am Beispiel der Biographie Plutarchs über Cicero deutlich wird, andere Zielsetzungen. In der episch ausgeschmückten Lebensgeschichte zwingt die Frau Ciceros einen am Mord an ihrem Mann Beteiligten, sich das Fleisch von den Armen zu schneiden, dieses zu grillen und zu verspeisen. Diese in Anlehnung an den damals geläufigen Aias-Mythos aus medizinischer Sicht nicht durchführbare Handlung offenbart demnach durch die bewusst phantasievolle Schilderung als Motiv die Aufhebung der traditionellen Ordnung durch die literarische Übertreibung. In dieser wird nicht das Handeln der Ehefrau beurteilt, sondern auf einer damals für alle zugänglichen und verstehbaren Metaebene der Irrsinn als Folge des römischen Bürgerkriegs hervorgehoben, über den es nachzudenken gilt.</p>

<p><strong>Erfundene Geschichten müssen analysiert werden</strong></p>

<p>Auch zahlreiche Autoren der Kaiserzeit untersuchten in diesem Zusammenhang, ob der Leser durch Affekterregung oder durch klare politische Analyse zu einem Urteil geführt werden solle. Doch die Gewaltschilderungen verraten nichts über die persönlichen Meinungen der Autoren. Sie überlassen es dem Leser, wie er über Gewaltakte denkt. Moderne Historiker stehen für Zimmermann infolgedessen vor der Herausforderung, mit Bildern und Berichten konfrontiert zu werden, „die zum Zwecke der genannten Verständigung erfunden sind und nichts mit realen Vorfällen mehr zu tun haben."</p>

<p><strong>Prämissen für Gewaltbilder</strong></p>

<p>Drei Prämissen für Gewaltbilder wurden in der Folge vom Referenten eingeführt: „Zum ersten wollten die Produzenten der Bilder tatsächlich über reale Gewalt berichten. Sie wählten zweitens dafür Bilder, die das Geschehen abweichend von den tatsächlichen Vorkommnissen schildern, wobei sie auf gängige Motive zurückgriffen. Zum dritten waren Bild und Text an ein Publikum gerichtet, das diese Informationen unmittelbar lesen und verstehen konnte." Hinter den Gewaltbildern römischer Historiographie habe auch ein heftig geführter politischer Konkurrenzkampf innerhalb der Aristokratie gestanden, den die Mitglieder der Führungsschicht mit medialen Mitteln austrugen. Insbesondere bei der biographischen und historiographischen Darstellung der einzelnen Kaiser wurde ein besonderer Einfallsreichtum entwickelt, um Hinrichtungen und Selbstmorde von Mitgliedern der römischen Führungsschicht in allen Farben auszumalen. </p>

<p><strong>Horrormotive eröffnen neues Verständnis für die Antike</strong></p>

<p>Solche Horrorszenarien gäben jedoch keine Hinweise über reale physische Gewalt. „Dafür eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, hinter der Erzählung stehende Absichten zu ermitteln und politische Konflikte zu diagnostizieren sowie juristische wie moralisch-ethische Aushandlungsprozesse zu beschreiben. Die Beschäftigung mit den Horrormotiven in der Geschichtsschreibung eröffnet die Chance, in ganz unterschiedlichen Feldern neue Einsichten zu gewinnen", betonte Martin Zimmermann abschließend. Sie sind für ihn ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis antiker Kulturen, indem durch die Gewalt-Darstellungsstrategien der Autoren die Rolle der Gewalt und die Aushandlungsprozesse von Macht und Ordnung in den jeweiligen Epochen und Gesellschaften besser analysiert werden können.</p>

<p><br />
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<p></p>

<p><br />
<strong>Bilderwelt Athens im 6. und 5. Jahrhundert</strong></p>

<p><br />
<span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/ht10Lorenz1.jpg"><img alt="ht10Lorenz1.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/assets_c/2011/01/ht10Lorenz1-thumb-540x453.jpg" width="540" height="453" class="mt-image-none" style="" /></a></span></p>

<p><br />
<strong>Mit dem Thema „Bilder der Gewalt - Annäherung an eine historische Interpretation medialer Gewalt" beschäftigte sich im Anschluss <a href="http://winckelmann-institut.hu-berlin.de/pers/muth/muth_kurzvita/view">Prof. Dr. Susanne Muth</a> (Berlin), die kurzfristig verhindert war und von <a href="http://www.nottingham.ac.uk/classics/people/katharina.lorenz">Dr. Katharina Lorenz</a> (Nottingham) vertreten wurde, die ihr Manuskript zusammen mit zahlreichen Bildbeispielen vortrug. Seitdem sich die Altertumswissenschaften zunehmend den Fragen nach den Kulturen der Gewalt zugewandt hätten, richte sich ihr Blick immer wieder auf die Bilderwelt Athens im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr., so Muth. Denn in der Bildwelt des archaischen und klassischen Athen gebe es den wohl aufschlussreichsten und zugleich herausforderndsten Befund, wenn es um das „Verhandeln" von Gewalt im Medium des Bildes in der griechischen und römischen Antike gehe.</strong></em> </p>

<p><strong>Grundsätzliche Möglichkeiten der historischen Interpretation</strong></p>

<p>„Entsprechend hat sich dieser Befund der attischen Bilder schnell zu einem Schlüsselbefund etabliert - in verschiedener Hinsicht: einerseits, was unsere Fragen betrifft, die wir als Historiker und Archäologen an derartige Bilder der Gewalt herantragen können und müssen; und andererseits, was die Methoden betrifft, mittels derer wir diese Bilder der Gewalt in ihrer historischen Aussagekraft zu entschlüsseln versuchen", sagte Susanne Muth. Die attischen Bilder hatten eine große Vorbildfunktion, so dass die Gewaltdarstellung konsequent auch auf andere Bildbefunde der antiken Kulturen übertragen und für die dortigen Diskussionen um das Phänomen der Gewalt wiederum angewandt werden konnten. Die Bildbefunde müssten in diesem Zusammenhang nicht nur als historische Quellen für die Kultur des archaischen und klassischen Athens befragt werden, sondern dienten ebenso als Fallbeispiel, um hier die grundsätzlichen Möglichkeiten, aber auch die Problematik und die Grenzen einer historischen Interpretation medialer Gewalt zu diskutieren. </p>

<p><strong>Vom Befund zur Interpretation</strong></p>

<p>Aus dieser Zielsetzung heraus ergab sich der weitere Rahmen des Vortrags. Zunächst ging es um den Befund der attischen Bilder und die Qualität, wie in diesen Bildern Gewalt verhandelt wird, um zentrale Phänomene darzustellen, auf denen alle weiteren interpretatorischen Fragen basierten. In einem zweiten Schritt wurden dann die geläufigen Ansätze beleuchtet, die an diese Bildbefunde bislang herangetragen wurden. Die kritische Diskussion dieser Ansätze führte in einem dritten Schritt zu den grundsätzlichen Möglichkeiten einer methodisch angemessenen Interpretation solcher Bildbefunde und der Frage, in welcher Weise die Gewaltabbildungen als historische Quellen überhaupt benutzt werden können; und in einem letzten und vierten Schritt wurden die Konsequenzen in den Blick genommen, welche sich aus der Betrachtung des Fallbeispiels für die Interpretation medialer Gewalt allgemein ergeben.</p>

<p><strong>Schmerzhaftes Sterben wird visualisiert</strong></p>

<p>Am Beispiel der attischen Luxuskeramik zeigte Muth, wie künstlerische Gewaltdarstellungen zu Beginn des 5. Jahrhunderts plötzlich immer wieder auf neue Weise Gewalttätigkeit und Aggressivität formulierten, und die Bildwelt Athens mit einem regelrechten „Blutrausch" überzogen wurde. Bildmotive wie etwa der Tod des Minotauros fingen in einer völlig unbekannten Nahsichtigkeit das Opfer in seinem schmerzhaften Sterben oder aber in seinen psychischen Qualen im Anblick des ihm drohenden Schicksals ein - und brachten damit aggressives Töten und brutale Gewalttätigkeit in einer bisher unbekannten Qualität zur Darstellung.</p>

<p><strong>Leid wird aus der Opferperspektive geschildert</strong></p>

<p>Ein anderes Beispiel war in diesem Zusammenhang ein Vasenbild, auf dem die Eroberung Troias, die Ilioupersis, mit dem Überfall des Neoptolemos auf den greisen König Priamos dargestellt wird. In der Szene ist der König kurz vor dem tödlichen Schlag zu sehen, er hält seine Hände vor das Gesicht, da er den Anblick seines brutal erschlagenen Enkels, der auf seinem Schoß liegt, nicht erträgt. Für Susanne Muth ist diese Darstellung ein eindrückliches Beispiel der Tragödie, die sich bildlich auf ihren Höhepunkt zuspitzt. Das visualisierte Leid wird aus der Opferperspektive geschildert und offenbart neben der Ohnmachtskategorie der Schwäche (Minotauros) insbesondere die der Verzweiflung, durch die die Gewalt im Spiegel der Auswirkung präsentiert wird.</p>

<p><strong>Metaebene der Gewalt-Fantasie</strong></p>

<p>In der untersuchten Periode nehmen somit Pathos und Dramatik bei den jüngeren Bildern zu, das schmerzhafte Sterben und psychische Qualen kommen in der Gewaltikonographie zum Vorschein. Vor 500 und nach 490 überwiegen „normale" Kampfszenen, die aber nur starke oder schwache Protagonisten zeigen, nicht aber auf deren Leiden und Sterben verweisen. Somit stellte sich für die Wissenschaftlerin die Frage, weshalb gerade in der untersuchten Dekade die Gewalt in expliziter Weise in der Vasenmalerei mit vielen Waffen, Blut und den leidenden Opfern im Moment des Sterbens gezeigt wurde. Im Gegensatz dazu wurde ab 470 verstärkt eine „gedämpftere" Gewaltikonographie favorisiert, eine implizite Gewalt, deren Folgen für die Betrachter auf einer Metaebene der Fantasie verlagert wurden. Denn die Gewaltanwendung wird hier nur angedeutet.</p>

<p><strong>Schmutzige und saubere Gewalt</strong></p>

<p>Bei der „blutrünstigen" Periode sowie der nachfolgende Phase der „Gewaltdämpfung" war man bisher - basierend auf modernen Erfahrungen im Umgang mit medialer Gewalt - davon ausgegangen, dass diese Darstellungen mit dem Erleben realer Gewalt in den Perserkriegen zu tun haben. Doch können diese Phänomene in der attischen Kunst für Susanne Muth keineswegs mit modernen Gewaltauffassungen und -theorien erklärt werden, die in der Regel zu einer polarisierenden Reaktion führen: Denn der Rezipient neuzeitlicher Gewaltdarstellungen ergreift meist Partei für den Stärkeren/Sieger oder schlägt sich auf die Seite des Opfers. Besonders explizite Gewalt soll verurteilt werden, zumal das Leiden des unschuldigen Opfers eindrücklich gezeigt wird („schmutzige Gewalt"). Wenn die Gewalt dagegen nicht verurteilt werden soll, darf beim Betrachter kein Mitleid entstehen, damit nicht die „falsche Seite" berücksichtigt wird („saubere Gewalt"). „Die Ikonographie unserer heutigen Gewaltbilder funktioniert also eindeutig wertend, ihre Differenzierungsmöglichkeiten werden zur Distinktion verschieden bewerteter Gewaltarten eingesetzt; - und die jeweilige Gewaltikonographie dient folglich dazu, die Parteinahme des Betrachters zu steuern und seine polarisierende Reaktion zu unterstützen", betonte Muth. </p>

<p><strong>Gewalt als nicht wertendes Bildmotiv</strong></p>

<p>Die attische Gewaltikonographie funktioniere jedoch im Gegensatz zu neuzeitlichen Gewaltdarstellungen themenunabhängig und sei damit auch bewertungsneutral. So könne der Perspektivenwechsel zur expliziten Gewalt in der Vasenmalerei nur bedingt etwas mit den Perserkriegen zu tun haben, da die verwendeten Formen der Gewalt keine inhaltliche Bewertung durchführen (zumal die ikonographischen Phänomene auch schon früher aufkommen). Die starken ikonographischen Schwankungen bei thematisch gleichen Bildern sowie die ikonographischen Ähnlichkeiten bei inhaltlich unterschiedlich bewerteten Bildern lassen sich nach Muth nur so deuten, dass die Bildmotive deskriptiv, nicht aber wertend funktionieren. Die auftauchenden und teils aus dem Mythos entstammenden Figuren werden dabei in ihrem Kräfteverhältnis zueinander charakterisiert, so dass Tapferkeit, Stärke und Macht an Gewicht gewinnen. Die Darstellung des leidenden und sterbenden Opfers ist hierbei zentraler Bestandteil in der bildgetragenen Charakterisierung des Stärkeren, erst hierdurch können der außergewöhnliche Held und der normale Krieger voneinander unterschieden werden. Gewalt ist somit kein „Bildthema", sondern nur ein „Bildmotiv" und muss als dezidiert „mediales Phänomen" angesehen werden, das kein unmittelbares Zeugnis für die wirklichen damaligen Auffassungen und Denkschulen zur Gewalt abbildet. „Thema der Bilder ist der Diskurs um Macht und soziales Ansehen, beziehungsweise die spezifischen Leistungen und Tugenden, wie Stärke oder Tapferkeit, aus denen soziales Ansehen resultiert", betonte Muth abschließend. </p>

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<p><br />
<strong>Aushandelbarer Charakter jeglicher Gewaltdefinition</strong></p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/ht10Riess1.jpg"><img alt="ht10Riess1.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/assets_c/2011/01/ht10Riess1-thumb-540x541.jpg" width="540" height="541" class="mt-image-none" style="" /></a></span></p>

<p><br />
<strong>Im Anschluss sprach <a href="http://classics.unc.edu/people/faculty/riess.html">Prof. Dr. Werner Riess</a> (Chapel Hill) über „Ritualisierungen von Gewalt im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr." Dabei betonte er zu Beginn, dass „Gewalt für jede Gesellschaft die Transgression gültiger Normen" bedeute. Wo jedoch die jeweiligen Grenzen zwischen noch akzeptablen und inakzpetablen Verhaltensmustern verliefen, sei ebenso wie die Art und Weise, in der diese definitorischen Grenzziehungen erfolgen, kulturspezifisch. „Da diese Grenzziehungen alles andere als statisch sind, betonen Kulturwissenschaftler heute verstärkt den aushandelbaren Charakter jeglicher Gewaltdefinition. Sie wird dabei als dynamisches Konstrukt verstanden, das von sozialen, kulturellen und politischen Faktoren determiniert wird. In der Tat sind in den antiken Quellen explizite wie implizite Grenzziehungen zwischen legitimem und illegitimem Verhalten (Gewalt) auszumachen", sagte Riess, der in seinem Vortrag Gewaltakte zwischen athenischen Bürgern analysierte.</strong></em> </p>

<p><strong>Der physische Akt der Gewalt</strong></p>

<p>Für Riess kommt es in einem kulturwissenschaftlichen Sinne besonders darauf an, die symbolische Bedeutung von Gewalt im athenischen Sozialgefüge herauszuarbeiten. Wie es Athen ohne reguläre Polizeikräfte schaffte, Gewalt so zu reduzieren beziehungsweise verstehbar zu machen, dass die Polis im 4. Jahrhundert stabiler als viele andere griechische Stadtstaaten war, zählte zum erweiterten Erkenntnisinteresse des Vortrags. Bei der Interpretation der athenischen Quellen legte Riess dabei einen engen Gewaltbegriff zugrunde: „Ich verstehe unter Gewalt einen physischen Akt, mit dem ein Mensch einen anderen schädigt oder die Absicht hat, dies zu tun." Wenn man sich frage, wie Sinn konstituiert und bestimmten sozialen Praktiken zugeschrieben würde, und welches die Bedeutungsträger seien, vor allem in vormodernen, semi-oralen Gesellschaften, so stoße man unweigerlich auf die Bedeutung von Ritualen. „Meiner Studie liegen somit die Ritual- und Performanzstudien zu Grunde." Mit diesem methodischen Ansatz könne man die heterogenen Quellen des 4. Jahrhunderts kombinieren und integrieren. Bei den herangezogenen Quellengattungen handelte es sich um die attischen Gerichtsreden, die Fluchtäfelchen und die Alte Komödie des Aristophanes. „Sie alle führten ursprünglich einen Gewaltdiskurs, der rituell eingebettet war, performativ auf", unterstrich der Althistoriker.</p>

<p><strong>Die Diffamierung des Gerichtsgegners als politisches Statement</strong> </p>

<p>Zunächst arbeitete Riess den Gewaltdiskurs, der in allen öffentlichen Veranstaltungen von den Gerichtshöfen über das Rathaus und die Volksversammlung bis hin zum Drama performativ inszeniert wurde, am Beispiel der attischen Gerichtsreden heraus: „Obgleich wir keinen Zugriff auf die tatsächlichen Geschehnisse haben, können wir sehr wohl erkennen, wie der Gewaltdiskurs bei den Rednern strukturiert ist. Die Bedeutung von Gewalt wurde dichotomisch definiert oder, ritualdynamisch gesprochen, dichotomisch konstruiert. In diesem dynamischen Prozess wurde die Interpretation dessen, was Gewalt darstellte und bedeutete, rhetorisch und damit stark standpunktabhängig verhandelt", sagte Riess. Der Sprecher, unabhängig davon, ob er als Angeklagter oder als Verteidiger sprach, suchte seinen Widersacher immer als unverantwortlichen Schuldigen zu delegitimieren und zu diffamieren, ihn als das diametral Andersartige darzustellen, als Anti-Bürger. Er tat den ersten Schlag, er fügte schlimme Wunden zu und versuchte in Extremfällen Mord zu verüben. Einige Oppositionspaare hätten dabei beiderseits Verwendung finden können: Einen Gewaltakt öffentlich oder im Geheimen auszuführen, in der Nacht oder bei hellem Tageslicht, nüchtern oder betrunken, als alter oder als junger Mann, hätte vom Sprecher sowohl negativ als auch positiv in Anspruch genommen werden können. Somit gäbe es in Bezug auf die Gewalt keine festen Tatbestandsmerkmale, so Riess.</p>

<p><strong>Transgressive Qualität der Hybris</strong> </p>

<p>In diesem Zusammenhang machte es der flexible Gewaltbegriff möglich, die Gewalt des jeweiligen Gegners, wie schwerwiegend auch immer sie war, rhetorisch im Gerichtsverfahren als derart sozial schädlich zu brandmarken, dass sie den Konflikt eskaliert zu haben schien. Trotz oder gerade wegen der fehlenden Tatbestandsmerkmale, die Gewalt definiert hätten, glaubten die Athener an die Mehrheitsentscheidung der Richter im Gemeinschaftsurteil. Die friedensstiftende Funktion des Justizwesens bestand also nicht so sehr in der endgültigen Lösung von Konflikten - wir wissen, dass viele Streitigkeiten nach einem Gerichtsurteil weiterverfolgt wurden -, sondern auf der rituellen, symbolischen Ebene, insofern als die Athener sich tagtäglich im Ritual des Gerichtsgangs ihrer ganzen Definitions- und Handlungsmacht bewusst wurden. Gewalt, deren Tatbestandsmerkmale also erst vor Gericht und dort stets aufs Neue verhandelt und festgelegt wurden, wurde unter diesen Umständen zum rituellen Konstrukt. Besonders deutlich ist dies bei der Grenzen verletzenden, anmaßenden Gewalt der Hybris zu sehen, die dem Gerichtsgegner zugeschoben wurde und neben ihrer transgressiven Natur auch eine performative Qualität aufwies. Sie umfasste verbale Beleidigungen, tätliche Angriffe, Vergewaltigung, Ehebruch und auch Verführung. Mittels der semantischen Breite dieses umfassenden Begriffs konnte man den Gegner sogar auf einer politischen Dimension angreifen. Der Hybristes war immer auch ein Barbar und Tyrann und damit ein Anti-Demokrat, von dem man sich diametral absetzen konnte. „Die eigene Gewalt hingegen war akzeptabel, anti-hybristisch, demokratisch und daher anti-tyrannisch und anti-barbarisch, also zivilisatorisch im Sinne des Schutzes und der Aufrechterhaltung der Demokratie." Riess geht davon aus, dass der performativ inszenierte Gewaltdiskurs in den Gerichten auch jenseits der gefällten Urteile eine Wirkung auf den athenischen Alltag ausübte und dort somit für jeden klar war, welche Formen der Gewalt akzeptabel waren und welche nicht. </p>

<p><strong>Magie und Flüche zum Prozessauftakt</strong></p>

<p>Um ihren Gegnern zu schaden, griffen Athener aller Schichten im 5. und 4. Jahrhundert auch auf den Einsatz von Schwarzer Magie zurück, indem sie Flüche auf kleine Bleitafeln schrieben und diese auf rituelle Art und Weise in Gräbern und Quellen deponierten. Ungefähr 270 solcher Täfelchen aus dem 4. Jahrhundert sind überliefert. Die meisten sind Prozessflüche. Sie kamen gegen Gerichtsgegner zum Einsatz, bevor ein Prozess stattfand. „Aus dieser Perspektive scheint es, als ob jemanden vor Gericht zu bringen und ihn zu verfluchen, zwei komplementäre soziale Praktiken waren." Werner Riess stellte in diesem Zusammenhang die These auf, dass die realen und imaginären Handlungsträger der magischen Rituale kulturelle Praktiken des athenischen Gerichtswesens widerspiegeln und sogar in Analogie zu diesem angesehen werden können. Er wandte sich außerdem gegen die herrschende Forschungsmeinung, nach welcher der Grad der Gewalt, der auf den Täfelchen zum Ausdruck kommt, nur gering war. „Meine Lesart hinterfragt diese Meinung und zeigt auf, dass das im Bindezauber ausgedrückte Gewaltpotential höher war als die Forschung bislang angenommen hat." Bezeichnend sei wieder die Offenheit des zugrundeliegenden Gewaltbegriffs, so Riess. Das Fluchwort „katad(e)o" (ich binde hinab) reicht vom Wunsch, den benachbarten Handwerker zu schädigen bis hin zur Tötungsabsicht. Im Ritual der Niederlegung der Tafel wird den angerufenen Gottheiten die endgültige Entscheidung über die Art der Schädigung des Opfers überlassen. </p>

<p><strong>Theatralisch inszenierter Diskurs</strong> </p>

<p>Desweiteren analysierte Riess Aristophanes' Komödien unter den Gesichtspunkten Hybris, Slapstick und gewaltsame Umzüge im privaten Festkontext („kômoi") in ihrem Gewaltpotential. Auch die Aufführung eines Theaterstücks im Kontext der religiösen Feste der Lenäen und der Großen Dionysien war rituell, d.h. räumlich und situativ gerahmt, so dass die Theateraufführung als Ganzes als Ritual betrachtet werden kann. Riess zeigte auf, dass Hybris bei Aristophanes die gleiche Bedeutungsoffenheit wie bei den Rednern zeige. Die indirekte Problematisierung der Gewalt auf der Bühne als tyrannisch, barbarisch und hybristisch sei am Ende so wirkungsvoll in der Alten Komödie wie die Stigmatisierung des Gegners entlang ähnlicher Linien in den Gerichtsreden. Obgleich der Slapstick immer komisch bleibe, verstand es Aristophanes, so Riess, ihn mit einem gewissen Problembewusstsein aufzuladen. Einmal mehr offenbart sich die diskursive und semantische Offenheit der aristophanischen Komödie, so dass man in Analogie zur offenen Textur des athenischen Rechtes durchaus von der offenen Textur der Alten Komödie sprechen könne. Die meisten aristophanischen Stücke enden mit einem sogenannten „Kômos", dem schwärmenden Umherziehen Trunkener, das den Beginn eines Festes oder einer Hochzeit symbolisiert. Der Referent wies darauf hin, dass einige Komödien, allen voran die „Wespen", exzessives komastisches Verhalten zeigten und damit ebenso die Gefahren offenbarten, die auch mit der komischen Freiheit verbunden seien. „So problematisch und unangenehm der komische Held ist, so problematisch und unangenehm ist auch sein gewalttätiges Verhalten", so Riess, das den demokratischen Anti-Rache-Diskurs, der in den Gerichten gesprochen wurde, nur umso deutlicher hervorhob. </p>

<p><strong>Fazit: Öffentlicher Diskurs über Gewalt war Angelegenheit der Oberschichten</strong></p>

<p>Das Aushandeln des Gewaltbegriffes und die Beantwortung der Frage nach legitimer Gewaltanwendung wurden in Athen in rituell abgegrenzten Räumen unter Anwesenheit eines realen oder imaginären entscheidungsfindenden Publikums durchgeführt. Die Vergleichbarkeit von Gerichtsreden, Fluchtafeln und Komödien besteht in der performativen Qualität ihres ursprünglichen Aufführungskontextes und damit im jeweils theatralisch inszenierten Diskurs über Gewalt. Der öffentliche Diskurs über Gewalt war vor allem eine Angelegenheit der Oberschichten. Als Richter oder Zuschauer im Theater waren aber auch die Unterschichten an der Bildung eines gesellschaftspolitischen Basiskonsenses in Blick auf die Gewalt beteiligt, der wiederum die konkrete Einhegung von Gewalt begünstigte.</p>

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<p><br />
<strong>Argumentationsmuster für Kriege</strong></p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/ht10Lendon1.jpg"><img alt="ht10Lendon1.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/assets_c/2011/01/ht10Lendon1-thumb-150x229.jpg" width="150" height="229" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 20px 20px;" /></a></span><strong>Über „The Shifting Boundaries of Violence: Five Cultural Models for Going to War (and Not Going to War) in Greek and Roman Antiquity" sprach abschließend <a href="http://www.virginia.edu/history/user/36">Prof. Dr. Jon E. Lendon</a> (Charlottesville / Heidelberg). In bestimmten Generationen hat es nach seiner Darstellung immer wieder unterschiedliche Argumentationsmuster für den Beginn eines Krieges oder dessen Abwendung gegeben. Wenn man vom „Wahrheitsgehalt" einer von einem antiken Historiker oder Redner getroffenen Behauptung absieht, ist es möglich, eine Fülle von Aussagen darüber zusammenzustellen, warum ein Krieg geführt oder nicht geführt werden sollte, und damit eine Geschichte des diachronen Wandels hinsichtlich der dominanten Motive zu schreiben, aus denen heraus Griechen und Römer in den Krieg zogen - Motive, die jede Generation als eindeutig legitim betrachtete. Es versteht sich dabei von selbst, dass in jeder Epoche die diesbezüglichen Entscheidungen von multiplen und sich auch überschneidenden Faktoren determiniert wurden.</strong></em></p>

<p><strong>Rache als wichtigstes Motiv für Kriegsbeginn</strong></p>

<p>Mit zahlreichen Beispielen stellte Lendon seine These vor, dass für die klassischen Griechen das höchste Motiv für einen Krieg die Rache war und dass die dazugehörigen Argumentationsmuster „eine aus den homerischen Pfaden der Überlieferung gewachsene Tradition" sei. „Die Ilias präsentierte den Trojanischen Krieg als eine Auseinandersetzung der Vergeltung, und wie wir von Herodot wissen, akzeptierten die späteren Griechen diese Diagnose", sagte Lendon. Weil der Trojanische Krieg als mythischer Beispielskrieg den Griechen immer als Orientierung diente, sei es nicht verwunderlich, dass die Rache infolgedessen das wichtigste Motiv war, um einen Krieg zu beginnen.</p>

<p><strong>Tapferkeit als römische Traditionslinie</strong></p>

<p>Die Römer der republikanischen Zeit hatten dagegen nach Lendons Darstellung in diesem Zusammenhang zwei implizit voneinander abweichende Sichtweisen. „Die erste können wir bei Caesar ausmachen, der meinte, ein Krieg müsse von Männern mit Tapferkeit geschlagen werden, um die Tapferkeit von anderen zu übertreffen." Cicero und Livius meinten dagegen, eine kriegerische Auseinandersetzung sollte von der Verteidigung der eigenen Person, der Verbündeten und der Ehre an sich geleitet sein. Beide Begründungsmuster hätten den griechischen Vergeltungsgedanken abgeworfen. Selbstverständlich spiele die Verteidigung der Ehre aber auch bei vielen attischen Rednern schon eine enorme Rolle. Lendon stellte die Hypothese auf, dass die nach Tapferkeit suchende Mentalität der Republik eine alte römische Tradition gewesen sein könne und die defensive Herangehensweise an einen Krieg - nicht zuletzt in den Augen vieler Römer - ein Resultat des griechischen Einflusses gewesen sein mag.</p>

<p><strong>Auch wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen im römischen Kriegsdenken</strong></p>

<p>Zu Beginn des römischen Imperiums sei noch ein neues Leitmotiv zur den nach Tapferkeit suchenden und defensiven Argumentationsmustern hinzugekommen: Besonders bei griechischen Autoren der Kaiserzeit gebe es eine Gegnerschaft zu weiteren römische Expansionen, da diese in einer finanziellen Kosten-Nutzen-Analyse kritisch dargestellt wurden. So werde kommuniziert, Britannien würde mehr kosten, wenn man es halte, als es an Einnahmen überhaupt einbringen könne. „Die Herkunft dieses Gedankengangs, so angewandt in der Außenpolitik, liegt im Dunkeln. Er spielt weder in der griechischen noch in der vorherigen römischen Tradition eine Rolle", betonte Lendon. Diese Form der Außenpolitik habe eher mit dem Denken von Händlern und Schiffskapitänen zu tun, die eine der Quellen des griechischen Wissens über Geographie waren. Bei der Beherrschung von Ländern und kriegerischen Auseinandersetzungen spielten somit immer wieder unterschiedliche Rechtfertigungsstrategien eine Rolle, die sich die Akteure je nach Bedarf durch den Rückgriff auf variable Kriegsdiskurse zusammenstellen konnten.</p>

<p><strong>Vergleich zwischen Städten und Regionen</strong></p>

<p>Abschließend fügte Lendon hinzu, dass im Laufe der Römischen Weltherrschaft eine spezifische Sichtweise auf die Landschaft, die in der rhetorischen Theorie gründete und über Generationen hinweg durch die rhetorische Ausbildung der griechisch-römischen Eliten tradiert wurde, einen zunehmenden Einfluss auf das römische Denken über Krieg und Außenpolitik ausübte. Die Schule der Rhetorik verlangte von ihren Schülern, Orte nach ihrer vergleichenden „Superlativität" in Rangstufen zu gliedern, d.h. zu vergleichen, was in einem Land oder in einer Stadt in Relation zu anderen Ländern oder Städten außergewöhnlich war. Geographen beschreiben Dinge dann ausführlich, wenn sie im Vergleich zu anderen gleichen Typs bemerkenswert scheinen, und Orte werden danach gemessen, wie viel Außergewöhnliches sie vorzuweisen haben. Vor allem Städte werden in Blick auf ihre Geschichte, ihre Bauten, ihre Feste, ihre öffentlichen Gebäude, ihre Bevölkerung, ihren Reichtum, ihre Örtlichkeiten, die Sitten ihrer Einwohner und die Gelehrsamkeit ihrer Intellektuellen in Konkurrenz zueinander gesetzt. Die Folgen dieses Denkens, das vor allen Dingen die nach Tapferkeit strebende Mentalität der Republik ablöste, bestand einerseits darin, die Römer weniger aggressiv zu machen (da sie bereits das meiste besaßen, das nach ihrem Verständnis einzigartig auf der Welt war), andererseits die noch verbliebene römische Aggressivität nach Osten abzulenken, der nach dem Verständnis der Redelehrer so viele Superlative mehr aufzuweisen hatte als die rhetorisch wenig prononcierten Einöden nördlich der Grenzen des Imperiums. </p>

<p><strong>Historischer Wandel der Kriegsrechtfertigung</strong></p>

<p>Die Gründe, in einen Krieg zu ziehen, haben also eine Geschichte. Sie waren im Verlauf der klassischen Antike historischem Wandel unterworfen, wobei kulturelle Erklärungs- und Rechtfertigungsmodelle einander ablösten. Die treibenden Faktoren dieser Geschichte sollten nicht im idiosynkratischen Erleben von Diplomatie und Krieg gesucht werden, sondern zunächst in den spezifischen Erziehungsmodellen und kulturellen Erwartungen der Entscheidungsträger, von den von Homer besessenen Griechen des 5. Jahrhunderts v. Chr. bis hin zu den rhetorisch geschulten Römern des 4. Jahrhunderts n. Chr. </p>

<p><br />
<div style="text-align: center;">- - - - -</div></p>

<p></p>

<p><strong>Zusammenfassung</strong></p>

<p><em><strong>Als Ergebnis der Sektion sind zwei Befunde festzuhalten, zum einen die grundsätzliche Alterität des antiken von unserem heutigen Gewaltbegriff. Während Gewalt in modernen westlichen Gesellschaften grundsätzlich negativ konnotiert ist, scheint der Gewaltbegriff in der Antike sehr viel bedeutungsoffener gewesen, ja Gewalt oftmals sogar „neutral" gesehen worden zu sein. Zum anderen bedingte jedoch gerade dieses flexible Verständnis von Gewalt zahlreiche komplexe Aushandelungsmechanismen, die, oftmals ritualisiert durchgeführt, es den Zeitgenossen sehr wohl auch erlaubten, Gewalthandlungen richtig einzuschätzen und darauf angemessen zu reagieren. Während in modernen westlichen Demokratien Gewalt also a priori per Gesetz definiert ist, unterlag das Gewaltverständnis antiker Menschen einem ständigen Perspektivenwechsel, der sich, für uns noch heute greifbar, in diversen Ritualen und Medien niedergeschlagen hat, die es weiter zu erforschen und kulturwissenschaftlich fruchtbar zu machen gilt.</strong></em></p>

<p><br />
<div style="text-align: right;"><strong><small><br />
(Fotos: CJ)</small></strong></div></p>
     <hr />

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            <pubDate>Thu, 30 Dec 2010 11:00:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Grenzen des Rechts und der individuellen Freiheit im Nationalstaat</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Bericht zum Panel „An den Grenzen des Nationalstaates. Staatsbürger und Staatenlose zwischen Heimatlosigkeit und Weltbürgertum"</strong></p>

<p><em>von Elena Allendörfer</em></p>

<blockquote><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/220px-Stamps_of_Germany_%28Berlin%29_1988%2C_MiNr_826.jpg"><img alt="220px-Stamps_of_Germany_(Berlin)_1988,_MiNr_826.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/220px-Stamps_of_Germany_(Berlin)_1988,_MiNr_826-thumb-150x175.jpg" width="150" height="175" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /></a></span><strong>„Der Verlust der Menschenrechte findet also nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verloren geht, sondern nur, wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür bildet, dass seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind." </strong> 

<p><small>(Foto Wikipedia: Hannah Arendt auf einer Briefmarke der Dauermarkenserie "Frauen der deutschen Geschichte", Deutsche Bundespost Berlin 1988)</small></blockquote></p>

<p><br />
Bereits zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigte sich die Philosophin <strong>Hannah Arendt</strong> (1906-1975), Verfasserin der obigen Worte und moralische Bezugsperson im Kommentar von <a href="http://www.wzb.eu/zkd/zcm/leute/gosewinkel.de.htm"><strong>Prof. Dr. Dieter Gosewinkels</strong></a> innerhalb der Sektion „An den Grenzen des Nationalstaates" mit der historischen Auswirkung von Gewalt auf die rechtliche Verfasstheit von Personen.</p><p><br />
<strong>Staatlichkeit, Staatsbürgerschaft und Staatsangehörigkeit</strong></p>

<p>Trotz allem ist dieses Phänomen nicht ausschließlich Produkt des letzten Weltkrieges, sondern von gewaltsamen Auseinandersetzungen allgemein und bedarf daher der intensiven Auseinandersetzung in Rückbezug zur Entstehung von Staatlichkeit, Staatsbürgerschaft und Staatsangehörigkeit. Dass diese Begriffe definitorisch nahe beieinander liegen und zweifelsohne Überlappungen aufweisen, scheint auf den ersten Blick natürlich. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Entstehung weitaus komplizierter, differenzierter und in stetiger Interaktion zur sich verändernden Umwelt stand und bis heute steht.</p>

<p></p>

<p><u><strong>Passend zum Thema:</strong></u><br />
<div style="text-align: center;"><object width="480" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/7Hw-SIRU7Is?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/7Hw-SIRU7Is?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="480" height="385"></embed></object></div></p>

<p><br />
<strong>Überwindung rechtsfreier Räume</strong></p>

<p>Der Verlust der Staatsangehörigkeit, wie dies seit dem Ersten Weltkrieg und im wesentlichen während der nationalsozialistischen Diktatur in erheblichem Ausmaß geschehen ist, konfrontierte die internationale Staatengemeinschaft mit einem Problem, dem sie selbst lange Zeit versucht hatte entgegenzuwirken. Insbesondere in der Frage der Bürgerpflichten, wie der Wehrpflicht, stellte sich die Frage, welchem Staat ein Bürger nun zugehörig sein sollte (Andreas Fahrmeir). Zur Überwindung der offensichtlichen rechtsfreien Räume mussten daher neue Regelungen gefunden werden. Gleichzeitig zeigte sich in der Praxis, dass Ausbürgerung und Abschiebung darüber hinaus regelmäßig durchgeführt wurden.</p>

<p><br />
<strong>Schicksal von Individuen</strong></p>

<p>Für das Individuum war die radikale Form der Exklusion einerseits Strafe in öffentlicher wie in privater Hinsicht. Im ersten Falle erscheint der Entzug, dieses uns heute vollkommen selbstverständlichen Rechts, als die drastischste Form staatlichen Zugriffs über jegliche Persönlichkeitsrechte hinweg, im zweiten steht das Schicksal von Individuen und Familien, denen nicht nur umgangssprachlich „der Boden unter den Füßen weggezogen" wurde, im Vordergrund. Daneben spielte auch die Frage der willentlichen Ausbürgerung eine besondere Rolle (Kirsten Heinsohn), in denen Personengruppen bewusst ihre nationale Herkunft negieren, um eine neue Identität anzunehmen. </p>

<p><strong>Abwendung von der eigenen Nation/Staatsangehörigkeit</strong></p>

<p>Zu ihnen gehörte auch die Deutsch-Jüdin <strong>Eva Reichmann-Jungmann</strong>, welche als Konsequenz des Holocaust die „emanzipierte" Form der Staatsangehörigkeit in der Diaspora lebte. Ihre Lebensphilosophie war dabei so national entfremdet, dass sie als Exponentin eines Kosmopolitismus gewertet werden kann, der jegliche Form von staatsbürgerlicher Zuschreibung von sich warf. Dabei war ihre selbstgewählte Enklave London sowohl als Abwehrmechanismus zu ihrer deutschen Heimat als auch zu den in Palästina neusiedelnden Juden gedacht. Sie verwies darauf, dass ein In-der-Fremde-Sein auch als positive Erfahrung gesehen werden kann und keineswegs in die Zersetzung der jüdischen Kultur führen müsse. Damit wies sie jeglichen religiösen Rigorismus, den die zionistische Bewegung postulierte, von sich. Ihrer Meinung nach müsse die jüdische Gemeinde mit ihrem besonderen Erbe verantwortungsvoll umgehen, wobei die Erfahrung der Diaspora gleichsam als Aufgabe zu verstehen sei, die nicht in absolute Ideen abgleiten dürfte. </p>

<p><strong>Neue Staatsbürgerschaftskonzepte</strong></p>

<p>In diesem Spannungsfeld zwischen „Weltbürgertum und Heimatlosigkeit" bewegte sich auch der Vortrag von <a href="http://wwwuser.gwdg.de/~bweisbr1/ruerup.html"><strong>Dr. Miriam Rürup</strong></a>, welche die Veränderlichkeit nationaler Grenzen durch die Kriege des 20. Jahrhunderts nicht nur als Einschränkung von Freiheit, sondern als Chance neuer Staatsbürgerkonzepte thematisierte. Gleichzeitig beleuchtete sie auch die Kluft zwischen Handlungsbedarf und -willigkeit von Staaten, sich mit der Problematik zu befassen, was anhand der teils schwerfälligen Verabschiedung verbindlicher völkerrechtlicher Sätze im nationalstaatlichen Rahmen zu neuerlichen Komplikationen führte. </p>

<p><strong>Konzept einer Welt-Nationen-Einheit</strong></p>

<p>Der kosmopolitische Gedanke einer neuen Weltordnung, in der nationale Barrieren zusehend obsolet werden, war schließlich Thema des letzten Vortrags von <a href="http://wwwuser.gwdg.de/~bweisbr1/kleinschmidt.html"><strong>Julia Kleinschmidt</strong></a>. Das <a href="http://www.wfm-igp.org/site/images/AboutUs_page.jpg"><strong>„World Movement for World Federal Gouvernement"</strong></a> (WMWFG) gründete sich im Zuge neuer atomarer Technologien, deren Zerstörungskraft zum Gründungszeitpunkt 1947 nur allzu präsent waren. Dem gegenüber stellten die Aktivisten des WMWFG ihr radikal pazifistisches Konzept einer Welt-Nationen-Einheit, das sich verbindlich auf die Leitlinien von Menschen- und Freiheitsrechten gründen sollte. Als Motivation dahinter dürfte die Vermeidung einer neuerlichen Hegemonialstellung eines Staates gelten, dessen Machtstreben von vorneherein begrenzt werden sollte. Gleichsam impliziert dies auch die Abschaffung staatlicher Souveränität und damit eine Relativierung der Staatsbürgerschaft. Der Gedanke einer Weltgemeinschaft, in der Grenzen keine Rolle mehr spielen sollten, galt es zu verwirklichen.</p>

<p><strong>Roma-Abschiebung als aktuelles Beispiel</strong></p>

<p>In Anbetracht der aktuellen Lage der Thematik in Bezug auf die nicht mit EU-Recht konforme Abschiebung der Roma aus Frankreich trugen die Beiträge nicht nur historisch zu einer neuerlichen Befassung mit der Frage nach Staatsangehörigkeit, -zugehörigkeit und -bürgerschaft bei. Zudem zeigte die in der Diskussion aufgeworfene Diskrepanz in der Verwendung und Bestimmung der Begrifflichkeiten, dass es sich keinesfalls um einen abgeschlossenen Forschungsgegenstand handelt,  sondern - im Gegenteil - auch in der Zukunft im Zusammenhang mit der fortschreitenden globalen Vernetzung, der asymmetrischen Kriegsführung und der Vorenthaltung von Menschenrechten in totalitären Regimen weiterhin von besonderer Bedeutung sein wird. Insofern geht es, um mit Hannah Arendt zu schließen, um <strong><em>„etwas viel Grundlegenderes als die in der Staatsbürgerschaft gesicherte Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz (...), wenn die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft, in die man hineingeboren ist, nicht mehr selbstverständlich und die Nichtzugehörigkeit zu ihr keine Sache der Wahl ist"</em></strong>, um einen politischen Aktionsrahmen, deren „Grenzen" noch nicht abgesteckt sind.</p>
     <hr />

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            <pubDate>Sun, 17 Oct 2010 11:00:46 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Spaziergang durch eine dunkle Epoche der deutschen Geschichte</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist der zentrale Erinnerungsort an die deutsche Teilung - mitten in der Bundeshauptstadt. Auf dem 1,3 Kilometer langen und 4,4 Hektar umfassenden Gelände an der Bernauer Straße befindet sich das letzte komplett erhaltene Stück eines gewaltigen Zeitzeugnisses: der Berliner Mauer.<br />
</strong></p>

<p><em>Von Christine Buch</em></p>

<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%201.JPG"><img alt="BM Foto 1.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 1-thumb-540x310.jpg" width="540" height="310" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div><div style="text-align: center;"><strong>Am 13. August 1998 wurde das nationale Denkmal für die Opfer des Mauerbaus und der deutschen Teilung von der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht. 1994 hatte die Bundesregierung hierzu einen Wettbewerb ausgelobt. Insgesamt 259 Konzepte wurden von verschiedenen Bewerbern eingereicht. 1995 entschied man sich, den Entwurf von Kohlhoff&Kohlhoff aus Stuttgart zu realisieren. Bei dem Denkmal handelt es sich um zwei massive Stahlwände, die ein 70 Meter langes original erhaltenes Stück der Grenzanlagen umschließen. Es ist im Hintergrund des Fotos zu sehen. (Fotos: Christine Buch)</strong></div>

<p><br />
Die Bernauer Straße an der Grenze zwischen den Berliner Stadtbezirken Wedding und Mitte war ein Brennpunkt der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Bau der Mauer und seine Folgen für die Bewohner der geteilten Stadt wurden hier besonders dramatisch erlebt. Die Geschichte dieser Straße zeigt exemplarisch die Auswirkungen des Mauerbaus: die Zerstörung von Stadtraum und Lebenswegen, die Trennung von Familienangehörigen und Freunden. Und sie dokumentiert die Versuche, der Diktatur durch Flucht in den Westen zu entkommen. </p>

<blockquote><strong>
Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Berliner Mauer, führte während des Historikertags durch den bereits fertiggestellten Bereich des Areals und erklärte das Konzept hinter der Ausstellung.</strong></blockquote><p><br />
<span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%202.JPG"><img alt="BM Foto 2.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 2-thumb-540x590.jpg" width="540" height="590" class="mt-image-none" style="" /></a></span><br />
In den 1990er-Jahren wurde ein Konzept entwickelt, das den Ausbau der Gedenkstätte und ihre Umgestaltung zu einer neuartigen Erinnerungslandschaft vorsieht. Dr. Axel Klausmeier erläutert den Entwurf für die Bebauung des Areals, die 2012 abgeschlossen sein soll.</p>

<p><br />
<span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%203.JPG"><img alt="BM Foto 3.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 3-thumb-100x185.jpg" width="100" height="185" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /></a></span><br />
Die Ausstellungsmacher streben keine chronologische Aufzählung der Ereignisse an, sondern erläutern durch sogenannte Ereignismarken (im Foto am Boden zu sehen) die betreffenden Geschehnisse direkt am Ort. 140 solcher Marken wird es geben, wenn das Gelände fertiggestellt ist.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%204.JPG"><img alt="BM Foto 4.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 4-thumb-100x93.jpg" width="100" height="93" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 20px 20px;" /></a></span><br />
Teil der Ausstellungsstrategie ist es, die verlorengegangenen Relikte durch moderne Nachzeichnungen aus Cortenstahl wieder sichtbar zu machen. Ziel soll sein, dem Besucher eine Gesamtsituation zu präsentieren, bei der auf den ersten Blick zwischen Original und Rekonstruktion unterschieden werden kann. Im Foto ist eine solche Cortenstahl-Rekonstruktion zu sehen, die sich im hinteren Teil mit der „echten" Mauer verbindet.</p>

<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%205.JPG"><img alt="BM Foto 5.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 5-thumb-540x375.jpg" width="540" height="375" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div>
Rund 230 Berliner Straßen waren zwischen 1961 und 1989 durch die Mauer geteilt. Die Bergstraße verläuft mitten durch das Gelände der Gedenkstätte. Sie ist der einzige noch immer geteilte Weg.

<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%206.JPG"><img alt="BM Foto 6.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 6-thumb-540x443.jpg" width="540" height="443" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div>Sogenannte „Archäologische Fenster" machen auch ältere Schichten der Grenzanlagen sichtbar, die heute unter dem Erdreich verborgen sind.

<p> </p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%207.JPG"><img alt="BM Foto 7.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 7-thumb-100x133.jpg" width="100" height="133" class="mt-image-left" style="float: left; margin: 0 20px 20px 0;" /></a></span>Verschiedene Themenstationen zu Mauer und Grenzstreifen verdeutlichen den sich im stetigen Wandel befindlichen Ausbauprozess der Grenzanlagen anhand von Videos, Hörspielen, Fotos und Textdokumenten. Daneben werden Reaktionen von Zeitzeugen auf beiden Seiten der Mauer präsentiert und der Verlauf einiger Fluchtversuche erklärt.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%208.JPG"><img alt="BM Foto 8.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 8-thumb-100x115.jpg" width="100" height="115" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 20px 20px;" /></a></span><br />
Dr. Axel Klausmeier  erklärt das „Fenster des Gedenkens". Eine Sprachstation liest die Namen jedes der 136 Opfer, die zwischen 1961 und 1989 an der Mauer in Berlin starben, vor.</p>

<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM%20Foto%209.JPG"><img alt="BM Foto 9.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/BM Foto 9-thumb-540x428.jpg" width="540" height="428" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div>Das Fenster selbst gibt den Opfern ihre Individualität wieder, die ihnen im Tod vom Grenzregime genommen wurde: hier werden ihre Bilder gezeigt und ihre Namen genannt.

<p><br />
<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Tine" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Christine_Buch_60.jpg" class="mt-image-left" width="41" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div></p>

<p><em><small>(Redaktion: CJ)</small></em></p>
     <hr />

<a href="http://www.scienceblogs.de/redirect.php?7424,http%3A%2F%2Fwww.scienceblogs.de%2Fwerbung.php" target="_blank"><img src="http://www.scienceblogs.de/rssadds/Banner_Kauf_mich_468.gif" border="0" alt="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " title="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " /></a>


   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/spaziergang-durch-eine-dunkle-epoche-der-deutschen-geschichte.php</link>
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            <pubDate>Sat, 16 Oct 2010 11:00:58 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Grenzräume. Dimensionen der Berliner Mauer (1961-2010)</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Wenn sich der 48. Deutsche Historikertag unter dem Motto „Grenzen" präsentiert und zudem in eben jener Stadt abgehalten wird, die wie keine andere geprägt ist vom Schicksal ihrer jahrzehntelangen Trennung, dann darf ein Thema natürlich nicht fehlen: die Berliner Mauer.</strong></p>

<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Mauer%20Foto%202.JPG"><img alt="Mauer Foto 2.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Mauer Foto 2-thumb-540x353.jpg" width="540" height="353" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div>

<p><br />
<em>Von Christine Buch</em></p>

<p>Ihr und ihren - räumlichen wie geistigen - Dimensionen widmete sich eine ganze Sektion des Historikertages, die passenderweise im Tagungsraum der Gedenkstätte Berliner Mauer abgehalten wurde. Die Erinnerungsstätte, die zurzeit eine erhebliche Erweiterung erfährt, verzeichnet kontinuierlich steigende Besucherzahlen. „2001 zählten wir 67.000 Besucher, im Mauerjahr 2009 waren es 371.000!", freute sich <a href="http://www.stiftung-aufarbeitung.de/die_stiftung/fach_klausmeier.php"><strong>Dr. Axel Klausmeier</strong></a>, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Berliner Mauer.<br />
</p><p>Nachdem der Soziologe und Zeithistoriker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Wilke"><strong>Dr. Manfred Wilke</strong></a> chronologisch die konkreten Ereignisse, die zum Mauerbau führten und deren Bauphasen betrafen, wiedergegeben hatte, widmete sich <a href="http://ehp.lbg.ac.at/node/290"><strong>Prof. Dr. Thomas Lindenberger</strong></a> (Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien) in seinem  Vortrag „Die Wechselwirkung von Grenzregime und Gesellschaftskonstruktion im SED-Staat" den politisch-ideologischen Hintergründen. </p>

<p><strong>Scheitern oder Etappensieg?</strong></p>

<p>„Die Berliner Mauer war die verräumlichte Grenze des Bolschewismus", so Lindenberger. Doch die Bewertung des Baus auf geistiger Ebene sei durchaus ambivalent zu betrachten.  Auf westlicher Seite sei der Mauerbau als letzte Lösung zum Machterhalt - und somit als Eingeständnis des Scheiterns der DDR aufgefasst worden. Dies stünde im krassen Missverhältnis zur Bewertung aus Sicht des sozialistischen Nachbarstaates, der die Errichtung der Mauer als Etappensieg feierte. Allein dieses Beispiel lasse bereits auf die Komplexität des Themas schließen.</p>

<p><strong>Unsichtbare Grenzen in der DDR-Diktatur</strong></p>

<p>So gehörte die „unsichtbare Grenze" zum DDR-Alltagswissen der Bürger und beeinträchtigte diese in gewissem Maße mehr, als die Mauer selbst es tat. Natürlich konnte man Vögel im Wald beobachten. Aber die Verseuchung des observierten Lebensraumes durch die ansässige Industrie melden? Jedem Bürger der DDR-Diktatur sei klar gewesen, dass man so etwas nicht tat. Kritik am Regime zu üben kam einem Überschreiten jener unsichtbaren Grenze gleich. </p>

<p>Neue Forschungen decken laut Lindenberger nun immer mehr auf, dass das System gerade auf unterster Ebene immense Unterstützung erhielt: dies zeige sich besonders deutlich in den zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, die fast jeder DDR-Bürger übernahm. Zwar müsse man diese Feststellung differenziert betrachten: die ehrenamtlichen Tätigkeiten ließen nicht zwangsläufig auf ein bedingungsloses Einverständnis der betreffenden Person mit dem politischen System schließen. „Viele wollten in den gegebenen Strukturen einfach das Beste für sich herausholen", so Lindenberger. Dennoch stützte sich der SED-Staat, der eine „Diktatur der Grenzen" gewesen sei, insbesondere auf jene Art der Beihilfe aus der Bevölkerung. </p>

<p><strong>Leben im Sozialismus</strong></p>

<p>Der Rolle der Bürger im Wirken des sozialistischen Staates widmete sich auch <a href="http://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?inhalt=autoren_detail&autor_id=410"><strong>Dr. Gerhard Sälter</strong></a> von der Gedenkstätte Berliner Mauer in seinem Vortrag über die „Fluchtverhinderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe". </p>

<p>„Fluchtbekämpfung war im SED-Staat immer Thema. Jedoch wurde die Verhinderung von Flucht paradoxerweise nach dem Mauerbau zunehmend wichtiger", so der Historiker. Um keine unnötigen negativen Schlagzeilen zu provozieren habe das Interesse der DDR-Regierung seit dem Bau der Berliner Mauer nicht mehr dem Abbrechen der Fluchtversuche gegolten, sondern deren Ersticken im Keim. „Die Wandlung im Sicherheitsgesetz vollzog sich unter der daraus resultierenden simplen Überlegung: Alle müssen bewacht werden", sagte Sälter. Eine Einbeziehung der Verwaltung und sogar der Bevölkerung erschien unerlässlich. Ziel sei es gewesen, die Flüchtlinge bereits lange vor der Grenze abzufangen, die Maßnahmen zur Verhinderung der Fluchtbewegungen hätten dadurch eine Ausdehnung auf die gesamte DDR erfahren. Um Unterstützung aus der Bevölkerung zu beanspruchen sei ein regelrechtes Feindbild aufgebaut worden: „Der Republikflüchtling ist asozial, ein Verräter und Verbrecher", sei den DDR-Bürgern permanent eingebläut worden.</p>

<p>Eine besonders absurde Entwicklung in der Sicherheitspolitik der DDR stellten die Grenzhelferdörfer an der innerdeutschen Grenze dar: „Die Bewohner der Dörfer gestalteten ganze Landschaften um. Sie banden ihre Leitern an, damit diese niemandem als Fluchtwerkzeug dienen konnten. In keinem der Grenzhelferdörfer waren die Hecken oder Blumenbeete höher als vielleicht 30 cm", betonte Sälter. Die Bemühungen des DDR-Regimes, immer mehr Menschen in die Fluchtverhinderung mit einzubeziehen, zeigten laut dem Historiker ihre Wirkung: „Rund 80 Prozent der ‚Republikflüchtigen' konnten bereits vor Erreichen der eigentlichen Grenze verhaftet werden."</p>

<p><strong>Mauer als Fiktion</strong></p>

<p><a href="http://www.tu-cottbus.de/fakultaet2/de/denkmalpflege/lehrstuhl/lehrstuhlinhaber.html"><strong>Prof. Dr. Leo Schmidt</strong></a> (Universität Cottbus) unterstrich in seinem Beitrag „Die Berliner Mauer als globale Ikone: vom Bauwerk zum lieu de mémoire" abschließend ebenfalls die Vielschichtigkeit der sowohl aus Stein gebauten als auch imaginären, aus Fiktion entstandenen Mauer. Für die DDR-Bürger habe das Brandenburger Tor die Visualisierung der Mauer dargestellt. Es sei als ein bewusster Ersatz gewählt und propagiert worden. Den real existierenden Wall abzufotografieren und zu zeigen war verboten. „Daher haben wir auch heute nur Computerrekonstruktionen davon, wie die Maueranlage von Osten eigentlich aussah", so Schmidt. Im Westen hingegen habe man die Mauer als Spiegel der eigenen Gesellschaft benutzt und bemalte sie - meist bunt und grell. Nur selten sah man hier Kritik an der DDR visualisiert.</p>

<p>Das „Bauwerk Mauer" lasse sich laut Schmidt in vier Entwicklungsphasen unterteilen. 1961 sei die „erste" Mauer, nur 8 bis 10 Kilometer lang, zunächst für die Medien erbaut worden. „Und das sehr schnell und schlampig", so der Kunsthistoriker. „Sie stellte eine temporäre Drohgebärde dar."</p>

<p>Eine funktionale Plattenwand wurde dann in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre errichtet. „1970/71 dann, als die DDR um internationale Anerkennung rang, wurde die Mauer regelrecht peinlich. Man wollte keine hässliche Grenze mehr und versuchte diese zu verharmlosen", sagte Schmidt. „Die glatte und bunt bemalte Mauer, so wie wir sie in Erinnerung haben, stammt erst aus dem Jahr 1975."</p>

<p><br />
<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Tine" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Christine_Buch_60.jpg" class="mt-image-left" width="41" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div></p>

<p><em><small>(Redaktion: CJ)</small></em><br />
</p>
     <hr />

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   ]]></description>
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            <pubDate>Fri, 15 Oct 2010 11:00:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Zionismus: der bessere Nationalismus?</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Der Zionismus kann als eine Spielart des Nationalismus verstanden werden, der die Eigenschaft hat, nicht national zu sein. Dieses scheinbare Paradoxon verfliegt, wenn man bedenkt, dass geographische, politische und kulturelle Grenzen sich im Zusammenhang mit diesem Begriff unmöglich ziehen lassen. Der Zionismus ist eine Ideologie, die in vielerlei Hinsicht Grenzen überwand, im gleichen Zuge aber auch die Vertreter dieser Ideologie vor die Herausforderung stellte, die Definition des Zionismus möglichst präzise zu halten. </strong></p>

<p><em>Von Christina Thenuwara</em></p>

<p><br />
<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/zeittaucher/05.jpg"><img alt="05.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/zeittaucher/05-thumb-400x300.jpg" width="400" height="300" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div><div style="text-align: center;"><strong><small>Chanukkaleuchter. (Foto: chrisandre / pixelio.de)</small></strong></div></p>

<p><br />
<strong>Wie und ob diese Gratwanderung insbesondere in Bezug auf den deutschen Raum gelungen ist, wurde in der Sektion „Nationalismus, Internationalismus und Transnationalismus im deutschsprachigen Zionismus" auf dem Historikertag analysiert.</strong></p><p><strong>Deutscher Nationalismus und Zionismus</strong></p>

<p>Wie Grenzüberwindung in diesem Zusammenhang funktionierte, demonstrierte <a href="http://www.clio-online.de/forscherinnen=8232"><strong>Dr. Stefan Vogt</strong></a> in seinem Vortrag „Zionismus und Weltpolitik". Er zeigte auf, in welchem komplexen Verhältnis der Zionismus und der deutsche Nationalismus um 1900 standen, welch eine immense gegenseitige Prägung sie hingegen aber auch erfahren haben. Das Verhältnis dieser beiden Bewegungen wurde nicht nur von Differenzen bestimmt, im Gegenteil, es war gekennzeichnet durch eine rege Interaktion des deutschsprachigen Zionismus mit der nationalistischen Bewegung in Deutschland. Ebenso wie Zionisten deutsche Kolonisationspraktiken übernahmen, so bediente sich das Deutsche Reich mit seinen imperialistischen und kolonialistischen Tendenzen zentraler Konzepte des zionistischen Projekts, wie zum Beispiel „Sozialreform" und „Entwicklung".</p>

<p><strong>Jüdische Bürger stellten sich in den Dienst der Nation</strong></p>

<p>Über das problematische Verhältnis des deutschen Judentums zum Ersten Weltkrieg referierte Ulrich Sieg von der Universität Marburg. Zu Beginn des Krieges habe eine starke Identifikation der jüdischen Bevölkerung mit dem Vaterland vorgeherrscht. Die deutschen Juden waren von der Unschuld der politischen Führung überzeugt, die jüdischen Intellektuellen stellten sich in den Dienst der deutschen Nation. Dieses Bekenntnis zu Deutschland wurde durch den Druck der öffentlichen Meinung, insbesondere im Zusammenhang mit der Judenzählung 1916, jedoch auf die Probe gestellt. Die Angst, der Nationalismus könne sich gegen die Juden richten, schaffte eine jüdische Binnensolidarität, die den Streit um die Meinungsführerschaft zwischen den Zionisten und dem liberalen Judentum bändigte, allerdings nicht zum Erliegen brachte.</p>

<p><strong>Zionisten und ihre Bewegung</strong></p>

<p>Der zweite Teil der Sektion beschäftigte sich mit Porträts von Zionisten sowie deren Auseinandersetzung mit der zionistischen Bewegung. <a href="http://www.dubnow.de/Lutz-Fiedler.351.0.html"><strong>Lutz Fiedler</strong></a> referierte über den jüdischen Historiker Hans Kohn, seine Nationalismusforschung und sein zionistisches Selbstverständnis. Fiedler untersuchte letzteres von dem Hintergrund von Kohns Herkunft aus Prag, die seinem Denken einen transnationalen und universalistischen Zug gab. Kohn plädierte für die Ablösung des Nationalismusbegriffs von territorialen Vorstellungen und neutralisierte damit den erdverwurzelten Nationalismus. Für ihn stellte der binationale Staat, in dem der Staat an sich vom Begriff der Nation getrennt war, eine Zukunftsvision dar. Das britische Kolonialreich verstand er als interessantes Experiment in diese Richtung, ebenso beeindruckte ihn die Lösung des Nationalitätenproblems in der Sowjetunion. In den USA sah der Historiker schließlich das Land der Zukunft verwirklicht. Der US-amerikanische Nationalismus basierte nicht auf der US-amerikanischen Geschichte. Die Vereinigten Staaten stellten die Heimat von Bürgern verschiedener Herkunft dar. Diese Bürger würden sich laut Kohn nicht durch Assimilation oder die Dominanz der amerikanischen Kultur und Sprache auszeichnen, sondern durch die Bereitschaft, sich selbst zu entwurzeln.</p>

<p><strong>Akkulturation und Assimilation</strong></p>

<p>Auch der nachfolgende Vortrag <a href="http://bucerius.haifa.ac.il/michaele.html"><strong>Michael Enderleins</strong></a> behandelte die Person Hans Kohns und zeigte auf, wie dessen universalistisches Konzept, die junge Generation der jüdischen Intelligenz geprägt hat. Letztere verstand sich im Gegensatz zu der Elterngeneration als antimodern und antikapitalistisch, war neoromantisch und rückwärtsgewandt. Die jungen Intellektuellen äußerten Kultur- und Fortschrittskritik und beklagten darüber hinaus die Selbsttäuschung und Lebenstugend ihrer Eltern. Deren Bemühung um Akkulturation sei sinnlos und die Assimilation nicht möglich.<br />
Man begab sich auf die Suche nach einer kollektiven Identität und Einigkeit, um das Leben in der Diaspora zu überwinden. Man legte diesem Streben Kohns universalistisches Konzept zugrunde und pochte auf eine diesseitige Erlösung, auf eine innerweltliche politische Handlung. Das Judentum habe eine leidvolle Geschichte und Gegenwart erfahren, es lebte in der Diaspora wie eine zerrissene und verloren Herde. Eine Erlösung sah man im messianischen Reich, das gegenwärtige Hoffnungen auch gegenwärtig wahr werden lassen sollte.</p>

<p><strong>Der Zionismus und die Bedrohung des Nationalsozialismus</strong></p>

<p>Die Sektion schloss mit einem Vortrag von <a href="http://www.sussex.ac.uk/cgjs/profile182563.html"><strong>Prof. Dr. Christian Wiese</strong></a> über Robert Weltschs Deutung des Zionismus angesichts der Bedrohung der Juden durch das national-sozialistische Deutschland. Anfang der 1930er-Jahre glaubte der Journalist noch an die Möglichkeit eines Dialogs mit den Nazis. Er versuchte den Juden, die ab 1933 zunehmend Verfolgung und Terror ausgesetzt waren, Mut zuzusprechen. Er forderte sie auf, den Judenstern nicht als Stigmatisierung, sondern als Ehrenabzeichen zu verstehen.  Dass die Assimilation in den 1920er-Jahren gescheitert war, erklärte er mit der gerechtfertigten Wahrnehmung der Juden als Fremdkörper - es gebe eine jüdische Sonderart, zu der die Juden würdevoll stehen müssten. Für diese Stellungnahmen wurde Welsch nicht zuletzt massiver Kritik von Hanna Ahrendt ausgesetzt. Sie warf ihm ein Einverständnis mit der deutschen Politik und eine Mitverantwortung vor. Er distanzierte sich später von solchen Äußerungen. </p>

<p>Weltsch wurde sich bewusst darüber, dass der Nationalismus als schöpferisch geistige, aber auch als zerstörerische Macht fungieren konnte. Daher warnte er vor einer zu schnellen Massenimmigration der Juden nach Palästina. Er gehörte innerhalb der zionistischen Bewegung der Strömung an, die eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern in Palästina forderten. Der Journalist sprach sich dafür aus, dass die Juden Palästina als moralisch legitimierte Gemeinschaft betreten und die Rechte der Araber wahren sollten. Den Nationalismus der Nationalsozialisten, der nicht nur einen ethnisch-partikularistischen, sondern auch einen zerstörerischen Charakter hatte, sah er als Negativbeispiel. Seine zentrale Schlagwörter waren ebenso wie die Kohns Transnationalismus und Universalismus - kurz: Grenzüberwindung.</p>

<p><strong>Zusammenfassung</strong></p>

<p>Auch wenn der Zionismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der bessere Nationalismus gegenüber der Nationalstaatsideen der mittel- und osteuropäischen Moderne erschienen sein mag, so scheiterten die universellen Versöhnungsutopien doch an der Realität dieser Zeit. Das Dilemma lag in der Verschärfung der deutschen Bedrohung und dem Bewusstsein, dass Palästina keine Masseneinwanderung vertragen konnte. Welsch fürchtete - wie der Lauf der Geschichte  lehrte - nicht unberechtigter Weise bei der Ausrufung eines jüdischen Staates einen Krieg, den entweder die Juden verlieren würden oder die mit der völligen Vertreibung der Palästinenser enden könnte.</p>

<p><br />
<strong><small>(Redaktion: CJ)</small></strong></p>
     <hr />

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            <pubDate>Fri, 15 Oct 2010 09:00:06 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Forschung schreitet fort. Über die Gemeinsamkeiten von Klöppelkursen, „Grenzland-Tourismus&quot; und 9/11</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Zum Thema „Innerdeutsche Grenze" ist besonders in den vergangenen Jahren intensiv geforscht worden. Es handelt sich um einen hochemotionalen Forschungsgegenstand - behaftet mit einer Fülle von Leiderfahrungen, die bis in die heutige Zeit Nachwirkungen zeigen. Umso wichtiger erscheint die Notwendigkeit, eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung zu leisten. Auch um den über 1.000 Todesopfern, die die deutsch-deutsche Grenze forderte, gerecht zu werden. Daher erstaunt es weniger, dass die Grenze als Gegenstand und Konstruktion verstärkte Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft erfuhr.</strong></p>

<p><em>Von Christine Buch</em></p>

<p><br />
<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto%201.JPG"><img alt="Foto 1.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto 1-thumb-540x405.jpg" width="540" height="405" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div><div style="text-align: center;"><strong><small><br />
Die Sektion zur „innerdeutschen Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur" zog am 30. September 2010 viele Interessierte an. Die Leitung übernahm Carl-Hans Hauptmeyer, Historiker an der Universität Hannover.</small></strong></div></p>

<p><br />
<blockquote><strong>„Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt." </strong><br />
Georg Simmel, Soziologie des Raumes</blockquote><br />
</p><p><br />
<strong>Grenze als Erfahrung und Konstruktion</strong></p>

<p>Bereits im Juni 2010 widmete sich eine Tagung in Hannover dem Thema „Grenze: Konstruktion, Realität, Narrative." Auch die schweizerischen Geschichtstage fanden 2010 unter dem Motto „Grenzen" statt. In den letzten Jahren seien überhaupt viele Sammelbände erschienen, so <a href="http://www.hist.uni-hannover.de/lehrende/schmiechen-ackermann/"><strong>Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann</strong></a> vom Historischen Seminar der Universität Hannover, der in seinem Vortrag „Teilung - Gewalt - Durchlässigkeit. Die innerdeutsche Grenze 1945-1989 als Thema und Problem der Zeitgeschichte" einen detaillierten Forschungsüberblick gab. „Die Forschung schreitet fort", brachte es Schmiechen-Ackermann auf den Punkt. Die Grenze als Erfahrung und Konstruktion rücke dabei in den Untersuchungsschwerpunkt, die räumlichen Aspekte seien hingegen bereits hinreichend bearbeitet. </p>

<p><strong>Normales Forschungsthema</strong></p>

<p>Während in den 1990er-Jahren ein regelrechter Boom der DDR-Forschung zu beobachten war, habe sich das Thema mittlerweile „relativiert" - heute handele es sich um einen Forschungsdiskurs unter vielen anderen. 1993, nur vier Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks und der Öffnung der bis dahin unzugänglichen Archive habe es fast 800 Projekte zum Thema DDR-Forschung gegeben. Im Jahr 2000 seien bereits weit über 2000 Publikationen zum Forschungsgegenstand veröffentlicht worden. „Im kollektiven Gedächtnis sind Innerdeutsche Grenze und DDR ausgesprochen präsent", so der Historiker. Jedoch fehle bis heute eine Gesamtübersicht der bislang eher partiell betriebenen Untersuchungen. </p>

<p><strong>Geschichte durch Klöppeln</strong></p>

<p>Unter dem Titel <a href="http://www.grenzdenkmaeler.de/index.php?id=11"><strong>„Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn - Ort der Erinnerung und der Begegnung"</strong></a> berichtete <a href="http://www.clio-online.de/forscherinnen=3433"><strong>Rainer Potratz</strong></a> anschließend von einem recht außergewöhnlichen Projekt zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Teilung. „Was klöppelst denn du?" heißt das einwöchige Klöppelseminar mit Wettbewerb und Preisverleihung für ältere Damen, das bereits zum zehnten Mal erfolgreich stattfand. „Es geht uns nicht um Versöhnungsgespräche zwischen Tätern und Opfern, sondern um Zusammenführung und Austausch der unterschiedlichen Lebenserfahrungen", so Potratz. Auch die persönlichen Lebensleistungen der DDR-Bürger sollten seiner Meinung nach gewürdigt werden. „Ich habe mit vielen Ostdeutschen gesprochen, die es sehr persönlich nehmen, dass an ihr Leben nur als ‚falsches Leben' erinnert wird. Ihnen wird dadurch ein Teil ihrer Identität genommen!"</p>

<p>Das größte noch erhaltene Denkmal an der innerdeutschen Grenze, die Gedenkstätte Marienborn, solle mahnen und erinnern, so Potratz. Sie stehe exemplarisch für die gesamte deutsch-deutsche Teilung, alle übrigen Grenzübergänge waren bereits abgerissen oder aber zählten nicht zu den wichtigeren Kontrollpunkten, als man Marienborn rettete und zu einer Gedenkstätte umwandelte. Man will hier in erster Linie Fremdbilder abbauen. Und so können bei einem Besuch der Gedenkstätte Marienborn nicht nur ältere Damen gemeinsam klöppeln, sondern ebenso Jugendliche in intensive Gespräche mit Zeitzeugen über die Vergangenheit treten.</p>

<p><strong>Flohmarktfund wird zum Museumsstück</strong></p>

<p>Eine überaus interessante Quelle präsentierte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Schwark"><strong>Dr. Thomas Schwark</strong></a>, Direktor des Historischen Museums Hannover, der unter dem Titel „Man sieht nur, was man weiß... Strategien der Vermittlung von ‚Grenzbildern' in Geschichtsmuseen" über Fotografien in Ausstellungen sprach. Als Anschauungsobjekt diente ihm ein gestaltetes Fotoalbum, ein Flohmarktfund, der sich als regelrechter Schatz entpuppte. Die enthaltenen Fotos sind mit Kommentaren versehen und dokumentieren die Einrichtung der Grenzübergangsstelle Salzwedel sowie deren Inspektion. „Durch die Auswahl der gezeigten Fotografien, deren Anordnung  und die Beschriftung derselben wird die Erinnerung an das Ereignis strukturiert und gesteuert. Das Fotoalbum ist konstruiert und wird zu einem eigenen Museumsstück", so Schwark.</p>

<p>Der Quellenwert von Bildern im Kontext historischer Forschungen sei zwar schon länger bekannt, erfahre aber nun eine wesentliche Erweiterung. Die Schwierigkeit bestehe laut Schwark darin, dass Fotografien vermeintlich objektiv seien, in Wirklichkeit jedoch als Sachquelle viel differenzierter betrachtet werden müssten. „In einer Museumsaustellung sollte es auch Aufgabe sein, neben ästhetischen Aspekten und einer differenzierten Bildanalyse andere Punkte mit einzubeziehen. Beispielsweise Autorenabsichten, ob es sich um eine nachbearbeitete Fotografie und damit eine Fälschung handelt, oder ob das Foto zu Propagandazwecken aufgenommen wurde." Nur so könne sich die Bedeutungsvielfalt für den Museumsbesucher erschließen.</p>

<p><br />
<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto%202.JPG"><img alt="Foto 2.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto 2-thumb-540x449.jpg" width="540" height="449" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div><div style="text-align: center;"><strong><small><br />
Ines Meyerhoff (Hannover) zu „Die fotografierte Grenze - Fotografie über Grenzen?"</small></strong></div></p>

<p><br />
Zum Thema „Die fotografierte Grenze - Fotografie über Grenzen?" referierte anschließend <a href="http://www.hannover.de/initiative-wissenschaft-hannover/nowi/nowi2010/programm/101112/nowi_101112_grenzbilder_ddr.html"><strong>Ines Meyerhoff</strong></a> (Hannover). „Der ungebrochene Glaube an die Objektivität des Bildes war lange Zeit vorherrschend und wird erst seit kurzem systematisch in Frage gestellt", so die Kulturwissenschaftlerin. „Das" Grenzbild an sich gebe es natürlich nicht und habe es auch nie gegeben. Immer müsse in die Deutung mit einfließen, wie der Betrachter emotional zum Gezeigten stünde. Im Fall der innerdeutschen Grenze und insbesondere der Berliner Mauer seien verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. So zum Beispiel das von der DDR verhängte Fotografierverbot der Grenzanlagen. </p>

<p><strong>Visualisierung der Andersartigkeit</strong></p>

<p>In der Bundesrepublik hingegen zielten frühe veröffentlichte Bilder darauf ab, die Zusammengehörigkeit der beiden Staatsgebilde zu verdeutlichen. Dies habe aber paradoxerweise gerade zur Visualisierung der Andersartigkeit geführt, so Meyerhoff. In den 1970er-Jahren sei dann durch umfassende Aufklärungsarbeit eine Entspannungspolitik betrieben worden. Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen habe damals Broschüren herausgegeben und der „Grenzland-Tourismus" sei mit Führungen am Grenzbereich stark ausgebaut worden. Die gezielte Einsetzung verschiedener Bildmetaphoriken habe aber immer darauf abgezielt, eine bestimmte öffentliche Meinung zu generieren. </p>

<p><strong>Macht der Bilder und Bilder als Waffe</strong></p>

<p>Im weiteren Verlauf der Veranstaltung analysierte <a href="http://www.uni-jena.de/FiF_Wagner.html"><strong>Dr. Hedwig Wagner</strong></a>, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien an der Universität Jena, „Die Narrativisierung Berlins durch Berliner Mauerfilme" anhand zweier Beispiele: „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit - Redupers" (Helke Sander, 1977) und „Der geteilte Himmel" (Konrad Wolf, 1964), bevor <a href="http://www.hdg.de/bonn/ausstellungen/"><strong>Dr. Jürgen Reiche</strong></a> (Ausstellungsdirektor Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn) einen abschließenden Kommentar zur „Wirklichkeit hinter den Bildern", ihrer Macht und dem Umgang mit ihnen gab. </p>

<p>Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums sicherte sich der Referent gleich zu Beginn seines Vortrages indem er ein Foto präsentierte, das gänzlich aus der Reihe der schier unzähligen Aufnahmen fällt, die der Öffentlichkeit seit den Terroranschlägen im Jahr 2001 von den Medien präsentiert werden. Thomas Hoepker schoss das Foto am Nachmittag des 11. September 2001 und war sich der brisanten Wirkung durchaus bewusst. Erst 2004 veröffentlichte er die Aufnahme - und  löste einen Sturm der Empörung aus. Ein gelungenes Beispiel dafür, findet Reiche, dass Bilder unbewusst ständig subjektiv bewertet würden. </p>

<p><br />
<div style="text-align: center;"><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto%203.JPG"><img alt="Foto 3.JPG" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Foto 3-thumb-540x455.jpg" width="540" height="455" class="mt-image-none" style="" /></a></span></div><div style="text-align: center;"><strong><small>Dr. Jürgen Reiche bei seinem Vortrag. (Fotos: Christine Buch)</small></strong></div></p>

<p><br />
In seiner These geht der Historiker noch weiter: 9/11 sei dazu inszeniert worden Bilder zu produzieren. Die genau 17 Minuten, die zwischen den beiden Anschlägen auf die Zwillingstürme verstrichen, seien allein dazu eingeplant worden, um eine Medienpräsenz vor Ort zu gewährleisten, die dann live den zweiten Anschlag mitverfolgen konnte. Allein durch diese Tatsache haben die vielen Aufnahmen überhaupt erst entstehen können, so Reiche. </p>

<p>„Das Bild als Waffe in einer globalisierten Welt. Das ist es, was uns erwartet." Bilder und Politik gehörten untrennbar zusammen, sie seien für die Politik gar wichtiger und aussagekräftiger als Worte. „Menschen sind ‚Bild-Sammler und -Jäger' und nehmen diese ständig in sich auf. In unserer heutigen Zeit ist Bildkompetenz genauso wichtig wie Sprachkompetenz", schloss Reiche.</p>

<p></p>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Tine" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Christine_Buch_60.jpg" class="mt-image-left" width="41" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><em><small>(Redaktion: CJ)</small></em><br />
</p>
     <hr />

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   ]]></description>
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            <pubDate>Thu, 14 Oct 2010 11:00:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Ansichts-Sachen. Fremd- und Selbstwahrnehmung des „Islam&quot; in Bildmedien</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Über den Islam wird viel diskutiert in diesen Tagen. Spätestens seit Mitte August der Spiegel und die Bild-Zeitung Auszüge aus Thilo Sarrazins neuem Buch „Deutschland schafft sich ab" veröffentlichten, kocht die Debatte hoch. „Du dreckiger Muslim!" gehört heute zu den meistgebrauchten Schimpfwörtern unter Jugendlichen (Quelle: Der Spiegel, Nr. 35/2010, S.126).</strong></p>

<p><em>Von Christine Buch</em><blockquote class="right">„Du dreckiger Muslim!" gehört heute zu den meistgebrauchten Schimpfwörtern unter Jugendlichen. Welches Islambild vermitteln unsere Medien?</blockquote><p>Laut einer Umfrage, die am Freitag (1. Oktober 2010) vom Deutschlandradio ausgestrahlt wurde, sind knapp 60% der im Westen lebenden Deutschen und 75% der im Osten der Bundesrepublik Lebenden der Meinung, die Einwanderung von Türken habe zu negativen Folgen geführt. Der geplante Bau eines islamischen Zentrums in unmittelbarer Nähe des Ground Zero sorgte kürzlich auch in den USA für heftige Auseinandersetzungen - in der Schweiz war im vergangenen Jahr eine Volksabstimmung gegen Minarette erfolgreich durchgeführt worden.</p></p>

<p>In der Öffentlichkeit wird also heftig diskutiert. Vor allem über eine vermeintliche Gefährlichkeit des Islam, die sich insbesondere in der außerordentlichen Gewaltbereitschaft, die diese Religion angeblich auszeichne, zeige.<br />
</p><p><strong>Ausbildung von islamischen Religionslehrern an Universitäten</strong></p>

<p>Die politisch Verantwortlichen bemühen sich ebenso um eine gelungene Integration der knapp 40.000 Islamisten und ihres Umfeldes in Deutschland (Quelle: Verfassungsschutzbericht, zitiert in: Der Spiegel, Nr. 35/2010, S.126,). Die Universität Heidelberg und die Universität Tübingen konkurrierten zudem in den vergangenen Monaten um ein Prestige-Projekt: den Aufbau eines Instituts zur Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern, um islamischen Religionsunterricht an Schulen erteilen zu können. <a href="http://www.zeit.de/studium/hochschule/2010-10/imamausbildung-tuebingen"><strong>Der Fachbereich zur Ausbildung der Imame geht nun nach Tübingen.</strong></a></p>

<p>Die Universität Münster hat ebenfalls Interesse am Aufbau eines islamisch-theologischen Institutes bekundet. Die Hochschule bildet bereits seit 2004 als eine der wenigen Universitäten in Deutschland Lehrer für den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht aus. Im Februar 2010 wurden an deutschen Schulen schon 700.000 muslimische Schüler unterrichtet, für die nach Schätzungen zwischen 2.000 und 5.000 Lehrer benötigt werden würden. (Quelle: dpa)</p>

<blockquote class="right">Was genau denken die Deutschen über den Islam? Und wie entstand dieses Islambild, das die öffentlich geführte Diskussion so sehr prägt? </blockquote><p>Ist dies ein scheinbarer Widerspruch? Oder ein realer? Spaltet das Thema Islam die deutsche Bevölkerung? Was genau denken die Deutschen über den Islam? Und wie entstand dieses Islambild, das die öffentlich geführte Diskussion so sehr prägt? </p>

<p>Die Referenten der Sektion „Ansichts-Sachen. Fremd- und Selbstwahrnehmung des ‚Islam' in Bildmedien" untersuchten auf dem 48. Historikertag eben jene eurozentrische Sicht auf diese so fremd erscheinende Religion anhand der Bebilderung in unterschiedlichsten Medien - vom Schulbuch über populär(wissenschaftlich)e Geschichtsmagazine bis hin zu den Massenmedien. Und stellten dabei wenig Erstaunliches fest. Denn in unserer medial geprägten Welt verwundert es kaum, dass öffentliche Meinung und in Medien verbreitete Inhalte übereinstimmen. </p>

<p><a href="http://www.philhist.uni-augsburg.de/de/lehrstuehle/geschichte/didaktik/Mitarbeiter_innen/wobring1/"><strong>Dr. Michael Wobring</strong></a> (Universität Augsburg) stellte in seinem Vortrag „Unterschiedliche Sichtweisen - gemeinsame Bilder? ‚Islambilder' in europäischen Schulgeschichtsbüchern" für die visuelle Aufarbeitung des Themas Islam bereits in Schulgeschichtsbüchern erhebliche Defizite fest. Und das nicht nur für die Bundesrepublik. Er zog in seinem Forschungsbericht einen Vergleich zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien und stellte einen europäischen Trend in der Visualisierung des Islam fest. Und das in einem Medium, betonte er, welches vom Staat offiziell geprüft und gezielt zur Bildung junger Menschen eingesetzt wird - nicht selten seien unter ihnen auch Kinder islamischer Religionszugehörigkeit. </p>

<blockquote class="left">Welches Islambild wird in Geschichtsbüchern für den Schulunterricht vermittelt?</blockquote><p>Der Geschichtsdidaktiker wies ebenso darauf hin, dass die von ihm untersuchten Länder historisch bedingt unterschiedlichste Verbindungen zur islamischen Welt hätten. Deutschland habe Kontakte in erster Linie durch Immigration erlebt. Frankreichs Blick auf die Religion sei vor allem durch seinen Kolonialismus geprägt. Und Spanien sehe seine eigenen Wurzeln im mittelalterlichen Islam, der erst durch die Reconquista sein Ende fand. </p>

<p>Kapitel in Schulbüchern, die Zeitgeschichte und Islam thematisieren, zeigen laut Wobring zunehmend  Bilder, in denen Gewalt auftauche oder solche, die ursprünglich neutrale oder positive Inhalte zeigten, aber im Zusammenspiel mit Überschriften und anderen Bildelementen eine negative Konnotation erfahren würden. Die besondere Gefahr bestehe darin, dass sich die Wirkung von Bildern ungleich schwerer kontrollieren lasse als die von Texten. Auch die häufige Erwähnung von Konflikten und Krisenherden - zunehmend seit dem Jahr 2002 zu beobachten - sei problematisch. Zwar sollten tatsächliche Probleme nicht bagatellisiert oder verschwiegen werden, aber die Schulbuchredaktionen seien in der Pflicht, falsche negative Schlüsse durch Bildkommentare oder zusätzliche Inhalte aufzubrechen. Den Schülern solle eine wissenschaftliche Herangehensweise ermöglicht werden, indem zum Beispiel auf die Quelle eines Bildes hingewiesen und die damit verbundenen Probleme thematisiert werden. Die Mehrzahl der in Schulgeschichtsbüchern verwendeten Bilder seien nicht unproblematische Pressefotos.</p>

<p><strong>Illustrationen in populären Geschichtsmagazinen</strong></p>

<p><a href="http://www.philhist.uni-augsburg.de/de/lehrstuehle/geschichte/didaktik/Mitarbeiter_innen/schumann1/"><strong>Dr. Jutta Schumann</strong></a> (Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Universität Augsburg) übertrug die Bildanalyse in ihrem Vortrag „Zwischen spannender Unterhaltung und rationaler Auseinandersetzung? Populär(wissenschaftlich)e Geschichtsmagazine bebildern das Thema Islam" auf  Zeitschriftsformaten wie GEO Epoche, Damals, P.M. History und G/Geschichte, die sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit besonders beim nicht-akademischen Publikum erfreuen. </p>

<p>In ihren Untersuchungen spielen zum einen die Darstellung des Themas Islam - in direkter oder indirekter Form - auf Titelblättern eine Rolle, zum anderen die Illustration der Artikel im Heft selbst. Durch die Technik der Collage, die sich seit dem vergangenen Jahrzehnt immer mehr etabliert habe, käme es vor allem auf den Titelblättern häufig zu inhaltlichen Verbindungen, die problematisch seien, so Schumann. </p>

<blockquote class="right">Bildcollagen suggerieren häufig eine Bedrohlichkeit des Islam.</blockquote><p>Bilder seien für Geschichtsmagazine ein wesentlicher Faktor des Verkaufserfolges und können in ihrem Einfluss auf Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur der Gesellschaft kaum überschätzt werden. Die Bebilderung auf Titelblättern diene in erster Linie dazu, aus der Masse des Angebotes herauszustechen - oft seien die Collagen reißerisch gestaltet und würden auf diese Weise zu einer vom Betrachter empfundenen Bedrohlichkeit des Islam beitragen. Hierbei werden Schlachtenszenen aus dem 19. Jahrhundert mit aktuellen Bildern von islamistischen Kämpfern verknüpft. Als Bildcodes treten Turban, Krummschwert und Grün als Farbe des Islam immer wieder auf. </p>

<p>Im Heftinnern werden die Artikel zumeist von Hollywoodbildern in Hochglanz begleitet, die lediglich den eurozentrischen Blick auf den islamischen Kulturraum widerspiegeln. Daneben stehen Historienmalereien aus dem 19. Jahrhundert, die keinesfalls dem realen Bild entsprechen, sondern vielmehr mit Themen wie Exotik und der Anziehungskraft des Fremden, aber aber auch mit Rückständigkeit und der Unterdrückung der Frauen spielen. Auffällig sei hierbei, dass sich die Historienmalerei keinerlei sakraler Bildmotive bediene - das Herausstellen des religiösen Aspektes der islamischen Kultur sei ein ausgesprochen modernes Phänomen. Sachquellen im Bild entsprächen scheinbar nicht den Ansprüchen der Verlage oder wären schwieriger darzustellen, obwohl sie einen authentischeren Zugang ermöglichten, erklärte Schumann. </p>

<p><img alt="PM_History.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/PM_History.jpg" width="165" height="219" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" />Einen weiteren Schwerpunkt der Untersuchung bildete die Auswahl der gezeigten Themen: Kreuzzüge, Türkenkriege und andere gewalttätige historische Begebenheiten tauchen häufiger auf als Randthemen, wie sie vor allem P.M. History bietet (z.B. Mythen).<em><small> * Cover rechts: P.M. History 4/2008.</small></em></p>

<p>Insgesamt lasse sich feststellen, dass die Titelblätter der Geschichtsmagazine, über deren Zusammensetzung die Marketingabteilung entscheide, oft in Diskrepanz zum Inhalt der Artikel stünden. Bilder kommunizieren nun mal schneller und eindrücklicher - und überschatten nicht selten die oft sorgfältige Recherche der Autoren und die teilweise auch wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas im Artikel.</p>

<p>Zuletzt betonte Schumann, dass die populärwissenschaftliche Bearbeitung von Geschichte nicht nur einem breiten Publikum das Feld zugänglich mache, sondern ebenso dazu beitragen könne, in der etablierten Wissenschaft neue Wege zu beschreiten.</p>

<p><strong>Visuelle Bedrohungsmetaphorik in deutschen Massenmedien</strong></p>

<p><a href="http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20100327_Vita_SabineSchiffer.pdf"><strong>Dr. Sabine Schiffer</strong></a> (Institut für Medienverantwortung, Erlangen), promovierte mit dem Thema „Islamdarstellung in der deutschen Presse" und untersuchte in ihrem Vortrag „Unheimliche Gäste? Visuelle Bedrohungsmetaphorik in deutschen Massenmedien" die Ikonografie von Bedrohung im Kontext von Islambildern. </p>

<p><img alt="Focus01.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Focus01.jpg" width="170" height="216" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 9px 10px;" />„Unter dem Titel „Unheimliche Gäste" visualisierte das Wochenmagazin Focus 2004 eine Moschee und betende Muslime hinter einer Art grünem Schleier. Damit reihte es sich ein in die gängig gewordene Praxis, diverse Themen mit islamischer Symbolik zu unterlegen. Ganz konkret wird hier die angesprochene Integrationsproblematik als muslimische Frage monosemiert", so Schiffer. Im Folgenden präsentierte sie weitere Bildbeispiele, die konkrete Bedrohungsmetaphorik mit dem Islam verbinden. <em><small>* Cover rechts: Focus Nr. 48 vom 22. November 2004.</small></em></p>

<p>Eine Themenverknüpfung von Islam mit Gewalt und Unterdrückung sei laut Schiffer bereits vor dem 11. September 2001 vorhanden gewesen, habe sich aber nach den Terroranschlägen verstärkt. Insgesamt könne man feststellen, dass zur Bebilderung eines Extrems Visualisierungen einer ganzen Gruppe herangezogen würden. Als Bildcodes würden vor allem die Moschee und das Kopftuch dienen. Schiffer sprach hier von einer gefährlichen „verallgemeinernden Zuweisung", die es zu verhindern gelte. Auch sie stellte fest: „Die dazugehörigen Texte in den Medien sind viel differenzierter! Im Grunde macht die Bebilderung die Bemühungen der Journalisten kaputt."</p>

<p><img alt="Spiegel_Cover.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Spiegel_Cover.jpg" width="540" height="236" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 4px 0px 4px 0px;" /><br />
<small><em>Cover (von links nach rechts): Spiegel Nr. 52 vom 24. Dezember 2007 | Spiegel spezial Nr. 2/2003. Beispiel einer Collage. | Spiegel Nr. 13 vom 26. März 2007.</em></small></p>

<p>Zuletzt sprach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Hamann"><strong>Dr. Christoph Hamann</strong></a> vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg über „Global icons. Der Holocaust als visueller Referenzrahmen im Nahost-Konflikt". In seinem Vortrag stellte er heraus, dass Bedrohungsszenarien oft erst durch teils unterbewusste Vorkenntnisse entstehen. Viele Bilder, so Hamann, seien für sich allein genommen noch nicht bedrohlich. </p>

<p><img alt="Stern_Cover.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Stern_Cover.jpg" width="165" height="220" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" />Es lasse sich somit eine negative Entwicklung neutraler Bildmotive feststellen. Bedenklich sei, dass sich bezüglich des Islam eine Darstellungstradition der Bedrohung etabliert habe. „Bilder sind in unserer heutigen Gesellschaft Teil und Mittel postmoderner Kriegsführung! Sie dürfen in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden und sollten weiterhin Thema der Forschung sein", so Hamann abschließend. <em><small>* Cover rechts: Stern vom 11. April 2007. Die Frage „Wie gefährlich ist der Islam?" beinhaltet bereits eine dem Islam zugeschriebene Gefahr. Sie impliziert: Der Islam ist gefährlich, aber wie sehr?</small></em></p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/125-Dr.%20Christoph%20Hamann">Ansichts-Sachen. Fremd- und Selbstwahrnehmung des „Islam" in Bildmedien</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Tine" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Christine_Buch_60.jpg" class="mt-image-left" width="41" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><em><small>(Redaktion: KP/MS/CJ)</small></em><br />
</p>
     <hr />

<a href="http://www.scienceblogs.de/redirect.php?7424,http%3A%2F%2Fwww.scienceblogs.de%2Fwerbung.php" target="_blank"><img src="http://www.scienceblogs.de/rssadds/Banner_Kauf_mich_468.gif" border="0" alt="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " title="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " /></a>


   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/ansichtssachen-fremd-und-selbstwahrnehmung-des-islam-in-bildmedien.php</link>
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            <pubDate>Wed, 13 Oct 2010 14:30:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Die &quot;dunkle&quot; Seite der Europäisierung: Antiliberale Europakonzeptionen</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Eine der letzten Sektionen des 48. Historikertages in Berlin beschäftigte sich am Freitagnachmittag mit dem "dunklen" Europa - antiliberalen Konzeptionen zur Formierung einer europäischen Gemeinschaft.</strong></p>

<p><img alt="Europa_Liberal.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Europa_Liberal.jpg" width="250" height="286" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" /><em>Von Maria Neumann & Erik Swiatloch</em></p>

<p>Schon der Beginn des Panels versinnbildlichte solche Schattenseiten - in diesem Fall geschichtswissenschaftliche Schattenseiten, nämlich das mangelnde Verständnis von Technik. Die Mikrophone fielen nach wenigen Minuten aus, das an die Wand projizierte Bild war viel zu klein und die Filmmusik dröhnte aus dafür nicht vorgesehenen Laptoplautsprechern. Namensschilder für die RednerInnen des Podiums fehlten auch hier, wobei diese ohnehin bei keiner Veranstaltung vorzufinden waren, sofern die ReferentInnen nicht selbst handschriftlich ebensolche angefertigt hatten. Doch diese anfänglichen Verzögerungen und technischen Missstände sollen die gelungenen Vorträge der ReferentInnen nicht in den Schatten stellen. </p>

<p>Jeder Prozess, sei es die Konstitution einer Staatengemeinschaft oder die regelmäßige Austragung  eines wissenschaftlichen Kongresses, erleidet eben auch Rückschläge und auf dem Historikertag in Berlin waren neben diesen gewiss zahlreiche Fortschritte und innovative Ansätze und Momente zu beobachten und zu erleben. <br />
</p><p><strong>Die moderne europäische Idee </strong></p>

<p>Der Fluchtpunkt heutiger Europahistoriographie ist unsere eigene Gegenwart. Dabei knüpft die reale/realisierte Europakonzeption, welche auf der Verteidigung der Freiheitsrechte und der Verpflichtung zum Frieden aufbaut, an Ideen der Zwischenkriegszeit (Stresemann/Briand) und Pläne des nationalsozialistischen Widerstands an. Den Kern dieser Überlegungen bilden liberale Ideale und die Akzeptanz der Moderne. Sie setzen neben einem gemeinsamen Bewusstsein der europäischen Völker füreinander auch einen gemeinsamen Kanon von Werten (Würde, Freiheit, etc.), die immer wieder christliche Bezüge aufweisen, voraus.  </p>

<p>Antiliberale Entwürfe hingegen fanden in der Geschichtsschreibung bislang wenig Beachtung. Obwohl alle Vertreter dieser Sektion deutlich auf die Notwendigkeit verwiesen haben, auch diese Europaideen in die historische Analyse mit einzubeziehen. </p>

<p>Es kann nicht zielführend sein, europäische Erfahrungen und Konzepte zu ignorieren, die keine liberalen Traditionslinien verfolgen und zeitweise die Europakonzeption der Gegenwart gefährdeten. Daher müssen jene Entwicklungsstränge, die beispielsweise im vormodernen und christlich-konservativen Milieu verhaftet sind, historisch ebenfalls erklärt werden. </p>

<blockquote class="right">Haben antiliberale Europakonzeptionen die positiv konnotierte Europäisierung gefestigt?</blockquote><p>Dieter Gosewinkel, wissenschaftlicher Referent am wissenschaftlichen Zentrum Berlin, führt diese Sachlage zu der These zusammen, dass die antiliberalen Europakonzeptionen den Prozess der heute positiv konnotierten Europäisierung stärkten und noch immer fortwirken. Die daraus resultierende Doppelmöglichkeit und mit ihr einhergehende Spannung ist also weiterhin präsent.</p>

<p>Diese Annahme untersuchten die ReferentInnen im Folgenden anhand einiger Beispiele.</p>

<p>Robert Gerwarth und Stephan Malinowski von der Universität Dublin besprachen europäische  Integrationsmomente, die auf gemeinsamen Gewalt- und Kriegserfahrungen basieren. Dabei bezogen sie sich zum einen auf den Kolonialismus als eine kollektive Erfahrung mit Gewaltcharakter, zum anderen auf die Ereignisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg. </p>

<p><strong>Europa als Zusammenschluss gegen gemeinsame Feindbilder</strong></p>

<p>Charakteristisch für das Verhalten der Kolonialherrscher war die Betonung der europäischen Gemeinsamkeiten mit Rückgriff auf nationale Nuancen. Auf allen Kontinenten bildeten sich Kollektive mit anderen Europäern, nicht aber mit den Eingeborenen. Der Rassismus, der sich gegen die nativs richtete, vereinte gleichzeitig die Europäer und schwächte zudem die europäischen Binnengrenzen. Die wirtschaftlichen Erkenntnisse der Kolonialzeit wurden im Zuge der Entkolonialisierung zur humanitären Entwicklungshilfe weiterentwickelt. Außerdem wurde über Jahrhunderte Gewalt gegen Einheimische anders exekutiert als gegen die Europäer. Diese Beispiele belegen eine dunkle Variante europäischer Kooperation. Der Zusammenschluss gegen gemeinsame Feindbilder ermöglichte es Europa, wenn auch vorerst nur in der Ferne, gemeinsam zu leben. </p>

<p>Auch die beiden Weltkriege boten den Nährboden für transnationale Zusammenarbeiten in Europa. Die gemeinsam erlebte extreme Gewalterfahrung ist dabei auch als ein einendes Element zu verstehen. So setzte sich die Waffen-SS 1945 zur Hälfte aus Ausländern zusammen. Gerwarth nannte sie eine „europäischen Truppe".</p>

<blockquote class="left">Extreme Gewalterfahrungen wirken als einendes Band.</blockquote><p>Einem konkreten antiliberalen Europakonzept widmete sich im Anschluss Vanessa Conze, Assistentin an der Universität Gießen. Sie diskutierte katholische Europaideen am Beispiel der Zeitschrift „Abendland", die von 1925 bis 1933 erschien. Das Abendland stellt dabei einen katholischen Schlüsselbegriff für den Neuaufbau Europas dar und birgt nicht nur politische Zielsetzungen, sondern eine ganze Gesellschaftsordnung. Die inhaltlichen Schwerpunkte des in sich sehr heterogenen Verleger- und Autorenkreises lassen sich wie folgt zusammenfassen: Idealisierung des Mittelalters als goldenes Zeitalter, die Beschreibung der Geschichte der Neuzeit als Prozess des Niedergangs, Abkehr vom Sozialismus, Liberalismus und der Moderne, Aufruf zur Re-Christianisierung des Kontinents, Verständigung mit anderen politischen Parteien, Stilisierung des Rheinlandes (Herrschaftsgebiet Karls des Großen) zum Kerngebiet des Abendlandes, Hervorhebung der Bedeutung Mitteleuropas und die Anerkennung der Nationen als identitätsstiftende Elemente. Diese Inhalte bestimmten katholische Konzeptionen bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre, bis zu dem Zeitpunkt, als die politischen Einigungsprozesse in Europa wirklich Realität wurden. </p>

<p>Dieter Gosewinkel, Professor an der Freien Universität Berlin, wählte exemplarisch die Europakonzeptionen der französischen Rechten zwischen 1940 und 1990 für seine Ausführungen. Als Ausgangspunkt für seine Überlegungen bestimmte er die deutsch-französische Kollaboration im Zweiten Weltkrieg. Insbesondere untersuchte Gosewinkel, ob und wenn ja welche Kontinuitäten im Zeitraum der genannten 50 Jahre nachzuweisen sind. Dabei verfolgte er zwei Stränge: zum einen den technokratisch-ökonomischen, zum anderen den substantiell-politisch-ideologischen. Diese beiden Glieder waren zunächst miteinander verflochten, später löste sich die Bindung auf. Die Grundelemente für die Kooperationsbemühungen wurden im Nationalsozialismus, beispielsweise durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Schwerindustrien oder im gemeinsamen Kampf gegen den US-amerikanischen Kapitalismus und sowjetischen Bolschewismus, gelegt. </p>

<p>Auf diesen Wegen entstand auch die Idee zu einem Großwirtschaftsraum. Nach 1945 erlangten die Europaplanungen im rechten Spektrum einen neuen Höhepunkt, wobei die Unterschiede zu den liberalen Europaideen nicht von Beginn an evident waren. Die rechten Kräfte befürworteten eine soziale Gemeinschaft der Arbeiter und Produzenten, die sich auf gemeinsamen Feindbildern konstituiert. Eine generelle Verneinung der technokratischen Europapläne existierte also bis in die 1970er Jahre nicht. Erst danach setzte der Prozess gegen das, so Gosewinkel, „ökonomisch gebrandmarkte Brüssel" ein, und damit der Widerstand gegen die Europäische Union in ihrer jetzigen Ausprägung.</p>

<p><strong>Das deutsch-französische Verhältnis</strong></p>

<p><img title="briefmarke zum 25. Jahrestag des Élysée-Vertrags, Bildquelle: Wikimedia, CC-Lizenz"   alt="Briefmarke_DeGaulle_Adenauer.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Briefmarke_DeGaulle_Adenauer.jpg" width="280" height="169" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" />Abschließend beleuchtete Professor Peter Schüttler Europakonzepte, die in engem Zusammenhang mit der „deutsch-französischen Verständigung" zwischen dem Vertrag von Versailles und dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e-Vertrag">Élysée-Vertrag</a> stehen. <em><small>(* Die rechts abgebildete Briefmarke wurde von der Dt. Bundespost zum 25. Jahrestag des Élysée-Vertrags herausgegeben.)</small></em></p>

<p>Die Kontinuitäten und Widersprüche dieser Verbindung veranschaulichte er am Beispiel der Biografie Gustav Krukenbergs.  In den 1920er Jahren war Krukenberg Mitglied des Mayrisch-Komitees, das sich für den Neubeginn deutsch-französischer Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg aussprach. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Inspekteur einer SS-Division. Im Anschluss an den Krieg trat Krukenberg dem Heimkehrerverband bei, dessen Ehrenvorsitzender er wurde. Dieser Verein setzte sich intensiv für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland ein. Die Biografie Krukenbergs bezeugt die Vielfältigkeit der Europakonzepte. Neben liberalen Ideen beherrschten auch konservative oder christliche Vorstellungen die Debatten. Die Gleichzeitigkeit von Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Vergangenheit formten das Europabild der Gegenwart. Die Verschiedenheit der Pläne zur europäischen Einigung bedingte unterschiedliche, auch nicht-intendierte Effekte, die vermutlich den Erfolg der europäischen Einigung erheblich beeinflussten.</p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/95-Prof.%20Dr.%20Dieter%20Gosewinkel%20/%20Prof.%20Dr.%20Peter%20Sch%C3%B6ttler">Antiliberales Europa</a></li></ul>

<p><em>Bericht von Maria Neumann & Erik Swiatloch</em></p>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Maria Neumann studiert Geschichte und Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin.</font></td><td style="width: 39px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Maria Neumann" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Maria_Neumann_60.jpg" class="mt-image-left" width="39" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS)</em></small><br />
</p>
     <hr />

<a href="http://www.scienceblogs.de/redirect.php?7424,http%3A%2F%2Fwww.scienceblogs.de%2Fwerbung.php" target="_blank"><img src="http://www.scienceblogs.de/rssadds/Banner_Kauf_mich_468.gif" border="0" alt="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " title="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " /></a>


   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/die-dunkle-seite-der-europaisierung-antiliberale-europakonzeptionen.php</link>
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            <pubDate>Mon, 11 Oct 2010 10:45:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Wissenschaftliche Erkenntnis oder publikumsorientierter Verkaufsschlager?: Zur Zukunft der „Public History&quot;</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Im bundesdeutschen Fernsehen werden täglich Dokumentationen und Spielfilme mit historischen Inhalten gesendet. Das heimische Sofa wird dabei Ausgangspunkt für Geschichtsreisen, die in das alte Ägypten oder das mittelalterliche Mainz, nach Waterloo anno 1815 oder eben in das Berlin des Jahres 1989 führen. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls waren im vergangenen Jahr vor allem die historischen Ereignisse des Herbstes 1989 außerordentlich präsent. Ausstellungen, Tagungen und vielfältige Buchpublikationen legten hiervon ebenso ein Zeugnis ab wie die breite Berichterstattung in den Printmedien. Der Geschichtsmarkt boomt nach wie vor und Geschichte gilt als ungemein populär. </strong></p>

<p><img title="Mauerfallbegeisterung, Bildquelle: Wikimedia" alt="Mauerfall.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Mauerfall.jpg" width="260" height="234" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" /><em>Von Angela Siebold, Martin Stallmann und Carlos A. Haas</em></p>

<p>Mittlerweile ist es ein lohnenswertes Ziel der Geschichtswissenschaft, über das Fachpublikum hinaus gehört zu werden. Die mediale Präsenz von Geschichte wird dabei von Historikern mit Freude und Sorge gleichzeitig betrachtet - ist doch das öffentliche Interesse an der Geschichte ein willkommener Legitimationsschub für ihre Disziplin; gleichzeitig wirft es aber die Frage auf, wer hier über Geschichte spricht. Denn nur, weil es um Geschichte geht, heißt das noch lange nicht, dass Historiker sprechen: Bisweilen erscheint es so, als bestimmten vielmehr die Zeitzeugen oder Journalisten die allgemeine Sicht auf die Vergangenheit. <br />
</p><p>In der Sektion „Public History - Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von 1989 im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher Zeitgeschichte" wurde eine zweifache Annäherung an dieses Thema angestrebt: Erstens ging es um eine kritische Selbstreflexion der Geschichtswissenschaft in ihrem Verhältnis zur Öffentlichkeit. Zweitens wurden den wissenschaftlichen Referenten praxisbezogene Historiker gegenübergestellt, um einen Dialog zwischen den Fachhistorikern und den „Public Historians" zu fördern. </p>

<p><strong>Wann wird die Wissenschaft zur Öffentlichkeit?</strong></p>

<p>Welche Rolle kommt der Geschichtswissenschaft in der Öffentlichkeit zu? Ist sie nur „Zulieferer" von Informationen, als Fachberater, Gutachter, Materialgeber für die Geschichtsjournalisten, die dann die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse in die Sprache der Öffentlichkeit übersetzen? Oder sind (wissenschaftlich arbeitende) Historiker eigenständige Akteure in der Öffentlichkeit, die selbst gehört werden sollten? Dies würde jedoch voraussetzen, dass die Historiker auch die Sprache der Öffentlichkeit sprechen - und das bedeutet nicht nur, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln, sondern ebenso die öffentlichen Darstellungsformen - von der Zeitung über das Fernsehen und das Museum bis hin zum Internet - zu beherrschen. </p>

<p><strong>„Hitler sells" - was wird dargestellt?</strong></p>

<p>Doch in welchem Verhältnis sollten die Fragestellungen und Themen der Geschichtswissenschaft zu ihrer Darstellungsform stehen? In der Diskussion wurde eine tiefgreifende Sorge geäußert: Möglicherweise könne eine publikumsorientierte Geschichtswissenschaft dazu führen, dass nur noch diejenigen Inhalte thematisiert würden, die medial präsentiert und gut verkauft werden könnten. Die Frage nach der medialen Darstellbarkeit von Geschichte dürfe jedoch das wissenschaftliche Denken nicht dominieren. Der Journalist Sven Felix Kellerhoff ("Die Welt") betonte dagegen, Geschichte müsse in der Öffentlichkeit nicht nur sachgerecht, sondern vor allem publikums- und mediengerecht gestaltet sein. Dementsprechend erklärte Thomas Schuhbauer (Eco Media) die Sendeplatzanalyse zum wichtigesten Werkzeug des (historischen) Filmemachers.</p>

<p>Ein weiteres Problem stellte die Auswahl von Themen nach zeitlichen Kriterien dar: Während etwa die mediale Aufbereitung von historischen Jahrestagen in den Massenmedien bestimmend für die Themenauswahl sei, dürften solche Ereignisse nicht maßgeblich für die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen sein. </p>

<blockquote class="right">Die Grenze zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist längst durchlässig.</blockquote><p><strong>Abgrenzungen und Schnittstellen</strong></p>

<p>In der Debatte wurde zudem deutlich, dass die Grenze zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit längst nicht mehr als trennende Linie verstanden werden kann. Es gehe nun vielmehr darum, die sich überschneidenden Grenzräume zu gestalten. Für die Geschichtswissenschaft stelle sich hier eine doppelte Problematik: Einerseits muss sie sich durch die Aufrechterhaltung wissenschaftlicher Kriterien von anderen Geschichtsakteuren abgrenzen. </p>

<p>Andererseits steht sie vor der Aufgabe, die Handlungsmöglichkeiten von Historikern außerhalb des wissenschaftlichen Feldes zu definieren und sich damit als wissenschaftlicher Akteur in der Öffentlichkeit zu behaupten. <a href="http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/mitglieder/hochmuth.html#CV"><strong>Hanno Hochmuth</strong></a> (FU Berlin) betonte, dass hierbei nicht nur historische Detailkorrekturen vorzunehmen oder eine grundsätzliche Kritik an populären Vermittlungsformen zu üben seien. Vielmehr sollte die Geschichtswissenschaft zur historischen Kontextualisierung von Spiel- und Dokumentarfilmen beitragen, eine wissenschaftlich fundierte Fachkritik gegenüber öffentlichen Darstellungen üben sowie praxisorientierte Studienangebote bereitstellen. Bestimmte Grenzen, so <a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/fachjournalistik/personen/-1p-4hi-5fj-8p-p45-"><strong>Frank Bösch</strong></a> (Universität Gießen), dürften die Fachhistoriker dabei keinesfalls überschreiten - so etwa Texte aus bereits vorgeschriebenen Drehbüchern als „Fachexperten" schlicht nachzusprechen. </p>

<blockquote class="left">Es geht darum, öffentlichkeitskompetente Historiker auszubilden.</blockquote><p>Die verschiedenen Positionen und Forderungen im Panel zeigten, dass die „Public History" einen komplexen und noch nicht vollständig entwickelten Arbeitsbereich darstellt. In den Beiträgen wurde einerseits gefordert, eine grundlegende Methodenlehre für den Umgang mit historischen Quellen als Vermittlungsmedium zu entwickeln. Es könne dabei nicht nur darum gehen, wissenschaftliche Informationen für die Öffentlichkeit bereit zu stellen, sondern selbst öffentlichkeitskompetente Historiker auszubilden. Damit solle ein kritischer Umgang mit populären Geschichtsdarstellungen gefördert werden, der sich zum Beispiel in einer zu emotionalisierten und personalisierten Erzählung widerspiegelt. </p>

<p>Zwar erklärte Rosemarie Beier-de Haan (Deutsches Historisches Museum), dass die Arbeit im Museum der in der Wissenschaft sehr nahe komme. Auch Thomas Schuhbauer (Eco Media) betonte, dass eine enge Zusammenarbeit der „Public Historians" mit der Geschichtswissenschaft unerlässlich sei. Einige Beispiele der Populärgeschichte standen dieser Position jedoch entgegen, wie etwa die immer gleichen Fernsehbilder vom Mauerfall, die in „medialen Schleifen" (Frank Bösch) reproduziert würden und mittlerweile die öffentliche Erinnerung an das Jahr 1989 dominierten. Damit verbunden kam die Überlegung auf, inwiefern das individuelle durch ein kulturelles Gedächtnis überlagert werden dürfe; so problematisierte <a href="http://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/histsem/mitglieder/ls_wolfrum_person.html">Edgar Wolfrum</a> (Universität Heidelberg) etwa Begriffe wie die „innere Einheit" und stellte in Frage, ob der Geschichtsboom um das Jahr 1989 auch im Westen angekommen sei. </p>

<p>Grundsätzlich wurde des Weiteren diskutiert, ob die Geschichtswissenschaft zugleich Teilnehmerin und Beobachterin der Erinnerung sein könne, ohne selbst zum geschichtspolitischen Akteur zu werden. Eine Überlappung von Geschichtswissenschaft und öffentlicher Erinnerung sei zwar offensichtlich; diese dürfe aber nicht zu einem Identitätsverlust der Geschichtswissenschaft führen. Schließlich sei die Wissenschaft eine „mythenkritische Reflexionsinstanz" (<a href="http://www.zzf-pdm.de/site/420/default.aspx">Martin Sabrow</a>, ZZF Potsdam), die auch in der Lage sei, fundamentale Fragen zur kritischen Selbstreflexion zu stellen. </p>

<p><img title="Diskussionsrunde" alt="Public_History01.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Public_History01.jpg" width="540" height="154" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 4px 0px 4px 0px;" /></p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/106-Prof.%20Dr.%20Martin%20Sabrow%20/%20Dr.%20Irmgard%20Z%C3%BCndorf">Public History - Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von „1989" im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher Zeitgeschichte</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Angela Siebold</strong> ist Doktorandin am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Angela Siebold" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/img/Siebold_55.jpg" class="mt-image-left" width="45" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div>
<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Martin Stallmann</strong> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 37px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Martin Stallmann" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/img/Stallmann_55.jpg" class="mt-image-left" width="37" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div>
<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Carlos A. Haas, Student an der Universität Heidelberg (Musikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte).</font></td><td style="width: 43px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Carlos A. Haas" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Carlos_Haas_60.jpg" class="mt-image-left" width="43" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS/CJ)</em></small></p>
     <hr />

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   ]]></description>
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                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Deutsche Postings</category>
            
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            <pubDate>Sat, 09 Oct 2010 11:00:00 +0100</pubDate>
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            <title>Museen als Lernorte für Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Obwohl museale Einrichtungen als "Lernorte" den Schulunterricht attraktiv ergänzen können, reicht es nicht aus, Schülerinnen und Schüler einfach "ins Museum zu schicken". Stattdessen erfordert ein schulischer Museumsbesuch geeignete museumspädagogische Materialien sowie eine ausreichende Vorschulung sowohl seitens der Lehrer als auch seitens der Museumsmitarbeiter. In Sachsen-Anhalt hat man hierfür einen eigenen Weg gewählt.</strong></p>

<p><em>Ein Gastbeitrag von Annette Adelmeyer, Siegfried Both, Susanne Kopp-Sievers und Christian Reinboth</em></p>

<p>Da sich Museen zuallererst als Bildungseinrichtungen verstehen, sind Schulklassen seit jeher eine wichtige Zielgruppe, die es in besonderem Maße zu umwerben gilt. In Sachsen-Anhalt wird die Zusammenarbeit von Schulen und Museen seit Mitte der 1990er Jahre systematisch von einer Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern des <a href="http://www.mv-sachsen-anhalt.de/">Museumsverbandes Sachsen-Anhalt e.V.</a>, des Landesinstituts für Schulqualität und Lehrerbildung von Sachsen-Anhalt (<a href="http://www2.bildung-lsa.de/bildungsland/lisa.html">LISA</a>, nicht zu verwechseln mit <a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/09/historikertag-2010-gerda-henkel-stiftung-fordert-junge-wissenschaftler.php">L.I.S.A.</a>) und des <a href="http://www.sachsen-anhalt.de/LPSA/index.php?id=3564">Kultusministeriums von Sachsen-Anhalt</a> vorangetrieben. </p><p>Obwohl das Ministerium bereits frühzeitig die Bedeutung der Museen für die Umsetzung der Bildungsstrategie des Bundeslandes erkannte, konnte das enorme Potenzial der Museen für die schulische Arbeit bislang leider nur begrenzt ausgeschöpft werden.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/LuthersZeit.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/LuthersZeit.php','popup','width=817,height=659,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/LuthersZeit-thumb-512x412.jpg" width="512" height="412" alt="LuthersZeit.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Vom LISA mitentwickelte Online-Lernplattform "Luthers Zeit"</div></em></p>

<p>In diesem zweiten Gastbeitrag des Museumsverbands Sachsen-Anhalt für das offizielle Blog zum Deutschen Historikertag - der erste Beitrag beschäftigte sich mit der <a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/09/digitalisierte-exponate-deutscher-museen-im-internet-das-projekt-museumdigital.php">Digitalisierung von Museumsobjekten</a> - soll es um die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Museen in Sachsen-Anhalt und die dabei gesammelten Erfahrungen gehen - beginnend mit einer ganz grundlegenden Feststellung...</p>

<p><strong>Einsichten führen zu Aussichten</strong></p>

<p>Während der vergangenen Jahre ist in den sachsen-anhaltischen Museen auf der einen Seite deutlich erkannt worden, dass die in den Museen stattfindende schulische Bildungsarbeit grundsätzlich dem Lehrplan bzw. den geltenden Rahmenrichtlinien verpflichtet sein muss, während den Museumsmitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Beschäftigung mit den pädagogischen Inhalten auf der anderen Seite stärker bewusst wurde, dass sich Museen über die reine Wissensvermittlung hinaus als informelle Lernorte für Schülerinnen und Schüler dazu eignen, persönliche Kompetenzen zu entdecken und zu stärken. Diese Überlegungen stehen auf schulischer Seite oftmals am Anfang der Entscheidung für einen Museumsbesuch.</p>

<p>Auf Seiten der Pädagogen wuchs demgegenüber die Einsicht, dass eine Ausstellung, die für einen längeren Zeitraum - in kleineren Museen oftmals sogar für bis zu 20 Jahre - geplant ist, unterschiedlichen Zielgruppen gerecht werden muss. Darüber hinaus sind gewisse Einschränkungen durch die konservatorischen Anforderungen der Objekte gegeben, die sich oftmals in Vitrinen befinden. Beide Seiten mussten erfahren, dass sich der Aussagewert auch von Objekten, die in einem thematischen Zusammenhang zueinander stehen, aller ausstellungsdidaktischen Bemühungen zum Trotz vor allem Kindern und Jugendlichen nicht auf den ersten Blick erschließt. Gewachsen ist auch das Verständnis dafür, dass nicht alle MitarbeiterInnen eines Museums, die ja häufig aus schulfremden Bereichen kommen, das pädagogische Know-How eines Lehrers besitzen können.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/lutzen.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/lutzen.php','popup','width=2143,height=1421,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/lutzen-thumb-512x339.jpg" width="512" height="339" alt="lutzen.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Tod <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_II._Adolf_(Schweden)">Gustavs II. von Schweden</a> in der Schlacht bei Lützen (Gemälde von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Wahlbom">Carl Wahlbom</a>)</div></em></p>

<p>Auf der Basis dieser Erkenntnisse wurden an verschiedenen Regionalmuseen didaktische Materialien zu kleineren Ausstellungseinheiten entwickelt und erprobt. Hierzu zählten u. a. bessere Erschließungsmöglichkeiten eines Großdioramas zur <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_L%C3%BCtzen">Schlacht bei Lützen im Jahr 1632</a> im <a href="http://www.museum-luetzen.de/">Museum Lützen</a>, die Entwicklung von Materialien zum <a href="http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=1829">Weinbergaltar</a> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lucas_Cranach_der_J%C3%BCngere">Lucas Cranach dem Jüngeren</a> aus dem Jahr 1582 im <a href="http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=institution&instnr=5">Danneil-Museum Salzwedel</a> sowie der Aufbau der Museumspädagogik im <a href="http://www.wegezuluther.de/cms/de/wittenberg/lutherstaetten/3-lutherhaus-wittenberg">Lutherhaus Wittenberg</a>. Letzteres geschah innerhalb des LISA-Projektes <a href="http://www.bildung-lsa.de/archiv/luther/index.htm">„Ins Leben ziehen - Luther in seiner Zeit"</a> (2000-2004), wobei die positiven, hierbei gewonnenen Erfahrungen zu einer dauerhaften Verstetigung des Vorgehens führten. Vor diesem Hintergrund wurde dem LISA ab dem 1. August 2003 die neue Fachaufgabe „Betreuung kultureller Lernorte (Museen/Gedenkstätten)" übertragen.</p>

<p><strong>Die AG Betreuung kultureller Lernorte</strong></p>

<p>Mit Übernahme der Fachaufgabe entstand am LISA eine pädagogische Arbeitsgruppe zur Betreuung kultureller Lernorte, in der abgeordnete Lehrkräfte in enger Zusammenarbeit mit ausgewählten Museen in Sachsen-Anhalt Angebote für Schülerinnen und Schüler erarbeiten. Derzeit sind vier teilabgeordnete sowie eine vollabgeordnete Lehrkraft an drei Standorten tätig, die den kulturellen Bildungseinrichtungen insgesamt 96 Stunden an wöchentlicher Arbeitszeit zur Verfügung stellen. In Rahmen einer zwei- bis vierjährigen Kooperation zwischen dem LISA und dem jeweiligen Museum wird ein museumspädagogisches Konzept erarbeitet, welches auf die Besonderheiten des jeweiligen "Lernortes" ausgerichtet ist. Dabei werden unter anderem pädagogische Materialien entwickelt, erprobt und hergestellt, die von den Museen nach dem Ende der Zusammenarbeit weiter genutzt werden können.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Tilleda.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Tilleda.php','popup','width=601,height=451,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Tilleda-thumb-512x384.jpg" width="512" height="384" alt="Tilleda.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">"Der Tross <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_II._(HRR)">Ottos II.</a>" beschäftigt sich in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pfalz_Tilleda">Tilleda</a> mit einem Modell "seiner Pfalz"</div></em></p>

<p>Die Zusammenarbeit von LISA und Museen setzt an der Schnittmenge der Bildungsabsichten von Museum und Schule an - letztendlich beabsichtigen beide Institutionen, ein Verständnis für vergangene und gegenwärtige Lebenswelten zu vermitteln und zur Reflexion anzuregen. Dabei verfügt das Museum mit seinen originalen Objekten zwar über einen unschätzbar hohen Grad an Authentizität, Schülerinnen und Schüler müssen im Museum aber oft erst einmal das „Hinsehen" lernen, um genau dieses Verständnis entwickeln zu können.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Ausstellung%20Selbsterkundung%20Riechen.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Ausstellung%20Selbsterkundung%20Riechen.php','popup','width=1008,height=1344,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Ausstellung Selbsterkundung Riechen-thumb-512x682.jpg" width="512" height="682" alt="Ausstellung Selbsterkundung Riechen.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Mit derartigen "Selbsterkundungsbögen" wird Besuchern im <a href="http://www.kloster-memleben.de/">Kloster Memleben</a> das Leben in einem mittelalterlichen Kloster näher gebracht</div></em></p>

<p>Um eine Beziehung zum Objekt aufbauen können, muss den Schülerinnen und Schülern eine Brücke gebaut werden. Hierzu gehören:</p>

<ul>
	<li><strong>Neugier wecken</strong> (z. B. bezüglich der äußeren Gestalt, der verwendeten Materialien oder besonderer funktionaler Zusammenhänge) </li>
	<li><strong>Begegnung mit Exponaten ermöglichen</strong> (z. B. um Größe oder Kleinheit, stoffliche Beschaffenheit oder Strukturen feststellen zu können) </li>
	<li>unmittelbare <strong>Reaktionen hervorrufen</strong> (z. B. Bewunderung, Befremdung, Neugier, Verlangen nach Berühren oder Ausprobieren) </li>
	<li><strong>Objekte befragen</strong> (z. B. nach Verwendungszweck, Formgebung, Funktion oder Ausstattung) </li>
	<li><strong>Denkprozesse auslösen</strong>, in deren Ergebnis Gegenstände zu „Bildern" und Eindrücke zu Begriffen werden</li>
</ul>

<p><object classid="clsid:D27CDB6E-AE6D-11cf-96B8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=9,0,28,0" id="_360_krpano_id_57197" name="_360_krpano_name_57197" width="525" height="315"><param name="movie" value="http://www.360cities.net/javascripts/krpano/krpano.swf"/><param name="quality" value="autohigh"/><param name="allowScriptAccess" value="always"/><param name="flashvars" value="pano=http://www.360cities.net/krpano/external_embed/memleben-kloster-germany.xml&epd=http://www.360cities.net/data/embed/plugin_data/memleben-kloster-germany"/><param name="allowFullScreen" value="true"/><embed src="http://www.360cities.net/javascripts/krpano/krpano.swf" pluginspage="http://www.macromedia.com/go/getflashplayer" width="525" height="315" allowFullScreen="true" allowScriptAccess="always" quality="autohigh" flashvars="pano=http://www.360cities.net/krpano/external_embed/memleben-kloster-germany.xml&epd=http://www.360cities.net/data/embed/plugin_data/memleben-kloster-germany"></embed></object><br/><a title="panorama photos of Memleben Kloster on 360cities.net" href="http://www.360cities.net/image/memleben-kloster-germany">Memleben Kloster</a> in <a href="http://www.360cities.net/area/germany" title="panoramic images from Deutschland">Deutschland</a><em><div style="text-align: center;">360°-Panorama von Pfalz und Kloster Memleben (von Frank Ellmerich via <a href="http://www.360cities.net/">360cities.net</a>)</div></em></p>

<p>Den vom LISA entwickelten Angeboten wird ausdrücklich ein breiter Bildungsbegriff zugrunde gelegt, der sich nicht zu eng an einzelne Schulformen oder Unterrichtsinhalte bestimmter Fächer anlehnt. So ist ein Museumsbesuch über die Inhalte hinaus besonders geeignet für das Erlernen von Methoden wie beispielsweise der systematischen Beobachtung oder für die Stärkung von Kompetenzen. Dies schließt die Lern- und Erziehungsziele der Lehrpläne und Rahmenrichtlinien nicht aus, sondern ein, wobei es der breit angelegte Bildungsbegriff dem Museum ermöglicht, seine Zielgruppe - und seine territoriale Reichweite - zu vergrößern.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Naumburg.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Naumburg.php','popup','width=3072,height=2048,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Naumburg-thumb-512x341.jpg" width="512" height="341" alt="Naumburg.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><div style="text-align: center;"><em>In der Dombauhütte fertigen Schülerinnen und Schüler ein eigenes Maßwerkfenster für den <a href="http://www.naumburger-dom.de/">Naumburger Dom</a> und erhalten dabei einen Einblick in die mittelalterliche Handwerkskunst</em></div></p>

<p><strong>Die Entwicklung eines Lernortes</strong></p>

<p>Wie aber hat man sich den Auf- und Ausbau eines solchen "Lernortes" in der Praxis vorzustellen? In der Regel prüfen des LISA, der Museumsverband und das Kultusministerium des Landes zunächst im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens die inhaltlichen, räumlichen und personellen Möglichkeiten eines Museums. Darauf aufbauend werden dann die jeweiligen Angebote entwickelt. Hierzu gehören u.a. folgende Bausteine:</p>

<ul>
	<li>Erarbeitung von Medien und Materialien</li>
	<li>Lehrerfortbildungen und Schulung der Museumsmitarbeiter</li>
	<li>Gemeinsame Entwicklung der Angebote<br>(die im Museum immer aus Führung und Aktion bestehen)</li>
	<li>Unterstützung beim Aufbau von regionalen und überregionalen Kommunikationsstrukturen zu Schulen und anderen Einrichtungen</li>
</ul>

<p>Insbesondere die Erarbeitung der Medien und Materialien für die Arbeit mit Schulklassen im Museum ist ein sehr langwieriger Prozess: Sie werden zunächst erprobt und entwickelt, auf Fortbildungen mit Lehrkräften diskutiert und ihr Einsatz vor Ort begleitet. Die Bandbreite dieser Arbeit umfasst Medien und Materialien zur aktiven Erkundung von Bauwerken und Ausstellungen (z.B. Selbsterkundungsmaterial, Audioguides z.T. für die Nutzung mit mp3-Playern, didaktische Ausstellungselemente und Erinnerungstests), Materialien zur Erprobung und Anwendung museal präsentierter Inhalte (z.B. Experimentieranordnungen, Bausätze, Repliken, Modelle oder  Kostüme) sowie Materialien für den Einsatz in der ganzheitlichen Bildungsarbeit (zum Beispiel Publikationen speziell für Kinder und Jugendliche, Lehrfilme, Internet-Bildungsplattformen oder Computerspiele). Die Nutzung der Angebote wird intensiv ausgewertet, so dass Anpassungen und Korrekturen erfolgen können.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Haus%20der%20anderen%20Nachbarn.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Haus%20der%20anderen%20Nachbarn.php','popup','width=3072,height=2304,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Haus der anderen Nachbarn-thumb-512x384.jpg" width="512" height="384" alt="Haus der anderen Nachbarn.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Materialerprobung im "Haus der anderen Nachbarn" im <a href="http://www.museumhaldensleben.de/">Museum Haldensleben</a></div></em></p>

<p>Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Einbeziehung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtungen gelegt. Sie werden von Beginn an in die Lernortarbeit integriert und geschult, um nach Beendigung der Kooperation eine längerfristige Weiternutzung der Angebote durch das Museum zu gewährleisten. Zusätzlich werden auf Lehrerfortbildungen Medien etc. vorgestellt und Hinweise für die Vor- und Nachbereitung von Museumsbesuchen gegeben. Mit Abschluss der Kooperation erhält das Museum auf diese Weise ein inhaltlich und pädagogisch niveauvolles Programm.</p>

<p>Eine weitere Besonderheit der Angebote ist der mehrstündige Charakter der Veranstaltungen, die sie z.B. für Schulfahrten attraktiv machen sollen. Hierzu konnten als Partner für die Lernortarbeit die Jugendherbergen des Landesverbandes Sachsen-Anhalt gewonnen werden, die teilweise auch die Betreuung der Schulklassen vor Ort unterstützen.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Gewoelbebau.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Gewoelbebau.php','popup','width=991,height=951,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Gewoelbebau-thumb-512x491.jpg" width="512" height="491" alt="Gewoelbebau.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Erfahrung macht den Meister - Ergebnisse eines Gewölbebau-Projekts im Naumburger Dom</div></em></p>

<p><strong>Informationen zu den Lernorten</strong></p>

<p>Angesichts der Zahl von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Museen_in_Sachsen-Anhalt">mehr als 200 großen und kleinen Museen in Sachsen-Anhalt</a> und der begrenzten personellen  Möglichkeiten des LISA, wird bei der Entwicklung der Lernorte auch immer auf den Modellcharakter, d.h. auf die Übertragbarkeit von Aktionen auf andere Ausstellungen geachtet. So können z. B. die für das Kloster Memleben entwickelten Einheiten zum mönchischen (Alltags-)Leben durchaus auch in anderen Museen, die das Klosterleben thematisieren, in abgewandelter Form aufgenommen werden. Die Einheiten für das <a href="http://www.ifm-wolfen.de/">Film- und Industriemuseum Wolfen</a>, die über die Technikgeschichte hinaus auch für den Zusammenhang zwischen Industrie und Stadtbildentwicklung sensibilisieren, bieten breite Möglichkeiten der Nachahmung für viele andere Museen.</p>

<p>Auf dem Bildungsserver Sachsen-Anhalt gibt es daher weitreichende Möglichkeiten sich über die Bildungsorte, ihre Angebote sowie die pädagogischen Ziele <a href="http://www.bildung-lsa.de/index.php?KAT_ID=2683#art6023">umfassend zu informieren</a>. Insgesamt wurden oder werden bisher <a href="http://www.bildung-lsa.de/themen/ausserschulische_lernorte/lernort_museum.html">neun museale Lernorte</a> vom LISA unterstützt.</p>

<p><strong>Geschichtskulturelles Lernen wird Bestandteil des Lehrplans</strong></p>

<p>Die aus der Zusammenarbeit zwischen Schule und Museen gewonnenen Erfahrungen flossen auch in die Neugestaltung des kompetenzorientierten <a href="http://www.bildung-lsa.de/index.php?KAT_ID=1304">Fachlehrplans Geschichte für die Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt</a> ein, der seit Beginn des Schuljahres 2010/11 für die Schulen verbindlich ist. Einen besonderen Schwerpunkt stellt darin die Schulung der geschichtskulturellen Kompetenz dar, die Schülerinnen und Schüler zur rezeptiven und produktiven Teilnahme am öffentlichen Umgang mit Vergangenheit befähigen soll. Dazu gehört selbstverständlich die aktive Erschließung von Präsentationen historischer Themen, aber auch ein bewusster Blick auf den Aussagewert und den Umgang mit architektonischen Zeugnissen der Vergangenheit. Beide Aspekte können an historischen Lernorten genauso trainiert werden wie die drei anderen verbindlichen Kompetenzen des historischen Denkens (Gattungskompetenz, Interpretationskompetenz und narrative Kompetenz).</p>

<p><object classid="clsid:D27CDB6E-AE6D-11cf-96B8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=9,0,28,0" id="_360_krpano_id_823900" name="_360_krpano_name_823900" width="525" height="315"><param name="movie" value="http://www.360cities.net/javascripts/krpano/krpano.swf"/><param name="quality" value="autohigh"/><param name="allowScriptAccess" value="always"/><param name="flashvars" value="pano=http://www.360cities.net/krpano/external_embed/schloss1.xml&epd=http://www.360cities.net/data/embed/plugin_data/schloss1"/><param name="allowFullScreen" value="true"/><embed src="http://www.360cities.net/javascripts/krpano/krpano.swf" pluginspage="http://www.macromedia.com/go/getflashplayer" width="525" height="315" allowFullScreen="true" allowScriptAccess="always" quality="autohigh" flashvars="pano=http://www.360cities.net/krpano/external_embed/schloss1.xml&epd=http://www.360cities.net/data/embed/plugin_data/schloss1"></embed></object><br/><a title="panorama photos of Schloss on 360cities.net" href="http://www.360cities.net/image/schloss1">Schloss</a> in <a href="http://www.360cities.net/area/germany" title="panoramic images from Deutschland">Deutschland</a><em><div style="text-align: center;">360°-Panorama von Schloss Wernigerode (von Frank Schneidereit via <a href="http://www.360cities.net/">360cities.net</a>)</div></em></p>

<p>So ist beispielsweise in den Schuljahren 5 und 6 die Durchführung eines Methodenpraktikums zum Umgang mit Sachzeugnissen vorgesehen, das sehr gut als Museumspraktikum gestaltet werden kann. Historische Überreste sollen dabei gezielt befragt und unter Einbeziehung von Quellen und Darstellungen erschlossen werden. </p>

<p>Geeignete Fragen zu stellen fällt dabei umso leichter, je mehr Erfahrungen man mit den Geschichten sammeln konnte, die Gegenstände oder Bauwerke erzählen. Gerade Lernorte wie das Kloster Memleben, <a href="http://www.schloss-wernigerode.de/">Schloss Wernigerode</a> oder der Naumburger Dom bieten besonders vielfältige Begegnungsmöglichkeiten und schulen den Blick  der Schülerinnen und Schüler für derartige Zeugnisse der Vergangenheit. Die Nutzung und kritische Befragung von musealen Präsentationen ist auch in höheren Jahrgängen immer wieder Bestandteil des Lehrplans.</p>

<p><strong>Versuch eines Fazits</strong></p>

<p>Mit der Übertragung der Fachaufgabe „Betreuung kultureller Lernorte" an das LISA hat das Land Sachsen-Anhalt einen eigenständigen Weg gewählt. Während in anderen Bundesländern häufig LehrerInnen direkt an ein Museum abgeordnet oder zentrale Einrichtungen wie z.B. museumspädagogische Zentren geschaffen werden, musste aufgrund der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen im Land aber auch in den Städten und Kommunen Sachsen-Anhalts ein alternativer Weg beschritten werden.</p>

<p>Die seit 15 Jahren bestehende kontinuierliche Zusammenarbeit von Museumsverband, LISA und Kultusministerium hat mittlerweile zu einer erheblichen Qualitätssteigerung in der musealen Vermittlungsarbeit in Sachsen-Anhalt beigetragen. Die von uns durchgeführten Evaluierungen zeigen, dass der ganzheitliche Ansatz der Fachaufgabe „Betreuung kultureller Lernorte" eine hohe Wertschätzung genießt und sich nicht nur die Zusammenarbeit von Schulen und Museen entscheidend verbessert hat, sondern vor allem auch der Wissens- und Kompetenzzuwachs sowie die Zufriedenheit der Schüler nach einem Museumsbesuch.</p>

<p><span class="mt-enclosure mt-enclosure-image" style="display: inline;"><a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Virtuelles%20Museum.php" onclick="window.open('http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Virtuelles%20Museum.php','popup','width=645,height=480,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false"><img src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Virtuelles Museum-thumb-512x381.jpg" width="512" height="381" alt="Virtuelles Museum.jpg" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 0 auto 20px;" /></a></span><em><div style="text-align: center;">Im <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schlossmuseum_(Quedlinburg)">Schlossmuseum Quedlinburg</a> planen Schülerinnen und Schüler ein eigenes Museum<br />
</div></em></p>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Annette Adelmeyer</strong> ist Gymnasiallehrerin. Sie arbeitete seit 2000 an der Betreuung der kulturellen Lernorte mit und leitet seit 2010 als abgeordnete Lehrkraft im <a href="http://www2.bildung-lsa.de/bildungsland/lisa.html">LISA</a> die Fachgabe „Betreuung kultureller Lernorte". </font></td><td style="width: 37px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Annette Adelmeyer" src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/adelmeyer-thumb-512x690.gif" class="mt-image-left" width="37" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div> 

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Dr. Siegfried Both</strong> ist Referent am LISA und leitete von 2003 bis 2010 die Fachgabe „Betreuung kultureller Lernorte".</font></td><td style="width: 37px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Siegfried Both" src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/both-thumb-512x729.gif" class="mt-image-left" width="37" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div> 

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Susanne Kopp-Sievers</strong> ist Geschäftsführerin des <a href="http://www.mv-sachsen-anhalt.de" target="_blank">Museumsverbands Sachsen-Anhalt e.V.</a> und berät die Museen und das LISA.</font></td><td style="width: 37px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Susanne Kopp-Sievers" src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Kopp-Sievers-thumb-512x722.jpg" class="mt-image-left" width="37" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div> 

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Christian Reinboth</strong> befasst sich als Wirtschaftsinformatiker seit Jahren ehrenamtlich mit dem Thema <a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2010/06/sieben-thesen-zum-museum-20.php" target="_blank">Museum 2.0</a> und bloggt im <a href="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/" target="_blank">„Frischen Wind"</a>.</font></td><td style="width: 37px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Christian Reinboth" src="http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/Reinboth-thumb-512x768.jpg" class="mt-image-left" width="37" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div> 
<small><em>(Redaktion: MS)</em></small>
     <hr />

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            <pubDate>Fri, 08 Oct 2010 14:30:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Entgrenzung und Begrenzung der Gewalt: Annäherungen an eine Morphologie tödlicher Zonen im Europa des 20. Jahrhunderts</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Gewalt ist für jeden Menschen immer eine Möglichkeit. Da jede Grausamkeit vorstellbar ist - und als Vorstellung Potential hat, zur Realität zu werden - ist es spannend zu untersuchen, in welchen Zusammenhängen die Menschen stehen, die sich zu Gewalt verhalten. Eine Untersuchung der Räume der Gewalt muss dabei, so Jörg Baberowski in seiner Einleitung, weniger eine Ursachenforschung sein. Vielmehr muss es um die konkreten Gelegenheiten und Situationen gehen, in denen Gewalt entsteht. Thematisiert werden soll dazu die Alternativlosigkeit des Verhaltens von Menschen zu Gewalttätern. Oft sind es weniger moralische Vorstellungen, die zu Gewalt führen, sondern gerade die Abwesenheit von freien Entscheidungsmöglichkeiten. Es geht also um die Möglichkeitsräume von Menschen, ob Handelnde oder Passive, in Gewaltsituationen.</strong></p>

<p><img title="Mauer mit Stacheldraht am KZ-Auschwitz; Bildquelle: stock.xchng, User: hisks" alt="Auschwitz.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Auschwitz.jpg" width="140" height="225" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" /><em>Von Daniel Rübel</em></p>

<p>Felix Schnell zeigte dies am konkreten Beispiel des Russischen Bürgerkriegs. Dort lässt sich gut beobachten, dass Räume, in denen Gewalt geschieht, zwar mit räumlichen oder politischen Grenzen zusammenfallen können, aber nicht müssen. Das soziale Verhalten reicht schon aus, um einen Gewaltraum entstehen zu lassen. In der Ukraine zwischen 1917 und 1921, dem Hauptschauplatz des Krieges, waren die Grenzen in ständiger Verschiebung.<br />
</p><p><strong>Gewalt gegen Zivilisten</strong></p>

<p>Die neue, extrem mobile Kriegsführung, die vielen verschiedenen Parteien und "Warlords", die neben der Roten und Weißen Armee kämpften und der lange Zeitraum des Krieges bedingten schnelle Überfallstaktiken mit raschen Rückzügen ohne Entscheidungsschlachten. Dafür wurde die Gewalt gegen Zivilisten zur Regel. Diese konnten sich oft schon aufgrund ihrer körperlichen Verfassung dem Krieg nicht entziehen. Die emotionale und kulturelle Verbundenheit spielte neben dem begrenzten Wissen der Dorfbevölkerung über andere Orte ebenfalls eine Rolle. Allerdings hatten die Soldaten oft nicht mehr Handlungsspielraum. Einerseits wurde Desertation hart bestraft, andererseits gab es schlicht und ergreifend keinen Raum, in den man sich hätte flüchten können: der Bürgerkrieg war aufgrund seiner Grenzenlosigkeit überall. Die Frage nach Mitmachen oder nicht stellte sich nicht - man musste sich immer zur Gewalt verhalten.</p>

<p><strong>Kroatien im 2. Weltkrieg: Kein einheitlicher Genozid</strong></p>

<p>Die Situation im unabhängigen Staat Kroatien während des Zweiten Weltkriegs war ähnlich chaotisch wie im Russischen Bürgerkrieg. Alexander Korb zeigte, dass die kroatisch-nationalistischen Ustaša nur eine Minderheit an <strike>etwa 50%</strike> der Bevölkerung stellten und dennoch versuchten, den Staat zu homogenisieren. Dazu kamen deutsche und italienische Armeeeinheiten und Aufständische, die sich zusätzlich untereinander bekämpften. Gewalt und Gegengewalt, Massengewalt in ihrer ganzen Breite kennzeichnete die Kämpfe und Aktionen der Parteien. Der Begriff Genozid ist daher in diesem Zusammenhang zu vereinheitlichend, der Konflikt war multipolar und komplex.</p>

<p>Die vielen Formen der Gewalt passten sich den räumlichen Gegebenheiten an. Ethnische Säuberungen und Vertreibungen führten zur Flucht in Wälder und Gebirge, Massaker wurden oft dort verübt, wo der Machtanspruch zum Beispiel der Ustaša nur schwer durchgesetzt werden konnte. In die Lager wurden vor allem städtische Juden und Roma transportiert, Geiselerschießungen wurden öffentlich bekanntgemacht. Gewalt entstand häufig zwischen den Zonen der beiden Besatzungsmächte, wo deren Einfluss gering und die Handlungsspielräume der anderen Akteure groß waren. In den Ebenen wurde um die Kontrolle über die Ernte gekämpft, leicht verbarrikadierbare oder schwer erreichbare Orte waren weniger stark betroffen. Die Gewaltforschung muss entsprechend die Zugriffsmöglichkeiten auf Orte untersuchen, an denen Gewalt ausgeführt wird.</p>

<p><strong>Soziale Logik des Gewaltraums</strong></p>

<p>Marc Buggeln hatte die Gewalt in KZ-Außenlagern als soziale Handlungen im Blick, die über alle beteiligten Seiten etwas aussagen. Nachdem im Verlauf des Krieges immer mehr auf die Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern zurückgegriffen wurde, um die Produktion aufrecht zu erhalten, wandelte sich der Charakter der Gewalt gegen die Häftlinge. Die schwersten Strafen wurden seltener verhängt, rücksichtslose Gewalt wurde weniger. Die Vernichtungslogik der KZs wich einer Verwertungslogik.</p>

<blockquote class="right">Das KZ als Gewaltraum kennzeichnete sich durch dynamische Grenzen.</blockquote><p>Ungefähr 80% der KZ-Häftlinge befanden sich im Arbeitseinsatz für Firmen in Außenlagern - und damit bei weitem nicht so abgetrennt von der Welt und der deutschen Bevölkerung als das in den Hauptlagern der Fall war. Schon die Lager selbst waren aufgrund ihrer Größe und Lage einzusehen und so wirkte Gewalt in ihnen nach außen. Öffentliches Erhängen im Lager wurde in der Bevölkerung wahrgenommen, örtliche NS-Parteileiter stolzierten mit umgeschnallter Pistole im Lager herum und prügelten so wie die SS-Bewacher, Kinder warfen Steine nach den Häftlingen. Auf dem Weg vom Lager zur Arbeitsstelle gab es ebenfalls unsichere, dynamische Grenzen. Hier wurden Grenzüberschreitungen täglich von den Wachen neu definiert, was am einen Tag akzeptiert wurde, konnte am Tag danach schon ein Schritt zuviel sein - mit tödlichen Folgen. Die Arbeitsstelle selbst wurde oft mit Postenketten abgesichert. Gerade gegen Ende des Kriegs, als Soldaten knapp wurden und die Fabriken oder Trümmerstellen, in denen die Häftlinge eingesetzt wurden, unübersichtlich waren, war dort sogar vereinzelt die Flucht möglich.

<p><strong>Flucht ist keine Option</strong></p>

<p>Wie in den beiden anderen Gewalträumen, von denen die Sektion handelte, sahen viele allerdings keinen Sinn in einer Flucht in Deutschland, die Gefahr, wieder gefasst und dann erschossen zu werden, war groß. Die Grenze verlief oftmals innerhalb der Köpfe. Dazu kamen die erwähnten Auswirkungen auf die Bevölkerung und Rückwirkungen auf die Behandlung der normalen Arbeiter: griffen die SS-Bewacher hart durch und sprach sich die Betriebsleitung nicht dagegen aus, verschlechterte sich auch deren Situation. Sogar unter den Häftlingen konnten sich Drucksituationen in Gewalt und Unterdrückung gegen schwächere und "den Arbeitsprozess aufhaltende" Mithäftlinge entladen.</p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/91-Prof.%20Dr.%20J%C3%B6rg%20Baberowski">Entgrenzung und Begrenzung der Gewalt: Annäherungen an eine Morphologie tödlicher Zonen im Europa des 20. Jahrhunderts</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font size="2.0em"><strong>Daniel Rübel</strong> studiert Geschichte und Philosophie auf Magister an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 42px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Daniel Rübel" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Daniel_Ruebel_60.jpg" class="mt-image-left" width="42" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><em><small>(Redaktion: KP/MS)</small></em><br />
</p>
     <hr />

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            <pubDate>Fri, 08 Oct 2010 12:30:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Europa transnational</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Wie kann man eine transnationale Geschichte Europas schreiben? Was bedeutet der Begriff transnational im Kontext der Zeitgeschichtsforschung? Und wie lassen sich aus transnationaler Perspektive Territorialisierungsprozesse in Europa erfassen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Panel „Territoriale Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen: Eine transnationale Geschichte Europas."</strong></p>

<p><img alt="Europa_Karte.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Europa_Karte.jpg" width="230" height="248" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" /><em>Von Angela Siebold</em></p>

<p>Das Ziel der beiden ersten Vorträge, gehalten von Matthias Middell und Michael Geyer, war es zunächst, einen diachronen Vergleich zweier unterschiedlicher Zeitabschnitte der europäischen Geschichte anzustrengen, nämlich der Zeit der Französischen Revolution einerseits sowie der Jahre 1970-2010 andererseits. Beide Phasen, die eine als gewaltsame, die andere als friedliche Periode, verkörperten Transitionsphasen im Aufbruch zu neuen Raumordnungen, in denen verdichtete Identitätsräume verhandelt worden seien. In solchen Perioden seien in Europa institutionelle und prozedurale Formen des inneren Zusammenhangs, also der transnationalen Verflechtung entwickelt worden.  </p><p>Im zweiten Teil des Panels diskutierten Katja Naumann und Steffi Marung die Transnationalität der Geschichte unter historiographischen Aspekten. </p>

<p>Zum Einstieg stellte Matthias Middell fünf Elemente der transnationalen Geschichte vor: Erstens nehme die transnationale Geschichte als grenzüberschreitende Praxis zu. Diese würde zweitens in einem Zusammenhang mit Globalisierungsprozessen diskutiert und überschneide sich etwa mit Fragen der Migration, Integration oder der global governance. Drittens sei die transnationale Geschichte verwandt mit verschiedenen neueren Forschungsansätzen, wie etwa der postkolonialen Geschichte, der Verflechtungsgeschichte, der histoire croisée oder der Kulturtransferforschung. Dennoch sei viertens das Verhältnis der transnationalen Geschichte zur Nationalgeschichte und der Regionalgeschichte zu klären. Dabei stelle sich die Frage, ob Transnationalität tatsächlich eine neue Forschungsperspektive darstelle, was transnational tatsächlich bedeute und welche Rolle dem Nationalen in diesem Zusammenhang beikomme. Fünftens sei schließlich das Verhältnis der transnationalen Geschichte zu den Sozialwissenschaften zu klären. </p>

<blockquote class="left">Wie können transnationale Elemente in die bestehenden historischen narrative Europas integriert werden?</blockquote><p>Es stelle sich die grundsätzliche Frage, inwiefern transnationale Elemente in die bestehenden historischen Narrative integriert werden könnten. Während die einen eine komparatistische Sicht auf Europa im Vergleich zu anderen Weltregionen betonten, fokussierten andere auf die Verflechtung Europas nach außen. Eine transnationale Geschichte diene, so Middell, auch der historischen Selbstaufklärung; die Frage nach der Zielrichtung einer transnationalen Geschichtsschreibung sei jedoch bisher noch erstaunlich wenig diskutiert worden. </p>

<p>Dabei biete eine transnationale Perspektive auf Europa die Chance, das Verhältnis von Souveränität und Nationalstaatlichkeit neu in den Blick zu nehmen; das Zusammenspiel parallel verlaufender Territorialisierungsmuster könnte untersucht und Europa in einem globalen Kontext provinzialisiert werden. </p>

<p><strong>Europäische Raumordnungen zur Zeit der Französischen Revolution</strong></p>

<p>In seinem Vortrag warf Middell zunächst die Frage auf, nach welchen Kriterien die Französische Revolution als Zäsur gelte, denn durch die transnationale Perspektive hätten zentrale Ereignisse der innereuropäischen Geschichte an Bedeutung verloren. Deshalb müsse man die Französische Revolution in einen globalen Zusammenhang stellen, etwa in den Kontext der weltweiten Konkurrenz Frankreichs mit England oder in die globale Krisenhaftigkeit des 18. Jahrhunderts. Nach dieser Perspektive sei die Französische Revolution Teil eines Revolutionszyklus von globalem Ausmaß; die französischen Revolutionäre hätten aus dem Scheitern und dem Erfolg vorausgegangener Proteste gelernt. Eine zunehmende Mobilität der Informationen und die Professionalisierung der Gesellschaftsbetrachtung hätten einen transnationalen „Kommunikationsarm" geschaffen und die Intellektuellennetzwerke der Frühen Neuzeit abgelöst.</p>

<blockquote class="right">18. Jahrhundert: Krise der alten Territorialisierungsregime.</blockquote><p>Seit Beginn des 18. Jahrhunderts seien die alten Territorialisierungsregime in eine Krise geraten, auf die die Suche nach einer neuen Raumordnung gefolgt sei. Letztendlich hätte die Französische Revolution in der Folge auch ein Verschwinden der inneren Territorialisierungsmuster bedeutet, da sie als unzureichend für die Mobilisierung von Ressourcen und die Integration der Bevölkerung erschien. Europa sei zum Schlachtfeld der Auseinandersetzung über neue Raumordnungen geworden. Dies habe eine „Atempause" europäischer Expansionsbestrebungen bedeutet; nichteuropäische Räume hätten vorübergehend an Bedeutung verloren gegenüber innereuropäischen Neuordnungen des Raums, wie etwa durch die polnischen Teilungen oder den Reichsdeputationshauptschluss. Diese Ambivalenz aus einerseits intensiven Bemühungen um eine Ordnung in Europa und die Vernachlässigung des außereuropäischen Raumes andererseits habe einen Funktionswandel hin zu „Nationalstaaten mit imperialen Ergänzungsräumen" ermöglicht. </p>

<p><strong>Europa in der zweiten Globalisierungswelle 1970-2010</strong></p>

<p>Anschließend sprach Michael Geyer über die Entterritorialisierung und Grenzziehung in Europa zwischen 1970 und 2010. Dabei nahm er an, dass die 1970er Jahre einen europäischen Wendepunkt und eine übergreifende Strukturkrise darstellten. Damit verortete er den Beginn der „Geschichte der Gegenwart" in diese Zeit. Aufgabe sei es nun, diese jüngste Zeitgeschichte in ein historisches Narrativ zu bringen. Momentan herrsche nämlich vor, sich bei der Erzählung der letzten vierzig Jahre auf Ereignisse, nicht auf historische Entwicklungslinien zu konzentrieren. </p>

<blockquote class="left">Transnationalismus nach 1970 beinhaltet u.a. die Aneignung fremder Sprachen und Kulturen, sowie die Idee eines demokratischen Universalismus.</blockquote><p>Geyer formulierte die Hypothese, dass die Probleme einer Verschriftlichung der jüngsten Geschichte mit Fragen und Problemen der Transnationalität zusammenhingen. Er veranschaulichte zwei Formen, wie man die Geschichte der Reaktion auf den globalen Schock der 1970er Jahre erzählen könne: Erstens aus einer pessimistischen Sicht als eine Zeit nach dem Boom und eine Geschichte der Vertreibung aus eine Welt des Wohlstands und der Sicherheit. Zweitens könne diese Geschichte auch optimistisch betrachtet werden als eine Zeit von Helsinki, der Menschenrechte und der Befreiung von Nationen und Subjekten. Die Möglichkeit, sich andere Kulturen und Sprachen anzueignen, sei eines der konkreten transnationalen Elemente nach 1970. Die transnationale Geschichte sei auch die Idee von Europa als Ort ohne Grenzen, als Ort der Konfiguration eines europäischen Subjekts, als Ort der humanen Weltoffenheit und des demokratischen Universalismus.</p>

<p>Weiterhin identifizierte Geyer mehrere Phänomene, die es ermöglichen könnten, in der Erzählung der letzten 40 Jahre von den Ereignissen abzurücken und die Transnationalität in der Geschichte zu verankern. </p>

<p>Erstens sprach Geyer von einer „rekombinativen Nationalität", also der Verwandlung Europas in einen postimperialen Kontinent von Republiken und in Nationen mit autonomen Räumen der Politik. Europa hätte in dieser Zeit durch die sukzessive Deimperialisierung europäischer Metropolen, die Zurückdrängung des sowjetischen Imperiums und das Auseinanderdriften Europas und der USA einen langen Prozess zu Ende gebracht. Die entscheidende Entwicklungslinie sei hier diejenige Osteuropas gewesen.</p>

<p>Zweitens garantierten nun Nationen weder Sicherheit von Wohlfahrt, noch die Unabhängigkeit von transnationalen Einflüssen. Die Nationalisierung Europas habe einen Abschluss gefunden, allerdings in einer neuen Realität: Sicherheit und Wohlfahrt seien jetzt als Kernbereiche nationaler Souveränität jenseits des Nationalstaates angesiedelt und würden zum Gegenstand von konkurrierenden Regulierungs- und Deregulierungssystemen. Dies habe unter anderem zwei Auswirkungen: Erstens habe sich Europa in einen Raum regionaler Ordnungen verwandelt. Zweitens habe sich in den letzten 40 Jahren ein neues Wertesystem herausgebildet, indem sich die Subjekte in einer europäischen Interdependenz verorteten, sich aber auch in dieser Transnationalität verlören. Nationalität und Subjektivität konstituierten sich jeweils neu; diese Neukonstitution sei analytisch jedoch nur im transnationalen Kontext greifbar.</p>

<p>Zu dieser postimperialen Konstitution Europas käme weiterhin die Industrialisierung anderer Weltregionen hinzu, die eine Rückzugsbewegung Europas auf sich selbst verstärkt hätte. Europa habe seinen globalen Modellstatus verloren - mittlerweile gäbe es wichtige konkurrierende Modernen. Diese Perspektive ließe jedoch auch eine Provinzialisierung Europas zu, die ein integraler Bestandteil einer Transnationalisierung Europas sein müsse. </p>

<p><strong>Europa in der „World History" und der Integrationsgeschichte </strong></p>

<p>Im zweiten Teil des Panels thematisierte Katja Naumann die „Transnationalisierung Europas in der Weltgeschichtsschreibung" und stellte zunächst die Dringlichkeit einer „Entgrenzung" Europas auf: Erstens könne die Geschichte Europas nicht mehr in sich abgeschlossen geschrieben werden. Zweitens sollte eine  Historisierung der europäischen Integrationsgeschichte befördert werden, welche die Geschichte EU-Europas nicht mehr isoliert und nach innen gerichtet betrachte. Sie führte anhand einer Analyse des Palgrave Dictionary of Transnational History aus, dass Europa in der nordamerikanischen World History eine untergeordnete Rolle zukäme. Zwar hätten seit den 1940er Jahren Drittmittel für die Auseinandersetzung mit Europa bereit gestanden, dennoch fand die europäische Geschichte kaum Eingang in die nordamerikanische Weltgeschichtsschreibung. </p>

<p>Naumann führte aus, dass Weltgeschichte lange ein Bereich der Lehrerbildung gewesen sei und dabei auf die Vermittlung von Allgemeinwissen fokussiert habe. Ab den 1930er Jahren habe sie sich auf außereuropäische Regionen wie etwa Lateinamerika gerichtet. Ab dem Zweiten Weltkrieg wurde die Regionalwissenschaft ausgebaut - Europa sei dabei jedoch nicht zu einem Teilbereich der area studies geworden, sondern blieb für sich in den european studies; im Kontext der Eurozentrismuskritik hatten europäische Themen keine Priorität. Mittlerweile würden in den weltgeschichtlichen Analysen in den USA jedoch Europas Verflechtungen thematisiert.<br />
Anschließend fragte Steffi Marung, wie man eine transnationale Geschichte Europas nach innen, quasi eine „binnentransnationalisierte Geschichte", schreiben könne, die die Verflechtung Europas nach außen berücksichtige. Dazu analysierte sie die Geschichtsschreibung zur europäischen Integration in Bezug auf transnationale Fragestellungen. Sie betonte, dass die Kritik an der introvertierten Geschichtsschreibung Europas ernst genommen werden müsse. </p>

<blockquote class="right">Kritik an der Selbstreferentialität der europäischen Geschichtsschreibung. </blockquote><p>Eine transnationale Geschichte Europas ließe sich zudem nicht ohne die Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte schreiben. Damit verwies sie auf die von Jürgen Osterhammel bereits kritisierte „internalistische Orthodoxie", also die übertriebene Selbstreferentialität der europäischen Geschichtsschreibung. Auch wenn es in diesem Bereich schon Fortschritte gäbe, sei das Problem noch nicht vollständig beseitigt: Es gebe, so Marung, noch keine systematische Betrachtung der globalen Verflechtung und Grenzüberschreitung in der europäischen Geschichtsschreibung; gleichzeitig versuche sich Europa jedoch, vor allem in Form der EU-Institutionen, global neu zu definieren und als globaler Akteur zu positionieren. </p>

<p>Die europäische Integration sei bedeutend für die Zeitgeschichtsschreibung, da hier die Nachfrage nach einem europäischen Geschichtsbild formuliert würde. Zudem veranschaulichten die Institutionalisierung der Europäischen Union neue Grenzen und Erfahrungsräume Europas. Zudem zeigte Marung auf, wie im Journal of European Integration History in den letzten Jahren Europa in globale Prozesse eingebunden wurde und welche Rolle in den Beiträgen außereuropäische Prozesse und Akteure spielten. </p>

<p>Abschließend formulierte Marung drei Felder, die im Kontext der europäischen Integrationsgeschichte stärker berücksichtigt werden sollten: Erstens ein Nachdenken über „europäische Ergänzungsräume", zweitens der Zusammenhang von europäischer Integration und außereuropäischer Dekolonisation sowie drittens die Forschung zu Themengebieten, die sich mit europäischen Grenzfragen oder europäischer Migration, also mit Fragen der Formierung Europas im Verhältnis nach außen, beschäftigen. </p>

<p>Abschließend kommentierte Michael Mann die vorausgegangenen Vorträge aus der Perspektive der Südasienwissenschaften.  </p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/102-Prof.%20Dr.%20Matthias%20Middell">Territoriale Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen: Eine transnationale Geschichte Europas</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="55"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em"><strong>Angela Siebold</strong> ist Doktorandin am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 41px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Angela Siebold" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/img/Siebold_55.jpg" class="mt-image-left" width="45" height="55" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS)</em></small><br />
</p>
     <hr />

<a href="http://www.scienceblogs.de/redirect.php?7424,http%3A%2F%2Fwww.scienceblogs.de%2Fwerbung.php" target="_blank"><img src="http://www.scienceblogs.de/rssadds/Banner_Kauf_mich_468.gif" border="0" alt="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " title="Werbung auf ScienceBlogs. Bannerwerbung nicht nur im RSS-Feed. " /></a>


   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/europa-transnational.php</link>
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                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Deutsche Postings</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Epochenübergreifende Sektion</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Politik</category>
            
            
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                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#tag">Sektionsbericht</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#tag">Transnationalisierung</category>
            
            <pubDate>Fri, 08 Oct 2010 09:30:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Homo portans - Eine Kulturgeschichte des Tragens</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Das interdisziplinäre, epochenübergreifende Projekt der Mannheimer Universität „Homo portans" befasst sich mit dem für uns selbstverständlichen sowie vielfältigen Zustand des „Tragens". Untersucht wird, wie sich dieser Vorgang auf die Menschheit auswirkte und sich über die Zeit entwickelte. Von Beginn ihrer Geschichte an trugen die Menschen ihre Kinder, Waren, Besitztümer, Schmuck und Symbole. Das Projekt leistet also Grundlagenforschung zur kulturgeschichtlichen Evolution des Menschen. </strong></p>

<p><em>Von Gina Fuhrich</em></p>

<p>Karl Siegbert leitete die Vortragsreihe mit einer umfassenden Zusammenfassung über die vielfältigen Bedeutungen des Zustands des Tragens ein, der omnipräsent im menschlichen Leben ist. Allerdings ist der Transport schwerer Dinge, so Siegbert, hauptsächlich Frauensache, da auf sie das Schwere abgewälzt wird. Tragen an sich steht also auch in Verbindung mit der Sozialstruktur und der Hierarchisierung einer Gesellschaft. Überdies tragen Menschen nicht nur materielle Last, sondern auch psychische. Die Religion ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. </p>

<p><em><small>* Screenshot der Website zum Forschungsprojekt</small></em><br />
<img title="Homo-Portans-Website" alt="Homo-Portans.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Homo-Portans.jpg" width="540" height="113" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 4px 0px 4px 0px;" /></p><p>Die Menschen werden von Gott getragen oder tragen selbst religiöse Zeichen. Jesus trug das Kreuz und die Sünden der Welt. Zugleich ist das Tragen immer mit dem technischen Entlastungsprinzip verbunden, um das Transportieren von Lasten besser bewältigen zu können, wie beispielsweise Entlastung durch Kräne oder Verkehrsmittel. Dies führte zu einer erheblichen Verbesserung der menschlichen Lebensqualität und Energieersparnis. Selbst der Tod steht in Zusammenhang mit der Entlastungstendenz in der Redewendung „jemanden zu Grabe tragen", also die rituelle Begleitung des Toten durch die Angehörigen. Des Weiteren gehört das Tragen von Kleidern als Statussymbol oder Schmuck in diesen Kontext. Außerdem kann der Mensch als Träger von Krankheit, Geheimnissen oder von Recht und Autorität fungieren.</p>

<p><strong>Von tragbarer Kunst und der religiösen Dimension des Tragens</strong></p>

<p>Sibylle Wolf stellte das Tragen von Schmuck, speziell von Frauenfiguren, in Europa vor ca. 40.000 Jahren dar. Hier unterschied sie einmal zwischen Wandkunst wie der Felsmalerei und der mobilen Kunst, also tragbarer Kunst, wie beispielsweise die berühmte Venus von Willendorf. Die Frauenfiguren wurden als Kettenanhänger genutzt, meist kopfüberhängend. <br />
Maria Häusl betonte anschließend die religiöse Komponente des Tragens. Anhand von Bibelausschnitten belegte sie das Motiv des tragenden Gottes. Jesaja trägt hier sein Volk (Israel). Es besteht also eine Art Eltern-Kind Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Agostino Paravicini Bagliani knüpfte daran an und beschrieb den Papst als Träger göttlicher Autorität. Der Papst trägt besondere Kleidung sowie symbolische Artefakte und erhält dadurch seinen Status und seine Autorität. Gleichzeitig ist er Träger der Kirche und Stellvertreter Christi. </p>

<blockquote class="left">Warenträger des Mittelalters wurden zwar schlecht bezahlt, hatten aber eine politische Stimme in den Städten.</blockquote><p>Sabine von Heusinger nahm Bezug auf die Warenträger im Mittelalter. Diese teilt sie in zwei Gruppen ein: Träger mit und ohne Hilfsmittel, die vor allem im Baubetreib aber auch für den Transport der städtischen Waren zuständig waren. Beliebte Hilfsmittel waren unter anderem Eimer, Tragestock, Trage, Karren oder Schubkarre. Die Warenträger waren ein wichtiger Faktor in der mittelalterlichen Gesellschaft und unabdingbar für den Warenverkehr. Obwohl sie meist ein eher niedriges Einkommen bezogen, hatten sie aufgrund ihrer Bedeutung trotzdem eine politische Stimme in den Städten. </p>

<p><img title="Lästersteine. Museum des Lebuser Landes in Zielona Góra, Foto: Jan Mehlich" alt="Schandsteine.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Schandsteine.jpg" width="260" height="211" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" /><strong>Tragen als Bestrafung: Schandsteine oder Lästersteine</strong></p>

<p>Tragen wurde im Mittelalter allerdings auch als Strafe angesehen. Jörg Wettlaufer stellte in seinem Vortrag die Schandsteine vor. Diese mussten zur Strafe von Frauen von einer zur anderen Stadt um den Hals getragen werden und wogen zwischen 12-50 Kilo. Die Strafe wurde vor allem in Mitteleuropa zwischen dem 12-17. Jahrhundert verhängt. Eingesetzt wurde sie bei Schmähungen, Beleidigungen oder Streit unter Frauen. Der Vollzug der Strafe war öffentlich. Später wurde sie auch für Männer verhängt, die sich des Betrugs oder Diebstahls schuldig gemacht hatten. Der Ursprung dieser Strafe liegt wahrscheinlich bei der Harmschar (dem Hundetragen im Mittelalter). Durch diese Strafe sollte der Frieden zwischen den beiden Frauen hergestellt und eine Besserung erreicht werden. <em><small>(* Auf dem Foto sind sog. Schand- bzw. Lästersteine zu sehen, die um den Hals getragen werden mussten.)</small></em></p>

<p>Das Tragen als Strafe gab es aber auch im 20. Jahrhundert durch die Zwangsarbeit. Peter Steinbach erklärte eindrucksvoll, wie 1933 ein Bruch in der Bedeutung von Arbeit zu verzeichnen ist. Früher wurde Arbeit in der Gesellschaft hoch angesehen, nun galt sie unter den Nazis als Disziplinierungsmaßnahme. Die Zwangsarbeit steht in Verbindung mit der Rassenideologie, die Tragen als Symbol der Minderwertigkeit darstellte. Die Zwangsarbeiter wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und als wertlos bezeichnet, also durch die Arbeit entwürdigt. Es galt der Leitspruch: Vernichtung durch Arbeit. Heute sind die Opfer jedoch Vorbilder, da sie würdevoll ihre Last trugen und somit den damals Mächtigen die Grundlage entzogen, über sie triumphieren zu können.</p>

<p>Johannes Paulmann thematisierte den Kolonialismus und arbeitete eine interessante Ambivalenz heraus. Einerseits trugen die Kolonisierten gezwungenermaßen Lasten und Waren für die Kolonisatoren und andererseits musste der „weiße Mann" die Bürde tragen, die Zivilisation gegen den Willen der Indigenen voranzutreiben. </p>

<p><strong>Die Gender-Dimension des Tragens</strong></p>

<p>Sigrid Schmitz forscht im Bereich Gender Studies und zu dem Thema, welche Auswirkungen das Geschlecht auf den Zustand des Tragens hat. Es gibt vier Hauptnarrationen, wie sich der Mensch entwickelt und seine Fähigkeiten ausgebildet hat, die alle auf den gleichen Befunden basieren. Die erste Theorie besagt, dass die Männer für das Jagen und die Frauen für die Kinderaufzucht und das Sammeln zuständig waren. Eine andere Theorie geht wiederum davon aus, dass durch die enge Mutter-Kind-Beziehung die Gesellschaft teilen und sammeln lernte und somit die kognitiven Leistungen ausbilden konnte. Desweiteren gehen einige Theoretiker von einer monogamen Kleinfamilie aus, in der der Mann für die Nahrungsbeschaffung und die Frau für die Kinderaufzucht zuständig ist. Die vierte Theorie besagt, dass der Mensch ein Aasfresser war und somit keine geschlechtliche Arbeitsteilung notwendig war. Schmitz arbeitete heraus, dass die gleichen Befunde abhängig von der Zeit anders interpretiert werden, da die Wissenschaft den heutigen Zustand auf früher projiziert. So werden in den Grafiken, die unsere Vorfahren illustrieren sollen, die Frauen mit Kind dargestellt und die Männer beispielsweise mit einem Werkzeug.</p>

<ul>	<li>Weitere Informationen kann man auf der offiziellen Website des Projektes nachlesen: <a href="http://www.homo-portans.de">www.homo-portans.de</a> </li>
<li><a href="http://homo-portans.de/2010/ausflug-nach-berlin/">Kleine Rückschau auf die Historikertagssession auf Homo-Portans.de</a></li>
<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/123-Prof.%20Dr.%20Annette%20Kehnel%20/%20PD%20Dr.%20von%20Heusinger">Homo portans - eine Kulturgeschichte des Tragens</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Gina Fuhrich studiert Mittlere und Neuere und Neueste Geschichte und Ethnologie an der Universität Heidelberg.</font></td><td style="width: 43px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Gina Fuhrich" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Gina_Fuhrich_60.jpg" class="mt-image-left" width="43" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS)</em></small></p>
     <hr />

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   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/homo-portans-eine-kulturgeschichte-des-tragens-1.php</link>
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                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Deutsche Postings</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#category">Epochenübergreifende Sektion</category>
            
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#tag">Homo Portans</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#tag">Kulturgeschichte</category>
            
                <category domain="http://www.sixapart.com/ns/types#tag">Sektionsbericht</category>
            
            <pubDate>Thu, 07 Oct 2010 16:00:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Clan-Strukturen als Faktor sozialistischer Führungspolitik</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Bis heute ist die Verteilung hoher politischer Posten oft von sozialen Netzwerken und persönlichen Beziehungen abhängig. Dass es Clan-Strukturen auch im staatssozialistischen Osten zu Zeiten des Kalten Krieges gab, stellte die von Jens Gieseke moderierte Sektion am Freitagmorgen dar. Dabei ging es jedoch nicht nur um Posten und Ämter, sondern auch um innerparteiliche und zwischenstaatliche Beziehungen.</strong></p>

<p><em>Von Philipp Meller</em></p>

<blockquote class="right">Welche Rolle spielten Clan-Strukturen bei der Vergabe von Posten in den ehemaligen sozialistischen Staaten Osteuropas und inwieweit unterliefen sie dabei die offiziell propagierten Hierarchien?</blockquote><p>Jens Gieseke, Projektleiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, führte mit kurzen Überlegungen in die Problematik der Sektion mit dem Titel „Clan-Strukturen und Policy-Akteure. Die Machtzentralen der staatssozialistischen Parteien zwischen Poststalinismus und Perestroika" ein. Indem Gieseke behauptete, die äußere Homogenität der hierarchischen Strukturen sei nur eine Requisite der staatlichen und parteiinternen Organisationen, warf er bereits eine nicht unumstrittene These in die Runde der versammelten Referenten. Weiter umriss der Leiter der Sektion eine der Hauptfragen des Vormittags: Welche Rolle spielten Clan-Strukturen bei der Vergabe von Posten in den ehemaligen sozialistischen Staaten Osteuropas und inwieweit unterliefen sie dabei die offiziell propagierten Hierarchien?</p>

<p><small><em>* Die Referenten und der Leiter der Sektion „Clan-Strukturen", Jens Gieseke (rechts), Foto: Philipp Meller</em></small><br />
<img title?"Referenten der Sektion 'Clan-Strukturen'" alt="Clan-Strukturen.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Clan-Strukturen.jpg" width="540" height="204" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 4px 0px 4px 0px;" /><br />
</p><p><strong>Der Wandel sowjetischer Personalpolitik</strong></p>

<p>Zunächst widmete sich die schon lange mit der Geschichte und den Spannungen Osteuropas vertraute Susanne Schattenberg dem Übergang des von brutaler Gewalt beziehungsweise Unberechenbarkeit geprägten Führungsstils Josef Stalins und Nikita Chruschtschows zur liberal und konsensual wirkenden Personalpolitik Leonid Breschnews. Letzterer markierte laut Schattenberg einen neuen Typus des sowjetischen Regierungschefs. Die erfolgreiche Durchsetzung seines Willens bei der Besetzung von wichtigen Posten innerhalb der kommunistischen Partei- und Staatsorganisation kann allerdings nur vor dem Hintergrund der Praxis seiner Vorgänger treffend bewertet werden. </p>

<blockquote class="left">Breschnew verkörperte einen neuen Typus des sowjetischen Regierungschefs. </blockquote><p>Bereits Chruschtschow beendete die totalitäre Herrschaftsausübung Stalins, begründete selbst jedoch zunächst ein eigenes Patronagesystem. Hierbei förderte er vielversprechende Talente der Partei und übergab ihnen wichtige Posten. So begann auch Breschnew seine Karriere als politischer Ziehsohn des Generalsekretärs. Als Chruschtschow dann jedoch - auch für die heutige Forschung überraschend - seine Politik änderte, ehemals geförderte Partner fallen ließ, Vergünstigungen abschaffte und weitere Umstrukturierungen im Staatsapparat vornahm, wandten sich viele Parteigenossen gegen den Regierungschef. Der Sturz Chruschtschows im Jahr 1964 erfolgte demnach auch nicht, wie oft behauptet, aufgrund seiner außenpolitischen Misserfolge. Vielmehr lag die Motivation des Zentralkomitees darin begründet, der willkürlichen Personalpolitik ein Ende zu machen und damit auch die eigenen Laufbahnen der Funktionäre nicht zu gefährden. </p>

<p><img title="Leonid Breschnew im Jahr 1974" alt="Leonid_Breschnew.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/Leonid_Breschnew.jpg" width="170" height="266" class="mt-image-right" style="float: right; margin: 0 0 10px 10px;" />Breschnew, der Chruschtschow nachfolgte, wollte nach den extremen Führungspraktiken seiner beiden Vorgänger eine Phase der Ruhe einleiten. Obwohl er stets vermittelnd und weniger autoritär wirkte, gelang es ihm, mit Beharrlichkeit, Überzeugungsarbeit und vor allem viel taktischem Verhandlungsgeschick nach und nach die „kollektive Führung" nach seinem Willen umzugestalten. Dabei sorgte er sich auch um alte Bekannte und Genossen aus seiner Heimat Dnjepropetrowsk. Als er schließlich mit Hilfe seiner Anhänger erreichte, dass das Amt des Obersten Sowjets, dem rechtlichen Staatsoberhaupt der UDSSR, mit dem des Generalsekretärs zusammenfallen sollte und ihm wie geplant angetragen wurde, stellte er sich vor dem so entmachteten und fassungslosen Podgorny ahnungslos und entgegnete ihm ruhig: „Das Volk scheint es so zu wollen."</p>

<p>Als zweiter Referent griff Francesco di Palma die Verbindungen der SED aus der Deutschen Demokratischen Republik mit anderen kommunistischen Vereinigungen in Europa auf. Sein Vortrag wandte sich eher an ein fachkundiges Publikum, da die Betrachtungen über Akteure, Funktionsweisen und Probleme der Thematik ein gewisses Maß an Vorwissen voraussetzten. Fazit seiner im Kommentar von Christoph Boyer hochgelobten Überlegungen war, dass die Führung der SED meist aus rein taktischen Gründen keine Beziehungen zu anderen kommunistischen Organisationen in Europa wünschte und dem sogenannten Eurokommunismus über lange Zeit ablehnend gegenüber stand. </p>

<blockquote class="right">Spannungen und Konflikte zwischen den sozialistischen Bruderstaaten.</blockquote><p>Der gebürtige Rumäne Petru Weber vertiefte einen weiteren Aspekt der zwischenstaatlichen Beziehungen im ehemals sozialistischen Osten Europas und zeigte damit, dass sich diese keinesfalls immer partnerschaftlich ausdrückten, sondern auch erhebliche Spannungen beinhalten konnten. Als Beispiel wählte er dabei die Konflikte zwischen den kommunistischen Führungen Ungarns und Rumäniens. Gerade Nicolae Ceaușescus Assimilationspolitik beleuchtete Weber kritisch. Hier stellte er heraus, dass die rumänische Führung mit den Maßnahmen zur Homogenisierung der Bevölkerungsgruppen vielmehr eine Steigerung und Vereinheitlichung des öffentlichen Patriotismusgefühls verfolgte, anstatt einen Hass auf die ungarische Minderheit in Rumänien zu schüren.</p>

<p>Als letzter Referent ging Rüdiger Bergien aus Potsdam in seinen sehr vertiefenden Ausführungen auf die Kontrollmaßnahmen der SED gegenüber auffälligen Parteiorganen ein. Hierfür wurden eigens Brigadeeinsätze durchgeführt. Allerdings zielte man dabei nicht auf starke Repressionen gegen auffällige SED-Mitglieder, sondern versuchte, der in manchen Parteigruppen festgestellten „Verspießerung" und „kleinbürgerlichen Bequemlichkeit" entgegenzuwirken. Die Parteifunktionäre aus der zweiten Reihe vermissten oft bei ihren Parteigenossen den sogenannten „proletarischen Habitus" und ordneten dann die besagten Einsätze an.</p>

<p><strong>Beispiel China noch unverdaut</strong></p>

<p>Bevor er in einem differenzierten und kritischen Kommentar auf die einzelnen Vorträge einging, leitete Christoph Boyer von den dargestellten Clan-Strukturen eine eigene Überlegung ab. So sei die scheinbare Homogenität innerhalb der sozialistischen Machtstrukturen wie von Gieseke zu Anfang erwähnt durchaus brüchig, allerdings betonte Boyer auch, dass im Vergleich zu den elastischen und viel dynamischeren westlichen Gesellschaftsstrukturen die Hierarchien in den sozialistischen Staaten schon per se eine viel stärkere Homogenität aufwiesen. Wie das Beispiel Chinas mit seinen starren Machtstrukturen und zugleich einer marktorientierten, boomenden Wirtschaft mit dieser These zu verbinden sei, blieb hingegen auch Boyer ein Rätsel, der im Hinblick auf diesen Ausnahmefall von einer „irren Entwicklung" sprach, die er theoretisch noch nicht verdaut habe. <br />
  <br />
<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/92-Dr.%20Jens%20Gieseke%20/%20Dr.%20R%C3%BCdiger%20Bergien">Clan-Strukturen und Policy-Akteure. Die Machtzentralen der staatssozialistischen Parteien zwischen Poststalinismus und Perestroika</a></li></ul></p>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="4px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font size="2.0em"><strong>Philipp Meller</strong> hat Geschichte und Religionswissenschaft in Heidelberg studiert und beginnt in Kürze ein Masterstudium in Geschichte. </font></td><td style="width: 39px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Philipp" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Philipp_Meller_60.jpg" class="mt-image-left" width="39" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS)</em></small></p>
     <hr />

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   ]]></description>
            <link>http://www.scienceblogs.de/historikertag/2010/10/clanstrukturen-als-faktor-sozialistischer-fuhrungspolitik.php</link>
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            <pubDate>Thu, 07 Oct 2010 11:00:00 +0100</pubDate>
        </item>
        
   
        <item>
            <title>Krisenwahrnehmungen und gesellschaftlicher Wandel in den 1970er und 1980er Jahren in transatlantischer Perspektive</title>
            <description><![CDATA[
     <p><strong>Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA einer massiven Belastungsprobe ausgesetzt waren. Die Verweigerung der Gefolgschaft im Irak-Krieg 2003 durch die rot-grüne Bundesregierung führte zu Verstimmungen solchen Ausmaßes, dass in vielen Medien von einem einzigartigen Phänomen gesprochen wurde. Nie zuvor in der gesamten Nachkriegsgeschichte sei es zu einem derartigen Konflikt gekommen.</strong></p>

<p><em>Von Carlos A. Haas</em></p>

<p>Das Historikertags-Panel „Krisenwahrnehmungen und gesellschaftlicher Wandel in den 1970er und 1980er Jahren in transatlantischer Perspektive" machte deutlich, dass es sich bei der Krise zu Beginn des 21. Jahrhunderts weder um ein singuläres Ereignis handelte, noch die konkrete politische Situation als deren alleiniger Auslöser anzusehen ist. Vielmehr sei das transatlantische Verhältnis noch nie völlig krisenfrei gewesen. Den 1970er Jahren käme hierbei die Rolle einer Epochenwende zu, was dann in den 1980er Jahren zu qualitativen Änderungen geführt habe.</p>

<p><em><small>* Die NATO bildet den sicherheitspolitischen Kern des transatlantischen Verhältnisses. Hier ein Foto des NATO-Gipfeltreffens zum 50. Jahrestags des Bündnisses 1999.</small></em><br />
<img alt="NATO_Gipfel_in_Washington_1999.jpg" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/NATO_Gipfel_in_Washington_1999.jpg" width="540" height="182" class="mt-image-center" style="text-align: center; display: block; margin: 4px 0px 4px 0px;" /></p><p>Der erste Beitrag stammte von Ariane Leendertz, die das Panel konzipiert und organisiert hatte. Ariane Leendertz arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und kann auf Lehrtätigkeiten an verschiedenen renommierten Hochschulen der USA zurückblicken. </p>

<blockquote class="left">Die vermeintliche oder tatsächliche Krisenhaftigkeit hat verschiedene (kulturelle, politische, wirtschaftliche) Dimensionen, die unterschieden werden können.</blockquote><p>Mit Blick auf die Zeit von 1969 bis 1979 stellte sie die Frage, inwiefern die diesem Zeitraum sowohl von den Zeitgenossen als auch von der Nachwelt zugesprochene Krisenhaftigkeit sich auf ideelle und kulturelle Aspekte der transatlantischen Beziehungen auswirkte. Ausgehend von der Situation in den Vereinigten Staaten arbeitete sie in einer virtuosen Analyse die Wechselwirkungen von zeitgenössischer Krisenrhetorik und Krisenbewusstsein heraus, die mit internationalen bzw. globalen Verhältnissen korrespondierten. </p>

<p>Zbigniew Brzezinskis Buch „Between Two Ages - The Technotronic Era" aus dem Jahr 1971 führte sie in diesem Zusammenhang als Beispiel für die Wirkmächtigkeit von Gesellschaftstheorien im Hinblick auf Reflexionen über die Verhältnisse der Zeit an. Unterschiede in den Bewältigungsversuchen der Krise „hüben und drüben", also in den USA und der Bundesrepublik, sah sie vor allem im jeweiligen Verhältnis zur Vergangenheit. </p>

<p>Als langjähriger und ausgewiesener Experte referierte anschließend Michael Geyer (Chicago) über die politische Ökonomie Europas und der USA in der Zeit von 1979 bis 2009. Er diagnostizierte für die Vereinigten Staaten eine radikale Redifferenzierung ihrer Binnenstruktur sowie eine massive Verschärfung von Ungleichheit. Ähnlich wie Leendertz sah er das Element der Zukunftsgewinnung als Unterscheidungsmerkmal von Europa einerseits und USA andererseits. Für Europa, genauer gesagt für Kontinentaleuropa, machte er die Peripherisierung prekärer Verhältnisse als Epochencharakteristikum aus. Die abweichenden Reaktionen auf den „shock of the global" seien, so Geyer, tatsächliche, nicht nur konstruierte Unterschiede.</p>

<p><strong>Zwischen Krise und Kommerz</strong></p>

<p>Einen kulturgeschichtlichen Ansatz vertrat im folgenden Referat Philipp Gassert (Augsburg), der die Verarbeitung der Nuklearkrise der 1980er Jahre in den Medien untersuchte. Mit zahlreichen anschaulichen Beispielen aus der Popkultur (Nicole: „Ein bisschen Frieden", Udo Lindenberg: „Wozu sind Kriege da?") zeigte er nicht nur das Spannungsverhältnis von Angst vor einem Atomschlag und deren Kommerzialisierung auf, sondern wies auch auf die Stellvertreterfunktion der Auseinandersetzung über Krieg und Frieden hin. Der zuvor differenziert und mit hohem Komplexitätsgrad geführte Krisendiskurs wurde auf diese Weise, so Gassert, vereinfacht und zugespitzt und eignete sich nun als orientierungsstiftende Größe mit narrativer Struktur. Dass dieses Narrativ eine starke mediale Komponente besaß, sei ein Beweis für den Wandel der Gesellschaft in eine Mediendemokratie, der bereits vor der flächendeckenden Einführung des Internets eingetreten sei.</p>

<blockquote class="right">In den 1980er Jahren kann in Westdeutschland eine Welle des Antiamerikanismus diagnostiziert werden, die als Teil eines Viktimisierungsdiskurses gelesen werden kann.</blockquote><p>Sozialgeschichtlich argumentierte Holger Mehren (Oxford), der sich mit der westdeutschen Friedensbewegung und der Krise der transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft befasste. Er verortete die Bewegung im Rahmen eines Viktimisierungsdiskurses, wie er in der ganzen BRD stattfand. Außerdem thematisierte er die Kategorie des Antiamerikanismus, der in der Auffassung US-amerikanischer Politik als konkrete Bedrohung für Deutschland und die Welt gegipfelt habe. Das vor den 1980er Jahren noch weitestgehend intakte Sicherheitsbündnis, das den USA vor allem militärische, der BRD wirtschaftliche Sicherheitswahrung zugewiesen habe, sei aufgrund der Auswirkungen der deutschen Erfahrungen mit massiver Gewalt im Laufe des 20. Jahrhunderts und der daraus resultierenden Ablehnung kriegerischer Politik in eine Krise geraten. Auch wenn diese in den 80ern noch nicht den politischen Bereich erreicht habe, so könne sie deshalb keineswegs negiert werden.</p>

<p>Die Sektion fand in den beiden brillanten Kommentaren von Uta Balbier (Washington) und Adelheid von Saldern einen Schlusspunkt. Balbier und Saldern begrüßten die Vielfalt der in den Vorträgen angewandten Ansätze, insbesondere die kulturwissenschaftlichen Herangehensweisen. Sie forderten eine differenziertere Verwendung der Begrifflichkeiten, in Sachen kulturwissenschaftlicher Methode plädierten sie für eine stärkere Einbeziehung der Kategorie „Emotionen". Uta Balbier spitzte ihre Anmerkungen auf zwei Kernfragen zu:</p>

<p>Zunächst fragte sie, inwiefern die wissenschaftliche Wahrnehmung der 1970er und 1980er Jahre in einer Wechselwirkung mit der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methodik stünde und wie diese Wechselwirkung zu bewerten sei.<br />
Sodann stellte sie den Begriff „der Westen" zur Diskussion und fragte, ob es sich hier nicht eher um ein Narrativ der - wiederum zu hinterfragenden - westlichen Wertegemeinschaft handle. Frau von Salbern machte auf die Ungleichzeitigkeit von Diskursen und Handlungen aufmerksam und kritisierte den Krisenbegriff als eventuell zu normativ.</p>

<p>Die leider nicht nach den einzelnen Vorträgen, sondern erst ganz am Ende des Panels stattfindende Diskussion zeichnete sich durch viele interessante Anfragen aus. Auf einer Metaebene ergab sich die Frage, inwieweit Zeithistoriker die eigene Zeitzeugenschaft ausblenden könnten und müssten, oder ob bei der Wahl eines alternativen Zugangs die Zeitzeugenschaft gar als unschätzbarer Vorteil anzusehen sei.<br />
Die Sektion unter der souveränen und charmanten Leitung von Christoph Mauch (LMU München) war aufgrund der vielen grundsätzlichen Fragen, die hier thematisiert wurden, sicherlich eine der spannendsten des 48. Historikertags.</p>

<ul>	<li>Link zur Sektionsseite: <a href="http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/sektionsuebersicht/categoryevents/109-Prof.%20Dr.%20Christof%20Mauch">Krisenwahrnehmungen und gesellschaftlicher Wandel in den 1970er und 1980er Jahren in transatlantischer Perspektive</a></li></ul>

<div class="autor"><a href="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren-redaktion.php"><table style="border-spacing: 1px;" ;="" border="0" cellpadding="3px" height="60"><tbody><tr>   <td style="width: 500px;"><font ;="" size="2.0em">Carlos A. Haas, Student an der Universität Heidelberg (Musikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte).</font></td><td style="width: 43px;" bgcolor="#ffffff"><img alt="Carlos A. Haas" src="http://www.scienceblogs.de/historikertag/autoren/Carlos_Haas_60.jpg" class="mt-image-left" width="43" height="60" /></td></tr></tbody></table></a></div>

<p><small><em>(Redaktion: KP/MS)</em></small></p>
     <hr />

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   ]]></description>
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            <pubDate>Thu, 07 Oct 2010 08:00:00 +0100</pubDate>
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