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		<title>Antisemiten sind nur die Gegner Grass’</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Apr 2012 18:46:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>

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		<description><![CDATA[Günter Grass hat eine Meinung. Diese Meinung zeigt sich in Form eines Gedichtes: Die Ablehnung eines Angriffskrieges Israels gegen den Iran. Dafür scheint für viele bereits klar: Grass ist ein Antisemit. Denn wer den Staat Israel kritisiere muss schließlich Antisemit sein. So sehen das zumindest Vertreter der Neuen Rechten wie Ralph Giordano oder Henryk M. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Günter Grass hat eine Meinung. Diese Meinung zeigt sich in Form eines Gedichtes: Die Ablehnung eines Angriffskrieges Israels gegen den Iran.</p>
<p><span id="more-2413"></span>Dafür scheint für viele bereits klar: Grass ist ein Antisemit. Denn wer den Staat Israel kritisiere muss schließlich Antisemit sein. So sehen das zumindest Vertreter der Neuen Rechten wie Ralph Giordano oder Henryk M. Broder. Was erst einmal als pazifistische Grundeinstellung daherkommt, wird sofort mit dem größtmöglichen Hammer totgeschlagen („<a href="http://pic.twitter.com/nSivKLAT">Hitler</a>“). Und das kommt dann auch noch von Personen, die selbst vor bitterer Polemik und Hass auf Migranten kaum zu Luft kommen.</p>
<p>Muss man heute wirklich einen Krieg befürworten, um nicht als Judenfeind zu gelten? Ist das die Moral, die es zu tragen gilt? Vielmehr denke ich, dass sich hier eine Systematik entlarvt, deren Opfer am allermeisten die sind, die sich nun mit blinder Solidarität für einem Staat gegen Leute die Grass schießen. Was Kritik an der Politik eines Staates mit dessen hauptsächlicher Religionsgemeinschaft zu tun hat, kann man nicht beantworten. Tatsächlich hieße das, einen Gottesstaat zu befürworten. Und sind es denn nicht Islam-Hetzer wie Broder oder Sarrazin, die immer wieder davon klagen, etwas „nicht aussprechen“ zu dürfen, weil die politische Korrektheit es verbietet?</p>
<p>In der Tat sind die schärften Kritiker Grass‘ hauptsächlich Vertreter der Neuen Rechten, die sich, im Gegensatz zum Otto-Normal-Nazi nicht nur vom Antisemitismus absetzen, sondern bedingungslos pro-israelitisch argumentieren. Wer an ihrem verklärten Weltbild kratzt ist tendenziell Hitler. Dabei sind sie selbst es, die ohne Hemmungen gegen einfache Migranten hetzen, von einer Islamisierung Europas sprechen und Angst schüren, indem die Türme von Moscheen mit Pershing-Raketen verglichen werden. Das sind unsere Moralisten? Nein danke, dann lieber einen mittelmäßigen Dichter.</p>
<p>Aber kann man den Antisemitismus gegen den Antiislamismus ausspielen? Wer immer wieder von der ominösen „christlich-jüdischen Leitkultur“ pampheltisiert und damit einem schlimmen nationalistischen Historismus frönt, muss über sich ergehen lassen, dass einmal religionshistorisch darüber nachgedacht wird, was Semiten eigentlich sind. Semiten sind biblisch gesehen die Nachfahren von Sem, einem der Söhne Noachs (der mit der Arche) und auf diesem führt die Figur Abraham die Geschichte zurück. Dazu gehören alle Völker des Nahen Ostens und noch heute sind semitisch-sprachige Völker Araber, Israelis und Malteser. Antisemitismus, also Feindlichkeit gegen das semitische Volk, ist also auch Feindlichkeit gegen das arabische und damit islamische Volk. Glückwunsch, liebe Islam-Hetzer, ihr seid die Antisemiten.</p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2413&amp;md5=21bc8ca6161d68e0bde14d029e4c14a3" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/DELQXUHZI_w" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Philosophie heute</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Mar 2012 04:52:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Transparenz]]></category>

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		<description><![CDATA[Philosophie wird heute anders betrieben als früher. Zu dieser Erkenntnis kommt man spätestens, wenn man sich ihre Lehre an großen Universitäten ansieht und sie mit der an kleinen Instituten und Hochschulen vergleicht. Ihre Lehre an den Unis ist ein Schatten ihrer selbst und die Transparenz tut ihr übriges. Die Philosophie ist eine Wissenschaft — man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Philosophie wird heute anders betrieben als früher. Zu dieser Erkenntnis kommt man spätestens, wenn man sich ihre Lehre an großen Universitäten ansieht und sie mit der an kleinen Instituten und Hochschulen vergleicht. Ihre Lehre an den Unis ist ein Schatten ihrer selbst und die Transparenz tut ihr übriges.</p>
<p><span id="more-2356"></span>Die Philosophie ist eine Wissenschaft — man kann sie im weiteren Sinne als eine solche bezeichnen, denn sie ist die höchste aller Geisteswissenschaften und arbeitet, zumindest partiell, auch mit einen faktisch wissenschaftlichen Charakter — die eine für Wissenschaftlichkeiten ungewöhnliche Struktur aufweist: Indem man sich fachlich näher mit der Philosophie beschäftigt und in ihr Denken und Handeln eintaucht, erhöht sich der Grad der Komplexität ihrer selbst. Während in den Einzelwissenschaften die Systematik, aber natürlich auch der alleinige Ansporn, darin liegt, über verschiedene Arbeitsweisen und Werkzeuge sich einem Problem des Fachs zu nähern um es zu verstehen, ihre Komplexität sichtbar macht und sie damit schon einer Reduktion unterwirft, so ist der Charakter der Philosophie so, dass das Mehr an Beschäftigung mit dem Thema auch mit einem Mehr an Komplexität einhergeht. Oder anders gesagt: Der Unterschied liegt darin, dass in den Einzelwissenschaften oder — allgemeiner — in einer einzelwissenschaftlichen Herangehensweise, die ihrerseits selbstverständlich ihre volle Berechtigung besitzt, auf das Stellen von Fragen mithilfe verschiedenster Hilfsmittel unweigerlich die Antworten und mehr und mehr Folge-Antworten folgen, während die Philosophie, wenn überhaupt, nur die Frage und die Folge-Frage zum Resultat haben kann und einer Überlegung keine Frage sondern eher eine hypothetische Antwort vorausgeht. Etwas seichter kann man das durchaus als eine gewisse Umkehrung bezeichnen. Dies gestaltet eine Lehre der Philosophie im engeren Sinne natürlich äußerst schwierig, denn so sehr das Wissen über Hegel einerseits wichtig ist, so ersetzt es dennoch nicht die Philosophie. In dem Sinne lässt sich vielleicht konstatieren, dass die philosophische Lehre an sich selbst wieder eine Philosophie sein muss, also auch in ihrem Denken, und nicht nur so wie man vielleicht den Englisch-Unterricht auf englisch halten muss.</p>
<p>In der heutigen Zeit aber ist das machtvolle Gebilde der Komplexität, das in sich sowohl eine Negativität und eine Positivität besitzt, oder mit Heidegger ausgedrückt, <em>jäh anders</em> ist, also ein sich-bemächtigen nicht zulässt, einer starken Abneigung ausgesetzt. Komplexe Zusammenhänge wirken a priori negativ, da man sich ihnen nicht sofort bemächtigen kann und machen deshalb Angst. Dieser Angst vor Komplexität wird versucht, durch Transparenz zu Leibe zu rücken, also dem totalen Ausleuchten oder dem was Manfred Schneider als den <a href="http://philosophie.hfg-karlsruhe.de/news/prof-dr-manfred-schneider-der-vortragsreihe-das-mediale-denken-09012012-17-uhr">Transparenz-Traum</a> bezeichnet. Nun liegt es aber in der komplexen Natur der Komplexität eben nicht nur kompliziert zu sein, also nicht mehr zu sein als die Summe seiner Einzelheiten, sondern darüber hinauszugehen und in ihrem Wesen die Vermassung ihrer selbst zur Bedingung zu machen. Die Transparenz versucht, sich der Komplexität auf äußerst primitivem Wege zu bemächtigen und scheitert daran, indem nur noch eine Leere zurückbleibt, die keine höhere Geistigkeit mehr besitzt aber als reine Information ebenso unbrauchbar gemacht worden ist. Der transparente Raum ist glatt und ohne Oberflächenstruktur. <a href="http://www.zeit.de/2012/03/Transparenzgesellschaft">Transparent ist nur das Tote</a>.</p>
<p>Und deshalb wird auch die Philosophie, der die Komplexität, der Geist, das Wissen, so immanent ist, wie sie nur sein kann und sie zur Bedingung der Möglichkeit ihrer Existenz macht, nicht mehr als solche philosophisch begriffen sondern einzelwissenschaftlich. Es wird <em>über</em> die Philosophie gelehrt und man verbleibt in einem ent-reflektierten Raum des Stillstands und stellt Fragen auf die man, ob man es schlussendlich nun kann oder nicht — man kann es nämlich nicht -, Antworten erhält. Die Transparenz hat auch den Grad des Philosophischen erreicht und ist dabei sie zu zerstören. Nur wenn man das <em>Andere</em> wieder zulässt, der Mächtigkeit der Komplexität ihren Raum lässt, also an ihrer Andersheit baut und sie nicht betritt, dem Leuten der Transparenz unterwirft, kann Philosophie wieder passieren.</p>
<p> </p>
<p> </p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2356&amp;md5=de50180de3a8b4bc0261477c2e376ea9" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/KphvakvD9tI" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Wut und Opposition</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Mar 2012 03:05:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Wutbürger]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Phänomen des Wutbürgers macht die Opposition unmöglich. Damit wird ein weiterer Schritt vollzogen, den politischen Raum zu entleeren. Das Modell von den meisten Demokratien, sich sozusagen logisch antithetisch zu gestalten, ist großartig. Der Gegensatz zwischen Opposition und Regierung, zwischen kreativer und regulierender Gewalt aber auch zwischen handlungsunfähiger und handelnder Gewalt schafft immer wieder aufs [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Das Phänomen des Wutbürgers macht die Opposition unmöglich. Damit wird ein weiterer Schritt vollzogen, den politischen Raum zu entleeren.</p>
<p><span id="more-2278"></span>Das Modell von den meisten Demokratien, sich sozusagen logisch antithetisch zu gestalten, ist großartig. Der Gegensatz zwischen Opposition und Regierung, zwischen kreativer und regulierender Gewalt aber auch zwischen handlungsunfähiger und handelnder Gewalt schafft immer wieder aufs Neue Politik und Konsens. Kreativer Akteur und gestaltender Akteur sind hierbei interessanterweise getrennt, während man in der Kunst dieses Phänomen nicht kennt: Selbst bei Rembrandt, dessen Kunstwerke Ergebnis seiner gesamten Werkstatt sind, waren die Ausführenden, war er es denn nicht selbst, an und für sich nur Werkzeuge. In einer Demokratie ergänzen sich damit Opposition und Regierung und stellen nur zusammen eine gewisse Gesamtheit in der Politik dar.</p>
<p>Opposition ist zu verstehen als das „Entgegen-setzen“ <a class="simple-footnote" title="von lat. oppositio &quot;Entgegensetzung&quot;" id="return-note-2278-1" href="#note-2278-1"><sup>1</sup></a>. Es gibt sicherlich viele Möglichkeiten, Wege und Vorlieben, wie man das Oppositionelle beschreiben könnte. Die trivialste davon ist sicherlich, dass sich die Opposition stets mit einer anderen, meist gegensätzlichen, Meinung gegen die Programmatik der regierenden Seite stellt. Diese Entgegen-Setzung geht einher mit einer ständigen kritischen Betrachtung des Regierungshandels und erhält damit einen analytischen Charakter. Das heißt, dass einerseits das Objekt oder Subjekt der Betrachtung kontinuierlich dekonstruiert wird, aber andererseits die Elemente in Beziehung bleiben oder neu in Beziehung gebracht werden. Zum Auflösen kommt also das Wieder-Zusammenführen. Aufgrund dieser (teils hoch) intellektuellen Aufgabe lassen sich auch höhere Abstraktionsgrade nachweisen. Bei Zeiten selbst höher als in der Programmatik der Regierung (die im Idealfall davor selbst Opposition war).</p>
<p><img title="asdgf" src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/uploads/2011/12/asdgf.png" alt="" width="700" height="342" /></p>
<p>Die Wutbürger sehen sich gerne als (außerparlamentarische) Opposition <a class="simple-footnote" title="Neben direkten Aussagen zeigen dies auch Widerstands-Metaphern und die Übernahme von Parolen echter Wiederstände wie  &quot;Wir sind das Volk&quot; (bei &quot;S21-Wutbürgern&quot;)" id="return-note-2278-2" href="#note-2278-2"><sup>2</sup></a>. Dies mag in einer der vielen Deutungen des Oppositionellen als richtig aufgezeigt werden können, wird aber wie oben ersichtlich dieser Idee nicht gerecht: Was Wutbürgertum ist etwas viel Primitiveres. Dem Wutbürger fehlt der analytische Charakter. Es geht nicht um „Entgegen-Setzung“ sondern um „Durch-Setzung“. Im Extremfall um jeden Preis. Sprachlich gesehen geht dabei das „Entgegen“-Positionieren verloren. An diese Stelle tritt das martialische „Durchsetzen“. Ein wichtiger Bestandteil der Opposition ist die Zeitlichkeit, denn die Opposition ist beschäftigt mit der Analyse und der damit einhergehenden ständigen Neu-Reflexion der eigenen Meinung und die der Gegenseite (Regierung). Es entsteht also ein Verlauf, eine Entwicklung. Wut wäre also — würde man beim Begriff bleiben — eine Opposition des Augenblicks. Es ist kein Reflektieren mehr möglich. Schon in der Etymologie lässt sich dieser Unterschied also erkennen.</p>
<p>Eine Opposition erkennt die Demokratie an, indem sie sich dem System einordnet bzw. das System eigentlich aufgrund dessen mit definiert. Das Wutbürgertum im Zweifel nicht. Die Opposition ist elementar für die Demokratie und elementar auf sie angewiesen. Der Wutbürger kennt diese Konzeption nicht, da Vergangenheit und Zukunft keine Rolle spielen und Politik nicht als ständiges Aus– und Eintreten aus der Vergangenheit in die Zukunft begreifen. Wut ist ein Phänomen des Jetzt. Das Wutbürgertum entfernt damit gar die Bedingung der Möglichkeit für Opposition. Es vergiftet damit die politische Kultur. Die Wut verdrängt die Opposition von ihrem Platz. Dies lässt sich vielleicht auch beobachten: Dort wo Wutbürger am Werke sind, dort verschwimmen und verschwinden die Grenzen zwischen den institutionalisieren Formen von Regierung und Opposition anstatt dass es zu einem Wechsel kommt (also in der Temporalität: Opposition auch wieder zu Regierung wird und umgekehrt).</p>
<div class="simple-footnotes"><p class="notes">Notes:</p><ol><li id="note-2278-1">von lat. <em>oppositio</em> „Entgegensetzung“ <a href="#return-note-2278-1">↩</a></li><li id="note-2278-2">Neben direkten Aussagen zeigen dies auch Widerstands-Metaphern und die Übernahme von Parolen echter Wiederstände wie  „Wir sind das Volk“ (bei „S21-Wutbürgern“) <a href="#return-note-2278-2">↩</a></li></ol></div> <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2278&amp;md5=92f221ca4e8d0f82084dd98bd790d1a6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/l0eHCyBBfKE" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Guttenberg, oder: Der Wandel zur Nacktheit</title>
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		<comments>http://thomasmaier.me/blog/2012/03/25/guttenberg-von-logos-zu-bios/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 25 Mar 2012 02:40:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Guttenberg]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie konnte ein alter hässlicher Mann wie Sokrates so viele homosexuelle junge Männer anziehen und mit ihnen Liebesverhältnisse eingehen? Die erotische Anziehung hat heute eine völlig andere Struktur. Nicht die Komplexität des logos, sondern die Nacktheit des bios lässt sexuelle Anziehung entstehen. Sokrates war ein Mann des Wortes. In seinen Worten und Reden bildete sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Wie konnte ein alter hässlicher Mann wie Sokrates so viele homosexuelle junge Männer anziehen und mit ihnen Liebesverhältnisse eingehen? Die erotische Anziehung hat heute eine völlig andere Struktur. Nicht die Komplexität des <em>logos</em>, sondern die Nacktheit des <em>bios</em> lässt sexuelle Anziehung entstehen.</p>
<p><span id="more-2310"></span>Sokrates war ein Mann des Wortes. In seinen Worten und Reden bildete sich eine Macht, eine Sprache des Eros. Diese Sprache hatte keinerlei sexuellen Bezug sondern schuf eine anmutige Distanz, die es möglich machte, seinen philosophischen Reden die Weisheit erfahrbar zu machen. <em>logos</em> ist ein komplexes linguistisches Phänomen das eng mit <em>Weisheit</em> und Wissen verknüpft ist.</p>
<p>Sokrates war nicht nur schon sehr alt, sondern auch nicht besonders ansehnlich. Aus heutiger Zeit ist es vollkommen unvorstellbar, wie viele Liebesverhältnisse er zu jungen Männern hatte. Das Phänomen der <em>Sexiness</em> <a class="simple-footnote" title="Mehr zum Begriff der Sexiness in Ariadne von Schirach - Tanz um die Lust" id="return-note-2310-1" href="#note-2310-1"><sup>1</sup></a>  war nicht vorhanden. Die Sprache kreierte eine Aura der Weisheit. Und diese Aura wirkt erotisierend.</p>
<p>Sokrates war ein fantastischer Meister der Rhetorik. Vergleicht man ihn mit einer ebenso polarisierenden Person aus der medialen Öffentlichkeit der Gegenwart — Karl Theodor zu Guttenberg — so fällt auf, dass das komplexe Gebilde des <em>logos</em> verschwunden ist. An seine Stelle tritt die nackte Vitalität. Betrachtet man einmal die Sprache und Reden Guttenbergs, fällt eins besonders auf: Es handelt sich im extrem einfache Sprache. Seine Sprache lässt <a href="http://www.youtube.com/watch?v=EFsvdIcGEKI&amp;t=26s">keinen Komplexitätsgrad</a> — ob gedanklich oder visuell — erkennen. Kurze, einfache Sätze mit möglichst einfachen Worten. Es ist <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Wpy-gIG4TdA">Kindersprache</a>.</p>
<p>Diese Sprache von Guttenberg ist ein Phänomen des Narzissmus. Das narzisstische Ich ist auf die Ausstellung des Selbst angewiesen um den Schein einer Aura erzeugen zu können. Es handelt sich dabei nicht um eine Aura des <em>logos</em>, der Weisheit, sondern um eine narzisstische Inszenierung des Selbst. Über eine möglichst direkte Sprache, die keine Ebenen, keine Gedanklichkeit zulässt, sowie über eine ästhetische Erscheinung lässt sich dies erreichen. Diese ästhetische Erscheinung visualisiert sich durch Vitalität (Man kennt Guttenberg in kraftvollen Posen, teils mit Fliegersonnenbrille oder umgeben von Soldaten). Der Narzissmus erschafft einen Zwang zur Ausstellung.Die Ausstellung des Ichs wird über ästhetische Kommunikation, also direkte Kommunikation erreicht.</p>
<p>Diese Direktheit ist gleich einer Nacktheit. Diese zeigt sich weniger in einer pornographischen Nacktheit, besitzt aber ihre Klarheit: Die Nacktheit stellt keine Fragen. Diese Nacktheit drückt sich aus als Potenz (Vitalität). Für viele junge Männer stellt er damit ein Potenz-Ideal dar (was auch der Grund dafür sein könnte, dass sich Frauen eher kritisch gegen Guttenberg äußern, da er als Vorbild für sie schwächer wirkt). Allgemein ist er jedoch ohne objektiv sichtbaren Grund sehr beliebt <a class="simple-footnote" title="In der Harald Schmidt Show wurde beispielsweise zwei Male Liebling des Monats" id="return-note-2310-2" href="#note-2310-2"><sup>2</sup></a>. Erst die Fälschung der Promotion konnte an der narzisstischen Gestalt Guttenbergs kratzen, doch selbst jetzt ist sein illusionistischer Schein, den er über die narzisstische Inszenierung aufbauen konnte, für viele gegeben. Die Fälschung wiederum zeigt einerseits den Narzissmus und auch, dass ästhetische Kommunikation keine Echtheit, keine Wahrheit (kein <em>logos</em>) beinhaltet, sondern von der Illusion des Scheins lebt — also sozusagen <em>gefälscht</em> ist. Diese Nacktheit wirkt animalisch.</p>
<p>Das Phänomen Guttenberg ist also ein animalisches. Instinkthaftigkeit übertrumpft das Denken. In Extremform: Der Instinkt der Potenz überwiegt inzwischen für viele den intellektuellen Gehalt einer akademischen Arbeit. <em>Sexiness</em> ist das animalische Pendant der <em>Erotik</em>. Keinerlei Komplexität, während <em>logos </em>einen Raum der Geschichte öffnet. Guttenberg ist also ein Paradebeispiel eines Wandels vom <em>logos</em> zum <em>bios</em>, einer Welt, die sich immer mehr verflacht, hin zum Animalischen.</p>
<div class="simple-footnotes"><p class="notes">Notes:</p><ol><li id="note-2310-1">Mehr zum Begriff der <em>Sexiness</em> in <a href="http://amzn.to/rErzqv">Ariadne von Schirach — Tanz um die Lust</a> <a href="#return-note-2310-1">↩</a></li><li id="note-2310-2">In der Harald Schmidt Show wurde beispielsweise zwei Male Liebling des Monats <a href="#return-note-2310-2">↩</a></li></ol></div> <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2310&amp;md5=6395b1ea6071b3f1dc7f90562bfd116e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/osKK1Z7Ny-w" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Zum NDP-Verbot: Die Kontroll-Illusion</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Mar 2012 23:44:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach der Aufdeckung der unfassbaren Verbrechen des Neonazi-Terrors, steht vor allem eine Frage wieder auf der Tagesordnung: Das Verbotsverfahren gegen die NPD. Die Frage ist aber komplexer als die Antwort die häufig gegeben wird. Der Liberalismus hat eine ungeheure Macht. Diese Macht liegt in der Unsichtbarkeit ihrer selbst. Er befreit den Menschen von äußerem Zwang, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Nach der Aufdeckung der unfassbaren Verbrechen des Neonazi-Terrors, steht vor allem eine Frage wieder auf der Tagesordnung: Das Verbotsverfahren gegen die NPD. Die Frage ist aber komplexer als die Antwort die häufig gegeben wird.</p>
<p><span id="more-2163"></span>Der Liberalismus hat eine ungeheure Macht. Diese Macht liegt in der Unsichtbarkeit ihrer selbst. Er befreit den Menschen von äußerem Zwang, sodass er keine Grund mehr hat gegen Repressionen zu rebellieren. Die NPD ist die bedeutendste rechtsextreme Partei in Deutschland, wenn man überhaupt von Bedeutsamkeit sprechen kann. Ihre Werte sind nicht im entferntesten dazu geeignet, sich in der Politik abzubilden. Ihre Präsenz beschränkt sich auf kleine landes-parlamentarische Oppositionen, die keine Chance auf Verwirklichung ihrer Politik haben und die Ergebnisse bei Wahlen trotz allgemeiner Politikverdrossenheit sind nur selten der Rede wert.</p>
<p><a href="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/uploads/2011/11/Npdplakat.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2171" title="Npdplakat" src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/uploads/2011/11/Npdplakat.jpg" alt="" width="944" height="534" /></a></p>
<p>Ein Verbot dieser Partei würde der Bewegung den Geldhahn zudrehen. Dies ist ein unbestrittenes Argument, doch steht es ziemlich alleine. Man muss eine Differenzierung einführen, die folgendes veranschaulicht: Terroristische Akte passieren, selbst wenn sie keinen parteilichen Überbau vorfinden. Man könnte auch so weit gehen zu sagen, dass dies terroristische Anschläge sogar noch begünstigt. Das Problem hat eine höhere Komplexität, als dass man einfach alles Schlechte verbieten könnte. Das Verbot als Kontrollinstrumentarium ist ein wenig effektives. Es ist in einer liberalen Demokratie immer der letzte Nothahn vor dem freien Fall. Es kann nur greifen, wenn alle anderen systemischen Instrumente versagen. Ein Verbot löst kein Problem, sondern versteckt es. Es wirkt also wie ein Vorhang. Man kann diesen Vorhang aufspannen um das Problem nicht sehen zu müssen, aber es existiert dennoch weiter. Denn Denken kann man nicht verbieten. Der Versuch, das Denken zu verbieten, ist ein faschistoider. Und betrachtet man die Argumentationslinien rechtsextremer Politologen, so ist die Kritik an einem System, das ihre „Meinung“ unterdrückt, stets präsent. Ein Verbot würde ihnen also in die Hände spielen. Wie eingangs gesagt: Der Liberalismus schafft durch die Freiheit die Möglichkeit, alles zu tun und zu denken. Und diese <em>Totalisierung des Möglichen</em> macht unmöglich.</p>
<h3>Lob auf die Totalisierung des Möglichen</h3>
<p>Würde also ein Verbot in Kraft treten, gäbe es die NPD nicht mehr (trivial). In der Sekunde des Verschwindens entsteht ein Raum. Dieser Raum übt eine Kraft aus, weil er ein Vakuum erzeugt. In dieses Vakuum kann nun alles Mögliche fallen. Der Liberalismus übt durch die systemische „Nicht-Kontrolle“ doch eine Kontrolle aus: Sobald aber ein Verbot (<strong>vermeintliche</strong> Kontrolle) eingeführt wird, entsteht <em>Unkontrollierbarkeit</em>. Es steht außer Frage, dass dieses Vakuum sofort wieder befühlt werden wird. Und dann ist es vielleicht keine antisemitische und historisch-nationalistische Partei mehr, sondern eine rechtspopulistische Partei, die ohne Antisemitismus auskommt. Und diese Partei könnte dann tatsächlich nicht mehr verboten werden, da sie den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat vielleicht nicht mehr ablehnt und die 5%-Hürde überschreitet. Es entsteht also die <em>Illusion der Kontrolle</em>, die in Unkontrollierbarkeit mündet. Ein Verbot ist eine hysterische Reaktion auf angst-machende Ereignisse.</p>
<p>Um wirklich etwas gegen organisierten Rechtsextremismus auszurichten, muss man keine Organisationen verbieten. Viele Vereine sind bereits verboten und trotzdem kommt es ständig zu Übergriffen rechtsradikaler Natur. Man muss ihnen die Existenzberechtigung durch die Natur des Liberalismus entziehen.</p>
<p>Wenn man den Menschen die Demokratie vorlebt und sie daran teilhaben lässt, löst sich auch das Problem. In einer Gesellschaft in dem es starke rechtsextreme Parteien gibt, sind nicht die Menschen einfach schlichtweg dümmer oder die Politik zu links. Dies ist ein untrüglicher Indikator dafür, dass in der gesamten Gesellschaft und der Politik etwas falsch läuft. Deshalb brauchen wir auch diesen Indikator, der uns zeigt, wie zufrieden die Menschen mit dem etablierten System sind. Fällt dieser Indikator weg, verschwindet er nicht einfach, er ist nur nicht mehr einsehbar. Der Untergrund ist schwer analysierter und kann keine Stimmungen abbilden. Die einzige Abbildung von Stimmung, die dann noch bliebe, wären rechtsextreme Anschläge. Deshalb würden sich nach einem Verbot der NPD solche Akte auch intensivieren.</p>
<p>Wir brauchen die NPD als Biotop, das von außen analysierbar ist. Es ist deshalb ein Biotop, da es nach Außen keinen Einfluss ausüben kann. Es ist also ein rein analytisches Instrument. Der NPD könnte ihrer Ideologie zugunsten nichts besseres passieren, als verboten zu werden. Manchmal ist die NPD sogar ganz konkret hilfreich im demokratischen Prozess: Dies veranschaulicht sich dann, wenn Scheinbar-Nicht-Rechtsextreme Publikationen veröffentlichen, die Kontroversen auslösen. Nach dem Sarrazin-Buch hat die NPD lautstark dafür geworben. Ich möchte die NPD in Zukunft für diese Tat nicht missen. Denn sie zeigen der Gesellschaft dadurch, wo solche Publikationen tatsächlich verhaftet sind. Ohne Institutionen wie diese, wäre es weit schwieriger, gegen Leute wie ihn vorzugehen, da die Zustimmung von einem politischen Lager fehlt, zu dem sich kein Demokrat hingezogen fühlt.</p>
<p>Ein Verbot einer Partei löst das dahinter-stehende Problem nicht. Im Gegenteil: Es gibt im gar eine gewisse Existenzberechtigung durch den Verbot der Meinung und legt lediglich einen Mantel des Schweigens über diese Positionen. Dieser Mantel versucht die Illusion zu erschaffen, die Gesellschaft wieder unter Kontrolle zu bekommen oder zumindest die Gesellschaft vor Angriffen zu schützen und Sicherheit zu geben. Dies ist aber nur vorgegaukelt. Neben dem Wegfall einer analytisch erkennbaren Stimmung und einer Gefahr der Intensivierung von Anschlägen auf die Gesellschaft durch den Wegfall eines überschaubaren Biotops, entsteht durch diesen Kontrollzwang die Unkontrollierbarkeit des sich eröffnenden Raumes. Und das wäre ein GAU. An die Zeit nach einem Verbot der NPD sollten wir mit Schauder denken, denn dann tappen wir im Dunklen.</p>
<h3>Update: Die Führer-Frage</h3>
<p>Die oben genannte Komplexität der Fragestellung ist natürlich auch die der Führer-Argumentation. Die Argumentation, es bräuchte doch nur eine charismatische Persönlichkeit auftreten, die rechtsextreme Positionen vertritt, und alle würden hinter ihr herlaufen, ist zu kurz gegriffen. Sie ist damit auch gefährlich.</p>
<p>Solange es den Menschen gut geht, haben sie nicht das Bedürfnis etwas zu ändern. Die freie Entfaltung hat der großen Mehrheit der Menschen Chancen und Wohlstand gebracht. Hitler hätte in einer Gesellschaft der 60-Jahre keinerlei Einfluss kanalisieren können. Ängste können nur geschürt werden, wenn sie bereits dumpf existieren. Und selbst wenn wir heute in einer Gesellschaft leben würden, in der Derartiges möglich wäre. Also in einer Republik, die der Endphase der Weimarer Republik in ihren sozialen Problemen sehr ähnlich wäre, hat dies ebenfalls wenig mit dem Verbot oder Nicht-Verbot einer Partei zu tun. Sollte es eine Basis dafür geben, auf der eine Führungsperson sich derart stark inszenatorisch an die Spitze einer faschistischen Bewegung setzen könnte, wäre es pure Blauäugigkeit, zu denken, dies könnte durch das Verbot einer Kleinpartei verhindert werden. Im Gegenteil: Wie oben gezeigt wurde, könnte das NPD-Verbot diese Gefahr tatsächlich näher an eine Realisierung heranführen.</p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2163&amp;md5=b47375968b699cb6d493e27b7bca0be9" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/z49f_fwowyw" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Tektonik und Integration: Keine Integration wagen!</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Mar 2012 21:54:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Antiislamismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Integration ist ein Wort, das in den letzten Jahren den Diskurs bestimmte wie kaum ein zweites. Es ist zu einem Trauma verkommen, das wie eine Wand zwischen den Menschen steht und die einen daran hindert, sich der Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und die anderen davon abhält mit Offenheit eben jenen hyperkulturellen Raum zu öffnen, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Integration ist ein Wort, das in den letzten Jahren den Diskurs bestimmte wie kaum ein zweites. Es ist zu einem Trauma verkommen, das wie eine Wand zwischen den Menschen steht und die einen daran hindert, sich der Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und die anderen davon abhält mit Offenheit eben jenen hyperkulturellen Raum zu öffnen, der die Gesellschaft erst möglich macht.</p>
<p><span id="more-2395"></span>Die Hysterie in der Integrationsdebatte ist nicht nur die der Rassisten. Ihre Angst vor dem Fremden ist ebenso unbegründet wie sie ehrlich ist. Ebenso festgefahren im Weltbild der Mächte und Hierarchien, der souveränen Nationen, dem Außen und Innen, sind meist auch die Integrations-Befürworter. Allen voran: Christian Wulff, der in in seiner Rede positive oder unterschwelligen Rassismus aufblitzen lässt durch seine Feststellung, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, und lässt erkennen: Indem er impliziert, der Islam sei etwas, das jetzt erst ein Teil Deutschlands ist, zeigt sich, dass sein Denken sich nicht von dem seiner Gegner unterschiedet. Lediglich in der Interpretation. Oder noch perfider: Nur durch die Medienwirksamkeit seiner Aussage. Versöhnlich lässt sich mit Vorbehalt nur sagen: Es war ihm wohl ein Anliegen, die Wogen durch die Hetzschrift Thilo Sarrazins zu glätten.</p>
<p>Das Trauma der Integrationsdebatte ist eines, das die Betroffenen, die sogenannten Migranten, nicht zu Wort kommen lässt. Es ist ein psychologisches Trauma, das wie ein Damoklesschwert über und in den Köpfen prangt: Integration muss sein.</p>
<p>Was Integration überhaupt ist, weiß kaum einer so genau. Dabei wäre es viel wichtiger und auch spannender, eine Gesellschaft zu zeichnen, die lernt, eine Gemeinschaft herzustellen, in der man sich nicht integrieren muss. In der man sein Sein so leben kann, wie man ist. In der man sein Anders-sein sein lassen kann oder es eben entwickelt und entwurzelt. Der Migrant an sich ist damit der Vorbote dieser Gesellschaft, die jenseits der alten Vorstellung lebt, die den Organismus als Sinnbild hat: Hierarchie und Ausgrenzung.</p>
<p>Niemand soll sich integrieren. Es braucht eine Welt der Integrationsverweigerer. Erst dann ist es möglich, einen Diskurs über das Zusammenleben zu führen und dabei auf Augenhöhe zwischen den Kulturen zu sein. Die Kultur ist etwas, das sich in ständiger Bewegung befindet. Ähnlich der Tektonik von Kontinentalplatten verändern sich nicht nur Menschen sondern auch Geschichten und Kulturen: Nicht erkennbar sich bewegend, es aber doch tuend. Diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Subkulturen, Gegenkulturen, Parallelkulturen und Bakterienkulturen und ersetzt, begünstigt durch die Strukturen und Wirkungsweisen des Netzwerks (v.a. des Internets), das zur Perversion seiner selbst verkommene hierarchische Weltbild der Könige und Herzöge.</p>
<p>Diesem Weltbild hängt die Integration an, als Werkzeug des Diffundierens zwischen dem Außen und dem Innen. Die Totalisierung der Integration ist der Faschismus, der die Integration so stark forciert, dass sich alles vereinheitlicht und das, was sich nicht vereinheitlichen lässt, auflöst und zu Gas werden lässt. Also vernichtet. Auch der Multikulturalismus bleibt bewusst oder unbewusst auf dieser Bahn, denn er versucht, die Integration als Werkzeug zu benutzen, um Assimilation zu verhindern, die letztlich nur ein Teil der Integration ist.</p>
<p>Stattdessen ist es die Hyperkultur, die die Multikultur und die Monokultur ersetzen muss, um eine Gesellschaft zu fördern, in der jeder nur sich selbst integer sein muss und nicht einem Außen oder Innen oder einer Machtinstitution. Das ist ein Raum, ein hyperkultureller Raum, in dem Extremisten ebenso ein Sein haben wie Nicht-Extremisten. Mehr noch: Diese Begriffe verlören ihre Verständlichkeit und Sinnhaftigkeit. Es wäre also eine Welt, die — in der alten Terminologie gesprochen — der „Islam zu Deutschland gehört“ oder der Bankangestellte, die Putzfrau, der Nazi, der Intellektuelle, der Bauer, die Prostituierte und der Bundespräsident. Dann ist diese Terminologie nicht mehr möglich.</p>
<p>Dieses Wagnis, diese Utopie ist eine, die den Nationalstaat sprengt. Menschen wie Norbert Bolz, die sagen, dass Frauen nicht arbeiten gehen sollen dürften, aber selbst von Muslimen Integration fordern, gehören natürlich auch dazu. Ebenso wie der gemeine Nazi oder sonst irgend jemand. Bolz ist wahrscheinlich selbst weniger integriert mit seinen vielen Kindern, wie der am wenigsten integrierte Muslim im Gebiet „Deutschland“. Aber muss es ein Komitee geben, das die prozentuale Integration eines Menschen feststellt? Bei Lichte betrachtet, würde das wohl ganz andere Leute in die Verlegenheit der Integrationsunwilligkeit bringen als den gemeinhin als integrationsunwillig diffamierten Ausländer oder sonst-irgendwie gearteten Minderheit der Wahl.</p>
<p>In der Verabschiedung von der Integration werden wir alle mehr zu Migranten. Zu Entwurzelten der Weltgeschichte und erhalten damit die Chance, aus der Geschichte zu lernen ohne die Geschichte gegen uns und unser Zusammenleben zu verwenden und Ideologien der Macht die Gewalt darüber zu geben, wer wie wo und wann zu leben hat. Die Hyperkultur negiert diese Fragen.</p>
<p> </p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2395&amp;md5=13b2191f3d06eeac23e0885ff47ad5c1" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/E9F-PLSFbK0" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Das Wesen der Dispositive</title>
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		<comments>http://thomasmaier.me/blog/2012/02/07/uber-dispositive-foucaultagamben/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 22:36:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Dispositive]]></category>

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		<description><![CDATA[Giorgio Agamben geht in seinem Buch „Was ist ein Dispositiv?“ genau dieser Frage nach und versucht über Michel Foucault, der den Begriff geprägt hat, hinauszugehen und damit eine Definition sowie eine Intensivierung zu erreichen. Der Begriff Dispositiv — vom französischen disposition: Das heißt Entscheidung, Anordnung oder Anweisung — wurde von Michel Foucault zum Zweck der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Giorgio Agamben geht in seinem Buch „<a href="http://amzn.to/wIEPC2">Was ist ein Dispositiv?</a>“ genau dieser Frage nach und versucht über Michel Foucault, der den Begriff geprägt hat, hinauszugehen und damit eine Definition sowie eine Intensivierung zu erreichen.</p>
<p><span id="more-2369"></span>Der Begriff <strong>Dispositiv</strong> — vom französischen <em>disposition</em>: Das heißt Entscheidung, Anordnung oder Anweisung — wurde von Michel Foucault zum Zweck der Diskursanalyse und als Mittel der Entfaltung sozialer Interaktionen entwickelt. Er dient noch bei Foucault dazu, ein bestimmtes Verhalten, einen Diskurs oder ein bestimmtes Selbstverhältnis zu fokussieren und nach seiner jeweiligen Akzeptanz zu fragen. Das Dispositiv koordiniert Machtbeziehungen und geht als solches aus dieser Verschränkung zwischen Wissens– und Machtverhältnissen hervor, die wiederum erzeugt werden und damit zu Diskursen anreizen und Individuen dazu bringen, sich auf bestimmte Weise zu denken und sich auf bestimmte Weise zur Welt und zu sich selbst zu verhalten. Verhalten muss erst den Regeln des Dispositivs gelten, um als soziale (oder asoziale) Handlung interpretiert werden zu können.</p>
<p>In seinem Werk „<a href="http://amzn.to/w3OyiE">Dispositive der Macht</a>“ wagt Foucault fast eine Definition und nennt es: „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architektonische Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst.“ Das heißt, es beschreibt mehr oder weniger eine ziemlich heterogene Gesamtheit von Elementen und ist das Netz zwischen diesen Elementen. Auch die von Foucault als „Universalien“ bezeichneten Begriffe wie Staat, Gesetz oder Souveränität.</p>
<p>Ursprünglich und auch in den Einzelwissenschaften beschreibt ein Dispositiv eine Dinglichkeit um einen unmittelbaren Effekt zu erzielen. Es kann eine Regierungshandlung sein, die ohne Begründung im Sein realisiert wird.</p>
<p>Agamben bringt die Disposition dann in Zusammenhang mit der christlichen Theologie, die das griechische <em>oikonomia</em> in das lateinische <strong>dispositio</strong> übersetzte und damit die Handlungsebene des Begriffs und jenen Bruch in Gott Sein und Praxis und damit auf der theologischen Ebene artikuliert. Das heißt, dass Dispositive immer einen Subjektivierungs-Prozess mit einschließen, da das Subjekt aus dem Dispositiv heraus entstehen muss.</p>
<p>Auch den Begriff <em>Gestell</em> (Gerät) von Heidegger rückt er in die an die Disposition, da dieser in dessen Schrift „Die Technik und die Kehre“ den Begriff als das „Versammelnde jedes Stellens“ beschreibt, „das den Menschen stellt“ und sich dieses Stellen auch in der dis<strong>-</strong><em>position</em> wiederfindet.</p>
<p>Die oben erwähnten Diskurse bilden nach Foucault „systematisch die Gegenstände“, von denen sie sprechen oder handeln. Sie stellen Überzeugungen bereit, nach denen Wirklichkeit gestaltet wird. Durch den Diskurs werden nicht nur die Gegenstände geordnet und bewertet, sondern auch entschieden, was überhaupt als Gegenstand in Frage kommt, d.h. die erfahrbare Wirklichkeit kann sich in der Diskurstheorie nur in den diskursiv gültigen Formen zeigen.</p>
<p>Agamben verallgemeinert den Begriff der Disposition zu allem was im Stande ist, die Regungen (Gesten, Betragen, Reden, …) der Lebewesen zu erfassen und zu steuern. Das Panoptikum, die Irrenanstalten, … aber auch die Literatur, den Füllfederhalter, das Mobiltelefon oder auch die Sprache selbst als das älteste Dispositiv. Er  hebt den Begriff aber ab von den Lebewesen, den Substanzen, und einem dritten Element, der Subjekte, die aus dem Machtkampf zwischen Substanzen und Dispositiven entstehen. Das heißt: Der Mobiltelefonbenutzer, der Internetsurfer, … Dieses Verhältnis manifestiert sich bei Agamben direkt in einem Hass gegen das Dispositiv „Mobiltelefon“.</p>
<p>Der Mensch benutzt die Dispositive eigentlich dazu, das animalische Verhalten leer laufen zu lassen, das aus Glückverlangen herrührt. Dieses Verlangen wird eingeschlossen und subjektiviert und verleiht dem Dispositiv eine besondere Macht.</p>
<p>Agamben bezeichnet diese Beziehung als „Nahkampf“ (Dispositive — Menschen) und versucht zu zeigen, wie die Dispositive die Menschen gefangen nehmen: In diesem Zusammenhang kommt er auf den altrömischen Begriff der „Profanisierung“ zu sprechen. Profanes war alles, das aus dem sakralen Bereich der Götter wieder in die Hände der Menschen zurückgelangte. Auf umgekehrtem Wege lässt das Dispositiv „Opfer“ die Dinge heilig werden. Agamben fordert die Umkehrung, die Profanisierung, das Gegen-Dispositiv. Ein Ritual, das die eingefangenen Dinge wieder befreit.</p>
<p>Diese Profanisierung durch Dispositive aber ist das, was moderne Dispositive von früheren unterscheidet. Indem jedem Dispositiv ein Subjektivierungs-Prozess innewohnt wird aus der puren Gewaltanwendung erst das Dispositiv gemacht, das die Menschen gefangen nimmt und in die Disziplinargesellschaft überführt. Das Dispositiv ist eine Subjektivierungs Maschine und erst dadurch zur Regierungsmaschine.</p>
<p>In diesem Wechsel aus Subjektivierung und Desubjektivierung kann es für Agamben nicht mehr zu einer Wiederzusammensetzung des Subjekts kommen und der vom Dispositiv „Fernseher“ Gefangen-Genommene wird zum „Zapper“ und „Quotenteilnehmer“ ent-individualisiert. Der dem Dispositiv immanente Sujektivierungs-Prozess verhindert auch einen „richtigen“ Umgang mit Dispositiven, wie er von Technikspezialisten suggeriert wird.</p>
<p>Aus diesen Überlegungen zieht Agamben die Erkenntnis, dass Gesellschaften, wie träge Körper agierend, diese Prozesse durchlaufend, u.a. für den Niedergang der Politik verantwortlich sind und den Siegeszug der <em>oikonomia</em> verantworten, der sich im reinen Regierungshandeln widerspiegelt in dem die Linke und die Rechte ebenfalls nur noch dem System dienen und abwechselnd die Verwaltung übernehmen.</p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2369&amp;md5=57f95187bda6a479fce26ffb71528866" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/xMr_frWBmag" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Wulffbürger</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 18:27:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Wutbürger]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kreditaffäre des Bundespräsidenten und damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff ist ebenso Phänomen einer Wutkultur wie S21 und fügt sich ein in das Schema der Postdemokratie. Warum? Wie ich bereits einmal darlegte, ist die Wut, die ein Symptom des postdemokratischen Zeitalters ist, angelegt auf eine Totalität. Das heißt, dass sie keine Reflexion mehr zulässt und damit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Die Kreditaffäre des Bundespräsidenten und damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff ist ebenso Phänomen einer Wutkultur wie S21 und fügt sich ein in das Schema der Postdemokratie. Warum?</p>
<p><span id="more-2335"></span>Wie ich <a title="Wut und Opposition" href="http://thomasmaier.me/blog/2011/12/01/wut-und-opposition/">bereits einmal darlegte</a>, ist die Wut, die ein Symptom des postdemokratischen Zeitalters ist, angelegt auf eine Totalität. Das heißt, dass sie keine Reflexion mehr zulässt und damit das <em>Andere</em> als solches nicht mehr anerkennt. Aus dieser Systematik, die den Wutbürger von herkömmlichem offensiven Aktionismus wie eine APO unterscheidet, resultiert ein fataler Umgang mit der medialen und politischen Öffentlichkeit: <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wulffs-erklaerung-die-fiktion-11594310.html">Fehler</a> werden nicht mehr akzeptiert; können nicht mehr akzeptiert oder gar verziehen werden. Dies zeigt sich besonders dann, wenn es auf solch penible Kleinigkeiten ankommt, die selbst ein Schwabe für knausrig halten könnte: Ein Freund darf einem nicht schenken, hier ein Prozentpunkt, da ein günstiger Kredit, … Wenn das zu einem Rücktritt reicht, dann müsste ein Sarrazin-Fan wie Gauck, wäre er Präsident, wohl geteert, gefedert und geköpft werden.</p>
<p>Die Affäre könnte einen oberflächlich an den Skandal um Guttenberg erinnern. Jedoch haben diese Phänomene strukturell schon keine Ähnlichkeit. Dass die Doktorarbeit von zu Guttenberg ein Plagiat war und <a href="http://www.stern.de/news2/aktuell/staatsanwaltschaft-hof-sieht-bei-guttenberg-verdacht-auf-straftat-1659843.html">schließlich als Straftat</a> endete war Ergebnis eines langen Prozesses und einer Diskussionskultur. Vielmehr lässt sich an diesem Skandal das Phänomen des Wutbürgers in anderer Richtung erkennen: So war für viele (inzwischen nicht mehr so viele) Guttenberg derart „heilig“, dass sie sich nicht einmal nach einem derart krassen Vergehen gehen ihn wenden wollten und die Medien für ihre journalistische Arbeit zur Aufdeckung scharf kritisierten. Ihre Meinung besaß kein Moment der Reflexion mehr und war damit <em>total</em>. Während Guttenberg sich trotz miserabler Politik (man erinnere sich nur an die wackelige Bundeswehrreform oder den Gorch-Fock-Skandal) sowie der Plagiatsaffäre fast noch im Amt hätte halten können, war bei Wulff schon zu Anfang für viele klar: Weg mit ihm. Negativität, das heißt, Fehler zu machen, allgemeiner gesprochen auch Leid zuzulassen, wird völlig ausgeblendet. Die Postdemokratie ist ein Raum der totalen Positivität, in der sich als offensiver Ausdruck nur noch die Wut konstituieren kann in ihrer Reflexionslosigkeit.</p>
<p>Diese Positivität macht aber auch eigentliche positive Mechanismen unmöglich: Denn selbst bei einem Rücktritt Wulffs ist es nur eine Frage kurzer Zeit, bis die Wut auch den nächsten Präsidenten zum Rücktritt zwingen wird. Er selbst war schon vorzeitiger Nachfolger eines Rücktritts resultierend aus dieser Systematik. In einer Welt der Positivität werden Fehler nicht zugelassen. Sie sind systemisch nicht vorgesehen. Treten sie dennoch auf, wie es der menschlichen Natur entspricht, entsteht Wut. Man könnte also vielleicht so weit gehen, dass diese Phänomene einen Prozess der Entmenschlichung vorantreiben, der die Welt vom Mensch-sein entleert und damit die Reflexion und die <a title="Wut und Opposition" href="http://thomasmaier.me/blog/2011/12/01/wut-und-opposition/">Zeitlichkeit</a> an sich.</p>
<p><a href="https://twitter.com/thomasmaier_/status/154993441934295040"><img class="aligncenter size-full wp-image-2341" title="Bildschirmfoto 2012-01-05 um 19.32.19" src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/uploads/2012/01/Bildschirmfoto-2012-01-05-um-19.32.19.png" alt="" width="516" height="162" /></a></p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2335&amp;md5=1f198b15336c5661085e36433208c84f" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/kVR3AZh1owY" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Versuch über den Wutbürger</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Nov 2011 21:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Wutbürger]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Phänomen des Wutbürgers stellt ein markantes Merkmal des postdemokratischen Zeitalters dar. Um das Politische der neuen Zeit zu verstehen, muss er verstanden werden. Das kann über eine Einordnung gelingen. Es muss uns äußerst verwundern, dass nicht die Anschläge des 11. Septembers 2001, die wie ein martialisches Zeichen Gottes über der Menschheit prangten, die Politik [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Das Phänomen des Wutbürgers stellt ein markantes Merkmal des postdemokratischen Zeitalters dar. Um das Politische der neuen Zeit zu verstehen, muss er verstanden werden. Das kann über eine Einordnung gelingen.</p>
<p><span id="more-2255"></span>Es muss uns äußerst verwundern, dass nicht die Anschläge des 11. Septembers 2001, die wie ein martialisches Zeichen Gottes über der Menschheit prangten, die Politik <a href="http://www.b-republik.de/b-republik.php/cat/8/aid/802/title/Politik_und_Terror">wiederbelebten wie es eigentlich offensichtlicher kaum sein könnte</a>. Es ist weniger verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass dieses Ereignis nicht den Beginn sondern das Ende des Politischen nach dem Vorbild Carl Schmidts darstellen könnte. Ein letzter mörderischer Akt vor dem Abgang. In diesem Sinne war der Richtungskampf zwischen den liberalen und den autoritären Kräften stets einer, der sich im zweidimensionalen Feld des Politischen <a class="simple-footnote" title="Hier kann man (mit Vorbehalt natürlich) den Test machen, wo man selbst verhaftet ist: http://www.politicalcompass.org/test" id="return-note-2255-1" href="#note-2255-1"><sup>1</sup></a>abbilden ließ und man kann nun — 10 Jahre nach diesem Ereignis — sagen, dass „die künftigen Intellektuellen“ gar nicht so sehr zu „Offizieren“ geworden sind, wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Groys">Boris Groys</a> kurze Zeit darauf prophezeite <a class="simple-footnote" title="KUNSTFORUM Bd. 158 / Januar-März 2002. Boris Groys im Interview mit Vitus H. Weh über künftige Verschwörungsgesellschaften, den Terroranschlag vom 11. September und sein Buch „Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien“" id="return-note-2255-2" href="#note-2255-2"><sup>2</sup></a>. Die Privatsphäre mussten wir noch nicht aufgeben. Zumindest nicht an das Panoptikum.</p>
<p>Viel mehr rütteln Occupy-Bewegungen, S21-Gegner und Sarrazinisten an unseren Konstrukten und Theorien des Politischen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2266" title="asDVF" src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/uploads/2011/11/asDVF.png" alt="" width="500" height="258" /></p>
<p>Was hier erscheint, wie das wilde Zusammenwerfen jeglicher neuartiger politischer Aktionismen, ist genau das Gegenteil: Die <em>Wutbürger</em> — nennen wir sie im Kontext vereinfacht mal so — spannen eine völlig neue Dimension auf. Sie sind genauso sehr zusammengeworfen, wie man Oskar Lafontaine und Jörg Schönbom in einen Topf werfen hätte können. Somit ist es mir ein Anliegen, hervorzuheben, dass dieser topologischen Betrachtung des Wutbürgers keine negativen oder positiven Assoziationen naheliegen. Es soll gerade eben nicht das Denken der alten Lager greifen können.</p>
<p>Der Wutbürger ist viel mehr ein Phänomen, das sich mit dem System Links-Rechts oder auch Liberal-Autoritär nur strukturell vergleichen lässt. Dies führt eine dritte Achse in die politologischen Spektren ein, an dieser auf der einen Seite der extreme Nicht-Wutbürger und auf der anderen der extreme Wutbürger verhaftet ist.</p>
<p>Der Wutbürger, die dritte Dimension der Politik, ist demnach ein Produkt jenes „<a href="http://www.b-republik.de/b-republik.php/cat/8/aid/802/title/Politik_und_Terror">Zeitalter[s] der Neutralisierungen</a>“ das nach dem letzten Weltkrieg das während des Kalten Krieges seinen Anfang nahm und dem Helmut Schmidt vielleicht als erster ein Statement widmete:</p>
<blockquote><p>Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.</p></blockquote>
<p>Eine Politik, die die Summe aller Verwaltungsakte darstellt und nicht mehr die Selbstdefinition über ein Außen in der Form eines Feindes benötigte und sich total entideologisiert darstellte. Der dadurch entstandene Freiraum schuf die Bedingung für die Möglichkeit, sich in einer neuen Richtung auszudifferenzieren. Dass diese Richtung nicht die des alten Spektrums ist, kann schon die eine empirische Betrachtung zeigen: Befragt man Linke, so wird man zu hören bekommen, dass die Rechten im Land das Sagen haben. Stellt man die selbe Frage einem Rechten, so wird er den „linken Konsens“ anprangern. In ähnlicher Form erhält man auch Antworten typischer liberaler oder repressiver Politiker. Auch für S21-Gegner wird man schnell Begründungen finden, wieso sie auf jeden Fall <em>links</em> sind. Oder auf alle Fälle <em>konservativ</em>. Ebenso wird man dies für S21-Befürworter können. Dieser Eindruck eines gesamtgesellschaftlich-politischen Protests entsteht also durch die Anwendung des etablierten zweidimensionalen politischen Koordinatensystems, das im Rückzug dieser Ideologien im postdemokratischen Zeitalter nicht mehr tragfähig ist und die Elastizität eröffnet, in die Dreidimensionalität vorzustoßen.</p>
<div class="simple-footnotes"><p class="notes">Notes:</p><ol><li id="note-2255-1">Hier kann man (mit Vorbehalt natürlich) den Test machen, wo man selbst verhaftet ist: <a href="http://www.politicalcompass.org/test">http://www.politicalcompass.org/test</a> <a href="#return-note-2255-1">↩</a></li><li id="note-2255-2">KUNSTFORUM Bd. 158 / Januar-März 2002. Boris Groys im Interview mit Vitus H. Weh über künftige Verschwörungsgesellschaften, den Terroranschlag vom 11. September und sein Buch „Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien“ <a href="#return-note-2255-2">↩</a></li></ol></div> <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2255&amp;md5=6b09c71c3c9be08ba08082b4cc57d868" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/SXBcCCUa_Fw" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Wir lieben Algorithmen</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Nov 2011 16:53:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Maier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedankliches]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe heute]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Kapitalismus hat die romantische Liebe zerstört. Für diese Analyse wird die Soziologin Eva Illouz von ihrem Fach gefeiert. In mehreren Büchern, der „Konsum der Romantik“, „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ und in ihrem neuesten Werk „Warum Liebe weh tut“ zeigt sie auf, wie die Entscheidungsfreiheit in der Liebe eben diese zerstört hin zu kurzfristigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="prolog">Der Kapitalismus hat die romantische Liebe zerstört. Für diese Analyse wird die Soziologin Eva Illouz von ihrem Fach gefeiert. In mehreren Büchern, der „Konsum der Romantik“, „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ und <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518585673/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=thommaie-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3518585673">in ihrem neuesten Werk „Warum Liebe weh tut“</a> zeigt sie auf, wie die Entscheidungsfreiheit in der Liebe eben diese zerstört hin zu kurzfristigen Verhältnissen und Dating-Börsen.</p>
<p><span id="more-2143"></span>Die heutige Liebe hat keinen Eros mehr. Die Suchmaschinen haben die Schicksalhaftigkeit der früheren Liebe zunichte gemacht. In der <em>Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung</em> vom 13. November 2011 schreibt Illouz:</p>
<blockquote><p>Das Internet dagegen nutzt Algorithmen und ausführliche Fragebögen, um anhand von hochkomplexen Suchkriterien die besten aus einer Fülle an möglicher Partner herauszufinden.</p></blockquote>
<p>Und tatsächlich ist es so: Gerade die Fülle, die Unendlichkeit der Möglichkeiten, macht das Mögliche unmöglich. Aus der arrangierten Ehe emanzipiert, eröffnen uns die Singe-Börsen die Illusion der Wahl und werben mit Sprüchen wie</p>
<blockquote><p>Millionen Frauen warten auf dich.</p></blockquote>
<p>Wir sind nicht mehr im Stande zu lieben.</p>
<h3>Das Verschwinden des Eros</h3>
<p>Kaum hat man sich entschieden, kommt Zweifel auf: Gibt es eine bessere Wahl? Habe ich mich falsch entschieden? Die Freiheit macht die erotische Liebe unmöglich. „Tristan und Isolde“ sind im heutigen System nicht vorgesehen. Für „Kabale und Liebe“ gibt es keinen Platz. Die Erotik ist verschwunden. In der heutigen Beziehung gibt es keine Ferne mehr und damit keine Anziehung. Die direkte nackte Nähe hat die Erotik ersetzt, bis hin zur Pornographie. Denn es existiert immer und überall die Möglichkeit zur Nähe. Wieso also die Ferne wählen? Sie ist doch so fern? YouPorn ist der Extrempunkt selbstbestimmer Sexualität. Die Ferne aber konstituiert erst Romantik und damit die romantische Liebe.</p>
<p>Die Algorithmen der Dating-Seiten entscheiden nun darüber, wer mit wem zusammenkommt. Wir geben uns den Algorithmen hin, wie wir uns der elterlichen Vereinbarung hingaben, wie die Heirat von Statten ging. Aus dem äußeren Zwang wurde der innere Zwang. Beides soll am Ende nur der Liebe dienen, die auch nur der Zeugung von Nachkommen und der Sicherheit eines Vertrauensbundes dient. Tatsächlich aber sind beide Formen zerstörerisch für die Liebe. Wir geben unser Schicksal in die Hände der Algorithmen, die unser Leben bestimmen und immer mehr und mehr diktieren. Die Erotik ist in die Algorithmen gewandert und macht diese erotisch. Wir lieben Algorithmen.</p>
<p>Die Freiheit, sich für einen bestimmten Partner unserer Wahl zu entscheiden, haben wir uns hart erkämpft. Die Freiheit und Verantwortung über den damit auf uns eindrängenden Informationsfluss hat uns aber dazu verleitet, die freie Liebe wieder aus unseren Händen zu geben in die Algorithmen. Dabei gibt uns der innere Zwang die Illusion, dass wir freie Liebe praktizieren. Illouz gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer und schreibt:</p>
<blockquote><p>Es kann nur gelingen, wenn wir begreifen, dass Freiheit ein viel höheres Gut ist als das Ideal einer möglichst großen Auswahl.</p></blockquote>
<p> </p>
 <p><a href="http://thomasmaier.me/blog/?flattrss_redirect&amp;id=2143&amp;md5=8c19bfe81cb252033b242d208f34882c" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://thomasmaier.me/blog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/TheSacredTheProfane/~4/2Rad31uGO4A" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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