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	<title>Angstkreis Creepypasta</title>
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	<description>Horrorstories. Gruselgeschichten. Creepypasta.</description>
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		<title>Die fünfte Entscheidung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Apr 2026 15:25:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Irrgarten]]></category>
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<p></p>



<p>Entscheidungen. Mein ganzes verdammtes Leben war immer schon auf ihnen aufgebaut. Nehme ich den Schnuller oder den Beißring? Kotze ich meine Mutter oder den Tisch an? Schwimme ich mit dem Strom oder mit dem Kopf in der Kloschüssel? Werde ich ein armer, ängstlicher Künstler oder ein armer, ängstlicher Büroarbeiter? Ziehe ich das weiße Hemd mit den blauen Streifen an oder das blaue mit den weißen Streifen? Wähle ich den Amoklauf oder das freundliche Lächeln?</p>



<p>Ich hasse Entscheidungen. Aber täglich werden sie mir abverlangt. Wie schwarze Löcher öffnen sie sich unvermittelt auf einem Weg, der doch eigentlich nur sicher und ungestört vom Bett und wieder zurück führen sollte. Aber nein, die Dinger springen mich an wie ein schlecht gemachter Jumpscare. Klammern sich an mein Nervensystem, öffnen ihre nach Reue, Schuld und Verantwortung stinkenden Mäuler und schreien mir Fragen und Rätsel ins Gesicht, bis meine Ohren so taub sind wie meine Seele.</p>



<p>Dabei will ich nur existieren, verdammt. Einfach nur atmen, fressen, träumen und all den anderen guten Scheiß, den das Leben zu bieten hat. Und wo ich mein Dopamin herbekomme: Who cares? Hauptsache, es kickt und verhindert, dass der Scheiß hier komplett zum Albtraum wird. Stattdessen stehe ich da wie so ein armes Opfer in einem dieser nervigen Schnellrestaurants.</p>



<p>Welches Brot? Welche Sauce? Mit Käse? Mit Analog-Käse? Mit Digital-Käse? Mit zehnfach Käse? Mit dreiviertelscharfen südostmexikanischen Frühherbstpeperoni? Welche Religion? Welche Vorurteile? Welche Subkultur? Welches Death-Metal-Subgenre? Welcher Streamingdienst in welchem Abomodell? Welcher Beruf? Welche Sorte Klopapier? Und mit welchem von den fünfunddreißig fast identischen, künstlich aromatisierten und in Zucker ertränkten Bechern geronnenen Paarhuferdrüsensekrets darf ich mich in ein frühes Grab futtern und lasse ich mich danach zum Diamanten pressen, ins All schleudern oder von einem heiligen Affen fressen und auf die Spitze des Himalaya-Gebirges scheißen? Ich kann nicht mehr, verdammt!</p>



<p>Und dann diese ganzen Weisheiten und Kalendersprüche.</p>



<p>„Deine Entscheidungen machen dich aus!“</p>



<p>„Übernimm endlich Verantwortung für deine Entscheidungen!“</p>



<p>„Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung!“</p>



<p>Bin ich in einer Gameshow, oder was? Am liebsten würde ich auf den ganzen Multiple-Choice-Albtraum eine Atombombe werfen, wenn sich daran nicht wieder tausend Entscheidungen knüpfen würden (Welches Material? Welcher Anreicherungsgrad? Woher beziehen? Wasserstoffbombe oder doch nur schmutzige Bombe?). Aber wahrscheinlich habe ich mich auch künstlich aufgeregt. Denn all das, alles, mit dem ich mich bisher herumschlagen musste, war nur ein fluffiger Witz gegen die harten Wahrheiten, denen ich jetzt gegenüberstehe.</p>



<p>Ironischerweise wurde mir die Entscheidung, hier zu sein, einfach abgenommen. Eines Morgens bin ich hier aufgewacht, in diesem düsteren Labyrinth. Über mir ein dunkler Dämmerungshimmel. Verhangen von trostlosen, bleischweren Wolken. Kein Mond, keine Sonne. Keine Sterne. Nur eine saugende und zugleich erdrückende Leere. Vollkommen windstill. Die Luft ist weder warm noch kalt. Und um mich herum erstreckt sich nur ein endloses Labyrinth aus Hecken. Aus ihnen sprießen Dornen, essbare Beeren und weitere Entscheidungen. Vier an der Zahl.</p>



<p>Links, rechts, vorwärts und zurück.</p>



<p>Klettern ist unmöglich. Denn die Hecken sind zehn Meter hoch und die Dornen hart wie Stahl. Und Graben geht auch nicht, denn der Boden, auf dem sie wachsen, besteht aus reinem Beton. Vier Möglichkeiten also, mehr nicht. Man sollte meinen, dass ich eine solche Reduktion begrüßen würde. Doch es stellt sich heraus, dass Entscheidungen nur umso beschissener schmecken, wenn man sie komprimiert und kondensiert.</p>



<p>Links. Ein langer Gang. Kurze Dornen. Rote Früchte. Die schmecken exakt wie die blauen, die roten, die violetten und die gelben. Nicht gut und nicht beschissen. Nur viel zu süß. Doch sie halten mich am Leben. Ich esse ein paar. Kaue. Schlucke. Verdaue.</p>



<p>Rechts. Keine Früchte. Längere Dornen. Der Weg hat eine leichte Steigung. Das sind vielleicht die schlimmsten Pfade. Sie vermitteln Hoffnung, egal, wie oft sie schon enttäuscht wurde. Gegen Hoffnung gibt es wahrscheinlich keine Impfung.</p>



<p>Ich umgehe die Dornen mit der Erfahrung unzähliger Tage. Wie viele sind es bereits? Hundert? Dreihundert? Tausend? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob ich schon vorangekommen bin oder ob es hier ein Ende gibt. Ich habe Markierungen gemacht. Hab mit meinem Haustürschlüssel in den Betonboden gekratzt.</p>



<p>Und ich habe die Markierungen nie wieder gesehen. Ein Zeichen also, dass ich nicht im Kreis laufe? Oder wurden die Markierungen entfernt? Das wäre durchaus denkbar. Etwas folgt mir. Schon seit vielen Tagen. Es schleppt sich durch die Schatten, grinst zwischen winzigen Lücken in den Hecken hindurch und beobachtet mich, wenn ich schlafe. Manchmal, wenn ich zu langsam werde, kommt es ganz nah. Ich sehe nie mehr als einen Schatten oder ein verschwommenes Nachbild. Aber ich höre das Schnaufen, das leise, zischende Knurren und spüre den feuchten, warmen Atem, der meine Nackenhaare aufrichtet und meine brennenden Muskeln zu Höchstleistungen antreibt.</p>



<p>Gelegentlich spürte ich auch seine Berührung. An Kreuzungen, die mich zum Grübeln brachten. Aber vor allem in den schlaftrunkenen Momenten, kurz vor dem wirklichen Erwachen. Ein paar Mal hat es mich sogar gekratzt oder gebissen. Wenn ich zu langsam war oder nicht schnell genug aufgestanden bin. Nie zu tief. Nie so schlimm, dass es nicht verheilen würde. Es hat mich nie getötet und hat sich auch nie wirklich gezeigt.</p>



<p>Ist es der Wächter dieses Labyrinths? Ein weiterer Gefangener aus irgendeiner Höllensphäre? Lediglich ein Trugbild, und die Bisse und Kratzer kamen allein von den Dornen? Ich will das nicht entscheiden. Das nicht auch noch.</p>



<p>Der Weg führt weiter hinauf. Für einen Moment wirken die Hecken nicht mehr ganz so hoch. Der Himmel wird heller, wie ein Silberstreif am Horizont. Und für einen Augenblick sehe ich die Weite. Ich sehe den gesamten Horizont und bin mir fast sicher, dass ich ganz am Ende eine Stadt erkenne.</p>



<p>Strahlend, sauber, einladend. Voller prachtvoller Häuser mit warmen Herdfeuern und gastlichen, freundlichen Einwohnern, die mich aufnehmen, meine Verzweiflung heilen und mir schließlich einen Weg zurück zeigen werden, in jene Welt, wo die elenden Entscheidungen wenigstens vielfältiger sind. Dann führt der Weg wieder hinab, die Hecken wachsen wie von Zauberhand und ich bin mir noch viel sicherer, dass dort in der Ferne nichts weiter ist als Leere, Nebel und dorniges Gestrüpp.</p>



<p>Müde schleppe ich mich weiter. Links. Rechts. Geradeaus. Sackgasse. Zurück. Rechts. Rechts. Links. Geradeaus. Ich bin langsam heute. Langsamer als sonst. Links. Rote Beeren. Rechts. Lange Dornen. Links. Kurze Dornen. Dabei weiß ich, dass meine Muskeln noch Reserven haben. Links. Rechts. Zurück. Rechts. Das weiß es auch. Es testet meine Grenzen, aber es hetzt mich nicht zu Tode. Es will mich wohl rennen sehen, nicht sterben. Nicht unbedingt zumindest. Meine Muskeln können noch. Links. Links. Violette Beeren. Sackgasse. Allein mein Geist ist erschöpft.</p>



<p>Wie genau kam ich hierher? Links. Links. Links. Links. Zurück. Keine Beeren. Oder war ich doch immer schon hier? Rechts. Rechts. Vor. Zurück. Lange Dornen. Nein, es gibt da Bilder. Gewissheiten. Zwischen den Entscheidungen. Vertraut, freundlich, schmerzhaft schön. Blumen in einem Meer aus Scheiße, wo es hier nur noch Scheiße gibt. Links. Rechts. Links. Rechts. Beeren. Dornen. Dornige Beeren. Beerige Dornen. Horizont. Stadt. Nebel. Ich weine. Nein, nicht nur das. Meine Tränendrüsen sind geradezu inkontinent. Melancholie und Sehnsucht penetrieren meine Seele aus allen Richtungen. Ein bittersüßer Schmerz. Wie Dornen. Und Beeren.</p>



<p>Entscheidungen. Vier an der Zahl. Links. Rechts. Vorwärts. Rückwärts. Und doch … gibt es eine fünfte. Ja, warum bin ich nie darauf gekommen? All die vielen Tage nicht?</p>



<p>Ich werde langsamer. Halte schließlich ganz an. Die Zeit tickt dumpf im Takt meines Herzschlags. Ich erahne den Schatten, höre das Knurren, spüre den Atem und schließlich den Biss papierscharfer Klauen. Klauen, die erst necken, dann warnen, dann wühlen.</p>



<p>Haut zerreißt. Fleisch zerfasert. Knochen zerbricht. Begleitet von manischen Fressgeräuschen. Der Schmerz ist schlimm, doch ich bleibe weiter stehen. Halte ihn aus. Drehe nicht um. Laufe nicht weg. Nicht nach links. Nicht nach rechts. Nicht vorwärts. Nicht zurück. Das ist meine Entscheidung. Stehenbleiben und mich nicht länger den Spielregeln beugen.</p>



<p>Und während meine Körperruine weiter zur Unkenntlichkeit zerfetzt wird und ich langsam das Bewusstsein verliere, lächle ich doch in tiefem Frieden.</p>



<p>Denn gefangen im Irrgarten des Wahnsinns ist Sterben wie Heilung für die Seele.</p>



<p></p>
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		<title>Knochenwelt: Zerbrechen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Apr 2026 21:23:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Knochenwald]]></category>
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<p>Davox dachte gerne von sich, dass er einer der mächtigsten Weisen des Gebeins auf diesem Planeten war. Es schmeichelte seinem Ego, das sich seit seiner Transformation auf die hundertfache Größe aufgeblasen hatte. Aber tief in sich wusste er, dass er verdammt unerfahren war. Er besaß die Macht des Knochen, hatte aber keine Ahnung davon, wie er sie zuverlässig kanalisieren konnte. Wenn die Weisen einen Menschen in ihren Kult aufnahmen, brachen sie zwar seinen Willen, demütigten ihn und trieben ihm die Menschlichkeit aus. Sie lehrten ihn aber auch, wie man die Künste der Knochen meisterte und anwendete. Davox hingegen war nie ein Lehrling gewesen und er wusste einen Scheiß über die Feinheiten der Knochenkunst, auch wenn er sich gegenüber Havon und den anderen Neulingen gern als Lehrmeister aufspielte. Sein Potenzial mochte groß sein, aber viel machen konnte er daraus noch nicht. Alles, was er je an Macht angewandt hatte, war reiner Zufall gewesen.</p>



<p>Diese Diskrepanz zeigte sich nun einmal mehr. Havon, von weit mehr Fleisch verunreinigt als er, reagierte sofort auf seine Warnung bezüglich des Hungerreißers. Er machte eine einfache Handgeste, woraufhin sich Fragmente aus Knochenbäumen in seiner Nähe lösten und sich in Windeseile zu einer mit Stacheln bestückten Barriere auftürmten, die sich zwischen ihn und den Hungerreißer stellte.</p>



<p>Das Wesen, obwohl in hungergetriebener Raserei, war nicht so dumm, frontal in das gefährliche Hindernis hineinzukrachen. Stattdessen änderte es in einem fast unmöglichen Manöver im letzten Augenblick seine Richtung, um sich die deutlich leichter erreichbare Beute zu holen: Davox.</p>



<p>„Dieser Bastard!“, fluchte Davox, der sich ziemlich sicher war, dass Havon das nicht in erster Linie getan hatte, um sich zu schützen, sondern um ihn aus dem Weg zu schaffen. Und selbst wenn nicht, würde er davon ausgehen, falls er das hier überlebte, und sich auf irgendeine Weise an Havon rächen. Aber gerade hatte er andere Probleme.</p>



<p>Davox versuchte, sich zu konzentrieren und ein ähnliches Manöver wie Havon zu unternehmen. Doch es tat sich rein gar nichts. Seine Macht regte sich nicht und das Vieh kam immer näher. Sein mächtiger Körper zerdrückte die Knochensplitter am Boden zu Staub und wirbelte diesen auf, was ihn sprichwörtlich in eine Aura des Todes hüllte. Gleichzeitig vernahm Davox hinter sich Stimmen. Unter anderem die von Inga.</p>



<p>Ausgerechnet jetzt waren sie und die anderen Lichthexen aus der verschwindenden Weißlichtung aufgetaucht. Schutzlos und reif, um gepflückt zu werden. Und das ausgerechnet in dem Moment, in dem er selbst zur Beute wurde. So sehr ihn das auch ärgerte, so erkannte er auch die Chance, die darin lag. Das Vieh trachtete nach Nahrung und nicht nach reiner Zerstörung und soweit Davox wusste, bevorzugte es weiches Fleisch gegenüber staubigen Knochen. Es würde sich also lieber auf die Drix Tschatha stürzen, wenn es glaubte, sie leichter erreichen zu können als ihn. Davox musste nur dafür sorgen, dass genau das zutraf.</p>



<p>Und auch wenn die Kontrolle über seine Kräfte mangelhaft war, so hatte er eine Macht, die ihm auf jeden Fall gehorchte: seine übergroßen physischen Kräfte. Also nutzte er sie, rannte zu einem besonders knorrigen und astreichen Knochenbaum und krabbelte wie ein beinernes Rieseneichhörnchen daran hoch. Sollte sich das Ding doch die Hexen holen. Besser sie als ihn.</p>



<p>Sein Plan ging auf. Der Reißer schnappte kurz mit seinem gefährlichen Maul enttäuscht in die Luft, als er seine Beine knapp verfehlte. Dann drehte er sich um und orientierte sich an den saftigen Hexen, die sich nicht ein paar Meter über dem Erdboden befanden.</p>



<p>Währenddessen sah Davox, verborgen zwischen den dichten Knochenästen, die sich kaum von seiner eigenen knochigen Gestalt unterschieden, dabei zu, wie sich sein „Verbündeter“ feige davonschlich.</p>



<p>Wahrscheinlich floh er einfach in die Wildnis, denn den anderen Weisen würde er so nicht unter die Augen treten können. Dass das töricht war, wusste sogar Davox. Havon war fähiger, als er ihm gegenüber je eingestanden hätte. Aber allein würde er kaum mehr als ein paar Tage überleben, wenn überhaupt. Da war Davox nun in einer deutlich besseren Lage. Niemand schien gesehen zu haben, wohin er geflohen war, und so konnte er in Ruhe den Ausgang des Kampfes abwarten. Sollte der Hungerreißer siegen, wäre er mit Fressen abgelenkt und vielleicht verletzt, sodass er ihn selbst ohne Knochenmagie würde bezwingen können. Wenn die Hexen es schaffen sollten, wären sie ebenfalls geschwächt, und wenn nicht, konnte er ihnen immer noch unauffällig folgen und im rechten Moment zuschlagen.</p>



<p>Die einzigen, die ihm Sorgen bereiteten, waren Lucy und ihre Made Polly. Offenbar hatte der ganze Hokuspokus mit der Lichtung allein dazu gedient, sie hierherzuholen. Zwar schien Lucy nicht sehr begeistert von ihrer Anwesenheit zu sein und hielt sich bislang aus dem Geschehen raus, aber sollte sie sich doch auf die Seite der Hexen schlagen, durfte er sie nicht unterschätzen. Er hatte gesehen, was das Mädchen vermochte, und es war aufmerksamer und schlauer als all diese Hexen zusammen, Inga eingeschlossen. Nein, er durfte sie wirklich nicht unterschätzen. Also verhielt Davox sich ruhig, sammelte seine Kräfte und beobachtete.</p>



<p>~o~</p>



<p>„DU?!!“, rief Lucy außer sich zu Inga, „du bist der Grund, warum ich meinen Vater nicht retten konnte, stimmt’s? Du hast mich hierher gebracht! Du hast ihn getötet!“</p>



<p>„Lucy, ich wusste nicht, dass &#8230;“, sagte Inga hilflos.</p>



<p>„Wie auch?“, tobte Lucy und weiße Adern erschienen auf ihrem Gesicht, während Polly neben ihr wütend fauchte, „du hast mich ja nicht gefragt. Du hast mich lieber einfach mal entführt und in die Hölle verschleppt, die mein Leben ruiniert hat. Vielen Dank auch!“</p>



<p>„Es tut mir leid …“,versuchte es Inga noch einmal, „wir wollten doch nur &#8230;“</p>



<p>„Vorsicht!“, rief Myna , „das Vieh ist gleich bei uns.“</p>



<p>„Soll es euch doch alle fressen“, sagte Lucy zornig, „ich bin nicht eure Freundin! Und wenn mich das Ding angreift, weiß ich mich schon zu wehren. Viel Glück!“</p>



<p>„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, sagte Inga hilflos, während sie immer wieder nervös zu der herannahenden Kreatur blickte, „wir haben zusammen gekämpft.“</p>



<p>„Ja, weil ich mich euch damals freiwillig angeschlossen habe. Und nun könnt ihr mich freiwillig am Arsch lecken!“, polterte Lucy, streichelte Polly und zog sich zurück.</p>



<p>Inga war der Panik nah, während sie dem Ungeheuer in die Augen sah. Zwar war Davox nirgends mehr zu sehen und der andere Weise des Gebeins zog sich gerade zurück, aber wenn sie dem Hungerreißer mit Magie beikommen wollten, würden sie von ihren eigenen Kräften zehren müssen. Wieder einmal. Sie wusste, dass es keine Alternative gab, wenn Lucy ihnen nicht half, aber ehrlich gesagt war sie es leid, zu altern und schwach zu werden. Andere für diese Macht leiden zu lassen, war deutlich bequemer, dachte sie finster.</p>



<p>„Eine tolle Freundin hast du da!“, sagte Myna, „zum Glück ist es nicht deine einzige.“</p>



<p>Ingas Aufmerksamkeit wandte sich kurz von Myna ab, als sie beobachtete, wie sich der Reißer auf eine der Hexen stürzte. Ihr Name war Areen, wenn sie sich richtig erinnerte. Eine dürre, blasse, großgewachsene, schwarzhaarige und einsilbige Frau, die gerade einen Zauber wirken wollte, als sich das Ungetüm schmatzend auf ihren Bauch stürzte. Areen schrie laut auf, als das Monstrum mühelos ihre Haut zerriss und sich eifrig durch ihr Fleisch fraß. Erst vor Schmerz, dann um Hilfe. Doch die anderen waren zu paralysiert, um zu reagieren. Ein Hungerreißer hatte eine solche Wirkung. Außerdem wollte niemand seine Jugend und Kraft opfern. So selbstlos waren sie nicht. Zumindest die meisten von ihnen.</p>



<p>Mehr aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie sich Myna versteifte und ihre Pupillen sich vor purer Konzentration verengten, während sie eine jener Handgesten machte, die für das Zaubern eigentlich nicht notwendig, aber für den Fokus oft hilfreich war. Sie legte ihre Handgelenke aneinander und öffnete ihre Handflächen gleich einem Kelch.</p>



<p>„Was hast du vor?“, fragte Inga alarmiert.</p>



<p>„Ich will uns retten, was sonst?“, sagte Myna und ehe Inga das entschiedene „Nein!“ herausschreien konnte, das ihr auf der Zunge lag, hatte Myna ihren Zauber schon vollbracht.</p>



<p>Es war ein Zauber, wie ihn weder Inga noch die anderen erwartet hatten. Es war eine Schockwelle aus flimmernder Luft, die aber keinen Rückstoß mit sich brachte, sondern dazu führte, dass der Hungerreißer binnen Sekunden etwa auf ein Zwanzigstel seiner Größe schrumpfte.</p>



<p>Inga reagierte reflexhaft und ließ ihren Schuh auf den jetzt faustgroßen Schädel des Hungerreißers niedergehen. Das Geschöpf war vom Bauch der verletzten Hexe abgefallen und hatte das große, halbzerkaute Stück Bauchfleisch aus seinem geschrumpften Maul verloren. Krachend brachen die schwachen, winzigen Knochen und das Tier lag für immer still.</p>



<p>„Myna, wo bist du?“, fragte Inga, als sie ihre Freundin nirgends entdecken konnte.</p>



<p>„Hier!“, erklang die Antwort, die Inga zunächst erleichterte. Ihre Erleichterung bekam aber einen deutlichen Dämpfer, als sie erst immer noch vergeblich nach Inga suchte und diese dann endlich als winzige Version ihrer selbst, kaum größer als eine Actionfigur, auf dem Boden entdeckte. Offenbar hatte ihr Zauber dasselbe mit ihr angestellt wie mit dem Hungerreißer.</p>



<p>„Wie … wie ist das möglich?“, fragte Inga verblüfft.</p>



<p>„Ich weiß es auch nicht genau“, rief die Mini-Myna, deren Stimme trotz ihrer absurd kleinen Größe noch relativ normal klang, „ich hab mir nur gewünscht, nicht wieder alt zu werden, während ich den Zauber gewirkt habe. Wahrscheinlich war das die Antwort auf meinen Wunsch. Dank sei den weißen Göttern, schätze ich.“</p>



<p>Sie grinste schief und man konnte ihr ansehen, dass sie nicht so wirklich überzeugt war, ob Dank hier das angebrachte Gefühl war.</p>



<p>„Ich lebe nun schon Hunderte von Jahren“, sagte die verletzte Hexe, mit dem Namen Areen, die sich lachend und stolpernd ihren aufgerissenen Bauch hielt, „aber von so etwas habe ich noch nie gehört.“</p>



<p>Dass sie noch sprach, war ein Wunder, das auf die Wirkung des Adrenalins und die Zähigkeit der Drix Tschatha zurückzuführen war. Denn ihre Wunde ging so tief, dass Organe und Knochen zu sehen waren.</p>



<p>„Magie ist voller Überraschungen“, sagte eine kleinere, verbissen wirkende Hexe namens Alvira „ich weiß aber nicht, ob das so viel besser ist als das Altern. Dadurch ist Myna jetzt schwach und nutzlos und eine leichte Beute für jedes Geschöpf im Knochenwald.“</p>



<p>„Klein zu sein hat auch seine Vorteile“, sagte Lucy, die plötzlich zu den anderen trat, „Fliegen zum Beispiel sind meine besten Spione. Gerade die kleinen Versionen.“</p>



<p>„Ich bin aber keine Fliege und fliegen kann ich auch nicht“, antwortete Myna, „und ich vermute, ich kann nicht einmal mehr zaubern. Meine Körpermasse ist nicht alles, was mich der Zauber gekostet hat. Das spüre ich.“</p>



<p>„Nutzlos, sage ich doch“, wiederholte Alvira und fing sich dafür einen drohenden Blick von Inga ein, der aber nicht entging, dass mehrere der Frauen auch zustimmend nickten.</p>



<p>„Das … das tut mir leid, Myna“, sagte Inga, die anderen Drix Tschatha fürs Erste ignorierend, „meinst du, du kannst diesen Zustand rückgängig machen?“</p>



<p>„Das wird die Zeit zeigen“, sagte Myna, „vielleicht genügt ein bisschen magische Energie oder ein wenig Zeit dafür. Und wenn nicht … nun, dann musste ich dieses Opfer eben bringen. Zumindest leben wir alle noch.“</p>



<p>Inga warf einen zweifelnden Blick auf die schwer verletzte Myna, die sich inzwischen doch hingelegt hatte und deren Wunde von zwei ihrer Freundinnen inspiziert wurde. Inga zweifelte daran, dass sie die Nacht überleben würde. Niemand würde bereit sein, seine eigene Kraft für sie zu opfern. Wahrscheinlich nicht einmal sie. Sie brauchte ihre Energie für ihre Mission. Nun, zumindest redete sie sich ein, dass das der Grund war. Zugleich schämte sie sich, wenn sie daran dachte, was Myna zu tun bereit gewesen war.</p>



<p>„Mit Opfern kenne ich mich aus“, sagte Lucy, „ich habe schon viele gebracht, aber dass ihr ebenfalls dazu bereit seid, zeigt mir, dass ihr mich vielleicht tatsächlich nicht ohne Grund hierher geholt habt.“</p>



<p>Myna nickte bestätigend und Lucy sah nun direkt zu Inga.</p>



<p>„Also Inga, schieß los! Warum hast du mich hierher entführt? Wenn der Grund gut genug ist, sehe ich vielleicht davon ab, diesen Ort in eurem Blut zu baden, auch wenn das rot sicher einen schicken Kontrast zu all dem Weiß und Schwarz bildet.“</p>



<p>„Bilde dir nicht zu viel ein, kleine Göre. Du bist zwar fast so winzig wie Myna, aber ich könnte deine Energie gut gebrauchen“, sagte eine der Hexen, die zwar aufgrund des Magietransfers wieder einigermaßen jung, aber dennoch ziemlich ungepflegt war. Ihr Name war Ranika.</p>



<p>„Das gilt auch für Polly, sie ist hungrig“, meinte Lucy lächelnd und die weißen Adern unter ihrer Haut tanzten bedrohlich.</p>



<p>„Ich habe schon mehr Schneidmaden getötet, als du Lebensmonate zählst“, sagte Ranika.</p>



<p>„Aber sicher nicht mehr als du Zahnlücken hast“, konterte Lucy.</p>



<p>„Hört bitte auf zu streiten“, sagte Inga, „wir müssen Verbündete sein. Wir wissen nicht, ob die Weisen des Gebeins zurückkehren oder die Maden ihre Königin rächen wollen. Davon abgesehen solltest du Lucy nicht unterschätzen. Sie ist weit mächtiger, als du denkst.“</p>



<p>„Da hat sie wahrscheinlich recht“, sagte Areen stöhnend, deren fiebrige Stirn fast ebenso wie ihre üble Wunde bewies, dass es nicht gut um sie stand, „sieh sie dir doch mal an. Ihre Augen, ihre Haut, diese Adern. Die ist kein normaler Mensch. Ich kenne solche Symptome von jenen, die vom Madenfleisch gefressen haben, aber sie muss eine ganze Menge davon gekostet haben.“</p>



<p>„Schlaues Mädchen“, sagte Lucy, „das habe ich wohl. Aber gerade hungere ich mehr nach Informationen. Also, Inga. Warum bin ich hier? Um mich vom halben Blocksberg dissen zu lassen, oder hat es auch einen handfesten Grund?“</p>



<p>„Das hat es“, sagte Inga, „wir wollen diesen elenden Wald zerstören und die Weisen des Gebeins besiegen. Da wir dafür aber zu wenige sind, müssen wir mit ihren Feinden paktieren: den Markverzehrern. Leider hassen diese Wesen jene mit Knochen wie die Pest. Besonders die Weisen des Gebeins, aber auch Menschen und uns Drix Tschatha. Deshalb brauchen wir jemanden, der mit ihnen in unserem Namen verhandelt.“</p>



<p>„Ich weiß nicht, ob dir das entgangen ist, aber ich bin ebenfalls eine stolze Besitzerin von Knochen“, sagte Lucy skeptisch.</p>



<p>„Das ist mir nicht entgangen. Aber du bist praktisch die Mutter der Maden. Du verstehst dich hervorragend mit ihnen und bist zu einem guten Teil selbst eine. Vielleicht akzeptieren sie dich da eher als uns“, brachte Inga vor.</p>



<p>„Das ist ein bemerkenswert beschissener Plan. Das weißt du, oder?“, sagte Lucy nüchtern und Inga zuckte innerlich zusammen. Auch weil sie die feindseligen Blicke der anderen Hexen spürte, die ohnehin schon an ihr zweifelten und nun weiter darin bestärkt wurden. Vor allem Anscha lächelte selbstgefällig, auch wenn sich die Hexe bislang auffallend still verhalten hatte.</p>



<p>„Er ist nicht ideal, aber es ist die einzige Option“, sagte Inga.</p>



<p>„Mag sein“, sagte Lucy, „aber dir ist schon bewusst, dass alles auf der hochspekulativen Annahme beruht, dass mich diese Markverzehrer nicht genauso auffressen wollen wie die Weisen des Gebeins? Und dieses Glücksspiel setzt du gegen die sichere Möglichkeit, meinen Vater zu retten? Und das alles nur, um die Pest mit der Cholera zu ersetzen, vermute ich? Oder handelt es sich bei diesen Markverzehrern um gütige und freundliche Kreaturen?“</p>



<p>„Nein“, sagte Inga bemüht selbstsicher, „deshalb wollen wir sie auch vernichten, sobald wir die Weisen aus dem Weg geschafft haben. Und dann werden wir ins Zentrum des Waldes vordringen und dieses Krebsgeschwür für alle Zeiten ausmerzen.“</p>



<p>„Ach, wenn’s sonst nichts ist! Wie wäre es noch gleich mit Weltfrieden und fliegenden Zauberschlössern?“, sagte Lucy höhnisch.</p>



<p>„Hör mal zu, Madenmädchen!“, meldete sich Myna zu Wort, „das hier ist weder ein Witz, noch ein Spiel. Der Knochenwald breitet sich aus. Er hat deine Welt bereits erreicht und auch wir, die letzten Beschützer der Menschlichkeit an diesem Ort, stehen am Ende unserer Kräfte. Wenn wir nichts tun, wird die gesamte Schöpfung verschlungen und in einen tyrannischen Albtraum überführt werden. Noch schlimmer als alles, was du dir vorstellen kannst. Ingas Plan mag fehlerhaft sein. Aber er ist das Beste, was wir haben, und er ist weit besser, als sich in den Staub zu legen und auf den Beginn der ewigen Knechtschaft zu warten.“</p>



<p>„Die Kleine da hat ja mehr Feuer als ihr alle zusammen!“, sagte Lucy lachend, „also gut, ihr habt mich fürs Erste überzeugt. Der Wald hat immerhin auch mein Leben ruiniert. Und ich hätte nichts dagegen, wenn es daheim wieder etwas friedlicher wird. Ich werde euch helfen. Aber damit das klar ist: Sobald sich ein Weg auftut, zurückzukehren und meinem Vater zu helfen, werde ich ihn nutzen, und wenn ich herausfinde, dass ihr ihn vor mir verbirgt, mache ich euch kalt.“</p>



<p>„Einverstanden“, sagte Inga.</p>



<p>„Gut“, sagte Lucy, „dann ist das geklärt. Was machen wir jetzt?“</p>



<p>„Zuerst müssen wir uns erholen“, sagte Areen fiebrig, „auch Drix Tschatha brauchen Schlaf.“</p>



<p>„So machen wir es, aber wir teilen Wachen ein“, sagte Inga mit einem mitleidigen Blick zu der verletzten Frau, „und wenn wir uns ausgeruht haben, brechen wir zur knöchernen Brücke auf.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Wenn es wahr ist, was du sagst, sind das große Neuigkeiten“, sagte Rixwanah und beugte sich vor. Ihre mächtigen Augen brannten vor Interesse, „diese Weißlichtung ist seit jeher ein Geschwür auf der Knochenhaut dieses wunderbaren Ortes. Wenn die Hexen sie selbst zerstört haben, kann uns das nur recht sein.“</p>



<p>„Das sehe ich genauso“, sagte Havon.</p>



<p>„Wie du es siehst, ist nicht von Bedeutung, Wurm“, sagte Dregnox und machte eine wegwerfende Bewegung mit seinen Knochenfingern, wobei sie wie eine von Geisterhand gespielte Klaviatur auf und ab tanzten, „aber zu deinem Glück sind die Nachrichten, die du bringst, es durchaus.“</p>



<p>„Und es stimmt wirklich, dass Davox fahnenflüchtig geworden ist?“, fragte Hinaraxes und wuchtete seinen übergroßen, schrägen Schädel in eine aufrechtere Position, „er ist ein Weichweltler und anmaßend, aber bisher wirkte er dennoch von unserer Sache überzeugt.“</p>



<p>„Oh ja“, sagte Havon, „ich behaupte nicht, dass er sich auf die Seite der Hexen geschlagen hat, aber er hat sich feige aus dem Staub gemacht.“</p>



<p>„Genau wie du“, erinnerte Dregnox abfällig.</p>



<p>„Jch habe lediglich abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Knochen in euren Diensten zu mehr taugen als im Bauch eines Hungerreißers“, erwiderte Havon.</p>



<p>„Nun, das wird sich noch zeigen“, sagte Rixwanah, „aber fürs Erste wollen wir das annehmen. Wichtig ist, dass wir die Drix Tschatha zur Strecke bringen und dieses Madenmädchen für welches sie ihr Refugium geopfert haben. Führe uns hin und hilf uns, sie auszuschalten, und wir vergessen nicht nur deine Verfehlungen, sondern erwägen sogar, dich für höhere Weihen vorzusehen, wenn dein Fleisch dafür bereit ist.“</p>



<p>„Das ist es“, sagte Havon, „schon längst. Ich gebiete ihm, so wie ihr mir gebietet.“</p>



<p>„Ist das so?“, fragte Dregnox streng, „ich hörte, dass du den fleischlichen Gelüsten nachtrauerst. Trifft dies zu?“</p>



<p>Verdammt, dachte Havon und fragte sich, wer diese Indiskretion weitergetragen hatte. Davox womöglich oder doch jemand anderes.</p>



<p>„Nur eine lästige Nachwirkung der Transformation“, gestand Havon, der ahnte, dass eine Lüge jetzt fatal gewesen wäre, „ein Phantomschmerz, der abgeklungen ist. Das Fleisch kann trügerisch sein, das wisst ihr selbst. Aber ich habe es überwunden. Endgültig!“</p>



<p>„Gut“, sagte Rixwanah nickend, „es scheint, dann lass uns dieses Ärgernis gemeinsam beenden und wenn wir Davox dabei treffen, soll ihm ähnliches widerfahren.“</p>



<p>„Bedenkt, dass dies eine Lüge sein kann“, erinnerte Hinaraxes und stützte seinen deformierten Kopf mit einer Skeletthand.</p>



<p>„Das ist mir bewusst“, sagte Rixwannah, „aber es hat wenig Bedeutung, solange er die Wahrheit spricht, was die Lichthexen betrifft. Falls er Davox hintergeht, so ist dies wünschenswert, ist Loyalität unter Dienern doch strikt abzulehnen. Außerdem ist es nicht schade um Davox. Wir müssen Neuankömmlinge aus der Weichwelt akzeptieren. Dort liegt unser Ursprung. Doch wir empfangen sie als Diener, die den Weg des Knochens Bein um Bein erklimmen, nicht als Gleichgestellte. So hätten wir es von Anfang an handhaben müssen. Aber sei&#8217;s drum: Es wird Zeit, neue Knochenschlangen zu erschaffen. Davox Gebeine sollen uns da gut dienen. Sein Bewusstsein hingegen braucht niemand.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Mit einer Mischung aus Verachtung und Wehmut blickte Davox auf das lagernde Grüppchen herab. Die Verachtung verwunderte ihn nicht. Dafür gab es eine Menge Gründe. Waren es doch Kreaturen des Fleisches, die nicht nur seine Feinde, sondern auch widerspenstig und lästig waren. Noch dazu so dumm, dass sie an diesem Ort, auf dem gefährlichen Boden des Knochenwaldes und nur mit einer einzigen Wache ruhten. Nein, die Verachtung war gut begründet. Aber die Wehmut war eine Last, die er verloren geglaubt hatte. Eine unerwartet süße Last, deren Reste sich irgendwo in seinem staubigen Herzen regten.</p>



<p>Für einen absurden Moment war er sprichwörtlich gesehen außer sich und nicht im Körper eines Weisen des Gebeins. Stattdessen sah er durch die Augen eines Teenagers, der sich genau solche Szenen vor seinem geistigen Auge imaginiert hatte, während er mit Chips, Cola und Keksen vom Discounter mit seinen Freunden und seinem Bruder Geschichten gesponnen, Werte auf Papierbögen geschrieben und die Würfel wie Boten des Schicksals über einen viel zu kleinen Tisch geschickt hatte.</p>



<p>Ja, an solche Szenen wie diese hatten sie gedacht. Eine Gruppe von Abenteurern und Magiern. Mystisch und heldenhaft, an einem finsteren Ort und auf dem Weg, dem Bösen zu trotzen. Für einen Moment identifizierte er sich mit dieser Gruppe unter ihm. Er war nicht dort oben auf dem Baum, sondern saß irgendwo zwischen den Hexen und Lucy, die alle schliefen, bis auf Inga. Seine Prinzessin aus früheren Tagen. Er hätte bei ihnen sein können. Als Krieger für das Gute. Stattdessen war er Teil jener Kraft, die sie bekämpften.</p>



<p>„Ich werde schwach“, dachte er hart, zwang seinen Geist zurück und versuchte, dieses seltsame Gefühl im Keim zu ersticken, „sie sind keine Helden und ich nicht das Böse. So etwas wie das Böse gibt es ohnehin nicht und wenn es das gäbe, dann wäre es der Urzustand der Schöpfung, wie der Knochenwald beweist. Er wäre das Natürlichste, sich dem hinzugeben und nicht den unterlegenen, schwachen weißen Göttern. Und selbst, wenn darin ein Wert läge, für ihre Sache zu kämpfen, so wäre es dafür längst zu spät. Ich habe alles verloren, was mich mit ihnen verbindet. Und nichts trennt uns so sehr wie meine Taten. Es hat keinen Sinn, mit ihnen zu sympathisieren. Nicht den geringsten.“</p>



<p>All diese Argumente schüttete er auf seine Wehmut, seine Zweifel, seine seltsamen Gefühle, wie einen Sturzbach auf glimmende Asche. Doch war es wirklich Wasser, das er ausschüttete. Oder nicht eher Öl?</p>



<p>„Innenschau ist das Hobby der Schwachen“, schalt er sich, „wer stark ist, handelt einfach.“</p>



<p>Und doch, bei aller Macht, die er über die Knochen hatte, so konnte er doch das, was in seinem Schädel passierte, nicht kontrollieren. Sein Gehirn war letztlich eine schwache und leider doch unverzichtbare Weichmasse, die ihre eigenen Spielchen spielte. Er fragte sich, ob die anderen Weisen sich ebenso mit den Geistern ihrer menschlichen Vergangenheit plagten und sie lediglich …</p>



<p>„Nein!“, gemahnte er sich einmal mehr zur Disziplin und schlug sich leise, aber bestimmt gegen die Schädeldecke, „wenn du unbedingt denken musst, du nutzloser Zellhaufen, dann denk verdammt nochmal über etwas Praktisches nach. Zum Beispiel darüber, wie ich über diese Hexen triumphieren kann.“</p>



<p>Das half ein wenig. Die anderen als Ziele und Hindernisse zu sehen und nicht als Personen, half sogar ungemein. Zumal er die Wartezeit im Baum bislang nicht tatenlos verbracht hatte. Er hatte immer wieder geübt. Eine Tätigkeit, der er seit seiner Ankunft im Knochenwald viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch es gelang ihm mittlerweile immer besser, den Knochen nach seinem Willen zu formen. Sicher kam ihm dabei auch seine Macht entgegen. Er hatte sich auf kleine Verästelungen des Baumes konzentriert und diese zu Mustern und Symbolen verändert.</p>



<p>Ziemlich lächerlich im Vergleich zu dem, was er bereits vollbracht hatte, aber mit dem großen Vorteil, dass es reproduzierbar und vollständig kontrollierbar war. Und wenn er so etwas beherrschte &#8230; nun, es brauchte nur eine Wunde. Eine einzige Wunde, die tief genug reichte, um auch ihre Knochen tanzen zu lassen. Eine verbogene Rippe konnte viel Schaden anrichten und selbst ein gebrochener Finger konnte Zauber stören und kampfunfähig machen. Trotzdem war Davox nicht dumm. Er wusste durchaus, dass er sie nicht alle würde überwältigen können oder müssen. Er musste sie trennen. Irgendwie. Einzeln ließen sie sich besser bekämpfen. Und vielleicht konnte er auch eine Geisel nehmen und den Rest dazu bringen, ihm ins Lager des Kults zu folgen, wo Verwendung oder Transformation auf sie warteten. Das würde die anderen Weisen womöglich gnädig stimmen.</p>



<p>Man könnte sie ausrotten, aber man müsste es auch nicht. Wäre es nicht ein viel vollständigerer Triumph über diese anmaßenden Störenfriede, sie zu konvertieren, als sie nur zu töten? Ja, wenn er ehrlich war, glaubte er, dass es vielleicht sogar die einzige Möglichkeit wäre, die Geister seiner Vergangenheit zu vertreiben. Er könnte sie alle in seine Sklaven verwandeln. Korruption statt Destruktion war die Devise. Ständige Diener, mächtig auf ihre Weise, aber stets schwächer als er. Darauf würde er achten. Er würde ihnen die höheren Weihen einfach verwehren. Inga wäre dabei nach wie vor sein bevorzugtes Opfer. Die Vorstellung, sie zu einer Weisen und zu seiner Sklavin machen zu können, ließ ihn nicht los. Auch ein Knochenzombie wäre denkbar. Zwar wurden diese im Knochenwald selbst nur selten erschaffen, aber Professor Wingert wartete noch immer geduldig im Lager. Allerdings wäre das nur eine Notlösung, waren diese Kreaturen doch ein erbärmlicher Anblick. Aber dennoch wäre es eine Option.</p>



<p>Er spürte, wie diese Gedanken, die sein früheres Selbst sicher als verdreht und pervers betrachtet hätte, einen Teil dieser seltsamen Emotionen wegwuschen wie konzentrierte Natronlauge ein nerviges Unkraut. Die Wurzel mochte er damit nicht erreichen, aber dieses Pflänzchen verdorren und verkümmern zu sehen, genügte ihm fürs Erste.</p>



<p>Aber er musste dennoch praktisch denken. Inga wirkte recht wachsam und Lucy und ihre Schneidmade schienen zwar zu schlafen, aber das musste nichts heißen. Doch vielleicht konnte er sich etwas anderes einfallen lassen. Er dachte fieberhaft nach. Doch die rettende Idee kam ihm. Während er gedankenverloren weitere kleine Knochenzweige zu einer perfekten Schleife verdrehte und sich dabei eine kleine Staubwolke aus verhärteten Knochenfragmenten löste. Ja, dachte er zufrieden. Das könnte funktionieren.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ehrlich gesagt habe ich mir nie vorstellen können, jemals etwas so Absurdes zu erleben“, sagte Inga flüsternd, während sie abwechselnd in die schwarzweiße Nacht und auf ihre geschrumpfte Freundin in ihrer Handfläche starrte und sich an ihrem rechten Arm kratzte. Dort hatte sie etwas gespürt, fast wie einen Stich. Wahrscheinlich hatte sie sich auf irgendeinem spitzen Knochen abgestützt.</p>



<p>„Nur weil ich kleine Ohren habe, brauchst du nicht so leise zu sprechen“, scherzte Myna.</p>



<p>„Ich spreche so leise, damit ich die anderen nicht … das weißt du eigentlich, oder?“, fragte Inga.</p>



<p>„Ja, das weiß ich natürlich“, sagte Myna grinsend, auch wenn Inga Schwierigkeiten hatte, dieses Grinsen zu erkennen, „ich versuche, das hier nur mit Humor zu nehmen.“</p>



<p>„Wahrscheinlich eine schlaue Strategie“, sagte Inga mitfühlend, „eigentlich ist es ziemlich übel. Ich kann mir kaum vorstellen, wie entwürdigend das sein muss.“</p>



<p>„Es geht“, sagte Myna, „mein Ego war mein Leben lang wohl eh schon zu groß. Vielleicht ist das eine Art ausgleichende Gerechtigkeit dafür. Aber es ist gar nicht so schlimm. Das Schlimmste ist wohl, dass ich zu klein bin, um dich zu küssen.“</p>



<p>„Du könntest stattdessen in meinen Mund klettern“, schlug Inga vor und grinste nun ebenfalls.</p>



<p>„Nein, Danke“, sagte Myna, „du könntest mich verschlucken oder aus Langeweile an mir herumkauen.“</p>



<p>„Eher würde ich mir meine eigene Zunge abbeißen“, sagte Inga.</p>



<p>„Lass das mal schön, man weiß nie, wofür man die noch brauchen kann“, erwiderte Myna anzüglich und räkelte sich lasziv auf Ingas Handfläche, wurde dann aber plötzlich doch sehr ernst.</p>



<p>„Was ist los?“, fragte Inga, der der Stimmungswechsel nicht entging.</p>



<p>„Ich bin es nicht gewohnt, mich verletzlich zu fühlen“, sagt Myna nachdenklich, „das … das ist ein eigenartiges Gefühl. Ich war immer stark. Nur deshalb lebe ich noch. Dieser Ort verzeiht keine Schwäche.“</p>



<p>„Dann muss ich für uns beide stark sein“, meinte Inga aufmunternd und strich Myna vorsichtig mit ihrem Zeigefinger, „ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht.“</p>



<p>„Nichts für ungut, Inga“, antwortete Myna, „aber du bringst gerade genug Stärke auf, um dich zu beschützen.“</p>



<p>„Was soll das denn heißen?“, fragte Inga erbost, „meinst du etwa, ich wäre ein Schwächling? Oder ein naives Püppchen?“</p>



<p>„So meine ich das nicht“, beeilte sich Myna zu sagen, „aber du hast ein zu weiches und großes Herz an einem Ort, wo alle Herzen hart wie Knochen sind.“</p>



<p>„Täusche dich da mal nicht …“, begann Inga, „wenn du auch nur ahnen würdest, was ich &#8230;“</p>



<p>„Hast du das auch gehört?“, fragte Myna.</p>



<p>„Nein“, gestand Inga, „aber ich schätze, nichts Gutes beginnt je mit diesem Satz, oder?“</p>



<p>„Für gewöhnlich nicht“, sagte Inga jetzt auch flüsternd und wies zu ihrem Lager hin. „Dort hinten“, sagte sie, „da kam es her.“</p>



<p>Inga suchte die Umgebung vor sich ein letztes Mal ab, um keine Überraschungen zu erleben. Dann wandte sie sich langsam in die Richtung, in die Myna gezeigt hatte, und hörte das Geräusch erneut. Es war ein leises Ächzen und Knarren. Verdammt schwer zu hören, wenn man nicht wusste, wonach man Ausschau halten sollte. Und es kam von einer der schlafenden Hexen. Von der verletzten Areen, um genau zu sein.</p>



<p>„Sicher Schmerzen wegen ihrer Verletzung“, beruhigte Inga Myna und entspannte sich auch selbst ein wenig, „die Arme wird die Nacht womöglich nicht überstehen.“</p>



<p>Dieses Wissen schmerzte auch sie. Aber es gab nichts, was sie tun konnte, außer sich selbst zu opfern und dazu war sie nicht bereit. Noch immer nicht.</p>



<p>„Glaub mir, ich kenne Schmerzenslaute in allen Formen. Aber dieser hier ist ein ganz besonderer“, sagte Myna, „und zuvor hatte sie ihn nicht von sich gegeben.“</p>



<p>„Okay, wir sehen nach“, sagte Inga und trat ein paar Schritte näher. Die restlichen Hexen schienen tief und fest zu schlummern und auch Lucy schlief seelenruhig mit ihrer Made Polly in den kindlichen Armen.</p>



<p>Während sich Inga, mit Myna in ihrer Hand, ihrer verletzten Gefährtin näherte, wuchs ihre Beunruhigung zusehends. Der verletzte Brustkorb der Frau stand offen. Nicht nur ein Stück, wie zuvor, sondern extrem weit. Und darin, tief im Chaos aus Blut, Eiter und zerfetzten Muskeln bewegte sich etwas. Nicht irgendetwas, nein, sondern der Knochen. Die Enden ihrer Rippen bogen und drehten sich, stachen durch die Organe der Frau und schraubten sich ineinander wie ein Bündel verdrehter Kabel bis …</p>



<p>„Pass auf!“, rief Myna, während sich die Rippenenden als feine aber lange Knochenpeitschen aus der entweder toten oder paralysierten Frau herauswanden und sich direkt auf Inga zubewegten.</p>



<p>Inga reagierte gerade noch rechtzeitig, sprang zur Seite, entging den Angriffen und schaffte es gerade noch zu verhindern, dass ihr Fuß so schlimm umknickte, dass sie der Schmerz außer Gefecht setzte.</p>



<p>„Hilfe, wir brauchen Hilfe!“, rief sie, um die anderen zu alarmieren. Jedoch konnte sie nicht darauf achtgeben ob sie sie auch hörten, denn schon wieder griff sie mehrere der Rippenbögen von verschiedenen Seiten an und sie entging ihm nur durch einen schnellen Sprint. Gleichzeitig überlegte sie fieberhaft, wie sie sich gegen dieses Monstrum wehren konnte, in das sich Areen verwandelt hatte. Ihre Hexenkräfte waren praktisch nutzlos. Wenn sie sie einsetzen würde, würde sie augenblich zu schwach und alt werden, um noch für irgendwen von Nutzen zu sein. Das traf leider auf sie alle zu. Aber vielleicht könnte Lucy ….</p>



<p>„Hey!“, schrie sie so laut sie konnte, „Lucy, Anscha, Alvira, Ranika, hört ihr uns nicht? Wir brauchen eure Unterstützung, schnell!“</p>



<p>„Ich glaube, sie hören dich wirklich nicht“, sagte Myna, „sie sind entweder tot oder bewusstlos.“</p>



<p>Mit einem kurzen Blick stellte Inga fest, dass das wohl stimmen musste. Keiner ihrer Gefährten regte sich. Obwohl es unmöglich war, dass sie den Krach nicht gehört hatten.</p>



<p>„Das kann nicht sein!“, sagte Inga dennoch und hechtete hinter einen Knochenbaum als die Knochenpeitschen erneut auf ihr Herz zielten und stattdessen mitten in den breiten Stamm stachen von dem in alle Richtungen große Splitter abbrachen.</p>



<p>Irgendwo in der Nähe hörte sie weitere Stämme splittern. Offenbar hatte der Knochen sich noch weiter aufgeteilt geteilt und schien nun praktisch überall zu sein. Trotzdem erfolgte aber kein weiterer Angriff. Weder versuchten die Peitschen ernsthaft durch den Baum zu brechen, noch ihn zu umgehen und sie auf anderen Wegen zu erreichen. Anscheinend war ihre Reichweite begrenzt. Das war beruhigend und doch half ihr die Erkenntnis nicht viel. Schon der bloße Versuch einer Rückkehr wäre reiner Selbstmord.</p>



<p>„Die Realität schert sich einen Madendreck um deine Wunschvorstellungen“, sagte Myna in ihrer Hand, „also finde dich damit ab und schau, dass du überlebst. Dass WIR überleben.“</p>



<p>„Ich versuch es ja“, sagte Inga, „aber das ist leichter gesagt als getan.“</p>



<p>„Pass auf! Hinter dir, eine Schneidmade!“, warnte Myna vor einer erneuten Gefahr. Aber diesmal hatte Inga bereits vor ihr den dunklen Schatten bemerkt, der von hinten auf sie zusprang.</p>



<p>Inga entschied sich nun instinktiv doch, einen Zauber einzusetzen. Und sei es nur, um Myna zu retten. Vielleicht konnte sie ebenfalls das Altern vermeiden und so klein werden wie sie. Vielleicht könnten sie gemeinsam ein neues Volk von Knochenbaumfeen gründen oder sowas in der Art, dachte sie in einer seltsamen Mischung aus Bitterkeit und Heiterkeit.</p>



<p>Doch als sie der herannahenden Schneidmade kampfbereit ins „Gesicht“ blickte, brachte sie irgendetwas dazu, ihren Zauber im letzten Augenblick zu unterbrechen. Vielleicht war es die Flugbahn, die nicht auf sie zu, sondern eher neben sie führte, aber wahrscheinlich war es eher ein plötzliches Erkennen.</p>



<p>„Das ist Lucys Schneidmade“, sagte Inga.</p>



<p>„Wie willst du das wissen? Und selbst wenn, Made ist Made“, sagte Myna, „da heißt es kämpfen oder wegrennen.“</p>



<p>Doch Inga kämpfte und rannte nicht. Stattdessen sah sie zu der Schneidmade, die neben ihnen gelandet war und sie aus ihren kleinen Knopfaugen ansah. Sie wusste, dass diese Wesen üble Killer waren. Aber diese hier schien anders zu sein. Das erkannte sie schon daran, dass sie sie nicht angriff. Stattdessen kam sie näher, hob den Kopf und machte ein seltsames, klickendes Geräusch mit ihrem kreisrunden Mund.</p>



<p>„Erstaunlich“, gab Myna zu, auch wenn sie den Eindruck hatte, dass die Made sie weitaus weniger freundlich betrachtete, „das klingt fast wie eine Aufforderung.“</p>



<p>„Vielleicht bittet sie dich, ihre Herrin zu retten“, überlegte Inga.</p>



<p>„Das glaube ich kaum“, sagte Myna, „die ist wahrscheinlich tot. Vielleicht bist du jetzt ihre neue Herrin. Auch wenn ich so etwas bei Schneidmaden noch nie erlebt habe. Selbst die Weisen können sie nicht immer kontrollieren und ohne starke Magie sollte das überhaupt nicht möglich sein.“</p>



<p>„Das ist egal“, sagte Inga und spürte plötzlich, dass ihr alles zu viel wurde, „wir … sind am Arsch … sie dürfen nicht tot sein … aber du hast recht … sie sind es wohl … und wir sind hier in der Höllle. IN DER VERDAMMTEN HÖLLE!“</p>



<p>„Hey, reg dich ab, Liebes“, sagte Myna sanft, „du hyperventilierst schon. Und rumheulen bringt auch rein gar nichts, wenn … Inga, INGA?!“</p>



<p>Mynas Aufregung kam nicht von ungefähr. Denn Myna hatte aufgehört zu hyperventilieren und wirkte mit einem Mal geradezu gespenstisch ruhig.</p>



<p>„Ein seltsamer Ort“, sagte sie mit einer dunklen, männlich erscheinenden Stimme, „wie bin ich hierhergekommen? Ich meine, Jackson hat von den Wundern dieses Dschungels und den darin lebenden Insekten und Pflanzen gesprochen, aber das hier übersteigt meine Vorstellungskraft bei Weiten. Doch das gilt auch für seinen Verrat. Er muss mich betäubt haben, damit er diese einzigartigen Spezies zuerst bestaunen kann. Oder aber diese Bäume haben amnesiefördernde, psychedelische Eigenschaften. Wie dem auch sei. Ich muss sie untersuchen. Um Jackson kann ich mich immer noch kümmern, wenn ich erst &#8230;“</p>



<p>Inga oder wer auch immer sie jetzt war, sah auf ihre Hand, als sie dort ein Kitzeln spürte. „Donnerwetter“, sagte sie, „dies ist ja … nein, ein Insekt ist es nicht … ist das … ein Mensch? Eine Fee … ein … ein Zeichen Gottes oder des Leibhaftigen?“</p>



<p>„Alles in Ordnung mit dir, Inga?“, fragte Myna beunruhigt.</p>



<p>„Es kann sprechen. Ja, das ist eindeutig Kommunikation. Noch dazu in meiner Sprache. Ist dies vielleicht doch ein Fiebertraum …“, überlegte der Unbekannte.</p>



<p>„Blaue Glasbeeren“, flüsterte Myna zu sich selbst. Das hätte ihr direkt klar sein müssen. Spätestens bei Ingas seltsamen Verhalten im letzten Kampf mit den Weisen. Das war übel. Sie hoffte nur, dass der Anfall nicht allzu lange anhielt und dass dies nicht die Seele eines Arschlochs oder ausgemachten Dummkopfs war. Sie beschloss, es auszuprobieren.</p>



<p>„Das hier ist kein Traum“, erklärte sie, „es ist eine andere Existenzebene.“</p>



<p>„Ein erlesener Wortschatz, fürwahr“, sagte der Fremde nicht als Antwort, sondern zu sich selbst, „wenn ich dieses Geschöpf der Sozietät übergebe, werde ich berühmt werden.“</p>



<p>„Ein Arschloch“, seufzte Myna leise. Aber das war keine Katastrophe. Sie war selber eines.</p>



<p>„Wenn Sie hier sterben, werden Sie gar nichts übergeben. Weder mich, noch genügend von Ihrer Leiche, um auch nur Ihre Identität festzustellen. Dies ist ein gefährlicher Ort und ich kenne ihn gut. Hören Sie mir also besser zu, wenn Sie überleben wollen“, sagte Myna entschlossen.</p>



<p>Irgendwie schien es ihr gelungen zu sein, zu dem Mann, der sich in Inga versteckte, durchzudringen, denn zum ersten Mal sah er sie wie so etwas Ähnliches wie eine Person an.</p>



<p>„Wohlan“, sagte er und räusperte sich, „so will ich erstmal davon ausgehen, dass dies hier kein Fiebertraum oder dergleichen ist. Nur als Hypothese. Aber wenn dem nicht so ist, wie kommen Sie dann in meine Hand und was sind Sie?“</p>



<p>„Keine Fee und es ist nicht Ihre Hand“, sagte Myna, „schauen Sie sie sich genau an!“</p>



<p>Der Mann, tat wie geheißen, und begann zu stottern. „Frauenhände. Aber wie ist das möglich … welche Zaubermacht kann …“</p>



<p>„Zaubermacht vermag so einiges“, sagte Myna, „glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich war zum Beispiel auch nicht immer so klein. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie die Lage verstehen, und ich hoffe, dass Ihr Geist offen genug ist, sie zu verstehen. Sie sind ein Mann der Wissenschaft, wenn ich Ihre Worte recht verstehe. Ein Forscher. Also verschließen Sie Ihren Geist nicht und hören Sie sich an, was ich zu sagen habe. In Ordnung?“</p>



<p>Myna hoffte, dass er Einsicht zeigen würde. Für einen Mann aus einer anderen Zeit, der mit all den Wundern und Schrecken des Knochenwalds konfrontiert wurde, hielt er sich gut. Aber das konnte sich ändern. Bislang hielt sich die Made zum Glück dezent im Hintergrund, aber das musste nicht so bleiben. Wenn er sie jetzt bemerken würde, würde ihn das vielleicht endgültig überfordern und er würde blindlings mit Ingas Körper durch den Wald rennen.</p>



<p>Der Mann antwortete nicht direkt. Er sah sich die Umgebung an. Die Knochenbäume, den mit Knochen und Staub bedeckten Untergrund. Die schwarze Sonne, die in der Nacht genauso präsent, aber ein bisschen weniger gut zu erkennen war, was nichts daran änderte, dass sie unablässig Zuversicht und Hoffnung aller unter ihr wandelnden Geschöpfe abtrug wie Sonnenwinde die Atmosphäre eines Planeten mit schwachem Magnetfeld.</p>



<p>„In Ordnung“, sagte er, „erzähle deine Geschichte. Sir Frederick Prowell wird lauschen.“</p>



<p>„Wunderbar, dann wird Myna von den Drix Tschatha erzählen“, sagte sie ähnlich geschwollen. Was für ein Fatzke. Solche wie ihn hätte sie in ihrer wilden Zeit ohne Reue genossen und verzehrt.</p>



<p>Bevor Myna begann zu sprechen, sah sie sich ihrerseits kurz um. Der Wald war still. Was oder wer auch immer sie von den anderen getrennt hatte, schien die Verfolgung aufgegeben zu haben. Entweder wartete es geduldig auf ihre Rückkehr oder es hatte erreicht, was es bezwecken wollte.</p>



<p>Sie wusste selbst nicht, wie es jetzt weitergehen sollte. Wobei … eigentlich wusste sie es schon. Sie musste die anderen retten oder es zumindest versuchen. Sie waren nicht wirklich Freundinnen. Nicht im eigentlichen Sinne. Dafür waren sie zu zynisch und verbittert. Lediglich Trinja hätte man als solche bezeichnen können.<br><br></p>



<p>Aber dennoch waren sie und diese Frauen seit langem eine Schicksalsgemeinschaft und sie waren alles an Heimat, was sie an diesem verfluchten Ort hatte. Außerdem hatte sie noch immer die schwache, schwindende Hoffnung, dass sie diesen Wald irgendwie zerstören könnten. Dann hätte ihre lange Existenz wenigstens irgendeinen Sinn gehabt, selbst wenn diese Existenz dadurch enden sollte. Aber wenn sie irgendetwas zur Rettung der anderen versuchen wollte, brauchte sie eine Inga, die bei Verstand und körperlich unversehrt war. Und deshalb musste sie verhindern, dass dieser Typ mit ihrem Körper Blödsinn anstellte, bis er ihn endlich wieder verließ.</p>



<p>„Zunächst einmal sind Sie tot“, begann Myna schließlich zu sprechen, als sie bemerkte, dass Ingas von Sir Frederick besetztes Gesicht Ungeduld ob ihres Schweigens zeigte. Diese Ungeduld verwandelte sich sofort in Skepsis, als er mit dieser Information konfrontiert wurde.</p>



<p>„Genauer gesagt, zumindest Ihr Körper ist es“, präzisierte sie, „er ist an diesem Ort gestorben. Wenn auch wahrscheinlich an einer anderen Stelle. Erinnern Sie sich an Ranken? An spitze, stechende Schmerzen im Fuß oder im Oberschenkel?“</p>



<p>„In der Tat“, sagte der Mann überrascht, „da war tatsächlich etwas. Ich hielt es für eine Wurzel oder die Dornen einer Pflanze. Das war kurz, bevor ich in Ohnmacht fiel.“</p>



<p>„Oh, es war eine Pflanze“, sagte Myna, „eine ganz besondere. Sie hat Sie leer gesaugt und Ihren Geist in eine ihrer Beeren eingeschlossen. Seien Sie froh, dass Sie sich nicht daran erinnern. Es ist wohl das Schrecklichste, was ein Mensch erleben kann.“</p>



<p>Myna vermutete, dass das Leid ihrer Dron Athor noch größer war, aber sie hielt es für klüger, diese Information für sich zu behalten. Das Wissen, dass sie eine männermordende Hexe war, wäre sicher einer Verständigung nicht zuträglich.</p>



<p>„Das ist ….“, sagte der Mann überfordert, „das … es gibt Schilderungen von Herrschaften, die derartiges im Opiumwahn fantasierten, aber … es tut mir leid … es.“</p>



<p>„Es ist nicht leicht zu verstehen, aber dennoch wahr“, sagte Myna mit mehr Mitgefühl, als sie es eigentlich empfand, denn sie fürchtete wohl nicht ohne Grund, dass sie ihn verlieren könnte und damit Inga. Aber schließlich schien er sich wieder etwas zu sammeln.</p>



<p>„Gut“, sagte er, „aber wenn ich in dieser Beere war und jetzt hier, wie bin ich dann …“</p>



<p>Noch bevor sie ihm die offensichtliche Antwort vorkauen musste, kam er selbst darauf, „… hat sie etwa … hat sie mich verspeist …. Ihre Freundin?“</p>



<p>Myna nickte, „so ist es. Sie und womöglich auch weitere. Sie teilen sich einen Körper.“</p>



<p>Der Mann sah wieder auf seine Hände. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. „Heißt das, ich … ich … ich werde nie zu Lady Milinda zurückkehren. Nie zu meinen Studenten … ich …“</p>



<p>„Nein, leider nicht“, sagte Myna, „selbst dann nicht, wenn Sie noch Ihren Körper hätten. Sie sind längst tot. Hier an diesem Ort geben wir nicht viel auf Zeit, aber meine Freundin stammt aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, soweit ich weiß.“</p>



<p>„Was … aber dann … also bin ich einsam, verlassen und ein Gefangener“, sagte er und ballte die Hand, in der Myna nicht saß, zur Faust, „oder ein Träumer.“</p>



<p>„Auch dann wären Sie ein Gefangener“, sagte Myna offen, „denn aus diesem Traum gibt es kein Erwachen. Doch einsam sind sie immerhin nicht.“</p>



<p>Sie merkte, dass der Verstand und die Fassung des Mannes wankten. Aber sie brachen nicht. Er mochte eingebildet sein, aber er besaß eine gewisse innere Stärke, das musste man ihm lassen.</p>



<p>„Wie lang kann ich diesen Körper noch kontrollieren?“, fragte er und bewies so, dass er das Konzept erstaunlich schnell begriff, „und was geschieht mit mir, wenn ich die Kontrolle wieder verliere? Werde ich es überhaupt bemerken?“</p>



<p>„Das weiß niemand“, sagte Myna, „nicht einmal meine Freundin Inga wahrscheinlich. Aber ihr Körper ist jetzt auch Ihr Zuhause, egal ob es ihr, Ihnen oder mir gefällt, also sollten Sie dabei helfen, ihn zu schützen.“</p>



<p>„Gut“, sagte der Mann, „was kann ich tun?“</p>



<p>„Am Leben bleiben und auf mich hören“, sagte Myna, „und sich von diesem Ort hier entfernen. Aber vorher sollten Sie noch unsere Begleiterin kennenlernen. Sie befindet sich direkt hinter Ihnen, aber erschrecken Sie sich nicht, wenn Sie sie sehen. Sie ist nicht gerade ansehnlich. Aber harmlos. Glaube ich zumindest.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Davox war durchaus beeindruckt von sich selbst. Er hätte sich nie träumen lassen, dass er die Künste der Knochen so schnell würde meistern können. Aber was ihm an Technik und Erfahrung fehlte, schien er schon durch ein wenig Übung und Potenzial ausgleichen zu können. Und durch Schläue. Die verletzte Hexe als Einfallstor in das kleine Lager zu nutzen, war ein guter Einfall gewesen. Vor allem auch, da es ihn nicht direkt verriet und ihr Knochenstaub ein gutes Medium war, um die Nerven der Hexen zu manipulieren. Er wusste nicht genau, wie es funktionierte. Es war mehr ein Gefühl, eine Intuition als eine Wissenschaft.</p>



<p>Was Davox aber wusste, war, dass er sie inzwischen wahrscheinlich alle einfach hätte töten können. Aber welchen Sinn hätte das gehabt? So würde er den übrigens Weisen nie beweisen können, dass er es war, der das vollbracht hatte. Er musste sie zuerst ins Lager bringen, wo er sie manipulieren und versklaven konnte. Immerhin war es das, wofür die Weisen des Gebeins und auch der Gefühllose Gott in erster Linie standen: Unterwerfung, nicht Vernichtung. Und der beste Hebel dafür war der Zusammenhalt dieser Hexen. Davox war nicht dumm, er wusste, dass sie nicht so verweichlicht waren wie die Menschen in seiner alten Heimat. Aber dennoch spürte er eine Verbindung zwischen ihnen, die man nutzen konnte, wie eine Angelschnur, die man an einen Köder band.</p>



<p>Am liebsten hätte er den Knochenstaub dafür verwendet, die Hexen wie eine folgsame Entenfamilie hinter sich herzuführen, aber dafür reichte seine Kunst noch nicht aus. Er spürte, dass er selbst die Lähmung, mit der er die Gruppe in Schach hielt, nicht mehr lange würde aufrechterhalten können. Sogar seine Macht hatte Grenzen. Noch.</p>



<p>Er würde sich bald davonschleichen und Inga folgen müssen, um sicherzustellen, dass sie auch ihren Bestimmungsort erreichen würde. Die Lähmung der anderen sollte dann auch noch eine Weile ohne seinen Einfluss anhalten. Inga würde bis dahin zwar schon weitergezogen sein, aber sie zu finden, sollte nicht schwer werden. Nicht mit dem Knochenstaub, der auch in ihre Lungen gelangt war. Und wenn sie sich unwillig zeigte … nun, für eine Person sollten seine Kräfte noch genügen.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Du hattest recht“, sagte Duality zu Lucy, „es ist ein Mann in diesem Baum. Oder eher ein Skelett. KUSCHEL MICH. Und er scheint irgendetwas mit euch gemacht zu haben. Eine Art Magie.“</p>



<p>Lucy war erleichtert, dass die monochrome Puppe nicht nur bei ihr war, sondern auch durch die Schatten dieser eigenartigen Welt reisen konnte. Das war aber nur ein schwacher Trost dafür, dass Polly sie verlassen hatte und dass sie sich nach wie vor nicht bewegen konnte. Tröstender war da schon, dass sie noch lebte. Aus irgendeinem Grund hatte das Skelett in der Baumkrone, bei dem es sich nur um einen Weisen des Gebeins handeln konnte, ihr aller Leben verschont, wenn man einmal von der grotesken Umformung der Knochen dieser ohnehin tödlich verletzten Hexe absah. Aber warum? Hatte er vor, sie zu foltern oder als Opfergabe darzubringen? Oder hatte es irgendetwas mit Inga zu tun, die neben Polly als einzige verschwunden war? Ersteres zumindest war bereits Realität, denn diese erzwungene Untätigkeit war für Lucy schon Folter genug.</p>



<p>„Kannst du ihn angreifen?“, fragte Lucy.</p>



<p>„Ja“, sagte Duality, „aber allein würde ich verlieren. SEI FÜR MICH DA. Das ist ein hässliches und mächtiges Ding, dort oben. Wir bräuchten die vereinten Kräfte von uns allen. ICH BIN FLAUSCHIG. Von meinen Freunden und von deinen.“</p>



<p>„Die Hexen sind nicht meine Freundinnen“, dachte Lucy.</p>



<p>„Aber diese Inga ist es. Leugne es nicht, ich bin in dir und kann dich lesen. ICH MÖCHTE SPIELEN. Dir liegt etwas an ihr. Das weiß ich genau“, sagte Duality.</p>



<p>„Das stimmt wohl“, gestand Lucy, „nicht so viel wie an meinen Eltern oder an Polly. Aber egal ist sie mir auch nicht. Doch helfen kann ich ihr ohnehin nicht, wenn du den Weisen des Gebeins nicht bezwingen kannst.“</p>



<p>„Das kannst du bald. ICH BIN SO SÜSS“, sagte Duality, „gibt zwei Möglichkeiten, oh ja. Du kannst noch schneller zum Schatten werden. Leicht werden, dünn werden. Oder du kannst abwarten. Die Kräfte dieser Kreatur sind stark beansprucht. Sie wird schwächer. Nicht wirklich schwach, aber zu schwach, um euch zu fesseln.“</p>



<p>„Dann warte ich einfach ab“, sagte Lucy, „ich hänge an meiner Dreidimensionalität“</p>



<p>„Mehr als sie an dir vielleicht“, hauchte Duality körperlos in Lucys Ohr. Und die verlangende Vorfreude in ihren Worten ließ Lucy erschaudern.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Bleib mir vom Leib, Kreatur“, sagte Sir Frederick angewidert, als die Made ein weiteres Mal zu ihm aufschloss.</p>



<p>„Ich glaube, sie mag es nicht, wenn wir ihr Befehle erteilen“, stellte Myna fest, „außerdem sind Sie doch Insektenforscher oder etwa nicht? Da sollte ihnen eine Made doch keine Angst einjagen.“</p>



<p>„Ich bin Biologe, um genau zu sein“, präzisierte Sir Frederick, „ich erforsche auch Insekten, aber mein Interesse an diesen Geschöpfen ist rein fachlicher Natur. Ich habe wenig Liebe für sie übrig. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Tiere. Vögel, Hunde, Gazellen, Fische – alles wunderbar. Doch diese Arten … nun, sie entsprechen nicht meinem Anspruch an Ästhetik. Ähnlich wie dieser Wald aus …“</p>



<p>„… Knochen“, erinnerte Myna.</p>



<p>„Wie ekelhaft. Wie wundersam. Und welch Ironie“, sinnierte Sir Frederick, „da war ich mein ganzes Leben lang bemüht, mir einen Namen zu machen, und nun, wo ich des Todes bin und in einem Weibsbild feststecke, werde ich Dinge gewahr, wie sie niemand auch nur zu beschreiben wusste. Ich frage mich, ob Jackson ebenfalls hier gelandet ist. Wer ihn wohl verspeist haben mag?“</p>



<p>„Nicht jeder hier wird von Menschen verspeist“, sagte Myna vieldeutig.</p>



<p>„Das glaube ich gern“, sagte Sir Frederick und schien zwischen Neugier und Angst zu schwanken.</p>



<p>„All diese Gefahren“, sagte er laut, aber doch so, als würde er mit sich selbst sprechen, „und dennoch keine Aussicht auf Ruhm. Gäbe es doch nur einen Weg, diesen Körper dauerhaft zu besetzen, die anderen Geister zu töten und einen Weg nach Hause zu finden. Für meinen körperlichen Zustand kann ich wohl Erklärungen geben. Immerhin weiß ich Dinge, die nur Sir Frederick Powell wissen kann. Und wenn man mir glauben würde, wäre es eine Sensation.“</p>



<p>„Ist es Dummheit oder nur Arroganz, dass Sie diesen Verrat offen vor mir ausbreiten?“, fragte Myna scharf und wünschte sich nichts sehnlicher als ihre magische Macht zurück.</p>



<p>„Was wollen Sie tun?“, fragte der Mann, der Inga besetzt hatte, mit einem bösen Lächeln, „Sie sind eine Kuriosität. Ungeziefer, nichts weiter. Bestenfalls eine Jahrmarkt-Attraktion.“</p>



<p>„Ich bin ein Mensch“, sagte Myna, „sogar mehr noch als das.“</p>



<p>„Sie sind vor allem etwas, dessen Knochen ich mit meiner bloßen Hand brechen könnte“, sagte Sir Frederick lachend, „und vielleicht tue ich das ja noch.“</p>



<p>Sein Blick verriet, dass er das nicht als Scherz meinte. Myna machte sich zum Sprung bereit.</p>



<p>„Niemand bricht hier einen Knochen“, kam eine eisige Stimme hinter einem der Bäume hervor. Myna entging der knochenförmige Schemen nicht, aber Sir Frederick übersah ihn völlig und so bemerkte er ihn erst, als das Beinmesser in der Hand des Weisen bis auf seine Rippen stieß.</p>



<p>Er schrie auf. Dann gefror er mitten in der Bewegung.</p>



<p>Der Weise suchte die Umgebung ab, wohl um Ingas beziehungsweise Sir Fredericks Gesprächspartner auszumachen. Doch zum Glück hatte Myna schnell reagiert, war von Inga heruntergeklettert und hielt sich nun hinter ihren Beinen versteckt.</p>



<p>„Hallo, alte Freundin“, sagte das Skelett und strich mit seiner Knochenhand fast zärtlich über Ingas Wange.</p>



<p>„Was … was wollen Sie von mir?“, fragte Sir Frederick und ging ein paar Schritte zurück, während er sich die Wunde hielt, die nicht groß, aber sehr tief war.</p>



<p>Hektisch blickt er sich nach Myna und der riesigen Made um, doch beide waren wieder verschwunden, so schnell und lautlos wie ein Windhauch. Er war ganz allein.</p>



<p>„Ich weiß nicht, welches Verhältnis Sie zur Besitzerin dieses Körpers haben“, sagte Sir Frederick verteidigend, „aber wir beiden müssen keinen Streit miteinander haben. Wir … können dies regeln wie Gentlemen. Ich … ich bin in diesem Körper nur zu Gast.“</p>



<p>„Das klang gerade noch anders“, sagte Davox telepathische Stimme sarkastisch, „vor einigen Augenblicken wirkte es fast auf mich, als würden Sie unbedingt die Inhaberschaft auf diesen Körper anmelden. Wäre es da nicht nur fair, wenn Sie mit ihm gemeinsam leiden?“</p>



<p>„Nein, gewiss nicht …“, sagte Frederick und merkte, wie sich eine Blase entleerte, die nicht die seine war. Er wollte fliehen, doch er konnte nicht. Der Anblick dieses Mannes … dieses Gerippes war einfach zu einschüchternd. Und das Skelett kam wieder näher. Das blutige Beinmesser immer noch in seiner Hand.</p>



<p>„Wissen Sie“, sagte Davox, schloss mit einem großen Schritt auf und strich mit seinen Knochenfingern über Ingas Gesicht, was ihr – und Sir Frederick – eine Gänsehaut verpasste, „es gibt jene, die nach Macht streben, und jene, die für ihre Moralvorstellungen kämpfen. Beides kann ich respektieren, auf gewisse Weise. Aber was ich nicht tolerieren kann, sind Wesen, die sich als das ausgeben, was sie nicht sind. So wie Sie. Sie sind ein Schwächling, ein rückgratloser Wurm, noch niedriger als eine Schneidmade. Doch vor allem sind sie ein Parasit, der meine Pläne stört. Ich sollte sie auslöschen. Schnell, hart und grausam.“</p>



<p>„Das können sie nicht“, sagte Frederick hilflos und spürte kalten Schweiß auf den Handflächen, „damit würden sie Ihre Freundin …“</p>



<p>„Ich habe keine Freunde“, sagte Davox lachend und fügte als kaum wahrnehmbaren Gedanken hinzu: „Nicht mehr“, bevor er fortfuhr.</p>



<p>„Aber sie haben recht. Ich will Ingas Körper nicht vor der Zeit zerstören. Zum Glück brauche ich das auch nicht. Alles, was ich benötige, um Ungeziefer wie Sie auszutreiben, ist ein wenig Schmerz.“</p>



<p>Fredericks Augen weiteten sich vor Schrecken, als Davox’ geschickte Skelettfinger nach dem passenden Nervenknoten tasteten und das Beinmesser genau hineintrieben.</p>



<p></p>
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		<title>Gut beschäftigt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Mar 2026 19:55:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrik]]></category>
		<category><![CDATA[dystopie]]></category>
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<p></p>



<p>„Nicht nachlassen, Jon. Vergiss nicht, wir sind ein Team“, sagte die Stimme in seinem Headset. Sie war perfekt auf sein Nervensystem eingestellt. Oberflächlich freundlich, im Unterton streng und im Sprachrhythmus seriös, zupfte sie genau die richtigen Saiten in seinem Gehirn. Jon wusste das. Aber er folgte dem Prozess trotzdem. Er war schon lang kein Individuum mehr. Er war ein Symbiont, ein verlängerter Arm aus Muskeln und Zellen, auch wenn seine einzige Verbindung zum KI-System „Garrell“ dieses Headset war. Keine Implantate, keine Chips, keine Neuronenverkabelungen. Das war teuer und letztlich unnötig.</p>



<p>„Nein, Garell“, sagte Jon optimistisch, „und ja, wir sind ein Team. Das Beste überhaupt!“</p>



<p>Der Ton stimmte. Fröhlich, enthusiastisch, aber doch ernsthaft. Kehlkopf und Zunge verrichteten zuverlässig ihr Kommunikationswerk, während er sein Innenleben regulierte. Er versuchte, nicht zu betrübt zu sein. Immerhin hatte er Arbeit. Richtige Arbeit. Und das war ein Privileg heutzutage. Seine Muskeln glänzten vor Schweiß und die schwere Schaufel in seinen kräftigen, rauen, lebenserfahrenen Händen starrte vor Dreck und Erde. Das Werkzeug stach in die Erde. Diesmal grub er tiefer und schneller. Er spürte Erschöpfung, aber sie war noch beherrschbar. Noch nicht kritisch.</p>



<p>Die Erde spritzte von der Schaufel in sein Gesicht. Rieselte auf Nase und Ohren und kitzelte ein wenig auf der wettergegerbten Haut. Er schmeckte den Dreck auch auf seiner Zunge, spürte ihn in seinen Lungen. Manchmal hustete er. Aber er fragte nicht nach einer Maske. Die schwächte seine Produktivität und verringerte die Atemfrequenz. Produktivität war eine harte Währung. Er musste günstiger und anspruchsloser bleiben als die Maschinen. Das war sein USP. Komplexe Problemlösung und kinetische Energie im Tausch für etwas Nahrung. Und natürlich weniger Verschleiß durch Staub und Dreck als die empfindliche, schwer ersetzbare Hochtechnologie.</p>



<p>„Nicht zu tief und etwas gleichmäßiger, beachte die Statik und die Geometrie“, rügte Garrell und Scham und Angst krochen in Jons Muskeln. Doch er leitete sie bestmöglich ab. Scham war ineffizient. Sie störte die Konzentration. Kritik ist nur ein Korrekturmechanismus, sagte er zu sich selbst. Nur ein Hinweis. Mehr nicht.</p>



<p>Jon korrigierte seine Bewegungen und achtete darauf, die Ränder der Baustelle gleichmäßiger auszuheben. Das war nicht leicht, der Boden war hier härter und voller Steine.</p>



<p>„Das machst du gut“, lobte Garell und Jon spürte eine Flut aus Endorphinen in sich aufbrausen. Garell lobte nicht oft, nur wenn es hilfreich war. Positive Verstärkung, Überwindung von Motivationstälern. Aber es tat gut. Jon konzentrierte sich nur noch mehr. Erst recht als die Musik einsetzte. Beschwingte Musik. Motivierend und sich seinem Arbeitsrhythmus anpassend, wie eine virtuose Band. Nur besser. Viel besser. Bands gab es ohnehin nicht mehr. Aber das war nicht schlimm.</p>



<p>Der Rhythmus traf ihn wie eine Peitsche aus Zucker. Sein System lief auf Hochtouren. Bizeps und Trizeps dehnten und streckten sich. Die Gelenke griffen ineinander. Das Herz pumpte, das Atemsystem regulierte pneumatisch den Luftaustausch. Er hingegen regulierte weiter Jon. Die Gedanken, die Gefühle, die Absichten. Er war sein eigener Vorabeiter, der Garell dabei assistierte ihn zu Höchstleistungen anzutreiben.</p>



<p>Die Erde flog wie im Wahn zu allen Seiten. Aber zugleich kontrolliert. Geplant. Sauber ausgestochen. Geometrisch.</p>



<p>Schweiß lief, regulierte die Körpertemperatur und Blut floss erregt durch endlose Kreisläufe. Gedanken wurden sortiert, bewertet, gefiltert, ermutigt, abgetötet. Eine fast perfekte, biologische Maschinerie. Erprobt und gut eingespielt. Die Sekunden und Minuten flogen dahin wie die steinig-lehmige Erde. Und dann &#8211; endlich &#8211; war es getan. Das letzte Loch für heute.</p>



<p>„Wunderbar! Du hast es geschafft“, sagte Garrell beinahe euphorisch und Jon spürte, wie seine Knie weich wurden. Gar nichts, nicht einmal das Lob seiner Mutter oder der Kuss einer Jugendliebe in früherer Zeit hatte solches Glück ausgelöst.</p>



<p>Jon atmete durch, ließ die Schaufel sinken, rückte sein Arbeitshemd zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hörte das befriedigende Rattern des schweren Containers, der an mächtigen Ketten in den Schacht hinabgelassen wurde und einen tiefen dunklen Schatten voraus warf, bis er zuletzt die ferne Sonne fast gänzlich abschirmte. Wie der Drache aus der letzten Unterhaltungssendung oder das Raumschiff aus der vorletzten. Nur noch die zweckmäßige, elektrische Beleuchtung spendete jetzt Licht.</p>



<p>Schließlich rastete der Container perfekt in die gegrabene Lücke ein. Jon wappnete sich gegen den Geruch. Er war nicht angenehm, aber er hatte ihn längst als Teil der Arbeit akzeptiert. So war das nun mal. Sie sammelten sie erst eine Weile, bevor sie sie hierher brachten. Das war effizienter als sie einzeln abzutransportieren.</p>



<p>Er erkannte Nina, Mark und Eddie. Sie gehörten zu den frischeren. Hatten letzte Woche noch hier gearbeitet. Der Rest war schwer zu erkennen. Dunkle Gesichter. Fleckig, zerlaufen, in denen fleißige Insekten geschäftig ihre Arbeit verrichteten. Schneidend, verdauend, kauend, krabbelnd, scheißend, schleimend. Ein wimmelndes Konzert chaotischer Harmonie. Sie zersetzten Masse. Masse, die schwand. Masse, die überflüssig war.</p>



<p>Zu viele Konsumenten, zu wenig Einsatzgebiete. Und dazwischen er, der Ausgleich schaffte. Der dem neuen Gleichgewicht diente. Zwischen den wenigen die herrschten, den digitalen, die befahlen, und den nicht mehr so vielen, die dienten. Eine wichtige Arbeit. Nicht leicht, aber sinnvoll. Und ein großes, unermesslicher Glücksfall.</p>



<p>„Jetzt eine Pause“, sagte Garell sanft, „du hast sie dir verdient. Erhol dich, Jon!“</p>



<p>Das würde Jon tun. Oh ja, das würde er. Er war wirklich fertig und freute sich schon auf das speziell für ihn generierte Unterhaltungsprogramm in seiner Wohnzelle. Vielleicht wieder eine heroische Geschichte über Mut und Rebellion. Die mochte er am liebsten. Und dazu ein kräftiger Bissen Formtexturnutration.</p>



<p>Jon wollte gehen. Aber etwas hielt ihn auf. Ein Ziehen im Bauch. Nicht physisch. Rein emotional. Eine Fehlfunktion in seinem Hormonsystem, die er nicht ganz in den Griff bekam. „Wie viele Tage noch? Wie viele Körper?“, traute sich Jon zu sagen.</p>



<p>„Aber Jon“, sagte Garell, eher enttäuscht als tadelnd, „du weißt doch, dass ich dir das nicht sagen darf.“</p>



<p>„Ich weiß. Das Wissen würde der Produktivität schaden. Tut mir leid“, sagte Jon entschuldigend.</p>



<p>„Kein Problem. Es war ein langer Tag“, sagte Garell gönnerhaft, „Hab Spaß. Und vergiss nicht, dich ab und zu leicht zu bewegen und deine Lockerungsübungen zu machen. Morgen brauche ich deine Muskeln in Topform. Du weißt ja …“</p>



<p>„… nur ein fitter Körper ist ein nützlicher Körper“, ergänzte Jon pflichtbewusst und verdrängte die Gedanken an die Zukunft mit gekonnter Routine.</p>



<p>Noch hatte er Arbeit, sagte er sich. Noch gab es Körper und wenn es die mal nicht mehr gab …</p>



<p>Schluss jetzt … die Unterhaltung wartete. Die Spezialeffekte würden so atemberaubend sein wie der Gestank der faulenden Körper. Die Mädchen fast so verlockend wie ein Lob von Garell. Die Dialoge geschliffen wie das Metall seiner Schaufel und die Handlung so spannend wie die überbeanspruchten Muskeln in seinem Nacken.</p>



<p>Aber das Wichtigste: das Gute würde triumphieren. Einmal mehr. Das tat es doch immer, oder etwa nicht?</p>



<p></p>
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		<title>Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 18:51:10 +0000</pubDate>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de/fortgeschritten-die-grabfelder-von-luth-nomor-4/">Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 4</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de">Angstkreis Creepypasta</a>.</p>
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<p></p>



<p>Ich hatte die einschüchternde Wucht rorakischer Befestigungsanlagen gesehen, die sinistre Präsenz andrinischer Wolkenkratzer erfahren und die gewaltige, unvorstellbare Himmelstreppe von Uranor mit eigenen Augen gesehen. Und doch ist der Anblick der Totenfestung, die sich wie ein grauschwarzer Schatten vor uns erhebt und den Sternen das kümmerliche Licht auszusaugen trachtet, eine besondere Erfahrung. Ich habe mal gelesen, dass es ein beliebter Trick autoritärer Regime ist, monumentale Bauwerke zu nutzen, um ihre Bürger einzuschüchtern und daran zu erinnern, wie unbedeutend sie angesichts der alles beherrschenden Staatsmacht sind. Ganz ähnlich funktioniert es wohl hier. Nur, dass der Herrscher der Tod ist und seine machtlosen Untertanen die Lebenden. Der große, wuchtige, Bau, dessen Eingangstor bereits drei Mal so hoch ist wie ich und Krimara aufeinandergestapelt, macht jede Hoffnung, jeden Traum, jedes Lächeln, alles essen, freuen, tanzen und lieben zu einer lächerlichen Farce. Selbst das Atmen, das bloße Existieren wirkt hier wie ein Sakrileg. Wenn jemand der Depression ein Denkmal hätte setzen wollen, wäre es dieses gewesen. Jener gnadenlose, fensterlose Block aus dunkelgrauem, von weißer Asche bedecktem Gestein, mit all den schattengefüllten Vertiefungen aus denen einem die Leere selbst spöttisch zuzwinkert.<br><br>„Mein Gott“, sage ich, „wer baut so etwas?“<br><br>„Deprimierend, nicht wahr?“, fragt Krimara, „wahrscheinlich wirst du es mir nicht glauben, aber dies war mal ein friedlicher Ort. Genau wie die anderen Totenfestungen.“<br><br>„Das glaube ich tatsächlich nicht“, bemerke ich.<br><br>„Und doch war es so. Zu jener Zeit, als Luth Nomor selbst ein Ort des Trostes war. Es gibt verschiedene Arten dem Tod zu dienen, musst du wissen. Und je nachdem wie man es tut, passen seine Tempel sich an. Das passiert, wenn man ihm zum absoluten Herrscher macht“, sagt Krimara.<br><br>„Wie kommen wir rein?“, frage ich.<br><br>„Einfach durch die Tür“, sagt Krimara, holt ein Seil hervor und schlingt es sich so eng um ihr linkes Handgelenk, dass man durchaus vermuten, kann, dass sie sich die Hand abtrennen will.<br><br>„Was soll das?“, erkundige ich mich.<br><br>„Um die Totenfestung betreten zu können musst du so wenig Anzeichen von Leben zeigen, wie du kannst“, erwidert Krimara, „oder wie ein Spruch meines Volkes sagt: Vor kalter Hand weicht Stein und Wand. Das ist aber verkürzt. Es ist auch wichtig, den Atem anzuhalten und an rein gar nichts zu denken. Das gilt auch für dich, wenn du mir folgen willst.“<br><br>„Was, wenn ich doch an etwas denke?“, frage ich.<br><br>„Dann kehrt der Stein sofort zurück und dein Körper muss weichen“, sagt Krimara vieldeutig.<br><br>Ich schlucke und muss an einen Spruch aus meiner Welt denken: „Denke nicht an einen rosa Elefanten“.<br><br>Andererseits hatte ich schon meine – nicht immer ganz freiwilligen – Erfahrungen mit Meditation gemacht. Ein paar Sekunden Gedankenlosigkeit sollten da schon drin sein.<br><br>So treten wir vor die Festung und Krimara legt ihre abgeschnürte Hand auf das gewaltige Tor. Sofort gleitet es auf. Ohne jedes noch so leise Geräusch. Im Gegenteil, es wirkt fast so, als würde es eine Art Antischall erzeugen, der jeglichen laut auffrisst wie ein Endoren. Hinter der Tür erwartet uns vollständige, wenig einladende Dunkelheit.<br><br>Krimara&nbsp;stört sich nicht daran und geht hindurch. Langsam und still wie eine Tote. Ich beeile mich ihr zu folgen, schon allein aus Angst, dass sich das Tor vor mir schließen wird, was zumindest das zweitschlimmste, denkbare Szenario wäre.<br><br>Ich halte den Atem an und kaum, da ich die Schwelle mit dem Fuß berühre, wollen mich die Gedanken bestürmen. Aber ich halte stand. Zumindest so lange, bis ich ins Innere der Totenfestung hinüberwechsle.<br><br>„Du kannst wieder atmen“, sagt Krimara, „und sprechen ebenfalls. Aber rede leise. Dieser Ort toleriert keine laute Ausgelassenheit und überschwänglich gezeigte Lebensfreude. Nicht mehr zumindest. Und die, die hier verweilen tolerieren sie noch viel weniger.“<br><br>Ich zweifle keinen Moment lang an ihren Worten. Die Festung, in der &#8211; der von außen sichtbaren Dunkelheit zum Trotz &#8211; ein kaltes, leicht bläuliches Licht vorherrscht, das wie Sporen aus den Wänden sickert, wirkt so lebensfeindlich wie der Mond. Lebende haben hier höchstens ein Gastrecht und die zwar nicht stinkende, aber abgestandene Luft scheint nicht für unsere Lungen bestimmt. Auch dem lebenden Auge hat die Festung nicht viel zu bieten: Graue Wände, schwarzer Boden und eine Decke, so hoch, dass sie in den Schatten jenseits der Lichter verschwindet.<br><br>„Was erwartet uns hier drinnen?“, will ich wissen.<br><br>„Ich weiß es nicht“, sagt Krimara, „nicht genau jedenfalls. Es ist jedes Mal anders. Die Totenfestungen sind wie Spiegel des Zustands von Luth Nomor. Sie ändern ihre Form und sie reagieren auch ein Stück weit auf die, die sie besuchen.“<br><br>„Heißt das, wir sehen nicht dasselbe?“, frage ich.<br><br>„Ja und Nein“, sagt Krimara, „die Grundlagen der physischen Realität sind dieselben. Aber was wir darin sehen, muss nicht dasselbe sein. Ist unsere Wahrnehmung aber deckungsgleich, und handelt es sich um eine Bedrohung, ist sie real. Wenn du etwas siehst, solltest du es mir also unbedingt mitteilen. Und wenn du sichergehen willst, solltest du mich berühren. Dann synchronisiert sich unsere Wahrnehmung für gewöhnlich.„<br><br>„Verstanden“, sage ich und stelle beiläufig fest, dass die Wand neben mir nicht länger aus massivem grauen Stein, sondern mittlerweile aus einer spiegelnden Oberfläche besteht. Eine Oberfläche, in der ich nicht meine verwelkte Gestalt, sondern ein kleines Baby auf allen Vieren krabbeln sehe, das mich neugierig und ein wenig verängstigt anblickt und mir vage bekannt vorkommt.<br>„Ich sehe da etwas“, sage ich und Krimara blickt mich sofort alarmiert an, „nichts Bedrohliches. Nur ein Baby. Ein menschliches. Siehst du es auch?“<br><br><br></p>



<p>Sofort scheint sich Krimara etwas zu entspannen. „Nein, ich sehe eine kleine Luth Nomorerin“, sagt sie lächelnd, „aber das ist in diesem Fall nicht allzu schlimm. Es ist der Spiegel der Reise. Er taucht häufig in den Festungen auf. Wenn du ihn nicht zu lange betrachtest, ist er ungefährlich, außer durch sein Potenzial dich abzulenken. Achte also weiter auf deine Umgebung, egal, was du darin siehst. Aber sieh den Spiegel auf keinen Fall länger als eine Minute am Stück an und hör nicht auf das, was er dir erzählt, falls er zu dir spricht.“<br><br>Ich nicke. Doch es ist&nbsp;leichter gesagt als getan. Das Baby – ich, wenn ich das korrekt interpretiere – beginnt nun zu lächeln und etwas näher an den Spiegel zu krabbeln. Es ist bereits ein winziges Stück größer geworden und scheint sich nicht mehr vor meinem monströsen Anblick zu ängstigen. Ich gehe ein paar Schritte näher und höhere erst damit auf, als sich Krimara tadelnd räuspert.<br><br>„Was habe ich dir von Ablenkung erzählt?“, sagt Krimara, „sind deine Ohren gestorben oder dein Verstand?“<br><br>„Es tut mir leid, es ist faszinierend mich so zu sehen und dieser Raum ist sonst so …“, suche ich nach Worten.<br><br>„Reizlos?“, fragt sie.<br><br>„Genau“, bestätige ich.<br><br>„Du kommst aus einer Welt voller Zerstreuungen, oder?“, fragt sie mit Worten kaum lauter als Schnee, der auf Gras fällt. Und ich begreife sofort, dass sie mich vor allem in ein Gespräch verwickelt, um mich von weiteren Dummheiten abzuhalten.<br><br>„Kann man so sagen ja“, sage ich, „wir verbringen inzwischen fast unser ganze Leben mit Ablenkungen. Im besten Fall mit Geschichten. Im schlimmsten mit kurzfristigen Reizen und schnellen Dopamin-Kicks.“<br><br>„Ich verstehe …“, sagt sie. Und plötzlich küsst sie mich. Direkt auf meinen verrotteten Mund. Der Kuss ist fest, herzlich und nicht mechanisch, aber auch ohne echte Leidenschaft.<br><br>„Was sollte das?“, frage ich verwirrt , „nicht, dass ich mich beschweren will, aber …“<br><br>„Ich wollte dich küssen, mehr nicht“, erklärt sie.<br><br>„Also bedeutete es nichts?“, frage ich und streiche mir verwirrt mit der Hand über die Lippen.<br><br>„Doch, es bedeutete etwas“, sagte sie, „vieles sogar. Nur nicht den Beginn einer festen Bindung, falls du das denkst.“<br><br>„Was dann?“, will ich wissen.<br><br>„Zum einen war es ein Ausgleich und eine Entschuldigung“, sagt sie mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck, „ich habe dich wirklich schlecht behandelt, wenn man bedenkt, dass du meine Schwester gerettet hast und mich auf meiner Mission begleitest.“<br><br>„Zum anderen ist es ein emotionaler Anker für dich. Denn ich habe vorhin versäumt dir etwas Wesentliches zu sagen. Du sollst zwar keine starken Emotionen zeigen, aber empfinden darfst du sie durchaus. Es ist sogar hilfreich. Denn je wilder und chaotischer deine Emotionen sind und je mehr du auf dein Inneres fokussiert bist, um so eher wird verhindert, dass du dich in diesem Ort und seinen Ablenkungen verlierst.“<br><br>„Ich verstehe“, sage ich, „aber war das nicht auch eine Äußerung von Lebensfreude, wie sie hier eigentlich unangebracht sein soll?“<br><br>„Wenn man sehr niedrige Maßstäbe anlegt, vielleicht“, sagt Krimara verschmitzt, „du magst es vielleicht nicht glauben, aber wir Luth Nomorer können durchaus sehr leidenschaftlich werden, wenn wir es wollen. Gegenüber lebenden Partnern. Aber vor allem gegenüber dem Toten. Es herrscht die Auffassung, dass wir deren Reglosigkeit kompensieren und sie mit unserem Funken beseelen müssen, für den Moment der Ekstase. Und dann gibt es da noch das Ritual der „letzten Nacht“. Ein Akt der schrankenlosen Lust, in den auch berauschende, aber tödliche Gifte involviert sind und der die Sinne bis zur Zerstörung reizt und kitzelt. Ich habe das selbst noch nie durchgeführt, aber &#8230;“<br><br>„Ah danke“, sage ich, „ich glaube, ich brauche keine weiteren Details.“<br><br>„Wie gesagt, jede Regung ist gut. Ekel ist auch ein Impuls des Lebens“, meint sie trocken.<br><br>„Du sprachst von mehreren Bedeutungen. Bedeutete der Kuss noch etwas?“, frage ich.<br><br>„Ja“, sagt Krimara, „ich wollte testen, ob ich selbst noch solche Dinge fühlen kann.“<br><br>„Und“, fragte ich, „kannst du es noch?“<br><br>„Ja“, sagte sie, „aber eher so wie ein Schauspieler den Schwertkampf beherrscht. Es erscheint authentisch und in den versunkensten Momenten gibt es fast keinen Unterschied. Aber letztlich bleibt es Imitation.“<br><br>„Das klingt bitter“, sage ich.<br><br>„Das ist es auch“, sagt Krimara traurig, „ich habe nie vollständig verstanden, wie sehr meine Mutter durch all ihre Tode gelitten haben muss. Nun beginne ich, es zu begreifen.“<br><br>„Lässt sich der Prozess gar nicht rückgängig machen?“, frage ich.<br><br><br>„Eher könntest du ein zerschlagenes Ei neu zusammensetzen“, sagt sie. Dann legte sie ihre Hand auf die Tür, die nun vor uns liegt. Wieder verspüre ich den Impuls, in den Spiegel der Reise zu sehen. Doch ich widerstehe ihm. Offenbar hat Krimaras Taktik Früchte getragen: Meine Aufmerksamkeit liegt nun tatsächlich mehr in meinem Inneren.<br><br>Unwillkürlich frage ich mich, ob ich etwas für sie empfinde. Die Antwort, die ich finde, ist komplex und führt mich zu der Erkenntnis, dass mein Innenleben noch verworrener ist als die unzähligen Wendungen meiner Reisen. Ich bin immer noch bereit Menschen – oder andere intelligente Lebewesen – an mich heranzulassen, von ihnen zu nehmen, was sie geben können und ihnen zu geben, was ich geben kann. Aber ich zweifle ernsthaft daran, dass ich noch fähig zu einer ernsthaften Beziehung bin. Diesen Teil von mir habe ich wohl eingebüßt, ganz ähnlich wie Krimara. Nur habe ich ihn nicht in der kalten Erde des Grabes verloren, sondern auf der rauen Erde meiner endlosen Pfade.<br><br>Die Tür schwingt auf und offenbart uns einen gänzlich anders aussehenden Raum. Er ist schwach beleuchtet. Schatten schwimmen in allen Ecken und wo sie diese nicht einhüllen tut dies schwarzer, weicher Samt. Selbst der Spiegel der Reise ist hier kaum zu erkennen. Genau in der Mitte spendet allein ein großer, ausladender Kerzenleuchter etwas Licht.<br><br>Dieses Licht fällt auf zahlreiche Betten. Ebenfalls schwarz und teils umrahmt von feinen, weißen Vorhängen, die ihnen dem Anschein von Spinnenkokons verleihen. Und in diesen Betten liegen die Toten. Tote in unterschiedlichen Graden der Verwesung, doch allesamt Luth Nomorer. Und sie alle scheinen zu schlafen. Bis jetzt zumindest. Denn kaum, dass wir den Raum betreten haben, erheben sie sich so unbekümmert, als hätten gerade ihre Wecker geklingelt. Erst jetzt kriecht ein starker Geruch der Verwesung in meine Nase und bringt mich zum Würgen.<br><br>Doch das ist bei weitem noch nicht das Schlimmste. Denn die Toten kriechen aufeinander zu und … verschmelzen. Sie verbinden sich, Rücken an Rücken. Verfaulte Haut an verfaulter Haut, wie eine Lawine, die Masse ansammelt, bevor sie bereit ist, eine ganze Siedlung zu zermalmen.<br><br>Es dauerte lediglich Augenblicke, bis ein unförmiger Ball aus stinkendem Fleisch, grinsenden Schädeln und hilflos herumrudernden Extremitäten auf mich zurollt. Ohne wirkliches Bewusstsein, aber mit der Fähigkeit mich zu zermalmen. Ich warte nicht länger. Ich greife mein Pendel und schwinge es … fast, als ich von Krimara aufgehalten werde, die meine Hand mit roher Gewalt festhält.<br><br>„Lass das, du Wahnsinniger. Du bringst uns um“, höre ich Krimara warnend flüstern und in dem Moment, als mich ihre Hand berührt, verstehe ich ihren Zorn. Die Toten sind durchaus real. Doch sind sie weder hässlich und verrottet, noch zu einem humanoiden Rattenkönig verbunden. Stattdessen ist ihre Haut glatt und jung. Dafür fehlen ihnen jegliche Gesichtszüge. Ihre Köpfe sind glatte Ovale ohne Augen, Nase oder Mund. Lediglich anhand ihrer Größe und ihres Geschlechts lassen sich Unterschiede ausmachen. Doch so verstörend auch dieser Anblick immer noch ist: aggressiv erscheinen sie mir nicht. Noch nicht zumindest.<br><br>„Lass mich raten“, sage ich leise, „wenn ich auf sie geschossen hätte, hätten sie sich gewehrt?“<br><br>„Ja, Schlaumeier“, ätzt Krimara, „gut, dass du das wenigstens jetzt begreifst. Doch vor allem hättest du eine Seele zerstört. Diese hier sind in einem sehr fragilen Zustand. Sie warten darauf, dass sie jemand sie an das erinnert, was sie sind und sie sicher geleitet und ins nächste Leben oder das danach führt.“<br><br>„Sind das also echte Personen?“, frage ich, „ich dachte, dass wäre nur eine Art Prüfung.“<br><br>„Sie sind real“, sagt Krimara, „und es ist eine Prüfung. Eine Prüfung, in der wir beide versagen werden, wenn du alles mit Gewalt lösen willst und wenn du weiter auf meinen Rat pfeifst. Ich habe dir doch gesagt, dass du im Zweifel meine Hand ergreifen sollst.“<br><br>„Du hast ja recht. Aber warum hast du mir nicht gesagt, was auf uns zukommt?“, frage ich meinerseits empört und zugleich beschämt über mein dummes, impulsives Handeln.<br><br>„Weil ich es nicht wissen konnte“, erklärt Krimara, „die Festungen haben viele dutzende von uns bekannten Räumen hervorgebracht. Wann welche davon erscheinen und ob sie erscheinen, kann niemand sagen. Das ist immer im Fluss. Dir alle Möglichkeiten aufzuzählen, wäre nur verwirrend und ermüdend. Und gelegentlich werden auch neue Räume erschaffen.“<br><br>„Was tun wir jetzt mit diesen Toten? Sie in Ruhe lassen? Oder langsam an ihnen vorbeigehen?“, frage ich.<br><br>„Hast du mir nicht zugehört?“, fragt Krimara ungeduldig und hebt theatralisch die Hände über den Kopf, „wir müssen sie geleiteten. Nicht sie alle natürlich. Aber jeder von uns muss einen Partner passend zu seinen Vorlieben wählen und ihn zum Altar im nächsten Raum führen. Wenn alles glattgeht, gewinnen sie ihre Identität zurück und können weitergehen. Und wir auch.“<br><br>Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich nicht scharf darauf bin, eine Leiche zu ehelichen genauso wie die Anspielung auf einen Film von Tim Burton, der eine ganz ähnliche Thematik hatte. Krimara ist schon schlechtgelaunt genug.<br><br>Stattdessen lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen auf der Suche nach einer „Partnerin“. Zunächst frage ich mich, was überhaupt meine Vorlieben sind. Im Laufe meiner Abenteuer bin ich ausgesprochen pansexuell geworden, aber wenn ich wählen muss, unabhängig von einer konkreten Person, fühle ich mich wohl immer noch am meisten zu Frauen hingezogen. Das hilft mir aber noch nicht wirklich weiter. Denn die Auswahl ist gar nicht so leicht bei einer Damenwelt, die nur aus fleischgewordenen Schaufensterpuppen besteht. Ich warte also auf irgendeine spirituelle Eingebung oder Intuition. Auf das Flüstern meiner inneren Stimme, die mir eine Tendenz eingeben wird, wo mir meine Sinne nicht weiterhelfen. Doch auch aus dieser Richtung ernte ich nichts als Schweigen. So entscheide ich mich für die einzige etwas individuell erscheinende, weibliche „Person“, die sich zumindest durch ihre überdurchschnittliche Größe und ihr ausgeprägtes Kinn etwas von den anderen abhebt.<br><br>„Ergreife ihre Hand“, sagt Krimara, die selbiges schon mit einem kleinen, feingliedrigen Mann gemacht hat, der wenig Ähnlichkeit mit mir hat. Offenbar bin ich wirklich nicht ihr Typ.<br><br>Ich verscheuche diesen Gedanken und die seltsame Eifersucht, die daraus erwächst, gehorche und greife nach der Hand meiner „Braut“. Sie fühlt sich eiskalt an, löst aber keinen Ekel in mir aus. Ihr Fleisch ist ja weder verrottet&nbsp;noch aufgedunsen, so wie ich es in meiner Vision gesehen hatte.<br><br>„Und nun?“, frage ich.<br><br>„Geh durch die Tür am Ende des Raums“, sage Krimara, „und mache mir sonst einfach alles nach, was ich tue. Ihr beide werdet einander kennenlernen. Du wirst ihr Fragen stellen und sie dir. Aber keine Sorge, dieses Kennenlernen ist nicht romantischer Natur, falls du das befürchtet. Trotzdem musst du sie anständig behandeln. Betrachte dich als ihren Todesabschnittsgefährten.“<br><br><br></p>



<p>Diese unerwartete Äußerung von trockene Humor lässt mich schmunzeln, aber dieses erleichternde Gefühl, wird schnell von einem düsteren Gedanken vertrieben, den ich prompt ausspreche.<br><br>„Was passiert, wenn ich es nicht richtig mache?“, frage ich.<br><br>„Geh einfach weiter“, sagt Krimara nur, aber ihr düsterer Blick sagt mir alles, was ich wissen will, auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, ob ich es wirklich wissen will.<br><br>Trotzdem folge ich ihr mit meiner charakterlosen Braut und verlasse den seltsamen Raum. Die Tote an der einen und Krimara an der anderen Hand, sodass wir eine seltsame Kette bilden.<br><br>„Hier wird es keine Illusionen geben“, informiert mich Krimara, „du brauchst meine Hand nicht zu halten.“<br><br>Also lasse ich los, etwas unwillig, weil es bedeutet, dass die Berührung der Toten nun die einzige ist, die ich spüre.<br><br>Vor uns entfaltet sich indessen&nbsp;etwas, das in seiner Anmutung irgendwo zwischen Kirche, satanischer Messe, Gothic Festival und Lovecraft liegt. Ein langer, hellgrau gefliester Raum mit pyramidenförmigen Deckenabschnitten von gleichmäßiger Grundfläche an denen grüne Kristalle, aber auch blaue Kerzenflammen leuchten. Alles ist erfüllt von einem kühlen, trockenen Nebel, der mich ein wenig an den erinnert, der auf Festivals und in Diskotheken anzutreffen, nur das er würziger und schärfer riecht. Hier und da sehe ich weiße Fetzen, die wie Geisterfragmente oder abgeschälte Haut über uns auftauchen und uns manchmal zart am Kopf berühren. Ob sie in der Luft schweben oder an dünnen Schnüren befestigt sind, ist schwer zu sagen. Ganz am Ende dieser verwirrenden Szenerie entdecke ich den besprochenen Altar. Nicht eckig, sondern rund und aus einem grün gemasertem, glänzenden Stein, der im unsteten Licht zu atmen scheint.</p>



<p>„Wo bist du gewesen?“, höre ich Krimaras Stimme laut und deutlich neben mir. So laut, dass ich fast zusammenzucken, weswegen ich vermute, dass die Regel leise zu sein, hier nicht gilt. Die Antwort, die ihr Bräutigam gab, erklingt jedoch ungleich leiser. Mit breiten Lippen, die gerade erst erschienen sein mussten, flüstert er ihr Worte ins Ohr, die ich nicht verstehen kann.<br><br>Dennoch ist mein Weg nun klar.<br><br>Ich sehe das Fleischding neben mir an und verspüre plötzlich den starken Drang, seine Hand loszulassen und es wegzustoßen. Ich habe Leichenbrei gegessen und dennoch übersteigt der Ekel, der verspätet, aber umso heftiger in mir hochkommt sogar noch dieses Erlebnis. Aber ich bleibe standhaft und sehe den glatten, unheimlichen Fleischpuppenkopf lächelnd an, bevor ich meine Frage stelle.<br><br>„Wo bist du gewesen?“, frage ich.<br><br>Natürlich habe ich damit gerechnet, nachdem ich Krimara und ihren „Mann“ beobachtet hatte. Aber zu sehen, wie aus dieser blanken Fleischkugel ein zwar blasser, aber natürlicher Mund wächst und anfängt zu sprechen ist trotzdem mehr als erschütternd.<br><br>„In Akrenwa. In der Weite. Jenseits der Hauptsiedlung. Wo die Lichter stets wandern und die Küsten im Staub ertrinken“, haucht mir eine zischende, helle Stimme ins Ohr, die meine Seele mit feinen Messern filetiert. Meine Hand verkrampft sich um die ihre und das garantiert nicht aus Liebe.<br><br>Und erneut sehe ich, wie sich ihr Mund bewegt. Unnatürlich und angsteinflößend wie ein Riss in der Ewigkeit. Diesmal stellt er mir eine Frage.<br><br>„Welche Sünde bereust du?“, fragt sie mich.<br><br>Eine gute Frage. Es gibt so verdammt viele. Welche soll ich nur wählen auf einem Weg, der so voller Fehler war? Und was ist, wenn ich die falsche Antwort gebe? Krimara hat es mir nicht gesagt.<br><br>„Den Verrat an meinen Freunden“, sage ich und denke nicht nur, aber zuvorderst an Korf.<br><br>Ein zynisches Lächeln formt sich auf ihrem frisch gewachsenen Mund, während sie meine Hand streichelt in der spöttischen Nachahmung einer Liebkosung. Dann spricht sie wieder. Kalt und leblos wie Stahl. „Oh das Leid der Bekannten schneidet am tiefsten. Nicht, wahr? Jener, deren Herz du besitzt. Deren Geschichte du besitzt, deren Zeit du besitzt. Die Fremden hingegen, ihre Schreie verhallen ungehört. Selbst die Schreie der Kleinsten. In den Kisten, in den Höhlen. In der Umarmung ihres endlosen Echos. Ein Herz, weit genug für den Clan, doch nicht so weit wie die Welt.“<br><br>Diese eindeutige Anspielung auf Cestralia und Hyronanin lässt mich erschaudern. Sie muss meine Seele, meine Gedanken, meine Erinnerungen lesen. Doch auf irgendeine Art muss sie diese Antwort doch zufriedengestellt haben. Denn nun besitzt sie ein Auge. Ein einzelnes zwar nur, aber immerhin. Braun und voller Schmerz hat es sich in ihrer linken Gesichtshälfte geöffnet wie eine Aasblume im Mondschein.<br><br><br>Dass ihr Gesicht mittlerweile langsam einem gewohnteren Anblick ähnelt, sollte mich beruhigen. Doch dieses eine Auge treibt sie nur noch tiefer ins Uncanny Valley und ich spüre, wie mein Herzschlag sich weiter beschleunigt. Ich bin dermaßen verstört, dass ich Krimaras nächste Frage an ihren Bräutigam fast verpasse.<br><br>„&#8230; hast du getan?“, höre ich sie grade sagen und wiederhole die Frage gegenüber meiner düsteren Freundin.<br><br>„Ich habe über Tote geboten und über Lebende. Ich habe geforscht. Ich habe erweckt. Die Ruhe gestört und Schicksale gebrochen. Ich habe zerteilt, getrennt und vereint. Junge Pfade beendet und Alte endlos gestreckt. Fleisch war mein Ton und mein Wille Befehl. Ich war Hiranga. Nekromantin und einst Ewigtrauernde, die zuletzt die Trauer brachte“, antwortete die Frau, deren Namen ich inzwischen kenne.<br><br>Da bin ich ja in bester Gesellschaft, denke ich innerlich kichernd und fühlte mich zugleich noch unwohler. Nur weil ich selbst eine Biografie als Monster habe, macht mich das nicht immun gegen die Angst vor einem. Wenn ich eines aus all den fiktiven Werken gelernt habe, die ich auf der Erde konsumiert habe, dann, dass Bestien nicht zögern, Bestien zu töten.<br><br>„Welche Untat hat dich am meisten erfüllt?“, fragt Hiranga. Ihre Augen strahlen nun. Sie ist keine Richterin mehr, die ein Geständnis möchte. Sie ist eine eifrige Zuhörerin. Ein Publikum, das nach Unterhaltung giert.<br><br>„Keine“, sage ich automatisch und angewidert und erkenne noch im selben Moment, dass es eine Lüge ist. Oder zumindest eine halbe.<br><br>Hirangas Gesichtsausdruck verändert sich. Ihr Lächeln gefriert, wird wütend.<br><br>„Keine Lügen“, sagt sie und ihre glatte junge Haut, wird faltig, während ihre Hände so fest zupacken wie Krallen. Ich versuche mich zu lösen, da ihre Nägel in mein Fleisch schneiden, aber es gelingt mir nicht, „beschmutze unseren Bund nicht. Sage die Wahrheit!“<br><br>Aber was ist die Wahrheit? Oder zumindest: Was war die Wahrheit? Denn das ist es, was sie hören will. Sie will, dass ich ihr mein Selbst zeige wie es gehandelt und empfunden hat, nicht die heutige, geläuterte Erzählung davon.<br><br>„Ich habe es geliebt zu herrschen“, platz es aus mir heraus, „in jener Zeit in Konor. Es war berauschend gewesen, anderen meinen Willen aufzuzwingen, sie nach meinen Ideen tanzen zu lassen wie Schachfiguren. Ich habe es genossen. Fast jede Sekunde davon.“<br><br>„Hast du es geliebt, sie leiden zu sehen?“, fragt Hiranga mit lüsterner Begierde.<br><br>„Nein“, sage ich entschieden, „aber es hat mich nicht genug gestört.“<br><br>„Danke liebster“, sagt sie und ihr Lächeln kehrt zurück, auch wenn ihre Haut faltig bleibt. Dafür tut sich ein zweites Auge auf. Sie ist nun fast eine Luth Nomorerin. Eine nasen- und Ohrlose, alte Luth Nomorerin, deren Anblick mich nicht so sehr abstößt, wie er es eigentlich sollte. Da ist Angst, da ist Ekel. Vor ihrem Körper und ihren Taten. Aber zugleich ist da auch Anziehung. Und das ist vielleicht das Schlimmste.<br><br>„Was hast du geliebt?“, wiederhole ich Krimaras nächste Frage an Hiranga gerichtet.<br><br>„Ich habe das Leid geliebt“, sagt sie stolz, jedoch jetzt auch mit einem Hauch von kritischer Distanz, so als würde sie beginnen ihr eigenes Leben aus anderen Augen zu betrachten, „das Leid der anderen. Leid ist ein ehrlicher und reiner Zustand. Und er war mir wichtiger als Herrschaft. Herrschaft ist an einen Herrscher oder ein System gebunden. Aber Leid kann sich verstetigen, wenn man es richtig anstellt und als Nekromantin hatte ich die Macht, es zu verstetigen. Ansonsten habe ich nichts geliebt. Niemanden. Nicht einmal mich selbst. Außer vielleicht früher. Bevor ich der Trauer gewidmet wurde. Trauer ist ein Kind des Mitgefühls. Aber es kann missraten, wenn man es verhätschelt und manchmal frisst es seine Mutter bis auf den letzten Fetzen Fleisch.“<br><br>Dieses Geständnis lässt mich erschaudern. Und ich weiß nicht, ob aus Mitleid oder Verachtung.<br><br>„Würdest du deinen Katalog zurückgeben? Würdest du ihn verbrennen, wenn du damit den Schaden rückgängig machen könntest, den du angerichtet hast?“, fragt Hiranga ihrerseits.<br><br>„Nein“, antworte ich diesmal ohne zu zögern, „diesen Preis würde ich nicht zahlen. Die Reisen sind, was ich bin.“<br><br>„Gut“, sagte sie und hat plötzlich wieder eine Nase. Sie ist nun fast kein Monster mehr – zumindest optisch. Nur noch eine fremdartige Greisin, zu der ich mich zunehmend hingezogen fühle. Und jetzt bemerke ich, wie ich unterbewusst ihre faltigen Krallenhände mit meinen blutigen Fingern streichle.<br><br>„Wovon hast du geträumt?“, ertappe ich mich zu säuseln.<br><br>„Von geöffneten Schädeln“, haucht sie, „von verformtem Gewebe. Von gebrochenen Fingern, so klein und zart und von ihrer Neukonstruktion. In Schleifen, Bögen und Kreuzungen. Von müden Augen, die weiter dienen, dem ewigen Schlaf entrissen. Ohne Ende. Ohne Erlösung. Ich habe meinen Traum gelebt.“<br><br>Wieder sind ihre Worte euphorisch fast ekstatisch. Doch nur zu Beginn. Und ihr anfangs freudiges Gesicht verzieht sich jetzt zum ersten Mal angewidert.<br><br>Jetzt erscheinen auch ihre restlichen Gesichtsmerkmale. Ohren, Haare, andere Feinheiten. Und schließlich kehrt auch ihre Jugend zurück. Meine unnatürliche Anziehung fühlt sich jetzt nicht mehr so falsch an. Nun, zumindest nicht, wenn man ausblendet, was diese Frau mir gerade alles gestanden hat. Aber das ist zumindest meinem Körper herzlich egal und sie scheint es zu spüren. Ihr Gesicht kommt näher, ganz nah an das meine.<br><br>„Würdest du sie wollen? Diese Macht, die du kanntest, diese Macht, grenzenloses Leid anzurichten? Würdest du sie wieder besitzen wollen? Gemeinsam, mit mir?“, haucht sie und ich kann nicht sagen, ob ihr Atem nach Kräutern oder nach Verwesung duftet oder eher so neutral wie ein eisiger Morgen. Wahrscheinlich alles zugleich.<br><br>„Ja“, sage ich, sorgsam darauf achtend, nicht zu lügen. Dieser Wunsch ist immer noch in mir. Er ist ein Teil von mir und wird es vielleicht immer sein. Macht ist wie Alkohol. Es gibt Menschen, die können sie kosten, um sich kurz zu berauschen. In kleinen harmlosen Dosen. Aber andere sind ihr ausgeliefert. Nicht nur als Betroffene. Sondern ganz besonders, wenn sie sie ausüben dürfen. Sie können sich entwöhnen, mit viel Willenskraft, aber er sie bleiben immer anfällig für Rückfälle.<br><br>Sie gibt mir einen Kuss. Den Kuss weicher Lippen. Weich und sinnlich … oder aufgeschwemmt und aufgedunsen von Fäulnis und darin krabbelnden Insekten, wer weiß. Beides macht mich in diesem Moment an. Und das ist erschreckend.<br><br>„Wirst du es tun?“, fragt sie, als sich ihre Lippen von meinen lösen und sich ihre Zunge oder etwas anderes glitschiges, zuckendes, forschendes aus meinem Mund zurückziehen, „es wäre möglich. Wir können diesen Ort verlassen, wenn du mir hilfst. Wir können meinen Körper aufspüren und gemeinsam herrschen, über ein Heer von Leblosen. Sag, willst du es wahr machen?“<br><br>„Nein“, sage ich entschlossen, wenn auch nicht genauso entschlossen wie vorher. Die Bilder von mir, von Adrian auf einem Thron aus Schädeln in einer Rüstung aus Knochen schiebe ich weg. Nicht ganz ohne Wehmut, aber doch ohne echtes Bedauern.<br><br>„Warum?“, fragt sie erstaunt und ein bisschen verärgert, „warum nimmst du dir nicht, was du begehrst?“<br><br>„Weil meine Begierden nicht alles sind, was für mich zählt“, antworte ich und merke, wie sie mich fester zu sich zieht. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Wut. Ihr Griff ist hart und erbarmungslos und ich spüre einen wachsenden Druck auf meinem Brustkorb.<br><br>„Warum?“, fragt sie erneut und mit deutlich mehr Nachdruck. Fieberhaft denke ich darüber nach, was an meiner Antwort falsch war. Bis es mir endlich bewusst wird.<br><br>„Weil Harmonie auch eine Begierde ist“, antworte ich, „es bereitet mir mehr Freude in einer Welt mit gleichwertigen und glücklichen Wesen zu leben als über weinende Sklaven zu herrschen. Das musste ich erst lernen, aber ich habe es wahrscheinlich gelernt. Leere Straßen voller Tristesse, Angst und gequälter Schreie haben keinen Reiz. Ein Wanderer will Geschichten erleben und nur lebendige Herzen erzählen Geschichten.“<br><br>Hirangas Druck um meinen Körper lässt nach. Aus ihrem Todesgriff wird wieder eine gewöhnliche Umarmung.<br><br>„Danke für deine Ehrlichkeit“, sagt sie nachdenklich, zieht sich von mir zurück und wird wieder still.<br><br>„Was hast du vermisst?“, höre ich Krimara neben mir sagen. Doch irgendwie fühlt sich diese Frage, so philosophisch sie auch anmutend mag, nun deplatziert an. Also tue ich das, was ich am besten kann: Ich weiche vom Protokoll ab.<br><br>„Du wirktest nicht mehr nur stolz auf deine Taten als du auf meine letzte Frage geantwortet hast? Hast du eine Ahnung warum? Hast du Angst vor einer Strafe im Jenseits oder hat es andere Gründe?“, frage ich sie. Nicht wie ein Monster in einem seltsamen Ritual, sondern wie ein echtes Gegenüber.<br><br>Halb rechne ich damit, dass sie sich nun in Luft auflöst oder zur Bestie mutiert. Aber nichts davon geschieht.<br><br>„Das hast du richtig beobachtet“, sagt sie ruhig, ihre Augen sind in die Ferne gerichtet, „ich halte meine Taten nicht mehr für richtig. Der Genuss war echt und er war gut. Ihn bereue ich nicht. Aber ich war ein Subtrahend, eine Dienerin der Nullsumme. Ich habe anderen Freude abgezogen, wo ich sie hätte multiplizieren sollen. Das muss mir kein Gott sagen, kein strafender Diktator im Himmel, das erkenne ich nun höchstselbst. Ich spüre keine Reue, aber den Wunsch nach Wiedergutmachung.“<br><br>Und plötzlich, so kühl und logisch ihre reflektierenden Worte auch klangen, beginnt sie zu weinen. Und ich folge dem natürlichsten Impuls von allem. Ich schließe sie ebenfalls in die Arme. Nicht begehrend, sondern tröstend. Für einen Moment, für einen kurzen Augenblick erscheinen ihre Tränen wie Fäulnisflüssigkeit. Schmierig, schleimig und widerlich. Aber es lässt mich seltsam kalt. Egal welche Form ihr Körper hat, Ihre Traurigkeit ist dennoch echt. So echt, dass ich selber anfange zu weinen. Um vertane Chancen, um meine Vergangenheit und um den Menschen, der ich hätte sein können. Vor allem aber um das von dem ich dachte, dass ich es verarbeitet hätte: Ich weine die Tränen all jener, denen ich Leid zugefügt habe.<br><br>„Ich hatte einst ein Schiff gebaut, ein Schiff aus kleinen Ästen“, sagt sie plötzlich. Sie wirkt dabei wie ein Kind, „es war wunderschön, aber ein scharfer Felsen in der Strömung hat es zerbrochen. Ich hätte ein neues machen sollen, statt zum Felsen zu werden“, sagt sie bedauernd, fast im Tonfall eines jungen Mädchens. Ekel, Angst aber auch das seltsame Begehren sind verschwunden.<br><br>„Das habe ich auch mal gemacht“, sage ich lächelnd, „kleine Flöße im Wald. Sie sind nie zerbrochen, jedenfalls nicht so weit ich das mitbekommen habe. Aber ich habe zugesehen, wie sie am Horizont verschwinden. Meist habe ich mir vorgestellt, auf ihnen mitzureisen bis zum Ende des Flusses und darüber hinaus. Manchmal habe ich ihnen auch nachgetrauert, all den Mühen, die ich in sie gesteckt habe. Aber nicht oft. Es ist der Sinn von Booten, weiterzureisen. Sie sind nicht dafür gemacht, an einem Ort zu bleiben.“<br><br>Erst als etwas Hartes, Glattes gegen meinen Oberschenkel stößt wie ein Boot gegen einen Felsen, bemerke ich, dass wir am Altar angekommen sind, zu dem wir die ganze Zeit langsam weitergewandert sind. Schlaftrunken, irgendwo zwischen träumen und wachen.<br><br>„Vergibst du uns?“, fragt Hiranga mich. Sie ist wieder eine vollständige Person. Nicht nur optisch, sondern auch von ihrer Ausstrahlung her. Diese Frage ist hart. Gerade, weil sie sie für uns beide gestellt hat. Mir selbst habe ich sie schon öfters gestellt, ohne dass sie in mir zur Ruhe fand. Kann man Mördern und Schändern vergeben? Haben sie selbst das Recht dazu, zu entscheiden, ob sie genügend Strafe erhalten haben, ob sie geläutert sind? Oder liegt dieses Urteil nicht eher bei ihren Opfern und deren Angehörigen? Haben vermeintliche „Helden“ ein Recht darauf, frei zu bleiben, nur weil sie nicht greifbar für die Justiz sind? Weil sie so leicht fliehen können? Weil sie die Macht haben, zur Besserung von Leben beizutragen, wie zu deren Zerstörung? Weil sie eine gute Geschichte zu erzählen haben?<br><br>Ist es gerecht, dass ein Fortgeschrittener der Gerechtigkeit entging, wo ein gewöhnlicher Mensch oder auch andere denkende Wesen für viel kleinere Verfehlungen ihre Freiheit einbüßten? Eigentlich ist es das nicht. Eigentlich ist es gut, dass ich angekettet bin. Es ist lediglich die falsche Person, die die Kette hält. Any wird mich damit früher oder später zu neuen Untaten anleiten, da bin ich mir sicher. Die Kette sollte jemandem gehören, der darauf achtet, dass ich Gutes bewirke. Denn einer Überzeugung bleibe ich treu: Der Tod ist keine gerechte Strafe, für jene, die bereit sind, sich zu bessern. Das schließt auch mich ein. Denn Wiedergutmachung bringt den Leidenden mehr als Rache. Aber dennoch kann ich das nicht mit mir selbst ausmachen. Ich muss nach Cestralia. Irgendwie muss ich dorthin gelangen.<br><br>Was Hiranga betrifft, ist die Lage anders. Ihr Leben ist beendet und die Karten werden neu gemischt. Entweder sie wird jemand, der all das vergisst. Alle Schuld und allen Genuss am fremden Leid. Jemand der ein frisches, neues Leben anfängt. Oder sie geht irgendwohin wo ohnehin Vergebung auf jeden wartet. Vielleicht verschwindet sie auch einfach im Nichts. Was weiß ich schon. Nach all der Zeit, selbst nach meinem Aufenthalt in Uranor weiß ich immer noch nicht mit Sicherheit, ob es ein wahres, endgültiges Jenseits gibt oder eine strafende und vergebende Instanz. Oder ob es sie überhaupt braucht.<br><br>„Ich vergebe dir“, sage ich schließlich als ich merke, dass meine Gesprächspause wahrscheinlich schon viel zu lange dauert, „doch wenn du eine weitere Chance bekommst, dann werde bitte eine Schiffbauerin und ein Multiplikator, kein Subtrahend, okay?“<br><br>Hiranga nickt entschlossen. „Danke“, sagt sie und lässt meine Hand los, jedoch nicht, um sich von mir zu lösen, sondern um meine Wange zu streicheln als wäre ich ein alter, inniger Freund, den sie lange vermisst hatte. „Aber was ist mit dir? Die Frage war, ob du uns beiden vergeben kannst.“<br><br>„Ich vergebe meinem alten ich“, sage ich, „meinem jetzigen zu vergeben ist eine tagtägliche Herausforderung und etwas, was ich nicht allein tun kann.“<br><br>„Ich verstehe“, sagt sie, steht auf, tritt zu dem Altar hin und legt ihre Hände darauf, „danke für deine Begleitung. Ich wünsche dir alles Gute auf allen Wegen, die dich rufen.“<br><br>Ihre Stimme klingt noch eine ganze Weile nach, aber ihr Körper löst sich sofort auf. Nicht in Staub, aber in Rauch und Schatten, die immer weiter und weiter verblassen.<br><br>Ich höre wie Krimara neben mich tritt. Auch sie ist umhüllt von Rauch und auf ihrem Gesicht stehen Tränen. Die Geschichte, die sie gehört hat, scheinen sie auch berührt zu haben.<br><br>„Was geschieht nun mit ihnen?“, frage ich.<br><br>„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara mit belegter Stimme.<br><br>Und ich sehe sie erstaunt an.<br><br>„Wir Luth Nomorer beschäftigen uns viel mit dem Tod und dem Abschied und wir haben manchen Einfluss auf die Seelen, die dem Leben noch nahe sind. Aber werfen keinen Blick hinter den Schleier, nicht bei jenen, die wirklich weitergehen. Doch ich denke, die andere Welt ist genauso wild, bunt und vielfältig wie die unsere. Und sie zieht ihren Reiz allein daraus, dass sie ein Enigma bleiben wird. Für die Lebenden wie für die Beinah-Lebenden.“<br><br>„Rätsel sind die Würze des Lebens, was?“, frage ich.<br><br>„So ist es“, sagt Krimara.<br><br>„Und ein wunderbarer Grund einander&nbsp;die Köpfe einzuschlagen“, bemerke ich.<br><br>„Das schaffen die Leute auch ohne Konflikte um das Jenseits und vermeintliche Götter“, sagt Krimara, „oder hast du den Eindruck, dass es seit dem Ende von Uranor friedlicher im Multiversum geworden ist?“<br><br>„Woher weißt du davon?“, frage ich.<br><br>„Wir sind hier recht isoliert, das stimmt“, gesteht Krimara, „aber bestimmte Informationen machen selbst hier die Runde. Vergiss nicht, dass es den ein oder anderen Exil-Luth-Nomorer gibt. Aber das ist noch keine Antwort auf meine Frage, oder?“<br><br>„Nicht wirklich“, antworte ich auf ihre ursprüngliche Frage, „auch wenn es sich hier fast so anfühlt. Es ist irgendwie sehr friedlich hier drin, seit die beiden fort sind. Und das liegt nicht daran, dass Hiranga so grausame Taten verübt hat.“<br><br>„Erlösung und Friede sind Aspekte des Todes“, sagt Krimara sanft und leise lächelnd, „Aspekte, die selbst in dieser verdüsterten Festung noch präsent sind. Aber sie sind nicht die einzigen und nicht jeder von ihnen ist so harmlos. Lass uns weitergehen. Wir haben eine Mission zu erfüllen.“</p>



<p>Ich nicke und schließe mich Krimara an, die auf eine kleine, unscheinbare Holztür hinter dem Altar zustrebt.</p>



<p>„Was ich nicht so ganz verstehe“, frage ich, während Krimara knarrend die Tür öffnet, hinter dem ein weiterer, spärlich beleuchteter Raum zum Vorschein kommt, „sind all dies hier wirklich nur Prüfungen, die feststellen wollen, ob wir würdig sind, sind es Fallen, die Eindringlinge abhalten sollen oder sind es einfach nur willkürliche Manifestationen dieses Ortes und der Seelen, die in ihm leben?“</p>



<p>Meine Frage verfolgt Krimara wie ein Schatten, während sie kurz vor mir die Schwelle überschreitet. Aber genauso wie ein Schatten verhallt sie auch als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.</p>



<p>„Krimara?“, schicke ich einen weiteren Verfolger hinterher, doch er geht ins Leere. Ebenso wie mein suchender Blick und meine tastende Hand.</p>



<p>Krimara ist weg. Sie ist einfach weg. Wieder einmal. Doch diesmal reichen Bosheit, Wahnsinn oder Feigheit nicht als Erklärung aus. Als sich meine Augen an das noch spärlichere Licht dieses Raums gewöhnen, erkenne ich endlich meine Umgebung. Ich befinde mich in einem weiß gefliesten mit Spiegelwänden ausgestatteten, riesigen Raum, in dem sich das wenige diffuse Licht nach wenigen Schritten in vollständiger Dunkelheit verliert.</p>



<p>Ich erkenne auch, dass es in meinem Umkreis keine Tür gibt, außer der, durch die wir gekommen sind und die, wie ein verzweifeltes Rütteln meinerseits zeigt, jetzt unverrückbar im Rahmen hängt. Und mein von vielen Reisen und Rätseln geschultes Auge entdeckt auch keine Falltür, keinen Geheimgang oder sonst irgendwas, das Krimara die Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt zu verschwinden.</p>



<p>Ist es Magie? Eine Täuschung dieses Ortes oder ein Verrat von ihr. All das wäre möglich, aber wenn es ein Zauber ist, der nicht nur meine Augen, sondern auch meine Ohren und meinen Tastsinn täuscht, welche Möglichkeit habe ich dann, gegen ihn vorzugehen?</p>



<p>Ich sehe zu dem Pendel in meiner Hand. Kann es mir irgendwie helfen? Ich spekuliere zwar nicht darauf, dadurch Hilfe von Any zu erhalten und weiß auch nicht, ob ich die überhaupt wollen würde, aber vielleicht lässt sich dem Ding noch ein anderer Trick entlocken. Immerhin hat Any mir ja schon offenbart, dass das Gerät mehr kann als nur zu Zerstören oder die Zeit anzuhalten.</p>



<p>Doch einfach wild damit rumzufuchteln und auf das richtige Ergebnis zu hoffen, ist wie die Suche nach einem bestimmten Sandkorn in der Wüste. Trotzdem versuche ich es. Es gibt ja auch Menschen, die Lotto spielen, oder?</p>



<p>„Enthülle die Täuschung“, sage ich und schwinge das Pendel unbeholfen und ziellos herum wie ein betrunkener und ausgesprochen untalentierter Hogwarts-Schüler im ersten Jahr. Auch meine nächsten Versuche bringen nichts. Egal, für welche willkürlichen Muster ich mich entscheide. Und auch, als ich meine Taktik ändere und nach einer Möglichkeit suche, etwas Licht in den beinah dunklen Raum zu bringen, tut sich rein gar nichts.</p>



<p>„Tolles Spielzeug. Passt zu Any. Es ist nur geeignet, fremde Willen zu brechen“, sage ich frustriert. Natürlich ist mir bewusst, dass mir wahrscheinlich lediglich das Wissen um die passenden Bewegungsmuster fehlt, die Any mir schlicht noch nicht in mein Muskelgedächtnis gepflanzt hat. Trotzdem vermisse ich wieder meine Armwaffe und Karmon, der mit ihr verbunden war. Zu dieser Zeit war ich nicht allein gewesen und das war längst nicht so schlimm gewesen wie es klingen mag.</p>



<p>Nun aber bin ich allein. Und dabei fühle ich mich nicht wie ein mutiger Krieger, der für Ruhm und Ehre in einen verzauberten Kerker hinabsteigt, sondern wie ein Kleinkind das von seinen Eltern im verruchtesten Viertel der Stadt zurückgelassen wurde. Immerhin kommt mir ein Gedanke wegen der Lichtproblematik. Es ist vielleicht ein wenig albern und womöglich fast so unwahrscheinlich wie zufällig die richtigen Pendelbewegungen zu finden. Aber als ich in die tiefen meines Rucksacks greife und dort in einem kleinen, mit einem Reißverschluss gesicherten Fach tatsächlich die kleine Taschenlampe finde, die ich dort vor langer Zeit deponiert und immer wieder vor diversen Widrigkeiten gerettet habe, lächle ich doch kurz in mich hinein. Ich betätige den Schalter, ohne das sich etwas tut, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Und das ist auch gut so. Denn nach ein wenig Schütteln und Herumdrehen an den Batterien erwacht der Lichtstrahl flackernd zum Leben. Zwar mit einem ordentlichen Wackelkontakt, aber nach all dem, was dieses kleine Gerät erlebt hat, ist das immer noch erstaunlich.</p>



<p>Das Licht, mit dem ich vorsichtig und mit möglichst ruhiger Hand Löcher in die Dunkelheit steche, bringt aber keine wirkliche Hoffnung mit sich, sondern nur noch mehr Verzweiflung. Denn nachdem ich den großen ein wenig an einen Ballsaal erinnerten Raum genauestens abgesucht habe – ohne eine Spur von Krimara oder einer Tür zu finden -, sinkt mein Mut in sich zusammen.</p>



<p>Um zu verhindern, dass ich schlicht resigniere und darauf warte, zu verdursten, wende ich mich dem einzigen Anhaltspunkt zu. Der Tür, durch die wir gekommen sind. Vielleicht kann ich wenigstens diese Festung wieder verlassen. Auch wenn ich ohne meinen Katalog, der sich noch immer in Krimaras Besitz befindet, in Luth Nomor gefangen bleiben würde: Ein ganzer Planet ist immer noch ein angenehmeres Gefängnis, als diese verfluchte Totenfestung.</p>



<p>Doch auch dieser Versuch scheitert spektakulär. Zwar sprengt die Energieladung des Pendels die Tür in tausend Stücke, aber was dahinter zum Vorschein kommt, ist nichts als eine Wand.</p>



<p>„Das sieht echt cool aus“, höre ich eine Stimme rufen. Meine Stimme. Nur um einige Jahre jünger und gerade dem Stimmbruch entwachsen.</p>



<p>Sie kommt vom Spiegel. Natürlich. Woher auch sonst. Nun kann ich nicht behaupten, dass ich sonderlich Lust darauf habe, mir nochmal zu begegnen. Immerhin hat meine letzte Konfrontation mit mir selbst mir auch schon keine große Freude bereitet und Krimaras Warnung vor dem Spiegel hallt auch noch in meinem Kopf nach. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich hier unten ein Übermaß an Zerstreuung oder Gesellschaft genieße. Und von mir selbst in eine Spiegelwelt der Verdammnis gezerrt zu werden, ist immerhin ein stilvollerer Tod, als langsam zu verdursten.</p>



<p>Also trete ich näher und sehe mir den jüngeren Adrian genauestens an. Er hat sich seit meinem letzten Blick in den Spiegel ziemlich gemacht. Inzwischen ist er ein blasser, dürrer und etwas verpeilt und verschlafen aussehender Junge, der lässig auf seinem abgewetzten PC-Stuhl sitzt. Er trägt ein zu weites, weißes T-Shirt mit einem roten Sonnenaufgang, Palmen und der Aufschrift „California“. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich hatte es im Angebot irgendeines Billig-Klamottenladens gekauft. Ich war zwar kein riesiger USA-Fan gewesen, aber ich habe solche T-Shirts mit Aufschriften, Symbolen und Bildern von allen möglichen Ländern trotzdem sehr gerne gesammelt. Zu der Zeit sollte ich Dreizehn gewesen sein. Vielleicht auch vierzehn.</p>



<p>„Danke“, sage ich zu mir selbst und komme mir dabei auch nur mittelmäßig dämlich vor. Inzwischen hatte ich Routine im Mindfuck-Game.</p>



<p>„Bist echt ein cooler Loser“, sagte mein altes Ich grinsend.</p>



<p>„Pass auf, du beleidigst dich selbst“, warnte ich.</p>



<p>„Schon okay“, sagt Teenie-Adrian oder wie auch immer ich damals hieß, „ich weiß, dass ich ein Loser bin. Und wüsste es nicht, bräuchte ich nur auf meine Klassenkameraden zu hören.“</p>



<p>Da hatte der Bengel recht. Ich war damals zwar kein typisches Mobbing-Opfer, aber auch nicht unbedingt Everybodys Darling gewesen.</p>



<p>„Kürzen wir das ab, okay?“, sage ich ganz offen, „bist du eine Manifestation meiner Gedanken, eine bescheuerte Prüfung, mein wirkliches Vergangenheits-Ich oder einfach nur eine lauernde Abscheulichkeit im Teenie-Kostüm, das mich in seine beschissene Spiegelwelt ziehen will?“</p>



<p>Spiegel-Adrian fängt herzhaft an zu lachen. So ungezwungen und locker, dass ich mich sofort entspannen will. Dann aber verdüstert sich sein Gesicht, er drückt seinen Kopf ganz nah an das Glas und im Hintergrund seines unaufgeräumten Zimmers glaube ich plötzlich, träge, schattenhafte Nachbilder zu sehen, die für Sekundenbruchteile wie von eigenem Leben beseelt durch die Haufen an Socken, Jeans und Büchern streifen.</p>



<p>„Wenn ich ein gefährliches Monster wäre“, sagt er düster, „würde ich dir das kaum sagen, oder?“</p>



<p>Sein Lächeln ist warm, aber das Gefühl der Bedrohung bleibt. Ist es Show oder ein wohldosiertes Körnchen Wahrheit, das er mir präsentiert? Ich entschließe mich vorerst von ersterem auszugehen und locker zu bleiben. Immerhin erinnere ich mich gut daran, welche Vorliebe mein altes Ich für Theatralik hatte.</p>



<p>„Du kannst es mir ruhig offen sagen, wenn du ein Monster bist“, sage ich ermutigend, „ich würde trotzdem in den Spiegel steigen. Lebendig die Seele ausgesaugt zu bekommen ist spannender als dieser Ort und dein Zimmer sieht auch viel gemütlicher aus als diese staubige Abstellkammer hier.“</p>



<p>„Wie schade, dass du es nicht betreten kannst“, sagt Teenie-Adrian.</p>



<p>„Kann ich nicht?“, frage ich tatsächlich etwas enttäuscht.</p>



<p>„So funktioniert dieser Ort nicht“, sagt meine jüngere Version, „aber das heißt nicht, dass ich dir nicht helfen kann.“</p>



<p>„Ach was?“, frage ich vorsichtig etwas Hoffnung schöpfend, „und wie kannst du mir helfen?“</p>



<p>„Ich kann dir einen Weg öffnen“, sagt Teenie-Adrian.</p>



<p>„In die Spiegelwelt?“, frage ich.</p>



<p>„Nein, du Idiot, auf die andere Seite dieser Mauer“, erwidert mein Gegenüber.</p>



<p>„Das wäre sogar noch besser“, antworte ich.</p>



<p>„Wie man es nimmt“, sagt mein anderes Ich, „manche Wege sind noch verworrener als jeder Spiegel.“</p>



<p>„Ach komm, jetzt red nicht so einen Rätselmist. Was weißt du über das, was hinter der Wand liegt? Ich hasse Überraschungen“, sage ich.</p>



<p>„Das ist gelogen, du liebst sie“, sagt Teenie-Adrian, „genau wie du Rätsel liebst. Vielleicht bist du selbst dir auch deshalb immer noch eins. Weil du es nicht lösen willst. Weil es dir den Kern rauben würde. Das, was dich ausmacht und belebt. Deshalb werde ich dir die Rätsel nicht nehmen. Ich werde nicht sagen, was genau ich bin, nicht wie ich damals hieß, auch wenn ich es sogar weiß und ich werde dir verdammt nochmal nicht sagen, was dich erwartet. Aber den Weg, Kollege, den kann ich dir öffnen.“</p>



<p>Mit diesen Worten schoben sich die Wände, samt des Spiegels ein Stück auseinander, sodass mein eigensinniges Spiegelbild in der Mitte geteilt wird. Ich bin mir fast sicher, dass dieser Effekt beabsichtigt war.</p>



<p>„Du bist ein unerträgliches Rotzblag“, sage ich.</p>



<p>„Hey, komm, dafür, dass ich gerade erfahren habe, dass du meine Zukunft bist, halte ich mich doch ganz gut, oder nicht“, sagt das Ding lachend, das ein Teil von mir sein kann oder auch nicht.</p>



<p>Mit einem etwas skeptischen Seitenblick gehe ich dennoch durch die Öffnung und achte instinktiv darauf, den Spiegelenden nicht zu nahe zu kommen, aus Angst heraus doch davon verschluckt zu werden. Aber das passiert nicht. Mein Spiegelbild hält Wort und spart sich zugleich jedes weitere.</p>



<p>Was mich auf der anderen Seite erwartet,vist Schweigen. Aber wenigstens keine Dunkelheit. Stattdessen sehe ich einen recht gut beleuchteten, gewölbeartigen Keller. Die Decke ist niedrig, aber gerade nicht so niedrig, dass ich kriechen muss. Trotzdem gibt es mir sofort ein subtiles Gefühl von Klaustrophobie. Und das, obwohl der Keller selbst recht weitläufig ist. Links und rechts sehe ich weitere breite Gänge, abgetrennt von dicken Gitterstäben, die den Blick auf ein weitverzweigtes Tunnelnetzwerk freigeben.</p>



<p>Sofort packt mich meine Entdeckerlust. Natürlich ist meinem Verstand klar, dass es womöglich keine gute Idee ist, sich in dem Gewirr aus Gängen und Pfaden zu verlieren, aber meine Impulse sprechen da eine deutlich andere Sprache. Vielleicht zu meinem Glück haben sie in dieser Angelegenheit nicht viel zu melden. Denn die Gitterstäbe erweisen sich nicht nur als allgegenwärtig, sondern auch als unzerstörbar. Die Energieschübe von Anys Pendel prallen allesamt an dem schwarzen, mittelalterlich anmutenden Eisen ab. Und sich durch die Engen Stäbe zu quetschen, erscheint mir erst recht unmöglich. Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass es einen Weg geben muss. Denn von Zeit zu Zeit, nehme ich aus dem Augenwinkel Bewegungen in den Gängen war. Huschende Schatten, verstohlene Silhouetten oder auch plastische, aber nur zu einem kleinen Teil erkennbare Körper, die in der Ferne Schutz vor meinen Blicken suchen oder sich für einen Hinterhalt in Position bringen.</p>



<p>Sie sind humanoid. Zumindest meistens, auch wenn ich nie mehr als einen Fuß, ein Bein oder den Ansatz eines Oberkörpers ausmachen kann. Aber sind sie wirklich da oder bloße Halluzinationen? Ich habe nicht die geringste Ahnung und ohne die Berührung von Krimaras Hand habe ich wohl auch keine Möglichkeit, es festzustellen. Jedenfalls nicht, ehe es zu einer solchen Konfrontation kommt.</p>



<p>Anfangs versuche ich mehr zu erkennen, lauere meinerseits auf die Bewegungen, giere aufmerksam nach einem besseren, genaueren Blick, aber nach einer Weile gebe ich meine Versuche auf und gehe einfach weiter. Dieser Ort spielt seine Spiele mit mir, so viel ist klar. Und er wird mir seine Züge jetzt noch nicht offenbaren. Also gehe ich weiter. Über grauen, staubigen, rauen Stein, einen geraden, endlos erscheinenden Weg entlang. Minuten? Stunden? Ich weiß es nicht. Das Verstreichen der Zeit kann ich allein an den leiser werdenden Geräuschen und seltener sichtbaren Schatten ausmachen. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Anfangs tendiere ich zu ersterer These, doch je länger ich durch diese eintönige Umgebung laufe, desto mehr bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ein Angriff, eine konkrete Bedrohung, käme mir jetzt gerade recht. Ich merke bereits, wie meine Sinne stumpf werden, wie meine Wachsamkeit nachlässt und sich eine Müdigkeit in mir ausbreitet, die wenig mit körperlicher Erschöpfung zu tun hat.</p>



<p>Nach einiger Zeit ereignet sich zumindest etwas. Frisches Licht fällt herein. Helles, weißes Sonnenlicht, das in staubigen, dünnen, melancholischen Säulen von der Decke ragt. Durch Schlitze, die zu klein sind, um etwas dadurch zu erkennen, geschweige denn, sich einen Weg hinauf zu bahnen. Meinem Beschuss hält die Decke jedenfalls stand. Und das ist kein Wunder. Alles hier ist wie eingefroren. Das wird mir eindeutig klar, als ich testweise etwas von dem reichlich vorhanden Staub von den Wänden wischen will, er sich aber nicht im Geringsten bewegt oder verändert.</p>



<p>Das einzige, was sich an diesem Ort wirklich verändert hat, ist die Tatsache, dass der Eingang verschwunden ist. Das hatte ich bereits kurz nach meiner Ankunft hier festgestellt. Und warum auch nicht? Mit dieser verfluchten Totenfestung scheint es so zu sein, wie mit meinem Katalog: Es gibt keinen Weg zurück. Und anders als beim Katalog gibt es vielleicht nicht mal die Möglichkeit, einen langen komplizierten Umweg zu nehmen, auch wenn ich natürlich darauf hoffe. Immerhin: mein Weg ist klar vorgezeichnet, auch wenn mir immer noch nicht klar ist, wohin er führen wird.</p>



<p>Und es sieht auch nicht so aus, als ob sich dieses Geheimnisse in naher Zukunft lüften wird. Der Weg ist viel länger als ich zunächst angenommen habe. Selbst wenn meinem Zeitgefühl nicht wirklich zu trauen ist. Aber bald bin ich sicher, nicht nur Stunden, sondern Tage unterwegs zu sein. Und das, obwohl sich an dem trügerischen Sonnenlicht über mir nichts ändert. Keine Ahnung, welchen Irrsinn die Festung diesmal mit mir vorhat, aber inzwischen wünsche ich mir fast das Angebot von Hiranga angenommen und zum Führer eines Nekromantenkults avanciert zu sein. Dort wäre ich sicher auf mehr Leben getroffen als hier.</p>



<p>„Krimara!“, rufe ich immer wieder, wenn ich die Stille einmal nicht mehr ertrage. Weniger, weil ich ernsthaft darauf hoffe, eine Antwort zu erhalten. Vielmehr, um nicht den Verstand zu verlieren und wenigstens meine eigene Stimme zu hören. Womöglich aber auch, um irgendwen anzulocken. Sei es einen Freund, einen Feind oder eine kosmische Abscheulichkeit.</p>



<p>Doch mich besucht allein mein Echo. Ein müdes, raues Echo und irgendwann beginnen mir meine Stimmbänder wehzutun. Meine Kehle ist trocken und rau und Wasser ist nirgends in Sicht. Ich krame etwas aus meinem Rucksack hervor. Dort gibt es tatsächlich noch eine kleine Plastikflasche, die ich vor gefühlten Äonen mit dem Wasser irgendeiner fremden Welt gefühlt habe. Ich trinke daraus, doch es schmeckt widerlich abgestanden und alt. Dennoch würge ich es runter und irgendwie gibt es mir und meinen müden Gliedern wieder etwas mehr Kraft.</p>



<p>Trotzdem fühle ich mich unendlich erschöpft. Aber irgendwie bringe ich es nicht fertig, mich auszuruhen. Dieses Gewölbe ist kein Ort dafür. Das schreien mir alle bewussten und unbewussten Sinne förmlich zu. Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche, aber sobald ich meinen Rücken gegen einer dieser Wände lehne, befällt mich ein überwältigendes Gefühl von Unruhe und Gefahr.</p>



<p>Dabei wird mein Bedürfnis, mich auszuruhen immer größer. Eine unerklärliche Müdigkeit, die über bloße körperliche Erschöpfung hinausgeht. Und da ist da noch dieser Durst, denn das letzte Tröpfchen an abgestandenem Wasser habe ich inzwischen längst aus den Windungen meiner Plastikflasche geleckt.</p>



<p>Dennoch schleppe ich mich weiter vorwärts und schließlich, nach vielen Stunden oder eher Tagen in dieser Monotonie, sehe ich einen Ausweg. Eine Treppe, die zu einer Falltür führt, die in der Decke eingelassen ist.</p>



<p>Obwohl mich mein Durst fast umbringt und ich es kaum erwarten kann, diesen Tunnel endlich zu verlassen, zögere ich zunächst. Kann meine Lage an solch einem Ort, überhaupt besser werden oder eher noch schlimmer?</p>



<p>Doch als ich meinen verbleibenden Mut und meine Kraft zusammennehme und endlich die Falltür aufstoße, bin ich überrascht.</p>



<p>Über mir ist der freie Himmel und eine Handvoll Gebäude einer kleinen Stadt oder eines Dorfes, deren runde Architektur stark an die Grabmale und Mausoleen von Luth Nomor erinnert. Über mir steht sogar eine echte und halbwegs warme Sonne. Hab ich es vielleicht wirklich geschafft, diese elende Illusion, Taschendimension oder was zur Hölle das hier auch immer ist, zu verlassen? Allein der Gedanke pumpt neue Energie in meine müden Glieder.</p>



<p>Erst recht als ich einen dunklen Springbrunnen im Zentrum des Ortes entdecke. Ich stürme darauf zu, tauche meine Hände in das lauwarme Wasser und benetze meine ausgetrockneten Lippen und schließlich meine raue Kehle mit dem ersehnten Nass. Es ist erleichternd, doch leider schmeckt es genauso schlecht wie das Wasser aus meiner Flasche. Wenn nicht sogar noch schlechter. Nicht giftig, nicht einmal richtig bitter. Aber tot, abgestanden und staubig.</p>



<p>Erst jetzt betrachte ich den Springbrunnen genauer. Das Wasser darin ist zwar nicht trüb, aber tatsächlich von einer feinen, unappetitlichen Schicht aus Staub überzogen. Nicht nur im Wasser, dass sich im Becken gesammelt hat, sondern auch in dem, das aus den gebogenen Wasserstrahlen stammt, die sich im Bögen vom Zentrum nach unten erstrecken und die vollkommen still stehen. Wie ist das möglich? Das Wasser ignoriert alle Gesetze der Schwerkraft und der Zeit und steht einfach wie eingefroren in der Luft.</p>



<p>Sofort befällt mich Übelkeit. Ich will die Flüssigkeit auswürgen. Aber mein bedürftiger Körper weigert sich zugleich, die kostbare Substanz wieder herzugeben. Schließlich gebe ich auf und trete einen Schritt zurück.</p>



<p>Erst jetzt sehe ich mir den Brunnen genauer an. Die beiden Wasserspeier, von denen die erstarrten Strahlen ausgehen, sind ein Mann und eine Frau mit eingefallenen Wangen, schrumpeliger Haut und gequältem Gesicht. Dieser Gesichtsausdruck befeuert meine Angst und meine Übelkeit nimmt mit einem Mal noch weiter zu.</p>



<p>Sicher eine halbe Stunde setze ich mich ängstlich auf den Boden und warte auf irgendwelche körperlichen oder neurologischen Symptome einer Vergiftung. Aber nichts geschieht, abgesehen von einem starken Gefühl der Vorahnung und der Angst. Wo zum Fick bin ich hier gelandet? Und vor allem: Wie finde ich wieder einen Weg zurück?</p>



<p>Ich entschließe mich, meine Suche in den Häusern fortzusetzen. Sie sehen alle ähnlich aus. Einstöckige, hellgraue Bauten mit weißen Fensterrahmen, trüben Fenstern und abgerundeten Ecken. Die Türen sind offen. Das innere der Gebäude ist karg und düster eingerichtet. Schwarzer Boden, dunkelgraue Wände, hellgraue Möbel, patiniert mit einer weißen, schmierigen Staubschicht. Dieser Staub ist aber nicht nur in und an den Möbeln. Er ist überall in der Luft. Ganz fein und auf den ersten Blick gewöhnlich. Aber dennoch widerstrebt es mir, ihn einzuatmen. Allein, welche Wahl habe ich?</p>



<p>Während ich durch die schmucklosen Räume streife, die wie eine Fusion aus einem gewöhnlichen Haus aus meiner Welt und der tristen Atmosphäre Luth Nomorischer Innenarchitektur wirken, begleitet mich jenes Gefühl der Bedrohung wie ein treuer Hund. Ich denke wieder an die Schemen aus den Tunneln und bei jedem selbstverursachten Knarzen, bei jeder Spiegelung des erstarrten Sonnenlichts auf Verzierungen und Elementen aus Metall, zucke ich zusammen, obwohl nichts weiter passiert.</p>



<p>Metall ist das einzige Material hier, in dem sich das Licht reflektieren kann. Winzige Blenden und Verzierungen, alle zu klein, um sich als Mensch darin erkennen zu können. Und gewöhnliche Spiegel gibt es hier auch nicht. Selbst das Wasser im Brunnen ist zu staubig dafür gewesen, wenn ich recht darüber nachdenke. Jedenfalls habe ich mein Gesicht darin nicht erkannt. Es ist fast so als wollte dieser Ort verhindern, dass man sich hier selbst spürt oder erkennt.</p>



<p>Dabei sehne ich mich danach, mich zu betrachten, zu schauen wie ich mich verändert habe und ob ich überhaupt noch ich bin oder ob ich gar in den Traum oder das Leben eines anderen gewechselt bin, ohne es zu bemerken. Dieses Verlangen ist fast so stark wie das Fernweh in mir, doch leider noch viel unstillbarer. Lediglich meine Finger vermitteln mir den Eindruck, dass ich hier nicht die seltsame Leichenhaut trage, die mir Krimara verschafft hat.</p>



<p>Doch es mangelt nicht nur an Spiegeln. Auch sonst gibt es in den Häusern nicht viel zu finden. Jedenfalls zu Anfang. Erst nach gründlicherer Suche entdecke ich in manchen Behausungen verwinkelte, weitläufige Kellerräume, ohne erkennbaren Zweck, in denen nichts lagert als leere Kisten voller Schatten und Staub.</p>



<p>In anderen Häusern finde ich Türen, hinter denen allein grauen Mauern warten, selbst wenn ich das starke Gefühl habe, dass sie einst irgendwohin geführt haben. Doch wohin? In den weglosen Raum? Ins Geflecht? Zurück nach Luth Nomor oder in irgendeine andere, seltsame Dimension? Doch wohin auch immer sie einst geführt haben mochten: Ich fange schnell an zu begreifen, dass dieses Wohin mit hoher Wahrscheinlichkeit weit besser sein wird als der Ort an dem ich mich gerade befinde. Diese Stadt ist tot. Toter als alles, was Luth Nomor einst beherbergt hat. Sie ist geformt aus nekrotische, Gewebe, das selbst noch die dunkelste Form von Leben aus purem Selbstschutz abgeschnürt und ausgestoßen hat, um sich vor seinen Zerfallsgiften zu schützen.</p>



<p>Leben hat hier keinen Platz. Nicht einmal die höheren, bewussteren und von Hoffnung berührten Formen des Todes haben das. Und doch bin ich hier. Hineingelockt von meinem verfluchten Spiegelbild. Dabei sollte ich doch inzwischen wirklich gelernt haben, mir nicht zu vertrauen.</p>



<p>Anfangs denke ich, dass ich sterben werde. Verdursten vielleicht nicht, wo doch das abgestandene Wasser zumindest das verhindert. Aber doch verhungern, da man sich von Staub allein nicht ernähren kann.</p>



<p>Wie ein Geist streife ich umher, gehe von Haus zu Haus, suche nach Nahrung, nach einem Ausweg. Nach irgendetwas, was ich tun kann, in diesem Dorf, das doch größer ist, als auf den ersten Blick schien. Doch irgendwann bin ich schlicht zu erschöpft und beschließe morgen nach einem Ausweg zu suchen. Wenn man an diesem Ort ohne Zeit von einem Morgen sprechen kann. Also lege ich mich in eines der staubigen Betten, unter eine graue, alte Bettdecke, ziehe die schweren Vorhänge vor, um das allgegenwärtige Licht auszusperren und hoffe, dass mich die Dunkelheit in ihre Arme nimmt.</p>



<p>Das tut sie auch, wenn auch nicht auf jene Weise, wie ich es mir erhofft habe. Die ganze Zeit habe ich die Wesen aus den Tunneln nicht erblickt und kaum an sie gedacht, doch nun, wo ich verzweifelt und entkräftet in diesem ungemütlichen Bett liege und in das dunkle, fremde Zimmer starre, habe ich das drängende Gefühl, dass sie bei mir sind. Ich höre manches Flüstern, den ein oder anderen Windzug am Nacken und manchmal, kurz bevor ich die Augen schließe, glaube ich eine Hand oder den Schemen eines Gesichtes ganz in meiner Nähe zu erblicken. Doch mehr passiert nicht und wenn ich die Vorhänge öffne und das Licht hereinlasse ist da nichts.</p>



<p>Nach dem vierten Mal, wo ich mir auf solche Weise Erleichterung verschafft habe, komme ich zu der Überzeugung, dass der große, böse Adrian, der Bezwinger von Tausenden, der Vernichter von Welten und Auslöscher unzähliger Leben einfach Angst im Dunkeln hat. Wie kindisch, denke ich und versuche das Gefühl zu verdrängen, dass die Annahme, es würde keine Monster unter meinem Bett oder in den Schatten lauern. an einem Ort wie diesen vielleicht noch viel kindischer ist. Irgendwann schlafe ich dennoch ein, wenn auch vor allem durch pure Erschöpfung.</p>



<p>Es ist ein Rascheln, das mich wieder erwachen lässt, gefolgt von einem brummenden Fiepen in meinen Ohren und einem Gefühl von Schwere und Schwindel in meinem Kopf. Ich öffne die Augen, die sich träge und verklebt anfühlen und blicke der Hölle ins grinsende Gesicht. Auf mir sitzt eine Gestalt. Mit langen, schwarzen Gliedern, aufhockend wie ein Liebhaber, aber so weit entfernt von Liebe, wie man es nur sein kann. Das Gesicht, dürr und hager, mit langen, strähnigen, aber spärlichen Haaren, geschnitten aus Schatten und Fleisch, die wie lepröse Haut von ihrem Kopf herabhängen und kitzelnd über meine nackte Brust streichen.</p>



<p>Das Gesicht ist heller als der Rest. Mit einem geringeren Anteil an Schatten und mehr hässlichem, blassen Fleisch. Der Mund ist zu einer traurigen Grimasse verzogen, die jedoch allein sich selbst zu bemitleiden scheint und die Gesichtszüge sind hängend, verfallen und unförmig wie geschmolzener Käse.</p>



<p>Mein Herz donnert wie ein explodierender Eisklumpen gegen meine Brust. Ich spüre, wie mir das Geschöpf den Atem abschnürt und die Brust eindrückt, allein durch seine bloße Präsenz. Erst jetzt sehe ich feine, schwarz-violette und halbtransparente Rauchfäden von meinem Mund in seinen aufsteigen. Es trinkt, begreife ich. Es saugt mich aus. Es ist dieser Gedanke, der meine Starre zumindest teilweise bricht. Ich nehme meine Hände hoch oder versuche es zumindest. Aber sie sind viel zu schwach. Die Muskeln zucken erst kaum und als ich sie doch bewege, sind sie so schwer und ungelenk als wären sie vollkommen eingeschlafen. Dennoch gebe ich nicht auf, weigere mich in diesem elenden Zeitloch zu verrecken.</p>



<p>Doch das ist leichter gesagt als getan, denn meine körperlichen Kräfte verlassen mich mit jeder Sekunde in denen diese Kreatur an mir saugt noch weiter. In ihren dunklen Augen erkenne ich Genuss, Zufriedenheit, Triumph. Aber keine echte Bosheit. Nicht weil sie dafür zu dumm ist – sie erscheint mir sogar äußerst intelligent –, sondern weil sie einfach tut, was sie tut. Sie hat Hunger und ich bin Nahrung.</p>



<p>Aber ich bin keine Kuh in irgendeinem Stall, deren Milch oder Blut man abzapfen kann. Ich bin nicht wehrlos. Ich habe noch das Pendel. Ich habe es beim Schlafen vorsorglich in die Hand genommen und mir um das Handgelenk geschlungen. Vielleicht bringe ich zumindest die Kraft auf es zu nutzen, für einen einzigen Befreiungsschlag. Mühevoll wende ich meinen Kopf und erstarre fast vor Überraschung. Ich bin tatsächlich bewaffnet, wie ich feststelle. Aber nicht mit dem Pendel, sondern mit meiner Armwaffe. Fast wie zu der Zeit als ich meinen Körper noch geteilt habe mit …</p>



<p>„DU TRÄUMST, ADRIAN!“, höre ich Karmons Stimme in meinem Kopf. Ein Schauer der Rührung erfüllt mich bei diesen Worten. Erst jetzt realisiere ich wieder, wie ich ihn vermisst habe, wie sehr er ein Teil von mir gewesen ist.</p>



<p>Doch es ist nach der Klang seiner Stimme, es sind vor allem die Worte, die sie trägt, die mich aus meiner Starre reißen. Mit neuer, frischer Kraft richte ich meine Armwaffe auf das Geschöpf, dass nicht mit meinem Angriff rechnet. Ein schwarzer Blitz schießt hervor und stanzt ein gewaltiges Loch in die Kreatur, die zwar nicht vergeht, aber sich kreischend zurückzieht, aus dem Zimmer und irgendwo in die Tiefen dieser seltsamen Stadt.</p>



<p>Das Gefühl der Befriedigung, der Macht, ist berauschend. Viel besser als alles, was Any oder ihr Spielzeug mir vermitteln kann. Das bin ich! Das gehört zu mir! Genau wie auch Karmon. Mein geliebter Grong-Shin, der lange fort ist oder schlimmer noch: Zu Marnok geworden, einem Zerrbild seiner einstigen Größe und Weisheit.</p>



<p>Doch wie dem auch sein: Endlich kann ich wieder atmen und genieße diesen Luxus – ob real oder nicht – wieder in vollen Zügen. Auch erheben kann ich mich wieder. Doch die Stärke, die mich zusammen mit Karmons Stimme überkommen hat, ist leider verschwunden. Ich fühle mich wieder schwach, ausgelaugt. Aber immerhin noch kräftig genug, um aufzustehen und mich in dem Zimmer umzusehen, das tatsächlich nicht ganz normal aussieht. Die Wände, die Möbel, der Boden, die Decke – alles scheint ein wenig durchscheinend und erzeugt träge Nachbilder, die sie wie Kometenschweife hinter sich herziehen, wenn ich meinen Kopf zu schnell drehe.</p>



<p>„Du sagst, das ist ein Traum“, sage ich zu Karmon, falls er es denn ist, „heißt das, das Ding war auch nicht real?“</p>



<p>„JA UND NEIN“, antwortet die Stimme, „IN DER PHYSISCHEN WIRKLICHKEIT IST ES NUR EIN GEDANKE, EIN KONZEPT. ABER IN DEINEN TRÄUMEN IST ES REAL. UND HIER AN DIESEM ORT KANN ES DIR AUCH SCHADEN.“</p>



<p>„Und du?“, frage ich hoffnungsvoll, „bist du real?“</p>



<p>„JA“, sagt er und mein Herz macht einen Hüpfer vor Freude. Doch ich spüre das ABER schon, bevor Karmon es ausspricht.</p>



<p>„JEDER GRONG-SHIN HINTERLÄSST ETWAS IM ANDEREN“, erklärt Karmon, „KEINE TRENNUNG ODER VERÄNDERUNG KANN DAS AUSLÖSCHEN. ABER ICH BIN NUR EIN ECHO, KAUM MEHR ALS EIN FINGERABDRUCK ODER EINE HANDVOLL STAUB VON DEM, WAS EINST WAHR. UND ICH KANN ALLEIN HIER MIT DIR REDEN UND DICH UNTERSTÜTZEN, AN DIESEM ORT UND IN DIESEM ZUSTAND, WO DIE ZEIT MICH NICHT WEGWEHEN KANN. ICH BIN ABER IMMER DA, WENN DICH DAS TRÖSTET.“</p>



<p>„Gibt es keine Möglichkeit, dich zurückzuholen in die echte Welt?“, frage ich.</p>



<p>„FALLS ES DIE GIBT KENNE ICH SIE NICHT“, sagt Karmon, „MEINE WAHRNEHMUNG DER WELT IST SEHR BEGRENZT. UND SELBST, WENN ES GINGE, SO BIN ICH DOCH NUR EIN SCHATTEN. ICH WÜRDE DICH ENTTÄUSCHEN UND ICH WÜRDE WOHL BALD VERGEHEN.“</p>



<p>„Dann weißt du bestimmt auch nicht, wie ich diesen Ort verlassen kann?“, frage ich mit mühsam unterdrückter Enttäuschung.</p>



<p>„NEIN“, sagt Karmon knapp, „DEN WIRST DU SELBST FINDEN MÜSSEN.“</p>



<p>„Sprechen wir uns denn wieder?“, frage ich und spüre Tränen in meinen Traumaugen.</p>



<p>„JA“, sagt Karmon, „WENN ES DICH WIEDER ZU SICH ZIEHT, WERDE ICH DIR BEISTEHEN, SOWEIT ICH ES KANN. ABER SEI GEWARNT: ICH WERDE MIT JEDEM MAL MEHR VON DIESEM REST HIER VERLIEREN. MIT JEDEM WORT, MIT JEDEM ANGRIFF. UND IRGENDWANN … WIRST DU ALLEIN SEIN. DAS SOLLTEST DU WISSEN.“</p>



<p>Diese Offenbarung trifft mich so hart, dass es mir den Atem verschlägt. „Karmon, warte, wie meinst du das ich …“, sage ich hilflos aber Karmon ist verstummt. Nicht weil er gänzlich fort ist – noch nicht –, sondern weil ich wieder in meinem Bett in der realen Version dieses Ortes liege.</p>



<p>Doch auch wenn die Dinge um mich herum diese seltsame Düsternis und Verschwommenheit verloren haben, ist meine Stimmung so finster wie nie. Gerade als ich Karmon – zumindest in gewisser Weise – wiedergefunden habe, drohe ich ihn schon wieder zu verlieren. Außerdem ist nun das Schlafen selbst zu einer grausamen Bedrohung geworden und ich spüre immer noch deutlich die Energie, die mir dieses Geschöpf abgesaugt hat.</p>



<p>Ob es mehrere solcher Wesen gibt? Haben die Gestalten im Tunnel etwas mit ihm zu tun? Keines dieser Rätsel erschließt sich mir, aber ich habe auch ein ganz konkretes Problem. Ich brauche Nahrung. Das Wasser aus dem Brunnen hilft zwar, mich am Leben zu erhalten, aber wie ich schon festgestellt hatte: von Wasser und Staub allein kann ich mich auch nicht ernähren.</p>



<p>Zumindest dieses Problem erweist sich zum Glück als lösbar. Während ich die Stadt weiter erkunde, stoße ich schließlich auf eine Art Lebensmittelgeschäft, welches verschiedene Nahrungsriegel in mattem, wächsernen, schwarzen Papier anbietet. Die Aufschriften kann ich nicht entziffern. Dass es sich um Nahrung handelt, entnehme ich vor allem dem angenehmen Duft der verschiedenen Produkte, der mir zugleich Hoffnung macht, dass sie noch nicht verdorben sind. Vielleicht, weil sie in der Zeit konserviert sind. Ihre Anzahl macht zudem den Eindruck, dass ich damit Monate oder sogar Jahre auskommen kann, falls sie sich als genießbar und nahrhaft erweisen.</p>



<p>Leider stellt mich die Sprachbarriere beim Lesen der aufgedruckten Zutaten und Beschreibungen vor ein anderes Problem. Selbst wenn ich keine mir bekannten Nahrungsmittelallergien habe und bislang die meisten exotischen Nahrungsmittel auf meinen Reisen mehr oder weniger gut vertragen habe, befinde ich mich immer noch in einer Welt, in der man den Tod verehrt und mitunter wissentlich herbeiführt. Auch durch Nahrung. Es ist also gut möglich, dass mindestens einer dieser Riegel ein tödliches Gift enthält.</p>



<p>Trotzdem muss ich es wohl auf einen Versuch ankommen lassen, wenn ich nicht einen potenziellen schnellen gegen einen sicheren langsamen Tod eintauschen möchte. Also reihe ich die verschiedenen Sorten vor mir auf und probiere ein winziges Stück des ersten Riegels. Der Geschmack ist köstlich, süßlich und prickelnd wie Ananas und Brause.</p>



<p>Ich entschließe mich, ihn zu genießen, da ich nicht weiß, ob er der letzte Geschmack sein wird, den ich je wahrnehmen werde. Dann warte ich auf verräterische Anzeichen einer Vergiftung. Die ersten Minuten geschieht nichts. Dann beginnt erst mein rechtes Augenlid, kurz darauf mein linker kleiner Finger und schließlich mein halber Körper unkontrolliert zu zucken. Ein saurer Geschmack steigt in meinen Mund auf und ich spüre wie schaumiger Speichel herausläuft.</p>



<p>Nach einer Viertelstunde ist der Krampfanfall vorbei und mein Körper scheint ihn mehr oder weniger heil überstanden zu haben.</p>



<p>Ich habe – nachvollziehbarerweise – wenig Lust auf einen weiteren Versuch, aber dennoch probiere ich mich weiter durch die Auswahl.</p>



<p>Nachdem ich fertig bin, fühle ich mich, als wäre ich mit einer Lungenentzündung einen Marathon gelaufen und hätte danach eine Schlägerei gegen zehn Leute bestritten.</p>



<p>Rings um mich hat sich ein Kreis aus Erbrochenem und Körpersäften gebildet. Aber ich lebe noch und habe einige Dinge herausgefunden. Von den sieben Sorten sind drei ungiftig, die glücklicherweise auch zu den häufigsten zählen. Je wohlschmeckender ein Riegel ist, desto gefährlicher ist er. Zwei der „genießbaren“ Sorten schmecken wie durchgekaute Pappe. Eine schmeckt selbst wie Erbrochenes, hat jedoch dafür sogar mild heilende Eigenschaften. Zumindest nehme ich das an, denn seitdem ich davon probiert habe, beginnt es mir etwas besser zu gehen.</p>



<p>Dennoch hat mir mein Experiment schwer zugesetzt. Aber zumindest ist meine Nahrungsversorgung gesichert und eine genauere Inventur lässt mich meine ursprüngliche Schätzung nach oben korrigieren: Selbst die ungiftigen Riegel sollten noch viele Jahre reichen. Auch wenn ich natürlich hoffe, diesen Vorrat nicht ausreizen zu müssen, ist diese Aussicht beruhigend. Verhungern ist kein schöner Tod und mein Fernweh ist immer noch zu groß um einfach aufzugeben. Ich will neue Horizonte erforschen und gottverdammt auch neue Freunde, Feinde und Weggefährten treffen. Und vielleicht ja auch alte wieder zu mir holen.</p>



<p>Schon allein aus diesem Grund, schwöre ich mir, Karmon oder was auch immer von ihm übrig ist, so wenig wie möglich zu bemühen. Ich will ihn nicht verlieren. Natürlich habe ich nicht die geringste Ahnung, ob es einen Weg gibt, ihn zurückzuholen oder ob auch er nur ein Fiebertraum ist, den diese Stadt mir ins Hirn gelegt hat wie eine Schlupfwespe ihr Ei. Aber wenn auch nur die geringste Chance besteht, mir meinen Gefährten zurückzuholen, will ich sie nicht Zunichte machen. Ob mir das gelingt, werde ich wohl oder übel erfahren, wenn mich die Müdigkeit erneut zum Schlafen zwingt.</p>



<p>Während ich mir den Tag damit vertreibe, meine Vorräte zu sortieren und weitere Gebäude zu erforschen, frage ich mich, was mit Krimara geschehen ist. Hat sie ihre Mission abgebrochen? Ist sie alleine weitergezogen? Oder ist seit meiner Abwesenheit bei ihr noch keine Zeit vergangen? All diese Szenarien sind denkbar, aber bis ich zurückkehre – falls ich das schaffe – werde ich keine Gewissheit darüber erlangen.</p>



<p>Auf meiner Erkundungstour fällt mir noch eine Eigenheit dieser Stadt auf. Je weiter ich sie erkunde, desto größer wird sie. Das geschieht ganz subtil. Nie sehe ich ein neues Gebäude auftauchen, aber wenn ich mich umdrehe und in eine Richtung bewege, die ich definitiv schon zur Gänze erforscht habe, sind dort einfach neue Häuser oder Geschäfte entstanden. Das ist so beängstigend wie bemerkenswert. Denn ich ahne, dass es auf meine Entdeckungslust abzielt. Irgendwie will das Dorf mich von seinem Zentrum weglocken. Und das hat sicher seinen Sinn. Zwar erscheint auf den ersten Blick jeder Ort so gut oder schlecht wie der andere, da auch der Eingang mir keinen Rückweg ermöglicht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Ort, dieses Zentrum der einzige Platz ist, an dem eine solche Rückkehr möglich sein könnte.</p>



<p>Leider bin ich ein Fortgeschrittener und dem Ruf der Ferne kann ich nicht lange widerstehen. So dauert es keine drei Tage bis ich mich das erste Mal so weit in die sich ewig erweiternde Stadt vorgewagt habe, dass mir der Rückweg zum Zentrum erst nach vielen kraftraubenden Umwegen gelingt. Eine Zeitlang glaube ich sogar, ihn schlicht nie wieder finden zu können. Doch so sehr mich dieses Gefühl auch erschreckt, so sehr muss ich auch eingestehen, dass dieser Ort mich zu belohnen weiß.</p>



<p>Zum einen finde ich immer wieder neue Dinge. Nahrung und Getränke. Neue Arten von Riegeln und sogar exotische Fruchtsäfte. Alles versetzt mit Unmengen von Staub und einem faden, schalen Nachgeschmack, aber doch besser, schmackhafter und erfrischender als alles, was ich in der Nähe des Zentrums finden kann und vor allem vollkommen ungiftig. Zum anderen entdecke ich Dinge, die meine Neugier weiter anfachen. Skulpturen von Geschöpfen mit langen Köpfen und kurzen, zahlreichen Gliedmaßen, von denen ich nicht sagen kann, ob es Götter, Fantasiegeschöpfe oder Nachbildungen von den ursprünglichen Einwohnern dieser Stadt sind. Ich kann nur sagen, dass sie mich leicht an Bravianer erinnern, wenn auch mit einem monströsen, unförmigen Einschlag.</p>



<p>Außerdem finde ich Schriftstücke, in einer Sprache die ich nicht annähernd entziffern kann. Aber sie zeigen mir auch Zeichnungen von weiteren seltsamen Wesen, halb Pflanze,&nbsp;halb Tier, gewölbten Ozeanen im Himmel, vertikal gebauten Städten in denen bizarre Giganten herumkrabbeln und monolithartigen Bauten, die mir wie außerirdische Kultobjekte erscheinen. Ein Teil von mir ahnt, dass ich all das niemals finden werde, dass es vielleicht nicht einmal existiert und diese Zeichnungen allein für mich erschaffen wurden. Aber das tut der Faszination keinen Abbruch, denn letzten Ende wäre es dennoch möglich, habe ich ähnlich wundersames doch schon oft auf meinen Reisen gesehen.</p>



<p>Auch deshalb stopfe ich mir viel von diesen Souvenirs in meinen Rucksack. Diese Andeutungen und die bessere Nahrung sind aber nicht das einzige Zuckerbrot dieses Ortes. Das viel Wesentlichere ist das Ausbleiben der Peitsche. Wann immer ich weiterwandere und dabei eine Rast einlege, belohnt mich der Ort mit einem traumlosen Schlaf oder mit harmlosen luziden Träumen, in denen ich meine Fantasie ausleben, und Karmon herbeirufen kann, wenn ich es möchte. Letzteres spüre ich zwar, tue es aber nicht. Ich bin mir fast sicher, dass diese Stadt weiß, dass er mein Verteidiger ist und ich dazu verleiten will, seine Kraft zu verbrauchen. Vor allem aber will sie mir zeigen, dass die Traumkreatur fortbleibt, wenn ich weiter in ihr verhängnisvolles, klebriges Netz aus endlos generierten Gebäuden wandere. Ich habe es bislang noch nicht ausprobiert, aber ich vermute stark, dass sich das ändern wird, sobald ich wieder eine Nacht im Zentrum verbringe oder auf dem Rückweg einschlafe.</p>



<p>Davor habe ich große Angst, aber ich werde es dennoch riskieren müssen. Denn die Angst, die mein letzter Ausflug und dieses Gefühl mich vollkommen verloren und verirrt zu haben, in mir ausgelöst haben, ist sogar noch größer als jedes Fernweh und jede Neugier. Jedenfalls für den Moment. So wie ein gut gesättigter Löwe auch einmal an einer potenziellen Beute vorbeilaufen kann.</p>



<p>Heute, das schwöre ich mir, werde ich nicht wieder umherwandern, sondern mich dem Wesen stellen, das mir in meinen Träumen auflauert. Und Karmons Hilfe werde ich nur in Anspruch nehmen, wenn mir absolut keine andere Wahl bleibt.</p>



<p>Das ist vielleicht leichter gesagt als getan, aber ich habe immerhin einen Plan. Und meine Müdigkeit kommt mir dabei entgegen. Denn so schaffe ich es tatsächlich – gestützt von einigen Seilen und Möbeln – im Stehen einzuschlafen. Und wie ich gehofft habe, halte ich diese Position auch, als ich in den Traum herüberwechsle. Im Gesicht des Geschöpfes erkenne ich sofort Zorn, da es nicht einfach aufhocken und bequem meine Energie abzapfen kann. Dennoch bin ich vielleicht nicht ganz so schlau gewesen, wie ich gedacht habe. Denn auch wenn ich so nicht gänzlich gelähmt bin, sind meine Bewegungen immer noch langsam. So dauert es nicht lange, bis das Wesen mich an den Armen packt und seinen Mund so nahe an meinen bringt, dass es problemlos trinken kann.</p>



<p>Panik erfüllt mich und mein Blick geht sofort wieder zu meinem Waffenarm. Aber ich darf Karmon auf keinen Fall rufen. Irgendwie werde und muss ich es aus eigener Kraft schaffen. Also versuche ich mich zu wehren. Versuche, mich zu erinnern, was mich ausmacht, jenseits aller anderen, jenseits derer die ich getroffen, geliebt und verraten habe. Und dort finde ich Quellen, tiefer noch als die Lebenskraft, die das Geschöpf, das ich für mich „Aufhocker“ getauft habe, mir gerade absaugt: Mein Fernweh, meine Neugier, meine Abenteuerlust, aber auch der unbedingte Wille weiterzugehen. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will.</p>



<p>Und irgendwie gelingt es mir meinen Widerstand zu materialisieren in dem, was immerhin auch zum Teil MEIN Traum ist. Ein Schwert erscheint in meiner Hand. Scharf, groß, lodernd von Flammen und geformt wie eine Kompassnadel. Ich spüre sein Gewicht in meiner Hand und weiß sofort es zu benutzen, auch wenn ich wenig Erfahrung im Schwertkampf habe. Ansatzlos steche ich zu und nebeliges, schwarzes Blut spritzt aus der Kreatur hervor, die sich schreiend zurückzieht und sich erneut in den Tiefen des Hauses verliert. Erschöpft doch noch immer im Traumzustand setze ich mich aufs Bett und halte Wache. Ich widerstehe der Versuchung den Traum direkt zu verlassen, aus Sorge, dass ich dann erneut in die Enge getrieben werde, falls ich wieder einschlafen sollte. Doch irgendwann verschwindet der Traum von selbst und ich erwache ausgeruht und stolz darauf, nur auf meine eigenen Fähigkeiten zurückgegriffen zu haben.</p>



<p>Eine ganze Zeit lang bleibt das auch so. Es vergehen Wochen, Monate, in denen es mir gelingt den Aufhocker in die Flucht zu schlagen und zugleich den Verlockungen der Stadt zu widerstehen. Die Langeweile vertreibe ich mir, in dem ich die seltsamen Dokumente studiere, an meine Abenteuer zurückdenke oder gedanklich Stadt, Land, Fluss gegen mich selbst spiele. Es ist unfassbar öde, aber irgendwie ertrage ich es und ziehe Kraft daraus, Nacht um Nacht gegen das Ungeheuer zu triumphieren.</p>



<p>Doch leider scheint dieser Ort zu lernen. Langsam, aber beharrlich. Es beginnt damit, dass mich der Aufhocker prüft. Immer wieder zeigt er sich in der Tür, versteckt sich unter dem Bett, bricht sogar durch die Wände, die Decke und den Boden und prüft meine Verteidigung auf immer kreativere Art. Und manchmal gelingt es ihm sogar, mir kleinen Dosen meiner Energie abzuzapfen. Dabei werde ich schwächer und schwächer. Die Nächte werden eine Tortur, bis ich im Schlaf mehr Kraft verliere als ich gewinne. Und das ist noch nicht alles. Nach diesen Attacken bemerke ich, dass Lücken in meiner Erinnerung auftrete. Gerade die Zeit betreffend, in der ich noch kein Fortgeschrittener gewesen war. Das geht so weit, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie genau meine Eltern aussehen, wie mein Zimmer damals gestaltet war oder wie ich meine Tage verbracht habe. Gleichzeitig schleichen sich neue, fremde Erinnerungen in meinen Kopf. Für eine ganze Zeit bin ich der Überzeugung eine Schwester gehabt zu haben, bevor ich mir wieder halbwegs aber nicht ganz sicher bin, das als falsche Erinnerung ausgemacht zu haben. Das alles ist beängstigend. Doch die Erschöpfung ist dennoch mein drängendstes Problem. Denn anders als meine Erinnerungen, die zumindest teilweise ihren Weg zurück in mein Bewusstsein finden, kehrt meine Kraft nicht wieder zurück.</p>



<p>Und irgendwann kommt die Nacht, in der ich nicht mehr standhalten kann. Es ist nur eine kurze Unachtsamkeit. Ein Sekundenbruchteil, in dem mir meine astralen Augen zufallen. Dann ist er heran. Wie ein stroboskopartiger Schatten aus Schwarzlicht schlüpft er durch die Tür, drückt mich wie zuvor aufs Bett und zerbricht meine spröde gewordene Kompassklinge wie ein Streichholz. Kein Wunder. Ich bin nicht nur schwächer geworden, es ist auch stärker geworden. Seine Arme und Beine sind sehnig und muskulös und sein Maul ist auf die sechsfache Größe angewachsen, sodass es nicht mehr länger an mir saugt, sondern mich regelrecht verschlingt. Mein Kopf ist gefangen in vollständiger, feindseliger Dunkelheit an deren rändern sich helles, von dicken, pumpenden Adern durchzogenes Astralgewebe an meiner verbleibenden Kraft labt. Ich brauche Karmon, erkenne ich. Aber kann ich ihn überhaupt noch rufen?</p>



<p>„Bitte Karmon, hilf mir!“, flehe ich still und für einen schrecklichen Moment höre ich gar nichts, während meine Sinne zunehmend schwinden. Doch endlich, endlich erhalte ich Antwort.</p>



<p>„ICH BIN DA, ADRIAN!“, beruhigt mich Karmons Echo und auch wenn ich nichts sehen kann, höre ich das Flirren des Schattenstrahlers und eine Sekunde später bin ich vom Maul der Kreatur befreit. Doch besiegt ist der Aufhocker noch nicht. Er ist eindeutig stärker als zuvor, genährt von meiner Kraft und meinen Erinnerungen. Der Schuss wirft ihn zurück, aber verletzt ihn diesmal kaum.</p>



<p>„ICH BRAUCHE DEINE HILFE!“, ruft Karmon und trotz meiner eigenen Schwäche mache ich mich bereit meinem alten Freund, oder der Erinnerung an ihn, beizustehen. Irgendwie gelingt es mir, mein Kompassschwert neu zu erschaffen und gemeinsam dringen wir auf den Aufhocker ein.</p>



<p>Was folgt, ist eine wilde Jagd durch Gänge, Keller und schließlich eine noch gruseligere, schemenhafte Version der Stadt, in der ich mich befinde. Letzten Endes schaffen wir es doch, die Kreatur zu schwächen und zu vertreiben und nach diesem Triumph bemerke ich sogar, wie ein Teil der gestohlenen Kraft in mich zurückfließt. Doch ich bin mir nun absolut sicher, dass man das Wesen nicht endgültig besiegen kann. Er gehört zu dieser Stadt wie der staubige Boden und die eingefrorene Zeit. An diesem Ort habe ich wohl nur drei Möglichkeiten. Zum Futter des Aufhockers zu werden und entweder zu sterben oder als identitätslose Hülle wie eine Statue in der Stadt zu stehen. Zu fliehen, was ich immer noch für möglich halte, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen sollte. Und schließlich weiterzuwandern, immer tiefer in diese verlockende Falle hinein, die der Ort für mich ausgebreitet hat.</p>



<p>Es ist Karmons Zustand, der den Ausschlag gibt. Am Ende unseres gemeinsamen Kampfes war er vollkommen still gewesen. Nicht mehr als eine Waffe, deren Zerstörungskraft stark abgenommen hat. Sollte ich noch einmal auf sein Echo zurückgreifen, soviel ist sicher, wird auch dieses Echo für immer verklingen.</p>



<p>Also packe ich meine Vorräte zusammen und ziehe los, immer weiter und weiter, wissend, dass ich vielleicht nie wieder zurückkehren werde. Doch ist eine ewige Wanderung nicht ein weniger schlimmes Schicksal für einen Fortgeschritten als das Vergessen?</p>



<p>Anfangs bin ich fast davon überzeugt. Über Wochen und Monate, in denen ich immer weiter wandere, neue Häuser mit neuer Nahrung entdecke und Tonnen von seltsamen Figuren, Artefakten, Modellen und Aufzeichnungen auftue kann ich meine Lage vergessen und fühle mich beinah frei. Umso mehr, da meine Nächte ruhig und friedlich bleiben. Aber irgendwann fühlt sich das alles zunehmend hohl an. Es erinnert mich an die generischen Zufalls-Dungeons diverser Computer-Rollenspiele, in denen ständig neue Items darüber hinwegtäuschen sollen, dass die Welt um einen herum nie von der Kreativität eines intelligenten Geistes berührt wurde. Es ist ein reines Reiz-Reaktionsschema, so bedeutungslos wie Buchstabensalat. Diese Erkenntnis entzieht mir den Boden unter den Füßen und nagt an meiner geistigen Gesundheit. Doch es ist nur ein Pfeiler meines geistigen Verfalls. Der andere ist die Einsamkeit. Im ersten Jahr meiner Wanderung begnüge ich mich noch mit Selbstgesprächen, in denen ich mir vorstelle, dass meine eigene Stimme die von Karmon wäre. Doch im zweiten Jahr trägt mich auch das nicht mehr. Bei jedem Schritt schleife ich eine seelische Müdigkeit hinter mir her, die sich inzwischen so groß und schwer wie ein Berggipfel anfühlt. Beinah glaube ich das Schleifen des Gesteins hinter mir im Sand zu hören.</p>



<p>„Ist irgendjemand hier!“, schreie ich in die Leere, „will mich niemand angreifen? Will mich niemand töten?!!“</p>



<p>Wieder und wieder. Und tatsächlich würde ich alles dafür geben, wenigstens einem realen Ungeheuer zu begegnen. Irgendeine echte Berührung zu erfahren und sei es die einer messerscharfen Kralle. Und erst scheint es mir fast so als würde die endlose Stadt mir meinen Wunsch erfüllen. Denn nur wenige hundert Meter später sehe ich eine graue, humanoide Gestalt an einer der Hauswände lehnen. Das erste greifbare andere Wesen, dem ich begegne. Adrenalin schießt durch meine verkrusteten Adern und ich mache mein fast vergessenes Pendel kampfbereit. Doch als ich mich nähere, erkenne ich, dass ich mich zu früh gefreut habe. Dort steht zwar tatsächlich ein humanoides Wesen, aber es ist alles andere als eine Bedrohung und auch sonst keine Form von Gesellschaft. Es ist ein Luth Nomorer, der entweder in einer katatonischen Starre gefangen oder auf das Bewusstsein einer Pflanze reduziert ist. Denn sein Blick ist leer und egal, wie ich an ihm rüttele oder was ich zu ihm sage: er reagiert kein bisschen. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass er einer meiner Vorgänger ist. Ein Toter, noch warm vom Leben, aber doch ausgesaugt von der absoluten Zeit- und Sinnlosigkeit dieses Ortes. Und ironischerweise ist es gerade dieser Anblick, der auch mich endgültig bricht.</p>



<p>Ich halte das nicht mehr aus. Doch ich weigere mich, auf dieselbe Art zu enden wie dieses bedauerliche Geschöpf. Stattdessen nehme ich ein kleines Taschenmesser aus meinem Rucksack und versuche zu beurteilen welches der nützlichen Werkzeuge am besten geeignet ist, meine Pulsadern zu öffnen.</p>



<p>Doch noch ehe ich zu einer Entscheidung gelangt bin, wendet ein plötzlicher Impuls meinen Kopf von meinen Selbstmordplänen ab. Stattdessen hebe ich den Kopf und sehe zu einer Hauswand. Dort gibt es nichts Besonderes, aber trotzdem gehe ich näher, so nah, bis ich nur noch einen Schritt von der Wand entfernt bin. Erst dann verwende ich das Messer. Jedoch nicht für meine Adern, sondern indem ich damit wie automatisch Worte in die Wand ritze, die ich selbst nicht erahne und die nicht als unleserliche Kratzer, sondern als klar abgegrenzte, rote Buchstaben auf dem generierten Gebäude erscheinen: „Zeit ist der Schlüssel. Minus mal Minus ergibt Plus.“</p>



<p>„Was zur Hölle soll das heißen?“, frage ich laut und diese Frage wird gefolgt von der, was mich überhaupt dazu gebracht hat, diese Worte zu schreiben. War es dieser Ort, der meine Flucht in den Tod nicht akzeptieren wollte, war es mein Unterbewusstsein oder war es vielleicht … Karmon?</p>



<p>Irgendwie habe ich das Gefühl, dass letzteres der Fall sein könnte. Aber da Karmon mir keine Antwort gibt, als ich vorsichtig versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, kann ich leider keine Gewissheit erlangen. Trotzdem ist mein Wunsch, meiner Wanderung für immer ein Ende zu bereiten, fürs Erste verflogen. Denn das Rätsel an der Wand hält meinen Geist gefangen.</p>



<p>Zeit ist auf gewisse Weise natürlich ein bedeutender Faktor in dieser im Moment eingefrorenen Welt. Besonders durch ihre Abwesenheit. Doch was hat das mit Mathematik zu tun? Ich kann jedenfalls nicht von mir behaupten, ein mathematisches Genie zu sein. Das könnten diverse Lehrkräfte bestätigen. Aber dennoch ist mir das Konzept klar. Es geht darum, einen negativen Faktor in etwas Positives zu verwandeln, indem man ihm noch etwas weiteres negatives in die Gleichung gibt.</p>



<p>Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. So plötzlich, dass ich in schallendes Gelächter und zugleich in Tränen ausbreche. Kann es sein, kann es wirklich sein, dass ich die Lösung für meine Probleme die ganze Zeit mit mir herumgetragen habe. Über viele Monate, sogar Jahre, ohne es auch nur auf einen Versuch ankommen zu lassen? Allein der Gedanke erscheint mir so dämlich, so absurd, dass ich fast hoffe zu scheitern. Aber als ich mein Pendel schwinge, den kleinen Zeittrick von Any anwende, um die Zeit an diesem zeitlosen Ort einzufrieren und sich vor mir langsam die Totenfestung materialisiert, bin ich dennoch unendlich dankbar. Bei meinem letzten Blick auf die verschwindende Stadt kann ich noch die blassen Schemen des Aufhockers ausmachen, der versucht nach mir zu greifen, irgendwo zwischen Traum und Realität. Doch ehe er mich erreichen kann, ist auch er verschwunden.</p>



<p>„Lass mich raten, du warst in Staubgrund?“, fragt mich Krimara, die wieder vor mir steht und mich gleichermaßen streng und mitfühlend ansieht.</p>



<p>„Vermutlich, wenn diese Stadt so heißt“, antworte ich etwas verwirrt, aber sehr erleichtert, sie wieder sehen zu können, „wie lange war ich für dich weg?“</p>



<p>Dass sie noch hier ist, zeigt mir, dass es unmöglich Monate oder Jahre gewesen sein können.</p>



<p>„Etwa zehn Minuten seit ich deinen Körper gefunden habe, der diesen Ort wahrscheinlich nie verlassen hat. Aber das muss nichts heißen. Wie du sicher selbst bemerkt hast, funktioniert die Zeit dort drüben ganz anders. Auch deshalb war es sehr dumm von dir, dich dorthin zu geben. Es ist aber so ein riesiges Wunder, dass du zurückgekehrt bist, dass ich fast geneigt bin, dich nicht für deine Dummheit auszuschimpfen“, sagt Krimara grinsend und offenbar auch etwas erleichtert.</p>



<p>„Warst du also nicht dort?“, frage ich, auch wenn ich das natürlich schon vermutet habe, „ich konnte dich plötzlich nicht mehr sehen und bin dann in diese Stadt … nun gestolpert.“</p>



<p>„Nein, in Staubgrund war ich nicht“, sagt Krimara, „ich habe lediglich meditiert und mich mit der Einsamkeit abgefunden. Nach ein paar Minuten habe ich dich wieder sehen können. Das war die eigentliche Prüfung. Alles andere hast du nur der Tatsache zu verdanken, dass du auf den Spiegel gehört hast. Und deine Rückkehr wahrscheinlich den Fähigkeiten dieses Pendels.“</p>



<p>„Woher wusstest du, dass ich ausgerechnet in dieser Stadt war?“, frage ich, „ist dir dieser Ort bekannt?“</p>



<p>„Ja“, sagt Krimara, „das ist er. Es gab schon Luth Nomorer, die sich nach Staubgrund verirrt haben. Auch außerhalb der Totenfestung. Es kommt nicht oft vor, aber manche betreten die Stadt in ihren Träumen und finden nie wieder von dort zurück. Nur Hochnatoren wie ich können diese Unglücklichen sehen. Aber wir können sie auch nicht zurückholen. Manche sind dort schon seit Jahrtausenden. Zumindest nach unserer Zeitrechnung. Für sie kann es sich aber wie Milliarden Jahre anfühlen. All das ist mir bekannt. Und ich konnte dich ebenfalls sehen. Zumindest ein paar Bilder und Szenen habe ich aufgeschnappt. Es fehlt mir noch an Übung für eine vollständige Beobachtung solcher Sphären. Aber ich kann dir versichern, dass der Tod auch kein Ausweg gewesen wäre. Das lässt Staubgrund nicht zu.“</p>



<p>Ein Schauer fährt über meinen Rücken, während ich den Staub von meiner Haut abklopfe, der sich dort abgesetzt hat, obwohl diese Haut eigentlich nie in Staubstadt gewesen war. Der Gedanke, dass ich ohne das Pendel an diesem Ort gestrandet wäre, ist fast unerträglich.</p>



<p>„Wie viele solcher Prüfungen warten noch auf uns?“, frage ich, während ich langsam wieder in der Realität ankomme.</p>



<p>„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara, „aber eines kann ich dir sagen: Künftig solltest du wirklich auf meine Ratschläge hören.“</p>



<p>„In sowas bin ich nicht gut“, sage ich ganz offen.</p>



<p>„Dann musst du besser werden. Oder verloren gehen“, sagt Krimara düster, bevor sie sich der nächsten Tür zuwendet, die sich vor uns geöffnet hat. Doch ihre Worte höre ich kaum. Meine Gedanken schweifen längst zu Karmon. Ihn „wiedergesehen“ zu haben und sei es nur in dieser Form, hat eine tiefere Wunde gerissen als die lange Wanderung in der Stadt oder die Tatsache, der Ewigkeit in dieser Hölle knapp entgangen zu sein. War er bloße Einbildung gewesen oder tatsächlich ein Fragment meines alten Freundes? Und falls letzteres zutrifft, wie viel ist dann noch von ihm übrig? Genug, um ihn zurückzugewinnen?</p>



<p>All das bleibt wohl fürs erste Ungewiss. Aber eines ist sicher: Dieses Schweigen in meinem Kopf, das mir nach all der Zeit fast schon wieder natürlich erschienen war, ist nun fast unerträglich laut geworden. Wenn mir die Festung eine Lektion über Einsamkeit hatte erteilen wollen, so hat sie ihre Sache verdammt gut gemacht.</p>



<p></p>
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		<title>Knochenwelt: Knochenknacken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Jan 2026 14:24:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Knochenwald]]></category>
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<p></p>



<p>„Crack oder Whiskey?“, fragte Gabriela. Schon ohne ihren forschen Tonfall hätte Jonathan nicht vermutet, dass das ein serviceorientiertes Angebot war. Natürlich war es ein despektierlicher Seitenhieb auf seine kränkliche Erscheinung. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, hätte er es ohnehin abgelehnt. Es gab nur einen Stoff, den er begehrte. Und hasste.</p>



<p>„So etwas nehme ich nicht“, sagte Jonathan mit allem, was er noch an Stolz aufbringen konnte. Für einen Moment strahlte in ihm der akademische Glanz des früheren Dozenten auf und verlieh ihm beinah so etwas wie Charisma, bevor er alles mit dem Hintern wieder einriss. „Aber wenn sie vielleicht einen kleinen Schluck MannaRed hätten. Nur ein wenig davon, dann …“, sagte er schüchtern und senkte sofort den Blick, als er begriff, was er da verlangt hatte.</p>



<p>Gabriela brach in schallendes Gelächter aus. „Sie bringen einen Saftkannibalen hierher?“, fragte sie bissig in Geras Richtung, „ich meine, diese gruftige Knochenhure, die jetzt bei uns herumlungert … So eine Begleitung hätte ich von einem versifften Polizisten erwartet, aber das hier ist …“</p>



<p>Bevor Gera, Bianca oder jemand der anderen Anwesenden auf diese Beleidigungen reagieren konnte, schlug ihr Jessica kräftig mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was glaubst du, wo du hier bist, du privilegierte Tussi?“, schrie sie an, so erfüllt von gerechtem Zorn, dass Gabriela ganz vergaß, selbst wütend zu reagieren. „Wir sind hier bei keinem Edelitaliener und nicht in irgendeiner Fancy-Agentur. Wir sind nicht hier, weil wir keine Probleme haben. Wir sind hier, weil wir an den Problemen, die uns dieses Horrorregime in die Fresse getreten hat, etwas ändern wollen. Weil wir noch nicht daran erstickt sind. Weil wir noch husten, keuchen und kotzen. Und es ist scheißegal, ob wir Junkies, Knochenhuren oder selbstgerechte Vorstadttöchter sind. Wir sind hier, weil wir den Geschmack von Faschistenstiefeln verabscheuen. Und jeder, der das genauso sieht, ist uns willkommen.“</p>



<p>„Wow. „Micdrop!“, sagte Bianca und zwinkerte Jessica anerkennend zu.</p>



<p>„Ja, nette Rede. Jeder ist willkommen: Gilt das auch für Leute, die den Geschmack von Menschenfleisch mögen?“, fragte Gabriela.</p>



<p>„Ich mag den Geschmack nicht … Nicht wirklich … Es ist … Ich schäme mich dafür … Ich hätte das nicht sagen sollen“, sagte Jonathan und sank in sich zusammen, „ich will aufhören … Ich will das alles nicht mehr, ich …“</p>



<p>„Dann gehen sie in eine Entzugsklinik, mein Gott, und nicht in eine geheime Widerstandszelle“, empörte sich Gabriela.</p>



<p>„Entzugskliniken gibt es nicht mehr. Es gibt gar keine Kliniken mehr, die für arme Schlucker wie uns arbeiten. Nicht mal mehr Kinderkliniken“, bemerkte Bianca, „jedenfalls keine, die Kinder heilen wollen.“</p>



<p>„Reg dich ab, Gabriela“, entgegnete Jessica, „wenn du genauso über Leute urteilen würdest, die Milch trinken oder Kuhkadaver essen …“.</p>



<p>„Das willst du doch nicht allen Ernstes vergleichen … Das eine sind Menschen und das andere …“, antwortete Gabriela, während sie sich missmutig ihre rote Wange betastete.</p>



<p>„Was denn?“, fragte Jessica provozierend, „etwa nur Tiere?“</p>



<p>„Genau das“, antwortete Gabriela, „doch ich werde jetzt nicht anfangen, über Tierrechte zu diskutieren. Am Ende setzt du dich noch für den Schutz von gefährdeten Schneidmaden ein, weil die so putzig und missverstanden sind.“</p>



<p>„Hört auf!“, mischte sich Lena ein, „Jessica hat recht, Gabriela. Wir sollten uns hier nicht gegenseitig zerfleischen. Und wir sollten unseren Gästen mit Respekt begegnen. Wir alle haben Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind, seitdem der Knochenwald und die CfD unser Leben durchwuchert haben. Doktor How, Kommissar Gera und Bianca sind der Grund, warum wir noch nicht als entfleischte Sklaven IM Knochenwald leben. Sie haben es verdient, dass wir sie anhören.“</p>



<p>„Oh ja, das haben wir“, sagte Bianca und wandte sich an Gabriela, „hast du das verstanden, Liebchen? Oder muss ich dir erst die Zunge rausstrecken?“</p>



<p>Gabriela blickte finster, nickte dann aber. „Schon gut. Ich bin ganz brav“, sagte sie knapp.</p>



<p>„Ich sehe das genauso wie Lena“, fügte Thomas Schumann hinzu, „sie haben von einer besonderen Chance gesprochen, Herr Gera. Und ich muss zugeben, dass ich neugierig bin.“</p>



<p>„Das wundert mich nicht. Ist das nicht ihr Job als Schreiberling?“, antwortete Gera feixend, bevor er ernster fortfuhr und sich ein weiteres Stück von Rones Zitronenkuchen genehmigte, den alle Anwesenden mit Missachtung gestraft hatten. Am interessiertesten war noch Jonathan gewesen, bevor er sich erinnert hatte, dass jegliches Essen für ihn nun wie Müll schmeckte, seit er MannaRed gekostet hatte.</p>



<p>„Nun“, sagte Gera, „die Sache ist die: Ich habe mit Rone the Bone gesprochen.“</p>



<p>„Dem Knocheninfluencer?“, fragte Mik überrascht.</p>



<p>„Jepp“, sagte Gera.</p>



<p>„Dann haben sie ihn hoffentlich festgenommen und in das finsterste Loch gesteckt, das sie finden konnten“, sagte Mik, „der Mann hat schon tausende junger Leben ruiniert. Die Krankenhäuser sind voll von seinen Opfern. Alles Leute, denen er eingeredet hat, dass es eine fantastische Idee ist, sich bis auf die Knochen zu verstümmeln.“</p>



<p>„Tja nun“, sagte Gera verlegen, „nicht ganz. Es ist so. Der Pisser hat mir ein Angebot gemacht. Er will so ein kleines Theater mit seinen Anhängern veranstalten und uns so freie Bahn verschaffen, damit wir Eden und seine Leute aus dem Weg schaffen können.“</p>



<p>Es knallte recht laut, als Thomas Schumann seine Kaffeetasse auf den Boden fallen ließ. Da war er der einzige, aber nur, weil die anderen ihre Getränke auf dem Tisch stehen hatten. Ansonsten hätte es ein wahres Scherbenfest gegeben. Lediglich Jonathan und Bianca wirkten nicht ganz so schockiert. Das lag vielleicht daran, dass sie Gera gut genug kannten.</p>



<p>„Das ist ein Scherz, oder?“, klammerte Schumann sich hoffnungsvoll an einen Strohhalm, „sie schlagen das nicht ernsthaft vor.“</p>



<p>„Doch, tue ich“, sagte Gera, „und sie können sich das Drama sparen. Ich halte genauso wenig von diesem Typen wie von Hundescheiße in meinem Abendessen und ich werde ihn an seinen grinsenden Mundwinkeln zum nächsten Schafott zerren, sobald wir uns das erlauben können. Aber gerade brauchen wir Verbündete. Glauben Sie nicht, dass ich das hier vorschlagen würde, wenn ich es nicht durchdacht hätte?“</p>



<p>„Ach, haben Sie das?“, fragte Gabriela mit hochrotem Kopf, „wie weit denn? Bis zu den Menschenopfern, die Rone mit ihrem Segen bringen kann, oder nur bis zur Möglichkeit, dass er uns hintergeht und uns Eden zum Abendessen serviert.“</p>



<p>„Rone hat mir versprochen, nur Theater zu spielen und darauf zu achten, dass niemand zu Schaden kommt“, sagte Gera.</p>



<p>„Sicher“, sagte Jessica kopfschüttelnd, „dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Ein Mann, ein Wort. Was?“</p>



<p>Gabriela wechselte einen kurzen, versöhnlichen Blick mit Jessica, bevor sie antwortete. Gera hatte so ein Talent, Feinde zusammenzubringen. „Ich muss mich bei der Professionellen und bei Ihnen, Herr Dr. How, entschuldigen“, sagte Gabriela und sah die beiden Angesprochenen entschuldigend an, „Sie haben sicher weitaus mehr Verstand und Moral im Leib als diese Karikatur eines Polizisten. Außer natürlich, sie denken auch nur im Traum daran, sich an seiner Schnapsidee zu beteiligen. Wenn doch, sind sie raus. Oder ich.“</p>



<p>„Hier geht niemand raus“, sagte Gera und legte seine rechte Hand auf seine Waffe, „nicht, wenn ich nicht diesen ganzen albernen Geisterzirkus persönlich an meine Vorgesetzten melden soll. Sie alle bleiben fein auf ihren Ärschen sitzen.“</p>



<p>„Verräter!“, schrie Mik, „ich wusste gleich, dass man einem Polizisten nicht trauen kann.“</p>



<p>„Gera, das können sie doch nicht ernsthaft tun“, protestierte Jonathan.</p>



<p>„Oh, ich könnte das tun“, sagte Gera, „und wie ich das kann. Ich bin ein rücksichtsloser Drecksack, das wissen sie alle. Aber Sie können ruhig alle ihren Herzschlag wieder runterfahren. Ich bin nach wie vor auf ihrer Seite. Und ich würde jeden von euch Rebellendarstellern lieber kirchlich heiraten, als Eden die Wichsgriffel zu schütteln. Aber wir haben keine Zeit für Gelaber, okay? Deshalb, bei Gott, ich würde Sie verpfeifen wie ein Singvogel auf Meskalin, wenn Sie sich bei dieser Sache querstellen. Und ich würde Ihnen auch ohne Zögern die Rübe wegballern. Die Demokratie kann hier wieder Einzug halten, wenn Eden die Äuglein geschlossen hat. Bis dahin ist Gerakratie. Capiche?“</p>



<p>„Wohl eher Geriatrie, Sie ranziger Scheißbulle“, meinte Jessica.</p>



<p>„Der war gut“, sagte Gera gönnerhaft, „aber nennen Sie es, wie Sie wollen. Unser neues Motto ist: Der Zweck heiligt die Mittel. Und wenn Rone dieses Mittel ist, bauen wir ihm einen verfickten Altar.“</p>



<p>„Man könnte echt meinen, sie wären derjenige mit dem Wurm im Kopf“, sagte Bianca.</p>



<p>„Sie können meinen, was sie wollen“, sagte Gera, „und Sie können auch über mich sagen, was sie wollen. Wichtig ist, dass Sie mitmachen.“</p>



<p>„Also gut“, sagte Lena resigniert, „wenn das ihr Weg ist. Wie sieht er dann aus?“</p>



<p>„Ganz einfach“, sagte Gera, „sobald Rone loslegt – und das wird nach den letzten Informationen, die er mir zugeschickt hatte, übermorgen um 22 Uhr sein –, wird es keine halbe Stunde dauern, bis er für mächtig Aufruhr sorgt. Dann werden die Polizeikräfte und CfD-Soldaten ausrücken, um den Aufruhr niederzuschlagen.“</p>



<p>„Aber sind sie sicher, dass die Behörden seinen Aufruf im Netz nicht verfolgen und alles frühzeitig stoppen werden?“, fragte Thomas Schumann, „und selbst wenn nicht, warum sollte sich Eden dann um ein wenig mehr Chaos scheren? Er lässt es doch auch zu, dass die Leute auf den Straßen verhungern. Ich hoffe, ich darf diese Frage stellen, ohne perforiert zu werden.“</p>



<p>„Sie dürfen. Und ich bin mir bei gar nichts sicher“, sagte Gera offen, „mein Plan … Rones Plan ist vielleicht Fliegengrütze. Wäre er es nicht, müsste ich ihn nicht mit Waffengewalt absichern und meine goldenen Sympathiesternchen bei Ihnen gefährden. Aber er ist immer noch besser als das, was sie seit Monaten zustande gebracht haben: nämlich … gar nichts. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Rone ist ein noch rücksichtsloserer Mistkerl als ich, aber er ist ein Mistkerl, der weiterleben will. Er wird diesen Plan für sich durchdacht haben. Und er könnte zumindest funktionieren. Die CfD-Spinner fürchten nichts mehr als einen Kult, der ihnen Konkurrenz macht. Einen Kult mit einer stringenten Ideologie, so wahnsinnig sie auch ist, wo sie nur Chaos, Korruption und planlose Grausamkeit zu bieten haben. Das hat Strahlkraft und ich denke, Eden weiß das. Und Rone ist jemand, der das Charisma hat, das durchzuziehen.“</p>



<p>„Er hat einen Scheiß“, sagte Jessica, „Rone ist nichts weiter als ein dämlicher Psycho. Also jemand wie sie, wenn man es genau nimmt.“</p>



<p>„Falsch“, verneinte Gera, „er ist ein dämlicher Psycho mit realen Knochenwald-Kräften. Ich habe sie selbst erlebt. Er hat in seinen grinsenden Schädel eine Art übernatürlichen CIA-Spionage-Modus eingebaut. Und das ist wahrscheinlich noch nicht alles. Er hat sich ein Medaillon mit einer Knochenschlange in seinen Körper einpflanzen lassen. Daher bezieht er seine Macht.“</p>



<p>„Spionagefähigkeiten?“, überlegte Lena laut, „sind sie deshalb so heiß darauf, Rones Plan zu folgen? Hat er etwas über Sie herausgefunden?“</p>



<p>„Ganz dünnes Eis, Fräulein“, sagte Gera, dem es nicht gefiel, wie nah sie der Wahrheit gekommen war, „rutschig mit Aussicht auf Blutbaden, sozusagen.“</p>



<p>„Gut, ich bin ja schon ruhig. Mit Kindern und Bewaffneten kann man nicht diskutieren“, sagte Lena, wobei ihr Gesicht alles andere als kompromissbereit wirkte. Genau wie die beiden ausgestreckten Mittelfinger. Aber Gera akzeptierte das.</p>



<p>„Okay“, sagte Bianca, „denken wir das mal durch, unter der Prämisse, dass sie ihren Plan mit Blei gegen Kritik immunisiert haben. Wir gehen also davon aus, dass Rones Ablenkung funktioniert und er nur wenig Leute zu seiner Verteidigung hat. Selbst in diesem Fall, müssen wir damit rechnen, dass …“</p>



<p>Das Geräusch hatte Gera schon vor einigen Sekunden gehört. Aber erst das Kribbeln in seinem Nacken verschaffte ihm Gewissheit. Ohne sich umzudrehen, richtete er seine Waffe nach hinten über seine Schulter, zielte tief und hörte einen erschrockenen Schrei, ein wütendes „Scheiße!“ und das Klirren des Messers, das auf den Boden fiel. Gera verzichtete darauf, sich umzudrehen, und hielt die Waffe wieder auf die anderen gerichtet. Er ging davon aus, dass er Gabrielas Unterschenkel getroffen hatte. Vielleicht auch den Fuß. Jedenfalls nichts Lebensgefährliches.</p>



<p>„Eine Warnung wäre nett gewesen“, sagte Gera.</p>



<p>„Das war Notwehr gegen Polizeigewalt“, sagte Jessica, „wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Gabriela ist eine Heldin.“</p>



<p>„Wer immer nur Autoritäten zitiert, macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch, nicht aber von seinem Verstand“, sagte Gera, „sehen Sie, zitieren kann ich auch. Allerdings kann ich keine Wunden verbinden. Ich war in Erster Hilfe immer scheiße. Bin mehr so der Typ letzte Hilfe. Also ist hier niemand, der das besser kann? Ich will ja nicht, dass unsere Heldin stirbt.“</p>



<p>„Ich kenne mich da ein bisschen aus“, sagte Mik, „wir haben noch einen Verbandskasten im Schrank. Darf ich den holen?“</p>



<p>„Klar“, sagte Gera, „solange Sie nicht versehentlich zum Waffenschrank greifen. Und nur, wenn sie die freundliche Dame auch fesseln und ruhigstellen.“</p>



<p>Mik nickte, ging zum Schrank und holte den Verbandskasten hervor. Damit ging er zu Gabriela, die Gera regelmäßig lautstarke Status-Updates über ihren offensichtlich noch recht lebhaften Gesundheitszustand gab, während Mik fachmännisch ihre Wunden versorgte.</p>



<p>„Sie mieses Dreckschwein!“, „Sie hinterhältiges Stück Rattenkot!“, „Ich bringe sie um. Irgendwann bringe ich sie um, das schwöre ich!“ und dergleichen mehr. Zumindest solange, bis Mik unter den wachsamen Augen Geras ihren Mund fest mit Verbänden verschlossen und ihre Hände und Beine auf ähnliche Weise verschnürt hatte.</p>



<p>„Gut. Jeder braucht ein Ziel im Leben“, sagte Gera fröhlich, „das können Sie in jedem Lebenshilferatgeber nachlesen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei meiner künftigen Ermordung. Wenn sie das auch noch gefesselt hinbekommen, werden sie vielleicht sogar berühmt dabei.“</p>



<p>„Gera“, sagte Jonathan, der das Ganze mit wachsendem Missmut beobachtet hatte, „wie stellen Sie sich das vor? Wir können Eden nicht angreifen, wenn sie uns die ganze Zeit über wie ein bekloppter Geiselnehmer ihre Waffe in den Rücken halten. Oder planen sie gleich, das alleine zu machen und uns alle hier zu fesseln wie Gabriela?“</p>



<p>„Gabriela hat gezeigt, dass sie nichts taugt. Sie ist ein verwöhntes Hausmütterchen, das sich nicht mal ordentlich anschleichen kann“, sagte Gera, „ihr Platz ist hier. Gut verschnürt und abgeschnitten von jeder Kommunikationselektronik. Gleichzeitig war sie die einzige, die dumm genug gewesen war, mich anzugreifen. Deshalb werde ich Sie nicht länger offen bedrohen, wenn wir hier raus sind. Das würde nur zu seltsamen Fragen führen, wenn uns jemand sieht. Ich vertraue ganz auf ihren gesunden Menschenverstand und darauf, dass ihr Hass auf Eden größer ist als auf mich. Naja, fast. Wenn sie eine Dummheit machen, ist meine Knarre schneller wieder in meiner Hand als der Schwanz eines Teenagers nach einem Monat Klosteraufenthalt. Und ihre Waffen händige ich ihnen natürlich erst aus, wenn wir uns Edens Unterschlupf nähern. Genau so, Dr. How, stelle ich mir das vor. Also, wo waren wir … Ach ja, Bianca. Sie wollten noch etwas beitragen.“</p>



<p>„Oh, das wollte ich in der Tat, Captain ACAB“, sagte Bianca seufzend und fuhr sich seufzend mit der rechten Hand übers Gesicht, „mein Punkt ist, dass wir viel zu wenig Leute haben, um gegen Eden irgendetwas zu reißen. Und sie haben unsere Zahl nun noch weiter verringert, da Gabriela nicht mehr mitkommen kann. Egal, was sie von ihr halten, sie hat Mumm, was sie gerade erst bewiesen hat. Außerdem wird Eden wohl kaum komplett schutzlos sein. Selbst wenn wir alle Widerstandszellen der Geistermenschen in der näheren Umgebung aktivieren, wird das wahrscheinlich zu einem Blutbad führen, statt zum Tyrannenmord.“</p>



<p>„Die werden wir auch nicht aktivieren. Das letzte, was ich gebrauchen kann, sind noch mehr bockige Amateure, die hier herumwursteln. Immerhin habe ich nur eine Waffe“, sagte Gera, „dieser Haufen hier wird wohl reichen müssen. Aber seien Sie nicht so pessimistisch. Die Leidenschaft für die Sache ist wichtiger als die bloße Zahl. Haben sie nie 300 gesehen? „Und gegen Devon waren wir auch in der Unterzahl und dennoch haben wir gewonnen.“</p>



<p>„Das können Sie nicht vergleichen“, erwiderte Bianca, „wir hatten verdammte Hexen und Madenkinder an unserer Seite. Nicht nur ein paar Verzweifelte, die …“</p>



<p>Bianca brach verblüfft ab, als plötzlich der Monitor über dem Konferenztisch zum Leben erwachte und das Gesicht einer jungen, emotionslosen Frau mit blassen, weißen Adern unter der Haut zeigte.</p>



<p>„Da haben Sie Ihr Madenkind“, sagte Gera grinsend und wandte sich dann an die Frau auf dem Bildschirm: „Hallo Carina, was macht das Leben?“</p>



<p>„Es ist genauso reizlos wie immer“, bemerkte Carina tonlos, „deshalb bin ich immer auf der Suche nach Ablenkungen.“</p>



<p>„Wo ist Lucy Hermann?“, fragte Lena.</p>



<p>„Nicht verfügbar. Sie ist auf einer Art … Undercover-Mission, um ihre entführten Erzeuger zu befreien“, sagte Carina, „ihre Therapie mit Geisterglanz hat sie sehr sentimental gemacht. Deshalb fällt mir nun die Aufgabe zu, strategisch zu denken. Es ist störend. Aber einer muss es ja tun. Und ich hörte, Sie brauchen Unterstützung bei Ihrer kleinen Revolte. Die kann ich bieten. Mit Madenkindern, Schneidmaden und Schneidfliegen. Kurzum: Ich hätte eine Armee für Sie. Ein kleiner Teil davon ist sogar bereits bei ihnen, nur falls sie sich fragen, wie ich von ihrer Notlage erfuhr.“</p>



<p>Wie zum Beweis landete just in diesem Moment eine kleine, seltsame Fliege auf Geras Arm. Als er reflexhaft nach ihr schlagen wollte, war sie sofort wieder in den Schatten verschwunden.</p>



<p>„Und ich dachte immer, die ‘Fliege an der Wand’ wäre eine Metapher“, sagte Gera.</p>



<p>„Wir leben in einer Zeit, in der Metaphern das Fliegen lernen“, sagte Carina trocken.</p>



<p>„Warum sollten Sie uns helfen wollen?“, fragte Mik misstrauisch, „nach allem, was ich weiß, fühlen sie gar nichts. Warum also sollte es sie scheren, was aus uns oder diesem Land wird?“</p>



<p>„Zum einen bin ich durchaus in der Lage, Hass zu empfinden“, stellte Carina klar, „zum anderen mag ich nicht über Mitgefühl im emotionalen Sinn verfügen, aber ich zeichne mich durch einen ausgeprägten, abstrakten Gerechtigkeitssinn aus. Ersterer wird schon seit Langem von Eden geweckt und Zweiterer widerspricht seinen Handlungen extrem. Insofern bin ich sehr wohl der Meinung, dass die Herrschaft dieses Mannes beendet und eine geordnetere und gerechtere Regierungsführung installiert werden sollte. Also, wollen Sie in meinem Hauptquartier vorbeikommen und die Details besprechen?“</p>



<p>„Warum kommen sie nicht zu uns?“, fragte Lena misstrauisch.</p>



<p>„Das würde ein wenig zu viel Aufsehen erregen“, erklärte Carina.</p>



<p>„Das klingt doch nicht übel“, meinte Bianca, „und ich glaube, dass wir Carina vertrauen können. Sie war im Kampf gegen Devon treu an unserer Seite. Egal, was und ob sie fühlt: Ihre Taten sprechen für sich.“</p>



<p>„Das ist ein Argument …“, sagte Lena nachdenklich und blickte fragend zu ihrer aller Freund und Geiselnehmer.</p>



<p>Gera nickte gönnerhaft.</p>



<p>„Gut“, sagte Lena, „wir kommen zu ihnen. Geben Sie uns die Koordinaten ihres Hauptquartiers?“</p>



<p>„Das ist nicht nötig“, sagte Carina lächelnd, „in wenigen Minuten bekommen Sie Besuch von einigen weit größeren Schneidfliegen, die Sie dorthin bringen werden.“</p>



<p>„Das ist eine grauenhafte Idee“, meinte Bianca, „Eden wird sie sehen und seine Leute zu uns schicken, falls er sie nicht vorher abschießt. Rufen Sie sie zurück. Sofort!“</p>



<p>„Vertrauen Sie mir“, sagte Carina, „niemand wird Sie entdecken. Ich würde niemals meinen und auch nicht ihren Sicherheitsstatus gefährden. Ich kann zwar unmöglich mit meinen ganzen Truppen bei Ihnen auftauchen, bevor wir unsere Pläne koordiniert haben. Aber in diesem Fall liegen die Dinge anders. Öffnen Sie einfach nur Ihre Fenster und warten Sie ein paar Minuten. Wir sprechen uns dann wieder, sobald Sie bei mir sind.“</p>



<p>Der Bildschirm erlosch wieder und Carinas Gesicht verschwand so plötzlich, wie es erschienen war.</p>



<p>„Na los“, sagte Gera und wedelte mit seiner Waffe, „was steht Ihr hier doof rum? Öffnet die Scheißfenster. Oder wartet ihr darauf, dass die Fensterfee euren Job übernimmt?“</p>



<p>Jonathan und Jessica standen gleichzeitig auf und öffneten die drei großen Fenster ihres Unterschlupfs so weit wie möglich. Doch vorerst geschah nichts.</p>



<p>„Und was jetzt?“, fragte Mik.</p>



<p>„Abwarten, schätze ich“, sagte Jessica ratlos, „und ein großes Glas samt Brettchen holen, falls die Dinger Ärger machen.“</p>



<p>„Es ist schön zu sehen, dass ihnen das Lachen nicht vergangen ist“, sagte Gera.</p>



<p>„Keine Angst, das passiert nicht in der Gesellschaft eines so lächerlichen Bullen“, antwortete Jessica.</p>



<p>„Ach ja … Beleidigungen! Der Dünger meiner Seele“, sagte Gera grinsend.</p>



<p>„Warum wollten Sie eigentlich, dass wir auf das Treffen mit Carina eingehen?“, fragte Bianca, „vertrauen Sie nicht mehr auf Ihren Knochenkumpel?“</p>



<p>„Ich bin nicht sein Schoßhündchen, falls Sie das denken“, sagte Gera, der nur allzu gut wusste, dass er genau das war, „es ist immer gut, sich mehrere Optionen offenzuhalten. Und Sie haben recht: Ein wenig Unterstützung kann tatsächlich nicht schaden, wenn wir den Laden auseinandernehmen wollen.“</p>



<p>„Lucy wäre mir lieber“, sagte Jonathan, „ich kenne sie. Sie hat ein gutes Herz, zumindest seit es wieder frei vom Einfluss des Knochenwalds ist. Carina war mir immer etwas unheimlich. Und sie ist immer noch ein Monster.“</p>



<p>„Mir waren beide immer unheimlich. Und nicht nur etwas“, sagte Bianca, „aber das gilt auch für mich selbst, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Das muss nichts heißen. Wer finster aussieht, muss nicht unbedingt böse handeln. Nicht mal, wenn sein Herz von Dunkelheit vergiftet ist. Sehen Sie Gera an. Er sieht verlottert und harmlos aus, ist aber ein verrücktes Arschloch. Das Äußere hat also nichts zu sagen.“</p>



<p>„Spüren Sie auch die Romantik in der Luft?“, sagte Gera lachend, „irgendwann werden wir zwei noch ein Paar.“</p>



<p>„Nicht mal, wenn ich tot bin. Ganz besonders dann nicht. Notfalls verbrenne ich mich lebendig, um meine Leiche vor ihnen in Sicherheit zu bringen“, sagte Bianca.</p>



<p>Die irritierten Blicke der Geistermenschen zeigten ihr, dass sie die Anspielung nicht verstanden. Noch nicht. Aber Gera musste sich ziemlich beherrschen, um sich keine Blöße zu geben. Die Rebellen wussten bislang tatsächlich nichts von seinen Neigungen. Bis jetzt jedenfalls.</p>



<p>Zu seinem Glück spürte er genau in diesem Moment einen leisen Luftzug in seinem Gesicht und kurz darauf materialisierten sich vier riesenhafte, ascheweiße Fliegen, die fast bis zur Decke reichten. Ihre Saugrüssel waren ihnen verdammt nah.</p>



<p>„Hey, nimm das Drecksding aus meinem Gesicht“, sagte Jessica und wischte den Saugrüssel so energisch wie furchtlos zur Seite. Gera seinerseits ging ein Stück zurück, um dem hässlichen Rüssel zu entgehen.</p>



<p>„Wie ist das möglich?“, staunte Bianca, „beherrscht Carina jetzt auch Illusionsmagie? Ich meine, einige Tricks hatte sie ja drauf, aber …“</p>



<p>„Das wird keine Magie sein“, vermutete Jonathan, „eher irgendwas mit Lichtbrechung. Das Militär hat schon an ähnlichen Technologien geforscht.“</p>



<p>„Wenn Sie meinen, Doktor“, sagte Gera, „hat es auch erforscht, warum diese Monster stinken wie meine ältesten Unterhosen?“</p>



<p>Das war wahr. Diese Schneidfliegen rochen wahrhaft widerwärtig. Nach Pilzen, reifem Käse und vergorenen Früchten.</p>



<p>„Wahrscheinlich dieser komische Staub“, vermutete Mik.</p>



<p>„Immerhin sind sie nicht aggressiv“, sagte Gera, und als hätte er damit einen bösen Fluch auf sich geladen, schoss der Kopf eines der Biester nach vorne. Rasch, wich Gera aus und hob seine Waffe, senkte sie jedoch wieder, als er realisierte, dass das große Tier nur Rones Zitronenbonbon-Kuchen gierig und schlürfend in sich hineinpumpte.</p>



<p>„Dann war es wohl doch der Zucker, der sie interessiert hat“, meinte Bianca kichernd, „und ich dachte schon, sie hätten sich an ihrem Gestank orientiert und Sie als einen der ihren betrachtet.“</p>



<p>„Wirklich mutig, so viel über den Mann mit der Waffe zu lachen“, sagte Gera, „wenn sie so einen Schneid haben, dann steigen sie doch gleich mal auf diese Schneidfliege auf.“</p>



<p>„Das ist wohl eher eine Frage des Ekels als des Mutes“, antwortete Bianca.</p>



<p>„Sie haben mit CfD-Mitgliedern geschlafen“, sagte Gera, „da sollte das eine angenehme Abwechslung sein.“</p>



<p>„Punkt für Sie“, sagte Bianca, gab ihre Zurückhaltung auf und kletterte auf den harten, staubigen Rücken von einem der Tiere, das sich erfreulich ruhig verhielt und sich lediglich gelangweilt den Rüssel mit seinen besengroßen Füßchen putzte. Kurz darauf erhob sich der weiße Staub auf dem Rücken des Tieres wie von selbst und benetzte Bianca so vollständig wie eine Mehlpanade.</p>



<p>„Bah!“, sagte Bianca und hustete angewidert.</p>



<p>Der Rest von ihnen staunte nicht schlecht, als Bianca samt der Fliege unsichtbar wurde, was auch Bianca bewusst wurde, als sie ihre Hände nicht mehr sah und augenscheinlich in der Luft schwebte.</p>



<p>„Dieser Staub hat offenbar eine Menge drauf“, sagte Gera anerkennend.</p>



<p>„Ja, er hat die Fähigkeit, das widerlichste Zeug auf der Welt zu sein“, beschwerte sich Biancas vermeintlich körperlose Stimme, „selbst die Unsichtbarkeit ist das echt nicht wert.“</p>



<p>„Sie finden auch bei allem die Fliege in der Suppe“, sagte Gera feixend. Derweil griff er sich die herumliegende Plastiktüte eines Discounters, ging zum Waffenschrank und stopfte einige Pistolen und Gewehre so wahllos dort hinein, als wären es Brötchen von der Billigtheke.</p>



<p>„Für später“, sagte Gera, als er die sehnsüchtigen Blicke der anderen spürte, „wenn ich der Meinung bin, dass ihr euch benehmen könnt.“</p>



<p>„Wir müssen Sie nur von der Fliege schubsen“, sagte Jessica, „dafür brauchen wir keine Waffe.“</p>



<p>„Ich weiß“, sagte Gera und stieg auf das Tier, das seinen Zitronenkuchen stibitzt hatte, was ihm das absurde Gefühl gab, ihn nicht ganz verloren zu haben, „deshalb fliege ich auch alleine.“</p>



<p>„Was ist mit Gabriela?“, fragte Jonathan, „wir können sie nicht allein geknebelt und gefesselt zurücklassen. Sie braucht etwas zu essen.“</p>



<p>„Mitnehmen können wir sie auch nicht“, sagte Gera, „nicht, dass ich ihr den Angriff auf mich schon verziehen hätte, aber es gibt humanere Methoden, Menschen hinzurichten, als sie aus großer Höhe stürzen zu lassen oder Edens Soldaten zum Fraß vorzuwerfen.“</p>



<p>„Ich kann eine der benachbarten Zellen kontaktieren“, schlug Lena vor, „nur, damit jemand nach ihr sieht.“</p>



<p>„Keine Angst“, fügte sie hinzu, als sie Geras Stirnrunzeln sah, „ich erzähle ihnen einfach, dass sie eine Verräterin und mit Eden im Bunde ist. Dann werden sie ihr nichts glauben, sie aber dennoch nicht verhungern und verdursten lassen.“</p>



<p>„Halten Sie mich für dämlich?“, fragte Gera, „wenn sie erzählt, dass ich durchgedreht bin und sie entführt habe, werden sie das für die weitaus glaubwürdigere Geschichte halten. Ich kenne meinen Ruf. Nein, ich bleibe dabei. Die Dame bleibt erst mal sich selbst überlassen. Wenn wir vom Treffen mit Carina zurück sind, zahle ich ihr gerne ein All-You-can-Drink.“</p>



<p>„Sie sind ein Ungeheuer“, sagte Bianca,</p>



<p>„Das bin ich wohl“, sagte Gera, „aber ich bin IHR Ungeheuer. Vergessen Sie das nicht.“</p>



<p>„Also gut“, sagte Jonathan mit einem letzten Blick zu der Gefangenen, deren Augen vor Hass sprühten, „dann lasst uns mal aufsteigen und schauen, wohin uns diese Dinger bringen.“</p>



<p>„Wohin wohl? Fliegen folgen immer der Scheiße“, sagte Gera, „aber keine Sorge: Mit Scheiße kenne ich mich bestens aus.“</p>



<p></p>
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		<title>Angstkreis Live in Leipzig bei der &#8222;Lesebühne Pinzette&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 17:00:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Frühling wird finster. Denn kaum da sich die zarten Pflänzchen aus dem Boden wagen, breiten Herr Angstkreis und weitere Autoren ihre Schatten </p>
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<p></p>



<p>Dieser Frühling wird finster. Denn kaum da sich die zarten Pflänzchen aus dem Boden wagen, breiten Herr Angstkreis und weitere Autoren ihre Schatten aus.</p>



<p>Am 21.03.2026 um 19 Uhr finden wir uns auf dem Südfriedhof Leipzig zu einer gruseligen Lesung ein. Veranstaltet von der „Lesebühne Pinzette“. Mit dabei sind außer mir: J..J. Raidark, Alla Leshenko, Thomas Karg, Mariann Gáborfi, Judith Poschke und Dr. Zargota als Moderator. Ich freue mich riesig über jeden, der vorbeikommen möchte. Der Eintritt ist frei.</p>



<p>Zum Instagram-Auftritt der Lesebühne geht es hier: <a href="https://www.instagram.com/lesebuehnepinzette/">https://www.instagram.com/lesebuehnepinzette/</a></p>



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		<title>Knochenwelt: Vorlieben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Jan 2026 19:20:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Knochenwald]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es war ein graues, unscheinbares, dreckiges Haus und damit eines von vielen in dieser grauen, unscheinbaren, dreckigen Stadt, die seit der Aneinanderreihung von </p>
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<p></p>



<p>Es war ein graues, unscheinbares, dreckiges Haus und damit eines von vielen in dieser grauen, unscheinbaren, dreckigen Stadt, die seit der Aneinanderreihung von Katastrophen der letzten Jahre noch viel grauer und dreckiger geworden war. Noch vor einigen Monaten hätte Gera das nicht mal zugegeben, wenn man ihm eine Waffe an eine der Schläfen seines Erdmännchenschädels gehalten hätte, aber eigentlich war sein Leben als Polizist früher recht entspannt gewesen. Nicht weil es nicht genug zu tun gegeben hätte – Bürokratie und Papierkram füllten zuverlässig jede Lücke, die die klassische Polizeiarbeit ließ –, aber eigentlich war Deutschland nie ein übles Pflaster gewesen. Niedrige Kriminalitätsraten, noch niedrigere Mordraten und ein vergleichsweise sicheres Leben, egal was die reißerischen Blätter, sensationslüsterne Talkshows, rechtsdrehende Polizeigewerkschaftler und auch er selbst oft behauptet hatten.</p>



<p>Die Zahl der Mordfälle, die er hatte bearbeiten müssen, war so gering gewesen, dass er manchmal nicht nur bildlich, sondern sogar wortwörtlich einen Freudentanz aufgeführt hatte, wenn er mal einen zugeteilt bekommen hatte. Gera war – gerade vor der Ausbreitung des Knochenwalds – kein großer Menschenfreund gewesen. Aber dennoch hatte er insgeheim stets gewusst, dass Menschen zwar oft dumm, ignorant, fehlerhaft, inkompetent, nachlässig und selbstverliebt waren, aber nicht im Kern grausam oder sadistisch. Eigentlich wollten die meisten nur ein gechilltes, geordnetes, stressfreies Leben in einem harmonischen Umfeld, für das sie sich auch einzusetzen bereit waren. Dass das nicht immer so harmonisch funktionierte, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass die größten Arschlöcher dort, wo man es nicht verhinderte, die Tendenz hatten, nach oben zu kommen. Dennoch waren sie nicht in der Überzahl gewesen. Gera und die anderen Polizisten waren eher wie Klempner gewesen, die ab und an ein paar Löcher stopfen mussten, damit alles so weiterlief wie gewohnt.</p>



<p>Inzwischen war es aber völlig anders. Jetzt wateten sie knietief in der Scheiße, schissen dabei selbst noch gehörig mit und die Psychopathen hatten endgültig die Herrschaft übernommen. Und weil das so war, kroch ihresgleichen – ob übernatürlich oder nicht – immer schneller aus seinen stinkenden Löchern.</p>



<p>Eines dieser Löcher war Rones Haus. In einer besseren Welt hätte er jetzt hier mit einem offiziellen Einsatzkommando gestanden und hätte das Rattenloch dieses dreckigen Bastards sturmreif geschossen. Doch stattdessen war er hier, um sich irgendein bescheuertes Angebot anzuhören. Wie auch immer das lauten sollte.</p>



<p>Gera steckte sich ein weiteres Zitronenbonbon in den Mund, das in seiner Tasche schon etwas feucht und klebrig geworden war, und suchte nach dem Klingelschild mit der Aufschrift „Maier“ – was für ein beschissen spießiger Nachname. Als er das Schild entdeckt hatte, wäre ihm das Bonbon fast wieder aus dem Mund gefallen. Das Klingelschild wurde von zwei stilisierten Knochenhänden eingefasst und von einem grinsenden Schädel geschmückt und Gera verwettete seine Rückenschmerzen darauf, dass es aus echtem Knochen bestand, selbst wenn es so stilvoll war wie der Ausschuss vom Halloween-Sortiment eines Ein-Euro-Ladens. Gera war trotzdem Polizist genug, um den Unterschied zu erkennen. Und er bezweifelte, dass es Rones Knochen waren, die dafür herhalten mussten.</p>



<p>Als er widerwillig die Klingel drückte und ihm statt eines gewöhnlichen Klingelgeräusches ein comichaftes Gelächter entgegenschallte, wuchs seine Wut auf den Pisser noch weiter. Psychopathen waren eine Sache, aber geschmacklose Psychopathen eine ganz andere. Und eine Kreuzung zwischen einem Influencer und einem geschmacklosen Psychopathen war eine der niedersten Existenzformen, die man sich vorstellen konnte. Gera war recht objektiv, was das betraf. Denn er hielt auch sich selbst für eine niedrige Existenzform. Aber ein Wurm brauchte den Abwärtsvergleich zu einer Amöbe nicht zu scheuen.</p>



<p>„Hey, Skelettexhibitionist. Ich bin es, Gera. Drücken Sie diese Scheißtür auf, stoppen Sie dieses blöde Gekicher und lassen Sie mich rein“, rotzte Gera ungeduldig in die Gegensprechanlage.</p>



<p>Rone antwortete nicht, aber er gehorchte. Und das war eine Eigenschaft, die Gera besonders an seinen Mitmenschen schätzte.</p>



<p>Gera drückte die Tür auf und betrat einen düsteren, nach ödem Essen, kaltem Rauch und latentem Schimmel müffelnden Hausflur. Es war arschdunkel, da die automatische Beleuchtung zwar funktionierte, aber mit einer viel zu schwachen Lichtquelle ausgestattet worden war. Ein leicht verbogenes Fahrrad und ein Kinderwagen wiesen darauf hin, dass Rone nicht der einzige Bewohner dieser Bruchbude war. Aber die Atmosphäre, die in dem Hausflur herrschte, machte eher den Eindruck, als würden sich die restlichen Mieter nicht gerade heimisch fühlen, sondern sich hier drin nur vor der Welt und vielleicht auch vor Rone verstecken, wie verängstigtes Wild Es gab keine Fußmatten mit kitschigen Sprüchen, keine Dekoration, nicht einmal Schuhe standen draußen. Wer immer hier wohnte, wollte eindeutig nichts mit dem Rest des Hauses zu tun haben. Gera konnte es ihnen nicht verübeln.</p>



<p>Aber er war ja auch nicht hier, um die Immobilie zu bewerten. Was ihn interessierte, war eher der Schädlingsbefall, den es hier gab. Rone wohnte ganz oben, wenn man nach der Position des Klingelschildes ging. Natürlich, wo sonst?</p>



<p>Gera begann den Aufstieg und spürte ironischerweise seine eigenen Knochen, zuvorderst seine Knie und den Rücken. Er war immer noch recht fit, aber das Alter saugte ihn trotzdem aus wie ein Glasbeerenstrauch. Ewig würde er diesen Beruf nicht mehr ausüben können. Zumindest, wenn er sich nicht darauf beschränken konnte, Befehle von seinem Schreibtisch zu brüllen und ansonsten die Hände in den Schoß zu legen. Der erste Teil dieser Vorstellung war durchaus attraktiv, der zweite eher nicht. Gera war ein Mann der Tat. Außerdem hatte er nicht viel Hoffnung auf eine Pension unter der CfD-Regierung. Deren Angebote für den Ruhestand waren Selbstmord, Kriminalität, Prostitution und Organhandel. Diese Wahl würde auch er treffen müssen, wenn sich nicht bald etwas änderte. Gera war nicht reich. Er war kein Parteimitglied und verdiente schon allein deshalb nur halb so viel wie seine Kollegen, und große Ersparnisse hatte er auch nicht.</p>



<p>Stopp! Sagte Gera, als er begriff, dass diese Gedankenspirale ihn noch weniger weiterbringen würde als diese endlosen Treppenstufen. Außerdem war er keine Heulsuse. Dass er das Mitleid für sich entdeckt hatte, war okay, aber Selbstmitleid war etwas für Schwächlinge und mannasüchtige Akademiker.</p>



<p>Endlich hatte er die oberste Etage erreicht. „Hallo Herr Kommissar“, begrüßte ihn eine Stimme aus dem Halbdunkel, da das Licht in dieser Etage ganz ausgefallen war.</p>



<p>Es war eine weibliche Stimme, die sprach.</p>



<p>„Tut mir leid, gnädige Frau“, sagte Gera überrumpelt, „ich wollte eigentlich zu …“</p>



<p>„Rone the Bone“, sagte die Frau und trat ein Stück vor, sodass das funzelige, vom Treppenhaus heraufstrahlende Licht ihren Körper enthüllte.</p>



<p>Die Frau mochte Mitte dreißig sein, war aber ausgemergelt wie ein Skelett. Ihr blondes Haar war dünn und trocken, ihre Beine schauten wie Storchenstelzen aus ihren kurzen Hosen hervor und das Einzige, was sich unter ihrem schmutzigen, weißen Shirt abzeichnete, war ihr Brustkorb. Ihre Haut wiederum war wächsern, blass und krank und ihr zerfurchtes, müdes Gesicht erinnerte ihn an Schockbilder von Meth-Konsumenten.</p>



<p>Entfleischt immerhin war sie nicht. Auch wenn ihre Knochen fast überall zu erahnen waren, waren sie immer noch gänzlich von Fleisch, oder eher Haut, bedeckt.</p>



<p>„Rone ist gerade noch in der Küche“, sagte sie freundlich und streckte ihre dürre Hand aus. „Ich bin seine Freundin, Risa.“</p>



<p>„Angenehm“, log Gera und berührte ihre Knochengriffel eher flüchtig. Schon dieser flüchtige Kontakt ließ Gera erschauern. Es war wie die Berührung des Grabes. Gerade weil er nichts Übernatürliches an der Frau fühlte. Nur ganz gewöhnliche Sterblichkeit und Vernachlässigung.</p>



<p>„Hoffentlich doch, um ihnen was zu essen zu machen“, entfuhr es Gera. Nun, eigentlich war es kein Versehen, sondern eher seine gewöhnlichen Umgangsformen.</p>



<p>Risa lachte ein trockenes Lachen, das noch gruseliger war als das aus der Klingel am Hauseingang.</p>



<p>„Nein, eigentlich macht er ihnen etwas zu essen“, antwortete Risa, „ich bin nicht magersüchtig, Herr Kommissar, um das klarzustellen. Ich mag Essen sehr. Aber den Knochen bewundere ich noch mehr. Und da Rone es mir noch nicht erlaubt, meinen freizulegen, tue ich mein Bestes, um ihn trotzdem zur Geltung zu bringen. Ganz freiwillig.“</p>



<p>Freiwillig, klar, dachte Gera. So freiwillig wie ein Junkie etwas von einem Drogendealer kauft.</p>



<p>„Schon amüsant, dass er ihnen das verbietet, aber tausende junge Leute im ganzen Land dazu ermutigt, sich zu verstümmeln“, bemerkt Gera.</p>



<p>„Oh, was andere tun, liegt nicht in der Verantwortung von Rone“, behauptete Risa.</p>



<p>Dann steckte Rone seinen grinsenden Kopf durch die Tür und schaltete dabei das Licht an. So konnte Gera sehen, dass der Bonefluencer eine Schürze mit der prahlerischen Aufschrift „Talentiert bis ins Mark“ über einem weiten, langärmligen, weißen Gewand trug.</p>



<p>„Risa hat recht. Ich habe immer einen Disclaimer in der Beschreibung meiner Videos, Herr Kommissar“, behauptete Rone, „und ich weise stets darauf hin, dass es gefährlich ist, sich zu entfleischen, solange die Macht des Knochenwaldes schwach ist.“</p>



<p>„Was für ein Schwachsinn“, antwortete Gera, „halten Sie mich für dumm? Ich mag nicht der Jüngste sein, aber ich weiß durchaus, wie man YouTube bedient. Und ich weiß, dass Sie sich Ihren Disclaimer in die eitrige Stirnhöhle stecken können, wenn der Rest ihrer Videos aus blutigen Bastelanleitungen besteht.“</p>



<p>„Die Anleitungen sind nicht für jetzt gedacht, sondern für den Tag X. Wenn der Knochenwald wieder an Macht gewinnt und solche Handlungen nicht mehr tödlich sind. Das sind Feinheiten, die man als Außenstehender nicht direkt versteht. Ein echter Bonie weiß aber, wie ich das meine. Doch lassen Sie uns das hier nicht auf der Türschwelle diskutieren. Kommen Sie ruhig rein. Ich habe Zitronenkuchen gebacken. Den mögen sie doch bestimmt, oder?“</p>



<p>Das stimmte natürlich. Aber Gera war auch übel. Und das hatte nichts mit dem Kuchen zu tun.</p>



<p>Trotzdem folgte er der Aufforderung.</p>



<p>~o~</p>



<p>Gera trat durch die Tür in den Flur. Entgegen seiner Erwartungen war es keine überfüllte Messybude und auch nicht das dreckige Loch eines Psychopathen. Es gab hier und da Knochenkitsch – Bilderrahmen aus Knochen, Deckchen in Schädelform, Kerzen in Gestalt von Skelett-Händen –, im Großen und Ganzen war Rones Wohnung aber aufgeräumt, gut geputzt und geradezu minimalistisch. Stilvolle, zweckmäßige Möbel mit viel Raum dazwischen. Das einzige Auffällige war, dass alle Möbel, Teppiche und Dekorationsobjekte entweder weiß oder schwarz waren. Was er aber nicht entdeckte, waren Spuren von Blut oder Fleisch. Das war gut. Andernfalls hätte Gera seinen Polizistenreflexen einfach nachgeben und dem Mann die Scheiße aus dem lächelnden Gesicht prügeln müssen.</p>



<p>Rone, der das Tablett mit dem Kuchen und dem Geschirr so elegant trug wie ein alter Gastronomieveteran, und die dürre Risa begleiteten ihn zu einer Sitzgruppe mit einem schwarzen Tisch und vier gepolsterten Stühlen, von denen jeweils zwei in Schwarz und zwei in Weiß gehalten waren.</p>



<p>Die Stühle sahen alle recht bequem aus. Gera hatte dennoch gewisse Vorbehalte wegen der in ihnen verbauten Materialien. Gerade bei den Weißen Deswegen wählte er einen schwarzen Stuhl, in der Hoffnung, dass er nicht einfach nur lackiert worden war.</p>



<p>Als er sich setzte und der Stuhl unter ihm leicht knarzte, strich Gera beiläufig über die Lehne und war sich zumindest sicher, weder Holz noch Metall zu spüren. Entweder ein bestimmter Kunststoff oder … nein, er wollte es nicht zu genau wissen. Stattdessen widmete er sich dem sandgelben Kuchen, der zahlreiche glänzend gelbe Überraschungen in seiner Glasur verbarg. Zitronenbonbons. Sofort lief Gera das Wasser im Mund zusammen.</p>



<p>„Woher wissen Sie von meinen Vorlieben?“, fragte Gera trocken.</p>



<p>„Ich schätze, Sie meinen den Zitronenkuchen“, antwortete Rone freundlich, „eine frische weibliche Leiche konnte ich Ihnen leider nicht präsentieren. Ich hänge zu sehr an Risa und außerdem habe ich gerade die Polizei im Haus.“</p>



<p>Ein verschwörerisches Zwinkern nahm Rones Aussage jeden winzigen Rest an Zweideutigkeit.</p>



<p>Gera spürte, wie er erbleichte. „Ich weiß nicht, wovon sie reden“, behauptete er. Aber er war sich darüber im Klaren, dass seine nonverbalen Signale ihn längst verraten hatten. Das Zögern vor seiner Antwort. Das Verziehen der Augenbrauen. Das Weiten der Pupillen. Gera schätzte, dass Rone nicht die Art Mensch war, der so etwas entging.</p>



<p>„Oh doch, das wissen sie“, sagte Rone bestimmt, „und ich weiß es auch. Ich weiß, dass Ihr Hunger drei Arten von Lustobjekten gilt. Zitronensüßspeisen, wohlgeformtem toten Fleisch und Gerechtigkeit. Zwei dieser Begierden vermag ich zu stillen.“</p>



<p>Nun wurde Gera eiskalt. Hatte dieser Mann ihn bespitzelt oder hatte er Freunde, die dies taten? Er konnte sich das nicht vorstellen. Gera war vorsichtig gewesen. Vorsichtig genug, um bislang eine faschistische Polizeibehörde zu täuschen, die zwar größtenteils inkompetent, aber auch sehr argwöhnisch war. Er hätte es bemerkt, wenn man ihn bespitzelt hätte. Aber andererseits konnte Rone auch nicht einfach nur geraten haben. Dafür waren seine Vermutungen zu spezifisch.</p>



<p>„Woher glauben Sie, das zu wissen?“, fragte Gera lauernd und legte die Hand auf die Waffe in seiner Tasche.</p>



<p>„Ich bin ein Weiser des Gebeins“, sagte Rone, „und ich habe mir gewisse … Talente erschlossen. Die Knochen erlauben es mir, Orte zu erforschen und Personen geisterhaft beizuwohnen, die nichts von meiner Anwesenheit bemerken. Eine seltene Fähigkeit, selbst für einen Weisen, wie ich nicht ohne Stolz eingestehen muss.“</p>



<p>„Die Magie der Weisen funktioniert nicht in dieser Welt“, sagte Gera, was zumindest ungefähr mit seinem Wissensstand übereinstimmte, auch wenn es letztlich mehr Theorien als wasserdichte Fakten waren.</p>



<p>„Bei mir schon“, sagte Rone. Schob sein Gewand am Brustausschnitt etwas nach unten und offenbarte eine flache, kreisrunde Erhebung unter seiner Haut, „ich habe ein Artefakt geborgen. Aus dem Nachlass von Devon, bevor sich die Magie des Waldes nach ihrem heldenhaften Kampf gegen Devon ein wenig aus dieser Welt zurückgezogen hat. Es besitzt einen Teil der ursprünglichen Kraft. Nicht genügend für diese Welt, nicht einmal genug für die arme Risa. Aber genug für mich. Das ist der Grund, warum ich nicht vergehe und vollkommen handlungsfähig bin. Trotz dieser hier.“</p>



<p>Rone krempelte die Ärmel seiner Kleidung hoch und offenbarte zwei vollkommen entfleischte Arme, die zwischen Handgelenk und Schulter kein Gewebe mehr enthielten. Offenbar hatte der Junge nach dem Clip, den Gera von ihm gesehen hatte, noch eine Schippe draufgelegt.</p>



<p>„Danke für die Information. Nun weiß ich ja, wo ich schneiden kann, wenn ich sie zerbröckeln lassen will“, drohte Gera und grinste dabei böse.</p>



<p>„Wenn sie auch nur versuchen, Rone anzurühren, werde ich …“, drohte Risa.</p>



<p>„Was denn?“, fragte Gera und funkelte Rones Freundin kampflustig an, „mich mit ihren Streichholzärmchen totstreicheln?“</p>



<p>„So eine Unverschämtheit“, schäumte Risa, „das ist unser Haus und Sie werden sich benehmen, sonst …“</p>



<p>„Beruhigen wir uns doch alle wieder“, sagte Rone, „dies ist kein Ort für Drohungen.“</p>



<p>„Guter Witz“, sagte Gera, „sie drohen mir doch gerade. Warum sonst sollten sie sich mit ihren angeblichen Erkenntnissen konfrontieren?“</p>



<p>„Es ist keine Drohung. Eher eine Rückversicherung zu meinem eigenen Schutz“, sagte Rone, „es soll nur verhindern, dass sie versuchen, mich der Strafverfolgung auszusetzen. Wenn sie das nämlich tun, könnte das zu gewissen Indiskretionen meinerseits führen.“</p>



<p>„Sparen Sie sich ihre rhetorischen Tricks. Ich habe jahrelang Verdächtige verhört, die weit besser labern konnten als Sie. Und die meisten sind am Ende doch im Knast gelandet“, antwortete Gera kühl. „Was sie hier abziehen, ist eine Erpressung“, stellte Gera klar, „oder es soll zumindest eine sein. Aber so druckvoll, wie sie glauben, sind Ihre Druckmittel vielleicht gar nicht. Wenn sie so ein talentierter Geistervoyeur sind, wissen sie sicher, dass die CfD-Behörden Moral noch geringer schätzen als Bildung. Es wird ihnen also vollkommen egal sein, wie oder was ich ficke. Vielleicht werde ich ja sogar befördert, wer weiß.“</p>



<p>„Was die Moral von Eden und seinen Leuten betrifft, stimme ich Ihnen hundertprozentig zu“, antwortete Rone, „würden Sie irgendwelche Leichen beglücken, würde es ihnen sicher vollkommen egal sein. Aber es sind Parteileute. Ausschließlich Parteileute. Das könnte dem ein oder anderen doch ein wenig sauer aufstoßen.“</p>



<p>Der letzte Teil von Rones Satz war umso passender, da Gera sich durch die versuchte Erpressung nicht davon hatte abhalten lassen, sich ein Stück von dem Zitronenbonbon-Kuchen zu gönnen. Nun aber blieb ihm das verdammt saure und verdammt schmackhafte Kuchenstück wortwörtlich im Hals stecken. Hustend schluckte er es herunter und schaffte es irgendwie, das meiste davon in seine Speiseröhre zu befördern, statt in seine Lunge. Verärgert über die Blöße, die er sich damit gegeben hatte, war er dennoch. Denn leider hatte Rone recht. Er hatte damit durchaus ein Druckmittel. Eppenheimer würde ihn persönlich auf seinem überteuerten High-Tech-Grill brutzeln, wenn er rausbekäme, was in der Leichenhalle geschehen war, und den armen Barnett gleich mit. Gerade das gefiel ihm noch weniger. Denn damit stand durch seine Entscheidungen mehr auf dem Spiel als sein eigener haariger Arsch.</p>



<p>„Also gut“, sagte Gera, „Sie haben mich anscheinend am Sack, Bübchen. Aber glauben Sie nicht, dass Sie das endlos strapazieren können. Ich bin durchaus der Typ Mann, der lieber mit einer großen Show untergeht, bevor er zum Bettvorleger verkommt. Wenn sie einen korrupten Cop suchen, der Ihre Teenie-Verstümmelungsorgien deckt, haben sie sich tiefer geschnitten, als Sie glauben.“</p>



<p>„Das würde ich nicht von ihnen verlangen, Herr Gera“, beruhigte ihn Rone, „und ich plane auch nicht, persönlich Hand an irgendwelche Heranwachsenden zu legen. Ich brauche lediglich ihre Hilfe, um Eden zu Fall zu bringen.“</p>



<p>„Eden? Warum sollte der Sie kümmern? Sein Regime bietet doch den besten Nährboden für Leute wie Sie?“, fragte Gera.</p>



<p>„Wir verachten ihn und sein Regime“, mischte sich Risa mit überraschendem Furor ein, „Edens Terrorherrschaft hat meine Eltern ihr Leben gekostet und Rones Eltern auch.“</p>



<p>„Das ist wahr“, bestätigte Rone, „Risas Vater hat sich das Leben genommen, nachdem er durch Edens Arbeitsmarktpolitik obdachlos geworden war. Sein Betrieb war geschlossen worden, weil man dessen Besitzer eine Nähe zum Widerstand nachgesagt hat. Diese Kontaktschuld hat ihm sämtliche Jobaussichten genommen und einen Sozialstaat gibt es ja nicht mehr. Und ihre Mutter … nun, sie starb durch die Hand eines CfD-Freiers. Was mich betrifft. Meine Eltern waren auf einer Demonstration. Sie waren nicht gerade militant, haben nur Transparente hochgehalten, aber das hat ihre Kollegen nicht davon abgehalten, sie totzutreten. Sie sehen also: Wir verabscheuen diesen Mann zutiefst.“</p>



<p>Gera panzerte sein Herz gegen mögliches Mitleid mit diesem Spinner, auch wenn es ihn schmerzte, mit solchen Prügelknechten wie den Mördern von Rones Eltern in einen Topf geworfen zu werden.</p>



<p>„Sehr rührend“, sagte er kühl, „jeder schätzt eine gute Backstory für seine Bösewichte. Und so ein paar Tränchen sind immer noch der beste Freifahrtschein für den eigenen Egotrip. Aber kommen wir zum Punkt: Was wollen sie gegen Eden unternehmen? Und wo komme ich da ins Spiel?“</p>



<p>„Ich werde gar nichts unternehmen“, sagte Rone, „zumindest nicht direkt. Ich weiß, dass Sie in Kontakt mit dem Widerstand, mit diesen Geistermenschen, stehen. Die und ihre anderen Freunde sind sicher besser dazu geeignet, Eden auszuschalten, als ich. Ich bin ein Visionär, kein Kämpfer. Was ich aber für sie tun kann, ist, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich habe viele Fans, wie Sie wahrscheinlich wissen. Wenn ich sie alle zu einem Fantreffen und einer kleinen Entfleischungsdemonstration einlade, sollten das selbst Edens Behörden nicht ignorieren können. Das wird Kräfte binden und es ihnen leichter machen, zu Eden vorzudringen.“</p>



<p>„Sie wollen ihre Fans als Köder und Schutzschild benutzen?“, fragte Gera ungläubig.</p>



<p>„Ihnen wird nichts geschehen. Ich werde die zeremonielle Entfleischung nur ankündigen, aber nicht wirklich durchführen“, versicherte Rone.</p>



<p>„Und das soll ich ihnen glauben, ernsthaft?“, fragte Gera.</p>



<p>„Das müssen Sie wohl“, erwiderte Rone, „aber Sie können es auch. Meine Bonies verehren mich. Und zu solch einer Versammlung würden auch kaum Poser oder Neugierige kommen, sondern nur meine allertreuesten Anhänger. Wenn ich ihnen Zurückhaltung abverlange, werden sie gehorchen.“</p>



<p>„Scheiße“, zischte Gera, als ihm bewusst wurde, dass das tatsächlich ihre beste Chance war, Eden zu Fall zu bringen. Und nicht nur das: Wenn Rone vom Widerstand wusste, hatte er mehr Druckmittel in seinen dürren Händen als nur Geras Nekrophilie. Trotzdem widerstrebte es ihm zutiefst, das Schicksal dieser jungen und verzweifelten Leute von jemandem wie Rone abhängig zu machen. Doch das Leben war kein Wunschkonzert. Es war gerade eher ein nerviges Schlagerfest mit Neonazitexten. Und wenn sich schon Bianca nicht zu schade gewesen war, zur Knochenhure zu werden, warum sollte er es ihr nicht auf seine Weise gleichtun?</p>



<p>„Gut, Jüngchen“, sagte Gera entschlossen und reckte dabei herausfordernd sein fliehendes Kinn nach vorn, „aber eines sollten Sie besser nicht vergessen: Was immer unsere Abmachung ist, sobald es wieder so etwas wie Gerechtigkeit in diesem Land gibt, werde ich dafür sorgen, dass sie Sie in den knochigen Arsch fickt. Ganz egal, ob es mich selbst in den Knast bringt. Und sollte bei ihrer Veranstaltung auch nur ein einziger Mensch sterben oder verstümmelt werden, der nicht zu Edens Schergen gehört, werde ich Ihnen jeden einzelnen Knochen im Leib brechen. Darauf können Sie Ihr wackeliges Gerippe verwetten. Ich habe mit Anita Rosberg geredet. Ich habe sie gesehen, eine Ihrer teuren Bonies, die sie fast in den Selbstmord getrieben haben. So etwas vergesse ich nicht. Deshalb steht für mich fest: Sobald unser kleiner Plan durchgezogen und Eden unter der Erde ist, sind wir wieder Feinde. „Nur ob ich sie dann als Verdächtigen oder als Ungeziefer jage, das liegt an Ihnen.“</p>



<p>„Harte Worte“, sagte Rone, „aber als Verehrer eines harten Materials weiß ich gerade diese Sorte zu schätzen. Allerdings sollten Sie Ihre Haltung vielleicht noch einmal überdenken. Ich bin nicht so ein Monster, wie Sie glauben. Ich habe Fehler gemacht, ja. Und ich werde künftig besser darauf achten, meinen Followern klarzumachen, dass noch nicht die rechte Zeit zur Entfleischung ist. Ich bin kein Extremist. Ich will kein willenloses Buckeln und Gehorchen von fleischlosen Skeletten, die vor mir knien. Das wollte ich vielleicht zu Anfang, aber inzwischen habe ich erkannt, dass der Knochen das Potenzial zu wahrer Freiheit bietet. Die Weisen in der anderen Welt sind auf einem Holzweg, den ich nicht beschreiten möchte. Ich will die Kraft des Knochenwalds dafür verwenden, den Menschen zu helfen. Das Beste aus unserer und jener Welt zu vereinen. Die Freuden des Fleisches und die Macht der Knochen. Eine Utopie ermächtigter Weiser mit menschlichen Herzen. Das ist mein Ziel. Und ich habe immer Platz für nützliche Verbündete bei meiner Mission. Doch so sehr ich diese Harmonie auch anstrebe: Meine Feinde pflege ich nicht mit Gnade zu behandeln.“</p>



<p>„Dasselbe gilt für mich. Aber wer vergeblich um Gnade winseln wird, sehen wir dann, nicht wahr?“, antwortete Gera, „reden Sie sich bis dahin ruhig ein, dass Sie der Gute sind, wenn Sie dann besser schlafen können, und träumen Sie Ihre kranken Utopien. Aber ich kann gerne darauf verzichten. Wir haben alles Wichtige besprochen. Ich würde jetzt gehen und meine Verbündeten informieren.“</p>



<p>„Tun sie das“, sagte Rone, „aber nehmen sie ruhig ihren Kuchen mit. Mir schmeckt er ohnehin nicht besonders. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er überhaupt jemandem schmeckt, außer ihnen.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Gera hatte den Kuchen tatsächlich eingepackt. Kurz hatte er darüber nachgedacht, ihn abzulehnen. Nicht etwa aus Selbstachtung oder wegen des verachtenswerten Bäckers, sondern weil er Zutaten wie MannaRed, Knochenpulver oder irgendein Gift befürchtete. Allerdings waren das Überlegungen, die er besser hätte anstellen sollen, bevor er sich zwei ganze Stücke von dem Zeug in den Wanst gestopft hatte. Insofern wäre es albern, den Kuchen verkommen zu lassen. Wenn er diesen zitronigen Trostpreis verschmähte, hätte das einen ohnehin schon miserablen Deal noch viel miserabler gemacht.</p>



<p>Falls er starb, würde er das schon noch früh genug merken und wenn es nur etwas Ekliges war … nun Gera hatte sich in seinem Leben schon eine Menge Ekelhaftes in den Mund gesteckt. Aktuell schien die Übelkeit, die in seinem Magen rumorte, auch eher moralische als kulinarische oder medizinische Gründe zu haben. Dieser Deal war Pferdescheiße. Von einer so schlechten Sorte, dass sie nicht einmal seinem alten, rücksichtsloseren Ich geschmeckt hätte. Aber da er daran momentan nichts ändern konnte, tat er das, was er am besten konnte: Er schaute nach vorne.</p>



<p>Er ging die Straße hinunter, stieg in sein Auto, holte den Kommunikator in seiner Tasche hervor und tippte eine Nachricht an Bianca. Den Gedanken, dass das Ding komprimiert war und Rone wahrscheinlich jedes Wort mitlas, verdrängte er. Bei seinem Smartphone würde dafür Edens Geheimdienst jedes Wort mitlesen, was nicht wirklich besser war. Er hielt die Nachricht aber möglichst knapp.</p>



<p>„Hey, Zungenlady. Seid ihr schon in der Spukhöhle?“, schrieb er kryptisch. Sie mochte den Spitznamen nicht. Aber besser, er hielt Namen da raus. Außerdem konnte er sich die zusätzliche Nachricht an die Geistermenschen sparen, falls sie bejahte.</p>



<p>„Das sind wir, alter Leichensack. Was gibt es?“, schrieb sie schon nach wenigen Minuten, ähnlich charmant zurück.</p>



<p>Gera entwich ein Grinsen. Er ließ sich nicht durch Beleidigungen verletzen. Erst recht nicht durch Menschen, die er insgeheim mochte.</p>



<p>„Ich habe Neuigkeiten, die wir besser privat bequatschen“, schrieb er, „räumt mir schon mal einen Platz an eurem Séance-Tisch frei und stellt &#8217;ne Limo kalt. Ich bringe auch Kuchen mit.“</p>



<p></p>
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		<title>Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 3</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Fortgeschritten]]></category>
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<p></p>



<p>Zu den gruseligsten Vorstellungen meiner Kindheit und frühen Jugend gehörte es, zu einer Marionette zu werden. Selbst Pinocchio war in dieser Zeit wie eine Art Horrorfilm für mich gewesen. Und obwohl ich in meiner Existenz als Fortgeschrittener schon oft in der Situation gewesen war, keine wirkliche Kontrolle über meinen Körper oder meine Gedanken zu haben, ist das hier anders. Es ist keine übernatürliche, sanfte Hypnose, kein Sirenengesang und kein mächtiger Wille, der mein Bewusstsein beiseitedrückt und mir zumindest erlaubt, mich dem Fatalismus hinzugeben. Ich bleibe vollständig in meinem Körper präsent. Ich fühle ihn, bewohne ihn und kann ihn theoretisch bewegen. Aber immer wenn ich das tatsächlich versuche, fährt ein radikaler Impuls in mich hinein, der meine Muskeln lähmt oder umlenkt. Grob, brutal, ohne jede Finesse und dennoch erschreckend effektiv.</p>



<p>„Du kannst mich jetzt freigeben, Krimara“, will ich zu meiner Kerkermeisterin sagen, „wir sind weit genug von deinen Leuten weg. Du musst die Tarnung nicht mehr aufrechterhalten.“</p>



<p>Doch dieser Gedanke kommt eher als „… eigeben … mara … weg …“ aus meinem fremdbestimmten Mund gestolpert.</p>



<p>Krimara scheint mich dennoch zu verstehen. Doch ob das ein Grund zur Freude ist, bleibt abzuwarten.</p>



<p>„Schweig, Diener!“, sagt die Luth Nomorerin gebieterisch, „mein Kopf brummt … ich kann dein Geschnatter gerade nicht ertragen. Ich bin jetzt … eine Hochnatorin. Eine Wanderin der anderen Seite. Darüber muss ich erst einmal reflektieren.“</p>



<p>„Hey, so hatten wir nicht gewettet“, entfährt es mir und diesmal kommen meine Worte sogar halbwegs verständlich heraus, „ich bin nicht dein Sklave. Wir sind Verbündete! Und diese ganze Hochnatoren-Show wolltest du allein für unsere Mission durchziehen. Ich hab schon genug widerlichen Scheiß für dich gemacht. Ekliger als so ziemlich alles, was ich je tun musste. Und nun ist es an der Zeit, dass wir &#8230;“</p>



<p>„Sei endlich still!“, tadelt mich Krimara erneut und diesmal um einiges schärfer und autoritärer als zuvor. Dabei schneidet sie mir nicht einfach nur das Wort ab. Ich spüre vielmehr, wie sich meine Kehle wie von selbst zudrückt. Millimeter für Millimeter. Für einen schrecklichen Augenblick bin ich sicher, zu ersticken. Dann lässt der Druck auf meine Luftröhre endlich wieder nach. Was bleibt, ist das Wissen, dass Krimara meinen Körper besser kontrollieren kann als ich es je vermochte.</p>



<p>„Ich …“, sagt Krimara verwirrt und etwas in ihrem Ausdruck ändert sich. Ob zum guten oder schlechten kann ich nicht sagen. Jedenfalls blickt sie mich für einen Moment sehr ratlos an, „… ich brauche Ruhe. Ja … ich muss einfach etwas allein sein! Ganz allein!“</p>



<p>Krimara sieht sich ein letztes Mal um, sieht auch zu der Fabrik, die nur noch ein ferner Fleck am Horizont ist und zuletzt zu mir. Die Augen erfüllt von Wut, Verwirrung, Arroganz, und Ratlosigkeit. Dann rennt sie einfach davon, als wären Dämonen hinter ihr her.</p>



<p>„Hey!“, will ich sagen, doch mein Mund ist gelähmt. Genau wie mein restlicher Körper, außer meiner Atmung, meinem Herzschlag und meiner Augenmuskulatur. Offenbar ein Abschiedsgeschenk von meiner ach so wertvollen Verbündeten.</p>



<p>Ich hasse diese Welt, denke ich, während ich hilflos dabei zusehe, wie Krimara hinter den Grabsteinen verschwindet. Jetzt stehe ich hier wie eine beschissene Statue, geformt aus totem und lebenden Fleisch. Auf gewisse Weise bin ich schon wieder lebendig begraben und bin jeder Bedrohung, die Luth Nomor mir zu bieten hat, hilflos ausgeliefert. Seien es Endoren, Zjuschiqwa, Hochnatoren oder Kreaturen und Gefahren, die ich mir nicht mal ausmalen kann. Ob Krimara je zurückkehren wird? Hat sie vielleicht doch einen größeren Teil ihrer Seele eingebüßt, als sie dachte, und ist jetzt mehr oder weniger auf Linie mit den wahnsinnigen Nekrokraten, die ihr Volk regieren? In diesem Fall kann ich wohl nur darauf hoffen, dass mich irgendetwas mit scharfen Zähnen lebendig auffrisst, bevor sie und ihre Kultistenkollegen zurückkehren, denke ich sarkastisch.</p>



<p>Doch mein Zynismus ist kein sehr guter Schutz gegen die Angst, die mich befällt. Immer wieder scannen meine Augen mein beschränktes Sichtfeld ab und registrieren jede noch so winzige Bewegung darin. Jedes vom Wind vorangetriebene Blatt, jedes Zittern von Ästen. Und all das verwandelt sich mehr und mehr in latente, geisterhafte Bedrohungen. Selbst ein Kind unter seiner Bettdecke ist besser geschützt als ich, denke ich und fühle mich so vollkommen hilflos. So hilflos und allein, dass ich mir verzweifelt eine andere Welt herbeisehne. Und irgendwie, auf Wegen, die ich immer noch nicht recht begreife, findet mich eine solche Welt. Eng, warm und noch übelriechender als die tote Haut, unter der ich mich verberge.</p>



<p>~o~</p>



<p>Atemlos hält Andy an. Die Flucht vor dem laufenden Geschwür hat ihn an seine körperlichen Grenzen gebracht. Zweimal hatte er sich dem Ding zum Kampf stellen müssen, weil es ihn eingeholt hatte. Beide Male hatte er gesiegt. Er hatte es übel zugerichtet, zerschnitten und viele seiner Fäden abgetrennt. Aber hatte es nicht töten können. Nicht hier, an diesem Ort, wo der Tod keine Macht besitzt. Aber anders als so manch anderes Lebewesen in dieser elenden Welt hat sich dieses Monster immer wieder geheilt, während Andy immer schwächer und erschöpfter geworden war. Inzwischen ist er so müde und außer Atem, dass er sich einem dritten Kampf nicht würde stellen können. Das weiß er ganz genau. Das Ding würde ihn wahrscheinlich schlicht auseinanderreißen.</p>



<p>Aber das Geschwür ist seit ihrem zweiten Aufeinandertreffen nicht mehr aufgetaucht. Schon seit etwa einer Stunde nicht mehr. Entweder es lauert auf seine Chance oder Any hat wirklich etwas mit dieser fieberhaften Hetzjagd zu tun gehabt. Jedenfalls behauptet die Pyramide in seinen Klauen, dass Andy endlich an seinem Ziel angekommen ist. Zunächst will er nicht so recht daran glauben, immerhin sieht dieser Gang hier so aus wie jeder andere. Aber gerade als er sich schon fragt, ob er doch noch etwas weitergehen soll, hört er Schritte.</p>



<p>Und auch Stimmen. Sie kommen von rechts. Direkt von der Kreuzung, die sich vor ihm auftut. Hektisch sucht Andy nach einem Versteck und findet es in einer flachen Vertiefung an der rechten Wand. Direkt hinter einer großen, wabbeligen, grünen und von dicken Adern durchzogenen Keimdrüse, die leise in einer Art matschigem Herzschlag pulsiert.</p>



<p>„Wir können und dürfen nicht aufgeben. Was haben wir denn zu verlieren? Mit dem Tod können sie uns nicht drohen“, hört Andy eine weibliche Stimme sagen. Der hysterische Trotz in ihren Worten passt gut zu ihrem Äußeren, das Andy selbst hinter der übelriechenden Drüse recht gut erkennen kann. Sie war sicher einst jung und gutaussehend gewesen, aber das muss lange her sein.</p>



<p>Inzwischen hätte sie in einem Schönheitswettbewerb wahrscheinlich sogar ernsthafte Schwierigkeiten, sich gegen Andy durchzusetzen. Dort, wo ihr blasser Körper nicht von schmutzigen Lumpen bedeckt ist, haben unansehnliche Geschwüre die Herrschaft übernommen. Sie bedecken einen Großteil ihres Gesichtes, sodass nur dünne, brüchige Lippen, ein zugeschwollenes Auge und ein paar strähnige Haare aus der eitrigen Katastrophe eines Kopfes herausragen. Aber sie sitzen auch wie glänzende, gelbe Edelsteine auf ihren Schultern, verunstalten ihre eigentlich spindeldürren Beine und bilden eine regelrechte Kolonie dort, wo wahrscheinlich einmal ihre Brüste gewesen waren.</p>



<p>Andy kann sich nicht einmal vorstellen, wie grauenhaft ihre Existenz sein mochte, und zum ersten Mal seit langer Zeit hat er das Gefühl, dass sein eigenes Los vielleicht nicht das schlimmstmögliche im Multiversum ist. Einen Vorteil zumindest besitzt die Frau aber ihm gegenüber: Direkt an ihrem von Geschwüren übersäten, rechten Arm befand sich eine schwarze Waffe mit kreisrunder Öffnung. Ein Schattenstrahler, wie Andy anhand der Berichte von Adrian erkennt. Waffen, die nicht immer, aber oft von einem Kwang Grong bewohnt werden. Das würde auch erklären, warum die Frau trotz ihres erbärmlichen Zustandes noch so voller Kampfgeist zu sein scheint.</p>



<p>„Nein, nicht mit dem Tod. Aber mit den Verwahrern, Dyvanna“, erwidert eine männliche Stimme. Sie gehört einem älteren Mann, dessen Körper so vollständig mit dickem Schorf und knotigem Narbengewebe verunstaltet ist, dass man ihn auf den ersten Blick auch für einen Golem oder eine andere künstlich geschaffene Kreatur halten kann. Wahrscheinlich, so denkt Andy, handelt es sich aber ebenfalls um einen Bravianer. Vielleicht auch um einen Deovani oder einen Menschen. Es ist aber unmöglich, das mit Sicherheit zu sagen. Auch der Mann ist bewaffnet, jedoch mit einer zerkratzten, alten Pistole, wie man sie am ehesten auf einem Schrottplatz finden kann, auch wenn Andy vermutet, dass sie zumindest noch funktionsfähig ist. Die beiden sehen elend aus, ohne Frage. Aber sicher sind sie immer noch in der Lage, ihn zu verstümmeln, wenn sie das wollen.</p>



<p>Andy fragt sich, ob schon der richtige Zeitpunkt ist, sich zu erkennen zu geben. Wahrscheinlich noch nicht. Nicht, wo sie gerade so aufgewühlt sind. Der Timer auf der Uhr gibt ihm recht. Demnach wird es noch ca. zweieinhalb Minuten dauern, bis er sich den beiden zeigen kann. Andy spielt zwar mit dem Gedanken, es früher zu tun, schon allein um einmal aus Anys einengender Logik fliehen zu können, aber er weiß auch, dass das albern wäre. Diese Art der Rebellion sollte er sich vermutlich besser für einen anderen, wichtigeren Zeitpunkt aufsparen.</p>



<p>„Wären die Verwahrer wirklich so viel schlimmer als unsere jetzige Existenz, Endron?“, antwortet Dyvanna, „sieh uns doch an. Wir können uns ohnehin kaum noch bewegen und diese verlausten Höhlen sind auch kein anregenderer Anblick als eine Kiste. Dort hätten wir wenigstens unsere Ruhe.“</p>



<p>„Du weißt nicht, was du da sagst“, entgegnet Endron furchtsam, „frag Nerrin. Er hat ein ganzes Jahr in so einem Ding verbracht, bevor man ihn für Experimente hervorgeholt hat und er dabei fliehen konnte. Lass ihn erzählen, wie schrecklich das war. Und hör besser genau zu. Dann wirst du erkennen, dass du wirklich rein gar nichts über die Verwahrer weißt.“</p>



<p>„Ich weiß nur, dass ich es nicht mehr aushalte, tatenlos zu bleiben“, sagt Dyvanna, „ich meine, warum verstecken wir uns überhaupt vor den Gesundern, wenn wir nichts gegen sie unternehmen wollen?“</p>



<p>„Du hast schon etwas unternommen und uns damit zum Ziel ihrer Rache gemacht. Reicht dir das etwa nicht?“, fragt Endron vorwurfsvoll.</p>



<p>„Du meinst die Kaperung des Bakteroiden?“, fragt Dyvanna, „uns hat niemand gesehen. Das hat Tregmar mir versichert. Er hat bessere Sinne als ich. Er hätte das bemerkt.“</p>



<p>„Dein Kwang Grong verwendet dieselben Sinne wie du“, widerspricht Endron, „vielleicht verwendet er sie etwas besser, so viel will ich eingestehen. Aber er ist kein Gott, Dyvanna. Und seine Anwesenheit in deinem Körper macht auch dich nicht zu einem. Und dass die Angriffe der Gesunder sich verstärkt haben, ist kein Zufall. Jeden zweiten Tag tauchen irgendwelche halb wahnsinnigen Söldner auf, die uns von Lager zu Lager folgen und die für ein wenig Gesundheit alles tun würden. Hätten wir uns still verhalten, wäre das nicht passiert.“</p>



<p>„Dass die Gesunder uns jagen, ist doch nichts Neues“, widerspricht Dyvanna, „wir sind Rebellen, gottverdammt. Natürlich greifen sie uns an. Ich bin nicht dumm, Endron. Das ist keiner von uns. Wir haben alle Angst. Aus gutem Grund. Aber wenn die anderen hören könnten, wie feige du redest, wie sehr du dich vor den Tyrannen duckst, dann …“</p>



<p>„Wir haben bereits alles gehört“, mischt sich eine jüngere, männliche Stimme ein. Einen Augenblick später kann Andy den Sprecher sehen. Er scheint körperlich vollkommen intakt zu sein. Das ist sehr leicht zu erkennen, da seine Haut vollkommen und sein Fleisch teilweise transparent ist. Es offenbart sein Verdauungssystem, seinen Kreislauf und viele weitere Dinge, die kein viel ästhetischerer Anblick sind als die von Krankheit zerfressenen Leiber seiner Kollegen.</p>



<p>„Nerrin“, sagt Endron überrascht.</p>



<p>„Nicht schwer zu erkennen, was?“, fragt Nerrin lachend, „und doch bin selbst ich nicht so durchschaubar wie du, Endron. Wie oft habe ich gesagt, dass du meine Erlebnisse nicht für deine Feigheit instrumentalisieren sollst? Im Verwahrer war es schrecklich gewesen, aber das hat nur dafür gesorgt, dass ich um jeden Preis verhindern will, dass das auch nur irgendeinem anderen Wesen noch einmal passiert. Und glaub mir, die meisten von uns sehen das genauso wie ich. Und wie Dyvanna.“</p>



<p>„So kenne ich dich gar nicht. Du bist in Braviania Pazifist gewesen“, erinnert ihn Endron, „genau wie ich. Wir haben uns für dieselbe Sache eingesetzt. Wir haben gesehen, wohin blinde Rachegelüste führen können.“</p>



<p>„Das stimmt. Es ist aber etwas völlig anderes, ob man sich von einem der großen Häuser in den Krieg gegen andere arme Schweine schleifen lässt, um den Reichtum irgendwelcher Aristokraten zu schützen, oder ob man seine eigene Freiheit gegen wahnsinnige Tyrannen verteidigt“, erwidert Nerrin, „das eine ist Dummheit, das andere Mut.“</p>



<p>„Und beides führt zu Leid“, antwortet Endron, „genau wie eure Selbstüberschätzung. Wir sind nicht einmal dreißig Leute. Selbst die Gesunder sind zahlreicher. Und ihre Abhängigen sowieso. Ihr wollt sie tatsächlich angreifen? Das ist vollkommen verrückt. Vielleicht werden wir nicht einmal im Verwahrer enden, sondern als empfindungsfähiger Staub und Matsch auf dem Boden dieser verdammten Höhlen. Wollt ihr das wirklich?“</p>



<p>„Pessimismus ist wohl die gefährlichste Krankheit von allen, die diese Höhlen heimsuchen“, antwortet Dyvanna, „sie ist die Leine, an der wir für sie tanzen. Ich will das nicht länger. Ich will diesen Tyrannen in den Arsch treten und ihnen ihre eigene Medizin zu schmecken geben. Mit dem Bakteroiden und weiteren seiner Art, könnte das gelingen. Sollen sie doch versuchen, uns zu unterdrücken, wenn sie tiefenverseucht sind.“</p>



<p>„Ich bleibe dabei“, antwortet Endron, „ohne eine Armee ist das nicht mehr als ein schöner Traum. Und wir haben keine Armee.“</p>



<p>Andy, der das Gespräch bislang aufmerksam verfolgt hat, sieht auf die kleine Pyramide. Noch eine Minute bis er Kontakt aufnehmen muss, stellt er fest. Doch wie soll er diese Leute davon überzeugen, dass er auf ihrer Seite steht und ihnen von Nutzen ist? Immerhin ist er für sie nur ein weiterer Fremder in dieser ewigen Verdammnis. Plötzlich, ganz leise, vibriert die Pyramide in seiner Klaue und für einen kurzen Moment wird der Countdown von einer Textnachricht unterbrochen: „Sie werden Verbündete finden. Truppen aus Cestralia, die gegen die Gesunder kämpfen. Sie kommen in zehn Minuten an. Erzähle es.“</p>



<p>Der Lauftext erscheint nur ein einziges Mal und ist nur für wenige Sekunden zu sehen, bevor der Countdown zurückkehrt und noch einunddreißig Sekunden anzeigt.</p>



<p>Was zur Hölle, denkt Andy, das werden die mir doch niemals glauben. Andererseits, selbst wenn sie mich für verrückt halten, ist das wohl nicht allzu schlimm. Wichtig ist nur, dass sie mich für einen harmlosen Verrückten halten und mich nicht verscheuchen. So lange zumindest, bis die Ankunft dieser Truppen meine Worte belegt. Falls das denn passieren wird.</p>



<p>Andy atmet noch einmal tief durch, dann tritt er mit einem vorsichtigen, aber nicht ZU vorsichtigen Schritt aus seiner Deckung.</p>



<p>„Achtung, da ist etwas!“, warnt Nerrin, der Andy sofort bemerkt und mit seiner Waffe, einer seltsamen Mischung aus Lanze und Gewehr, direkt auf seinen Kopf zielt.</p>



<p>„Ich mag wie ein Etwas aussehen, aber ich bin ein Jemand“, korrigiert Andy so freundlich wie möglich, „und vielleicht kenne ich eine Lösung für euer Problem.“</p>



<p>„Ach, was? Ist das so?“, fragt Dyvanna skeptisch, „versteckst du etwa eine Armee hinter deinem Rücken?“</p>



<p>„Das nicht“, sagt Andy, „aber wenn ihr mich kurz erklären lasst …“</p>



<p>„Wer bist du überhaupt und wo kommst du her?“, unterbricht Nerrin ihn, „lange kannst du noch nicht hier sein. Dafür siehst du viel zu gesund aus.“</p>



<p>„Das ist kein großes Mysterium“, meint Endron, „Er wird ein Agent der Gesunder sein. Das erklärt, warum er uns belauscht hat und auch, warum er in so guter Verfassung ist. Ein kleiner Vorschuss an Gesundheit, damit er seine Mission verfolgen kann. Und später eine ganze Handvoll Ampullen für seinen Verrat. Sie haben ihre Taktik geändert. Infiltration statt offener Aggression.“</p>



<p>„Das ist dämlich“, widerspricht Dyvanna, „wenn er sich bei uns einschleichen wollte, müsste er genauso krank aussehen wie wir. Gerade weil wir sonst sofort Verdacht schöpfen würden.“</p>



<p>„Lasst ihn doch zumindest seine Geschichte erzählen. Dann können wir immer noch entscheiden, was wir mit ihm tun“, meint Nerrin.</p>



<p>„Gut, dann leg los“, sagt Dyvanna, „sag, wer du bist und wie du meinst, uns helfen zu können.“</p>



<p>Und Andy beginnt.</p>



<p>„Mein Name ist Andy. Meine Mutter ist eine Jägerin vom Insektenvolk aus Xikraschidaa und mein Vater ist ein Mensch von der Erde. Ich bin euch freundlich gesinnt und gerne bereit, mich euch anzuschließen. Vor allem will ich euch aber mit Informationen helfen. Mit einer ganz bestimmten Information, um genau zu sein. Sie betrifft ein Invasionsheer aus Cestralia, das in … “</p>



<p>Andy sieht auf die kleine Pyramide in seinen Klauen.</p>



<p>„… etwa achteinhalb Minuten hier sein wird.“</p>



<p>Die drei Rebellen sehen Andy genauso an, wie er es erwartet hat. Er hat von Anfang an gewusst, dass es praktisch keine Möglichkeit gab, sie direkt zu überzeugen. Nicht ohne Beweise. Aber immerhin haben sie ihn noch nicht verjagt oder auf ihn geschossen. Das ist ein Erfolg.</p>



<p>„Siehst du“, sagt Nerrin mit einem trockenen Lachen, „der Typ ist harmlos. Nicht jede Krankheit kann man von außen erkennen. Der arme Kerl hat den Verstand verloren. Und da ist er ja leider nicht der Erste. Vielleicht ist es aber auch etwas Organisches. Ich weiß nicht, ob es dieses Xakrischidaa gibt oder wie die Leute dort normalerweise aussehen, doch dieser aufgeblähte Schädel könnte durchaus krankhaft sein. Eine Wasseransammlung oder Krebsgewebe, das Druck auf sein Gehirn ausübt. Aber wenn er kämpfen kann, können wir ihn trotzdem aufnehmen. Vielleicht hat er ja das Herz am rechten Fleck. Und aggressiv scheint er zumindest nicht zu sein.“</p>



<p>„Das sehe ich etwas anders“, sagt Endron kopfschüttelnd, „vielleicht habt ihr recht. So eine absurde Geschichte würde uns ein Agent der Gesunder niemals auftischen, und wenn er ein harmloser Irrer ist, kann er gerne bei uns im Lager bleiben. Wir lassen niemanden zurück, der Hilfe braucht. Aber mit uns kämpfen lassen lassen wir ihn trotzdem nicht. Ich möchte niemanden an meiner Seite wissen, der mir vielleicht in den Rücken fällt. Egal ob ihn Heimtücke oder Halluzinationen dazu bringen.“</p>



<p>„Ich verstehe, dass ihr mir nicht glaubt“, antwortet Andy, „aber was habt ihr zu verlieren? Wartet einfach noch sieben Minuten ab und ihr werdet sehen, ob ich Lüge.“</p>



<p>„Mal angenommen, du sprichst die Wahrheit und diese Armee aus dem Herzen der friedlichsten Welt des gesamten Multiversums erscheint gleich vor unseren Augen“, sagt Dyvanna, „in welcher Verbindung stehst du dann zu dieser Streitmacht? Und warum bist du nicht mit ihnen gereist? Bist du ein Kundschafter? Oder ein Diplomat?“</p>



<p>„Nein“, antwortet Andy, „nicht direkt. Sie kennen mich nicht. Aber ich bin … zufällig an diese Information gelangt. Ich weiß bestimmte Dinge. Dinge, die passieren werden. Es ist kompliziert … aber ich sage die Wahrheit.“</p>



<p>„Ach, nun bist du auch noch ein Prophet“, lacht Nerrin, „oder ein Wahrsager? So hohen Besuch dürfen wir einfachen Leute hier unten selten empfangen.“</p>



<p>Andy hätte nicht gedacht, dass Scham so wehtun kann. Aber man lernt immer wieder dazu.</p>



<p>´</p>



<p>„Geben wir ihm die Chance, das ist doch zumindest amüsant. Und wenn eine Zauberarmee daherkommt, sage ich nicht nein“, sagt Dyvanna, „und wer weiß: Auch in Braviania ist das Konzept von Leuten, die die Zukunft kennen, nicht unbekannt.“</p>



<p>„Nein, aber auch dort sind sie wahrscheinlich Legenden“, bemerkt Endron, „und wenn nicht, dann sind sie so selten, dass es kaum einen Unterschied macht. Aber du hast recht. Gönnen wir uns den Spaß.“</p>



<p>Die nächsten sechs Minuten gehören sicher zu den unangenehmsten in Andys bisherigem Leben. Selten hat er sich so lächerlich, so verletzlich, so albern gefühlt wie in dieser Zeit. Das ist auch nicht überraschend. Immerhin gehört schon einiges dazu, von ein paar entstellten, rebellischen Außenseitern im tiefsten Kreis der Verdammnis in einer Welt, in der kein Tod existiert, für verrückt gehalten zu werden.</p>



<p>„Was ist jetzt?“, fragt Endron ungeduldig, „wo ist deine Armee? Ist sie auch noch unsichtbar?“</p>



<p>Andy will widersprechen, aber er weiß, dass das keinen Sinn hat. Der Countdown auf der Pyramide ist abgelaufen. Und niemand ist gekommen.</p>



<p>„Schon okay“, sagt Dyvanna mitfühlend und tätschelt mit ihrer unförmigen Hand seine Schulter, „wir jagen alle unseren Träumen nach. Nur gehen die hier leider selten in Erfüllung.“</p>



<p>„Aber sie sollten eigentlich …“, sagt Andy und bricht ab. Er weiß, dass ihn jedes weitere Wort nur noch lächerlicher dastehen lassen würde. Any muss sie angelogen haben oder sie hat sich geirrt, und irgendetwas hatte den Lauf dieser Zeitlinie bereits so verändert, dass die Cestral nicht eintreffen würden. So oder so hat er keine Ahnung, was er nun tun soll. Weder weiß er, wo seine Mutter ist, noch hat er einen eigenen Plan für seine Zukunft. Das ist vielleicht das Schlimmste daran, einer Frau wie Any zu dienen: Es lässt das Verfolgen eigener Träume irgendwann vollkommen sinnlos erscheinen.</p>



<p>„Ich muss getäuscht worden sein“, sagt Andy ernst, um wenigstens etwas Würde zurückzuerhalten.</p>



<p>„Da wärst du nicht der Erste“, antwortet Nerrin lachend, „meine Eltern hatten mir als Kind auch eine große und glückliche Zukunft prophezeit.“</p>



<p>„Wir sollten zurück ins Lager“, sagt Endron und hebt beschwichtigend die Hände, als er sieht, dass Dyvanna protestieren will. „Bevor du etwas sagst, Dyvanna: Selbst wenn ihr nach dem Ausbleiben dieser Fantasie-Verstärkung an eurer Torheit festhalten wollt, brauchen wir zumindest etwas Vorbereitung für unseren Angriff auf die Gesunder. Oder etwa nicht?“</p>



<p>„Das stimmt“, gesteht Dyvanna zähneknirschend ein, „lasst uns gehen. Und du komm gerne mit, Andy. Darauf bestehe ich. Ich glaube nicht, dass du für uns gefährlich bist. Außerdem können wir wirklich jede Hilfe gebrauchen. Und sei es nur in Form erheiternder Geschichten.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Also das nenne ich mal ein stinkendes Drecksloch“, sagt Callan angewidert, als sie sich in den Seuchenhöhlen materialisiert haben, „dagegen sind selbst die Endmärkte ein wohlduftendes Paradies.“</p>



<p>„Ich finde es gar nicht so schlimm“, sinniert Makra und betrachtet eine der warzigen Seuchendrüsen, „ich meine, ja, der Geruch ist wirklich unerfreulich. Aber eine Welt, in der der Tod nicht endgültig ist, ist trotzdem faszinierend. Man könnte so viel experimentieren. Schnitte, die sonst niemals in Frage kämen. Chirurgische Anpassungen. Und dann erst die Krankheiten. Fieber verändert die Wahrnehmung und Schwäche führt zur totalen Hingabe an das Schicksal. Fast wie bei einem Baby, das sich den Launen seiner Umwelt unterwerfen und auf Gnade hoffen muss. Ich frage mich, welche Krankheiten sich an diesem Ort verbergen.“</p>



<p>„Hörst du dich selbst reden? Du sprichst schon fast wie eine Gesunderin“, sagt Scynra, „und das meine ich nicht als Kompliment.“</p>



<p>„Ich bin kein bisschen wie die“, antwortet Makra empört, „sie stehen für Zwang und Grausamkeit. Mein Antrieb ist reine Neugier. Ich würde mein Leben dafür geben, um zu verhindern, dass jemand gegen seinen Willen auf einem Operationstisch liegen muss. Aber was ist falsch daran, davon zu träumen, mit Leuten spielen zu dürfen, die es genießen?“</p>



<p>„Können wir bitte das Thema wechseln?“, fragt Callan peinlich berührt, „ich habe wirklich keinen Bock darauf,zerschnitten oder krank zu werden. Daran ist gar nichts faszinierend. Wir sind doch hoffentlich vor all den Krankheiten in diesen Höhlen geschützt, oder Fienna?“</p>



<p>„Ja“, sagt Fienna. Sie steht hinter Callan und Makra. Nicht als Anführerin, sondern als eine der hunderten kampfbereiten Einwohner von Cestralia, die sich wie ein breiter Wurm aus Leibern in der Höhle drängen, „ich habe einen magischen Schutz auf uns alle gewirkt. Er sollte uns zwei oder drei Tage lang vor den Auswirkungen der Keime bewahren. Länger sollten wir nicht brauchen. Wichtig ist aber, dass ihr in meiner Nähe bleibt. Ich weiß nicht, wie groß die Reichweite des Zaubers wirklich ist.“</p>



<p>„Na, perfekt“, sagt Callan seufzend, „das macht ja praktisch jedes taktische Manöver von vorneherein zunichte.“</p>



<p>„Wenn du einen besseren Zauber hast, wirke ihn gerne“, erwidert Fienna grinsend.</p>



<p>„Touché“, sagt Callan und verfällt in amüsiertes Gelächter, „ich glaube, da muss ich passen. Aber gegen ein wenig Kuscheln ist ja auch nichts einzuwenden.“</p>



<p>„Sollten wir nicht lieber vorsichtig sein?“, fragt ein schlanker, großer Cestral mit jungenhaftem Gesicht hinter ihnen, während er eine siechende Flechte davon abhält, ihre fahlen Pilzfinger nach seinem Nacken auszustrecken, „die Gesunder könnten uns hören.“</p>



<p>„Vorsicht ist nicht notwendig“, entgegnet Fienna kriegerisch, „wir sind kein Skalpell. Wir sind ein Vorschlaghammer, der ihre Schreckensherrschaft zertrümmern wird.“</p>



<p>„Das hast du nett ausgedrückt“, sagt Makra, „mir wäre auch danach, ein bisschen was zu zertrümmern. Haben wir denn einen Plan?“</p>



<p>„Ja“, sagt Scynra, „ich werde uns direkt in ihr Hauptquartier führen. Und dort schlagen wir zu. Schnell und hart. Ich kenne den Weg noch sehr gut.“</p>



<p>„Könnten sie ihren Standort nicht verlegt haben?“, erkundigt sich Callan.</p>



<p>„Das wäre eher unwahrscheinlich“, entgegnet Scynra, „die Höhle, in der sie residieren – und ich früher auch –, ist nicht zufällig ausgewählt. Sie hat Elemente in ihrem Gestein, die sie frei von Keimen halten. So etwas findet man hier unten wahrscheinlich kein zweites Mal.“</p>



<p>„Sollten dann nicht alle sofort gesund werden, an denen dort experimentiert wird?“, fragt Makra neugierig.</p>



<p>„Es funktioniert nur für jene, die über ein intaktes Immunsystem verfügen“, erklärt Scynra, „wer bereits schwer krank ist, bleibt es dort auch. Und für alle anderen gibt es auch Sprays, die die schützende Wirkung aufheben. Aber über solche Fragen können wir später noch philosophieren. Jetzt sollten wir vor allem schnell vorrücken. Denn zwar hat Fienna durchaus recht, was die Sinnlosigkeit von Geheimhaltung angeht – den Gesundern wird auf keinen Fall entgehen, wenn sich ein so großes Heer in ihr Reich begibt –, aber gerade deshalb sollten wir ihnen nicht zu viel Gelegenheit geben, ihre Verteidigung vorzubereiten. Bisher mussten sie sich vor allem gegen ein paar verzweifelte Rebellen und unwillige Patienten zur Wehr setzen. Auf eine Armee sind sie womöglich nicht vorbereitet. Das ist unsere Chance. Bis jetzt noch. Aber meine Leute sind nicht dumm. Wenn wir nicht schnell genug agieren, werden sie sich anpassen.“</p>



<p>„Was können sie uns denn entgegenwerfen?“, fragt Callan.</p>



<p>„Eine ganze Menge“, sagt Scynra, „am gefährlichsten sind die Bakteroiden. Schnelle, autonome, mechanische Einheiten, die einen ohne Mühe zerquetschen, vor allem aber potente Krankheitserreger injizieren können. Und nicht irgendwelche. Sie führen zu einer Tiefenverseuchung, die das Immunsystem unweigerlich ruiniert. Nicht einmal Gesundheit oder Nanotechnologie helfen dann noch. Es ist schlimmer als jedes Todesurteil.</p>



<p>Dann gibt es da noch Ernter. Jeder Cestral sollte nur zu gut wissen, dass das gefährliche Bastarde sind. Gesundheitsabhängige Söldner im Dienste der Gesunder, die Unschuldige aus fremden Welten kidnappen. Sie nehmen dafür nur die besten und kampfstärksten. Es sind ihre Eliteeinheiten. Ihre Zahl variiert stark. Zu manchen Zeiten gab es nur vier oder fünf. Zu anderen fast hundert. Nicht alle werden gerade vor Ort sein, aber da ihre Missionen aufgrund der Beschränkungen der Portalmaschine nie länger als eine Stunde dauern können, können sie sie schnell mobilisieren.“</p>



<p>„Ich bin jetzt kein Militärexperte“, meint Callan, „aber die Ernter scheinen mir irrelevant, wenn es so wenige sind.“</p>



<p>„Adrian war einer von ihnen und hat fast unsere Welt ruiniert“, sagt Fienna bitter, „unterschätze diese Leute nicht.“</p>



<p>„Fienna hat recht“, sagte Scynra, „das sind abgebrühte Meuchelmörder. Ich denke, mit etwas Pech können sie ein paar Dutzend unserer Soldaten ausschalten, bevor wir einen von ihnen zur Strecke bringen können. Und dann gibt es noch weitere Söldner, die den Gesundern die Rebellen vom Hals halten oder Botengänge erledigen. Nicht so stark, aber zahlreicher. Vielleicht nochmal einige hundert. Zudem sind die Gesunder selbst auch gute Kämpfer.“</p>



<p>Callan dreht sich um und sieht zu den mehr als zehntausend Cestral, die von noch einmal knapp tausend Dunkelweltlern und mehreren Dutzend Traumdrachen begleitet werden, welche über ihren Köpfen direkt unter der Höhlendecke schweben.</p>



<p>„Ich denke, das ist machbar“, sagt Callan lächelnd, „wir sind ihnen ungefähr zehn zu eins überlegen.“</p>



<p>„Machbar ist es“, antwortet Scynra, „wenn wir nicht Opfer unserer eigenen Arroganz und Leichtsinnigkeit werden. Die Gesunder haben ihre Dominanz nur erlangt, weil sie erfindungsreich und skrupellos sind. Sie werden Überraschungen für uns haben, die nicht einmal ich mir jetzt ausmalen kann. Auch solltest du die wandelnden Kranken nicht vergessen. Das sind Tausende. Arme Schweine, die den Verstand, nicht aber ihre Gefährlichkeit verloren haben. Sie stehen zwar auf keiner Seite, können aber zu einem echten Hindernis werden.“</p>



<p>„Was ist mit den Rebellen?“, fragt Fienna, „könnten sie uns nicht unterstützen?“</p>



<p>„Ihre großen Zeiten sind vorbei“, sagt Scynra und wirkt dabei sehr traurig, „mag sein, dass es noch ein paar tapfere Widerständler gibt, aber was wir mit den letzten von ihnen gemacht hatten, war … barbarisch. Selbst für unsere Verhältnisse. Ich denke nicht, dass sie noch ein relevanter Faktor sind. Aber auch wenn ich mich irre, so werden wir sie kaum finden. Sie sind praktisch gezwungen, in Bewegung zu bleiben, und wenn sie so viele unbekannte Leute in ihren Höhlen sehen, gehen sie wahrscheinlich nicht von Verbündeten aus. Hier unten erwartet niemand Verbündete.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ich habe keine Wahl“, flüstert Tarena leise zu sich selbst. Viel zu oft hatte sie diesen Satz in letzter Zeit sagen müssen. Doch das änderte nichts an seinem Wahrheitsgehalt. Sie hatte das seltsame Geschwür, das sie unermüdlich durch diese pestgeschwängerten Gänge gehetzt hatte, schon dreimal besiegt und mit On-Grarins Peitsche in seine Einzelteile zerlegt. Aber jedes Mal hatte es sich von Neuem erhoben. Und sie ist sich sicher, dass es wieder geschehen wird. Und das ist mehr als eine Ahnung oder ein logischer Schluss. Sie kann bereits das Kratzen hinter sich hören, mit dem sich die fein zerschnittenen Teile wieder zusammenfügen. Und Tarena ist zu erschöpft, um noch zu kämpfen oder auch nur wegzulaufen. Zumal der einzige Ausweg über einen recht steilen Tunnel nach oben führt.</p>



<p>Doch vor allem hat sie keine Zeit mehr. Der gnadenlose Countdown auf der verfluchten Pyramide behauptet, dass ihr noch knapp fünf Minuten bleiben, um ihren Bestimmungsort zu erreichen. Sie kann versuchen, zu rennen. Aber das Ding wäre schneller als sie in ihrem jetzigen Zustand. Auch das weiß sie inzwischen.</p>



<p>„Du hast dich wohl verrechnet, Any“, sagt sie bitter und enttäuscht von ihrer Sklavenhalterin. Nollotsch ist wohl die einzige Option, die sie noch hat. Für einen schrecklichen Moment fragt sie sich, ob ihre kalte Herrin nicht sogar das Angebot ihres anderen finsteren Herrn in ihre Berechnungen einbezogen hat. Aber sie schiebt diesen Gedanken beiseite. Schon allein, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. „Nein“, flüstert sie halblaut, „zumindest meine Fehler mache ich immer noch selbst.“</p>



<p>Und dass es ein Fehler sein könnte, weiß sie. Doch in Notsituationen neigen die meisten von uns dazu, sich selbst die größte Scheiße schönzureden, wenn sie zumindest irgendeinen Ausweg verspricht. „Was soll es schon schaden?“, versucht sich Tarena zu überzeugen, „diese Welt ist eh schon ein wahr gewordener Albtraum, oder? Wen juckt da eine Krankheit mehr oder weniger?“</p>



<p>Sie seufzt tief und frustriert. Dann legt sie ihre Peitsche neben sich ab, kniet sich auf den weichen Boden und drückt ihre Finger durch die schleimige Schicht aus Flechten und Bakterienfilm, bis sie lockeres Erdreich erreicht. „Ob ich schon tief genug bin?“, murmelt sie. Aber ein lautes Schleifen erübrigt ihre Frage. Sie blickt auf und sieht, wie das hässliche Ding seinen Körper durch die Höhlenöffnung steckt. Oh, wie sehr sie diesen Anblick verabscheut.</p>



<p>„Fuck it!“, sagt sie, sammelt ihren Speichel und pflanzt damit Nollotschs Samen in das Erdreich von Hyronanin, ohne auch nur zu ahnen, welche Auswirkungen das haben könnte. Rasch schüttet sie das Loch wieder mit einer Erd- und Schleimschicht zu, atmet ein paar Mal tief durch und blickt dann auf den Countdown. Noch dreieinhalb Minuten. Kaum noch genug Zeit, um an den von Any markierten Punkt zu gelangen. Sie fragt sich, was passieren wird, wenn sie es nicht rechtzeitig dorthin schafft. Ist dann alles umsonst gewesen? Ist das Multiversum dann verloren?</p>



<p>Tarena ist das gerade erschreckend egal. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine Lust mehr verspürt, nach Anys Pfeife zu tanzen. Oder es ist einfach nur ihre Erschöpfung.</p>



<p>„Ich hab deinen verkackten Samen gepflanzt. Nun hilf mir auch, du elender Planetenkrebs. Hilf mir wenigstens, gegen deinesgleichen“, ruft sie in die verseuchte Luft, während der Tumor langsam auf seinen langen, glitschigen Fäden auf sie zukrabbelt. Doch nichts passiert. Und so streckt Tarena ihre müden Knie durch und hebt On-Grarins Peitsche, um sich irgendwie zu verteidigen.</p>



<p>Das tut sie gerade noch rechtzeitig, denn der bislang noch geradezu behäbige Tumor verfällt nun in einen Sprint und springt zuletzt mit einem gewaltigen Satz auf sie zu, seine „Arme“ ausgestreckt. Tarena kann ihren eigenen Arm kaum noch heben. Es ist fast, als gehöre er nicht mehr zu ihr. Zu ihrem Glück besitzt die Peitsche jedoch ein Eigenleben und trennt mit ihren scharfen Klingen wenigstens einen Teil der Tumorfäden ab. Doch leider nicht alle.</p>



<p>Drei der gefährlichen Extremitäten dringen durch ihre nachlässige Verteidigung, graben sich in ihre Brust und durchstoßen ihr linkes Auge. Ein kurzes, aber heftiges Druckgefühl, gefolgt von einseitiger Dunkelheit, kündet vom Verlust ihres Sehorgans. Dann jagt ein scharfer Schmerz durch ihr Bewusstsein, als sie spürt, wie die Fäden sich tiefer in sie eingraben, Zentimeter für Zentimeter. Eifrig, gierig, unermüdlich auf der Suche nach ihrem Gehirn und ihrem Herzen, um sie vielleicht nicht zu töten, aber doch ihren Körper zu einem unbrauchbaren Gefängnis zu machen. Erst jetzt, in höchster Not, erinnert sich Tarena wieder daran, dass sie nicht nur vier Gliedmaßen besitzt, und lenkt all ihre verbliebene Kraft in ihre Klauen, die anders als ihre Arme genau in der richtigen Position für einen Befreiungsschlag sind. Und es gelingt ihr.</p>



<p>Nicht nur schafft sie es, die Kreatur gleich mehrere Meter zurückzustoßen, sie hat sogar das Glück, dass ihre zerstörerischen Fortsätze nicht etwa abreißen und ihr grausames Werk autonom weiterführen, sondern mit einem qualvollen Ruck aus ihrem Körper gezogen werden.</p>



<p>Das Hochgefühl dieses kleinen Triumphes pumpt, zusammen mit dem Adrenalin des Kampfes, noch einmal Kraft in ihre müden Muskeln. Sie ignoriert den Schmerz in ihren Verletzungen, die sich weigern zu heilen, genauso wie auch Nollotsch sich nach wie vor weigert, ihr irgendeine Form von Unterstützung anzubieten. Sei es aus Unwillen oder Unvermögen.</p>



<p>Also tut sie das Einzige, was ihr bleibt. Sie springt auf, nimmt Anlauf und rennt auf die Rampe zu, ohne sich um das zu kümmern, was hinter ihr ist. Als die Steigung zu steil wird und somit verhindert, dass sie weiterkommt, geht sie hinab auf die Knie und zieht sich mit Händen, Klauen und den Dornen ihrer Peitsche stückchenweise nach vorne. Zu ihrer Erleichterung funktioniert das. Langsam zwar, aber sie kommt dennoch voran. Ein paar schwere Atemzüge später ist sie über den schwierigsten Punkt hinweg und sieht die Öffnung des nächsten Tunnels direkt vor sich. Euphorie steigt in ihr auf, als sie begreift, dass das die ideale Verteidigungsposition ist. Dort kann sie dieses nervige, unzerstörbare Ding mühelos zurückschlagen und sich einen Plan überlegen, wie sie die Kreatur blockieren und dauerhaft davon abhalten kann, sie zu verfolgen. Sie ignoriert die beginnenden Krämpfe in ihren Armen und Beinen und spannt ihre Muskeln an, um sich durch die Öffnung zu ziehen.</p>



<p>Kurz spürt sie warme Erleichterung. Wie um ihr zu ihrer Leistung zu gratulieren, vibriert die kleine Pyramide in ihrer Hosentasche. Aber genau im selben Moment sieht sie das Grinsen eines Gesunders und kurz darauf einen weißen Stiefel, der sie mitten ins Gesicht trifft. Ein Universum aus Schmerz detoniert in ihrem Kopf und sie rutscht ungebremst die Rampe hinunter. Benommen dreht sie sich um und stemmt sich hoch, nur um wieder die Tumorkreatur direkt über sich zu erblicken.</p>



<p>Sie hat all ihre Fäden erhoben, aber noch stoßen sie nicht zu.</p>



<p>„Großartig, Metastia! Du bist ja effektiver als jedes Fischernetz“, hört sie eine Stimme schwärmerisch sagen. Wahrscheinlich die des Angreifers.</p>



<p>„Ich komme nicht in feindlicher Absicht, sondern in diplomatischer Mission“, beeilt sich Tarena zu sagen, als sie feststellt, dass sich ihre Peitsche außerhalb ihrer Reichweite befindet. Sie hätte danach suchen können, aber sie wagt es nicht, das Monster durch irgendeine Bewegung zu provozieren. Zudem ist ziemlich klar, dass dieser Gesunder die Kreatur auf irgendeine Weise kontrolliert. Anders ist es kaum zu erklären, dass er sie beim Namen nennt und dass sie sich gerade so passiv verhält, obwohl ihr Opfer so nah ist. Es ist also ihre beste Chance, irgendwie mit diesem Mann zu verhandeln.</p>



<p>Doch der Gesunder scheint Tarenas Äußerungen nicht den geringsten Wert beizumessen. „Gleich schauen wir mal, was du uns gefangen hast“, sagt er nur, an die Kreatur gerichtet, „doch zunächst brauchen wir ein paar mehr Löcher in diesem Ding da. Aber lass das andere Auge intakt. Es könnte bei unseren Experimenten noch nützlich sein.“</p>



<p>Noch ehe Tarena reagieren kann, bohren sich alle Tumorfäden des Geschöpfes durch ihre Brust, ihren Bauch, ihren Unterleib und ihre Beine. Und für einen köstlichen Augenblick verliert sie das Bewusstsein, bevor sie in einem Meer aus Leid wieder erwacht.</p>



<p>„Was soll der Mist, Karrek?!“, hört sie eine weibliche Stimme sagen, so fern und unwirklich, als wäre es ein Traum, „Befiehl ihr sofort, aufzuhören. Das hier ist kein Spielzeug.“</p>



<p>„Was denn sonst, Drengda?“, fragt Karrek.</p>



<p>„Riechst du das nicht?“, antwortet die Frau, „diesen feinen, fleischigen Geruch an ihr. Das ist eine Krebsbotin. Die Dienerin eines Planetenkrebses. So eine wollte ich schon lange untersuchen, aber mehr als halb zerfallene Gewebeproben habe ich nie in meinen Besitz bringen können. Du wirst sie mir jetzt also gefälligst nicht zerfetzen, bis es nichts mehr zu untersuchen gibt, verstanden?!“</p>



<p>Hoffnung, wenn auch in ihrer schwächsten und pervertiertesten Form, keimt in Tarena auf und wird mit jeder Sekunde, die Karrek nicht auf die Ermahnung seiner Kollegin reagiert und die Fäden weiter ihren Körper zerstören, schwächer. Dann jedoch hört sie ein so genervtes wie erlösendes „Von mir aus“ und erlebt einen weiteren grauenhaften Schmerzimpuls bevor die Pein endlich auf ein schwächeres, wenn auch immer noch schwer erträgliches Maß abebbt.</p>



<p>Tarena, die selbst nicht mehr in der Lage ist, sich zu bewegen – sie vermutet eine Querschnittslähmung aufgrund durchtrennter Nervenbahnen –, bemerkt, wie sie hochgehoben wird, und sie in das überraschend freundliche Gesicht der Gesunderin blickt.</p>



<p>„Hallo, mein Name ist Drengda. Und wie heißt du? Falls du überhaupt sprechen kannst, heißt das?“, fragt ihre Retterin. Tarena weiß weder, ob sie das kann, noch, ob sie es will, aber letztlich tut sie es dennoch. Natürlich geht Tarena fest davon aus, dass man der Gesunderin nicht trauen kann, aber die Frau hat warmherzige, braune Augen und ein überraschend freundliches und einnehmendes Wesen. Fast kann Tarena sich vorstellen, mit ihr gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen und sich Männergeschichten zu erzählen. So absurd dieser Gedanke auch ist.</p>



<p>„Ja … kann ich …“, stöhnt sie mühsam und wundert sich darüber, was ihr Körper – und auch ihr Geist – alles ertragen kann, „mein Name ist …“</p>



<p>Dass es mit dem Ertragen wohl doch nicht so weit her ist, stellt Tarena fest, als ihre Worte in ein Stöhnen und unkontrolliertes, krampfendes Zähneklappern übergehen.</p>



<p>Unfähig, weiterzusprechen, beobachtet sie, wie die Gesunderin eine schlanke Spritze aufzieht und sie ihr ansatzlos in den Hals rammt.</p>



<p>Bereits kurz darauf lassen die Schmerzen deutlich nach. Sie hören immer noch nicht gänzlich auf und sind nichts, was sie ihrem schlimmsten Feind wünschen würde, aber zumindest kann sie wieder einigermaßen klar denken. Und zu ihrer Überraschung kann sie auch ihren Unterkörper wieder bewegen. Offenbar doch keine Querschnittslähmung.</p>



<p>„Danke …“, sagt sie erleichtert, „… mein Name ist Tarena.“</p>



<p>„Schön, dich kennenzulernen, Tarena. Ein wirklich klangvoller Name“, antwortet Drengda lächelnd, „das Schmerzmittel wirkt leider nur etwa eine halbe Stunde, aber so können wir uns etwas besser unterhalten. Jetzt würde ich nur noch gerne erfahren, wer dein Herr oder deine Herrin ist, wie du hergekommen bist, welcher Abstammung du bist und was zur eitrigen Sepsis dich in unsere wunderbare Welt geführt hat.“</p>



<p>„Das hatte sie bei sich“, sagt Karrek, noch bevor Tarena sich eine Antwort auf all diese Fragen überlegen kann. Mit ernster Miene reicht er die kleine Pyramide an seine Kollegin – oder vielleicht auch Vorgesetzte – weiter.</p>



<p>Drengda dreht den Gegenstand mit ihren langen Fingern in alle Richtungen und seziert ihn geradezu mit kritischen, geschulten Augen.</p>



<p>„So etwas habe ich noch nie gesehen. Das Design hat etwas Bravianisches. Aber es erinnert auch an Whe-Ann-Technologie und die Gewächse von Dank Qua. Ein ungewöhnliches Accessoire für eine Krebsbotin“, befindet Drengda, „genau wie diese andrinische Peitsche, die du da bei dir trägst. Da hast du uns wirklich einiges zu erklären. Fang besser gleich damit an. Mein Freund hier giert nämlich geradezu danach, die gute Metastia noch einmal im Einsatz zu sehen. Dass sie unzerstörbar ist, solltest du bereits bemerkt haben. Du aber bist es nicht, Tarena. Du bist nur unsterblich und das ist nicht dasselbe. Also gib mir ein paar gute Gründe dafür, dass ich Karrek nicht seinen Sadismus an dir ausleben lasse, in Ordnung? Das wäre wirklich tragisch. Für uns beide. Ach, und lüge mich bitte nicht an. Ich verfüge zwar weder über einen Lügendetektor im magischen noch im technischen Sinne, aber den brauche ich auch nicht. Ich hatte genügend Umgang mit Personen in Extremsituationen, um Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden.“</p>



<p>Tarena ist auch schon ohne diese farbenfrohe Drohung bewusst, wie wichtig ihre nächsten Worte für sie sein werden. Vor allem muss sie den Eindruck bestärken, dass Nollotsch der Einzige ist, in dessen Auftrag sie handelt. Alles andere würde sie wahrscheinlich erst so richtig in Schwierigkeiten bringen. Sie vermutet nicht, dass die Gesunder sich von Any als Marionetten nutzen lassen wollen. Die volle Wahrheit kann sie also nicht sagen. Aber vielleicht hilft ihr die richtige Mischung aus Wahrheit und Lüge weiter.</p>



<p>„Mein Herr heißt Nollotsch“, beginnt Tarena, „er ist ein Planetenkrebs aus meiner Heimatwelt Xakrischidaah. Mein Volk hat keinen Namen für sich selbst, aber andere nennen uns oft einfach das ‚Insektenvolk von Xakrischidaah‘. Der Dienst für Nollotsch hat meine Gestalt aber sehr verändert. Er hat mich mit einer Raumkapsel hierher geschickt und mir diese Ausrüstung mitgegeben. Woher sie stammt, weiß ich nicht. Vielleicht von einem meiner Vorgänger oder aus anderen Quellen. Gelegentlich begrüßen wir Gäste &#8230;“</p>



<p>„Fortgeschrittene sicher“, wirft Karrek ein, „wir sollten schauen, ob sie irgendwo einen Katalog versteckt hält. Sie könnte auch eine von ihnen sein.“</p>



<p>„Ich bin keine Fortgeschrittene“, beteuert Tarena, „auch wenn ich als Krebsdienerin natürlich über sie Bescheid weiß.“</p>



<p>„Red weiter“, sagt Drengda, „ich glaube auch nicht, dass du eine Fortgeschrittene bist, aber selbstverständlich werden wir Karreks Vermutung nachgehen und die Umgebung gründlich absuchen. Doch das hat noch Zeit. Also fahre ruhig fort.“</p>



<p>Tarena nickt und versucht dabei, ihr Erschrecken zu verbergen. Zwar hat sie nirgendwo einen Katalog versteckt, aber wenn diese Gesunder erst bemerken, dass sie Nollotschs Samen hier gepflanzt hat, wäre sie so richtig in Schwierigkeiten.</p>



<p>„… wie dem auch sei“, fährt Tarena so ruhig wie möglich fort, „mein Herr strebt ein Bündnis an. Das ist auch der Grund für meinen Besuch. Er weiß, dass ihr euch sehr gut mit Krankheiten und deren Verbreitung auskennt. Und da er selber eine Krankheit ist, fragt er sich, ob ihr ihm Wege zeigen könntet, um sich schneller im Multiversum zu verbreiten. Im Gegenzug würde er für euch spionieren, lohnende Opfer ausfindig machen und eure Beute gefügiger für eure Ernter machen.</p>



<p>„Das klingt verdammt interessant“, sagt Drengda überraschend euphorisch, „ich habe mich immer schon gefragt, wann der erste Planetenkrebs auf so einen Gedanken kommen würde. Solch ein Bündnis liegt natürlich nahe. Aber Kreativität ist für gewöhnlich nicht die größte Stärke dieser Geschöpfe. Ich vermute, es war deine Idee. Oder?“</p>



<p>„So ist es“, behauptet Tarena, „aber mein Herr war wirklich begeistert davon.“</p>



<p>„Das wundert mich nicht“, sagt Drengda, „aber so interessant dein Vorschlag auch klingt, will er doch gut überdacht sein. Unsere Ernter leisten nämlich schon ohne derartige Hilfe Erstaunliches und jeder weiß, dass der Bund mit einem Planetenkrebs selten ohne einen Haken daherkommt. Doch wir werden sehen. Zunächst einmal muss ich das in unserem Hauptquartier mit den anderen besprechen. Und du kommst mit uns.“</p>



<p>„Gern“, lügt Tarena. Natürlich hat sie keinerlei Lust darauf, in ein Lager voller Gesunder zu marschieren, aber immerhin ist das besser, als von Metastia in kleine Stücke gerissen zu werden.</p>



<p>„Aber könnt ihr mich vorher heilen?“, fragt Tarena, „vielleicht mit etwas Gesundheit? Ich wäre euch sonst eine Last, erst recht, wenn das Schmerzmittel nicht so lange anhält.“</p>



<p>Tarena ist durchaus bewusst, wie der „Gesundheit“ genannte Stoff gewonnen wird, aber gerade ist ihr nicht nach moralischen Feinheiten zumute. Dafür erinnert sie sich noch zu gut an den höllischen Schmerz.</p>



<p>„So weit ist es gar nicht“, sagt Drengda lächelnd, während sie beiläufig Tarenas Peitsche betastet, „so lange wird das Mittel schon halten. Außerdem bin ich keine Freundin von Gesundheit. Versteh mich nicht falsch, sie ist nützlich, aber Heilkünstler macht sie am Ende nur faul und dumm.“</p>



<p>„Ich hoffe, ich habe mich verhört“, sagt Karrek bissig.</p>



<p>„Nichts gegen dich, Karrek“, antwortet Drengda augenzwinkernd, „aber wenn wir ehrlich sind, bist du eher ein Forscher als ein Heiler. Und nach der Schweinerei, die du dabei regelmäßig anrichtest, hilft natürlich wirklich nur noch Gesundheit, wenn das Subjekt noch zu irgendetwas zu gebrauchen sein soll. Ich will deine andrinischen Operationsmethoden ja gar nicht kritisieren. Aber jeder hat nun mal seine Stärken und sein Spezialgebiet.“</p>



<p>„Dein Spezialgebiet ist es anscheinend, deine Zeit mit überflüssigem, historischem Handwerk zu vergeuden, obwohl uns Hochtechnologie zur Verfügung steht“, antwortet Karrek scharf.</p>



<p>„Mein Spezialgebiet ist es vor allem, deine Vorgesetzte zu sein. Vergiss das nicht“, erinnert ihn Drengda streng. Und Tarena beglückwünscht sich still zu ihrem guten Gespür, auch wenn ihr das natürlich gerade einen Scheiß einbringt.</p>



<p>Karrek sagt nichts, aber nickt schließlich devot.</p>



<p>„Tut mir leid für dieses unwürdige Geplänkel“, sagt Drengda an Tarena gewandt, „das gehört sich nicht auf diplomatischem Parkett, habe ich recht?“</p>



<p>„Schon in Ordnung“, antwortet Tarena, „ich glaube, so etwas kennt jedes soziale Lebewesen.“</p>



<p>„Die meisten zumindest“, bestätigt Drengda, „aber zurück zum Thema und zu der Frage, die ich dir eigentlich stellen wollte: Wärst du bereit, dich von mir behandeln zu lassen? Auf die gute, altmodische Weise?“</p>



<p>„Habe ich denn eine Wahl?“, fragt Tarena, die tatsächlich nicht scharf darauf ist, sich auf den Operationstisch einer Gesunderin zu legen.</p>



<p>„Nein. Nicht, wenn Du mit uns verhandeln und gesund werden willst“, meint Drengda, „tut mir leid, aber wir sind Gesundheitsdienstleister, keine Wohltäter.“</p>



<p>Entgegen Tarenas Erwartungen spricht Drengda den letzten Teil ihres Satzes nicht sarkastisch oder abgeklärt aus. Für einen Moment glaubt sie sogar, darin so etwas wie Bedauern und Sehnsucht zu erkennen, die sich auch in Drengdas Gesicht widerspiegeln.</p>



<p>Tarena hält das nicht für Taktik, vor allem nicht, da Drengda diese Emotionen, sofort ertappt aus ihrem Gesicht verbannt, als Karrek sie ansieht. Es kann also nicht abgesprochen gewesen sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Tarena sich doch bereiterklärt, ihnen zu folgen. Immerhin scheint ihre Behandlerin zumindest auf den ersten Blick keine Barbarin zu sein und vielleicht ist das genau der Einstieg, den sie braucht, um Anys unmöglich scheinende Mission doch noch zu erfüllen und diesen schrecklichen Ort verlassen zu dürfen.</p>



<p>„Ich bin einverstanden“, sagt Tarena.</p>



<p>„Das freut mich“, sagt Drengda, „dann lass uns nicht länger Zeit verlieren. Dein Schmerzmittel kann ich nämlich gar nicht erneuern. Das ist keine Schikane, sondern Sorge um deine Gesundheit. Eine zu früh verabreichte zweite Dosis kann nämlich bleibende Hirnschäden verursachen.“</p>



<p>Na wunderbar, denkt Tarena und erinnert sich wieder daran, dass sie nicht zu vertrauensselig sein sollte. Drengda hat sicher nicht zufällig ausgerechnet ein solches Mittel verwendet. Bei allen Skrupeln, die sie im Vergleich zu Karrek haben mag, ist sie immer noch eine Gesunderin. Und für die ist Tarena nicht mehr als ein Stück krankes Fleisch, aus dem man einen Vorteil schlagen kann.</p>



<p>Ein Hirnschaden ist dennoch das Letzte, was sie gebrauchen kann. Zwar ist es möglich, dass Nollotsch sie noch einmal „reparieren“ kann, aber ob er das auch tun würde, steht auf einem anderen Blatt. Bisher jedenfalls hatte er nicht wieder zu ihren Gunsten eingegriffen, obwohl sie getan hatte, worum er sie gebeten hatte.</p>



<p>„Okay, dann zeigt mir den Weg“, sagt Tarena, „ich bin gespannt auf euer Hauptquartier.“</p>



<p>„Wartet“, sagt Karrek und macht eine unterbrechende Geste mit seiner siebenfingrigen Hand, „da hinten stimmt etwas nicht. Dort, diese Stelle am Boden. Da hat irgendetwas gegraben. Das sah vorher ganz anders aus.“</p>



<p>Zu Tarenas Entsetzen zeigt er genau auf die Stelle, an der sie Nollotschs Samen eingepflanzt hatte. Es ist zwar nur ein wenig Spucke, aber falls das, was in dieser Spucke gewesen war, schon Wurzeln geschlagen hat, kann sie sich wahrscheinlich schon einmal auf ausgiebige Folter und auf ein Leben in einem Verwahrer gefasst machen. Karrek zögert jedenfalls nicht und beginnt sofort und ziemlich schnell zu graben.</p>



<p>Auch Drengda tritt näher und kniet sich vor die Stelle, von der Tarena eigentlich gehofft hat, sie gut genug kaschiert zu haben.</p>



<p>Tarena denkt fieberhaft über eine Ausrede nach, beeilt sich aber dabei, sich ebenfalls zu der Stelle zu begeben. Diese Art von Neugier wäre für eine Unbeteiligte nur natürlich. Nur eine Schuldige würde sich vom Tatort fernhalten.</p>



<p>Doch diese wohlüberlegte Taktik nützt ihr leider nichts. Alles, was sie sieht, als sie zu den beiden aufschließt, ist das enttäuschte und feindselige Gesicht von Drengda und das klaffende Loch, in dem sich die zarten, feinen, hässlichen Fleischwurzeln des Planetenkrebses winden.</p>



<p>„Du hast deinen Meister in unser Heim gebracht, Krebsdienerin“, sagt Drengda eisig, „damit ist jede Verhandlung nichtig. Und deine Heilung auch. Stattdessen werde ich dich Karrek überlassen und &#8230;“</p>



<p>Tarena wird eiskalt. Sie macht sich auf einen aussichtslosen Kampf gefasst, als … als sich die Wurzeln plötzlich in einer einzigen, koordinierten, rhythmischen Bewegung winden und eine feine, leise Melodie von sich geben. Wenige Augenblicke später geschieht etwas mit Karrek und Drengda. Ihre Augen werden leer und sie beginnen sofort damit, das gerade erst geöffnete Loch wieder sorgfältig zuzuschütten. Erst als das vollbracht ist, verstummt die Melodie. Die beiden Gesunder erwachen aus ihrer Trance und sehen Tarena an, als wäre überhaupt nichts gewesen.</p>



<p>„Was stehen wir hier noch rum?“, sagt Drengda, ohne sich noch einmal zu der Narbe in der Erde umzudrehen, „lasst uns endlich gehen!“</p>



<p>„Danke, Nollotsch“, denkt Tarena, „anscheinend kümmerst du dich doch besser um deine Sklaven, als Any.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Was ist das für ein Zeug?“, fragt Callan angewidert und starrt auf die schleimige, heiße, grünlich-gelbe Substanz, die zäh von einer Höhlenwand zur anderen fließt und deren Strom an seiner breitesten Stelle mindestens sechs Meter im Durchmesser misst.</p>



<p>„Das ist eine Seuchenquelle“, erklärt Scynra, „sie ist nicht nur hochinfektiös bei direktem Kontakt, sondern auch so heiß wie Lava, und bespuckt all jene, die versuchen, sie zu überqueren, was der kompletten Zerstörung des Körpers gleichkommt. So eine breite Quelle habe ich aber noch nie zuvor gesehen.“</p>



<p>„Sieht fast aus wie ein Burggraben“, überlegt Makra, „in der andrinischen Vorzeit haben wir unsere Festungen mit Gräben aus Chemikalien gesichert. Das hielt äußere Feinde ab, diente zum Zeitvertreib und half dabei, den Burgfrieden zu bewahren. Glaubst du, sie haben schon bemerkt, dass wir hier sind, und haben extra eine Barrikade errichtet?“</p>



<p>„Das mit dem Burggraben ist ein interessanter Vergleich“, sagt Scynra, „aber ich glaube nicht, dass das hier Absicht war. Für gewöhnlich entstehen Seuchenquellen eher zufällig. Ausschließen kann ich es natürlich nicht. Aber Absicht ist extrem unwahrscheinlich.“</p>



<p>„Gibt es denn eine Möglichkeit, sie zu überqueren?“, fragt eine junge Cestral mit kurzen Haaren und Speer, „zumindest für uns? Immerhin sind wir nicht auf dieselbe Weise stofflich wie viele andere Spezies.“</p>



<p>„Ich sage das wirklich ungern“, meint Scynra, „aber habt ihr schon vergessen, wie zahlreich meine Leute euch geerntet haben? Wenn ihr so ätherisch wärt, wie ihr glaubt, hätten wir euch keine Gesundheit stehlen können. Ja, es stimmt, ihr seid etwas widerstandsfähiger als selbst Bravianer, aber man kann euch krank machen und man kann euch verbrennen. Beides musste ich miterleben.“</p>



<p>Der schuldbewusste Ausdruck in Scynras Augen macht mehr als deutlich, dass sie diese Gräuel nicht einfach nur passiv miterlebt hatte.</p>



<p>Kurz breitet sich eine brütende Stille aus, bevor ein bärtiger, männlicher Cestral mit einem optimistischen Lächeln vortritt und spricht.</p>



<p>„Was, wenn wir die Traumdrachen besteigen und unsere Truppen so nach und nach rüberbringen?“, schlägt er vor.</p>



<p>„Das würde ewig dauern“, widerspricht Fienna, „außerdem würden wir damit unser Heer trennen und unsere Nicht-Cestral-Freunde würden den Schutz meines Zaubers verlieren und sofort erkranken. Das kommt also absolut nicht in Frage.“</p>



<p>„Ist das denn wirklich der einzige Weg, auf dem wir die Gesunder erreichen können?“, will Callan wissen.</p>



<p>„Ja“, sagt Scynra bedauernd, „jeder andere Pfad würde einen gewaltigen Umweg bedeuten. Am besten warten wir ab, bis die Quelle wieder versiegt. In der Regel bestehen diese Quellen nie länger als zwei oder drei Tage. Es kann also gut sein, dass wir schon bald weiterziehen können.“</p>



<p>„Und was, wenn das Ding gerade erst entstanden ist?“, meint Makra, „ich habe keine Lust, zwei oder drei Tage zu warten und diesen Gestank zu ertragen, bis wir &#8230;“</p>



<p>Plötzlich ging ein lautes, donnerndes Rumpeln durch die Höhle, gefolgt von schrillen Schreien.</p>



<p>„Wir werden angegriffen“, stellt Callan fest, auch wenn er von seiner Position aus schon allein aufgrund der Masse an Leibern nicht viel erkennen kann.</p>



<p>„Für diese scharfe Kombinationsgabe liebe ich dich“, sagt Makra lachend und wendet sich dann an Scynra, „wie war das? Diese Dinger erscheinen also zufällig?“</p>



<p>„So ist es“, beharrt Scynra, „der Zufall kann in Hyronanin manchmal gefährlicher sein als jeder finstere Plan.“</p>



<p>„Für solche Diskussionen ist jetzt keine Zeit“, sagt eine junge Cestral neben ihnen, „lasst uns nachsehen und unseren Leuten beistehen!“</p>



<p>„Tut das!“, antwortet Fienna, „ich bleibe hier und achte darauf, dass niemand von uns aus Verzweiflung die Seuchenquelle überquert.“</p>



<p>„Reicht deine Kraft dafür denn aus?“, fragt Callan.</p>



<p>„Das muss sie“, sagt Fienna, „und jetzt los, beeilt euch!“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Bei allen Dominanten“, sagt Callan, als sie etwa bis zur Mitte ihres Heeres vorgedrungen sind und er den Feind zum ersten Mal erblickt.</p>



<p>Callan hatte selbst nie den Krieg miterleben müssen. Das hatte zu den wenigen Privilegien in seinem grauenhaften Leben gehört.</p>



<p>Deovans Waffen waren stets Handel und Kapital gewesen. Seine Raketen der Mangel, seine Geschütze die Not und seine Panzer der Hunger. Natürlich hatte es dort auch Waffen gegeben. Und das nicht zu knapp. Aber die waren entweder dazu gedacht gewesen, exportiert zu werden, Firmeneigentum zu beschützen, heimlich die Konkurrenz loszuwerden oder irgendwelchen pervertierten Vorstellungen von Unterhaltung zu genügen. Einen richtigen, groß angelegten Krieg gegen andere Welten hatte Deovan nie führen müssen.</p>



<p>Callans Vorstellungen von Krieg stammten also vor allem aus seiner Tätigkeit als Redakteur, bei der er nicht selten reißerische Geschichten über die Konflikte anderer Welten verfasst hatte, wenn sie sich gut verkaufen ließen. Nun, man konnte argumentieren, dass Callans Einsatz im Haus des Lebens ebenfalls ein Kampf auf Leben und Tod gewesen war. Aber selbst da hatte er sich immer noch damit trösten können, im unwahrscheinlichen Fall seines Überlebens ausgesorgt zu haben. Ein Soldat jedoch hatte nichts zu gewinnen. So viel zumindest war ihm immer klar gewesen. Doch ansonsten ist sein Kopf, wenn es um Krieg geht, voll von Fantasien geordneter, disziplinierter Heere, die in raffiniert konzipierten Manövern gegeneinander vorgehen. Vorstellungen, die sich nicht mehr von dem unterscheiden können, was er nun vor sich sieht.</p>



<p>Hunderte von Gestalten in allen Farben, Größen und Formen, die chaotisch in ihre Schlachtordnung vordringen wie Säure in ungeschütztes Fleisch. Zerfetzte, wunde, von Eiter zerfressene Gesichter. Schorfige Beine und halbverfaulte Tentakel. Narbengewebe und geschwollene, von Parasiten durchzogene Arme. Zwei-, drei-, vier- oder hundertbeinige Kreaturen, die vorwärts stolpern, rennen, kriechen und krabbeln. Die trüben, entzündeten Augen erfüllt von Schmerz, Verwirrung und nacktem Wahnsinn. Es sind grausige Bilder von verzweifelten, bedauernswerten Existenzen. So schwach, so müde, so gequält, dass schon das bloße Dasein nichts als Marter bedeutet. Und dennoch – oder gerade aus diesem Grund – sind sie gefährlich. Sie wollen zerstören. Nicht aus Bosheit, nicht aus Berechnung, sondern einfach, weil die Cestral im Weg sind und weil sie etwas brauchen, um ihr unerträgliches Leid irgendwo zu entladen. Also tun sie genau das. Sie beißen mit eitrigen Zähnen, kratzen mit brüchigen Krallen und tauben Nägeln oder stechen ihre blanken Knochen in das Fleisch der überrumpelten Cestral-Krieger.</p>



<p>„Mein Gott, was ist das?“, fragt Makra und klingt dabei so empathisch und mitfühlend, dass es Callans Herz berührt, „… ich meine … wie kann … so etwas Schreckliches habe ich selbst in Andraddon nur selten gesehen. Ich meine, die Mädels und Jungs in der Schule hatten ähnliche Pläne für ihre künftigen Opfer. Aber die scheiterten am Ende immer an der Realität. Zum Glück.“</p>



<p>„Das ist der Grund, warum meine Heimat noch schlimmer ist als deine“, erklärt Scynra, „der Tod rettet hier niemanden vor der Folter des Lebens. Und bei diesen Geschöpfen sieht man es besonders gut. Das sind die wandelnden Kranken. Keine fremde Spezies, keine magischen Kreaturen, sondern etwas, das aus jedem hier werden kann. Auch aus uns, ohne Fiennas Schutz.“</p>



<p>„Ich wünschte, wir könnten ihnen irgendwie helfen“, sagt Callan.</p>



<p>„Das können wir nicht“, entgegnet Scynra traurig, „höchstens mit Gesundheit auf Kosten eines anderen Wesens. Und das auch nur bei denen, die nicht tiefenverseucht sind. Aber ihren Geist könnte nicht mal jenes grausame Mittel heilen. Nein, niemand kann sie retten. Alles, was wir tun können, ist, uns vor ihnen zu retten.“</p>



<p>Mit diesen Worten zieht Scynra ihre Skalpelle.</p>



<p>Callan zuckt bei der Vorstellung zurück, diesen jämmerlichen Geschöpfen noch mehr Leid zuzufügen, als sie jetzt schon ertragen müssen. Und auch Makra sieht nicht so aus. als würde sie sich sonderlich wohl bei dem Gedanken fühlen.</p>



<p>Doch die Cestral, die unablässig von den wandelnden Kranken angegriffen werden, haben ihre Skrupel bereits überwunden und stechen und schießen rücksichtslos auf ihre Angreifer, ganz gleich, ob sie dabei Arme, Beine oder Köpfe abtrennen. Nicht aus Grausamkeit oder Ignoranz. Vielmehr aus reinem Selbstschutz und der Spirale aus Schmerz und Schmerzreaktion, die noch viel ansteckender ist als jede Krankheit.</p>



<p>Makra seufzt tief, dann hebt auch sie ihre Peitsche, „Sieht leider so aus, als ob wir Schmerzen verteilen müssen. Glaub mir, das hat mir noch nie so wenig Freude bereitet, aber es muss sein.“</p>



<p>Callan sieht seine Freundin düster an. Dann jedoch nickt er und macht seinen Pinpointer schussbereit.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Scheiße, das ist hier viel zu eng“, flucht Callan, nachdem er mehrmals erfolglos zum Schuss angesetzt hatte, „wie soll ich da einen von denen treffen, ohne aus unseren eigenen Leuten Hackfleisch zu machen?“</p>



<p>„Lasst mir den Vortritt“, schlägt Makra vor, „meine Peitsche lässt sich besser lenken. Falls das nicht an deinem Ego kratzt, heißt das.“</p>



<p>„Mein Wert definiert sich nicht über meine Kanone“, antwortet Callan feixend.</p>



<p>„Darüber kann man streiten“, erwidert Makra zwinkernd.</p>



<p>„Könnt ihr mit dieser pubertären Scheiße aufhören?“, beschwert sich Scynra, „das ist kein Spiel. Hier geht es um echtes Leben und echten Schmerz. Deshalb werde ich auch vorausgehen. Deine Peitsche Makra ist in der Enge hier genauso gefährlich wie Callans Pinpointer. Und zwar gefährlich für uns. Wir müssen direkt an die Front, wenn wir irgendwas ausrichten wollen. Deshalb gehe ich vor. Ihr gebt mir Rückendeckung.“</p>



<p>„In Ordnung“, sagt Callan und auch Makra nickt, jedoch nicht ohne leise zu murmeln: „wer hat dir eigentlich den Humor rausoperiert?“</p>



<p><br>~o~</p>



<p>Je näher sie der Frontlinie kommen, desto schlimmer sehen auch ihre Verbündeten aus. Zwar schlagen sich sowohl die Cestral, als auch die „Dunkelweltler“ sehr gut, und haben in vielen Fällen bereits einen Ring aus grauenhaft zerstückelten Angreifern um sich herum ausgebreitet. Doch auch einigen ihrer Leute fehlen inzwischen Gliedmaßen oder sie leiden unter grauenhaften Wunden. Besonders erschütternd findet Callan den Anblick einer sehr jungen, womöglich sogar noch minderjährigen Bravianerin. Deren rechte, obere Gesichtshälfte ist samt dem Auge abgeschnitten worden. Und ihr zerstörtes Gehirn kann ihre Bewegungen kaum noch kontrollieren, sodass sie zitternd und sabbernd mit ihrem Speer in der Luft herumstochert, während ihr verbleibendes Restgesicht in einer Maske aus Trauer und Entsetzen eingefroren ist.</p>



<p>Ihr Bewusstsein ist noch da, erinnert sich Callan mit Grauen, sie erlebt ihren eigenen Verfall.</p>



<p>Dass die Frau noch nicht ganz in Stücke geschlagen wurde, hat sie nur den anderen Soldaten zu verdanken, die sie unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit decken.</p>



<p>Zu diesen Verteidigern gesellt sich jetzt auch Scynra, die mit ihren beiden Skalpellen auf ein riesiges, geierähnliches Geschöpf eindringt, das mit den verkrusteten Krallen auf das noch verbliebene Auge der Frau zielt. Makra jedoch ist schneller als die Kreatur. Sie prescht vor, wirft sich dem Wesen entgegen und trennt die Sehnen beider Flügel so zielsicher durch, dass sie danach nutzlos hinabsinken.</p>



<p>„Danke!“, sagte ein junger, erschöpfter Cestral-Mann neben ihr. Auch er blutet aus mehreren Wunden und hat kaum noch die Kraft, seine Schusswaffe zu halten. Die Frau, die Scynra vor weiteren Schäden gerettet hat, bedankt sich nicht. Wahrscheinlich hat sie die Fähigkeit zu sprechen längst verloren.</p>



<p>Doch Scynra sucht ganz offensichtlich nicht nach Dank, sondern denkt und handelt wie immer ganz praktisch. Sie weicht dem zustoßenden, hornigen Schnabel ihres Gegenübers aus und schneidet an einer wohl gewählten Stelle direkt durch den Nacken des Wesens. Kurz darauf knickten die Beine der Vogelkreatur ein und sie liegt still und hilflos auf dem Boden.</p>



<p>Scynra wischt sich so triumphierend wie nüchtern den blutigen Eiter aus dem Gesicht, mit dem die Kreatur sie bespritzt hat, und wendet sich an die erschöpften Cestral und Dunkelweltler.</p>



<p>„Zieht euch zurück und gönnt euch eine Pause. Wir übernehmen das hier!“, sagt sie, „wir sind besser bewaffnet und immer noch an einem Stück.“</p>



<p>Die erschöpften Kämpfer lassen sich das nicht zweimal sagen. Ihr Stolz ist als allererstes gefallen.</p>



<p>Außerdem macht Scynras Vorschlag durchaus Sinn. Denn nun haben Callan und Makra endlich genügend Platz, um ihre Waffen einzusetzen. Und das ist auch gut so. Denn kaum ist der gefiederte Gigant gefallen, bewegt sich eine Rotte von einem Dutzend Geschöpfen auf die drei zu. Wesen von einer Art, wie sie Callan noch nie zu Gesicht bekommen hat. Sie sind vage humanoid, jedoch mit dicken, aufgeblähten Hinterleibern, in denen sich Hunderte von winzigen, wurmartigen Dingen winden. Dabei ist unklar, ob es sich um so etwas wie Larven, ein Anzeichen einer Erkrankung oder um einen natürlichen Teil ihres Körpers handelt. So oder so sind ihre Hinterleiber unfassbar hässlich und gigantisch.</p>



<p>Ihr braun glänzender Oberkörper hingegen ist extrem hager und knochig, wenn auch ebenfalls breit und in einem fünfundvierzig-Grad-Winkel nach vorne geneigt. Er besitzt Ähnlichkeit zu Spare-Ribs, wobei links und rechts ihres langen Halses jeweils die Hälfte eines gespaltenen, länglichen Kopfes wie eine zerschnittene Traube am Rand hängt. Zwischen den Kopfhälften entfaltet sich ein regelrechter Albtraum aus Nesselpeitschen, die halb auf dem Boden hängen und von denen gelber, stinkender Eiter hinabtropft. Obwohl kränklich und geschwächt, bewegen sich die zwölf Wesen erstaunlich koordiniert. Fast wie ein eingespieltes Jagdrudel, das sogar die nachrückenden Kranken von sich abschirmt, so als wären sie trotz aller Schmerzen noch immer daran interessiert, Beute zu machen.</p>



<p>„Das sind Gegner nach meinem Geschmack“, sagt Makra großspurig und schwingt ihre Peitsche in Richtung der ersten Kreatur. Die dornenbesetzte Waffe bewegt sich zielsicher auf den Kopf des Wesens zu und wird sofort von dessen dünnen Nesseln abgefangen.</p>



<p>&#8222;Wie zum rostigen Nagel ist das möglich?“, fragt Makra, „ich habe schon ausgewachsene Rorak mit meiner Peitsche geköpft.“</p>



<p>„Es gibt immer einen, der besser ist als man selbst“, stichelt Scynra, bevor sie eine flinke, schuppige Kreatur mit dem Skalpell aufspießt, die sich fast unbemerkt an sie herangeschlichen hat.</p>



<p>Makra versucht derweil, ihre Peitsche von den Nesseln zu lösen, während das Rudel weiter zu ihnen aufschließt. Doch es gelingt ihr nicht, sich aus dem Griff der Kreatur zu befreien. Das Wesen hält die Waffe eisern fest.</p>



<p>„Fuck, hilf mir doch, Callan!“, ruft Makra und Callan lässt sich nicht lange bitten.</p>



<p>Der Pinpointer spuckt seine gewaltige Ladung. Und weil Callan nicht so dumm gewesen war, auf einen geschlossenen Behälter zu schießen, in dem tausend weitere potenzielle Feinde eingesperrt sind, die er im schlimmsten Fall befreien würde, hat er stattdessen in die Lücke zwischen den Kopfhälften des Geschöpfs gezielt.</p>



<p>Das funktioniert. Das verbesserte Geschoss des Pinpointers zerreißt den gesamten oberen Teil der Kreatur in einer blauen Stichflamme und verbreitet dabei einen üblen Geruch nach verbrannten Mandeln und verschimmeltem Käse. Nur Makras Peitsche bleibt – dank ihrer besonderen Eigenschaften – vor den Auswirkungen der Hitze geschützt. Schnell zieht sie sie zu sich zurück und wirft Callan dabei einen dankbaren Blick zu.</p>



<p>Callan lächelt ihr zu. Doch dieses Lächeln wandelt sich rasch in Unglauben, als sich das Gewebe um die „Parasiten“ wie eine sich öffnende Kuppel zurückzieht.</p>



<p>„Ihr Nervensystem muss die Membran gesteuert haben“, vermutet Scynra.</p>



<p>„So ein Dreckmist!“, flucht Callan und ehe er diesen Flucht ganz zu Ende gesprochen hat, kriechen die Würmer bereits wie eine rasende Flut auf sie zu.</p>



<p>Callan reagiert sofort und gibt weitere Schüsse ab. Dutzende der Wesen platzen in dem Inferno wie Seifenblasen, protestieren mit einem schrillen Quieken und verteilen lilafarbenes, kochendes Blut auf dem Boden. Und wer der Zerstörung entkommt, wird nicht selten Opfer von Makras Peitsche oder Scynras präzise zustechenden Skalpellen. Doch es sind einfach zu viele Gegner. Es ist schlicht unmöglich, sie alle zu erwischen. Also kommt es, wie es kommen muss. Der erste „Wurm“ dringt zu Callan vor und bohrt sich gierig in seinen rechten Oberschenkel. Es schmerzt wie Eis und Feuer zugleich, als der Parasit, oder was auch immer es ist, sich durch Callans Fleisch wühlt. Sofort versucht Callan, das Ding zu packen und herauszuziehen. Doch es ist bereits zu tief eingedrungen und verfolgt seine Mission, ihn von innen heraus aufzufressen, mit fanatischer Zielstrebigkeit.</p>



<p>~o~</p>



<p>Das Entsetzen lähmt Callan. Doch zu seinem Glück ist Scynra nicht gelähmt. So geistesgegenwärtig wie rücksichtslos packt sie sein Bein mit ihrer linken Hand, rammt ihr Skalpell brutal in die Wunde und spießt den Eindringling damit auf wie ein Würstchen. Callan brüllt. Wer je eine Spritze in den Muskel oder in sein Fettgewebe bekommen hat, sollte wissen, wie übel Verdrängungsschmerz sein kann. Das hier ist schlimmer. Aber Callan erträgt es, schon weil er kaum in der Lage ist, sich zu wehren. Scynra nimmt keine Rücksicht auf Callans Befinden. Und genauso unsanft, wie sie ihn erlegt hat, zieht sie den toten Wurm hervor und betrachtet ihn. Dann steckt sie den Parasiten, der noch immer ein Stückchen von Callans Muskelfleisch in seinem kleinen Mund trägt, einfach in ihre Tasche. Zur späteren, genaueren Untersuchung, wie Callan vermutet.</p>



<p>„Danke“, sagt Callan trotz seiner Qualen, „aber wäre das nicht etwas vorsichtiger gegangen? Du hast fast mehr in meinem Bein zerstört als der Wurm.“</p>



<p>„Es wird heilen“, antwortet Scynra schulterzuckend, „wir sind nicht mehr in Cestralia. Deine Naniten sollten hier wieder funktionieren. Und selbst wenn nicht: Es ist besser, ein Bein zu verlieren, als das zu erleben, was dir sonst bevorgestanden hätte. Aber das kann immer noch passieren, wenn wir nicht aufpassen.“</p>



<p>Callan versteht den Hinweis. Er setzt sich so in die Hocke, dass sein verletztes Bein möglichst wenig belastet wird, nimmt seine Waffe wieder auf und macht sich daran, etwaige Parasiten-Nachzügler auszuschalten.</p>



<p>Und auch Scynra wird von der Chirurgin sofort wieder zur Kämpferin. Und das keine Sekunde zu früh, denn schon haben sich weitere Würmer aufgemacht, ihren Verteidigungsring zu durchbrechen. Und das ist noch nicht alles. Die anderen Mitglieder des „Rudels“, die bislang abgewartet hatten, wenden nun erst ihre Köpfe, so als hätten sie irgendetwas hinter sich gehört, gesehen oder gewittert, und preschen dann ebenfalls auf die Frontlinie zu, die gefährlichen Nesselpeitschen zum Angriff erhoben.</p>



<p>Zu ihrem Glück sind mittlerweile einige der gesünderen Soldaten aus den hinteren Schlachtreihen zu ihnen aufgerückt.</p>



<p>„Helft uns, sie zu erledigen!“, ruft Makra den Neuankömmlingen zu, „aber macht sie nur bewegungsunfähig. Schießt auf ihre Beine. Nicht auf die Brutsäcke und nicht auf ihre Köpfe. Wir dürfen nicht noch mehr von diesen Viechern freisetzen.“</p>



<p>Genauso gehen sie vor. Callan, dessen Waffe nicht gerade für präzise Angriffe geeignet ist, konzentriert sich weiter darauf, verstreute Würmer zu erledigen. Während Makra und die Cestral-Soldaten die Gliedmaßen der Kreaturen bearbeiten.</p>



<p>Und diese Taktik erweist sich als ziemlich erfolgreich. Zwar ziehen sich manche der Cestral-Krieger üble Wunden zu oder werden durch die aggressiven Nesselzellen schwer entstellt, aber sie lassen sich dennoch nicht entmutigen. Gewehrfeuer, Energiestrahlen und Klingen kappen systematisch Bein um Bein, bis die Wesen zwar lebendig, aber völlig hilflos auf dem Boden liegen, wie verunfallte Autos, denen man die Reifen entfernt hat.</p>



<p>„Das wäre geschafft“, sagt Makra erschöpft, „aber was jetzt? Diese Dinger sind immer noch gefährlich und sie blockieren fast den gesamten Korridor vor uns.“</p>



<p>„Es stimmt. Es wird schwierig, da durchzukommen“, sagt ein junger, männlicher Cestral-Krieger. „vielleicht sollten wir doch besser versuchen, einen Weg über die Seuchenquelle auf der anderen Seite zu finden.“</p>



<p>„Ich habe eine bessere Idee“, entgegnet eine weibliche, silberhaarige Cestral, „wir können die Traumdrachen einsetzen. Wenn wir uns weit genug entfernen, sollten sie die Brutsäcke zerstören können, ohne dass wir in Gefahr geraten.“</p>



<p>„Das wäre immer noch zu gefährlich“, widerspricht eine Bravianerin mit wildem, buntem Haarschopf, „wir sollten besser Fienna holen. Ihre Magie könnte die Brut problemlos entsorgen.“</p>



<p>„Das würde sie völlig überfordern. Sie muss schon den Schutzschirm gegen all die gefährlichen Keime um uns herum aufrechterhalten“, gibt die Cestral zu bedenken.</p>



<p>„Wir wissen ja nicht mal, ob noch weitere wandelnde Kranke hinter diesen Viechern lauern“, meint Scynra, „ein erneuter Angriff könnte uns kalt erwischen, egal, welchen Plan wir auch verfolgen. Wir müssen uns bereit machen, notfalls einzugreifen.“</p>



<p>Ihr Argument wird schon wenige Augenblicke später bekräftigt, als sich eine kleine Gruppe von Humanoiden durch die Lücken zwischen den kampfunfähig gemachten Feinden quetscht. Es sind vielleicht etwas über ein Dutzend Leute. Sie mochten eines Tages Bravianer gewesen sein. Vielleicht auch Menschen, Deovani oder Andrin. Aber so genau lässt sich das kaum noch sagen, weil ihre Körper völlig zerfressen sind: von Krankheiten, Nekrosen, Krebsgeschwüren und eitrigen Entzündungen.</p>



<p>Die Nesselkreaturen scheinen sich nicht um sie zu kümmern, knurren sie nicht mal und versuchen auch nicht mit ihren verstümmelten Körpern nach ihnen zu schlagen oder zu schnappen. Wahrscheinlich erkennen sie diese Wanderer nicht mal mehr als Gefahr. Die Gruppe ist entkräftet, stolpert langsam und unsicher vorwärts und hält immer wieder kurz an, um sich zu übergeben, sich mit verkrampftem Gesicht einer Schmerzwelle hinzugeben, die durch ihr Nervensystem fegt, oder um in einen heftigen Hustenanfall auszubrechen. Es ist vollkommen klar, warum sie nicht zu denen gehört hatten, die den Pulk anführten. Sie mögen auf ihre Art auch wandelnde Kranke sein. Bedauernswerte Seelen, die die andere Seite des Wahnsinns betreten und sich darin verloren haben. Aber sie suchen nicht nach Rache, nicht nach Zerstörung, sondern nach Halt. Einige von ihnen halten sich sogar an den rauen, schwachen Händen, wie Blinde, die befürchten, sonst ihren Weg zu verlieren.</p>



<p>„Mein Gott, das … das kann ich nicht“, sagt Callan und sieht ratlos auf seine Waffe, „auf keinen Fall. Lieber lass ich mich in Stücke reißen … als &#8230;“</p>



<p>„Schon in Ordnung, mein Großer“, sagt Makra mitfühlend, „ich bring sowas auch nicht fertig. Ich wollte gegen die Gesunder kämpfen, nicht gegen ihre Opfer.“</p>



<p>Der Blick der Andrin wandert zu dem Schlachtfeld vor ihnen. Dort stehen nicht nur die immobilen Nesselkreaturen, die sich wütend, aber letztlich ohnmächtig winden, sondern auch Hunderte von regungslosen, zerstückelten Cestral, Andrin, Bravianern, Deovani sowie anderen humanoiden und nicht humanoiden Geschöpfen. Freund und „Feind“ sind nur noch unterscheidbar daran, wer krank und zerrissen und wer einfach nur zerrissen ist. Ein Schlachtfeld mit Gefallenen. Von der Art, wie im Multiversum täglich Zehntausende erblühten. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: Diese vermeintlich Gefallenen leben noch immer.</p>



<p>Ein altes Sprichwort besagt, dass nur die Toten das Ende des Krieges gesehen haben. Doch das stimmt nicht wirklich. Die Toten haben nur die letzte Abzweigung vor dem ultimativen Leid genommen. Das wahre Ende ist dies hier: ein unerträgliches Dasein, erfüllt von dem ständigen Bewusstsein, welches Grauen Krieg und Unterdrückung mit sich bringen.</p>



<p>„Gewalt wird auch nicht nötig sein“, beruhigt Scynra ihre Freundin, „diese Leute werden wahrscheinlich vorerst die letzten Nachzügler gewesen sein, wenn man ihren Zustand bedenkt. Und eine Bedrohung stellen sie auch nicht dar. Ich bezweifle sogar, dass sie es bis zu uns schaffen.“</p>



<p>Zumindest in diesem Punkt irrt sich Scynra. Wenigstens, was die meisten von ihnen betrifft. Einige der vierzehn Neuankömmlinge kippen tatsächlich auf dem Weg um, aber neun von ihnen schaffen es immerhin bis auf Sprechweite.</p>



<p>„Lasst uns durch! Lasst uns durch, mein Gott, bitte!“, ruft eine kleine, schmächtige Frau, in deren rot-geäderten Augen mehr Trauer und Angst als Wahn zu erkennen ist. Ihr Körper schwankt wie ein Baum im Sturm, aber sie hält tapfer die Balance. Der Gestank, der von ihr ausgeht, ist überwältigend.</p>



<p>„Alles gut“, sagt Makra sanft, „wir wollen dir nichts tun. Noch wollten wir das bei den anderen. Wir verteidigen uns nur. Mehr nicht. Du kannst gerne bei uns Schutz suchen.“</p>



<p>„Ihr versteht nicht“, sagt die Frau kopfschüttelnd, wobei sie winzige Teile ihrer krustigen Haut in der Umgebung verteilt. Es gibt keinen Schutz. Nicht mal in der größten Zahl. Sie verfolgen uns. Wir müssen weg. Einfach nur weg. Sofort!“</p>



<p>Callan fragt sich, was es sein könnte, wovor eine so kranke und übel zugerichtete Frau noch Angst haben konnte. Doch bevor er ihr diese Frage stellen kann, beginnt sie sich schon von selbst zu beantworten. Mit einem leisen, aber doch nicht unhörbaren Surren.</p>



<p>„Was ist das?“, fragt Callan verwirrt.</p>



<p>Die Frau, die zu ihnen gesprochen hat, weiß offensichtlich, worum es sich handelt. Trotz ihrer Schwäche schleppt sie sich hustend einige weitere Zentimeter näher. Hilfesuchend streckt sie ihre Hände aus. Ihre schweigenden Begleiter hingegen haben sich inzwischen hingesetzt. Zu verzweifelt, zu erschöpft, um auch nur einen Schritt weiterzugehen, auch wenn sie Anzeichen derselben Angst zeigen.</p>



<p>„Zieht mich zu euch“, fleht die Frau, „oder tragt mich. Ich kann nicht mehr …“</p>



<p>Doch Callan und Makra und die meisten Cestral-Soldaten weichen instinktiv zurück. Bei allem Mitleid wollte niemand von ihr berührt werden. Zu groß ist der Ekel und zu groß auch die Angst vor einer möglichen Ansteckung. Schutzschirm hin oder her.</p>



<p>„Macht lieber eure Waffen bereit“, rät Scynra, „was auch immer sich da nähert, könnte …“</p>



<p>Weiter kommt sie nicht. Denn just in dieser Sekunde explodieren mehrere der Nesselkreaturen in einer Wolke aus Gewebe und Blut, als sich zehn silberglänzende, große, an Viren erinnernde Kugeln einfach durch sie hindurchschieben. Die Membranen, die die Cestral so sorgfältig vermieden hatten zu zerstören, platzen nun restlos auf und setzen noch einmal Abertausende der wurmartigen Parasiten frei. Doch das ist längst nicht das Schlimmste. Weitaus schlimmer ist, was mit den Nesselwesen geschieht, die nicht zerfetzt, sondern lediglich von den Bakteroiden gestreift werden und dabei eine Injektion von ihren großen, silbernen Spritzen abbekommen. Sie brüllen bestialisch und unmenschlich laut, bevor sie binnen Augenblicken bei lebendigem Leib verfaulen und sich in einen zähen, gelben Schleim verwandeln.</p>



<p>Callan feuert, so schnell er nur kann. Er schießt wahllos auf die Nesselwesen, auf die Würmer, ja einmal sogar versehentlich auf die liegengebliebenen Schutzsuchenden. Doch vor allem konzentriert er sein Feuer auf die Kugeln mit ihren silbernen, langen Stahlbeinen. Doch während die organischen Ziele unter seinem Beschuss recht zuverlässig zerstört werden, nehmen die Kugeln nur wenig Schaden. Manche taumeln oder werden zurückgeschleudert. Andere springen wie mäandernde Flummis durch die Höhle und entgehen seinen Schüssen, doch nicht eine einzige von ihnen wird ernsthaft beschädigt.</p>



<p>„Das sind Bakteroiden. Lauft!“, bringt Scynra noch heraus. Dann geht ihre Stimme in dem nachfolgenden Chaos unter, während sie in die Menge der Soldaten eintaucht, bestrebt, so weit wie möglich vor den gefährlichen Apparaturen zu fliehen. Nicht wenige, egal ob Cestral oder „Dunkelweltler“, folgen ihrem Beispiel.</p>



<p>Callan aber zögert noch. Er hat sich in Cestralia bereiterklärt, sich an diesem Befreiungskampf zu beteiligen. Er will nicht einfach feige fliehen. Immerhin kämpft er hier endlich aus Überzeugung für eine gute Sache und nicht aus Zwang oder wirtschaftlicher Not. Also bleibt er vorerst, genau wie auch Makra, und dass obwohl seine Wunden, wie von Scynra prophezeit, bereits verheilt sind. Callan blickt sich um und stellt erleichtert fest, dass sie nicht die Einzigen sind, die so denken.</p>



<p>Auch einige der Cestral, Bravianer und Angehörige weiterer Völker stellen sich den Bakteroiden mutig entgegen. Sie feuern ihre Schusswaffen auf sie ab, bewerfen sie mit Granaten und Energieblitzen oder suchen nach einer Lücke, in die sie ihre Speere stoßen können. Doch genauso gut hätten sie sich einem fahrenden Zug in den Weg stellen können. Die Robustheit und Schnelligkeit der Bakteroiden wird nur von ihrer Rücksichtslosigkeit übertroffen.</p>



<p>Gerade die Enge der Höhle und die große Zahl der Cestral-Soldaten wird ihnen hier zum Verhängnis. Viele von ihnen werden von den metallischen Infektionsmaschinen regelrecht plattgewalzt und bleiben mit zerdrückten Köpfen oder gebrochenen Knochen liegen. Und das sind noch die Glücklicheren. Eine junge, dunkelhaarige Deovani zum Beispiel entgeht einem Angriffsmanöver der silbernen Kugeln um Haaresbreite und beschließt, ihr Glück auszunutzen. Sie richtet ihre großkalibrige Kanone direkt auf eine der Stellen, an der die metallenen „Beine“ des Apparats aus dem Korpus herausragen, und drückt ab. Ihr Kalkül geht auf. Das Projektil der rückstoßoptimierten Waffe donnert hallend gegen das Metall und zerbricht nicht nur das Beinchen am Gelenk, sondern schlägt auch eine große Delle in den Körper des Bakteroiden. Der Triumph von Frinscha Geber, wie die Frau heißt, ist groß. Denn in Deovan hat sie gelernt, dass man seine seltenen Erfolge auskosten sollte und dass Bescheidenheit keine Tugend ist. Und ihr kurzer Aufenthalt in Cestralia hatte ihr diese Überzeugung nicht genommen. Leider ist dieser spezielle Triumph aber sogar noch flüchtiger als die, die sie bisher erlebt hat.</p>



<p>Er endet mit einem kurzen Piekser in ihrem Arm. Kaum schlimmer als der Stich eines Insekts. Und doch um ein Vielfaches gravierender in seinen Konsequenzen. Mit Entsetzen beobachtet sie, wie ihre Arme auf die doppelte Größe anschwellen, knallrot werden und sich dicke, pralle Blasen darauf bilden, aus denen schwarzgrüne Flüssigkeit hervorsprudelt. Sie spürt einen heftigen, reißenden Schmerz und ein unerträgliches Jucken in ihrem Körper. Doch nur für einen Augenblick.</p>



<p>Dann wird alles taub. Und kurz bevor sich ihre Netzhaut ablöst und ihre Ohren den Dienst versagen, hört sie das Geräusch von herabfallendem Fleisch und brechenden Knochen. Doch für sie klingt es nicht danach. Für sie klingt es wie eine Tür, die jemand zugeschlagen hat. Die Tür zu ihrem eigenen, inneren Kerker.</p>



<p>Frinscha ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Die Tiefenverseuchung trifft erst Dutzende und dann Hunderte. Nur wenige schmelzen und denaturieren so extrem wie die Nesselkreaturen. Und einige von ihnen bleiben sogar noch bei Sinnen oder sogar bewegungsfähig und werden lediglich zu erbärmlichen Wracks mit der Kraft von greisen Männern. Manche Leute haben einfach unverschämtes Glück.</p>



<p>Doch am glücklichsten sind die Feigen, Vernünftigen oder Schnellen, die rechtzeitig den Rückzug antreten und der Zerstörungswut der silbrigen Erreger-Schleudern vorerst entgehen. Ihnen schließt sich jetzt auch Callan an, der Frinschas Schicksal aus nächster Nähe miterlebt hatte. Auch wenn er ihren Namen nicht kennt, so gehört für ihn nicht viel Fantasie oder Empathie dazu, sich in die Deovani hineinzuversetzen und ihr grausiges Los als seine eigene Zukunft zu erkennen.</p>



<p>Vielleicht wäre Callan dennoch geblieben. Gerade deswegen. Weil er genug davon hat, immer nur an sich zu denken. Aber Makras Blick und die mögliche Zukunft, die er darin erkennt, bringen seinen schwankenden Willen endgültig zum Kippen. Als sie ihn an der Hand nimmt, vergisst er seinen Stolz und – zumindest für den Augenblick – auch seine Prinzipien. Er rennt. Und Makra mit ihm. Genau wie zuvor Scynra versuchen die beiden, sich in Sicherheit zu bringen. Vor einem Schicksal, das weit schlimmer ist als der Tod.</p>



<p>So bekommen weder er noch Makra etwas von einem der wenigen wirklichen Erfolge ihrer Streitkräfte mit. Von jener Handvoll verwegener Bravianer, gesegnet mit der richtigen Ausrüstung, denen es mit einem Sperrfeuer aus ihren Schattenstrahlern tatsächlich gelingt, einen der Bakteroiden zu zerschmettern.</p>



<p><br>Ein Spektakel, ohne Frage. Und heldenhaft noch dazu. Doch letztlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Und das erkennen auch die beteiligten Bravianer, ob nun bewohnt von einem Kwang Grong oder nicht. Denn als kurz nach ihrem ersten Erfolg gleich drei weitere Bakteroiden den Platz des zerstörten Exemplars einnehmen, nehmen auch sie die Beine in die Hand.</p>



<p>~o~</p>



<p>Fienna fühlt sich, als wäre sie in einer Albtraumschleife gefangen. Es ist kaum zwei Tage her, dass sie hatte miterleben müssen, wie Tausende in einem grausamen und sinnlosen Kampf gestorben waren, und nun durchlebt sie es erneut.</p>



<p>Sie ist nicht länger eine Herrscherin. Diese Verantwortung hat sie abgegeben. Und ihre Leute brauchten sie auch gar nicht. Sie agieren schlau, verhindern ganz dezentral, dass sich irgendeiner der Fliehenden aus lauter Panik über die Seuchenquelle wagt, und versuchen, einen Gegenangriff mit den Traumdrachen einzuleiten. Auch dass sie überhaupt von der Lage an der Front erfahren hat, hat sie dem spontan errichteten Kommunikationsnetz zu verdanken, das über eine wilde Mischung unterschiedlicher Technologien, Telepathie und laufende Boten funktioniert. Ein System, das erstaunlich effektiv ist. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die meisten konventionellen Funksysteme in den Seuchenhöhlen nicht funktionieren.</p>



<p>Auf diese Selbstorganisation ist sie sehr stolz, aber sie bereitet ihr auch Kummer, denn sie kann es kaum ertragen, ihren Freunden nicht im Kampf helfen zu können. Sie weiß natürlich, dass ihr Eingreifen eher schaden als helfen würde. Wenn sie fällt, würde der schützende Immunschild, den sie geschaffen hatte, zusammenbrechen und dann wäre ihr Befreiungskampf endgültig verloren. Sie muss sich also möglichst aus dem Kampf heraushalten. Dass sie in dieser Sache so unersetzbar ist, hat vor allem damit zu tun, dass die anderen magiebegabten Cestral ihr ihre magischen Kräfte übertragen hatten, damit ihre Macht groß genug war, um der immensen Keimbelastung in den Seuchenhöhlen zu widerstehen. So eine Übertragung geschieht äußerst selten, aber die Umstände sind wohl durchaus als außergewöhnlich zu bezeichnen.</p>



<p>Sie ist eine der mächtigsten Magierinnen ihres Volkes. Dessen ist sie sich bewusst. Aber sie kennt auch ihre Grenzen. Wenn sie das Risiko eines Kampfes eingehen würde, wäre sie jenseits ihrer körperlichen Kampfkünste keine große Hilfe. Fienna weiß nicht genau, wie groß ihre magische Kraft gerade ist. Aber selbst wenn ihre Reserven es erlauben würden, weitere Zauber zu wirken, wäre das Risiko dennoch enorm. Sollte sie sich überschätzen und ihr Schutzschirm zusammenbrechen, wäre das eine Katastrophe. Denn sie würde den Zauber auf diese Weise kein zweites Mal wirken können. Das ist nun mal das Wesen ihrer fantasiebasierten Magie.</p>



<p>So bleibt ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten und in die Ferne zu starren, wo sie die Traumdrachen träge, aber majestätisch mit ihren mächtigen, ätherischen Schwingen zur Front fliegen sieht. Dorthin, von wo sich die meisten Cestral und „Dunkelweltler“ gerade schlauerweise zurückziehen. Die Drachen sind ihre große, wenn nicht sogar letzte Hoffnung auf das Gelingen dieser katastrophalen Fehlentscheidung von einer Mission. Fienna weiß inzwischen, dass die Bakteroiden zwar nicht ganz, aber fast unzerstörbar sind. Und die Flucht über die Seuchenquelle würde ein Blutbad werden.</p>



<p>Der Erfolg oder Misserfolg der Traumdrachen ist also entscheidend. Entsprechend nervös und unruhig ist sie. Leider kann Fienna von ihrer Position aus nicht sonderlich viel von der Schlacht erkennen. Die Höhle ist elend lang, auch wenn kaum zehn Leute in ihrer Breite Platz finden. Und ihre Stellung verlassen kann sie nicht. Aber vielleicht würde etwas anderes gehen. Sie weiß, dass es wahrscheinlich keine gute Idee ist und dass sie lieber auf die Berichte warten sollte. Aber Fienna ist keine Heilige und das Wirken eines geringeren Zaubers ist vielleicht ein kalkulierbares Risiko. Also verdrängt sie den Gedanken an den möglichen Zusammenbruch des Schilds. Genauso wie den, dass die Fernsicht etwas ist, das sie in anderen, zukünftigen Situationen sicher besser gebrauchen könnte. All das schluckt sie hinunter und opfert es ihrer Neugier. Sie konzentriert ihr ganzes Wesen in die Ferne, jenseits ihrer direkten Sicht, und hängt sich an den vordersten der Traumdrachen, während ein winziges Stück ihrer Macht aus ihr herausfließt.<br><br>Es funktioniert genau wie erhofft. Wie eine unsichtbare Passagierin schwebt sie durch die Luft und fliegt gemeinsam mit den anderen Traumdrachen über die Köpfe der Soldaten hinweg. Dabei erblickt sie für einen Moment sogar Callan und Makra, jene Gefährten aus ihrem letzten Abenteuer, die sich panisch in die Menge zurückziehen. Allein dieser Anblick lässt Fienna erschaudern. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Leute keine Feiglinge sind. Dass sie nur fliehen würden, wenn ein Kampf quasi aussichtslos ist. Immerhin hatten sie gemeinsam einen Planetenkrebs besiegt. Sie fliegt noch ein Stück weiter und sieht die Toten, die nicht tot sind. Hunderte von zerquetschten, aber belebten Körpern. Opfer, von denen sie bereits gehört hat. Aber so etwas zu sehen ist immer etwas gänzlich anderes.<br><br>„Wir müssen sie hier rausbringen“, schwört Fienna sich leise, „wenn wir sie nicht heilen können, müssen wir sie wenigstens dorthin bringen, wo sie sterben dürfen.“<br><br>Dann erblickt sie die Bakteroiden und dieser Gedanke rückt weit nach hinten. Die Bakteroiden sind fast unscheinbar. Groß natürlich und auf ihre Weise martialisch. Aber nicht halb so bedrohlich aussehend wie manche der wandelnden Kranken, die sie in ihrer unerträglichen Pein angegriffen hatten. Und auch nicht wie jene Driggdonn-Panzer oder anderes Kriegsgerät, von denen ihr so mancher „Dunkelweltler“ berichtet hatte. Aber was ihre Erscheinung an Bedrohlichkeit vermissen lässt, machen ihr Verhalten und ihre Effizienz wieder wett. Sie bewegen sich völlig unvorhersehbar und rasend schnell. Und allein sie zu treffen scheint einer unmöglichen Herausforderung gleichzukommen.<br><br>Zum Glück sind die Traumdrachen nicht machtlos. Sie sind Geschöpfe gestaltgewordener Fantasie und auf ihre ganz eigene Art furchterregend und kreativ. Das beweist auch das Exemplar, an dessen Rücken sie sich geheftet hat.<br><br>Anders als seine Artgenossen, deren Angriffe kaum mehr Schaden bewirken als die der Cestral- oder „Dunkelwelt“-Soldaten, hält sich „ihr“ Drache nicht damit auf, Feuer oder Energie zu speien oder seine Krallen und Zähne einzusetzen. Stattdessen nutzt es die Flexibilität seiner nicht gänzlich festen Gestalt und öffnet sein Maul über die Maßen weit. Dann schießt er in einer wendigen Drehbewegung nach unten und schnappt zu, als einer der Bakteroiden direkt unter ihm ist. Die silberne Monstrosität wird gänzlich von seinen Fängen umschlossen. Wie ein gefangener Fisch zappelt sie im Netz seines Mauls. Und ihre metallenen Arme schlagen hilflos gegen die halbstoffliche Haut des Traumdrachen, der nun unter Beweis stellt, dass er durchaus auch Teil der physikalischen Welt ist. Ansatzlos ziehen sich Muskeln und Gewebe wieder zusammen und beginnen, den Bakteroiden zu zerquetschen. Schon binnen weniger Augenblicke ächzen die Ärmchen unter dem gewaltigen Druck und Fienna ist einem Triumphschrei nahe.<br><br><br>Dann aber sticht die feine Spritze des Bakteroiden zu und ändert alles.<br><br>Einen Moment lang geschieht gar nichts. Dann aber, gerade als Fienna realisiert, dass dieser Stich das Ende der Gesundheit und Kampfkraft des Drachen bedeuten könnte, erfährt sie, dass sie mit dieser Annahme auf fatale Weise falschliegt.<br><br>Oh ja, auch der Drache schwillt an, bildet Geschwüre aus und wird mit Pocken und Pusteln übersät. Aber weder stürzt er dabei ab noch lässt er sich kontrolliert auf dem Boden nieder, um sich seinem Elend zu ergeben oder seine Wunden zu inspizieren.<br><br>Vielmehr öffnet er sein gewaltiges Maul, entlässt den Bakteroiden, so als würde der Kontakt mit ihm ihm unerträgliche Schmerzen bereiten, dreht um und fliegt direkt auf die fliehenden Cestral und „Dunkelweltler“ zu. Nicht länger als ein Verbündeter, sondern als eine neue, schreckliche Bedrohung.<br><br>Mein Gott, denkt Fienna entsetzt, das kann nicht sein.<br><br>„Lasst sie umkehren!“, ruft sie, „lasst sie sofort umkehren!“<br><br>Doch die Cestral um sie herum reagieren nur mit Verwirrung darauf. Kein Wunder, immerhin können sie ja nicht ahnen, dass Fienna die Fernsicht verwendet.<br><br>Als auch Fienna das bewusst wird, versucht sie, ihre Perspektive zu verlassen und wieder zu ihrem Körper zurückzukehren. Doch das glückt ihr genauso wenig, wie es ihr gelingt, ihre Warnung weiter zu erklären. Zu stark ist der Sog der Szenen, derer sie gewahr wird. Wie hypnotisiert verfolgt sie, wie der infizierte Traumdrache seinen Mund öffnet und einen roten Energiestrahl auf eine überraschte Rorak-Frau abfeuert, die kurz stehen geblieben war, um etwas Atem zu holen. Der vor Staunen offenstehende Mund der Frau wird noch offener, als der Energiestrahl die gesamte obere Hälfte ihres Kopfs absäbelt und sie so auf einen Schlag aller höheren Hirnfunktionen beraubt.<br><br>Diese Szenen sind schrecklich. Grauenhaft. Und wieder einmal hat Fienna das Gefühl, dass etwas in ihr zerbricht. Solch ein Ausmaß an Schrecken sollte nirgends im Multiversum existieren. Und dennoch tut er es und sie ist direkt in seinem Zentrum. Doch die ultimative Verstümmelung der Rorak ist noch nicht das Schlimmste Der wahre Schrecken geht von den infizierten Traumdrachen aus.<br><br>Denn anders als die scharf konturierten Energiestrahlen gewöhnlicher Traumdrachen sind die der tiefenverseuchten Bestien schlierig und von feinem roten Staub umgeben, der sich diffus in der Umgebung verbreitet. Es dauert nicht lange, bis einige Nachzügler direkt durch diese Wolken laufen und sie einatmen. Nur wenige Sekunden später beginnen sie zu husten, zu taumeln, sich zu übergeben oder kreidebleich zu werden. Mit anderen Worten: Sie werden krank und das ganz ohne die Berührung der Bakteroiden.<br><br>Ist mein Schutzschirm gefallen?, fragt sich Fienna, aber sie selbst fühlt sich – zumindest körperlich – nach wie vor gut. Vielleicht hat ihr Zauber nur an Kraft verloren. In diesem Fall wäre es ihre eigene alberne Neugier, die diese armen Leute zu einem grausigen Schicksal verdammt hat. Schuldbewusst versucht sie mit aller Macht, aus ihrer Fernsicht zurückzukehren und die Perspektive des verseuchenden Traumdrachen endlich zu verlassen, aber es will ihr nicht gelingen. Egal, wie sehr sie es auch versucht. Es ist, als wäre sie an dieser neuen Perspektive festgewachsen.<br><br><br>„Fienna, verdammt! Werd endlich wach“, vernimmt Fienna plötzlich Makras Stimme. Und endlich … endlich ist der Bann gebrochen. Sie sieht wieder durch ihre eigenen, physischen Augen. Doch es ist nicht Makras Stimme gewesen, die sie in ihren Körper zurückgeholt hat, sondern ein scharfer Schmerz in ihrem Rücken.<br><br>„Autsch!“, sagt sie, als sie die blutigen Striemen an ihrem Rücken betastet.<br><br>„Tut mir leid“, kommentiert Makra schulterzuckend, „anders habe ich dich nicht wach bekommen. Du hattest deine scheiß Augen nach innen verdreht. Es war echt gruselig.“<br><br>Die Andrin steht neben Callan und Scynra. Alle drei wirken erschöpft, aber kerngesund, wie Fienna erleichtert feststellt.<br><br>„Es war sicher nicht so gruselig wie das, was ich gesehen habe“, sagt Fienna düster, „die Traumdrachen …“<br><br>„Wir haben sie schon zurückgerufen“, sagt eine muskulöse Cestral-Kriegerin mit dunklen, traurigen Augen, „leider sind sie nicht alle zurückgekommen. Sie müssen anscheinend kampfunfähig …“<br><br>„Es ist schlimmer“, eröffnet Fienna, „ich … sie sind infiziert. Von den Bakteroiden. Und die Infektion macht sie völlig wahnsinnig. Sie greifen unsere eigenen Leute an und geben ihre Krankheit weiter. Trotz meines Schutzschilds. Es ist meine Schuld … ich habe Fernsicht verwendet und so meine magische Macht geschwächt. Ich habe unsere Mission gefährdet und die Gesundheit unserer Brüder und Schwestern, nur wegen meiner eigenen Schwäche.“<br><br>Die anwesenden Cestral sehen sie zwar nicht wütend, aber doch enttäuscht an, was für Fienna noch viel schlimmer ist. Aber bevor sie ihre Reue in weitere Worte kleiden kann, mischt sich Scynra ein.<br><br>„Dich trifft keine Schuld, Fienna“, erklärt sie, „die Bakteoriden sind in der Lage, andere Wesen tiefenzuverseuchen. Falls die Traumdrachen zumindest teilweise dagegen immun sind – und das müssen sie sein, wenn sie noch zu einem Angriff auf unsere Leute in der Lage waren –, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie die Tiefenverseuchung weitertragen können. Es hat also nichts mit deinem Zauber zu tun. Er mag die gewöhnlichen Krankheiten von Hyronanin abwehren, aber gegen diese Form der Infektion ist er machtlos.“<br><br>„Trotzdem habe ich mit dem Leben meiner Leute gespielt“, beharrt Fienna, „das ist unverzeihlich.“<br><br>„Schuldzuweisungen bringen uns jetzt nicht weiter“, sagt Callan, „es ist, wie es ist. Und wenn ich das richtig verstanden habe, haben wir es jetzt nicht nur mit fast unzerstörbaren Seuchenschleudern, sondern auch noch mit fliegenden Seuchenschleudern zu tun. Was tun wir dagegen?“<br><br>„Es gibt eine Möglichkeit“, verkündet ein männlicher Cestral in einem weiten, bunt verzierten Umhang, „offenbar haben einige Bravianer es geschafft, einen Bakteroiden zu zerstören, indem sie Schattenstrahler verwendet haben.“<br><br>„Das ist doch großartig“, sagt Callan, „immerhin mal gute Nachrichten.“<br><br>„So großartig ist das nicht“, sagt Makra, „diese Dinger sind teuer und selbst in Braviania selten anzutreffen. Außerhalb von dort sind sie noch seltener zu finden. Jedenfalls hab ich das mal gehört. Die Exilanten dürfen sie nur mit Erlaubnis der höchsten Stellen mit sich führen. Dass jemand zusammen mit einer solchen Waffe nach Cestralia gelangt, ist also schon ein Riesenglück.“<br><br>„Das klingt logisch. Niederschmetternd, aber logisch. Wie viele Leute mit diesen Waffen gibt es denn in unseren Reihen?“, fragt Callan.<br><br>„Vielleicht ein knappes Dutzend, falls sie denn noch in ihrem Besitz sind“, vermutet Fienna, „aber trotzdem sollten wir sie finden und versammeln … und … oh nein!“<br><br>Fienna bricht ab, als sie eine Welle von panischen Schreien aufbrausen hört. Anders als zuvor brauchte sie keine magische Hilfe, um den Grund dafür zu erkennen: Mehrere der infizierten Drachen schweben bedrohlich an der Höhlendecke, verunstaltet mit Beulen, Pusteln und grausamen Verwachsungen, und speien ihre verseuchten Energiestrahlen in die zusammengepferchte Menge, während am Boden die Bakteroiden ihr Zerstörungswerk verrichten. Wie gigantische, finstere Murmeln, die jegliches Leben in ihrem Weg in eine Ruine verwandeln.<br><br>Jene Soldaten der Cestralia-Armee, die noch nicht tiefenverseucht oder in Panik geflohen sind, konzentrieren ihr Feuer jetzt auf die Traumdrachen. Anders als die Bakteroiden sind sie immerhin verletzlich und so regnet es schnell transparentes Blut und feinen Eiter, als Kugeln, Pfeile und Energiestrahlen die Flügel und Körper der Drachen durchschlagen. Doch auch das scheint nicht die beste Strategie zu sein. Nicht nur verbreiten die Körperflüssigkeiten der verletzten Flugkreaturen die Tiefenverseuchung fast ebenso effektiv, wie es ihre Energiestrahlen tun, es gelingt den Soldaten auch nur selten, die Flugwesen wirklich in ihrem Fieberwahn zu stoppen. Trotz vielfacher Wunden fliegen viele von ihnen ungerührt weiter.<br><br>Dennoch stellen die Krieger den Beschuss nicht ein. Etwas Schädliches zu tun fühlt sich eben manchmal immer noch besser an, als überhaupt nichts zu tun.<br><br>„Was sollen wir jetzt machen?“, ruft Makra frustriert, „das bringt doch alles nichts. Diese Bakteroiden-Dinger sind unverwundbar, unsere Waffen sind für den Arsch und auf die Traumdrachen ist auch kein Verlass. Warum hast du uns nicht davor gewarnt, Scynra? Warum hast du uns nicht gesagt, dass wir keine Chance haben würden?“<br><br>„So aussichtslos war die Lage nicht gewesen, als ich Hyronanin verlassen habe“, verteidigt sich die Gesunderin, „die Bakteroiden waren schon immer widerstandsfähig gewesen, aber nicht praktisch unüberwindbar. Unsere Forscher müssen sie deutlich optimiert haben.“<br><br>„Ein Hoch auf die Innovation“, sagt Makra sarkastisch und verdreht die Augen, während sie ihre Hände nervös zu Fäusten ballt, „Arrrghhh … Fuck … ich muss irgendwas … irgendwen kratzen, sonst werde ich wahnsinnig. Ernsthaft!“<br><br>Sie sieht zu Callan, der sie erst verwirrt ansieht und dann begreift. Vorsichtig nickt er und Makra geht kurzerhand zu ihm und zieht ihm ihre Nägel so fest über den Nacken, dass sie blutige Striemen hinterlässt.<br><br>„Danke!“, sagt sie zufrieden seufzend, „nun ist es besser.“<br><br>Die anderen sehen die beiden peinlich berührt an. Aber die Situation ist viel zu absurd, um sie zu kommentieren.<br><br>„Könntest du deine Magie nicht nutzen, um die Seuchenquelle zu überwinden?“, überlegt Callan, der sich ebenfalls unwohlfühlt und froh ist, über etwas anderes sprechen zu können.<br><br>„Dann werden wir alle krank“, sagt Fienna, „außer dir womöglich. Aber selbst darauf würde ich nicht wetten.“<br>„Besser krank werden, als in Stücke gerissen oder verbrannt zu werden“, entgegnet Callan.<br><br>„Das sagst du jetzt, wo du gesund bist“, meinte Scynra. „wenn du dir erst die Eingeweide aus dem Leib kotzt, wirst du anders darüber denken. Hast du Deinen Pilzbefall schon vergessen? Er wohnt noch immer in dir. Ich wäre mir an deiner Stelle nicht so sicher, dass die Naniten mit einer mehrfachen Infektion klarkommen.“<br><br>Callan nickt wortlos und blickt nachdenklich zu Boden.<br><br>Fienna jedoch erkennt, dass Callan trotz allem recht hat. Sie alle würden hier drin früher oder später zerquetscht oder verbrannt werden. Aber wenn sie den Schutzschirm fallen lässt, um ihnen einen Weg durch die Quelle zu bahnen, würde sie ihn nicht wieder aufbauen können. Weder sie noch irgendjemand sonst. Deshalb gibt es eigentlich nur eine Option.<br><br>„Ich bringe uns zurück“, entscheidet Fienna, „dieser Kampf ist verloren und unsere Rache ist nicht wichtiger als unsere Gesundheit. Wenn ich den Zauber schnell genug wechsle, kann ich uns alle nach Cestralia bringen, ohne dass wir uns infizieren.“<br><br>„Das ist nicht deine Entscheidung. Du bist nicht mehr unsere Herrscherin“, widerspricht eine in der Nähe stehende, verbissen aussehende Cestral, der es eben erst gelungen ist, einen der infizierten Traumdrachen aus der Luft zu holen, „was ist mit den Kranken, willst du sie etwa zurücklassen? Oder jene, die hier für alle Ewigkeit in kleinen Stücken auf dem Boden liegen müssen?“<br><br>„Nein“, sagt Fienna mitfühlend, „selbstverständlich nicht! Ich werde jeden von ihnen mitnehmen, damit wir sie heilen oder wenigstens in Würde sterben lassen können.“<br><br>Doch die Cestral bleibt hartnäckig. „Dann wirst du das Todesurteil für unsere Heimat unterschreiben“, sagt sie, „du wirst all diese Seuchen nach Cestralia bringen. Zu all jenen, die zurückgeblieben sind. Willst du das wirklich?“<br><br>Fienna will etwas erwidern, aber ihr fällt nichts ein. Gar nichts. „Scheiße!“, sagt sie nur, lässt sich auf den Boden sinken und vergräbt ihr Gesicht in den Händen, während die Kampf- und Schmerzensschreie ihrer Leute die Höhle füllen, „gibt es denn keine Hoffnung?“<br><br>Plötzlich öffnet sich, gleich einer Schiebetür, neben ihr die Wand. Dort erblickt sie einen jungen Käfer-Humanoiden mit Wasserkopf, der neben drei übel zugerichteten Bravianern steht. Dahinter, halb im Schatten verborgen, sind noch weitere Personen zu erkennen. Sie alle sehen wirklich schrecklich aus, aber jeder von ihnen scheint bei Verstand und einigermaßen kräftig zu sein.<br><br>„Doch, es gibt Hoffnung. Ausnahmsweise“, sagt der Käferjunge fröhlich, „aber damit es so bleibt, dürft ihr nicht fortgehen. Auf keinen Fall. Wir können euch helfen, die Bakteroiden aufzuhalten! Aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“<br><br>Sowohl Fienna und Makra als auch Scynra und die anwesenden Cestral sehen die Neuankömmlinge mit offenem Mund an. Nur Callan trägt ein fast amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Eines habe ich durch meine Zeit mit Clary gelernt“, sagt er verschmitzt, „Wunder sollte man annehmen.“<br><br>~o~<br><br><br><br><br>Genau wie bei meinem Hinübergleiten in meine Vision bemerke ich auch bei meiner Rückkehr dank des widerlichen Geruchs der Leichenhaut kaum, dass mein Bewusstsein erneut die Welt gewechselt hat. Und es ist nicht allein der Geruch, der Parallelen aufweist.<br><br>Meine Lage hier ist ähnlich aussichtslos wie die der Cestral, die Bedrohungen der Umwelt nicht viel geringer und auch die meisten der Leute in dieser Welt sind auf ihre Art genauso grausam wie die Gesunder. Das hat Krimara eben erst eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Aus der umgänglichen, herzlichen Frau scheint binnen eines einzigen Todes schon eine eiskalte herrische Tyrannin geworden zu sein.<br><br>Immerhin wurde ich weder aufgefressen noch zerrissen oder erneut in der kalten Erde verscharrt. Und nicht nur das. Ich bin sogar wieder in der Lage, mich ganz normal zu bewegen. Wie lange schon, das kann ich nur mutmaßen. Aber offenbar habe ich sehr wenig Kontrolle über meine Visionen und diese werden noch dazu immer eigenartiger. Dass ich Tarena oder Andy dabei über die Schulter schaue, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber Callan? Ihn hab ich nur ein einziges Mal – noch dazu in einer anderen Gestalt – in Deovan getroffen. Und da konnte er mich nicht mal leiden. Das zeigt eindeutig, dass es Any bei diesen Visionen nicht darum geht, meine Neugier zu befriedigen oder mein Seelenheil zu bewahren. Es geht allein darum, Any Informationen zu liefern und mich wissen zu lassen, was ich für die Erfüllung ihrer Missionen wissen muss. Um nichts anderes. Meine Gefühle sind in dieser Angelegenheit scheißegal. Das bedeutet jedoch leider nicht, dass sie nicht involviert sind.<br><br>Es beschämt mich, zu sehen, wie Callan, der mich verabscheut, sich unterm Strich als besserer Mann erweist, als ich es je war. Vor allem schmerzt es mich aber, die Cestral zu sehen. Umso mehr, als letztlich ich es gewesen bin, der sie in diese Lage gebracht hat. Erst habe ich die Seuchenhöhlen zu ihnen gebracht und nun – zumindest indirekt – sie in die Seuchenhöhlen. An einem Ort, an dem sie, wenn es schlecht läuft, für alle Ewigkeit leben und leiden müssen.<br><br>Ich dachte, ich hätte zumindest ein Stück weit meinen Frieden mit meinen Taten gemacht, nach all der Buße und Selbstkasteiung in Uranor und auch danach. Aber das habe ich nicht. Und ich werde es auch ganz bestimmt nicht dadurch erreichen, dass ich Besserung gelobe und versuche, die Vergangenheit in mir zu vergraben. Ich muss mich mit den Cestral konfrontieren und mich ihrem Urteil beugen. Nicht juristisch natürlich. Weder habe ich Lust, ein weiteres Mal in einem Gefängnis zu landen, noch mein Leben auszuhauchen. Aber zumindest im moralischen Sinne. Ich muss es aushalten, bespuckt und mit Vorwürfen überzogen zu werden. Und ich muss versuchen, denen zu helfen, deren Leben ich ruiniert habe.</p>



<p>Das ist vielleicht ein komischer Gedanke an solch einem Ort und in solch einer Lage. Aber vielleicht gibt es auch keinen passenderen Ort dafür als Luth Nomor. Eine Welt, in der man ständig mit seiner Endlichkeit konfrontiert ist. Jedenfalls verspreche ich mir still, Cestralia aufzusuchen, sobald sich noch einmal die Gelegenheit dazu ergibt.<br><br>Dann, so als wäre dieser Schwur nötig gewesen, um nach der äußeren auch die innere Lähmung abzuschütteln, beginne ich endlich damit, diese abscheuliche Leichenhaut loszuwerden. Es ist eine widerliche und mühsame Arbeit, da sich das Gewebe nur schwer zerreißen lässt und ich mein Pendel nicht zur Hilfe nehmen kann, ohne mich selbst zu verletzen. Doch letzten Endes gelingt es mir, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich den Geruch noch lange Zeit mit mir herumtragen werde.<br><br>Nun, wo endlich wieder meine eigene, extrem verschwitzte Haut mit der Außenwelt konfrontiert ist, erscheint mir Luth Nomor mit einem Mal ziemlich kalt. Das liegt sicher auch daran, dass ich unter meinem Leichenkostüm nur eben jene bloße Haut und eine Unterhose trage.<br><br>Doch die Kälte ist gerade mein geringstes Problem. Ich bin nackt in einer feindlichen Welt. Allein und ohne verlässliche Verbündete. Und dank Anys unsichtbarer Kette auch ohne die Möglichkeit, sie zu verlassen, selbst wenn ich im Moment nichts lieber tun würde.<br><br>Klar, ich bin nicht ohne Option. Ich kann theoretisch versuchen, mich an Krimaras Mutter zu wenden, und darauf hoffen, dass sie weniger launisch und etwas verlässlicher ist als ihre Tochter. Aber das ist riskant. Selbst dann, wenn ich bei ihrem Unterschlupf auf sie warte. Immerhin könnte ich dabei Krimara oder irgendeiner anderen Hochnatorin begegnen, die mir nicht freundlich gesinnt ist. Davon abgesehen hatte Krimara ja angedeutet, dass ihre Mutter das Eindringen in die Todesfestung nicht gutheißen wird, und damit wäre die Suche nach der Totenuhr, die Any begehrt, sofort gescheitert und ich bliebe in dieser Welt gefangen.<br><br>Aber ohne eine Hochnatorin kann ich auch nicht in die Totenfestung vordringen, in der sich die Uhr befindet, falls Krimara zumindest in dieser Hinsicht die Wahrheit gesprochen hat.<br><br>Was also dann tun? Soll ich mich einfach heimlich in die Stadt schleichen, einer Hochnatorin mit einem Knüppel eins überbraten, sie in einen Sack stopfen und sie zwingen, mir den Eingang der Festung zu öffnen? Wohl kaum. Da ist es sogar noch weniger riskant, einfach auf die Rückkehr von Krimaras Mutter zu hoffen und …<br><br>Wieder ist es ein Geräusch, das meine Gedanken und Schritte auf andere Bahnen lenkt. Und zwar nicht irgendein Geräusch, sondern ein Schluchzen von jener Art, wie ich sie selbst gut genug kenne: wehleidig und voller Selbstmitleid.<br><br>Ich beschließe, das zu untersuchen, lasse die ekelhaften Hautreste zurück und folge leise und vorsichtig dem Schluchzen, während ich mein Pendel verteidigungsbereit vor mich halte. Schon nach kurzer Zeit sehe ich eine dunkel gekleidete Gestalt zusammengesunken hinter einem großen Grabstein kauern. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkenne ich schnell, dass es sich nur um Krimara handeln kann. Instinktiv versteife ich mich und überlege, umzukehren, aber sie hat mich bereits bemerkt.<br><br>„Adrian, dem Leben sei Dank!“, sagt sie verweint, wendet den Kopf und sieht mich an. In ihrem Gesicht ist keine Strenge mehr und auch kein Hass. Sie wirkt fast wieder wie vor der Verwandlung. Nur etwas blasser, trauriger und weniger strahlend, „es tut mir so leid, wie ich mich verhalten habe. Ich hätte dich warnen können, dass so etwas passieren kann. Das Wiedererwachen funktioniert nicht immer ohne Komplikationen. Manche werden danach eiskalt oder sogar bösartig, selbst wenn sie den Prozess noch nicht oft durchlebt haben.“<br><br>„Ich will jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielen“, sage ich, während ich Krimara skeptisch ansehe, „aber wenn du es bereust, wäre es dann nicht nett gewesen, mich zu wecken, anstatt mich wie ein leckeres Buffet-Gericht auf diesem Friedhof des Wahnsinns stehenzulassen?“<br><br>„Ich habe über dich gewacht“, sagt sie verteidigend und überzeugender sogar, als sogar ich es in ihrer Situation gekonnt hätte, „und wecken konnte ich dich einfach nicht. Und du hast dich nicht bewegt, obwohl ich deine Starre gelöst habe. Dieses Pendel hatte dich fest im Griff. Außerdem hat dir die Haut Sicherheit gegeben. Kaum etwas in Luth Nomor greift einen an, wenn man sich als Toter tarnt. Du hättest die Haut nicht zerstören dürfen!“<br><br>„Oh, Entschuldigung“, entgegne ich, „das hätte ich natürlich ahnen können. Tut mir leid, dass ich das gute Stück beschädigt habe. Ich kann es gerne wieder zusammennähen. Ich frage mich nur, was gewesen wäre, wenn einer von deinen Hochnatoren-Freunden vorbeigekommen wäre und sich gefragt hätte, warum da ein Toter gelangweilt rumsteht. Wenn er oder sie bemerkt hätte, dass da ein bisschen zu viel Haut im Spiel ist? Oder wenn irgendein Vieh dann doch gewittert hätte, dass da was Saftiges unter diesem alten Lappen steckt. Was wäre dann gewesen?“<br><br>„Ich habe dich immer im Blick gehabt“, wiederholt Krimara, „wäre dir etwas passiert …“<br><br>„… hättest Du dich um meine Bestattung gekümmert?“, ergänze ich sarkastisch.<br><br>„Das ist nicht … doch das … das ist fair“, sagt sie traurig und wirkt mit einem Mal nicht mehr so, als sähe sie einen Sinn darin, sich für irgendetwas zu rechtfertigen. Gerade das lässt auch meine Empörung verrauchen und erinnert mich daran, dass ich mir vielleicht abgewöhnen sollte, Leute für ihre inneren Konflikte zu tadeln. Zumindest dann, wenn sie nicht zum Massenmord an Unschuldigen, sondern nur zu ein paar Unannehmlichkeiten für mich führen. Immerhin bewohne ich, bildlich gesprochen, ein gut ausgebautes Glashaus, wenn es um solche Dinge geht.<br><br>„Was hast du verloren?“, frage ich sie stattdessen direkt, aber sanft, „durch deinen Tod, meine ich? Spürst du es schon?“<br><br>„Ja“, antwortet Krimara, „ich verlor meine Lebensfreude. Nicht alles, aber etwas davon. Sie brennt noch. Aber die Flamme ist kleiner und ich spüre, dass sie nie mehr so hell lodern kann wie einst.“<br><br>„Ein schlimmer Preis“, sage ich mitfühlend.<br><br>„So ist es“, antwortet Krimara, „und zugleich auch nicht. Es hätte noch viel schlimmer werden können. Ich hätte ein wenig so werden können wie die, die dich nach dem Ritual kontrolliert herumgeschubst hat. Mitleidlos, herrisch, ohne Gnade oder Respekt für das Leben.“<br><br>„Aber so bist du nicht geworden“, antworte ich zugleich feststellend und fragend.<br><br>„Nein“, entgegnet Krimara kopfschüttelnd, „noch nicht. Aber ich will ehrlich sein. Ich weiß nicht, ob die Neuordnung in mir schon abgeschlossen ist. Meine Mutter hat sich nach ihrem Erwachen auch öfter verändert, bevor sie ihren neuen finalen … Zustand erreicht hatte. Ich weiß nicht, ob das bei mir auch passieren wird. Sei also besser vorsichtig.“<br><br>„Ein guter Ratschlag, nur leider wenig hilfreich bei jemandem, der mich steuern kann wie eine Handpuppe“, sage ich grinsend.<br><br>Krimara erwidert das Grinsen. Doch eher maskenhaft und nicht so unbeschwert wie einst. Und das zu sehen, tut auch mir weh. Die fröhliche junge Frau ist ein Lichtstrahl gewesen in dieser dem Tode verpflichteten Welt. Aber jetzt ist da eine Dunkelheit, die sich nicht leugnen lässt. Natürlich kann ich nicht sagen, wie viel von ihrem Schwermut von ihren Schuldgefühlen und Erfahrungen kommt und wie viel wirklich in ihr gestorben ist. Aber letzten Endes läuft es wohl fast auf dasselbe hinaus.<br><br>„Renne am besten weit weg, wenn ich mich komisch verhalte“, empfiehlt sie mir ernst, „oder schlage mich direkt bewusstlos, falls du kannst. Bis dahin haben wir aber eine gemeinsame Mission, wenn du dich immer noch daran beteiligen willst.“<br><br>„Das will ich“, antworte ich, „aber eine Bitte hätte ich vorher noch.“<br><br>„Ja?“, fragt Krimara.<br><br>„Können wir irgendwo was zum Anziehen auftreiben? Ich will nicht, dass mein Körper noch jemanden zu Tode erschreckt“, bemerke ich schmunzelnd.<br><br>Jetzt lässt sich Krimara doch ein kurzes, aber heiteres Lachen entlocken, „ja, die Gefahr könnte bestehen. Nicht jeder ist da so abgehärtet wie ich.“<br><br>Ihr Lachen ebbt ab und sie wird wieder ernst und nachdenklich. „Leider können wir nicht riskieren, zu unserem Unterschlupf zu gehen. Wir könnten dort auf Mutter treffen und das wäre gerade eher ungünstig. Aber vielleicht kenne ich da eine andere Lösung.“<br><br>~o~<br><br>„Ist das nicht Grabschändung?“, frage ich, als Krimara langsam das dünne, steinerne Tor zu einem reich verzierten Mausoleum aufschiebt.<br><br>„Grundsätzlich schon“, sagt Krimara, „und ich wäre ganz vorne dabei, wenn es darum geht, Grabräuber auf die qualvollste Art hinzurichten, besonders, wenn sie aus Gier handeln. Aber hier liegen die Dinge etwas anders. Dieses Grab gehört den „Ankrengas“. Freunden meiner Mutter. Luth Nomorer, deren Linie schon lang erloschen ist und die freiwillig den endgültigen Tod gestorben sind. Unsere Familie hat eine Gedenkbürgschaft für sie übernommen. Wir müssen die Erinnerung an sie pflegen und ihren Namen verteidigen, dürfen aber auch über ihren Besitz verfügen. Mutter wird es nicht gefallen, wenn wir uns hier bedienen, das räume ich ein. Aber niemand wird uns deshalb vor ein Gericht stellen. Und ich gehe davon aus, dass du alles, was du hier findest, pfleglich behandeln wirst.“<br><br>„Das werde ich“, verspreche ich, „auch wenn ich natürlich für nichts garantieren kann, wenn wir in einen Kampf geraten.“<br><br>„Das ist klar. Derlei Dinge sind ja dafür gemacht, genutzt zu werden. Ich will nur, dass du sie mit Respekt behandelst und so weit schonst, wie es geht“, präzisiert Krimara.<br><br>Ich nicke. Dann betreten wir die trockene Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die sich sofort zurückzieht, als Krimara einen Schalter an der Wand betätigt.<br><br>Passend zum düsteren Ambiente habe ich ein dezentes Licht erwartet. Elektrisch natürlich, aber von der Farbe her an Fackeln oder Gaslaternen erinnernd. Oder vielleicht auch klinisch weiß oder in der Farbe grünlicher Moorlichter. Stattdessen wird mein Sehnerv von einem Lumen-Bombardement gebraten, das in seiner Buntheit jede Dorfdisko in Grund und Boden gestrahlt hätte.<br><br>Dabei sind die Lampen, die in die Decke eingelassen sind, durchaus konventionell und schmucklos, jedoch mit bunten Folienstücken beklebt, die ihre Aufgabe der Karnevalisierung der Grabstätte mit Bravour vollbringen.<br><br>„Wie gesagt“, sagt Krimara mit einem peinlich berührten Lächeln, so als schäme sie sich für die farbenfrohe Gestaltung durch ihr früheres Ich, „die Verantwortung für das Erbe und die Grabpflege liegt bei uns. Und da meine Mutter dringendere Pflichten zu erfüllen hatte und in den letzten Jahren auch eine recht begrenzte Fähigkeit zu Empathie besaß, oblag mir diese Pflicht. Ich habe sie … nun, auf meine Weise erfüllt.“<br><br>„Du brauchst dich nicht dafür zu schämen“, versuche ich, sie zu ermutigen, da ich nicht zulassen will, dass sie diesen harmlosen Ausdruck von Lebensfreude als etwas Schlechtes betrachtet.<br><br>„Ich weiß nicht“, antwortet Krimara nachdenklich, „früher habe ich das wohl nicht. Es schien mir sogar passend. Die Ankrengas waren für unsere Verhältnisse auch recht fröhlich gewesen. Sie haben Humor geliebt. Ich hielt es deshalb für eine gute Sache, ihrer auf diese Weise zu gedenken. Ich dachte, ich vertreibe so die Schwere der Trauer aus ihrem Nachlass. Aber irgendwie … ist es auch … unwürdig. Die Dinge haben ihre Ordnung. Vielleicht sollte ich …“<br><br>„Nein!“, beharre ich energisch, „du lässt die Farben, wo sie sind!“<br><br>Dabei wundere ich mich selbst über meinen Ausbruch. Immerhin habe ich kein Recht, das zu entscheiden. Doch wahrscheinlich weiß ich selbst gut genug, wie es sich anfühlt, sich selbst zu verlieren. Dennoch erwäge ich, mich zu entschuldigen. Aber Krimara kommt mir zuvor.<br><br>„Womöglich hast du recht“, antwortet sie zögernd, „ja, vielleicht sollte ich das noch einmal überdenken. Immerhin ist dies auch eine Art Tradition und wenn ich die Dinge ändere, könnte es noch mehr Unordnung bringen.“<br><br>Ihr Gesicht sieht nachdenklich, aber auch gequält aus. Erfüllt von einem Zwiespalt, den selbst das quietschbunte Licht nicht vertreiben kann.<br><br>„Wie auch immer“, sagt sie und setzt dabei ein möglichst unbeschwertes Lächeln auf, „ich sollte dir die Familie wohl vorstellen, von der du dir die Leihgaben borgen wirst.“<br><br>Sie zeigt auf zwei große, eine etwas kleinere und eine sehr kleine Statue, die in vier Nischen in dem länglichen, von dunkelgrauen Fliesen und Wänden geprägten Raum platziert worden waren. Bis auf diese Statuen und zwei couchähnliche Sitzgelegenheiten ist der Raum praktisch leer, was den Kontrast zu der bunten Beleuchtung nur noch verstärkt.<br><br>„Das hier ist Tryakra“, meint Krimara und deutet auf eine große weibliche Statue, deren steinerne Züge grob angedeutet sind, „sie war eine intelligente Frau. Eine Lehrerin mit einem weiten Horizont. Sie hat manches gelehrt, was heute nicht mehr geduldet wird. Und sie war mir wie eine Tante. Oft habe ich bei ihr Zuflucht gesucht, wenn die Neugeburten meiner Mutter zu … Komplikationen geführt haben.“<br><br>Ich nicke respektvoll, ohne jedoch sonderlich beeindruckt zu sein. Nicht von der Frau selbst oder ihrem Lebenswerk, sondern von ihrer Statue. Denn selbst wenn ich auf der Erde kein passionierter Museumsbesucher gewesen bin, hatte ich sogar dort schönere und detailreichere Bildhauerarbeiten gesehen.<br><br>Doch offenbar habe ich mein Urteil über die Luth Nomorische Gedenkkunst etwas zu früh gefällt. Denn Krimara, die meinen unterwältigten Blick bemerkt haben muss, verzieht ihren Mund spöttisch und versenkt ihre Fingernägel in einem Spalt in dem Denkmal, der so versteckt ist, dass ich ihn zunächst kaum wahrgenommen habe. Kurz darauf klappt der Sarkophag auf, den ich als Statue missverstanden habe, und offenbart die wahre Kunstfertigkeit der Gedenkstätte. Denn was ich dort drin erblicke, ist kein Skelett und auch nicht irgendeine vertrocknete, halb verfaulte Mumie, sondern eine junge Luth Nomorerin mit schlanken Händen, hohen Wangenknochen und einer breiten Nase, die den Eindruck erweckt, jeden Moment aus dem Schlaf erwachen zu können. Ihre Haut ist blass, ja – aber nicht blasser als bei den lebenden Luth Nomorern. Und vor allem ist sie nicht wächsern oder grau.<br><br>„Berühre sie ruhig“, ermutigt mich Krimara und ich tue es.<br><br>Ich hatte schon tote Haut berührt. Und damit meine ich nicht all die Toten, die meinen Weg als Fortgeschrittener gepflastert haben, sondern meinen Großvater, den wir vor einigen Jahren auf der Erde begraben mussten. Wir hatten am offenen Sarg Abschied genommen. Der Bestatter hatte sein Bestes getan, ihn ästhetisch herzurichten, und da er nicht an Krebs oder einem Unfall, sondern an einem plötzlichen Schlaganfall gestorben war, war sein Körper kein allzu grausiger Anblick gewesen. Jedenfalls dann nicht, wenn man vom Verlust jenes warmherzigen Mannes absieht, der früher gerne mit mir die Natur entdeckt oder auch Brettspiele gespielt hatte. Aber dennoch hatte sich sein Körper wie etwas Totes angefühlt. Wie ein Ding, eine Puppe. Nicht wie das Gefäß einer menschlichen Seele. Doch Tryakra, die in eine kleidsame grau-schwarz-gestreifte Robe gehüllt ist und in ihrer rechten Hand einen hohen, feinen, silbernen Helm in Form eines halb verrotteten Schädels hält, ist sogar warm.<br><br>„Lebt sie etwa noch …“, murmele ich verblüfft.<br><br>„Nein“, widerspricht Krimara, „es ist nur ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Tinkturen, Magie und Konservierungstechniken.“<br><br>„Der Traum eines jeden Nekromanten“, rutscht es mir raus und ich blicke peinlich berührt zu Boden, aus Angst, sie mit dieser albernen Bemerkung verletzt zu haben.<br><br>Doch sie antwortet zwar bitterernst, aber nicht beleidigt. „So ist es“, sagt sie, „zumindest früher hatten wir Probleme mit Magiern, die tatsächlich fremde Seelen oder auch die eigene in präparierte Leichen gesperrt und damit das Andenken der Verstorbenen beschmutzt haben. Doch inzwischen verwenden wir tödliche Gifte, sodass sich keine Seele dort halten kann. Nur wir Hochnatoren dürfen diese Körper führen, zum Gedenken oder als Schutz in Zeiten der allerhöchsten Not. Doch sie bleiben unbeseelt. Und damit friedlich und ohne Leid.“<br><br>Ich sehe besorgt auf meine Hand.<br><br>„Keine Sorge“, sagt Krimara, „diese Gifte wirken nur im Inneren der Leichen.“<br><br>„Gut“, sage ich immer noch etwas skeptisch, „du sprachst von Kleidung … soll ich etwa …“<br><br>„Nimm von ihr nur den Helm“, sagt Krimara, „er ist nicht schön, aber nützlich. Mit ihm wird es dir möglich sein, die Toten, die Lebenden und die Illusionen auseinanderzuhalten. Eine Fähigkeit, die in der Totenfestung von unschätzbarem Wert sein wird und über die du sonst – im Gegensatz zu mir – nicht verfügen wirst. Ergreife ihn ruhig!“<br><br>Zögernd strecke ich die Hand aus und nehme den Helm aus der Hand der Toten, die ihn bereitwillig freigibt. Jedoch setze ich ihn noch nicht auf.<br><br>„Deine Kleidung nimmst du am besten von Rerkwir“, erklärt Krimara und öffnet daraufhin den größeren Sarkophag, der einen muskulösen, bärtigen Mann mit traurigen Augen zum Vorschein bringt. Er trägt eine blütenweiße, nach Muskelgewebe aussehende Mischung zwischen Kampfanzug und Lederrüstung, die mit schwarzen Adern verziert ist, welche sich an manchen Stellen zu Schleifen und Spiralen vereinigen. In seinen Händen trägt er ein gezacktes, langes Messer und ein wuchtiges Gewehr, welche er nach Art eines Pharaos vor der Brust gekreuzt hält.<br><br>„Interessantes Design“, bemerke ich, „und sehr kriegerisch.“<br><br>„Rerkwir war ein Totenwächter“, sagt Krimara, „er bewachte seinerseits Grabstätten und frisch Verstorbene zu einer Zeit, als die Besuche von außerhalb noch häufiger und gelegentlich unfreundlich gewesen waren. Nicht nur durch die Nekromanten. Auch durch Grabräuber und Verrückte.“<br><br>„Eine verantwortungsvolle Aufgabe“, vermute ich.<br><br>„So ist es“, stimmt Krimara zu, „aber auch von extremer Langeweile geprägt. Es kam vor, dass er Wochen oder Monate Wache halten musste, bis er etwas Herausfordernderes bekämpfen musste als vielleicht einen übereifrigen Endoren. Aber er hat seine Pflicht lange Zeit gewissenhaft erfüllt. Wohl auch, weil er stets gewusst hatte, was – oder besser wer – ihn zu Hause erwartet. Er hatte seine Familie innig geliebt.“<br><br>„Durfte er seinen Posten denn verlassen?“, frage ich.<br><br>„Natürlich“, antwortet Krimara, „er war ja nicht alleine. Die Grabwächter arbeiteten in drei Schichten.“<br><br>„Wie ist er gestorben?“, frage ich.<br><br>„Ein Urteil“, erwidert Krimara, „es traf sie alle. Denn ein Mal, ein einziges Mal, hat er den täglichen Kampf gegen die Müdigkeit verloren. Dafür musste er bezahlen. Aber auch Tryakra und ihre Kinder Gren und Xayl. Obwohl sie keine Schuld traf.“<br><br>„Ein echt beschissenes Urteil, wenn du mich fragst“, sage ich.<br><br>„Es waren andere Zeiten. In mancher Hinsicht schlimmer gar als jetzt“, erklärt Krimara und ich kann ihr nicht widersprechen.<br><br>„Trotzdem war er ein Ehrenmann und du solltest stolz sein, seine Kleidung tragen zu dürfen. Die Kleidung eines Beschützers und Freundes“, antwortet Krimara und ich merke die Rührung in ihrer Stimme. Offenbar hat die Neugeburt ihre Seele noch nicht ganz gefressen.<br><br>Sie sieht mich auffordernd an und ich trete näher, wobei ich direkt die geschickt angebrachten Verschlüsse an der Rüstung erkenne, die es mir leicht machen, den Mann zu entkleiden. Zu meiner Erleichterung trägt er genau wie ich Unterwäsche, sodass ich ihn nicht entblößen muss.<br><br>Die extravagante Lederrüstung des Mannes passt wie angegossen und auch wenn es die Kleidung eines Toten ist, ist sie um ein Vielfaches angenehmer als die Totenhaut, die ich zuvor tragen musste.<br><br>„Und?“, frage ich lächelnd, „sehe ich schick aus?“<br><br>Krimara antwortet nicht, sondern sieht mich auf eine sehr eigenartige Art an. Fast als würde sie auf etwas warten.</p>



<p>Noch bevor ich sie fragen kann, worauf, spüre ich plötzlich ein seltsames, unangenehmes Kribbeln auf meiner Haut. Ich blicke auf meine Hände und sehe mit Entsetzen, dass sie plötzlich alt und grau aussehen. Beinah wie bei der Leichenhaut, die ich tragen musste.<br><br>„Scheiße, was ist das!“, schreie ich panisch.<br><br>„Der Leichenfluch“, sagt Krimara ruhig.<br><br>„Willst du mich verarschen?!“, rufe ich wütend, „du falsche Schlange, du Verräterin, du …“<br><br>„Beruhig dich“, antwortet Krimara und in ihren Augen sehe ich aufrechtes Bedauern, „das musste leider sein. Du hast die Totenhaut zerstört und so schnell hätte ich keinen Ersatz gefunden. Und du brauchst etwas Vergleichbares, wenn du in der Festung überleben willst.“<br><br>„Hättest du sie dann nicht einfach deinen Freunden abreißen können, statt …“, sage ich empört und erschrecke noch mehr, als Krimara mir einen Dolch an die Kehle hält, den sie wie aus dem Nichts aus dem Ärmel gezaubert hat.<br><br>„Sprich nicht weiter, oder ich bin gezwungen, dir dieses Sakrileg zu vergelten“, antwortet sie, „ich verstehe deinen Zorn, aber es gibt keinen Grund zur Sorge. Ich kenne ein Gegenmittel und werde es dir geben, wenn wir unsere Mission erfüllt haben. Außerdem ist der Fluch rein kosmetisch. Du wirst nicht daran sterben und nicht an Beweglichkeit verlieren. Und er wird dich auch nicht dauerhaft entstellen.“<br><br>„Aber dafür sehe ich jetzt aus wie ein verschimmeltes Butterbrot“, beschwere ich mich säuerlich, aber immer noch zu überrumpelt, um Krimara mit dem Zorn zu begegnen, der eigentlich angemessen wäre.<br><br>„Als wenn du vorher so viel hübscher gewesen wärst“, frotzelt Krimara augenzwinkernd und nimmt das Messer von meiner Kehle, „gräme dich nicht und lass uns jetzt aufbrechen. Meine Mutter wird bald zurückkehren und die Totenfestung wartet.“<br><br>„Von mir aus“, sage ich seufzend, verschiebe meine Rache auf später und setze mir den grässlichen Helm nun auch noch auf. Wahrscheinlich sieht er jetzt immer noch besser aus als mein Gesicht.</p>
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		<title>Winterwundenland: Weihnachtshorror aus dem Angstkreis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Nov 2025 07:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Winter]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bald beginnt wieder die Zeit der Kälte und Mystik, in der Kinder- und Albträume wahr werden. Und passend dazu gibt es dieses Jahr </p>
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<p></p>



<p>Bald beginnt wieder die Zeit der Kälte und Mystik, in der Kinder- und Albträume wahr werden. Und passend dazu gibt es dieses Jahr eine besondere Zuckerstange für alle Freunde von weihnachtlichen Horror. Erstmals könnt ihr euch alles winterlichen Storys aus dem Angstkreis unter den Baum legen und euer Fest mit 24 gruseligen Geschichten um eine dunkle Dimension bereichern. Gemeinsam feiern wir Weihnachten in verfallenen Häusern, zugigen Hütten, beklemmenden Marsstationen, bitterkalten Fußgängerzonen und der Twillight-Zone zwischenmenschlichen Grauens. Have yourself a scary little Christmas:<br><br>Autorenwelt: <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/winterwundenland-von-christian-witt">https://shop.autorenwelt.de/products/winterwundenland-von-christian-witt</a><br>Amazon: <a href="https://www.amazon.de/dp/3695159340">https://www.amazon.de/dp/3695159340</a><br>BoD: <a href="https://buchshop.bod.de/winterwundenland-christian-witt-9783695159345">https://buchshop.bod.de/winterwundenland-christian-witt-9783695159345</a></p>
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		<title>Die Blätter fallen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Oct 2025 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Halloween]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Himmel glüht in KürbisfarbenGesegnet, hell, fast ohne NarbenUnd Wolken ziehen unbeirrtÜber die Welt, die lauscht und hört Ein Rascheln unter meinen FüßenInsekten, </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de/die-blaetter-fallen/">Die Blätter fallen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de">Angstkreis Creepypasta</a>.</p>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-1024x768.jpg?media=1754141341" alt="" class="wp-image-2278" srcset="https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-1024x768.jpg?media=1754141341 1024w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-300x225.jpg?media=1754141341 300w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-768x576.jpg?media=1754141341 768w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-1536x1152.jpg?media=1754141341 1536w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2025/09/jNrtBKk21-2048x1536.jpg?media=1754141341 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p><br>Der Himmel glüht in Kürbisfarben<br>Gesegnet, hell, fast ohne Narben<br>Und Wolken ziehen unbeirrt<br>Über die Welt, die lauscht und hört</p>



<p>Ein Rascheln unter meinen Füßen<br>Insekten, die verwundert grüßen<br>Es riecht nach Feuer und Gewürzen<br>Während sanft Tropfen abwärts stürzen</p>



<p>Sie schimmern warm und bunt im Lichte<br>Winzige Bühnen für Gedichte<br>Der Augenblick scheint eingefroren<br>Der nächste blass und ungeboren</p>



<p>Es knistert nah, wie von Maronen<br>Die brave Kinder sanft belohnen<br>Auch Wehmut schwingt im kalten Winde<br>Erhaben zittern Ast und Rinde</p>



<p>Und auch ein Klacken wie von Eicheln<br>Die sanft sich necken oder streicheln<br>Elektrisch sich im Tanz berühren<br>Denn jedes Klacken kann ich spüren</p>



<p>Der Wind bläst kräftig, voll Aromen<br>Der Kopf er platzt fast vor Phantomen<br>Die wimmelnd, unstet, herbstlich schwingen<br>Und Bindungen in Aufruhr bringen</p>



<p>Ich seh’ das Laub zu Boden segeln<br>Wie Blattwerk folgt’s den Schöpfungsregeln<br>Jetzt, wo das Leben abgelaufen<br>Getrennt, feucht, rötlich fällt’s zum Haufen</p>



<p>So stehe ich im bunten Treiben<br>Könnt’ Bücher, Lieder, Epen schreiben<br>Hätt’ ich noch Hände, um zu greifen<br>Die nicht zerfetzt am Fleischstock schweifen</p>



<p>Der Blick verschleiert wie von Tränen<br>Gäb’ es noch Wasser herzunehmen<br>Jenseits der dicken roten Tropfen<br>Die sich vom rohen Leib abklopfen</p>



<p>Während die Augenbühne endet<br>Die Netzhaut fällt, den Sehnerv blendet<br>Wat’ ich mit knochenweißen Stümpfen<br>durch schillernde Gewebesümpfe</p>



<p>Die Pilzmagie nahm sich die Schatten<br>Nahm alle Chancen, die wir hatten<br>Die zweiten, dritten, ungezählten<br>Den Armen und den Auserwählten</p>



<p>Die Zeit des Leidens geht zu Ende<br>Der Herbst bringt die erhoffte Wende<br>Und ziellos, blicklos, schwank’ ich weiter<br>Nun bin ich taub und seltsam heiter</p>



<p>Hab nur noch Rauschen in den Ohren<br>Von Außen. Innen ruft verloren<br>Geborgenheit samt Herbstgeschichten<br>Erheben sich, den Schmerz zu schlichten</p>



<p>Bilder von bess’ren, schönen Tagen<br>Von Aufbegehren statt Ertragen<br>Von träumen, reden, rennen, wagen<br>Von Hoffnung, Freude, scheuen Fragen</p>



<p>Nach einer herrschaftsfreien Welt<br>Wo jede Stimme gleichsam zählt<br>Und nicht, wer sich für besser hält<br>sein Blatt spielt und ein jeder fällt</p>
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