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	<title>Angstkreis Creepypasta</title>
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	<description>Horrorstories. Gruselgeschichten. Creepypasta.</description>
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		<title>Der Angstkreis-Shop öffnet seine Pforten</title>
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		<pubDate>Sun, 23 Aug 2026 22:00:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gute Nachrichten für Fortgeschrittene, Hüter des Verfalls, Rorak-Krieger, Weise des Gebeins, Knochenzombies und Co.: Es gibt jetzt offiziellen Merch, mit dem ihr euch </p>
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<p></p>



<p>Gute Nachrichten für Fortgeschrittene, Hüter des Verfalls, Rorak-Krieger, Weise des Gebeins, Knochenzombies und Co.: Es gibt jetzt offiziellen Merch, mit dem ihr euch vor der Realität verstecken und euch die Albträume und Träume aus den Seiten ziehen und in die Realität holen könnt. Und zwar in diesem süßen, kleinen kuscheligen Shop:<br></p>



<p><a href="https://angstkreis-shop.fourthwall.com/en-eur">Angstkreis-Shop</a><br><br>Vielleicht ist ja was interessantes für euch dabei. Es werden nach und nach auch neue Artikel erscheinen. Sagt mir gerne Bescheid, falls euch da was fehlt.</p>



<p></p>
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		<title>Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 5</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Jul 2026 12:31:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Fortgeschritten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Das … das … ist unmöglich“, sage ich stotternd, als wir die nächste Türe in dieser unseligen Festung durchschreiten, „siehst du das auch?“ </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de/fortgeschritten-die-grabfelder-von-luth-nomor-5/">Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 5</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.angstkreis-creepypasta.de">Angstkreis Creepypasta</a>.</p>
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<p></p>



<p>„Das … das … ist unmöglich“, sage ich stotternd, als wir die nächste Türe in dieser unseligen Festung durchschreiten, „siehst du das auch?“</p>



<p>„Falls du diesen Raum mit all der seltsamen Technik und den eigenartigen Möbeln darin meinst, dann ja“, antwortet Krimara.</p>



<p>Damit ist es klar, dass es keine Illusion ist. Zumindest keine, die sich allein in meinem Kopf abspielt. Wir sind bei meinen Eltern. Ähnlich wie schon bei meiner Vision in Uranor. Doch zugleich ist es anders. Dieser Raum gleicht meiner elterlichen Wohnung zu großen Teilen: dieselben Schränke, derselbe Fernseher, dieselben Teppiche, dieselbe Deko. Gleichzeitig ist dieser Ort verzerrt und mit dem dunklen Mauerwerk der Totenfestung verschmolzen, das die Raufasertapete, den ständigen Begleiter meiner Kindheit und Jugend, so nahtlos ablöst wie der Schattenstrahler einst mein eigenes Fleisch.</p>



<p>Vor allem jedoch ist unsere Haustür nicht mehr unsere Haustür, sondern ein großes, dunkles Tor mit verschiedenen, runden Vertiefungen darin.</p>



<p>Und wir sind nicht allein. Meine Eltern sitzen auf der Couch. Sie sind exakt so, wie ich sie kannte. Keine verzerrten Abbilder, keine fleischhungrigen, verrotteten Zombies. Sie sehen einfach nur zufrieden und zugleich ein wenig traurig aus. Vor allem aber scheinen sie mich wahrzunehmen und mich direkt anzusehen. Nicht wie einen Geist oder ein fernes Nachbild, sondern wie eine echte Person. Neben ihnen sitzt der von der Steinkrankheit gezeichnete Pingo mit einem Bandshirt der Rolling Stones (was für ein Wortspiel) und einer grauen Jeans und außerdem ein Mädchen in meinem Alter, das mir vage bekannt vorkommt, selbst wenn ich nicht sagen kann, woher.</p>



<p>„Warum gelten eigentlich die meisten Prüfungen mir?“, frage ich Krimara, die die Anwesenden vollständig zu ignorieren scheinen.</p>



<p>„Weil du mehr Leben in dir trägst“, antwortet Krimara bitter, „und Leben gebiert Chaos, das geordnet werden will.“</p>



<p>So mochte es sein. Denn tatsächlich fühle ich mich in diesem Moment äußerst lebendig. Vielleicht nicht unbedingt auf die angenehmste Art und Weise, aber doch lebendig. Wie rauer, viel zu heißer Asphalt am letzten warmen Tag eines bittersüßen Sommers, der so nie mehr wiederkehren wird.</p>



<p>Ja, es ist eine Prüfung. Eine Illusion. Das alles ist mir klar. Aber dieses Wissen ist nicht mehr als ein Merkzettel in meiner Hosentasche. Zerknüllt und verwischt von Schweiß und Zeit. Ich bin hier. Ich will hier sein. Was immer das auch am Ende bedeuten wird.</p>



<p>Jedenfalls kann ich nicht anders, als in diese Szenerie einzutauchen. Fast automatisch gehe ich auf meine Mutter zu. Ich schließe sie in die Arme. Ihre Haut ist weich, warm und lebendig. Sie riecht nach Sonne und diesem günstigen, aber dennoch angenehmen, cremigen Parfüm. Vor allem aber duftet sie nach Trost. Ich spüre, wie ihre Hand mein Haar streichelt, und ich erschauere vor bittersüßer Wiedersehensfreude.</p>



<p>„Es ist schön, dich wiederzusehen, mein Wanderer“, sagt sie, „ich bin so stolz auf dich, auch wenn du uns fehlst. Dein Zimmer ist so leer. Wir nutzen es immer noch nicht, weißt du? Alles ist noch genau so, wie du es verlassen hast.“</p>



<p>Ihre Worte stechen wie Dolche in mich hinein. Ich spüre, wie meine Hände zittern.</p>



<p>„Schon in Ordnung“, höre ich eine tiefere Stimme sagen, die meinem Vater gehört, „wir verstehen das. Zumindest hier, in unseren Träumen. Wir machen dir keinen Vorwurf. Wir wissen, die Welt war dir zu klein und unsere Welt sowieso. Wir wissen, unsere Liebe hat dir nicht ausgereicht. Auch wenn wir versucht haben, dir zu genügen.“</p>



<p>„Das stimmt nicht!“, widerspreche ich energisch, „ihr wart mir nicht zu wenig!“</p>



<p>„Es stimmt, Adrian“, sagt Pingo, der nicht sitzt, sondern wie eine Statue vor mir steht, „Liebe und Freundschaft nähren dich, aber sie machen dich nicht satt. Du musst weiterziehen. Und das ist in Ordnung. Das ist das, was du bist. So wie der Stein in mir mich formt, so formt diese Sehnsucht dich.“</p>



<p>„Ich bin kein Sklave des Katalogs“, widerspreche ich, „so wie du keiner des Steins bist.“</p>



<p>„Nein“, sagt Pingo, „wir sind keine Sklaven. Aber vielleicht haben wir genau das gefunden, wonach wir immer schon gesucht haben.“</p>



<p>„Das glaube ich nicht“, sage ich und glaube es doch, „das Einzige, was ich immer gesucht habe, war …“</p>



<p>„… ein Ausweg?“, sagt die junge Frau und blickt wie zufällig zu der seltsamen Tür. Und irgendwas daran, der schnippische Tonfall, der Schwung ihrer Kopfdrehung, die Aura aus purem Selbstbewusstsein rufen etwas in mir wach. Ein Fetzen von … Erinnerung. Erinnerung, die nicht mal meine eigene ist.</p>



<p>„Ich kenne dich“, sage ich, als es mir dämmert, „du warst in dem Supermarkt auf Xakrischidaah, im Bauch des Planetenkrebses.“</p>



<p>Ich weiß nicht, was ich da sage. Ich kenne Xakrischidaah nicht. Nicht aus eigenem Erleben zumindest. Ich weiß wohl, dass es Tarenas Wohnort ist. Aber ein Supermarkt … ein Planetenkrebs … das macht überhaupt keinen Sinn. Und doch. Ich sehe die Szene vor mir. Ich sehe mich – mein anderes Ich – das zusammen mit Tarena diese junge Frau retten könnte … und es nicht tut.</p>



<p>Ich fühle Schuld für Taten, die ich nicht verantwortet habe. Oder doch? Fuck, wie ist das möglich? Wie verdreht ist diese Welt? Und wie abgefuckt ist mein Kopf?</p>



<p>Sie nickt zustimmend. Aber sie zeigte ein verschmitztes Lächeln. Ein wissendes Lächeln.</p>



<p>Da ist noch mehr. Viel mehr. Weitere Erinnerungen. Solche, die mit der geliehenen zusammenhängen, aber diesmal mir gehören. Immer schon mir gehörten. Sie sind klein, aber nicht zu ignorieren. Wie Spinneneier, die in meinen Muskeln schlüpfen.</p>



<p>Ich sehe die Bilder vor mir wie ein inneres Hologramm. Meine Eltern, die weinen. Ich, der still und zurückgezogen wird. Der wegläuft, der nur noch flüchten will. Ich sehe Platz in meinem Zimmer, in einem anderen Bett, das es nicht geben sollte. Ein Platz, der frei wurde. Nun bewohnt von gieriger, schwarzer Leere, die die Form eines jungen Mädchens besitzt, deren Verbleib niemand kennt. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Hammerschlag.</p>



<p>„Du bist …“, beginne ich zögernd.</p>



<p>„… deine Schwester, du Schnellmerker“, antwortet sie nickend, „du warst immer schon zerstreut, aber dass du mich vergisst, ist wirklich mal was Neues.“</p>



<p>Ich sehe hilflos zu Krimara, die das Ganze wie ein stiller Zeuge beobachtet. Doch sie gewährt mir keine Unterstützung. Sie scheint nicht mal Anteil zu nehmen. Dies ist wohl tatsächlich meine Prüfung.</p>



<p>„Du bist … ist das … ist das real?“, frage ich sie, während die Antwort wie eine Sturzflut über meinen überforderten Geist hereinbricht. Gemeinsames Fußballspielen im Hof, Diskussionen über unsere Lieblings-Pokémon, Fernsehserien, die wir weitergesponnen und uns hitzig über den Verlauf gestritten haben, Grillen am Lagerfeuer mit unseren Eltern. Dann ein eigenartiger Abend kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag. Fieberträume. Komische Lichter und Geräusche. Ein modriger Geruch und am Morgen das leere Bett. Wir haben nie eine Spur von ihr gefunden. Nun weiß ich wenigstens, warum. Und auch, warum sie jetzt so viel älter ist.</p>



<p>„Ich bin so real wie Schmerz und Freude“, antwortet meine Schwester mit jenem festen, intelligenten Blick, den ich so bewundert hatte, „und ich sehe, dass du dich an beides gut erinnerst.“</p>



<p>„Ja …“, sage ich zerstreut, „an einiges. Aber nicht an alles davon. Auch nicht an deinen Namen. Weißt du ihn?“</p>



<p>„Ich weiß nur, was du weißt. Und Namen verfliegen am schnellsten“, sagt sie, „ich schlage vor, du gibst mir einen neuen. So wie du es auch bei dir gemacht hast.“</p>



<p>„Nancy“, sage ich, das Erste, was mir einfällt, nachdem ich bedeutungsschwangere Verweise auf verflossene Liebschaften oder Reisebekanntschaften schnell verwerfe. Sie mit einer anderen zu vergleichen, wäre noch schlimmer, als ihr einen falschen Namen zu verpassen.</p>



<p>„Dann soll ich wohl so heißen“, sagt sie grinsend, „ich würde von einer bewussten Gemeinheit ausgehen, aber ich kenne dich: In Namensgebung warst du schon immer beschissen. Einmal hast du einen GSG9-Soldaten, den wir in unsere Fanfiction eingebaut haben, „Siegbert“ nennen wollen. Weißt du noch?“</p>



<p>„Ja“, sage ich zerstreut. Jetzt weiß ich es wieder. Und nicht nur das. Bruchstücke prasseln auf mich ein wie Ladung, die durch ein zu breitmaschiges Netz rutscht und mir frontal ins Gesicht klatscht. Nicht genug für ein vollständiges Bild, aber genug für Wehmut und die Gewissheit, dass sie die Wahrheit spricht. Ich habe eine Schwester. Die ganze Zeit über hatte ich eine Schwester und ich habe sie nicht gerettet als ich es konnte, gottverdammt. Als sie mich mit flehenden, gebrochenen, grünen Augen angesehen und nach mir gegriffen hat. Nein … nicht nach mir … aber … verdammt. Das ist so bescheuert. Warum hat der Bastard sie nicht gerettet. Oder trage ich die Verantwortung? Trage ich die Verantwortung für alle Versionen von mir? Bin ich die echte … oder …. nein, ich darf nicht darüber nachdenken. Sonst verliere ich den Verstand. Ich konzentriere mich besser auf meine Schwester.</p>



<p>„Lebst du noch?“, frage ich sie, geschüttelt von Emotionen, die auf dem Rücken der Erinnerungen reisen, „was hat der Planetenkrebs mit dir angestellt?“</p>



<p>„Ich weiß es nicht, Dummerchen“, antwortet sie, „wie gesagt, ich bestehe aus deinen verschütteten Erinnerungen und die können nicht durch Raum und Zeit reisen. Zumindest nicht in die Gegenwart. Du wirst es wohl anders herausfinden müssen.“</p>



<p>Nun, was die Reisefähigkeiten von Erinnerungen betrifft, habe ich inzwischen eine andere Meinung. Aber ich verstehe, worauf sie hinauswill.</p>



<p>„Wir wissen es auch nicht“, bestätigt meine Mutter, „aber wir vermissen sie nicht weniger als dich. Nur länger.“</p>



<p>Fuck, denke ich, und erkenne, dass ich keinen Grund habe, mich über mein Schicksal zu beschweren. Meiner Schwester geht es wahrscheinlich richtig dreckig, falls sie überhaupt noch lebt. Und meine Eltern, meine wirklichen Eltern, sind nun ganz allein. Völlig allein. Erst jetzt glaube ich zu begreifen, was das bedeutet.</p>



<p>Was hatten die Straßen, der Katalog ihnen nur alles genommen. Und auch mir.</p>



<p>„Es tut mir leid“, sage ich und schließe meine Schwester in die Arme, „ich hätte dich nie vergessen dürfen.“</p>



<p>„Nicht deine Schuld“, sagt sie lapidar, „anders als so vieles. So ist das. Manche vergessen ihre Schlüssel. Andere ihre Liebsten.“</p>



<p>„Aber ich habe dich nicht vergessen“, sagte sie sanft, bevor ich etwas erwidern kann, „du hast es in meinen Augen gesehen. In Xakrischidaah.“</p>



<p>Und das stimmt. Das wird mir erst jetzt bewusst, wo ich diese seltsame Erinnerung ein weiteres Mal betrachte. Mein Gott, da ist nicht nur das Leid und die Erschöpfung in ihrem Blick. Ich – oder er –war nicht nur irgendein Fremder, von dem sie sich Hilfe erhofft hat. Sie hat mich auch erkannt und wenn sie noch lebt, wenn noch etwas von ihr übrig ist, wird sie an mich denken und sich fragen, warum ich sie hasse.</p>



<p>Scheiße, denke ich, ich muss zu ihr. Ich muss sie finden. Aber das geht nicht. Ich bin in dieser blöden Festung, auf diesem elenden Todesplaneten unter Anys Fuchtel.</p>



<p>„Ich wünschte, ich könnte euch mitnehmen, euch alle“, sage ich, „wenn ich nur wüsste, wie …</p>



<p>Ich breche ab, als ich Feuchtigkeit an meinen Füßen spüre. Sie sind nackt und etwas klebt an ihnen. Eine ölige, matschige Substanz, die unangenehm auf meiner Haut kribbelt. Ich blicke nach unten. Ich stehe in einer Pfütze aus schwarzem, stinkendem Schleim, die hier und an mehreren anderen Stellen des Raums aus dem Boden hervorsickert. Die Substanz ist dem Müllwasser in Itsch Zingtzschar nicht unähnlich. Sofort springe ich hoch und suche Zuflucht auf einem unbesetzten Sessel, was Krimara bereits in weiser Voraussicht auf einem anderen Möbelstück getan hat. Ich reiße ein Stück meines T-Shirts ab und wische die Flüssigkeit weg. Darunter ist mein Fuß von roten, brennenden und grauen, toten Stellen übersät.</p>



<p>„Ihr müsst euch davon fernhalten. Ihr müsst hier raus!“, sage ich zu Pingo und meiner Familie, die noch immer ungerührt an Ort und Stelle stehen und sitzen und denen die Flüssigkeit ebenfalls bereits bedenklich nahegekommen ist.</p>



<p>„Nein, du musst hier raus!“, widerspricht mein Vater, „und zwar schnell. Wir sind nur Erinnerungen. Du kannst uns auf andere Weise mit dir tragen.“</p>



<p>Zunächst halte ich das für eine rührselige Metapher, aber dann reicht Pingo mir ein Schwert aus schwarzem Onyx mit einer Kompassnadel als Klinge.</p>



<p>„Was soll ich damit anstellen?“, frage ich verwirrt.</p>



<p>„Das Tor“, antwortet meine Schwester, „sieh genau hin!“</p>



<p>Und das tue ich. Von meiner erhöhten Position aus kann ich die Vertiefungen besser erkennen. Und das sind keine zufälligen Muster. Das sind … Mein Gott, das sind Aussparungen für … Köpfe.</p>



<p>„Auf keinen Fall“, sage ich energisch, „das werde ich nicht tun. Ich habe die Schnauze voll von solchen beschissenen Metaphern. Wenn das ein Traum ist, dann lass mich aufwachen.“</p>



<p>„Manche sagen, das Leben sei ein Traum“, meint mein Vater, „trotzdem musst du tun, was du tun musst.“</p>



<p>„Das ist doch ein Scherz, oder?“, wende ich mich an Krimara und sie schüttelt nur den Kopf.</p>



<p>Ich blicke zu Pingo, der mir noch immer das Schwert hinhält. Die Flüssigkeit umspült jetzt schon seine Füße und frisst sich sogar durch den Stein.</p>



<p>„Nimm es!“, wiederholt er, und irgendwie reagiere ich darauf. Die Waffe zu nehmen, wäre ja nicht verkehrt. Immer alle Optionen offenhalten. Wie ein guter Opportunist. Wie ein guter Fortgeschrittener. Also ergreife ich sie.</p>



<p>Der Stein fühlte sich unerwartet warm an. Er vibriert voller Vorfreude. Er will eingesetzt werden.</p>



<p>Ich sehe in Pingos Kristallaugen. Sie sind freundlich und gütig. Warum können sie nicht tot und leer sein wie bei einer Statue?</p>



<p>Dann sehe ich zu der Flüssigkeit. Sie umgibt ihn jetzt vollständig und kriecht sprudelnd auf mich zu. Bald wird sie mich erreicht haben und dann werde ich meine grausame Tat nicht mehr vollbringen können, selbst wenn ich es will. Nicht, ohne meine Füße zu verlieren.</p>



<p>Und was dann? Diese Menschen mögen nicht real sein. Aber gilt das auch für die Flüssigkeit und die Schäden, die sie anrichtet? Wenn ich zögere, werde ich dann hier ertrinken und vergehen gemeinsam mit Krimara?</p>



<p>„Es ist in Ordnung“, sagt Pingo, der langsam schmilzt wie eine Tasse, in die man einen guten Schluck Lava gefüllt hat. Er scheint meinen inneren Zwiespalt zu sehen. „Ich bin nicht real“, sagt er, „und deshalb kann es immer noch ein Wiedersehen geben.“</p>



<p>Er hat recht, denke ich. Wenn ich hier sterbe, werde ich den wahren Pingo nie wiedertreffen. Also hole ich aus. Der erste Schlag trennt Pingos Kopf zur Hälfte von seinen Schultern ab. Kristallsplitter und Staub fliegen umher und ein klaffender Spalt entsteht. Pingo schreit, er brüllt und tobt vor Schmerz und bringt dennoch ein paar letzte Worte zustande. „Wir werden immer Freunde bleiben!“, ruft er röchelnd mit seinem halb abgeschlagenen Kopf. Tränen schießen in meine Augen, aber ich vollende mein Werk und fange seinen Kopf auf, bevor er in die schwarze Masse stürzen kann. Dann verstaue ich ihn in meinem Rucksack. Der Rest seines Körpers stürzt zischend in die Flüssigkeit.</p>



<p>Es zerreißt mich innerlich, doch der Damm ist gebrochen. Etwas in mir übernimmt die Führung. Etwas Kaltes und Effizientes, das ich auf meinen Reisen gut genährt habe. Fast wie ein Beifahrer sehe ich dabei zu, wie ich die schwarzen Pfützen umrunde und mich meiner Mutter nähere.</p>



<p>„Du bist das Wertvollste, was ich je bekommen habe“, sagt sie liebevoll, dann trenne ich ihren Kopf ab. Butterweich und in einem Schlag. Ihr Gesicht zeigt Enttäuschung und Überraschung, bevor sich ihre Augen für immer schließen. Mein Vater versucht zu fliehen. Aber es gelingt ihm nicht. Ich hacke seine Beine ab und schneide rasch seinen Kopf vom Torso, bevor ihn die Flüssigkeit holt und er für mich wertlos wird. Jetzt ist mein Rucksack voll mit grausiger Fracht. Nur Nancy ist noch übrig.</p>



<p>Sie fleht nicht, rennt nicht und gibt mir auch keine Absolution. Sie steht einfach da. Mutig, stolz und stoisch. „Du warst immer schon kreativ, wenn es darum ging, dir Todesarten auszudenken“, sagt sie lobend, „du hast den Kopf eines Künstlers und das Herz eines Psychopathen.“</p>



<p>Doch offensichtlich irrt sie sich. Ich bin kein Psychopath. Jedenfalls nicht vollständig. Ich verlasse den Beifahrersitz und komme erneut ins Zweifeln. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich Nancy gerade erst wiedergefunden habe.</p>



<p>„Nein, das habe ich nicht“, sage ich und blicke auf meinen blutverschmierten Arm und all die kochenden, zerfressenen Leichen der Personen, die mir so viel bedeutet haben und die ich alle hingerichtet habe, „ich war kein guter Mensch, aber ich bin kein Psychopath.“</p>



<p>„Es wird Mama und Papa freuen, das zu hören“, sagt Nancy sarkastisch, „jedenfalls, wenn sie noch hören könnten.“</p>



<p>„Das alles ist nur eine Illusion. Pingo hat es mir gesagt“, verteidige ich mich.</p>



<p>„Er war ganz bestimmt eine Illusion“, sagt Nancy, „aber das heißt nicht, dass das auch für uns gilt. Das Multiversum ist voller grausamer Wunder und es kann Menschen an die seltsamsten Orte bringen.“</p>



<p>Das ist ein Trick, sage ich mir, ein Trick dieser Festung. Und doch entsetzt mich dieser Gedanke zutiefst. Meine Familie und mein bester Freund von mir hingeschlachtet. Nicht nur als Metapher, sondern ganz wortwörtlich. Das würde mich zerstören. Endgültig.</p>



<p>Das muss ein Trick sein, wiederhole ich innerlich und glaube es fast. Dennoch zögere ich, während der Boden um mich herum jetzt schon fast vollständig mit der unheilvollen Flüssigkeit bedeckt ist.</p>



<p>„Dies ist eine Festung des Todes“, meldet sich Krimara nun doch, die erhaben wie eine Hohepriesterin auf unserem Fernsehschrank steht, „sie verlangt ihr Recht. Du entscheidest, welches Opfer du bringst.“</p>



<p>Sie hat recht. „Es tut mir leid“, sage ich und leiser: „Es ist nur ein Trugbild“.</p>



<p>Dann hole ich aus.</p>



<p>„Du bist ein Mörder“, beginnt meine Schwester noch zu rufen, „das ist alles, was du je sein …“</p>



<p>Ihr Satz reißt ab, als ihre Kehle samt aller Knochen, Muskeln und Nerven auseinandergebrochen wird. Ihre letzten Worte haben nicht wütend geklungen. Eher bedauernd. Und das ist um einiges schlimmer.</p>



<p>„Beeil dich!“, ermahnt mich Krimara. Und sie hat recht. Die letzten freien Flecke verschwinden langsam und ich kann die aggressiven Dämpfe bereits in meinen Augen spüren. Also greife ich mir Nancys Kopf, springe wieder auf den Stuhl, dessen Beine bereits deutlich kürzer geworden sind, und hangele mich springend, kletternd und balancierend gemeinsam mit Krimara zum Tor voran. Dort setze ich hastig die Köpfe in die Vertiefungen, sodass ihre Gesichter mich anblicken. Kaum da sie alle platziert sind, erwachen sie der Reihe nach für einen kurzen Moment wieder zum Leben und sprechen ein letztes Mal zu mir.</p>



<p>„Freund“, behauptet Pingo und erstarrt wieder.</p>



<p>„Geschenk“, sagt meine Mutter.</p>



<p>„Verräter“, spricht mein Vater.<br>„Mörder“, ruft Nancy.</p>



<p>Dann ist es still und das Tor schwingt auf. Keinen Moment zu früh, wie ein rascher Blick hinter mich zeigt. Gemeinsam entfliehen wir vor der kriechenden Schwärze, die ihre Finger nach uns ausstreckt. Nur die Schwärze meines Herzens nehme ich mit.</p>



<p>~o~</p>



<p>Der nächste Raum <strong>überrascht</strong> mich erneut und das auf ganz andere Weise als bisher. Er <strong>scheint</strong> keine Grenzen zu haben, wenn man von einer flachen, glatten, hellgrauen Schieferdecke einmal absieht, von der an einer Stelle ein diffuses, weiches Licht <strong>ausströmt</strong>, das sich streichelnd auf zwei mit purpurnem Samt bespannte Bänke <strong>legt</strong>. Die einzigen Gegenstände <strong>sind</strong> neben einer weißen Tür, die etwa hundert Meter entfernt rahmenlos in der Schwärze <strong>schwebt</strong>.</p>



<p>Von irgendwoher <strong>höre</strong> ich die ferne, klagende Musik von Klangschalen, Klavier und Geigen. Die Luft <strong>riecht</strong> schwer nach Gewürzen und <strong>ist</strong> dennoch frisch, wenn auch von einer angenehmen Temperatur.</p>



<p>Ich <strong>würde</strong> mich beinah wohlfühlen, wenn da nicht der Schmerz in mir selbst <strong>wäre</strong>. Zudem <strong>gibt</strong> es ein weiteres Detail, das der Raumgestaltung fast jegliche heimelige Wirkung <strong>nimmt</strong>. Der Boden <strong>besteht</strong> aus schwarzem, trübem Glas, durch das man einen Haufen leicht verwester Leichen diverser Völkerschaften bewundern <strong>kann</strong>. Es <strong>gibt</strong> Rorak, Andrin, Menschen, Bravianer, Echsenwesen, Vogelwesen, Tronhiire und viele mehr, die in einer ähnlichen schwarzen Substanz <strong>schwimmen</strong>, wie ich ihr im Wohnzimmer meiner Eltern <strong>begegne</strong><strong>t bin</strong>. Nur mit dem Unterschied, dass diese hier nicht korrosiv zu sein <strong>scheint</strong>. Der Zustand der Körper <strong>lässt</strong> keinen Zweifel daran, dass sie nicht mehr aufwachen werden. Aber zugleich <strong>sind</strong> sie gut genug erhalten, um noch als Personen und nicht als bloßes Fleisch betrachtet zu werden, und ihre trüben, geöffneten Augen <strong>blicken</strong> mich scheinbar neugierig, sehnsuchtsvoll und traurig an.</p>



<p>„Mein Gott, welche Hölle ist das nun wieder?“, <strong>frage</strong> ich Krimara.</p>



<p>„Ein Klageraum“, sagt sie, „er dient der Erholung und der Kontemplation.“</p>



<p>„Wenn das hier als Erholung gilt, verstehe ich, warum mein Reisekatalog voll von Albträumen ist“, <strong>sage</strong> ich frotzelnd.</p>



<p>Krimara, die sich gerade auf eine der Sitzgelegenheiten <strong>niedergelassen hat</strong>, lacht nicht. Dafür sieht sie mich aber leicht herablassend an. „Dies ist ein Überbleibsel der ursprünglichen Totenfestung“, sagt sie ernst, „unverdorben und rein. Ich finde das nicht amüsant.“</p>



<p>„Tut mir leid“, <strong>sage</strong> ich aufrichtig, „ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Ich kann nur nicht nachvollziehen, wie der Anblick von Verwesung tröstlich sein kann.“</p>



<p>„Komm her!“, <strong>verlangt</strong> sie, als ich mich gerade auf der gegenüberliegenden Bank breitmachen <strong>will</strong>, „setz dich zu mir, dann erkläre ich es dir.“</p>



<p>Ich <strong>tue</strong>, wie mir geheißen, <strong>nehme</strong> neben ihr Platz und <strong>sehe</strong> sie an. Sie <strong>wirkt</strong> still, herrschaftlich und sauber. Wie der Tod selbst mit seinem freundlichsten Gesicht.</p>



<p>„Es kommt auf den Blickwinkel an“, <strong>sagt</strong> Krimara, „du betrachtest es als Scheitern, als eine Niederlage. Doch letztlich ist es eine wohlverdiente Ruhe. All diese Zellen haben über Jahrzehnte hinweg Stoffe transportiert, Signale übertragen, sich vermehrt, Schäden repariert und Eindringlinge bekämpft. Den Geistern, die diese Körper bewohnten, nicht unähnlich. Nun können sie alle endlich ruhen. Es gibt keine Aufgaben mehr, keine Befehle, keine Zwänge. Nur noch Entspannung und Zerfließen. Genau diese Entspannung sollst auch du hier fühlen.“</p>



<p>„Ich verstehe“, <strong>sage</strong> ich nachdenklich, „aber das klingt so, als würdest du den Tod dem Leben vorziehen. Ich dachte, du denkst anders.“</p>



<p>„Alles hat seinen Platz“, sagt sie sanft, „mein Problem ist nur, dass der Tod alles beherrscht, nicht, dass er existiert.“</p>



<p>„Tut mir leid, dass ich so kindisch darüber gescherzt habe“, <strong>sage</strong> ich und <strong>schäme</strong> mich tatsächlich. Fast so wie ein Kind, das seiner Lehrerin einen Pimmel auf ihr Klassenheft gemalt hat.</p>



<p>„Schon in Ordnung“, sagt Krimara, „ich schätze, früher hätte ich vielleicht selbst darüber geschmunzelt. Dieses leichtsinnige Lachen war nun mal das erste Opfer, das ich bringen musste, und eigentlich beneide ich dich darum. Aber ich bin noch nicht innerlich tot. Freude kann ich noch empfinden.“</p>



<p>Plötzlich <strong>beugt</strong> sie sich zu mir und <strong>küsst</strong> mich. Ich <strong>erwidere</strong> den Kuss. Lange und sanft. Es <strong>wirkt</strong> fast heilig und zugleich berauschend. Doch es <strong>hat</strong> nichts von einer Teenie-Romanze. Ich glaube, ich <strong>bin</strong> noch nie auf so erwachsene Art geküsst worden.</p>



<p>„Das war wirklich erfreulich …“, sage ich, „wobei … eigentlich bin ich voller Schmerz. All diese Menschen, die ich verloren und enttäuscht habe. Meine Schwester, die völlig aus meinem Gedächtnis gelöscht wurde. Meine Eltern und Pingo, deren Trugbilder ich hingeschlachtet habe … wenn es denn welche waren … ich … ich halte das kaum aus.“</p>



<p>„Ein reiches Herz nährt alle Blumen“, sagt sie und streichelt mir über mein Gesicht, „deine Trauer und deine Schuld machen dich reich. Sie ehren deine Verlassenen und Vergangenen, so wie es auch die Freude über das Leben tut. Beides gehört dazu.“</p>



<p>„Ich glaube, ich verstehe …“, <strong>vermute</strong> ich.</p>



<p>„Verstehen ist gut, aber erleben ist besser“, sagt sie und nimmt mich in die Arme. Auf eine eindeutige, begehrende Art.</p>



<p>„Können wir das wirklich machen?“, fra<strong>ge</strong> ich, „nicht, dass ich es nicht will, aber wir müssen eigentlich weiter. Sicher werden wir uns folgen und diese Festung ist voller Gefahren.“</p>



<p>„Nicht jede Prüfung besteht allein aus Leid. Diese dient der Entspannung und wenn wir darin scheitern, ist dies genauso gefährlich, wie bei jeder anderen Prüfung“, sagt sie vieldeutig.</p>



<p>„In Ordnung“, <strong>sage</strong> ich, „deine Argumente sind stichhaltig. Aber eines will ich vorher noch wissen.“</p>



<p>„Ja?“, erwidert sie.</p>



<p>„Magst du mich?“, <strong>frage</strong> ich und <strong>spüre</strong>, wie ich erröte.</p>



<p>„Das tue ich“, sagt sie ernst, „du bist ein schwieriger und in manchen Dingen unreifer Mann. Aber ich bin dir durchaus zugetan. Doch wonach du eigentlich fragst, ohne es auszusprechen: Ich kann diesen Gefühlen kein Namensschild verleihen und auch keinen Katalog von Verpflichtungen. Ich fühle anders als du. Erst recht seit der Zeremonie. Und das wird immer so sein. Akzeptiere das, wie wir auch unsere Endlichkeit akzeptieren.“</p>



<p>Ich <strong>akzeptiere</strong> mit Nicken und Schweigen. Und Krimara <strong>beginnt</strong>, mir das Hemd auszuziehen und meinen Körper zu betasten. Ihre Bewegungen <strong>sind</strong> getragen, ernsthaft und zeremoniell, aber nicht kalt oder leidenschaftslos. Dennoch <strong>ist</strong> dieser Sex eher religiös als wild. Eine symbolische Feier des Lebens unter dem Blick der Toten. Und ich <strong>passe</strong> mich diesem Rhythmus an. Als ich sie <strong>ausziehe</strong> und ihren knochigen, bleichen, aber doch weiblichen Leib <strong>erkunde</strong>. Der Geruch der Kräuter und ihr staubig riechender, dezenter Schweiß <strong>vernebeln</strong> meine Sinne und als ich <strong>komme</strong>, <strong>bin</strong> ich doch kaum ich, sondern eher ein Stellvertreter. Eine bebende Metapher. Das allzu oft todbringende Leben, das mit dem Tod <strong>verkehrt</strong>, der das Leben <strong>liebt</strong>.</p>



<p>Als wir fertig sind, fühle ich mich entspannt und doch erschöpft. So, als hätte ich eine wichtige Aufgabe erledigt. Anscheinend zur allgemeinen Zufriedenheit. Zum einen sieht Krimara ebenfalls relativ glücklich aus – auf eine ausgesprochen dezente und seriöse Art wie ein Weinkenner, der einem Aroma nachspürt. Zum anderen hat die Festung offenbar nicht entschieden, uns während des Aktes aufzufressen. Ich spüre Glück und Sympathie. Von jener Art, die weder Trauer noch Angst oder Schuld wegwäscht, sondern vielmehr auf ihnen schwimmt. Wie ein Boot auf einem stürmischen Meer, das die Fluten zu akzeptieren und fast zu lieben gelernt hat.</p>



<p>Plötzlich schleicht sich ein Gedanke in diese seltsame Harmonie. Profan und doch wichtig und zugleich sehr beschämend. Ich spreche ihn aus. Ich muss es tun.</p>



<p>„Wie … haltet ihr es mit Verhütung?“, frage ich und bemühe mich, Augenkontakt mit Krimara aufzunehmen, wobei ich fast sicher bin, von ihr Kritik und Verurteilung zu erfahren. Doch ist ihre Reaktion weniger scharf, als ich erwartet habe.</p>



<p>„Ein wenig spät für solche Überlegungen“, sagt sie mit der vagen Andeutung eines Lächelns, bevor sich ihr Gesicht wieder in Neutralität verliert, „aber keine Sorge. Wir Hochnatoren sind im Normalfall unfruchtbar. Wer einmal dem Tod gegeben wurde, kann für gewöhnlich kein Leben mehr gebären. Jedenfalls nicht ohne die richtigen Kräuter und Rituale. Doch wäre dies anders, hätten wir auch eine Lösung gefunden. Meinst du nicht?“</p>



<p>„Ich weiß nicht“, sage ich ehrlich und versuche, den Gedanken zu verdrängen, dass ich auf eine seltsame Art bereits Vater, was nur halb so seltsam ist, wie dass ich bereits meine Schwester verraten habe, die ich bis vor kurzem vollständig vergessen hatte, „ich bin ein ständig Reisender. Und ich hasse es, die Verantwortung für meine Taten an andere abzuschieben. Das habe ich nämlich schon viel zu oft gemacht. Und ja, wie üblich habe ich erst gehandelt und dann gedacht.“</p>



<p>„Das wäre mir keine Last gewesen“, sagt Krimara, „es wäre eine Verbindung zum Leben, die ich geschätzt hätte. Und die Dinge kommen, wie sie kommen.“</p>



<p>„Das stimmt“, sage ich, „und manche Dinge gefallen mir so, wie sie kommen. Aber ich schätze, wir sollten jetzt weitergehen.“</p>



<p>„Nein“, sagt Krimara, „so schnell noch nicht. Ich spüre, dass dieser Ort noch nicht zufrieden ist. Er will, dass wir uns noch etwas versenken. Und zwar auch in uns, nicht nur ineinander.“</p>



<p>„Ich verstehe“, sage ich, „also sollen wir noch etwas meditieren?“</p>



<p>„Meditieren, nachdenken, sein. Das liegt ganz bei dir“, sagt Krimara.</p>



<p>„Gut“, sage ich und hole mein Pendel hervor, „dann werfe ich noch einen Blick in die Ferne.“</p>



<p>„Gut“, sagt Krimara nicken, bevor sie ihre Beine enger an den Körper zieht und ihren Kopf auf ihre Knie stützt, „ich wecke dich, sobald es an der Zeit ist, weiterzuziehen. Möge dieser Blick lehrreich sein.“</p>



<p>„Darauf hoffe ich auch“, sage ich und folge den Bewegungen des Pendels in die ganz und gar nicht meditative Welt von Hyronanin.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ich kann mich nicht daran erinnern, euch damit beauftragt zu haben, die Müllabfuhr zu spielen“, sagt die oberste Gesunderin, die aufmerksamen Lesern unter dem Namen „Ryxah“ bekannt sein sollte. Seit wir sie zum ersten Mal durch meine Augen kennenlernen durften, hat sie sich subtil, aber doch gravierend verändert. Der sichtbare Teil ihres Gesichts ist durchzogen von Sorgenfalten und Linien, die Hass und Frustration wie ein Skalpell dort hineingegraben haben. Gleichzeitig sieht sie müde und fahrig aus und die mehrfachen, schlecht verheilten Schnitte an ihrem Arm, die sie sich selbst zugefügt hat, zeugen davon, dass sie sich selbst nicht aus der Schusslinie ihrer eigenen Wut nimmt.</p>



<p>Abgesehen von den Schnitten ist Ryxah körperlich gesund, wie die meisten der Gesunder. Aber ihre Psyche ist eine Ruine voller scharfer, gefährlicher Kanten und unerwarteter Abgründe. Sie hat Glück, dass es unter den Gesundern &#8211; bei all ihrer Grausamkeit &#8211; als Unart gilt, einem amtierenden Anführer in den Rücken zu fallen. Andernfalls hätte sie sich selbst längst auf irgendeinem Operationstisch wiedergefunden.</p>



<p>Karrek, dem die monströse Metastia wie ein Schatten folgte, grinste breit ob dieser Beleidigung. Unterstützte sie doch voll seine eigenen Ansichten.</p>



<p>„Sie ist kein Müll“, sagt Drengda, „sie ist eine Krebsbotin und eine Diplomatin.“</p>



<p>Der verächtliche Ausdruck auf Ryxahs Gesicht wird etwas weicher. Ihr Tonfall nicht. „Für eine Diplomatin habe ich keine Verwendung“, sagt sie harsch, „wobei &#8230;“</p>



<p>„Da irren Sie sich womöglich. Ich habe ein interessantes Angebot von meinem Herrn“, verkündet Tarena und ärgert sich selbst, dass sie Ryxah ins Wort gefallen ist. Das ist nicht hilfreich bei Verhandlungen. Leider ist sie nervöser, als sie es sich eingestehen will. Und das Schmerzmittel scheint auch so schon ihre Beherrschung zu beeinträchtigen, selbst wenn es ihr Hirn noch nicht in Matsch verwandelt hat.</p>



<p>„Du bist das interessanteste Angebot von deinem Herren, Stimmchen!“, sagt Ryxah mit einem irren Lachen, „und das Beste ist: Ich werde keine Gegenleistung dafür geben müssen.“</p>



<p>„Wie meinen Sie das?“, fragt Tarena, auch wenn ihr Bauchgefühl ihr die Antwort bereits zuflüstert, „Sie sagen doch, sie haben keine Verwendung für mich.“</p>



<p>„Du solltest besser zuhören, Krebsbotin“, sagt Ryxah, „ich sagte, ich habe keine Verwendung für eine DIPLOMATIN. Für dein Gewebe aber durchaus.“</p>



<p>Panik jagt durch Tarenas Adern. Sie hat nicht mit einem angenehmen Aufenthalt gerechnet. Aber Drengda hat ihr zumindest das Gefühl gegeben, dass man ihr ein Stück weit vertrauen kann. Selbst, wenn es dafür nur wenige rationale Gründe gibt. Ryxah hingegen … mit ihr und ihrem Wahnsinn hatte sie nicht gerechnet. Und das, obwohl sie Adrians Geschichten gelauscht hat und dort kein Wort von ihrem Tod oder Sturz zu vernehmen gewesen war. Trotzdem hatte sie die Gesunderin fast vergessen oder zumindest verdrängt. Und vielleicht hatte sie auch angenommen, dass sie inzwischen durch irgendwen anderes ersetzt worden wäre. Ein sträflicher und wahrscheinlich fataler Fehler. Gehört das auch noch zu Anys Plan oder versagt sie gerade kolossal?</p>



<p>„Wenn ihr mich tötet, wird das meinen Herren verärgern“, versucht Tarena, sie umzustimmen. Sie fühlt sich benebelt und entmutigt. Aber dennoch legt sie eine wohldosierte Mischung aus Selbstbewusstsein, kühler Rationalität und Drohung in ihre Worte.</p>



<p>Zu ihrer eigenen Überraschung scheint es seine Wirkung nicht ganz zu verfehlen. Für einen Augenblick sieht sie Angst durch den offenkundigen Wahn in Ryxahs Gesicht flimmern.</p>



<p>„Dein Herr ist nicht hier. Und dein Wohlergehen interessiert ihn weit weniger, als du vielleicht glaubst“, antwortete Ryxah verächtlich, aber unsicherer als Tarena zu hoffen gewagt hat. Sie fürchtet Nollotsch. Das ist nicht zu übersehen. Schon allein, weil sie ihre Finger wie beiläufig im Fleisch ihres linken Arms versenkt und dort tiefe, blutende Kratzer hinterlässt.</p>



<p>Trotzdem ahnt auch Tarena die Wahrheit in Ryxahs Worten. Sie traut dem Planetenkrebs ebenfalls nicht. Nicht ganz jedenfalls. Auch wenn sie ihn sich trotzdem als Verbündeten wünscht, jetzt, wo sie so dringend einen gebrauchen kann. Doch ihre Zweifel darf sie sich nicht anmerken lassen.</p>



<p>„Die Arme von Planetenkrebsen reichen weiter, als Sie glauben“, sagt Tarena mit ihrem besten Pokerface, „und Loyalität ist nicht nötig, um meinen Herrn mit einer solchen Tat zu verärgern. Ich bin sein Besitz und seinen Besitz will er nicht verlieren.“</p>



<p>Ryxah antwortet nicht, sondern leckt sich das eigene Blut von den Fingern, als wäre es ein guter Wein. Dann versinkt sie in brütender, nachdenklicher Stille. Ein Umstand, der Tarena genauso Hoffnung gibt wie der flüchtige, aber freundliche Blick, den Drengda ihr zuwirft.</p>



<p>Eben jene Gesunderin meldet sich schließlich auch zu Wort, während ihre Anführerin noch immer ihren Blutgelüsten frönt, sich weiteres Körpersaft und kleine Gewebestücke aus den Wunden pflückt und ansonsten starr in die Leere blickt. „Wir können beides bekommen“, sagt Drengda, „ihre Kooperation und ihr Gewebe. Ich kann Stammzellen extrahieren, ohne sie zu töten. Darauf verstehe ich mich. Wenn wir die Zellen im Labor replizieren …“</p>



<p>„Mit Verlaub. Das ist Schwachsinn“, sagt Karrek, „Was, wenn diese Proben nichts taugen oder nicht ausreichen, um damit zu arbeiten?“</p>



<p>„Dann holen wir einfach neues Material“, schlug Drengda vor.</p>



<p>„Wenn wir deine neue Freundin hier wie Milchvieh in einer Zelle halten, besteht tatsächlich das Risiko, dass wir ihren Herren irgendwann auf uns aufmerksam machen, für den Fall, dass sie noch eine Verbindung zu ihm unterhält. Ich würde sagen, wir holen uns alles und entsorgen das, was wir nicht brauchen. Der Krebs wird sich wahrscheinlich nicht die Mühe machen, den weiten Weg für seine Rache herzukommen oder dafür, ihre zerstreuten Reste aufzusammeln. Für eine Rückholaktion einer funktionsfähigen Dienerin aber vielleicht schon. Aber selbst, wenn er kommt, sind wir bis dahin auf ihn vorbereitet“, sagt Karrek.</p>



<p>Tarena wird eiskalt, als sie bemerkt, wie sich erneut etwas in Ryxahs Gesicht verändert. Die Angst darin schmolz, sie hörte auf damit, sich selbst zu verzehren, und ihr abwesender Blick wird schlagartig wieder klar und eiskalt. Sie ahnt schon, was die Gesunderin sagen wird, bevor sie es schließlich tut.</p>



<p>„Du hast recht, Karrek. Wir sind Heiler. Wir sind dafür geschaffen, Krebs zu besiegen und zu kontrollieren. Egal in welcher Form. Und ihr Körper wird uns dabei dienlich sein“, sagt Ryxah, „schlachtet sie aus – bei vollem Bewusstsein, damit die Zellen frisch und aktiv sind &#8211; und isoliert das nützliche Material. Das ist mein letztes Wort.“</p>



<p>„Darum werde ich mich gerne kümmern“, bietet Karrek an.</p>



<p>„Nein, dir fehlt das nötige chirurgische Talent“, widerspricht Ryxah und sieht dabei Drengda fest an, „Drengda wird das erledigen. Sie versteht sich doch auf so etwas. Nicht wahr?“</p>



<p>Drengda zögert kurz, dann aber nickt sie.</p>



<p>Tarena geht ihre Optionen durch. Sie kann versuchen zu kämpfen oder sich still verhalten und darauf hoffen, dass Nollotsch sie in letzter Sekunde retten wird. Beides ist ein Spiel mit ihrem Leben. Sie weiß weder, ob sie dem Planetenkrebs genug am wuchernden Herzen liegt, noch ob sein Samen hier schon weit genug aufgegangen ist, um ihr zu helfen. Umgekehrt kann Widerstand dazu führen, dass man sie fesselt oder ihr irgendwelche Mittel spritzt, um sie zu lähmen, was eine mögliche Flucht noch unwahrscheinlicher machen wird, selbst wenn Nollotsch ihr helfen sollte. Dennoch kann sie nicht einfach zulassen, dass man sie lebendig auseinandernimmt. Andy ist auf sie angewiesen und auch sie selbst hat in diesem Leben schon genug gelitten.</p>



<p>Nein, sie muss kämpfen. Auch wenn ihre Chancen unbewaffnet gegen die drei nicht gut sind und sie sicher ist, dass noch eine Reihe weiterer Gesunder und ihre Diener hinter den Vorhängen aus Pilzgeflecht und in den vielen kleinen Kammern warten. Besser, sie nimmt ihr Schicksal in die eigene Hand. Sie entschied sich, sich auf Ryxah zu stürzen, die ihr mit ihrem Wahnsinn das aussichtsreichste Ziel zu sein scheint.</p>



<p>„Warte“, hörte sie Drengda durch geschlossene Lippen flüstern, bevor sie in Aktion treten kann. So unendlich leise, dass wahrscheinlich wirklich nur sie es hören kann, „tu das nicht.“</p>



<p>Die Gesunderin scheint geahnt zu haben, was Tarena vorhat. Und auch, wenn es wahrscheinlich Wahnsinn ist, auf sie zu hören, hält sie sich tatsächlich zurück.</p>



<p>„Ihr werdet das bereuen. Mein Herr wird mich rächen!“, sagt sie lediglich böse zu Ryxah, die das zusammen mit einer blutspritzenden Armbewegung weglacht.</p>



<p>„Ach, wenn du wüsstest, wie viele Zerstörungs- und Todesdrohungen ich schon bekommen habe. Und manche davon waren weit ernstzunehmender als deine. Trotzdem lebe ich noch und bin intakt“, sagt Ryxah, „also Drengda, führ sie ab und …“</p>



<p>Die oberste Gesunderin unterbricht sich, als eine junge Andrin in die Hölle rauscht. Sie ist außer Atem, stinkt nach krankem Schweiß, ihre Haut ist krebsrot und von knotigen Pusteln und Warzen bedeckt. Aber dennoch ist sie verblüffend schnell. „Eine Botschaft“, keucht sie atemlos.</p>



<p>„Was für eine Botschaft, Nerri?“, fragt Ryxah und auch Tarena, die sich genau wie Drengda noch nicht von der Stelle bewegt hat, blickt neugierig auf die Frau.</p>



<p>„Unsere Vorhut aus wandelnden Kranken und einigen Bakteroiden hatte Feindkontakt“, sagt die Späherin.</p>



<p>„Rebellen?“, fragt Ryxah.</p>



<p>„Nein“, sagt die Frau kopfschüttelnd, „es waren nicht nur ein paar Verzweifelte, sondern ein ganzes, vollkommen gesundes Heer. Es sind tausende. Zusammengesetzt aus verschiedenen Völkern. Vor allem aber Cestral und ihre Traumdrachen.“</p>



<p>Ryxah lacht. Es klingt so fröhlich und harmlos wie ein vereiterter Blinddarm. „Ah, die Beute versucht sich als Jäger, was? Ich denke, sie haben die Vorhut der Irren besiegt. Oder interpretiere ich deine Panik falsch und wir haben sie in den Staub getreten.“</p>



<p>„Weder noch“, sagt die Botin, „sie haben die wandelnden Kranken zerschlagen, aber die Bakteroiden konnten sie noch nicht überwinden. Fürs Erste sind sie geflohen.“</p>



<p>„Geflohen?“, fragt Ryxah skeptisch, „wie soll ein so großes Heer einfach in unseren Gängen verschwinden.“</p>



<p>„Es gibt Geheimgänge“, kommentiert Drengda, „und manche von ihnen kennen selbst wir nicht.“</p>



<p>„Also doch die Rebellen“, schlussfolgert Ryxah, „zumindest arbeiten sie mit ihnen zusammen.“</p>



<p>„Ja, ich denke, dass es einen Kontakt gab, auch wenn ich keine Anzeichen dafür gesehen habe“, sagt die Späherin.</p>



<p>Ryxags Kopf schnappt zu Tarena herum und der Wahn in ihren Augen kocht wie eine Seuchenquelle. „Weißt du etwas darüber?“, fragt sie mit blutverschmiertem Mund, „schon ein seltsamer Zufall, dass sie hier auftauchen, genau in dem Moment, in dem du in unsere Arme gestolpert bist.“</p>



<p>„Ich weiß gar nichts darüber“, beginnt Tarena zu erwidern, „aber ich könnte …“</p>



<p>„Ach, weißt du was, halt deinen Mund, Krebsdienerin“, sagt Ryxah und reibt sich die Schläfen, so als wäre in ihrem Kopf nicht nur psychisch etwas kaputt, „mich interessieren deine Ausflüchte gerade nicht. Ich brauche keine weiteren Worte von dir. Karrek, kümmer dich um die Verteidigung. Verstärke unsere Patrouillen, aktiviere die Bakteroiden-Reserven und bringe Metastia und die anderen Metavoren in Stellung. Diese niederen Kreaturen dürfen uns nicht überrumpeln. Ich will sie alle zerteilt, auf unseren Operationstischen, in unseren Verwahren und die Brauchbarsten von ihnen in unseren Reihen sehen. Jinri, gehe wieder da raus und suche die Gänge nach Aktivität ab. Und Drengda, hole mir alles aus dieser Krebsbotin raus. Alle brauchbaren Zellen und jede einzelne Antwort.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Wäre der Tod hier möglich, wären wir längst erstickt, oder?“, bemerkt Scynra und blickt auf den engen, stickigen Gang, der so wenig Platz bietet, dass sie sich vorkommt wie die 4-fach konzentrierte Paste in einer Tube Tomatenmark.</p>



<p>„Ich weiß es nicht“, sagt Nerrin schulterzuckend, „aber es ist gut möglich. Doch es ist lange her, dass ich sterben konnte, und in den Verwahrern existiert man sehr lange ohne Sauerstoff. Irgendwann kommt der Schwindel, aber er verschwindet auch wieder und bringt mehr Klarheit zurück, als man gebrauchen kann. Ich weiß das, ich habe Jahre dort verbracht.“</p>



<p>„Das tut mir leid“, sagt Scynra aufrichtig und verspürt den Impuls, dem durchscheinenden Mann eine Hand auf seine wie Gelee aussehende Schulter zu legen. Aber angesichts der Enge ist daran nicht zu denken.</p>



<p>„Trotzdem hat Scynra recht“, sagt Fienna, „es ist wirklich unangenehm hier drin. Es wird nicht lange dauern, bis die ersten von uns ohnmächtig werden oder sich Schürfwunden zuziehen.“</p>



<p>„Der Tunnel ist auch nicht dafür geschaffen, eine ganze Armee aufzunehmen“, sagt Dryvanna lachend und fügt dann hinzu, als sie die Fragen förmlich in ihrem Nacken spürt: „aber er wird es können. Und so weit ist es nicht mehr. Wir müssen uns nur ein bisschen gedulden.“</p>



<p>„Ich finde es irgendwie aufregend, so ausgeliefert zu sein“, sagt Makra schwärmerisch, „es ist eine existenzialistische Erfahrung. Fast wie gefesselt zu sein. Gefesselt von Stein und Enge.“</p>



<p>„Eine merkwürdige Sichtweise“, stellt Dryvanna fest.</p>



<p>„Eher eine abartige, würde ich sagen“, meint Endron verächtlich.</p>



<p>„Zumindest hätte ich sie im Verwahrer gut gebrauchen können“, kommentiert Nerrin lachend.</p>



<p>„Man kann es sehen, wie man will. Ich dränge niemandem meine Vorlieben auf, aber ich erwarte, dass sie respektiert werden. Doch wie dem auch sei, eins sollte uns allen ein Trost sein: Immerhin haben wir Licht“, sagt Makra, „dank dieser Flechten.“</p>



<p>„Ja“, bestätigte Endron, „leider sind sie giftig. Aber nur schwach. Sie verursachen etwas Ausschlag und Juckreiz, mehr nicht.“</p>



<p>„Fiennas Zauber sollte uns dagegen schützen“, meint Makra leichthin.</p>



<p>„Ich denke nicht“, sagt Scynra, „nicht wenn es Gift ist und kein Erreger.“</p>



<p>„Das stimmt leider“, meint Fienna.</p>



<p>„Na großartig“, sagt Makra, „jetzt krieg ich rote, juckende Blasen auf meinen Brüsten oder was? Das sieht doch scheiße aus. Oder noch schlimmer … Callan bekommt Ausschlag auf seinem … Callan? Alles klar?“</p>



<p>Callan reagiert nicht. Und das, obwohl er direkt neben Makra steht. Seine Hand, die sie hält, ist eiskalt. Sofort schleicht sich Sorge in ihre heitere Laune und sie bemüht sich, ihren Kopf zu wenden, was angesichts der rauen, niedrigen Felsdecke ein Kraftakt ist. Doch schließlich sieht sie ihn. Er ist kreidebleich und seine Augen zeigten kein Zeichen von Leben.</p>



<p>„Nein! Callan, bitte, du darfst nicht tot sein“, schreit Makra so laut, dass sich einige um sie herum die Ohren zuhielten.</p>



<p>„Halt den Mund“, regt sich Dryvanna auf, „hier drin stirbt keiner, schon vergessen? Aber du verrätst uns noch, verdammt!“</p>



<p>„Er ist auch nicht tot“, stimmt Scynra Dryvannas Einschätzung zu, „ich kann ihn zwar in dieser Höhle nicht untersuchen, aber sein Brustkorb bewegt sich noch. Ich denke, er ist nicht mal ohnmächtig. Ich tippe auf Klaustrophobie.“</p>



<p>Als hätte Callan diese Diagnose ebenfalls vernommen, beginnt er, einige unverständliche Laute von sich zu geben.</p>



<p>„Un … in …. bin …. nicht …. raus … bedingt … elll“, stottert er, und trotz seines offensichtlichen Elends fällt Scynra ein Stein vom Herzen. Ein toter Callan wäre beschissen. Mit einem leidenden kann sie besser leben.</p>



<p>„Sorry“, sagt sie zu den anderen.</p>



<p>„Entschuldige dich am besten dadurch, dass du deinen Freund dazu bringst, endlich weiterzugehen“, sagt Nerrin, „ob ihr’s glaubt oder nicht, die meisten von uns genießen den Aufenthalt hier drin nicht.“</p>



<p>„Wie genau sieht denn euer Plan aus?“, fragt Scynra, während Makra beruhigend auf Callan einredet.</p>



<p>„Diese Genies hier sind in der Lage, Bakteroiden umzuprogrammieren“, eröffnet Andy, „so, dass sie ihnen dienen, anstatt den Gesundern.“</p>



<p>„Heißt das, die Dinger können …“, begann Scynra.</p>



<p>„Gesunder infizieren“, sagt Dryvanna stolz, „ganz genau. Sie können dein widerliches Drecksvolk mit dem gleichen Fluch strafen wie uns.“</p>



<p>„Dryvanna“, ermahnte Nerrin, „sähe keine Zwietracht.“</p>



<p>„Schon in Ordnung“, sagt Scynra, „mein Volk hat solche Bezeichnungen verdient. Nicht immer, aber in den letzten Jahrhunderten. Und auch ich nehme sie mir gern an. Aber trotzdem könnt ihr mir vertrauen, falls du daran zweifeln solltest.“</p>



<p>„Das tue ich nicht“, sagt Dryvanna, „ich hasse euch Gesunder. Auch die Reumütigen zu einem gewissen Grad. Aber mein Hass macht mich nicht blind. Ich erkenne loyale Verbündete, wenn ich sie sehe. Und ich will dir die Gelegenheit einräumen, meines Hasses unwürdig zu werden.“</p>



<p>„Eine löbliche Einstellung“, sagt Scynra.</p>



<p>Dryvanna nickt nur und wendet dann den Blick ab. Allzu weit scheint ihre Sympathie wirklich nicht zu gehen.</p>



<p>„Geht es wieder?“, fragt Makra ihren Freund.</p>



<p>„Ja“, antwortet Callan und klingt selbst überrascht, „meine Raumangst ist nicht weg … aber … sie ist … erträglich.“</p>



<p>„Kein Wunder“, sagt Makra lächelnd, „aus meiner letzten Beziehung kenne ich viele Punkte, die Schmerz auslösen, aber auch solche, die Positives im Nervensystem bewirken. Man muss nur die richtigen Nervenknoten treffen. Menschen und Deovani sind hier wohl ähnlich aufgebaut.“</p>



<p>„Für mich klingt das immer noch wie Hokuspokus“, sagt Scynra zweifelnd.</p>



<p>„Wer heilt, hat recht“, antwortet Makra schulterzuckend, „heißt es nicht so?“</p>



<p>„Ja, unter Quacksalbern und Wunderheilern“, antwortete Scynra, und verzieht verächtlich ihr Gesicht.</p>



<p>„Mir egal, was du davon hältst, meine Liebe“, sagt Makra, „wichtig ist nur, dass es funktioniert.“</p>



<p>„Das stimmt“, sagt Callan, „und ihr wart gerade dabei, euren Plan zu besprechen. Entschuldigt bitte die Ablenkung.“</p>



<p>„Kein Problem“, sagt Dryvanna, „also … um es neutraler zu formulieren: Ja, wir sind in der Lage, mit den Bakteroiden einen Gegenangriff durchzuführen. Einen von ihnen haben wir bereits gekapert, aber das reicht natürlich nicht. Um mehr von ihnen umzudrehen, brauchen wir eure Hilfe. Einige von euch sind sicher fähig genug, die Bakteoriden und gegebenenfalls ihre Begleittruppen abzulenken. Beschäftigt sie ausreichend und ich und meine Leute kümmern sich um den Rest.“</p>



<p>„Deine Leute?“, fragt Fienna, „meinst du nur euch drei oder gibt es noch mehr?“</p>



<p>„Es gibt noch mehr“, antwortete diesmal Nerrin, „und wir werden auf eine Patrouille von uns treffen, wenn wir nicht noch mehr Zeit verschwenden. Dann können wir uns vereinen und dem Gegner in den Rücken fallen. Und es gibt auch Leute darunter, die die Funktionsweise der Bakteroiden so gut verstehen wie ich.“</p>



<p>„Ein guter Plan“, befindet Callan.</p>



<p>„Das bedeutet aber, dass wir tiefenverseucht werden können, wenn etwas schiefgeht“, stellt Scynra klar, „ihr habt es ja selbst gesehen, wie schnell das gehen kann.“</p>



<p>„Hey, ein bisschen Gefahr ist immer dabei“, sagt Makra, „immerhin können wir hier nicht sterben.“</p>



<p>„Aber Schlimmeres“, sagt Endron bitter.</p>



<p>„Und wenn wir Erfolg haben?“, fragt Callan.</p>



<p>„Dann dringen wir direkt in ihr Hauptquartier vor und verarbeiten jeden einzelnen Gesunder zu Gewebematsch“, sagt Dyvanna.</p>



<p>„Das ist keine gute Idee“, sagt Andy energisch.</p>



<p>„Wieso?“, fragt Dyvanna argwöhnisch.</p>



<p>„Vielleicht, weil nicht jeder von ihnen ein Fanatiker ist?“, springt ihm Scynra bei.</p>



<p>„Du meinst, die haben alle nur Befehle befolgt und ganz üble Bauchschmerzen dabei, anderen mit ihren Skalpellen Bauchschmerzen zu machen?“, höhnt Dyvanna mit gespielt weinerlicher Stimme, „ich glaube nicht, Frau Doktor. Jeder, deiner Freunde, der noch ein wenig Restgewissen hatte, ist längst desertiert. Alle, die es jetzt noch gibt, sind herzlose Sadisten und rückgratlose Mitläufer. Sie verdienen keine Gnade.“</p>



<p>„Sie gingen mit dem Skalpell vor“, antwortet Andy, „lass es uns genauso handhaben. Wir schneiden die weg, die uneinsichtig sind, und heilen die anderen. Sie waren einst Heiler. Vielleicht werden sie sich erinnern.“</p>



<p>„Wie kann man nur so naiv sein“, sagt Dyvanna lachend.</p>



<p>„Dennoch hat er vielleicht recht“, sagt Nerrin, „in unserer Heimat ist es nicht anders. Rache gebiert wieder Rache. Selbst dann, wenn man meint, der Sieg wäre absolut. Lass uns jene verschonen, die sich ergeben. Dann können wir immer noch prüfen, ob sie sich läutern lassen.“</p>



<p>„Von mir aus“, sagt Dyvanna genervt, „aber wer einen Arm gegen mich erhebt, verliert ihn. Mindestens. Davon wird mich niemand abhalten.“</p>



<p>„Das ist nur fair“, sagt Andy, der es für keine gute Idee hielt, die Gesunder zu offen zu verteidigen. Immerhin könnte ihn das in ein schlechtes Licht rücken.</p>



<p>„Gut“, sagt Dyvanna, „dann lass uns nicht länger Zeit verschwenden. Selbst in Hyronanin gibt es bessere Orte als diesen Tunnel.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Als die stählerne Tür des gesicherten Operationsabteils ins Schloss fällt und sie einen Blick auf den Raum erhascht, dessen steinerne Regale randvoll mit Tinkturen, Fläschchen und mysteriösen, aber finster aussehenden Operationswerkzeugen sind, hat Tarena endgültig das Gefühl, einen gewaltigen Fehler gemacht zu haben. Sollte sie sich in Drengda getäuscht haben, wäre sie ihr hier drin ausgeliefert und selbst, wenn sie sie überwinden könnte, könnte es sein, dass sie hier für den Rest der Ewigkeit gefangen ist.</p>



<p>Zudem hatte Drengda nicht auf ihre geflüsterten Andeutungen und Fragen reagiert und sich auf den Weg in das Abteil schweigsam gezeigt. Vielleicht, um nicht aufzufallen, aber eine Garantie dafür hatte sie leider nicht.</p>



<p>„Leg dich auf den Tisch“, sagt Drengda kalt, während sie frische Handschuhe aus einem der Regale nimmt und über ihre Finger stülpt. Es sind die ersten Worte, die sie spricht. Und sie gefallen Tarena nicht.</p>



<p>„Um mich zu behandeln, oder?“, fragt Tarena, „Das ist gut. Sobald es mir besser geht, können wir uns gemeinsam einen Fluchtplan ausdenken. Deine Anführerin ist wahnsinnig und wir sollten versuchen, sie &#8230;“</p>



<p>„Leg dich auf den Tisch!“, wiederholt Drengda scharf.</p>



<p>„Nein“, sagt Tarena, die schlagartig erkennt, dass sie sich in Drengda getäuscht haben muss. Sie sieht sich unauffällig nach dem Operationsbesteck um. Vieles davon taugt als Waffe. Aber Drengda ist diesen Geräten viel näher als sie.</p>



<p>„Ich mache dir nichts vor. Es wird grausam werden. So oder so. Aber ich habe die Möglichkeit, es noch viel schlimmer zu gestalten“, sagte Drengda, „bitte lass mich darauf verzichten. Ich habe keine Freude an unnötiger Grausamkeit.“</p>



<p>Tarena wird eiskalt. Ja, es ist eindeutig. Sie hat die falsche Entscheidung getroffen.</p>



<p>„Du hast mir vorhin gesagt, dass ich mich zurückhalten soll“, sagt Tarena verzweifelt.</p>



<p>„Das war auch ein guter Rat“, sagt Drengda, „ein Kampf gegen Ryxah hätte nichts gebracht …“</p>



<p>Noch bevor Drengda zu Ende gesprochen hat, springt Tarena auf und stürzt sich auf das nächstgelegene Regal mit Operationsbesteck. Sie schafft es, ihre Finger um ein scharfes Skalpell zu legen. Doch noch bevor sie es richtig greifen kann, erschlaffen ihre Finger und verlieren ihr Gefühl. Genau wie ihre Beine. Nur ihr Torso und ihr Kopf sind nicht betroffen. So spürt sie auch die Einstichstelle, in der die Spritze steckt.</p>



<p>„Auch ein Kampf gegen mich bringt nichts“, sagt Drengda beinah tröstend, während sie Tarenas hilflosen Körper auf den OP-Tisch hebt, „aber ich werde dir den Versuch nicht übelnehmen und trotzdem auf unnötige Grausamkeit verzichten. Erst recht, wenn du mir alles verrätst, was du über die Angreifer weißt. Die Entfernung der Stammzellen ist schmerzhaft und ich darf dich nach der Prozedur nicht intakt lassen. Aber ich werde dich danach molekular zerstäuben. Das Bewusstsein bleibt natürlich an den Staub gekettet. Aber nach allem, was wir wissen, ist das Leid geringer, wenn die Hirnfunktionen und Zellstrukturen fehlen. Wir vermuten es zumindest.“</p>



<p>Tarena kocht innerlich vor Wut, aber sie erinnert sich daran, dass ihre Stimme jetzt der einzige Hebel ist, den sie noch hat.</p>



<p>„Danke“, sagt Tarena, auch wenn sie kaum glauben kann, dass dieses Wort ihren Mund verlässt.</p>



<p>Auch Drengda wirkte überrascht und hält kurz darin inne, Tarenas, ohnehin gelähmten, menschlichen und insektoiden Gliedmaßen an den Operationstisch zu fesseln.</p>



<p>„Weißt du, ich verstehe dich“, ergänzt Tarena so sanft sie nur kann, „du willst dich nicht gegen dein Volk und deine Anführerin stellen. Ich kenne diesen Wunsch. Ich komme selbst aus einem Kollektiv. Aber ich habe auch den Wert eigenständiger Entscheidungen kennengelernt. Die Gabe zu erkennen, dass das Kollektiv in die falsche Richtung läuft.“</p>



<p>Tarena sieht Drengda aufmerksam an und erkennt, dass sie selbst einen professionellen Schnitt gesetzt hatte. Einen Schnitt in den Panzer, den Drendga um ihr Herz gebildet hat.</p>



<p>„Wenn alle in diese Richtung laufen, hat man kaum eine Wahl“, sagt Drengda so leise, dass Tarena sie nur mit Mühe versteht.</p>



<p>„Es laufen nicht alle in dieselbe Richtung“, widerspricht Tarena, kaum lauter, da sie nicht weiß, wer vielleicht hinter der Tür lauschen mochte, „ich weiß von einigen Gesundern, die einen anderen Pfad eingeschlagen haben. Es ist möglich.“</p>



<p>„Das waren andere Zeiten“, sagt Drengda und kaut sich dabei nervös auf der Unterlippe herum. Sie scheint eindeutig mit sich zu ringen, „damals war Ryxah zwar streng, aber nicht vollkommen verrückt. Jetzt lässt sie alle ständig überwachen und wenn sie schlechte Laune hat, bestraft sie jeden, der nicht mit größter Brutalität vorgeht, mit drastischen Strafen. Der Verwahrer ist noch das Netteste. Manche von uns stecken als arm- und beinlose Stümpfe in den Wänden oder wurden so tiefenverseucht, dass die Rebellen neben ihnen hübsch sind und …“</p>



<p>Sie bricht ab und wird bleich, bevor sie weiterspricht. Eher zu sich selbst als zu Tarena. „Es ist besser, zu folgen und abzuwarten. Besser, es zu ertragen.“</p>



<p>Drengda strafft sich und setzt einen kalten, analytischen Gesichtsausdruck auf. „Wie dem auch sei“, sagt sie, „wir haben genug Zeit verschwendet. Ich muss jetzt beginnen, die Proben zu extrahieren.“</p>



<p>Ich verliere sie, realisiert Tarena, ich muss anders vorgehen.</p>



<p>„Das ist feige“, sagt sie, „das Falsche zu tun, weil man es für das Richtige hält, ist nur Verblendung. Aber es zu tun, obwohl man weiß, dass es falsch ist, ist böse. Und erbärmlich feige!“</p>



<p>Das letzte Wort speit Tarena aus wie einen Stachel. Und dieser Stachel trifft sein Ziel. Doch womöglich hatte sie zu hart geschossen.</p>



<p>Drendgas Gesicht umwölkt sich mit Zorn.</p>



<p>„Ich bin nicht feige, du missratene Krebsgeburt!“, schreit Drengda, greift sich ein Skalpell und schneidet Tarena ihren rechten, menschlichen Arm mit einem glatten Schnitt ab. Tarena spürt erst keinen Schmerz. Alles was sie wahrnimmt ist Entsetzen und der Geruch ihres eigenen, verbrannten Fleisches. Dann jedoch schlägt der Schmerz mit voller Wucht zu. Offenbar verlangsamt das Mittel, das sie gelähmt hat, nur seine Übertragung. Als das grausame Brennen auf ein irgendwie erträgliches Maß zurückgeht, ist es vor allem Überraschung, die sie fühlt. Tief in sich hat sie wohl immer noch gehofft, dass sie Drengda erreichen kann.</p>



<p>Doch nicht einmal Tarena ist so überrascht von der Tat der Gesunderin, wie Drengda selbst, die mit ungläubigen Augen auf Tarenas abgetrennten Arm sieht, der wie ein dicker, lebloser Python auf dem Boden liegt.</p>



<p>„Das … das wollte ich nicht“, sagt Drendga erschüttert, „ich …“</p>



<p>Auch wenn Tarena vor allem Schmerzen spürt, spürte sie noch intensiver das dringende Verlangen, ihre Peinigerin ebenfalls zu verletzen. Wenn nicht mit Taten, dann zumindest mit Worten. Aber sie beherrscht sich, beherrscht sich so gut sie nur kann, und schluckt ihren Hass herunter. Sie versucht, daran zu denken, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Nollotsch ihr einen neuen Arm geben würde. Oder vielleicht Any. Auch wenn sie weiß, dass dies unsichere und vielleicht verdammt teure Geschenke sein würden. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Zurückhaltung scheint sich jedoch auszuzahlen.</p>



<p>„Es tut mir wirklich leid …“, sagt Drengda und auf ihrem harten Gesicht zeigen sich plötzlich Tränen, „ … ich wollte nie Leid verursachen … ich wollte heilen. Immer schon. Ich … ach so eine Scheiße. Ich wünschte, ich könnte das wieder gutmachen.“</p>



<p>„Sprich leiser“, zwingt sich Tarena zu sagen, „sie hören dich noch. Und es gibt nichts wiedergutzumachen. Du stehst unter mehr Druck, als eine Person ertragen kann. Ich versteh das wirklich. Ich hätte dir auch keine Feigheit vorwerfen sollen. Ich weiß nicht, wie es ist, du zu sein.“</p>



<p>„Nein“, sagt Drengda kopfschüttelnd, aber wieder leiser, „du hast vollkommen recht. Es ist feige. Und es spielt keine Rolle, wer oder was ich bin oder was ich durchgemacht habe. Es gibt keine Entschuldigung für solch ein Verhalten. Leider kann ich dir deinen Arm nicht mehr zurückgeben. Das Skalpell, das ich verwendet habe, arbeitet sehr sauber und mit hochkonzentrierter Hitze. Es verschließt alle Arterien und Nerven. Vielleicht würde ein Whe-Ann-Implantat funktionieren. Sonst aber …“</p>



<p>„Das ist nicht schlimm“, versichert Tarena, „es ist nun einmal passiert. Aber wenn du mir helfen willst, dann verzichte darauf, mich weiter auseinanderzunehmen, und hilf mir, deine Leute zu überzeugen.“</p>



<p>„Eher könnte ich Demenz mit einem Pflaster heilen“, sagt Drengda und lässt sich seufzend auf den Boden sinken, „alles, was ich dir anbieten kann, ist deine Lähmung aufzuheben und mich zusammen mit dir heldenhaft abschlachten zu lassen.“</p>



<p>„Das glaube ich nicht“, beharrt Tarena, auch wenn sie selbst natürlich nicht weiß, ob sie damit auch nur ansatzweise in der Nähe der Wahrheit liegt, „es können nicht alle Gesunder sein wie Karrek oder Ryah. Es muss noch mehr hier geben, die denken wie du.“</p>



<p>„Die gibt es auch“, sagt Drengda, „aber die sind noch viel feiger als ich. Solange Ryxah an der Macht ist, wird sich keiner von ihnen trauen, sich gegen ihre Linie zu stellen.“</p>



<p>„Dann muss sie sterben“, sagt Tarena, „oder zumindest dem so nahegebracht werden, wie das an diesem Ort nur möglich ist.“</p>



<p>„Das funktioniert nicht“, widerspricht Drengda, „das habe ich dir doch vorhin schon gesagt. Selbst gemeinsam würden wir sie im Kampf nicht überwinden können und ihre Getreuen schon gar nicht.“</p>



<p>„Es muss andere Möglichkeiten geben“, sagt Tarena, „du bist eine Wissenschaftlerin, dir fällt sicher etwas ein.“</p>



<p>„Vielleicht“, sagt Drengda, „aber alles, was mir gerade einfällt, benötigt Zeit und wir können diesen Raum hier nicht gemeinsam verlassen, ohne in unser Verderben zu laufen. Und auch ich kann nicht gehen, solange dein Körper noch mehr ist als eine zerstörte Ruine.“</p>



<p>„Du hast meinen Arm. Entnehme dort die Zellen, die du brauchst, und erzähle, du hättest den Rest meines Körpers in Säure aufgelöst oder in Asche verwandelt“, schlägt Tarena vor, „vielleicht gibt es hier irgendwo einen Ort, an dem du mich verstecken kannst.“</p>



<p>„Den gibt es sogar“, sagt Drengda, „aber sie werden mir das nicht abkaufen. Meine Anweisungen waren klar. Ohne deinen Körper wird … was zur Hölle&#8230;“</p>



<p>Tarena kann Drengdas Verwirrung verstehen. Immerhin wächst vor ihren Augen eine fleischige Masse aus dem Boden und verwandelt sich in eine übel zugerichtete Version von Tarenas Körper.</p>



<p>„Ein Geschenk an meine Tochter“, sagt eine schleimig-freundliche Stimme in Tarenas Kopf. Und kurz darauf spürt sie ein Kribbeln an ihrer Schulter und sieht fasziniert zu, wie ihr Arm einfach wieder nachwächst.</p>



<p>„Du hast mächtige Verbündete“, meint Drengda anerkennend, „vielleicht ist wäre Widerstand ja doch nicht so sinnlos wie ich dachte.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ja, das können wir gebrauchen“, findet Karrek während er Drengdas Proben begutachtet. Eine Phalanx aus silberglänzenden, fabrikneuen Bakteroiden umgibt ihn wie ein Hunderudel. Sie stehen im krassen Kontrast zu den verwachsenen, fleischigen, widerwärtigen Metavoren. Den Tumorkreaturen, deren Stränge gelangweilt und unruhig wie vom nicht vorhandenen Wind bewegte Stofffetzen an ihren Körpern herabpendeln. Beide aber sind auf ihre Art so beeindruckend wie einschüchternd. Trotzdem stand Drengda gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Luxus, auf den sie gerne verzichtet hätte.</p>



<p>„Gute Arbeit“, lobt auch Ryxah, deren selbst zugefügte Wunden inzwischen von Gesund geheilt wurden, „und ein ganz schönes Blutbad.“</p>



<p>„Die gute alte Messerarbeit ist doch immer noch die größte aller Freuden“, sagte Drengda grinsend, „egal ob zum Heilen, Forschen oder Zerstören. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich das traditionelle Handwerk so hochhalte.“</p>



<p>„Euer kleiner Disput ist mir scheißegal“, entgegnet Ryxah wütend, während ihre Fingernägel vor Zorn in ihren Nacken stechen, „verschwende nicht meine Zeit und meine Zufriedenheit durch solche Nichtigkeiten. Alles, was ich will, ist die totale Kontrolle über unser Gebiet und dass die Eindringlinge ihren vorgesehenen Zwecken zugeführt werden.“</p>



<p>„Ihr habt natürlich recht“, sagt Drengda, „ich werde euch nicht länger behelligen.“</p>



<p>„Gut“, sagt Drengda, „dann geh einfach wieder deinen Studien nach, bis ich dich rufen lasse. Es kann gut sein, dass jeder von uns bereit sein muss, diesen Ort zu verteidigen. Doch bis dahin will ich, dass wir weiterhin das tun, wozu wir geboren sind: Erkenntnisse gewinnen. Karrek soll derweil an den Metavoren arbeiten und sie weiterentwickeln. Ich will, dass sie so schlagkräftig wie möglich sind. Ich werde in der Zwischenzeit unsere Ernter zurückrufen. Wir werden jede Unterstützung gebrauchen können.“</p>



<p>Drengda und auch Karrek nicken und Ryxah macht sich mehr oder weniger zufrieden auf den Weg zur Portalmaschine.</p>



<p>Drengda will sich ebenfalls in Bewegung setzen, aber als sie den ersten Schritt macht, hält Karrek sie auf.</p>



<p>„Ich hätte nie gedacht, dass du so blutrünstig wärst“, sagt er mit einem undurchschaubaren Ausdruck im Gesicht.</p>



<p>„Es war notwendig“, meint Drengda kühl, „ich strebe nach Effizienz, nicht nach maximalem Leid. Aber diese Schnitte waren notwendig.“</p>



<p>„Waren sie das?“, fragt Karrek wobei er eine Augenbraue hochzieht, „nun vielleicht ist das der Fall. Ich kann das nicht wirklich beurteilen. Ich habe mich stärker der Mikrobiologie verschrieben als der Chirurgie. Aber ich frage mich doch, ob wirklich Leben in diesem Kadaver ist.“</p>



<p>„Wie sollte kein Leben darin sein? In Hyronanin kann nichts sterben“, erinnert ihn Drengda und bemüht sich, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Der Mann stellte viel zu viele Fragen.</p>



<p>„Das ist richtig“, sagt Karrek, „aber für gewöhnlich schreien die Subjekte laut, bevor sie die Fähigkeit dazu verlieren.“</p>



<p>„Nicht, wenn man richtig und schnell schneidet“, behauptet Drengda, „die Stimmbänder und die Kehle sind entscheidend. Und es gibt da Areale im Gehirn, die man treffen kann. Alles eine Frage der Erfahrung.“</p>



<p>„Sicher, sicher“, sagt Karrek, „trotzdem sehr interessant. Du hast doch sicher nichts dagegen, dass ich den Kadaver weiter untersuche?“</p>



<p>„Tu, was du nicht lassen kannst“, sagt Drengda und beißt sich auf die Zunge, um nicht laut zu fluchen. Wenn Karrek das tut, wird er früher oder später herausfinden, dass Tarenas Körper bloß ein Produkt eines Planetenkrebses ist, und dann würde sie in noch größeren Schwierigkeiten sein als Tarena. Drengda hat nicht mehr viel Zeit.</p>



<p>„Warum nicht“, sagt sie schulterzuckend, „allerdings würde ich an deiner Stelle nicht zu viel Zeit vergeuden. Ryxah wartet auf ihre Ergebnisse. Oder willst du ihr etwa erklären, dass die Metavoren schwächer sind, als sie sein könnten?“</p>



<p>Das sitzt und Drengda hofft, dass das sichtliche Zusammenzucken ihres Kollegen ein Zeichen dafür ist, dass er seiner Neugier doch nicht nachgeben wird. Aber sicher kann sie sich nicht sein. Neugier ist neben rüpelhaftem Benehmen eine der Haupteigenschaften von Karrek.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Oh man, so fühlt es sich also an, wenn eine Atemdeprivation endet“, sagt Makra als sie das Ende des Ganges erreichten, „Garnenn hat irgendwie sehr darauf gestanden, aber ich konnte den Reiz nie verstehen, auch wenn …“</p>



<p>„Sei leise, gottverdammt“, zischt Dyvanna, „oder ich reiße dir die Lungen raus. Dann hast du viel Zeit, dich mit dieser Praktik auseinanderzusetzen.“</p>



<p>„Versuch es doch, Süße“, sagt Makra, „dann wirst du vielleicht feststellen, dass auch eine freundliche Andrin immer noch eine Andrin ist.“</p>



<p>„Ihr solltet, beide die Klappe halten“, ermahnt Scynra, „da hinten sind …“</p>



<p>„… Bakteroiden“, führt Nerrin sehr leise fort, „es muss sich um ihre Nachhut handeln.“</p>



<p>„Das sind viel zu viele“, sagt Endron, „das schaffen wir nie.“</p>



<p>Tatsächlich erkannten sie am Eingang eines weiteren, etwa hundert Meter entfernten Tunnels zu ihrer Rechten die Vorderseiten von mindestens acht Bakteroiden, die regungslos, aber bedrohlich dort aufgereiht stehen, wie eine Panzerflotte.</p>



<p>„Du bist ein pessimistischer Feigling, Endron“, erwidert Dyvanna verächtlich, „aber in diesem Fall hast du wahrscheinlich recht. Einer solchen Ansammlung von Bakteroiden bin ich selten begegnet. Sie müssen wirklich ziemlich viele davon produziert haben. Und selbst bei ihrem Angriff vorher hatten sie mehr Abstand.“</p>



<p>„Natürlich habe ich recht“, sagt Endron, „zumal ich unsere Leute nirgendwo entdecken kann. Und ohne sie bist du, Dyvanna, die Einzige, die Erfahrung mit dem Umpolen dieser Dinger hat.“</p>



<p>„Wir haben immer noch eine ganze Armee“, gibt Callan zu bedenken, „sollte das nicht ausreichen, um für genügend Ablenkung zu sorgen?“</p>



<p>„Ich werde meine Leute nicht in ihr sicheres Verderben schicken“, sagt Fienna, „sie sind kein seelenloses Kanonenfutter.“</p>



<p>„Das will ich auch gar nicht behaupten“, sagt Callan ruhig, „aber sie sind Freiwillige in diesem Krieg und um ihn zu gewinnen, werden wir diese Bakteroiden brauchen.“</p>



<p>„Man kann einen Mann aus Deovan bekommen, aber Deovan nicht aus einem Mann, was?“, fragt Dyvanna.</p>



<p>„Wäre das so, hätte ich euch alle längst an die Gesunder verkauft“, schießt Callan zurück, dem man deutlich ansehen kann, wie sehr ihn diese Aussage trifft.</p>



<p>„Noch haben sie dir ja auch kein Angebot gemacht, oder?“, sagt Dyvanna herausfordernd grinsend und friert plötzlich in der Bewegung ein, als sie die Stacheln von Makras Dornenpeitsche buchstäblich direkt vor Augen hat.</p>



<p>„Wo wir gerade von kulturellen Eigenheiten reden, die man nicht loswird. Gerade habe ich wirklich Lust, meinen andrinischen Trieben freien Lauf zu lassen. Ob die Seuchenhöhlen wohl erträglicher sind, wenn man sie nicht sehen muss?“, fragt Makra.</p>



<p>Endron hebt seine rostige Pistole und auch Nerrin richtet seine Waffe auf Makra.</p>



<p>„Wirklich lieb, dass du mich verteidigst, Makra“, sagt Callan, „aber du brauchst das nicht zu tun. Lass Dyvanna in Frieden.“</p>



<p>„Oh, das entscheide immer noch ich, Schatz“, sagt Makra und wirft Callan einen Kuss zu, „nicht du.“</p>



<p>„Kein Grund zu streiten. Ein Heer würde hier überhaupt nichts bringen“, bemerkt Andy, „wahrscheinlich würde es uns nur erst recht zur Zielscheibe machen. Wir können von Glück sagen, dass die wandelnden Kranken nicht hier sind und auch keiner von den Gesundern. Das könnte sich in diesem Fall aber schnell ändern. Was wir brauchen, wäre ein kleines Team von Freiwilligen, das für Ablenkung sorgt.“</p>



<p>„Ich bin dabei“, sagt Callan und sieht Dyvanna an, die sich tatsächlich etwas überrascht zeigt.</p>



<p>„Was?“, fragt Makra, die davon so überrumpelt ist, dass sie ihre Peitsche nun doch sinken lässt, „das kommt gar nicht in Frage. Ich brauche dich noch.“</p>



<p>„Meine Entscheidung“, sagt Callan lächelnd, „nicht deine.“</p>



<p>Kurz begegnete Makra ihm mit einem herrischen, fast wütenden Blick, dann grinste sie aber. „Gut gekontert“, sagte sie, „dann bin ich aber auch dabei.“</p>



<p>„Ich ebenfalls“, sagte Endron tapfer, „ich traue dieser Andrin nicht. Wer weiß, ob sie dir mitten im Kampf in den Rücken fällt.“</p>



<p>„Alles gut“, verspricht Makra, „ich bin nicht nachtragend. Wenn man nicht die beleidigt, die ich mag, bin ich eine ganz Liebe.“</p>



<p>Doch niemand außer Callan achtet auf sie.</p>



<p>„Nein, Endron“, sagt Nerrin, „du bist nicht schnell genug dafür. Ich werde das übernehmen und auf sie aufpassen.“</p>



<p>Endron sieht so aus, als ob er widersprechen will, nickt dann aber schließlich. Der Mann wirkt tatsächlich sehr müde und erschöpft.</p>



<p>„Das sind immer noch nicht genug Kämpfer“, sagt Fienna, „ich würde mich ja ebenfalls anbieten, aber ich muss den Schild für meine Leute aufrechterhalten.“</p>



<p>„Wir werden helfen“, hört sie eine männliche Stimme hinter sich sagen und sieht eine Gruppe von fünf weiteren Andrin – drei Männern und zwei Frauen – auf sie zukommen. Allesamt mit nachdenklichen, aber entschlossenen Gesichtern und bewaffnet mit den traditionellen Peitschen ihres Volkes.</p>



<p>„Es gibt mehr Masochisten in unseren Reihen, als ich gedacht habe“, bemerkt Makra.</p>



<p>„Das sind wir nicht“, sagt eine kurzhaarige, blonde Andrin mit dunkler Stimme, „aber wir haben etwas wiedergutzumachen. Sehr viel sogar.“</p>



<p>„Warte mal“, sagt Makra, „ich glaube, ich kenne euch. Seid ihr nicht welche von Arankgas Leuten? Sein Jagdtrupp? Selbst in der Folterschule haben sie uns vor euch gewarnt. Ihr habt gern Kinder entführt. Selbst sehr junge.“</p>



<p>„Ja“, sagt der dunkelhaarige Mann mit braunem Spitzbart, der zuerst gesprochen hatte, „wir haben für Arankga gearbeitet und wir haben es gern getan. Eine Zeitlang. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir seine Taten nicht mehr unterstützen wollen, und kurz darauf hatten sich die Tore nach Cestralia geöffnet. Für uns Schlächter, obwohl andere es viel mehr verdient gehabt hätten.“</p>



<p>„Ihr habt Kinder entführt?“, sagt Dyvanna fassungslos.</p>



<p>„Und sie eigenhändig gefoltert“, ergänzt eine weißhaarige Andrin mit hagerem Gesicht, „nicht jeder von uns hat sich so wenig Schuld aufgeladen wie du, Makra.“</p>



<p>„Für solche Taten gibt es keine Vergebung“, sagt Callan wütend, „ich habe solche Leute schon in Deovan immer verachtet. Grausam und gnadenlos solange die Umstände passen und dann die PR-Maschine anwerfen wenn der Wind sich dreht.“</p>



<p>„Nein, Vergebung haben wir wahrscheinlich nicht verdient“, sagt die Kurzhaarige, „es war schon Segen genug, dass wir uns ausruhen und ein anderes Miteinander kennenlernen durften. Trotzdem wollen wir tun, was wir können.“</p>



<p>„Wenn sie Kanonenfutter sein wollen, lass sie ruhig. Wäre nicht schade drum“, sagt Dyvanna hart.</p>



<p>„Sei nicht so ein Miststück zu ihnen“, sagt Makra, „du weißt nicht, wie es ist, in solch einer Gesellschaft groß zu werden. Und mit solchen Trieben.“</p>



<p>„Und du weißt nicht, wie es ist, der Gefolterte zu sein“, sagt Nerrin während seine Augen in die Ferne zu blicken scheinen. In eine Zeit in der es nichts gab außer Enge, Schwärze und erstickender Endlosigkeit.</p>



<p>„Wie dem auch sei“, sagt Fienna, „wir sollten handeln, bevor noch mehr Feinde hier auftauchen.“</p>



<p>„Sollten wir nicht vielleicht doch auf weitere Verstärkung warten“, gibt Endron zu bedenken, „auf weitere Leute, die den Mechanismus manipulieren können?“</p>



<p>„Nein“, sagt Dyvanna, „wir wissen nicht einmal, ob sie noch in der Lage sind, hierherzukommen. Ihr wisst selbst, wie schnell sich das Schicksal in Hyronanin zum Schlechteren wenden kann. Besser, wir schlagen jetzt los.“</p>



<p>„Sie hat recht“, sagt Nerrin, „wir sollten handeln. Wir haben nun die richtige Einsatztruppe, denke ich. Die Andrin, Callan, Makra, Dyvanna und ich. Das sollte ausreichen. Mit einer größeren Gruppe behindern wir uns nur gegenseitig und mit Skalpellen können wir hier wenig ausrichten. Nichts für ungut, Scynra.“</p>



<p>Scynra nickt und schweren Herzens nickt auch Endron.</p>



<p>„Bevor ihr losstürmt, vergesst nicht, wie groß das Risiko ist“, erinnert Scynra, „eine Tiefenverseuchung ist praktisch unheilbar. Lasst euch nicht erwischen.“</p>



<p>„Danke, dass du mich erinnerst“, sagt Makra feixend, „ich hätte mich sonst direkt in den Seuchenstachel gestürzt.“</p>



<p>Scynra zeigt ihr ihre drei mittleren Finger als Geste der Verachtung, was Makra nur noch breiter grinsen lässt.</p>



<p>„Gut“, sagt Callan, „dann los!“</p>



<p>~o~</p>



<p>Fast vermisst Dyvanna es, Angst zu haben. Es ist eine hilfreiche Fähigkeit und es gibt einem ein Gefühl von Lebendigkeit. Zumindest dann, wenn es jene Art von Angst ist, die an konkrete Bedrohungen geknüpft ist. Doch nach all ihrer Zeit in Hyronanin, in der es nur jede lähmende, allgegenwärtige Furcht vor weiteren Qualen gab, von denen sie ohnehin schon ein Übermaß gekostet hatte, war ihre Angst abgestorben wie große Teile ihres gesunden Gewebes. Wie ihre Schönheit. Wie ihr Glück. Wie alles, außer ihrem Wunsch, diesem Ort einen weiteren kleinen Sieg abzuringen.</p>



<p>So nähert sie sich den Bakteroiden vorsichtig, aber nicht ängstlich. Sie weiß um die Gefahr und sie weiß auch, was sie zu tun hat.</p>



<p>Die anderen spielen ihre Rolle gut genug. Vor allem die Andrin. Auch sie scheinen keine Angst zu kennen und wagen sich so nah an die Bakteroiden heran, dass sie gar nicht anders können, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Dyvanna hält sie für Idioten, die nicht wissen, was wahres Leid ist, und schon gar nicht, wie es ist, es ohne Hoffnung auf Erlösung ertragen zu müssen. Und gleichzeitig bemitleidet sie sie, auch wenn sie dieses Volk und die meisten seiner Vertreter fast so sehr verabscheut wie die Gesunder. Noch mehr Mitleid verspürt sie sogar mit dieser aus der Art geschlagenen Andrin. Sie scheint wirklich in diesen Deovani verknallt zu sein. Aber dennoch lässt sie kaum weniger Vorsicht walten als ihre Landsleute und ihre Peitsche knallt auf das Metall der Bakteroiden nieder, als wäre sie eine gnadenlose Dompteurin. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie oder einer der anderen die Tiefenverseuchung zu schmecken bekommt. Dyvanna hofft es nicht. Nicht wirklich, aber es wird geschehen.</p>



<p>Wichtig ist ihr aber gerade, dass sie ihren Zweck erfüllen, und das tun sie. Die Bakteroiden sind zwar durchaus in der Lage, alle Gegner um sie herum wahrzunehmen, aber sie sind so geschaffen, dass sie ihre aktiven Angreifer zuerst ausschalten. Selbst, wenn diese nur harmlose Peitschen besitzen und nicht einen bravianischen Schattenstrahler.</p>



<p>Der Gedanke an ihre Waffe stößt eine wilde und gerade eher unwillkommene Emotion in ihr an. Dyvanna vermisst Argrennzi. Es ist ein riesengroßes Glück, einen Kwang Shinnon zu finden. Und das Wesen hatte einen wirklich gütigen, sanften Charakter gehabt. Aber sie hatte schon nach wenigen Tagen ihrer gemeinsamen Zeit darauf bestanden, mit Dyvanna zu verschmelzen und ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben.</p>



<p>Dyvanna hatte versucht, sie davon abzubringen, aber Agrennzi hatte darauf bestanden und gesagt, dass es nicht gesund sei, wenn sich zwei Seelen einen Körper teilen. Danach war Dyvanna stärker gewesen – wenn auch leider nicht gesünder –, intelligenter und wissender, doch vor allem so schrecklich allein.</p>



<p>Dyvanna weiß, dass Argrennzi aus selbstloser Güte gehandelt hatte, doch die Kwang Grong hatte ihr damit mehr wehgetan, als es jede egoistische Handlung vermocht hätte.</p>



<p>Ich darf nicht daran denken, ermahnte sich Dyvanna, nicht gerade jetzt.</p>



<p>Sie verscheucht den Gedanken so gut es geht und richtet ihre Augen auf die tanzenden Bewegungen der Bakteroiden. Für sie sind sie nicht sprunghaft und zufällig. Ihr Gehirn sieht das Muster in ihren Bewegungen und so passt sie genau den Moment ab, in dem der erste Bakteroide vor ihr zum Stehen kommt. Ihre Finger berühren ihn jedoch nicht. Noch nicht. Stattdessen holt sie eine kleine Nadel hervor, sticht sich hastig in den Finger und drückt die offene Wunde in die kleine metallene Öffnung.</p>



<p>Manchen mochte es wahnsinnig erscheinen, sich mit diesem Seuchenpanzer zu verbinden, aber es ist schließlich die einzige Möglichkeit, zu ihm durchzudringen. Dyvanna wusste nicht genau, wie es funktioniert. Ob es die besondere Zusammensetzung der Krankheitserreger in ihrem Blut oder ihre Eigenschaft als Grong-Shin ist. Aber das ist im Grunde egal. Es genügt, um das Ding kurzzuschließen. Der Rest ist Informatik. Und mit der kennt sich Dyvanna als ehemalige Technikerin etwas aus. Die Konsole an der Hinterseite der Bakteroiden ist winzig und die Zeichen fremd, aber dank Agrennzi kann Dyvanna sie inzwischen entziffern. So erfordert es nur wenige Augenblicke, bis alle nötigen Befehle gegeben sind. Leider wird es einige Minuten dauern, bis der Bakteroide unter ihrer Kontrolle steht, so wie der, der bei ihren Mitstreitern im Lager wartet. Die Verzögerung ist wichtig, damit die Abwehrsysteme des Bakteroiden keine Gegenmaßnahmen einleiten können.</p>



<p>Aber der Anfang ist gemacht. Jetzt braucht sie nur die richtigen Momente abzupassen, um die anderen &#8230;</p>



<p>„Was zur Hölle?“, flüstert Dyvanna zu sich selbst. Als sie bemerkt, dass sich die Verhaltensmuster von gleich vier der Bakteroiden radikal verschieben. Und zwar genau in ihre Richtung. Irgendwas musste dafür gesorgt haben, dass ihre Aufmerksamkeit nun allein ihr gilt. Ist etwa schon einer oder gar mehrere der Andrin kampfunfähig geworden? Dyvanna kann sich keine weiteren Gedanken darüber machen. Sie hat jetzt ganz andere Probleme. Die Bakteroiden beginnen, sie einzukreisen, und die Ausweichrouten, die sie noch erkennt und die trotz allem noch immer eine Art Intuition und keine exakte Wissenschaft sind, werden immer begrenzter. Die Seuchenverbreiter geben ihre zufälligen, scheinbar erratischen Bahnen auf und springen in kleinen Vorwärtsmanövern auf Dyvanna zu. Immer präziser, immer zielgerichteter.</p>



<p>„Scheiße!“, flucht sie und ist sich zugleich sicher, dass sie sich aus der Umklammerung lösen muss. Sie hat immer ihren Schattenstrahler und weiß, dass es möglich ist, den Bakteroiden damit zu schaden. Aber das möchte sie eigentlich nicht. Sie wird sie noch brauchen und zerstören kann sie die vier allein ohnehin nicht.</p>



<p>Nein, die Flucht ist immer noch die bessere Option. Also konzentriert sie sich auf die einzige Route, die einzige Lücke, die ihr noch gangbar scheint. Sie rennt so schnell sie ihre Beine tragen und prescht auf die schrumpfende Öffnung zu, während sie spürt, hört und sieht, wie die ersten Seuchenstachel in ihre Richtung stoßen. Irgendwie gelingt es ihr, ihnen zu entgehen, und dann ist die Lücke endlich direkt vor ihr. Sie macht sich ganz klein und springt flach, mit dem Kopf zuerst und mit vor Anspannung angehaltenem Atem hindurch.</p>



<p>Sie landet hart, aber sicher. Erleichtert, in der Umklammerung vorerst zu entkommen, stemmt sie sich in die Höhe und spürt kurz darauf einen winzigen, kaum merklichen Stich in ihrem Bein.</p>



<p>Noch schneller als die Verseuchung reist nur die Erkenntnis durch ihren Körper. Eine Erkenntnis schlimmer als jede Seuche: „Ich bin verloren.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Callan ist nicht nicht naiv. Er hatte sich die ganze Sache schwer vorgestellt. Aber in Wirklichkeit ist es die reinste Hölle. Die Bakteroiden sind einfach überall. Er fühlt sich wie beim „Trialvary“, einer Sportart, die selbst an den schäbigsten deovanischen Privatschulen zum Pflichtprogramm gehört und die zugleich kostenlos gewesen war. Callan hatte schnell begriffen, warum. Es ist Propaganda und Lektion in einem und ein regelrechter Anti-Teamsport. Dabei reihten sich ein Teil der Mitspieler – überwiegend Nehmer und wohlhabende Geber – rund um das Spielfeld auf. Jeder von ihnen bekommt einen Vorrat von zehn „Competitors“, harten, mit Spitzen versehenen Bällen, die dafür geschaffen sind, Blaue Flecke, Fleischwunden, Gehirnerschütterungen und Prellungen bei jenen anzurichten, die sie treffen. Und das sind für gewöhnlich die ärmeren Schüler auf dem Spielfeld. Sie musste versuchen, auszuweichen oder besser noch, ihre Mitspieler in die Schussbahn zu werfen. Wer dem Bombardement bis zuletzt entgeht, darf in der nächsten Runde zu denen gehören, die die Bälle werfen. Tote gibt es selten. Verkrüppelungen häufiger. Verletzte fast immer.</p>



<p>Callan hatte diesen „Sport“ gehasst, der die Voraussetzung gewesen war, dass er lesen und schreiben lernen konnte. Aber das war ein Witz gewesen gegen das hier.</p>



<p>Die Bakteroiden hatten sich sofort nach ihrem Auftauchen in Bewegung gesetzt und springen nun in so wilden, fast unvorhersehbaren Manövern umher, dass Callan fast schwindelig wird. Er hatte unterschätzt, wie viel besser sich diese Einheiten bewegen können, nun, da sie den nötigen Raum haben. Anfangs hatte er noch versucht, nach Makra zu sehen, aber das hatte er längst aufgegeben. Die Dinger fordern seine gesamte Aufmerksamkeit. Der Rest verschmilzt zu einem Kaleidoskop aus Peitschenhieben, Schüssen, glitzernden Nadeln und hektischen Rufen.</p>



<p>Callans Lungen brennen. Er ist außer Atem vom endlos scheinenden Springen, Ducken und Rennen, obwohl dieses Katz-und-Mausspiel hier erst wenige Sekunden andauert. Er will sich gar nicht ausmalen, wie es den anderen wohl geht.</p>



<p>Aus dem Augenwinkel sieht er einmal mehr den metallenen Tod auf sich zurasen und dreht sich fast im letzten Moment weg, direkt in den Verseuchungsstachel eines weiteren. Sicher hätte das Ding seine Haut durchdrungen, wenn nicht ein anderer Bakteroiden gegen es geprallt und es zur Seite gestoßen hätte. Callan spürt das Adrenalin in sich heranfluten und für einen Moment setzt sein bewusstes Denken aus und macht einem wilden Fluchtreflex Platz. Er rennt, rennt einfach weiter und schlägt dabei immer wieder Haken, so gut es die engen Tunnel zulassen.</p>



<p>Irgendwo, wie durch einen Nebel, hört er mahnende Worte der Cestral, von Fienna und den anderen, ohne ihnen viel Bedeutung beizumessen. Es ist ein weiblicher Schrei, der seine kopflose Flucht stoppt. Gehört er Makra? Er kann es nicht sagen. Panische Schreie klingen oft ähnlicher, als man meinen würde. Aber allein die Möglichkeit, dass es Makra ist, reicht aus, um ihn aus seinem Fluchtreflex zu befreien. Callan dreht sich um, halb damit rechnend, sich einem Bakteroiden gegenüberzusehen, aber die Wahrheit ist noch schlimmer.</p>



<p>Die Bakteroiden haben von ihm abgelassen und sich den anderen Angreifern zugewandt. Objektiv gesehen ist das ein Glück, denn wäre es anders gewesen und hätte er noch dazu eine andere Richtung eingeschlagen, hätte er die Kolosse mitten in das Cestral-Heer geleitet. Doch ihm persönlich wäre das in diesem Moment fast lieber gewesen. Denn aus der Ferne erblickt er zwar nicht Makra, aber dafür Dryvanna, die hilflos am Boden liegt, während der Seuchenstachel eines Bakteroiden ihr Bein durchstößt.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Wir müssen ihnen irgendwie helfen“, sagt Endron, „sie verlieren den Kampf.“</p>



<p>„Noch ist gar nichts verloren“, sagt Scynra, „ich finde, sie stellen sich sehr geschickt an.“</p>



<p>„Du hast leicht reden“, erwidert Endron, „es sind nicht deine Freunde, die …“</p>



<p>Er bricht ab, als er realisiert, dass das nicht stimmt.</p>



<p>„Ja, es sind auch meine Freunde dabei“, sagt Scynra, „und es ist mir nicht egal. Aber ich vertraue auf sie und vor allem darauf, dass wir alles schlimmer für sie machen würden, wenn wir einfach dort reinstürmen.“</p>



<p>„Sie hat recht“, sagt Fienna, „mir tut es ja auch weh. Aber manchmal ist es vernünftiger, abzuwarten, als seinen Impulsen nachzugeben.“</p>



<p>„Gut gesprochen“, lobt Endron höhnisch, „kalt, zynisch und abwägend. Wie eine wahre Anführerin. Oder wie eine Gesunderin.“</p>



<p>Fienna zuckt bei diesen Worten zusammen. „Ich bin weder das eine noch das andere“, sagt sie, „ich bin einfach nur müde.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Feigling“, murmelt Callan zu sich selbst, „das ist allein deine Schuld“.</p>



<p>Natürlich kann er nicht wissen, ob Dyvanna nicht auch ohne seine Flucht den Bakteroiden zum Opfer gefallen wäre. Aber das mindert seine Selbstvorwürfe in diesem Moment kein Stück. Nun ist es zu spät. Aber dennoch muss er handeln. Und sei es nur, um das Gefühl zu haben, irgendetwas Gutes und Sinnvolles getan zu haben.</p>



<p>Also hebt er seinen Pinpointer und zielt in das Knäuel aus Metall, wobei er sorgsam darauf achtet, Dyvanna nicht zu treffen. Der Schuss detoniert, lässt Seuchenflechten und organischen Bodenbelag in die Höhe spritzen und drückt ein paar kleinere Dellen in die Bakteroiden. Vor allem aber, sichert er sich ihre Aufmerksamkeit.</p>



<p>„Kommt, ihr Bastarde“, ruft er den Verseuchern zu.</p>



<p>Und sie kommen.</p>



<p>~o~</p>



<p>Dyvanna hatte schon lange genug in dieser Hölle gelebt um zu Wissen, dass die Tiefenverseuchung mit Abstand das schlimmste ist, was einem in Hyronanin widerfahren kann. Dieses Wissen ist so tief in ihren Körper eingegraben, das dieser ganz von selbst handelt. Ohne sich weiter um die Bakteroiden zu kümmern, richtet sich ihre Waffenhand auf ihr Bein und drückt ab. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Ihre von Beulen übersäte Haut wird rot, platzt auf, wird verschmiert mit dampfendem Eiter und kochendem Blut, die schließlich genauso schwarz verbrennen und zu Asche zerfallen, wie ihr verkohlter Knochen. Die Schmerzen sind bestialisch, aber Schmerzen ist sie gewohnt. Hätte sie bewusst darüber nachgedacht, hätte sie dies hier vielleicht nicht einmal getan. Immerhin ist die Chance nicht groß, dass ihre Amputation schneller gelingt als die Seuche voranschreitet. Und selbst, wenn dem doch so ist, warten ja schon weitere Bakteroiden auf ihre Gelegenheit.</p>



<p>Doch vielleicht ist es gut gewesen, dass sie nicht dieser Logik gefolgt ist. Denn der zweite, dritte und vierte Stich, auf den sie wartete, kommt nicht und sie fühlt sich auch nur so beschissen, wie sie sich schon die letzten Monate gefühlt hat, wenn man von dieser grausamen Amputation einmal absieht. Sie dankt ihrer Intuition und weiß instinktiv, dass diese wahrscheinlich den Namen „Agrennzi“ trägt. Zumindest hat sie oft das Gefühl, dass die Kwang Shinnon sie immer noch auf eine mysteriöse Weise leitet, wenn es kritisch wird.</p>



<p>Als sie sich dazu zwingt, sich umzudrehen, stellt sie auch fest, dass sich die gefährlichen Verseucher wieder von ihr abgewandt haben und auf ein anderes Ziel zustreben. Ihre Chance, wenn sie doch nur in der Lage wäre, sich ordentlich zu bewegen. Wenn sie auf allen Vieren – oder besser allen Dreien – kriechen muss, wird sie die anderen Seuchenkugeln nie umprogrammieren können.</p>



<p>„Ich würde meinen Waffenarm für mein Bein geben“, sagt sie leise lachend. Und sie staunt nicht schlecht, als ein heftiges Ziehen erst durch ihren Arm und dann durch ihr Bein geht. Verblüfft verfolgt sie, wie sich die schwarze Legierung ihres Schattenstrahlers aus ihrem rechten Arm zurückzieht und nur einen zwar unansehnlichen und unbrauchbaren, aber auch unverletzten Stumpf zurücklässt, während sich gleichzeitig eine Art Fuß, ein Unterschenkel, ein Knie und schließlich ein Oberschenkel unter heftigem Brennen und Ziehen aus ihrem verkohlten Beinstumpf schält. Sie berührt das glatte dunkelgraue Material, als müsse sie sich vergewissern, dass es keine Einbildung ist. Sie grinst, als sie feststellt, dass es massiv und ziemlich real ist. Und ihr Grinsen wird noch breiter, als sie versucht, es zu bewegen, und feststellt, dass es genauso flexibel, beweglich und belastbar ist wie ihr altes.</p>



<p>„Danke Agrennzi“, sagt Dyvanna glücklich. Nicht einmal nur wegen des erhörten Wunsches, sondern mehr noch, weil sie einen klaren Beweis erhalten hat, dass ihre alte Freundin tatsächlich immer noch auf irgendeine Art in ihr wohnt. Der Verlust ihrer Armwaffe macht ihr hingegen wenig Sorgen. Ihr Wissen und ihre DNA sind viel wirkungsvoller, wenn es darum geht Rache an den Bakteroiden zu üben. Dyvanna steht auf und macht sich an die Arbeit.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ich bin wohl der dämlichste Typ im gesamten Multiversum“, verflucht Callanb sich, als er die Lawine aus gesundheitsvernichtendem Metall auf sich zukommen sieht. Er weiß, dass er aus dem Wunsch nach Wiedergutmachung und aus Hilfsbereitschaft gehandelt hat. Aber Heldenmut und Dummheit schließen sich leider ganz und gar nicht aus. Ohnehin wundert er sich über sein wechselhaftes Verhalten. Ist das eine Nebenwirkung der Whe-Annischen Nanobots oder der seltsamen Pilzinfektion oder einfach nur die Auswirkung einer Psyche, die sich langsam aber sicher in kleine Splitter auflöst? Callan weiß es nicht. Was er weiß, ist, dass er am Arsch ist.</p>



<p>Callan feuert aus allen Rohren auf die Bakteroiden. Schon nach wenigen Sekunden hat er Teile des Bodens in eine Kraterlandschaft verwandelt und hustet von all den Fragmenten der biologischen Beläge und Seuchenflechten, die er zerstört und aufgewirbelt hat. Aber die Dinger nehmen nach wie vor nur kosmetischen Schaden oder werden im besten Fall ein paar Meter zurückgeschleudert. Und allein das zu bewerkstelligen ist eine hohe Kunst.</p>



<p>Es ist zwar nicht so, dass er mit dem Rücken zur Wand steht – so dämlich ist er auch wieder nicht –, aber er kann sich nur rückwärts durch den Tunnel bewegen, in den er hineingelaufen ist, weil er sich ziemlich sicher ist, dass sich der Abstand zu seinen Verfolgern sofort auf null reduzieren wird, wenn er sich umdreht und losrennt. Noch dazu ist dies ein Ort, an dem hinter jeder Ecke noch mehr unangenehme Überraschungen warten können.</p>



<p>Früher oder später würden sie ihn trotzdem kriegen. Er weiß nicht mal, wie lange der Pinpointer dieses Dauerfeuer noch mitmachen wird. Er merkt bereits, wie die Waffe in seiner Hand scheißheiß zu werden beginnt. Wahrscheinlich ist selbst diese Technologie nicht für die Ewigkeit gebaut. Seine einzige Hoffnung ist, dass Dyvanna die Verseucher unter ihre Kontrolle bekommt, aber als tiefenverseuchtes Wrack ist das wohl kaum mehr möglich.</p>



<p>Ein erbärmliches Ende, denkt Callan und korrigiert sich gleich darauf selbst. Nein, kein Ende. Der Anfang endloser Qualen.</p>



<p>„Callan!“, hört er Makras Stimme und ist zugleich erfreut und erschrocken. Sie sollte nicht hier sein. Es reicht, wenn einer von ihnen untergeht.</p>



<p>„Verpiss dich, Makra!“, sagt Callan.</p>



<p>„Charmant“, antwortet sie.</p>



<p>„Du weißt, wie ich das meine. Das ist gefährlich“, sagt Callan und feuert einen weiteren Schuss ab, wobei er sehr hofft, Makra nicht zu verletzen.</p>



<p>„Genau und deshalb bin ich hier“, sagt sie, „hier, kletter auf meine Peitsche!“</p>



<p>„Was?“, fragt Callan verwirrt und staunt nicht schlecht, als Makras Dornenpeitsche durch die Lücke zwischen den Bakteroiden schießt, sich im Boden verhakt und gespannt wie ein Kletterseil zwischen ihnen verläuft.</p>



<p>„Hast du den Verstand verloren?“, fragt er, „das wird niemals funktionieren. Die erwischen mich doch sofort und bis ich da raus bin, sind meine Hände blutig.“</p>



<p>„Blutige Hände sind sexy“, sagt Makra, „und jetzt schwing deinen Arsch da raus. Die anderen werden sie irgendwie ablenken.“</p>



<p>„Wie meinst du …“, fragt Callan verwirrt, als sich drei der freiwilligen Andrin mit einem gewagten Sprung über die Bakteroiden hinwegkatapultieren und direkt neben Callan landen.</p>



<p>„Höre auf sie“, sagt einer der drei – ein Mann mit ernstem Gesicht und den Augen eines reumütigen Mörders –, „wir kümmern uns um sie.“</p>



<p>Callan ist nicht scharf darauf, zu einer wandelnden Ruine zu werden, und Wunden heilten wahrscheinlich besser als Krankheiten, also beginnt er den irrsinnigen Aufstieg ohne viel Hoffnung, dass es funktionieren kann.</p>



<p>Schon als er das erste Mal vorsichtig mit seinen Händen nach dem Seil greift, um sich heraufzuziehen, spürt er die scharfen Stacheln in sein Fleisch stechen. Es ist, als suchten die Dornen selbst jetzt mit feurigem Eifer nach Gewebe, in das sie sich gierig eingraben können. Unter allen Lebewesen allein jenes verschmähend, das die Peitsche schwingt.</p>



<p>Der Schmerz ist grotesk und für einen Moment droht Callan wieder abzurutschen. Doch er lässt sich nicht entmutigen. Er weiß, dass er nicht derjenige ist, der hier die größten Opfer bringt. Um sich herum hört er Peitschenknall um Peitschenknall, hektische Befehle und angsterfüllte Schreie. und einmal glaubt er, aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sich ein schlangenhafter Körper zwischen ihn und den Stachel wirft, nur um dann unter krampfhaften Hust- und Brechlauten auf dem schleimigen Boden zusammenzusacken.</p>



<p>Warum tun sie das? Fragt er sich still. Mein Leben ist nicht wertvoller als ihres. Und das stimmt. Aber zugleich weiß er die Antwort auf seine Frage. Sie tun es, weil sie es wollen. Weil es ihre Entscheidung ist. Mag sie auf ihre Art auch fast so unverständlich sein wie die seelenlose Grausamkeit ihrer Vergangenheit. Und eigentlich versteht er es doch. Stünde Adrian jetzt reumütig vor ihm, wäre ein solches Opfer das Einzige, was seine Gräueltaten in Callans Augen so weit schmälern könnte, dass er zumindest nicht mehr auf sein Grab spucken würde. Vergebung im Leben können manche Taten nie erfahren. Das hier sind Folterer und Mörder und sie haben ihren Opfern sicher noch Schlimmeres angetan.</p>



<p>Während er dies denkt, greifen Callans blutverschmierte, brennende Hände ein weiteres Mal zu und auch seine Füße balancieren gefährlich auf und zwischen den gefährlichen Spitzen. Diesen Aufstieg nur kraftraubend zu nennen, wäre schon fast albern gewesen.</p>



<p>Doch er darf nicht zögern. Denn nicht nur befindet er sich jetzt genau zwischen zwei der Bakteroiden, auch seine letzten Schutzengel sind bereits schwer angeschlagen. Der eine, eine Frau, sieht zu erschöpft, abgekämpft und zu müde aus, um das ungleiche Duell mit ihrem unerbittlichen Gegner noch lange fortzuführen. Und der andere steht als lebende Leiche starr vor der Kugel und schwingt seine Peitsche matt und nur noch mit reiner Willenskraft, während ihm ein Strom aus dicklicher Kotze wie ein Wasserfall aus dem Mund rauscht und seine Augen Blut und Eiter spucken.</p>



<p>Nun empfindet Callan doch Mitleid mit ihnen. Er hatte vergessen, dass sie ihre Taten nicht mit dem Tod bezahlen, sondern mit etwas weit Schlimmerem.</p>



<p>„Schneller, Zuckerpüppchen!“, hört er Makra ihn antreiben, die er inzwischen auch sehen kann in all ihrer wilden, herrischen Schönheit, „als Zirkusartist wärst du echt ‚ne Niete.“</p>



<p>Callan will ihr einen flotten Spruch zurückwerfen, aber ihm fehlen die Kraft und die Konzentration. Mühsam zieht er sich ein letztes Mal hoch, bevor &#8230;</p>



<p>„Scheiße!“, hört er Makra rufen, und von seiner erhöhten Position aus, sieht er auch, warum. Die Bakteroiden kümmern sich nicht länger um die erschöpften Andrin, sondern drehen sich und wenden ihre Aufmerksamkeit jetzt Makra zu, deren Hände buchstäblich gebunden sind.</p>



<p>„Lass die verdammte Peitsche los!“, ruft Callan. Doch Makra reagiert nicht. Also tut er das Einzige, was ihm einfällt. Er springt auf den Bakteroiden zu seiner Rechten, schafft es irgendwie bei seiner Landung nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und reißt die Peitsche mit einem Ruck aus dem Boden.</p>



<p>Er hört Makra aufschreien, weiß aber nicht, ob vor Schmerz oder vor Überraschung, und hat auch keine Gelegenheit, es zu überprüfen. Denn der Bakteroide auf dem er steht, setzt sich erneut in Bewegung. Diesmal nicht um seine Z-Achse, sondern um seine X-Achse. Wie ein Sportler, der den Tritt auf seinem Laufband verloren hat, rutschte Callan von dem Giganten herab und kommt hart auf dem Boden auf.</p>



<p>Für einige Sekunden bleibt er benommen liegen. Dann sieht er Makras Gesicht. Eindrucksvoll, streng, liebevoll, besorgt und vor allem gesund.</p>



<p>Sie streckt ihre Hand aus. „Schnell“, sagt sie, „Dyvanna meint, sie hat sie alle umgepolt, aber sie ist nicht sicher, wie lang es dauern wird und …“</p>



<p>Noch ehe sie zu Ende gesprochen hat, verspürt Callan einen Stich in seiner Fußsohle. Wenige Sekunden lang geschieht nichts. Dann platzt ein Schrei und kurz darauf ein Schwall von stinkendem, rotbraunen Blut aus seinem Mund und eine Welle aus Qual Elend macht ihn schwach wie einen Säugling, während starke, weibliche Arme ihn einfach mit sich ziehen.</p>



<p>~o~</p>



<p><br>„Was … was ist passiert?“, hustet Callan über trockene Lippen. Alles in ihm ist trocken. Er fühlt sich, als hätte er sämtliche Körperflüssigkeiten ausgespien und durch seine Adern würden nur noch Sand, Luft und Pest kreisen.</p>



<p>„Wir hatten Erfolg“, sagt Dyvanna, „zumindest was die Bakteroiden betrifft. Sie sind jetzt folgsam wie Haustiere. Leider kam ihr Sinneswandel in deinem Fall zu spät.“</p>



<p>„Bin … ich …“, beginnt Callan.</p>



<p>„… tiefenverseucht?“, fragt Scynra, die ebenfalls neben ihm steht und, wie er feststellt, irgendeine Art von Elektroden oder Sonden an seinem Kopf angebracht hat. Außerdem sieht er, dass Nadeln mit Schläuchen an seinen Armen befestigt sind. Dennoch fühlt er sich nicht mehr halb so beschissen wie vor seiner Ohnmacht.</p>



<p>„Ja und nein“, fährt sie fort, „jedenfalls bist du der Betroffene, der noch am fittesten ist. Du bist definitiv krank, mein Junge. In dir feiern so ziemlich sämtliche Pathogene, die ich je gesehen habe, eine Abrissparty. Aber dennoch. Du kannst sprechen und wahrscheinlich bist du auch nicht blöder, als du es vorher schon warst. Ich weiß nicht, ob es an den Naniten oder deiner Pilzinfektion liegt. Aber ich habe schon Männer mit schweren Erkältungen gesehen, denen es mieser ging als dir. Deine Blutwerte sind aber spannender als jeder Abenteuerroman. Ich meine, so einen pH-Wert und so eine chemische Zusammensetzung würde ich von schwefeligen Vulkanquellen erwarten. Ich kann nicht sagen, ob du in den nächsten Stunden gesund wirst, explodierst oder zum Halbgott mutierst. Aber ich empfehle jedem, sich von deinen Körperflüssigkeiten fernzuhalten.“</p>



<p>Scynras Blick wandert zu einigen Stellen, an denen Callans Erbrochenes Löcher in den Boden gebrannt hat, und dann zu Makra, die empört den Kopf schüttelt, sich dann aber Callan zuwendet.</p>



<p>„Hauptsache, du lebst noch“, sagt sie rau und streichelt seine Hand.</p>



<p>„Dank dir“, sagt er, „aber vielleicht solltest du auf Scynra hören und dich von mir fernhalten. Zumindest fürs Erste.“</p>



<p>„Auch mein Leben habe ich zu nicht geringen Teilen deiner Dummheit zu verdanken“, antwortet Makra, „also lass mir meine. Ich lasse mich von ein paar läppischen Mikroorganismen nicht von dem fernhalten, was ich begehre. Und davon abgesehen: Wer hört schon auf seinen Arzt?“</p>



<p>Scynras empörtes Schnaufen ignoriert sie ganz bewusst.</p>



<p>„Wie geht es jetzt weiter?“, will Callan wissen.</p>



<p>„Wir und unsere neuen Freunde begeben uns jetzt direkt zum Hauptquartier“, sagt Dyvanna, deren nagelneues, schiefergraues Bein Callan unverblümt bestaunt, „wir lassen sie ihre eigene Medizin schmecken.“</p>



<p>„Du bist nicht tiefenverseucht“, bemerkt Callan, „ich habe dich am Boden liegen sehen, umzingelt von den Bakteroiden. Was ist mit deinem Arm passiert? Und mit deinem Bein?“</p>



<p>„Interessante Fragen, nicht? Schade, dass dich das einen Scheiß angeht. Aber wenigstens gute Augen scheinst du zu haben“, sagt Dyvanna bitter. „Gute Nerven hast du jedenfalls nicht. Dein Verdienst ist es zumindest nicht, dass es mir noch gutgeht. Also erspare mir jedes Gejammer und halte uns nicht auf, wenn wir losmarschieren. Wer stark genug ist, blöde Fragen zu stellen, kann auch laufen.“</p>



<p>Callan sieht, dass Makra ihn verteidigen will, aber er stoppt sie mit einer Handbewegung und einem bittenden Ausdruck in den Augen. Diesmal hört sie auf ihn.</p>



<p>„Du hast recht“, sagt er, „ich war feige. Aber ich werde mein Bestes tun, euch nicht aufzuhalten.“</p>



<p>Dyvanna nickt, was mehr ist, als Callan sich erhofft hat.</p>



<p>„Sollen wir nicht noch auf Verstärkung warten?“, fragt Nerrin.</p>



<p>„Nein“, sagt Dyvanna, „ich denke, dass unsere Leute nicht mehr kampffähig sind. Oder sie mussten in einen entlegenen Teil von Hyronanin flüchten. In jedem Fall sollten wir nicht mit ihrer Unterstützung rechnen.“</p>



<p>„Wie sieht dann unsere Strategie aus?“, fragt Andy.</p>



<p>„Am besten gehen wir sehr direkt vor“, schlägt Scynra vor, „wenn wir uns aufteilen, machen wir es meinen Leuten und vor allem ihren Agenten nur leichter. Sie sind im Guerillakrieg geübt, nicht in der offenen Schlacht. Ich würde vorschlagen, dass wir die Seitentunnel einstürzen lassen und unsere Kräfte im Haupttunnel massieren.“</p>



<p>„Macht uns das nicht zugleich auch zu einem leichteren Ziel?“, fragt Andy, „sie müssen nur unsere Bakteroiden überwinden und könnten ein Massaker anrichten.“</p>



<p>„Ich denke auch, es wäre schlauer, die Bakteroiden über einen der Seitengänge zu leiten und sie als Trumpfkarte zu nutzen?“, überlegt Fienna.</p>



<p>„Nein“, sagt Dyvanna, „wir brauchen sie als Schutzbarriere gegen ihre eigenen Apparate. Ansonsten gehören wir selbst bald zu den Verseuchten.“</p>



<p>„In Ordnung“, stimmt Fienna zu.</p>



<p>„Was tun wir mit den Andrin?“, überlegt Nerrin und sieht zu den elenden, mit Schleim, Eiter und Auswurf verkrusteten Schatten der einstigen Krieger, die fast reglos auf dem Boden liegen, „sollen wir sie mit uns tragen?“</p>



<p>„Sie haben ihr Schicksal selbst gewählt“, sagt Dyvanna, „und in ihrem Zustand macht es keinen Unterschied mehr, wo sie liegen.“</p>



<p>„Oh das sehe ich anders“, meint Nerrin, „es kann sehr wohl einen Unterschied machen, ob man etwas sieht, das einen von seinem Elend ablenkt. Ich spreche aus eigener Erfahrung.“</p>



<p>„Wir können sie später noch holen“, sagt Dyvanna, „wenn alles vorbei ist.“</p>



<p>„Damit willst du doch nur dein Gewissen beruhigen“, wirft Callan ein.</p>



<p>„Ich denke, du solltest froh sein, wenn ich mich beruhige, Callan. Meinst du nicht?“, sagt sie drohend und er senkt schuldbewusst den Kopf.</p>



<p>„Gut“, sagt Fienna, „dann überbringe ich meinen Leuten, was wir besprochen haben, und wer uns folgen will, wird es tun.“</p>



<p>„Eine merkwürdige Strategie“, findet Makra.</p>



<p>„Aber die einzige, die wir verfolgen werden“, entgegnet Fienna, „ich bin nicht mehr ihre Anführerin. Höchstens noch ihre Sprecherin.“</p>



<p>„Dann sprich besser geschickt“, sagt Scynra, „wenn uns die Hälfte deiner Kämpfer im Stich lässt und lieber ein Picknick in den Seuchenhöhlen abhält, ist unsre Niederlage garantiert.“</p>



<p>„Sie haben ihren freien Willen, aber einen Sinn von Gemeinschaft. Die Vernunft wird sie leiten“, erwidert Dyvanna, „die meisten werden uns folgen.“</p>



<p>Mit diesen zuversichtlichen Worten macht sich Fienna auf den Weg und kehrt bereits nach einer halben Stunde zurück. Ihr Gesicht erscheint müde, aber zufrieden.</p>



<p>„Der Großteil meiner Leute schließt sich dem Feldzug an und ist bereit, sich auf unsere Strategie einzulassen“, berichtet sie, „nur ein kleines Grüppchen aus jenen, die zu müde, zu ängstlich, zu verletzt oder zu traumatisiert sind, hat sich entschieden, zurückzubleiben. Sie werden bewacht von einem der Traumdrachen, dem ich einen kleinen Teil meines Schutzschildes übertragen habe, sowie von einigen Freiwilligen. Alle anderen sind bei uns.“</p>



<p>„Die sollten wissen, dass sie hier kaum sicherer sind als im Lager der Gesunder“, bemerkt Makra.</p>



<p>„Gut möglich“, sagt Fienna, „und ich denke, die meisten wissen das. Aber sie sind hier sicherer als in der Schlacht. Und sie wären uns gerade keine Hilfe. Und sie selbst kennen ihre Grenzen am besten.“</p>



<p>„Und die Gesunder werden ihre bald kennenlernen“, sagt Nerrin kämpferisch.</p>



<p>Kurz darauf macht sich das Cestral-Heer auf den Weg. Zusammen mit den Rebellen, den Bakteroiden und einer brodelnden Mischung auf Hoffnung und Ängsten.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Hallo Drengda“, sagt Syndra, die gerade eine glänzende Beule am Körper ihrer Patientin beobachtet.</p>



<p>Die Augen der Frau erscheinen glasig und schreckgeweitet. Sie versucht, irgendetwas zu sagen, kann es aber nicht, weil grüner-brauner mit weißen Bröckchen versetzter Schleim wie eine Pfütze aus abgestandenem Wasser in ihrem offenen Mund steht. Drengda erkennt Schuppen irgendwo unter dem Schleim und den Beulen, die einen Gutteil ihres Körpers bedecken. Die Frau wird also zum Echsenvolk aus Akquenda gehört haben, vielleicht auch aus Tronndren. Das ließ sich bei all den verschiedenen und entfernt verwandten Stämmen nie so genau sagen. Dennoch ist sie ein intelligentes, bewusstes Lebewesen, egal, woher sie stammt und wie ihre Physiologie aussieht. Drengda spürt Mitleid und Sehnsucht nach einer Zeit, die sie selbst nie gekannt hat. Eine Ära, als die Gesunder – unter dem Namen „Sanisa“ – noch ihr Leben für den Kampf gegen solche schrecklichen Krankheiten gegeben hätten, statt sie zu züchten.</p>



<p>In Syndras Augen sieht sie einen ähnlichen Ausdruck. Die kurzhaarige Frau mit den strengen Gesichtszügen und der schlanken, fast magersüchtigen Statur hält sie gut verborgen unter ihrer schwarzen OP-Maske und jenem schier undurchschaubaren Spiegelblick, der es ihr ermöglicht hatte, so lange ungeschoren unter Ryxahs Herrschaft zu existieren. Einen Blick, den nur Drengda durchdringen kann. Syndra ist nicht die einzige potenzielle Rebellin ihres Volkes, die sich noch nicht im Exil befindet. Aber sie ist diejenige, der Drengda am meisten vertraut.</p>



<p>„Eine tolle Züchtung, nicht wahr?“, sagt Syndra mit feinem, kaum hörbarem Sarkasmus und sticht mit ihrem Skalpell in die Beule. Das Geschwür platzt nicht etwa, sondern offenbart mehrere granatapfelartige Löcher, aus denen sogleich dicker Schleim zischend auf Drengda, Syndra und die Wände der kargen OP-Kammer spritzt. Sowohl Syndra als auch Drengda zucken nicht mal mit der Wimper, als sie sich das Sekret mit dem Handrücken aus dem Gesicht wischen.</p>



<p>Es mag immer noch Gesunder in Hyronanin geben, die Moral kennen. Aber Ekel ist ihnen vollkommen fremd. „Die Ansteckungsrate beträgt fast 90 Prozent und die maximale Reichweite des Sekrets beinah hundert Meter. Eine einfache Berührung reicht aus, um die Ejakulation auszulösen. Abschneiden kann man die Beulen nicht. Sie sind hochregenerativ. Genau wie der Schleim darin. Sobald er in den Mundraum gelangt, macht er das Sprechen unmöglich und zersetzt schließlich die Stimmbänder. Auch der Atemreflex wird fast vollständig unterdrückt. Die Erkrankten haben unablässig das Gefühl, zu ersticken. Sie müssen aktiv versuchen, Luft zu holen, und die Sauerstoffversorgung ist so schlecht, dass ihre kognitiven Fähigkeiten nach und nach dauerhaft schwinden. Ich suche noch nach einem Namen für meine Kreation. Hast du Vorschläge?“</p>



<p>Ihre Stimme blieb ruhig, doch mit ihrer freien Hand drückt sie ihre Fingernägel in die Hand, die das Skalpell hält. Sie ist offenbar alles andere als glücklich über ihre Schöpfung.</p>



<p>„Wie wäre es mit ,die letzte Sünde’“, sagt Drengda und macht Syndra mit einem kurzen Blick klar, dass dies mehr als ein Namensvorschlag für die widerliche Krankheit ist.</p>



<p>„Hast du etwa ein Heilmittel für meine seelische Nekrose gefunden?“, fragt Syndra leise.</p>



<p>Syndras Wortwahl lässt Drengda innerlich erschauern. Doch das ist nicht Syndras Schuld. Es liegt an dem Begriff, der für Gesunder so etwas wie ein geflügeltes Wort ist, der für sie aber einen sehr realen Bezug hat.</p>



<p>Drengda hatte einst in der psychologischen Abteilung assistiert. Es hatte dort Experimente gegeben, mit dem Ziel, seelisches Leiden mit Gesundheit zu kurieren. Um das aber testen zu können, hatte man sich nicht mit den ohnehin traumatisierten Probanden begnügt, die in Hyronanin wie Sand am Meer existierten, sondern versucht. den ultimativen psychisch Kranken zu erschaffen. Dieses Ziel hatte man vielleicht nicht ganz erreicht. Aber mit einer Kombination aus Folter, manipulativer „Gesprächstherapie“ und diversen Medikamenten hatte man Lebewesen erschaffen, die innerlich fast gänzlich abgestorben, doch geistig noch bewusst waren, um wirklich zu leiden. Sie waren schwer depressiv, aber das war längst nicht alles. Es gab auch Elemente von Derealisation, Hypochondrie (sehr ironisch in einer Welt wie Hyronanin), Dermatozoenwahn, Schizophrenie und Paranoia in ihrem zerrütteten Geist. Doch auch wenn es gelungen war, solche seelisch nekrotischen Personen zu erschaffen, war die Heilung weniger erfolgreich. Die Gesundheit hatte nicht die geringste Wirkung auf ihren Zustand gehabt. Eine These, die Drengda schon vor Beginn der Versuche aufgestellt hatte und die sie absolut nicht überraschte. Aber ihre Kolleginnen hatten darauf bestanden, die Experimente dennoch durchzuführen. Heute vermutete Drengda, dass es mehr Sadismus als wissenschaftliche Neugier gewesen war. Syndra jedenfalls kommt diesem Zustand sicher nicht nah. Aber Drengda verstand, warum sie diese Metapher verwendete. Sie spürte dasselbe Leid und dieselbe Ausweglosigkeit. Beinah zumindest.</p>



<p>„Womöglich habe ich das“, antwortet Drengda fast flüsternd, „die Besucher aus Cestralia könnten uns beiden diese Chance eröffnen.“</p>



<p>„Die Chance, Ryxahs Unmut zu erregen und selber auf dem OP-Tisch zu landen, meinst du vielleicht“, sagt Syndra bitter. Sie kratzt dabei etwas von dem Schleim aus von ihrem Handrücken ab und träufelt ihn auf einen Teststreifen. Dem Blick der verkrusteten Augen der Frau auf dem OP-Tisch weicht sie aus.</p>



<p>„Früher oder später werden wir ohnehin dort landen“, sagt Drengda, „Ryxah wird immer paranoider und grausamer.“</p>



<p>„Da will ich nicht widersprechen“, sagt Syndra, während sie den Teststreifen unter ein Mikroskop legt, „aber du glaubst doch nicht, dass uns diese Leute gnädiger wären, wenn sie gewinnen sollten. Falls es ihnen gelingt, heißt das. Vielleicht hast du ja den Aufmarsch, den Karrek dort draußen organisiert hat, auch schon bemerkt. Aber selbst wenn es ihnen gelingt, unsere Verteidigung zu durchbrechen: Du weißt, was wir ihnen angetan haben. Ich würde es mir nicht verzeihen.“</p>



<p>„Nicht jeder ist so grausam wie wir. Und ist es nicht auch Folter, sich Tag für Tag ihrem Willen zu beugen und gegen das zu handeln, an das wir glauben. Gegen das eigentliche Erbe unseres Volkes?“, entgegnet Drengda.</p>



<p>„Sieh sie an!“, verlangt Drengda, als Syndra nicht reagiert, “hör auf, die Krankheit zu betrachten, und sieh deine Patientin an. Sieh sie an und sag mir, dass du das hier nicht beenden willst.“</p>



<p>Syndra stockt und sieht dann tatsächlich zu der Frau herüber. Zum ersten Mal seit langer Zeit scheint sie sie wieder als ein Lebewesen und nicht als Teil einer unangenehmen Aufgabe zu begreifen. Drengda erkennt, dass Syndra schaudert und sich Tränen den Weg in ihre Augen bahnen. Selbst der Atem, den sie ausstößt, schmeckt für Drengda nach Schuld. Jener Schuld, die sie selbst so gut kennt wie ihr Skalpell.</p>



<p>„Ich will das beenden“, sagt Syndra schließlich leise, „wenn ich wüsste, wie.“</p>



<p>„Es gibt vielleicht einen Weg“, sagt Drengda erleichtert, „hast du noch den Zugang zum Limaah-Antidot, an dem du arbeiten solltest?“</p>



<p>Syndras Augen weiten sich. „Ist das dein Ernst? Du weißt, dass uns das alle krank machen wird, wenn …“</p>



<p>„Hast du den Zugang noch?“, beharrt Drengda.</p>



<p>„Nein“, sagt Syndra, „nicht mehr, seit das Projekt abgeschlossen ist. Aber ich weiß, wo das Antidot aufbewahrt wird, falls es überhaupt noch existiert. Immerhin ist es Wahnsinn, dass es überhaupt je geschaffen wurde.“</p>



<p>„Und Ryxahs Wahnsinn ist der Grund, aus dem es immer noch existieren wird“, vermutet Dyvanna, „Sie benötigt es als Drohung. Gegen uns und gegen jedes unserer Forschungslabore und Enklaven in allen anderen Welten. Den Preis unserer Vernichtung hätte sie früher nie gezahlt, aber ihr geistiger und moralischer Abstieg erfolgt längst nicht mehr in kleinen, dezenten Stufen.“</p>



<p>„Das gilt auch für dich, wenn du das tun willst“, sagt Syndra immer noch nicht ganz überzeugt, „wir sind uns einig, dass wir auf dem falschen Weg sind, aber ich will auch nicht, dass dieser Weg für uns endet. Ich will umkehren, nicht Selbstmord begehen.“</p>



<p>„Das müssen wir nicht“, sagt Dyvanna, „wir haben Gesundheit hier. Es ist ein Extrakt geronnener Grausamkeit, aber einer, den wir seinem ursprünglichen Besitzer ohnehin nicht zurückgeben können. Zumindest nicht allen. Wir können es nutzen, überleben, und vielleicht eine Einigung mit den Cestral erreichen. Auch sie können fähige Ärzte in ihren Reihen gebrauchen. Ihre Welt heilt manch seelischen Schmerz, aber nicht den körperlichen, soweit ich weiß. Lieber dort ein Gefangener sein, als hier eine Agentin des Grauens.“</p>



<p>„Vielleicht hast du recht“, überlegt Syndra, „aber das Lager wird streng bewacht und wo die Loyalitäten der Anderen liegen, wissen wir nicht genau. Wir beide kommen da niemals rein.“</p>



<p>„Nicht jetzt“, stimmt Drengda zu, „aber wenn der Angriff der Cestral erst erfolgt, könnte es anders sein. Wir müssen lediglich auf den richtigen Moment warten.“</p>



<p>„Warten gehört zu den größten Qualen an diesem Ort“, sagt Syndra und blickt erneut auf das geschundene Opfer auf ihrem OP-Tisch. Auf die Frau, deren Schicksal sie selbst zu verantworten hat.</p>



<p>„Ja“, stimmt Drengda zu, „aber es ist erträglicher, wenn man Hoffnung hat. Und sei sie noch so klein.“</p>



<p>Syndra nickt, kramt in einer Schublade und tut dann etwas, was ihr eigentlich verboten ist. Sie verabreicht der Frau ein Schmerzmittel. Und diese einfache, barmherzige Tat, nimmt beinah so viel Last von ihr, wie von ihrer Patientin. Als die verkrampfte Maske einem drogengeschwängerten, aber beinah schmerzfreiem Grinsen wich, stiehlt sich auch ein Lächeln auf Syndras Gesicht.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Es ist Zeit“, höre ich Krimara sagen, deren Berührung mich sanft aus dieser Achterbahnfahrt aus Leid und Hoffnung reißt. Zu den Geigen und dem Klavier hat sich nun ein dunkler, vielstimmiger Chor gesellt. Das höre ich schon. Doch meine Sicht ist noch nach innen gerichtet. Immerhin scheinen Tarena und Andy noch zu leben und auch die Lage der Rebellen und der Cestral ist nicht gänzlich aussichtslos. Ich wünschte nur, ich könnte ihnen irgendwie beistehen. Meine Fehler wiedergutmachen. Doch weder kann ich eingreifen noch ihnen Informationen liefern. Ich weiß nicht mal mit Sicherheit, ob das, was ich sehe, in der Vergangenheit geschah oder in der Gegenwart geschieht, auch wenn ich letzteres vermute.</p>



<p>„Ja“, sage ich und schaue mich um, als meine Sicht wieder vollständig zurückkehrt. Der Raum hat sich verändert. Vor allem dadurch, dass sich die Toten nicht länger unter dem Glas befinden. Sie stehen um uns herum. Beobachtend, lauernd und mit ungeduldigem Nachdruck in ihren Gesichtern, die, wie ich erkenne, jenen düsteren, kehligen Chor zum Besten geben, als würde abgestandene Luft durch ihre verorteten Lungen und Stimmbänder gepresst. Hunderte. Tausende. Mehr als selbst wir bezwingen könnten, sollten sie sich doch noch entscheiden, uns zu sich zu holen.</p>



<p>„Haben wir etwas falsch gemacht?“, frage ich Krimara leise.</p>



<p>„Noch nicht“, sagt sie, „nur, wenn wir länger verweilen. Dies ist kein Angriff. Es ist ein Zeichen zum Aufbruch.“</p>



<p>„Dann nichts wie los“, sage ich, und gemeinsam gehen wir durch eine Prozession von singenden Leichen zu der weißen Tür. Jeder Schritt fährt mir tief ins Mark und bis zuletzt bin ich mir nicht sicher, ob aus dem dunklen Totenbrummen nicht doch noch ein genussvolles Schmatzen werden würde. Doch letzten Endes kommen wir ungestört an unser Ziel und betreten die Tür. Welche Überraschungen uns wohl dahinter erwarten werden?</p>



<p></p>
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		<title>Hilfsbereit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 18:53:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Depression]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="551" src="https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-1024x551.jpg?media=1754141341" alt="" class="wp-image-2366" srcset="https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-1024x551.jpg?media=1754141341 1024w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-300x162.jpg?media=1754141341 300w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-768x414.jpg?media=1754141341 768w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-1536x827.jpg?media=1754141341 1536w, https://www-static.angstkreis-creepypasta.de/wp-content/uploads/2026/04/DbKH94fNdd-2048x1103.jpg?media=1754141341 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p></p>



<details class="wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow"><summary><em><strong>Triggerwarnung „Depression“ (mit leichtem Spoiler-Risiko. Zum Öffnen anklicken)</strong></em></summary>
<p><em>In dieser Geschichte geht es um Depression und Selbstmord. Sie ist vollkommen fiktiv und als zugespitzte, gesellschaftliche Warnung, nicht als Beschreibung der Realität gedacht. Wenn es dir seelisch schlecht geht, dann nimm bitte Hilfe in Anspruch. Denn es gibt immer einen Ausweg und es lohnt sich immer, zu leben. Wäre doch schade, wenn dir der ganze wunderbare Wahnsinn hier entgehen würde.</em></p>
</details>



<p><br>„Bevor wir beginnen, muss ich wissen, ob Sie körperlich gesund sind“, sagte die Therapeutin. Ihr Name war Lisa Anrat. Anfang dreißig, aber mit der Aura einer älteren Frau. Hellbrauner Zopf. Weißes Hemd und blaue Freizeithose. Tough, mit einem guten Schuss antrainierter, professioneller Mütterlichkeit.</p>



<p>„Ja“, bestätigte Erwin Mengert. Ein müdes, kurz- und schwarzhaariges, mittelaltes Häufchen Elend im zerknitterten Anzug, der nach leichter Vernachlässigung roch, „die Ärzte haben keine organische Ursache für meine Verstimmung festgestellt. Meine Blutwerte waren einwandfrei. Keine Unverträglichkeiten. Kein Testosteronmangel.“</p>



<p>„Ich verstehe“, sagte Lisa, „und die Tabletten haben Ihnen auch nicht geholfen?“</p>



<p>„Nein, nicht wirklich. Jedenfalls nicht genug. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll“, sagte Erwin. In seiner Stimme war ein Zittern. Doch es war nicht das Zittern akuter Verzweiflung, sondern eher die Ermüdungserscheinung einer zu lange ertragenen Erschöpfung.</p>



<p>„Erzählen Sie ruhig alles“, sagte Lisa hinter ihrem Schreibtisch mit einem offenen, freundlichen Lächeln, die Beine über Kreuz geschlagen, „was macht Ihnen zu schaffen?“</p>



<p>Erwin holte tief Luft. „Es ist … tja, es ist eine Menge. Ich habe keine richtigen Freunde. Und bei meinem Job stehe ich auf der Kippe. Wahrscheinlich ist meine Kündigung nur noch Formsache. Und auch privat … mit meinen Hobbys &#8230; Es ist … irgendwie … als würde mir nichts gelingen. Als hätte ich kein Talent. Was ich auch anfange, macht mir keine Freude, noch habe ich das Gefühl, es richtig zu machen oder damit voranzukommen.“</p>



<p>„Ich verstehe“, wiederholte Lisa ruhig und sah den Mann mitleidig an, „haben Sie denn niemanden, der Ihnen beisteht?“</p>



<p>„Doch, meine Frau“, sagte Erwin. Kurz huschte ein Lächeln über sein Gesicht und zerbrach die leidverkrustete Wolkendecke darin, „sie ist vielleicht der Grund, warum ich überhaupt noch weiter mache. Sie sagt, jeder macht mal Fehler und dass ich ein wertvoller Mensch bin. Sie glaubt an mich. Immer noch.“</p>



<p>„Ah ja“, sagte Lisa und lächelte wissend, während ihr Blick leise Zweifel ausdrückte, „das ist wirklich schön. Aber sagen Sie, Herr Mengert … Hat Ihre Frau Sie schon einmal kritisiert?“</p>



<p>Erwin wirkte überrascht. „Wieso … ich meine, was spielt das für eine Rolle?“</p>



<p>„Beantworten Sie bitte meine Frage, das ist wichtig für unsere Sitzung“, beharrte Lisa im professionellen Tonfall.</p>



<p>„Nun gut“, sagte Erwin und überlegte, „bestimmt. Ein paar Mal. Ich meine, ich bin nicht immer so ordentlich, gerade mit meiner Wäsche, und manchmal komme ich nicht sofort in die Gänge mit dem Abwasch.“</p>



<p>„Ich rede nicht von ein paar herumliegenden Socken, Herr Mengert“, sagte Lisa etwas ungeduldig, „ich meine echte, schonungslos ehrliche Kritik. Solche, die wehtut.“</p>



<p>„Nein“, sagte Erwin und fühlte sich sichtlich unwohl.</p>



<p>„Ich nenne so etwas ‚zwanghafte Positivität‘“, sagte Lisa mit gnadenloser Offenheit, „Ihre Frau fühlt sich verpflichtet, Sie zu loben und nett zu Ihnen zu sein. Wahrscheinlich stellt sie dafür ihre eigenen Bedürfnisse und Meinungen zurück. Sie hält sich krampfhaft zurück und frisst alles in sich hinein, nur um Sie nicht zu kränken. Sie lähmen sie. Ihre Anwesenheit erdrückt Sie. Es wird nicht mehr lange dauern, dann sitzt sie genau dort, wo Sie jetzt sitzen.“</p>



<p>„Das können sie doch nicht wissen“, widersprach Erwin, sichtlich um Fassung ringend. Er strich sich nervös durch das schüttere Haar und kaute auf seiner Unterlippe.</p>



<p>„Sie wissen es auch nicht“, antwortete Lisa nüchtern, „und ihre Frau wird ihnen niemals die Wahrheit sagen. Egal, wie sehr Sie sie darum bitten würden. Sie wird lieber weiter still leiden und daran zerbrechen. Sie wird verkümmern. Still, aber unausweichlich. Möchten Sie das?“</p>



<p>„Nein, aber was … was … was soll … Also soll ich mich trennen?“, fragte Erwin überfordert und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.</p>



<p>„Das wäre wahrscheinlich das Beste, ja“, sagte Lisa energisch nickend, „und zwar nicht irgendwann, was nur ein anderes Wort für ‚nie‘ ist. Tun Sie es jetzt direkt. Schreiben Sie ihr eine Nachricht. Das wird sie befreien. Dann kann sie ihr Leben endlich wieder unbeschwert erleben. So wie sie es verdient!“</p>



<p>„Nein!“, platzte es aus Erwin heraus, „das geht nicht. Das kann ich unmöglich … ich …“</p>



<p>„Hassen Sie Ihre Frau“, hakte Lisa nach und taxierte ihn wie eine Lehrerin einen ungezogenen Schüler, „wollen Sie sie leiden sehen? Sind sie ein sadistischer Mann?“</p>



<p>„Bin ich nicht“, sagte Erwin, „aber ich liebe sie … Ich kann doch nicht.“</p>



<p>„Das wäre der ultimative Beweis ihrer Liebe. Mehr als leere Worte je beweisen könnten. Aber wenn Sie es nicht können, geben Sie mir ihr Handy. Können Sie wenigstens das tun? Sind Sie dafür Manns genug?“, fragte Lisa.</p>



<p>Erwin erbebte innerlich und äußerlich. Er sah unschlüssig zu seinem Gerät und dann wieder zu der Therapeutin.</p>



<p>„Vertrauen Sie mir?“, fragte die Therapeutin jetzt wieder deutlich warmherziger, „ich meine, ich habe schon sehr viel Zeit mit Ihnen verbracht. Und ich war immer darauf bedacht, Ihnen zu helfen. Wollen Sie mich wirklich mit Misstrauen strafen? Sind Sie SO ein Mensch! Einer, der alles kontrollieren und kleinhalten muss? Jeden Menschen, der mit ihm zu tun hat? Jede Frau?“</p>



<p>„Nein, das bin ich nicht“, sagte Erwin laut!</p>



<p>„Dann beweisen Sie es, verflucht nochmal. Geben Sie mir Ihr Handy!“, verlangte Lisa.</p>



<p>Erwin streckte zögernd seine Hand aus. Das Gerät lag darin. Entsperrt und benutzbar. Lisa nahm es entgegen, scrollte darauf herum und tippte dann etwas ein.</p>



<p>Erwin beobachtete ihr Tun unruhig und zugleich wie versteinert.</p>



<p>„So“, sagte sie schließlich, „jetzt kommen Sie bitte her.“</p>



<p>Erwin stand unsicher auf und musste sich dabei schwer auf die Stuhllehnen stützen. In seinem Körper war kaum noch Kraft.</p>



<p>„Schließen Sie die Augen“, bat Lisa.</p>



<p>Erwin tat es. Einige Sekunden lang geschah nichts, dann spürte er ihre Finger an seiner Hand und bemerkte, dass sie seinen Zeigefinger auf das Display drückte. Ein heller Ton erklang.</p>



<p>Erschrocken öffnete Erwin die Augen und las die Nachricht, die er gerade abgesendet hatte:</p>



<p>„Hallo, Melanie. Es tut mir leid, aber ich will die Scheidung. Es gibt eine andere. Schon lange. Und die Liebe zwischen uns ist längst erkaltet. Ich hoffe, du wirst auch glücklicher mit jemand anderem. Mit jemand Besserem als mir. Ich habe dir nichts als Leid zu bieten. Auf Nimmerwiedersehen. Erwin!“</p>



<p>Erwin wurde kreidebleich. Sein Mund schnappte nach Luft wie ein Goldfisch auf dem Trockenen. Er griff nach dem Smartphone, aber Lisa nahm es schnell an sich.</p>



<p>„Löschen Sie das!“, verlangte er, „löschen Sie das sofort!“</p>



<p>„Nein!“, beharrte die Therapeutin, „außerdem hat sie es schon gelesen. Sehen Sie.“</p>



<p>Erwin traute sich kaum hinzusehen, als Lisa ihm nun doch das Smartphone hinhielt. Aber er tat es doch. Dort waren zwei blaue Haken unter der Nachricht.</p>



<p>„Wieso?!“, sagte er, „warum tun Sie das … Ich muss das richtigstellen. Ich muss …“</p>



<p>Er brach ab. Lisa wusste, was in seinem Kopf vorging. Er überlegte sich, wie er das hier erklären sollte, und kam zu dem Schluss, dass es nicht ging. Selbst wenn er eine halbwegs sinnvolle Erklärung zusammenbrachte, was in seinem Zustand verdammt schwer war, würde immer ein Fleck auf ihrem Vertrauensverhältnis bleiben. Es war zu spät. Sein Kopf wusste das. Aber sein Nervensystem war noch nicht so weit, wie man am hilflosen Stammeln und Zittern sah.</p>



<p>„Herr Mengert, ganz ruhig“, sagte Lisa sanft wie eine nette Tante zu ihrem Lieblingsneffen, „alles ist gut. Ich habe Ihnen geholfen, aber Sie haben sie befreit und damit auch sich selbst. Nicht ich, Sie waren es. Immerhin wussten Sie doch, was ich schreiben würde oder nicht? Vielleicht nicht im Wortlaut, aber doch vom Sinn her. Es war ihre Intuition. Ihr Verlangen nach Freiheit. Für Melanie und für sich.“</p>



<p>„Aber ich fühle mich nicht befreit“, sagte Erwin fahrig und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „ich fühle mich grauenhaft!“</p>



<p>„Das wird nicht von Dauer sein“, sagte Lisa ruhig, „lassen Sie es vorbeiziehen, dieses Gefühl. Und ihre Frau auch.“</p>



<p>„Aber was jetzt? Soll ich einfach neu anfangen? Mir jemand anderen suchen?“, fragte Erwin mit Tränen in den Augen.</p>



<p>„Manchmal ist es zu spät“, sagte Lisa kopfschüttelnd, „es gibt Muster, die kann man nicht ablegen. Nicht ab einem bestimmten Alter. Sie sind jetzt zweiundvierzig, Herr Mengert. Wie stellen Sie sich das vor? Wie stellen sie sich einen Neuanfang vor? Ihr Hirn ist vorgeprägt. Ihre Zellen beginnen bereits seit fast zwei Jahrzehnten zu verfallen und man sieht es ihnen auch an. Sie sind gezeichnet vom Leben. Und das nicht eben im vorteilhaften Licht. Und selbst, wenn sie eine Frau finden würden, die Mitleid mit ihnen hat, würden sie nur wieder ins selbe Muster verfallen. Sie würden sie ausnutzen. In ein Gefängnis zwingen. Das wäre unverantwortlich! Das wäre egoistisch!“</p>



<p>„Und was, wenn … was, wenn ich allein lebe … oder es zumindest versuche“, sagte Erwin stotternd.</p>



<p>„Seien Sie nicht albern, Herr Mengert“, sagte die Lisa, „Studien zeigen, dass Frauen oft glücklicher sind, wenn sie alleine sind. Aber Männer … Nun. Sagen wir, Sie sollten sich da keine großen Hoffnungen machen, dass sich Ihre Situation verbessert, als der einsame Mann, der Sie nun sind.“</p>



<p>„Aber sollten Sie nicht … ich meine, sind sie nicht dafür zuständig, mich aufzubauen?“, fragte Erwin verzweifelt. Seine von Sorgenfalten umrahmten Augen immer noch geweitet vor Schrecken.</p>



<p>„Nein“, sagte Lisa, „ich bin dafür da, ehrlich zu Ihnen zu sein. Nicht, dafür Ihre Selbsttäuschung zu nähren.“</p>



<p>„Das ist nicht ehrlich. Das ist grausam!“, schrie Erwin verzweifelt.</p>



<p>„Sie sollten aufhören, der Welt die Schuld für ihre eigenen Fehler zu geben, Herr Mengert“, ermahnte Lisa streng, bevor ihre Stimme erneut sehr, sehr sanft wurde, „zumal die anderen Menschen in ihrem Leben oft ihr Bestes wollen. Wie ich zum Beispiel. Deshalb habe ich auch eine Lösung für ihre Misere.“</p>



<p>„Was für eine Lösung?“, fragte Erwin mit tränenverschmiertem Gesicht. Ein blasser Schimmer von Hoffnung erschien darauf.</p>



<p>„Es gibt da ein Verfahren“, sagte die Therapeutin lächelnd, „ein besonderes Gas. Psychedelisch. Es bringt angenehme Träume. Verursacht keine Schmerzen. Während sie langsam hinweggleiten.“</p>



<p>„Sie empfehlen mir den Tod?“, wollte Erwin wissen und schien kaum glauben zu können, was er da hörte.</p>



<p>„Ich empfehle Ihnen das, was am besten für Sie ist. Kein Leiden mehr. Weder für Sie noch für jene, die Sie zu lieben behaupten. Keine Schuld, keine Reue. Kein Selbsthass. Keine sinnlosen Therapien. Einfach nur Frieden. Ist es nicht das, wonach wir uns alle sehnen?“</p>



<p>„Warum tun Sie es dann nicht?“, fragte Erwin in einem letzten Aufbäumen von Trotz.</p>



<p>Lisa lächelte mild. „Ich helfe Menschen“, erwiderte sie, „vielen Menschen. Mein Leben hat einen Sinn. Ihres dagegen &#8230; nicht mehr. Falls es je einen gehabt hat.“</p>



<p>Erwin wollte widersprechen. Doch er tat es nicht. Und selbst, wenn er es getan hätte, wäre es nur ein Lippenbekenntnis gewesen. Lisa hatte das schon oft erlebt. Wenn sie an diesem Punkt waren, waren sie reif.</p>



<p>„Ich tue es“, sagte Erwin resigniert, „wenn es keine andere Möglichkeit gibt, tue ich es. Ich … ja, ich bin bereit.“</p>



<p>„Wunderbar“, sagte Lisa herzlich und mitfühlend, „dann hoffe ich, dass Sie endlich den Frieden finden, nach dem Sie so lange schon suchen.“</p>



<p>Sie nahm die Fernbedienung auf ihrem Tisch und drückte den Knopf, der die Aufzeichnung beendete und das Personal informierte.</p>



<p>Ihr warmes Lächeln verschwand restlos. Genau wie auch jede andere Emotion. Sie musste ihre Gesichtsmuskeln ausruhen. Dieses dauernde Schauspiel war verdammt anstrengend. Dabei sah sie etwas nach unten, damit ihr Klient es nicht mitbekam.</p>



<p>„Was, wenn ich es mir anders überlege?“, hörte sie ihn dennoch fragen, genau in dem Moment, als die Tür aufging und zwei muskulöse Männer in Kitteln das Zimmer betraten.</p>



<p>„Sie haben ihre Entscheidung getroffen und wir haben alles aufgezeichnet“, sagte Lisa und sah zu ihm auf, ihr Gesicht immer noch vollkommen neutral, „Sie haben sich entschieden, zu helfen. Also tun sie das jetzt auch. Und wenn sie sich weigern … Tja, dann helfen wir ihnen, zu helfen.“</p>



<p>Erwin schrie. Er versuchte, wegzurennen, doch die beiden Angestellten packten ihn mit geübtem Griff. Es gab kein Entkommen. Jetzt nicht mehr.</p>



<p>Lisa atmete hörbar auf, als sich die Tür schloss und Erwins Schreie sich langsam entfernten, während sie ihn in die Suizidkammer brachten. Früher wären solche Grenzfälle rechtlich ein No-Go gewesen. Genau wie die mit Nebenwirkungen vollgestopften Placebos, die sie dem Mann seit vielen Monaten verabreicht hatte. Aber inzwischen sah man nicht mehr so genau hin. Der Markt hatte Nachfrage und die wollte bedient werden. Ein einfaches Opt-in reichte jetzt. Egal, wie lange es vorhielt, und wie es zustande kam. Das Ergebnis zählte. Besonders, wenn es um ihre Provision ging.</p>



<p>Sie griff zu ihrem Handy und wählte die wohl einträglichste Nummer ihres Lebens. Der Markt war hart umkämpft und die leichteren und wirklich fast hoffnungslosen Opfer so gut wie abgegrast. Das schuf Möglichkeiten für jemanden mit ihren Qualifikationen. Chancen, an die sie zu Studienzeiten noch nicht gedacht hatte. Sie verstand es wie kaum eine andere, auch Fälle zu kippen, die sie früher vielleicht noch in die andere Richtung gedreht hätte.</p>



<p>Eine Stimme meldete sich. Müde. Rau. Unsympathisch. Und verdammt reich.</p>



<p>„Ja, was ist?“, fragte der Mann am anderen Ende.</p>



<p>Lisa war in diesem Moment das genaue Gegenteil von ihm. Eine Ausgeburt an Freude und Stolz.</p>



<p>„Herr Morgwart“, flötete sie, „hervorragende Nachrichten. Es ist geschafft. Genau wie vereinbart. Ihr Spenderorgan ist in Kürze bereit. Sie können sich schon einmal in den OP begeben.“</p>



<p>„Das ist gut“, sagte der reiche Mann, „ich mache mich auf den Weg.“</p>



<p>Er klang nicht wirklich erfreut. Eher wie jemand, dem man das erwartete Mindestmaß an Service geboten hatte. Aber seinen Dank in Form von Worten brauchte sie nicht. Der musste sich nur in Zahlen ausdrücken.</p>



<p>„Immer wieder gerne“, sagte Lisa, „ich freue mich immer, wenn ich helfen kann.“</p>



<p></p>
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		<title>Die fünfte Entscheidung</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2026 15:25:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Irrgarten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Entscheidungen. Mein ganzes verdammtes Leben war immer schon auf ihnen aufgebaut. Nehme ich den Schnuller oder den Beißring? Kotze ich meine Mutter oder </p>
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<p></p>



<p>Entscheidungen. Mein ganzes verdammtes Leben war immer schon auf ihnen aufgebaut. Nehme ich den Schnuller oder den Beißring? Kotze ich meine Mutter oder den Tisch an? Schwimme ich mit dem Strom oder mit dem Kopf in der Kloschüssel? Werde ich ein armer, ängstlicher Künstler oder ein armer, ängstlicher Büroarbeiter? Ziehe ich das weiße Hemd mit den blauen Streifen an oder das blaue mit den weißen Streifen? Wähle ich den Amoklauf oder das freundliche Lächeln?</p>



<p>Ich hasse Entscheidungen. Aber täglich werden sie mir abverlangt. Wie schwarze Löcher öffnen sie sich unvermittelt auf einem Weg, der doch eigentlich nur sicher und ungestört vom Bett und wieder zurück führen sollte. Aber nein, die Dinger springen mich an wie ein schlecht gemachter Jumpscare. Klammern sich an mein Nervensystem, öffnen ihre nach Reue, Schuld und Verantwortung stinkenden Mäuler und schreien mir Fragen und Rätsel ins Gesicht, bis meine Ohren so taub sind wie meine Seele.</p>



<p>Dabei will ich nur existieren, verdammt. Einfach nur atmen, fressen, träumen und all den anderen guten Scheiß, den das Leben zu bieten hat. Und wo ich mein Dopamin herbekomme: Who cares? Hauptsache, es kickt und verhindert, dass der Scheiß hier komplett zum Albtraum wird. Stattdessen stehe ich da wie so ein armes Opfer in einem dieser nervigen Schnellrestaurants.</p>



<p>Welches Brot? Welche Sauce? Mit Käse? Mit Analog-Käse? Mit Digital-Käse? Mit zehnfach Käse? Mit dreiviertelscharfen südostmexikanischen Frühherbstpeperoni? Welche Religion? Welche Vorurteile? Welche Subkultur? Welches Death-Metal-Subgenre? Welcher Streamingdienst in welchem Abomodell? Welcher Beruf? Welche Sorte Klopapier? Und mit welchem von den fünfunddreißig fast identischen, künstlich aromatisierten und in Zucker ertränkten Bechern geronnenen Paarhuferdrüsensekrets darf ich mich in ein frühes Grab futtern und lasse ich mich danach zum Diamanten pressen, ins All schleudern oder von einem heiligen Affen fressen und auf die Spitze des Himalaya-Gebirges scheißen? Ich kann nicht mehr, verdammt!</p>



<p>Und dann diese ganzen Weisheiten und Kalendersprüche.</p>



<p>„Deine Entscheidungen machen dich aus!“</p>



<p>„Übernimm endlich Verantwortung für deine Entscheidungen!“</p>



<p>„Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung!“</p>



<p>Bin ich in einer Gameshow, oder was? Am liebsten würde ich auf den ganzen Multiple-Choice-Albtraum eine Atombombe werfen, wenn sich daran nicht wieder tausend Entscheidungen knüpfen würden (Welches Material? Welcher Anreicherungsgrad? Woher beziehen? Wasserstoffbombe oder doch nur schmutzige Bombe?). Aber wahrscheinlich habe ich mich auch künstlich aufgeregt. Denn all das, alles, mit dem ich mich bisher herumschlagen musste, war nur ein fluffiger Witz gegen die harten Wahrheiten, denen ich jetzt gegenüberstehe.</p>



<p>Ironischerweise wurde mir die Entscheidung, hier zu sein, einfach abgenommen. Eines Morgens bin ich hier aufgewacht, in diesem düsteren Labyrinth. Über mir ein dunkler Dämmerungshimmel. Verhangen von trostlosen, bleischweren Wolken. Kein Mond, keine Sonne. Keine Sterne. Nur eine saugende und zugleich erdrückende Leere. Vollkommen windstill. Die Luft ist weder warm noch kalt. Und um mich herum erstreckt sich nur ein endloses Labyrinth aus Hecken. Aus ihnen sprießen Dornen, essbare Beeren und weitere Entscheidungen. Vier an der Zahl.</p>



<p>Links, rechts, vorwärts und zurück.</p>



<p>Klettern ist unmöglich. Denn die Hecken sind zehn Meter hoch und die Dornen hart wie Stahl. Und Graben geht auch nicht, denn der Boden, auf dem sie wachsen, besteht aus reinem Beton. Vier Möglichkeiten also, mehr nicht. Man sollte meinen, dass ich eine solche Reduktion begrüßen würde. Doch es stellt sich heraus, dass Entscheidungen nur umso beschissener schmecken, wenn man sie komprimiert und kondensiert.</p>



<p>Links. Ein langer Gang. Kurze Dornen. Rote Früchte. Die schmecken exakt wie die blauen, die weißen, die violetten und die gelben. Nicht gut und nicht beschissen. Nur viel zu süß. Doch sie halten mich am Leben. Ich esse ein paar. Kaue. Schlucke. Verdaue.</p>



<p>Rechts. Keine Früchte. Längere Dornen. Der Weg hat eine leichte Steigung. Das sind vielleicht die schlimmsten Pfade. Sie vermitteln Hoffnung, egal, wie oft sie schon enttäuscht wurde. Gegen Hoffnung gibt es wahrscheinlich keine Impfung.</p>



<p>Ich umgehe die Dornen mit der Erfahrung unzähliger Tage. Wie viele sind es bereits? Hundert? Dreihundert? Tausend? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob ich schon vorangekommen bin oder ob es hier ein Ende gibt. Ich habe Markierungen gemacht. Hab mit meinem Haustürschlüssel in den Betonboden gekratzt.</p>



<p>Und ich habe die Markierungen nie wieder gesehen. Ein Zeichen also, dass ich nicht im Kreis laufe? Oder wurden die Markierungen entfernt? Das wäre durchaus denkbar. Etwas folgt mir. Schon seit vielen Tagen. Es schleppt sich durch die Schatten, grinst zwischen winzigen Lücken in den Hecken hindurch und beobachtet mich, wenn ich schlafe. Manchmal, wenn ich zu langsam werde, kommt es ganz nah. Ich sehe nie mehr als einen Schatten oder ein verschwommenes Nachbild. Aber ich höre das Schnaufen, das leise, zischende Knurren und spüre den feuchten, warmen Atem, der meine Nackenhaare aufrichtet und meine brennenden Muskeln zu Höchstleistungen antreibt.</p>



<p>Gelegentlich spürte ich auch seine Berührung. An Kreuzungen, die mich zum Grübeln brachten. Aber vor allem in den schlaftrunkenen Momenten, kurz vor dem wirklichen Erwachen. Ein paar Mal hat es mich sogar gekratzt oder gebissen. Wenn ich zu langsam war oder nicht schnell genug aufgestanden bin. Nie zu tief. Nie so schlimm, dass es nicht verheilen würde. Es hat mich nie getötet und hat sich auch nie wirklich gezeigt.</p>



<p>Ist es der Wächter dieses Labyrinths? Ein weiterer Gefangener aus irgendeiner Höllensphäre? Lediglich ein Trugbild, und die Bisse und Kratzer kamen allein von den Dornen? Ich will das nicht entscheiden. Das nicht auch noch.</p>



<p>Der Weg führt weiter hinauf. Für einen Moment wirken die Hecken nicht mehr ganz so hoch. Der Himmel wird heller, wie ein Silberstreif am Horizont. Und für einen Augenblick sehe ich die Weite. Ich sehe den gesamten Horizont und bin mir fast sicher, dass ich ganz am Ende eine Stadt erkenne.</p>



<p>Strahlend, sauber, einladend. Voller prachtvoller Häuser mit warmen Herdfeuern und gastlichen, freundlichen Einwohnern, die mich aufnehmen, meine Verzweiflung heilen und mir schließlich einen Weg zurück zeigen werden, in jene Welt, wo die elenden Entscheidungen wenigstens vielfältiger sind. Dann führt der Weg wieder hinab, die Hecken wachsen wie von Zauberhand und ich bin mir noch viel sicherer, dass dort in der Ferne nichts weiter ist als Leere, Nebel und dorniges Gestrüpp.</p>



<p>Müde schleppe ich mich weiter. Links. Rechts. Geradeaus. Sackgasse. Zurück. Rechts. Rechts. Links. Geradeaus. Ich bin langsam heute. Langsamer als sonst. Links. Rote Beeren. Rechts. Lange Dornen. Links. Kurze Dornen. Dabei weiß ich, dass meine Muskeln noch Reserven haben. Links. Rechts. Zurück. Rechts. Das weiß es auch. Es testet meine Grenzen, aber es hetzt mich nicht zu Tode. Es will mich wohl rennen sehen, nicht sterben. Nicht unbedingt zumindest. Meine Muskeln können noch. Links. Links. Violette Beeren. Sackgasse. Allein mein Geist ist erschöpft.</p>



<p>Wie genau kam ich hierher? Links. Links. Links. Links. Zurück. Keine Beeren. Oder war ich doch immer schon hier? Rechts. Rechts. Vor. Zurück. Lange Dornen. Nein, es gibt da Bilder. Gewissheiten. Zwischen den Entscheidungen. Vertraut, freundlich, schmerzhaft schön. Blumen in einem Meer aus Scheiße, wo es hier nur noch Scheiße gibt. Links. Rechts. Links. Rechts. Beeren. Dornen. Dornige Beeren. Beerige Dornen. Horizont. Stadt. Nebel. Ich weine. Nein, nicht nur das. Meine Tränendrüsen sind geradezu inkontinent. Melancholie und Sehnsucht penetrieren meine Seele aus allen Richtungen. Ein bittersüßer Schmerz. Wie Dornen. Und Beeren.</p>



<p>Entscheidungen. Vier an der Zahl. Links. Rechts. Vorwärts. Rückwärts. Und doch … gibt es eine fünfte. Ja, warum bin ich nie darauf gekommen? All die vielen Tage nicht?</p>



<p>Ich werde langsamer. Halte schließlich ganz an. Die Zeit tickt dumpf im Takt meines Herzschlags. Ich erahne den Schatten, höre das Knurren, spüre den Atem und schließlich den Biss papierscharfer Klauen. Klauen, die erst necken, dann warnen, dann wühlen.</p>



<p>Haut zerreißt. Fleisch zerfasert. Knochen zerbricht. Begleitet von manischen Fressgeräuschen. Der Schmerz ist schlimm, doch ich bleibe weiter stehen. Halte ihn aus. Drehe nicht um. Laufe nicht weg. Nicht nach links. Nicht nach rechts. Nicht vorwärts. Nicht zurück. Das ist meine Entscheidung. Stehenbleiben und mich nicht länger den Spielregeln beugen.</p>



<p>Und während meine Körperruine weiter zur Unkenntlichkeit zerfetzt wird und ich langsam das Bewusstsein verliere, lächle ich doch in tiefem Frieden.</p>



<p>Denn gefangen im Irrgarten des Wahnsinns ist Sterben wie Heilung für die Seele.</p>



<p></p>
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		<title>Knochenwelt: Zerbrechen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Apr 2026 21:23:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Knochenwald]]></category>
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<p>Davox dachte gerne von sich, dass er einer der mächtigsten Weisen des Gebeins auf diesem Planeten war. Es schmeichelte seinem Ego, das sich seit seiner Transformation auf die hundertfache Größe aufgeblasen hatte. Aber tief in sich wusste er, dass er verdammt unerfahren war. Er besaß die Macht des Knochen, hatte aber keine Ahnung davon, wie er sie zuverlässig kanalisieren konnte. Wenn die Weisen einen Menschen in ihren Kult aufnahmen, brachen sie zwar seinen Willen, demütigten ihn und trieben ihm die Menschlichkeit aus. Sie lehrten ihn aber auch, wie man die Künste der Knochen meisterte und anwendete. Davox hingegen war nie ein Lehrling gewesen und er wusste einen Scheiß über die Feinheiten der Knochenkunst, auch wenn er sich gegenüber Havon und den anderen Neulingen gern als Lehrmeister aufspielte. Sein Potenzial mochte groß sein, aber viel machen konnte er daraus noch nicht. Alles, was er je an Macht angewandt hatte, war reiner Zufall gewesen.</p>



<p>Diese Diskrepanz zeigte sich nun einmal mehr. Havon, von weit mehr Fleisch verunreinigt als er, reagierte sofort auf seine Warnung bezüglich des Hungerreißers. Er machte eine einfache Handgeste, woraufhin sich Fragmente aus Knochenbäumen in seiner Nähe lösten und sich in Windeseile zu einer mit Stacheln bestückten Barriere auftürmten, die sich zwischen ihn und den Hungerreißer stellte.</p>



<p>Das Wesen, obwohl in hungergetriebener Raserei, war nicht so dumm, frontal in das gefährliche Hindernis hineinzukrachen. Stattdessen änderte es in einem fast unmöglichen Manöver im letzten Augenblick seine Richtung, um sich die deutlich leichter erreichbare Beute zu holen: Davox.</p>



<p>„Dieser Bastard!“, fluchte Davox, der sich ziemlich sicher war, dass Havon das nicht in erster Linie getan hatte, um sich zu schützen, sondern um ihn aus dem Weg zu schaffen. Und selbst wenn nicht, würde er davon ausgehen, falls er das hier überlebte, und sich auf irgendeine Weise an Havon rächen. Aber gerade hatte er andere Probleme.</p>



<p>Davox versuchte, sich zu konzentrieren und ein ähnliches Manöver wie Havon zu unternehmen. Doch es tat sich rein gar nichts. Seine Macht regte sich nicht und das Vieh kam immer näher. Sein mächtiger Körper zerdrückte die Knochensplitter am Boden zu Staub und wirbelte diesen auf, was ihn sprichwörtlich in eine Aura des Todes hüllte. Gleichzeitig vernahm Davox hinter sich Stimmen. Unter anderem die von Inga.</p>



<p>Ausgerechnet jetzt waren sie und die anderen Lichthexen aus der verschwindenden Weißlichtung aufgetaucht. Schutzlos und reif, um gepflückt zu werden. Und das ausgerechnet in dem Moment, in dem er selbst zur Beute wurde. So sehr ihn das auch ärgerte, so erkannte er auch die Chance, die darin lag. Das Vieh trachtete nach Nahrung und nicht nach reiner Zerstörung und soweit Davox wusste, bevorzugte es weiches Fleisch gegenüber staubigen Knochen. Es würde sich also lieber auf die Drix Tschatha stürzen, wenn es glaubte, sie leichter erreichen zu können als ihn. Davox musste nur dafür sorgen, dass genau das zutraf.</p>



<p>Und auch wenn die Kontrolle über seine Kräfte mangelhaft war, so hatte er eine Macht, die ihm auf jeden Fall gehorchte: seine übergroßen physischen Kräfte. Also nutzte er sie, rannte zu einem besonders knorrigen und astreichen Knochenbaum und krabbelte wie ein beinernes Rieseneichhörnchen daran hoch. Sollte sich das Ding doch die Hexen holen. Besser sie als ihn.</p>



<p>Sein Plan ging auf. Der Reißer schnappte kurz mit seinem gefährlichen Maul enttäuscht in die Luft, als er seine Beine knapp verfehlte. Dann drehte er sich um und orientierte sich an den saftigen Hexen, die sich nicht ein paar Meter über dem Erdboden befanden.</p>



<p>Währenddessen sah Davox, verborgen zwischen den dichten Knochenästen, die sich kaum von seiner eigenen knochigen Gestalt unterschieden, dabei zu, wie sich sein „Verbündeter“ feige davonschlich.</p>



<p>Wahrscheinlich floh er einfach in die Wildnis, denn den anderen Weisen würde er so nicht unter die Augen treten können. Dass das töricht war, wusste sogar Davox. Havon war fähiger, als er ihm gegenüber je eingestanden hätte. Aber allein würde er kaum mehr als ein paar Tage überleben, wenn überhaupt. Da war Davox nun in einer deutlich besseren Lage. Niemand schien gesehen zu haben, wohin er geflohen war, und so konnte er in Ruhe den Ausgang des Kampfes abwarten. Sollte der Hungerreißer siegen, wäre er mit Fressen abgelenkt und vielleicht verletzt, sodass er ihn selbst ohne Knochenmagie würde bezwingen können. Wenn die Hexen es schaffen sollten, wären sie ebenfalls geschwächt, und wenn nicht, konnte er ihnen immer noch unauffällig folgen und im rechten Moment zuschlagen.</p>



<p>Die einzigen, die ihm Sorgen bereiteten, waren Lucy und ihre Made Polly. Offenbar hatte der ganze Hokuspokus mit der Lichtung allein dazu gedient, sie hierherzuholen. Zwar schien Lucy nicht sehr begeistert von ihrer Anwesenheit zu sein und hielt sich bislang aus dem Geschehen raus, aber sollte sie sich doch auf die Seite der Hexen schlagen, durfte er sie nicht unterschätzen. Er hatte gesehen, was das Mädchen vermochte, und es war aufmerksamer und schlauer als all diese Hexen zusammen, Inga eingeschlossen. Nein, er durfte sie wirklich nicht unterschätzen. Also verhielt Davox sich ruhig, sammelte seine Kräfte und beobachtete.</p>



<p>~o~</p>



<p>„DU?!!“, rief Lucy außer sich zu Inga, „du bist der Grund, warum ich meinen Vater nicht retten konnte, stimmt’s? Du hast mich hierher gebracht! Du hast ihn getötet!“</p>



<p>„Lucy, ich wusste nicht, dass &#8230;“, sagte Inga hilflos.</p>



<p>„Wie auch?“, tobte Lucy und weiße Adern erschienen auf ihrem Gesicht, während Polly neben ihr wütend fauchte, „du hast mich ja nicht gefragt. Du hast mich lieber einfach mal entführt und in die Hölle verschleppt, die mein Leben ruiniert hat. Vielen Dank auch!“</p>



<p>„Es tut mir leid …“,versuchte es Inga noch einmal, „wir wollten doch nur &#8230;“</p>



<p>„Vorsicht!“, rief Myna , „das Vieh ist gleich bei uns.“</p>



<p>„Soll es euch doch alle fressen“, sagte Lucy zornig, „ich bin nicht eure Freundin! Und wenn mich das Ding angreift, weiß ich mich schon zu wehren. Viel Glück!“</p>



<p>„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, sagte Inga hilflos, während sie immer wieder nervös zu der herannahenden Kreatur blickte, „wir haben zusammen gekämpft.“</p>



<p>„Ja, weil ich mich euch damals freiwillig angeschlossen habe. Und nun könnt ihr mich freiwillig am Arsch lecken!“, polterte Lucy, streichelte Polly und zog sich zurück.</p>



<p>Inga war der Panik nah, während sie dem Ungeheuer in die Augen sah. Zwar war Davox nirgends mehr zu sehen und der andere Weise des Gebeins zog sich gerade zurück, aber wenn sie dem Hungerreißer mit Magie beikommen wollten, würden sie von ihren eigenen Kräften zehren müssen. Wieder einmal. Sie wusste, dass es keine Alternative gab, wenn Lucy ihnen nicht half, aber ehrlich gesagt war sie es leid, zu altern und schwach zu werden. Andere für diese Macht leiden zu lassen, war deutlich bequemer, dachte sie finster.</p>



<p>„Eine tolle Freundin hast du da!“, sagte Myna, „zum Glück ist es nicht deine einzige.“</p>



<p>Ingas Aufmerksamkeit wandte sich kurz von Myna ab, als sie beobachtete, wie sich der Reißer auf eine der Hexen stürzte. Ihr Name war Areen, wenn sie sich richtig erinnerte. Eine dürre, blasse, großgewachsene, schwarzhaarige und einsilbige Frau, die gerade einen Zauber wirken wollte, als sich das Ungetüm schmatzend auf ihren Bauch stürzte. Areen schrie laut auf, als das Monstrum mühelos ihre Haut zerriss und sich eifrig durch ihr Fleisch fraß. Erst vor Schmerz, dann um Hilfe. Doch die anderen waren zu paralysiert, um zu reagieren. Ein Hungerreißer hatte eine solche Wirkung. Außerdem wollte niemand seine Jugend und Kraft opfern. So selbstlos waren sie nicht. Zumindest die meisten von ihnen.</p>



<p>Mehr aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie sich Myna versteifte und ihre Pupillen sich vor purer Konzentration verengten, während sie eine jener Handgesten machte, die für das Zaubern eigentlich nicht notwendig, aber für den Fokus oft hilfreich war. Sie legte ihre Handgelenke aneinander und öffnete ihre Handflächen gleich einem Kelch.</p>



<p>„Was hast du vor?“, fragte Inga alarmiert.</p>



<p>„Ich will uns retten, was sonst?“, sagte Myna und ehe Inga das entschiedene „Nein!“ herausschreien konnte, das ihr auf der Zunge lag, hatte Myna ihren Zauber schon vollbracht.</p>



<p>Es war ein Zauber, wie ihn weder Inga noch die anderen erwartet hatten. Es war eine Schockwelle aus flimmernder Luft, die aber keinen Rückstoß mit sich brachte, sondern dazu führte, dass der Hungerreißer binnen Sekunden etwa auf ein Zwanzigstel seiner Größe schrumpfte.</p>



<p>Inga reagierte reflexhaft und ließ ihren Schuh auf den jetzt faustgroßen Schädel des Hungerreißers niedergehen. Das Geschöpf war vom Bauch der verletzten Hexe abgefallen und hatte das große, halbzerkaute Stück Bauchfleisch aus seinem geschrumpften Maul verloren. Krachend brachen die schwachen, winzigen Knochen und das Tier lag für immer still.</p>



<p>„Myna, wo bist du?“, fragte Inga, als sie ihre Freundin nirgends entdecken konnte.</p>



<p>„Hier!“, erklang die Antwort, die Inga zunächst erleichterte. Ihre Erleichterung bekam aber einen deutlichen Dämpfer, als sie erst immer noch vergeblich nach Inga suchte und diese dann endlich als winzige Version ihrer selbst, kaum größer als eine Actionfigur, auf dem Boden entdeckte. Offenbar hatte ihr Zauber dasselbe mit ihr angestellt wie mit dem Hungerreißer.</p>



<p>„Wie … wie ist das möglich?“, fragte Inga verblüfft.</p>



<p>„Ich weiß es auch nicht genau“, rief die Mini-Myna, deren Stimme trotz ihrer absurd kleinen Größe noch relativ normal klang, „ich hab mir nur gewünscht, nicht wieder alt zu werden, während ich den Zauber gewirkt habe. Wahrscheinlich war das die Antwort auf meinen Wunsch. Dank sei den weißen Göttern, schätze ich.“</p>



<p>Sie grinste schief und man konnte ihr ansehen, dass sie nicht so wirklich überzeugt war, ob Dank hier das angebrachte Gefühl war.</p>



<p>„Ich lebe nun schon Hunderte von Jahren“, sagte die verletzte Hexe, mit dem Namen Areen, die sich lachend und stolpernd ihren aufgerissenen Bauch hielt, „aber von so etwas habe ich noch nie gehört.“</p>



<p>Dass sie noch sprach, war ein Wunder, das auf die Wirkung des Adrenalins und die Zähigkeit der Drix Tschatha zurückzuführen war. Denn ihre Wunde ging so tief, dass Organe und Knochen zu sehen waren.</p>



<p>„Magie ist voller Überraschungen“, sagte eine kleinere, verbissen wirkende Hexe namens Alvira „ich weiß aber nicht, ob das so viel besser ist als das Altern. Dadurch ist Myna jetzt schwach und nutzlos und eine leichte Beute für jedes Geschöpf im Knochenwald.“</p>



<p>„Klein zu sein hat auch seine Vorteile“, sagte Lucy, die plötzlich zu den anderen trat, „Fliegen zum Beispiel sind meine besten Spione. Gerade die kleinen Versionen.“</p>



<p>„Ich bin aber keine Fliege und fliegen kann ich auch nicht“, antwortete Myna, „und ich vermute, ich kann nicht einmal mehr zaubern. Meine Körpermasse ist nicht alles, was mich der Zauber gekostet hat. Das spüre ich.“</p>



<p>„Nutzlos, sage ich doch“, wiederholte Alvira und fing sich dafür einen drohenden Blick von Inga ein, der aber nicht entging, dass mehrere der Frauen auch zustimmend nickten.</p>



<p>„Das … das tut mir leid, Myna“, sagte Inga, die anderen Drix Tschatha fürs Erste ignorierend, „meinst du, du kannst diesen Zustand rückgängig machen?“</p>



<p>„Das wird die Zeit zeigen“, sagte Myna, „vielleicht genügt ein bisschen magische Energie oder ein wenig Zeit dafür. Und wenn nicht … nun, dann musste ich dieses Opfer eben bringen. Zumindest leben wir alle noch.“</p>



<p>Inga warf einen zweifelnden Blick auf die schwer verletzte Myna, die sich inzwischen doch hingelegt hatte und deren Wunde von zwei ihrer Freundinnen inspiziert wurde. Inga zweifelte daran, dass sie die Nacht überleben würde. Niemand würde bereit sein, seine eigene Kraft für sie zu opfern. Wahrscheinlich nicht einmal sie. Sie brauchte ihre Energie für ihre Mission. Nun, zumindest redete sie sich ein, dass das der Grund war. Zugleich schämte sie sich, wenn sie daran dachte, was Myna zu tun bereit gewesen war.</p>



<p>„Mit Opfern kenne ich mich aus“, sagte Lucy, „ich habe schon viele gebracht, aber dass ihr ebenfalls dazu bereit seid, zeigt mir, dass ihr mich vielleicht tatsächlich nicht ohne Grund hierher geholt habt.“</p>



<p>Myna nickte bestätigend und Lucy sah nun direkt zu Inga.</p>



<p>„Also Inga, schieß los! Warum hast du mich hierher entführt? Wenn der Grund gut genug ist, sehe ich vielleicht davon ab, diesen Ort in eurem Blut zu baden, auch wenn das rot sicher einen schicken Kontrast zu all dem Weiß und Schwarz bildet.“</p>



<p>„Bilde dir nicht zu viel ein, kleine Göre. Du bist zwar fast so winzig wie Myna, aber ich könnte deine Energie gut gebrauchen“, sagte eine der Hexen, die zwar aufgrund des Magietransfers wieder einigermaßen jung, aber dennoch ziemlich ungepflegt war. Ihr Name war Ranika.</p>



<p>„Das gilt auch für Polly, sie ist hungrig“, meinte Lucy lächelnd und die weißen Adern unter ihrer Haut tanzten bedrohlich.</p>



<p>„Ich habe schon mehr Schneidmaden getötet, als du Lebensmonate zählst“, sagte Ranika.</p>



<p>„Aber sicher nicht mehr als du Zahnlücken hast“, konterte Lucy.</p>



<p>„Hört bitte auf zu streiten“, sagte Inga, „wir müssen Verbündete sein. Wir wissen nicht, ob die Weisen des Gebeins zurückkehren oder die Maden ihre Königin rächen wollen. Davon abgesehen solltest du Lucy nicht unterschätzen. Sie ist weit mächtiger, als du denkst.“</p>



<p>„Da hat sie wahrscheinlich recht“, sagte Areen stöhnend, deren fiebrige Stirn fast ebenso wie ihre üble Wunde bewies, dass es nicht gut um sie stand, „sieh sie dir doch mal an. Ihre Augen, ihre Haut, diese Adern. Die ist kein normaler Mensch. Ich kenne solche Symptome von jenen, die vom Madenfleisch gefressen haben, aber sie muss eine ganze Menge davon gekostet haben.“</p>



<p>„Schlaues Mädchen“, sagte Lucy, „das habe ich wohl. Aber gerade hungere ich mehr nach Informationen. Also, Inga. Warum bin ich hier? Um mich vom halben Blocksberg dissen zu lassen, oder hat es auch einen handfesten Grund?“</p>



<p>„Das hat es“, sagte Inga, „wir wollen diesen elenden Wald zerstören und die Weisen des Gebeins besiegen. Da wir dafür aber zu wenige sind, müssen wir mit ihren Feinden paktieren: den Markverzehrern. Leider hassen diese Wesen jene mit Knochen wie die Pest. Besonders die Weisen des Gebeins, aber auch Menschen und uns Drix Tschatha. Deshalb brauchen wir jemanden, der mit ihnen in unserem Namen verhandelt.“</p>



<p>„Ich weiß nicht, ob dir das entgangen ist, aber ich bin ebenfalls eine stolze Besitzerin von Knochen“, sagte Lucy skeptisch.</p>



<p>„Das ist mir nicht entgangen. Aber du bist praktisch die Mutter der Maden. Du verstehst dich hervorragend mit ihnen und bist zu einem guten Teil selbst eine. Vielleicht akzeptieren sie dich da eher als uns“, brachte Inga vor.</p>



<p>„Das ist ein bemerkenswert beschissener Plan. Das weißt du, oder?“, sagte Lucy nüchtern und Inga zuckte innerlich zusammen. Auch weil sie die feindseligen Blicke der anderen Hexen spürte, die ohnehin schon an ihr zweifelten und nun weiter darin bestärkt wurden. Vor allem Anscha lächelte selbstgefällig, auch wenn sich die Hexe bislang auffallend still verhalten hatte.</p>



<p>„Er ist nicht ideal, aber es ist die einzige Option“, sagte Inga.</p>



<p>„Mag sein“, sagte Lucy, „aber dir ist schon bewusst, dass alles auf der hochspekulativen Annahme beruht, dass mich diese Markverzehrer nicht genauso auffressen wollen wie die Weisen des Gebeins? Und dieses Glücksspiel setzt du gegen die sichere Möglichkeit, meinen Vater zu retten? Und das alles nur, um die Pest mit der Cholera zu ersetzen, vermute ich? Oder handelt es sich bei diesen Markverzehrern um gütige und freundliche Kreaturen?“</p>



<p>„Nein“, sagte Inga bemüht selbstsicher, „deshalb wollen wir sie auch vernichten, sobald wir die Weisen aus dem Weg geschafft haben. Und dann werden wir ins Zentrum des Waldes vordringen und dieses Krebsgeschwür für alle Zeiten ausmerzen.“</p>



<p>„Ach, wenn’s sonst nichts ist! Wie wäre es noch gleich mit Weltfrieden und fliegenden Zauberschlössern?“, sagte Lucy höhnisch.</p>



<p>„Hör mal zu, Madenmädchen!“, meldete sich Myna zu Wort, „das hier ist weder ein Witz, noch ein Spiel. Der Knochenwald breitet sich aus. Er hat deine Welt bereits erreicht und auch wir, die letzten Beschützer der Menschlichkeit an diesem Ort, stehen am Ende unserer Kräfte. Wenn wir nichts tun, wird die gesamte Schöpfung verschlungen und in einen tyrannischen Albtraum überführt werden. Noch schlimmer als alles, was du dir vorstellen kannst. Ingas Plan mag fehlerhaft sein. Aber er ist das Beste, was wir haben, und er ist weit besser, als sich in den Staub zu legen und auf den Beginn der ewigen Knechtschaft zu warten.“</p>



<p>„Die Kleine da hat ja mehr Feuer als ihr alle zusammen!“, sagte Lucy lachend, „also gut, ihr habt mich fürs Erste überzeugt. Der Wald hat immerhin auch mein Leben ruiniert. Und ich hätte nichts dagegen, wenn es daheim wieder etwas friedlicher wird. Ich werde euch helfen. Aber damit das klar ist: Sobald sich ein Weg auftut, zurückzukehren und meinem Vater zu helfen, werde ich ihn nutzen, und wenn ich herausfinde, dass ihr ihn vor mir verbirgt, mache ich euch kalt.“</p>



<p>„Einverstanden“, sagte Inga.</p>



<p>„Gut“, sagte Lucy, „dann ist das geklärt. Was machen wir jetzt?“</p>



<p>„Zuerst müssen wir uns erholen“, sagte Areen fiebrig, „auch Drix Tschatha brauchen Schlaf.“</p>



<p>„So machen wir es, aber wir teilen Wachen ein“, sagte Inga mit einem mitleidigen Blick zu der verletzten Frau, „und wenn wir uns ausgeruht haben, brechen wir zur knöchernen Brücke auf.“</p>



<p>~o~</p>



<p>„Wenn es wahr ist, was du sagst, sind das große Neuigkeiten“, sagte Rixwanah und beugte sich vor. Ihre mächtigen Augen brannten vor Interesse, „diese Weißlichtung ist seit jeher ein Geschwür auf der Knochenhaut dieses wunderbaren Ortes. Wenn die Hexen sie selbst zerstört haben, kann uns das nur recht sein.“</p>



<p>„Das sehe ich genauso“, sagte Havon.</p>



<p>„Wie du es siehst, ist nicht von Bedeutung, Wurm“, sagte Dregnox und machte eine wegwerfende Bewegung mit seinen Knochenfingern, wobei sie wie eine von Geisterhand gespielte Klaviatur auf und ab tanzten, „aber zu deinem Glück sind die Nachrichten, die du bringst, es durchaus.“</p>



<p>„Und es stimmt wirklich, dass Davox fahnenflüchtig geworden ist?“, fragte Hinaraxes und wuchtete seinen übergroßen, schrägen Schädel in eine aufrechtere Position, „er ist ein Weichweltler und anmaßend, aber bisher wirkte er dennoch von unserer Sache überzeugt.“</p>



<p>„Oh ja“, sagte Havon, „ich behaupte nicht, dass er sich auf die Seite der Hexen geschlagen hat, aber er hat sich feige aus dem Staub gemacht.“</p>



<p>„Genau wie du“, erinnerte Dregnox abfällig.</p>



<p>„Jch habe lediglich abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Knochen in euren Diensten zu mehr taugen als im Bauch eines Hungerreißers“, erwiderte Havon.</p>



<p>„Nun, das wird sich noch zeigen“, sagte Rixwanah, „aber fürs Erste wollen wir das annehmen. Wichtig ist, dass wir die Drix Tschatha zur Strecke bringen und dieses Madenmädchen für welches sie ihr Refugium geopfert haben. Führe uns hin und hilf uns, sie auszuschalten, und wir vergessen nicht nur deine Verfehlungen, sondern erwägen sogar, dich für höhere Weihen vorzusehen, wenn dein Fleisch dafür bereit ist.“</p>



<p>„Das ist es“, sagte Havon, „schon längst. Ich gebiete ihm, so wie ihr mir gebietet.“</p>



<p>„Ist das so?“, fragte Dregnox streng, „ich hörte, dass du den fleischlichen Gelüsten nachtrauerst. Trifft dies zu?“</p>



<p>Verdammt, dachte Havon und fragte sich, wer diese Indiskretion weitergetragen hatte. Davox womöglich oder doch jemand anderes.</p>



<p>„Nur eine lästige Nachwirkung der Transformation“, gestand Havon, der ahnte, dass eine Lüge jetzt fatal gewesen wäre, „ein Phantomschmerz, der abgeklungen ist. Das Fleisch kann trügerisch sein, das wisst ihr selbst. Aber ich habe es überwunden. Endgültig!“</p>



<p>„Gut“, sagte Rixwanah nickend, „es scheint, dann lass uns dieses Ärgernis gemeinsam beenden und wenn wir Davox dabei treffen, soll ihm ähnliches widerfahren.“</p>



<p>„Bedenkt, dass dies eine Lüge sein kann“, erinnerte Hinaraxes und stützte seinen deformierten Kopf mit einer Skeletthand.</p>



<p>„Das ist mir bewusst“, sagte Rixwannah, „aber es hat wenig Bedeutung, solange er die Wahrheit spricht, was die Lichthexen betrifft. Falls er Davox hintergeht, so ist dies wünschenswert, ist Loyalität unter Dienern doch strikt abzulehnen. Außerdem ist es nicht schade um Davox. Wir müssen Neuankömmlinge aus der Weichwelt akzeptieren. Dort liegt unser Ursprung. Doch wir empfangen sie als Diener, die den Weg des Knochens Bein um Bein erklimmen, nicht als Gleichgestellte. So hätten wir es von Anfang an handhaben müssen. Aber sei&#8217;s drum: Es wird Zeit, neue Knochenschlangen zu erschaffen. Davox Gebeine sollen uns da gut dienen. Sein Bewusstsein hingegen braucht niemand.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Mit einer Mischung aus Verachtung und Wehmut blickte Davox auf das lagernde Grüppchen herab. Die Verachtung verwunderte ihn nicht. Dafür gab es eine Menge Gründe. Waren es doch Kreaturen des Fleisches, die nicht nur seine Feinde, sondern auch widerspenstig und lästig waren. Noch dazu so dumm, dass sie an diesem Ort, auf dem gefährlichen Boden des Knochenwaldes und nur mit einer einzigen Wache ruhten. Nein, die Verachtung war gut begründet. Aber die Wehmut war eine Last, die er verloren geglaubt hatte. Eine unerwartet süße Last, deren Reste sich irgendwo in seinem staubigen Herzen regten.</p>



<p>Für einen absurden Moment war er sprichwörtlich gesehen außer sich und nicht im Körper eines Weisen des Gebeins. Stattdessen sah er durch die Augen eines Teenagers, der sich genau solche Szenen vor seinem geistigen Auge imaginiert hatte, während er mit Chips, Cola und Keksen vom Discounter mit seinen Freunden und seinem Bruder Geschichten gesponnen, Werte auf Papierbögen geschrieben und die Würfel wie Boten des Schicksals über einen viel zu kleinen Tisch geschickt hatte.</p>



<p>Ja, an solche Szenen wie diese hatten sie gedacht. Eine Gruppe von Abenteurern und Magiern. Mystisch und heldenhaft, an einem finsteren Ort und auf dem Weg, dem Bösen zu trotzen. Für einen Moment identifizierte er sich mit dieser Gruppe unter ihm. Er war nicht dort oben auf dem Baum, sondern saß irgendwo zwischen den Hexen und Lucy, die alle schliefen, bis auf Inga. Seine Prinzessin aus früheren Tagen. Er hätte bei ihnen sein können. Als Krieger für das Gute. Stattdessen war er Teil jener Kraft, die sie bekämpften.</p>



<p>„Ich werde schwach“, dachte er hart, zwang seinen Geist zurück und versuchte, dieses seltsame Gefühl im Keim zu ersticken, „sie sind keine Helden und ich nicht das Böse. So etwas wie das Böse gibt es ohnehin nicht und wenn es das gäbe, dann wäre es der Urzustand der Schöpfung, wie der Knochenwald beweist. Er wäre das Natürlichste, sich dem hinzugeben und nicht den unterlegenen, schwachen weißen Göttern. Und selbst, wenn darin ein Wert läge, für ihre Sache zu kämpfen, so wäre es dafür längst zu spät. Ich habe alles verloren, was mich mit ihnen verbindet. Und nichts trennt uns so sehr wie meine Taten. Es hat keinen Sinn, mit ihnen zu sympathisieren. Nicht den geringsten.“</p>



<p>All diese Argumente schüttete er auf seine Wehmut, seine Zweifel, seine seltsamen Gefühle, wie einen Sturzbach auf glimmende Asche. Doch war es wirklich Wasser, das er ausschüttete. Oder nicht eher Öl?</p>



<p>„Innenschau ist das Hobby der Schwachen“, schalt er sich, „wer stark ist, handelt einfach.“</p>



<p>Und doch, bei aller Macht, die er über die Knochen hatte, so konnte er doch das, was in seinem Schädel passierte, nicht kontrollieren. Sein Gehirn war letztlich eine schwache und leider doch unverzichtbare Weichmasse, die ihre eigenen Spielchen spielte. Er fragte sich, ob die anderen Weisen sich ebenso mit den Geistern ihrer menschlichen Vergangenheit plagten und sie lediglich …</p>



<p>„Nein!“, gemahnte er sich einmal mehr zur Disziplin und schlug sich leise, aber bestimmt gegen die Schädeldecke, „wenn du unbedingt denken musst, du nutzloser Zellhaufen, dann denk verdammt nochmal über etwas Praktisches nach. Zum Beispiel darüber, wie ich über diese Hexen triumphieren kann.“</p>



<p>Das half ein wenig. Die anderen als Ziele und Hindernisse zu sehen und nicht als Personen, half sogar ungemein. Zumal er die Wartezeit im Baum bislang nicht tatenlos verbracht hatte. Er hatte immer wieder geübt. Eine Tätigkeit, der er seit seiner Ankunft im Knochenwald viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch es gelang ihm mittlerweile immer besser, den Knochen nach seinem Willen zu formen. Sicher kam ihm dabei auch seine Macht entgegen. Er hatte sich auf kleine Verästelungen des Baumes konzentriert und diese zu Mustern und Symbolen verändert.</p>



<p>Ziemlich lächerlich im Vergleich zu dem, was er bereits vollbracht hatte, aber mit dem großen Vorteil, dass es reproduzierbar und vollständig kontrollierbar war. Und wenn er so etwas beherrschte &#8230; nun, es brauchte nur eine Wunde. Eine einzige Wunde, die tief genug reichte, um auch ihre Knochen tanzen zu lassen. Eine verbogene Rippe konnte viel Schaden anrichten und selbst ein gebrochener Finger konnte Zauber stören und kampfunfähig machen. Trotzdem war Davox nicht dumm. Er wusste durchaus, dass er sie nicht alle würde überwältigen können oder müssen. Er musste sie trennen. Irgendwie. Einzeln ließen sie sich besser bekämpfen. Und vielleicht konnte er auch eine Geisel nehmen und den Rest dazu bringen, ihm ins Lager des Kults zu folgen, wo Verwendung oder Transformation auf sie warteten. Das würde die anderen Weisen womöglich gnädig stimmen.</p>



<p>Man könnte sie ausrotten, aber man müsste es auch nicht. Wäre es nicht ein viel vollständigerer Triumph über diese anmaßenden Störenfriede, sie zu konvertieren, als sie nur zu töten? Ja, wenn er ehrlich war, glaubte er, dass es vielleicht sogar die einzige Möglichkeit wäre, die Geister seiner Vergangenheit zu vertreiben. Er könnte sie alle in seine Sklaven verwandeln. Korruption statt Destruktion war die Devise. Ständige Diener, mächtig auf ihre Weise, aber stets schwächer als er. Darauf würde er achten. Er würde ihnen die höheren Weihen einfach verwehren. Inga wäre dabei nach wie vor sein bevorzugtes Opfer. Die Vorstellung, sie zu einer Weisen und zu seiner Sklavin machen zu können, ließ ihn nicht los. Auch ein Knochenzombie wäre denkbar. Zwar wurden diese im Knochenwald selbst nur selten erschaffen, aber Professor Wingert wartete noch immer geduldig im Lager. Allerdings wäre das nur eine Notlösung, waren diese Kreaturen doch ein erbärmlicher Anblick. Aber dennoch wäre es eine Option.</p>



<p>Er spürte, wie diese Gedanken, die sein früheres Selbst sicher als verdreht und pervers betrachtet hätte, einen Teil dieser seltsamen Emotionen wegwuschen wie konzentrierte Natronlauge ein nerviges Unkraut. Die Wurzel mochte er damit nicht erreichen, aber dieses Pflänzchen verdorren und verkümmern zu sehen, genügte ihm fürs Erste.</p>



<p>Aber er musste dennoch praktisch denken. Inga wirkte recht wachsam und Lucy und ihre Schneidmade schienen zwar zu schlafen, aber das musste nichts heißen. Doch vielleicht konnte er sich etwas anderes einfallen lassen. Er dachte fieberhaft nach. Doch die rettende Idee kam ihm. Während er gedankenverloren weitere kleine Knochenzweige zu einer perfekten Schleife verdrehte und sich dabei eine kleine Staubwolke aus verhärteten Knochenfragmenten löste. Ja, dachte er zufrieden. Das könnte funktionieren.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Ehrlich gesagt habe ich mir nie vorstellen können, jemals etwas so Absurdes zu erleben“, sagte Inga flüsternd, während sie abwechselnd in die schwarzweiße Nacht und auf ihre geschrumpfte Freundin in ihrer Handfläche starrte und sich an ihrem rechten Arm kratzte. Dort hatte sie etwas gespürt, fast wie einen Stich. Wahrscheinlich hatte sie sich auf irgendeinem spitzen Knochen abgestützt.</p>



<p>„Nur weil ich kleine Ohren habe, brauchst du nicht so leise zu sprechen“, scherzte Myna.</p>



<p>„Ich spreche so leise, damit ich die anderen nicht … das weißt du eigentlich, oder?“, fragte Inga.</p>



<p>„Ja, das weiß ich natürlich“, sagte Myna grinsend, auch wenn Inga Schwierigkeiten hatte, dieses Grinsen zu erkennen, „ich versuche, das hier nur mit Humor zu nehmen.“</p>



<p>„Wahrscheinlich eine schlaue Strategie“, sagte Inga mitfühlend, „eigentlich ist es ziemlich übel. Ich kann mir kaum vorstellen, wie entwürdigend das sein muss.“</p>



<p>„Es geht“, sagte Myna, „mein Ego war mein Leben lang wohl eh schon zu groß. Vielleicht ist das eine Art ausgleichende Gerechtigkeit dafür. Aber es ist gar nicht so schlimm. Das Schlimmste ist wohl, dass ich zu klein bin, um dich zu küssen.“</p>



<p>„Du könntest stattdessen in meinen Mund klettern“, schlug Inga vor und grinste nun ebenfalls.</p>



<p>„Nein, Danke“, sagte Myna, „du könntest mich verschlucken oder aus Langeweile an mir herumkauen.“</p>



<p>„Eher würde ich mir meine eigene Zunge abbeißen“, sagte Inga.</p>



<p>„Lass das mal schön, man weiß nie, wofür man die noch brauchen kann“, erwiderte Myna anzüglich und räkelte sich lasziv auf Ingas Handfläche, wurde dann aber plötzlich doch sehr ernst.</p>



<p>„Was ist los?“, fragte Inga, der der Stimmungswechsel nicht entging.</p>



<p>„Ich bin es nicht gewohnt, mich verletzlich zu fühlen“, sagt Myna nachdenklich, „das … das ist ein eigenartiges Gefühl. Ich war immer stark. Nur deshalb lebe ich noch. Dieser Ort verzeiht keine Schwäche.“</p>



<p>„Dann muss ich für uns beide stark sein“, meinte Inga aufmunternd und strich Myna vorsichtig mit ihrem Zeigefinger, „ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht.“</p>



<p>„Nichts für ungut, Inga“, antwortete Myna, „aber du bringst gerade genug Stärke auf, um dich zu beschützen.“</p>



<p>„Was soll das denn heißen?“, fragte Inga erbost, „meinst du etwa, ich wäre ein Schwächling? Oder ein naives Püppchen?“</p>



<p>„So meine ich das nicht“, beeilte sich Myna zu sagen, „aber du hast ein zu weiches und großes Herz an einem Ort, wo alle Herzen hart wie Knochen sind.“</p>



<p>„Täusche dich da mal nicht …“, begann Inga, „wenn du auch nur ahnen würdest, was ich &#8230;“</p>



<p>„Hast du das auch gehört?“, fragte Myna.</p>



<p>„Nein“, gestand Inga, „aber ich schätze, nichts Gutes beginnt je mit diesem Satz, oder?“</p>



<p>„Für gewöhnlich nicht“, sagte Inga jetzt auch flüsternd und wies zu ihrem Lager hin. „Dort hinten“, sagte sie, „da kam es her.“</p>



<p>Inga suchte die Umgebung vor sich ein letztes Mal ab, um keine Überraschungen zu erleben. Dann wandte sie sich langsam in die Richtung, in die Myna gezeigt hatte, und hörte das Geräusch erneut. Es war ein leises Ächzen und Knarren. Verdammt schwer zu hören, wenn man nicht wusste, wonach man Ausschau halten sollte. Und es kam von einer der schlafenden Hexen. Von der verletzten Areen, um genau zu sein.</p>



<p>„Sicher Schmerzen wegen ihrer Verletzung“, beruhigte Inga Myna und entspannte sich auch selbst ein wenig, „die Arme wird die Nacht womöglich nicht überstehen.“</p>



<p>Dieses Wissen schmerzte auch sie. Aber es gab nichts, was sie tun konnte, außer sich selbst zu opfern und dazu war sie nicht bereit. Noch immer nicht.</p>



<p>„Glaub mir, ich kenne Schmerzenslaute in allen Formen. Aber dieser hier ist ein ganz besonderer“, sagte Myna, „und zuvor hatte sie ihn nicht von sich gegeben.“</p>



<p>„Okay, wir sehen nach“, sagte Inga und trat ein paar Schritte näher. Die restlichen Hexen schienen tief und fest zu schlummern und auch Lucy schlief seelenruhig mit ihrer Made Polly in den kindlichen Armen.</p>



<p>Während sich Inga, mit Myna in ihrer Hand, ihrer verletzten Gefährtin näherte, wuchs ihre Beunruhigung zusehends. Der verletzte Brustkorb der Frau stand offen. Nicht nur ein Stück, wie zuvor, sondern extrem weit. Und darin, tief im Chaos aus Blut, Eiter und zerfetzten Muskeln bewegte sich etwas. Nicht irgendetwas, nein, sondern der Knochen. Die Enden ihrer Rippen bogen und drehten sich, stachen durch die Organe der Frau und schraubten sich ineinander wie ein Bündel verdrehter Kabel bis …</p>



<p>„Pass auf!“, rief Myna, während sich die Rippenenden als feine aber lange Knochenpeitschen aus der entweder toten oder paralysierten Frau herauswanden und sich direkt auf Inga zubewegten.</p>



<p>Inga reagierte gerade noch rechtzeitig, sprang zur Seite, entging den Angriffen und schaffte es gerade noch zu verhindern, dass ihr Fuß so schlimm umknickte, dass sie der Schmerz außer Gefecht setzte.</p>



<p>„Hilfe, wir brauchen Hilfe!“, rief sie, um die anderen zu alarmieren. Jedoch konnte sie nicht darauf achtgeben ob sie sie auch hörten, denn schon wieder griff sie mehrere der Rippenbögen von verschiedenen Seiten an und sie entging ihm nur durch einen schnellen Sprint. Gleichzeitig überlegte sie fieberhaft, wie sie sich gegen dieses Monstrum wehren konnte, in das sich Areen verwandelt hatte. Ihre Hexenkräfte waren praktisch nutzlos. Wenn sie sie einsetzen würde, würde sie augenblich zu schwach und alt werden, um noch für irgendwen von Nutzen zu sein. Das traf leider auf sie alle zu. Aber vielleicht könnte Lucy ….</p>



<p>„Hey!“, schrie sie so laut sie konnte, „Lucy, Anscha, Alvira, Ranika, hört ihr uns nicht? Wir brauchen eure Unterstützung, schnell!“</p>



<p>„Ich glaube, sie hören dich wirklich nicht“, sagte Myna, „sie sind entweder tot oder bewusstlos.“</p>



<p>Mit einem kurzen Blick stellte Inga fest, dass das wohl stimmen musste. Keiner ihrer Gefährten regte sich. Obwohl es unmöglich war, dass sie den Krach nicht gehört hatten.</p>



<p>„Das kann nicht sein!“, sagte Inga dennoch und hechtete hinter einen Knochenbaum als die Knochenpeitschen erneut auf ihr Herz zielten und stattdessen mitten in den breiten Stamm stachen von dem in alle Richtungen große Splitter abbrachen.</p>



<p>Irgendwo in der Nähe hörte sie weitere Stämme splittern. Offenbar hatte der Knochen sich noch weiter aufgeteilt geteilt und schien nun praktisch überall zu sein. Trotzdem erfolgte aber kein weiterer Angriff. Weder versuchten die Peitschen ernsthaft durch den Baum zu brechen, noch ihn zu umgehen und sie auf anderen Wegen zu erreichen. Anscheinend war ihre Reichweite begrenzt. Das war beruhigend und doch half ihr die Erkenntnis nicht viel. Schon der bloße Versuch einer Rückkehr wäre reiner Selbstmord.</p>



<p>„Die Realität schert sich einen Madendreck um deine Wunschvorstellungen“, sagte Myna in ihrer Hand, „also finde dich damit ab und schau, dass du überlebst. Dass WIR überleben.“</p>



<p>„Ich versuch es ja“, sagte Inga, „aber das ist leichter gesagt als getan.“</p>



<p>„Pass auf! Hinter dir, eine Schneidmade!“, warnte Myna vor einer erneuten Gefahr. Aber diesmal hatte Inga bereits vor ihr den dunklen Schatten bemerkt, der von hinten auf sie zusprang.</p>



<p>Inga entschied sich nun instinktiv doch, einen Zauber einzusetzen. Und sei es nur, um Myna zu retten. Vielleicht konnte sie ebenfalls das Altern vermeiden und so klein werden wie sie. Vielleicht könnten sie gemeinsam ein neues Volk von Knochenbaumfeen gründen oder sowas in der Art, dachte sie in einer seltsamen Mischung aus Bitterkeit und Heiterkeit.</p>



<p>Doch als sie der herannahenden Schneidmade kampfbereit ins „Gesicht“ blickte, brachte sie irgendetwas dazu, ihren Zauber im letzten Augenblick zu unterbrechen. Vielleicht war es die Flugbahn, die nicht auf sie zu, sondern eher neben sie führte, aber wahrscheinlich war es eher ein plötzliches Erkennen.</p>



<p>„Das ist Lucys Schneidmade“, sagte Inga.</p>



<p>„Wie willst du das wissen? Und selbst wenn, Made ist Made“, sagte Myna, „da heißt es kämpfen oder wegrennen.“</p>



<p>Doch Inga kämpfte und rannte nicht. Stattdessen sah sie zu der Schneidmade, die neben ihnen gelandet war und sie aus ihren kleinen Knopfaugen ansah. Sie wusste, dass diese Wesen üble Killer waren. Aber diese hier schien anders zu sein. Das erkannte sie schon daran, dass sie sie nicht angriff. Stattdessen kam sie näher, hob den Kopf und machte ein seltsames, klickendes Geräusch mit ihrem kreisrunden Mund.</p>



<p>„Erstaunlich“, gab Myna zu, auch wenn sie den Eindruck hatte, dass die Made sie weitaus weniger freundlich betrachtete, „das klingt fast wie eine Aufforderung.“</p>



<p>„Vielleicht bittet sie dich, ihre Herrin zu retten“, überlegte Inga.</p>



<p>„Das glaube ich kaum“, sagte Myna, „die ist wahrscheinlich tot. Vielleicht bist du jetzt ihre neue Herrin. Auch wenn ich so etwas bei Schneidmaden noch nie erlebt habe. Selbst die Weisen können sie nicht immer kontrollieren und ohne starke Magie sollte das überhaupt nicht möglich sein.“</p>



<p>„Das ist egal“, sagte Inga und spürte plötzlich, dass ihr alles zu viel wurde, „wir … sind am Arsch … sie dürfen nicht tot sein … aber du hast recht … sie sind es wohl … und wir sind hier in der Höllle. IN DER VERDAMMTEN HÖLLE!“</p>



<p>„Hey, reg dich ab, Liebes“, sagte Myna sanft, „du hyperventilierst schon. Und rumheulen bringt auch rein gar nichts, wenn … Inga, INGA?!“</p>



<p>Mynas Aufregung kam nicht von ungefähr. Denn Myna hatte aufgehört zu hyperventilieren und wirkte mit einem Mal geradezu gespenstisch ruhig.</p>



<p>„Ein seltsamer Ort“, sagte sie mit einer dunklen, männlich erscheinenden Stimme, „wie bin ich hierhergekommen? Ich meine, Jackson hat von den Wundern dieses Dschungels und den darin lebenden Insekten und Pflanzen gesprochen, aber das hier übersteigt meine Vorstellungskraft bei Weiten. Doch das gilt auch für seinen Verrat. Er muss mich betäubt haben, damit er diese einzigartigen Spezies zuerst bestaunen kann. Oder aber diese Bäume haben amnesiefördernde, psychedelische Eigenschaften. Wie dem auch sei. Ich muss sie untersuchen. Um Jackson kann ich mich immer noch kümmern, wenn ich erst &#8230;“</p>



<p>Inga oder wer auch immer sie jetzt war, sah auf ihre Hand, als sie dort ein Kitzeln spürte. „Donnerwetter“, sagte sie, „dies ist ja … nein, ein Insekt ist es nicht … ist das … ein Mensch? Eine Fee … ein … ein Zeichen Gottes oder des Leibhaftigen?“</p>



<p>„Alles in Ordnung mit dir, Inga?“, fragte Myna beunruhigt.</p>



<p>„Es kann sprechen. Ja, das ist eindeutig Kommunikation. Noch dazu in meiner Sprache. Ist dies vielleicht doch ein Fiebertraum …“, überlegte der Unbekannte.</p>



<p>„Blaue Glasbeeren“, flüsterte Myna zu sich selbst. Das hätte ihr direkt klar sein müssen. Spätestens bei Ingas seltsamen Verhalten im letzten Kampf mit den Weisen. Das war übel. Sie hoffte nur, dass der Anfall nicht allzu lange anhielt und dass dies nicht die Seele eines Arschlochs oder ausgemachten Dummkopfs war. Sie beschloss, es auszuprobieren.</p>



<p>„Das hier ist kein Traum“, erklärte sie, „es ist eine andere Existenzebene.“</p>



<p>„Ein erlesener Wortschatz, fürwahr“, sagte der Fremde nicht als Antwort, sondern zu sich selbst, „wenn ich dieses Geschöpf der Sozietät übergebe, werde ich berühmt werden.“</p>



<p>„Ein Arschloch“, seufzte Myna leise. Aber das war keine Katastrophe. Sie war selber eines.</p>



<p>„Wenn Sie hier sterben, werden Sie gar nichts übergeben. Weder mich, noch genügend von Ihrer Leiche, um auch nur Ihre Identität festzustellen. Dies ist ein gefährlicher Ort und ich kenne ihn gut. Hören Sie mir also besser zu, wenn Sie überleben wollen“, sagte Myna entschlossen.</p>



<p>Irgendwie schien es ihr gelungen zu sein, zu dem Mann, der sich in Inga versteckte, durchzudringen, denn zum ersten Mal sah er sie wie so etwas Ähnliches wie eine Person an.</p>



<p>„Wohlan“, sagte er und räusperte sich, „so will ich erstmal davon ausgehen, dass dies hier kein Fiebertraum oder dergleichen ist. Nur als Hypothese. Aber wenn dem nicht so ist, wie kommen Sie dann in meine Hand und was sind Sie?“</p>



<p>„Keine Fee und es ist nicht Ihre Hand“, sagte Myna, „schauen Sie sie sich genau an!“</p>



<p>Der Mann, tat wie geheißen, und begann zu stottern. „Frauenhände. Aber wie ist das möglich … welche Zaubermacht kann …“</p>



<p>„Zaubermacht vermag so einiges“, sagte Myna, „glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich war zum Beispiel auch nicht immer so klein. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie die Lage verstehen, und ich hoffe, dass Ihr Geist offen genug ist, sie zu verstehen. Sie sind ein Mann der Wissenschaft, wenn ich Ihre Worte recht verstehe. Ein Forscher. Also verschließen Sie Ihren Geist nicht und hören Sie sich an, was ich zu sagen habe. In Ordnung?“</p>



<p>Myna hoffte, dass er Einsicht zeigen würde. Für einen Mann aus einer anderen Zeit, der mit all den Wundern und Schrecken des Knochenwalds konfrontiert wurde, hielt er sich gut. Aber das konnte sich ändern. Bislang hielt sich die Made zum Glück dezent im Hintergrund, aber das musste nicht so bleiben. Wenn er sie jetzt bemerken würde, würde ihn das vielleicht endgültig überfordern und er würde blindlings mit Ingas Körper durch den Wald rennen.</p>



<p>Der Mann antwortete nicht direkt. Er sah sich die Umgebung an. Die Knochenbäume, den mit Knochen und Staub bedeckten Untergrund. Die schwarze Sonne, die in der Nacht genauso präsent, aber ein bisschen weniger gut zu erkennen war, was nichts daran änderte, dass sie unablässig Zuversicht und Hoffnung aller unter ihr wandelnden Geschöpfe abtrug wie Sonnenwinde die Atmosphäre eines Planeten mit schwachem Magnetfeld.</p>



<p>„In Ordnung“, sagte er, „erzähle deine Geschichte. Sir Frederick Prowell wird lauschen.“</p>



<p>„Wunderbar, dann wird Myna von den Drix Tschatha erzählen“, sagte sie ähnlich geschwollen. Was für ein Fatzke. Solche wie ihn hätte sie in ihrer wilden Zeit ohne Reue genossen und verzehrt.</p>



<p>Bevor Myna begann zu sprechen, sah sie sich ihrerseits kurz um. Der Wald war still. Was oder wer auch immer sie von den anderen getrennt hatte, schien die Verfolgung aufgegeben zu haben. Entweder wartete es geduldig auf ihre Rückkehr oder es hatte erreicht, was es bezwecken wollte.</p>



<p>Sie wusste selbst nicht, wie es jetzt weitergehen sollte. Wobei … eigentlich wusste sie es schon. Sie musste die anderen retten oder es zumindest versuchen. Sie waren nicht wirklich Freundinnen. Nicht im eigentlichen Sinne. Dafür waren sie zu zynisch und verbittert. Lediglich Trinja hätte man als solche bezeichnen können.<br><br></p>



<p>Aber dennoch waren sie und diese Frauen seit langem eine Schicksalsgemeinschaft und sie waren alles an Heimat, was sie an diesem verfluchten Ort hatte. Außerdem hatte sie noch immer die schwache, schwindende Hoffnung, dass sie diesen Wald irgendwie zerstören könnten. Dann hätte ihre lange Existenz wenigstens irgendeinen Sinn gehabt, selbst wenn diese Existenz dadurch enden sollte. Aber wenn sie irgendetwas zur Rettung der anderen versuchen wollte, brauchte sie eine Inga, die bei Verstand und körperlich unversehrt war. Und deshalb musste sie verhindern, dass dieser Typ mit ihrem Körper Blödsinn anstellte, bis er ihn endlich wieder verließ.</p>



<p>„Zunächst einmal sind Sie tot“, begann Myna schließlich zu sprechen, als sie bemerkte, dass Ingas von Sir Frederick besetztes Gesicht Ungeduld ob ihres Schweigens zeigte. Diese Ungeduld verwandelte sich sofort in Skepsis, als er mit dieser Information konfrontiert wurde.</p>



<p>„Genauer gesagt, zumindest Ihr Körper ist es“, präzisierte sie, „er ist an diesem Ort gestorben. Wenn auch wahrscheinlich an einer anderen Stelle. Erinnern Sie sich an Ranken? An spitze, stechende Schmerzen im Fuß oder im Oberschenkel?“</p>



<p>„In der Tat“, sagte der Mann überrascht, „da war tatsächlich etwas. Ich hielt es für eine Wurzel oder die Dornen einer Pflanze. Das war kurz, bevor ich in Ohnmacht fiel.“</p>



<p>„Oh, es war eine Pflanze“, sagte Myna, „eine ganz besondere. Sie hat Sie leer gesaugt und Ihren Geist in eine ihrer Beeren eingeschlossen. Seien Sie froh, dass Sie sich nicht daran erinnern. Es ist wohl das Schrecklichste, was ein Mensch erleben kann.“</p>



<p>Myna vermutete, dass das Leid ihrer Dron Athor noch größer war, aber sie hielt es für klüger, diese Information für sich zu behalten. Das Wissen, dass sie eine männermordende Hexe war, wäre sicher einer Verständigung nicht zuträglich.</p>



<p>„Das ist ….“, sagte der Mann überfordert, „das … es gibt Schilderungen von Herrschaften, die derartiges im Opiumwahn fantasierten, aber … es tut mir leid … es.“</p>



<p>„Es ist nicht leicht zu verstehen, aber dennoch wahr“, sagte Myna mit mehr Mitgefühl, als sie es eigentlich empfand, denn sie fürchtete wohl nicht ohne Grund, dass sie ihn verlieren könnte und damit Inga. Aber schließlich schien er sich wieder etwas zu sammeln.</p>



<p>„Gut“, sagte er, „aber wenn ich in dieser Beere war und jetzt hier, wie bin ich dann …“</p>



<p>Noch bevor sie ihm die offensichtliche Antwort vorkauen musste, kam er selbst darauf, „… hat sie etwa … hat sie mich verspeist …. Ihre Freundin?“</p>



<p>Myna nickte, „so ist es. Sie und womöglich auch weitere. Sie teilen sich einen Körper.“</p>



<p>Der Mann sah wieder auf seine Hände. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. „Heißt das, ich … ich … ich werde nie zu Lady Milinda zurückkehren. Nie zu meinen Studenten … ich …“</p>



<p>„Nein, leider nicht“, sagte Myna, „selbst dann nicht, wenn Sie noch Ihren Körper hätten. Sie sind längst tot. Hier an diesem Ort geben wir nicht viel auf Zeit, aber meine Freundin stammt aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, soweit ich weiß.“</p>



<p>„Was … aber dann … also bin ich einsam, verlassen und ein Gefangener“, sagte er und ballte die Hand, in der Myna nicht saß, zur Faust, „oder ein Träumer.“</p>



<p>„Auch dann wären Sie ein Gefangener“, sagte Myna offen, „denn aus diesem Traum gibt es kein Erwachen. Doch einsam sind sie immerhin nicht.“</p>



<p>Sie merkte, dass der Verstand und die Fassung des Mannes wankten. Aber sie brachen nicht. Er mochte eingebildet sein, aber er besaß eine gewisse innere Stärke, das musste man ihm lassen.</p>



<p>„Wie lang kann ich diesen Körper noch kontrollieren?“, fragte er und bewies so, dass er das Konzept erstaunlich schnell begriff, „und was geschieht mit mir, wenn ich die Kontrolle wieder verliere? Werde ich es überhaupt bemerken?“</p>



<p>„Das weiß niemand“, sagte Myna, „nicht einmal meine Freundin Inga wahrscheinlich. Aber ihr Körper ist jetzt auch Ihr Zuhause, egal ob es ihr, Ihnen oder mir gefällt, also sollten Sie dabei helfen, ihn zu schützen.“</p>



<p>„Gut“, sagte der Mann, „was kann ich tun?“</p>



<p>„Am Leben bleiben und auf mich hören“, sagte Myna, „und sich von diesem Ort hier entfernen. Aber vorher sollten Sie noch unsere Begleiterin kennenlernen. Sie befindet sich direkt hinter Ihnen, aber erschrecken Sie sich nicht, wenn Sie sie sehen. Sie ist nicht gerade ansehnlich. Aber harmlos. Glaube ich zumindest.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Davox war durchaus beeindruckt von sich selbst. Er hätte sich nie träumen lassen, dass er die Künste der Knochen so schnell würde meistern können. Aber was ihm an Technik und Erfahrung fehlte, schien er schon durch ein wenig Übung und Potenzial ausgleichen zu können. Und durch Schläue. Die verletzte Hexe als Einfallstor in das kleine Lager zu nutzen, war ein guter Einfall gewesen. Vor allem auch, da es ihn nicht direkt verriet und ihr Knochenstaub ein gutes Medium war, um die Nerven der Hexen zu manipulieren. Er wusste nicht genau, wie es funktionierte. Es war mehr ein Gefühl, eine Intuition als eine Wissenschaft.</p>



<p>Was Davox aber wusste, war, dass er sie inzwischen wahrscheinlich alle einfach hätte töten können. Aber welchen Sinn hätte das gehabt? So würde er den übrigens Weisen nie beweisen können, dass er es war, der das vollbracht hatte. Er musste sie zuerst ins Lager bringen, wo er sie manipulieren und versklaven konnte. Immerhin war es das, wofür die Weisen des Gebeins und auch der Gefühllose Gott in erster Linie standen: Unterwerfung, nicht Vernichtung. Und der beste Hebel dafür war der Zusammenhalt dieser Hexen. Davox war nicht dumm, er wusste, dass sie nicht so verweichlicht waren wie die Menschen in seiner alten Heimat. Aber dennoch spürte er eine Verbindung zwischen ihnen, die man nutzen konnte, wie eine Angelschnur, die man an einen Köder band.</p>



<p>Am liebsten hätte er den Knochenstaub dafür verwendet, die Hexen wie eine folgsame Entenfamilie hinter sich herzuführen, aber dafür reichte seine Kunst noch nicht aus. Er spürte, dass er selbst die Lähmung, mit der er die Gruppe in Schach hielt, nicht mehr lange würde aufrechterhalten können. Sogar seine Macht hatte Grenzen. Noch.</p>



<p>Er würde sich bald davonschleichen und Inga folgen müssen, um sicherzustellen, dass sie auch ihren Bestimmungsort erreichen würde. Die Lähmung der anderen sollte dann auch noch eine Weile ohne seinen Einfluss anhalten. Inga würde bis dahin zwar schon weitergezogen sein, aber sie zu finden, sollte nicht schwer werden. Nicht mit dem Knochenstaub, der auch in ihre Lungen gelangt war. Und wenn sie sich unwillig zeigte … nun, für eine Person sollten seine Kräfte noch genügen.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Du hattest recht“, sagte Duality zu Lucy, „es ist ein Mann in diesem Baum. Oder eher ein Skelett. KUSCHEL MICH. Und er scheint irgendetwas mit euch gemacht zu haben. Eine Art Magie.“</p>



<p>Lucy war erleichtert, dass die monochrome Puppe nicht nur bei ihr war, sondern auch durch die Schatten dieser eigenartigen Welt reisen konnte. Das war aber nur ein schwacher Trost dafür, dass Polly sie verlassen hatte und dass sie sich nach wie vor nicht bewegen konnte. Tröstender war da schon, dass sie noch lebte. Aus irgendeinem Grund hatte das Skelett in der Baumkrone, bei dem es sich nur um einen Weisen des Gebeins handeln konnte, ihr aller Leben verschont, wenn man einmal von der grotesken Umformung der Knochen dieser ohnehin tödlich verletzten Hexe absah. Aber warum? Hatte er vor, sie zu foltern oder als Opfergabe darzubringen? Oder hatte es irgendetwas mit Inga zu tun, die neben Polly als einzige verschwunden war? Ersteres zumindest war bereits Realität, denn diese erzwungene Untätigkeit war für Lucy schon Folter genug.</p>



<p>„Kannst du ihn angreifen?“, fragte Lucy.</p>



<p>„Ja“, sagte Duality, „aber allein würde ich verlieren. SEI FÜR MICH DA. Das ist ein hässliches und mächtiges Ding, dort oben. Wir bräuchten die vereinten Kräfte von uns allen. ICH BIN FLAUSCHIG. Von meinen Freunden und von deinen.“</p>



<p>„Die Hexen sind nicht meine Freundinnen“, dachte Lucy.</p>



<p>„Aber diese Inga ist es. Leugne es nicht, ich bin in dir und kann dich lesen. ICH MÖCHTE SPIELEN. Dir liegt etwas an ihr. Das weiß ich genau“, sagte Duality.</p>



<p>„Das stimmt wohl“, gestand Lucy, „nicht so viel wie an meinen Eltern oder an Polly. Aber egal ist sie mir auch nicht. Doch helfen kann ich ihr ohnehin nicht, wenn du den Weisen des Gebeins nicht bezwingen kannst.“</p>



<p>„Das kannst du bald. ICH BIN SO SÜSS“, sagte Duality, „gibt zwei Möglichkeiten, oh ja. Du kannst noch schneller zum Schatten werden. Leicht werden, dünn werden. Oder du kannst abwarten. Die Kräfte dieser Kreatur sind stark beansprucht. Sie wird schwächer. Nicht wirklich schwach, aber zu schwach, um euch zu fesseln.“</p>



<p>„Dann warte ich einfach ab“, sagte Lucy, „ich hänge an meiner Dreidimensionalität“</p>



<p>„Mehr als sie an dir vielleicht“, hauchte Duality körperlos in Lucys Ohr. Und die verlangende Vorfreude in ihren Worten ließ Lucy erschaudern.</p>



<p>~o~</p>



<p>„Bleib mir vom Leib, Kreatur“, sagte Sir Frederick angewidert, als die Made ein weiteres Mal zu ihm aufschloss.</p>



<p>„Ich glaube, sie mag es nicht, wenn wir ihr Befehle erteilen“, stellte Myna fest, „außerdem sind Sie doch Insektenforscher oder etwa nicht? Da sollte ihnen eine Made doch keine Angst einjagen.“</p>



<p>„Ich bin Biologe, um genau zu sein“, präzisierte Sir Frederick, „ich erforsche auch Insekten, aber mein Interesse an diesen Geschöpfen ist rein fachlicher Natur. Ich habe wenig Liebe für sie übrig. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Tiere. Vögel, Hunde, Gazellen, Fische – alles wunderbar. Doch diese Arten … nun, sie entsprechen nicht meinem Anspruch an Ästhetik. Ähnlich wie dieser Wald aus …“</p>



<p>„… Knochen“, erinnerte Myna.</p>



<p>„Wie ekelhaft. Wie wundersam. Und welch Ironie“, sinnierte Sir Frederick, „da war ich mein ganzes Leben lang bemüht, mir einen Namen zu machen, und nun, wo ich des Todes bin und in einem Weibsbild feststecke, werde ich Dinge gewahr, wie sie niemand auch nur zu beschreiben wusste. Ich frage mich, ob Jackson ebenfalls hier gelandet ist. Wer ihn wohl verspeist haben mag?“</p>



<p>„Nicht jeder hier wird von Menschen verspeist“, sagte Myna vieldeutig.</p>



<p>„Das glaube ich gern“, sagte Sir Frederick und schien zwischen Neugier und Angst zu schwanken.</p>



<p>„All diese Gefahren“, sagte er laut, aber doch so, als würde er mit sich selbst sprechen, „und dennoch keine Aussicht auf Ruhm. Gäbe es doch nur einen Weg, diesen Körper dauerhaft zu besetzen, die anderen Geister zu töten und einen Weg nach Hause zu finden. Für meinen körperlichen Zustand kann ich wohl Erklärungen geben. Immerhin weiß ich Dinge, die nur Sir Frederick Powell wissen kann. Und wenn man mir glauben würde, wäre es eine Sensation.“</p>



<p>„Ist es Dummheit oder nur Arroganz, dass Sie diesen Verrat offen vor mir ausbreiten?“, fragte Myna scharf und wünschte sich nichts sehnlicher als ihre magische Macht zurück.</p>



<p>„Was wollen Sie tun?“, fragte der Mann, der Inga besetzt hatte, mit einem bösen Lächeln, „Sie sind eine Kuriosität. Ungeziefer, nichts weiter. Bestenfalls eine Jahrmarkt-Attraktion.“</p>



<p>„Ich bin ein Mensch“, sagte Myna, „sogar mehr noch als das.“</p>



<p>„Sie sind vor allem etwas, dessen Knochen ich mit meiner bloßen Hand brechen könnte“, sagte Sir Frederick lachend, „und vielleicht tue ich das ja noch.“</p>



<p>Sein Blick verriet, dass er das nicht als Scherz meinte. Myna machte sich zum Sprung bereit.</p>



<p>„Niemand bricht hier einen Knochen“, kam eine eisige Stimme hinter einem der Bäume hervor. Myna entging der knochenförmige Schemen nicht, aber Sir Frederick übersah ihn völlig und so bemerkte er ihn erst, als das Beinmesser in der Hand des Weisen bis auf seine Rippen stieß.</p>



<p>Er schrie auf. Dann gefror er mitten in der Bewegung.</p>



<p>Der Weise suchte die Umgebung ab, wohl um Ingas beziehungsweise Sir Fredericks Gesprächspartner auszumachen. Doch zum Glück hatte Myna schnell reagiert, war von Inga heruntergeklettert und hielt sich nun hinter ihren Beinen versteckt.</p>



<p>„Hallo, alte Freundin“, sagte das Skelett und strich mit seiner Knochenhand fast zärtlich über Ingas Wange.</p>



<p>„Was … was wollen Sie von mir?“, fragte Sir Frederick und ging ein paar Schritte zurück, während er sich die Wunde hielt, die nicht groß, aber sehr tief war.</p>



<p>Hektisch blickt er sich nach Myna und der riesigen Made um, doch beide waren wieder verschwunden, so schnell und lautlos wie ein Windhauch. Er war ganz allein.</p>



<p>„Ich weiß nicht, welches Verhältnis Sie zur Besitzerin dieses Körpers haben“, sagte Sir Frederick verteidigend, „aber wir beiden müssen keinen Streit miteinander haben. Wir … können dies regeln wie Gentlemen. Ich … ich bin in diesem Körper nur zu Gast.“</p>



<p>„Das klang gerade noch anders“, sagte Davox telepathische Stimme sarkastisch, „vor einigen Augenblicken wirkte es fast auf mich, als würden Sie unbedingt die Inhaberschaft auf diesen Körper anmelden. Wäre es da nicht nur fair, wenn Sie mit ihm gemeinsam leiden?“</p>



<p>„Nein, gewiss nicht …“, sagte Frederick und merkte, wie sich eine Blase entleerte, die nicht die seine war. Er wollte fliehen, doch er konnte nicht. Der Anblick dieses Mannes … dieses Gerippes war einfach zu einschüchternd. Und das Skelett kam wieder näher. Das blutige Beinmesser immer noch in seiner Hand.</p>



<p>„Wissen Sie“, sagte Davox, schloss mit einem großen Schritt auf und strich mit seinen Knochenfingern über Ingas Gesicht, was ihr – und Sir Frederick – eine Gänsehaut verpasste, „es gibt jene, die nach Macht streben, und jene, die für ihre Moralvorstellungen kämpfen. Beides kann ich respektieren, auf gewisse Weise. Aber was ich nicht tolerieren kann, sind Wesen, die sich als das ausgeben, was sie nicht sind. So wie Sie. Sie sind ein Schwächling, ein rückgratloser Wurm, noch niedriger als eine Schneidmade. Doch vor allem sind sie ein Parasit, der meine Pläne stört. Ich sollte sie auslöschen. Schnell, hart und grausam.“</p>



<p>„Das können sie nicht“, sagte Frederick hilflos und spürte kalten Schweiß auf den Handflächen, „damit würden sie Ihre Freundin …“</p>



<p>„Ich habe keine Freunde“, sagte Davox lachend und fügte als kaum wahrnehmbaren Gedanken hinzu: „Nicht mehr“, bevor er fortfuhr.</p>



<p>„Aber sie haben recht. Ich will Ingas Körper nicht vor der Zeit zerstören. Zum Glück brauche ich das auch nicht. Alles, was ich benötige, um Ungeziefer wie Sie auszutreiben, ist ein wenig Schmerz.“</p>



<p>Fredericks Augen weiteten sich vor Schrecken, als Davox’ geschickte Skelettfinger nach dem passenden Nervenknoten tasteten und das Beinmesser genau hineintrieben.</p>



<p></p>
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		<title>Gut beschäftigt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Mar 2026 19:55:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrik]]></category>
		<category><![CDATA[dystopie]]></category>
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<p></p>



<p>„Nicht nachlassen, Jon. Vergiss nicht, wir sind ein Team“, sagte die Stimme in seinem Headset. Sie war perfekt auf sein Nervensystem eingestellt. Oberflächlich freundlich, im Unterton streng und im Sprachrhythmus seriös, zupfte sie genau die richtigen Saiten in seinem Gehirn. Jon wusste das. Aber er folgte dem Prozess trotzdem. Er war schon lang kein Individuum mehr. Er war ein Symbiont, ein verlängerter Arm aus Muskeln und Zellen, auch wenn seine einzige Verbindung zum KI-System „Garrell“ dieses Headset war. Keine Implantate, keine Chips, keine Neuronenverkabelungen. Das war teuer und letztlich unnötig.</p>



<p>„Nein, Garell“, sagte Jon optimistisch, „und ja, wir sind ein Team. Das Beste überhaupt!“</p>



<p>Der Ton stimmte. Fröhlich, enthusiastisch, aber doch ernsthaft. Kehlkopf und Zunge verrichteten zuverlässig ihr Kommunikationswerk, während er sein Innenleben regulierte. Er versuchte, nicht zu betrübt zu sein. Immerhin hatte er Arbeit. Richtige Arbeit. Und das war ein Privileg heutzutage. Seine Muskeln glänzten vor Schweiß und die schwere Schaufel in seinen kräftigen, rauen, lebenserfahrenen Händen starrte vor Dreck und Erde. Das Werkzeug stach in die Erde. Diesmal grub er tiefer und schneller. Er spürte Erschöpfung, aber sie war noch beherrschbar. Noch nicht kritisch.</p>



<p>Die Erde spritzte von der Schaufel in sein Gesicht. Rieselte auf Nase und Ohren und kitzelte ein wenig auf der wettergegerbten Haut. Er schmeckte den Dreck auch auf seiner Zunge, spürte ihn in seinen Lungen. Manchmal hustete er. Aber er fragte nicht nach einer Maske. Die schwächte seine Produktivität und verringerte die Atemfrequenz. Produktivität war eine harte Währung. Er musste günstiger und anspruchsloser bleiben als die Maschinen. Das war sein USP. Komplexe Problemlösung und kinetische Energie im Tausch für etwas Nahrung. Und natürlich weniger Verschleiß durch Staub und Dreck als die empfindliche, schwer ersetzbare Hochtechnologie.</p>



<p>„Nicht zu tief und etwas gleichmäßiger, beachte die Statik und die Geometrie“, rügte Garrell und Scham und Angst krochen in Jons Muskeln. Doch er leitete sie bestmöglich ab. Scham war ineffizient. Sie störte die Konzentration. Kritik ist nur ein Korrekturmechanismus, sagte er zu sich selbst. Nur ein Hinweis. Mehr nicht.</p>



<p>Jon korrigierte seine Bewegungen und achtete darauf, die Ränder der Baustelle gleichmäßiger auszuheben. Das war nicht leicht, der Boden war hier härter und voller Steine.</p>



<p>„Das machst du gut“, lobte Garell und Jon spürte eine Flut aus Endorphinen in sich aufbrausen. Garell lobte nicht oft, nur wenn es hilfreich war. Positive Verstärkung, Überwindung von Motivationstälern. Aber es tat gut. Jon konzentrierte sich nur noch mehr. Erst recht als die Musik einsetzte. Beschwingte Musik. Motivierend und sich seinem Arbeitsrhythmus anpassend, wie eine virtuose Band. Nur besser. Viel besser. Bands gab es ohnehin nicht mehr. Aber das war nicht schlimm.</p>



<p>Der Rhythmus traf ihn wie eine Peitsche aus Zucker. Sein System lief auf Hochtouren. Bizeps und Trizeps dehnten und streckten sich. Die Gelenke griffen ineinander. Das Herz pumpte, das Atemsystem regulierte pneumatisch den Luftaustausch. Er hingegen regulierte weiter Jon. Die Gedanken, die Gefühle, die Absichten. Er war sein eigener Vorabeiter, der Garell dabei assistierte ihn zu Höchstleistungen anzutreiben.</p>



<p>Die Erde flog wie im Wahn zu allen Seiten. Aber zugleich kontrolliert. Geplant. Sauber ausgestochen. Geometrisch.</p>



<p>Schweiß lief, regulierte die Körpertemperatur und Blut floss erregt durch endlose Kreisläufe. Gedanken wurden sortiert, bewertet, gefiltert, ermutigt, abgetötet. Eine fast perfekte, biologische Maschinerie. Erprobt und gut eingespielt. Die Sekunden und Minuten flogen dahin wie die steinig-lehmige Erde. Und dann &#8211; endlich &#8211; war es getan. Das letzte Loch für heute.</p>



<p>„Wunderbar! Du hast es geschafft“, sagte Garrell beinahe euphorisch und Jon spürte, wie seine Knie weich wurden. Gar nichts, nicht einmal das Lob seiner Mutter oder der Kuss einer Jugendliebe in früherer Zeit hatte solches Glück ausgelöst.</p>



<p>Jon atmete durch, ließ die Schaufel sinken, rückte sein Arbeitshemd zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hörte das befriedigende Rattern des schweren Containers, der an mächtigen Ketten in den Schacht hinabgelassen wurde und einen tiefen dunklen Schatten voraus warf, bis er zuletzt die ferne Sonne fast gänzlich abschirmte. Wie der Drache aus der letzten Unterhaltungssendung oder das Raumschiff aus der vorletzten. Nur noch die zweckmäßige, elektrische Beleuchtung spendete jetzt Licht.</p>



<p>Schließlich rastete der Container perfekt in die gegrabene Lücke ein. Jon wappnete sich gegen den Geruch. Er war nicht angenehm, aber er hatte ihn längst als Teil der Arbeit akzeptiert. So war das nun mal. Sie sammelten sie erst eine Weile, bevor sie sie hierher brachten. Das war effizienter als sie einzeln abzutransportieren.</p>



<p>Er erkannte Nina, Mark und Eddie. Sie gehörten zu den frischeren. Hatten letzte Woche noch hier gearbeitet. Der Rest war schwer zu erkennen. Dunkle Gesichter. Fleckig, zerlaufen, in denen fleißige Insekten geschäftig ihre Arbeit verrichteten. Schneidend, verdauend, kauend, krabbelnd, scheißend, schleimend. Ein wimmelndes Konzert chaotischer Harmonie. Sie zersetzten Masse. Masse, die schwand. Masse, die überflüssig war.</p>



<p>Zu viele Konsumenten, zu wenig Einsatzgebiete. Und dazwischen er, der Ausgleich schaffte. Der dem neuen Gleichgewicht diente. Zwischen den wenigen die herrschten, den digitalen, die befahlen, und den nicht mehr so vielen, die dienten. Eine wichtige Arbeit. Nicht leicht, aber sinnvoll. Und ein großes, unermesslicher Glücksfall.</p>



<p>„Jetzt eine Pause“, sagte Garell sanft, „du hast sie dir verdient. Erhol dich, Jon!“</p>



<p>Das würde Jon tun. Oh ja, das würde er. Er war wirklich fertig und freute sich schon auf das speziell für ihn generierte Unterhaltungsprogramm in seiner Wohnzelle. Vielleicht wieder eine heroische Geschichte über Mut und Rebellion. Die mochte er am liebsten. Und dazu ein kräftiger Bissen Formtexturnutration.</p>



<p>Jon wollte gehen. Aber etwas hielt ihn auf. Ein Ziehen im Bauch. Nicht physisch. Rein emotional. Eine Fehlfunktion in seinem Hormonsystem, die er nicht ganz in den Griff bekam. „Wie viele Tage noch? Wie viele Körper?“, traute sich Jon zu sagen.</p>



<p>„Aber Jon“, sagte Garell, eher enttäuscht als tadelnd, „du weißt doch, dass ich dir das nicht sagen darf.“</p>



<p>„Ich weiß. Das Wissen würde der Produktivität schaden. Tut mir leid“, sagte Jon entschuldigend.</p>



<p>„Kein Problem. Es war ein langer Tag“, sagte Garell gönnerhaft, „Hab Spaß. Und vergiss nicht, dich ab und zu leicht zu bewegen und deine Lockerungsübungen zu machen. Morgen brauche ich deine Muskeln in Topform. Du weißt ja …“</p>



<p>„… nur ein fitter Körper ist ein nützlicher Körper“, ergänzte Jon pflichtbewusst und verdrängte die Gedanken an die Zukunft mit gekonnter Routine.</p>



<p>Noch hatte er Arbeit, sagte er sich. Noch gab es Körper und wenn es die mal nicht mehr gab …</p>



<p>Schluss jetzt … die Unterhaltung wartete. Die Spezialeffekte würden so atemberaubend sein wie der Gestank der faulenden Körper. Die Mädchen fast so verlockend wie ein Lob von Garell. Die Dialoge geschliffen wie das Metall seiner Schaufel und die Handlung so spannend wie die überbeanspruchten Muskeln in seinem Nacken.</p>



<p>Aber das Wichtigste: das Gute würde triumphieren. Einmal mehr. Das tat es doch immer, oder etwa nicht?</p>



<p></p>
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		<title>Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 18:51:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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<p></p>



<p>Ich hatte die einschüchternde Wucht rorakischer Befestigungsanlagen gesehen, die sinistre Präsenz andrinischer Wolkenkratzer erfahren und die gewaltige, unvorstellbare Himmelstreppe von Uranor mit eigenen Augen gesehen. Und doch ist der Anblick der Totenfestung, die sich wie ein grauschwarzer Schatten vor uns erhebt und den Sternen das kümmerliche Licht auszusaugen trachtet, eine besondere Erfahrung. Ich habe mal gelesen, dass es ein beliebter Trick autoritärer Regime ist, monumentale Bauwerke zu nutzen, um ihre Bürger einzuschüchtern und daran zu erinnern, wie unbedeutend sie angesichts der alles beherrschenden Staatsmacht sind. Ganz ähnlich funktioniert es wohl hier. Nur, dass der Herrscher der Tod ist und seine machtlosen Untertanen die Lebenden. Der große, wuchtige, Bau, dessen Eingangstor bereits drei Mal so hoch ist wie ich und Krimara aufeinandergestapelt, macht jede Hoffnung, jeden Traum, jedes Lächeln, alles essen, freuen, tanzen und lieben zu einer lächerlichen Farce. Selbst das Atmen, das bloße Existieren wirkt hier wie ein Sakrileg. Wenn jemand der Depression ein Denkmal hätte setzen wollen, wäre es dieses gewesen. Jener gnadenlose, fensterlose Block aus dunkelgrauem, von weißer Asche bedecktem Gestein, mit all den schattengefüllten Vertiefungen aus denen einem die Leere selbst spöttisch zuzwinkert.<br><br>„Mein Gott“, sage ich, „wer baut so etwas?“<br><br>„Deprimierend, nicht wahr?“, fragt Krimara, „wahrscheinlich wirst du es mir nicht glauben, aber dies war mal ein friedlicher Ort. Genau wie die anderen Totenfestungen.“<br><br>„Das glaube ich tatsächlich nicht“, bemerke ich.<br><br>„Und doch war es so. Zu jener Zeit, als Luth Nomor selbst ein Ort des Trostes war. Es gibt verschiedene Arten dem Tod zu dienen, musst du wissen. Und je nachdem wie man es tut, passen seine Tempel sich an. Das passiert, wenn man ihm zum absoluten Herrscher macht“, sagt Krimara.<br><br>„Wie kommen wir rein?“, frage ich.<br><br>„Einfach durch die Tür“, sagt Krimara, holt ein Seil hervor und schlingt es sich so eng um ihr linkes Handgelenk, dass man durchaus vermuten, kann, dass sie sich die Hand abtrennen will.<br><br>„Was soll das?“, erkundige ich mich.<br><br>„Um die Totenfestung betreten zu können musst du so wenig Anzeichen von Leben zeigen, wie du kannst“, erwidert Krimara, „oder wie ein Spruch meines Volkes sagt: Vor kalter Hand weicht Stein und Wand. Das ist aber verkürzt. Es ist auch wichtig, den Atem anzuhalten und an rein gar nichts zu denken. Das gilt auch für dich, wenn du mir folgen willst.“<br><br>„Was, wenn ich doch an etwas denke?“, frage ich.<br><br>„Dann kehrt der Stein sofort zurück und dein Körper muss weichen“, sagt Krimara vieldeutig.<br><br>Ich schlucke und muss an einen Spruch aus meiner Welt denken: „Denke nicht an einen rosa Elefanten“.<br><br>Andererseits hatte ich schon meine – nicht immer ganz freiwilligen – Erfahrungen mit Meditation gemacht. Ein paar Sekunden Gedankenlosigkeit sollten da schon drin sein.<br><br>So treten wir vor die Festung und Krimara legt ihre abgeschnürte Hand auf das gewaltige Tor. Sofort gleitet es auf. Ohne jedes noch so leise Geräusch. Im Gegenteil, es wirkt fast so, als würde es eine Art Antischall erzeugen, der jeglichen laut auffrisst wie ein Endoren. Hinter der Tür erwartet uns vollständige, wenig einladende Dunkelheit.<br><br>Krimara&nbsp;stört sich nicht daran und geht hindurch. Langsam und still wie eine Tote. Ich beeile mich ihr zu folgen, schon allein aus Angst, dass sich das Tor vor mir schließen wird, was zumindest das zweitschlimmste, denkbare Szenario wäre.<br><br>Ich halte den Atem an und kaum, da ich die Schwelle mit dem Fuß berühre, wollen mich die Gedanken bestürmen. Aber ich halte stand. Zumindest so lange, bis ich ins Innere der Totenfestung hinüberwechsle.<br><br>„Du kannst wieder atmen“, sagt Krimara, „und sprechen ebenfalls. Aber rede leise. Dieser Ort toleriert keine laute Ausgelassenheit und überschwänglich gezeigte Lebensfreude. Nicht mehr zumindest. Und die, die hier verweilen tolerieren sie noch viel weniger.“<br><br>Ich zweifle keinen Moment lang an ihren Worten. Die Festung, in der &#8211; der von außen sichtbaren Dunkelheit zum Trotz &#8211; ein kaltes, leicht bläuliches Licht vorherrscht, das wie Sporen aus den Wänden sickert, wirkt so lebensfeindlich wie der Mond. Lebende haben hier höchstens ein Gastrecht und die zwar nicht stinkende, aber abgestandene Luft scheint nicht für unsere Lungen bestimmt. Auch dem lebenden Auge hat die Festung nicht viel zu bieten: Graue Wände, schwarzer Boden und eine Decke, so hoch, dass sie in den Schatten jenseits der Lichter verschwindet.<br><br>„Was erwartet uns hier drinnen?“, will ich wissen.<br><br>„Ich weiß es nicht“, sagt Krimara, „nicht genau jedenfalls. Es ist jedes Mal anders. Die Totenfestungen sind wie Spiegel des Zustands von Luth Nomor. Sie ändern ihre Form und sie reagieren auch ein Stück weit auf die, die sie besuchen.“<br><br>„Heißt das, wir sehen nicht dasselbe?“, frage ich.<br><br>„Ja und Nein“, sagt Krimara, „die Grundlagen der physischen Realität sind dieselben. Aber was wir darin sehen, muss nicht dasselbe sein. Ist unsere Wahrnehmung aber deckungsgleich, und handelt es sich um eine Bedrohung, ist sie real. Wenn du etwas siehst, solltest du es mir also unbedingt mitteilen. Und wenn du sichergehen willst, solltest du mich berühren. Dann synchronisiert sich unsere Wahrnehmung für gewöhnlich.„<br><br>„Verstanden“, sage ich und stelle beiläufig fest, dass die Wand neben mir nicht länger aus massivem grauen Stein, sondern mittlerweile aus einer spiegelnden Oberfläche besteht. Eine Oberfläche, in der ich nicht meine verwelkte Gestalt, sondern ein kleines Baby auf allen Vieren krabbeln sehe, das mich neugierig und ein wenig verängstigt anblickt und mir vage bekannt vorkommt.<br>„Ich sehe da etwas“, sage ich und Krimara blickt mich sofort alarmiert an, „nichts Bedrohliches. Nur ein Baby. Ein menschliches. Siehst du es auch?“<br><br><br></p>



<p>Sofort scheint sich Krimara etwas zu entspannen. „Nein, ich sehe eine kleine Luth Nomorerin“, sagt sie lächelnd, „aber das ist in diesem Fall nicht allzu schlimm. Es ist der Spiegel der Reise. Er taucht häufig in den Festungen auf. Wenn du ihn nicht zu lange betrachtest, ist er ungefährlich, außer durch sein Potenzial dich abzulenken. Achte also weiter auf deine Umgebung, egal, was du darin siehst. Aber sieh den Spiegel auf keinen Fall länger als eine Minute am Stück an und hör nicht auf das, was er dir erzählt, falls er zu dir spricht.“<br><br>Ich nicke. Doch es ist&nbsp;leichter gesagt als getan. Das Baby – ich, wenn ich das korrekt interpretiere – beginnt nun zu lächeln und etwas näher an den Spiegel zu krabbeln. Es ist bereits ein winziges Stück größer geworden und scheint sich nicht mehr vor meinem monströsen Anblick zu ängstigen. Ich gehe ein paar Schritte näher und höhere erst damit auf, als sich Krimara tadelnd räuspert.<br><br>„Was habe ich dir von Ablenkung erzählt?“, sagt Krimara, „sind deine Ohren gestorben oder dein Verstand?“<br><br>„Es tut mir leid, es ist faszinierend mich so zu sehen und dieser Raum ist sonst so …“, suche ich nach Worten.<br><br>„Reizlos?“, fragt sie.<br><br>„Genau“, bestätige ich.<br><br>„Du kommst aus einer Welt voller Zerstreuungen, oder?“, fragt sie mit Worten kaum lauter als Schnee, der auf Gras fällt. Und ich begreife sofort, dass sie mich vor allem in ein Gespräch verwickelt, um mich von weiteren Dummheiten abzuhalten.<br><br>„Kann man so sagen ja“, sage ich, „wir verbringen inzwischen fast unser ganze Leben mit Ablenkungen. Im besten Fall mit Geschichten. Im schlimmsten mit kurzfristigen Reizen und schnellen Dopamin-Kicks.“<br><br>„Ich verstehe …“, sagt sie. Und plötzlich küsst sie mich. Direkt auf meinen verrotteten Mund. Der Kuss ist fest, herzlich und nicht mechanisch, aber auch ohne echte Leidenschaft.<br><br>„Was sollte das?“, frage ich verwirrt , „nicht, dass ich mich beschweren will, aber …“<br><br>„Ich wollte dich küssen, mehr nicht“, erklärt sie.<br><br>„Also bedeutete es nichts?“, frage ich und streiche mir verwirrt mit der Hand über die Lippen.<br><br>„Doch, es bedeutete etwas“, sagte sie, „vieles sogar. Nur nicht den Beginn einer festen Bindung, falls du das denkst.“<br><br>„Was dann?“, will ich wissen.<br><br>„Zum einen war es ein Ausgleich und eine Entschuldigung“, sagt sie mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck, „ich habe dich wirklich schlecht behandelt, wenn man bedenkt, dass du meine Schwester gerettet hast und mich auf meiner Mission begleitest.“<br><br>„Zum anderen ist es ein emotionaler Anker für dich. Denn ich habe vorhin versäumt dir etwas Wesentliches zu sagen. Du sollst zwar keine starken Emotionen zeigen, aber empfinden darfst du sie durchaus. Es ist sogar hilfreich. Denn je wilder und chaotischer deine Emotionen sind und je mehr du auf dein Inneres fokussiert bist, um so eher wird verhindert, dass du dich in diesem Ort und seinen Ablenkungen verlierst.“<br><br>„Ich verstehe“, sage ich, „aber war das nicht auch eine Äußerung von Lebensfreude, wie sie hier eigentlich unangebracht sein soll?“<br><br>„Wenn man sehr niedrige Maßstäbe anlegt, vielleicht“, sagt Krimara verschmitzt, „du magst es vielleicht nicht glauben, aber wir Luth Nomorer können durchaus sehr leidenschaftlich werden, wenn wir es wollen. Gegenüber lebenden Partnern. Aber vor allem gegenüber dem Toten. Es herrscht die Auffassung, dass wir deren Reglosigkeit kompensieren und sie mit unserem Funken beseelen müssen, für den Moment der Ekstase. Und dann gibt es da noch das Ritual der „letzten Nacht“. Ein Akt der schrankenlosen Lust, in den auch berauschende, aber tödliche Gifte involviert sind und der die Sinne bis zur Zerstörung reizt und kitzelt. Ich habe das selbst noch nie durchgeführt, aber &#8230;“<br><br>„Ah danke“, sage ich, „ich glaube, ich brauche keine weiteren Details.“<br><br>„Wie gesagt, jede Regung ist gut. Ekel ist auch ein Impuls des Lebens“, meint sie trocken.<br><br>„Du sprachst von mehreren Bedeutungen. Bedeutete der Kuss noch etwas?“, frage ich.<br><br>„Ja“, sagt Krimara, „ich wollte testen, ob ich selbst noch solche Dinge fühlen kann.“<br><br>„Und“, fragte ich, „kannst du es noch?“<br><br>„Ja“, sagte sie, „aber eher so wie ein Schauspieler den Schwertkampf beherrscht. Es erscheint authentisch und in den versunkensten Momenten gibt es fast keinen Unterschied. Aber letztlich bleibt es Imitation.“<br><br>„Das klingt bitter“, sage ich.<br><br>„Das ist es auch“, sagt Krimara traurig, „ich habe nie vollständig verstanden, wie sehr meine Mutter durch all ihre Tode gelitten haben muss. Nun beginne ich, es zu begreifen.“<br><br>„Lässt sich der Prozess gar nicht rückgängig machen?“, frage ich.<br><br><br>„Eher könntest du ein zerschlagenes Ei neu zusammensetzen“, sagt sie. Dann legte sie ihre Hand auf die Tür, die nun vor uns liegt. Wieder verspüre ich den Impuls, in den Spiegel der Reise zu sehen. Doch ich widerstehe ihm. Offenbar hat Krimaras Taktik Früchte getragen: Meine Aufmerksamkeit liegt nun tatsächlich mehr in meinem Inneren.<br><br>Unwillkürlich frage ich mich, ob ich etwas für sie empfinde. Die Antwort, die ich finde, ist komplex und führt mich zu der Erkenntnis, dass mein Innenleben noch verworrener ist als die unzähligen Wendungen meiner Reisen. Ich bin immer noch bereit Menschen – oder andere intelligente Lebewesen – an mich heranzulassen, von ihnen zu nehmen, was sie geben können und ihnen zu geben, was ich geben kann. Aber ich zweifle ernsthaft daran, dass ich noch fähig zu einer ernsthaften Beziehung bin. Diesen Teil von mir habe ich wohl eingebüßt, ganz ähnlich wie Krimara. Nur habe ich ihn nicht in der kalten Erde des Grabes verloren, sondern auf der rauen Erde meiner endlosen Pfade.<br><br>Die Tür schwingt auf und offenbart uns einen gänzlich anders aussehenden Raum. Er ist schwach beleuchtet. Schatten schwimmen in allen Ecken und wo sie diese nicht einhüllen tut dies schwarzer, weicher Samt. Selbst der Spiegel der Reise ist hier kaum zu erkennen. Genau in der Mitte spendet allein ein großer, ausladender Kerzenleuchter etwas Licht.<br><br>Dieses Licht fällt auf zahlreiche Betten. Ebenfalls schwarz und teils umrahmt von feinen, weißen Vorhängen, die ihnen dem Anschein von Spinnenkokons verleihen. Und in diesen Betten liegen die Toten. Tote in unterschiedlichen Graden der Verwesung, doch allesamt Luth Nomorer. Und sie alle scheinen zu schlafen. Bis jetzt zumindest. Denn kaum, dass wir den Raum betreten haben, erheben sie sich so unbekümmert, als hätten gerade ihre Wecker geklingelt. Erst jetzt kriecht ein starker Geruch der Verwesung in meine Nase und bringt mich zum Würgen.<br><br>Doch das ist bei weitem noch nicht das Schlimmste. Denn die Toten kriechen aufeinander zu und … verschmelzen. Sie verbinden sich, Rücken an Rücken. Verfaulte Haut an verfaulter Haut, wie eine Lawine, die Masse ansammelt, bevor sie bereit ist, eine ganze Siedlung zu zermalmen.<br><br>Es dauerte lediglich Augenblicke, bis ein unförmiger Ball aus stinkendem Fleisch, grinsenden Schädeln und hilflos herumrudernden Extremitäten auf mich zurollt. Ohne wirkliches Bewusstsein, aber mit der Fähigkeit mich zu zermalmen. Ich warte nicht länger. Ich greife mein Pendel und schwinge es … fast, als ich von Krimara aufgehalten werde, die meine Hand mit roher Gewalt festhält.<br><br>„Lass das, du Wahnsinniger. Du bringst uns um“, höre ich Krimara warnend flüstern und in dem Moment, als mich ihre Hand berührt, verstehe ich ihren Zorn. Die Toten sind durchaus real. Doch sind sie weder hässlich und verrottet, noch zu einem humanoiden Rattenkönig verbunden. Stattdessen ist ihre Haut glatt und jung. Dafür fehlen ihnen jegliche Gesichtszüge. Ihre Köpfe sind glatte Ovale ohne Augen, Nase oder Mund. Lediglich anhand ihrer Größe und ihres Geschlechts lassen sich Unterschiede ausmachen. Doch so verstörend auch dieser Anblick immer noch ist: aggressiv erscheinen sie mir nicht. Noch nicht zumindest.<br><br>„Lass mich raten“, sage ich leise, „wenn ich auf sie geschossen hätte, hätten sie sich gewehrt?“<br><br>„Ja, Schlaumeier“, ätzt Krimara, „gut, dass du das wenigstens jetzt begreifst. Doch vor allem hättest du eine Seele zerstört. Diese hier sind in einem sehr fragilen Zustand. Sie warten darauf, dass sie jemand sie an das erinnert, was sie sind und sie sicher geleitet und ins nächste Leben oder das danach führt.“<br><br>„Sind das also echte Personen?“, frage ich, „ich dachte, dass wäre nur eine Art Prüfung.“<br><br>„Sie sind real“, sagt Krimara, „und es ist eine Prüfung. Eine Prüfung, in der wir beide versagen werden, wenn du alles mit Gewalt lösen willst und wenn du weiter auf meinen Rat pfeifst. Ich habe dir doch gesagt, dass du im Zweifel meine Hand ergreifen sollst.“<br><br>„Du hast ja recht. Aber warum hast du mir nicht gesagt, was auf uns zukommt?“, frage ich meinerseits empört und zugleich beschämt über mein dummes, impulsives Handeln.<br><br>„Weil ich es nicht wissen konnte“, erklärt Krimara, „die Festungen haben viele dutzende von uns bekannten Räumen hervorgebracht. Wann welche davon erscheinen und ob sie erscheinen, kann niemand sagen. Das ist immer im Fluss. Dir alle Möglichkeiten aufzuzählen, wäre nur verwirrend und ermüdend. Und gelegentlich werden auch neue Räume erschaffen.“<br><br>„Was tun wir jetzt mit diesen Toten? Sie in Ruhe lassen? Oder langsam an ihnen vorbeigehen?“, frage ich.<br><br>„Hast du mir nicht zugehört?“, fragt Krimara ungeduldig und hebt theatralisch die Hände über den Kopf, „wir müssen sie geleiteten. Nicht sie alle natürlich. Aber jeder von uns muss einen Partner passend zu seinen Vorlieben wählen und ihn zum Altar im nächsten Raum führen. Wenn alles glattgeht, gewinnen sie ihre Identität zurück und können weitergehen. Und wir auch.“<br><br>Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich nicht scharf darauf bin, eine Leiche zu ehelichen genauso wie die Anspielung auf einen Film von Tim Burton, der eine ganz ähnliche Thematik hatte. Krimara ist schon schlechtgelaunt genug.<br><br>Stattdessen lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen auf der Suche nach einer „Partnerin“. Zunächst frage ich mich, was überhaupt meine Vorlieben sind. Im Laufe meiner Abenteuer bin ich ausgesprochen pansexuell geworden, aber wenn ich wählen muss, unabhängig von einer konkreten Person, fühle ich mich wohl immer noch am meisten zu Frauen hingezogen. Das hilft mir aber noch nicht wirklich weiter. Denn die Auswahl ist gar nicht so leicht bei einer Damenwelt, die nur aus fleischgewordenen Schaufensterpuppen besteht. Ich warte also auf irgendeine spirituelle Eingebung oder Intuition. Auf das Flüstern meiner inneren Stimme, die mir eine Tendenz eingeben wird, wo mir meine Sinne nicht weiterhelfen. Doch auch aus dieser Richtung ernte ich nichts als Schweigen. So entscheide ich mich für die einzige etwas individuell erscheinende, weibliche „Person“, die sich zumindest durch ihre überdurchschnittliche Größe und ihr ausgeprägtes Kinn etwas von den anderen abhebt.<br><br>„Ergreife ihre Hand“, sagt Krimara, die selbiges schon mit einem kleinen, feingliedrigen Mann gemacht hat, der wenig Ähnlichkeit mit mir hat. Offenbar bin ich wirklich nicht ihr Typ.<br><br>Ich verscheuche diesen Gedanken und die seltsame Eifersucht, die daraus erwächst, gehorche und greife nach der Hand meiner „Braut“. Sie fühlt sich eiskalt an, löst aber keinen Ekel in mir aus. Ihr Fleisch ist ja weder verrottet&nbsp;noch aufgedunsen, so wie ich es in meiner Vision gesehen hatte.<br><br>„Und nun?“, frage ich.<br><br>„Geh durch die Tür am Ende des Raums“, sage Krimara, „und mache mir sonst einfach alles nach, was ich tue. Ihr beide werdet einander kennenlernen. Du wirst ihr Fragen stellen und sie dir. Aber keine Sorge, dieses Kennenlernen ist nicht romantischer Natur, falls du das befürchtet. Trotzdem musst du sie anständig behandeln. Betrachte dich als ihren Todesabschnittsgefährten.“<br><br><br></p>



<p>Diese unerwartete Äußerung von trockene Humor lässt mich schmunzeln, aber dieses erleichternde Gefühl, wird schnell von einem düsteren Gedanken vertrieben, den ich prompt ausspreche.<br><br>„Was passiert, wenn ich es nicht richtig mache?“, frage ich.<br><br>„Geh einfach weiter“, sagt Krimara nur, aber ihr düsterer Blick sagt mir alles, was ich wissen will, auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, ob ich es wirklich wissen will.<br><br>Trotzdem folge ich ihr mit meiner charakterlosen Braut und verlasse den seltsamen Raum. Die Tote an der einen und Krimara an der anderen Hand, sodass wir eine seltsame Kette bilden.<br><br>„Hier wird es keine Illusionen geben“, informiert mich Krimara, „du brauchst meine Hand nicht zu halten.“<br><br>Also lasse ich los, etwas unwillig, weil es bedeutet, dass die Berührung der Toten nun die einzige ist, die ich spüre.<br><br>Vor uns entfaltet sich indessen&nbsp;etwas, das in seiner Anmutung irgendwo zwischen Kirche, satanischer Messe, Gothic Festival und Lovecraft liegt. Ein langer, hellgrau gefliester Raum mit pyramidenförmigen Deckenabschnitten von gleichmäßiger Grundfläche an denen grüne Kristalle, aber auch blaue Kerzenflammen leuchten. Alles ist erfüllt von einem kühlen, trockenen Nebel, der mich ein wenig an den erinnert, der auf Festivals und in Diskotheken anzutreffen, nur das er würziger und schärfer riecht. Hier und da sehe ich weiße Fetzen, die wie Geisterfragmente oder abgeschälte Haut über uns auftauchen und uns manchmal zart am Kopf berühren. Ob sie in der Luft schweben oder an dünnen Schnüren befestigt sind, ist schwer zu sagen. Ganz am Ende dieser verwirrenden Szenerie entdecke ich den besprochenen Altar. Nicht eckig, sondern rund und aus einem grün gemasertem, glänzenden Stein, der im unsteten Licht zu atmen scheint.</p>



<p>„Wo bist du gewesen?“, höre ich Krimaras Stimme laut und deutlich neben mir. So laut, dass ich fast zusammenzucken, weswegen ich vermute, dass die Regel leise zu sein, hier nicht gilt. Die Antwort, die ihr Bräutigam gab, erklingt jedoch ungleich leiser. Mit breiten Lippen, die gerade erst erschienen sein mussten, flüstert er ihr Worte ins Ohr, die ich nicht verstehen kann.<br><br>Dennoch ist mein Weg nun klar.<br><br>Ich sehe das Fleischding neben mir an und verspüre plötzlich den starken Drang, seine Hand loszulassen und es wegzustoßen. Ich habe Leichenbrei gegessen und dennoch übersteigt der Ekel, der verspätet, aber umso heftiger in mir hochkommt sogar noch dieses Erlebnis. Aber ich bleibe standhaft und sehe den glatten, unheimlichen Fleischpuppenkopf lächelnd an, bevor ich meine Frage stelle.<br><br>„Wo bist du gewesen?“, frage ich.<br><br>Natürlich habe ich damit gerechnet, nachdem ich Krimara und ihren „Mann“ beobachtet hatte. Aber zu sehen, wie aus dieser blanken Fleischkugel ein zwar blasser, aber natürlicher Mund wächst und anfängt zu sprechen ist trotzdem mehr als erschütternd.<br><br>„In Akrenwa. In der Weite. Jenseits der Hauptsiedlung. Wo die Lichter stets wandern und die Küsten im Staub ertrinken“, haucht mir eine zischende, helle Stimme ins Ohr, die meine Seele mit feinen Messern filetiert. Meine Hand verkrampft sich um die ihre und das garantiert nicht aus Liebe.<br><br>Und erneut sehe ich, wie sich ihr Mund bewegt. Unnatürlich und angsteinflößend wie ein Riss in der Ewigkeit. Diesmal stellt er mir eine Frage.<br><br>„Welche Sünde bereust du?“, fragt sie mich.<br><br>Eine gute Frage. Es gibt so verdammt viele. Welche soll ich nur wählen auf einem Weg, der so voller Fehler war? Und was ist, wenn ich die falsche Antwort gebe? Krimara hat es mir nicht gesagt.<br><br>„Den Verrat an meinen Freunden“, sage ich und denke nicht nur, aber zuvorderst an Korf.<br><br>Ein zynisches Lächeln formt sich auf ihrem frisch gewachsenen Mund, während sie meine Hand streichelt in der spöttischen Nachahmung einer Liebkosung. Dann spricht sie wieder. Kalt und leblos wie Stahl. „Oh das Leid der Bekannten schneidet am tiefsten. Nicht, wahr? Jener, deren Herz du besitzt. Deren Geschichte du besitzt, deren Zeit du besitzt. Die Fremden hingegen, ihre Schreie verhallen ungehört. Selbst die Schreie der Kleinsten. In den Kisten, in den Höhlen. In der Umarmung ihres endlosen Echos. Ein Herz, weit genug für den Clan, doch nicht so weit wie die Welt.“<br><br>Diese eindeutige Anspielung auf Cestralia und Hyronanin lässt mich erschaudern. Sie muss meine Seele, meine Gedanken, meine Erinnerungen lesen. Doch auf irgendeine Art muss sie diese Antwort doch zufriedengestellt haben. Denn nun besitzt sie ein Auge. Ein einzelnes zwar nur, aber immerhin. Braun und voller Schmerz hat es sich in ihrer linken Gesichtshälfte geöffnet wie eine Aasblume im Mondschein.<br><br><br>Dass ihr Gesicht mittlerweile langsam einem gewohnteren Anblick ähnelt, sollte mich beruhigen. Doch dieses eine Auge treibt sie nur noch tiefer ins Uncanny Valley und ich spüre, wie mein Herzschlag sich weiter beschleunigt. Ich bin dermaßen verstört, dass ich Krimaras nächste Frage an ihren Bräutigam fast verpasse.<br><br>„&#8230; hast du getan?“, höre ich sie grade sagen und wiederhole die Frage gegenüber meiner düsteren Freundin.<br><br>„Ich habe über Tote geboten und über Lebende. Ich habe geforscht. Ich habe erweckt. Die Ruhe gestört und Schicksale gebrochen. Ich habe zerteilt, getrennt und vereint. Junge Pfade beendet und Alte endlos gestreckt. Fleisch war mein Ton und mein Wille Befehl. Ich war Hiranga. Nekromantin und einst Ewigtrauernde, die zuletzt die Trauer brachte“, antwortete die Frau, deren Namen ich inzwischen kenne.<br><br>Da bin ich ja in bester Gesellschaft, denke ich innerlich kichernd und fühlte mich zugleich noch unwohler. Nur weil ich selbst eine Biografie als Monster habe, macht mich das nicht immun gegen die Angst vor einem. Wenn ich eines aus all den fiktiven Werken gelernt habe, die ich auf der Erde konsumiert habe, dann, dass Bestien nicht zögern, Bestien zu töten.<br><br>„Welche Untat hat dich am meisten erfüllt?“, fragt Hiranga. Ihre Augen strahlen nun. Sie ist keine Richterin mehr, die ein Geständnis möchte. Sie ist eine eifrige Zuhörerin. Ein Publikum, das nach Unterhaltung giert.<br><br>„Keine“, sage ich automatisch und angewidert und erkenne noch im selben Moment, dass es eine Lüge ist. Oder zumindest eine halbe.<br><br>Hirangas Gesichtsausdruck verändert sich. Ihr Lächeln gefriert, wird wütend.<br><br>„Keine Lügen“, sagt sie und ihre glatte junge Haut, wird faltig, während ihre Hände so fest zupacken wie Krallen. Ich versuche mich zu lösen, da ihre Nägel in mein Fleisch schneiden, aber es gelingt mir nicht, „beschmutze unseren Bund nicht. Sage die Wahrheit!“<br><br>Aber was ist die Wahrheit? Oder zumindest: Was war die Wahrheit? Denn das ist es, was sie hören will. Sie will, dass ich ihr mein Selbst zeige wie es gehandelt und empfunden hat, nicht die heutige, geläuterte Erzählung davon.<br><br>„Ich habe es geliebt zu herrschen“, platz es aus mir heraus, „in jener Zeit in Konor. Es war berauschend gewesen, anderen meinen Willen aufzuzwingen, sie nach meinen Ideen tanzen zu lassen wie Schachfiguren. Ich habe es genossen. Fast jede Sekunde davon.“<br><br>„Hast du es geliebt, sie leiden zu sehen?“, fragt Hiranga mit lüsterner Begierde.<br><br>„Nein“, sage ich entschieden, „aber es hat mich nicht genug gestört.“<br><br>„Danke liebster“, sagt sie und ihr Lächeln kehrt zurück, auch wenn ihre Haut faltig bleibt. Dafür tut sich ein zweites Auge auf. Sie ist nun fast eine Luth Nomorerin. Eine nasen- und Ohrlose, alte Luth Nomorerin, deren Anblick mich nicht so sehr abstößt, wie er es eigentlich sollte. Da ist Angst, da ist Ekel. Vor ihrem Körper und ihren Taten. Aber zugleich ist da auch Anziehung. Und das ist vielleicht das Schlimmste.<br><br>„Was hast du geliebt?“, wiederhole ich Krimaras nächste Frage an Hiranga gerichtet.<br><br>„Ich habe das Leid geliebt“, sagt sie stolz, jedoch jetzt auch mit einem Hauch von kritischer Distanz, so als würde sie beginnen ihr eigenes Leben aus anderen Augen zu betrachten, „das Leid der anderen. Leid ist ein ehrlicher und reiner Zustand. Und er war mir wichtiger als Herrschaft. Herrschaft ist an einen Herrscher oder ein System gebunden. Aber Leid kann sich verstetigen, wenn man es richtig anstellt und als Nekromantin hatte ich die Macht, es zu verstetigen. Ansonsten habe ich nichts geliebt. Niemanden. Nicht einmal mich selbst. Außer vielleicht früher. Bevor ich der Trauer gewidmet wurde. Trauer ist ein Kind des Mitgefühls. Aber es kann missraten, wenn man es verhätschelt und manchmal frisst es seine Mutter bis auf den letzten Fetzen Fleisch.“<br><br>Dieses Geständnis lässt mich erschaudern. Und ich weiß nicht, ob aus Mitleid oder Verachtung.<br><br>„Würdest du deinen Katalog zurückgeben? Würdest du ihn verbrennen, wenn du damit den Schaden rückgängig machen könntest, den du angerichtet hast?“, fragt Hiranga ihrerseits.<br><br>„Nein“, antworte ich diesmal ohne zu zögern, „diesen Preis würde ich nicht zahlen. Die Reisen sind, was ich bin.“<br><br>„Gut“, sagte sie und hat plötzlich wieder eine Nase. Sie ist nun fast kein Monster mehr – zumindest optisch. Nur noch eine fremdartige Greisin, zu der ich mich zunehmend hingezogen fühle. Und jetzt bemerke ich, wie ich unterbewusst ihre faltigen Krallenhände mit meinen blutigen Fingern streichle.<br><br>„Wovon hast du geträumt?“, ertappe ich mich zu säuseln.<br><br>„Von geöffneten Schädeln“, haucht sie, „von verformtem Gewebe. Von gebrochenen Fingern, so klein und zart und von ihrer Neukonstruktion. In Schleifen, Bögen und Kreuzungen. Von müden Augen, die weiter dienen, dem ewigen Schlaf entrissen. Ohne Ende. Ohne Erlösung. Ich habe meinen Traum gelebt.“<br><br>Wieder sind ihre Worte euphorisch fast ekstatisch. Doch nur zu Beginn. Und ihr anfangs freudiges Gesicht verzieht sich jetzt zum ersten Mal angewidert.<br><br>Jetzt erscheinen auch ihre restlichen Gesichtsmerkmale. Ohren, Haare, andere Feinheiten. Und schließlich kehrt auch ihre Jugend zurück. Meine unnatürliche Anziehung fühlt sich jetzt nicht mehr so falsch an. Nun, zumindest nicht, wenn man ausblendet, was diese Frau mir gerade alles gestanden hat. Aber das ist zumindest meinem Körper herzlich egal und sie scheint es zu spüren. Ihr Gesicht kommt näher, ganz nah an das meine.<br><br>„Würdest du sie wollen? Diese Macht, die du kanntest, diese Macht, grenzenloses Leid anzurichten? Würdest du sie wieder besitzen wollen? Gemeinsam, mit mir?“, haucht sie und ich kann nicht sagen, ob ihr Atem nach Kräutern oder nach Verwesung duftet oder eher so neutral wie ein eisiger Morgen. Wahrscheinlich alles zugleich.<br><br>„Ja“, sage ich, sorgsam darauf achtend, nicht zu lügen. Dieser Wunsch ist immer noch in mir. Er ist ein Teil von mir und wird es vielleicht immer sein. Macht ist wie Alkohol. Es gibt Menschen, die können sie kosten, um sich kurz zu berauschen. In kleinen harmlosen Dosen. Aber andere sind ihr ausgeliefert. Nicht nur als Betroffene. Sondern ganz besonders, wenn sie sie ausüben dürfen. Sie können sich entwöhnen, mit viel Willenskraft, aber er sie bleiben immer anfällig für Rückfälle.<br><br>Sie gibt mir einen Kuss. Den Kuss weicher Lippen. Weich und sinnlich … oder aufgeschwemmt und aufgedunsen von Fäulnis und darin krabbelnden Insekten, wer weiß. Beides macht mich in diesem Moment an. Und das ist erschreckend.<br><br>„Wirst du es tun?“, fragt sie, als sich ihre Lippen von meinen lösen und sich ihre Zunge oder etwas anderes glitschiges, zuckendes, forschendes aus meinem Mund zurückziehen, „es wäre möglich. Wir können diesen Ort verlassen, wenn du mir hilfst. Wir können meinen Körper aufspüren und gemeinsam herrschen, über ein Heer von Leblosen. Sag, willst du es wahr machen?“<br><br>„Nein“, sage ich entschlossen, wenn auch nicht genauso entschlossen wie vorher. Die Bilder von mir, von Adrian auf einem Thron aus Schädeln in einer Rüstung aus Knochen schiebe ich weg. Nicht ganz ohne Wehmut, aber doch ohne echtes Bedauern.<br><br>„Warum?“, fragt sie erstaunt und ein bisschen verärgert, „warum nimmst du dir nicht, was du begehrst?“<br><br>„Weil meine Begierden nicht alles sind, was für mich zählt“, antworte ich und merke, wie sie mich fester zu sich zieht. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Wut. Ihr Griff ist hart und erbarmungslos und ich spüre einen wachsenden Druck auf meinem Brustkorb.<br><br>„Warum?“, fragt sie erneut und mit deutlich mehr Nachdruck. Fieberhaft denke ich darüber nach, was an meiner Antwort falsch war. Bis es mir endlich bewusst wird.<br><br>„Weil Harmonie auch eine Begierde ist“, antworte ich, „es bereitet mir mehr Freude in einer Welt mit gleichwertigen und glücklichen Wesen zu leben als über weinende Sklaven zu herrschen. Das musste ich erst lernen, aber ich habe es wahrscheinlich gelernt. Leere Straßen voller Tristesse, Angst und gequälter Schreie haben keinen Reiz. Ein Wanderer will Geschichten erleben und nur lebendige Herzen erzählen Geschichten.“<br><br>Hirangas Druck um meinen Körper lässt nach. Aus ihrem Todesgriff wird wieder eine gewöhnliche Umarmung.<br><br>„Danke für deine Ehrlichkeit“, sagt sie nachdenklich, zieht sich von mir zurück und wird wieder still.<br><br>„Was hast du vermisst?“, höre ich Krimara neben mir sagen. Doch irgendwie fühlt sich diese Frage, so philosophisch sie auch anmutend mag, nun deplatziert an. Also tue ich das, was ich am besten kann: Ich weiche vom Protokoll ab.<br><br>„Du wirktest nicht mehr nur stolz auf deine Taten als du auf meine letzte Frage geantwortet hast? Hast du eine Ahnung warum? Hast du Angst vor einer Strafe im Jenseits oder hat es andere Gründe?“, frage ich sie. Nicht wie ein Monster in einem seltsamen Ritual, sondern wie ein echtes Gegenüber.<br><br>Halb rechne ich damit, dass sie sich nun in Luft auflöst oder zur Bestie mutiert. Aber nichts davon geschieht.<br><br>„Das hast du richtig beobachtet“, sagt sie ruhig, ihre Augen sind in die Ferne gerichtet, „ich halte meine Taten nicht mehr für richtig. Der Genuss war echt und er war gut. Ihn bereue ich nicht. Aber ich war ein Subtrahend, eine Dienerin der Nullsumme. Ich habe anderen Freude abgezogen, wo ich sie hätte multiplizieren sollen. Das muss mir kein Gott sagen, kein strafender Diktator im Himmel, das erkenne ich nun höchstselbst. Ich spüre keine Reue, aber den Wunsch nach Wiedergutmachung.“<br><br>Und plötzlich, so kühl und logisch ihre reflektierenden Worte auch klangen, beginnt sie zu weinen. Und ich folge dem natürlichsten Impuls von allem. Ich schließe sie ebenfalls in die Arme. Nicht begehrend, sondern tröstend. Für einen Moment, für einen kurzen Augenblick erscheinen ihre Tränen wie Fäulnisflüssigkeit. Schmierig, schleimig und widerlich. Aber es lässt mich seltsam kalt. Egal welche Form ihr Körper hat, Ihre Traurigkeit ist dennoch echt. So echt, dass ich selber anfange zu weinen. Um vertane Chancen, um meine Vergangenheit und um den Menschen, der ich hätte sein können. Vor allem aber um das von dem ich dachte, dass ich es verarbeitet hätte: Ich weine die Tränen all jener, denen ich Leid zugefügt habe.<br><br>„Ich hatte einst ein Schiff gebaut, ein Schiff aus kleinen Ästen“, sagt sie plötzlich. Sie wirkt dabei wie ein Kind, „es war wunderschön, aber ein scharfer Felsen in der Strömung hat es zerbrochen. Ich hätte ein neues machen sollen, statt zum Felsen zu werden“, sagt sie bedauernd, fast im Tonfall eines jungen Mädchens. Ekel, Angst aber auch das seltsame Begehren sind verschwunden.<br><br>„Das habe ich auch mal gemacht“, sage ich lächelnd, „kleine Flöße im Wald. Sie sind nie zerbrochen, jedenfalls nicht so weit ich das mitbekommen habe. Aber ich habe zugesehen, wie sie am Horizont verschwinden. Meist habe ich mir vorgestellt, auf ihnen mitzureisen bis zum Ende des Flusses und darüber hinaus. Manchmal habe ich ihnen auch nachgetrauert, all den Mühen, die ich in sie gesteckt habe. Aber nicht oft. Es ist der Sinn von Booten, weiterzureisen. Sie sind nicht dafür gemacht, an einem Ort zu bleiben.“<br><br>Erst als etwas Hartes, Glattes gegen meinen Oberschenkel stößt wie ein Boot gegen einen Felsen, bemerke ich, dass wir am Altar angekommen sind, zu dem wir die ganze Zeit langsam weitergewandert sind. Schlaftrunken, irgendwo zwischen träumen und wachen.<br><br>„Vergibst du uns?“, fragt Hiranga mich. Sie ist wieder eine vollständige Person. Nicht nur optisch, sondern auch von ihrer Ausstrahlung her. Diese Frage ist hart. Gerade, weil sie sie für uns beide gestellt hat. Mir selbst habe ich sie schon öfters gestellt, ohne dass sie in mir zur Ruhe fand. Kann man Mördern und Schändern vergeben? Haben sie selbst das Recht dazu, zu entscheiden, ob sie genügend Strafe erhalten haben, ob sie geläutert sind? Oder liegt dieses Urteil nicht eher bei ihren Opfern und deren Angehörigen? Haben vermeintliche „Helden“ ein Recht darauf, frei zu bleiben, nur weil sie nicht greifbar für die Justiz sind? Weil sie so leicht fliehen können? Weil sie die Macht haben, zur Besserung von Leben beizutragen, wie zu deren Zerstörung? Weil sie eine gute Geschichte zu erzählen haben?<br><br>Ist es gerecht, dass ein Fortgeschrittener der Gerechtigkeit entging, wo ein gewöhnlicher Mensch oder auch andere denkende Wesen für viel kleinere Verfehlungen ihre Freiheit einbüßten? Eigentlich ist es das nicht. Eigentlich ist es gut, dass ich angekettet bin. Es ist lediglich die falsche Person, die die Kette hält. Any wird mich damit früher oder später zu neuen Untaten anleiten, da bin ich mir sicher. Die Kette sollte jemandem gehören, der darauf achtet, dass ich Gutes bewirke. Denn einer Überzeugung bleibe ich treu: Der Tod ist keine gerechte Strafe, für jene, die bereit sind, sich zu bessern. Das schließt auch mich ein. Denn Wiedergutmachung bringt den Leidenden mehr als Rache. Aber dennoch kann ich das nicht mit mir selbst ausmachen. Ich muss nach Cestralia. Irgendwie muss ich dorthin gelangen.<br><br>Was Hiranga betrifft, ist die Lage anders. Ihr Leben ist beendet und die Karten werden neu gemischt. Entweder sie wird jemand, der all das vergisst. Alle Schuld und allen Genuss am fremden Leid. Jemand der ein frisches, neues Leben anfängt. Oder sie geht irgendwohin wo ohnehin Vergebung auf jeden wartet. Vielleicht verschwindet sie auch einfach im Nichts. Was weiß ich schon. Nach all der Zeit, selbst nach meinem Aufenthalt in Uranor weiß ich immer noch nicht mit Sicherheit, ob es ein wahres, endgültiges Jenseits gibt oder eine strafende und vergebende Instanz. Oder ob es sie überhaupt braucht.<br><br>„Ich vergebe dir“, sage ich schließlich als ich merke, dass meine Gesprächspause wahrscheinlich schon viel zu lange dauert, „doch wenn du eine weitere Chance bekommst, dann werde bitte eine Schiffbauerin und ein Multiplikator, kein Subtrahend, okay?“<br><br>Hiranga nickt entschlossen. „Danke“, sagt sie und lässt meine Hand los, jedoch nicht, um sich von mir zu lösen, sondern um meine Wange zu streicheln als wäre ich ein alter, inniger Freund, den sie lange vermisst hatte. „Aber was ist mit dir? Die Frage war, ob du uns beiden vergeben kannst.“<br><br>„Ich vergebe meinem alten ich“, sage ich, „meinem jetzigen zu vergeben ist eine tagtägliche Herausforderung und etwas, was ich nicht allein tun kann.“<br><br>„Ich verstehe“, sagt sie, steht auf, tritt zu dem Altar hin und legt ihre Hände darauf, „danke für deine Begleitung. Ich wünsche dir alles Gute auf allen Wegen, die dich rufen.“<br><br>Ihre Stimme klingt noch eine ganze Weile nach, aber ihr Körper löst sich sofort auf. Nicht in Staub, aber in Rauch und Schatten, die immer weiter und weiter verblassen.<br><br>Ich höre wie Krimara neben mich tritt. Auch sie ist umhüllt von Rauch und auf ihrem Gesicht stehen Tränen. Die Geschichte, die sie gehört hat, scheinen sie auch berührt zu haben.<br><br>„Was geschieht nun mit ihnen?“, frage ich.<br><br>„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara mit belegter Stimme.<br><br>Und ich sehe sie erstaunt an.<br><br>„Wir Luth Nomorer beschäftigen uns viel mit dem Tod und dem Abschied und wir haben manchen Einfluss auf die Seelen, die dem Leben noch nahe sind. Aber werfen keinen Blick hinter den Schleier, nicht bei jenen, die wirklich weitergehen. Doch ich denke, die andere Welt ist genauso wild, bunt und vielfältig wie die unsere. Und sie zieht ihren Reiz allein daraus, dass sie ein Enigma bleiben wird. Für die Lebenden wie für die Beinah-Lebenden.“<br><br>„Rätsel sind die Würze des Lebens, was?“, frage ich.<br><br>„So ist es“, sagt Krimara.<br><br>„Und ein wunderbarer Grund einander&nbsp;die Köpfe einzuschlagen“, bemerke ich.<br><br>„Das schaffen die Leute auch ohne Konflikte um das Jenseits und vermeintliche Götter“, sagt Krimara, „oder hast du den Eindruck, dass es seit dem Ende von Uranor friedlicher im Multiversum geworden ist?“<br><br>„Woher weißt du davon?“, frage ich.<br><br>„Wir sind hier recht isoliert, das stimmt“, gesteht Krimara, „aber bestimmte Informationen machen selbst hier die Runde. Vergiss nicht, dass es den ein oder anderen Exil-Luth-Nomorer gibt. Aber das ist noch keine Antwort auf meine Frage, oder?“<br><br>„Nicht wirklich“, antworte ich auf ihre ursprüngliche Frage, „auch wenn es sich hier fast so anfühlt. Es ist irgendwie sehr friedlich hier drin, seit die beiden fort sind. Und das liegt nicht daran, dass Hiranga so grausame Taten verübt hat.“<br><br>„Erlösung und Friede sind Aspekte des Todes“, sagt Krimara sanft und leise lächelnd, „Aspekte, die selbst in dieser verdüsterten Festung noch präsent sind. Aber sie sind nicht die einzigen und nicht jeder von ihnen ist so harmlos. Lass uns weitergehen. Wir haben eine Mission zu erfüllen.“</p>



<p>Ich nicke und schließe mich Krimara an, die auf eine kleine, unscheinbare Holztür hinter dem Altar zustrebt.</p>



<p>„Was ich nicht so ganz verstehe“, frage ich, während Krimara knarrend die Tür öffnet, hinter dem ein weiterer, spärlich beleuchteter Raum zum Vorschein kommt, „sind all dies hier wirklich nur Prüfungen, die feststellen wollen, ob wir würdig sind, sind es Fallen, die Eindringlinge abhalten sollen oder sind es einfach nur willkürliche Manifestationen dieses Ortes und der Seelen, die in ihm leben?“</p>



<p>Meine Frage verfolgt Krimara wie ein Schatten, während sie kurz vor mir die Schwelle überschreitet. Aber genauso wie ein Schatten verhallt sie auch als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.</p>



<p>„Krimara?“, schicke ich einen weiteren Verfolger hinterher, doch er geht ins Leere. Ebenso wie mein suchender Blick und meine tastende Hand.</p>



<p>Krimara ist weg. Sie ist einfach weg. Wieder einmal. Doch diesmal reichen Bosheit, Wahnsinn oder Feigheit nicht als Erklärung aus. Als sich meine Augen an das noch spärlichere Licht dieses Raums gewöhnen, erkenne ich endlich meine Umgebung. Ich befinde mich in einem weiß gefliesten mit Spiegelwänden ausgestatteten, riesigen Raum, in dem sich das wenige diffuse Licht nach wenigen Schritten in vollständiger Dunkelheit verliert.</p>



<p>Ich erkenne auch, dass es in meinem Umkreis keine Tür gibt, außer der, durch die wir gekommen sind und die, wie ein verzweifeltes Rütteln meinerseits zeigt, jetzt unverrückbar im Rahmen hängt. Und mein von vielen Reisen und Rätseln geschultes Auge entdeckt auch keine Falltür, keinen Geheimgang oder sonst irgendwas, das Krimara die Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt zu verschwinden.</p>



<p>Ist es Magie? Eine Täuschung dieses Ortes oder ein Verrat von ihr. All das wäre möglich, aber wenn es ein Zauber ist, der nicht nur meine Augen, sondern auch meine Ohren und meinen Tastsinn täuscht, welche Möglichkeit habe ich dann, gegen ihn vorzugehen?</p>



<p>Ich sehe zu dem Pendel in meiner Hand. Kann es mir irgendwie helfen? Ich spekuliere zwar nicht darauf, dadurch Hilfe von Any zu erhalten und weiß auch nicht, ob ich die überhaupt wollen würde, aber vielleicht lässt sich dem Ding noch ein anderer Trick entlocken. Immerhin hat Any mir ja schon offenbart, dass das Gerät mehr kann als nur zu Zerstören oder die Zeit anzuhalten.</p>



<p>Doch einfach wild damit rumzufuchteln und auf das richtige Ergebnis zu hoffen, ist wie die Suche nach einem bestimmten Sandkorn in der Wüste. Trotzdem versuche ich es. Es gibt ja auch Menschen, die Lotto spielen, oder?</p>



<p>„Enthülle die Täuschung“, sage ich und schwinge das Pendel unbeholfen und ziellos herum wie ein betrunkener und ausgesprochen untalentierter Hogwarts-Schüler im ersten Jahr. Auch meine nächsten Versuche bringen nichts. Egal, für welche willkürlichen Muster ich mich entscheide. Und auch, als ich meine Taktik ändere und nach einer Möglichkeit suche, etwas Licht in den beinah dunklen Raum zu bringen, tut sich rein gar nichts.</p>



<p>„Tolles Spielzeug. Passt zu Any. Es ist nur geeignet, fremde Willen zu brechen“, sage ich frustriert. Natürlich ist mir bewusst, dass mir wahrscheinlich lediglich das Wissen um die passenden Bewegungsmuster fehlt, die Any mir schlicht noch nicht in mein Muskelgedächtnis gepflanzt hat. Trotzdem vermisse ich wieder meine Armwaffe und Karmon, der mit ihr verbunden war. Zu dieser Zeit war ich nicht allein gewesen und das war längst nicht so schlimm gewesen wie es klingen mag.</p>



<p>Nun aber bin ich allein. Und dabei fühle ich mich nicht wie ein mutiger Krieger, der für Ruhm und Ehre in einen verzauberten Kerker hinabsteigt, sondern wie ein Kleinkind das von seinen Eltern im verruchtesten Viertel der Stadt zurückgelassen wurde. Immerhin kommt mir ein Gedanke wegen der Lichtproblematik. Es ist vielleicht ein wenig albern und womöglich fast so unwahrscheinlich wie zufällig die richtigen Pendelbewegungen zu finden. Aber als ich in die tiefen meines Rucksacks greife und dort in einem kleinen, mit einem Reißverschluss gesicherten Fach tatsächlich die kleine Taschenlampe finde, die ich dort vor langer Zeit deponiert und immer wieder vor diversen Widrigkeiten gerettet habe, lächle ich doch kurz in mich hinein. Ich betätige den Schalter, ohne das sich etwas tut, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Und das ist auch gut so. Denn nach ein wenig Schütteln und Herumdrehen an den Batterien erwacht der Lichtstrahl flackernd zum Leben. Zwar mit einem ordentlichen Wackelkontakt, aber nach all dem, was dieses kleine Gerät erlebt hat, ist das immer noch erstaunlich.</p>



<p>Das Licht, mit dem ich vorsichtig und mit möglichst ruhiger Hand Löcher in die Dunkelheit steche, bringt aber keine wirkliche Hoffnung mit sich, sondern nur noch mehr Verzweiflung. Denn nachdem ich den großen ein wenig an einen Ballsaal erinnerten Raum genauestens abgesucht habe – ohne eine Spur von Krimara oder einer Tür zu finden -, sinkt mein Mut in sich zusammen.</p>



<p>Um zu verhindern, dass ich schlicht resigniere und darauf warte, zu verdursten, wende ich mich dem einzigen Anhaltspunkt zu. Der Tür, durch die wir gekommen sind. Vielleicht kann ich wenigstens diese Festung wieder verlassen. Auch wenn ich ohne meinen Katalog, der sich noch immer in Krimaras Besitz befindet, in Luth Nomor gefangen bleiben würde: Ein ganzer Planet ist immer noch ein angenehmeres Gefängnis, als diese verfluchte Totenfestung.</p>



<p>Doch auch dieser Versuch scheitert spektakulär. Zwar sprengt die Energieladung des Pendels die Tür in tausend Stücke, aber was dahinter zum Vorschein kommt, ist nichts als eine Wand.</p>



<p>„Das sieht echt cool aus“, höre ich eine Stimme rufen. Meine Stimme. Nur um einige Jahre jünger und gerade dem Stimmbruch entwachsen.</p>



<p>Sie kommt vom Spiegel. Natürlich. Woher auch sonst. Nun kann ich nicht behaupten, dass ich sonderlich Lust darauf habe, mir nochmal zu begegnen. Immerhin hat meine letzte Konfrontation mit mir selbst mir auch schon keine große Freude bereitet und Krimaras Warnung vor dem Spiegel hallt auch noch in meinem Kopf nach. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich hier unten ein Übermaß an Zerstreuung oder Gesellschaft genieße. Und von mir selbst in eine Spiegelwelt der Verdammnis gezerrt zu werden, ist immerhin ein stilvollerer Tod, als langsam zu verdursten.</p>



<p>Also trete ich näher und sehe mir den jüngeren Adrian genauestens an. Er hat sich seit meinem letzten Blick in den Spiegel ziemlich gemacht. Inzwischen ist er ein blasser, dürrer und etwas verpeilt und verschlafen aussehender Junge, der lässig auf seinem abgewetzten PC-Stuhl sitzt. Er trägt ein zu weites, weißes T-Shirt mit einem roten Sonnenaufgang, Palmen und der Aufschrift „California“. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich hatte es im Angebot irgendeines Billig-Klamottenladens gekauft. Ich war zwar kein riesiger USA-Fan gewesen, aber ich habe solche T-Shirts mit Aufschriften, Symbolen und Bildern von allen möglichen Ländern trotzdem sehr gerne gesammelt. Zu der Zeit sollte ich Dreizehn gewesen sein. Vielleicht auch vierzehn.</p>



<p>„Danke“, sage ich zu mir selbst und komme mir dabei auch nur mittelmäßig dämlich vor. Inzwischen hatte ich Routine im Mindfuck-Game.</p>



<p>„Bist echt ein cooler Loser“, sagte mein altes Ich grinsend.</p>



<p>„Pass auf, du beleidigst dich selbst“, warnte ich.</p>



<p>„Schon okay“, sagt Teenie-Adrian oder wie auch immer ich damals hieß, „ich weiß, dass ich ein Loser bin. Und wüsste es nicht, bräuchte ich nur auf meine Klassenkameraden zu hören.“</p>



<p>Da hatte der Bengel recht. Ich war damals zwar kein typisches Mobbing-Opfer, aber auch nicht unbedingt Everybodys Darling gewesen.</p>



<p>„Kürzen wir das ab, okay?“, sage ich ganz offen, „bist du eine Manifestation meiner Gedanken, eine bescheuerte Prüfung, mein wirkliches Vergangenheits-Ich oder einfach nur eine lauernde Abscheulichkeit im Teenie-Kostüm, das mich in seine beschissene Spiegelwelt ziehen will?“</p>



<p>Spiegel-Adrian fängt herzhaft an zu lachen. So ungezwungen und locker, dass ich mich sofort entspannen will. Dann aber verdüstert sich sein Gesicht, er drückt seinen Kopf ganz nah an das Glas und im Hintergrund seines unaufgeräumten Zimmers glaube ich plötzlich, träge, schattenhafte Nachbilder zu sehen, die für Sekundenbruchteile wie von eigenem Leben beseelt durch die Haufen an Socken, Jeans und Büchern streifen.</p>



<p>„Wenn ich ein gefährliches Monster wäre“, sagt er düster, „würde ich dir das kaum sagen, oder?“</p>



<p>Sein Lächeln ist warm, aber das Gefühl der Bedrohung bleibt. Ist es Show oder ein wohldosiertes Körnchen Wahrheit, das er mir präsentiert? Ich entschließe mich vorerst von ersterem auszugehen und locker zu bleiben. Immerhin erinnere ich mich gut daran, welche Vorliebe mein altes Ich für Theatralik hatte.</p>



<p>„Du kannst es mir ruhig offen sagen, wenn du ein Monster bist“, sage ich ermutigend, „ich würde trotzdem in den Spiegel steigen. Lebendig die Seele ausgesaugt zu bekommen ist spannender als dieser Ort und dein Zimmer sieht auch viel gemütlicher aus als diese staubige Abstellkammer hier.“</p>



<p>„Wie schade, dass du es nicht betreten kannst“, sagt Teenie-Adrian.</p>



<p>„Kann ich nicht?“, frage ich tatsächlich etwas enttäuscht.</p>



<p>„So funktioniert dieser Ort nicht“, sagt meine jüngere Version, „aber das heißt nicht, dass ich dir nicht helfen kann.“</p>



<p>„Ach was?“, frage ich vorsichtig etwas Hoffnung schöpfend, „und wie kannst du mir helfen?“</p>



<p>„Ich kann dir einen Weg öffnen“, sagt Teenie-Adrian.</p>



<p>„In die Spiegelwelt?“, frage ich.</p>



<p>„Nein, du Idiot, auf die andere Seite dieser Mauer“, erwidert mein Gegenüber.</p>



<p>„Das wäre sogar noch besser“, antworte ich.</p>



<p>„Wie man es nimmt“, sagt mein anderes Ich, „manche Wege sind noch verworrener als jeder Spiegel.“</p>



<p>„Ach komm, jetzt red nicht so einen Rätselmist. Was weißt du über das, was hinter der Wand liegt? Ich hasse Überraschungen“, sage ich.</p>



<p>„Das ist gelogen, du liebst sie“, sagt Teenie-Adrian, „genau wie du Rätsel liebst. Vielleicht bist du selbst dir auch deshalb immer noch eins. Weil du es nicht lösen willst. Weil es dir den Kern rauben würde. Das, was dich ausmacht und belebt. Deshalb werde ich dir die Rätsel nicht nehmen. Ich werde nicht sagen, was genau ich bin, nicht wie ich damals hieß, auch wenn ich es sogar weiß und ich werde dir verdammt nochmal nicht sagen, was dich erwartet. Aber den Weg, Kollege, den kann ich dir öffnen.“</p>



<p>Mit diesen Worten schoben sich die Wände, samt des Spiegels ein Stück auseinander, sodass mein eigensinniges Spiegelbild in der Mitte geteilt wird. Ich bin mir fast sicher, dass dieser Effekt beabsichtigt war.</p>



<p>„Du bist ein unerträgliches Rotzblag“, sage ich.</p>



<p>„Hey, komm, dafür, dass ich gerade erfahren habe, dass du meine Zukunft bist, halte ich mich doch ganz gut, oder nicht“, sagt das Ding lachend, das ein Teil von mir sein kann oder auch nicht.</p>



<p>Mit einem etwas skeptischen Seitenblick gehe ich dennoch durch die Öffnung und achte instinktiv darauf, den Spiegelenden nicht zu nahe zu kommen, aus Angst heraus doch davon verschluckt zu werden. Aber das passiert nicht. Mein Spiegelbild hält Wort und spart sich zugleich jedes weitere.</p>



<p>Was mich auf der anderen Seite erwartet,vist Schweigen. Aber wenigstens keine Dunkelheit. Stattdessen sehe ich einen recht gut beleuchteten, gewölbeartigen Keller. Die Decke ist niedrig, aber gerade nicht so niedrig, dass ich kriechen muss. Trotzdem gibt es mir sofort ein subtiles Gefühl von Klaustrophobie. Und das, obwohl der Keller selbst recht weitläufig ist. Links und rechts sehe ich weitere breite Gänge, abgetrennt von dicken Gitterstäben, die den Blick auf ein weitverzweigtes Tunnelnetzwerk freigeben.</p>



<p>Sofort packt mich meine Entdeckerlust. Natürlich ist meinem Verstand klar, dass es womöglich keine gute Idee ist, sich in dem Gewirr aus Gängen und Pfaden zu verlieren, aber meine Impulse sprechen da eine deutlich andere Sprache. Vielleicht zu meinem Glück haben sie in dieser Angelegenheit nicht viel zu melden. Denn die Gitterstäbe erweisen sich nicht nur als allgegenwärtig, sondern auch als unzerstörbar. Die Energieschübe von Anys Pendel prallen allesamt an dem schwarzen, mittelalterlich anmutenden Eisen ab. Und sich durch die Engen Stäbe zu quetschen, erscheint mir erst recht unmöglich. Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass es einen Weg geben muss. Denn von Zeit zu Zeit, nehme ich aus dem Augenwinkel Bewegungen in den Gängen war. Huschende Schatten, verstohlene Silhouetten oder auch plastische, aber nur zu einem kleinen Teil erkennbare Körper, die in der Ferne Schutz vor meinen Blicken suchen oder sich für einen Hinterhalt in Position bringen.</p>



<p>Sie sind humanoid. Zumindest meistens, auch wenn ich nie mehr als einen Fuß, ein Bein oder den Ansatz eines Oberkörpers ausmachen kann. Aber sind sie wirklich da oder bloße Halluzinationen? Ich habe nicht die geringste Ahnung und ohne die Berührung von Krimaras Hand habe ich wohl auch keine Möglichkeit, es festzustellen. Jedenfalls nicht, ehe es zu einer solchen Konfrontation kommt.</p>



<p>Anfangs versuche ich mehr zu erkennen, lauere meinerseits auf die Bewegungen, giere aufmerksam nach einem besseren, genaueren Blick, aber nach einer Weile gebe ich meine Versuche auf und gehe einfach weiter. Dieser Ort spielt seine Spiele mit mir, so viel ist klar. Und er wird mir seine Züge jetzt noch nicht offenbaren. Also gehe ich weiter. Über grauen, staubigen, rauen Stein, einen geraden, endlos erscheinenden Weg entlang. Minuten? Stunden? Ich weiß es nicht. Das Verstreichen der Zeit kann ich allein an den leiser werdenden Geräuschen und seltener sichtbaren Schatten ausmachen. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Anfangs tendiere ich zu ersterer These, doch je länger ich durch diese eintönige Umgebung laufe, desto mehr bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ein Angriff, eine konkrete Bedrohung, käme mir jetzt gerade recht. Ich merke bereits, wie meine Sinne stumpf werden, wie meine Wachsamkeit nachlässt und sich eine Müdigkeit in mir ausbreitet, die wenig mit körperlicher Erschöpfung zu tun hat.</p>



<p>Nach einiger Zeit ereignet sich zumindest etwas. Frisches Licht fällt herein. Helles, weißes Sonnenlicht, das in staubigen, dünnen, melancholischen Säulen von der Decke ragt. Durch Schlitze, die zu klein sind, um etwas dadurch zu erkennen, geschweige denn, sich einen Weg hinauf zu bahnen. Meinem Beschuss hält die Decke jedenfalls stand. Und das ist kein Wunder. Alles hier ist wie eingefroren. Das wird mir eindeutig klar, als ich testweise etwas von dem reichlich vorhanden Staub von den Wänden wischen will, er sich aber nicht im Geringsten bewegt oder verändert.</p>



<p>Das einzige, was sich an diesem Ort wirklich verändert hat, ist die Tatsache, dass der Eingang verschwunden ist. Das hatte ich bereits kurz nach meiner Ankunft hier festgestellt. Und warum auch nicht? Mit dieser verfluchten Totenfestung scheint es so zu sein, wie mit meinem Katalog: Es gibt keinen Weg zurück. Und anders als beim Katalog gibt es vielleicht nicht mal die Möglichkeit, einen langen komplizierten Umweg zu nehmen, auch wenn ich natürlich darauf hoffe. Immerhin: mein Weg ist klar vorgezeichnet, auch wenn mir immer noch nicht klar ist, wohin er führen wird.</p>



<p>Und es sieht auch nicht so aus, als ob sich dieses Geheimnisse in naher Zukunft lüften wird. Der Weg ist viel länger als ich zunächst angenommen habe. Selbst wenn meinem Zeitgefühl nicht wirklich zu trauen ist. Aber bald bin ich sicher, nicht nur Stunden, sondern Tage unterwegs zu sein. Und das, obwohl sich an dem trügerischen Sonnenlicht über mir nichts ändert. Keine Ahnung, welchen Irrsinn die Festung diesmal mit mir vorhat, aber inzwischen wünsche ich mir fast das Angebot von Hiranga angenommen und zum Führer eines Nekromantenkults avanciert zu sein. Dort wäre ich sicher auf mehr Leben getroffen als hier.</p>



<p>„Krimara!“, rufe ich immer wieder, wenn ich die Stille einmal nicht mehr ertrage. Weniger, weil ich ernsthaft darauf hoffe, eine Antwort zu erhalten. Vielmehr, um nicht den Verstand zu verlieren und wenigstens meine eigene Stimme zu hören. Womöglich aber auch, um irgendwen anzulocken. Sei es einen Freund, einen Feind oder eine kosmische Abscheulichkeit.</p>



<p>Doch mich besucht allein mein Echo. Ein müdes, raues Echo und irgendwann beginnen mir meine Stimmbänder wehzutun. Meine Kehle ist trocken und rau und Wasser ist nirgends in Sicht. Ich krame etwas aus meinem Rucksack hervor. Dort gibt es tatsächlich noch eine kleine Plastikflasche, die ich vor gefühlten Äonen mit dem Wasser irgendeiner fremden Welt gefühlt habe. Ich trinke daraus, doch es schmeckt widerlich abgestanden und alt. Dennoch würge ich es runter und irgendwie gibt es mir und meinen müden Gliedern wieder etwas mehr Kraft.</p>



<p>Trotzdem fühle ich mich unendlich erschöpft. Aber irgendwie bringe ich es nicht fertig, mich auszuruhen. Dieses Gewölbe ist kein Ort dafür. Das schreien mir alle bewussten und unbewussten Sinne förmlich zu. Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche, aber sobald ich meinen Rücken gegen einer dieser Wände lehne, befällt mich ein überwältigendes Gefühl von Unruhe und Gefahr.</p>



<p>Dabei wird mein Bedürfnis, mich auszuruhen immer größer. Eine unerklärliche Müdigkeit, die über bloße körperliche Erschöpfung hinausgeht. Und da ist da noch dieser Durst, denn das letzte Tröpfchen an abgestandenem Wasser habe ich inzwischen längst aus den Windungen meiner Plastikflasche geleckt.</p>



<p>Dennoch schleppe ich mich weiter vorwärts und schließlich, nach vielen Stunden oder eher Tagen in dieser Monotonie, sehe ich einen Ausweg. Eine Treppe, die zu einer Falltür führt, die in der Decke eingelassen ist.</p>



<p>Obwohl mich mein Durst fast umbringt und ich es kaum erwarten kann, diesen Tunnel endlich zu verlassen, zögere ich zunächst. Kann meine Lage an solch einem Ort, überhaupt besser werden oder eher noch schlimmer?</p>



<p>Doch als ich meinen verbleibenden Mut und meine Kraft zusammennehme und endlich die Falltür aufstoße, bin ich überrascht.</p>



<p>Über mir ist der freie Himmel und eine Handvoll Gebäude einer kleinen Stadt oder eines Dorfes, deren runde Architektur stark an die Grabmale und Mausoleen von Luth Nomor erinnert. Über mir steht sogar eine echte und halbwegs warme Sonne. Hab ich es vielleicht wirklich geschafft, diese elende Illusion, Taschendimension oder was zur Hölle das hier auch immer ist, zu verlassen? Allein der Gedanke pumpt neue Energie in meine müden Glieder.</p>



<p>Erst recht als ich einen dunklen Springbrunnen im Zentrum des Ortes entdecke. Ich stürme darauf zu, tauche meine Hände in das lauwarme Wasser und benetze meine ausgetrockneten Lippen und schließlich meine raue Kehle mit dem ersehnten Nass. Es ist erleichternd, doch leider schmeckt es genauso schlecht wie das Wasser aus meiner Flasche. Wenn nicht sogar noch schlechter. Nicht giftig, nicht einmal richtig bitter. Aber tot, abgestanden und staubig.</p>



<p>Erst jetzt betrachte ich den Springbrunnen genauer. Das Wasser darin ist zwar nicht trüb, aber tatsächlich von einer feinen, unappetitlichen Schicht aus Staub überzogen. Nicht nur im Wasser, dass sich im Becken gesammelt hat, sondern auch in dem, das aus den gebogenen Wasserstrahlen stammt, die sich im Bögen vom Zentrum nach unten erstrecken und die vollkommen still stehen. Wie ist das möglich? Das Wasser ignoriert alle Gesetze der Schwerkraft und der Zeit und steht einfach wie eingefroren in der Luft.</p>



<p>Sofort befällt mich Übelkeit. Ich will die Flüssigkeit auswürgen. Aber mein bedürftiger Körper weigert sich zugleich, die kostbare Substanz wieder herzugeben. Schließlich gebe ich auf und trete einen Schritt zurück.</p>



<p>Erst jetzt sehe ich mir den Brunnen genauer an. Die beiden Wasserspeier, von denen die erstarrten Strahlen ausgehen, sind ein Mann und eine Frau mit eingefallenen Wangen, schrumpeliger Haut und gequältem Gesicht. Dieser Gesichtsausdruck befeuert meine Angst und meine Übelkeit nimmt mit einem Mal noch weiter zu.</p>



<p>Sicher eine halbe Stunde setze ich mich ängstlich auf den Boden und warte auf irgendwelche körperlichen oder neurologischen Symptome einer Vergiftung. Aber nichts geschieht, abgesehen von einem starken Gefühl der Vorahnung und der Angst. Wo zum Fick bin ich hier gelandet? Und vor allem: Wie finde ich wieder einen Weg zurück?</p>



<p>Ich entschließe mich, meine Suche in den Häusern fortzusetzen. Sie sehen alle ähnlich aus. Einstöckige, hellgraue Bauten mit weißen Fensterrahmen, trüben Fenstern und abgerundeten Ecken. Die Türen sind offen. Das innere der Gebäude ist karg und düster eingerichtet. Schwarzer Boden, dunkelgraue Wände, hellgraue Möbel, patiniert mit einer weißen, schmierigen Staubschicht. Dieser Staub ist aber nicht nur in und an den Möbeln. Er ist überall in der Luft. Ganz fein und auf den ersten Blick gewöhnlich. Aber dennoch widerstrebt es mir, ihn einzuatmen. Allein, welche Wahl habe ich?</p>



<p>Während ich durch die schmucklosen Räume streife, die wie eine Fusion aus einem gewöhnlichen Haus aus meiner Welt und der tristen Atmosphäre Luth Nomorischer Innenarchitektur wirken, begleitet mich jenes Gefühl der Bedrohung wie ein treuer Hund. Ich denke wieder an die Schemen aus den Tunneln und bei jedem selbstverursachten Knarzen, bei jeder Spiegelung des erstarrten Sonnenlichts auf Verzierungen und Elementen aus Metall, zucke ich zusammen, obwohl nichts weiter passiert.</p>



<p>Metall ist das einzige Material hier, in dem sich das Licht reflektieren kann. Winzige Blenden und Verzierungen, alle zu klein, um sich als Mensch darin erkennen zu können. Und gewöhnliche Spiegel gibt es hier auch nicht. Selbst das Wasser im Brunnen ist zu staubig dafür gewesen, wenn ich recht darüber nachdenke. Jedenfalls habe ich mein Gesicht darin nicht erkannt. Es ist fast so als wollte dieser Ort verhindern, dass man sich hier selbst spürt oder erkennt.</p>



<p>Dabei sehne ich mich danach, mich zu betrachten, zu schauen wie ich mich verändert habe und ob ich überhaupt noch ich bin oder ob ich gar in den Traum oder das Leben eines anderen gewechselt bin, ohne es zu bemerken. Dieses Verlangen ist fast so stark wie das Fernweh in mir, doch leider noch viel unstillbarer. Lediglich meine Finger vermitteln mir den Eindruck, dass ich hier nicht die seltsame Leichenhaut trage, die mir Krimara verschafft hat.</p>



<p>Doch es mangelt nicht nur an Spiegeln. Auch sonst gibt es in den Häusern nicht viel zu finden. Jedenfalls zu Anfang. Erst nach gründlicherer Suche entdecke ich in manchen Behausungen verwinkelte, weitläufige Kellerräume, ohne erkennbaren Zweck, in denen nichts lagert als leere Kisten voller Schatten und Staub.</p>



<p>In anderen Häusern finde ich Türen, hinter denen allein grauen Mauern warten, selbst wenn ich das starke Gefühl habe, dass sie einst irgendwohin geführt haben. Doch wohin? In den weglosen Raum? Ins Geflecht? Zurück nach Luth Nomor oder in irgendeine andere, seltsame Dimension? Doch wohin auch immer sie einst geführt haben mochten: Ich fange schnell an zu begreifen, dass dieses Wohin mit hoher Wahrscheinlichkeit weit besser sein wird als der Ort an dem ich mich gerade befinde. Diese Stadt ist tot. Toter als alles, was Luth Nomor einst beherbergt hat. Sie ist geformt aus nekrotische, Gewebe, das selbst noch die dunkelste Form von Leben aus purem Selbstschutz abgeschnürt und ausgestoßen hat, um sich vor seinen Zerfallsgiften zu schützen.</p>



<p>Leben hat hier keinen Platz. Nicht einmal die höheren, bewussteren und von Hoffnung berührten Formen des Todes haben das. Und doch bin ich hier. Hineingelockt von meinem verfluchten Spiegelbild. Dabei sollte ich doch inzwischen wirklich gelernt haben, mir nicht zu vertrauen.</p>



<p>Anfangs denke ich, dass ich sterben werde. Verdursten vielleicht nicht, wo doch das abgestandene Wasser zumindest das verhindert. Aber doch verhungern, da man sich von Staub allein nicht ernähren kann.</p>



<p>Wie ein Geist streife ich umher, gehe von Haus zu Haus, suche nach Nahrung, nach einem Ausweg. Nach irgendetwas, was ich tun kann, in diesem Dorf, das doch größer ist, als auf den ersten Blick schien. Doch irgendwann bin ich schlicht zu erschöpft und beschließe morgen nach einem Ausweg zu suchen. Wenn man an diesem Ort ohne Zeit von einem Morgen sprechen kann. Also lege ich mich in eines der staubigen Betten, unter eine graue, alte Bettdecke, ziehe die schweren Vorhänge vor, um das allgegenwärtige Licht auszusperren und hoffe, dass mich die Dunkelheit in ihre Arme nimmt.</p>



<p>Das tut sie auch, wenn auch nicht auf jene Weise, wie ich es mir erhofft habe. Die ganze Zeit habe ich die Wesen aus den Tunneln nicht erblickt und kaum an sie gedacht, doch nun, wo ich verzweifelt und entkräftet in diesem ungemütlichen Bett liege und in das dunkle, fremde Zimmer starre, habe ich das drängende Gefühl, dass sie bei mir sind. Ich höre manches Flüstern, den ein oder anderen Windzug am Nacken und manchmal, kurz bevor ich die Augen schließe, glaube ich eine Hand oder den Schemen eines Gesichtes ganz in meiner Nähe zu erblicken. Doch mehr passiert nicht und wenn ich die Vorhänge öffne und das Licht hereinlasse ist da nichts.</p>



<p>Nach dem vierten Mal, wo ich mir auf solche Weise Erleichterung verschafft habe, komme ich zu der Überzeugung, dass der große, böse Adrian, der Bezwinger von Tausenden, der Vernichter von Welten und Auslöscher unzähliger Leben einfach Angst im Dunkeln hat. Wie kindisch, denke ich und versuche das Gefühl zu verdrängen, dass die Annahme, es würde keine Monster unter meinem Bett oder in den Schatten lauern. an einem Ort wie diesen vielleicht noch viel kindischer ist. Irgendwann schlafe ich dennoch ein, wenn auch vor allem durch pure Erschöpfung.</p>



<p>Es ist ein Rascheln, das mich wieder erwachen lässt, gefolgt von einem brummenden Fiepen in meinen Ohren und einem Gefühl von Schwere und Schwindel in meinem Kopf. Ich öffne die Augen, die sich träge und verklebt anfühlen und blicke der Hölle ins grinsende Gesicht. Auf mir sitzt eine Gestalt. Mit langen, schwarzen Gliedern, aufhockend wie ein Liebhaber, aber so weit entfernt von Liebe, wie man es nur sein kann. Das Gesicht, dürr und hager, mit langen, strähnigen, aber spärlichen Haaren, geschnitten aus Schatten und Fleisch, die wie lepröse Haut von ihrem Kopf herabhängen und kitzelnd über meine nackte Brust streichen.</p>



<p>Das Gesicht ist heller als der Rest. Mit einem geringeren Anteil an Schatten und mehr hässlichem, blassen Fleisch. Der Mund ist zu einer traurigen Grimasse verzogen, die jedoch allein sich selbst zu bemitleiden scheint und die Gesichtszüge sind hängend, verfallen und unförmig wie geschmolzener Käse.</p>



<p>Mein Herz donnert wie ein explodierender Eisklumpen gegen meine Brust. Ich spüre, wie mir das Geschöpf den Atem abschnürt und die Brust eindrückt, allein durch seine bloße Präsenz. Erst jetzt sehe ich feine, schwarz-violette und halbtransparente Rauchfäden von meinem Mund in seinen aufsteigen. Es trinkt, begreife ich. Es saugt mich aus. Es ist dieser Gedanke, der meine Starre zumindest teilweise bricht. Ich nehme meine Hände hoch oder versuche es zumindest. Aber sie sind viel zu schwach. Die Muskeln zucken erst kaum und als ich sie doch bewege, sind sie so schwer und ungelenk als wären sie vollkommen eingeschlafen. Dennoch gebe ich nicht auf, weigere mich in diesem elenden Zeitloch zu verrecken.</p>



<p>Doch das ist leichter gesagt als getan, denn meine körperlichen Kräfte verlassen mich mit jeder Sekunde in denen diese Kreatur an mir saugt noch weiter. In ihren dunklen Augen erkenne ich Genuss, Zufriedenheit, Triumph. Aber keine echte Bosheit. Nicht weil sie dafür zu dumm ist – sie erscheint mir sogar äußerst intelligent –, sondern weil sie einfach tut, was sie tut. Sie hat Hunger und ich bin Nahrung.</p>



<p>Aber ich bin keine Kuh in irgendeinem Stall, deren Milch oder Blut man abzapfen kann. Ich bin nicht wehrlos. Ich habe noch das Pendel. Ich habe es beim Schlafen vorsorglich in die Hand genommen und mir um das Handgelenk geschlungen. Vielleicht bringe ich zumindest die Kraft auf es zu nutzen, für einen einzigen Befreiungsschlag. Mühevoll wende ich meinen Kopf und erstarre fast vor Überraschung. Ich bin tatsächlich bewaffnet, wie ich feststelle. Aber nicht mit dem Pendel, sondern mit meiner Armwaffe. Fast wie zu der Zeit als ich meinen Körper noch geteilt habe mit …</p>



<p>„DU TRÄUMST, ADRIAN!“, höre ich Karmons Stimme in meinem Kopf. Ein Schauer der Rührung erfüllt mich bei diesen Worten. Erst jetzt realisiere ich wieder, wie ich ihn vermisst habe, wie sehr er ein Teil von mir gewesen ist.</p>



<p>Doch es ist nach der Klang seiner Stimme, es sind vor allem die Worte, die sie trägt, die mich aus meiner Starre reißen. Mit neuer, frischer Kraft richte ich meine Armwaffe auf das Geschöpf, dass nicht mit meinem Angriff rechnet. Ein schwarzer Blitz schießt hervor und stanzt ein gewaltiges Loch in die Kreatur, die zwar nicht vergeht, aber sich kreischend zurückzieht, aus dem Zimmer und irgendwo in die Tiefen dieser seltsamen Stadt.</p>



<p>Das Gefühl der Befriedigung, der Macht, ist berauschend. Viel besser als alles, was Any oder ihr Spielzeug mir vermitteln kann. Das bin ich! Das gehört zu mir! Genau wie auch Karmon. Mein geliebter Grong-Shin, der lange fort ist oder schlimmer noch: Zu Marnok geworden, einem Zerrbild seiner einstigen Größe und Weisheit.</p>



<p>Doch wie dem auch sein: Endlich kann ich wieder atmen und genieße diesen Luxus – ob real oder nicht – wieder in vollen Zügen. Auch erheben kann ich mich wieder. Doch die Stärke, die mich zusammen mit Karmons Stimme überkommen hat, ist leider verschwunden. Ich fühle mich wieder schwach, ausgelaugt. Aber immerhin noch kräftig genug, um aufzustehen und mich in dem Zimmer umzusehen, das tatsächlich nicht ganz normal aussieht. Die Wände, die Möbel, der Boden, die Decke – alles scheint ein wenig durchscheinend und erzeugt träge Nachbilder, die sie wie Kometenschweife hinter sich herziehen, wenn ich meinen Kopf zu schnell drehe.</p>



<p>„Du sagst, das ist ein Traum“, sage ich zu Karmon, falls er es denn ist, „heißt das, das Ding war auch nicht real?“</p>



<p>„JA UND NEIN“, antwortet die Stimme, „IN DER PHYSISCHEN WIRKLICHKEIT IST ES NUR EIN GEDANKE, EIN KONZEPT. ABER IN DEINEN TRÄUMEN IST ES REAL. UND HIER AN DIESEM ORT KANN ES DIR AUCH SCHADEN.“</p>



<p>„Und du?“, frage ich hoffnungsvoll, „bist du real?“</p>



<p>„JA“, sagt er und mein Herz macht einen Hüpfer vor Freude. Doch ich spüre das ABER schon, bevor Karmon es ausspricht.</p>



<p>„JEDER GRONG-SHIN HINTERLÄSST ETWAS IM ANDEREN“, erklärt Karmon, „KEINE TRENNUNG ODER VERÄNDERUNG KANN DAS AUSLÖSCHEN. ABER ICH BIN NUR EIN ECHO, KAUM MEHR ALS EIN FINGERABDRUCK ODER EINE HANDVOLL STAUB VON DEM, WAS EINST WAHR. UND ICH KANN ALLEIN HIER MIT DIR REDEN UND DICH UNTERSTÜTZEN, AN DIESEM ORT UND IN DIESEM ZUSTAND, WO DIE ZEIT MICH NICHT WEGWEHEN KANN. ICH BIN ABER IMMER DA, WENN DICH DAS TRÖSTET.“</p>



<p>„Gibt es keine Möglichkeit, dich zurückzuholen in die echte Welt?“, frage ich.</p>



<p>„FALLS ES DIE GIBT KENNE ICH SIE NICHT“, sagt Karmon, „MEINE WAHRNEHMUNG DER WELT IST SEHR BEGRENZT. UND SELBST, WENN ES GINGE, SO BIN ICH DOCH NUR EIN SCHATTEN. ICH WÜRDE DICH ENTTÄUSCHEN UND ICH WÜRDE WOHL BALD VERGEHEN.“</p>



<p>„Dann weißt du bestimmt auch nicht, wie ich diesen Ort verlassen kann?“, frage ich mit mühsam unterdrückter Enttäuschung.</p>



<p>„NEIN“, sagt Karmon knapp, „DEN WIRST DU SELBST FINDEN MÜSSEN.“</p>



<p>„Sprechen wir uns denn wieder?“, frage ich und spüre Tränen in meinen Traumaugen.</p>



<p>„JA“, sagt Karmon, „WENN ES DICH WIEDER ZU SICH ZIEHT, WERDE ICH DIR BEISTEHEN, SOWEIT ICH ES KANN. ABER SEI GEWARNT: ICH WERDE MIT JEDEM MAL MEHR VON DIESEM REST HIER VERLIEREN. MIT JEDEM WORT, MIT JEDEM ANGRIFF. UND IRGENDWANN … WIRST DU ALLEIN SEIN. DAS SOLLTEST DU WISSEN.“</p>



<p>Diese Offenbarung trifft mich so hart, dass es mir den Atem verschlägt. „Karmon, warte, wie meinst du das ich …“, sage ich hilflos aber Karmon ist verstummt. Nicht weil er gänzlich fort ist – noch nicht –, sondern weil ich wieder in meinem Bett in der realen Version dieses Ortes liege.</p>



<p>Doch auch wenn die Dinge um mich herum diese seltsame Düsternis und Verschwommenheit verloren haben, ist meine Stimmung so finster wie nie. Gerade als ich Karmon – zumindest in gewisser Weise – wiedergefunden habe, drohe ich ihn schon wieder zu verlieren. Außerdem ist nun das Schlafen selbst zu einer grausamen Bedrohung geworden und ich spüre immer noch deutlich die Energie, die mir dieses Geschöpf abgesaugt hat.</p>



<p>Ob es mehrere solcher Wesen gibt? Haben die Gestalten im Tunnel etwas mit ihm zu tun? Keines dieser Rätsel erschließt sich mir, aber ich habe auch ein ganz konkretes Problem. Ich brauche Nahrung. Das Wasser aus dem Brunnen hilft zwar, mich am Leben zu erhalten, aber wie ich schon festgestellt hatte: von Wasser und Staub allein kann ich mich auch nicht ernähren.</p>



<p>Zumindest dieses Problem erweist sich zum Glück als lösbar. Während ich die Stadt weiter erkunde, stoße ich schließlich auf eine Art Lebensmittelgeschäft, welches verschiedene Nahrungsriegel in mattem, wächsernen, schwarzen Papier anbietet. Die Aufschriften kann ich nicht entziffern. Dass es sich um Nahrung handelt, entnehme ich vor allem dem angenehmen Duft der verschiedenen Produkte, der mir zugleich Hoffnung macht, dass sie noch nicht verdorben sind. Vielleicht, weil sie in der Zeit konserviert sind. Ihre Anzahl macht zudem den Eindruck, dass ich damit Monate oder sogar Jahre auskommen kann, falls sie sich als genießbar und nahrhaft erweisen.</p>



<p>Leider stellt mich die Sprachbarriere beim Lesen der aufgedruckten Zutaten und Beschreibungen vor ein anderes Problem. Selbst wenn ich keine mir bekannten Nahrungsmittelallergien habe und bislang die meisten exotischen Nahrungsmittel auf meinen Reisen mehr oder weniger gut vertragen habe, befinde ich mich immer noch in einer Welt, in der man den Tod verehrt und mitunter wissentlich herbeiführt. Auch durch Nahrung. Es ist also gut möglich, dass mindestens einer dieser Riegel ein tödliches Gift enthält.</p>



<p>Trotzdem muss ich es wohl auf einen Versuch ankommen lassen, wenn ich nicht einen potenziellen schnellen gegen einen sicheren langsamen Tod eintauschen möchte. Also reihe ich die verschiedenen Sorten vor mir auf und probiere ein winziges Stück des ersten Riegels. Der Geschmack ist köstlich, süßlich und prickelnd wie Ananas und Brause.</p>



<p>Ich entschließe mich, ihn zu genießen, da ich nicht weiß, ob er der letzte Geschmack sein wird, den ich je wahrnehmen werde. Dann warte ich auf verräterische Anzeichen einer Vergiftung. Die ersten Minuten geschieht nichts. Dann beginnt erst mein rechtes Augenlid, kurz darauf mein linker kleiner Finger und schließlich mein halber Körper unkontrolliert zu zucken. Ein saurer Geschmack steigt in meinen Mund auf und ich spüre wie schaumiger Speichel herausläuft.</p>



<p>Nach einer Viertelstunde ist der Krampfanfall vorbei und mein Körper scheint ihn mehr oder weniger heil überstanden zu haben.</p>



<p>Ich habe – nachvollziehbarerweise – wenig Lust auf einen weiteren Versuch, aber dennoch probiere ich mich weiter durch die Auswahl.</p>



<p>Nachdem ich fertig bin, fühle ich mich, als wäre ich mit einer Lungenentzündung einen Marathon gelaufen und hätte danach eine Schlägerei gegen zehn Leute bestritten.</p>



<p>Rings um mich hat sich ein Kreis aus Erbrochenem und Körpersäften gebildet. Aber ich lebe noch und habe einige Dinge herausgefunden. Von den sieben Sorten sind drei ungiftig, die glücklicherweise auch zu den häufigsten zählen. Je wohlschmeckender ein Riegel ist, desto gefährlicher ist er. Zwei der „genießbaren“ Sorten schmecken wie durchgekaute Pappe. Eine schmeckt selbst wie Erbrochenes, hat jedoch dafür sogar mild heilende Eigenschaften. Zumindest nehme ich das an, denn seitdem ich davon probiert habe, beginnt es mir etwas besser zu gehen.</p>



<p>Dennoch hat mir mein Experiment schwer zugesetzt. Aber zumindest ist meine Nahrungsversorgung gesichert und eine genauere Inventur lässt mich meine ursprüngliche Schätzung nach oben korrigieren: Selbst die ungiftigen Riegel sollten noch viele Jahre reichen. Auch wenn ich natürlich hoffe, diesen Vorrat nicht ausreizen zu müssen, ist diese Aussicht beruhigend. Verhungern ist kein schöner Tod und mein Fernweh ist immer noch zu groß um einfach aufzugeben. Ich will neue Horizonte erforschen und gottverdammt auch neue Freunde, Feinde und Weggefährten treffen. Und vielleicht ja auch alte wieder zu mir holen.</p>



<p>Schon allein aus diesem Grund, schwöre ich mir, Karmon oder was auch immer von ihm übrig ist, so wenig wie möglich zu bemühen. Ich will ihn nicht verlieren. Natürlich habe ich nicht die geringste Ahnung, ob es einen Weg gibt, ihn zurückzuholen oder ob auch er nur ein Fiebertraum ist, den diese Stadt mir ins Hirn gelegt hat wie eine Schlupfwespe ihr Ei. Aber wenn auch nur die geringste Chance besteht, mir meinen Gefährten zurückzuholen, will ich sie nicht Zunichte machen. Ob mir das gelingt, werde ich wohl oder übel erfahren, wenn mich die Müdigkeit erneut zum Schlafen zwingt.</p>



<p>Während ich mir den Tag damit vertreibe, meine Vorräte zu sortieren und weitere Gebäude zu erforschen, frage ich mich, was mit Krimara geschehen ist. Hat sie ihre Mission abgebrochen? Ist sie alleine weitergezogen? Oder ist seit meiner Abwesenheit bei ihr noch keine Zeit vergangen? All diese Szenarien sind denkbar, aber bis ich zurückkehre – falls ich das schaffe – werde ich keine Gewissheit darüber erlangen.</p>



<p>Auf meiner Erkundungstour fällt mir noch eine Eigenheit dieser Stadt auf. Je weiter ich sie erkunde, desto größer wird sie. Das geschieht ganz subtil. Nie sehe ich ein neues Gebäude auftauchen, aber wenn ich mich umdrehe und in eine Richtung bewege, die ich definitiv schon zur Gänze erforscht habe, sind dort einfach neue Häuser oder Geschäfte entstanden. Das ist so beängstigend wie bemerkenswert. Denn ich ahne, dass es auf meine Entdeckungslust abzielt. Irgendwie will das Dorf mich von seinem Zentrum weglocken. Und das hat sicher seinen Sinn. Zwar erscheint auf den ersten Blick jeder Ort so gut oder schlecht wie der andere, da auch der Eingang mir keinen Rückweg ermöglicht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Ort, dieses Zentrum der einzige Platz ist, an dem eine solche Rückkehr möglich sein könnte.</p>



<p>Leider bin ich ein Fortgeschrittener und dem Ruf der Ferne kann ich nicht lange widerstehen. So dauert es keine drei Tage bis ich mich das erste Mal so weit in die sich ewig erweiternde Stadt vorgewagt habe, dass mir der Rückweg zum Zentrum erst nach vielen kraftraubenden Umwegen gelingt. Eine Zeitlang glaube ich sogar, ihn schlicht nie wieder finden zu können. Doch so sehr mich dieses Gefühl auch erschreckt, so sehr muss ich auch eingestehen, dass dieser Ort mich zu belohnen weiß.</p>



<p>Zum einen finde ich immer wieder neue Dinge. Nahrung und Getränke. Neue Arten von Riegeln und sogar exotische Fruchtsäfte. Alles versetzt mit Unmengen von Staub und einem faden, schalen Nachgeschmack, aber doch besser, schmackhafter und erfrischender als alles, was ich in der Nähe des Zentrums finden kann und vor allem vollkommen ungiftig. Zum anderen entdecke ich Dinge, die meine Neugier weiter anfachen. Skulpturen von Geschöpfen mit langen Köpfen und kurzen, zahlreichen Gliedmaßen, von denen ich nicht sagen kann, ob es Götter, Fantasiegeschöpfe oder Nachbildungen von den ursprünglichen Einwohnern dieser Stadt sind. Ich kann nur sagen, dass sie mich leicht an Bravianer erinnern, wenn auch mit einem monströsen, unförmigen Einschlag.</p>



<p>Außerdem finde ich Schriftstücke, in einer Sprache die ich nicht annähernd entziffern kann. Aber sie zeigen mir auch Zeichnungen von weiteren seltsamen Wesen, halb Pflanze,&nbsp;halb Tier, gewölbten Ozeanen im Himmel, vertikal gebauten Städten in denen bizarre Giganten herumkrabbeln und monolithartigen Bauten, die mir wie außerirdische Kultobjekte erscheinen. Ein Teil von mir ahnt, dass ich all das niemals finden werde, dass es vielleicht nicht einmal existiert und diese Zeichnungen allein für mich erschaffen wurden. Aber das tut der Faszination keinen Abbruch, denn letzten Ende wäre es dennoch möglich, habe ich ähnlich wundersames doch schon oft auf meinen Reisen gesehen.</p>



<p>Auch deshalb stopfe ich mir viel von diesen Souvenirs in meinen Rucksack. Diese Andeutungen und die bessere Nahrung sind aber nicht das einzige Zuckerbrot dieses Ortes. Das viel Wesentlichere ist das Ausbleiben der Peitsche. Wann immer ich weiterwandere und dabei eine Rast einlege, belohnt mich der Ort mit einem traumlosen Schlaf oder mit harmlosen luziden Träumen, in denen ich meine Fantasie ausleben, und Karmon herbeirufen kann, wenn ich es möchte. Letzteres spüre ich zwar, tue es aber nicht. Ich bin mir fast sicher, dass diese Stadt weiß, dass er mein Verteidiger ist und ich dazu verleiten will, seine Kraft zu verbrauchen. Vor allem aber will sie mir zeigen, dass die Traumkreatur fortbleibt, wenn ich weiter in ihr verhängnisvolles, klebriges Netz aus endlos generierten Gebäuden wandere. Ich habe es bislang noch nicht ausprobiert, aber ich vermute stark, dass sich das ändern wird, sobald ich wieder eine Nacht im Zentrum verbringe oder auf dem Rückweg einschlafe.</p>



<p>Davor habe ich große Angst, aber ich werde es dennoch riskieren müssen. Denn die Angst, die mein letzter Ausflug und dieses Gefühl mich vollkommen verloren und verirrt zu haben, in mir ausgelöst haben, ist sogar noch größer als jedes Fernweh und jede Neugier. Jedenfalls für den Moment. So wie ein gut gesättigter Löwe auch einmal an einer potenziellen Beute vorbeilaufen kann.</p>



<p>Heute, das schwöre ich mir, werde ich nicht wieder umherwandern, sondern mich dem Wesen stellen, das mir in meinen Träumen auflauert. Und Karmons Hilfe werde ich nur in Anspruch nehmen, wenn mir absolut keine andere Wahl bleibt.</p>



<p>Das ist vielleicht leichter gesagt als getan, aber ich habe immerhin einen Plan. Und meine Müdigkeit kommt mir dabei entgegen. Denn so schaffe ich es tatsächlich – gestützt von einigen Seilen und Möbeln – im Stehen einzuschlafen. Und wie ich gehofft habe, halte ich diese Position auch, als ich in den Traum herüberwechsle. Im Gesicht des Geschöpfes erkenne ich sofort Zorn, da es nicht einfach aufhocken und bequem meine Energie abzapfen kann. Dennoch bin ich vielleicht nicht ganz so schlau gewesen, wie ich gedacht habe. Denn auch wenn ich so nicht gänzlich gelähmt bin, sind meine Bewegungen immer noch langsam. So dauert es nicht lange, bis das Wesen mich an den Armen packt und seinen Mund so nahe an meinen bringt, dass es problemlos trinken kann.</p>



<p>Panik erfüllt mich und mein Blick geht sofort wieder zu meinem Waffenarm. Aber ich darf Karmon auf keinen Fall rufen. Irgendwie werde und muss ich es aus eigener Kraft schaffen. Also versuche ich mich zu wehren. Versuche, mich zu erinnern, was mich ausmacht, jenseits aller anderen, jenseits derer die ich getroffen, geliebt und verraten habe. Und dort finde ich Quellen, tiefer noch als die Lebenskraft, die das Geschöpf, das ich für mich „Aufhocker“ getauft habe, mir gerade absaugt: Mein Fernweh, meine Neugier, meine Abenteuerlust, aber auch der unbedingte Wille weiterzugehen. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will.</p>



<p>Und irgendwie gelingt es mir meinen Widerstand zu materialisieren in dem, was immerhin auch zum Teil MEIN Traum ist. Ein Schwert erscheint in meiner Hand. Scharf, groß, lodernd von Flammen und geformt wie eine Kompassnadel. Ich spüre sein Gewicht in meiner Hand und weiß sofort es zu benutzen, auch wenn ich wenig Erfahrung im Schwertkampf habe. Ansatzlos steche ich zu und nebeliges, schwarzes Blut spritzt aus der Kreatur hervor, die sich schreiend zurückzieht und sich erneut in den Tiefen des Hauses verliert. Erschöpft doch noch immer im Traumzustand setze ich mich aufs Bett und halte Wache. Ich widerstehe der Versuchung den Traum direkt zu verlassen, aus Sorge, dass ich dann erneut in die Enge getrieben werde, falls ich wieder einschlafen sollte. Doch irgendwann verschwindet der Traum von selbst und ich erwache ausgeruht und stolz darauf, nur auf meine eigenen Fähigkeiten zurückgegriffen zu haben.</p>



<p>Eine ganze Zeit lang bleibt das auch so. Es vergehen Wochen, Monate, in denen es mir gelingt den Aufhocker in die Flucht zu schlagen und zugleich den Verlockungen der Stadt zu widerstehen. Die Langeweile vertreibe ich mir, in dem ich die seltsamen Dokumente studiere, an meine Abenteuer zurückdenke oder gedanklich Stadt, Land, Fluss gegen mich selbst spiele. Es ist unfassbar öde, aber irgendwie ertrage ich es und ziehe Kraft daraus, Nacht um Nacht gegen das Ungeheuer zu triumphieren.</p>



<p>Doch leider scheint dieser Ort zu lernen. Langsam, aber beharrlich. Es beginnt damit, dass mich der Aufhocker prüft. Immer wieder zeigt er sich in der Tür, versteckt sich unter dem Bett, bricht sogar durch die Wände, die Decke und den Boden und prüft meine Verteidigung auf immer kreativere Art. Und manchmal gelingt es ihm sogar, mir kleinen Dosen meiner Energie abzuzapfen. Dabei werde ich schwächer und schwächer. Die Nächte werden eine Tortur, bis ich im Schlaf mehr Kraft verliere als ich gewinne. Und das ist noch nicht alles. Nach diesen Attacken bemerke ich, dass Lücken in meiner Erinnerung auftrete. Gerade die Zeit betreffend, in der ich noch kein Fortgeschrittener gewesen war. Das geht so weit, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie genau meine Eltern aussehen, wie mein Zimmer damals gestaltet war oder wie ich meine Tage verbracht habe. Gleichzeitig schleichen sich neue, fremde Erinnerungen in meinen Kopf. Für eine ganze Zeit bin ich der Überzeugung eine Schwester gehabt zu haben, bevor ich mir wieder halbwegs aber nicht ganz sicher bin, das als falsche Erinnerung ausgemacht zu haben. Das alles ist beängstigend. Doch die Erschöpfung ist dennoch mein drängendstes Problem. Denn anders als meine Erinnerungen, die zumindest teilweise ihren Weg zurück in mein Bewusstsein finden, kehrt meine Kraft nicht wieder zurück.</p>



<p>Und irgendwann kommt die Nacht, in der ich nicht mehr standhalten kann. Es ist nur eine kurze Unachtsamkeit. Ein Sekundenbruchteil, in dem mir meine astralen Augen zufallen. Dann ist er heran. Wie ein stroboskopartiger Schatten aus Schwarzlicht schlüpft er durch die Tür, drückt mich wie zuvor aufs Bett und zerbricht meine spröde gewordene Kompassklinge wie ein Streichholz. Kein Wunder. Ich bin nicht nur schwächer geworden, es ist auch stärker geworden. Seine Arme und Beine sind sehnig und muskulös und sein Maul ist auf die sechsfache Größe angewachsen, sodass es nicht mehr länger an mir saugt, sondern mich regelrecht verschlingt. Mein Kopf ist gefangen in vollständiger, feindseliger Dunkelheit an deren rändern sich helles, von dicken, pumpenden Adern durchzogenes Astralgewebe an meiner verbleibenden Kraft labt. Ich brauche Karmon, erkenne ich. Aber kann ich ihn überhaupt noch rufen?</p>



<p>„Bitte Karmon, hilf mir!“, flehe ich still und für einen schrecklichen Moment höre ich gar nichts, während meine Sinne zunehmend schwinden. Doch endlich, endlich erhalte ich Antwort.</p>



<p>„ICH BIN DA, ADRIAN!“, beruhigt mich Karmons Echo und auch wenn ich nichts sehen kann, höre ich das Flirren des Schattenstrahlers und eine Sekunde später bin ich vom Maul der Kreatur befreit. Doch besiegt ist der Aufhocker noch nicht. Er ist eindeutig stärker als zuvor, genährt von meiner Kraft und meinen Erinnerungen. Der Schuss wirft ihn zurück, aber verletzt ihn diesmal kaum.</p>



<p>„ICH BRAUCHE DEINE HILFE!“, ruft Karmon und trotz meiner eigenen Schwäche mache ich mich bereit meinem alten Freund, oder der Erinnerung an ihn, beizustehen. Irgendwie gelingt es mir, mein Kompassschwert neu zu erschaffen und gemeinsam dringen wir auf den Aufhocker ein.</p>



<p>Was folgt, ist eine wilde Jagd durch Gänge, Keller und schließlich eine noch gruseligere, schemenhafte Version der Stadt, in der ich mich befinde. Letzten Endes schaffen wir es doch, die Kreatur zu schwächen und zu vertreiben und nach diesem Triumph bemerke ich sogar, wie ein Teil der gestohlenen Kraft in mich zurückfließt. Doch ich bin mir nun absolut sicher, dass man das Wesen nicht endgültig besiegen kann. Er gehört zu dieser Stadt wie der staubige Boden und die eingefrorene Zeit. An diesem Ort habe ich wohl nur drei Möglichkeiten. Zum Futter des Aufhockers zu werden und entweder zu sterben oder als identitätslose Hülle wie eine Statue in der Stadt zu stehen. Zu fliehen, was ich immer noch für möglich halte, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen sollte. Und schließlich weiterzuwandern, immer tiefer in diese verlockende Falle hinein, die der Ort für mich ausgebreitet hat.</p>



<p>Es ist Karmons Zustand, der den Ausschlag gibt. Am Ende unseres gemeinsamen Kampfes war er vollkommen still gewesen. Nicht mehr als eine Waffe, deren Zerstörungskraft stark abgenommen hat. Sollte ich noch einmal auf sein Echo zurückgreifen, soviel ist sicher, wird auch dieses Echo für immer verklingen.</p>



<p>Also packe ich meine Vorräte zusammen und ziehe los, immer weiter und weiter, wissend, dass ich vielleicht nie wieder zurückkehren werde. Doch ist eine ewige Wanderung nicht ein weniger schlimmes Schicksal für einen Fortgeschritten als das Vergessen?</p>



<p>Anfangs bin ich fast davon überzeugt. Über Wochen und Monate, in denen ich immer weiter wandere, neue Häuser mit neuer Nahrung entdecke und Tonnen von seltsamen Figuren, Artefakten, Modellen und Aufzeichnungen auftue kann ich meine Lage vergessen und fühle mich beinah frei. Umso mehr, da meine Nächte ruhig und friedlich bleiben. Aber irgendwann fühlt sich das alles zunehmend hohl an. Es erinnert mich an die generischen Zufalls-Dungeons diverser Computer-Rollenspiele, in denen ständig neue Items darüber hinwegtäuschen sollen, dass die Welt um einen herum nie von der Kreativität eines intelligenten Geistes berührt wurde. Es ist ein reines Reiz-Reaktionsschema, so bedeutungslos wie Buchstabensalat. Diese Erkenntnis entzieht mir den Boden unter den Füßen und nagt an meiner geistigen Gesundheit. Doch es ist nur ein Pfeiler meines geistigen Verfalls. Der andere ist die Einsamkeit. Im ersten Jahr meiner Wanderung begnüge ich mich noch mit Selbstgesprächen, in denen ich mir vorstelle, dass meine eigene Stimme die von Karmon wäre. Doch im zweiten Jahr trägt mich auch das nicht mehr. Bei jedem Schritt schleife ich eine seelische Müdigkeit hinter mir her, die sich inzwischen so groß und schwer wie ein Berggipfel anfühlt. Beinah glaube ich das Schleifen des Gesteins hinter mir im Sand zu hören.</p>



<p>„Ist irgendjemand hier!“, schreie ich in die Leere, „will mich niemand angreifen? Will mich niemand töten?!!“</p>



<p>Wieder und wieder. Und tatsächlich würde ich alles dafür geben, wenigstens einem realen Ungeheuer zu begegnen. Irgendeine echte Berührung zu erfahren und sei es die einer messerscharfen Kralle. Und erst scheint es mir fast so als würde die endlose Stadt mir meinen Wunsch erfüllen. Denn nur wenige hundert Meter später sehe ich eine graue, humanoide Gestalt an einer der Hauswände lehnen. Das erste greifbare andere Wesen, dem ich begegne. Adrenalin schießt durch meine verkrusteten Adern und ich mache mein fast vergessenes Pendel kampfbereit. Doch als ich mich nähere, erkenne ich, dass ich mich zu früh gefreut habe. Dort steht zwar tatsächlich ein humanoides Wesen, aber es ist alles andere als eine Bedrohung und auch sonst keine Form von Gesellschaft. Es ist ein Luth Nomorer, der entweder in einer katatonischen Starre gefangen oder auf das Bewusstsein einer Pflanze reduziert ist. Denn sein Blick ist leer und egal, wie ich an ihm rüttele oder was ich zu ihm sage: er reagiert kein bisschen. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass er einer meiner Vorgänger ist. Ein Toter, noch warm vom Leben, aber doch ausgesaugt von der absoluten Zeit- und Sinnlosigkeit dieses Ortes. Und ironischerweise ist es gerade dieser Anblick, der auch mich endgültig bricht.</p>



<p>Ich halte das nicht mehr aus. Doch ich weigere mich, auf dieselbe Art zu enden wie dieses bedauerliche Geschöpf. Stattdessen nehme ich ein kleines Taschenmesser aus meinem Rucksack und versuche zu beurteilen welches der nützlichen Werkzeuge am besten geeignet ist, meine Pulsadern zu öffnen.</p>



<p>Doch noch ehe ich zu einer Entscheidung gelangt bin, wendet ein plötzlicher Impuls meinen Kopf von meinen Selbstmordplänen ab. Stattdessen hebe ich den Kopf und sehe zu einer Hauswand. Dort gibt es nichts Besonderes, aber trotzdem gehe ich näher, so nah, bis ich nur noch einen Schritt von der Wand entfernt bin. Erst dann verwende ich das Messer. Jedoch nicht für meine Adern, sondern indem ich damit wie automatisch Worte in die Wand ritze, die ich selbst nicht erahne und die nicht als unleserliche Kratzer, sondern als klar abgegrenzte, rote Buchstaben auf dem generierten Gebäude erscheinen: „Zeit ist der Schlüssel. Minus mal Minus ergibt Plus.“</p>



<p>„Was zur Hölle soll das heißen?“, frage ich laut und diese Frage wird gefolgt von der, was mich überhaupt dazu gebracht hat, diese Worte zu schreiben. War es dieser Ort, der meine Flucht in den Tod nicht akzeptieren wollte, war es mein Unterbewusstsein oder war es vielleicht … Karmon?</p>



<p>Irgendwie habe ich das Gefühl, dass letzteres der Fall sein könnte. Aber da Karmon mir keine Antwort gibt, als ich vorsichtig versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, kann ich leider keine Gewissheit erlangen. Trotzdem ist mein Wunsch, meiner Wanderung für immer ein Ende zu bereiten, fürs Erste verflogen. Denn das Rätsel an der Wand hält meinen Geist gefangen.</p>



<p>Zeit ist auf gewisse Weise natürlich ein bedeutender Faktor in dieser im Moment eingefrorenen Welt. Besonders durch ihre Abwesenheit. Doch was hat das mit Mathematik zu tun? Ich kann jedenfalls nicht von mir behaupten, ein mathematisches Genie zu sein. Das könnten diverse Lehrkräfte bestätigen. Aber dennoch ist mir das Konzept klar. Es geht darum, einen negativen Faktor in etwas Positives zu verwandeln, indem man ihm noch etwas weiteres negatives in die Gleichung gibt.</p>



<p>Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. So plötzlich, dass ich in schallendes Gelächter und zugleich in Tränen ausbreche. Kann es sein, kann es wirklich sein, dass ich die Lösung für meine Probleme die ganze Zeit mit mir herumgetragen habe. Über viele Monate, sogar Jahre, ohne es auch nur auf einen Versuch ankommen zu lassen? Allein der Gedanke erscheint mir so dämlich, so absurd, dass ich fast hoffe zu scheitern. Aber als ich mein Pendel schwinge, den kleinen Zeittrick von Any anwende, um die Zeit an diesem zeitlosen Ort einzufrieren und sich vor mir langsam die Totenfestung materialisiert, bin ich dennoch unendlich dankbar. Bei meinem letzten Blick auf die verschwindende Stadt kann ich noch die blassen Schemen des Aufhockers ausmachen, der versucht nach mir zu greifen, irgendwo zwischen Traum und Realität. Doch ehe er mich erreichen kann, ist auch er verschwunden.</p>



<p>„Lass mich raten, du warst in Staubgrund?“, fragt mich Krimara, die wieder vor mir steht und mich gleichermaßen streng und mitfühlend ansieht.</p>



<p>„Vermutlich, wenn diese Stadt so heißt“, antworte ich etwas verwirrt, aber sehr erleichtert, sie wieder sehen zu können, „wie lange war ich für dich weg?“</p>



<p>Dass sie noch hier ist, zeigt mir, dass es unmöglich Monate oder Jahre gewesen sein können.</p>



<p>„Etwa zehn Minuten seit ich deinen Körper gefunden habe, der diesen Ort wahrscheinlich nie verlassen hat. Aber das muss nichts heißen. Wie du sicher selbst bemerkt hast, funktioniert die Zeit dort drüben ganz anders. Auch deshalb war es sehr dumm von dir, dich dorthin zu geben. Es ist aber so ein riesiges Wunder, dass du zurückgekehrt bist, dass ich fast geneigt bin, dich nicht für deine Dummheit auszuschimpfen“, sagt Krimara grinsend und offenbar auch etwas erleichtert.</p>



<p>„Warst du also nicht dort?“, frage ich, auch wenn ich das natürlich schon vermutet habe, „ich konnte dich plötzlich nicht mehr sehen und bin dann in diese Stadt … nun gestolpert.“</p>



<p>„Nein, in Staubgrund war ich nicht“, sagt Krimara, „ich habe lediglich meditiert und mich mit der Einsamkeit abgefunden. Nach ein paar Minuten habe ich dich wieder sehen können. Das war die eigentliche Prüfung. Alles andere hast du nur der Tatsache zu verdanken, dass du auf den Spiegel gehört hast. Und deine Rückkehr wahrscheinlich den Fähigkeiten dieses Pendels.“</p>



<p>„Woher wusstest du, dass ich ausgerechnet in dieser Stadt war?“, frage ich, „ist dir dieser Ort bekannt?“</p>



<p>„Ja“, sagt Krimara, „das ist er. Es gab schon Luth Nomorer, die sich nach Staubgrund verirrt haben. Auch außerhalb der Totenfestung. Es kommt nicht oft vor, aber manche betreten die Stadt in ihren Träumen und finden nie wieder von dort zurück. Nur Hochnatoren wie ich können diese Unglücklichen sehen. Aber wir können sie auch nicht zurückholen. Manche sind dort schon seit Jahrtausenden. Zumindest nach unserer Zeitrechnung. Für sie kann es sich aber wie Milliarden Jahre anfühlen. All das ist mir bekannt. Und ich konnte dich ebenfalls sehen. Zumindest ein paar Bilder und Szenen habe ich aufgeschnappt. Es fehlt mir noch an Übung für eine vollständige Beobachtung solcher Sphären. Aber ich kann dir versichern, dass der Tod auch kein Ausweg gewesen wäre. Das lässt Staubgrund nicht zu.“</p>



<p>Ein Schauer fährt über meinen Rücken, während ich den Staub von meiner Haut abklopfe, der sich dort abgesetzt hat, obwohl diese Haut eigentlich nie in Staubstadt gewesen war. Der Gedanke, dass ich ohne das Pendel an diesem Ort gestrandet wäre, ist fast unerträglich.</p>



<p>„Wie viele solcher Prüfungen warten noch auf uns?“, frage ich, während ich langsam wieder in der Realität ankomme.</p>



<p>„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara, „aber eines kann ich dir sagen: Künftig solltest du wirklich auf meine Ratschläge hören.“</p>



<p>„In sowas bin ich nicht gut“, sage ich ganz offen.</p>



<p>„Dann musst du besser werden. Oder verloren gehen“, sagt Krimara düster, bevor sie sich der nächsten Tür zuwendet, die sich vor uns geöffnet hat. Doch ihre Worte höre ich kaum. Meine Gedanken schweifen längst zu Karmon. Ihn „wiedergesehen“ zu haben und sei es nur in dieser Form, hat eine tiefere Wunde gerissen als die lange Wanderung in der Stadt oder die Tatsache, der Ewigkeit in dieser Hölle knapp entgangen zu sein. War er bloße Einbildung gewesen oder tatsächlich ein Fragment meines alten Freundes? Und falls letzteres zutrifft, wie viel ist dann noch von ihm übrig? Genug, um ihn zurückzugewinnen?</p>



<p>All das bleibt wohl fürs erste Ungewiss. Aber eines ist sicher: Dieses Schweigen in meinem Kopf, das mir nach all der Zeit fast schon wieder natürlich erschienen war, ist nun fast unerträglich laut geworden. Wenn mir die Festung eine Lektion über Einsamkeit hatte erteilen wollen, so hat sie ihre Sache verdammt gut gemacht.</p>



<p></p>
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		<title>Knochenwelt: Knochenknacken</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Jan 2026 14:24:53 +0000</pubDate>
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<p></p>



<p>„Crack oder Whiskey?“, fragte Gabriela. Schon ohne ihren forschen Tonfall hätte Jonathan nicht vermutet, dass das ein serviceorientiertes Angebot war. Natürlich war es ein despektierlicher Seitenhieb auf seine kränkliche Erscheinung. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, hätte er es ohnehin abgelehnt. Es gab nur einen Stoff, den er begehrte. Und hasste.</p>



<p>„So etwas nehme ich nicht“, sagte Jonathan mit allem, was er noch an Stolz aufbringen konnte. Für einen Moment strahlte in ihm der akademische Glanz des früheren Dozenten auf und verlieh ihm beinah so etwas wie Charisma, bevor er alles mit dem Hintern wieder einriss. „Aber wenn sie vielleicht einen kleinen Schluck MannaRed hätten. Nur ein wenig davon, dann …“, sagte er schüchtern und senkte sofort den Blick, als er begriff, was er da verlangt hatte.</p>



<p>Gabriela brach in schallendes Gelächter aus. „Sie bringen einen Saftkannibalen hierher?“, fragte sie bissig in Geras Richtung, „ich meine, diese gruftige Knochenhure, die jetzt bei uns herumlungert … So eine Begleitung hätte ich von einem versifften Polizisten erwartet, aber das hier ist …“</p>



<p>Bevor Gera, Bianca oder jemand der anderen Anwesenden auf diese Beleidigungen reagieren konnte, schlug ihr Jessica kräftig mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was glaubst du, wo du hier bist, du privilegierte Tussi?“, schrie sie an, so erfüllt von gerechtem Zorn, dass Gabriela ganz vergaß, selbst wütend zu reagieren. „Wir sind hier bei keinem Edelitaliener und nicht in irgendeiner Fancy-Agentur. Wir sind nicht hier, weil wir keine Probleme haben. Wir sind hier, weil wir an den Problemen, die uns dieses Horrorregime in die Fresse getreten hat, etwas ändern wollen. Weil wir noch nicht daran erstickt sind. Weil wir noch husten, keuchen und kotzen. Und es ist scheißegal, ob wir Junkies, Knochenhuren oder selbstgerechte Vorstadttöchter sind. Wir sind hier, weil wir den Geschmack von Faschistenstiefeln verabscheuen. Und jeder, der das genauso sieht, ist uns willkommen.“</p>



<p>„Wow. „Micdrop!“, sagte Bianca und zwinkerte Jessica anerkennend zu.</p>



<p>„Ja, nette Rede. Jeder ist willkommen: Gilt das auch für Leute, die den Geschmack von Menschenfleisch mögen?“, fragte Gabriela.</p>



<p>„Ich mag den Geschmack nicht … Nicht wirklich … Es ist … Ich schäme mich dafür … Ich hätte das nicht sagen sollen“, sagte Jonathan und sank in sich zusammen, „ich will aufhören … Ich will das alles nicht mehr, ich …“</p>



<p>„Dann gehen sie in eine Entzugsklinik, mein Gott, und nicht in eine geheime Widerstandszelle“, empörte sich Gabriela.</p>



<p>„Entzugskliniken gibt es nicht mehr. Es gibt gar keine Kliniken mehr, die für arme Schlucker wie uns arbeiten. Nicht mal mehr Kinderkliniken“, bemerkte Bianca, „jedenfalls keine, die Kinder heilen wollen.“</p>



<p>„Reg dich ab, Gabriela“, entgegnete Jessica, „wenn du genauso über Leute urteilen würdest, die Milch trinken oder Kuhkadaver essen …“.</p>



<p>„Das willst du doch nicht allen Ernstes vergleichen … Das eine sind Menschen und das andere …“, antwortete Gabriela, während sie sich missmutig ihre rote Wange betastete.</p>



<p>„Was denn?“, fragte Jessica provozierend, „etwa nur Tiere?“</p>



<p>„Genau das“, antwortete Gabriela, „doch ich werde jetzt nicht anfangen, über Tierrechte zu diskutieren. Am Ende setzt du dich noch für den Schutz von gefährdeten Schneidmaden ein, weil die so putzig und missverstanden sind.“</p>



<p>„Hört auf!“, mischte sich Lena ein, „Jessica hat recht, Gabriela. Wir sollten uns hier nicht gegenseitig zerfleischen. Und wir sollten unseren Gästen mit Respekt begegnen. Wir alle haben Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind, seitdem der Knochenwald und die CfD unser Leben durchwuchert haben. Doktor How, Kommissar Gera und Bianca sind der Grund, warum wir noch nicht als entfleischte Sklaven IM Knochenwald leben. Sie haben es verdient, dass wir sie anhören.“</p>



<p>„Oh ja, das haben wir“, sagte Bianca und wandte sich an Gabriela, „hast du das verstanden, Liebchen? Oder muss ich dir erst die Zunge rausstrecken?“</p>



<p>Gabriela blickte finster, nickte dann aber. „Schon gut. Ich bin ganz brav“, sagte sie knapp.</p>



<p>„Ich sehe das genauso wie Lena“, fügte Thomas Schumann hinzu, „sie haben von einer besonderen Chance gesprochen, Herr Gera. Und ich muss zugeben, dass ich neugierig bin.“</p>



<p>„Das wundert mich nicht. Ist das nicht ihr Job als Schreiberling?“, antwortete Gera feixend, bevor er ernster fortfuhr und sich ein weiteres Stück von Rones Zitronenkuchen genehmigte, den alle Anwesenden mit Missachtung gestraft hatten. Am interessiertesten war noch Jonathan gewesen, bevor er sich erinnert hatte, dass jegliches Essen für ihn nun wie Müll schmeckte, seit er MannaRed gekostet hatte.</p>



<p>„Nun“, sagte Gera, „die Sache ist die: Ich habe mit Rone the Bone gesprochen.“</p>



<p>„Dem Knocheninfluencer?“, fragte Mik überrascht.</p>



<p>„Jepp“, sagte Gera.</p>



<p>„Dann haben sie ihn hoffentlich festgenommen und in das finsterste Loch gesteckt, das sie finden konnten“, sagte Mik, „der Mann hat schon tausende junger Leben ruiniert. Die Krankenhäuser sind voll von seinen Opfern. Alles Leute, denen er eingeredet hat, dass es eine fantastische Idee ist, sich bis auf die Knochen zu verstümmeln.“</p>



<p>„Tja nun“, sagte Gera verlegen, „nicht ganz. Es ist so. Der Pisser hat mir ein Angebot gemacht. Er will so ein kleines Theater mit seinen Anhängern veranstalten und uns so freie Bahn verschaffen, damit wir Eden und seine Leute aus dem Weg schaffen können.“</p>



<p>Es knallte recht laut, als Thomas Schumann seine Kaffeetasse auf den Boden fallen ließ. Da war er der einzige, aber nur, weil die anderen ihre Getränke auf dem Tisch stehen hatten. Ansonsten hätte es ein wahres Scherbenfest gegeben. Lediglich Jonathan und Bianca wirkten nicht ganz so schockiert. Das lag vielleicht daran, dass sie Gera gut genug kannten.</p>



<p>„Das ist ein Scherz, oder?“, klammerte Schumann sich hoffnungsvoll an einen Strohhalm, „sie schlagen das nicht ernsthaft vor.“</p>



<p>„Doch, tue ich“, sagte Gera, „und sie können sich das Drama sparen. Ich halte genauso wenig von diesem Typen wie von Hundescheiße in meinem Abendessen und ich werde ihn an seinen grinsenden Mundwinkeln zum nächsten Schafott zerren, sobald wir uns das erlauben können. Aber gerade brauchen wir Verbündete. Glauben Sie nicht, dass ich das hier vorschlagen würde, wenn ich es nicht durchdacht hätte?“</p>



<p>„Ach, haben Sie das?“, fragte Gabriela mit hochrotem Kopf, „wie weit denn? Bis zu den Menschenopfern, die Rone mit ihrem Segen bringen kann, oder nur bis zur Möglichkeit, dass er uns hintergeht und uns Eden zum Abendessen serviert.“</p>



<p>„Rone hat mir versprochen, nur Theater zu spielen und darauf zu achten, dass niemand zu Schaden kommt“, sagte Gera.</p>



<p>„Sicher“, sagte Jessica kopfschüttelnd, „dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Ein Mann, ein Wort. Was?“</p>



<p>Gabriela wechselte einen kurzen, versöhnlichen Blick mit Jessica, bevor sie antwortete. Gera hatte so ein Talent, Feinde zusammenzubringen. „Ich muss mich bei der Professionellen und bei Ihnen, Herr Dr. How, entschuldigen“, sagte Gabriela und sah die beiden Angesprochenen entschuldigend an, „Sie haben sicher weitaus mehr Verstand und Moral im Leib als diese Karikatur eines Polizisten. Außer natürlich, sie denken auch nur im Traum daran, sich an seiner Schnapsidee zu beteiligen. Wenn doch, sind sie raus. Oder ich.“</p>



<p>„Hier geht niemand raus“, sagte Gera und legte seine rechte Hand auf seine Waffe, „nicht, wenn ich nicht diesen ganzen albernen Geisterzirkus persönlich an meine Vorgesetzten melden soll. Sie alle bleiben fein auf ihren Ärschen sitzen.“</p>



<p>„Verräter!“, schrie Mik, „ich wusste gleich, dass man einem Polizisten nicht trauen kann.“</p>



<p>„Gera, das können sie doch nicht ernsthaft tun“, protestierte Jonathan.</p>



<p>„Oh, ich könnte das tun“, sagte Gera, „und wie ich das kann. Ich bin ein rücksichtsloser Drecksack, das wissen sie alle. Aber Sie können ruhig alle ihren Herzschlag wieder runterfahren. Ich bin nach wie vor auf ihrer Seite. Und ich würde jeden von euch Rebellendarstellern lieber kirchlich heiraten, als Eden die Wichsgriffel zu schütteln. Aber wir haben keine Zeit für Gelaber, okay? Deshalb, bei Gott, ich würde Sie verpfeifen wie ein Singvogel auf Meskalin, wenn Sie sich bei dieser Sache querstellen. Und ich würde Ihnen auch ohne Zögern die Rübe wegballern. Die Demokratie kann hier wieder Einzug halten, wenn Eden die Äuglein geschlossen hat. Bis dahin ist Gerakratie. Capiche?“</p>



<p>„Wohl eher Geriatrie, Sie ranziger Scheißbulle“, meinte Jessica.</p>



<p>„Der war gut“, sagte Gera gönnerhaft, „aber nennen Sie es, wie Sie wollen. Unser neues Motto ist: Der Zweck heiligt die Mittel. Und wenn Rone dieses Mittel ist, bauen wir ihm einen verfickten Altar.“</p>



<p>„Man könnte echt meinen, sie wären derjenige mit dem Wurm im Kopf“, sagte Bianca.</p>



<p>„Sie können meinen, was sie wollen“, sagte Gera, „und Sie können auch über mich sagen, was sie wollen. Wichtig ist, dass Sie mitmachen.“</p>



<p>„Also gut“, sagte Lena resigniert, „wenn das ihr Weg ist. Wie sieht er dann aus?“</p>



<p>„Ganz einfach“, sagte Gera, „sobald Rone loslegt – und das wird nach den letzten Informationen, die er mir zugeschickt hatte, übermorgen um 22 Uhr sein –, wird es keine halbe Stunde dauern, bis er für mächtig Aufruhr sorgt. Dann werden die Polizeikräfte und CfD-Soldaten ausrücken, um den Aufruhr niederzuschlagen.“</p>



<p>„Aber sind sie sicher, dass die Behörden seinen Aufruf im Netz nicht verfolgen und alles frühzeitig stoppen werden?“, fragte Thomas Schumann, „und selbst wenn nicht, warum sollte sich Eden dann um ein wenig mehr Chaos scheren? Er lässt es doch auch zu, dass die Leute auf den Straßen verhungern. Ich hoffe, ich darf diese Frage stellen, ohne perforiert zu werden.“</p>



<p>„Sie dürfen. Und ich bin mir bei gar nichts sicher“, sagte Gera offen, „mein Plan … Rones Plan ist vielleicht Fliegengrütze. Wäre er es nicht, müsste ich ihn nicht mit Waffengewalt absichern und meine goldenen Sympathiesternchen bei Ihnen gefährden. Aber er ist immer noch besser als das, was sie seit Monaten zustande gebracht haben: nämlich … gar nichts. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Rone ist ein noch rücksichtsloserer Mistkerl als ich, aber er ist ein Mistkerl, der weiterleben will. Er wird diesen Plan für sich durchdacht haben. Und er könnte zumindest funktionieren. Die CfD-Spinner fürchten nichts mehr als einen Kult, der ihnen Konkurrenz macht. Einen Kult mit einer stringenten Ideologie, so wahnsinnig sie auch ist, wo sie nur Chaos, Korruption und planlose Grausamkeit zu bieten haben. Das hat Strahlkraft und ich denke, Eden weiß das. Und Rone ist jemand, der das Charisma hat, das durchzuziehen.“</p>



<p>„Er hat einen Scheiß“, sagte Jessica, „Rone ist nichts weiter als ein dämlicher Psycho. Also jemand wie sie, wenn man es genau nimmt.“</p>



<p>„Falsch“, verneinte Gera, „er ist ein dämlicher Psycho mit realen Knochenwald-Kräften. Ich habe sie selbst erlebt. Er hat in seinen grinsenden Schädel eine Art übernatürlichen CIA-Spionage-Modus eingebaut. Und das ist wahrscheinlich noch nicht alles. Er hat sich ein Medaillon mit einer Knochenschlange in seinen Körper einpflanzen lassen. Daher bezieht er seine Macht.“</p>



<p>„Spionagefähigkeiten?“, überlegte Lena laut, „sind sie deshalb so heiß darauf, Rones Plan zu folgen? Hat er etwas über Sie herausgefunden?“</p>



<p>„Ganz dünnes Eis, Fräulein“, sagte Gera, dem es nicht gefiel, wie nah sie der Wahrheit gekommen war, „rutschig mit Aussicht auf Blutbaden, sozusagen.“</p>



<p>„Gut, ich bin ja schon ruhig. Mit Kindern und Bewaffneten kann man nicht diskutieren“, sagte Lena, wobei ihr Gesicht alles andere als kompromissbereit wirkte. Genau wie die beiden ausgestreckten Mittelfinger. Aber Gera akzeptierte das.</p>



<p>„Okay“, sagte Bianca, „denken wir das mal durch, unter der Prämisse, dass sie ihren Plan mit Blei gegen Kritik immunisiert haben. Wir gehen also davon aus, dass Rones Ablenkung funktioniert und er nur wenig Leute zu seiner Verteidigung hat. Selbst in diesem Fall, müssen wir damit rechnen, dass …“</p>



<p>Das Geräusch hatte Gera schon vor einigen Sekunden gehört. Aber erst das Kribbeln in seinem Nacken verschaffte ihm Gewissheit. Ohne sich umzudrehen, richtete er seine Waffe nach hinten über seine Schulter, zielte tief und hörte einen erschrockenen Schrei, ein wütendes „Scheiße!“ und das Klirren des Messers, das auf den Boden fiel. Gera verzichtete darauf, sich umzudrehen, und hielt die Waffe wieder auf die anderen gerichtet. Er ging davon aus, dass er Gabrielas Unterschenkel getroffen hatte. Vielleicht auch den Fuß. Jedenfalls nichts Lebensgefährliches.</p>



<p>„Eine Warnung wäre nett gewesen“, sagte Gera.</p>



<p>„Das war Notwehr gegen Polizeigewalt“, sagte Jessica, „wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Gabriela ist eine Heldin.“</p>



<p>„Wer immer nur Autoritäten zitiert, macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch, nicht aber von seinem Verstand“, sagte Gera, „sehen Sie, zitieren kann ich auch. Allerdings kann ich keine Wunden verbinden. Ich war in Erster Hilfe immer scheiße. Bin mehr so der Typ letzte Hilfe. Also ist hier niemand, der das besser kann? Ich will ja nicht, dass unsere Heldin stirbt.“</p>



<p>„Ich kenne mich da ein bisschen aus“, sagte Mik, „wir haben noch einen Verbandskasten im Schrank. Darf ich den holen?“</p>



<p>„Klar“, sagte Gera, „solange Sie nicht versehentlich zum Waffenschrank greifen. Und nur, wenn sie die freundliche Dame auch fesseln und ruhigstellen.“</p>



<p>Mik nickte, ging zum Schrank und holte den Verbandskasten hervor. Damit ging er zu Gabriela, die Gera regelmäßig lautstarke Status-Updates über ihren offensichtlich noch recht lebhaften Gesundheitszustand gab, während Mik fachmännisch ihre Wunden versorgte.</p>



<p>„Sie mieses Dreckschwein!“, „Sie hinterhältiges Stück Rattenkot!“, „Ich bringe sie um. Irgendwann bringe ich sie um, das schwöre ich!“ und dergleichen mehr. Zumindest solange, bis Mik unter den wachsamen Augen Geras ihren Mund fest mit Verbänden verschlossen und ihre Hände und Beine auf ähnliche Weise verschnürt hatte.</p>



<p>„Gut. Jeder braucht ein Ziel im Leben“, sagte Gera fröhlich, „das können Sie in jedem Lebenshilferatgeber nachlesen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei meiner künftigen Ermordung. Wenn sie das auch noch gefesselt hinbekommen, werden sie vielleicht sogar berühmt dabei.“</p>



<p>„Gera“, sagte Jonathan, der das Ganze mit wachsendem Missmut beobachtet hatte, „wie stellen Sie sich das vor? Wir können Eden nicht angreifen, wenn sie uns die ganze Zeit über wie ein bekloppter Geiselnehmer ihre Waffe in den Rücken halten. Oder planen sie gleich, das alleine zu machen und uns alle hier zu fesseln wie Gabriela?“</p>



<p>„Gabriela hat gezeigt, dass sie nichts taugt. Sie ist ein verwöhntes Hausmütterchen, das sich nicht mal ordentlich anschleichen kann“, sagte Gera, „ihr Platz ist hier. Gut verschnürt und abgeschnitten von jeder Kommunikationselektronik. Gleichzeitig war sie die einzige, die dumm genug gewesen war, mich anzugreifen. Deshalb werde ich Sie nicht länger offen bedrohen, wenn wir hier raus sind. Das würde nur zu seltsamen Fragen führen, wenn uns jemand sieht. Ich vertraue ganz auf ihren gesunden Menschenverstand und darauf, dass ihr Hass auf Eden größer ist als auf mich. Naja, fast. Wenn sie eine Dummheit machen, ist meine Knarre schneller wieder in meiner Hand als der Schwanz eines Teenagers nach einem Monat Klosteraufenthalt. Und ihre Waffen händige ich ihnen natürlich erst aus, wenn wir uns Edens Unterschlupf nähern. Genau so, Dr. How, stelle ich mir das vor. Also, wo waren wir … Ach ja, Bianca. Sie wollten noch etwas beitragen.“</p>



<p>„Oh, das wollte ich in der Tat, Captain ACAB“, sagte Bianca seufzend und fuhr sich seufzend mit der rechten Hand übers Gesicht, „mein Punkt ist, dass wir viel zu wenig Leute haben, um gegen Eden irgendetwas zu reißen. Und sie haben unsere Zahl nun noch weiter verringert, da Gabriela nicht mehr mitkommen kann. Egal, was sie von ihr halten, sie hat Mumm, was sie gerade erst bewiesen hat. Außerdem wird Eden wohl kaum komplett schutzlos sein. Selbst wenn wir alle Widerstandszellen der Geistermenschen in der näheren Umgebung aktivieren, wird das wahrscheinlich zu einem Blutbad führen, statt zum Tyrannenmord.“</p>



<p>„Die werden wir auch nicht aktivieren. Das letzte, was ich gebrauchen kann, sind noch mehr bockige Amateure, die hier herumwursteln. Immerhin habe ich nur eine Waffe“, sagte Gera, „dieser Haufen hier wird wohl reichen müssen. Aber seien Sie nicht so pessimistisch. Die Leidenschaft für die Sache ist wichtiger als die bloße Zahl. Haben sie nie 300 gesehen? „Und gegen Devon waren wir auch in der Unterzahl und dennoch haben wir gewonnen.“</p>



<p>„Das können Sie nicht vergleichen“, erwiderte Bianca, „wir hatten verdammte Hexen und Madenkinder an unserer Seite. Nicht nur ein paar Verzweifelte, die …“</p>



<p>Bianca brach verblüfft ab, als plötzlich der Monitor über dem Konferenztisch zum Leben erwachte und das Gesicht einer jungen, emotionslosen Frau mit blassen, weißen Adern unter der Haut zeigte.</p>



<p>„Da haben Sie Ihr Madenkind“, sagte Gera grinsend und wandte sich dann an die Frau auf dem Bildschirm: „Hallo Carina, was macht das Leben?“</p>



<p>„Es ist genauso reizlos wie immer“, bemerkte Carina tonlos, „deshalb bin ich immer auf der Suche nach Ablenkungen.“</p>



<p>„Wo ist Lucy Hermann?“, fragte Lena.</p>



<p>„Nicht verfügbar. Sie ist auf einer Art … Undercover-Mission, um ihre entführten Erzeuger zu befreien“, sagte Carina, „ihre Therapie mit Geisterglanz hat sie sehr sentimental gemacht. Deshalb fällt mir nun die Aufgabe zu, strategisch zu denken. Es ist störend. Aber einer muss es ja tun. Und ich hörte, Sie brauchen Unterstützung bei Ihrer kleinen Revolte. Die kann ich bieten. Mit Madenkindern, Schneidmaden und Schneidfliegen. Kurzum: Ich hätte eine Armee für Sie. Ein kleiner Teil davon ist sogar bereits bei ihnen, nur falls sie sich fragen, wie ich von ihrer Notlage erfuhr.“</p>



<p>Wie zum Beweis landete just in diesem Moment eine kleine, seltsame Fliege auf Geras Arm. Als er reflexhaft nach ihr schlagen wollte, war sie sofort wieder in den Schatten verschwunden.</p>



<p>„Und ich dachte immer, die ‘Fliege an der Wand’ wäre eine Metapher“, sagte Gera.</p>



<p>„Wir leben in einer Zeit, in der Metaphern das Fliegen lernen“, sagte Carina trocken.</p>



<p>„Warum sollten Sie uns helfen wollen?“, fragte Mik misstrauisch, „nach allem, was ich weiß, fühlen sie gar nichts. Warum also sollte es sie scheren, was aus uns oder diesem Land wird?“</p>



<p>„Zum einen bin ich durchaus in der Lage, Hass zu empfinden“, stellte Carina klar, „zum anderen mag ich nicht über Mitgefühl im emotionalen Sinn verfügen, aber ich zeichne mich durch einen ausgeprägten, abstrakten Gerechtigkeitssinn aus. Ersterer wird schon seit Langem von Eden geweckt und Zweiterer widerspricht seinen Handlungen extrem. Insofern bin ich sehr wohl der Meinung, dass die Herrschaft dieses Mannes beendet und eine geordnetere und gerechtere Regierungsführung installiert werden sollte. Also, wollen Sie in meinem Hauptquartier vorbeikommen und die Details besprechen?“</p>



<p>„Warum kommen sie nicht zu uns?“, fragte Lena misstrauisch.</p>



<p>„Das würde ein wenig zu viel Aufsehen erregen“, erklärte Carina.</p>



<p>„Das klingt doch nicht übel“, meinte Bianca, „und ich glaube, dass wir Carina vertrauen können. Sie war im Kampf gegen Devon treu an unserer Seite. Egal, was und ob sie fühlt: Ihre Taten sprechen für sich.“</p>



<p>„Das ist ein Argument …“, sagte Lena nachdenklich und blickte fragend zu ihrer aller Freund und Geiselnehmer.</p>



<p>Gera nickte gönnerhaft.</p>



<p>„Gut“, sagte Lena, „wir kommen zu ihnen. Geben Sie uns die Koordinaten ihres Hauptquartiers?“</p>



<p>„Das ist nicht nötig“, sagte Carina lächelnd, „in wenigen Minuten bekommen Sie Besuch von einigen weit größeren Schneidfliegen, die Sie dorthin bringen werden.“</p>



<p>„Das ist eine grauenhafte Idee“, meinte Bianca, „Eden wird sie sehen und seine Leute zu uns schicken, falls er sie nicht vorher abschießt. Rufen Sie sie zurück. Sofort!“</p>



<p>„Vertrauen Sie mir“, sagte Carina, „niemand wird Sie entdecken. Ich würde niemals meinen und auch nicht ihren Sicherheitsstatus gefährden. Ich kann zwar unmöglich mit meinen ganzen Truppen bei Ihnen auftauchen, bevor wir unsere Pläne koordiniert haben. Aber in diesem Fall liegen die Dinge anders. Öffnen Sie einfach nur Ihre Fenster und warten Sie ein paar Minuten. Wir sprechen uns dann wieder, sobald Sie bei mir sind.“</p>



<p>Der Bildschirm erlosch wieder und Carinas Gesicht verschwand so plötzlich, wie es erschienen war.</p>



<p>„Na los“, sagte Gera und wedelte mit seiner Waffe, „was steht Ihr hier doof rum? Öffnet die Scheißfenster. Oder wartet ihr darauf, dass die Fensterfee euren Job übernimmt?“</p>



<p>Jonathan und Jessica standen gleichzeitig auf und öffneten die drei großen Fenster ihres Unterschlupfs so weit wie möglich. Doch vorerst geschah nichts.</p>



<p>„Und was jetzt?“, fragte Mik.</p>



<p>„Abwarten, schätze ich“, sagte Jessica ratlos, „und ein großes Glas samt Brettchen holen, falls die Dinger Ärger machen.“</p>



<p>„Es ist schön zu sehen, dass ihnen das Lachen nicht vergangen ist“, sagte Gera.</p>



<p>„Keine Angst, das passiert nicht in der Gesellschaft eines so lächerlichen Bullen“, antwortete Jessica.</p>



<p>„Ach ja … Beleidigungen! Der Dünger meiner Seele“, sagte Gera grinsend.</p>



<p>„Warum wollten Sie eigentlich, dass wir auf das Treffen mit Carina eingehen?“, fragte Bianca, „vertrauen Sie nicht mehr auf Ihren Knochenkumpel?“</p>



<p>„Ich bin nicht sein Schoßhündchen, falls Sie das denken“, sagte Gera, der nur allzu gut wusste, dass er genau das war, „es ist immer gut, sich mehrere Optionen offenzuhalten. Und Sie haben recht: Ein wenig Unterstützung kann tatsächlich nicht schaden, wenn wir den Laden auseinandernehmen wollen.“</p>



<p>„Lucy wäre mir lieber“, sagte Jonathan, „ich kenne sie. Sie hat ein gutes Herz, zumindest seit es wieder frei vom Einfluss des Knochenwalds ist. Carina war mir immer etwas unheimlich. Und sie ist immer noch ein Monster.“</p>



<p>„Mir waren beide immer unheimlich. Und nicht nur etwas“, sagte Bianca, „aber das gilt auch für mich selbst, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Das muss nichts heißen. Wer finster aussieht, muss nicht unbedingt böse handeln. Nicht mal, wenn sein Herz von Dunkelheit vergiftet ist. Sehen Sie Gera an. Er sieht verlottert und harmlos aus, ist aber ein verrücktes Arschloch. Das Äußere hat also nichts zu sagen.“</p>



<p>„Spüren Sie auch die Romantik in der Luft?“, sagte Gera lachend, „irgendwann werden wir zwei noch ein Paar.“</p>



<p>„Nicht mal, wenn ich tot bin. Ganz besonders dann nicht. Notfalls verbrenne ich mich lebendig, um meine Leiche vor ihnen in Sicherheit zu bringen“, sagte Bianca.</p>



<p>Die irritierten Blicke der Geistermenschen zeigten ihr, dass sie die Anspielung nicht verstanden. Noch nicht. Aber Gera musste sich ziemlich beherrschen, um sich keine Blöße zu geben. Die Rebellen wussten bislang tatsächlich nichts von seinen Neigungen. Bis jetzt jedenfalls.</p>



<p>Zu seinem Glück spürte er genau in diesem Moment einen leisen Luftzug in seinem Gesicht und kurz darauf materialisierten sich vier riesenhafte, ascheweiße Fliegen, die fast bis zur Decke reichten. Ihre Saugrüssel waren ihnen verdammt nah.</p>



<p>„Hey, nimm das Drecksding aus meinem Gesicht“, sagte Jessica und wischte den Saugrüssel so energisch wie furchtlos zur Seite. Gera seinerseits ging ein Stück zurück, um dem hässlichen Rüssel zu entgehen.</p>



<p>„Wie ist das möglich?“, staunte Bianca, „beherrscht Carina jetzt auch Illusionsmagie? Ich meine, einige Tricks hatte sie ja drauf, aber …“</p>



<p>„Das wird keine Magie sein“, vermutete Jonathan, „eher irgendwas mit Lichtbrechung. Das Militär hat schon an ähnlichen Technologien geforscht.“</p>



<p>„Wenn Sie meinen, Doktor“, sagte Gera, „hat es auch erforscht, warum diese Monster stinken wie meine ältesten Unterhosen?“</p>



<p>Das war wahr. Diese Schneidfliegen rochen wahrhaft widerwärtig. Nach Pilzen, reifem Käse und vergorenen Früchten.</p>



<p>„Wahrscheinlich dieser komische Staub“, vermutete Mik.</p>



<p>„Immerhin sind sie nicht aggressiv“, sagte Gera, und als hätte er damit einen bösen Fluch auf sich geladen, schoss der Kopf eines der Biester nach vorne. Rasch, wich Gera aus und hob seine Waffe, senkte sie jedoch wieder, als er realisierte, dass das große Tier nur Rones Zitronenbonbon-Kuchen gierig und schlürfend in sich hineinpumpte.</p>



<p>„Dann war es wohl doch der Zucker, der sie interessiert hat“, meinte Bianca kichernd, „und ich dachte schon, sie hätten sich an ihrem Gestank orientiert und Sie als einen der ihren betrachtet.“</p>



<p>„Wirklich mutig, so viel über den Mann mit der Waffe zu lachen“, sagte Gera, „wenn sie so einen Schneid haben, dann steigen sie doch gleich mal auf diese Schneidfliege auf.“</p>



<p>„Das ist wohl eher eine Frage des Ekels als des Mutes“, antwortete Bianca.</p>



<p>„Sie haben mit CfD-Mitgliedern geschlafen“, sagte Gera, „da sollte das eine angenehme Abwechslung sein.“</p>



<p>„Punkt für Sie“, sagte Bianca, gab ihre Zurückhaltung auf und kletterte auf den harten, staubigen Rücken von einem der Tiere, das sich erfreulich ruhig verhielt und sich lediglich gelangweilt den Rüssel mit seinen besengroßen Füßchen putzte. Kurz darauf erhob sich der weiße Staub auf dem Rücken des Tieres wie von selbst und benetzte Bianca so vollständig wie eine Mehlpanade.</p>



<p>„Bah!“, sagte Bianca und hustete angewidert.</p>



<p>Der Rest von ihnen staunte nicht schlecht, als Bianca samt der Fliege unsichtbar wurde, was auch Bianca bewusst wurde, als sie ihre Hände nicht mehr sah und augenscheinlich in der Luft schwebte.</p>



<p>„Dieser Staub hat offenbar eine Menge drauf“, sagte Gera anerkennend.</p>



<p>„Ja, er hat die Fähigkeit, das widerlichste Zeug auf der Welt zu sein“, beschwerte sich Biancas vermeintlich körperlose Stimme, „selbst die Unsichtbarkeit ist das echt nicht wert.“</p>



<p>„Sie finden auch bei allem die Fliege in der Suppe“, sagte Gera feixend. Derweil griff er sich die herumliegende Plastiktüte eines Discounters, ging zum Waffenschrank und stopfte einige Pistolen und Gewehre so wahllos dort hinein, als wären es Brötchen von der Billigtheke.</p>



<p>„Für später“, sagte Gera, als er die sehnsüchtigen Blicke der anderen spürte, „wenn ich der Meinung bin, dass ihr euch benehmen könnt.“</p>



<p>„Wir müssen Sie nur von der Fliege schubsen“, sagte Jessica, „dafür brauchen wir keine Waffe.“</p>



<p>„Ich weiß“, sagte Gera und stieg auf das Tier, das seinen Zitronenkuchen stibitzt hatte, was ihm das absurde Gefühl gab, ihn nicht ganz verloren zu haben, „deshalb fliege ich auch alleine.“</p>



<p>„Was ist mit Gabriela?“, fragte Jonathan, „wir können sie nicht allein geknebelt und gefesselt zurücklassen. Sie braucht etwas zu essen.“</p>



<p>„Mitnehmen können wir sie auch nicht“, sagte Gera, „nicht, dass ich ihr den Angriff auf mich schon verziehen hätte, aber es gibt humanere Methoden, Menschen hinzurichten, als sie aus großer Höhe stürzen zu lassen oder Edens Soldaten zum Fraß vorzuwerfen.“</p>



<p>„Ich kann eine der benachbarten Zellen kontaktieren“, schlug Lena vor, „nur, damit jemand nach ihr sieht.“</p>



<p>„Keine Angst“, fügte sie hinzu, als sie Geras Stirnrunzeln sah, „ich erzähle ihnen einfach, dass sie eine Verräterin und mit Eden im Bunde ist. Dann werden sie ihr nichts glauben, sie aber dennoch nicht verhungern und verdursten lassen.“</p>



<p>„Halten Sie mich für dämlich?“, fragte Gera, „wenn sie erzählt, dass ich durchgedreht bin und sie entführt habe, werden sie das für die weitaus glaubwürdigere Geschichte halten. Ich kenne meinen Ruf. Nein, ich bleibe dabei. Die Dame bleibt erst mal sich selbst überlassen. Wenn wir vom Treffen mit Carina zurück sind, zahle ich ihr gerne ein All-You-can-Drink.“</p>



<p>„Sie sind ein Ungeheuer“, sagte Bianca,</p>



<p>„Das bin ich wohl“, sagte Gera, „aber ich bin IHR Ungeheuer. Vergessen Sie das nicht.“</p>



<p>„Also gut“, sagte Jonathan mit einem letzten Blick zu der Gefangenen, deren Augen vor Hass sprühten, „dann lasst uns mal aufsteigen und schauen, wohin uns diese Dinger bringen.“</p>



<p>„Wohin wohl? Fliegen folgen immer der Scheiße“, sagte Gera, „aber keine Sorge: Mit Scheiße kenne ich mich bestens aus.“</p>



<p></p>
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		<title>Angstkreis Live in Leipzig bei der &#8222;Lesebühne Pinzette&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 17:00:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Frühling wird finster. Denn kaum da sich die zarten Pflänzchen aus dem Boden wagen, breiten Herr Angstkreis und weitere Autoren ihre Schatten </p>
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<p></p>



<p>Dieser Frühling wird finster. Denn kaum da sich die zarten Pflänzchen aus dem Boden wagen, breiten Herr Angstkreis und weitere Autoren ihre Schatten aus.</p>



<p>Am 21.03.2026 um 19 Uhr finden wir uns auf dem Südfriedhof Leipzig zu einer gruseligen Lesung ein. Veranstaltet von der „Lesebühne Pinzette“. Mit dabei sind außer mir: J..J. Raidark, Alla Leshenko, Thomas Karg, Mariann Gáborfi, Judith Poschke und Dr. Zargota als Moderator. Ich freue mich riesig über jeden, der vorbeikommen möchte. Der Eintritt ist frei.</p>



<p>Zum Instagram-Auftritt der Lesebühne geht es hier: <a href="https://www.instagram.com/lesebuehnepinzette/">https://www.instagram.com/lesebuehnepinzette/</a></p>



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		<title>Knochenwelt: Vorlieben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angstkreis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Jan 2026 19:20:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Knochenwald]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es war ein graues, unscheinbares, dreckiges Haus und damit eines von vielen in dieser grauen, unscheinbaren, dreckigen Stadt, die seit der Aneinanderreihung von </p>
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<p></p>



<p>Es war ein graues, unscheinbares, dreckiges Haus und damit eines von vielen in dieser grauen, unscheinbaren, dreckigen Stadt, die seit der Aneinanderreihung von Katastrophen der letzten Jahre noch viel grauer und dreckiger geworden war. Noch vor einigen Monaten hätte Gera das nicht mal zugegeben, wenn man ihm eine Waffe an eine der Schläfen seines Erdmännchenschädels gehalten hätte, aber eigentlich war sein Leben als Polizist früher recht entspannt gewesen. Nicht weil es nicht genug zu tun gegeben hätte – Bürokratie und Papierkram füllten zuverlässig jede Lücke, die die klassische Polizeiarbeit ließ –, aber eigentlich war Deutschland nie ein übles Pflaster gewesen. Niedrige Kriminalitätsraten, noch niedrigere Mordraten und ein vergleichsweise sicheres Leben, egal was die reißerischen Blätter, sensationslüsterne Talkshows, rechtsdrehende Polizeigewerkschaftler und auch er selbst oft behauptet hatten.</p>



<p>Die Zahl der Mordfälle, die er hatte bearbeiten müssen, war so gering gewesen, dass er manchmal nicht nur bildlich, sondern sogar wortwörtlich einen Freudentanz aufgeführt hatte, wenn er mal einen zugeteilt bekommen hatte. Gera war – gerade vor der Ausbreitung des Knochenwalds – kein großer Menschenfreund gewesen. Aber dennoch hatte er insgeheim stets gewusst, dass Menschen zwar oft dumm, ignorant, fehlerhaft, inkompetent, nachlässig und selbstverliebt waren, aber nicht im Kern grausam oder sadistisch. Eigentlich wollten die meisten nur ein gechilltes, geordnetes, stressfreies Leben in einem harmonischen Umfeld, für das sie sich auch einzusetzen bereit waren. Dass das nicht immer so harmonisch funktionierte, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass die größten Arschlöcher dort, wo man es nicht verhinderte, die Tendenz hatten, nach oben zu kommen. Dennoch waren sie nicht in der Überzahl gewesen. Gera und die anderen Polizisten waren eher wie Klempner gewesen, die ab und an ein paar Löcher stopfen mussten, damit alles so weiterlief wie gewohnt.</p>



<p>Inzwischen war es aber völlig anders. Jetzt wateten sie knietief in der Scheiße, schissen dabei selbst noch gehörig mit und die Psychopathen hatten endgültig die Herrschaft übernommen. Und weil das so war, kroch ihresgleichen – ob übernatürlich oder nicht – immer schneller aus seinen stinkenden Löchern.</p>



<p>Eines dieser Löcher war Rones Haus. In einer besseren Welt hätte er jetzt hier mit einem offiziellen Einsatzkommando gestanden und hätte das Rattenloch dieses dreckigen Bastards sturmreif geschossen. Doch stattdessen war er hier, um sich irgendein bescheuertes Angebot anzuhören. Wie auch immer das lauten sollte.</p>



<p>Gera steckte sich ein weiteres Zitronenbonbon in den Mund, das in seiner Tasche schon etwas feucht und klebrig geworden war, und suchte nach dem Klingelschild mit der Aufschrift „Maier“ – was für ein beschissen spießiger Nachname. Als er das Schild entdeckt hatte, wäre ihm das Bonbon fast wieder aus dem Mund gefallen. Das Klingelschild wurde von zwei stilisierten Knochenhänden eingefasst und von einem grinsenden Schädel geschmückt und Gera verwettete seine Rückenschmerzen darauf, dass es aus echtem Knochen bestand, selbst wenn es so stilvoll war wie der Ausschuss vom Halloween-Sortiment eines Ein-Euro-Ladens. Gera war trotzdem Polizist genug, um den Unterschied zu erkennen. Und er bezweifelte, dass es Rones Knochen waren, die dafür herhalten mussten.</p>



<p>Als er widerwillig die Klingel drückte und ihm statt eines gewöhnlichen Klingelgeräusches ein comichaftes Gelächter entgegenschallte, wuchs seine Wut auf den Pisser noch weiter. Psychopathen waren eine Sache, aber geschmacklose Psychopathen eine ganz andere. Und eine Kreuzung zwischen einem Influencer und einem geschmacklosen Psychopathen war eine der niedersten Existenzformen, die man sich vorstellen konnte. Gera war recht objektiv, was das betraf. Denn er hielt auch sich selbst für eine niedrige Existenzform. Aber ein Wurm brauchte den Abwärtsvergleich zu einer Amöbe nicht zu scheuen.</p>



<p>„Hey, Skelettexhibitionist. Ich bin es, Gera. Drücken Sie diese Scheißtür auf, stoppen Sie dieses blöde Gekicher und lassen Sie mich rein“, rotzte Gera ungeduldig in die Gegensprechanlage.</p>



<p>Rone antwortete nicht, aber er gehorchte. Und das war eine Eigenschaft, die Gera besonders an seinen Mitmenschen schätzte.</p>



<p>Gera drückte die Tür auf und betrat einen düsteren, nach ödem Essen, kaltem Rauch und latentem Schimmel müffelnden Hausflur. Es war arschdunkel, da die automatische Beleuchtung zwar funktionierte, aber mit einer viel zu schwachen Lichtquelle ausgestattet worden war. Ein leicht verbogenes Fahrrad und ein Kinderwagen wiesen darauf hin, dass Rone nicht der einzige Bewohner dieser Bruchbude war. Aber die Atmosphäre, die in dem Hausflur herrschte, machte eher den Eindruck, als würden sich die restlichen Mieter nicht gerade heimisch fühlen, sondern sich hier drin nur vor der Welt und vielleicht auch vor Rone verstecken, wie verängstigtes Wild Es gab keine Fußmatten mit kitschigen Sprüchen, keine Dekoration, nicht einmal Schuhe standen draußen. Wer immer hier wohnte, wollte eindeutig nichts mit dem Rest des Hauses zu tun haben. Gera konnte es ihnen nicht verübeln.</p>



<p>Aber er war ja auch nicht hier, um die Immobilie zu bewerten. Was ihn interessierte, war eher der Schädlingsbefall, den es hier gab. Rone wohnte ganz oben, wenn man nach der Position des Klingelschildes ging. Natürlich, wo sonst?</p>



<p>Gera begann den Aufstieg und spürte ironischerweise seine eigenen Knochen, zuvorderst seine Knie und den Rücken. Er war immer noch recht fit, aber das Alter saugte ihn trotzdem aus wie ein Glasbeerenstrauch. Ewig würde er diesen Beruf nicht mehr ausüben können. Zumindest, wenn er sich nicht darauf beschränken konnte, Befehle von seinem Schreibtisch zu brüllen und ansonsten die Hände in den Schoß zu legen. Der erste Teil dieser Vorstellung war durchaus attraktiv, der zweite eher nicht. Gera war ein Mann der Tat. Außerdem hatte er nicht viel Hoffnung auf eine Pension unter der CfD-Regierung. Deren Angebote für den Ruhestand waren Selbstmord, Kriminalität, Prostitution und Organhandel. Diese Wahl würde auch er treffen müssen, wenn sich nicht bald etwas änderte. Gera war nicht reich. Er war kein Parteimitglied und verdiente schon allein deshalb nur halb so viel wie seine Kollegen, und große Ersparnisse hatte er auch nicht.</p>



<p>Stopp! Sagte Gera, als er begriff, dass diese Gedankenspirale ihn noch weniger weiterbringen würde als diese endlosen Treppenstufen. Außerdem war er keine Heulsuse. Dass er das Mitleid für sich entdeckt hatte, war okay, aber Selbstmitleid war etwas für Schwächlinge und mannasüchtige Akademiker.</p>



<p>Endlich hatte er die oberste Etage erreicht. „Hallo Herr Kommissar“, begrüßte ihn eine Stimme aus dem Halbdunkel, da das Licht in dieser Etage ganz ausgefallen war.</p>



<p>Es war eine weibliche Stimme, die sprach.</p>



<p>„Tut mir leid, gnädige Frau“, sagte Gera überrumpelt, „ich wollte eigentlich zu …“</p>



<p>„Rone the Bone“, sagte die Frau und trat ein Stück vor, sodass das funzelige, vom Treppenhaus heraufstrahlende Licht ihren Körper enthüllte.</p>



<p>Die Frau mochte Mitte dreißig sein, war aber ausgemergelt wie ein Skelett. Ihr blondes Haar war dünn und trocken, ihre Beine schauten wie Storchenstelzen aus ihren kurzen Hosen hervor und das Einzige, was sich unter ihrem schmutzigen, weißen Shirt abzeichnete, war ihr Brustkorb. Ihre Haut wiederum war wächsern, blass und krank und ihr zerfurchtes, müdes Gesicht erinnerte ihn an Schockbilder von Meth-Konsumenten.</p>



<p>Entfleischt immerhin war sie nicht. Auch wenn ihre Knochen fast überall zu erahnen waren, waren sie immer noch gänzlich von Fleisch, oder eher Haut, bedeckt.</p>



<p>„Rone ist gerade noch in der Küche“, sagte sie freundlich und streckte ihre dürre Hand aus. „Ich bin seine Freundin, Risa.“</p>



<p>„Angenehm“, log Gera und berührte ihre Knochengriffel eher flüchtig. Schon dieser flüchtige Kontakt ließ Gera erschauern. Es war wie die Berührung des Grabes. Gerade weil er nichts Übernatürliches an der Frau fühlte. Nur ganz gewöhnliche Sterblichkeit und Vernachlässigung.</p>



<p>„Hoffentlich doch, um ihnen was zu essen zu machen“, entfuhr es Gera. Nun, eigentlich war es kein Versehen, sondern eher seine gewöhnlichen Umgangsformen.</p>



<p>Risa lachte ein trockenes Lachen, das noch gruseliger war als das aus der Klingel am Hauseingang.</p>



<p>„Nein, eigentlich macht er ihnen etwas zu essen“, antwortete Risa, „ich bin nicht magersüchtig, Herr Kommissar, um das klarzustellen. Ich mag Essen sehr. Aber den Knochen bewundere ich noch mehr. Und da Rone es mir noch nicht erlaubt, meinen freizulegen, tue ich mein Bestes, um ihn trotzdem zur Geltung zu bringen. Ganz freiwillig.“</p>



<p>Freiwillig, klar, dachte Gera. So freiwillig wie ein Junkie etwas von einem Drogendealer kauft.</p>



<p>„Schon amüsant, dass er ihnen das verbietet, aber tausende junge Leute im ganzen Land dazu ermutigt, sich zu verstümmeln“, bemerkt Gera.</p>



<p>„Oh, was andere tun, liegt nicht in der Verantwortung von Rone“, behauptete Risa.</p>



<p>Dann steckte Rone seinen grinsenden Kopf durch die Tür und schaltete dabei das Licht an. So konnte Gera sehen, dass der Bonefluencer eine Schürze mit der prahlerischen Aufschrift „Talentiert bis ins Mark“ über einem weiten, langärmligen, weißen Gewand trug.</p>



<p>„Risa hat recht. Ich habe immer einen Disclaimer in der Beschreibung meiner Videos, Herr Kommissar“, behauptete Rone, „und ich weise stets darauf hin, dass es gefährlich ist, sich zu entfleischen, solange die Macht des Knochenwaldes schwach ist.“</p>



<p>„Was für ein Schwachsinn“, antwortete Gera, „halten Sie mich für dumm? Ich mag nicht der Jüngste sein, aber ich weiß durchaus, wie man YouTube bedient. Und ich weiß, dass Sie sich Ihren Disclaimer in die eitrige Stirnhöhle stecken können, wenn der Rest ihrer Videos aus blutigen Bastelanleitungen besteht.“</p>



<p>„Die Anleitungen sind nicht für jetzt gedacht, sondern für den Tag X. Wenn der Knochenwald wieder an Macht gewinnt und solche Handlungen nicht mehr tödlich sind. Das sind Feinheiten, die man als Außenstehender nicht direkt versteht. Ein echter Bonie weiß aber, wie ich das meine. Doch lassen Sie uns das hier nicht auf der Türschwelle diskutieren. Kommen Sie ruhig rein. Ich habe Zitronenkuchen gebacken. Den mögen sie doch bestimmt, oder?“</p>



<p>Das stimmte natürlich. Aber Gera war auch übel. Und das hatte nichts mit dem Kuchen zu tun.</p>



<p>Trotzdem folgte er der Aufforderung.</p>



<p>~o~</p>



<p>Gera trat durch die Tür in den Flur. Entgegen seiner Erwartungen war es keine überfüllte Messybude und auch nicht das dreckige Loch eines Psychopathen. Es gab hier und da Knochenkitsch – Bilderrahmen aus Knochen, Deckchen in Schädelform, Kerzen in Gestalt von Skelett-Händen –, im Großen und Ganzen war Rones Wohnung aber aufgeräumt, gut geputzt und geradezu minimalistisch. Stilvolle, zweckmäßige Möbel mit viel Raum dazwischen. Das einzige Auffällige war, dass alle Möbel, Teppiche und Dekorationsobjekte entweder weiß oder schwarz waren. Was er aber nicht entdeckte, waren Spuren von Blut oder Fleisch. Das war gut. Andernfalls hätte Gera seinen Polizistenreflexen einfach nachgeben und dem Mann die Scheiße aus dem lächelnden Gesicht prügeln müssen.</p>



<p>Rone, der das Tablett mit dem Kuchen und dem Geschirr so elegant trug wie ein alter Gastronomieveteran, und die dürre Risa begleiteten ihn zu einer Sitzgruppe mit einem schwarzen Tisch und vier gepolsterten Stühlen, von denen jeweils zwei in Schwarz und zwei in Weiß gehalten waren.</p>



<p>Die Stühle sahen alle recht bequem aus. Gera hatte dennoch gewisse Vorbehalte wegen der in ihnen verbauten Materialien. Gerade bei den Weißen Deswegen wählte er einen schwarzen Stuhl, in der Hoffnung, dass er nicht einfach nur lackiert worden war.</p>



<p>Als er sich setzte und der Stuhl unter ihm leicht knarzte, strich Gera beiläufig über die Lehne und war sich zumindest sicher, weder Holz noch Metall zu spüren. Entweder ein bestimmter Kunststoff oder … nein, er wollte es nicht zu genau wissen. Stattdessen widmete er sich dem sandgelben Kuchen, der zahlreiche glänzend gelbe Überraschungen in seiner Glasur verbarg. Zitronenbonbons. Sofort lief Gera das Wasser im Mund zusammen.</p>



<p>„Woher wissen Sie von meinen Vorlieben?“, fragte Gera trocken.</p>



<p>„Ich schätze, Sie meinen den Zitronenkuchen“, antwortete Rone freundlich, „eine frische weibliche Leiche konnte ich Ihnen leider nicht präsentieren. Ich hänge zu sehr an Risa und außerdem habe ich gerade die Polizei im Haus.“</p>



<p>Ein verschwörerisches Zwinkern nahm Rones Aussage jeden winzigen Rest an Zweideutigkeit.</p>



<p>Gera spürte, wie er erbleichte. „Ich weiß nicht, wovon sie reden“, behauptete er. Aber er war sich darüber im Klaren, dass seine nonverbalen Signale ihn längst verraten hatten. Das Zögern vor seiner Antwort. Das Verziehen der Augenbrauen. Das Weiten der Pupillen. Gera schätzte, dass Rone nicht die Art Mensch war, der so etwas entging.</p>



<p>„Oh doch, das wissen sie“, sagte Rone bestimmt, „und ich weiß es auch. Ich weiß, dass Ihr Hunger drei Arten von Lustobjekten gilt. Zitronensüßspeisen, wohlgeformtem toten Fleisch und Gerechtigkeit. Zwei dieser Begierden vermag ich zu stillen.“</p>



<p>Nun wurde Gera eiskalt. Hatte dieser Mann ihn bespitzelt oder hatte er Freunde, die dies taten? Er konnte sich das nicht vorstellen. Gera war vorsichtig gewesen. Vorsichtig genug, um bislang eine faschistische Polizeibehörde zu täuschen, die zwar größtenteils inkompetent, aber auch sehr argwöhnisch war. Er hätte es bemerkt, wenn man ihn bespitzelt hätte. Aber andererseits konnte Rone auch nicht einfach nur geraten haben. Dafür waren seine Vermutungen zu spezifisch.</p>



<p>„Woher glauben Sie, das zu wissen?“, fragte Gera lauernd und legte die Hand auf die Waffe in seiner Tasche.</p>



<p>„Ich bin ein Weiser des Gebeins“, sagte Rone, „und ich habe mir gewisse … Talente erschlossen. Die Knochen erlauben es mir, Orte zu erforschen und Personen geisterhaft beizuwohnen, die nichts von meiner Anwesenheit bemerken. Eine seltene Fähigkeit, selbst für einen Weisen, wie ich nicht ohne Stolz eingestehen muss.“</p>



<p>„Die Magie der Weisen funktioniert nicht in dieser Welt“, sagte Gera, was zumindest ungefähr mit seinem Wissensstand übereinstimmte, auch wenn es letztlich mehr Theorien als wasserdichte Fakten waren.</p>



<p>„Bei mir schon“, sagte Rone. Schob sein Gewand am Brustausschnitt etwas nach unten und offenbarte eine flache, kreisrunde Erhebung unter seiner Haut, „ich habe ein Artefakt geborgen. Aus dem Nachlass von Devon, bevor sich die Magie des Waldes nach ihrem heldenhaften Kampf gegen Devon ein wenig aus dieser Welt zurückgezogen hat. Es besitzt einen Teil der ursprünglichen Kraft. Nicht genügend für diese Welt, nicht einmal genug für die arme Risa. Aber genug für mich. Das ist der Grund, warum ich nicht vergehe und vollkommen handlungsfähig bin. Trotz dieser hier.“</p>



<p>Rone krempelte die Ärmel seiner Kleidung hoch und offenbarte zwei vollkommen entfleischte Arme, die zwischen Handgelenk und Schulter kein Gewebe mehr enthielten. Offenbar hatte der Junge nach dem Clip, den Gera von ihm gesehen hatte, noch eine Schippe draufgelegt.</p>



<p>„Danke für die Information. Nun weiß ich ja, wo ich schneiden kann, wenn ich sie zerbröckeln lassen will“, drohte Gera und grinste dabei böse.</p>



<p>„Wenn sie auch nur versuchen, Rone anzurühren, werde ich …“, drohte Risa.</p>



<p>„Was denn?“, fragte Gera und funkelte Rones Freundin kampflustig an, „mich mit ihren Streichholzärmchen totstreicheln?“</p>



<p>„So eine Unverschämtheit“, schäumte Risa, „das ist unser Haus und Sie werden sich benehmen, sonst …“</p>



<p>„Beruhigen wir uns doch alle wieder“, sagte Rone, „dies ist kein Ort für Drohungen.“</p>



<p>„Guter Witz“, sagte Gera, „sie drohen mir doch gerade. Warum sonst sollten sie sich mit ihren angeblichen Erkenntnissen konfrontieren?“</p>



<p>„Es ist keine Drohung. Eher eine Rückversicherung zu meinem eigenen Schutz“, sagte Rone, „es soll nur verhindern, dass sie versuchen, mich der Strafverfolgung auszusetzen. Wenn sie das nämlich tun, könnte das zu gewissen Indiskretionen meinerseits führen.“</p>



<p>„Sparen Sie sich ihre rhetorischen Tricks. Ich habe jahrelang Verdächtige verhört, die weit besser labern konnten als Sie. Und die meisten sind am Ende doch im Knast gelandet“, antwortete Gera kühl. „Was sie hier abziehen, ist eine Erpressung“, stellte Gera klar, „oder es soll zumindest eine sein. Aber so druckvoll, wie sie glauben, sind Ihre Druckmittel vielleicht gar nicht. Wenn sie so ein talentierter Geistervoyeur sind, wissen sie sicher, dass die CfD-Behörden Moral noch geringer schätzen als Bildung. Es wird ihnen also vollkommen egal sein, wie oder was ich ficke. Vielleicht werde ich ja sogar befördert, wer weiß.“</p>



<p>„Was die Moral von Eden und seinen Leuten betrifft, stimme ich Ihnen hundertprozentig zu“, antwortete Rone, „würden Sie irgendwelche Leichen beglücken, würde es ihnen sicher vollkommen egal sein. Aber es sind Parteileute. Ausschließlich Parteileute. Das könnte dem ein oder anderen doch ein wenig sauer aufstoßen.“</p>



<p>Der letzte Teil von Rones Satz war umso passender, da Gera sich durch die versuchte Erpressung nicht davon hatte abhalten lassen, sich ein Stück von dem Zitronenbonbon-Kuchen zu gönnen. Nun aber blieb ihm das verdammt saure und verdammt schmackhafte Kuchenstück wortwörtlich im Hals stecken. Hustend schluckte er es herunter und schaffte es irgendwie, das meiste davon in seine Speiseröhre zu befördern, statt in seine Lunge. Verärgert über die Blöße, die er sich damit gegeben hatte, war er dennoch. Denn leider hatte Rone recht. Er hatte damit durchaus ein Druckmittel. Eppenheimer würde ihn persönlich auf seinem überteuerten High-Tech-Grill brutzeln, wenn er rausbekäme, was in der Leichenhalle geschehen war, und den armen Barnett gleich mit. Gerade das gefiel ihm noch weniger. Denn damit stand durch seine Entscheidungen mehr auf dem Spiel als sein eigener haariger Arsch.</p>



<p>„Also gut“, sagte Gera, „Sie haben mich anscheinend am Sack, Bübchen. Aber glauben Sie nicht, dass Sie das endlos strapazieren können. Ich bin durchaus der Typ Mann, der lieber mit einer großen Show untergeht, bevor er zum Bettvorleger verkommt. Wenn sie einen korrupten Cop suchen, der Ihre Teenie-Verstümmelungsorgien deckt, haben sie sich tiefer geschnitten, als Sie glauben.“</p>



<p>„Das würde ich nicht von ihnen verlangen, Herr Gera“, beruhigte ihn Rone, „und ich plane auch nicht, persönlich Hand an irgendwelche Heranwachsenden zu legen. Ich brauche lediglich ihre Hilfe, um Eden zu Fall zu bringen.“</p>



<p>„Eden? Warum sollte der Sie kümmern? Sein Regime bietet doch den besten Nährboden für Leute wie Sie?“, fragte Gera.</p>



<p>„Wir verachten ihn und sein Regime“, mischte sich Risa mit überraschendem Furor ein, „Edens Terrorherrschaft hat meine Eltern ihr Leben gekostet und Rones Eltern auch.“</p>



<p>„Das ist wahr“, bestätigte Rone, „Risas Vater hat sich das Leben genommen, nachdem er durch Edens Arbeitsmarktpolitik obdachlos geworden war. Sein Betrieb war geschlossen worden, weil man dessen Besitzer eine Nähe zum Widerstand nachgesagt hat. Diese Kontaktschuld hat ihm sämtliche Jobaussichten genommen und einen Sozialstaat gibt es ja nicht mehr. Und ihre Mutter … nun, sie starb durch die Hand eines CfD-Freiers. Was mich betrifft. Meine Eltern waren auf einer Demonstration. Sie waren nicht gerade militant, haben nur Transparente hochgehalten, aber das hat ihre Kollegen nicht davon abgehalten, sie totzutreten. Sie sehen also: Wir verabscheuen diesen Mann zutiefst.“</p>



<p>Gera panzerte sein Herz gegen mögliches Mitleid mit diesem Spinner, auch wenn es ihn schmerzte, mit solchen Prügelknechten wie den Mördern von Rones Eltern in einen Topf geworfen zu werden.</p>



<p>„Sehr rührend“, sagte er kühl, „jeder schätzt eine gute Backstory für seine Bösewichte. Und so ein paar Tränchen sind immer noch der beste Freifahrtschein für den eigenen Egotrip. Aber kommen wir zum Punkt: Was wollen sie gegen Eden unternehmen? Und wo komme ich da ins Spiel?“</p>



<p>„Ich werde gar nichts unternehmen“, sagte Rone, „zumindest nicht direkt. Ich weiß, dass Sie in Kontakt mit dem Widerstand, mit diesen Geistermenschen, stehen. Die und ihre anderen Freunde sind sicher besser dazu geeignet, Eden auszuschalten, als ich. Ich bin ein Visionär, kein Kämpfer. Was ich aber für sie tun kann, ist, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich habe viele Fans, wie Sie wahrscheinlich wissen. Wenn ich sie alle zu einem Fantreffen und einer kleinen Entfleischungsdemonstration einlade, sollten das selbst Edens Behörden nicht ignorieren können. Das wird Kräfte binden und es ihnen leichter machen, zu Eden vorzudringen.“</p>



<p>„Sie wollen ihre Fans als Köder und Schutzschild benutzen?“, fragte Gera ungläubig.</p>



<p>„Ihnen wird nichts geschehen. Ich werde die zeremonielle Entfleischung nur ankündigen, aber nicht wirklich durchführen“, versicherte Rone.</p>



<p>„Und das soll ich ihnen glauben, ernsthaft?“, fragte Gera.</p>



<p>„Das müssen Sie wohl“, erwiderte Rone, „aber Sie können es auch. Meine Bonies verehren mich. Und zu solch einer Versammlung würden auch kaum Poser oder Neugierige kommen, sondern nur meine allertreuesten Anhänger. Wenn ich ihnen Zurückhaltung abverlange, werden sie gehorchen.“</p>



<p>„Scheiße“, zischte Gera, als ihm bewusst wurde, dass das tatsächlich ihre beste Chance war, Eden zu Fall zu bringen. Und nicht nur das: Wenn Rone vom Widerstand wusste, hatte er mehr Druckmittel in seinen dürren Händen als nur Geras Nekrophilie. Trotzdem widerstrebte es ihm zutiefst, das Schicksal dieser jungen und verzweifelten Leute von jemandem wie Rone abhängig zu machen. Doch das Leben war kein Wunschkonzert. Es war gerade eher ein nerviges Schlagerfest mit Neonazitexten. Und wenn sich schon Bianca nicht zu schade gewesen war, zur Knochenhure zu werden, warum sollte er es ihr nicht auf seine Weise gleichtun?</p>



<p>„Gut, Jüngchen“, sagte Gera entschlossen und reckte dabei herausfordernd sein fliehendes Kinn nach vorn, „aber eines sollten Sie besser nicht vergessen: Was immer unsere Abmachung ist, sobald es wieder so etwas wie Gerechtigkeit in diesem Land gibt, werde ich dafür sorgen, dass sie Sie in den knochigen Arsch fickt. Ganz egal, ob es mich selbst in den Knast bringt. Und sollte bei ihrer Veranstaltung auch nur ein einziger Mensch sterben oder verstümmelt werden, der nicht zu Edens Schergen gehört, werde ich Ihnen jeden einzelnen Knochen im Leib brechen. Darauf können Sie Ihr wackeliges Gerippe verwetten. Ich habe mit Anita Rosberg geredet. Ich habe sie gesehen, eine Ihrer teuren Bonies, die sie fast in den Selbstmord getrieben haben. So etwas vergesse ich nicht. Deshalb steht für mich fest: Sobald unser kleiner Plan durchgezogen und Eden unter der Erde ist, sind wir wieder Feinde. „Nur ob ich sie dann als Verdächtigen oder als Ungeziefer jage, das liegt an Ihnen.“</p>



<p>„Harte Worte“, sagte Rone, „aber als Verehrer eines harten Materials weiß ich gerade diese Sorte zu schätzen. Allerdings sollten Sie Ihre Haltung vielleicht noch einmal überdenken. Ich bin nicht so ein Monster, wie Sie glauben. Ich habe Fehler gemacht, ja. Und ich werde künftig besser darauf achten, meinen Followern klarzumachen, dass noch nicht die rechte Zeit zur Entfleischung ist. Ich bin kein Extremist. Ich will kein willenloses Buckeln und Gehorchen von fleischlosen Skeletten, die vor mir knien. Das wollte ich vielleicht zu Anfang, aber inzwischen habe ich erkannt, dass der Knochen das Potenzial zu wahrer Freiheit bietet. Die Weisen in der anderen Welt sind auf einem Holzweg, den ich nicht beschreiten möchte. Ich will die Kraft des Knochenwalds dafür verwenden, den Menschen zu helfen. Das Beste aus unserer und jener Welt zu vereinen. Die Freuden des Fleisches und die Macht der Knochen. Eine Utopie ermächtigter Weiser mit menschlichen Herzen. Das ist mein Ziel. Und ich habe immer Platz für nützliche Verbündete bei meiner Mission. Doch so sehr ich diese Harmonie auch anstrebe: Meine Feinde pflege ich nicht mit Gnade zu behandeln.“</p>



<p>„Dasselbe gilt für mich. Aber wer vergeblich um Gnade winseln wird, sehen wir dann, nicht wahr?“, antwortete Gera, „reden Sie sich bis dahin ruhig ein, dass Sie der Gute sind, wenn Sie dann besser schlafen können, und träumen Sie Ihre kranken Utopien. Aber ich kann gerne darauf verzichten. Wir haben alles Wichtige besprochen. Ich würde jetzt gehen und meine Verbündeten informieren.“</p>



<p>„Tun sie das“, sagte Rone, „aber nehmen sie ruhig ihren Kuchen mit. Mir schmeckt er ohnehin nicht besonders. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er überhaupt jemandem schmeckt, außer ihnen.“</p>



<p>~o~</p>



<p>Gera hatte den Kuchen tatsächlich eingepackt. Kurz hatte er darüber nachgedacht, ihn abzulehnen. Nicht etwa aus Selbstachtung oder wegen des verachtenswerten Bäckers, sondern weil er Zutaten wie MannaRed, Knochenpulver oder irgendein Gift befürchtete. Allerdings waren das Überlegungen, die er besser hätte anstellen sollen, bevor er sich zwei ganze Stücke von dem Zeug in den Wanst gestopft hatte. Insofern wäre es albern, den Kuchen verkommen zu lassen. Wenn er diesen zitronigen Trostpreis verschmähte, hätte das einen ohnehin schon miserablen Deal noch viel miserabler gemacht.</p>



<p>Falls er starb, würde er das schon noch früh genug merken und wenn es nur etwas Ekliges war … nun Gera hatte sich in seinem Leben schon eine Menge Ekelhaftes in den Mund gesteckt. Aktuell schien die Übelkeit, die in seinem Magen rumorte, auch eher moralische als kulinarische oder medizinische Gründe zu haben. Dieser Deal war Pferdescheiße. Von einer so schlechten Sorte, dass sie nicht einmal seinem alten, rücksichtsloseren Ich geschmeckt hätte. Aber da er daran momentan nichts ändern konnte, tat er das, was er am besten konnte: Er schaute nach vorne.</p>



<p>Er ging die Straße hinunter, stieg in sein Auto, holte den Kommunikator in seiner Tasche hervor und tippte eine Nachricht an Bianca. Den Gedanken, dass das Ding komprimiert war und Rone wahrscheinlich jedes Wort mitlas, verdrängte er. Bei seinem Smartphone würde dafür Edens Geheimdienst jedes Wort mitlesen, was nicht wirklich besser war. Er hielt die Nachricht aber möglichst knapp.</p>



<p>„Hey, Zungenlady. Seid ihr schon in der Spukhöhle?“, schrieb er kryptisch. Sie mochte den Spitznamen nicht. Aber besser, er hielt Namen da raus. Außerdem konnte er sich die zusätzliche Nachricht an die Geistermenschen sparen, falls sie bejahte.</p>



<p>„Das sind wir, alter Leichensack. Was gibt es?“, schrieb sie schon nach wenigen Minuten, ähnlich charmant zurück.</p>



<p>Gera entwich ein Grinsen. Er ließ sich nicht durch Beleidigungen verletzen. Erst recht nicht durch Menschen, die er insgeheim mochte.</p>



<p>„Ich habe Neuigkeiten, die wir besser privat bequatschen“, schrieb er, „räumt mir schon mal einen Platz an eurem Séance-Tisch frei und stellt &#8217;ne Limo kalt. Ich bringe auch Kuchen mit.“</p>



<p></p>
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