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		<description>Fabeln - Novellen - Sagen</description>
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				<title>Die Blume am Abgrund</title>
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				<pubDate>Thu, 06 Aug 2026 05:50:21 +0000</pubDate>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Blume am Abgrund &#8211; Kurzgeschichte zum Nachdenken</h2>
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<p class="wp-block-paragraph">Vor langer Zeit, in einem verborgenen Tal zwischen schroffen Bergen, lebte eine junge Gärtnerin namens Lira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte von ihrem Großvater gelernt, dass jede Blume ein eigenes Bewusstsein besitzt und dass das Geheimnis des Gärtnerns nicht darin liegt, sie zum Wachsen zu zwingen, sondern ihnen zuzuhören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lira pflegte einen wunderschönen Garten, in dem Rosen in tiefem Samtrot leuchteten, Lilien wie Mondlicht schimmerten und Kräuter einen Duft verströmten, der die Sorgen der Wanderer linderte, die durch das Tal zogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschen sagten, ihr Garten sei ein Stück Paradies. Doch Lira selbst fühlte eine tiefe Unruhe. »Warum«, fragte sie sich, »vergeht alles so schnell? Die schönste Rose welkt in wenigen Tagen. Was hat das alles für einen Sinn, wenn nichts bleibt?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Abends, als die Sonne blutrot hinter den Gipfeln versank, hörte sie eine leise Stimme. Sie folgte ihr einen steilen Pfad hinauf, den kaum jemand je betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Rand eines gewaltigen Abgrunds, wo der Wind heulte und die Sterne zum Greifen nah schienen, wuchs eine einzelne Blume. Sie war von einer Art, die Lira noch nie gesehen hatte: Ihre Blütenblätter schimmerten in allen Farben zugleich, wechselnd wie ein Opal im Licht. Die Blume stand direkt am Abgrund, ihre Wurzeln klammerten sich an nackten Fels.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wer bist du?«, flüsterte Lira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Blume antwortete nicht mit Worten, doch in Liras Geist entstand ein Gedanke, klar und warm wie Sonnenschein:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ich bin die, die nur einen einzigen Tag blüht. Und genau deshalb blühe ich vollkommener als alles andere.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lira setzte sich auf einen Stein und beobachtete die Blume die ganze Nacht hindurch. Als der Morgen kam, begann die Blüte sich langsam zu öffnen. Mit jeder Stunde, die verging, wurde ihre Schönheit intensiver.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Mittag schien sie das gesamte Licht der Welt in sich zu sammeln. Wanderer unten im Tal hielten inne und schauten hinauf, geblendet von einem Leuchten, das sie nicht erklären konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am späten Nachmittag begann die Blume bereits wieder zu verblassen. Ihre Farben wurden sanfter, durchscheinender. Lira spürte Tränen in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Warum tust du dir das an?«, fragte sie. »Du könntest in meinem Garten wachsen, geschützt, und viele Jahre leben.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Blume schien zu lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Weil ich den Abgrund brauche. Nur wer die Möglichkeit des Fallens kennt, spürt die ganze Tiefe des Stehens. Nur wer weiß, dass der Tag endet, liebt jede Stunde mit ganzer Seele. Die Ewigkeit ist nicht die Länge der Zeit, sondern die Tiefe des Augenblicks.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Sonne den Horizont berührte, fiel das letzte Blütenblatt in den Abgrund. Es schwebte lange, glitzernd, bevor es verschwand. Doch in diesem Moment fühlte Lira etwas in ihrer Brust aufbrechen – als hätte sich eine alte Tür geöffnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann stieg Lira den Berg hinab und kehrte in ihren Garten zurück. Von diesem Tag an pflegte sie ihn anders. Sie pflanzte keine Reihen mehr, um Perfektion zu erzeugen. Stattdessen ließ sie Wildblumen zwischen den Rosen wachsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erlaubte manchen Blumen, früh zu welken, damit andere später umso prächtiger erblühten. Und manchmal, wenn Reisende kamen und fragten, warum ihr Garten noch schöner geworden sei, erzählte sie ihnen die Geschichte der Blume am Abgrund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Jahre später, als Lira selbst alt geworden war und spürte, dass ihre eigene Blütezeit sich dem Ende näherte, stieg sie noch einmal den Pfad hinauf. Der Fels war leer. Doch als sie in den Abgrund blickte, sah sie etwas Unerwartetes: Tausende der schillernden Blumen wuchsen nun an den steilen Wänden, jede an ihrem eigenen gefährlichen Platz, jede leuchtend für ihren einen vollkommenen Tag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lira lächelte. Sie hatte verstanden: Das Schöne und das Vergängliche sind nicht Gegensätze. Das eine ist die notwendige Bedingung des anderen. Wer das Leben wirklich lieben will, muss bereit sein, es eines Tages loszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Und in diesem Loslassen liegt die größte Freiheit – und die tiefste Schönheit.</em></strong></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Blume am Abgrund &#8211; <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurzgeschichte" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Kurzgeschichte</a> zum <a href="https://aventin.de/tag/nachdenken/" data-type="post_tag" data-id="2933">Nachdenken</a> &#8211; <a href="https://aventin.de/tag/allegorie/" data-type="post_tag" data-id="2874">Allegorie</a></h3>
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				<title>H G – Max und Moritz S</title>
				<link>https://aventin.de/h-max-und-moritz-letzter-streich/</link>
				<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 06:47:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Max und Moritz, Charaktere aus Wilhelm Buschs Gedicht.Eine farbige Illustration von Max und Moritz, zwei...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2026/03/Max-und-Moritz-Wilhelm-Busch-Gedicht-26.webp" class="type:primaryImage" alt="Max und Moritz von Wilhelm Busch" /><figcaption>Max und Moritz, Charaktere aus Wilhelm Buschs Gedicht.</figcaption><div class="image-description">Eine farbige Illustration von Max und Moritz, zwei bekannten Figuren aus dem Gedicht von Wilhelm Busch, die freundlich nebeneinander stehen.</div></figure>
<h2 class="wp-block-heading has-text-align-center">Max und Moritz &#8211; Letzter Streich &#8211; Wilhelm Busch &#8211; Gedicht</h2>
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<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Max und Moritz, wehe euch!<br>Jetzt kommt euer letzter Streich!<br>Wozu müssen auch die beiden<br>Löcher in die Säcke schneiden?</strong><br><strong><br>Seht, da trägt der Bauer Mecke<br>Einen seiner Maltersäcke.</strong><br><strong><br>Aber kaum, dass er von hinnen,<br>Fängt das Korn schon an zu rinnen.<br>Und verwundert steht und spricht er:<br>»Zapperment! dat Ding werd lichter!«</strong><br><strong><br>Hei! Da sieht er voller Freude<br>Max und Moritz im Getreide.</strong><br><strong><br>Rabs! &#8211; in seinen großen Sack<br>Schaufelt er das Lumpenpack.<br>Max und Moritz wird es schwüle,<br>Denn nun geht es nach der Mühle.</strong><br><strong><br>»Meister Müller, he, heran!<br>Mahl er das, so schnell er kann!«</strong><br><strong><br>»Her damit!« Und in den Trichter<br>Schüttelt er die Bösewichter. &#8211;<br>Rickeracke! Rickeracke!<br>Geht die Mühle mit Geknacke.</strong><br><strong><br>Hier kann man sie noch erblicken<br>Fein geschrotet und in Stücken.<br>Doch sogleich verzehret sie</strong><br><strong>Meister Müllers Federvieh.</strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Als man dies im Dorf erfuhr,<br>War von Trauer keine Spur.</strong><br><strong><br>Witwe Bolte, mild und weich,<br>Sprach: »Sieh&#8216; da, ich dacht&#8216; es gleich!«</strong><br><strong><br>»Ja, ja, ja!« rief Meister Böck,<br>»Bosheit ist kein Lebenszweck!«</strong><br><strong><br>Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:<br>»Dies ist wieder ein Exempel!« </strong><br><strong><br>»Freilich!« meint der Zuckerbäcker,<br>»Warum ist der Mensch so lecker!« </strong><br><strong><br>Selbst der gute Onkel Fritze<br>Sprach: »Das kommt von dumme Witze!« </strong><br><strong><br>Doch der brave Bauersmann<br>Dachte: »Wat geiht meck dat an!« </strong><br><strong><br>Kurz im ganzen Ort herum<br>Ging ein freudiges Gebrumm:<br>»Gott sei Dank! Nun ist&#8217;s vorbei<br>Mit der Übeltäterei!!«</strong></p>



<h3 class="wp-block-heading has-text-align-center"><a title="" href="https://aventin.de/gedichte-max-und-moritz/">Max und Moritz</a> &#8211; Letzter Streich &#8211; <a title="Wilhelm Busch" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">Wilhelm Busch</a> &#8211; Gedicht </h3>
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				<title>H G – Max und Moritz S– Max und Moritz – Sechster Streich</title>
				<link>https://aventin.de/g-max-und-moritz-sechster-streich/</link>
				<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 07:22:23 +0000</pubDate>
								<dc:creator><![CDATA[Ave]]></dc:creator>				<guid isPermaLink="false">https://aventin.de/?p=64851</guid>
					<description><![CDATA[Max und Moritz, Charaktere aus Wilhelm Buschs Gedicht.Eine farbige Illustration von Max und Moritz, zwei...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2026/03/Max-und-Moritz-Wilhelm-Busch-Gedicht-26.webp" class="type:primaryImage" alt="Max und Moritz von Wilhelm Busch" /><figcaption>Max und Moritz, Charaktere aus Wilhelm Buschs Gedicht.</figcaption><div class="image-description">Eine farbige Illustration von Max und Moritz, zwei bekannten Figuren aus dem Gedicht von Wilhelm Busch, die freundlich nebeneinander stehen.</div></figure>
<h2 class="wp-block-heading has-text-align-center">Max und Moritz &#8211; Sechster Streich &#8211; Wilhelm Busch &#8211; Gedicht</h2>
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<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>In der schönen Osterzeit,<br>Wenn die frommen Bäckersleut&#8216;<br>Viele süße Zuckersachen<br>Backen und zurechte machen,<br>Wünschten Max und Moritz auch<br>Sich so etwas zum Gebrauch.</strong><br><strong><br>Doch der Bäcker, mit Bedacht,<br>Hat das Backhaus zugemacht.</strong><br><strong><br>Also will hier einer stehlen,<br>Muss er durch den Schlot sich quälen.</strong><br><strong><br>Ratsch! Da kommen die zwei Knaben<br>Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.</strong><br><strong><br>Puff! Sie fallen in die Kist&#8216;,<br>Wo das Mehl darinnen ist.<br>Da! Nun sind sie alle beide,<br>Rund herum so weiß wie Kreide.</strong><br><strong><br>Aber schon mit viel Vergnügen<br>Sehen sie die Brezeln liegen.</strong><br><strong><br>Knacks! &#8211; Da bricht der Stuhl entzwei;</strong><br><strong>Schwapp! &#8211; Da liegen sie im Brei.</strong><br><strong><br>Ganz von Kuchenteig umhüllt,<br>Steh&#8217;n sie da als Jammerbild.</strong><br><strong><br>Gleich erscheint der Meister Bäcker<br>Und bemerkt die Zuckerlecker.</strong><br><strong><br>Eins, zwei, drei! &#8211; eh&#8216; man&#8217;s gedacht,<br>Sind zwei Brote d&#8217;raus gemacht.</strong><br><strong><br>In dem Ofen glüht es noch <br>Ruff! &#8211; damit ins Ofenloch!</strong><br><strong><br>Ruff! man zieht sie aus der Glut;<br>Denn nun sind sie braun und gut.</strong><br><strong><br>Jeder denkt, die sind perdü!<br>Aber nein &#8211; noch leben sie.<br>Knusper, Knasper! &#8211; wie zwei Mäuse<br>Fressen sie durch das Gehäuse.</strong><br><strong><br>Und der Meister Bäcker schrie:<br>»Ach herrjeh! da laufen sie!«</strong><br><strong><br>Dieses war der sechste Streich,<br>Doch der letzte folgt sogleich.</strong></p>



<h3 class="wp-block-heading has-text-align-center"><a title="" href="https://aventin.de/gedichte-max-und-moritz/">Max und Moritz</a> &#8211; Sechster Streich &#8211; <a title="Wilhelm Busch" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">Wilhelm Busch</a> &#8211; Gedicht </h3>
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				<title>Der Witwer · Arthur Schnitzler</title>
				<link>https://aventin.de/der-witwer-arthur-schnitzler/</link>
				<pubDate>Sun, 02 Aug 2026 08:14:42 +0000</pubDate>
								<dc:creator><![CDATA[Ave]]></dc:creator>				<guid isPermaLink="false">https://aventin.de/?p=33670</guid>
					<description><![CDATA[Arthur Schnitzler Schriftsteller Arzt Erzähler Dramatiker Austria · AVENTIN Storys · Von einem der sich...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2024/11/arthur-schnitzler-schriftsteller-arzt-erzaehler-dramatiker-austria-24-1.webp" class="type:primaryImage" alt="Arthur Schnitzler Schriftsteller Arzt Erzähler Dramatiker Austria · AVENTIN Storys" /><figcaption>Arthur Schnitzler Schriftsteller Arzt Erzähler Dramatiker Austria · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</figcaption><div class="image-description">Arthur Schnitzler Schriftsteller Arzt Erzähler Dramatiker Austria · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</div></figure>
<h2 class="wp-block-heading">Der Witwer · Arthur Schnitzler · Leben und Liebe </h2>
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<p class="wp-block-paragraph">Er versteht es noch nicht ganz; so rasch ist es gekommen. An zwei Sommertagen ist sie in der Villa krank gelegen, an zwei so schönen, dass die Fenster des Schlafzimmers, die auf den blühenden Garten sehen, immer offen stehen konnten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und am Abend des zweiten Tages ist sie dann gestorben, beinahe plötzlich, ohne dass man darauf gefasst war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und heute hat man sie hinausgeführt, dort über die allmählich ansteigende Straße, die er jetzt vom Balkon aus, wo er auf seinem Lehnstuhl sitzt, bis zu ihrem Ende verfolgen kann, bis zu den niederen weißen Mauern, die den kleinen Friedhof umschließen, auf dem sie ruht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun ist es Abend; die Straße, auf die vor wenig Stunden, als die schwarzen Wagen langsam hinaufrollten, die Sonne herab gebrannt hat, liegt im Schatten; und die weißen Friedhofsmauern glänzen nicht mehr. Man hat ihn allein gelassen; er hat darum gebeten. Die Trauergäste sind alle in die <a href="https://aventin.de/weihnachtslicht-fuer-alle-muenchen/">Stadt</a> zurückgefahren; die Großeltern haben auf seinen Wunsch auch das Kind mitgenommen, für die ersten paar Tage, die er allein sein will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Garten ist es ganz still; nur ab und zu hört er ein Flüstern von unten: Die Dienstleute stehen unter dem Balkon und sprechen leise miteinander. Er fühlt sich jetzt müde, wie er es noch nie gewesen, und während ihm die Lider immer und immer von neuem zufallen — mit geschlossenen Augen sieht er die Straße wieder in der Sommerglut des Nachmittags, sieht die Wagen, die langsam hinaufrollen, die Menschen, die sich um ihn drängen — selbst die Stimmen klingen ihm wieder im Ohr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beinah alle sind dagewesen, welche der Sommer nicht allzu weit fortgeführt hatte, alle sehr ergriffen von dem frühen und raschen Tod der jungen Frau, und sie haben milde Worte des Trostes zu ihm gesprochen. Selbst von entlegenen Orten sind manche gekommen, Leute, an die er gar nicht gedacht; und manche, von denen er kaum die Namen kannte, haben ihm die Hand gedrückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur der ist nicht dagewesen, nach dem er sich am meisten gesehnt, sein liebster Freund. Er ist freilich ziemlich weit fort — in einem Badeort an der Nordsee, und gewiss hat ihn die Todesnachricht zu spät getroffen, als dass er noch rechtzeitig hätte abreisen können. Er wird erst morgen da sein können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard öffnet die Augen wieder. Die Straße liegt nun völlig im Abendschatten, nur die weißen Mauern schimmern noch durchs Dunkel, und das macht ihn schauern. Er steht auf, verlässt den Balkon und tritt ins angrenzende Zimmer. Es ist das seiner Frau gewesen. Er hat nicht daran gedacht, wie er rasch hinein getreten ist; er kann auch in der Dunkelheit nichts mehr darin ausnehmen; nur ein vertrauter Duft weht ihm entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zündet die blaue Kerze an, die auf dem Schreibtisch steht, und wie er nun das ganze Gemach in seiner Helle und Freundlichkeit zu überschauen vermag, da sinkt er auf den Diwan hin und weint. Lange weint er — wilde und gedankenlose Tränen, und wie er sich wieder erhebt, ist sein Kopf dumpf und schwer. Es flimmert ihm vor den Blicken, die Kerzenflamme auf dem Schreibtisch brennt trüb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er will es lichter haben, trocknet seine Augen und zündet alle sieben Kerzen des Armleuchters an, der auf der kleinen Säule neben dem Klavier steht. Und nun fließt Helle durchs ganze Gemach, in alle Ecken, der zarte Goldgrund der Tapete glitzert, und es sieht hier aus wie an manchem Abend, wenn er hereingetreten ist und sie über einer Lektüre oder über Briefen fand. Da hat sie aufgeschaut, sich lächelnd zu ihm gewandt und seinen Kuss erwartet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ihn schmerzt die Gleichgültigkeit der Dinge um ihn, die weiter starr sind und weiter glitzern, als wüssten sie nicht, dass sie nun etwas Trauriges und Unheimliches geworden sind. So tief wie in diesem Augenblick hat er es noch nicht gefühlt, wie einsam er geworden ist; und so mächtig wie in diesem Augenblick hat er die Sehnsucht nach seinem Freund noch nicht empfunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie er sich nun vorstellt, dass der bald kommen und liebe Worte zu ihm reden wird, da fühlt er, dass doch auch für ihn das Schicksal noch etwas übrig hat, das Trost bedeuten könnte. War er nur endlich da! … Er wird ja kommen, morgen früh wird er da sein. Und da muss er auch lang bei ihm bleiben, viele Wochen lang; er wird ihn nicht fortlassen, bevor es sein muss. Und da werden sie beide im Garten spazieren gehen und, wie früher so oft, von tiefen und seltsamen Dingen sprechen, die über dem Schicksal des gemeinen Tages sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und abends werden sie auf dem Balkon sitzen wie früher, den dunklen Himmel über sich, der so still und groß ist; werden da zusammen plaudern bis in die späte Nachtstunde, wie sie es ja auch früher so oft getan, wenn sie, die in ihrem frischen und hastigen Wesen an ernsteren Gesprächen wenig Gefallen fand, ihnen schon längst lächelnd gute Nacht gesagt hatte, um auf ihr Zimmer zu gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft haben ihn diese Gespräche über die Sorgen und Kleinlichkeiten der Alltäglichkeit emporgehoben — jetzt aber werden sie mehr, jetzt werden sie Wohltat, Rettung für ihn sein. Immer noch geht Richard im Zimmer hin und her, bis ihn endlich der gleichmäßige Ton seiner eigenen Schritte zu stören anfängt. Da setzt er sich vor den kleinen Schreibtisch, auf dem die blaue Kerze steht, und betrachtet mit einer Art von Neugier die hübschen und zierlichen Dinge, die vor ihm liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er hat sie doch eigentlich nie recht bemerkt, hat immer nur das Ganze gesehen. Die elfenbeinernen Federstiele, das schmale Papiermesser, das schlanke Petschaft mit dem Onyxgriff, die kleinen Schlüsselchen, welche eine Goldschnur zusammenhält; er nimmt sie nacheinander in die Hand, wendet sie hin und her und legt sie wieder sachte auf ihren Platz, als wären es wertvolle und gebrechliche Dinge. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann öffnet er die mittlere Schreibtischlade und sieht da im offenen Karton das mattgraue Briefpapier liegen, auf dem sie zu schreiben pflegte, die kleinen Kuverts mit ihrem Monogramm, die schmalen, langen Visitenkarten mit ihrem Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann greift er mechanisch an die kleine Seitenlade, die versperrt ist. Er merkt es anfangs gar nicht, zieht nur immer wieder, ohne zu denken. Allmählich aber wird das gedankenlose Rütteln ihm bewusst, und er müht sich und will endlich öffnen und nimmt die kleinen Schlüssel zur Hand, die auf dem Schreibtisch liegen. Gleich der erste, den er versucht, passt auch; die Lade ist offen. Und nun sieht er, von blauen Bändern sorgfältig zusammengehalten, die Briefe liegen, die er selbst an sie geschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleich den, der oben liegt, erkennt er wieder. Es ist sein erster Brief an sie, noch aus der Zeit der Brautschaft. Und wie er die zärtliche Aufschrift liest, Worte, die wieder ein trügerisches Leben in das verödete Gemach zaubern, da atmet er schwer auf und spricht dann leise vor sich hin, immer wieder dasselbe: ein wirres, entsetzliches: Nein … nein … nein …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er löst das Seidenband und lässt die Briefe zwischen den Fingern gleiten. Abgerissene Worte fliegen vor ihm vorüber, kaum hat er den Mut, einen der Briefe ganz zu lesen. Nur den letzten, der ein paar kurze Sätze enthält — dass er erst spätabends aus der Stadt herauskommen werde, dass er sich unsäglich freue, das liebe, süße Gesicht wiederzusehen —, den liest er sorgsam, Silbe für Silbe — und wundert sich sehr; denn ihm ist, als hätte er diese zärtlichen Worte vor vielen Jahren geschrieben — nicht vor einer Woche, und es ist doch nicht länger her.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zieht die Lade weiter heraus, zu sehen, ob er noch was fände. Noch einige Päckchen liegen da, alle mit blauen Seidenbändern umwunden, und unwillkürlich lächelt er traurig. Das sind Briefe von ihrer Schwester, die in Paris lebt — er hat sie immer gleich mit ihr lesen müssen; da sind auch Briefe ihrer Mutter mit dieser eigentümlich männlichen Schrift, über die er sich stets gewundert hat. Auch Briefe mit Schriftzügen liegen da, die er nicht gleich erkennt; er löst das Seidenband und sieht nach der Unterschrift — sie kommen von einer ihrer Freundinnen, einer, die heute auch dagewesen ist, sehr blass, sehr verweint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ganz hinten liegt noch ein Päckchen, das er herausnimmt wie die anderen und betrachtet. — Was für eine Schrift? Eine unbekannte. — Nein, keine unbekannte … Es ist Hugos Schrift. Und das erste Wort, das Richard liest, noch bevor das blaue Seidenband herab gerissen ist, macht ihn für einen Augenblick erstarren …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit großen Augen schaut er um sich, ob denn im Zimmer noch alles ist, wie es gewesen, und schaut dann auf die Decke hinauf und dann wieder auf die Briefe, die stumm vor ihm liegen und ihm doch in der nächsten Minute alles sagen sollen, was das erste Wort ahnen ließ … Er will das Band entfernen — es ist ihm, als wehrte es sich, die Hände zittern ihm, und er reißt es endlich gewaltsam auseinander. Dann steht er auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er nimmt das Päckchen in beide Hände und geht zum Klavier hin, auf dessen glänzend schwarzen Deckel das Licht von sieben Kerzen des Armleuchters fällt. Und mit beiden Händen auf das Klavier gestützt, liest er sie, die vielen kurzen Briefe mit der kleinen verschnörkelten Schrift, einen nach dem anderen, nach jedem begierig, als wenn er der erste wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und alle liest er sie, bis zum letzten, der aus jenem Ort an der Nordsee gekommen ist — vor ein paar Tagen. Er wirft ihn zu den übrigen und wühlt unter ihnen allen, als suche er noch etwas, als könne irgendwas zwischen diesen Blättern aufflattern, das er noch nicht entdeckt, irgend etwas, das den Inhalt aller dieser Briefe zunichte machen und die Wahrheit, die ihm plötzlich geworden, zum Irrtume wandeln könnte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie endlich seine Hände innehalten, ist ihm, als wäre es nach einem ungeheueren Lärm mit einem Male ganz still geworden … Noch hat er die Erinnerung aller jener Geräusche: wie die zierlichen Gerätschaften auf dem Schreibtisch klangen …, wie die Lade knarrte …, wie das Schloss klappte …, wie das Papier knitterte und rauschte …, den Ton seiner hastigen Schritte …, sein rasches, stöhnendes Atmen — nun aber ist kein Laut mehr im Gemach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er staunt nur, wie er das mit einem Schlag so völlig begreift, obwohl er doch nie daran gedacht. Er möchte es lieber sowenig verstehen wie den Tod; er sehnt sich nach dem bebenden heißen Schmerz, wie ihn das Unfassliche bringt, und hat doch nur die Empfindung einer unsäglichen Klarheit, die in all seine Sinne zu strömen scheint, so dass er die Dinge im Zimmer mit schärferen Linien sieht als früher und die tiefe Stille zu hören meint, die um ihn ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und langsam geht er zum Diwan hin, setzt sich nieder und sinnt … Was ist denn geschehen? Es hat sich wieder einmal zugetragen, was alle Tage geschieht, und er ist einer von denen gewesen, über die manche lachen. Und er wird ja auch gewiss — morgen oder in wenigen Stunden schon wird er all das Furchtbare empfinden, das jeder Mensch in solchen Fällen empfinden muss …, er ahnt es ja, wie sie über ihn kommen wird, die namenlose Wut, dass diese Frau zu früh für seine Rache gestorben; und wenn der andere wiederkehrt, so wird er ihn mit diesen Händen niederschlagen wie einen Hund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ah, wie sehnt er sich nach diesen wilden und ehrlichen Gefühlen — und wie wohler wird ihm dann sein als jetzt, da die Gedanken sich stumpf und schwer durch seine Seele schleppen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt weiß er nur, dass er plötzlich alles verloren hat, dass er sein Leben ganz von vorne beginnen muss wie ein Kind; denn er kann ja von seinen Erinnerungen keine mehr brauchen. Er müsste jeder erst die Maske herunterreißen, mit der sie ihn genarrt. Denn er hat nichts gesehen, gar nichts, hat geglaubt und vertraut, und der beste Freund, wie in der Komödie, hat ihn betrogen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre es nur der, gerade der nicht gewesen! Er weiß es ja und hat es ja selbst erfahren, dass es Wallungen des Blutes gibt, die ihre Wellen kaum bis in die Seele treiben, und es ist ihm, als wenn er der Toten alles verzeihen könnte, was sie wieder rasch vergessen hätte, irgend wen, den er nicht gekannt, irgendeinen, der ihm wenigstens nichts bedeutet hätte — nur diesen nicht, den er so lieb gehabt wie keinen anderen Menschen und mit dem ihn ja mehr verbindet, als ihn je mit seiner eigenen Frau verbunden, die ihm niemals auf den dunkleren Pfaden seines Geistes gefolgt ist; die ihm Lust und Behagen, aber nie die tiefe Freude des Verstehens gegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und hat er es denn nicht immer gewusst, dass die Frauen leere und verlogene Geschöpfe sind, und ist es ihm denn nie in den Sinn gekommen, dass seine Frau eine Frau ist wie alle anderen, leer, verlogen und mit der Lust, zu verführen? Und hat er denn nie gedacht, dass sein Freund den Frauen gegenüber, so hoch er sonst gestanden sein mag, ein Mann ist wie andere Männer und dem Rausch eines Augenblicks erliegen konnte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und verraten es nicht manche scheuen Worte dieser glühenden und zitternden Briefe, dass er anfangs mit sich gekämpft, dass er versucht hat, sich loszureißen, dass er endlich diese Frau angebetet und dass er gelitten hat? … Unheimlich ist es ihm beinahe, wie ihm alles das so klar wird, als stünde ein Fremder da, ihm es zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er kann nicht rasen, so sehr er sich danach sehnt; er versteht es einfach, wie er es eben immer bei anderen verstanden hat. Und wie er nun daran denkt, dass seine Frau da draußen liegt, auf dem stillen Friedhof, da weiß er auch, dass er sie nie wird hassen können und dass aller kindische Zorn, selbst wenn er noch über die weißen Mauern hinflattern könnte, doch auf dem Grab selbst mit lahmen Flügeln hinsinken würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er erkennt, wie manches Wort, das sich kümmerlich als Phrase fristet, in einem grellen Augenblick seine ewige Wahrheit zu erkennen gibt, denn plötzlich geht ihm der tiefe Sinn eines Wortes auf, das ihm früher schal geklungen: Der Tod versöhnt. Und er weiß es: wenn er jetzt mit einem Male jenem anderen gegenüber stände, er würde nicht nach gewaltigen und strafenden Worten suchen, die ihm wie eine lächerliche Wichtigtuerei irdischer Kleinlichkeit der Hoheit des Todes gegenüber erschienen — nein, er würde ihm ruhig sagen: Geh, ich hasse dich nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er kann ihn nicht hassen, er sieht zu klar. So tief kann er in andere Seelen schauen, dass es ihn beinahe befremdet. Es ist, als wäre es gar nicht mehr sein Erlebnis — er fühlt es als einen zufälligen Umstand, dass diese Geschichte gerade ihm begegnet ist. Er kann eigentlich nur eines nicht verstehen: dass er es nicht immer, nicht gleich von Anfang an gewusst und — begriffen hat. Es war alles so einfach, so selbstverständlich und aus denselben Gründen kommend wie in tausend anderen Fällen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er erinnert sich seiner Frau, wie er sie im ersten, zweiten Jahre seiner Ehe gekannt, dieses zärtlichen, beinahe wilden Geschöpfes, das ihm damals mehr eine Geliebte gewesen ist als eine Gattin. Und hat er denn wirklich geglaubt, daß dieses blühende und verlangende Wesen, weil über ihn die gedankenlose Müdigkeit der Ehe kam — eine andere geworden ist? Hat er diese Flammen für plötzlich erloschen gehalten, weil er sich nicht mehr nach ihnen sehnte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dass es gerade — jener war, der ihr gefiel, war das etwa verwunderlich? Wie oft, wenn er seinem jüngeren Freunde gegenüber saß, der trotz seiner dreißig Jahre noch die Frische und Weichheit des Jünglings in den Zügen und in der Stimme hatte — wie oft ist es ihm da durch den Sinn gefahren: Der muss den Frauen wohl gefallen können … Und nun erinnert er sich auch, wie im vorigen Jahr, gerade damals, als es begonnen haben musste, wie Hugo damals eine ganze Zeit hindurch ihn seltener besuchen kam als sonst …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er, der richtige Ehemann, hat es ihm damals gesagt: Warum kommst du denn nicht mehr zu uns? Und hat ihn selbst manchmal aus dem Büro abgeholt, hat ihn mit herausgenommen aufs Land, und wenn er fort wollte, hat er selbst ihn zurückgehalten mit freundschaftlich scheltenden Worten. Und niemals hat er was bemerkt, nie das Geringste geahnt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat er denn die Blicke der beiden nicht gesehen, die sich feucht und heiß begegneten? Hat er das Beben ihrer Stimmen nicht belauscht, wenn sie zueinander redeten? Hat er das bange Schweigen nicht zu deuten gewusst, das zuweilen über ihnen war, wenn sie in den Alleen des Gartens hin und her spazierten? Und hat er denn nicht bemerkt, wie Hugo oft zerstreut, launisch und traurig gewesen ist — seit jenen Sommertagen des vorigen Jahres, in denen … es begonnen hat?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, das hat er bemerkt und hat sich auch wohl zuweilen gedacht: es sind Weibergeschichten, die ihn quälen — und sich gefreut, wenn er den Freund in ernste Gespräche ziehen und über diese kleinlichen Leiden erheben konnte … Und jetzt, wie er dieses ganze vergangene Jahr rasch an sich vorübergleiten lässt, merkt er nicht mit einem Mal, dass die frühere Heiterkeit des Freundes nie wieder ganz zurückgekommen ist, dass er sich nur allmählich daran gewöhnt hatte, wie an alles, was allmählich kommt und nicht mehr schwindet? …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ein seltsames Gefühl quillt in seiner Seele empor, das er sich anfangs kaum zu begreifen traut, eine tiefe Milde — ein großes Mitleid für diesen Mann, über den eine elende Leidenschaft wie ein Schicksal hereingebrochen ist; der in diesem Augenblick vielleicht, nein, gewiss, mehr leidet als er; für diesen Mann, dem ja eine Frau gestorben, die er geliebt hat, und der vor einen Freund treten soll, den er betrogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er kann ihn nicht hassen; denn er hat ihn noch lieb. Er weiß ja, dass es anders wäre, wenn — sie noch lebte. Da wäre auch diese Schuld etwas, das von ihrem Dasein und Lächeln den Schein des Wichtigen liehe. Nun aber verschlingt dieses unerbittliche zuende sein alles, was an jenem erbärmlichen Abenteuer bedeutungsvoll erscheinen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In die tiefe Stille des Gemachs zieht ein leises Beben … Schritte auf der Treppe. — Er lauscht atemlos; er hört das Schlagen seines Pulses. Draußen geht die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Augenblick ist ihm, als stürze alles wieder hin, was er in seiner Seele aufgebaut; aber im nächsten steht es wieder fest. — Und er weiß, was er ihm sagen wird, wenn er hereintritt: Ich hab es verstanden — bleib!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Stimme draußen, die Stimme des Freundes. Und plötzlich fährt ihm durch den Kopf, dass dieser Mann jetzt, ein Ahnungsloser, da hereintreten wird, dass er selbst es ihm erst wird sagen müssen … Und er möchte sich vom Diwan erheben, die Tür verschließen — denn er fühlt, dass er keine Silbe wird sprechen können. Und er kann sich ja nicht einmal bewegen, er ist wie erstarrt. Er wird ihm nichts, kein Wort wird er ihm heute sagen, morgen erst …, morgen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es flüstert draußen. Richard kann die leise Frage verstehen: »Ist er allein?« Er wird ihm nichts, kein Wort wird er ihm heute sagen; morgen erst — oder später …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tür öffnet sich, der Freund ist da. Er ist sehr blass und bleibt eine Weile stehen, als müsste er sich sammeln, dann eilt er auf Richard zu und setzt sich neben ihn auf den Diwan, nimmt seine beiden Hände, drückt sie fest — will sprechen, doch versagt ihm die Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard sieht ihn starr an, lässt ihm seine Hände. So sitzen sie eine ganze Weile stumm da. »Mein armer Freund«, sagt endlich Hugo ganz leise. Richard nickt nur mit dem Kopf, er kann nicht reden. Wenn er ein Wort heraus brächte, könnte er ihm doch nur sagen: Ich weiß es …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach ein paar Sekunden beginnt Hugo von neuem: »Ich wollte schon heute früh da sein. Aber ich habe dein Telegramm erst spätabends gefunden, als ich nach Hause kam.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ich dachte es«, erwidert Richard und wundert sich selbst, wie laut und ruhig er spricht. Er schaut dem anderen tief in die Augen … Und plötzlich fällt ihm ein, dass dort auf dein Klavier — die Briefe liegen. Hugo braucht nur aufzustehen, ein paar Schritte zu machen — und sieht sie … und weiß alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unwillkürlich fasst Richard die Hände des Freundes — das darf noch nicht sein; er ist es, der vor der Entdeckung zittert. Und wieder beginnt Hugo zu sprechen. Mit leisen, zarten Worten, in denen er es vermeidet, den Namen der Toten auszusprechen, fragt er nach ihrer Krankheit, nach ihrem Sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Richard antwortet. Er wundert sich anfangs, dass er das kann, dass er die widerlichen und gewöhnlichen Worte für all das Traurige der letzten Tage findet. Und ab und zu streift sein Blick das Gesicht des Freundes, der blass, mit zuckenden Lippen lauscht. Wie Richard innehält, schüttelt der andere den Kopf, als hätte er Unbegreifliches, Unmögliches vernommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sagt er: »Es war mir furchtbar, heute nicht bei dir sein zu können. Das war wie ein Verhängnis.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard sieht ihn fragend an. »Gerade an jenem Tag …, in derselben Stunde waren wir auf dem Meer.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja, ja …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Es gibt keine Ahnungen! Wir sind gesegelt, und der Wind war gut, und wir waren so lustig … Entsetzlich, entsetzlich.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard schweigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Du wirst doch aber jetzt nicht hier bleiben, nicht wahr?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard schaut auf. »Warum?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Nein, nein, du darfst nicht.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wohin soll ich denn gehen? — Ich denke, du bleibst jetzt bei mir?« — Und eine Angst überfällt ihn, dass Hugo wieder weggehen könnte, ohne zu wissen, was geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Nein,« erwiderte der Freund, »ich nehme dich mit, du fährst mit mir weg.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ich mit dir?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja …« Und das sagt er mit einem milden Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wohin willst du denn?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Zurück!« …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wieder an die Nordsee?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja, und mit dir. Es wird dir wohltun. Ich lasse dich ja gar nicht hier, nein!« … Und er zieht ihn wie zu einer Umarmung an sich …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Du musst zu uns!« …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Zu uns?« …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Was bedeutet das ›Zu uns‹? Bist du nicht allein?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hugo lächelt verlegen: »Gewiss bin ich allein …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Du sagst ›uns‹ …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hugo zögert eine Weile. »Ich wollte es dir nicht gleich mitteilen«, sagt er dann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Was?« …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Das Leben ist so sonderbar — ich habe mich nämlich verlobt …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard schaut ihn starr an…</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Darum meint ich: ›Zu uns‹ … Darum geh ich auch wieder an die Nordsee zurück, und du sollst mit mir fahren. — Ja?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er sieht ihm mit hellen Augen ins Gesicht. Richard lächelt. »Gefährliches Klima an der Nordsee.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wieso?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»So rasch, so rasch!« … Und er schüttelt den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Nein, mein Lieber,« erwidert der andere, »nicht eben rasch. Es ist eigentlich eine alte Geschichte.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Richard lächelt noch immer. »Wie? … eine alte Geschichte?«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Du kennst deine Braut von früher her? …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ja, seit diesem Winter.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Und hast sie lieb? …«</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Seit ich sie kenne«, erwidert Hugo und blickt vor sich hin, als kämen ihm schöne Erinnerungen. Da steht Richard plötzlich auf, mit einer so heftigen Bewegung, dass Hugo zusammenfährt und zu ihm aufschaut. Und da sieht er, wie zwei große fremde Augen auf ihm ruhen, und sieht ein blasses, zuckendes Gesicht über sich, das er kaum zu kennen glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie er angstvoll sich erhebt, hört er, wie von einer fremden, fernen Stimme, kurze Worte zwischen den Zähnen hervor gepresst: »Ich weiß es.« </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er fühlt sich an beiden Händen gepackt und zum Klavier hingezerrt, dass der Armleuchter auf der Säule zittert. Und dann lässt Richard seine Arme los und fährt mit beiden Händen unter die Briefe, die auf dem schwarzen Deckel liegen, und wühlt und lässt sie hin und her fliegen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Schurke!« schreit er und wirft ihm die Blätter ins Gesicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Witwe" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Witwer</a> · <a href="https://aventin.de/schnitzler-arthur-schnitzler/" data-type="page" data-id="10708">Arthur Schnitzler</a> · <span data-wikipedia-preview="" data-wp-title="Leben" data-wp-lang="de" class="wmf-wp-with-preview">Leben</span> und <span data-wp-title="Liebe" data-wp-lang="de" class="wmf-wp-with-preview" data-wikipedia-preview="">Liebe</span></h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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				<title>Ameise und Mistkäfer</title>
				<link>https://aventin.de/ameise-und-mistkaefer-fabelvariation/</link>
				<pubDate>Sat, 01 Aug 2026 08:49:26 +0000</pubDate>
								<dc:creator><![CDATA[Ave]]></dc:creator>				<guid isPermaLink="false">https://aventin.de/ameise-und-mistkaefer-fabelvariation/</guid>
					<description><![CDATA[Aventin.de · AVENTIN Storys · Von einem der auszog die Weisheit zu finden · Fabeln...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2024/03/aventin-de-aventin-storys-1200x675-24-1.webp" class="type:primaryImage" alt="Aventin.de · AVENTIN Storys · Von einem der auszog die Weisheit zu finden · Fabeln Novellen Sagen" /><figcaption>Aventin.de · AVENTIN Storys · Von einem der auszog die Weisheit zu finden · Fabeln Novellen Sagen</figcaption><div class="image-description">Aventin.de · AVENTIN Storys · Von einem der auszog die Weisheit zu finden · Fabeln Novellen Sagen</div></figure>
<h2 class="wp-block-heading">Ameise und Mistkäfer · Fabelvariation nach Aesop · Vorsorge</h2>
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<p class="wp-block-paragraph">Im <a href="https://aventin.de/september-der-suesse-nachsommer/">Sommer</a> streifte die Ameise auf dem Land umher und sammelte Weizen und Gerste, um Futter für den Winter aufzuspeichern. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das der Mistkäfer sah, beklagte er sie, dass sie sich solch große Arbeit mache. Gerade in der sommerlichen Jahreszeit, in der die anderen Tiere es sich leicht machten bei der Arbeit und sich erholten, schufte sie sich ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ameise sagte zwar für den Augenblick nichts, später aber, als der Winter kam und der Mist von den Regengüssen weggeschwemmt war, kam der Käfer zu ihr, hungrig und um Nahrung bettelnd. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Da aber sagte sie zu ihm: »Lieber Mistkäfer, wenn du damals gearbeitet hättest, als ich mir die Mühe gab und du mich beschimpftest, würde es dir wohl jetzt auch nicht an Nahrung fehlen.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehre: So geht es denen, die sich im Glück nicht um die Zukunft kümmern. Wenn sich die Verhältnisse ändern, kommen sie in Not. Und die Verhältnisse ändern sich immer.</strong></p>



<h3 class="wp-block-heading">Ameise und Mistkäfer · Fabelvariation nach <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aesop" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Aesop</a> · <a href="https://aventin.de/tag/vorsorge/">Vorsorge</a> </h3>
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				<title>Wann der Mensch seine Intelligenz verliert</title>
				<link>https://aventin.de/wann-der-mensch-seine-intelligenz-verliert/</link>
				<pubDate>Fri, 31 Jul 2026 09:33:44 +0000</pubDate>
								<dc:creator><![CDATA[Ave]]></dc:creator>				<guid isPermaLink="false">https://aventin.de/?p=1158</guid>
					<description><![CDATA[Dalai Lama · Buddhismus · Bodhisattva · Mönch Tendzin Gyatsho · AVENTIN Storys · Von...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2024/10/dalai-lama-buddhismus-bodhisattva-moench-tendzin-gyatsho-24-1.webp" class="type:primaryImage" alt="Dalai Lama · Buddhismus · Bodhisattva · Mönch Tendzin Gyatsho · AVENTIN Storys" /><figcaption>Dalai Lama · Buddhismus · Bodhisattva · Mönch Tendzin Gyatsho · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</figcaption><div class="image-description">Dalai Lama · Buddhismus · Bodhisattva · Mönch Tendzin Gyatsho · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</div></figure>
<h2 id="intelligenz-und-ihr-verlust-dalai-lama-monch-tendzin-gyatsho" class="wp-block-heading">Wann der Mensch seine Intelligenz verliert · Dalai Lama  </h2>
<span hidden class="__iawmlf-post-loop-links" data-iawmlf-links="[{&quot;id&quot;:410,&quot;href&quot;:&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dalai_Lama&quot;,&quot;archived_href&quot;:&quot;https:\/\/web-wp.archive.org\/web\/20251113171204\/https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dalai_Lama&quot;,&quot;redirect_href&quot;:&quot;&quot;,&quot;checks&quot;:[{&quot;date&quot;:&quot;2026-02-20 00:42:47&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-03-26 13:35:28&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-04-03 04:37:23&quot;,&quot;http_code&quot;:429},{&quot;date&quot;:&quot;2026-04-18 16:18:37&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-04-27 23:31:35&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-06-21 19:45:06&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-08-03 13:26:23&quot;,&quot;http_code&quot;:200}],&quot;broken&quot;:false,&quot;last_checked&quot;:{&quot;date&quot;:&quot;2026-08-03 13:26:23&quot;,&quot;http_code&quot;:200},&quot;process&quot;:&quot;done&quot;}]"></span>


<p class="wp-block-paragraph">Dalai Lama wurde einmal gefragt, was zu tun wäre, damit Menschen intelligenter und sie sich in ihrer Entwicklung nicht weiter selbst behindern würden. Darauf antwortete Tendzin Gyatsho:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><mark  class="has-inline-color has-nv-text-dark-bg-color"><strong>In Wut Hass und Hetze </strong><br><strong>verliert der Mensch seine Intelligenz. </strong></mark></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wut</strong> ist eine große und heftige Emotion und führt häufig zu impulsiven und aggressiven Reaktionen, die durch unangenehm empfundene Situation oder Bemerkung ausgelöst worden ist. Die daraus resultierende Affekthandlung wird als Wut, Zorn, Raserei, Wahnsinn, Toben oder Wüten bezeichnet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Um solche brisante Situationen zu vermeiden, achte man daher mehr auf die Menschen und ihre Belange und höre ihnen besser zu, was sie bedrückt und was ihnen im Leben zu schaffen macht!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hass</strong> steht für Feindseligkeit, aggressive Handlung, Widerwillen und Abneigung. Hass wird als Gegenpol zur Liebe betrachtet. Hass gegenüber Personen oder Gruppen wird als Fremdenfeindlichkeit, Misogynie, Misandrie, Antisemitismus, Homophobie oder Rassismus bezeichnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hasskommentare sind menschenverachtende und beispielsweise rassistische Äußerung oder Anfeindung. Sie kommen vor allem in sozialen Netzwerk vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hetze</strong> steht für ein intensives Gefühl der Abneigung und Feindseligkeit und sind unsachliche, gehässige, verleumderische und verunglimpfende Äußerungen oder Handlungen, die Hassgefühle, feindselige Stimmungen und Emotionen gegen jemanden oder etwas erzeugen. </p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph">Der gegenwärtige 14. Dalai Lama ist der buddhistische Mönch Tendzin Gyatsho.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dalai Lama wird im tibetischen Buddhismus als Bodhisattva verstanden, als erleuchtetes Wesen, das aus Mitgefühl reinkarnierte, das heißt: bewusst wieder in die menschliche Existenz eintrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Erleuchtete den Kreislauf der <a href="https://aventin.de/monat-april-wiedergeburt-des-jahres/">Wiedergeburt</a> verlassen können, geloben Bodhisattvas, ihre Wiedergeburt freiwillig auf sich zu nehmen, um das Leid anderer fühlender Wesen zu mindern (Bodhisattva-Gelübde).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Dalai Lama gilt gemäß tibetischer Tradition als hochrangiger ‚Wiedergeborener‘.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angenommen wird, dass diese Wiedergeburt aufgefunden werden könne, wofür von der Ordensführung häufig mehrere, aus hochrangigen Mönchen bestehende Findungskommissionen, autorisiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der vierzehnte Dalai Lama wurde nach einer Vision des Regenten Jampel Yeshe Gyeltshen am Lhamo Lhatso und anderen Vorzeichen gefunden und erkannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wann der Mensch seine <span data-wp-title="Intelligenz" data-wp-lang="de" data-wikipedia-preview="" class="wmf-wp-with-preview">Intelligenz</span> verliert · <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dalai_Lama" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Dalai Lama</a> · <a href="https://aventin.de/tag/dalai-lama/" data-type="post_tag" data-id="3168">Mönch Tendzin Gyatsho</a></h3>
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			<item>
				<title>Im Flugzeug – Hermann Hesse</title>
				<link>https://aventin.de/im-flugzeug-hermann-hesse/</link>
				<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 06:48:46 +0000</pubDate>
								<dc:creator><![CDATA[Ave]]></dc:creator>				<guid isPermaLink="false">https://aventin.de/?p=1286</guid>
					<description><![CDATA[Aeroplane Brescia Flugzeug · Franz Kafka · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte...]]></description>

				<content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://aventin.de/wp-content/uploads/2024/07/aeroplane-brescia-flugzeug-franz-kafka-24-1.webp" class="type:primaryImage" alt="Aeroplane Brescia Flugzeug · Franz Kafka · AVENTIN Storys" /><figcaption>Aeroplane Brescia Flugzeug · Franz Kafka · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</figcaption><div class="image-description">Aeroplane Brescia Flugzeug · Franz Kafka · AVENTIN Storys · Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden.</div></figure>
<h2 class="wp-block-heading">Im Flugzeug · Hermann Hesse · Flugerlebnis Aviatik Sport</h2>
<span hidden class="__iawmlf-post-loop-links" data-iawmlf-links="[{&quot;id&quot;:779,&quot;href&quot;:&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luftfahrt&quot;,&quot;archived_href&quot;:&quot;https:\/\/web-wp.archive.org\/web\/20260130082949\/https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luftfahrt&quot;,&quot;redirect_href&quot;:&quot;&quot;,&quot;checks&quot;:[{&quot;date&quot;:&quot;2026-02-20 09:57:31&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-07-30 06:50:28&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-08-05 00:29:02&quot;,&quot;http_code&quot;:200}],&quot;broken&quot;:false,&quot;last_checked&quot;:{&quot;date&quot;:&quot;2026-08-05 00:29:02&quot;,&quot;http_code&quot;:200},&quot;process&quot;:&quot;done&quot;}]"></span>


<p class="wp-block-paragraph">Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in Frankfurt einige Eindecker ihre schwachen Flugversuche machen sah, war mein sehnsüchtiger Gedanke: »Sobald das ein bisschen besser geht, musst du mitfliegen!«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ich zwei Jahre später zum ersten Mal in die Lüfte hinauf kam, in einem Zeppelinschen Luftschiff, da genoss ich wohl den wunderbaren Taumel der Höhe und die überraschend herrliche Aussicht und den neuen Aspekt der Landschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Flugverlangen war nur stärker erregt, und seitdem war es mein heimlicher Wunsch, nun bald einmal zu richtig zu fliegen. Aber ich wohnte auf dem Land und kam immer nur im Winter in große Städte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde lachten mich aus und erklärten diese ganze Fliegerei für einen halsbrecherischen, selbstmörderischen Sport, mit dem sich höchstens ehemalige Rennfahrer und entgleiste Turfexistenzen abgäben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie waren der Meinung, ein einigermaßen höher stehender Mensch, welcher Pflichten habe und gar Familienvater sei, dürfe sich unter keinen Umständen &#8218;der bloßen Sensation wegen&#8216; so einem Satansmöbel anvertrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Reden konnten mein Verlangen nach Fliegeglück nicht kleiner machen, obwohl ich nicht widersprach. Ich las vom Simplonflug, las die Berichte von Pau und Paris und Dübendorf und den italienischen Aviatikern, und verheimlichte meiner Frau die wöchentlich in der Zeitung mitgeteilten Abstürze von Fliegern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und hundertmal besann ich mich und fantasierte, wie es nun wohl eigentlich so einem Fliegenden zumute sein müsse. Die meisten waren ja abgebrühte Sportratten oder technische Spekulanten, für die gab es nur Windverhältnisse, Pferdekräfte, Umdrehungszahlen und Flugpreise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber viele davon waren doch gewiss wirkliche Abenteurer, solche, mit denen ein Dichter sich ohne weiteres eins fühlen oder doch verbrüdern konnte. Es war in ihnen etwas von der großen Sehnsucht, die unsereinen zum Wandern und Reisen verlockt und einem das Stillsitzen so sauer macht, und die durch nichts zu stillen ist und durch jede Erfüllung nur tiefer und hungriger wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne Zweifel war diese Sehnsucht, wenn auch in ihren rohesten Formen, bei vielen dieser Flieger der heimliche Antrieb und Verführer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die, welche hundert Meter hoch herunter fielen oder über Land geschleift wurden, die in der Luft verbrannten oder im Wasser umkamen, waren nicht Arbeitern gleichzustellen, die in ihrem armen, tapferen Kampf um den täglichen Groschen weggerafft wurden, sondern sie gehörten doch wohl zu der kleineren Schar derer, die als Sklaven jener geheimnisvollen großen Sehnsucht ihr Ende fanden, deren Knochen in Gletscherlöchern liegen oder die in den Wäldern von Afrika, am Südpol oder auf entlegenen Meeren umkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin bestärkte mich noch die Nachricht vom Tod Lathams, den ich in Frankfurt hatte fliegen sehen, der in den Kanal gefallen war und der schließlich sein Ende als Jäger in den Tropen fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeit verging, und das Fliegen blieb mir Wunsch und Rätsel. Zweimal fielen mir flott und gescheit geschriebene Artikel von Journalisten in die Hand, welche als Passagiere mitgeflogen waren. Ich las sie mit Eifer, aber es stand nichts darin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Herren standen über der Sache, während ich so gern mitten in ihr drin gestanden wäre. Sie wussten von Pferdekräften und Umdrehungen zu erzählen, kannten die Vorgeschichte ihres Aviatikers, die Firma, die den Motor gebaut hatte, sie wussten vom Stolz unserer Zeit, vom uralten Menschheitstraum und seiner Erfüllung durch Blériot zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vom Fliegen selber aber erfuhr man wenig oder gar nichts. Es standen in diesen Artikeln nur Dinge, die man bereits vorher wusste, oder die wenigstens der Autor schon vorher wissen konnte. Also musste das Fliegen eigentlich wenig interessant sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein &#8217;stolzes, erhebendes Gefühl&#8216;, das erinnerte an Grundsteinlegungen und Jubiläen, man &#8218;fühlte sich vollkommen sicher, keine Spur von Angstgefühl oder Schwindel&#8216;, das war also ähnlich wie ein Spaziergang von <a href="https://aventin.de/weihnachtslicht-fuer-alle-muenchen/">München</a> nach Nymphenburg!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder standen die Verfasser jener Artikel eben wirklich auf jenem unpersönlichen, allgemein kulturellen Standpunkt, den ihre Artikel betonten, oder aber es war ungemein schwierig, die eigentlichen Gefühle eines Fliegenden darzustellen. Ich glaube heute, die zweite Annahme war die richtige.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um nun zur Sache zu kommen: ich bin gestern geflogen. Es kamen Flieger nach Bern. Eines Morgens hörte ich über meinem Dach einen Apparat schnurren und sah einen schönen Eindecker, so stolz und kühl und nobel über mich wegfliegen, dass es mir das Herz umdrehen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag bin ich mitgeflogen. Und nun will ich versuchen, einige meiner Eindrücke bei diesem ersten Flug meines Lebens mitzuteilen, soweit das möglich ist, und da die Geschichte vom &#8218;erfüllten uralten Menschheitstraum&#8216;, vom &#8218;Sieg der Intelligenz über die Materie&#8216; und alles das schon jedermann bekannt ist, will ich den undankbaren und schwierigen Versuch machen, die Kultur und Technik und alles das wegzulassen, und lediglich das zu notieren, was ich erlebt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich finde mich bei diesem Vorhaben durch eine tiefe Unwissenheit gestützt: ich weiß weder den Namen der Firma, die den Motor gebaut hat, noch die Zahl seiner Pferdekräfte, noch sein Gewicht, noch das Gewicht der Belastung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß gar nichts, als dass ich nun endlich, endlich geflogen bin, und dass es mir gar nicht selbstverständlich und allgemein kulturell erschienen ist, sondern höchst abenteuerlich. Ich bin tatsächlich &#8218;der bloßen Sensation wegen&#8216; geflogen, und die Sensation hat mir eine unbändige Freude gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen 3 Uhr an einem warmen, hell sonnigen Frühlingstag erschien ich auf dem Flugfeld, wo sich ein paar schwarze Menschenknäuel drängten und umeinander drehten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitten in einem dieser Knäuel sah ich den Apparat ragen, mit dem ich fliegen sollte und der mich erwartete. &#8218;Wenn es mir nur nicht übel wird!&#8216; dachte ich, denn ich kann Menschenmengen schlecht vertragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drängte mich vor, eine grüne Brille auf der Nase und eine gelbe Reisetasche in der Hand. Ich legte den Leuten die Hand auf die Schulter, schob sie leise beiseite, machte ein sachliches Gesicht und wurde durchgelassen, es ging über Erwarten gut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Schlimmste vom Fliegen war nun überstanden. Ich stand beim Apparat, begrüßte den Flieger und zündete eine Zigarre an. Ein französischer Monteur suchte mich über den Motor zu belehren, ich nickte dankend und kam erst jetzt auf den Gedanken, die Maschine näher anzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Kopf des Vogelleibes saß die hölzerne Schraube, dahinter der Motor und Benzinvorrat, dann der Platz des Fliegers, dann mein Passagiersitz, hinter dem das leichte, hölzerne Bauwerk sich rasch verjüngte und dem hübschen Schwanzsteuer zustrebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Spielzeug sah das ganz entzückend aus, dass es aber zwei Menschen durch die Luft tragen sollte, schien wunderlich, so leicht und liebenswürdig japanisch sahen die Stänglein und Drähtchen aus. Und auch die Flügel waren so spielerisch und dünn und luftig gebaut, dass man sie nicht anzufassen wagte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8218;Nun&#8216;, dachte ich, &#8218;die Hauptsache ist ja der Motor, und den kann ich zum Glück nicht taxieren. Es wäre gut, wenn wir bald fliegen würden.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da winkte mir der Flieger, ich möchte mich nun fertigmachen. Schnell machte ich meine gelbe Handtasche auf und nahm meine Sachen heraus, eine Ski-Mütze, ein Paar Handschuhe und ein wollenes Halstuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Mütze glücklich auf und unter dem Kinn zusammengeknöpft hatte, lächelte der französische Monteur mich freundlich an und sagte, so gehe das nicht, ich müsse die Mütze umgekehrt aufsetzen, mit dem Schirm nach hinten, sonst werde mir das Zeug alsbald vom Kopf gerissen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Volksmenge lachte und sah mit Interesse zu, wie ich meine Kleidung vollends in Ordnung brachte. Schließlich gab mir der Aviatiker noch einen Mantel und eine Automobilbrille. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schwitzte in der wollenen Haube und sah so bestrickend aus, dass die Menge wieder aufs munterste lachte. Photographenapparate wurden auf uns gerichtet, und jemand rief mir zu, ich müsse jetzt noch die Nase zubinden, dann könne mir gewiss nichts mehr passieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stieg der Flieger ein. Es war ernst mit dem Spielzeug, und als der schwere Mann mit seinem braunen Stiefel derb auf das fingerdünne Holzstänglein trat, brach es nicht zusammen, sondern hielt, und es trug auch mich, und nun saßen wir in unseren Sitzen, im leinwandbekleideten Stangengerüst auf bequemen Sesseln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenmenge wich ein wenig zurück und die Luft wurde besser. Herrgott, ich hatte meine Handschuhe liegengelassen. Aber nun mochte ich nimmer stören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Augenblick begann der Motor zu surren, vor unseren Augen sauste die Flügelschraube ihren glänzenden Kreis, hinter uns spie der große Vogel Rauch und Gestank aus, schreiend floh zu beiden Seiten das Volk hinweg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fuhren elastisch auf unseren beiden Rädchen über den Rasen, merkwürdig lind und wohlig, und plötzlich wurde mir in meiner Wollhaube wieder wohl und war wild gespannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fliegen, schrie mein Herz, jetzt gleich fliegen wir. Da war der Rasen weg und wir stiegen schräg in die Höhe, und das war äußerst wohlig und beruhigend. Wir fliegen! Ja, es ist merkwürdig, aber ich hatte es mir aufregender gedacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, ich nehme alles zurück. Es war aufregend genug. Als ich mich eben besann, ob jetzt wohl zehn Sekunden oder eine Stunde seit der Abfahrt vergangen seien, duckte sich der Herr Flieger, ich wurde in die Sitzlehne gedrückt und der Apparat machte einen Sprung in die Höhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da blieb er eine Weile, während der Luftstrom donnernd an meinen Ohren vorübersauste, und machte nun wieder einen Sprung, einen verfluchten, unerwarteten Sprung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich tat einen Blick auf die kreisende Schraube. Wenn das Luder Launen hat, gehen wir kaputt, dachte ich einen Augenblick, aber mehr nur reproduktiv, ich glaubte nur halb daran, und vergaß es sogleich völlig, denn zufällig fiel mein Blick seitwärts auf die Erde und da sah ich erst, dass wir schon hoch, sehr hoch waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Motor sauste, der Wind schrie, meine Hände froren und meine Nase wurde kalt, und da neben mir, an der dünnen Holzlatte vorbei, sah ich die Stadt Bern und die krumme Aare und Fabriken und Kasernen und Reitplätze und Alleen liegen, drollig klein und schief hin gestreut, und es fiel mir ein, wie dieser Anblick des kleinen Getriebes und des zum Spielzeug gewordenen Menschenwesens mir einst vom Zeppelinschiff aus Spaß gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das war etwas anderes! Dort war es ein behagliches Zuschauen wie aus einer Loge gewesen. Hier waren die Blicke auf Stadt und Felder, die ganze verkürzte und flächenhaft gewordene Welt durchaus nur zufällige Beigaben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hauptsache war: Wir flogen. Und wie wir flogen! Wir stiegen in Wellenlinien hinan, immer höher, und je und je taten wir plötzlich, wie in einer Atempause, einen kurzen, lautlosen Fall, der Sitz schwand unter mir weg, mein Magen höhlte sich weit. Dann gleich wieder Trieb, Anstieg, Kraftgefühl. Dann wieder der kleine, unberechenbare Fall, Atempause, horchendes Schweigen im Magen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Landschaft ist mir noch immer nicht klar geworden; ich sitze wie ein Knabe, vom Erleben hingenommen, und habe den Verstand daheim gelassen. Ich werfe, von Schauern seliger Bangigkeit unterbrochen, meine Blicke und Atemzüge wie Lieder und Seufzer in die Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schwebe atemlos mitgerissen in einer ungeheuren Musik durch Räume, ich bin ganz Kind, ganz Knabe, ganz Abenteurer. Ich trinke den berauschenden Wein des Losgerissenseins, der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen alles Gestrige, der animalischen Erregung in tiefen Zügen, ich bin Drache und Wolke, Prometheus und Ikarus…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oh Gott, was ist das? Was steht dort so groß, so wirklich und edel mitten in dieser lausigen Welt, die ich so tief verachte, die so schäbig und winzig und kleinlich eingeteilt zu meinen Füßen liegt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Rande der Welt, hinter all dem Gewimmel nichtiger Formen und irdischen Getändels, stehen wunderbar und groß die Berge. Ich sehe den riesigen Eiger streng und dunkel, das hohe Schreckhorn einsam und vornehm an seinem Ort stehen, und ich ahne beim Anblick des ungeheuer erweiterten Horizontes so etwas wie einen raschen Flug über die Erde hinweg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie da die großen Gebirge, Wüsten, Meere einzig übrig bleiben, alles andere versinkt und sich als verwesende Moräne kundgibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fallen tief, mein Magen hat sich daran gewöhnt, schon nach Minuten hat er sich angepasst, und lässt das Kitzeln bleiben. Die Berge sind weg, wir hängen schräg nach links über, gegen einen feindlichen Wind, über die Flügel weg sieht man Jurazüge, senkrecht unter uns die Aare, gepflegten Wald, Höfe &#8211; am Ende der Kurve unvermutet einen Blick über die ganze Stadt, vom Bärengraben an aufwärts, wie sie auf ihren Felsen im Bogen der Aare liegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann werde ich über die Alpen fliegen, über das Meer? Ich muss das einmal bis zur Sättigung auskosten! Ich sehe ja nichts, ich ahne und fühle bloß, ich taumle entzückt und beängstigt durch eine andere, jäh vor mir aufgerissene Welt, nur langsam lerne ich wieder denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Welt ist Erhabenheit, erhaben ist Gebirge, Wüste und Meer. Der Mensch bringt den Humor hinein. Ich beginne sie wieder zu lieben, die Menschen, die da drunten so kleinlich und sonderbar wirtschaften, die den Wald frisiert und die Hälfte der Welt in kleine, umzäunte Landfetzchen zerrissen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will nicht schwebende Wolke, treibende Schneeflocke oder ziehender Vogel sein, ich will nicht die Berge lieben und die Menschen schmähen, deren schwächster ich bin &#8211; ich will mit aller Liebe, deren ich fähig bin, mich zu ihren Schwächen und zu ihrem Stolz bekennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das sind nicht die Pferdekräfte und nicht die genauen Rechnungen der technischen Wissenschaft, die mich und den Flieger und Blériot und Latham in die Höhe gerissen haben. Das ist die alte große Sehnsucht, das ist der aus Schwäche geborene Trotz, das ist Titanenerbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hat uns fliegen gelehrt. Aber mit dem Fliegen ist keine Sehnsucht erfüllt, der Bogen ist nur stärker und wilder gespannt, die Kreise des Wunsches sind weiter gezogen, das Herz brennt trotziger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Träume, Bruchstücke von Gedanken, Bruchstücke von großer Musik umgeben mich. Da weckt mich ein unsäglich bangfrohes, gespanntes, überraschtes, misstrauisches Gefühl, das durch alle Nerven geht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Motor schweigt. Wir hängen in der Höhe, wir neigen uns, und nun kommt das Wunderbarste, wir gleiten auf der elastischen Luft, die uns zuweilen mit leiser Schwellung prellt. Wir fahren wachsam und flink hinunter wie ein Automobil mit abgestelltem Motor einen Berg hinab oder wie ein Skiläufer seine Halde hinunter gleitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dächer, Alleen, Schornsteine springen uns entgegen, größer und größer wird der kleine Rasenplatz, auf den wir zielen, und nun sehe ich, er ist das Flugfeld, und die paar trüben Trauben und Haufen schwärzlichen Gewimmels darauf sind die Menschenmenge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herrgott, wir fahren mitten in sie hinein! Wir stürzen vorwärts wie rasend, immer dem schwarzen Haufen entgegen, ich sehe einzelne Gruppen und Figuren schon deutlich, sie sind schon dicht vor uns, Frauen schreien auf, Kindermädchen rennen entsetzt und verzweifelt mit ihren Babywagen davon, Knaben laufen Galopp, fallen, geben es auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir aber nehmen, es geschieht ohne mein Wissen und fährt mir nochmals, zum letzten Mal wunderlich kitzelnd durch den Magen, wir nehmen einen kleinen Anlauf, machen einen Sprung und sind wieder in der Luft. Wir haben nur den Platz für die Landung gesucht und umfliegen das große Feld noch einmal im Kreis, niedriger und niedriger streichend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Längs ist der große Horizont versunken, die Erde wallt zu uns herauf, die Menschenhaufen atmen uns entgegen. Nochmals fliehen sie vor unserer Maschine davon, eine Gasse entsteht, wir gleiten nieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8218;Noch nicht! Oh noch nicht!&#8216; will ich flehend rufen. Die kleinen Räder sind schon aufgeprallt, ein Ruck im Sitz, die Erde ist unter uns und nimmt uns auf, und da halten wir schon, tausend Menschen brüllen und stürzen sich auf den Apparat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem sonderbaren Gefühl von Kleinheit und Scham steige ich aus, klettere auf die Erde hinab, entkleide mich der Brille, der Mütze, des Mantels, gebe dem Flieger die Hand und gehe hinweg, durch das dichte Volk hindurch, keines Gefühls noch Gedanken sicher, aber in allem, was ich an Sehnsucht und Abenteuerbedürfnis und unbezwinglich triebhaftem Fernweh in mir habe, neu erregt und gestärkt und vertieft.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><meta http-equiv="content-type" content="text/html; charset=utf-8"></meta>Im Flugzeug · <a href="https://aventin.de/hesse-hermann-hesse/" data-type="page" data-id="6537">Hermann Hesse</a> · Flugerlebnis <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftfahrt" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Aviatik</a> Sport</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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				<title>Tantalos · Frevel und Qualen</title>
				<link>https://aventin.de/tantalos-frevel-und-qualen-mythologie/</link>
				<pubDate>Wed, 29 Jul 2026 07:23:33 +0000</pubDate>
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<h2 class="wp-block-heading">Tantalos · Frevel und Qualen · Mythologie ·&nbsp;Griechische Sage&nbsp;</h2>
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<p class="wp-block-paragraph">Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien und war außerordentlich reich und berühmt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt haben, so war es dieser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seiner hohen Abstammung wegen durfte Tantalos sogar an den Gastmählern der Götter teilnehmen. Zuletzt speiste er an der Tafel des Zeus und konnte somit auch alles mit anhören, was die Unsterblichen unter sich besprachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der eitle Menschengeist des Tantalos aber vermochte das überirdische Glück nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig gegen die Götter zu freveln. Er verriet den Sterblichen sogar die Geheimnisse der Himmlischen, entwendete von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und verteilte den Raub unter seinen irdischen Genossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er verbarg auch den schönen goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel des Zeus zu Kreta gestohlen hatte. Und als dieser ihn zurück forderte, leugnete Tantalos mit einem Eid ab, ihn jemals erhalten zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Übermut lud er schließlich die Götter zu sich ein, um mit ihnen zu speisen. Dabei wollte er ihre Allwissenheit auf die Probe stellen. Dazu ließ er seinen eigenen Sohn Pelops schlachten, zurichten und die Körperteile auf dem Tisch servieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Demeter verzehrte von dem grässlichen Gericht ein Schulterblatt, die übrigen Götter aber bemerkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder des Knaben wieder in einen Kessel, und die Parze Klotho zog den Jungen mit erneuter Schönheit wieder hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde ihm eine elfenbeinerne eingesetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte Tantalos das volle Maß seiner Frevel erreicht und wurde von den Göttern in die Hölle gestoßen. Dort angekommen sollte er mit sehr quälenden Leiden gepeinigt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So stand er <a href="https://aventin.de/valentinstag-liebesbeweise/">fest</a> mitten in einem Teich, und die Wasser reichten ihm bis zum Kinn. Dennoch litt Tantalos an brennendstem Durst, den man sich vorstellen kann, und konnte keinen Trank, der ihm so nahe war, erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn sooft er versuchte sich zu bücken, um seinen Mund gierig mit Wasser zu füllen, entschwand die Flut vor ihm und das Wasser versiegte. Nur der dunkle Boden erschien zu seinen Füßen und es schien, als habe ein Dämon den See blitzartig ausgetrocknet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso litt er an peinigendstem Hunger. Hinter ihm nämlich strebten am Ufer des Teiches die herrlichsten Fruchtbäume empor und ihre voll beladenen Äste wölbten sich direkt über seinem Haupt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn er sich zu ihnen empor richtete und nach oben schaute, lachten ihm die saftigsten Birnen, rotwangige Äpfel, schöne reife Granatäpfel, liebliche Feigen und herrlich grüne Olivenfrüchte ins Auge. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald er aber den Versuch unternahm hinauf zu langen, um sie mit seiner Hand zu fassen, riss jedes Mal ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch, weit hinauf zu den Wolken, so dass er jedes Mal ins Leere griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu dieser Höllenpein gesellte sich schließlich auch noch eine beständige Todesangst, denn ein großer Felsbrocken hing über seinem Haupt in der Luft und drohte unaufhörlich auf ihn herabzustürzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde dem Verächter der Götter, dem ruchlosen Tantalos, gleich dreifache Qual, niemals endend, in der Unterwelt beschieden.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tantalos" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow">Tantalos</a> · Frevel und Qualen · Mythologie ·&nbsp;<a href="https://aventin.de/sagen-griechische-sagen/" data-type="page" data-id="6541">Griechische Sage</a>&nbsp;</h3>
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