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    <title>So sind wir nicht, aber anders sind wir schon</title>
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    <published>2019-08-13T10:10:34Z</published>
    <updated>2019-08-13T10:12:12Z</updated>

    <summary>Ein Blick auf Österreich. Von Ibiza aus betrachtet....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Ein Blick auf Österreich. Von Ibiza aus betrachtet.
        <![CDATA[<div>Irgendwann sagte der österreichische Bundespräsident die richtigen Worte. „Ich entschuldige mich für das Bild", sagte Alexander van der Bellen, „das die Politik bei Ihnen gerade hinterlässt. So sind wir nicht. So ist Österreich einfach nicht."</div><div>Das war - wie soll ich es anders sagen - eine Befreiung. Als dieser alte, von Lebenserfahrung, freundlicher Zuwendung und einem leichten Hang zur Ironie geprägte Mann aussprach, was ich mir zutiefst gewünscht hatte - oder sagen wir: von Herzen wünschen würde - überkam mich ein tiefes Gefühl der Rührung, das aber sofort von Zweifeln perforiert wurde. Wenn wir nicht so sind, wie sind wir dann?&nbsp;</div><div>Der Schriftsteller Thomas Glavinic hat da nämlich ein anderes Erklärungsmuster: „Das Problem der österreichischen Gesellschaft ist die Selbstverleugnung. Wer wir sind, wollen wir nicht wissen, und wenn wir es wüssten, würden wir es nicht sein wollen. Das vermuten wir alle, im Innersten weiss auch der Dümmste, was er ist, aber so dumm, sich diesem Tatsachenbild zu stellen, ist auch der Dümmste nicht."</div><div>So sehr wie ich hoffe, dass der Befund des Bundespräsidenten mehrheitsfähig ist, fürchte ich, dass Glavinic härter an der Realität segelt. Wer sind wir, wenn zwei Politiker auf vulgärste Weise ihre Machtfantasien ausbreiten, und ihre Partei verliert bei den unmittelbar darauf folgenden Wahlen zum Europaparlament nur minimal Stimmen? Wie ist es um unser kollektives Bewusstsein bestellt, wenn Heinz-Christian Strache, der zurückgetretene Vizekanzler der Republik, auf seinem Facebook-Kanal, auf dem ihm 800.000 Menschen folgen, nur wenige Tage nach Skandal und Rücktritt fantasiert, dass er daran arbeite, seine „Unschuld" zu beweisen, weil er das Opfer einer beispiellosen „Schmutzkübelkampagne" geworden sei?&nbsp;</div><div>Als ich durch die Kommentare auf Straches Facebook-Seite pflügte, verlor ich den letzten Rest von Glauben an die Vernunft meiner Landsleute. „Lieber HC deine Tragödie ist vergleichbar mit der der griechischen Helden. Ein Jesus gleicher Märtyrer bist du. Der Neue Jude. Wie muss es dir und den deinen in diesen schweren Stunden gehen!!!! Ich mag es mir kaum vorstellen."&nbsp;</div><div>Hatten die Typen denn nicht gesehen, was ich gesehen hatte? Wollten sie es nicht sehen? Oder wussten auch die Dümmsten, was sie sahen, und wollten sich diesem Tatsachenbild bloss nicht stellen? Bei den Europawahlen bekam Heinz-Christian Strache, der praktisch unsichtbar auf einem hinteren Listenplatz kandidiert hatte, fast 45.000 Vorzugsstimmen. Ob er das Mandat annimmt, ist noch nicht klar. Es wäre die schnellste Auferstehung seit Lazarus.</div><div><br /></div><div>Nachdem ich das ominöse Ibiza-Video zum ersten Mal angeschaut hatte - eine Push-Nachricht der Süddeutschen Zeitung hatte mich in Echtzeit am Abend der Veröffentlichung darauf hingewiesen -, musste ich mich erst einmal setzen. War das wirklich wahr? Hatte ich gerade den österreichischen Vizekanzler und seinen - wie es im Milieu der Studentenverbindungen heisst - „Leibfuchs" im Pornoambiente einer ibizenkischen Villa gesehen, wie sie sich um Kopf und Kragen reden? Im Sitzen schaute ich mir das Video ein zweites Mal an. An ein paar Stellen musste ich lachen, weil sich die Typen gar so trottelmässig präsentierten (Gudenus, wie er lost in translation die Pistolenfirma Glock als Pantomime darstellt; Strache, wie er sich beschickert als „Red Bull Brother from Austria" in Pose wirft). Aber dann umwölkte mich Besorgnis.</div><div>Nicht, dass ich Strache und Gudenus die totalitären Ideen nicht zugetraut hatte, die sie im Video offenbarten: Orbanisierung der österreichischen Medienlandschaft, Verhökerung der alpinen Wasservorräte an Oligarchen, Vorbeischleusen von Parteispenden an den dafür vorgesehen Kontrollinstanzen, geplante Kaperung der mächtigen Kronenzeitung, Vergabe von Staatsaufträgen als Kickback für politisch-mediale Unterstützung, Verkauf eines ORF-Kanals an sendungsbewusste Private.&nbsp;</div><div>Besorgt war ich, weil keineswegs eine Garantie bestand, dass dieses Video politische Folgen haben würde.</div><div>Österreich ist ein Land mit einem unterentwickelten politischen Hygienebegriff. Während anderswo Politiker zurücktreten müssen, weil sie in einer Bar eine Journalistin anbaggern oder dienstlich erworbene Flugmeilen privat nutzen, braucht es dafür in Österreich Skandale einer ganz anderen Grössenordnung. Alles, was nicht strafrechtlich, sondern nur moralisch relevant ist, versandet. Österreichisches Naturgesetz.</div><div>Gerade die FPÖ hat eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, aus Skandalen unbeschädigt, wenn nicht sogar gestärkt hervorzugehen. Es schadet der Partei kein bisschen, wenn ihre Mitglieder offen mit dem Nationalsozialismus flirten, wenn Minister rechtsradikale Codes platzieren oder praktizierende Nazisympathisanten in ihr Kabinett engagieren.&nbsp;</div><div>Einzelfälle. Missverständnisse.</div><div>Maximal ein paar subalterne Figuren werden für eine gewisse Zeit von ihren Jobs abgezogen, um nach einer kurzen Abkühlphase wieder zurückzukehren. Je dümmer der Skandal, desto grosszügiger wird er verziehen. „Unter FPÖ-Wählern", sagt der Regisseur David Schalko, „ist Naivität eine moralische Instanz. Wer so blöd ist, kann kein schlechter Mensch sein."</div><div>Die Parteispitze übernimmt dann die Aufgabe, sich mit staatstragender Miene von „jeder Art nationalsozialistischer Gesinnung" zu distanzieren. Komisch, dass dabei noch nie jemand lachen musste. Denn gleichzeitig arbeiten die FPÖ-Granden konsequent daran, klare Begrifflichkeiten unscharf zu machen. Strache bezeichnete die FPÖ schon einmal als „die neuen Juden", weil sie wie diese verfolgt würden (nämlich von den Linken). Sein Parteikollege Norbert Hofer, inzwischen Parteiobmann, verglich einen SPÖ-Politiker mit Hitler, als dieser den Rechtsextremismus als „Bazille" bezeichnete. „Bazille" sei nämlich „die Sprache des Nationalsozialismus".&nbsp;</div><div>Wenn ihr uns als Nazis bezeichnet, bezeichnen wir eben euch als Nazis. Wenn dann irgendwer wissen will, wer denn nun der Nazi ist, dann zeigen alle auf alle anderen. Irgendwann steht dann unter dem Strich der Befund, dass eh alle Politiker gleich sind. „So vermischen sich die Terminologien", schreibt Schalko. „In Österreich ist der Nationalsozialismus wie Herpes. Jeder hat ihn, aber nicht bei allen bricht er aus."</div><div>Propagandamässig macht der FPÖ sowieso niemand etwas vor. Keine Partei beliefert ihr Publikum so professionell mit „Nachrichten". Mit dem Internet-Portal unzensuriert.at, einer digitalen „Weltwoche" für Rechte und Verschwörungstheoretiker, besitzt die FPÖ das modernste Parteimedium des Landes. Im Zusammenspiel mit der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache entwickelt unzensuriert.at eine gewaltige Reichweite für alternative Fakten.&nbsp;</div><div>Auch die Digitalausgabe der Kronen Zeitung spielte bei der Ausgestaltung dieses Echoraums lange mit. Ihr Chefredakteur gab in einem Interview unumwunden zu, dass er auf krone.at gern Nachrichten platzierte, von denen er wusste, dass Strache sie teilen und verlinken würde. Die Themenkreise Ausländerkriminalität, Sozialmissbrauch oder Missverhalten von Politikern (wenn sie nicht gerade der FPÖ angehören) eignen sich dafür am besten. Ein Facebook-Posting von Strache sorgte für doppelt so hohe Clickraten auf dem Krone-Portal, so dass am Ende beide Seiten etwas davon hatten: die Krone die Clicks, Strache die Emotionen, die von der jeweiligen Nachricht geweckt wurden. So machten sie gemeinsame Sache und ihre Fans immun gegen alle Vernunft, immun gegen die Realität.</div><div><br /></div><div>Den Freitagabend, als das Video hochgeladen wurde, verbrachte ich in München auf einer Party. Dort hatte man davon schon gehört, und ich musste mir die üblichen halb mitleidigen, halb hämischen Bemerkungen gefallen lassen, die ich in Deutschland immer höre, wenn es um österreichische Politik (oder Fussball) geht. Während des Abends benahm ich mich wie ein Grundschüler, der endlich in die WhatsApp-Gruppe seiner Klassenkameraden aufgenommen wurde: Ich fingerte ununterbrochen am Handy herum und rief der Reihe nach alle möglichen Nachrichtenseiten auf, um zu erfahren, ob die Bombe inzwischen explodiert war - oder ob sie ein Blindgänger war. Erst als gegen zehn die Kronen Zeitung mit der brutalen Schlagzeile „Das Ende der FPÖ" aufwartete, dachte ich mir: Okay. Ganz ohne Folgen wird das nicht bleiben.</div><div>Am nächsten Tag trat Strache zurück. In seiner Rücktrittsrede sprach er lange darüber, dass er in eine Falle gelockt, illegal gefilmt und Opfer eines politischen Attentats geworden sei. Bei seinen Auslassungen habe es sich um eine &nbsp;„besoffene G'schicht" gehandelt - das österreichische Synonym für eine lässliche Sünde. Normalerweise sind damit Seitensprünge, alkoholisierte Autofahrten oder Wirtshauspöbeleien gemeint, also Verfehlungen, bei denen kaum ein gelernter Österreicher den ersten Stein werfen würde. So versuchte Strache zu relativieren, bei welch obszöner Präsentation seiner Machtfantasien er betreten worden war, was sich die FPÖ diese Macht kosten lassen würde und wie locker die sogenannten „nationalen Interessen" sitzen, wenn sie in einen Zugewinn an Macht umgemünzt werden können. Ein Kollege von der „Süddeutschen" sagte völlig zu Recht, er wolle gar nicht wissen, was für Pläne Strache mit Menschen erörtert, deren Gefolgschaft und Loyalität er sich wirklich sicher ist - nicht gegenüber einer ihm unbekannten, vermeintlichen Oligarchennichte.</div><div>Es erstaunt mich nicht, aber frustriert mich umso mehr, wieviel Solidarität, aber auch Mitgefühl Strache für seinen Rücktritt erfährt. Vielleicht haben wir Österreicher ein Herz für Opfer, weil wir selbst so viel Übung darin haben, Opfer zu sein. Als erstes Opfer der Nazis konnten wir jahrzehntelang unsere Hände in Unschuld waschen, als Opfer der EU-Sanktionen während der ersten schwarz-blauen Koalition entwickelten wir unsere neue, anti-europäische Identität, wieso sollte jetzt nicht auch die FPÖ Opfer einer Verschwörung dunkler Mächte sein? Strache ventilierte gleich einmal zwei Hinweise, wer hinter dem Video stecken könnte - er nannte den Satiriker Jan Böhmermann und den Politikberater Tal Silberstein. In der Gebärdensprache der FPÖ bedeutet das a) Ausland und b) Jude. Beide Hinweise entpuppten sich mittlerweile als Blindgänger. Ihre Wirkung haben sie aber getan.</div><div><br /></div><div>Auf dem Ballhausplatz, dem Sitz des Bundeskanzleramts, hatten sich an diesem Samstag bereits ein paar tausend Menschen versammelt, um in Sprechchören die Abberufung der Regierung zu fordern.</div><div>Allein die Vorstellung, dass Kurz die Koalition mit den Freiheitlichen aufkündigen könnte, war schon eine immense Erleichterung. Das lag weniger an Kurz persönlich, auch wenn ich mit einem gewissen Misstrauen beobachtet hatte, wie kaltblütig er die ÖVP übernommen und sie sich zum Untertan gemacht hatte. Sein geschmeidiger Populismus mit migrationskritischem Subtext - „ich habe die Balkanroute geschlossen" - kommt bei einer Mehrheit der Österreicher unverändert gut an, vielleicht weil wir traditionell eine Schwäche für starke Männer haben - und dieser starke Mann ist noch dazu jung, höflich, sieht gut aus und hat seine störanfällige Partei im Griff, so dass er sich nicht mit Zwischenrufen von den hinteren Rängen herumschlagen muss. Kurz schwebt geradezu über dem politischen Alltag.&nbsp;</div><div>Aber er hätte niemals der Regierungskoalition mit den Freiheitlichen zustimmen dürfen. Er hätte Herbert Kickl niemals das sensible Innenministerium und damit die öffentliche Sicherheit anvertrauen dürfen. Kickl, das Mastermind zahlreicher kryptofaschistischer FPÖ-Wahlkampagnen, erwies sich, wie zu erwarten war, von Tag eins an als für sein Amt völlig ungeeignet. Frei von Sensibilität und Empathie bemühte er sich einzig darum, die obszöne Anti-Ausländer-Rhetorik seiner Wahlkampagnen in Gesetze zu giessen. Er liess Erstaufnahmezentren für Asylwerber in „Ausreisezentren" umbenennen, wies die Polizeikommunikationsstellen an, bei Straftaten die Herkunft der Täter zu nennen (natürlich nur dann, wenn sie keine Österreicher sind) und beschränkte, als letzte Amtshandlung am Tag seiner Abberufung, den Stundenlohn für Asylwerber, die gemeinnützige Dienste verrichten, auf einen Euro fünfzig. Sozialministerin Elisabeth Hartinger-Klein sekundierte Kickl, indem sie Sozialleistungen für Flüchtlinge kürzte und öffentlich erklärte, es sei ohne weiteres möglich, von 150 Euro Euro Sozialhilfe zu leben - pro Monat.&nbsp;</div><div>Nur wenige Tage vorher hatte der Schriftsteller Daniel Kehlmann in Wien den Anton-Wildgans-Preis entgegengenommen. In seiner Dankesrede stellte er eine rhetorische Frage an Sebastian Kurz, eine Frage, mit der er mir aus dem Herzen sprach. Kehlmann fragte Kurz, ob er in die künftigen Geschichtsbücher als der Mann eingehen wolle, der es einer rechtsextremen Partei ermöglichte, Österreich irreparablen Schaden zuzufügen. Österreich, das bereits in einem Atemzug mit Trumps Amerika oder Orbáns Ungarn genannt werde. Er, Kurz, sagte Kehlmann, sei jung genug, um die künftigen Geschichtsbücher über sich noch lesen zu können. Sie würden Einträge über die „dummdreiste Vulgarität" jetziger Regierungsvertreter enthalten.&nbsp;</div><div>Da hatte Kehlmann das Ibiza-Video noch gar nicht gesehen. Seine Rede bewies, dass die „dummdreiste Vulgarität" der FPÖ jederzeit sichtbar gewesen war.</div><div><br /></div><div>Das Statement von Kurz, seine politische Reaktion auf das Video, liess bis zum Abend auf sich warten. Erst tags darauf erfuhren wir warum. Kurz hatte einerseits versucht, Herbert Kickl mit der Begründung loszuwerden, der Innenminister könne nicht gegen sich selbst ermitteln. Andererseits wollte er aber die Koalition mit der um Strache und Kickl dezimierten FPÖ fortsetzen. Als die freiheitlichen Minister dabei nicht mitspielten, trat Kurz schließlich vor die Presse und hielt eine Rede, von der nur der Anfang akzeptabel war.&nbsp;</div><div>„Genug ist genug", sagte Kurz. Er löse die Koalition auf und habe den Bundespräsidenten gebeten, Neuwahlen auszurufen. Dann lederte Kurz gegen den gerade erst ehemaligen Koalitionspartner und hielt nicht die staatsmännische Rede, die angemessen gewesen wäre, sondern einen Wahlkampfauftakt in Echtzeit: Nur mit der ÖVP, also mit ihm, sei gleichzeitig Stabilität und Veränderung zu haben. Bei Neuwahlen im Herbst möge man das bitte bedenken. Kurz ging sogar so weit, uns zu erzählen, wie er persönlich unter dieser FPÖ gelitten habe - auch er sei also ein Opfer gewesen. Dabei hatte Kurz Wochen und Monate lang übelste Verfehlungen, Verbalinjurien und Auftritte seiner Regierungskollegen in neofaschistischen Fantasieuniformen generös unkommentiert gelassen.&nbsp;</div><div>Kurz hätte seine Rede auch ganz anders anlegen können. Er hätte zum Beispiel sagen können:</div><div>„Meine Damen und Herren,</div><div>ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe die FPÖ als Regierungspartner für akzeptabel gehalten und zerstreute meine begründeten Zweifel mit der Hoffnung, in heiklen Situationen persönlich auf die Regierungskollegen einwirken und deren Arbeit positiv beeinflussen zu können.</div><div>Ich habe mich geirrt. Das Ibiza-Video, über das ich zutiefst verstört bin, ist nur die Spitze des Eisbergs. Es zeigt Dinge, wie sie normalerweise nur in schlechten Kolportageromanen oder Agentenserien zu sehen sind. Die Bilder bekräftigen mich in der Einschätzung, die ich bereits in den vergangenen eineinhalb Jahren gewinnen musste, und zwingen mich zu der Entscheidung, die spätestens jetzt unvermeidbar ist.&nbsp;</div><div>Ich löse die Regierungskoalition mit der FPÖ auf und bitte Sie, liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle Menschen, die in unserem Land leben, um Verzeihung, dass ich Ihnen diese Koalition zugemutet habe. Ich kann Ihnen versichern, dass ich diesen Fehler kein zweites Mal machen werde."</div><div>Hätte Kurz diese Rede gehalten, wären ihm die Herzen auch jener zugeflogen, die seine Arbeit bis dahin kritisch betrachtet hatten. Aber er hätte sich taktischer Möglichkeiten beraubt, denn wer weiss, welches Ergebnis die Neuwahlen im September bringen werden. Vielleicht versichert sich ein gestärkter Sebastian Kurz dann erneut der Hilfe der FPÖ, die er dann wahrscheinlich „geläutert" und „paktfähig" nennen wird.</div><div><br /></div><div>Als ich eine Woche nach Beginn der Staatskrise durch den Wiener Stadtpark ging, um mir im Konzerthaus einen Schubertabend anzuschauen - Schubert bietet Trost in jeder und für jede Lebenslage -, sah ich an der Wienflusspromenade auf einer Bank zwei Herren in Gesellschaft ihrer schwarzen Hunde sitzen. Einer davon, der gerade mit sichtlichem Genuss seine Zigarette rauchte, war der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen. Obwohl ich in der Regel keine Prominenten in ihrer Freizeit anquatsche, war es mir einfach ein Bedürfnis, den Bundespräsidenten zu grüssen und mich bei ihm dafür zu bedanken, dass er als Einziger zur richtigen Zeit die richtigen Worte gefunden hatte.&nbsp;</div><div>Van der Bellen stand auf, schüttelte mir die Hand und lächelte nachsichtig. Wir tauschten ein paar Höflichkeiten aus, dann sagte er den Satz, den er später auch bei seinen Ansprachen anlässlich der Einsetzung einer Übergangsregierung aus Beamten und Experten wiederholen sollte: „Wir kriegen das schon hin."</div><div>Wir kriegen das schon hin. Ja. Vielleicht. Zum Glück haben wir einen Bundespräsidenten, der die „Eleganz" und „Schönheit" der Österreichischen Bundesverfassung kennt, benennt, respektiert und das Land zwischen deren Leitplanken besonnen steuert.&nbsp;</div><div>Im Bundespräsidentenwahlkampf - wer würde sich nicht an dieses erbärmliche, polarisierende Stück österreichischer Demokratiegeschichte erinnern, in der eine gültige Wahl mit strategisch gestreuten Fälschungsgerüchten angefochten wurde und wiederholt werden musste - hatte Van der Bellens Konkurrent Norbert Hofer in einer Fernsehdiskussion einen ikonischen Satz gesagt, den viele als unverhohlene Drohung verstanden haben: Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist. Hofer hat zum Glück die Wahl nicht gewonnen, und trotzdem ist seine Prophezeiung wahr geworden.</div><div>Aber wundern wir uns darüber, dass wir uns wundern? Eher nicht. Dafür müsste in Österreich das Unwahrscheinliche unwahrscheinlicher sein als das Wahrscheinliche. Aber das Wahrscheinliche macht dem Unwahrscheinlichen gerade unwahrscheinlich Konkurrenz.</div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div>]]>
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    <title>Die schönste Liebesgeschichte</title>
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    <published>2019-08-13T10:05:58Z</published>
    <updated>2019-08-13T10:10:25Z</updated>

    <summary>Nachwort zu Simenons &quot;Marie vom Hafen&quot;. Und eine Erinnerung an meinen Freund Jakob Arjouni....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Nachwort zu Simenons "Marie vom Hafen". Und eine Erinnerung an meinen Freund Jakob Arjouni.</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Ich las Die Marie vom Hafen zum ersten Mal, nachdem mir Jakob Arjouni nachts um eins am Telefon von der Geschichte vorgeschwärmt hatte, fast schluchzend, so bewegt war er. Jakob, der unvergessliche Autor von fünf Kayankaya-Krimis und den vielleicht messerschärfsten Romanen aus dem Deutschland seiner Zeit, bewunderte Simenon sowieso. Aber Die Marie vom Hafen bedeutete ihm noch ein bisschen mehr.</div><div>Jakob war mein bester Freund. Weil wir in verschiedenen Städten wohnten, hatten wir es uns zur Angewohnheit gemacht, nachts zu telefonieren. Ich kann immer noch hören, wie er den Aschenbecher ans Telefon rückte, das Glas, das in der Nähe stand, füllte und dann über Gott und die Welt sprechen wollte, über Fußball, die Liebe und Bücher, hing ja alles irgendwie zusammen.&nbsp;</div><div>Nur manchmal, wenn etwas ganz Außerordentliches passiert war, kam er sofort zur Sache. Zum Beispiel, als The Melody At Night With You herauskam, das vielleicht schönste Album von Keith Jarrett, auf dem die krankheitsbedingte Antivirtuosität, mit der Jarrett eine Reihe von Jazzstandards aufgenommen hatte, in eine fast religiöse Innigkeit umschlägt.&nbsp;</div><div>Scheinbar kunstlose Intensität traf Jakob mitten ins Herz. Vielleicht brachte sie auch genau das zum Klingen, was ihm in der eigenen Arbeit am wichtigsten war, diese vermeintliche Schlichtheit, die sich als Essenz, als wesentlich erweist.</div><div>Ein anderes Mal hatte er Burt gelesen, die erschütternde Coming-of-Age-Geschichte von Howard Buten. Jakob war aufgeregt, durcheinander. Beim Telefonieren wollte er herausfinden, was genau es war, das ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Jakob bewunderte die Kunst von Kollegen am meisten, wenn sie ihn in die Selbstvergessenheit entführte und die Grenzen von Fiktion und Emotion auflöste - wobei er selbst sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als so technisch über Literatur zu sprechen.</div><div>So war es dann auch bei Der Marie vom Hafen.&nbsp;</div><div>„Ich schwöre", sagte Jakob. „Eine der schönsten Liebesgeschichten, die du je lesen wirst."</div><div>Das sah ihm gar nicht ähnlich, denn er neigte nicht zu Schwüren und machte um Liebesgeschichten eher einen Bogen. Aber Die Marie vom Hafen nahm mit ihrem unverschämten Vexierspiel zuerst Jakob gefangen, und dann auch mich.</div><div><br /></div><div>Die Marie vom Hafen ist einer der wenigen Romane Simenons, für die er selbst eine Art Gebrauchsanweisung verfasst hat. Als das Buch 1938 erschien, legte er in einem kurzen Nachwort den literarischen Fernpunkt der Marie vom Hafen offen. Sein Ziel sei es, schrieb Simenon, „der menschlichen Wahrheit nachzuspüren, und zwar jenseits aller Psychologie, die ja nichts weiter ist als die offizielle Version der Wahrheit". Damit wolle er die „Wiedervereinigung der geistigen und der sinnlichen Sphäre" erreichen, bei diesem Buch habe er sich diesem Ziel zum ersten Mal „geringfügig angenähert".</div><div>Natürlich ist das schamhaft untertrieben, allerdings bot Simenon auch nicht irgendwelche Vergleichsgrößen auf, um die Dimension seiner künstlerischen Wahrheitssuche abzustecken, sondern Rembrandt, Bach und Cézanne. Und auch wenn Simenon selbst betont, mit Die Marie vom Hafen einen neuen, hehren Abschnitt seines Schaffens zu eröffnen, so ist es doch gerade die überzeugende Lakonie, mit der er seine Figuren beschreibt, die den ungewöhnlichen Sog dieser Liebesgeschichte erzeugt, einer Liebesgeschichte, der vor allem das fehlt, was herkömmliche Liebesgeschichten weich spült: die romantische Note; der Duft nach Rosen. Stattdessen weht ein herber Wind vom Meer herein und streut Salz in offene Wunden.</div><div><br /></div><div>Allein das Personal.</div><div>Die Marie. Spröde, introvertiert, cool.</div><div>Chatelard. Großspurig, jähzornig, erschüttert.</div><div>Odile. Bequem, naiv, schicksalsergeben.</div><div>Marcel. Allein, blind, unterworfen.</div><div>Viau. Grob, okay und lächerlich.</div><div><br /></div><div>Natürlich irritierte mich, als ich Die Marie vom Hafen zu lesen begann, dass mir Jakob eine „Liebesgeschichte", noch dazu eine der schönsten, angekündigt hatte. Denn schön - wenn man meint: gefällig, zugänglich, warm - ist an dieser Geschichte wenig, und damit meine ich gar nicht, dass wir gleich am Anfang, an einem grauen Tag, der Beerdigung von Jules, Maries Vater, beiwohnen müssen. Umso beklemmender, wie beiläufig und sachlich von den Verwandten das Schicksal der Waisenkinder verhandelt wird, und auch die Marie tritt kühl und abweisend in die Geschichte, verrichtet mit Geschick die nötigen Handgriffe, aber vergießt über den Tod ihres Vaters keine Träne. Es dauert ein bisschen, bis wir uns in sie hineinversetzen können und erspüren, dass ihr erst dieser Tod die Tür zur Unabhängigkeit öffnet, zur Möglichkeit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sie selbst zu werden, eine Marie, die niemand wirklich versteht außer sie selbst.</div><div>Als dann Chatelard in Port-en-Bessin ankommt, dieser anmaßende Geck aus Cherbourg, von sich und seinem Status viel zu überzeugt, lässt sich genauso wenig absehen, zu welchen Verwandlungen er gezwungen werden wird, nur um irgendwann dort anzukommen, wo er längst noch nicht weiß, dass er hin will. Simenon mutet ihm Verwirrung und Leerlauf zu, kleine und große Demütigungen, und bis zum Schluss blieb für mich beim Lesen offen, wo zwischen all diesen dunklen Umrissen und scharfen Kanten denn endlich die Liebesgeschichte auftauchen soll - wird die Marie, wie es mir am Anfang plausibel schien, sich für ihren alten Verehrer Marcel entscheiden, auf Augenhöhe, von großem Kind zu großem Kind? Oder bekommt doch der doppelt so alte Chatelard seine Chance, nachdem er sich vor aller Augen immer wieder zum Trottel gemacht hat und der schlagfertigen und strategisch handelnden Marie, der er konfus nachstellt, nie gewachsen ist?</div><div>Natürlich blieb ich zuerst, wie immer bei Simenon, an den beklemmenden Details der Rahmenhandlung hängen. Niemand beherrscht das beiläufige Spiel mit Melancholie und Grausamkeit besser als er. Wenige knappe Sätze, und Biographien knicken oder Schicksale gehen in Flammen auf.</div><div>Als zum Beispiel Viaus Schiff zwangsversteigert wird, bricht der unglückliche Viau am Pier in Tränen aus, obwohl sich ein Mann in Port-en-Bessin eher am Dachboden aufhängt, als vor aller Augen Schwäche zu zeigen. Simenon wusste das genau, er lebte während der Arbeit am Roman am Schauplatz der Geschichte, in „Port", weil er das Gesellschaftsleben in Paris satt hatte und lieber mit den Fischern Schnaps und Cidre trank.</div><div>Aber als Viau weint, weinen wir mit. Wir frieren auch mit Marcel, der in der Kälte auf Marie wartet, nur um trostlos und grausam von ihr abgefertigt zu werden. Wir spüren die Ohrfeigen, die Marcel einsteckt, als er sich, mutiger als er eigentlich ist, zuerst mit dem Vater und dann mit Chatelard anlegt, und uns steigt das Blut der Scham in die Wangen, als Chatelard seine Freundin Odile beim mitleidigen Vögeln mit Marcel überrascht.</div><div>Aber nichts ist stärker als die Liebesgeschichte selbst, die gut getarnt in den Momenten der Selbstbefragung auftritt, wenn Chatelard das verdammte Gefühl ergründen will, das ihn durchströmt, wenn ihn die Marie schon wieder mit abgeschnittenen Hosen dastehen ließ: „Was hatte sie an sich, was andere nicht hatten? Sie war mager, kaum geformt, ihren Busen konnte man unter der zu engen Bluse höchstens erahnen. Sie hatte ein langes, farbloses Gesicht, ihre Augen waren längst nicht so groß wie die ihrer Schwester und ihr Mund war schmal, immer schmollend oder traurig, oder verächtlich, man wusste es nicht recht.."</div><div>Die Tiefe, die Unergründlichkeit und die Ironie der Liebesgeschichte wohnen natürlich genau in diesem Widerspruch. Es ist nicht der einzige, den Simenon in diesen Roman eingebaut hat. Keine einzige Figur, die nicht ambivalent wäre, auch nicht die Marie selbst, schon gar nicht sie. Sie bekommt zwar den plakativsten Satz des Romans, als sie beim Friedensrichter das Recht auf die eigene Mündigkeit durchsetzt und dem entgeisterten Onkel auf dessen Vorhaltung „Ein anständiges Mädchen braucht nicht für mündig erklärt zu werden" antwortet: „Und ich brauche kein anständiges Mädchen zu sein ..."&nbsp;</div><div>Dafür muss sie sich gefallen lassen, dass wir sie als spröd, kühl und berechnend anschauen, als verzockt, unglücklich, einsam, bis ganz zum Schluss doch noch für einen kurzen, aber entscheidenden Augenblick das kristallklare Sentiment aus ihr hervorbricht, in dem so erleichternden, alles auflösenden Moment, als sie mit Chatelard zur Drehbrücke Richtung Zukunft spaziert und sagt: „Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen."</div><div><br /></div><div>Jakob und ich sprachen nachts um eins am Telefon über dieses „Ich dachte schon ...", über die selbstverständlichste, schmuckloseste Liebeserklärung einer unwahrscheinlichen Liebesgeschichte, hörten, wie der jeweils andere stumm den Kopf schüttelte über Simenons Kunst, uns auf diese regnerische Achterbahnfahrt mitzunehmen und Menschen als Menschen zu zeigen und nicht als Figuren, als Menschen, die man erst mag, wenn man sie besser kennengelernt hat, ohne zu vergessen, warum man sie gerade noch mit Skepsis betrachtete, wir schenkten uns nach, schwiegen, hörten uns beim Schweigen zu, bis einer sagte: „Viau am Pier bei der Versteigerung. Zum Heulen", und den anderen hörte man nicken, ich auch, zum Heulen. Tränen spendeten Trost. Sie schlugen, um es noch einmal so unbeholfen zu sagen, die Brücke zwischen Fiktion und Emotion oder sagen wir so: Wer bei dieser Stelle nicht heult, dem ist auch wurscht, wenn Bambi erschossen wird.</div><div>Jakob las später, als er krank wurde, viel, immer wieder und fast nur noch Simenon. In den Monaten vor seinem Tod im Jänner 2013, Jakobs letzter Roman Bruder Kemal war gerade noch fertig geworden, las er kaum etwas anderes, weil er keine Kraft mehr für Dinge aufbrachte, die ihm nicht wirklich am Herz lagen.&nbsp;</div><div>Wenn ich Die Marie vom Hafen heute wieder lese - und das tue ich spätestens alle zwei, drei Jahre -, dann spüre ich die dringliche Zeitlosigkeit des Buches, die Haltbarkeit der Geschichte, die Gefühle, die darin gespeichert sind und das Echo der ersten Lektüre und des Darüber-Redens, nachts, nachts um eins am Telefon.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Der gute Mensch von Stinatz</title>
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    <published>2018-12-29T11:55:20Z</published>
    <updated>2018-12-30T14:28:22Z</updated>

    <summary>Willi Resetarits zum 70. Geburtstag...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Willi Resetarits zum 70. Geburtstag
        <![CDATA[<div>Drei Dinge, die Willi Resetarits am besten beschreiben?</div><div>Erstens: Stimme.</div><div>Zweitens: Witz.</div><div>Drittens: Herzensbildung.</div><div><br /></div><div>Ich fange mit Drittens an. Es hat einen Grund, warum Willi Resetarits, kroatischer Südburgenländer aus Stinatz, Bezirk Güssing, aufgewachsen am Humboldtplatz, Wien Favoriten, wohnhaft in Floridsdorf, Transdanubien, so beliebt ist wie das Christkind (und nicht etwa, weil er am 21. Dezember Geburtstag hat, in der längsten Nacht des Jahres): Man muss ihn einfach lieben.</div><div><br /></div><div>Nicht nur, weil er mit den Schmetterlingen schon einmal in Deutschland berühmt war, bevor er als Ostbahn-Kurti auch in Österreich zur Kultfigur wurde. Auch nicht, weil er mit wechselnden Formationen bis heute hinreissende Auftritte hinlegt, davon gleich mehr. Es geht insgesamt weniger um die Aussen- als die Innenwelt dieses besonderen Menschen.</div><div><br /></div><div>Sein Charme ist überwältigend. Sein Interesse an Menschen ist ein Reflex, den man nicht ausschalten kann. Er hat ein großes Talent zur Freundschaft, ohne diesen Muskel speziell trainieren zu müssen. Er kann er nicht zuschauen, wenn es jemandem schlecht geht und bindet sich mit einer Selbstverständlichkeit aufwändige Aufgaben um wie die Flüchtlingshilfe oder die Gründung des Integrationshauses, weil es gemacht gehört und wenn es niemand sonst macht, machen es halt er und seine Freunde.&nbsp;</div><div>„Der Resetarits tut etwas", sagt voller Anerkennung André Heller über den Willi, der nur deshalb nicht von allen beim Vornamen genannt wird, weil sie nicht wissen, ob sie Willi oder Kurtl sagen sollen, sprich: ostbahnmäßige Unschärferelation.</div><div><br /></div><div>Zweitens: der Witz. Bilden Sie einen Satz mit Finanzlandesdirektion.</div><div>„Ziagts den Delfin ans Land des Tier regt si ohnehin nimma mehr."</div><div>Die Aufgabe stammt aus der Radiosendung „Trost und Rat", mit der Willi Resetarits eine Brücke zwischen lautem Rock'n'Roll, Schüttelreimen und Caterina Valente geschlagen hat, und zwar so, dass die Zuhörer gar nicht merkten, dass hier Schlager gespielt wurden, die sie bestimmt pfui gefunden hätten, wenn sie nicht Willi persönlich einmoderiert hätte. Die durchaus fragwürdigen Songs wurden aber nicht nur witzig angesagt, sondern auch liebevoll: Musik, findet Willi Resetartis, ist ja immer auch eine Heimat, und Schlager sind die Heimat jener Menschen, die sie in ihrer Jugend im Radio gehört haben, tagaus, tagein, zum Beispiel er selbst, damals als Kind am Humboldtplatz in den fünfziger Jahren. Weil er aber schon zuvor in Stinatz die Kunst des „Zuwesingens" erlernt hatte, die Fähigkeit, jeder Melodie naturgemäß eine zweite Stimme hinzuzufügen, sang er gleich mit, wenn Frau Valente vergessen hatte, eine zweite Stimme auf ihre Platte mitzunehmen.</div><div><br /></div><div>Allein, wie der Willi zu seiner Radiokarriere kam. Er saß in der Kantine vom ORF-Funkhaus, trank Gespritzte und erklärte dem stets reichlich vorhandenen Publikum, das im Funkhaus vorwiegend aus Radiomachern bestand, wie man Radio wirklich machen soll. Mit Studiogästen, die singen, Hörerpost, die der Briefträger bringt und ohne lästige Zeitbeschränkung.</div><div>Es hörte ihm dabei jemand mit Umsetzungsbefugnis zu, der Willi aus der Kantine loseiste und ins Büro des Intendanten eskortierte. Dort erzählte er alles noch einmal, dann hatte Willi Resetarits seine erste Radioshow, Sonntags zwischen eins und zwei auf Radio Wien, samt der Lizenz zum Überziehen. Rekord war, dass der arme Nachrichtensprecher die 14-Uhr-Nachrichten um 14 Uhr 40 ansagen musste.</div><div><br /></div><div>Schließlich erstens: die Stimme. Es wäre zuwenig, würde man sie charakteristisch nennen. Sie ist epochal, denn sie prägt ein langes, umfangreiches Kapitel der österreichischen Rockmusik. Vielleicht hilft es dem Verständnis nach, wenn man die musikalische Sozialisierung von Willi Resetarits mitverfolgt, von den kroatischen Volks- und Klageliedern, die er als Bub in Stinatz gelernt hat, über die Schlager, die in Favoriten aus dem Radio strömten, bis zu den Vorboten der Beatmusik, die er im Humboldtpark hörte, wo die Halbstarken batteriebetriebene Plattenspieler besaßen und die Single „Tuttifrutti" von Little Richard so lange spielten, bis die Batterien den Geist aufgaben.</div><div><br /></div><div>Willis älterer Bruder Lukas war der erste, der eine Band hatte, aber Willi zog bald nach. Mit Klassenkollegen gründete er 1965 „The Odds" und spielte die Musik, die Mitte der sechziger Jahre wie ein Tsunami über das Land hereinbrach und zweimal pro Jahr die Musikgeschichte umkrempelte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Zuerst Beat-, dann Soul- und schließlich Folkmusik. Weil die Folkies der späten Sechziger die angenehmeren Typen waren als die coolen Beatmusiker, wechselte Willi Resetarits die Szene und gründete eine neue Band, deren große Stärke der Harmoniegesang war. Die Band sollte „Zitronenfalter" heissen, ein mittelmäßiger Witz über einen Studenjob in der Limonadenfabrik, wo man vor dem Auspressen die Zitronen falten muss. Aber der Ansager im Folkclub Atlantis vermasselte es, indem er „irgendwelche Schmetterlinge" ankündigte. Das war die Geburtsstunde der Schmetterlinge, die bald über die traditionelle Folkszene hinauswuchsen, sich politisierten und spätestens mit der „Proletenpassion" stilprägenden, Geschichtsbewusstsein Folkrock machten - und als Studiomusiker den Chorgesang zu allen möglichen Austropop-Produktionen beisteuerten, von Waterloo &amp; Robinson über Wilfrieds „Ziwui Ziwui" bis zu André Hellers „E la nave va". Es lohnt sich, mit dieser Information noch einmal „Good old Hollywood is dying" zu hören: Willis Auftritt als Soulshouter am Schluss des Songs entschädigt für den müden Rest.</div><div>Die Schmetterlinge füllten in Deutschland große Hallen und waren die Hausband der gesamten linken Szene. Gleichzeitig traten sie aber auch in Musicals auf und fuhren für Österreich zum Song Contest. Sie oszillierten zwischen ergreifenden Politprogrammen mit Texten von Jura Soyfer und Comedian Harmonists-Parodien in ihrer „Beschwichtigungsshow". Als Weltorchester Nr.1 machten sie auch Rockmusik, weil, wie Willi sagt, „das Rock'n'Roll-Herz noch nicht erlöst war".</div><div><br /></div><div>Als ein Wiener Musikjournalist namens Günter Brödl bei Willi Resetarits anrief und ihn für einen practical Joke gewinnen wollte, trat der Ostbahn-Kurti in Willis Leben, Stichwort: weiterführende Erlösung des Rock'n'Roll-Herzens. Brödl hatte eine Handvoll Rocksongs ins Wienerische übersetzt, dafür das Pseudonym Ostbahn-Kurti gewählt und wollte, nachdem besagter Ostbahn-Kurti schon in Anthologien und Theaterstücken aufgetreten war, nun ein Live-Konzert veranstalten. Der Ostbahn-Kurti, für den sich Brödl schon eine lange Legende ausgedacht hatte, sollte dabei erstmals leibhaftig auf der Bühne stehen - und jetzt wollte Brödl von Willi wissen, welcher leibhaftige Musiker den Kurti wohl darstellen könnte.</div><div>Willi hörte sich die Songs an, die Brödl auf einer C-60-Kassette aufgenommen hatte, las die Texte dazu, die er in einer dünnen Plastikmappe abgeheftet hatte, und gab dann die einzig mögliche Antwort: „Ich."</div><div><br /></div><div>Es war ein bedeutungsvoller Moment, denn die muskelbepackte, etwas grobschlächtige Rockmusik, Günter Brödls außerordentliche Texte und die Stimme von Willi Resetarits verschmolzen zu dem Amalgam, das den Ostbahn-Kurti ausmachte, wild, lyrisch, vorstadttauglich und voller Witz und Sehnsucht.</div><div>Es gab ein legendäres Konzert im Schutzhaus am Schafberg, bei dem die erste Platte&nbsp;</div><div>präsentiert wurde. Andere Konzerte waren weniger gut besucht, weil der Veranstalter vergaß, das Publikum zu informieren. Ostbahn-Kurti &amp; die Chefpartie waren eine reine Spaßpartie, jeder einzelne Musiker verdiente sein Geld anderswo. Es machte allerdings allen soviel Spaß, dass neue Texte geschrieben und neue Platten aufgenommen wurden, und plötzlich, ohne dass sich etwas Gravierendes verändert hätte, kamen statt zwei- oder dreihundert Leuten tausend in die Konzerte oder zweitausend und der Ostbahn-Kurti war keine literarische, sondern wirklich echte Legende.</div><div><br /></div><div>Klar hatten auch die Liedermacher und Austropopper dieser Zeit charaktervolle Stimmen, aber wie Willi Resetarits die Lieder des Ostbahn-Kurti anlegte, war von einer ganz anderen Qualität. Nicht nur, dass seine Stimme allein den Rhythmus jedes Songs tragen konnte, ihr wohnte der ganze Schmerz und die Verheißung der Rockmusik inne, die Medizin, die jede Beschwerde für wenigstens drei oder vier Minuten heilen kann. Interessanterweise klingt der Ostbahn-Kurti, wenn man ihn aus einem offenen Fenster in der Reindorfgasse hört, nicht nach Wien, sondern nach Rockmusik in der Originalverpackung, etwas, was keiner anderen Band aus Österreich beschieden ist. Wenn ich also die Stimme von Willi Resetarits als epochal bezeichne, ist genau das damit gemeint: Sie ist nicht nur virtuos und musikalisch, sondern ganz und gar welthaltig.</div><div><br /></div><div>Ich lernte Willi Resetarits kennen, als der Ostbahn-Kurti gerade begann, eine Goldene Schallplatte nach der anderen aufzunehmen. Das Treffen war wie aus dem Ostbahn-Kurti-Bilderbuch: Café Europa bei Tageslicht, eine Band, die schon ein paar Seideln Vorsprung hatte, ein Sänger mit Lederjacke, Sechstagebart und ungefähr einem Doppelliter Schlagfertigkeit unter dem Tisch. Es brauchte ein paar Seideln, weil ich mich ein bisschen vor der wilden Rockband fürchtete, bevor ich begriff: Aha. Stimme, Witz, Herzensbildung.</div><div><br /></div><div>Auf ziemlich vielen Konzerten erlebte ich dann, wie der Kurtl sein Publikum liebevoll unter Kontrolle hatte - „hengts ma kane Tian aus und speibts ma ned and Wand" - und selbst die größten Massen, zum Beispiel die 17.000 beim Open Air auf dem Ostbahn XI-Platz, zu zartesten Momenten vereinte, er selbst selbst nennt die Intimität, wenn ein paar tausend Menschen die „Arbeit" singen, diese grandiose Übertragung der Springsteen-Ballade „Factory" ins Wienerische, gern „zierlich". Okay, zierlich.</div><div><br /></div><div>Der Ostbahn-Kurti schaffte, was Rockmusik nur in ihren großen Momenten vermag: Seine Geschichten waren wahr. Sie waren deine Geschichte und meine. Der Kurtl erzählte sie so, dass sie jeder verstand. Als ich im letzten Sommer bei einem Klassentreffen der Ostbahn-Fans auf der Kaiserwiese war, berührte es mich zutiefst, wie die auch schon fünfundzwanzig Jahre älteren Ostbahn-Fans von damals noch immer jeden Song mitsingen können, textsicher und inbrünstig, weil keine Geschichte an Wert und Wahrheit eingebüßt hat.</div><div><br /></div><div>Der Ostbahn-Kurti wurde zum Massenphänomen, wechselte die Band, schlug neue, intimere Wege ein, dann starb im Oktober 2000, völlig überraschend, Günter Brödl mit nur 45 Jahren. Willi Resetarits gab darauf das Ende des Ostbahn-Projekts bekannt. Die Stille wird nur durch vereinzelte „Klassentreffen" und „Pensionsvorsorgekonzerte" unterbrochen, zu denen tausende Fans zusammenkommen, weil es, wie der Kurtl weiss, „nie zu spät für eine glückliche Jugend ist".</div><div><br /></div><div>Willi Resetarits bekam also wieder Zeit für seine musikalische Neugier. Die Liste seiner Projekte ist so lang wie vielfältig (und schon gar nicht vollständig). Mit Wolfgang Puschnig sang er Jazzklassiker, mit dem Pianisten Rainer Keuschnig Lieder von Friedrich Cerha. Er gründete mit Salzburger Bergkameraden den Stubnblues und bekehrte Ernst Molden dazu, Lieder im Wiener Dialekt zu schreiben - Molden war Gast in Willis Radiosendung gewesen und hatte empathisch gefragt, ob er etwas für Willi tun könne. Willi hatte geantwortet: Schreib mir ein Lied. Molden schrieb die „Hammerschmidgossn", sein erstes Lied im Wiener Dialekt, weil es für den Willi schließlich im Dialekt sein muss. Das Lied markierte den Beginn einer neuen Schaffensperiode von Molden, an der Willi Resetarits seit zehn Jahren auch aktiv teilnimmt, als Mitglied der Band Molden Resetartis Soyka Wirth, die miteinander das Projekt einer emotionalen und poetischen Vermessung Wiens fortschreibt - und ansonsten ganz wunderbare Lieder zur Darbietung bringt.</div><div><br /></div><div>Willi Resetartis wird nächste Woche siebzig. Sein Leben ist eine Geschichte der 2. Republik. Mitglied einer österreichischen Minderheit, Kindheit in den Ruinen des 2. Weltkriegs, beseelt von der zuerst musikalischen, dann politischen Revolution der sechziger Jahre, Musiker, politischer Aktivist, Rockstar, Menschenfreund, Identifikationsfigur, ironischer Mahner und, immer wieder und in wechselnder Gesellschaft, berückender Sänger und Entertainer, auf der Bühne zu Hause und mit dem mildesten Lächeln ausgestattet, das zwischen dem südlichen Burgenland und Floridsdorf hergestellt wird.&nbsp;</div><div>Wie sagt er selbst: „Ich glaube, ich bin glücklich."</div><div>Nichts weniger hat er verdient.</div><div><br /></div><div><br /></div>]]>
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    <title>Die Moral des Trinkens</title>
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    <published>2018-11-30T14:47:36Z</published>
    <updated>2018-12-30T15:07:51Z</updated>

    <summary>Leslie Jamison und ihre Autobiographie des Trinkens und Nicht-Mehr-Trinkens. Eine Geisterbahnfahrt....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Leslie Jamison und ihre Autobiographie des Trinkens und Nicht-Mehr-Trinkens. Eine Geisterbahnfahrt.
        <![CDATA[<div>Der Rausch, sein Versprechen und die Wirklichkeit begründen eine dämonische Architektur. In ihrem fulminanten Essay „Verteidigung des Süßlichen" beschreibt die amerikanische Autorin Leslie Jamison, 35, ihr Elternhaus, das statt Wänden Fenster hatte. Wenn sie an langen Sommerabenden auf der Terrasse saß, konnte sie dabei zusehen, wie immer wieder Blauhäher gegen die Scheiben flogen und auf den Boden plumpsten.</div><div><br /></div><div>„Ich sagte zu meiner Mutter, dass die Vögel unsere Fenster mit dem Himmel verwechselten. Sie nahm mich bei der Hand und zeigte mir einen Busch, der direkt neben unserer Eingangstür wuchs. Sie erklärte mir, dass die Beeren dieses Busches die Vögel betrunken machten. Die Beeren waren orange wie Rostflecken und voller Zucker. Meine Mutter sagte, die Vögel könnten es nicht lassen, davon zu essen. Und dann würde ihnen schummrig. Deswegen flogen sie gegen unsere Fensterscheiben.</div><div><br /></div><div>Von Gärungsprozessen hatte ich damals keine Ahnung, aber das Süße und seine schändliche Verführungskraft waren mir ein Begriff. Schon als Kind wusste ich etwas über diese Vögel: Der gläserne Himmel war glatter und härter, als sie dachten, und dahinter konnten sie eine Welt sehen, die er ihnen versperrte."</div><div>Das ist ein starkes, ein sakrales Bild, und es lädt dazu ein, darin nicht nur die stürzenden Blauhäher aus Los Angeles zu sehen, wo Leslie Jamison aufwuchs, sondern die Autorin selbst, jedenfalls nach der Lektüre ihres autobiographischen Epos „The Recovering"*, das im Herbst unter dem Titel „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung" auf Deutsch erscheinen wird**.</div><div><br /></div><div>„The Recovering" ist ein bestürzendes Buch. Leslie Jamison erzählt darin die Geschichte ihrer Alkoholabhängigkeit. Obwohl sie als junge Literaturstudentin in Harvard begonnen hatte, Fiction zu schreiben, versteckt sie ihre üGeschichte nicht hinter einer literarischen Figur, wie es zum Beispiel Jack London in „König Alkohol" tut, dem vielleicht berühmtesten Trinkerroman der amerikanischen Literatur. London überlässt es seiner Hauptfigur John Barleycorn, mit quälender Intensität die Euphorien und Abgründe des Alkoholismus auszuloten. London selbst hingegen winkt ab: Alles unter Kontrolle. Natürlich trinkt der Autor, aber weil er es fertigbringt, erst zur Flasche zu greifen, nachdem er seine täglichen tausend Worte geschrieben hat, hält er sich „vollständig" für den „Meister von John Barleycorn".&nbsp;</div><div><br /></div><div>Die zweifelhafte Selbstdiagnose ist eher der Beweis für ihr Gegenteil. Sie stammt aus einer Zeit, als das Leugnen des Problems noch nicht als ein bestimmendes Symptom von Alkoholabhängigkeit galt. In Wahrheit kämpfte Jack London Zeit seines kurzen Lebens - er starb mit vierzig - mit dem Alkohol und erkannte, wie der Psychotherapeut Gary Greenberg im „New Yorker" beschreibt, das unkontrollierbare Bedürfnis nach Alkohol als moralisches Problem, nämlich als Pervertierung des freien Willens zum Tyrannen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Leslie Jamison braucht für Geschichte dieser Tyrannei kein bisschen Schminke in Form literarischer Verfremdung. Sie erzählt, wie sie im Alter von 13 Jahren bei der Abschlussparty ihres Bruders Gefallen am Trinken fand: „Ich musste nicht kotzen, hatte kein Blackout und machte nicht einmal etwas Peinliches. Ich mochte es einfach".&nbsp;</div><div>Sie beschreibt das feine Prickeln des Champagners in ihrer Kehle als eine Art Erweckungserlebnis und fragt sich erstaunt: „Warum hat mir niemand gesagt, dass das so gut ist?"</div><div><br /></div><div>Mit 15 trinkt sie zum ersten Mal heimlich. Sie hat betrunken den ersten Sex, sie kotzt, weil sie zu viel trinkt, sie hat Blackouts, kann sich nicht mehr erinnern, wo sie war, mit wem, was sie getan hat. Wenn sie heute den genauen Zeitpunkt benennen soll, an dem das mit dem Trinken so richtig begann, zuckt sie mit den Schultern und sagt: Vielleicht, als ich zum ersten Mal kotzte. Vielleicht beim ersten Blackout. Vielleicht, als ich zum ersten Mal ein Blackout haben wollte. Vielleicht als mir der Alkohol als Mittel recht war, mich wenigstens für einige Zeit vom eigenen Leben zu verabschieden. Vielleicht, als ich zum ersten Mal mit dem Wunsch aufwachte, sofort weiterzutrinken.</div><div><br /></div><div>Sie trank, aber gleichzeitig war sie Leslie Jamison. Sie war nicht klug, sie war brillant. Sie schloss die High School ab, wurde in Harvard angenommen, studierte dort englische Literatur und ging nach Iowa, um ihren Master in Creative Writing zu machen. In Iowa entwickelte sie ein romantisches Interesse für die Spuren großer Schriftsteller, die gleichzeitig große Trinker gewesen waren. Jamison ging durch die Läden, wo Raymond Carver und John Cheever frühmorgens ihre Vorräte an Schnaps aufgefüllt hatten. Sie besuchte die Bar an der Dubuque Street, wo John Berryman nächtelang Schach gespielt und über Walt Whitman geschimpft hatte. Sie saß im Vine, wo Denis Johnson trank und Storys darüber schrieb, wie er im Vine sitzt und trinkt. Sie trank mit einer Freundin, deren erster Roman ein Flop war, am selben Ort, wo Richard Yates mit Andre Dubus getrunken hatte, weil dessen erster Roman ein Flop gewesen war.&nbsp;</div><div>Die Schatten der Legenden waren lang und luden zum Trinken ein. Jamison nahm jede Einladung an. Sie sammelte Blackouts wie Trophäen, entwickelte eine regelrechte Liturgie der Entschuldigungen und Ausflüchte, aber sie schöpfte aus den Abstürzen, der Scham und den Verletzungen auch Inspiration. So wie sie sich als junge Frau mit der Rasierklinge geritzt hatte, um die Sensation des Schmerzes auszukosten, ließ sie sich im Rausch auf immer dunklere Abenteuer ein. In einer besonders quälenden Episode beschreibt sie eine Nacht, als sie sich von einem Fremden nur deshalb vögeln lässt, weil sie zu besoffen und zu müde ist, ihn wegzuschicken. Aber selbst am Morgen danach ist das Bedürfnis nach erneutem Rausch, nach Flucht, nach Dunkelheit größer als die Scham und der Schmerz.</div><div><br /></div><div>Die Essaysammlung „Die Empathie-Tests" erschien 2014 und machte Leslie Jamison berühmt. „Wenn es noch eine Gelehrtenrepublik gibt", schrieb der Schriftsteller John Jeremiah Sullivan, „dann ist in ihr ein Licht angegangen, als die ersten Essays von Leslie Jamison erschienen. Die Tiefe ihrer Neugierde ist elektrisierend."</div><div><br /></div><div>Ich las die Essays mit Bewunderung und voyeuristischem Staunen. Damit meine ich nicht allein Jamisons Preisgabe von Intimitäten, die ihre Geschichten authentisch erden, sondern die intellektuelle Unerschrockenheit, mit der diese Autorin Personal History, klassischen Bildungskanon, verwegenes Denken und die frischeste, von jedem Klischee befreite Sprache in ein eigenes Genre verwandelt. Sie beherrscht das Narrativ des Denkens in Bewegung. Sie nimmt dich bei der Hand, schwört dich auf eine Idee ein, aber sobald du das Gefühl hast, dass dir diese Idee ans Herz gewachsen ist, lässt sie dich irgendwo stehen, und plötzlich hast du Mühe, allein nach Hause zu finden.</div><div><br /></div><div>„Einfühlung erschöpft sich nicht darin, brav daran zu denken, ‚Es ist sicher nicht einfach für Sie' zu sagen", schreibt sie. „Empathisch zu sein bedeutet nicht nur zuzuhören, sondern auch, überhaupt erst die Fragen zu stellen, die dann Antworten hervorbringen, denen man zuhören muss."&nbsp;</div><div><br /></div><div>Angenehme Fragen stellt Jamison nie, und die Antworten sind oft genug verstörend. Aber die Verstörung ist das Prinzip, das sich über das Konventionelle hinwegsetzt, und in diesem Sinn lernte ich Leslie Jamison als Meisterin des unkonventionellen Denkens kennen, und ich war so elektrisiert wie John Jeremiah Sullivan von der Vorstellung, dass sich eine tabubrechende Intellektuelle einem bestimmenden Thema unserer Zeit widmet - der Abhängigkeit und wie man sich von ihr lösen kann.&nbsp;</div><div><br /></div><div>2014 hatte der deutsche Journalist Daniel Schreiber ein schmales Buch über „Das Trinken und das Glück" veröffentlicht, in dem er die schmale Grenze zwischen Genuss und Sucht, zwischen individueller Euphorie und der Intoxikation als historische Konstante beschrieb. An Schreibers Buch gefielen mir die klug beobachteten Symptome der Verführung und die Ehrlichkeit, mit der er sich eingestand, wie verwandt Euphorie und Selbstbetrug sind, so dass Alkoholiker weder kaputt aussehen noch morgens trinken müssen: „Sie sind Menschen, die früher einmal tatsächlich Spaß hatten, wenn sie tranken. Sie sind Menschen, die in klaren Momenten realisieren, dass irgendetwas Unerfindliches in ihrem Leben aus dem Ruder läuft, und die gegen diese Erkenntnis antrinken."</div><div><br /></div><div>Bei Leslie Jamison verwandeln sich diese subtilen Geister in ein Monsterkabinett. Das Trinken ist bei Jamison nichts als: Wirkung. Es ist ihr scheißegal, was sie trinkt. Sie bevorzugt Schnaps und Cocktails, weil sie davon schneller betrunken wird. Aber wenn sie ihre Wohnung nicht verlassen will, trinkt sie zur Not auch warmen Chardonnay, bis sich die ersehnte Wirkung einstellt.</div><div><br /></div><div>Trinken bedeutet bei Jamison besinnungslosen Rausch und Verheerung. Also kann die Heilung, das Zurückgewinnen der seelischen Autonomie, nur über den völligen Verzicht auf das Trinken erreicht werden, durch Abbitte, durch Läuterung. Jamison unternimmt zwar mehrere Versuche, ihr Trinkverhalten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Aber sie fällt regelmäßig in die exzessiven Muster zurück, bis sie sich der Hilfe der dritten großen Macht dieses Buches vergewissert, die neben trinkenden Literaten und König Alkohol auftritt: des Kollektivs der Anonymen Alkoholiker (AA), einer 1935 in den USA gegründeten Selbsthilfeorganisation, die auf der ganzen Welt Niederlassungen unterhält und nach eigenen Angaben etwa zwei Drittel aller Alkoholkranken, die ihre Hilfe suchen, von ihrer Sucht befreit.</div><div><br /></div><div>Die Gruppensitzungen der Anonymen Alkoholiker sind ein bestimmendes Motiv von „The Recovery". Ihre ersten Sitzungen beschreibt Leslie Jamison noch mit wacher Distanziertheit. Als sie gebeten wird, ihre Trinkerbiographie im Kreis der zuhörenden Anonymen Alkoholiker auszubreiten - Pfarrheim, Klappstühle, lauwarmer Kaffee in Styroporbechern - kalkuliert sie, die Schriftstellerin, automatisch die Wirkung, die ihre Geschichte haben wird. Sie schüttet ihr Herz aus, bis sie ein alter Mann im Rollstuhl mit einem Zwischenruf unterbricht: „Laangweilig!"</div><div>Das ist eine Schlüsselszene für „The Recovery". Der Zwischenruf verändert die Erzählweise des Buchs radikal. Anfangs ist Jamisons autobiografische Stimme so autonom wie, sagen wir, der unverkennbare Gesang von Cat Power, aus dem gleichzeitig Schönheit, Charakter, Schmerz und Zweifel sprechen. Aber diese Stimme geht mit zunehmender Dauer des Buches im Chor der Geschichten auf, die Jamison bei den Anonymen Alkoholikern einsammelt. Es sind, wie der Mann im Rollstuhl rufen würde, laangweilige Geschichten, aber sie sind wahr, und sie haben eine Funktion. Sie müssen den Choral der Läuterung stützen, individuelle Register in den machtvollen, aber auch auslöschenden Psalm des Kollektivs überführen.</div><div><br /></div><div>In einem Interview mit der Filmemacherin und Kathy Acker-Biographin Chris Kraus in der „Paris Review" begründet Leslie Jamison diese Entscheidung. Ihr Buch sei auf gewisse Weise ein Gefecht gegen das Außergewöhnliche, es wehre sich gegen das Diktat des Einzelschicksals.&nbsp;</div><div>„Die Vorstellung, dass eine Geschichte außergewöhnlich sein muss, damit es sich lohnt, sie zu erzählen, klingt befremdlich für mich", sagt Jamison und Kraus sekundiert mit dem Gedanken, dass diese Idee literarisch ganz neue Möglichkeiten eröffne, „ästhetisch, historisch, existentiell".</div><div>Das stimmt und es stimmt nicht. In „The Recovery" tragen die anonymen Stimmen vor allem zur Spiritualisierung des Alkoholproblems bei, zur Idee, dass die starke Gemeinschaft der Betroffenen einander durch den Austausch von klischeehaften, laangweiligen, aber eben wahren Geschichten stärken und heilen kann.</div><div><br /></div><div>Kann sein, dass das eine brauchbare Wahrheit ist, kann sein, dass sie ihre Funktion erfüllt. Für Leslie Jamison hat der Besuch der AA-Gruppen nach mehreren Anläufen die erhoffte Wirkung. Sie ist seit vielen Jahren trocken und besucht noch immer gelegentlich Gruppensitzungen. Sie lebt heute in Brooklyn, unterrichtet an der Columbia University, ist mit dem Schriftsteller Charles Bock verheiratet und vor wenigen Monaten Mutter einer Tochter geworden.</div><div><br /></div><div>Wie sie die AA-Gemeinschaft beschreibt, grenzt jedoch an religiöse Verklärung. So wie sie im Rausch den Abgrund, den Schmerz, oder passenderweise: die Hölle sieht, erkennt sie in der Gemeinschaft des Verzichts die Erlösung. Unter dem Eindruck der eigenen Passionsgeschichte vernachlässigt sie andere Dimensionen des Alkoholismus wie genetische oder familiäre Dispositionen, obwohl sie in einem Interview erwähnt, dass in ihrer Familie Abhängigkeiten und psychische Krankheiten verbreitet waren. Vor allem aber blendet sie in ihren „Geschichten der Genesung" andere Zugänge der Behandlung von Alkoholismus, seien sie klinisch, medikamentös oder psychotherapeutisch, aus. Sie übernimmt widerspruchslos die Dogmen der Anonymen Alkoholiker, was den Rezensenten des „Guardian" zu der schnippischen Bemerkung motiviert, dass dieses Buch in einer Zeit erscheine, in welcher der Rausch, wenn auch nicht klug, so wenigstens manchmal nötig sei. Auch ein anderes Urteil des Kollegen teile ich: Solange alle trinken, ist die Geschichte wesentlich lustiger.</div><div><br /></div><div>Erst als ich das mehr als 500 Seiten dicke Buch ein zweites Mal las und meine Anmerkungen und Notizen sortierte, fiel mir auf, wie viele Echoräume und versteckte Abzweigungen „The Recovery" enthält. Die drei wichtigsten Handlungsstränge - Sucht; Genesung; schnapsgetränkte Literaturgeschichte - sind so dicht miteinander verwoben, dass Nebenstränge wie das Beziehungsdrama von Jamison und ihrem langjährigen Partner David Gorin fast unbeachtet bleiben, auch wenn sich gerade an den Scherben des Scheiterns dieser Beziehung alle Qualitäten von Jamisons Prosa entzünden. Ihre Fähigkeit, noch aus dem Augenwinkel mikroskopische Details zu erspähen und ihnen Bedeutung zu verleihen, ist verblüffend. Nicht umsonst trägt Jamison an der Columbia, wo sie Nonfiction Writing unterrichtet, den Beinamen einer „Hohepriesterin der Genauigkeit". Das verrät sie mit einer raren Geste der Selbstironie der „Paris Review".</div><div><br /></div><div>Im selben Gespräch erzählt sie, dass sie von der Fülle und Komplexität ihres Materials zeitweise so überwältigt war, dass sie ganze Räume mit beschriebenen Zetteln auslegen musste, um den Überblick zu bewahren - oder sich zu weiteren Abschweifungen und Recherchen animieren zu lassen.</div><div><br /></div><div>Dem haltlos assoziativen Denken Jamisons entspringen viele Nebengleise, im Grunde neue Essays unter dem Dach des Generalthemas. Ein Abschnitt feiert die Selbsthilfepioniere des Seneca House, einer säkularen Parellelorganisation zu den AA. Ein Statusbericht über trinkende Schriftstellerinnen ergründet das Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen (Jamison: „Eines der wichtigsten Motive für mich, dieses Buch zu schreiben"). Eine philosophisch grundierte Sprachkritik sammelt Argumente dafür, warum die Erzählstimme dieses Buchs mit stressiger Detailverliebtheit anhebt und sich in klischeebehafteten Alltagskonfessionen auflösen muss (Jamison schickte dazu, als eine Art Teufelsaustreibung, in der „New York Times" den Essay „Why Do We Hate Cliché?" voran, der das pikierte Hää? Im Ernst? programmatisch auffangen soll).</div><div>Der breite Hauptstrom der Erzählung aber schiebt sich unaufhaltsam auf die Frage zu, welche Wirkung die Abkehr vom Rausch auf die Kreativität des Schriftstellers hat. Jamison durchwühlt Archive, sucht „wie mit dem Metalldetektor" nach Hinweisen, dass nüchterne Klarheit ein Werk mindestens so stark prägen kann wie rauschhafter Exzess, und natürlich ist das ein Akt der Selbstbeschwörung.</div><div>Bei David Foster Wallace erkennt sie sich einmal selbst. Sein Buch „Unendlicher Spaß" liest Jamison als eine Abfolge von AA-Meetings, deren Teilnehmer versuchen, die große Nüchternheit irgendwie auszutricksen, ohne auf die Rituale der Zusammenkünfte verzichten zu können: Das bin doch ich... Sie zitiert sogar Wallaces Diagnose, dass „ein Ironiker in einem AA-Meeting etwa dasselbe wie eine Hexe in der Kirche" sei, aber sie schließt sich dem Befund nicht an. Sie ist hyperintelligent, aber Ironie ist nicht ihre Stärke.</div><div>Stattdessen erzählt sie die herzzerreissende Geschichte von Foster Wallace, der zum ersten Jahrestag seiner Trockenlegung von seinem AA-Mentor das Buch „Bill W and Dr Bob" geschenkt bekommt. Irgendwo in dem schmalen Büchlein sagt Dr Bob: „Wenn ich nicht trinke, bin ich ein Monster. Ich brauche das Trinken, um zu funktionieren, um ein Arzt zu sein, ein Ehemann, ein Vater. Ohne Trinken habe ich Angst, gar nicht zu funktionieren. Das Trinken ist der Stoff, der mich zusammenhält, das einzige, worauf ich mich verlassen kann."</div><div>Daneben hat Wallace mit Bleistift drei Worte gekritzelt: „How I feel".&nbsp;</div><div>Er bekam es dann auch nicht hin mit der Nüchternheit. 2008 nahm er sich in einer Phase der Depression, nur 46 Jahre alt, das Leben.</div><div>Auch der Schriftsteller Charles R. Jackson, dem 1945 mit „Das verlorene Wochenende" ein Klassiker der Trinkerliteratur gelungen war, suchte Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Er hörte zwar auf zu trinken, scheiterte aber daran, aus der Perspektive der Nüchternheit ein ebenso kraftvolles Buch zu schreiben wie „The Lost Weekend". Im Jahr 1975 beging er im New Yorker „Chelsea Hotel" Selbstmord. „Es war lange her", schrieb Arthur Miller über Jackson, „seit die Kraft von „The Lost Weekend" ihm zu einem kurzen Blick vom erstaunlich hohen Kamm der Welle verholfen hatte. Inzwischen trank er nicht mehr und versuchte, geradeaus zu gehen, bis die Linie so schrecklich schmal wurde, dass er es aufgab, und in seinem Bett im Chelsea mit einem Tablettenröhrchen neben sich in einen befreienden Dauerschlaf fiel. Er war die Freundlichkeit in Person - außer zu sich selbst."</div><div>Nüchtern, aber erfüllt von innerer Unruhe, versucht Jamison Fäden zwischen den Biographien trockengelegter Schriftsteller und den Ergebnissen ihres Schreibens zu knüpfen. Sie betreibt weniger „Kritik als Autobiographie" als „spekulative Autobiographie" und rechnet die Ergebnisse ihrer Forschung ängstlich auf ihre eigene Kreativität um. Sie sucht, gibt sie freimütig zu, Orientierung, für welche Ergebnisse ihre eigene, nüchterne Kreativität reichen würde.</div><div>Bestätigung findet sie ausgerechnet im Werk von Raymond Carver, dessen Spuren sie in Iowa gerade noch zum Flaschencontainer gefolgt war. Carver hörte am 2. Juni 1977 mit dem Trinken auf, und er bekannte in einem Interview mit erschreckender Offenheit: „Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen: Ich bin auf nichts, was ich in meinem Leben getan habe, so stolz wie darauf, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe."</div><div>Aber Jamison ist wild entschlossen, in den Storys, die Carver nach dieser Entscheidung geschrieben hat, den Beweis dafür zu entdecken, dass Nüchternheit ein ebenso kraftvoller Treibstoff sein kann wie Alkohol. Sie halluziniert in Carver eine „höhere Macht" und schreibt seinen Storys aus dem 1980 erschienenen Band „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" ein inneres Leuchten zu, das sie im dunklen, von Carvers Lektor Gordon Lish bis auf die Knochen abgenagten, früheren Werk nicht entdeckt hat. Sie rekonstruiert in den unbearbeiteten Originalfassungen Momente der Hoffnung und der Helligkeit, die sie, sonst messerscharf und unerbittlich, euphemistisch auf Carvers Nüchternheit zurückführt, einer Nüchternheit, die der Autor übrigens regelmässig mit Marihuana oder Koks hinauf- oder hinunter dimmte.</div><div>Am Ende des Buches gestattet sich Jamison sogar einen melodramatischen Besuch an Carvers Grab in Port Angeles. Dort hat seine Witwe Tess Gallagher in einer kleinen Metallbox ein Notizbuch bereitgestellt, in dem trauernde Besucher ihre Gedanken festhalten sollen.</div><div>„Ich stellte mir das Notizbuch als den Heiligen Gral vor", schreibt Jamison, „um die Klarheit zur besten Geschichte von allen zu machen: als ein anschwellendes Crescendo derer, die sie verstehen, ein gemeinsames ,Amen'".</div><div>Aber das sentimentale Gästebuch ist gerade erst erneuert worden, und Jamison kann die Botschaft, die sie sich erhofft hat, nirgends entdecken. Sie schreibt dann „Thank you" auf eine leere Seite und merkt sich, dass der Grabstein voller Vogelscheiße ist.</div><div><br /></div><div>Die Blauhäher, die gegen die Scheiben von Leslie Jamisons Elternhaus flogen, sahen darin den Himmel und eine Welt, die ihnen versperrt wurde. Den Busch, auf dem die rostroten Beeren wuchsen, von denen die Vögel betrunken wurden, hat Jamison, wenigstens metaphorisch, ausgegraben und auf den Kompost geworfen. Die Gärungsprozesse gehen freilich weiter, und ihre schändliche Verführungskraft ist ungebrochen.&nbsp;</div><div>„Sehnsucht", schreibt Leslie Jamison, „ist unser machtvollster Antrieb für das Erzählen, und Abhängigkeit ist einer ihrer Dialekte."&nbsp;</div><div>Die Welt, die dahinter verborgen ist, glänzt auch im Spiegelbild dieses Buches ziemlich verführerisch.</div><div><br /></div><div>*Leslie Jamison: The Recovering. Intoxication and it's aftermath. Little, Brown and Company, 544 Seiten</div><div><br /></div><div>**Leslie Jamison. Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann, Hanser Berlin, 608 Seiten</div><div><br /></div>]]>
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    <title>sama eahlich, es is healich!</title>
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    <published>2018-07-11T11:47:14Z</published>
    <updated>2018-07-11T11:57:30Z</updated>

    <summary>Das Kollegium Kalksburg zerlegt das Wienerlied wie Tom Waits das Great American Songbook. Porträt einer Formation, die nahe am Wasser gebaut hat - oder sollte es vielleicht heißen: am Gespritzen. Poesie, Derbheit, Ironie und große Kunst: alles inklusive....</summary>
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        Das Kollegium Kalksburg zerlegt das Wienerlied wie Tom Waits das Great American Songbook. Porträt einer Formation, die nahe am Wasser gebaut hat - oder sollte es vielleicht heißen: am Gespritzen. Poesie, Derbheit, Ironie und große Kunst: alles inklusive. 
        <![CDATA[<div>Auf der Bühne des Berio-Saals, in den Katakomben des Wiener Konzerthauses, hatten die sechs Frauen des Leipziger Vokalensembles Sjaella eine Erscheinung. Gerade war Henry Purcells „Music for a while" verklungen, heiligmäßige Barockmusik, arrangiert für sechs virtuose Frauenstimmen, als von der anderen Seite der Bühne ein gewaltiges Rumpeln erklang.&nbsp;</div><div>Das Rumpeln stammte vom Kollegium Kalksburg, Männertrio aus Wien, Akkordeon, Kontragitarre, Euphonium, und das Lied fuhr wie eine Faust in die Zartheit, mit der Sjaella den Raum ausgekleidet hatte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Wolfgang Vincenz Wizlsperger, seine Mütze tief in die Stirn gezogen, begann zu singen:</div><div><br /></div><div><i>da ane mocht am liabstn metta</i></div><div><i>da aundre an maschinschreibkuas</i></div><div><i>i moch bresln und brobleme</i></div><div><i>und sicha niggs mea wos i muas</i></div><div><br /></div><div>In den Gesichtern der sechs jungen Frauen formulierte sich blankes Entsetzen. Was hat dieser Mann? Geht es ihm gut? Ist das Gesang? Hat er Schmerzen? Ist er gedopt?</div><div>Wizlsperger fuhr in seinem forcierten, eigenwilligen Vortrag fort, und der langhaarige Gitarrist Paul Skrepek stimmte, eine Terz verschoben, in den Gesang ein, der jetzt Fahrt aufnahm.</div><div><br /></div><div><i>weu is lebm zarinnt uns zwischn d'finga</i></div><div><i>scho muagn kauns ogrend sei fia imma</i></div><div><i>und sama a ole entbealich</i></div><div><i>sama eahlich, es is healich!</i></div><div><br /></div><div>Langsam löste sich die Anspannung in den Gesichtern der Leipzigerinnen. Das musste ein Wienerlied sein, ein grundfatalistisches, todessehnsüchtiges Wienerlied, vollgepackt mit jener Ironie, die man außerhalb Wiens so gern falsch versteht, vielleicht auch gar nicht, und vorsichtig ging auf der linken Seite der Bühne ein kleines Lächeln auf, während auf der rechten der Akkordeonist Heinz Ditsch den Kopf in den Nacken warf, um selbstvergessen, den Mund weit geöffnet, ein Zwischenspiel auf dem Akkordeon abzufeuern, situiert irgendwo zwischen Schrammelklang, Hodinajazz und Blues, bis Wizlsperger wieder das Kommando übernahm und, typisch für Kollegium Kalksburg, den Klang der Worte ausreizte, assoziativ, generös und auf brachiale Weise poetisch.</div><div><i><br /></i></div><div><i>sea vüle woatn auf a wunda</i></div><div><i>und betn fest das's wunda wiad</i></div><div><i>gauns am schlus sans daun vawundat</i></div><div><i>waun goa niggs wundaboas basiad</i></div><div><br /></div><div>Jetzt wurde das Lächeln der Frauen breiter. Das war kein Rumpeln mehr, das war ja herzvoll, konkret, verführerisch. Klar, würde der Sänger das Lied auf Finnisch singen, würden sie auch nicht mehr verstehen, aber das galt ja auch andersrum, denn nachdem Kollegium Kalksburg seinen Eröffnungssong „zwischn d'finga" beendet hatte, sangen Sjaella eine ziemlich abgefahrene Version von Stevie Wonders Schmachtfetzen „I just called to say I love you" und später etwas Filigranes aus dem Evangelischen Gesangsbuch, und miteinander wirkten die so grundverschiedenen Formationen einen musikalisch-literarischen Stoff, wie ihn das Festival „Gemischter Satz" hervorbringt, das im Konzerthaus Jahr für Jahr den dezidierten, seelenvollen Eklektizismus feiert. Gelächter und Erstaunen, Feierlichkeit und Krawall: Am Ende des Konzerts lagen sich die Parteien, wenn auch vorsichtig, in den Armen.</div><div><br /></div><div>Das Kollegium Kalksburg ist keine Neuerfindung. Die Band gibt es seit mehr als zwanzig Jahren, und sie zelebriert noch immer etwas, das man im besten Sinn für „unangepasst", vielleicht auch, wenn der Begriff nicht so abgenudelt wäre, für „Underground" halten könnte. Das Trio dekonstruiert das Wienerlied, so wie Tom Waits das Great American Songbook dekonstruiert hat. Das heißt, das „Kollegium" fürchtet sich weder vor Lärm und hässlichen Worten, noch vor allzu viel Schönheit, wenn es um temporären Wohlklang geht, der jedoch, siehe oben, eh immer auf Messers Schneide steht oder, auch das ein Gründungsmythos dieser Band, auf der Klinge der singenden Säge, die Heinz Ditsch jahrelang durch die Landschaft geschleppt hat.</div><div><br /></div><div>Wenn wir schon bei den Mythen sind: Es passt ins Bild, dass der Gründung von „Kollegium Kalksburg" kein strategischer Gedanke zugrunde liegt, sondern ein qualifizierter Zufall. Im Jahr 1996 landete ein Anruf bei Paul Skrepek. Ein Organisator des „Herz-Ton-Festivals" wollte wissen, ob Skrepek ein paar unkonventionelle Wienerlieder zur ein paar Jahre vorher gegründeten, unkonventionellen Wienerliedserie beisteuern könne. Skrepek, dessen Cousin Peter Paul zu dieser Zeit Bassist in der Band von Falco war, ahnte zwar, dass der Anruf möglicherweise auf einer Verwechslung beruhte und nicht ihm, sondern dem Cousin gelten könnte, versuchte aber weder, den Irrtum aufzuklären, noch die Tatsache allzu sehr auszubreiten, dass er gar keine Wienerlieder im Repertoire hatte. Er sagte zu.</div><div><br /></div><div>Auf die Frage, unter welchem Namen man seine Band denn ankündigen solle, zögerte Skrepek kurz. Er warf einen Blick aus dem Fenster, von wo aus er die römisch-katholische Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht in unmittelbarer Nachbarschaft der bekannten Trinkerheilanstalt sah und antwortete kurz entschlossen: „Kollegium Kalksburg".</div><div><br /></div><div>„Ach", sagt Heinz Ditsch. „Stimmt doch gar nicht."</div><div><br /></div><div>„Wieso?", fragt Paul Skrepek zurück. „So war es doch."</div><div><br /></div><div>„Ich hab keine Ahnung", sagt Vincenz Wizlsperger, die Mütze tief in die Stirn gezogen und kostet von seinem zweiten Bier, und ich bekomme im Garten des Gasthauses Wild am Radetzkyplatz sozusagen eine Privatvorführung in angewandter Kalksburgerei. Der eine erzählt, der andere widerspricht, der dritte schlägt sich einmal auf diese, einmal auf die andere Seite, es werden abwechselnd Bier und Weißweinachteln bestellt, und ich muss mich mit der Idee anfreunden, dass Geschichte niemals eindeutig ist, schon gar nicht die Geschichte dieser Band.</div><div><br /></div><div>Unbestritten ist nur, dass das „Kollegium" aus einer Band namens „Franz Franz &amp; the Melody Boys" hervorgegangen ist, an der sämtliche heutige Kalksburger und der längst als Solokünstler arrivierte Stefan Sterzinger beteiligt war. Man spielte Schlager, um sie zu zerstören und sich über die Zerstörung zu amüsieren, und in diese kreative Unruhe mischten sich auch Wienerische Einsprengsel.</div><div><br /></div><div>„Aber richtige Wienerlieder", sagt Wizlsperger, „kannten wir gar nicht."</div><div><br /></div><div>Sowieso wurden richtige Wienerlieder vor allem in den konservativen Ecken der Szene gespielt, wo sich das Kollegium in Gründung ganz sicher nicht zu Hause fühlte, aber als in den Zustand allgemeiner Ermüdung die Einladung zum „Herz Ton Festival" platzte, beschloss man, „halt Wienerlieder zu spielen".</div><div><br /></div><div>Das Konzert sollte eine Stunde dauern. Aber die Band hatte nur vier Lieder vorbereitet. Sie sangen „A oides Wossabangl" von Karl Savara und Rudi Schipper, „A scheene Leich" von Leibinger und Frankowski, und dazu hatte Wizelsperger seinen ersten Text geschrieben, der in seiner ungezähmten Trinkerlyrik den Ton setzte, der eher Assoziationen zur Trinkerheilanstalt als zum Knabeninternat weckte:</div><div><br /></div><div><i>ois junga mensch do hod ma ideale</i></div><div><i>do sauft ma füa a bessre wöd</i></div><div><i>daun wiad ma öda und meakt es nutzt niggs</i></div><div><i>und sauft eascht recht weu an des gwöd</i></div><div><br /></div><div>Nun sucht das Wienerlied ziemlich häufig den Kontakt zum Absturz, auch wenn dieser gern als Räuscherl oder Spitz verharmlost wird. Das Kollegium hatte freilich nie die Absicht, irgendetwas zu verharmlosen, schon gar nicht den Rausch, und so gelang es dem Trio mit größter Überzeugungskraft, aus einem überschaubaren Repertoire rauschhafte Auftritte zu machen, getragen von der Spontanität, in bester Wiener Volkssängertradition die Grenzen zwischen Liedern, Couplets, Gstanzeln und improvisierter Geschichtenerzählerei zu verwischen.&nbsp;</div><div>Wizlsperger hat das Talent dafür im Übermaß. Er weiß nicht nur, was eine Pointe ist, sondern auch, wann er sie setzen muss. Er hat seinen Qualtinger und seinen Rühm studiert, und von den Gedichten des François Villon, die H.C. Artmann so kongenial ins Wienerische übertragen hat, gelernt, wann Derbheit gebraucht wird, um zärtlich zu sein - und umgekehrt.</div><div><br /></div><div>Schleichend wurde das Kollegium zum Hauptberuf seiner Darsteller. Man spielte auf allen möglichen Festivals, gründete Allianzen mit Gleichgesinnten, nahm etwa zehn Alben auf, ging auf Tournee. Suchte passende Songs, um sie zu kalksburgisieren - Lieder von Heller, Danzer, Falco - und fragte gleichzeitig beim Schriftsteller Antonio Fian an, ob er nicht Songtexte für sie schreiben wolle. Fian wollte, und seine aus dem Kärntnerischen geborenen Texte, die vom Kollegium verständnisvol eingewienert werden, gehören mit zum Besten, was die Band im Repertoire hat, hemmungslos sentimental, aber geerdet durch die ironische Sprödigkeit der Präsentation.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Für alle, die gern einmal mit dem vollzählig erschienenen „Kollegium" im Wirtshaus über Programmatisches sprechen wollen: Leicht ist das nicht.</div><div><br /></div><div>Die Frage, was denn ein prototypisches Kalksburg-Lied ausmacht, wird zuerst kontrovers diskutiert, bevor man sich auf einen definitorischen Wesenszug einigen kann: „Die Überlänge. Für das Drei-Minuten-Format sind wir nicht geschaffen."</div><div><br /></div><div>Die Verwandtschaft zum Gstanzl wird bestritten. Paul Skrepek: „Gstanzeln langweilen mich." Das klassische Wienerlied wird abgelehnt. Heinz Ditsch: „Mag ich nicht." Einig ist man sich nur darüber, dass das gesprochene, performte Wort gilt, und dass Vincenz Wizelsperger dessen Prophet ist. Was im Hintergrund an Rhythmus und Melodik passiert, bleibt Gegenstand interner Auseinandersetzungen, und dass Paul Skrepek keine C-Dur-Akkorde mehr spielen möchte, ist auch eine Wahrheit, die ich aus dem Gasthaus mit nach Hause genommen habe.</div><div>Im Schlusskommuniqué steht jedenfalls, dass „Voraussetzung für die Weiterentwicklung die offene Form" ist, soll heißen: Steckt uns bitte nicht in die falsche Schublade, nein, in keine &nbsp;Schublade. Denn - und so viel Programmatik muss dann doch noch sein: „Das Wienerlied ist, was man singt, wenn man in Wien wohnt."</div><div><br /></div><div>Ein Musterexemplar von diesem neuen Wienerlied singt Vincenz Wizelsperger auf einem Album, das er gar nicht mit dem Kollegium, sondern mit dem Pianisten Hannes Löschel unter dem Titel „pünktlichkeit &amp; anarchie" aufgenommen hat. Der Text stammt von Peter Ahorner, und er beschreibt das unaussprechlich Großartige, zu dem sich das Wienerlied in seinen besten Momenten aufschwingen kann.</div><div><br /></div><div><i>von da danau hoid gnua</i></div><div><i>hob i ghobd scho ois bua</i></div><div><i>die erkenntnis bei an kracherl</i></div><div><i>die donau is a bacherl</i></div><div><i><br /></i></div><div><i>do hod mia a vawandter gsagt:</i></div><div><i>geh burli, sei endspannter</i></div><div><i>huach nua auf mei rezeptur</i></div><div><i>dann kummt da ois vü größer vua</i></div><div><i><br /></i></div><div><i>wannsd in da wellen bisd&nbsp;</i></div><div><i>liegt wien am meer</i></div><div><i>und hosd gnua eineglaard</i></div><div><i>bisd du auf deine art</i></div><div><i>ein wiener hanseat</i></div><div><i>und ohne zweifel</i></div><div><i>am gänsehäufel</i></div><div><i>bin ich ein admiral</i></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div>]]>
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    <title>Eh. Voll. Oag.</title>
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    <published>2018-05-07T09:53:40Z</published>
    <updated>2018-05-07T10:21:04Z</updated>

    <summary>Wie der Nino aus Wien ein neues Genre schafft, wenn er über Wien und Umgebung singt....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Wie der Nino aus Wien ein neues Genre schafft, wenn er über Wien und Umgebung singt.</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Es gibt Musiker, bei denen die Art und Weise, wie sie die Bühne betreten, direkt damit zusammenhängt, wie sie ihr Publikum anschließend bespielen. Manche rennen auf die Bühne, als hätten Sie panische Angst, ihren Einsatz zu verpassen. Andere erscheinen, feierlich von Trockeneisnebel bedampft, aus dem Dunkel der Bühne, um die anschwellenden Ovationen des Publikums entgegenzunehmen. Manche schicken ihre Band schon einmal zum Vorheizen, um die so beförderte Stimmung - schon gut, schon gut - scheinbar zu beschwichtigen, aber in Wahrheit ekastisch nach oben ausreißen zu lassen, sobald sie ins Licht des Verfolgerscheinwerfers treten.</div><div><br /></div><div>Der Nino aus Wien übersetzt sein bezaubernd beiläufiges, ein bisschen schiefes Lächeln in die perfekt angemessene Bewegung, wenn er auftritt: Er schlurft; samt seiner Gitarre schlurft er auf die Bühne, und wenn ihm dabei nicht hinten das Leiberl aus der Hose hängt, dann sieht der Mann trotzdem so aus, als würde ihm das Leiberl aus der Hose hängen, ein bisschen schlampert, ein bisschen unachtsam, ein bisschen okay-wenn-ich-schon-da-bin-dann-kann-ich-euch-ja-auch-was-vorspielen.</div><div><br /></div><div>Das ist allerdings ein trügerischer Eindruck. Zwar verstärkt der Nino mit seinen eher ungebügelten Ansagen noch den Eindruck, dass hier gerade etwas Zufälliges, aber auch Spontanes, also Einmaliges passiert, dass wir Zuschauer also der Spezialanfertigung eines poetischen Musikmoments beiwohnen dürfen. Aber in Wahrheit ist dieser poetische Musikmoment das Ergebnis höchster Präzision.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Ich hörte zum ersten Mal von diesem Nino aus diesem Wien, als Walter Gröbchen auf seiner Compilation „Wienmusik" Ninos Lied „Du Oasch" veröffentlichte. „Du Oasch" elektrisierte mich, weil das Lied nicht nur ein Beziehungsdrama in Form eines Duetts erzählte, sondern gleichzeitig witzig und tragisch war, je nachdem, welche Perspektive einem besser gefiel. Außerdem hatte sich der Nino mit dem Rapper Skero als Partner - remember: „Kabinenparty"! - gleich einen ziemlichen Kapazunder zur Brust genommen, um ihn zur Rede zu stellen:&nbsp;</div><div>„Du Oasch/Hast ma die Freundin ausgespannt/i verzeih' da ned, na/I hob euch beide erwischt, beim Chinesen/dort - hinter der Bar..."</div><div><br /></div><div>Skero antwortet dann schuldbewusst, aber nicht sehr:&nbsp;</div><div>„Heast oida.. i sog da.. des woa ka Absicht/die Klara woa so schoaf auf mi/.../Wenn i gwusst hätt/das des dia des Herz bricht/hätt i ma an ondan Platz gsuacht/ois hinter da Bar/Wost uns glei siagst/tuat ma lad, mei oida freind..."</div><div>Auch die im Sprechgesang vorgetragene Apotheose des Lieds gefiel mir gut: „I wü ned in Häfn geh wegn eam/oba i brich eam s'Gnack."</div><div>Das war mein Einstieg in das Werk des Nino aus Wien. Aber er führte nicht unbedingt auf die richtige Spur.</div><div><br /></div><div>Wenn man will, kann man in der Biographie des Hirschstettners Nino Mandl Indizien dafür finden, dass er sich irgendwie um das Wienerlied kümmern muss. Der Vater seines Vaters war Wienerliedersänger gewesen, wobei das auf den Enkel keine bleibende Wirkung hinterließ.&nbsp;</div><div>„Ich habe ihn nie singen gehört", sagt der Nino, als wir nachmittags in der leeren Gaststube vom Meixner Karl in Favoriten miteinander sprechen. Genauso wichtig könnte auch der andere Großvater sein, der Bildhauer war: Weil Bildhauer ist der Nino auch nicht geworden.</div><div>Aber er spürte etwas, wenn die Musik lief. Er liebte die Beatles. Als er zum ersten Mal „Hey Jude" hörte, rannen ihm die Tränen über die Wangen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Es fühlte sich auch richtig an, eine Gitarre in den Händen zu halten, als er fünfzehn, sechzehn Jahre alt war. Ein paar Akkorde konnte er schnell spielen, aber dann schlug er nicht den Weg ein, den die meisten sechzehnjährigen Amateurgitarristen gehen, nämlich „Hey Jude" zu spielen, bis den Mädels, die zuhören, die Tränen über die Wangen rinnen. Nino aber wollte „etwas Eigenes" machen. Denn „wenn ich Gitarre spiele, kommen die Worte".</div><div><br /></div><div>Mit den Worten hatte sich Nino schon früher beschäftigt, experimentell, aber auch sprachphilosophisch. Er schrieb Worte auf, die es gar nicht gab, aber weil er sie aufgeschrieben hatte, gab es sie ja. Diese Einsicht ermunterte ihn, weiterzuschreiben und das Ergebnis „meine Sprache" zu nennen.</div><div><br /></div><div>Natürlich blieb er nicht frei von Einflüssen. Ninos Eltern hörten zu Hause in Hirschstetten viel Austropop, darunter war eine Platte von André Heller. Sie hieß: „Bei lebendigem Leib", ein Livealbum, das Heller auf der Höhe seines Könnens und seiner Versponnenheiten zeigt.</div><div>„Das war für mich so ein ähnliches Erlebnis wie das erste Mal Beatles hören", sagt Nino und fügt mit seinem Lächeln, das so undefinierbar zwischen Charme und Ironie angesiedelt ist, hinzu: „Das hat sich in meinen weiteren Textversuchen auch niedergeschlagen."</div><div><br /></div><div>Es schlug sich auch nieder, dass Nino die Gitarre von Syd Barrett, dem psychedelischen Mitbegründer von Pink Floyd zu lieben begann und mehr über seine eigene Sprache herausfand, die spezifische Version des Wiener Dialekts, die Menschen seiner Generation in Hirschstetten sprechen. In Hirschstetten, 22. Wiener Gemeindebezirk, zwischen Breitenlee und Kagran, ist die Sprache langsamer als anderswo in Wien, nicht dem raunzerten Altwienerisch verbunden, sondern eher einer eingefärbten Hochsprache, deren Farbe sie natürlich auch wieder einzigartig macht. „Der Dialekt", sagt Nino zur Illustration, „ist nicht ganz meine erste Sprache", außerdem ist jeder Dialekt, egal wo, in erster Linie Generationensache, geprägt von kulturellen und sprachlichen Codes. „Eh sagen wir sehr oft", sagt Nino, „und oag und voll."&nbsp;</div><div><br /></div><div>Das hat ihn freilich nicht davon abgehalten, Lieder zu schreiben, die zwar eh voll oag sind, aber auch einen sanften, berührenden Zauber haben, weil sie Sehnsucht verströmen, ohne das Wort jemals zu bemühen, weil sie Hoffnung aufblitzen lassen und Tragik, weil sie dazu sanften Witz haben, auch wenn der Witz sich als zweischneidig erweist und das Lächeln schmerzhaft werden lässt, im Dialekt oder auf Hochdeutsch, ganz egal.</div><div><br /></div><div>Eines der besten Nino-Lieder heißt „Deine Boheme", eine fulminante Ballade auf eine verkannte Poetin, vielleicht auch auf ein verkanntes, versoffenes Genie. Darin schleudert der Nino in den Schnapsgeruch kleiner, schlecht beleuchteter Cafés poetische Blitze aus dem Heller-Arsenal - „das Messer am Grund deines Herzens ist scharf" - und er bedenkt die Lebensweise, die er verehrt oder bedauert, wer weiß das schon, mit einer Art Slogan: „Ein ewiges, nebliges Hoch auf die Boheme".</div><div><br /></div><div>Wobei: Der Nino hat viele beste Lieder. Das liegt einerseits daran, dass er sehr viele schreibt. Seit dem ersten Album „The Ocelot Show", das vor zehn Jahren erschien, sind sieben reguläre Nino aus Wien-Alben und zahlreiche Kollaborationen, u.a. mit Natalie Ofenböck und Ernst Molden erschienen, und dieser Tage nimmt er bei Paul Gallister, dem Produzenten von Wanda und dem eh noch jungen Der Nino aus Wien-Album „Wach" schon die nächsten Songs auf, im Wohnzimmerstudio im zweiten Bezirk. Sie werden auf dem Jubliläumsalbum „Der Nino aus Wien" erscheinen, später im Jahr.</div><div><br /></div><div>Schon auf der „Ocelot Show" gibt es Lieder von hypnotischer Schönheit, perlenden Textkaskaden und der für einen jungen Mann ziemlich unerschrockenen Ansage „Es geht immer ums Vollenden". Das gleichnamige Lied könnte das Werk eines Frühvollendeten sein, dargeboten im rauschhaft jambischen Singsang, der Ninos Lieder zuweilen vorantreibt, ohne auf die Betonungen einzelner Wörter zu achten, die durch unkonventionelle Lautverschiebungen plötzlich ihren eigenen Klang bekommen und etwas halbstark fragen: Stimmt was nicht? Was schaust denn so oag? Das Lied ist auch ohne Zweifel ein beziehungsreiches Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, programmatisch und schön: „Wie ein Schwamm saugst du das Jetzt auf/Und verarbeitest es dann/Wenn das jetzt lang genug weg ist/Um zu wissen was es kann/Man genießt dann deine Bilder/Die fast keiner je versteht/Nur die Freude sie zu sehen/Ist wohl das worum es geht"</div><div><br /></div><div>Als wir über Literatur sprechen, erzählt Nino vom Rausch, in dem er Ginsberg und Burroughs, Keroucac und Joyce las, Joyce am liebsten, und von Joyce am liebsten „Stephen, der Held", das Vorgängerbuch zu „Porträt des Künstlers als junger Mann", das Joyce angeblich ins Feuer geworfen hatte. „Es geht immer ums Vollenden", sagt Nino, um augenblicklich zu assoziieren: „Es geht immer ums Verbrennen", Pause, „manchmal", Pause, „vielleicht".&nbsp;</div><div><br /></div><div>Ach so, der Name. „Ich heiße halt Nino", sagt der Nino kokett, „und komme aus Wien". Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. „Der Nino aus Wien" war Ninos Name auf MySpace, dem Portal, das für junge Musiker einmal enorm wichtig war, um sich und ein paar Lieder zu präsentieren. Nino, der bis dahin „Ninos Hausband", „Flowers of Vienna" oder „Basement Experience" geheißen hatte, sah im Fernsehen den „Anton aus Tirol" und gab kurz entschlossen seinen neuen Namen „Der Nino aus Wien" ein.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Postwendend kam Post vom Kollegen „Sir Tralala": „Hey, Nino aus Wien, coole Musik." Dieses Kapital wollte der Nino nicht mehr verspielen.</div><div><br /></div><div>Ich sah Nino mit seiner Band inzwischen auf vielen Bühnen, vom Radiokulturhaus über die Sargfabrik, das Konzerthaus bis zum Volksstimmefest auf der Jesuitenwiese und der restlos ausverkauften Wiener Stadthalle, wo er zuletzt als Vorband zu Wanda auftrat und mit seiner nonchalanten, niemals ranschmeißerischen Lässigkeit selbst die Tausendschaften enthusiasmierter Wanda-Fans im Griff hatte.</div><div><br /></div><div>Ich frage ihn schließlich, wie er die Lieder nennt, die er schreibt und singt? Wienerlied? Neues Wienerlied? Chanson?</div><div><br /></div><div>Seine Antwort ist viel prägnanter: „Pop. Das ist das kürzeste Wort."</div><div>Aber er gibt zu, dass er in Deutschland, wenn er - wie gerade zwei Wochen lang täglich - Konzerte spielt, auch schon einmal ein „Wienerlied" anmoderiert, egal ob es das „Praterlied" ist oder Falcos Klassiker „Ganz Wien".</div><div><br /></div><div>„Wien steckt ja schon im Namen", sagt der Nino aus Wien. „Aber jedes Lied kann ja auch aus Wien herausführen."</div><div><br /></div><div>Termine:</div><div>18.5. Die Bühne Purkersdorf</div><div>6.6. Kulturhaus Bruckmühle - Pregarten/OÖ</div><div>8.6.Theater am Spittelberg Wien</div><div>12.6. Stadtsaal Wien (mit Ernst Molden)</div><div>9.11. Arena Wien (CD-Präsentation: "Der Nino aus Wien")</div><div>14.11. Posthof Linz</div>]]>
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    <title>Er ist der Meister der Stille</title>
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    <published>2018-05-02T06:14:13Z</published>
    <updated>2018-05-07T10:09:34Z</updated>

    <summary>Porträt des Harmonikavirtuosen Walther Soyka....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Porträt des Harmonikavirtuosen Walther Soyka.
        <![CDATA[<div>Damit das klar ist: Der Vorname von Walther Soyka lautet Walther, stummes h inklusive. Diese stumme h ist wichtig. Es ist, wie Soyka lächelnd sagt, ein Repräsentant der Stummheit, und wenn man will, kann man das als eine Art paradoxes Selbstporträt interpretieren.&nbsp;</div><div>Walther Soyka ist einer der ganz großen Künstler der Wiener Musik, und wenn Sie jetzt vielleicht fragen, wer genau jetzt dieser Walther mit h ist, dann liegt das daran, dass Soyka, 53, zwar seit fast vierzig Jahren vor Publikum auftritt, aber nach Kräften daran arbeitet, auf der Bühne unsichtbar zu bleiben.</div><div>Soykas Domäne ist die Knopfharmonika, dieses grundlegende Instrument, das dem Wienerlied sein Fundament und die Farbe verschafft. Natürlich kann man diese Knopfharmonika, die in vielen Weltmusiken zum Einsatz kommt, auch am vorderen Bühnenrand im Lichtkegel des Verfolgerscheinwerfers spielen, wild, entschlossen und mit den Derwischfingern des Virtuosen.&nbsp;</div><div>Nicht, dass Walther Soyka keine Derwischfinger besäße. Aber er nutzt sie nur selten, um sich selbst, sein Können, seine technischen Fertigkeiten, sein überragendes Gefühl für die spektakulären Wendungen und Wege, die Musik jederzeit einschlagen kann, vor aller Augen zu zelebrieren.&nbsp;</div><div>Lieber rollt er seinen Mitmusikern den roten Teppich aus. Legt seine Töne so dezent und zurückhaltend unter den Rhythmus der Gitarre von Ernst Molden oder die Stimme von Willi Resetarits, dass das Publikum diesen stets präsenten Charakterköpfen beeindruckt und gerne folgt, ohne groß zur Kenntnis zu nehmen, auf welcher Welle von musikalischem Verständnis und harmonischer Sicherheit diese gerade surfen.&nbsp;</div><div>Die Quelle dieser Welle ist natürlich Soykas Harmonika. Die Töne fließen mit natürlicher Selbstverständlichkeit. Sie markieren den Raum und gestalten die Zeit aus. Ihre Präsenz ist so essentiell, dass man sie für gegeben hält und erst aufschreckt, wenn die Töne plötzlich verstummen: Repräsentanten der Stummheit. Der lächelnde Soyka hat es immer gewusst.</div><div><br /></div><div>Zum ersten Mal sah ich Walther Soyka auf einer Bühne, als er mit der Elektrocombo von Roland Neuwirth im Amerlingbeisl auftrat. Das war Anfang der achtziger Jahre. Anlass des Konzerts war die Präsentation des Albums „Extrem", für das Neuwirth seine Schrammelband in „Extremschrammeln" umgetauft hatte, was unter dem Strich das Einzige blieb, was von dem Projekt überlebte. Seit damals - und lang, nachdem Neuwirth seine Ausflüge in die elektrisch verstärkte Popmusik gegen eine besonders heiligmäßige Pflege der Wiener Schrammeltraditionen durch beseelte Veränderung eingetauscht hatte - hieß die Band so, und Walther Soyka gehörte dieser Band wundersamerweise an.</div><div>Das ging so: Soyka hatte als Kind Cellounterricht bekommen und eine Lehrerin gehabt, die ihm ziemlich am Anfang etwas beigebracht hatte, was er sein ganzes Leben nicht mehr vergessen sollte.</div><div>„Weisst du, Walther", hatte sie gesagt, „Töne sind nicht einfach Töne. Töne sind Lebewesen, und du musst dafür sorgen, dass sie ein schönes Leben haben."</div><div>„Seit damals", sagt Walther Soyka heute, „liebte ich die Musik mehr als das Spielen."</div><div>Das ist ein sehr philosophischer Satz. Es lohnt sich, ihn zweimal zu lesen.</div><div>Soyka strich also beherzt das Cello, um Töne auf die Welt zu bringen. Als er fünfzehn war, probierte er ein Akkordeon aus. Schnell beherrschte er ein paar Landler und begriff deren harmonische Muster.</div><div>Im Turnverein gab es eine Volkstanzgruppe, und damit diese Gruppe tanzen konnte, gab es auch eine Musikkapelle, der Soyka beitrat, als einer der Musikanten überraschend das Zeitliche segnete. Es musste ja weitergetanzt werden.</div><div>&nbsp;So lernte er sein erstes Repertoire an Walzern, Tanz und Landlern, und weil ihm die Volksmusik Spaß machte, trat er gleich einmal solo als Straßenmusiker auf. Je Polka, desto besser die Spenden des Publikums.&nbsp;</div><div>Soykas Kompetenz am Akkordeon verfestigte sich im selben Maß, wie die Leistungen im Gymnasium nachließen. Statt für die eine oder andere Schularbeit zu lernen, reiste er nach Grossrußbach und nahm an einem Seminar teil, das die widmungsgerechte Beherrschung der Steirischen Knopfharmonika verhieß.</div><div>Das Seminar war einerseits eine Enttäuschung, „denn ich konnte schon alles", sagt Soyka. Es war aber auch eine kleine Offenbarung, denn der noch immer fünfzehnjährige Soyka lernte dort Roland Neuwirth kennen, der bereits an der Neukalibrierung des Wienerlieds arbeitete. Neuwirth spielte dem talentierten, schmalen Knopfharmonikaspieler erst einmal seinen „Fußpilzblues" vor. Aha, dachte Soyka, das ist also ein Wienerlied.</div><div>Soyka brach die Schule ab und begann eine Buchhändlerlehre in Hietzing. Zwei Jahre später stand besagter Neuwirth in der Tür. Er suchte einen Harmonikaspieler und war Walthers Spuren wie ein Privatdetektiv bis in die Hietzinger Buchhandlung gefolgt.</div><div>Neuwirth lud Soyka ein, mit ihm zu proben. Soyka begriff intuitiv, wie Neuwirths Lieder funktionierten und spürte, wie er Stimme und Kontragitarre mit dem Klang seines Instruments besser zur Geltung bringen konnte. Es gab damals keine Noten, gefragt war Gespür. Neuwirth, ein selten zufriedenzustellender Bandleader erkannte, dass Soyka dieses Gespür im Übermaß besaß. Er schenkte dem Siebzehnjährigen etwas ganz besonders Wertvolles: eine authentische Wiener Schrammelharmonika. Von da an war Walther Soyka zwanzig Jahre Teil der Neuwirth Schrammeln.</div><div>Am Anfang reichte das noch nicht fürs Leben. Walther besorgte sich einen Nebenjob im Lokal der legendären Jazz Gitti auf der Seilerstätte. Dort legte er zweimal in der Woche bis fünf Uhr früh Schallplatten auf, ging anschließend nicht schlafen, weil er um acht Uhr früh die Buchhandlung aufsperren musste und absolvierte sein tägliches Pensum an der Harmonika.&nbsp;</div><div>Es dauerte Jahre, bis die Neuwirth Schrammeln sukzessive zu ihrem unverkennbaren Klang fanden. In der klassischen Schrammelbesetzung mit zwei Geigen, Harmonika, Kontragitarre und den Stimmen von Roland Neuwirth und Doris Windhager etablierten sie das, was heute selbstverständlich „Neues Wienerlied" heisst. Damals war das nicht weniger als eine Revolution.&nbsp;</div><div>„Alles kreiste um die Lieder von Roland", sagt Walther Soyka, „aber Roland wollte noch mehr: Er forderte mich auf, Tanz zu komponieren."</div><div>Das war der nächste entscheidende Schritt. Das Komponieren veränderte den Blick Walther Soykas auf die Musik von Neuem. Er begann nicht nur wunderbare Instrumentalstücke in der Tradition alter Schrammeltänze zu schreiben, sondern nahm auch Aufträge für Filmmusik an und stellte eine Band zusammen, mit der er ausschließlich improvisierte, Free Jazz. Die Kombo hieß sarkastisch „Danke".</div><div>Soyka hatte inzwischen verheiratet und war Vater von drei Kindern. Er war, wie er sagt, „bettelarm", aber das beeindruckte ihn nicht. Walther war selbst mit acht Geschwistern auf 70 Quadratmetern in Meidling aufgewachsen, kein Geld, die Familie lebte von Spenden, die für die politische Arbeit des Vaters - im weitesten Sinn: Kampf gegen die Atomlobby - gesammelt wurden.</div><div>Was Soyka daraus bezog, war eine radikale Unerschrockenheit, die auf der Zuversicht fußte, dass in Wien niemand verhungern muss. Als er 2002 die Zusammenarbeit mit den Neuwirthschrammeln beendete, stand er dermaßen ohne Job und Geld da, dass ihm 50 Euro für die Woche genügen mussten. Aber er kümmerte sich nicht etwa um Jobs, sondern um die Zusammenstellung einer neuen Band, der Herzton Schrammeln. In Archiven und auf Schellacks suchte er nach alten Stücken, tat sich mit dem Zithervirtuosen Karl Stirner zusammen und musizierte sich in die Tiefe der Wiener Musik, erkundete ihre Klangfarben und Idiome, verstand sie, übertrug sie auf sein eigenes Instrument, erwarb die Musik, um sie zu besitzen. Manchmal, beim einen oder anderen Heurigen, bekam er dafür ein bisschen Geld. Oft belohnte er sich für den Aufwand damit, dass er ihn trieb.</div><div>Walther Soyka ist einer der raren Menschen, die ich nie klagen gehört habe, ausser vielleicht, wenn eine Liebesgeschichte in die falsche Richtung abbog. Er ist mit seinem Leben im Reinen, weil sich jeder Tag, an dem er die Harmonika angreift und Tönen das Leben schenkt, irgendwie richtig anfühlt.&nbsp;</div><div>Er lernte, zum ersten Mal seit den Auftritten als Straßenmusikant, allein zu spielen. In seinem Studio an der Landstraße, wo er arbeitet und übt, liegen die beiden dicken Bände der Volksmusikforscher Walter Deutsch und Ernst Weber, „Volksmusik in Wien" und „Weana Tanz". Im zweiten Band sind unzählige Stücke notiert und abgedruckt, übrigens auch einer von Walther Soyka selbst. Das Buch ist über und über mit Post-Its beklebt, Ausdruck der Stunden, Tage, Wochen, in denen Walther den Inhalt studiert und zum Leben erweckt hat.</div><div>So stieg er zur heimlichen und gar nicht so heimlichen Autorität auf. Er wurde eingeladen und beigezogen. Mit den Strottern nahm er ein Album auf, mit Hannes Löschels Stadtkapelle, er trat Gast bei zahllosen Formationen auf zahllosen Bühnen auf. Er war der wichtigste Exponent des schönen Films „Herzausreisser", der verschiedene Wege zum Wienerlied nachzeichnete und dabei immer wieder bei Walther Soyka landete.&nbsp;</div><div>Während Walther sich um Musik kümmerte, die sonst garantiert niemand spielt, fragte schüchtern Ernst Molden nach, ob er nicht für sein erstes Dialektalbum „Ohne di" diesen weichen, seelenvollen Harmonikaklang beisteuern möge, der Molden aus der Ferne so ans Herz gewachsen war. Das war die Geburtsstunde der, wie es Willi Resetarits formuliert, „Molden Bande", die außer ihm, Molden und Soyka noch den Gitarristen Hannes Wirth umfasst, und die in den bald zehn Jahren ihres Bestehens von den kleinen, feinen in die großen und ganz großen Säle gewechselt ist, unter akribischer Bewahrung ihres intimen Anspruchs, kammermusikalische Wiener Popmusik zu machen.</div><div><br /></div><div>Die Töne wollen laut und leise leben. Auf seinem eigenen Label bringt Walther Soyka sukzessive Musiken heraus, die er aus den Tiefen der Vergangenheit ins Jetzt befördert wissen will. Mit dem Zitherspieler Karl Stirner hat er zwei fabelhafte Alben eingespielt, demütig und selbstbewusst zugleich. Mit der Geigerin Martina Rittmannsberger hat er „Zwirn" aufgenommen, was nur ein anderes Wort für Tanz ist, und diese Tanz gehören nicht nur konserviert, sondern gespielt, so oft wie möglich.</div><div>Deshalb spielt Walther Soyka mit Vorliebe live, immer wieder, regelmäßig. Ich habe Martina Rittmannsberger und ihn besucht, als sie, wie fast jeden Sonntag, auf der Redlinger Hütte bei Maria Gugging spielen, zu zweit, akustisch, bei Schönwetter im Garten, bei Schlechtwetter in der Stube.&nbsp;</div><div>Das Bild, das sich bietet, ist ein Herzausreisser. Die beiden Vertrauten helfen einander in die Musik. Sie steigern das Tempo, werden zögerlicher, spitzen die Ohren, flüstern einander verschiedene Stimmen zu. Sie und die Musik sind sich selbst genug. Die Musiker verschwinden hinter ihrer Musik.</div><div>Aber wir können dabei sein, zum Beispiel am Nebentisch, wenn ein großer Meister der Wiener Musik seine Harmonika tief einatmen lässt und uns erlaubt, die Ohren zu spitzen - und für einen Augenblick selbst zu Repräsentanten der Stummheit zu werden.</div><div>Dann Musik.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Ich habe mit Einer Mittag gegessen</title>
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    <published>2018-05-01T16:19:30Z</published>
    <updated>2018-05-02T06:14:03Z</updated>

    <summary>Mein erstaunliches Treffen mit einer literarischen Figur....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Mein erstaunliches Treffen mit einer literarischen Figur.
        <![CDATA[<div>Ich habe mit Einer zu Mittag gegessen. Verabredet waren wir nicht. Ich saß mit Freunden bei Marco's Treff in Sölden, einer der wenigen Bars, wo es im Sommer auch zu Mittag eine Kleinigkeit zu essen gibt, als Einer auftauchte und sich zu uns setzte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Er bestellte eine Pizza und ein kleines Bier, und er war bester Laune. Am Vormittag war er von Vent nach Sölden gekommen, ich missverstand ihn zuerst und dachte, er sei den ganzen Weg gewandert, aber er hatte das Postauto genommen, und ich missverstand ihn ein zweites Mal, als er mir erzählte, warum er gekommen sei. Wegen den Madln, sagte er, das verstand ich, aber er sagte noch etwas, was ich nicht verstand, weil die Mischung aus Ötztaler Dialekt und von Defiziten im Gebiss beförderter, undeutlicher Aussprache zu komplex für mich war.</div><div><br /></div><div>Meine einheimischen Freunde verstanden ihn aber schon. Wegen den Madln, sagte Einer, die er hier laufen habe, und die Freunde zuckten nachsichtig mit den Schultern. Er könnte genauso gut erzählen, wegen den Raketen, die er heute Nachmittag auf den Mond schießen will.</div><div><br /></div><div>„Jetzt kommen sie und holen Jakob". Das ist der Satz, der am Anfang der großen Karriere des Schriftstellers Norbert Gstrein stand, die Eröffnung seiner Erzählung „Einer", die als Band 1483 der Edition Suhrkamp im Herbst 1988 erschien und vom großen Jorge Semprun als herausragende Erforschung der „Wunder und (...) Geheimnisse des Alltags" &nbsp;gelobt wurde, wie sie am Schauplatz der Erzählung, der nur notdürftig als Fend codierten Heimatgemeinde Gstreins, geschehen sind, geschehen und geschehen werden.</div><div><br /></div><div>So beginnt die Erzählung: „Jetzt kommen sie und holen Jakob. Plötzlich hat das Knattern aufgehört, das schon den ganzen Vormittag dem Dorf im Ohr gelegen ist, von einem Hang über die Dächer zurückgeworfen auf den anderen, und die Burschen, drei sind es, stehen wartend am Straßenrand, in den behandschuhten Fäusten rotglänzend die Helme, haben ohne Eile ihre Motorräder abgestellt, auf denen sie gerade noch hin und her gefahren sind, in unermüdlichen Kreisen durch knietiefen Schnee, der von den Hinterrädern meterhoch aufgewirbelt wurde, und immer wieder dieselbe Treppe, fünf Stufen hinauf und auf der anderen Seite den Absatz in einem Sprung herunter, dass die Federn mit einem quietschenden Geräusch tief einknickten. Als gleich darauf der Bus abfährt, schaukelnd in den unregelmäßigen Rinnen gefrorenen Schnees, die jedes Jahr um diese Zeit im Schatten der Häuser entstehen, als er vor dem Hotel Fend noch ein Paket aufnimmt, vielleicht dann, oder doch erst, als er die Kirche schon hinter sich gelassen hat und auf der taunassen Straße talauswärts gleitet, blauglänzend in der Sonne, hat der Fender auf die Wanduhr geblickt: und es ist fünf nach elf gewesen."</div><div><br /></div><div>Vent ist ein charaktervoller Ort, das heißt: Der Tourismus hat hier nicht alles niedergewalzt. Zwar gab es allerhand Projekte, die Vent in der Nahrungskette des Fremdenverkehrs weiter nach oben gerückt hätten. Das spektakulärste war die größenwahnsinnige Planung einer Straße über die Rofenhöfe Richtung Hochjoch, von wo aus mit einer Seilbahn das Skigebiet Schnalstal in Südtirol erschlossen werden sollte. Das wussten die richtigen Menschen zu verhindern, so dass Vent das Schicksal erspart blieb, zu einer touristischen Autobahnstation zu werden. Die Grundstruktur des Ortes am Ende des Tals blieb weitgehend unverändert, auch wenn sich, wie überall in den österreichischen Alpen, die Verlockungen des Tourismus durch Wachstum bemerkbar machten, neue Häuser, neue Hotels, neue Frühstückspensionen, freilich anders als in den Ötztaler Skihochburgen Sölden und Obergurgl: kleiner, familiärer, überschaubarer. Immerhin ist Vent ein Dorf geblieben.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Das Fend, in dem Norbert Gstrein seine Erzählung ansiedelt, ist so klein wie Vent und so touristisch wie Vent, jedenfalls so touristisch, wie es ein junger Mann wie Norbert Gstrein empfindet, der zwischen Skischule und Hotel aufwächst.</div><div><br /></div><div>Jetzt kommen sie und holen Jakob. Sie holen ihn in den langen, musikalischen Sätzen Norbert Gstreins, in Sätzen, die in Rückblenden das Bild von Jakob zeichnen, das Bild eines begabten Kinds, das aus dem Tal hinaus aufs Internat geschickt wird, zum Außenseiter wird, Misshandlungen erlebt, und zurück zu Hause an diesem Zuhause zerbricht.</div><div><br /></div><div>Jakob leidet am Ort und an der Familie. Er leidet daran, wie der Ort und die Familie ihren Gästen alles andere unterordnen. Manchmal verliebt er sich in die Töchter von Gästen und trauert, wenn sie nach zwei Wochen wieder verschwinden. Wenn seine Kammer unter dem Dach für Gäste gebraucht wird, muss er in der Stube schlafen. Dann schreit er. Sein Aussehen ist ihm egal. Er fällt auf. Er verdingt sich als Skilehrer. Er weiß, dass über ihn gelacht wird. Er hasst es, wenn über ihn gelacht wird. Er säuft. Er geht von Wirtshaus zu Wirtshaus. Er verliert die Stelle als Skilehrer. Schließlich gibt ihm nur noch die Mutter ein paar Schilling, damit er irgendwo sein Glas Wein trinken kann. Längst schreibt keiner der Wirten mehr seine Getränke an. Er muss Geld auf den Tisch legen, bevor ihm ein Glas eingeschenkt wird.</div><div><br /></div><div>Aber er ändert seine Gewohnheiten nicht. „Manchmal sprach er mit Hanna, sah sie über einen Tisch lange an oder begann plötzlich, wenn sie weit die Straße hinaus spaziert waren, das sei kein Leben, und es kam vor, dass er auf einmal weinte, grundlos, wie man sagt. In den Gasthäusern merkte man nichts. Er erzählte die gleichen Geschichten mit den gleichen Dummheiten, und wenn er einen ganzen Abend irgendwo schweigend stand, nannte man ihn besoffen, nicht unglücklich, oder sah an ihm vorbei."</div><div><br /></div><div>Ich las „Einer" zum ersten Mal 1988, als das Buch erschien. Die Erzählung berührte mich. Ich empfand Mitleid für diesen tragischen Jakob, und ich entwickelte eine abstrakte Vorstellung des Ortes Fend, weil ich noch keine Ahnung hatte, dass es Vent wirklich gibt, wo es liegt und wie ein Leben dort verlaufen kann. Mich erschütterte, wie lakonisch Gstrein die Tragik des Einzelnen mit der berechnenden Gleichgültigkeit der Übrigen verschränkt: „Im Dorf sahen sie Jakob als etwas, mit dem man sich abfand, und im besten Fall könnte man versuchen, einen kleinen Vorteil herauszuschlagen. Solange es dem Geschäft nicht schadete, war alles erlaubt, aber sie hatten einen überscharfen Blick, der sie bei einem Verdacht gleich das Ärgste fürchten ließ; dass die Gäste davonliefen oder gewiss nie wiederkämen. Sie wussten Jakob mit Gespür auf den rechten Platz zu rücken, brauchten nur ein wohlwollendes Lachen zu sehen, um aufmunternd die Hand auf seine Schulter zulegen: erzähl doch einen Witz; und eine Flasche Wein wäre ihm sicher. Aber immer öfter zogen sie ihn stillschweigend zurück, weil er plötzlich zu schreien begann: Piefke; manchmal das einzige Wort, oder sein Anblick war einfach nicht zu ertragen, und die Damen wandten sich angeekelt ab."</div><div><br /></div><div>Mir imponierte Norbert Gstreins Radikalität, seine offensichtliche Bereitschaft, die Brücken zu seinem Heimatort niederzubrennen. Ich bewunderte seine melodische, an Thomas Bernhard geschulte Sprache. Ein paar Jahre später lernte ich ihn kennen und konnte erst wirklich ermessen, welche Anstrengung notwendig gewesen musste, in einer Welt, in der Sport, Gäste und Investitionen den Ton angeben, einem intellektuellen Leben nachzugehen.&nbsp;</div><div>In den Preisreden, die bald darauf auf Norbert Gstrein gehalten wurden, kamen diese Motive wiederholt zur Sprache. Als er zum Beispiel den Franz-Nabl-Preis erhielt, wurde ihm attestiert, dass „...die provinzielle Sozialstruktur der Tiroler Fremdenverkehrsgemeinde (...) für die Bewohner keine Beheimatung [bietet], sondern (...) sie in innerer und äußerer Vereinsamung einen Passionsweg beschreiten [läßt], an dessen Ende die Auslöschung der sozialen Identität und die Verwahrung stehen."</div><div><br /></div><div>Gstrein wurde mit so verschiedenen Autoren wie Franz Innerhofer, Uwe Johnson und Peter Handke verglichen. Sein Aufstieg vom jungen Nachwuchsautor zur fixen Größe des deutschsprachigen Literaturbetriebs vollzog sich in erstaunlichem Tempo. Gstrein verließ zuerst Vent, dann Tirol, wo er regelmäßig nach seinem Bruder Benni gefragt wurde, der ein erfolgreicher Skirennfahrer war. Er siedelte sich an wechselnden Orten in Österreich, Deutschland und der Schweiz an. Bis heute besucht er Vent mit einer gewissen Regelmäßigkeit, hegt aber keine Ambition, wieder dauerhaft ins Bergsteigerdorf zurückzukehren. Die innerliche Distanz zwischen dem, der gegangen ist und denen, die geblieben sind, ist zu groß, auch wenn Norbert Gstrein inzwischen als großer, wenn auch schwer zu verstehender Sohn des Ortes gilt. Der Längenfelder Bildhauer Gerbert Ennemoser widmete der mit ihrem Schöpfer bekannt gewordenen literarischen Figur „Einer" eine monumentale Skulptur. Im Wikipedia-Artikel zu Vent ist Norbert Gstrein zwar noch nicht als Vent-Celebrity verzeichnet, dafür gibt es jede Menge literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur, die das Verhältnis von Autor und Herkunft beleuchten. Gstrein selbst äußert sich dazu nicht mehr.</div><div><br /></div><div>Ich lernte Vent erst kennen, als mich ein Freund, der in seiner Jugend hier als Skilehrer gearbeitet hatte, einlud, mir das Dorf einmal anzuschauen. Das erste Haus, das er mir zeigte, war das alte Widum, gleich beim Dorfeingang. Dort war er als Skilehrer untergebracht gewesen und manchmal, wenn es abends in der „Milchbar" spät geworden war, dem Pfarrer in die Arme gelaufen, der gerade zur Frühmesse hinüber zur Kirche gehen wollte. Der Pfarrer verzieh diese offensichtliche Sünde, allerdings nur unter der Bedingung, dass mein Freund mit in die Frühmesse kam.</div><div><br /></div><div>Er erzählte mir, während wir durch den Ort spazierten, noch viel mehr. Wenn es geschneit hatte, mussten seine Kollegen und er oft mitten in der Nacht ausrücken, um die Straße frei zu machen: Die Landesstraße von Zwieselstein nach Vent war damals noch nicht mit zahlreichen Galerien überbaut, die gegen Schnee und Steinschlag schützen. Einmal, erzählte er mir, sei es dabei zu einem fürchterlichen Unfall gekommen, als ein Einheimischer in die Schneefräse gekommen sei und von der zerstückelt wurde.</div><div><br /></div><div>Später schauten wir uns das Hotel Vent an, das nicht mehr ganz so elegant im hinteren Dorfteil von Vent steht wie auf den Fotos aus den dreißiger Jahren. Ein paar Zubauten haben der Ästhetik ein bisschen zugesetzt, aber verglichen mit den muskelbepackten Almarchitekturen sieht es noch immer ein bisschen extraterrestrisch aus. Wir nahmen an der dortigen Bar namens „Scharfes Eck" ein, zwei Getränke, und erst später, als ich im Bett über den Tag nachdachte, kam mir vor, als hätte ich die Geschichte mit der Schneefräse schon einmal gehört. Mich beschäftigte die Frage, wie eine „urban legend" heißen muss, wenn sie auf dem Land passiert, dann schlief ich ein, ohne die Frage gelöst zu haben.</div><div><br /></div><div>Aber ich kam auf die Geschichte zurück. Als ich meinen Freund bei Gelegenheit fragte, ob er sicher sei, dass seine Story nicht nur eine Story sei, reagierte er brüsk. „Und ob", sagte er, ohne in weitere Details zu gehen.</div><div>„Aber ich kenne die Geschichte von irgendwo", sagte ich.</div><div>„Das wundert mich nicht", sagte er. „Norbert Gstrein hat sie im ,Einer' erzählt."</div><div>„Ach so", sagte ich, ohne mich konkret zu erinnern. Später las ich die Stelle dann nach, die gekonnt Poesie und Splatterliteratur kombiniert: „Mutter zuckt unmerklich zusammen, und wir wissen, dass sie sich erinnert, erinnern uns selbst an den Unfall im letzten Winter, als einer beim Schöpfen ausgerutscht und augenblicklich von der rotierenden Trommel zerfleischt worden ist. An den Schneewänden konnte man noch Tage später das Blut sehen, und vor wenigen Wochen, am Jahrestag, hat der Pater ein Wegkreuz anbringen lassen, in Gedenken an einen, der an dieser Stelle ums Leben kam; bis heute weiß niemand, ob aus Unachtsamkeit oder weil er betrunken war."</div><div><br /></div><div>Dass Chronik und Erzählung zusammenhängen könnte, brachte mich auf eine neue Spur.</div><div>„Es wäre ja witzig", sagte ich zu meinem Freund, „nämlich aberwitzig, wenn es auch den Jakob aus Einer tatsächlich gäbe. Sozusagen den echten Einer."</div><div>Mein Freund schaute mich groß an und legte die Stirn in Falten, als hätte ich irgendetwas Entscheidendes verpasst.</div><div><br /></div><div>Dann sagte er: „Natürlich gibt es den echten Einer."</div><div><br /></div><div>Er erzählte mir dann die ganze Geschichte. Sie unterscheidet sich von der literarischen Geschichte nur in Details. Ein Detail ist freilich entscheidend: Die Geschichte hört nicht 1988 auf. Während der Jakob aus „Einer" seine Erlösung im offenen Ende der Erzählung von 1988 findet, hat sich der Einer aus Vent sein Leben am Rand der Ortsgemeinschaft eingerichtet. Er sieht aus, wie ihn Norbert Gstrein beschreibt, nur älter, und er hat auch seine Gewohnheiten nicht abgelegt. Er ist in Vent geblieben und hat sich, soviel ist bekannt, seine Welt, in der er denkt und zu Hause ist, ganz allein eingerichtet, manchmal schweigsam und mürrisch, manchmal zur Unterhaltung des ganzen Dorfes.</div><div>Das klingt ein bisschen depressiv, aber zu Unrecht. Denn Einers Welt, wie sie die anderen sehen, stimmt nicht unbedingt mit der Welt überein, die er tatsächlich bewohnt. Die Unschärfen fallen jedenfalls nicht zum Nachteil von Einer aus. Beim Vergleichen sind Vor- und Nachteile bekanntlich eine Frage der Perspektive.</div><div><br /></div><div>Als sich Einer in Marco's Treff an unseren Tisch setzt, stellt ihn mir mein Freund als den Helden des Norbert Gstrein-Buchs vor.</div><div><br /></div><div>Einer bekräftigt das. Aber er setzt die Betonungen anders. Einer sei sein Buch, und er habe Norbert Gstrein damit berühmt gemacht. Er lacht zufrieden. Sein Buch. Er war's. Lacht. Schiebt ein Stück Pizza nach und spült es mit Bier hinunter, dann möchte er noch etwas über Vent sagen, wohin er demnächst mit seinem Bus, dem Postbus, aufbrechen werde.</div><div><br /></div><div>Der Chef von Vent sei nämlich er. Schon klar, dass sie droben in Vent etwas anderes erzählen. Sollen sie erzählen. Erzählen kann jeder. Aber über wen wird erzählt? Über wen?</div><div>Das müssen wir endlich verstehen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Sonst gibt es nichts zu verstehen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Aber das müssen wir verstehen.</div>]]>
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    <title>Jack Zonfrillo und das Geheimnis der Känguru-Sauce</title>
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    <published>2017-07-12T09:06:15Z</published>
    <updated>2017-07-12T10:07:22Z</updated>

    <summary>Die unglaubliche Geschichte von Australiens aufregendstem Koch...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Die unglaubliche Geschichte von Australiens aufregendstem Koch
        <![CDATA[<div>„Willst du das Nest sehen?", fragt Jock Zonfrillo und winkt mich in die Küche.</div><div>Sicher. Ich navigiere durch das Restaurant mit seinen eleganten Tischen und Stühlen, die merkwürdige Narben haben. Die Beine der Möbel sind schwarz vom Feuer. Jock hat sie angezündet. Er wollte, dass sie so aussehen wie die Baumstämme im australischen Busch, die Spuren von Buschfeuern tragen.</div><div><br /></div><div>„Komm", ruft Jock laut. „Sie sind schon ganz wild!"</div><div><br /></div><div>Die Küche des Sternerestaurants ist winzig. Auf der Arbeitsfläche steht eine vierzig Zentimeter hohe Plastikbox, in der sich, weich eingepackt in Küchenpapier, ein Nest von grünen Ameisen befindet, die gerade nur einen Plan haben: aus der Box in die Küche auszuschwärmen.</div><div>Abgesehen von ihrer giftgrünen Farbe besitzen die Ameisen eine imposante Statur. Die größten von ihnen sind bestimmt einen Zentimeter groß. Und sie sind schnell.</div><div><br /></div><div>„Nimm dir zwei, drei", befiehlt Jock. „Drück sie tot. Rasch. Dann steck sie in den Mund."</div><div><br /></div><div>Ich töte drei Ameisen. Dann stecke ich sie in den Mund.</div><div>Ein Schock von Säure breitet sich auf meinem Gaumen aus, viel intensiver als Zitronensaft oder Essig. Dann bleibt der Geschmack stehen, tiefgründig, ein wenig scharf, aber auch elegant und...</div><div><br /></div><div>„Köstlich", sagt Jock und nickt.&nbsp;</div><div>Genaugenommen sagt er: „Fucking delicious."</div><div>Seine Köche fangen mit einiger Mühe die flüchtigen Ameisen ein und versorgen das Nest wieder in der Wunderkammer der gesammelten Vorräte.</div><div><br /></div><div>Der Schotte Jock Zonfrillo ist der wichtigste Koch Australiens. Sein Restaurant „Orana" ist das spirituelle Zentrum einer Bewegung, die das Erbe der Aborigines ernst nimmt und in nachvollziehbaren Geschmack übersetzt. Zonfrillo sorgt dafür, dass der kulinarisch-kulturelle Komplex Australiens vermessen, registriert und der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Im Restaurant setzt er dieses Wissen in erstaunliche Gerichte um, die bekannte und unbekannte Geschmäcker auf eine komplexe, verführerische Weise zusammenführen.</div><div><br /></div><div>Das erstaunlichste Gericht - abgesehen von den frischen Ameisen - war der Seeigel mit Markscheibe und Känguru-Shoyu. Es handelte sich um einen etwas größeren Holzlöffel, der hübsch auf einem Teller mit Kieselsteinen und schönen Muscheln und Schneckenhäusern drapiert wurde. Auf dem Grund des Löffels lag eine flache, orangefarbene Scheibe vom Seeigel, auf der ohne viele Umstände ein münzgroßes, angeschmolzenes Stück Rindermark drapiert wurde.</div><div><br /></div><div>Diese Kombination - der frische Seeigel war köstlich, und die fette Markscheibe verstärkte seinen Geschmack organisch - war allein schon interessant und ungewöhnlich. Aber die eigentliche Geschichte handelt von der farblosen, geschmeidigen Flüssigkeit, die den Löffel als dritte Komponente ergänzte. Allein diese Flüssigkeit erzählt eine ganze Menge darüber, wie Jock und seine Verbündeten in der „Orana"-Küche ihre Vision von australischem Essen in die Hand nehmen.</div><div><br /></div><div>Jocks Grundidee bestand darin, eine Fleischsauce zu Fischgerichten zu machen. Dafür nahm das Team übrig gebliebenes Kängurufleisch zur Seite - Jock verwendet sämtliche Teile vom Tier; das ist ein Grundsatz, den er von den Aborigines übernommen hat - und ließ es mit einer Reihe von Gewürzen in Gläsern fermentieren. Der dabei entstehende Schimmel schloss die Proteine der Kängurumuskulatur auf, das Fleisch verwandelte sich in - ganz genau kann das niemand sagen, auch Jock Zonfrillo nicht. Noch nicht: Wenn das Labor soweit ist, wird genau untersucht werden können, welche biochemischen Reaktionen für dieses Ergebnis verantwortlich waren.&nbsp;</div><div><br /></div><div>&nbsp;So steckte Jock in regelmäßigen Abständen seine Nase in die zahlreichen Gläser seiner Versuchsküche und zog sie entweder angewidert wieder zurück - oder er bekam den starken Eindruck, dass sich hier gerade etwas Interessantes ereignet.</div><div><br /></div><div>Im konkreten Fall der Känguru Shoyu - Shoyu bezeichnet wörtlich eine aus Sojabohnen, Wasser, Weizen und Meersalz hergestellte Sauce - führte das eine zum anderen. Während langen Wochen hatte Jock das vage Gefühl, Abfall produziert zu haben. Dann vergaß er die Gläser, und als er gewohnheitshalber das nächste Mal probierte, hatte sich in den Gläsern die geschmeidige, farblose Flüssigkeit abgesetzt, die intensiv, aber doch fein nach Fleisch schmeckte und den Seeigel und die Markscheibe geschmacklich in eine andere Umlaufbahn katapultiert.</div><div><br /></div><div>Zufall? Gewiss. Aber ein Zufall, den Jock Zonfrillo erzwungen hat. Er hat auch einiges andere erzwungen, zum Beispiel, dass sein „Orana" als eines der besten Restaurants Australiens gilt.</div><div>Dabei ist das kleine, elegante und vielfach ausgezeichnete Restaurant, das zum Abendessen 18 bis 20 Gänge serviert, gar nicht das Herzstück von Zonfrillos Leidenschaft. Es im Grunde nur der leistungsstarke Motor für die „Orana Foundation", die der Schotte mit dem italienischen Namen ins Leben gerufen hat, als er merkte, dass die kulinarische Kultur der australischen Ureinwohner, das Um und Auf ihrer Riten, Kulte und Traditionen, weder erfasst noch bearbeitet war und Gefahr lief, marginalisiert und vergessen zu werden.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Nun ist Zonfrillo - groß, schlank, cool, ziemlich bunt tätowiert und ausgesprochen schlagfertig - nicht gerade der Typ, der sich das kulturelle Erbe eines ganzen Erdteils auf die Schultern wuchtet - eigentlich. Er bildet kaum einen Satz, in dem das Wort „fuck" fehlt - „fucking", „fucker", „fuckers" inklusive, nicht zu vergessen doppelfuck und triplefuck.</div><div><br /></div><div>„Ich hatte mal eine Freundin aus besserem Haus", erzählt er. „Ihre Mutter war schockiert, als sie mich sprechen hörte. Sie fragte: Kennst du keine anderen Worte als dieses Four-Letter-Word? Ich so: Doch, Ma'm, ich kenne tausend Worte. Aber FUCK kann ich einfach am besten brauchen..."</div><div><br /></div><div>Fucking lustig, denke ich mir. Mit dem Mädchen blieb Jock übrigens nicht zusammen. Seine eigene Familiengeschichte war schwierig genug, so war der Klassenunterschied nicht zu überwinden.</div><div><br /></div><div>Jocks Großvater - „mein Nonno", sagt Jock in seinem schweren, basalthaltigen Schottenenglisch - emigrierte aus Neapel nach Glasgow, weil ihm die Mafia auf den Fersen war. Jocks Nonno hatte sich in den Grunddisziplinen des Mob - Geldeintreibung, Schutzgelderpressung, Handel mit verbotenen Substanzen - ein kleines Vermögen verdient, das er bar in zwei, drei Koffern dabei hatte, als er - von Neapel aus gesehen - an der Peripherie der zivilisierten Welt ankam, um ein neues Leben zu beginnen.</div><div><br /></div><div>Der Nonno hatte freilich die Rechnung ohne Scotland Yard gemacht. Als er in Glasgow ein angemessenes Stadthaus kaufen - und bar bezahlen - wollte, schlugen dessen Agenten zu. Sie hatten den Zustrom italienischer Ex-Mobster genau beobachtet und wussten, dass der Nono in der Zwickmühle saß: Die einstigen Verbündeten, die normalerweise mit ihm auf Rachefeldzug gegangen wären, waren ihm ja selbst auf den Fersen.</div><div><br /></div><div>Die Familie musste in eine winzige Einzimmerwohnung im dunkelsten Teil von Glasgow ziehen in. Der Nono kehrte zu seinen Spezialdisziplinen zurück und verdiente im kleinen Stil Schutzgeld. Seinen Sohn - Jocks Vater - ließ er lieber etwas Anständiges lernen: Coiffeur. In den Arkaden Glasgows schnitt der Papa älteren Herren die Haare. Auf der anderen Seite der Arkaden lernte er eine hübsche Coiffeuse kennen, die dort im Damensalon ihrem Handwerk nachging: Jocks Mama.</div><div><br /></div><div>Bei seinem Nonno lernte Jock, wie eine Focaccia duftet, wie eine Tomatensauce zu schmecken hat und dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss, wenn man zu etwas kommen möchte.</div><div><br /></div><div>Als Zwölfjähriger arbeitete Jock bereits als Abwäscher in einer Küche, um sich ein Fahrrad kaufen zu können. Da war es nicht weit zu einer Lehre als Koch. Als er sechzehn war, verließ er Glasgow und ging nach Chester in die englische Provinz, um im „Arkle", einem mit einem Michelinstern ausgezeichneten Restaurant, als Commis zu arbeiten. Er interessierte sich zu dieser Zeit fürs Kochen etwa genauso intensiv wie für harte Drogen.</div><div><br /></div><div>Nach ein paar Monaten schmiss ihn der Küchenchef raus. Das Heroin wirkte sich ziemlich ungünstig auf Jocks Arbeitsleistung aus. Der Küchenchef rief Jock zum Abschied nach, er werde persönlich dafür sorgen, dass er nie wieder eine Stelle in einem Sternerestaurant bekomme.</div><div>Was Jock jetzt tat, erzählt eine Menge über seine Mentalität. Nicht zufällig hatte er sich einen Totenkopf auf den Arm tätowieren lassen und den Spruch: „Why join the navy/when you can be a pirate".</div><div><br /></div><div>Jock entschied sich dafür, entweder beim besten Koch des Landes anzuheuern oder sich einen neuen Beruf zu suchen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Der beste Koch Englands war in den frühen neunziger Jahre Marco Pierre White. Marco war nicht nur der erste Brite, der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde, der höchsten Währung der Gastrobranche, sondern ein Rockstar unter den Köchen, langhaarig, wild, schön und berühmt. Er war der Pirat in den Gewässern der Spitzengastronomie. Sein Kochbuch „White Heat" atmete den Geist von Sex, Drama und dem großen Versprechen perfekten Geschmacks.</div><div>Jock fuhr mit dem Nachtzug nach London, versteckte sich in den Bordklos vor dem Billeteur, denn er hatte kein Geld für die Fahrkarte. Unausgeschlafen und erschöpft klopfte er morgens am Personaleingang des „Restaurant Marco Pierre White" im eleganten Knightsbridge.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Ein Berg von einem Mann öffnete: Marco Pierre White persönlich.</div><div>„Was willst du?"</div><div>Jock stotterte, obwohl er noch nie gestottert hatte.</div><div>„Einen J-j-job..."</div><div>„Wo hast du schon gearbeitet?"</div><div>Jock überlegte einen Augenblick, ob er lügen oder die Wahrheit sagen sollte. Er entschied sich für die Wahrheit.</div><div>„Im ,Arkles'. Ich wurde gef-f-feuert."</div><div><br /></div><div>Marco Pierre White bat den Jungen hinein. Dann ging er zum Telefon, rief im „Arkles" an und erkundigte sich nach Jock. Jock hörte seinen Ex-Küchenchef am anderen Ende des Drahtes aus der Haut fahren. Im Stakkato gab er Auskunft darüber, dass Jock seine Station nicht unter Kontrolle gehabt habe, immer zu spät dran war, und überhaupt: ein widerlicher Typ, ein Junkie, ein Arschloch.</div><div><br /></div><div>Marco Pierre White hängte seufzend ab. Er sah Jock in die Augen und fragte: „Glaubst du eigentlich, dass deine Mutter stolz auf dich ist?"</div><div><br /></div><div>Obwohl Jock die Insignien des harten Kerls auf den Arm tätowiert hatte, brach er augenblicklich in Tränen aus. Die Mama. Er schüttelte schluchzend den Kopf.</div><div><br /></div><div>Marco fixierte ihn lang, dann sagte er: „Ich gebe dir einen Probetag. Dann sehen wir, ob du kochen kannst. Ich hoffe, du hast deine Messer dabei."</div><div><br /></div><div>Jock hatte die Messer dabei. Er bestand den Probetag und wurde aufgenommen. Die ersten drei Monate schlief er in der Garderobe des Restaurants, weil er sich im teuren London kein Zimmer leisten konnte. Als er dabei erwischt wurde, organisierte ihm Marco ein Bett in einer Jugendherberge. Jock bewährte sich und kriegte die Heroinsucht soweit unter Kontrolle, dass er Marco Pierre White nicht enttäuschte. Er blieb zwei Jahre, dann reiste er zum ersten Mal nach Australien, um ein bisschen surfen zu gehen und das Drogenproblem endlich in den Griff zu kriegen.</div><div><br /></div><div>Australien war ein merkwürdiges Land. Sydney war eine merkwürdige Stadt. Durch manche Straßen hüpften Kängurus. Als Jock im „Restaurant 41" einen Job bekam, war er von all den Flaschen und Dosen mit japanischen und chinesischen Schriftzeichen überfordert. Was sollte der Scheiß? Sein Dreisternwissen, auf das er sich einiges eingebildet hatte, war plötzlich gar nichts mehr wert.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Im „41" wurde eine Art Fusion-Küche gekocht. Die asiatischen Einflüsse, die Dashis, Shoyus und Reduktionen faszinierten Jock. Trotzdem ging er nach einem Jahr zurück nach England, heuerte wieder bei Marco Pierre White an und eröffnete für ihn ein Restaurant an der Küste Cornwalls.</div><div>Dort arbeitete Jock zum ersten Mal eng mit Produzenten und Farmern zusammen. Das stand in einem seltsamen Kontrast zu den Gepflogenheiten, wie er bisher gearbeitet hatte. Hier tummelten sich lebendige Tiere auf der Weide. Dort wurden stoßsicher verpackt Hühner aus der Bresse und Lammrücken aus Neuseeland angeliefert. Plötzlich sah Jock völlig neue Zusammenhänge, und als er im Jahr 2000 ein zweites Mal nach Australien reiste, diesmal als Küchenchef des „41", begann er sich abseits des Küchenbetriebs ein paar elementare Fragen zu stellen.</div><div><br /></div><div>Was ist eigentlich australische Küche? Warum spricht niemand darüber? Was sind australische Produkte? Welche Tiere sind hier heimisch? Seit wann?&nbsp;</div><div><br /></div><div>Und: Warum habe ich eigentlich noch nirgends australische Ureinwohner gesehen? Die Typen leben hier seit 60.000 Jahren, die müssen mir doch etwas zu sagen haben.</div><div>Jock lernte, dass die australischen Aborigines kein einheitliches Volk waren, sondern aus Stämmen und Clans bestanden, unterschiedlichste Sprachen sprachen und vielfältige Traditionen besaßen. In seinem Geschichtsbuch unterstrich er mit rotem Stift die Information, dass vor der Ankunft der Briten im Jahr 1788 bis zu 700 Stämme von Ureinwohnern auf dem Kontinent gelebt hatten, die auf archaische Weise Jäger und Sammler gewesen waren.</div><div>Allein diese Information elektrisierte Jock: Was hatten die Ureinwohner Australiens gejagt?Was gesammelt? Und wie hatten sie ihre Beute zubereitet? Wie aufbewahrt? Wie haltbar gemacht? Zu welchem Anlass aßen sie welche Speisen? Es musste ja eine uralte kulinarische Kultur in Australien geben, daran war nicht zu rütteln.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Er begann, seine australischen Kollegen im Restaurant auszufragen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Die Antworten ernüchterten Jock. Nicht nur, dass die Kollegen nichts wussten. Kaum einer teilte sein flackerndes Interesse für „Bush Tucker", wie das Essen der Ureinwohner seit den achtziger Jahren etwas abschätzig genannt wird. Man verstand darunter sowas wie „Superfood" aus dem australischen Busch, exotische Früchte, Beeren, Kerne, mit denen man die guten, alten angelsächsischen Steaks und Pies verzierte und folkloristisch aufpeppte, basta. Nichts, was den Namen „Kultur" verdiente.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Mehr noch, Jock spürte einen trägen Widerstand gegen das Thema, den er sich nicht erklären konnte - und nicht erklären wollte. Jock stand vor einer kulturellen Hürde, die er auf dem Grunde seines Herzens klar als rassistisch erkannte. Gleichzeitig war ihm klar, dass das Akzeptieren dieser Hürde nicht minder rassistisch wäre, auch wenn es sich dabei zweifellos um eine diffuse Mehrheitsposition handelte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Eines Tages ging Jock zum „Rocks Market" am Fuß der Hafenbrücke von Sydney, buntes Treiben, Weltklasse-Panorama, Touristenspektakel. Er drückte sich durch die Massen, bis er das schäbige Wuh-Wuh eines Didgeridoos hörte und einen alten Aborigine sah, der es sich im Schatten der Markstände bequem gemacht hatte und musizierte. Der Typ sah abgewrackt aus. Mit seiner Musik verdiente er sich ein paar Dollar für das Nötigste.</div><div><br /></div><div>Jock sprach den Mann an.</div><div><br /></div><div>Der hielt ihm die Hand hin und sagte: „Ich bin Jimmy."</div><div>Jimmy lebte auf der Straße, und Jimmy war der Weise, der Jock Zonfrillo endgültig das Tor zur kulinarischen Kultur der australischen Ureinwohner aufstieß.</div><div><br /></div><div>Sofort sprachen die beiden über Essen. Jimmy holte weit aus. Seine Sprache veränderte sich. Er sprach mit singender Poesie über Pflanzen, über Vögel, über Bäume, über Land. Er hörte nicht mehr auf zu sprechen. Sprach über das Meer, über die Jahreszeiten, in denen die Fischschwärme auf Wanderschaft gehen und wann sie am besten zu fangen sind. Er sprach über die Temperatur des Wassers und dessen Einfluss auf die Größe der Fische. Er sprach über den Wind, wann er aus welcher Himmelsrichtung kommt und was das bedeutet.</div><div><br /></div><div>Das erste, was Jock durch den Kopf ging, war: Fuck. So eine Unterhaltung auf diesem Niveau konnte er mit keinem seiner Köche führen. Das zweite war, dass er mit seinen Mutmaßungen über das Vorhandensein einer tiefwurzelnden Foodtradition Australiens nicht daneben gelegen hatte, im Gegenteil: Alles schien noch interessanter zu sein.</div><div><br /></div><div>Jimmy sprach weiter. Er erzählte, wie der Stachelrochen schmeckt, wenn die Küste blüht; dass der von Fettadern durchzogene Bauch des Rochens das beste, das kostbarste Stück sei. Man müsse es ganz langsam und schonend schmoren, in großen Pflanzenblättern auf kleinstem Kohlefeuer.</div><div><br /></div><div>Fuck, sagte Jock.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Fuckfuckfuck.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Diese Typen haben schon 50.000 Jahre, bevor wir hierhergekommen sind, erstklassig gegessen, und zwar ohne dass sie einen Guide Michelin zur Hand gehabt hätten oder ein Jamie Oliver-Kochbuch.</div><div><br /></div><div>Das Gespräch mit Jimmy dauerte vier Stunden. Aufgeladen wie ein Tesla-Akku lief Jock Zonfrillo zurück ins Restaurant und trommelte seine Köche zusammen: Hört mal zu, Boys, wir müssen uns um die Küche der Aborigines kümmern. Da ist etwas fucking Großes verborgen. Wir können einen Schatz heben. Seid Ihr dabei?</div><div><br /></div><div>„Weisst du, was das Schlimmste war?", fragt mich Jock, als ich mit ihm und zwei Freunden bei einem Japaner in Adelaide zu Mittag esse.</div><div>Ich schüttle den Kopf.</div><div>„Keiner wollte das wissen!"</div><div>Jock macht eine wirkungsvolle Pause.</div><div>„Keine. Sau. Wollte. Das. Wissen."</div><div><br /></div><div>Deprimiert kündigte Jock seine Stelle. Er hörte auf zu kochen und zog stattdessen ein Importbusiness für japanische und deutsche Messer hoch, wurde Generalvertreter für „Thermomix", ein neumodisches Küchengerät, und kümmerte sich um Ausstattungen für Cafés und &nbsp;Pubs.</div><div><br /></div><div>Das fand er zwar nicht besonders interessant. Dafür hatte er jetzt Zeit zu recherchieren. Jock wusste, dass bereits drei Viertel der rund 460.000 Aborigines in die Städte gezogen waren und ihre traditionelle Lebensweise aufgegeben hatten. Wenn er den Dingen auf den Grund gehen wollte, musste er sich sputen.</div><div><br /></div><div>Sein erstes Ziel waren die APY-Lands, das Anangu Pitjantjatjara Yankunytjatjara-Land im Süden Australiens, wo etwa 2500 Aborigines in einer selbstverwalteten Region leben. Er setzte sich in Sydney ins Auto und fuhr 2600 Kilometer durch rotes, staubiges Land.</div><div><br /></div><div>Die Reise dauerte mehr als zwei Tage. Du kannst hier Stunden, Tage auf schnurgeraden Straßen durch die Wüste rasen, ohne auch nur das Lenkrad bewegen zu müssen.</div><div>Erschöpft kam Jock in der Community an. Zuerst suchte er nach Menschen, die englisch sprachen, damit sie ihm als Übersetzer zur Seite stehen konnten.</div><div>Dann ließ er sich beim Ältesten der Gemeinde vorstellen.</div><div>„Ich heiße Jock Zonfrillo. Ich möchte von Euch lernen."</div><div>Der Älteste sagte nur einen Satz:&nbsp;</div><div>„Du bist hier nicht willkommen."</div><div>Jock starrte ihn ungläubig an und wiederholte, warum er gekommen war.</div><div>Ich bin dein fucking Freund.</div><div>Der Älteste stand auf und ging.</div><div>Jock blieb nichts anderes übrig, als nach Sydney zurückzufahren.</div><div>Er war frustriert. Routinemäßig kümmerte er sich um seine Messer und Thermomix-Aufträge. Aber dann erinnerte er sich daran, was er in Glasgow auf der Straße gelernt hatte: Du darfst nicht nur einmal fragen. Du musst solange fragen, bis du die Antwort bekommst, die du hören möchtest.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Wenige Wochen später brach er wieder in die APY-Lands auf, 2600 Kilometer mit dem Jeep, nur um das nächste Mal zu hören, dass er „nicht willkommen" war.</div><div><br /></div><div>Zonfrillo sagt gern über sich selbst, dass er eher die schwierigen Wege geht. Bis er aber in den APY-Lands zum ersten Mal eingeladen wurde, sitzenzubleiben und zu sagen, warum er eigentlich wirklich hier sei, musste er die staubige Reise von Sydney noch sechsmal auf sich nehmen. Dann hatte der Älteste den Eindruck gewonnen, dass der Typ mit der feuchten Frisur und dem bunten Arm zwar lästig, aber auch hartnäckig sei.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Das Gespräch dauerte wieder nicht lang. Wieder erfuhr Jock nichts Konkretes. Aber er erhielt eine Art philosophische Präambel für die künftige Zusammenarbeit.</div><div><br /></div><div>„Merk dir eines, Mann", sagte der Älteste. „Du musst mehr zurückgeben, als du dir nimmst."</div><div>„Der Typ hat so tief in mich hineingeschaut, dass ich geglaubt habe, ich löse mich gleich in meine Bestandteile auf", sagt Jock und wiederholt ehrfürchtig den Satz: „Mehr zurückgeben, als du dir nimmst."</div><div><br /></div><div>Wieder macht er seine dramaturgische Pause und unterstreicht sie mit einem feinen Lächeln, dem jeder doppelte Boden fehlt.</div><div>„Das ist mein Mantra geworden. Daran denke ich seit damals jeden Tag."</div><div>Pause.</div><div>„Jeden. Fucking. Tag."</div><div><br /></div><div>Ich wanderte mit Jock Zonfrillo durch die Adelaide Hills, wo sonst seine Köche unterwegs sind, um nachzusehen, „womit Mother Nature nach uns wirft" und es für „Orana" einzusammeln. Er borgte mir seine Gummistiefel, damit mir keine Viecher in die Sneakers kriechen. Er unterwies mich in der Bestimmung verschiedener Eukalyptusbäume und zeigte mir in der Krone einer speziellen Art meinen ersten Koala, der sozusagen mitten in seinem Essen ein Schläfchen machte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Jock pflückte Macadamianüsse von einem wilden Baum, öffnete die steinharte Schale mit einem Stein und gab mir den frischen, blütenweißen Kern zu kosten, der meinen Gaumen sofort mit einem hauchzarten Pelz überzog. „Wie eine junge Kokosnuss", schwärmte Jock, „findest du nicht?"</div><div><br /></div><div>In seinem Wohnhaus, einem ausladenden, einstöckigen Gebäude mit Flachdach in den Hills, nahm er seine riesige Berkel in Betrieb und schnitt einen Speck hauchdünn auf, den ihm gerade ein Bauer vorbeigebracht hatte. Der Speck schmolz fast auf der Zunge.</div><div><br /></div><div>„Stell dir das mit grünen Ameisen vor", sagte Jock und lachte los. „Keine Angst, nur ein Scherz."</div><div>An der Küchentier, die direkt in den Garten führt, machte sich Jocks ungarischer Viszla, ein kupferbraunes Prachtstück von Vorstehhund, zu schaffen. Er wollte ins Haus. Im Maul trug er eine enorme Ratte, die möglicherweise noch nicht ganz tot war.</div><div><br /></div><div>„Guter Junge", sagte Jock, schloss aber unauffällig die Tür, damit seine Frau, eine bildschöne Werberin und TV-Moderatorin, das Präsent nicht sehen musste, das der Viszla in die Küche bringen wollte.</div><div><br /></div><div>Später fuhren wir mit Jocks Porsche-Geländewagen über die Straßen der Hills, von Summertown nach Uraidla und Basket Range. Hie und da blieb Jock stehen, um aus einem Obstgarten einen Apfel zu klauen oder ein paar Nüsse einzusammeln.</div><div>Er stellte mich einer Reihe von Winzern vor, die „Gentle Folks" oder „The Other Right" heißen und hier auf eine Weise Wein produzieren, dass jeden europäischen Weinmacher der Schlag treffen würde. Die Weine sind weder von Gesetzen noch von Erwartungen eingeschränkt, sondern Ausdruck einer rauschhaften geistigen Freiheit.</div><div><br /></div><div>Jock ist der Botschafter dieser Freiheit, und er ist ein Katalysator dafür, dass sie auf andere überspringt und Entwicklungen den Weg bahnen kann. Seit er begonnen hat, die Küche Australiens zu vermessen und auf respektvolle, innovative Weise einem großen Publikum zugänglich zu machen, ist er in die Rolle des kulinarischen Außenministers geschlüpft, inklusive eigener Fernsehshows, unzähliger Pressetermine, Inhaber von zwei Restaurants und dem Ehrenamt, eine Leistungsshow der australischen Küche namens „Tasting Australia" zu kuratieren.</div><div><br /></div><div>Dazwischen lagen nur ein paar zehntausend Kilometer Staubstraße. Jock besuchte Communitys im ganzen Land und lernte Menschen wie Patricia Marrfurra McTaggart kennen, die ihm zum Beispiel beibrachte, wie man Mangrovenkerne erntet und verwertet.</div><div><br /></div><div>Patricia Marrfurra lebt im Northern Territory, jener Gegend Australiens, wo die englischen Siedler zuletzt ankamen und die meisten Ureinwohner, die sich noch nicht an die moderne Lebensweise angepasst haben, zu Hause sind.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Zuerst zeigte sie Jock, wo die Einheimischen seit Jahrhunderten den Busch abbrennen, um ihn neu zum Blühen zu bringen. Sie ließ ihn Sprossen und Blüten kosten, die direkt aus der Asche wachsen, und, wie Jock sagt, „fucking amazing" schmecken. Sie brachte ihm bei, auf Bewegungen in der Asche zu achten, es könnten „Death Adders" sein, gefährliche Giftschlangen, die diese Verhältnisse lieben. Sie lehrte ihn, den Ruf des weißen Kakadu richtig zu interpretieren, der vor sich anschleichenden Krokodilen warnt.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Sie zeigte ihm wilde Pastinaken, Sandelholznüsse, Fingerlimes, Bergpfeffer, verschiedene Lilly-Pilly-Beeren und die Strandsode: „Australische Ureinwohner. Wie ich."</div><div><br /></div><div>Oder die Buschkarotte, vigna lanceolata, die man sehr vorsichtig aus der Erde graben muss. Jock beschreibt ihren Geschmack als „eine Mischung von Kartoffel und roher Kastanie". Fragt sich nur, wie man die Buschkarotte richtig zubereitet, um sie im „Orana" als eigenes Gericht servieren zu können. Ihr Inneres ist fasrig und zäh. Es wird von einem süßlichen, saftigen Fruchtfleisch umschlossen, das wiederum in einer groben Hau steckt. Die „Orana"-Köche werden untersuchen, ob man die Buschkarotte dämpft, brät, bäckt, zu Mehl zerreibt oder zermust, oder ob man sie röstet, schabt und mit Wasser aufkocht, wie zum Beispiel Kaffee.</div><div>Die Wurzeln der Wasserlilie, die auf der Oberfläche stehender Gewässer treiben und roh wie Kartoffeln schmecken, werden im Restaurant zum Beispiel gemahlen und einer schwarzen Pfefferpaste beigemengt, die als Beilage zur gegrillten, blauen Schwimmkrabbe dient. Die winzigen Perlen der Fingerlime mischt Jock roh mit blauem Kaviar. Oder die Samen der Mangroven: Sie schmecken am besten, wenn man sie in Salzwasser fermentiert und anschließend zu einem Püree verarbeitet, zu dem die „Orana"-Küche am liebsten gekochtes Salzwasserkrokodil serviert, das mit schwarzen Ameisen gewürzt wird. Deren Säure ist etwas weniger intensiv ist als die der grünen Artgenossen.</div><div><br /></div><div>Im Jahr 2013 machte Jock Zonfrillo die australische Küche endlich zu seinem Hauptberuf. Er gründete die „Orana-Foundation" und das gleichnamige Restaurant. „Orana" heisst in der Sprache der Ureinwohner „Willkommen".&nbsp;</div><div><br /></div><div>Seither hat die Stiftung mehr als tausend Ingredienzien der australischen Küche erfasst, benannt und ihre Verwendungsmöglichkeiten katalogisiert. Sie konserviert Wissen, über das nur noch ein paar tausend Aborigines verfügen und das im Begriff ist, für immer verloren zu gehen.</div><div>Die Stiftung steht in engem Austausch mit der Universität Adelaide, dem Botanischen Garten Adelaide und dem „Museum of South Australia". Insgesamt 15 Forscher arbeiten regelmäßig daran, Herkunft, Vorkommen und Saisons von essbaren australischen Pflanzen und Tieren festzuhalten, jede Form von Kontext zu notieren und der Allgemeinheit zugänglich zu machen.&nbsp;</div><div>Die Kosten dafür trug Jock bisher aus seiner privaten Kasse. Er nahm die Aufforderung, mehr zurückzugeben als herauszunehmen, auf religiöse Weise ernst. Es spielte ihm in die Karten, dass „Orana" von Anfang an auf große Aufmerksamkeit stieß und dass er selbst vom „Discovery Channel" für das TV-Format „Nomad Chef" engagiert wurde.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Als „Nomad Chef" wiederholte Jock vor der Kamera, was er in den australischen Outbacks unzählige Male ausprobiert und erlebt hatte. Für 18 Episoden reiste er in die abgelegensten Territorien Australiens und Afrikas, um mit Ureinwohnern zu kochen. Die Show wurde in 220 Ländern der Welt ausgestrahlt. Sie machte Jock berühmt und spülte eine Menge Geld in die Kassen - „das ich echt gut brauchen konnte, um die Scheißrechnungen zu bezahlen". Die 50Best-Liste der weltbesten Restaurant richtete ihre Scheinwerfer auf „Orana", das Restaurant erhielt eine Auszeichnung nach der anderen. Die wichtigste Anerkennung erfolgte allerdings erst kürzlich: Im Mai erhielt Jock Zonfrillo die Zusage des australischen Umweltministeriums, die „Orana"-Stiftung mit 1,5 Millionen australischer Dollar auszustatten. Das heißt, das die Arbeit in der näheren Zukunft etwas einfacher wird.</div><div><br /></div><div>Längst hat „Orana" ein ganzes Netzwerk über den Kontinent verteilter Mikroökonomien geschaffen. Wo immer Jock auf seinen Reisen in die Communitys auf interessante Produkte stieß, versuchte er, eine Art Versorgungskette für sein Restaurant zu begründen. Wenn er zum Beispiel die köstlichen, süßherben Kakadupflaumen kostete, fragte er bei seinen Konfidenten nach: Wann sind sie reif? Wieviele davon kann ich haben? Was sollen sie kosten? Ich biete das Doppelte.</div><div><br /></div><div>Im ganzen Land werden Menschen von „Orana" dafür bezahlt, dass sie ein Auge auf Beeren, Knollen, Kräuter, Früchte haben, um im richtigen Moment in Adelaide anzurufen und Jock mitzuteilen, dass zum Beispiel die Kakadupflaumen von 25 großen Bäumen reif sind: Wann holst du sie ab, Mann?</div><div><br /></div><div>Das sind Momente, in denen Jock programmgemäß aus der Haut fährt. Wäre diese Information ein paar Tage früher bei ihm angekommen, hätte er den Transport in Ruhe organisieren können. Aber so muss er noch am selben Abend ins Flugzeug steigen und nach Darwin aufbrechen, um vor Ort dafür zu sorgen, dass die Scheisspflaumen in gutem Zustand auf den Weg gebracht werden. Und sein Team in der Küche muss sich schleunigst überlegen, was es mit anderthalb Tonnen Kakadupflaumen anfängt, wenn sie nächste Woche in Adelaide ankommen, reif, duftend und schwer.</div><div><br /></div><div>„Was für herrliche Probleme", sagt Jock.</div><div><br /></div><div>An einem späten Herbsttag im Mai saßen wir auf der Terrasse der Ochota Barrels, dem vielleicht einflussreichsten Weingut der Adelaide Hills. Taras Ochota, der Inhaber, hatte lang in Punkbands Bass gespielt, bevor er auf Wein umsattelte. Gerade bedampfte er die Fässer in seinem Kellergebäude mit lauter Musik von Joy Division.</div><div><br /></div><div>Jock stand am Grill. Er hatte eine geschmorte Lammschulter mitgebracht, die jetzt auf Betriebstemperatur gebracht werden musste. In der Hand hielt er ein Glas, das Taras mit Weißwein gefüllt hatte.&nbsp;</div><div><br /></div><div>„Mhmm", sagte Jock, drehte sich zu mir um und ließ mich kosten.</div><div>Der Wein war frisch und von eigenwilliger, herausfordernder Aromatik.</div><div><br /></div><div>„Chardonnay?", fragte ich unschuldig.</div><div>„Kann schon sein", sagte Jock, und ich sah, wie ihm gegenüber Taras listig zu grinsen begann.&nbsp;</div><div><br /></div><div>„Wie jetzt?", fragte ich.</div><div><br /></div><div>Dann gab Jock die Antwort, in der alles enthalten war: der Staub der Landstraßen; der Rauch der Buschfeuer; die Geheimnisse der Ältesten; die rauschhafte Freiheit derer, die sich um ihre Hinterlassenschaft kümmern.</div><div><br /></div><div>„Australien", sagte Jock und machte eine Pause, die Taras mit seinem eckigen, zustimmenden Lachen füllte.</div><div><br /></div><div>„Fucking Australien."</div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div>]]>
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    <title>Knödelparadies</title>
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    <published>2017-05-09T14:30:53Z</published>
    <updated>2017-05-09T14:39:13Z</updated>

    <summary>Eine Reise durch Südtirol. Am Steuer: Roland Trettl. Das Navigationssystem ist auf VIEL ESSEN eingestellt....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Eine Reise durch Südtirol. Am Steuer: Roland Trettl. Das Navigationssystem ist auf VIEL ESSEN eingestellt.</div> ]]>
        <![CDATA[<div>„Diese Knödel....", sagt Trettl, während wir Bozen ansteuern. Dann vergisst er leider weiterzusprechen und starrt versonnen ins Leere.</div><div>„Was ist mit den Knödeln?", frage ich nach einer angemessenen Pause.&nbsp;</div><div>Trettl zuckt zusammen. Ich habe ich ihn offenbar aus sehr privaten Gedanken geholt.</div><div>Er strafft die Schultern und hält aus dem Stegreif eine Sonntagspredigt.</div><div>„Diese Knödel im Patscheider Hof", sagt er, „sind so gut, dass der Teufel seine Streichhölzer abgeben würde, damit er welche bekommt."</div><div>„Und der Herrgott?", frage ich gewitzt.</div><div>„Der hat sie persönlich gekocht."</div><div><br /></div><div>Die Latte liegt also ziemlich hoch, als wir nach zahlreichen Spitzkehren endlich auf dem Ritten angekommen sind, dieser breitschultrigen Hochebene oberhalb von Bozen. Hier ist Trettl aufgewachsen, wäre gern Eishockeyprofi geworden, ließ sich aber von Eckart Witzigmann überzeugen, dass auch das Kochen eine Herausforderung sein kann, und machte Karriere. In der Aubergine, im Cas Puers, im Hangar-7. Zuletzt im Fernsehen.</div><div><br /></div><div>Auf dem Ritten liegt auch der Patscheider Hof, und zwar in ziemlich privilegierter Lage. Von seiner Terrasse ist Südtirol noch einmal eine Dimension eindrucksvoller als von der Autobahn aus gesehen. Wo immer man hinschaut, möchte man sein: in den Obstgärten, den Weinbergen, den Burgen, auf den Gipfeln.</div><div><br /></div><div>Trettl genügt ein Tisch mit Aussicht auf einen großen Teller Knödel.</div><div>Auf einem überdimensionalen Teller liegen Knödel in drei unterschiedlichen Farben, tiefgrün vom Spinat, blutrot von der Roten Bete und vom gelben Weiss eines jungen Käselaibs.</div><div>„Das sind sie also", sage ich überflüssigerweise, aber Trettl hört mich nicht. Er isst schon, tief über den Tisch gebeugt.</div><div><br /></div><div>Zu den Knödeln des Patscheider Hofs ist folgendes zu sagen (ich zitiere aus der hastig in mein Notizbuch gekritzelten Zusammenfassung des Essens, das nach den Knödeln noch grandiose Schlutzkrapfen, Rippchen und eine monumentale Schlachtplatte umfasste, Kaffee und Cremeschnitte sowieso): „Knödel: Besser als jeder andere Knödel, den ich jemals aß. Inklusive die von meiner Oma. Flaumig, intensiver Geschmack, vor allem aber eine Eleganz, die es sonst nur im abgefahrensten Fine-Dining gibt. Leider wahr: Trettl hatte recht!"</div><div><br /></div><div>Es ist ein Spaß, mit Trettl durch Südtirol zu reisen. Trettl mag Südtirol, und Südtirol mag Trettl. Wenn wir durch die Innenstadt von Bozen spazieren und im wundervoll getäfelten Traditionswirtshaus „Vögele" einen Espresso trinken, wird Trettl gleich einmal den neuen Tratsch los und hört umgekehrt, dass man ihn gerade im Fernsehen gesehen hat und dass „du es dem Mälzer aber ordentlich hineingesagt hast, du Sauhund" (nicht erschrecken, das ist ein verbales Schulterklopfen).</div><div><br /></div><div>Wenn wir in Brixen in der Konditorei Pupp einen Cappuccino schlürfen und dazu ein grandioses Croissant verzehren, hockt sich augenblicklich zuerst die Hausherrin an den Tisch und dann ein weit über Südtirol hinaus bekannter Komiker, während Trettl versucht, sich auf sein Croissant zu konzentrieren. Allerdings will es ihm nicht so recht gelingen, gleichzeitig aufmerksam zuzuhören und aufmerksam zu essen, und wenn sich Trettl für eines von beiden entscheiden muss, dann leidet notfalls die Qualität seiner Rhetorik.</div><div><br /></div><div>Dann macht er sich wieder frei von all den Bekanntschaften und zeigt, was er an den schweren, trutzigen Innenstädten von Brixen und Bozen mag, die von der Sonne des Südens komplementär ausgeleuchtet werden.</div><div><br /></div><div>Zum Beispiel nehmen wir im „Carretai" ein paar Cicchetti, Mortadella mit Gurke, Salami, Kroketten, und trinken einen moussierenden Weisswein. Die Brötchen kosten einen Euro, man nimmt sie im Stehen oder an groben Holztischen zu sich, und es fühlt sich an, als wäre man durch die Schleuse einer Raum-Zeit-Maschine ins Venedig der sechziger Jahre gebeamt worden.</div><div><br /></div><div>Aber das ist ja eine der großen Qualitäten Südtirols. Die alpinen Selbstverständlichkeiten des Gebirgslands - viel Sonne, Wein und eine bewegte Geschichte - verbinden sich organisch mit mit der importierten Italianità. Als wir zum Beispiel über den Bozener Obstmarkt marschieren, liegt dort eine so prächtige Auswahl an Saisongemüse vor den Ständen, dass Trettl sich zurückhalten muss, mit beiden Händen einzukaufen, schließlich haben wir noch einiges vor. Denn ins Konzert bleibender Größen von Südtirols kulinarischer Gegenwart - Norbert Niederkofler im Rosa Alpina in San Cassiano, die Baumgartner Brüder im Schöneck in Falzes, Gerhard Wieser in der Trenkerstube in Dorf Tirol, um nur die bekanntesten zu nennen - mischen sich neue Stimmen, die gehört werden wollen.</div><div><br /></div><div>In Tscherms hat sich nämlich Küchenchef Othmar Raich in der „Miil" einquartiert, einer ehemaligen Mühle, die mit sorgfältiger Hand renoviert und funktionsfähig gemacht wurde. Gleich beim Eingang empfängt die Bar, an der man einen leichten Sauvignon genauso nehmen kann wie das ganze Menü, wenn in den hinteren Räumen alles besetzt ist.</div><div><br /></div><div>Hier gibt es Gerichte zu essen, die ziemlich prototypisch für die Fusion regionaler und südlicher Einflüsse stehen: Kuhfrischkäse von nebenan in einem hausgemachten Cannelono, Kalbstartar mit leicht getoastetem Tramezzinibrot und einer feinen Pilzcreme, ein rosa gebratener Kalbsrücken in einem deftigen Chorizofonds, ein gebackenes Kalbsbries mit Artischockencreme: dazu eine interessante Auswahl durchgesetzter und neu auf der kulinarischen Landkarte aufgepoppter Weine.</div><div><br /></div><div>Auf dem Ritten hat im „Restaurant 1908" im Parkhotel Holzner - übrigens Roland Trettls Lehrbetrieb, wie er nicht müde wird zu betonen - jüngst ein neuer Küchenchef das Kommando übernommen. Stephan Zippl, selbst Rittner, führt fort, was Markus Schenk begonnen hat: eine puristische Hochküche unter Verwendung von Produkten aus der unmittelbaren Nähe, ist doch der Ritten bekannt für sein Vieh, sein Gemüse, sein Obst, seine Kräuter.</div><div><br /></div><div>Das kann ein berückendes Tartar von der Forelle sein, ein abgeflämmter Zander oder auch die langsam gegarte Brust vom Wagyu-Beef, und dochdoch, dieses Beef ist auch ein regionales Erzeugnis.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Denn nicht nur die Köche kommen von ihren Streifzügen durch die Welt mit neuen Ideen zurück nach Südtirol, auch verschiedene Produzenten haben so ihre Ideen.</div><div><br /></div><div>Spektakulär ist das Projekt des jungen Stefan Rottensteiner. Der 25jährige, dessen Familie seit Generationen den Oberweidacherhof auf dem Ritten betreibt, suchte nach Impulsen für den „normalen Milchviehbetrieb", wie er den wuchtigen, ausladenden Bauernhof nennt, und stieß auf das sagenumwobene Wagyu-Rind. Als er nach den langen Elogen auf das besondere Fleisch der Rasse zur Information durchdrang, dass auch in Holland und Deutschland Wagyu-Rinder gezüchtet werden, sah er sich diese Betriebe an und traf die Entscheidung, es selbst zu versuchen.</div><div><br /></div><div>Er kaufte Tiere und Embryonen und begann mit dem Aufbau seiner Herde. „Wir wollen uns", sagt Rottensteiner, „nicht mit den Japanern vergleichen, sondern etwas Traditionelles auf moderne Weise mit Leben erfüllen."</div><div><br /></div><div>Als die kleinen, zotteligen Wagyu-Rinder ankamen, gab es bei Nachbarn und Kiebitzen noch Getuschel und Kopfschütteln. Inzwischen ist das Projekt angenommen, und die gehobene Gastronomie weiß mit dem speziellen Fleisch hervorragend umzugehen. Rottenschlager plant inzwischen Versuche mit ausschließlich grasgefütterten Rindern und lang gelagertem Fleisch. Er wird die Herde vergrößern und auf dem Oberweidacherhof eine eigene Metzgerei einrichten, die Sache ist noch lange nicht ausgereizt.</div><div><br /></div><div>Die Bergapfelsäfte, die Thomas Kohl auf dem Ritten herstellt (umwerfend: der sortenreine Saft von der Ananasrenette), haben es längst zu flächendeckender Popularität gebracht. Die Idee, dem Milchland Südtirol neue Impulse zur Fabrikation erstklassigen Käses zu verleihen, hat in Vintl, am Eingang zum Pustertal, sogar ein veritables Monument geboren.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Die „Feinkäserei Capriz" entspringt einer philantropischen Geste des Salewa-Inhabers Heiner Oberrauch, der zu Recht eine ungenügende Qualität bei der vorhandenen Milchwirtschaft feststellte - und reagierte: Er ließ eine Schaukäserei, ein Käsemuseum und ein Restaurant errichten, eigenwillig gestaltet als Kupferkessel mit quer darauf liegendem Käsestück, Grundfläche: tausend Quadratmeter.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Hier entsteht seither ein breites Angebot von traditionell erzeugtem und oft sehr ehrgeizig affiniertem Käse, vom frischen Ziegenkäse zum kräftigen Bergkäse und allerlei Weichkäsen.&nbsp;</div><div>Dass diese Produkte der Rede wert sind, hat mit der speziellen Situation der Südtiroler Milchwirtschaft zu tun, die einen Großteil ihre Milch an die Industrie liefert, die u.a. Mozzarella daraus macht. Den ersten Kontrapunkt setzte in den neunziger Jahren Hansi Baumgartner, der mit seinem „Fabrikladen" in Vahrn zur Instanz des handwerklich gemachten Südtiroler Käses aufstieg. Die „Feinkäserei" fügt diesem Angebot nun ihres hinzu. Das erste (inzwischen jedoch etwas aufgeweichte) Konzept für das angeschlossene, kleine Restaurant schrieb übrigens Roland Trettl.</div><div><br /></div><div>Auch aus einer anderen Ecke, wo während Jahrzehnten äußerst statisch agiert wurde, kommen neuerdings Innovationen. Kein Zufall, dass Martin Gojer vom Weingut Pranzegg mit einem T-Shirt auftaucht, auf dem in großen, roten Lettern „Rebello" steht.</div><div>Gojer, Mitte dreißig, musste schon früh die Weingärten der Eltern übernehmen, in denen diese auf halber Hangebene über Bozen Trauben produziert und sie an eine Genossenschaft verkauft hatte.</div><div><br /></div><div>Dieses Geschäft gefiel ihm nicht. Er reiste durch zahlreiche Weinregionen der Welt und holte sich Anregungen. 2008 und 2009 brachte er erste Ernten ein und produzierte - „mit meinem Bergführer", dem Kellermeister aus Terlan - den ersten eigenen Wein.</div><div><br /></div><div>Gojer dachte nicht zuerst an Umsätze, sondern daran, wie er mit dem Wein „ausdrücken kann, was ich empfinde". Das mag ein bisschen esoterisch klingen, ist aber durchaus radikal gemeint. Gojer kelterte aus Vernatsch-Trauben einen exzellenten, kühlen und feingliedrigen Rotwein namens „Campill" - und handelte sich eine Menge Schwierigkeiten mit den Instanzen ein, die darüber entscheiden, ob ein Wein „sortentypisch" ist oder nicht.</div><div><br /></div><div>Gojer stand also vor der Entscheidung, ob er seinen Wein verändert - oder die Herkunftsbezeichnungen schwärzt. Er entschied sich für zwei und durchlüftete auf diese Weise die Szene, die nicht daran geglaubt hatte, dass einer so selbstbewusst vorgehen kann, bevor er berühmt ist. Aber es geht auch umgekehrt.</div><div><br /></div><div>Auch Manni Nössing, dessen Weingut oberhalb von Brixen liegt, lebt mit dem Etikett „Rebell". Er hat entsprechend kräftige Sprüche auf Lager, zum Beispiel: „Meine Weine werden nicht ausgezeichnet, sondern ausgetrunken" oder „Revolution ist für mich ein wichtiges Wort".</div><div>Nössing setzte früh auf eine außergewöhnliche Weinsorte, den in Südtirol äußerst seltenen Kerner. Schon die erste Kerner-Ernte 2002 erregte Aufsehen, und bis heute ist der aromatische, zugängliche Wein sein Zugpferd. Er pflanzte auf 800 Meter einen duftigen Müller-Thurgau und nannte ihn „Wolkenwein". Er stritt mit ungefähr allen Weinbaufunktionären des Landes und versöhnte sich wieder (sobald er sich durchgesetzt hatte). Seine Weine sind manchmal einfach, manchmal ungewöhnlich. Der aktuelle Kerner zum Beispiel hat Charme und eine ganze Menge Kraft. Irgendwie gleicht dieser Wein seinem Winzer, der natürlich auch dafür gleich den passenden Spruch weiß: „Ich liebe die Kultur des Einfachen. Aber auf höchstem Niveau."</div><div>Das könnte natürlich auch ein Slogan für den Patscheider Hof sein, siehe oben. Dabei haben wir Manni Nössing und Martin Gojer an einem ganz anderen Ort getroffen, dem modernistischen Brix.0.1 im Brixner Lidopark.</div><div><br /></div><div>Hier sind ein paar junge Männer, angeführt von den beiden Local Heroes Philipp &nbsp;Fallmerayer and Ivo Messner, angetreten, das Rad neu zu erfinden. Umgeben von futuristischer Architektur, direkt am Wasser, betreiben sie ein Konglomerat von Labstellen, vom Café, wo man frühstücken und Eis essen kann, über ein Gastropub mit den gerade unvermeidlichen Burgern bis zu einem Restaurant, das an sich selbst nicht weniger als höchste Ansprüche stellt.</div><div><br /></div><div>Es gibt Burrata mit Tomaten, Zwiebeln und Olivenpulver, Rindertartar mit Spargel und gepufftem Dinkel, Ravioli mit einem Apfel-Sellerie-Gel und ähnlich kreative Angebote. Die Beschreibungen der Vorspeisen sind jeweils ein bisschen ehrgeiziger als ihre Umsetzungen, und es ist ein Glück, dass es in einer Kühlvitrine neben der offenen Küche wunderbares Dry Aged Beef gibt, das uns der Küchenchef als Hauptgang zubereitet.</div><div><br /></div><div>Trettl genießt das Beef, aber er schaut immer wieder ziemlich angestrengt aus dem Fenster, hinüber auf ein großes Gebäude, aus dem gerade zahlreiche junge Menschen strömen. Es ist die „Landesberufsschule für das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe".</div><div>„Da habe ich kochen gelernt", sagt er kopfschüttelnd und nimmt einen großen Schluck von Martin Gojers leichtem Rotwein. „Aber eines weiss ich bis heute nicht."</div><div>„Was?", fragt Manni Nössing.</div><div>„Wie man richtig Knödel macht. Ich glaube, wir müssen noch einmal zurück auf den Ritten."</div>]]>
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    <title>Divertimento. Ein Kammerspiel</title>
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    <id>tag:www.christianseiler.com,2016://1.495</id>

    <published>2016-11-04T16:24:11Z</published>
    <updated>2016-11-04T16:31:30Z</updated>

    <summary>Die Osttiroler Musicbanda Franui und ihr Mozartprojekt „Ennui. Geht es immer so weiter?&quot;...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Die Osttiroler Musicbanda Franui und ihr Mozartprojekt „Ennui. Geht es immer so weiter?"</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Prolog.</div><div><br /></div><div>Franui ist eine Almwiese.&nbsp;</div><div>Gewiss, lächelt der Kenner, nämlich eine Almwiese, die so heißt wie diese abgefahrene Band aus Osttirol. Die mit der Harfe, dem Hackbrett, dem vielen Blech und dem Hang zu einer Überdosis Schubert.</div><div>Haben die echt schon ihre eigene Almwiese?</div><div>Verdiente Kräfte werden vom Bürgermeister belohnt. Die Wiese liegt auf 2300 Meter Seehöhe, oberhalb von Innervillgraten. Das ist ein Ort im Villgrater Tal, einer von eigenwilligen Eingeborenen bewohnten Talschaft in der Nähe von Lienz, aber auch nicht zu nahe bei Lienz. Gustav Mahler hat dort in der Nähe ein Komponierhaus gehabt. Der Gasthof im Ort heisst Raiffeisen. Und mit der Überdosis Schubert ist das so: Zuerst haben die Franui so lange Trauermärsche gespielt, bis sie bemerkt haben, dass sie ohne Wirkungsverlust auf Schubert umsatteln können.</div><div>Was haben denn Schubert und Trauermärsche gemeinsam?&nbsp;</div><div>Das ist ein bisschen kompliziert: Manchmal klingt der Schubert von Franui nämlich tatsächlich wie Blasmusik. Zum Beispiel macht die Tuba von unten Druck, und oben gerät etwas in Bewegung. Die Trompeten stampfen. Das Saxophon rollt, die Klarinette quietscht, dann bricht der Schweiß aus, wie auf dem Tanzboden.</div><div>Aber dann ist es auf einmal still. Nur ein Harfenakkord schwebt, und vielleicht gestattet sich der Kontrabass ein gepflegtes Plong-Plong. Dann setzen die Stimmen ein. Aus voller Kehle, was sonst, und was zuerst einen Moment lang fern ans Wirtshaus Raiffeisen erinnert, nach der dritten Runde Bier, verdichtet sich plötzlich zu seraphinischem Schweben, zu Wohlklang aus feinstem, transparentem Stoff. Doch gerade, als man den Schubert zu hören beginnt, wie man ihn kennt, und die Kapelle als listige Sensibelchen zu durchschauen meint, bricht wieder der Lärm los, wummta, wummta, und die Blaskapelle zeigt dem Schubert, was ein Hüpftanz ist.</div><div>Immer nur Schubert?</div><div>Nicht immer nur, aber immer wieder gern. Es gibt zum Beispiel ein epochales Franui-Album mit dem Titel „Schubertlieder". Die Franui-Hagiographie lobt „die metallische Wucht der Besetzung, die Unverblümtheit der Rückführung Schubertscher Romantik ins gefühlte Wirtshaus, wo diese bittere Romantik über ein paar Gläsern Wein schließlich erst ausgebrütet werden musste". Aber mit derselben Unverblümtheit machten sich Franui auch über Johannes Brahms - „Brahms, dessen intensivste Momente Glenn Gould mit entschlossener Langsamkeit an die Oberfläche gefördert hat, und dem Franui ganz im Gegenteil eine Packung Vitalität, Kraft und Humor verpassen, die Spannweite seiner Kompositionen zwischen Zitherklang, bukolischem Chorgesang, Dixieland-Rauchschwaden und kakophonischem Orchestergestotter verorten" - und schließlich Gustav Mahler her, der - Komponierhäuschen in Toblach, remember - ja sowas wie ein temporärer Nachbar von Franui ist: „Mahlers berückende Liedern offenbaren sich zuweilen ganz offenherzig, verbergen sich jedoch meistens hinter Klangtürmen, hinter komplizierten Konstruktionen aus Kunstfertigkeit, Geschmack, Klangfieber, Bombast und knödelndem Gesang. Franui ziehen den Mahler-Liedern den Smoking aus, so dass sie bloß noch nackt dastehen in der Kälte und vergessen, vornehm zu schauen".</div><div>Was sagt eigentlich Schubert zu diesen Fremdgängereien?</div><div>Er tanzt. Franui haben als letzte Konsequenz ihrer Beschäftigung mit dem Größten ihrer Idole gerade Schuberts Tanzsätze in die Mangel genommen und auf ein formidables Album namens „Tanz! (Franz)" gepresst. Motto: Wenn du einen Trauermarsch viermal so schnell spielst, ist er eine Polka.</div><div>Und jetzt also Mozart.</div><div>Jetzt also Mozart. Einfach war das nicht.</div><div><br /></div><div>1. Akt. FRANIU.</div><div><br /></div><div>Mozart stand nie auf der Wunschliste von Franui-Gründer und -Trompeter Andreas Schett. Schett ist musikmäßig durchaus promiskuitiv, er kann sich für Wildes von Bartók ebenso leidenschaftlich erwärmen wir für Meditatives von John Cage oder Repetitives von Satie. Für Mozart zu erwärmen, fiel ihm freilich seit jeher schwer. Falls irgendwann für eine Fernsehsendung ein Studiogast gebraucht wird, der in einer Runde von Mozart-Conaisseuren anmerkt, dass er, Wolfgang Amadeus nicht als den alleinigen Fixstern am Komponistenhimmel betrachte - Schett ist der Mann.</div><div>Einerseits.</div><div>Andererseits stimmt das so auch wieder nicht.</div><div>Denn als die Stiftung Mozarteum bei Schett anfragte, ob Franui sich nicht einmal an ein Mozart-Projekt wagen wolle, kam bei Schett eine Reihe von Ideen ins Rutschen.</div><div>Er war gerade in Hamburg gewesen und hatte mit Franui an einem Nebenschauplatz der neuen Elbphilharmonie (die wie ein Märchenschloss von Hundertwasser im Hafenbecken sitzt) ein Konzert der Tanz Boden Stücke gegeben. Auf dem Flughafen sprang ihm ein Mann ins Auge, der ein Schild in die Höhe hielt, auf dem in großen Lettern stand: FRANIU.</div><div>Auf lächelnde Art fühlte sich Schett angesprochen. Von Franiu zu Franui ist es ja nur eine halbe Lautverschiebung, er sponn den Gedanken also weiter und landete bei der irgendwie merkwürdigen, aber auch faszinierenden Assoziation Franui - Ennui.</div><div>Als er über die Anfrage aus Salzburg nachdachte, fiel ihm diese Assoziation wieder ein, und mit einem Mal war ihm klar, in welche Richtung ein franuisches Mozart-Projekt gehen müsse.&nbsp;</div><div>Schett, auch an den Rändern der musikalischen Autobahnen überaus trittfest, dachte plötzlich an die Gebrauchsmusik Mozarts, an jene unter dem Sammelbegriff „Divertimento" zusammengefasste Tafelmusik, die komponiert werden musste, um den herrschenden Ständen beim festlichen Schlemmen einen angemessenen Klangteppich um den Hals zu hängen.</div><div>Man kann dieser Tafelmusik heutzutage jederzeit etwas abgewinnen, die Kunstfertigkeit ihrer Konstruktion bewundern, über die Arroganz derer den Kopf schütteln, die sich von Mozart (Mozart!) ihr Berieselungsprogramm komponieren ließen; aber man kann auch der schwülen Stimmung eines langen Abendessens in fremdbestimmter Gesellschaft nachspüren - und mit geschlossenen Augen bei der volatilen Stimmung landen, die vom französischen Wort „Ennui" so musikalisch ausgedrückt wird. Der Deutsche sagt Langeweile dazu. Der Wiener, auch nicht schlecht: „Fadesse".</div><div><br /></div><div>2. Akt. Leise Unruhe.</div><div><br /></div><div>An einem Abend im Mai saß Andreas Schett in Gesellschaft seiner neun Mitmusiker auf der Bühne eines Wiener Konzerthauses und hörte, wie der große Schauspieler Peter Simonischek ein Gedicht von Ernst Jandl rezitierte:</div><div><br /></div><div>an ruhigen tagen</div><div>sitzen und fragen:</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>geht es immer so weiter?</div><div>ach ginge es doch immer so weiter</div><div><br /></div><div>auch mit dem wein</div><div>hab ich immer die hoffnung</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>vielleicht wird es besser</div><div>und es wird nicht besser</div><div><br /></div><div>Es war ein magischer Moment. Simonischek inszenierte die Schönheit der Repetition, den Nebel der Lakonie und den Rhythmus des Minimalen, die dem Gedicht innewohnen, nach Kräften. Er und Jandl verschmolzen zu einem Text-Laut-Monument, das die Zuhörer in eine Art Trichter zog und regelrecht hypnotisierte.&nbsp;</div><div>In diesem auch für ihn hypnotischen Augenblick zählte Andreas Schett eins und eins zusammen. Das Mozart-Projekt, Franui-interner Codename „Divertimento", würde zu einem Abend über die Langeweile werden: Über „die Leere, das Nichts, die Schwärze und Traurigkeit, die dem Menschen zuweilen auf die Seele rückt."</div><div>Franui würde dafür den Klangteppich ausrollen, dessen Farben von Mozart bestimmt sind, aber von den Osttiroler Saubermachern einer gründlichen Auffrischung unterzogen wird. Dazu würde Peter Simonischek „leise unruhe" vortragen und eine Auswahl anderer Texte, die sich auf helle, klare, trübe oder dunkle Weise mit dem Ennui auseinandersetzen und diesen ausgerechnet durch seine Benennung zerstreuen.</div><div>Denn, so Andreas Schett, „diesem Zustand kann man niemals durch Arbeit abhelfen, sondern nur durch Zerstreuung, Zeitvertreib und Vergnügen. In der Musik heißt das: Divertimento!"</div><div><br /></div><div>3. Akt. Divertimento</div><div><br /></div><div>Das Vergnügen wandert durch alle Register. Es taucht als Stakkato in den Trompeten auf, jubiliert mit der Klarinette, folgt dem pathetischen Ernst der Geige, imitiert behäbig die Tuba, schweigt mit dem Hackbrett und schwingt sich mit der Harfe zu einem hellen Gelächter auf. Manchmal führt es mit den Männerstimmen auf falsche Fährten einer fremdartigen Volksmusik, dann wieder steht es leise lächelnd stramm, wenn Peter Simonischek verschiedene Formen des Ennui dekliniert.</div><div>„Im Anfang war die Langeweile." So hebt nämlich der führende Ennuist Søren Kierkegaard zu seinem „Versuch in der sozialen Klugheitslehre" an. „Die Götter langweilten sich, darum schufen sie den Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen. Und von diesem Augenblick an war die Langeweile in der Welt und nahm zu im geraden Verhältnis zur Zahl der Menschen. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann wuchs die Menge der Menschen auf Erden, und sie langweilten sich en masse."</div><div>Tusch.</div><div>Erik Satie: „Als ich jung war, sagte man mir: Sie-werden-schon-sehen-wenn-Sie-mal-fünfzig-sind. Ich bin fünfzig, ich habe nichts gesehen."</div><div>Doppeltusch.</div><div>Schließlich - Generalpause - John Cage: „Gleich nachdem ich in Boston angekommen war, begab ich mich in den schalltoten Raum der Harvard-Universität. Jeder, der mich kennt, kennt diese Geschichte. Ich erzähle sie ständig. Nun also - ich hörte in diesem stillen Raum zwei Klänge, einen hohen und einen tiefen. Nachher fragte ich den zuständigen Techniker, warum ich, obwohl der Raum so still war, zwei Klänge gehört hatte. Er sagte: ,Beschreiben Sie sie.' Ich tat es. Er sagte: ,Der hohe war Ihr arbeitendes Nervensystem, der tiefe Ihr zirkulierendes Blut.'"</div><div>Trompeten.</div><div><br /></div><div>Epilog.</div><div><br /></div><div>Franui ist ein Almwiese.</div><div>Ja, bestätigt der Herr mit der Botanisiertrommel, ich habe diese Almwiese untersucht. Sie treibt Blüten, die man auf einer Almwiese gar nicht vermuten möchte.</div><div>Zum Beispiel?</div><div>Fleurs du Mal, zum Beispiel.&nbsp;</div><div>Die stehen ja unter Naturschutz. Kümmert sich wer darum?</div><div>Und wie. Das „flåchshoorats Diandl", das so gern das Menuett aus Don Giovanni pfeift.&nbsp;</div><div>Flåchshoorats Diandl?</div><div>Eine Blondine aus der weiteren Verwandtschaft der Blasmusik. Mag Mozart. Mag Schubert. Und lässt sich gern anhimmeln.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Die Verwandlung Kopenhagens</title>
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    <published>2016-11-04T16:05:56Z</published>
    <updated>2016-11-04T16:23:14Z</updated>

    <summary>Ein Blick auf die kulinarische Kulturhauptstadt Europas in acht Kapiteln...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Ein Blick auf die kulinarische Kulturhauptstadt Europas in acht Kapiteln 
        <![CDATA[<div>1. Der nordische Stil und seine Giganten</div><div><br /></div><div>Kopenhagen verändert sich. Vom Nyhavn, dem touristischen Herzstück des alten Zentrums, wird gerade eine Fahrradbrücke über das Hafenbecken in den Südosten gebaut. Dort, auf der anderen Seite des Wassers, befindet sich in einem alten Speichergebäude an der Strandgade 93 das Restaurant, das nicht nur die kulinarischen Selbstverständlichkeiten Kopenhagens auf den Kopf gestellt hat: das „Noma".</div><div>Wobei: Es befindet sich nicht mehr lange dort. Als hätte René Redzepi, Gründer und Chef des stilbildenden Hohetempels einer radikal regionalistischen Küche des Nordens, keine Lust darauf, den Luftraum vor seinem Restaurant mit all der neuen Laufkundschaft zu teilen, kündigte er den Umzug seines Restaurants nach Christiania an. Dort, im ehemaligen Hippieparadies, soll sich das „Noma" als „Bauernhof" neu verpuppen, was auch immer das heißt: Man darf sicher sein, dass sich Tausendschaften interessierter Foodtraveller bemühen werden, eine Reservierung zu ergattern.</div><div>Derzeit bemühen sich besagte Tausendschaften gerade um Einlass ins Nationalstadion, wo Skandinaviens erstes Dreisternrestaurant untergebracht ist: das „Geranium". Waren das „Geranium" und sein begabter Chef Rasmus Kofoed vor wenigen Jahren noch qualifizierte Geheimtipps, so hat sich das anfangs noch als eher originell eingeschätzte Restaurant nun in den unbestrittenen Brennpunkt skandinavischer Kochkunst verwandelt.&nbsp;</div><div><br /></div><div>2. Die Wandlung des „Geranium"</div><div><br /></div><div>Die Speisen im „Geranium" sind verständlicher geworden, sie lassen sich auch ohne philosophischen Beipacktext verstehen und genießen. Es gibt etwa ein Kunstwerk von flach geschnittenem, weißen Spargel mit Zitronenverbene, ein farbloses Schälchen mit Tomatenwasser und Schinkenfett, Lobster mit Milch und einem Saft von fermentierten Karotten und Sanddorn, es gibt Schwertmuscheln mit Sauerrahm und Petersilie, grandiose Babyshrimps samt Schale in einem Tässchen mit Seehasenkaviar und einer Sauce von der getrockneten Auster. Um die klassische Dramaturgie zu wahren, wird im Ablauf von nicht weniger als 27 Gängen sogar eine Hauptspeise serviert, ein Stück vom Schweinehals mit Birne und eingelegten Kiefernnadeln (und anschließend die übliche Lawine der Desserts und Sweets, logisch).</div><div>Auch die inzwischen weltweit kopierte Kombination von skandinavischer Schlichtheit (der Einrichtung) und ästhetischer Wildheit (des Personals) findet man im „Geranium" nicht. Die Tische sind mit gestärkten Tischtüchern gedeckt. Der Sommelier (und Teilhaber) Søren Ledet hat den Bart gestutzt und seine Ärmel heruntergekrempelt, so dass man die bunten Tätowierungen nicht mehr sehen kann. Das obligate Angebot an Naturweinen ist um eine Liste großer, klassischer Weine aus Frankreich, Spanien und den USA (Stichwort: Screaming Eagle; in großen Gebinden!) ergänzt worden. Die Köche, allen voran Chef Rasmus Kofoed persönlich, servieren einzelne Gerichte mit ausgesuchter Höflichkeit. Sie vergessen dabei nicht einmal, den zweiten Arm auf den Rücken zu legen, als hätten sie gerade ihre Ausbildung in einem Schweizer Benimminstitut hinter sich gebracht.</div><div><br /></div><div>3. Die kulinarische Konterrevolution</div><div><br /></div><div>Man muss die rasanten Veränderungen in der Gastronomie Kopenhagens und ihre weltweite Strahlkraft ein bisschen sortieren, um zu begreifen, dass diese Rückkehr zu den Konventionen, wie sie im „Geranium" gerade vorexerziert wird, eine Art von Konterrevolution darstellt. Denn die größte (und bleibendste) Leistung des „Noma" bestand gerade darin, die erstarrten Konventionen der Spitzengastronomie zu filetieren und neu zu erfinden. Erst das „Noma" machte es gesellschaftsfähig, dass ein Restaurant mit unverhohlenem Ehrgeiz und unbestrittener Expertise auf so manches verzichtet, was dem Sternefresser ans Herz gewachsen war: Tischwäsche, verputzte Wände, gestärkte Servietten, uniforme Edelprodukte, servile Kellner, formelhafter Ablauf jeder Mahlzeit; das „Noma" hatte stattdessen eine Botschaft anzubieten, die man entweder als fruchtbare Selbstbeschränkung (nämlich ausschließlich auf Produkte des Nordens) verstehen konnte oder als kulinarische Anarchie: Plötzlich liefen Köche mit langen Bärten und bunten Armen aus der Küche ins Restaurant und brachten Dinge, von denen man nicht gewusst hatte, dass man sie überhaupt essen kann: Flechten, Moose, merkwürdige Algen, manchmal sogar Tierchen, die noch nicht tot waren oder Gerichte von einer Simplizität, die man als radikale Reduktion interpretieren konnte &nbsp;- oder als schiere Banalität.</div><div><br /></div><div>4. Die Langzeitwirkung des „Noma"</div><div><br /></div><div>Das „Noma" polarisierte - und entfachte gleichzeitig weltweite Wirkung. Die Lässigkeit, mit der große Küche dargeboten wurde, war beispiellos. Sie inspirierte eine ganze Generation von Köchen und Gastrounternehmern, auf das bisher für unabdingbar gehaltene Chichi der Spitzengastronomie zu verzichten. Der strikt regionalistische Kurs des „Noma" löste in Europa („Cuisine alpine") und Nordamerika („Farm to table") eine ganze Welle an neoregionalen Küchenkonzepten aus, wobei diese nirgendwo so dogmatisch durchgezogen wurden wie in Kopenhagen selbst, der Hauptstadt der Bewegung.</div><div>Gleichzeitig war Kopenhagen bis zur Eröffnung des „Noma" im Jahr 2005 eine kulinarische Brache gewesen. Aber bald nach dessen kometenhaftem Aufstieg zur Weltsensation (wozu einerseits die sozialen Medien und andererseits die 50Best-Liste ihren Teil beitrugen), eröffneten in Kopenhagen neue Lokale von inspirierten, erlebnishungrigen Gastronomen. Oft lieferte die rohe, dogmatische Kraft des „Noma" die Energie für die Initialzündung - manchmal war es aber auch der kontrapunktische Wunsch nach Eleganz, Feinheit und technischer Brillanz, wie sie Rasmus Kofoed verkörperte, der 2005 das erste „Geranium", damals noch an anderem Standort, eröffnete und dreimal am Bocuse d'Or-Wettkochen teilnahm, bis er den Titel schließlich gewann.</div><div><br /></div><div>5. Der Gemüsekurs des „Noma"-Abgängers</div><div><br /></div><div>Christian F. Puglisi zum Beispiel hat sein Restaurant „Relæ" sozusagen aus einer Rippe des „Noma" geschnitzt. Der gebürtige Sizilianer war jahrelang unter René Redzepi Küchenchef des „Noma" gewesen, nachdem er sein Handwerk unter anderem im „El Bulli" gelernt hatte. Er verließ das „Noma", um auf eigene Rechnung „eine erfinderische, intelligente Küche zu machen, die auf einfachen Produkte von höchster Qualität beruht."</div><div>Tatsächlich situierte Puglisi sein „Relæ" an einer Ecke von Kopenhagen, die bis dahin kulinarisch noch nicht vermessen gewesen war, der Jægersborggade weit draußen hinter dem pittoresken Assistens Friedhof, wo man das Grab von Hans Christian Andersen besuchen kann. Puglisi versteckte seine großen Ambitionen hinter einer eher bistromäßig wirkenden, unformellen Einrichtung, die freilich alle Stücke spielt: Erst wenn man an dem polierten, eleganten Holztisch sitzt, bemerkt man die intelligenten Einbauten, die das Besteck für den ganzen Abend verbergen.</div><div>Das „Relæ" ist kein vegetarisches Restaurant, aber es pflegt einen geradezu libidinösen Umgang mit Gemüse. Ein Snack bestand zum Beispiel aus einer glänzenden, schimmernden Sauerkleewurzel, die mit dem saftigen Fleisch einer eingelegten Mirabelle und einem Blatt vom Schild-Sauerampfer kombiniert wurde. Das Gericht war augenscheinlich simpel und offerierte doch Aromen und Texturen, die sich auf verblüffende Weise zur Delikatesse verbanden.&nbsp;</div><div>Gerne lädt Puglisi, der eher ernst und introvertiert wirkt, zu durchaus humorvollen Verwirrspielen ein. Auf einem Teller befand sich zum Beispiel ein Objekt, das einem Blätterteigteilchen aus der klassischen Pariser Patisserie zum Verwechseln ähnlich sah, sich jedoch als kunstvoll bearbeiteter Kürbis erwies. Besonders gefinkelt war der Pastagang, hervorragende, geschmeidig-saftige Ravioli mit weißen Trüffeln, wobei der Teig aus gedämpfter und virtuos arrangierter Sellerie bestand. Höhepunkt der Camouflage war das „Beefsteak" von der roten Bete, das aussah wie sehr kurz gebratenes, rotes Fleisch - und nach der entsprechenden Bearbeitung durchaus auch dessen Deftigkeit versprühte, aber immer noch das erdigsüsse Aroma der Rübe als Fundament behielt.</div><div>Das Menü enthielt auch eine Auster (die mit dem Weiß vom Lauch serviert wurde) und eine Consommé von geräucherter Lammbrust, es umkreiste also kein vegetarisches Dogma. Im Zentrum stand die große Kunst von Puglisi, seinen Gemüsegerichten ein Maximum an Geschmack abzuverlangen und diesen kraftvoll in Szene zu setzen. Klar, man kann das als Echo zu der Küchenphilosophie des „Noma" sehen, aber auch als energetische, eigenwillige Charakterleistung.</div><div><br /></div><div>6. Die raffinierte Karriere des „Geranium"-Adepten</div><div><br /></div><div>Auf der anderen Seite des Spektrums macht gerade Søren Selin Karriere. Er eifert in den altehrwürdigen Katakomben des Restaurants AOC (das Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert) der finessenreichen Küche des „Geranium" nach. Selin, der in Paris („Le Relais Louis XIII", „Jules Verne") gearbeitet hatte und die Küche des AOC seit 2013 führt, lässt keinen Zweifel daran, dass ihm voller Geschmack und küchentechnische Finesse wichtiger sind als gastrosophische Revolutionen. Er kombiniert Gurke und Auster auf einem Bett aus Dill, serviert ein Brioche und geriebenen Käse mit eingelegten Rüben und Blüten, kredenzt ein dünnes Omelett mit Beef Tartare, Rote-Bete-Pulver, Sauerrahm und Sprossen und weist den Gast an, das alles „zu einer Zigarre" zu drehen und zu verspeisen.&nbsp;</div><div>Interessanter ist die neue Kartoffel, die im Stroh gegart wird und mit einer Creme von der braunen Butter und Seehasenrogen kommt, wobei ziemlich klare, bekannte Aromen mollig - und sogar ein bisschen spektakulär - kombiniert werden. Das vielleicht beste Gericht aus dem Menü ist das Filet von der Rotzunge, das an den mächtigen Gräten serviert wird und mit den Fingern gegessen werden muss. Der Fisch ist köstlich - und gleichwohl fühlt man sich in der eleganten, fast einschüchternden Umgebung des AOC als Fingeresser fast ein wenig deplaziert. Gut, dass es zum mit Blüten geschmückten Langostino wieder ein Besteck gibt, so dass man das Dashi vom geräucherten Knochenmark in aller Ruhe auslöffeln kann. Nach zwei Fleischgängen (Bries mit Sellerie, Lammrücken mit Spinatsauce) kommt man leicht ins Grübeln: Ist es wirklich das kleine Menü („den lidt mindre"), das man da bestellt hat?&nbsp;</div><div>Das AOC, das gewiss enorme ästhetische Ansprüche vertritt und von klassisch orientierten Gästen entsprechend hoch geschätzt wird, strahlt auf seine Art die gleiche konterrevolutionäre Eleganz und Vornehmheit wie das „Geranium" aus. Die Atmosphäre sagt: Hier wird Essen ernst genommen, mein Freund - und dieses Versprechen wird auch konsequent eingelöst.</div><div>Das könnte natürlich auch zum Umkehrschluss animieren: Sobald ein Restaurant sich an der permanenten Kippe zur Party befindet, kann es mit dem Essen nicht weit her sein.</div><div>Stimmt natürlich auch nicht, jedenfalls nicht in Kopenhagen. Zum Beispiel ist die Musik im „Radio", einem weiteren Lokal des Noma-Gründers Claus Meyer, so laut, dass man geneigt ist, den Stuhl zur Seite zu schieben und ein Tänzchen zu wagen. Aber das Essen kommt, setzt man sich gern wieder. Es gibt vergleichsweise große Teller, zum Beispiel mit gegrilltem Lachs, Gurke und Malz, einen köstlichen Gang mit Jakobsmuscheln, dehydrierten Karotten und jeder Menge Sauerrahm oder ein in lange Fäden gerissenes Stück Kalb, mit herzerweichend würziger Sauce.&nbsp;</div><div>Die Preise für das Essen im „Radio" (es hat seinen Namen von der Nähe zum ehemaligen „Radiohuset", der Konzerthalle des dänischen Rundfunks) sind im übrigen äußerst moderat. Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal.</div><div><br /></div><div>7. Die zweiten Lokale der ersten Häuser</div><div><br /></div><div>Denn das Essen in Kopenhagen ist zwar gut, aber auch teuer. Sehr teuer. Mahlzeiten im „Studio" oder „Kadeau", zwei Restaurants, die man auf einem guten Mittelweg zwischen der Entschlossenheit des „Noma" und der Kunstfertigkeit des „Geranium" verorten kann, kosten gut und schnell mehr als dreihundert Euro pro Person, vor allem, wenn man den Sommeliers freie Hand gibt (das gleiche gilt klarerweise auch für die hochdekorierten „Geranium", „Noma" und „AOC". „Relæ" ist um eine Spur günstiger). Die zweite Hürde auf dem Weg zum unmittelbaren Geschmackserlebnis ist die mangelnde Verfügbarkeit der Tische. Ohne Tischreservationen geht gar nichts, und es empfiehlt sich, die Reise nach Kopenhagen mehrere Monate im Voraus zu planen, wenn man sicher gehen will, dass man an den Orten seiner Wahl nicht bloß auf die „Fully booked"-Nachricht stößt.</div><div>Der ständige (und nicht abflauende) Bedarf an Tischen hat mehrere Gastronomen dazu motiviert, neben den Haupthäusern, die im Zeichen des Fine Dining stehen, niederschwellige Bistros zu eröffnen, die zwar von derselben Foodphilosophie getragen werden, diese aber weniger aufwändig, zugänglich - und günstig präsentieren.&nbsp;</div><div>So kann man in „Manfreds" eine Idee davon bekommen, wie brillant im Schwesterbetrieb „Relæ" mit Gemüse umgegangen wird, am besten, indem man die sieben kleinen Teller (Chef's Choice) zum Lunch bestellt. Bei „No2" (programmatischer Name, nicht wahr?) ist die AOC-Equipe darum bemüht, in einem Glashaus am Hafen feine, sorgfältig gemachte &nbsp;Fisch- und Fleischspeisen zu servieren (Makrele mit grünen Erdbeeren, Shrimps mit Spargel und Hühnerhaut), die insgesamt etwas entspannter ankommen als im Haupthaus.&nbsp;</div><div>Das „Pony" kommt aus der Hand der ehrgeizigen Jungs von „Kadeau" (mehr über dieses neue Spitzenrestaurant im nächsten Heft in der Rubrik „Koch des Monats") und liefert unangestrengte, aber großartige Speisen ab: Makrele mit Karotten, Fenchel und Sesam, Hühnerbrust mit Spargel, Senf, Hühnerhaut und Wasserkresse. Der „Almanak" wiederum ist das Walk-In-Lokal im pittoresken „The Standard"-Gebäude am Hafen, direkt gegenüber dem „Noma", wo das „Studio" ehrgeiziges Fine-Dining abliefert, während es auf der Terrasse des Almanak den ganzen Tag feine Sandwiches und Smørrebrød gibt, allerdings mit einem Twist: Das Brötchen mit dem Schweinenacken ist zum Beispiel mit einer Meerrettichemulsion veredelt, und die Shrimps kommen mit einer gegrillten Zitrone, die zu kosten ein unvergessliches Erlebnis ist.&nbsp;</div><div><br /></div><div>8. Apropos Smørrebrød</div><div><br /></div><div>Natürlich ist die Nordic Food Revolution an der traditionsreichsten Sparte dänischer Gastronomie nicht spurlos vorbeigegangen. Zwar kann man bei Ida Davidsen oder Told&amp;Snaps noch immer Brötchen essen wie damals (nämlich mit Bergen von Shrimps oder Tartare und Zwiebeln, was regelmäßig in die Entlastung des Stoffwechsels mittels Aquavit mündet), aber auch manche Brötchenschmierer haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das „Skte Annae" Restaurant bietet Smørrebrød 2.0 an und meint damit zum Beispiel das Brötchen mit Rindszunge und Meerrettich oder den frisch gebratenen Fisch auf Toast mit Lobster-Dressing. Bei „Amanns" gibt es köstliche Autorenbrötchen mit mariniertem oder gereiftem Hering, mit Shrimps und Spargel, oder, besonders zu empfehlen, mit neuen Kartoffeln, Pfeffermayonnaise, Schnittlauch und Lauchasche. Auch jenes mit Beef Tartare, Rhabarber und Estragon sollte keinesfalls übersehen werden. Amanns hat übrigens eine Filiale am Flughafen Kastrup. Sein wunderbares Smørrebrød eignet sich also durchaus auch für den tränenreichen Abschiedsimbiss.</div><div><br /></div><div>Info:</div><div><br /></div><div>Der Naturwein-Komplex</div><div><br /></div><div>Es macht Spaß, in Kopenhagen Wein zu trinken. Es macht allerdings nur dann Spaß, wenn man nicht mit vorgefassten Meinungen seinen Schoppen bestellt und selbst ganz genau weiß, was man wann und wozu trinken möchte. Darauf sind die Weinkeller und -kellner Kopenhagens nicht eingerichtet. Im Gegenteil, Kopenhagen ist das lebendige Zentrum eines Phänomens, das uns gerade allerorten begegnet und etwas verwirrend mit dem Begriff „Natur" beginnt (als ob alle anderen Weine im Labor gemacht würden): Naturweine sind das bestimmende Thema sämtlicher Sommeliers der Stadt, je Natur, desto besser.</div><div>Das führt dazu, dass neben interessanten Entdeckungen (großartige, biodynamisch erzeugte Rieslinge aus Deutschland, erstaunliche Cuvées aus der Südsteiermark, fantastische Chardonnays aus dem Jura) auch jede Menge Weine angeboten werden, deren wichtigste Qualifikation zu sein scheint, dass man noch nie von ihnen gehört hat. Weine aus Südfrankreich, aus Spanien, Weine aus dem Burgund, Ungarn, viele Weine aus Österreich.</div><div>Es ist ein interessantes und überzeugendes Spiel, durch Kopenhagen von Weinbar zu Weinbar zu wandern und auszuprobieren, was in der Naturweinszene gerade als dernier cri gilt. Da die Innenstadt, wo viele der schönsten Bars domiziliert sind, im Sommer eine permanente Partyzone ist, kann man sich auf grandiose Stadterlebnisse gefasst machen, im späten Glühen der Abendsonne, ein schönes, trübes Glas Wein in der Hand, interessante Musik im Hintergrund, die Silhouette der Innenstadt im Schattenriss und stets ein Sommelier in der Nähe, der das Gefühl hat, man sollte vielleicht noch ein Glas probieren.</div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div>Die interessantesten Weinbars Kopenhagens:</div><div><br /></div><div>1. Ved Stranden 10.&nbsp;</div><div>Weinbar mit dem herrlichsten Tresen der Stadt, Schwerpunkt österreichische Weine. Herrlicher Bordsteingarten am Ufer des Kanals. Dauerparty. <a href="http://www.vedstranden10.dk">www.vedstranden10.dk</a></div><div><br /></div><div>2. Terroiristen</div><div>Weinhandlung mit Ausschank, gleich um die Ecke von „Relæ" und „Manfreds"(das im übrigen auch gut in diese Liste passt). Hochinteressante, zuweilen verwegene Entdeckungen, kleine, gute Speisen. <a href="www.terroiristen.dk">www.terroiristen.dk</a></div><div><br /></div><div>3. Malbeck Vinoteria</div><div>Auf argentinischen Wein spezialisierte Weinhandlung in einem ehemaligen Pub in Vesterbro. Laute Musik, stets Hochbetrieb, interessante, selbst importierte Weine aus Südamerika. No Reservations, einfach hingehen.<a href="www.malbeck.dk"> www.malbeck.dk</a></div><div><br /></div><div>4. <a href="www.vinhanen.dk">Vinhanen</a></div><div>Schöner Laden etwas nördlich vom Zentrum, wo aus fünf großen Fässern Wein ausgeschenkt - und stets diskutiert wird. Dazu gibt es Käse und Brot, Reservationen werden nicht angenommen. Originell und vergnüglich. <a href="www.vinhanen.dk">www.vinhanen.dk</a></div><div><br /></div><div>5. Paté Paté</div><div>Mediterran angehauchtes Bistro in einer ehemaligen Pastetenfabrik im ehemaligen Schlachthausviertel. Großartige Champagner- und Cavaauswahl, spanische und südfranzösische Gerichte. Reservierung wichtig (auch ein Spaziergang durch das Quartier empfiehlt sich, samt Kurzbesuch in der benachbarten Kødbyens Fiskebar, einem Fischlokal, das auch den gezielten Besuch wert ist). <a href="www.patepate.dk">www.patepate.dk</a>, <a href="www.fiskebaren.dk/fiskebaren/">www.fiskebaren.dk/fiskebaren/</a></div><div><br /></div><div>Kleine Fluchten an große Orte</div><div><br /></div><div>1. Wer Dänemark kurzfristig verlassen möchte, nimmt den Zug von Kopenhagen Hauptbahnhof nach Malmö und reist in weniger als einer Stunde in die Hauptstadt Südschwedens. Malmö ist auch das Ziel vieler dänischer Gastronomen, die sich an ihren Schließtagen in einem Restaurant namens „Bastard" treffen, um Erfahrungen auszutauschen, Wein zu trinken - und das enorm deftige, interessante und verblüffende Bistroessen von Küchenchef Andreas Dahlberg zu genießen. Das „Bastard", rund um eine unendlich lange, hufeisenförmige Bar gebaut, witzige Kunst an den Wänden, Ausgelassenheit in der Luft, repräsentiert puren Spaß an kräftigem Essen und lauter Unterhaltung. Den Abstecher zweifellos wert.&nbsp;</div><div><a href="www.bastardrestaurant.se">www.bastardrestaurant.se</a></div><div><br /></div><div>2. Die große Überraschung, die man beim Besuch der berühmten „Kleinen Meerjungfrau" erlebt, ist die Winzigkeit der Bronzestatue, die der Bildhauer Edvard Eriksen nach dem Märchen von Hans Christian Andersen gestaltet hat. Trotzdem lohnt sich der Stadtspaziergang, der von Nyhavn am Skuespilhuset, dem architektonisch eindrucksvollen Theater, an Schloss Amalienborg vorbei hinaus zum Kastell und weiter der Langelinie entlang zum 125 Zentimeter hohen Wahrzeichen Kopenhagens führt. Sobald man die zu jeder Tageszeit besichtigenden Touristen besichtigt hat, besteigt man das Linienboot und setzt auf die andere Hafenseite über, besucht die eindrucksvolle Königliche Oper - und spaziert von dort zehn Minuten lang unbehelligt durch die eindrucksvoll umgebauten, ehemaligen Hafen- und Dockanlagen in das pittoreske Restaurant „56°", ein ehemaliges Munitionslager aus dem Jahr 1744, wo erstklassige nordische Küche serviert wird. Reservation empfiehlt sich. Mit dem Taxi oder dem Boot zurück ins Zentrum.</div><div><a href="www.restaurant56grader.dk">www.restaurant56grader.dk</a></div><div><br /></div><div>3. Es gibt viele schöne Museumsbauten, aber kein Museum der Welt besitzt die Brillanz und unaufdringliche Schönheit des Louisiana Museum of Modern Art. Das Museum liegt auf einem weitläufigen Grundstück, 30 Kilometer nördlich von Kopenhagen, direkt am Øresund, Blick auf Schweden. Ein großer Teil des Museums befindet sich unter den Uferwiesen, die gleichzeitig ein eindrucksvoller Skulpturenpark mit Werken von Jean Arp, Henry Moore und Alexander Calder sind. Fast noch eindrucksvoller als die eindrucksvollen Sammlungen (das Giacometti-Kabinett ist auch für Menschen, die schon viele Giacomettis gesehen haben, immer wieder atemberaubend) ist jedoch die Stimmung, die Louisiana verströmt. Der Ort lädt zum Bleiben, zum Genießen, zum Müßiggang ein: ein Imbiss im Louisiana Café lohnt sich also, auch wenn man sich mit dem Tablett in der Hand zur Essensausgabe begeben muss. Die guten Fruchtsäfte und das Smørrebrød sind die ideale Unterlage dafür, den Blick über das Meer hinüber nach Schweden angemessen lange schweifen zu lassen.</div><div>Zug von Kopenhagen Hauptbahnhof nach Humlebæk Station, Fahrzeit drei Viertelstunden.</div><div><a href="www.louisiana.dk">www.louisiana.dk</a></div><div><br /></div><div>Die Markthallen/Torvehallerne</div><div><br /></div><div>Nachdem sich das Marktwesen in Kopenhagen lange nur noch am absteigenden Ast befunden hatte, bedurfte es 2011 einer Kraftanstrengung der Stadt, um auf einem seit über 50 Jahre unbenutzten, ehemaligen Marktgelände gleich neben dem Israels Plads, zwei große, helle Hallen zu errichten und dort Lebensmittelunternehmer aller Art anzusiedeln.</div><div>Der Plan ist aufgegangen. Die Torvehallerne sind zu einem Zentrum von Foodies, Delikatessproduzenten und -händlern geworden, zu einem großen Gastro-Hotspot mit angeschlossenem Verkauf. Man findet in den Torvehallerne zahlreiche Gelegenheiten, ausgezeichnete Imbisse einzunehmen (z.B. die Tacos beim mexikanischen Imbiss „Hija de Sánchez" oder das Sandwich mit Entenconfit bei „Ma Poule"), und noch viel mehr, sich in lustiger Gesellschaft ein Gläschen zu gönnen (zum Beispiel in der beliebten „Cava Bar"). Und wenn Sie jemandem Blumen mitbringen wollen - die finden Sie hier natürlich auch.</div><div>Die Hallen befinden sich in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt (hundert Meter vom Metro-Knotenpunkt Nørrebro). <a href="www.torvehallernekbh.dk">www.torvehallernekbh.dk</a></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div>&nbsp;</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Die Alpenrose sperrt zu</title>
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    <published>2016-07-19T12:10:44Z</published>
    <updated>2016-07-19T12:16:27Z</updated>

    <summary>Ein wunderbares Wirtshaus schließt. Warum berührt uns das so?...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Ein wunderbares Wirtshaus schließt. Warum berührt uns das so?
        <![CDATA[<div>Die „Alpenrose" sperrt zu. Gerechnet ab heute, Samstag, hat das Traditionsrestaurant an der Fabrikstraße 12 noch eine schwache Woche Normalbetrieb, Montag und Dienstag „Wirtinnensonntag", Mittwoch, Donnerstag, Freitag geöffnet, dann gibt es noch ein Aufessen und ein Austrinken, und im stumpfen Licht eines weiteren Sommertags kommt dann schon der unsentimentale Möbelwagen, um das Zeug abzuholen, die Holztische mit ihren blank gescheuerten Oberflächen, die dunkelgrün gestrichenen Stühle, das Werbeplakat für Rössli-Zigarren, das Klavier, die Jukebox, die Gläser, Messer und Gabel, mit denen wir uns über jede Mahlzeit in diesem Haus hergemacht haben als wäre es die letzte. Jetzt ist es die letzte.</div><div>Ein gutes Wirtshaus ist eine geheimnisvolle Zentrifuge, eine Zeitmaschine. Du gehst als junger Mann hinein und kommst als alter Mann heraus. Wissen Sie, sagst du einmal zur Wirtin, ich hab jetzt einen Job ganz in der Nähe, das wird toll, und dass es dann in Wirklichkeit gar nicht so toll ist, musst du gar nicht erzählen, weil man es daran erkennt, mit wem du kommst und wie oft und mit welchem Gesicht. Stolz erscheinst du nach einer langen Pause zum ersten Mal mit deinem Baby, hältst es für selbstverständlich, dass es ausgiebig bewundert wird, und ein bisschen später lädt dich das Baby, weil es erwachsen geworden ist, zum ersten Mal seinerseits auf Pizokel ein und ihr teilt eine Flasche Bachtobel No2, und das Baby zahlt.</div><div>Die „Alpenrose" sperrt zu. Warum berührt mich das so? Warum berichten die Wirtinnen Katharina Sinniger und Tine Giaccobo, dass sich schon im Frühsommer, als die Ankündigung der finalen Sperrstunde die Runde gemacht hatte, Menschen, die sie gar nicht so gut kannten, mit Tränen in den Augen von ihnen verabschiedeten? Dass sich an der Bar, dort wo man die Rechnung bezahlt oder allenfalls noch ein letztes Herrgöttli nimmt, Dramolette abspielen, deren Pointe auf den unvermeidlichen Kloss im Hals zielt, auf eine Umarmung, die vielleicht persönlicher ist als die Beziehung, die man zum Menschen in Wahrheit hatte?</div><div>Natürlich werden die Schmorbraten und das gebratene Gemüse, die Pizokel, Malfatti und Schupfnudeln, die Zitronenravioli und das Ragout vom Puschlaver Lamm, die Caramelchöpfli und Schoggischnitten dem Quartier, dem Kreis, der Stadt fehlen. All diese Gerichte werden sogar schmerzlich fehlen, weil es ausgerechnet auf dem Sektor der bodenständigen, herzhaften, seelenvollen Regionalkulinarik in Zürich keinen gleichwertigen Ersatz für die „Alpenrose" gibt, keinen Ort, wo das Gemüse so gut ausgesucht und das Fleisch so perfekt geschmort ist und mit dem entscheidenden Löffel Butter am Ende sicher nicht gespart wird. Die fundierte und von einer vehementen Liebe zur helvetischen Wahlheimat befeuerte Kochkunst der fränkischen Einwanderin Tine Giaccobo hat während zweiundzwanzig Jahren „Alpenrose" einen bezaubernden Flirt mit der Perfektion hingelegt, und das wiegt bestimmt schwer auf der Ladefläche der Sentimentalitäten.&nbsp;</div><div>Auch dass es Wein für jede Stimmung gab, hat sein Gewicht, klar. Die Wirtin Katharina Sinniger kannte für alle Gelegenheiten die richtige Flasche aus der Schweiz. Am Anfang hatte man noch misstrauisch nachgefragt, ob man nicht ersatzweise etwas Molliges, Breitschultriges aus Italien haben könne oder aus dem befreundeten Nachbarland Frankreich, aber nachdem die Wirtin immer wieder etwas Feingestricktes, Helläugiges aus dem Thurgau oder dem Zürcher Oberland aufgetischt hatte, das überraschend, nein, sensationell gut gewesen war, hatte man sich dieser Grille der Wirtin gefügt und trank Schweizer Wein. Man trank ihn erst auf Bewährung, dann gern, und schließlich begann man ihn sogar ein bisschen zu lieben, so wie man die Wirtin zu lieben begann, wenn sie auf die Frage, welchen Wein man zum Schmorbraten nehmen solle, pfiffig über den Brillenrand lächelte und sagte, da hab ich was.</div><div>Aber reicht das alles aus, um einen Gast, der in all den Jahren ein paarmal da gewesen ist, zu motivieren, beim Abschied einem ihm fremden Menschen um den Hals zu fallen, ihn eine Sekunde lang zu drücken, wie man sein Kind drückt, das man gehen lassen muss? Ist die Tatsache, dass Wirtsleute ihren Job gut machen, ein plausibler Grund dafür, dass man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes nachweint, sobald sie sich in den Ruhestand verabschieden? Entspringt die Emotion, die man bei dieser Verabschiedung spürt, dem objektiven Verlust?&nbsp;</div><div>Die „Alpenrose" ist, um den großen Joseph Mitchell und dessen Porträt des New Yorker Originals „Old Mr. Flood" zu paraphrasieren, „keine einzelne" Beiz; „in ihr vereinigen sich Züge verschiedener alter" Beizen, die in der Schweiz ihr Dasein fristen und in denen wir unsere Zeit verbringen.</div><div>Wir weinen also um unsere eigene Kultur und die Lebenszeit, die vergangen ist, seit wir zum ersten Mal durch diese Tür hereinkamen, die Dimensionen des Raums vermaßen und den zupackenden, glasklaren Duft nach Essen (wobei sich dazu wahrscheinlich ein paar blaue Rauchschwaden von der Marlboro-Fraktion gemischt haben, die man jedoch gern vergisst und stalinistisch aus der Erinnerung tilgt) mit weit geöffneten Nüstern aufsogen? Erinnern wir uns daran, dass damals die Zukunft noch glänzte, wenigstens unsere, oder haben wir inzwischen gemerkt, dass Zukunft kein Guthaben ist, von dem wir beliebig viel abheben können?</div><div><br /></div><div>Als ich die „Alpenrose" zum ersten Mal besuchte, nistete ich mich sofort in der unübersehbaren Schönheit des Lokals ein. Traditionelle, sorgfältig gepflegte Holzvertäfelungen an den Wänden, mannshohe Doppelstockfenster, klassische Beizentische. Manche Tische waren weiß gedeckt, andere zeigten stolz ihre Oberfläche (die Wirtinnen erzählten mir später, dass es billiger gewesen sei, Tischblätter aus Sperrholz weiß einzudecken als neu schreinern zu lassen, allein das sei der Grund für die weißen Tischdecken gewesen, man habe es eigentlich lieber währschaft).&nbsp;</div><div>An der Wand hingen bunte Dinge, die ich nicht verstand, aber die zweifellos hierher gehörten, Blumenbilder, alte Reklameschildchen. Über das Schild mit dem protestantischen Schriftzug „Hüpftanz verboten" musste ich schmunzeln. Auf dem Balken, der den Speisesaal von der Eingangshalle trennt, entzifferte ich den in Fraktur geschriebenen Slogan „Ob Heide, Jud, oder Christ. Herein, was durstig ist". Von der Ironie dieser ökumenischen Einladung fühlte ich mich angesprochen.</div><div>Zuerst ging ich in die „Alpenrose" nur, um gut zu essen. Es gibt solche Funktionsgaststätten, du bekommst, was du bestellst, nicht mehr, nicht weniger. Bald aber ging ich in die „Alpenrose", weil mir etwas anderes ebenso viel zu bedeuten begann wie die Speisen auf dem Teller, auch wenn diese ohne jeden Zweifel alles ausstachen, was man in einer schweizerischen Quartierbeiz ohne aufgestellte Servietten bestellen konnte.&nbsp;</div><div>Da war auch das Licht, das warm durch die hohen Fenster fiel und Muster auf dem Holzboden zeichnete. Das Lächeln der Wirtin, die mich erkannte, aber meinen Namen noch nicht wusste (oder sich den Gruß per Namen, mit dem Wirten ihre Gäste adeln, für später aufhob. Auch das gehört übrigens zu den Feinheiten guter Gastgeber, dass sie wissen, wann sie ihren Gästen die richtige Portion Vertraulichkeit zumuten. An manchen Orten wirst du viel zu schnell wie ein Stammgast behandelt, und selbstverständlich nimmst du mangelnde Balance störend wahr; an manchen Orten - wie der von mir einseitig geliebten „Kronenhalle" - braucht es ein Rechnungsvolumen von 100.000 Franken oder einen Auftritt bei „Top Model", um beim Maître für einen Schimmer des Wiedererkennens zu sorgen - beides unerreichbar). Und da war das Nicken anderer Gäste, die man am selben Ort schon einmal gesehen hat und mit denen man ungeschaut etwas gemeinsam hat, nämlich eine Meinung: Man isst hier gut, nicht wahr? Und schön ist es auch, bis bald, wir sehen uns.</div><div>Kein Ort bündelt Biographien besser als das Wirtshaus. Ich sah Menschen an ihrem Tisch sitzen, und ich konnte sofort ihre Lebensgeschichten decodieren. Plötzlich hat der Typ, der sonst immer mit unmöglichen Cargohosen aufmarschiert ist, lange Hosen an und glattrasierte Wangen, und er säuft nicht Paulbier mit seinem Kumpel, sondern Wein mit einer jungen, adretten Frau, die ihn verdächtig lächelnd mustert und ihrerseits gerade einen Film ablaufen lässt (ich kann ihn wie eine Denkblase im Comic direkt über ihrem Kopf schweben sehen): Wie wäre denn so ein Leben mit dem da? Ach. Seufz.</div><div>Über einem anderen Tisch an einem anderen Tag ziehen dunkle Wolken auf. Dort sitzen zwei Gesichter, die einander so gut kennen, dass sie sich nicht mehr verstellen müssen. Sie verhandeln Elementares, du merkst es daran, dass sie vom Essen, das freundlich wie immer serviert wird, eher belästigt als aufgeheitert werden. Als wenig später die eine aufsteht, ein paar kleine Scheine auf den Tisch wirft und nur der Wirtin einen Abschiedsgruß zuflüstert, ist man Zeuge eines Ermüdungsbruchs geworden. Wortlos wandert ein klares Getränk an den halb verwaisten Tisch, mehr Zuwendung wäre zu viel. Mir fällt dazu das geniale Gedicht von Theodor Kramer ein, auch wenn das Getränk nicht stimmt und der Mann eine Frau ist:</div><div><br /></div><div>„Wann immer ein Mann trifft auf einen,</div><div>der im Winkel sitzt, stumm und allein,</div><div>so schuldet, so sollte ich meinen,</div><div>er ihm ein Glas Bier oder Wein.</div><div><br /></div><div>Bis die Augen nicht unstet mehr wandern</div><div>und sich aufhellt das bittre Gesicht;</div><div>dies schuldet ein Mann einem andern,</div><div>aber zuhören muß er ihm nicht."</div><div><br /></div><div>Beim nächsten Besuch dann die Auskunft: Ja, die beiden haben sich wirklich getrennt, hier, vor Publikum.</div><div>Die Wirtinnen und die Lebensgeschichten ihrer Gäste in Mahlzeiten. Tauffeier, Maturafeier, Verlobungsfeier (ein- und derselben Person). Gäste, die immer weniger essen und eines Tages nicht mehr kommen, nie mehr kommen. Stammgäste, die nach einem Knatsch im Nirwana des Draußen verschwinden. Prominente, die zuerst ihre Bedeutung im Gesicht tragen und erst später ihr eigenes Gesicht.&nbsp;</div><div>Die Zentrifuge der Zeitmaschine springt an. Erinnerungen aus dem Inneren der Gaststube kochen hoch. Betroffenheiten, Schnurren und Triviales mischen sich auf aberwitzige Weise, und du kannst hören, wie die Wirtin einmal Auskunft über dich selbst geben würde, nein, ich weiß auch nicht, der ist schon lange nicht mehr da gewesen. Oder: Schauen Sie, da drüben sitzt er ja, nur seine Haare sind ein bisschen grau geworden.&nbsp;</div><div>Wirten sind Freunde auf Zeit, so wie das Wirtshaus temporäre Heimat ist. Sie sind da, wenn man sie braucht, und wir brauchen sie ja nur selten, damit sie unseren Liebeskummer mit einem Glas Schnaps lindern. Meistens brauchen wir nur ein bisschen mehr Sauce oder ein Stück Brot, im schlimmsten Fall haben wir das Portemonnaie vergessen und müssen für diesmal anschreiben lassen - in diesem Fall empfiehlt es sich übrigens, wenn die Wirtin unseren Namen doch schon einmal gehört hat.</div><div>Meine Bilanz mit der „Alpenrose" ist ausgeglichen normal und erschütternd persönlich. Ich lernte auf Tisch sechs einen Kollegen kennen, mit dem ich heute eng befreundet bin. Wir hatten uns nicht von ungefähr in der „Alpenrose" verabredet, und seither haben wir so viel Zeit wie möglich an der Fabrikstrasse verbracht (von den 19.800 Kilogramm Pizokel, die Tine Giaccobo während 22 Jahren in der Küche geknetet hat, haben wir sicher zwanzig verzehrt, jeder von uns).&nbsp;</div><div>Ich wurde mitgenommen in die Beiz, dann brachte ich Leute mit in die Beiz, manchmal in kurzen, manchmal in langen Abständen. Die Wirtinnen waren immer da. Den beiden gelang das paradoxe Kunststück, völlig resistent gegen kulinarische Zeitgeist-Dogmen zu sein, und trotzdem mit ihrem Qualitätsgespür Zeitgenossenschaft zu beweisen. Trends gingen an der „Alpenrose" spurlos vorüber. Nur die erprobte, ausgewogene Philosophie blieb, Einfaches maximal gut zuzubereiten. Und natürlich diese massive Menschlichkeit. Wenn ich jemand nach einem Konzept für ein neues Wirtshaus fragen würde: Es wäre dieses.</div><div><br /></div><div>Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass ich Stammgast war. Dieses Etikett verdienen die Gäste, die buchstäblich jede Woche einmal zur selben Zeit am selben Tisch sitzen und die Speisekarte studieren, um sich aus dem Vertrauten das Überraschendste auszuwählen. Wenn es Gelegenheitsstammgästen wie mir schon so schwer fällt, Abschied von der Beiz zu nehmen, wie geht es denen?&nbsp;</div><div>Ich war mit vielen Freunden in der „Alpenrose". Allen leuchtete die Wirtschaft mit ihrem speziellen Charakter ein, zum Glück. Eine Beiz, wohin man Menschen einlädt, ist auch ein kleiner Nebenschauplatz deiner eigenen Seelenlandschaft, und du bist nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber.</div><div>Einer dieser Freunde, mit denen ich hier gebratene Perlhühner abnagte, lebt nicht mehr. Hinter den Tischen, wo wir damals hockten, kann ich noch den Schatten sehen, den er damals warf. Die Beiz wird ihrer Aufgabe als Zeitmaschine jedes einzelne Mal gerecht. Aber wenn die Zeitmaschine im stumpfen Licht jenes nahen Sommertags demontiert wird, werden sich auch die dort gespeicherten Erinnerungen auflösen und transzendieren.&nbsp;</div><div>Allein meine eigenen Erinnerungen kleben wie ein imaginärer Firnis an der Holzverschalung dieser Wirtschaft. Darüber und darunter liegen die unzähliger anderer Gäste. Die Beiz ist im Endeffekt ja nichts anderes als die Summe all dessen, was hier gelacht und geliebt und gefeiert und geträumt und gestritten und gelästert wurde. Es gibt Kneipen, deren Bilanz diesbezüglich tief im Groben steckt, vielleicht sind die Stammgäste auch entsprechend froh, wenn der Wirt eines Tages ohne Angaben von Gründen den Schlüssel zweimal umdreht und verschwindet.</div><div>Aber hier ist das anders. Die Leute, denen es gelungen ist, ein letztes Mal einen Tisch zu reservieren, sitzen lange nach dem Essen noch auf den grün gestrichenen Stühlen, lassen den Kopf in den Nacken fallen und versuchen, sich die „Alpenrose" einzuprägen, Detail für Detail, so wie man ein Gedicht auswendig lernt oder ein Lied, zum Beispiel „Scenes from an Italian Restaurant" von Billy Joel:</div><div>„A bottle of white, a bottle of red</div><div>Perhaps a bottle of rose instead</div><div>We'll get a table near the street</div><div>In our old familiar place</div><div>You and I, face to face, mmm"</div><div><br /></div><div>Mmm.</div><div><br /></div><div><br /></div><div>Tine Giaccobo und Katharina Sinniger sind ab nächster Woche nicht aus der Welt. Sie beziehen in der Nähe ihres ehemaligen Restaurants einen Büroladen namens „Zentrale" und verwalten von dort die Geschäfte ihrer Zweigstellen, des „Limmatlädeli" mit seiner Suppenküche , der Crêperie „Babette" und der Speiseeisherstellung „Eisvogel". Man wird sie wahrscheinlich in der Migros am Limmatplatz treffen, und vielleicht auch auf irgendeinem Fußballplatz, wo die Frauen tschutten, die sie mit „Alpenrose"-T-Shirts unterstützen und die, wie man sagt, nicht ihre beste Saison spielen. Außerdem arbeitet Tine Giaccobo an einem Kochbuch namens „Jetzt müsst Ihr selber kochen", das erklärt sich einerseits von selbst, umfasst aber andererseits sämtliche Rezepte aus 22 Jahren „Alpenrose", so dass man zu Hause wenigstens das Echo dieser Zeit nachkochen kann. Und ja, es gibt viele plausible Gründe, ein legendäres Restaurant nach zweiundzwanzig Jahren Dauerbetrieb zu schließen und einmal auf sich selbst zu schauen.&nbsp;</div><div>Es gibt aber mindestens so viele Gründe, sich darüber zu beklagen. Ein Ort, der so vielen von uns die Hand geboten hat und uns zum Träumen verführte, wird demnächst entladen und zurück auf Null gestellt. Wollen wir hoffen, dass wir noch einmal so einen Ort finden, an dem wir auf so angemessene Weise willkommen sind.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Durch dick und dünn</title>
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    <published>2016-03-25T13:14:12Z</published>
    <updated>2016-03-25T13:39:56Z</updated>

    <summary>Als Beilage zum Osterschinken: Eine kleine Kulturgeschichte unseres Umgangs mit dem Schwein....</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Als Beilage zum Osterschinken: Eine kleine Kulturgeschichte unseres Umgangs mit dem Schwein.
        <![CDATA[<div>Der Osterschinken ist ein sensibles Stück Fleisch. Es stammt vom Schwein, von dessen hinterer Hamme. Die Hamme wird zuerst gesalzen, dann gekocht und schließlich geräuchert. Das sind differenzierte Kulturtechniken: Zu viel Salz, und der Schinken ist verdorben. Zu viel Rauch, und alle seine Feinheiten sind überdeckt. Weil wir uns darüber hinaus längst an die prächtige hellrosa Farbe des Beinschinkens gewöhnt haben, erfolgt das Einsalzen über eine Nitritsalz-Dextrose-Lake - wir wollen schließlich keinen grauen Schinken auf den Tisch bekommen, wenn wir zum Beispiel die Auferstehung Christi feiern.</div><div><br /></div><div>Zu Ostern wird Schinken auf vielfältige Weise serviert. Er beendet klassischerweise die Fastenzeit. Gern bäckt man ihn in Brotteig ein, jedenfalls kombiniert man ihn mit harten Eiern und Cornichons. Dazu gibt es süßes oder saures Brot.&nbsp;</div><div><br /></div><div>In manchen Gemeinden des Alpenraums wird der Schinken in der Karwoche in die Kirche getragen, damit der katholische Pfarrer das Fleisch weihen kann. Damit wird der Moment des ersten Fleischgenusses nach vierzig Tagen Fastenzeit mit einer gehörigen Portion Pathos gewürzt. Man erinnert sich, wenigstens in der Theorie, des letzten Abendmahls, der Kreuzigung und Grablegung Jesu und feiert die Auferstehung des Fleisches paradoxerweise durch den Verzehr von Fleisch.</div><div><br /></div><div>Auch wenn für den Hauptgang oft ein Lamm in den Ofen geschoben wird („Lamm Gottes", steht bei Johannes 1,29: „das die Sünde der Welt hinwegnimmt"). Besonders interessant für unseren Umgang mit Fleisch ist die Rolle des Schweins. Denn kein Tier ist uns so ähnlich und stößt uns so ab. Für kein Tier haben wir so viele Anzüglichkeiten und Beschimpfungen übrig. Und kein Tier übt kraft seiner schieren Existenz eine so mächtige Wirkung auf uns aus, und damit meine ich nicht die Drängerei an der Fleischtheke, wenn die frischen Blut- und Leberwürste für die Schlachtplatte eintreffen.</div><div><br /></div><div>Zum Beispiel lehnen viele der 1,57 Milliarden Muslime und 15 Millionen Juden, die derzeit auf der Welt leben, den Genuss von Schweinefleisch ebenso vehement ab wie der Teufel einen Schluck Weihwasser. Weil es nämlich geschrieben steht.</div><div><br /></div><div>Das Alte Testament liefert im 3. Buch Mose klare Speisevorschriften: „Alle Tiere die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. Jedoch dürft ihr von den Tieren, die wiederkäuen oder gespaltene Klauen haben, folgende nicht essen: Ihr sollt für unrein halten das Kamel, weil es zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten den Hasen, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut. Ihr dürft von ihrem Fleisch nicht essen und ihr Aas nicht berühren; ihr sollt sie für unrein halten" (Lev 11, 3-8). &nbsp;</div><div><br /></div><div>Im selben Schwung wird auch der Verzehr diverser Wassertiere, Insekten und Kriechtiere verboten. Auch Vögel wie von Adler bis Fledermaus (die zwar kein Vogel ist, aber gleichwohl nicht gegessen werden darf) stehen auf dem Index. Aber nur die Unreinheit des Schweins wird wiederholt, das Verbot seines Verzehrs also wirkungsvoll bekräftigt (Lev 11,26).</div><div>So systematische Speiseverbote hat der Koran nicht zu bieten. Dafür heißt es in der 2. Sure ganz konkret: „Verboten hat Er euch nur [den Genuss von] natürlich Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber etwas anderes als Allah angerufen worden ist."(2,173). In der 5. Sure wird dieses Verbot erneuert und um den Genuss von „Ersticktem, Erschlagenem, zu Tode Gestürztem oder Gestoßenem, und was von einem wilden Tier gerissen worden ist - außer dem, was ihr schlachtet - und was auf einem Opferstein geschlachtet worden ist" ergänzt (5,3).&nbsp;</div><div>Außerdem wartet der Koran in der 6. Sure im Gegensatz zur Bibel wenigstens mit einer Art Erklärung für das Verbot von Schweinefleisch auf: Sein Genuss sei verboten, weil es „tatsächlich schmutzig ist". Damit taucht zum ersten Mal so etwas wie ein rationales Argument auf.&nbsp;</div><div>Tatsächlich befand der Rabbi, Philosoph und Arzt Moses Maimonides erst im 12. Jahrhundert, dass man das Schwein „wegen seiner großen Unreinlichkeit" und deshalb nicht essen dürfe, „weil es sich von abscheulichen Dingen nährt." Maimonides spielte darauf an, dass das Schwein ein Kotfresser sei („Das Maul eines Schweins gleicht überlaufendem Unrat"). Das ist zwar im Lichte der Tatsache, dass auch Hunde, Ziegen und Hühner im Bedarfsfall Kot fressen, keine ausreichende Erklärung für der Verbannung des Schweinefleischs vom Speiseplan, aber immerhin der Versuch, die göttliche Weisung mit rationalen Fakten zu unterfüttern.</div><div>Schweinefleisch, erklärte der Rabbi weiter, „enthält mehr Feuchtigkeit als nötig und zu viele überflüssige Stoffe", deren „schädlicher Charakter" für ihn „offensichtlich" sei.</div><div>Medizinisch haltbar wurde das von Maimonides skizzierte Erklärungsmuster erst im Jahr 1859, als der medizinische Zusammenhang zwischen der parasitären Infektionskrankheit Trichinose und dem Verzehr von rohem oder schlecht gegartem Schweinefleisch nachgewiesen wurde. Spitzfindige jüdische Theologen regten daraufhin an, das Fleisch mit der gebotenen Sorgfalt zu garen, dann müsse man den Konsum von Schweinefleisch nicht mehr verbieten, das Fleisch schmecke schließlich köstlich.</div><div><br /></div><div>Damit handelten sich die kulinarischen Befreiungstheologen umgehend den Zorn ihrer orthodoxen Kollegen ein, wie der Anthropologe Marvin Harris in seinem Buch „Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus" anmerkt. Die waren von der Vorstellung entsetzt, Gottes Gesetz zu einem „zweitrangigen medizinischen Text" degradiert zu sehen. Die Essvorschriften, so Harris, müssten „als Zeichen der Unterwerfung unter den göttlichen Willen trotz allem" befolgt werden.</div><div><br /></div><div>Schweine nehmen in der Viehzucht eine Sonderstellung ein. Wiederkäuer wie Kühe, Ziegen oder Schafe fressen Gras, Blätter und Buschwerk, Pflanzen, die für den menschlichen Metabolismus ungeeignet sind. Der Mensch muss seinen Nutztieren also keine Nahrungsmittel zur Verfügung stellen, die er selbst essen könnte. Trotzdem bekommt er von ihnen Milch, Fleisch und Dünger für die Landwirtschaft.</div><div><br /></div><div>Schweine hingegen sind Allesfresser. Ihr Verdauungsapparat ist dem Menschen ähnlicher als dem aller anderen Säugetiere (was auch in anderen Zusammenhängen von Bedeutung ist, aber davon später). Wer im Nahen Osten Schweine halten wollte, musste für ihre Ernährung sorgen. Darüber hinaus - und damit sind wir wieder bei den Spezifika, die auf die Texte im Alten Testament und Koran zweifellos Einfluss hatten - sind Schweine für ein Leben im heißen, trockenen Klima des Nahen Ostens ziemlich ungeeignet. Sie bevorzugen ein Leben im Schatten, lieben die Früchte des Waldes und schützen sich vor der Hitze. Da sie keine funktionsfähigen Schweißdrüsen besitzen, sind sie auf Kühlung von außen angewiesen. Schweine können sich zwar wie Hunde durch intensives Hecheln Abkühlung verschaffen, darüber hinaus aber suhlen sie sich mit Vorliebe in Wasser und Schlamm, um die innere Hitze nach außen abzuführen.&nbsp;</div><div>Physikalische Versuche haben gezeigt, dass der kühlende Effekt von Schlamm größer ist als der von Wasser. Deshalb ist das Schwein schmutzig. Seine gesteigerte „Unreinheit", das Sich-Wälzen in den eigenen Fäkalien und dem eigenen Urin, erklärt sich meistens aus der Abwesenheit von Schlamm. Bei Außentemperaturen über dreißig Grad benetzen sich Schweine notwehrmäßig mit ihren Ausscheidungen, damit sie keinen Hitzschlag erleiden.&nbsp;</div><div>Schweinefleisch wurde auch deshalb zum Tabu erklärt, sagt der Philosoph Thomas Macho, weil Religionen an Stärke gewinnen, „wenn sie den Menschen Hilfestellungen bei Entscheidungen leisten, die im Einklang mit existierenden nützlichen Verhaltensweisen stehen, aber nicht so völlig selbstverständlich sind, dass jeder Zweifel oder jede Versuchung von vornherein ausgeschlossen ist."</div><div><br /></div><div>Durch Abholzung von Wäldern und die zunehmende Versteppung der Landschaft wurde die ökologische Nische für die Schweine des Orients zusehends kleiner. Trotzdem wurden Schweine gezüchtet, wie das Neue Testament berichtet. Bekanntlich fordert Jesus in der Bergpredigt dazu auf, das Heilige nicht dadurch zu entweihen, dass man seine „Perlen vor die Säue" werfe, „damit sie [die Schweine] nicht etwa mit ihren Füßen sie zertreten" (Matthäus 7,6). Hunde kommen in dieser zum Sprichwort gewordenen Anweisung übrigens auch nicht gut weg.&nbsp;</div><div><br /></div><div>An anderer Stelle werden Schweine zu unfreiwilligen Hauptdarstellern einer exorzistischen Episode. Als Jesus dem Besessenen „Legion" begegnet (dessen Namen darauf hinweist, dass er sich für mehr als einen hält), befiehlt der den Dämonen, die den Legion bewohnen, dessen Körper zu verlassen und in eine Schweineherde zu fahren, die gerade zufällig in der Nähe ist. Mehrere hundert Schweine galoppieren anschließend über einen Abhang in einen See und ertrinken samt den Dämonen.</div><div><br /></div><div>Die historische Tabuisierung der Schweine hat im Industriezeitalter längst ihren praktischen Nutzen eingebüsst. Die Tabus haben sich verselbstständigt. Sie sind zu Distinktionsmerkmalen geworden, wobei es etwa an der Demarkationslinie der diesbezüglich gleichgesinnten Muslime und Juden zu grotesken Verwerfungen kommt. Im Konflikt zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Befreiungskämpfern drohen die einen den anderen, ihre im Krieg Gefallenen in Schweinehäuten zu bestatten, um ihnen auf diese Weise den Eintritt ins Paradies zu verwehren.</div><div><br /></div><div>Auf ähnlich drastische Weise begründet übrigens der 2011 verstorbene Schriftsteller und Provokateur Christopher Hitchens seine Theorie des Schweintabus. Hitchens macht er auf die außerordentliche Nähe, die Mensch und Schwein verbindet, aufmerksam: „Feuerwehrleute essen für gewöhnlich nicht gerne Schweine- oder Krustenbraten. In der Landessprache Neuguineas und andernorts war der barbarische Ausdruck für gegrilltes Menschenfleisch ,langes Schwein'. Ich selbst habe dieses Geschmackserlebnis nie gehabt, doch offenbar schmecken wir, als Gericht, ganz ähnlich wie Schweine."</div><div><br /></div><div>Hitchens sucht den Grund dafür, dass Menschen sich zum Schwein besonders hingezogen und besonders abgestoßen fühlen, im „anthropomorphen Ursprung" des Tiers: „Das Aussehen des Schweins, der Geschmack des Schweins, die Todesschreie des Schweins und die offensichtliche Intelligenz des Schweins erinnerten allzu unangenehm an den Menschen. Die Porcophobie - und die Porcophilie - hat demnach wahrscheinlich ihren Ursprung in der düsteren Zeit der Menschenopfer und sogar des Kannibalismus, auf den ,heilige' Texte verschiedentlich recht deutlich hinweisen."</div><div><br /></div><div>In dieser drastischen Verbundenheit, meint Hitchens, liege auch das jüdische und muslimische Tabu begründet.</div><div>Wie sehr Menschen und Schweine einander gleichen, hat auch Hitchens Landsmann George Orwell in der berühmten Apotheose seiner „Animal Farm" beschrieben: „Zwölf Stimmen schrieen zornig, und alle klangen sie gleich. Und jetzt stand außer Frage, was mit den Gesichtern der Schweine passiert war. Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch war es bereits unmöglich zu sagen, wer was war."</div><div><br /></div><div>Diese verblüffende Ähnlichkeit, die von Orwell moralisch interpretiert wurde, hatte übrigens reale Auswirkungen auf die Medizingeschichte. Im alten Ägypten wurde fein geriebener Schweinezahn gegen Husten, Schweineaugen gegen Blindheit und Schweinekot gegen Gefäßschwäche verschrieben. In den europäischen Kulturen galt Schweinschmalz als ideale Basis für alle möglichen Salben und Pasten, mit denen man Verstauchungen, Geschwüre oder Fieber behandelte. Männer verwendeten Schweinefett auch zur Syphilisprophylaxe. Schweineblut sollte gegen Epilepsie helfen (wie auch das Blut Erhängter, aber das ist eine andere Geschichte), und die pulverisierten Hoden des Ebers wurden von Frischvermählten nachts, in Wein aufgelöst, geschlürft, um die Zeugungsfähigkeit zu erhöhen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>&nbsp;Diese Methoden waren eher parawissenschaftlich und forderten sowohl Patienten als auch Angehörigen einiges an Leidenskraft ab, speziell wenn bei Verstopfung gerösteter Schweinekot verabreicht und bei Koliken „Koth frisch in die Nase gerieben" wurde.</div><div><br /></div><div>Gleichzeitig aber dienten die Kadaver von Schweinen den frühen Anatomen als dringend benötigtes Anschauungsmaterial. Das Sezieren menschlicher Leichen war zwischen 150 v. Chr bis zum Ende des 13. Jahrhundert verboten, stattdessen wurden Affen und Schweine zerlegt. Der griechische Arzt Galen gewann seine anatomischen Kenntnisse auf der Basis von Sektionen und Vivisektionen an diesen Tieren, vornehmlich Schweinen, und prägte mit seinen schnell kanonisierten Schriften für mehr als 1200 Jahre ein Missverständnis des menschlichen Körpers. Ärzte des Mittelalters stützten sich, wenn sie das Innere des Menschen gemäß der Galenschen Anatomie behandelten, auf das Innere des Schweins. Erst dem flämischen Rennaissanceanatomen Andreas Vesalius fiel auf, dass Galen wohl nie einen Menschen seziert hatte.</div><div><br /></div><div>Auch wenn dieses epochale Missverständnis nach mehr als tausend Jahren aufgeklärt wurde, erwies sich die anatomische Verwandtschaft von Schwein und Mensch weiterhin als eng. Die endokrinologische Forschung fand heraus, dass sich das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse des Schweins nur in einer einzigen Aminosäure vom menschlichen Insulin unterscheidet. Das gewährleistete, bevor vor wenigen Jahren die Herstellung von Insulin synthetisch gelang, die Versorgung von Millionen Diabetikern mit lebenswichtigem Insulin von Schweinen.</div><div>Auch in der Transplantationsmedizin spielten und spielen Organe von Schweinen eine entscheidende Rolle, die in Zukunft vielleicht noch herausragender sein wird. Herzklappen vom Schwein sind bereits heute in der Humanmedizin bessere Alternativen als mechanische Ersatzteile. Auch an der Transplantation ganzer Schweineherzen und -nieren wird intensiv gearbeitet. Derzeit laufen Versuchsreihen mit genetisch veränderten Tieren, deren Organe keine Abstoßungsreaktionen mehr hervorrufen sollen.&nbsp;</div><div><br /></div><div>„Die Geschichte der Beziehung zwischen Schwein und Mensch stößt allein schon durch die Möglichkeit einer erfolgreichen Transplantation vom Schwein zum Menschen in völlig neue Dimensionen vor", merkt der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits hellsichtig an, „die manchen vielleicht beim bloßen Gedanken daran schaudern lassen und an die als Chimären bezeichneten Fabelwesen der griechischen Sage erinnern oder Assoziationen mit manchen modernen Horrorgeschichten wachrufen. Andererseits wird ein Mensch, sofern das in Zukunft möglich sein sollte, ein Weiterleben mit Schweineorganen seinem frühen Tod vielleicht doch vorziehen."</div><div><br /></div><div>Schon wieder stürzen wir in ein moralisches Dilemma. Werden wir in Zukunft Herz und Nieren aus dem gesunden Schwein entnehmen, damit sie in unseren Körpern unser Blut kreisen lassen und den Stoffwechsel regeln? Und werden wir den Rest des Tiers beim Metzger abliefern, damit er uns die Koteletten und den Schinken möglichst schmackhaft zubereitet? Oder wird das Schwein vielleicht doch die Rolle des Hundes als bester Freund des Menschen übernehmen, wenn es diesen an existenzieller Nützlichkeit in den Schatten stellt?</div><div><br /></div><div>Schließlich sind Schweine über ihre Nähe zum Menschen hinaus mit vielen guten Eigenschaften bedacht. Sie können hervorragend riechen und hören. Sie haben einen guten Geschmackssinn. Ihr Gedächtnis ist überdurchschnittlich gut. Sie lieben es, vor Herausforderungen zu stehen, die sie lernend bewältigen können. Schweine schätzen die Gemeinschaft, fressen und schlafen am liebsten in Gruppen. Sie sind neugierig, aber auch schreckhaft. Auf plötzlichen Schmerz reagieren sie mit lauten, hohen Schreien.</div><div><br /></div><div>Schweine, schreibt die Publizistin Cora Stephan in ihrem Artikel „Memoiren einer Schweinezüchterin", „sind ideale Hausgenossen. Sie durchstöbern die Mischwälder nach Eicheln, Eckern, Kastanien und Pilzen. Sie fressen Würmer, Engerlinge, Insektenlarven und erlegen schon mal Mäuse oder andere Nager. Sie stellen ihre prächtige Nase in den Dienst der Trüffelsuche, lassen sich als Rauschgiftspürschwein und sogar als Jagdsau mit Vorstehqualitäten ausbilden. Sie sind klug wie Delphine, zart und ausdauernd in der Liebe und sensibel genug, um es nicht mit jedem oder jeder zu treiben. Sie sind verspielt und genusssüchtig, frech und anhänglich, gute Läufer, ausgezeichnete Schwimmer und wären des Menschen bester Freund, erschräke dieser nicht vor seiner Ähnlichkeit mit dem sprachgewandten Borstentier. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ähnlichkeit zu erbitterter Feindschaft geführt hätte."</div><div><br /></div><div>Die Geschichte der Domestikation des Schweins durch den Menschen ist etwa 8000 Jahre alt. Sie begann in verschiedenen Regionen Asiens. Früheste Knochenfunde des Hausschweins stammen aus der chinesischen Ci-shan-Kultur. Große Herden von Hausschweinen lebten vor 5000 Jahren im alten Ägypten, in dessen Totenkult Ferkel als Grabbeigaben dienten. Auf historischen Abbildungen sieht man Schweinehirten, die einem Ferkel vorgekaute Nahrung von Mund zu Mund zuführen, aber in den „Historien" des Herodot wird berichtet, dass die Tiere nur ein niedriges Ansehen besaßen und als „unrein" galten, was auch auf die Schweinehirten abfärbte, die als einzige Ägypter den Tempel nicht betreten durften.&nbsp;</div><div><br /></div><div>In der griechischen Kultur spielen Schweine und ihre Hirten eine ganz entgegengesetzte Rolle, wenigstens nach den Erzählungen von Homer. Dessen Schweinehirt Eumaios tritt in der „Odyssee" nicht nur heldenhaft, sondern geradezu göttlich auf, als er Odysseus im Kampf gegen die Freier unterstützt. Zu Beginn des vierzehnten Gesanges beschreibt Homer dabei ganz genau, wie Eumaios seine Schweine hält (zwölf mal fünfzig Mutterschweine mit ihren Ferkeln plus 360 Eber) und wie er Odysseus verpflegte: er trug zwei Ferkel herbei „und schlachtete und sengte und zerhieb sie beide und stecke sie an Bratspieße. Und als er alles gebraten hatte, trug er es herbei und setzte es dem Odysseus vor, noch heiß, mitsamt den Spießen, und streute weißes Gerstenmehl darüber und mischte honigsüßen Wein in einem Holznapf und setzte sich ihm selber gegenüber und forderte in auf und sagte zu ihm: ,Iss, Fremder, jetzt, was für die Knechte da ist: Gebratenes vom Ferkel - die fetten Schweine essen ja die Freier.'"</div><div>Darüber, wie eng Schweine und ihre Hirten einander in der römischen Kultur verbunden sind, erzählen Plinius der Ältere und Claudius Aelianus in einer bezeichnenden Anekdote: Als ein Piratenkutter an der Küste anlegt und in räuberischer Absicht eine Schweineherde auf das Schiff treibt, müssen nach dem Ablegen nur die Hirten nach ihren Tieren rufen. Weil die Schweine den Stimmen ihrer Hirten energisch folgen, drängen sie sich auf die dem Land zugewandte Seite des Schiffes, worauf dieses kentert und untergeht. Da die Schweine, wie wir wissen, hervorragende Schwimmer sind, kehren sie mit Leichtigkeit ans Land zu ihren Hirten zurück, wo ihnen freilich auch kein anderes Schicksal zugedacht ist als den Artgenossen in China, Ägypten oder Griechenland. Sie bekommen von den Menschen zu fressen. Dafür werden sie gefressen. Das war (und das ist) der Deal.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Aber das ist nicht alles. Das Schwein ist uns mehr als Schinken oder Braten. Es dient uns als Projektionsoberfläche. Wenn wir jemanden als „Schwein" beschimpfen, dann spielen wir vielleicht auf schlechte Tischmanieren an, die dem Fressverhalten des Schweins gleichen.</div><div>Vielleicht zielen wir mit dem Schimpfwort aber auch unter die Gürtellinie, denn wenn „das Schweinische" zur Metapher wird, ist oft die Sexualität gemeint. Vielleicht hat das mit der raschen Geschlechtsreife des Ebers zu tun, der bereits im Alter von drei Monaten für die Zucht eingesetzt werden kann, vielleicht mit der enormen Fruchtbarkeit der Sau, vielleicht aber auch mit dem Schmutz, in dem sich Schweine bekanntlich wohl fühlen, und der wiederum als Analogie für all das herhalten muss, was wir bei unseren Beschimpfungen auch ein bisschen meinen.</div><div>Schon die kirchlichen Moralapostel des Mittelalters erschreckten junge Frauen mit der Warnung, dass das Resultat unehelichen Geschlechtsverkehrs ein Ferkel sein könne - eine Idee, die Lewis Caroll auf charmante Art in seinem halluzinogenen Klassiker „Alice im Wunderland" aufnahm, wo sich das Kind der Herzogin als liebenswertes Schweinchen entpuppt - „Das arme kleine Ding schluchzte (oder grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden)".&nbsp;</div><div>Der Subtext zielt immer wieder auf die Auflösung der Grenzen zwischen Mensch und Tier. Wenn sich in Marie Darrieusecqs Roman „Schweinerei" die Protagonistin, eine junge Prostituierte, in ein Schwein verwandelt, verfließen diese endgültig: „Und ich hatte gefürchtet", sagt die Hauptfigur, „meine Wülste würden sie abstoßen, aber woher denn, kein bisschen...."&nbsp;</div><div>Die Nähe von Mensch und Tier liegt auch der Bedeutung des Schweins als Glückssymbol zugrunde. Die Gewissheit, mit dem Schwein im Stall gegen Hungersnöte gefeit zu sein, führte dazu, dass Artefakte, die Schweine darstellten, als Glücksbringer Verwendung fanden - ein Brauch, der zum Beispiel zu Silvester einen ganzen Industriezweig beschäftigt.</div><div>Da Glück oft auch mit Reichtum assoziiert wird, kam das Schwein zu einer Funktion, die wir inzwischen als klassisch ansehen: Es wurde zum Sparschwein befördert. Um das Schwein aus Porzellan oder Ton mit dem klassischen Schlitz auf dem Rücken, durch den Münzen ins Innere geworfen werden, kreisen übrigens viele, unterschiedliche Theorien. Eine besagt, die aus dem Fruchtbarkeitsmythos der Demeter bekannte Baubo liege der Erfindung zugrunde. Diese sei - wie von Goethe im Faust porträtiert - auf einem Schwein geritten und habe dabei ihre Vulva präsentiert. Der Schlitz des Sparschweins sei ein Echo dieser Erzählung.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Eine andere Theorie stammt aus England, wo Haushaltsgefäße, in denen Salz aufbewahrt wurde, „Pygg" hießen. In diesem Gefäß wurden immer öfter Münzen gesammelt, und der Name veränderte sich zu pig, Schwein. Die Baubo-Theorie ist, wie soll ich sagen, verführerischer.</div><div><br /></div><div>Das Schwein machte also eine zweite Karriere als Glücksbringer, Fruchtbarkeitssymbol, Romanheld oder Kinderspielzeug. Es zog in Gestalt der Drei kleinen Schweinchen, von Miss Piggy oder des Schweinchens namens Babe in die Kinderzimmer der westlichen Zivilisation ein und empfing in seiner niedlichen Interpretation die Liebe von Millionen Kindern.</div><div>Gleichzeitig verschwand es aus der öffentlichen Wahrnehmung, nicht aber von den Tellern. In der EU werden pro Jahr über hundert Millionen Tonnen Schweinefleisch produziert. Der Konsum von Schweinefleisch macht auch in der Schweiz, wo im europäischen Durchschnitt deutlich weniger Fleisch gegessen wird als zum Beispiel in Deutschland oder Österreich, die Hälfte der 52,4 Kilo aus, die pro Kopf verzehrt werden. Im Vergleich: In den USA, dem globalen Spitzenreiter in dieser Disziplin, beträgt die Fleischquote über 120 Kilo pro Kopf.</div><div><br /></div><div>Das Schwein bringt für diesen Bedarf eine ideale Eigenschaft mit: Es wächst ausgesprochen schnell und legt bei entsprechender Fütterung sehr schnell an Gewicht zu. Die für die Fleischwirtschaft wichtigen Parameter sehen ökonomisch günstig aus. Das Tier muss nur 18 Wochen lang gemästet werden, um den ihm zugedachten Zweck erfüllen zu können: getötet, zerteilt und gegessen zu werden.</div><div><br /></div><div>Einmal abgesehen davon, dass die Fleischwirtschaft viele Ressourcen in der Landwirtschaft bindet, die ökonomisch und ökologisch vernünftiger eingesetzt werden könnten, stellt die Industrialisierung der Schweinemast einen moralischen Tiefpunkt im Umgang des Menschen mit seinen nahen Verwandten, den Tieren, dar. Die Unterbringung von Schweinen in Industrieanlagen, in denen sich die Tiere nicht bewegen können, keinen Auslauf haben, ein Leben lang kein natürliches Licht sehen und kein Gras unter ihren gespaltenen Klauen spüren, im eigenen Druck liegen, bis die automatische Spritzanlage den Betonboden reinigt, nur fetter und fetter werden, bis der Schlachter kommt, ist ein andauernder Skandal, von Tierschützern konsequent beschrieben, aber von uns Konsumenten ebenso konsequent ignoriert.&nbsp;</div><div>Wer Schweineschnitzel für ein paar Franken pro Kilo im Supermarkt einkauft, macht sich an dem Skandal mitschuldig und sollte in erster Instanz zur Lektüre des aufrüttelnden Buches „Slaughterhouse" von Gail A. Eisnitz verurteilt werden, eine detaillierte und bei allen längst bekannten Details nicht minder schockierende Schilderung institutionalisierter Grausamkeit gegen Lebewesen.</div><div><br /></div><div>Der Philosoph Thomas Macho, dessen kluges und unterhaltsames Buch „Schweine. Ein Porträt" bedingungslos zu empfehlen ist, fasst diese Position gnadenlos zusammen: „Schlachttiere - und erst recht die Schweine, die von vornherein zur Tötung bestimmt waren - sind keine Haustiere mehr. Sie werden nicht genutzt, sondern unter grausamen Umständen verbraucht, sie wohnen nicht in Häusern, werden nicht wahrgenommen oder benannt."</div><div><br /></div><div>Die Scheibe Schinken, die beim Osterfrühstück auf dem Teller liegt, ist eine Delikatesse, sorgfältig gemacht, saftig und würzig. Aber sie kann eine ziemlich lange Geschichte erzählen.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Mir eh auch</title>
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    <published>2011-10-08T10:08:57Z</published>
    <updated>2012-04-23T09:24:00Z</updated>

    <summary>Es ist jetzt zehn Wochen her, dass mein Hund Barolo gestorben ist, es waren Wochen der Veränderung. Viele Gewohnheiten liefen plötzlich ins Leere. In der Früh aufzustehen und in die Küche zu gehen, um Tee aufzusetzen, war nicht mehr so...</summary>
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        Es ist jetzt zehn Wochen her, dass mein Hund Barolo gestorben ist, es waren Wochen der Veränderung. Viele Gewohnheiten liefen plötzlich ins Leere. In der Früh aufzustehen und in die Küche zu gehen, um Tee aufzusetzen, war nicht mehr so wie früher, wenn der hechelnde Schwarze plötzlich dastand, sich zu beschweren schien, dass er nicht wenigstens eine halbe Stunde länger schlafen durfte, und mir trotzdem die Schnauze in die Kniekehle stupste, geht&apos;s dir gut, Alter, mir eh auch. 
        <![CDATA[<div>Es ist eine radikale Entwöhnung, von heute auf morgen keinen Hund mehr zu haben. So viele Situationen des Alltags sind untrennbar verknüpft mit den Gedanken an deinen Hund, ob es das Begrüßen am Morgen ist, das Füllen des Napfes oder die obligatorische Gassi-Runde am Abend. Noch immer sträubt sich etwas in mir, abends die Schuhe auszuziehen, bevor ich noch mal auf die Gasse hinuntergegangen bin, aber außer mir will gerade niemand spätabends hinunter auf die Gasse, also ziehe ich mir die Schuhe dann doch aus, und jedes Mal gibt mir das einen kleinen Stich.</div><div><br /></div><div>Am härtesten trifft mich das Fehlen meines Schwarzen beim Spazierengehen. Ich hab total vergessen, wie man ohne Hund spazieren geht. Wo soll sich der Blick anhalten in dem breiten Panorama von Landschaft, wenn irgendwo vor mir nicht ein schwarzer Hund voranwackelt, stehenbleibt, schnuppert, zu graben beginnt, Witterung aufnimmt, einen Hasen weglaufen sieht, jägerisch zuckt, aber prophylaktisch resigniert, weil er weiß, dass er ihn eh nicht erwischt, und sich schließlich immer wieder umdreht, um zu schauen, ob der Lange auch noch immer da ist, der Spur folgt, die er, der Schwarze, gelegt hat, dem Weg, den er einschlägt, oder ob er, der Lange, eigensinnig woanders abbiegt als sonst, Achtung, wo ist er, wo ist er...</div><div><br /></div><div>Nun war, das haben mir die letzten Wochen eindrucksvoll gezeigt, der Barolo nicht nur mein Hund. Er war auch der Hund all jener, die unserem gemeinsamen Leben jede Woche für ein paar Minuten gefolgt sind, zu deren Ritualen es gehörte, sich regelmäßig in einer geborgten, in dieser Zeitschrift aufgeschriebenen Welt - meiner Welt, und der meines Hundes Barolo - umzutreiben und sich jede Woche ein bisschen besser darin auszukennen.&nbsp;</div><div>Für mich gehörte das Schreiben der „Barolo"-Kolumne zu meinem Wochenalltag wie der Besuch auf dem Rochusmarkt, um dort Gemüse einzukaufen - das Standl von der Frau Lorenz, das mit Abstand beste am Markt, hat übrigens, wie beziehungsreich, auch in diesem Sommer zugesperrt.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Das Schreiben fiel mir leicht, weil es direkt aus dem Erleben herausfiel. Sobald der Barolo irgendwo einen Mistkübel geplündert hatte, wusste ich, verdammt, den Dreck muss ich jetzt aufräumen, aber auch, gut, jetzt weiß ich, worüber ich diese Woche schreibe. Manchmal reichte es auch, wenn der Hund langweilig freundlich und anschmiegsam war, bis mir eine spezielle Stimmung einleuchtete, ein Fetzen von Atmosphäre, die Melodie eines Songs, ein Gefühl von Freude, von Sehnsucht, von Verbundenheit. Das wurde dann zur Geschichte der Woche.</div><div><br /></div><div>Nach der letzten Barolo-Kolumne, die Todesnachricht, Nachruf und Abschiedspost in einem war, langte viel mehr Post bei mir ein, als ich je erwartet hätte, viele hundert Mails, Briefe, Pakete. Ich bekam Anrufe von mir fremden Menschen, kurios wie jener des mir bis dato völlig unbekannten „Waterloo", aber vor allem kamen Emotionen bei mir an, tiefe, überwältigende Emotionen in analoger oder digitaler Form.&nbsp;</div><div><br /></div><div>Ich brauchte buchstäblich ein paar Wochen, um alle Mails lesen und schließlich beantworten zu können, in denen Menschen mir schilderten, wie sie die Nachricht von Barolos Tod empfangen und aufgenommen hatten, oft war von Tränen die Rede, Tränen am Frühstückstisch, im Auto auf dem Weg in den Urlaub, irgendwo in der U-Bahn, als statt der gewohnten Kolumne plötzlich „die Letzte" im Blatt stand. Das Echo fremder Traurigkeiten fügte meiner eigenen Traurigkeit, dem Abschiedsschmerz um meinen Gefährten, meinen Lebenshund Barolo, noch eine gehörige Portion Pathos hinzu.</div><div><br /></div><div>Ich möchte mich bei allen, die geschrieben haben, bedanken. Eure Post hat mich traurig gemacht und getröstet oder umgekehrt, die Gedichte von Pablo Neruda und Seamus Heaney genauso wie Eure eigenen Worte, die Geschichten Eurer Hunde, Katzen, Eurer Verluste, Eurer Strategien, mit dem Verlust eines Tieres umzugehen, nie mehr, sagen manche, einen Hund, noch einen Abschied halt ich nicht aus, sofort wieder, sagen andere, nur ein Hund, der da ist, verscheucht den Schmerz über einen Hund, der fehlt.&nbsp;</div><div>Die Aufforderungen, sofort einen neuen Hund zu nehmen und die Hund&amp;Herrl-Kolumne weiterzuschreiben, muss ich enttäuschen. Der Respekt für den Barolo, meinen schwarzen, sensiblen, lästigen Hovawart Barolo, ist stärker als meine Sehnsucht nach einem neuen Hund.&nbsp;</div><div>Wie lange das so ist, weiß ich nicht. Eines Tages werde ich sicher einen neuen Gefährten haben. Aber das braucht noch Zeit.</div><div><br /></div><div>Mir selbst habe ich die Freude gemacht, zur Erinnerung an meinen Schwarzen einen Sommerflieder in meinem Garten zu pflanzen. Der wird duften im nächsten Sommer, die Bienen und die Schmetterlinge anlocken, und dann werde ich irgendwo weit weg das Klacken von Barolos Kiefer hören, wie er nach den Bienen schnappt, und werde mich freuen, an die Zeit mit meinem Schwarzen zurückdenken zu können.</div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div><div><br /></div>]]>
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    <title>Die letzte</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.419</id>

    <published>2011-07-22T17:38:23Z</published>
    <updated>2011-07-22T17:39:55Z</updated>

    <summary>Das ist die letzte Kolumne über meinen Hund Barolo. Der Barolo ist tot, gestorben nach einer Herzattacke in der vergangenen Woche, ich war bei ihm, als er seine letzten Atemzüge machte, hatte meine Hände in seinem nassen Fell, dann war...</summary>
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        Das ist die letzte Kolumne über meinen Hund Barolo. Der Barolo ist tot, gestorben nach einer Herzattacke in der vergangenen Woche, ich war bei ihm, als er seine letzten Atemzüge machte, hatte meine Hände in seinem nassen Fell, dann war er tot, und ich ging und heulte meiner Frau die Schulter nass. 
        <![CDATA[<div>Meine Welt ist voller Erinnerungen an meinen Hund. Sein Napf, seine Wasserschüssel, seine Haare, die der Wind aus irgendwelchen Ecken des Gartens holt. Es fühlt sich falsch an, dass er nicht da ist, wenn ich aus dem Auto steige, dass er nicht nervös zu bellen beginnt, wenn ich mir die Schuhe anziehe. Wohin mit der Käserinde? Wer hebt das Stück Schinken auf, das auf den Boden fällt?</div><div><br /></div><div>Mein Hund war alt, seit Jahren blickte ich der Gewissheit ins Auge, dass der Tag kommen würde, aber als er da war, als der Barolo da lag und nicht mehr atmete, war es abrupt und zu schnell geschehen.&nbsp;</div><div>Ich habe die Jahre mit meinem Hund Barolo genossen. Ich habe es genossen, darüber in dieser Zeitung schreiben zu dürfen, ich bedanke mich bei Schriftleitung und Redaktion der „Freizeit" für die Treue, die nicht selbstverständlich ist. So entstanden fast 750 Barolo-Kolumnen. Danke, dass Sie dabei waren.</div><div><br /></div><div>Es wird mir abgehen, über den Barolo zu schreiben. Aber noch viel mehr wird mir der schwarze Hund abgehen, mein schwarzer Hund, seine feuchte Nase, sein Winseln, sein Gebell, wenn es läutet, sein Gebettel am Tisch, seine Freude, wenn wir in die Weinberge gehen, sein Glücksjaulen, wenn Freunde kommen. Das Geräusch, wenn er sich auf die Seite fallen lässt, um endlich zu schlafen.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Das Tüpfchen auf dem i</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.417</id>

    <published>2011-07-15T10:43:56Z</published>
    <updated>2011-07-15T10:44:29Z</updated>

    <summary><![CDATA[&nbsp;Als der Sommer kam, lag ich im Garten auf der Wiese und starrte in den Himmel. Der Himmel war schwarz, es war warm: die Wärme war von jener Qualität, die sanft und füllig, aber noch nicht feucht genug ist, um...]]></summary>
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        <![CDATA[&nbsp;Als der Sommer kam, lag ich im Garten auf der Wiese und starrte in den Himmel. Der Himmel war schwarz, es war warm: die Wärme war von jener Qualität, die sanft und füllig, aber noch nicht feucht genug ist, um ins Schwüle zu kippen. Nach und nach traten einzelne Sterne hervor. Ich sah dabei zu, wie sie heller wurden, sich zu einem gemeinschaftlichen Schimmer verbündeten, und dazu hörte ich nur das Rauschen des warmen Windes in der Krone des Nussbaums, während ich darüber nachdachte, welche Musik jetzt passend wäre.&nbsp; ]]>
        <![CDATA[<div>Anouar Brahems „Le Voyage de Sahar" ist nie falsch. Die Musik erzeugt so intensive Stimmung, dass ihre einzelnen Stimmen, ihre einzelnen Melodielinien hinter den Klang zurücktreten, und dieser Klang transportiert das Gefühl von Hitze und Weite und träumerischer Aufgehobenheit.</div><div>Aber auch „Rome" von Danger Mouse &amp; Daniele Luppi ist ein Kandidat. Der Sound dieses großartigen Albums befördert das Klima der Spaghetti-Western, denen Ennio Morricone den Klang verliehen hat, und übersetzt sie schwebend und mit den Stimmen von Jack White und Norah Jones in die Gegenwart, ganz intensiv, sehr berührend...</div><div>Ich starrte in den Himmel und hörte Musik, die ich gar nicht hörte. Plötzlich spürte ich an meinem rechten Unterarm etwas Warmes, Feuchtes, und ich fühlte mich im Kokon dieser Nacht viel zu aufgehoben, um erschrocken zu sein, und warum hätte ich auch erschrecken sollen, es war doch nur die Zunge meines Hundes Barolo, der die Schönheit des Augenblicks genauso auskosten wollte wie ich und daher meinem Unterarm eine freundliche, freundschaftliche Bussiwäsche verabreichte, es war das Tüpfchen auf dem i.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Rednecks</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.416</id>

    <published>2011-07-09T11:20:16Z</published>
    <updated>2011-07-09T11:24:55Z</updated>

    <summary>Mein Hund Barolo und ich spazierten am Supermarkt vorbei, bis uns plötzlich zwei breitnackige Köter im Weg standen, die zarter besaitete Gemüter als ich bestimmt als Kampfhunde bezeichnen würden. Als ich nach dem anderen Ende der Leine schielte, um meine...</summary>
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        <![CDATA[<div>Mein Hund Barolo und ich spazierten am Supermarkt vorbei, bis uns plötzlich zwei breitnackige Köter im Weg standen, die zarter besaitete Gemüter als ich bestimmt als Kampfhunde bezeichnen würden. Als ich nach dem anderen Ende der Leine schielte, um meine Bitte um Vorsicht adressieren zu können, sah ich, dass die Hunde frei waren. Irgendwer hatte sie vor dem Billa allein gelassen, und die Viecher gingen wie der Blitz auf den Barolo los, der quiekte wie eine Ente und sich sofort fallen ließ, und wenn ich nicht mit dem schweren Ende der Leine dazwischengegangen wäre, hätten die Köter meinen Barolo zum Lunch gefressen.</div><div><br /></div> ]]>
        <![CDATA[<div>Gegenüber von dem Billa ist ein Wirtshaus, dort gab es Eiernockerl zu Mittag, die hatten mich eh schon interessiert, aber jetzt bezog ich dort meinen Posten, und ich war so heiß, dass mir ein Käsbrot in der Hand zu Fondue zerlaufen wäre. Ich wollte wissen, welche Trotteln ihre Köter frei herumlaufen lassen, und ich war fest entschlossen, ihnen persönlich mitzuteilen, dass sie das bleiben lassen sollten.</div><div>Es gibt Klischees, die vor allem dann überraschen, wenn sie zutreffen, aber die beiden Typen, die dann aus dem Billa kamen, hatten nicht nur alle Tätowierungen, die man als Kampfhund-Asso braucht, sondern auch das Billa-Sackl, das bis oben mit Bierdosen voll war, ich nehme an, ihr Nachmittagsprogramm. Aber ich geigte ihnen trotzdem meine Meinung, und zwar mit unverminderter Hitze, meine Herren, und erst nachher, als die Eiernockerl kamen, kriegte ich Angst davor, mutiger gewesen zu sein, als ich bin, aber da war's schon passiert.&nbsp;</div>]]>
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    <title>Lass mich rein</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.414</id>

    <published>2011-07-01T20:02:01Z</published>
    <updated>2011-07-01T20:03:21Z</updated>

    <summary>Manchmal ändert mein Hund Barolo seine Gewohnheiten von heute auf morgen. Zum Beispiel hat er während der letzten zehn Jahre keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Nacht draußen im Garten verbringen möchte - die Nacht ist dort heller, der...</summary>
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        Manchmal ändert mein Hund Barolo seine Gewohnheiten von heute auf morgen. Zum Beispiel hat er während der letzten zehn Jahre keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Nacht draußen im Garten verbringen möchte - die Nacht ist dort heller, der Igel kann verbellt werden, der imaginäre Einbrecher abgewehrt, und wenn den Hund nach erfolgreich absolvierter R.E.M.-Phase das Bedürfnis überkommt, kann er aufstehen und, umwölkt von Buschwindröschen, in die Botanik pischen, um sich anschließend wohlig auf dem Rasen zu räkeln und auch noch das Fürzlein loszuwerden, der gerade noch gedrückt hat. 
        <![CDATA[<div>Ich war meinem Hund diese nächtliche Freiheit manchmal neidig (aber nicht so neidig, dass ich ihm mit der Luftmatratze gefolgt wäre, der Barolo hätte das wohl als Installierung eines Doppelbetts verstanden). Manchmal öffnete ich dem Hund die Tür auch nur zögernd, wenn draußen nämlich hüfthoch Schnee lag - aber der Barolo war sich sicher, er grub Kuhlen in den Schnee, errichtete Iglus, war bei Minustemperaturen ein positiver Hund, der weder mit Drohen noch mit Flehen dazu zu bewegen war, den Garten gegen den Wohnzimmerteppich einzutauschen.</div><div>Zuletzt jedoch, als die Tage lang und die Nächte mild waren, stand der Barolo heulend vor der Tür: Lass mich rein, winselte er, draußen ist es so dunkel.</div><div>Ich lag aber gerade so gut in meinem Bett.</div><div>Bitte, hechelte der Hund, mach auf, und den Rest der Konversation erspare ich Euch, denn es wurde wieder hell darüber. Aber es war ein echtes Bildungserlebnis, endlich einmal so stur wie mein Hund sein zu können und damit auch noch Erfolg zu haben.</div>]]>
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    <title>Kopfüber eingetaucht</title>
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    <published>2011-06-24T15:05:52Z</published>
    <updated>2011-06-24T15:07:10Z</updated>

    <summary> Ich saß in einem Gastgarten am Wienfluss und las in einem Buch. Es war ein gleichermaßen fesselndes wie irritierendes Buch, die Sprache von einem magischen Rhythmus, den ich erst einmal durchdringen, dem ich mich anvertrauen musste, und so saß...</summary>
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        <![CDATA[<!--StartFragment-->

<p class="MsoNormal" style="text-indent:14.2pt">Ich saß in einem Gastgarten am
Wienfluss und las in einem Buch. Es war ein gleichermaßen fesselndes wie
irritierendes Buch, die Sprache von einem magischen Rhythmus, den ich erst
einmal durchdringen, dem ich mich anvertrauen musste, und so saß ich in diesem
Garten im Schatten, mein Hund Barolo hatte sich verkrochen, und ich war in
besagtes Buch eingetaucht, kopfüber.</p>

<p class="MsoNormal" style="text-indent:14.2pt"><br /></p>

<!--EndFragment-->


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        <![CDATA[<p class="MsoNormal" style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0.75em; margin-left: 0px; border-top-width: 0px; border-right-width: 0px; border-bottom-width: 0px; border-left-width: 0px; border-style: initial; border-color: initial; padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-bottom: 0px; padding-left: 0px; font-size: 1em; font-weight: normal; text-indent: 14.2pt; ">Das Buch heißt „Lügen über meinen Vater". Es stammt vom schottischen Schriftsteller John Burnsinde, und es ist eine Ballade über einen sehr speziellen Working Class Hero, den Vater des Schriftstellers, der mit seinen Lügen Hoffung sucht und nur falsche Realitäten heraufbeschwört, ein düsteres Buch, einerseits, aber andererseits so fabelhaft und virtuos und lebensnah erzählt, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als der Erzählung leidenschaftlich zu folgen und sich nicht ablenken zu lassen, nicht vom kalten Getränk, das auf dem Tisch warm wird, nicht vom Schmatzen meines Tischnachbarn, der offenbar gerade eine Suppe ohne Löffel zu sich nimmt. Ich bin zusehends aufwühlt, als sich eine Hand auf meine Schulter legt und ich in die Augen eines Herren schaue, der über mein abwesendes Schafsnasengesicht lachen muss und fragt: „Geben Sie ihrem Hund nichts zu fressen?"</p><p class="MsoNormal" style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0.75em; margin-left: 0px; border-top-width: 0px; border-right-width: 0px; border-bottom-width: 0px; border-left-width: 0px; border-style: initial; border-color: initial; padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-bottom: 0px; padding-left: 0px; font-size: 1em; font-weight: normal; text-indent: 14.2pt; ">Ich drehe mich um und sehe, dass der Barolo sich gerade im intensiven Meinungsaustausch mit zwei Damen am Nebentisch befindet, die ihre Mahlzeit wohltäterisch mit ihm teilen, und als ich beginne, mich zu entschuldigen und den Hund wegzuzerren, beginnt der ganze Garten zu lachen, weil der Barolo ist schon bei der Nachspeise.</p><p class="MsoNormal" style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0.75em; margin-left: 0px; border-top-width: 0px; border-right-width: 0px; border-bottom-width: 0px; border-left-width: 0px; border-style: initial; border-color: initial; padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-bottom: 0px; padding-left: 0px; font-size: 1em; font-weight: normal; text-indent: 14.2pt; ">Ich muss vor der Lektüre von John Burnside in der Öffentlichkeit warnen. Sie kann unerwünschte Nebenwirkungen haben.</p>]]>
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    <title>Schöner Krach</title>
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    <published>2011-06-17T10:16:07Z</published>
    <updated>2011-06-17T10:35:50Z</updated>

    <summary>Mein Hund Barolo mag Lärm, oder sollte ich sagen, mein Hund Barolo macht Lärm? In diesen Wochen, in denen der meteorologische Sommer Augustschwüle verbreitet, hechelt mein Hund wie ein Dieselaggregat, und zwar solange, bis ihm einfällt, dass er jetzt schlafen...</summary>
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        <![CDATA[Mein Hund Barolo mag Lärm, oder sollte ich sagen, mein Hund Barolo macht Lärm? In diesen Wochen, in denen der meteorologische Sommer Augustschwüle verbreitet, hechelt mein Hund wie ein Dieselaggregat, und zwar solange, bis ihm einfällt, dass er jetzt schlafen könnte, dann höre ich das Pumpern, wenn er sich auf die Seite fallen lässt, von da an ist es unnatürlich ruhig.&nbsp; ]]>
        <![CDATA[<div>Als zuletzt eines dieser gewaltigen Augustgewitter aufzog, blickte der Hund bereits hechelnd den Wolkenbergen entgegen, die sich über uns auftürmten, und als der erste Donner ertönte, noch leise, weit entfernt, dachte der Barolo, das Jahr sei wieder einmal vorüber, die Trotteln schießen mit ihren Raketen, und begann reflexartig zu zittern. Das brachte mich auf die Idee, das näher kommende Gewitter durch laute Musik zu entschärfen, die meinem Hund vielleicht auf den Wecker geht, aber ihm keine Angst einjagt. Ein Griff ins CD-Regal, und ich fischte mir „Goo" von „Sonic Youth" heraus, was soll ich sagen, der Krach der frühen neunziger Jahre bereitete mir ungeahnte Freude, übertönte die Donnerschläge des Gewitters und bereitete dem Barolo einen angstfreien Nachmittag. Als es später wieder leise und sonnig geworden war, stiefelte er durch den Garten, in dem das Wasser stand, und fragte sich hechelnd: „War was?"</div><div>Ich aber holte mir „<a href="http://www.youtube.com/watch?v=5wllPXb4lkI">Demolished Thoughts</a>", das neue Soloalbum von Sonic Youth-Sänger Thurston Moore aus dem Netz, das passte mit seinen schweren, langsamen Balladen perfekt zum Licht, das nach dem Gewitter weich und strahlend war, die Lieder, Entspannung nach dem Lärm, ich schaute zu, wie es Abend wurde, und der Barolo schlief und schnaufte nur leise.</div>]]>
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    <title>Die glücklichsten 20 Minuten</title>
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    <published>2011-06-12T18:31:13Z</published>
    <updated>2011-06-12T18:32:48Z</updated>

    <summary>Als mein Hund Barolo und ich am letzten Wochenende das Schweizerhaus besuchten, im Anschluss an einen Spaziergang durch den luftgekühlten Prater, traten wir in den gut gefüllten Garten des Bierlokals ein - und es war wie ein Schritt in die...</summary>
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        <![CDATA[Als mein Hund Barolo und ich am letzten Wochenende das Schweizerhaus besuchten, im Anschluss an einen Spaziergang durch den luftgekühlten Prater, traten wir in den gut gefüllten Garten des Bierlokals ein - und es war wie ein Schritt in die Vergangenheit. Der Barolo erschrak förmlich vor der Erinnerung an die Wonnen, die ihm hier widerfahren waren - ich bemerkte, dass er plötzlich zu zittern begann - und augenblicklich anfing, die Tische, an denen wir vorbeizogen (er mich, um genau zu sein), zu scannen: das ist doch das Lokal mit den Knochen, dachte mein Hund unter heftiger Speichelentwicklung, und ich hatte augenblicklich das Bild vor Augen, als mein Hund die glücklichsten zwanzig Minuten seines Lebens verbrachte.&nbsp; ]]>
        <![CDATA[<div>Er lag damals im Schweizerhaus unter dem Tisch im Kies, nagte am Knochen einer Schweinsstelze, während die rechte Pfote bereits die nächste Stelze bewachte. Reines Glück im Augenblick, die Verheißung kommenden Glücks im Griff: daran musste ich denken, als wir uns durch das Gewimmel schoben. Mein Hund Barolo aber zitterte, weil er Angst hatte, dass er heute nicht so glücklich werden würde wie seinerzeit.</div><div>Nur kurz: das Bier im Schweizerhaus ist so gut, weil es so wenig Kohlensäure enthält. Und die Stelze, die anbetungswürdige Schweinsstelze, wird am Tisch aufgeschnitten und vom Knochen befreit, was wiederum die Ängste meines Hundes vertrieb, weil es nun nur noch einen Augenblick dauerte, bis das Glück vom Himmel fiel - ich meine, vom Tisch. Er war so glücklich über den ersten Knochen, dass er ganz vergaß, vom zweiten zu träumen.</div>]]>
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    <title>Wir sind attraktiv</title>
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    <published>2011-06-04T19:11:40Z</published>
    <updated>2011-06-04T19:12:36Z</updated>

    <summary>Mit Interesse habe ich die Nachricht zur Kenntnis genommen, dass sich 80 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher für attraktiv halten. Wenn ich das Statement richtig interpretiere, bedeutet es, dass 80 Prozent unserer Bevölkerung sich selbst für attraktiv halten, dass die...</summary>
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        <![CDATA[<div>Mit Interesse habe ich die Nachricht zur Kenntnis genommen, dass sich 80 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher für attraktiv halten. Wenn ich das Statement richtig interpretiere, bedeutet es, dass 80 Prozent unserer Bevölkerung sich selbst für attraktiv halten, dass die 80 Prozent also nicht das Ergebnis einer Schummelrechnung sind, a la ich kenne wen, der schaut gut aus, du kennst auch wen, der gut ausschaut, und zusammengerechnet ergibt das 80 Prozent der Bevölkerung.</div><div><br /></div> ]]>
        <![CDATA[<div>Ich selbst zum Beispiel bin tatsächlich attraktiv, lasst Euch von dem Foto über dieser Kolumne nicht verwirren. Ich weiß das, weil ich täglich Feldforschung betreibe. Ich gehe mit meinem Hund Barolo durch Prater oder Stadtpark, manchmal auch quer durch die Innenstadt, und immer wieder braust mir Applaus entgegen. Manche Menschen lächeln breit, manche tief, andere schicken mir innige Blicke, gar nicht so wenige artikulieren ihre Bewunderung sogar verbal: „So schön". „Herrlich". „Süss".</div><div>Wenn ihr jetzt glaubt, dass ich die Komplimente, die mein schöner Hund mit seinem glänzenden Fell von vielen Damen, aber auch einigen Herren bekommt, gratis inhaliere, okay. Könnt ihr so sehen. Ich sehe es anders.</div><div>Nicht zufällig kommen sich Hund und Herr im Lauf der Jahre, die sie miteinander verbringen, immer näher. Übernehmen Gewohnheiten vom anderen - wenn ich einen Gespritzten trinke, klingt das so, als ob der Barolo aus dem Klo schlabbert - , gleichen einander bis in ästhetische Einzelheiten an - ich zum Beispiel glänze wie das Fell meines Hundes, wenigstens wenn es heiß ist.&nbsp;</div><div>Also ernten wir auch gemeinsam die Früchte unserer Attraktivität, wie die anderen 80 Prozent aller Österreic</div>]]>
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    <title>Beim Hydranten</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.407</id>

    <published>2011-05-27T14:53:56Z</published>
    <updated>2011-05-27T14:54:51Z</updated>

    <summary>Im Prater geht mein Hund Barolo seiner Lieblingsbeschäftigung nach: er sucht den Hydranten beim Lusthaus auf und vergnügt sich mit Fließwasser. Als wir zuletzt nach einer hübschen Runde um das Lusthauswasser dort Station machten, legte sich mein Hund kraftsparend in...</summary>
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        <![CDATA[<div>Im Prater geht mein Hund Barolo seiner Lieblingsbeschäftigung nach: er sucht den Hydranten beim Lusthaus auf und vergnügt sich mit Fließwasser. Als wir zuletzt nach einer hübschen Runde um das Lusthauswasser dort Station machten, legte sich mein Hund kraftsparend in die Pfütze, die den Hydranten umgibt, und ließ sich das Wasser von oben in den Schlund fließen.</div><div>Als er sich nach einer Ewigkeit wieder erhob, sah er aus, als hätte ihn ein altmodischer Wirt mit Mandelsplittern paniert.&nbsp;</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Der Bauch, feucht und triefend vor Wasser, aber in den nassen Haaren die Reste der Kastanienblüte, die in diesem Jahr von bewegender Schönheit war. Dazu schaute mir der Hund mit aller Güte, die er verströmt, wenn der Durst gelöscht ist, in die Augen, und mir kam augenblicklich das schönste Wienerlied in Sinn, das jedes Jahr um diese Zeit Saison hat und nicht oft genug gehört werden kann: Ernst Moldens Prater-Klassiker „di Blia".</div><div>&nbsp;Das Lied handelt davon, dass überall im Prater die Blüten abfallen, dass sie wie kleine Schiffe auf dem Heustadlwasser treiben, und dass man irgendwem dankbar sein sollte, wenn man gerade nichts zum Arbeiten - „zun Hackeln" - hat. Es ist ein Lied von solcher Innigkeit und Schönheit, dass man das Gefühl hat, den Prater gab es ohne dieses Lied noch nicht, die Kastanienallee, die Akazien, von denen der Lurch abfällt und sich auf den Spazierwegen sammelt wie bei uns daheim unterm Bett. Auch wenn der Molden Ernstl gerade zwei neue Alben herausgebracht hat, die es zu hören lohnt, für „di Blia" würde ich sogar mein generelles iPod-Verbot für die freie Natur lockern und empfehlen, in der Früh um acht mit diesem ewigen Lied im Ohr und dem Barolo an der Leine durch den Prater zu gehen, schöner wird's nimmer auf der Welt.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Schildkrötensalat</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.406</id>

    <published>2011-05-20T06:41:04Z</published>
    <updated>2011-05-20T06:41:47Z</updated>

    <summary>Als wir beim Tierarzt sitzen - Routineuntersuchung, ob mein Hund Barolo noch immer mit überirdischer Leidenschaft versucht, sich aus dem Wartezimmer der Tierklinik Strebersdorf zu befreien, wenn nötig nach Taliban-Manier; Befund: aber hallo - diskutieren gerade zwei ältere Paare die...</summary>
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        Als wir beim Tierarzt sitzen - Routineuntersuchung, ob mein Hund Barolo noch immer mit überirdischer Leidenschaft versucht, sich aus dem Wartezimmer der Tierklinik Strebersdorf zu befreien, wenn nötig nach Taliban-Manier; Befund: aber hallo - diskutieren gerade zwei ältere Paare die Röntgenaufnahmen ihrer Schildkröten, die heute zum „Durchleuchten&quot; da waren. 
        <![CDATA[<div>„Meine frisst mir ja nix", gibt die eine Schildkrötenchefin zu Protokoll, während die andere diese Erfahrung konterkariert: „Meiner is so verfressen, du! glaubst! es! nicht! In ana Stund putzt der drei Salatbladln weg..."</div><div>Angesichts dieser Einblicke in die Ernährungsgewohnheiten anderer Haustiere schweigt der Barolo für einen Augenblick und ich sehe, wie vor seinem geistigen Auge der volle Napf mit Hühnerfleisch vorbeizieht, den er zuletzt im liebenswerten Chinarestaurant „Goldene Zeiten" serviert bekam - ohne dass ich ihn bestellt hatte, wohlgemerkt, mein Hund hat sich heimlich mit der Chefin gut gestellt - , und ich bemerke, dass mein Hund für diesen Augenblick seine Existenz doch nicht verflucht, obwohl sie ihn in die prekäre Lage gebracht hat, hechelnd im Wartezimmer der Tierklinik Strebersdorf zu sitzen.&nbsp;</div><div>Dann, das Leben in seiner ganzen Vielseitigkeit. Zuerst Panik, denn die Tür öffnet sich und - kennt jemand Ernst Jandls formidables Gedicht „fünfter sein"? So. - die liebenswerte Ärztin bittet uns herein, worauf sich die Miene meines Hundes verdüstert, was bei einem schwarzen Hund etwas heißen will, aber dann dürfen wir auch schon wieder gehen, alles so, wie's sein soll, und mein Hund kriegt Appetit.</div><div>„Weißt du", fragt er mich, „eigentlich, was das ist: Salat?"</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Hey, Baghira</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.404</id>

    <published>2011-05-13T08:47:52Z</published>
    <updated>2011-05-13T08:50:35Z</updated>

    <summary><![CDATA[Eine Stimme aus einer anderen Zeit kriecht aus meinem Postkasten. „Hey", sagt die Stimme, und sie klingt auf merkwürdige Weise vertraut, wenn auch etwas heiser.&nbsp;„Weißt du was", sagt die Stimme. „Ich bin dein Schwesterchen."...]]></summary>
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        <![CDATA[<div>Eine Stimme aus einer anderen Zeit kriecht aus meinem Postkasten. „Hey", sagt die Stimme, und sie klingt auf merkwürdige Weise vertraut, wenn auch etwas heiser.&nbsp;</div><div>„Weißt du was", sagt die Stimme. „Ich bin dein Schwesterchen."</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Ich stutze. Einen Bruder, ja, aber dass ich ein Schwesterchen habe, war mir noch nicht klar, aber da beginnt die Stimme auch schon amüsiert zu hecheln - „doch nicht DEIN Schwesterchen, Spinner, das Schwesterchen deines Lebensgefährten, des Hundes Barolo."</div><div>Oh. Ich sage ja immer, man soll Zahnbürsten und Postkästen nicht teilen.</div><div>Welches Schwesterchen übrigens, lässt der Barolo fragen.</div><div>„Baghira. Erinnerst du dich nicht? Du hast mich immer in mein linkes Hinterbein gezwickt."</div><div>„Hinterbein, Hinterbein? Stimmt! Hatte immer so ein erdiges Aroma..."</div><div>Barolo belieben zu scherzen, wenn er gerührt ist.</div><div>Und, wie geht es dir, Baghira? Du bist ja auch schon vierzehn...</div><div>Okay. Das Aufstehen ist ein bissel ein Mühsal, aber das weißt du ja.</div><div>Und sonst? Schaust du dir auch manchmal die <a href="http://www.tannenmühle.at/meinezucht/bwurf/bwurf.html">Fotos</a> an, wo wir als Babys im Korb sitzen?</div><div>Logo, sagt Baghira.</div><div>Du bist übrigens anderthalb Stunden jünger als ich, sagt dann der Barolo.</div><div>Ich weiß, sagt Baghira und schweigt. Dann sagt sie: „Ich sag jetzt bald, ich muß gehen, ich hoff dir geht's noch gut. Wir sehen uns. Grüß dich, in Liebe."</div><div>Ganz meinerseits, sagt der Barolo und putzt sich die Nase.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Der Osterhase fehlt</title>
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    <published>2011-05-05T09:26:15Z</published>
    <updated>2011-05-05T09:27:01Z</updated>

    <summary>Am Ostersonntag wollten mein Hund Barolo und ich früh aufstehen, um ins Grüne zu fahren. Uns stand der Sinn nach Tau an den Grashalmen und Dunst über den Wiesen. Da wir aber nicht daran gedacht hatten, den Wecker zu stellen,...</summary>
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        <![CDATA[Am Ostersonntag wollten mein Hund Barolo und ich früh aufstehen, um ins Grüne zu fahren. Uns stand der Sinn nach Tau an den Grashalmen und Dunst über den Wiesen. Da wir aber nicht daran gedacht hatten, den Wecker zu stellen, musste uns der Sound der Osterglocken aus dem Bett wehen, und als wir schließlich auf dem Roten Berg ankamen, um dort die Morgendämmerung nachzuholen, tummelten sich dort bereits zahlreiche Osterspaziergänger. Mir war's gleich, ich liebe die Biedermeierkulisse dieses Bergleins in Ober St. Veit zu jeder Tageszeit, aber mein Hund Barolo zeigte sich auf unserer Runde nicht so entspannt wie sonst, er schnupperte und witterte ohne Unterlass, er spähte hinter die Gebüsche und zog durchs Unterholz.&nbsp; ]]>
        <![CDATA[<div>Ich maß den Exkursionen meines Hundes keine besondere Bedeutung bei, bis ich plötzlich entzücktes Geschrei von hinter ein paar Büschen vernahm, wo ein paar Erwachsene mit ihren Kindern sich zum Picknick hingesetzt hatten. Helle Kinderstimmen riefen enthusiastisch „Der Osterhase! Der Osterhase!", während mein schwarzer Hund aus dem Dickicht brach, im Maul einen halben, goldenen Lindt-Osterhasen, und zum raschen Aufbruch mahnte. Soll heißen: er selbst zischte mit der ganzen Frische seiner vierzehn Jahre Richtung Parkplatz ab, ganz unfeierlich.&nbsp;</div><div>Ich fürchte, der Barolo war gerade der erste Osterhase gewesen, der nichts brachte, sondern etwas abholt, aber die Kinderstimmen schallten unverändert aus dem Wald: „Ich hab ihn genau gesehen..."</div><div>Wer einen halben Lindt-Osterhasen vermisst, soll sich bitte bei mir melden.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Der Garten erinnert sich an uns</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.400</id>

    <published>2011-04-29T21:29:15Z</published>
    <updated>2011-04-29T21:31:06Z</updated>

    <summary>Traf einen alten Bekannten, den ich seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte. Wir waren in einer Gartenwirtschaft verabredet, und weil ich meinem Hund Barolo drei Tage frei gegeben hatte, um ins Burgenland zu reisen und die Ernährungsgewohnheiten der Eingeborenen...</summary>
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        Traf einen alten Bekannten, den ich seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte. Wir waren in einer Gartenwirtschaft verabredet, und weil ich meinem Hund Barolo drei Tage frei gegeben hatte, um ins Burgenland zu reisen und die Ernährungsgewohnheiten der Eingeborenen zu studieren, kam ich allein in den Gastgarten. 
        <![CDATA[<div>Nun habe ich in den Jahren mit dem Hund Barolo die Aufmerksamkeit fremder Menschen zu ertragen gelernt. Gutes Restaurant mit Aussicht auf die Promenade, und mein Hund beginnt mit Sicherheit zu jaulen, wenn draußen ein schiacher Rattler vorbeigeht, dem er sich gern an den Hals schmeissen möchte. Ruhiges Kaffeehaus, und der Hund reißt ruckartig an der Leine, worauf der Tisch umfällt, die Kaffeetasse das Zeitliche segnet und ich meine Standardlügen auspacken muss, nein, ich weiß auch nicht, das hat er noch nie gemacht. Stille Stunde auf der Toillette des Hotelrestaurants, und vor der geschlossenen Klotür das Wimmern meines Hundes, der zu seinem Herrl möchte.</div><div>Ich will sagen: ich bin gestählt.</div><div>Der alte Bekannte gestikuliert schon aus weiter Entfernung. Wo mein Hund ist. Das ruft er auch laut durch den Garten, so dass sich sämtliche Gäste vergewissern können, ob es tatsächlich ich bin, der jetzt kommt. Als ich zurück schreie, dass der Hund verborgt und nicht - darauf zielt seine Frage nämlich ab - verschieden ist, steht der Mann auf und beginnt zu heulen.</div><div>Huhuhu. Huhuhu. Wie ein Wolf, nein, anders...wie mein Hund Barolo.</div><div>„Wenn er mich nicht so begrüßt", sagt er. „Begrüße eben ich dich so."</div><div>Ein Garten mehr, der sich kopfschüttelnd an uns erinnern wird.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Barolo geht nach links</title>
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    <published>2011-04-23T09:24:59Z</published>
    <updated>2011-04-23T09:26:00Z</updated>

    <summary>Unlängst gingen mein Hund Barolo und ich spazieren. Normalerweise gehen wir, sobald wir das Haus verlassen, nach links. Dann marschieren wir Richtung Stadtpark, wo jetzt wieder die Akkordeonspieler blühen, aber manchmal gehen wir auch nach rechts, kleine Runde über die...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Unlängst gingen mein Hund Barolo und ich spazieren. Normalerweise gehen wir, sobald wir das Haus verlassen, nach links. Dann marschieren wir Richtung Stadtpark, wo jetzt wieder die Akkordeonspieler blühen, aber manchmal gehen wir auch nach rechts, kleine Runde über die Grünflächen zum Markt. 
        <![CDATA[<div>Interessant, dass mein Hund, wann immer ich vorhabe, zum Stadtpark zu gehen, nach rechts zerrt - und umgekehrt. Heute aber dachte ich mir spontan, okay, Barolo, heute gehen wir, wohin du willst.</div><div>Im Verborgenen rechnete ich mit augenblicklicher Orientierungslosigkeit meines Oppositionsköters. Aber der Hund wusste ganz genau, wohin er wollte. Zuerst wollte er zum Messermann. Der hat auch einen Hund, vor allem aber hat er Futter für diesen Hund in seinem fabelhaften Scharfe-Klingen-Geschäft gebunkert, und er ist freigiebig. Dann wollte der Barolo zur Thalia-Buchhandlung. Dort gibt es hinter der Buddel Hundekekse, und wenn die richtige Kassabewachung dasitzt, gibt es davon Extraportionen. Dann wollte er ins Steirereck, weil dort gibt es einen Sommelier, der gibt mir eh nur einen Tisch, wenn mein Hund mich mitnimmt. Dort ließ sich der Hund, nachdem er geluncht hatte, auf die Seite fallen und schlief ein.</div><div>Mir war nicht langweilig. Ich hatte beim Messermann ein hübsches Manikürset erstanden und bei Thalia den neuen Roman von Jakob Arjouni. Im Steirereck kümmerten sie sich auch schon aufopferungsvoll um mich, und wenn ich keine kurzen Hosen angehabt hätte, wäre es ein würdiger Nachmittag geworden.</div><div>Morgen schauen wir, was passiert, wenn der Barolo nach rechts will.&nbsp;</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Auffällig</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.398</id>

    <published>2011-04-14T19:40:20Z</published>
    <updated>2011-04-14T19:43:13Z</updated>

    <summary>Ein guter Hund, mein Hund. Ich schlafe besser in der Gewissheit, dass ich keine drastischen Mittel anwenden muss, um an ihm eine Verhaltensauffälligkeit zu bekämpfen, denn - um es mit einem Schüler Platons zu sagen - die beste Verhaltensauffälligkeit ist...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        Ein guter Hund, mein Hund. Ich schlafe besser in der Gewissheit, dass ich keine drastischen Mittel anwenden muss, um an ihm eine Verhaltensauffälligkeit zu bekämpfen, denn - um es mit einem Schüler Platons zu sagen - die beste Verhaltensauffälligkeit ist keine Verhaltensauffälligkeit. 
        <![CDATA[<div>Als ich zuletzt über den Hund eines Freundes berichtete, dessen Lieblingsspeise Katzen sind, bekam ich aus der Leserschaft mannigfaltige Stimmen zu hören, wie der überbordende Jagdeifer eines Tiers unter Kontrolle zu bringen sei. Die Einschätzungen bewegten sich zwischen pragmatisch („Maulkorb, was sonst") über pädagogisch („Erziehung ist Macht!", im speziellen unter Hinweis auf die Hundepädagogin <a href="http://www.gesundestier.at">Katharina Aberle </a>oder die Bücher von <a href="http://www.fichtlmeier.de">Anton Fichtlmeier</a>) bis zu radikal (zum Tierarzt mit dem Hund und die finale Spritze in den Hintern).</div><div>Ich werde es ausrichten. In der Zwischenzeit beobachte ich an meinem Hund, dass neben seinem Jagdinstinkt - das letzte, was er erlegte, war ein weggeworfenes Sackerl mit asiatischen Nudeln - auch sein Wachinstinkt nachlässt - selbst ein an die Tür pumpernder Postbote kann die Aufmerksamkeit des Barolo nicht zwangsläufig wecken. Das kann man freilich dem Instinkt nicht in Rechnung stellen. Der Barolo hört halt schon ein bissel schwer.</div><div>Das führt dann zu verwirrenden Situationen. Während ich mit einem Lieferanten von Paketen an der Tür vergnügt plaudere, hat er mir doch gerade das grandiose Kochbuch „Genussvoll vegetarisch" von Yotam Ottolenghi an die Schwelle gebracht, stürzt plötzlich mein Hund von nebenan herbei und bellt wie ein Hustenanfall.</div><div>Verhaltensauffällig? Er hat gerade erst geschnallt, dass wer da ist.</div><div><br /></div>]]>
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    <title>Rauchverbot</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.397</id>

    <published>2011-04-08T09:41:14Z</published>
    <updated>2011-04-08T09:42:16Z</updated>

    <summary>Dass der Bahnhof Wien Mitte, die ewige Baustelle, Menschen aller Hautfarben, Berufe und Berufungen anzieht, ist meinem Hund Barolo egal. Er hat nichts gegen Punks, Augustin-Verkäufer und Schnorrer, so wie er nichts gegen Schaffner, Trafikanten und Würstelstandbesitzer hat. Mein Hund...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Dass der Bahnhof Wien Mitte, die ewige Baustelle, Menschen aller Hautfarben, Berufe und Berufungen anzieht, ist meinem Hund Barolo egal. Er hat nichts gegen Punks, Augustin-Verkäufer und Schnorrer, so wie er nichts gegen Schaffner, Trafikanten und Würstelstandbesitzer hat. Mein Hund ist da total unvoreingenommen. Er liebt jeden, der ihm was zu fressen gibt.</div><div>Was zu fressen bekommt er jedes Mal, wenn wir die Thalia-Bahnhofsbuchhandlung betreten, um ein Buch oder ein Magazin zu holen. Der Lange mit dem speichelnden Köter, dessen Schnauze wie ein Kompass zur Kassentheke zeigt, hinter der die Leckerli verborgen sind, ist eine äußerst beliebte Clownnummer. Angeblich kommen inzwischen Menschen nur deshalb zu Thalia, um uns zu sehen.</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Aber mein Hund lässt sich nicht nur von den freundlichen Thalia-Damen füttern. Zuletzt sah er mit großen Augen einer etwas verlotterten, aber gleichwohl gut gelaunten Frau in wallenden, roten Gewändern zu, die sich nach einer nur halb gerauchten Zigarette bückte, um sie vom Boden aufzuheben - sie arretierte Tschick, wie es in Wien heißt, vom Boden, sozusagen von jener Fläche, die mein Hund seit jeher als gedeckten Tisch betrachtet.</div><div>Augenblicklich begann ihm das Wasser im Maul zusammenzurinnen. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen den Zug der Leine und fixierte die „Lady in Red", als habe sie ihn gerade mit Engelszungen gerufen und mit einem Frankfurter Würstel gewachelt. Aber sie wehrte Barolos Avancen sinnfällig ab.</div><div>„Neinnein", rief sie, „du darfst noch nicht rauchen. Du bist noch nicht sechzehn."</div><div>Wo sie recht hat, hat sie recht</div>]]>
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    <title>Dein Hund, der Killer</title>
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    <id>tag:www.mein-hund-barolo.com,2011://2.396</id>

    <published>2011-04-01T14:03:25Z</published>
    <updated>2011-04-01T14:06:15Z</updated>

    <summary>Ein klassisches Dilemma. Mein Freund hatte einen Hund mitgebracht, der dem Verhaltenskodex eines gefügigen, freundlichen Haustiers nicht entsprach. Der Hund war ein Killer. Er hatte bereits drei Katzen erlegt, und über Hühner und Hasen wollte mein Freund zur Sicherheit nicht...</summary>
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        <name>Christian Seiler</name>
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        <![CDATA[<div>Ein klassisches Dilemma. Mein Freund hatte einen Hund mitgebracht, der dem Verhaltenskodex eines gefügigen, freundlichen Haustiers nicht entsprach. Der Hund war ein Killer. Er hatte bereits drei Katzen erlegt, und über Hühner und Hasen wollte mein Freund zur Sicherheit nicht sprechen.</div><div>&nbsp;„Die Rasse", sagte er. „Jahrhundertelange Schärfung des Jagdinstinkts. Keine Chance, in ein paar Monaten damit aufzuräumen."</div> ]]>
        <![CDATA[<div>Mhm. Ich habe einerseits leicht reden. Mein Hund Barolo hat außer einem altersschwachen Maulwurf, der ihn darum anbettelte, tot gebissen zu werden, höchstens ein paar inhalierte Wespen auf dem Gewissen. Die Eichhörnchen, denen er nachstellte, luden Freunde und Verwandte ein, um meinen schwarzen Hund zu verarschen. Seine Bilanz als Urenkel des Wolfs ist erschütternd. Als bester Freund des Menschen hingegen ist er eine super Besetzung.</div><div>Der Hund meines Freundes. Groß und schlank, Haare wie ein Fuchs und wehleidig wie Zsa Zsa Gabor. Wenn er beim Spazieren auf einen Dorn tritt, weint er bittere Tränen. Aber sobald er ein anderes Tier sieht, will er es entweder vernaschen oder, tja, vernaschen.</div><div>Also erörterten wir das Erziehungsthema. Welpenkurs, ja, Unterordnungskurs, ja, drakonische Strafen nach jedem Vorfall - der übelste, als der Killer den alten Kater einer Freundin, wo man übers Wochenende eingeladen war, füsilierte. Aber keine Strafe, noch so hart und entschieden, zeitigte die angestrebte Langzeitwirkung.</div><div>Ich sagte: Tierschutzhaus. Mein Freund sagte: Bist deppert?</div><div>Wer hat Recht? Was tun, wenn dein Hund ein Killer ist?</div><div><br /></div>]]>
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