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	<title>Hannes Jähnert</title>
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	<description>Engagementblogger &#38; Freizeitforscher</description>
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	<title>Hannes Jähnert</title>
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		<title>Starke Arme – Vorschläge für eine sozialistische Reparatur der Moderne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 11:43:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Studium]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Reckwitz]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Piketty]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>In meinem letzten Beitrag zur “Zeit der Monster” habe ich mich mit der Krise der modernen Gesellschaft beschäftigt. Ich hatte mich dafür durch ein paar der Bücher von Andreas Reckwitz gewühlt, der mindestens den “apertistischen” – öffnenden – Liberalismus, wenn nicht sogar die moderne Gesellschaft selbst zu Ende gehen sieht. Für Reckwitz deutet viel darauf [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">In meinem letzten Beitrag zur<a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2025/03/16/zeit-der-monster/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> “Zeit der Monster”</a> habe ich mich mit der Krise der <em>modernen Gesellschaft </em>beschäftigt. Ich hatte mich dafür durch ein paar der Bücher von Andreas Reckwitz gewühlt, der mindestens den “apertistischen” – öffnenden – Liberalismus, wenn nicht sogar die moderne Gesellschaft<em> </em>selbst zu Ende gehen sieht. Für Reckwitz deutet viel darauf hin, dass als nächstes ein eher auf Regulierung ausgerichtetes politisches Paradigma folgt – er sieht einen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologe-andreas-reckwitz-das-zeitalter-der-deregulierung-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>einbettenden Liberalismus </em>aufziehen</a>, in dem etwa die <a href="https://www.zeit.de/2021/52/pflicht-corona-klima-krise-gesellschaft-philosophie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Pflichtenethik Immanuel Kants ein Revival erleben könnte.</a></p>



<h2 class="wp-block-heading">EINE SOZIALISTISCHE REPARATUR DER MODERNE?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage, was wohl als nächstes – nach der Zeit der Monster – kommen könnte, treibt mich seither viel um. Natürlich weiß niemand so genau, was die Zukunft bringt und auch kluge Beobachter:innen können sich irren. Mit Reckwitz’ Überlegungen zu einem <em>einbettenden Liberalismus </em>aber lässt sich ganz gut über Möglichkeiten einer Reparatur der Moderne nachdenken. Zumindest die Vorstellung, dass das Pendel von der Öffnung zurück zur Regulierung schlägt, erscheint mir nachvollziehbar. Gleichwohl Reckwitz das keineswegs als ausgemacht ansieht (ebd. 2019: 286), ziehen wir dann und wann ja doch unsere Schlüsse aus der Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was also hat es mit dem <em>einbettenden Liberalismus </em>auf sich? Wie gesagt: Im Gegensatz zum <em>apertistischen Liberalismus</em> soll es sich hier wieder um ein Regulierungsparadigma handeln, in dem aber die Planungs- und Steuerungsphantasien des sozial-korporatistischen Paradigmas nicht einfach wiederholt werden. Vielmehr geht es darum, die seit dem Ende 1970er Jahre aus dem Ruder gelaufenen Entwicklungen einzufangen: Laut Reckwitz (2019: 285f.) handelt sich es sich bei dieser neuen Version des Liberalismus im Kern um ein politisches Paradigma, das vor allem die Ordnungsbildung – statt die populistische Kanalisierung sozialer Kräfte oder gar die Imagination einer &#8220;Volksgemeinschaft&#8221; – ins Zentrum rückt; revitalisiert werden soll so das kulturelle und soziale Allgemeine, das in der “Gesellschaft der Singularitäten” (Andreas Reckwitz) in die Krise geraten ist; grundlegende Einsichten indes, etwa die, dass sich moderne Gesellschaften nur dynamisch stabilisieren können (Hartmut Rosa), werden dabei nicht negiert aber in neue Rahmenbedingungen (Ordnungen) eingebettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie das in der Zukunft konkret aussehen könnte, lässt Reckwitz weitgehend offen, skizziert allerdings ein paar Herausforderungen, die es auf dem weiteren Weg zu meistern gilt (ebd. 2019: 293-304):</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die Überwindung des Meritokratismus hin zu einer Arbeitsteilung, die die Leistungen aller anerkennt und soziale Ungleichheiten abmildert.</li>



<li>Die Auflösung der Stadt-Land- beziehungsweise Metropol- und Peripherie-Differenz durch bedarfsgerechte Förderung gleichwertiger Lebensverhältnisse.</li>



<li>Die Grundversorgung öffentlicher Infrastruktur, deren Pflege und Ausbau im Sinne einer Versorgung mit elementaren Ressourcen für alle.</li>



<li>Die Suche nach dazu passenden Grundregeln, etwa die einer authentisch gelebten Kultur der Reziprozität, der Gegenseitigkeit von Rechten und Pflichten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Wie aber könnte sich das in der Zukunft gestalten? Wie könnten soziale Ungleichheiten abgemildert, gleichwertige Lebensverhältnisse gefördert und eine elementare Grundversorgung für alle sichergestellt werden? Ein paar – teilweise naheliegende – Antworten auf diese Fragen meine ich bei dem französischen Ökonomen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Piketty" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Thomas Piketty</a> gefunden zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seinen Büchern “Das Kapital im 21. Jahrhundert” (2013) und “Kapital und Ideologie” (2019) hat Thomas Piketty in den letzten Jahren einiges zu den Debatten um soziale Ungleichheit und deren möglicher Überwindung beigetragen. In seinem jüngsten Buch “Eine kurze Geschichte der Gleichheit” (2021) fasst er die wesentlichen Argumente zusammen und erzählt dabei von den historischen Erfolgen, die moderne Gesellschaften bei der Herstellung von Gleichheit zwischen den 1950er und 1970er Jahren erzielt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Resümierend tritt Piketty für einen „demokratischen und föderalen, dezentralisierten und partizipativen, ökologischen und multikulturellen Sozialismus“ ein (ebd. 2021: 256). Pikettys Variante des Sozialismus scheint mir ganz gut zu treffen, was Reckwitz als reflexive Reparatur der Moderne skizziert (ebd. 2021: 418ff.). Zur Erinnerung noch einmal meine Zusammenfassung Reckwitz’ Skizze zur “Reparatur der Moderne” vom letzten Mal:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Durch eine reflexive Transformation geht die moderne Gesellschaft die grundlegenden Probleme der Spätmoderne an und macht daraus eine Tugend: Die radikale Offenheit der Zukunft geht nicht mehr einher mit dem Glauben daran, dass am Ende alles gut wird; die Zukunft wird nicht allein mit Innovationen, sondern vor allem mit bereits Erreichtem gestaltet; und die kreative Zerstörung richtet sich nicht länger auf die verletzlichsten Teile der Gesellschaft und ihrer Umwelt, sondern auf dessen Angreifer.</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">EINE KURZE (!) GESCHICHTE DER GLEICHHEIT</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sozialismus Pikettys hat hierfür durchaus etwas zu bieten, denn er fußt eher auf empirischen Grundlagen als Phantasien von ‘unsichtbaren Händen’ – empirischen Grundlagen insbesondere zu Einkommens- und Vermögensverteilung und damit zusammenhängenden Machtverhältnissen. Piketty empfiehlt, den Kampf um die Gleichheit der Chancen „auf der Basis solider historischer Kenntnisse&#8221; (ebd.: 2021: 14) zu kämpfen, denn aus den Fortschritten seit Beginn der modernen Gesellschaft im 18. Jahrhundert und insbesondere aus denen im 20. Jahrhundert lässt sich viel lernen, was für ihn historische Datenreihen zu (Hoch-)Schulbildung, Lebenserwartung, Bevölkerungswachstum und Einkommen zeigen (vgl. Piketty 2021: 29-33).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um es an Einkommensverteilung in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhundert konkret zu machen, lohnt ein Blick auf die World Inequality Database (<a href="https://wid.world/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wid.world</a>): Filtert man <a href="https://wid.world/country/germany/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die für Deutschland verfügbaren Datenreihen</a> zum kumulierten Einkommen nach dem oberen Dezil (die 10% der Top-Verdiener:innen) und den unteren fünf Dezilen zeigt sich das folgende Bild:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Bis etwa 1920 vereinte das oberste Dezil mit 49,7 Prozent beinahe dreimal so viel Einkommen auf sich wie die unteren fünf Dezile zusammen (17,2%).</li>



<li>In den 1920er Jahren (Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise) änderte sich das: Die unteren 50 Prozent verzeichneten ein leichtes Plus (+5,1%), die Einkommen der oberen 10 Prozent brachen drastisch ein (-14,7%).</li>



<li>Im Nationalsozialismus ab den 1930er Jahren spreizte sich die Einkommensverteilung erneut: Die oberen 10 Prozent legten ordentlich zu (+9,1%), die unteren 50 Prozent bekamen wieder weniger (-3,1%).</li>



<li>In den „Wirtschaftswunderjahren“ der 1950er bis 1970er sanken die kumulierten Einkommen des oberen Dezils erneut, während die der unteren 50 Prozent moderat stiegen. Anfang der 1980er Jahre betrug die Differenz der beiden Schichten ‚nur‘ noch 2,3 Prozent.</li>



<li>Seither nimmt die Einkommensungleichheit wieder zu: Anfang der 2020er Jahre sind wir erneut bei einer Differenz von 16,8 Prozent zwischen Ober- und Unterschicht angekommen – ähnlich wie Mitte der 1950er.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die für Deutschland verfügbaren Daten zu den Vermögens- oder Besitzverhältnisse zeigen ebenso drastische Unterschiede: Während die unteren 5 Dezile heute zusammengenommen kaum 4 Prozent von allem besitzen, was es in Deutschland zu besitzen gibt, können die oberen 10 Prozent Anfang der 2020er Jahre weit mehr als die Hälfte aller Besitztümer ihr Eigen nennen. Und auch hier zeigt sich, dass „Die große Umverteilung, 1914 bis 1980“ (Piketty 2021: 136) deutlich zu Lasten der vermögenden Oberschicht stattfand: Seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 schmolzen die Vermögen des oberen Dezils von über 85 Prozent auf etwa 50 Prozent in den 1980er Jahren ab. Geht man davon aus, dass die unteren 50 Prozent in der Geschichte nie mehr als 10 Prozent des Vermögens auf sich vereinen konnten – die Datenreihen für Frankreich zeigen das –, liegt nahe, dass die Mittelschicht (die 40% zwischen den oberen 10 und den unteren 50%) in dieser Zeit deutlich zulegten – was in Frankreich auch so war (siehe Piketty 2021: 55).</p>





<p class="wp-block-paragraph">Wichtig der Hinweis an dieser Stelle, dass weder die Verheerungen der beiden Weltkriege noch die Weltwirtschaftskriese allein das Abschmelzen großer Vermögen und (damit zum Teil verbunden) die Einkommenseinbußen der Oberschicht erklären. Die statistischen Talfahrten hielten dafür viel zu lange an. Piketty zeigt: Es war der durch progressive Steuern finanzierte Aufstieg des Sozialstaates. Die Bildungsexpansion, der Ausbau Sozialversicherungen und die Stärkung betrieblicher Mitbestimmung aber wären ohne das Engagement der Arbeiterbewegung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kaum denkbar gewesen – ein kämpferisches Engagement, das Piketty empfiehlt wieder verstärkt aufzunehmen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-left is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es gibt menschlichen Fortschritt und der Weg zur Gleichheit ist ein Kampf, der gewonnen werden kann. Aber er ist auch ein Kampf mit ungewissem Ausgang, ein anfälliger sozialer und politischer Prozess, der nie abgeschlossen und gesichert ist (Piketty 2021: 29).</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">TAKE AWAYS FÜR DIE REPARATUR DER MODERNE</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was also lässt sich für eine reflexive Reparatur der Moderne mitnehmen? Brauchen wir wirklich einen neuen Sozialismus? Ich bin da skeptisch, glaube aber, dass sich ein paar der Vorschläge Thomas Pikettys zusammenfassen und mitnehmen lassen:</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>1. DATEN ALS BASIS</strong></h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Überwindung des Meritokratismus – eigentlich besser: der äußerst schief hängenden Vorstellung ‘verdienter Herrschaftsansprüche’ – scheint mir ein nüchterner Blick auf die Daten besser geeignet als der “Diskurs” über vermeintliche Leistungsgerechtigkeit. Allein die Daten zur Vermögensverteilung lassen mich zweifeln, ob sich da überhaupt von irgendeiner Leistung sprechen lässt – außer vielleicht der, möglichst steueroptimiert zu (ver-)erben. Und auch bei Themen wie Bildung und Geschlechtergerechtigkeit erscheinen mir Daten bessere Anhaltspunkte für echten Fortschritt zu bieten – zumindest dann, wenn ihre Erhebung wissenschaftlichen Standards genügt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Diskurs, den Streit und die Debatten um die besten Lösungen wird man so nicht beenden, mit <em>Daten als Basis</em> ließe sich aber zumindest dem meritokratischen Reflex des Nach-Unten-Tretens entgegenwirken. Piketty schlägt zum Beispiel eine automatische Grundsicherung (er schreibt von “Grundeinkommen”; ebd. 2021: 176) vor, mit dem zweierlei sichergestellt wird: (1) dass niemand in Armut leben muss, wobei die Grenze zur Armut bei 60 Prozent des Einkommensmedians festgelegt wird, und (2) dass die Gewähr der Grundsicherung vom faktischen Einkommen abhängt und nicht von der Beurteilung durch Bürokrat:innen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">2. KAMPF ALS MODUS</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kampf um gleichwertige Lebensverhältnisse und faire Ressourcenverteilung “ist ein Kampf, der gewonnen werden kann” (Piketty 2021: 29). Er muss dafür aber auch geführt werden, denn allein werden sich die Auswüchse des <em>apertistischen Liberalismus</em> nicht zurückdrängen lassen. Pikettys “Weltformel”<em> </em>ist hierfür recht bezeichnend. Mit <em>r &gt; g </em>fasst er eine zentrale Tendenz moderner Gesellschaften zusammen: Die Rendite aus Vermögen (<em>r</em>) wächst langfristig schneller als die Wirtschaft und die damit verbundenen Einkommen aus Arbeit (<em>g</em>). Der Youtuber Politify fasst das anschaulich zusammen.</p>



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</div></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Gesetzmäßigkeiten wie Pikettys <em>r &gt; g </em>sind keine Naturgesetze! Die “kurze Geschichte der Gleichheit”, die von den 1950ern bis zum Ende der 1970er spielt, zeigt das. Mit Sicherheit waren die Vermögenden und Spitzenverdiener:innen seiner Zeit wenig begeistert von progressiven Steuern auf Einkommen, Vermögen und Erbschaft. Hätten sich die Arbeiterbewegungen nicht für den Aufbau des Sozialstaates stark gemacht, der aus eben jenen Steuern bezahlt wurde, hätte sich die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen den unteren 50 und den oberen 10 Prozent (s.o.) sehr bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder geöffnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">3. GELD ALS HEBEL</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Geld – als Einkommen zum Beispiel – ein Anreiz für Leistung sein kann, ist schwer zu bestreiten. Seinen Unterhalt zu sichern, ist schließlich ein ganz wesentlicher Grund, um überhaupt einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Mehr Einkommen heißt aber nicht unbedingt mehr Leistung. Viele Variablen bestimmen, wie gut oder schlecht ein Job bezahlt wird. Wichtig sind da etwa der Umsatz, der natürlich von Absatzmöglichkeiten und erzielten Preisen abhängt. Wichtig ist aber auch die ‘menschliche Komponente’ – neben Umfang und Art des benötigten “Humankapitals” auch und insbesondere die Gier nach immer Mehr – mehr Einkommen, mehr Prestige, mehr Einfluss etc.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anhand des Effekts der “Vorverteilung” (2021: 152f.) zeigt Piketty, dass eine progressive Steuer auch hierauf wirken kann. Zum Effekt der Umverteilung von ‘oben nach unten’ bewirkt die progressive Steuer nämlich auch, dass sich die Lebensstandards nicht exorbitant weit voneinander entfernen – dass die Gräben zwischen Herrschern und Beherrschten etwa nicht immer breiter werden und dass so noch beiderseitige Anteilnahme und Verständigung auf Regeln im Sinne der Gegenseitigkeit von Rechten und Pflichten möglich ist.</p>



<pre class="wp-block-code"><code><strong>Quellen:</strong>
<em>Piketty, Thomas</em> (2021): Eine kurze Geschichte der Gleichheit. (zit. nach 2. Auflage 2024). München: C.H. Beck Paperback.
<em>Reckwitz, Andreas</em> (2019): Das Ende der Illusion. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. (zit. nach 7. Auflage 2020). Berlin: Suhrkamp.</code></pre>
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		<title>Zeit der Monster – zwischen Geschichte und Zukunft der modernen Gesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Mar 2025 14:29:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Der Stoff aus dem die Monster dieser Zeit gemacht werden: Mehr oder weniger wütende Rundumschläge, die all das treffen wollen, was nicht ins eigene Weltbild passt.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">“Das Alte stirbt und das Neue kann noch nicht zur Welt kommen: Es ist die Zeit der Monster.&#8221; <br><em>Antonio Gramsci 1930</em></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass wir als Menschheit monströsen Gefahren gegenüberstehen, ist nicht zu leugnen. Stichwort: Klimakatastrophe. Und auch in der Politik der <em>westlichen Welt</em> begegnet uns immer wieder Monströses: Russlands Überfall auf die Ukraine; der Angriff der Hamas auf Israel und dessen Reaktionen darauf; und nicht zu übersehen auch Donald Trumps andauernde Respektlosigkeit gegenüber Partnern und Freunden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber warum in die Ferne schweifen?! Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus können wir Monströses auch vor der eigenen Haustür anschauen: zum Beispiel die Annäherung der Unionsparteien CDU und CSU an die AfD, die im Bundestagswahlkampf 2025 auf ungeheuerliche Weise deutlich wurde.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gemeinsame Abstimmung der Union mit der AfD Ende Januar 2025 wie auch die Kleine Anfrage der Unionsfraktion im Bundestag Ende Februar 2025 machte ihren Drift nach rechts augenfällig. Darüber hinaus erschien sie mir als eine monströse Wahlkampftaktik, die eine Regierungskoalition unter Beteiligung von Rechtsextremist:innen auf den Horizont des Möglichen rückte – und nebenher Parallelen zu den finstersten Kapiteln der deutschen Geschichte nahelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umfragen bei <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/videos/politbarometer-zusammenarbeit-afd-video-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Politbarometer</a> und <a href="https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/deutschlandtrend-43-prozent-bezweifeln-merz-nein-zur-afd,Uc1rU5f" target="_blank" rel="noreferrer noopener">DeutschlandTrend</a> zeigten: Nicht der Mehrheit der CDU-Wähler:innen, nicht der Mehrheit aller Wähler:innen und auch nicht – das hoffe ich zumindest – den Herren Spitzenpolitikern der Union ist an Rechtsextremist:innen in der Regierung gelegen. Umso monströser erschien die Drohung damit und umso heftiger waren auch die Reaktionen darauf.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch welches Alte stirbt da gerade und welches Neue kann nicht zur Welt kommen? Was macht diese Zeit zur Zeit der Monster? Auf der Suche nach möglichen Antworten wühle ich mich seit einiger Zeit durch die Bücher von Andreas Reckwitz. Ich schreibe hier einmal auf, was ich für eine mögliche Antwort halte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Versionen der Moderne und ihre politischen Paradigmen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man den Diagnosen Andreas Reckwitz&#8217; glauben mag, geht mindestens die Zeit des <em>apertistischen</em>, des <em>öffnenden Liberalismus</em> zu Ende, wenn wir aktuell nicht sogar den Übergang zu einer neuen Version der Moderne oder gar ihr Ende erleben – vielleicht auch alles zugleich.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich das etwas näher ausführen kann, müssen zwei Begriffe geklärt werden:&nbsp;der der <em>modernen Gesellschaft</em> und der des <em>politischen Paradigmas</em>.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die <em>moderne Gesellschaft</em> ist das Projekt der Soziologie – eine Sozialformation, von der niemand so genau sagen kann, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Als grobe Eingrenzungen allerdings taugt zweierlei: (a) der geographische Bezug auf die <em>westliche Welt</em> (i.d.R. Europa und Nordamerika) und (b) der zeitliche Bezug auf die <em>Gegenwart</em> seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.</li>



<li><em>Politische Paradigmen</em> sind Problemlösungsansätze, die das übliche Rechts-Links-Schema überwölben. In allen politischen Lagern bestimmt das aktuell gültige Paradigma den Diskurs, bis es vom gesellschaftlichen Strukturwandel eingeholt wird. Es wird dann immer klarer, dass die negativen Nebeneffekte des politischen Handels dessen intendierten Nutzen systematisch übersteigen. Die Halbwertszeit politischer Paradigmen beträgt jeweils einige Jahrzehnte.</li>
</ul>



<h3 class="wp-block-heading">Die 3½ Versionen der Moderne</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Andreas Reckwitz ist nicht der erste Soziologe, der zwischen verschiedenen Versionen der Moderne unterscheidet. Auch Ulrich Beck sprach schon von einer ersten und einer zweiten Moderne. Er illustrierte damit die gesellschaftlichen Veränderungen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Reckwitz&#8217; Versionierung ist allerdings differenzierter und weniger illustrativ als grundlegend für seine Analysen. Hier ein kurzer Abriss (detaillierter in Reckwitz/Rosa 2021: 99ff.):</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Bürgerliche Moderne</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Seinen Anfang nahm die moderne Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Die erste Version, die <em>bürgerliche Moderne</em>, entstand schon um 1800. Sie war geprägt von generalistischen Vorstellungen des Guten und Schönen; der Ermutigung zu Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Unternehmertum; einem Bildungsideal der Belesenheit; und der Schaffung von Räumen zweckfreier Betulichkeit – &#8220;interessenlosem Wohlgefallen&#8221; (Immanuel Kant).&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen diese eher nach außen, auf Status und Prestige, gerichtete Lebensführung formierte sich insbesondere in Kunst und Kultur zur selben Zeit die <em>Romantik </em>als eine Gegenbewegung  – einer Art halbe Version der Moderne, deren soziale Praktiken erst viel später in dieser Geschichte wieder an die Oberfläche kommen. Kurz gefasst: Während der bürgerliche Mainstream des 19. Jahrhunderts stramm in Richtung formaler Rationalisierung marschierte, feierte die <em>Romantik </em>eher in sich gekehrt das Authentische und Einzigartige.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die organisierte Moderne</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Version der Gegenwartsgesellschaft, die <em>industriell-organisierte Moderne</em>, wird nach dem Ersten Weltkrieg, Anfang der 1920er Jahre, dominant. Im aufkommenden Industriekapitalismus mit seiner fordistischen Kopplung von Massenproduktion und -konsum lösen sich alte Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat in einer <em>nivilierten Mittelstandsgesellschaft</em> auf, die bescheidenen Reichtum für die Mehrheit verspricht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die formale Rationalisierung aller Lebens- und vor allem Arbeitsbereiche eskaliert bald bis zum Totalitarismus und bis hin zum <em>industriell-organisierten</em> Holocaust. Doch auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die <em>organisierte Moderne</em> – in Ost und West – vor allem durch staatliche Planung und einen deutlichen Hang zur Gleichmacherei geprägt.&nbsp;</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Spätmoderne</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die dritte Version der Moderne, die <em>Spätmoderne</em>, wird in den 1970er Jahren dominant. Insbesondere der Shift weg von der Industrie- hin zur Wissensökonomie zersprengte den <em>nivilierten Mittelstand</em> in eine aufstrebende Kreativ- und eine von Abstieg bedrohte Dienstleistungsklasse. Es entsteht die &#8220;Gesellschaft der Singularitäten&#8221; (Reckwitz 2017), in der das Allgemeine (Massenproduktion, -konsum, -kultur etc.) in den Hintergrund und das Singuläre (das Neue, Originelle, Authentische etc.) in den Vordergrund gesellschaftlicher Strukturbildung tritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Lebensstil der <em>Spätmoderne</em> fasst Reckwitz mit dem Modus <em>erfolgreicher Selbstverwirklichung</em>. Und hier kommt die halbe Version der Moderne, die <em>Romantik</em>, wieder an die Oberfläche. Und zwar in in Gestalt einer überraschenden Symbiose, die die einstige Gegenkultur der <em>Romantik</em> mit den institutionellen Ermutigungen der <em>bürgerlichen Moderne</em>, etwa zum Unternehmerischen und zur Selbstverantwortung, eingeht. Die Selbstverwirklichung ist dabei nicht länger nach innen gerichtet, sondern nach außen – auf hochkompetitive Märkte, auf denen es zu bestehen gilt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die politischen Paradigmen der Moderne</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die verschiedenen Versionen der Moderne decken sich zeitlich ganz gut mit dem, was Andreas Reckwitz <em>politische Paradigmen</em> nennt (s.o.). Zwei dieser Paradigmen, die das 20. Jahrhundert domminierten, beschreibt Reckwitz in seinem Buch &#8220;Das Ende der Illusion&#8221; (2019: 239ff.):</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Das <em>sozial-korporatistische Regulierungsparadigma</em>, das die Politik in den USA ab den 1930ern und Deutschland ab den 1960ern prägte. Wichtige Protagonisten waren in den USA Franklin D. Roosevelt (&#8220;New Deal&#8221;) und in Deutschland Ludwig Erhard (&#8220;formierte Gesellschaft&#8221;). Ebenso prägend für dieses Regulierungsparadigma der Wohlfahrtsstaat (&#8220;Volksheim&#8221;) skandinavischer Länder.&nbsp;</li>



<li>Das <em>apertistische Dynamisierungsparadigma</em>, das in seiner neo- wie linksliberalen Ausprägung ab den 1970ern die Politik moderner Gesellschaften dominierte. Zu nennen sind hier Protagonist:innen wie Ronald Reagan und Margret Thatcher, Tony Blair (&#8220;Dritter Weg&#8221;) und Gerhard Schröder (&#8220;Agenda 2010&#8221;).&nbsp;</li>
</ol>



<p class="wp-block-paragraph">Andreas Reckwitz sieht gute Gründe dafür, dass sich der <em>apertistische Liberalismus</em> seit den 2010er Jahren erschöpft. Er scheint von einem neuen politischen Paradigma abgelöst zu werden, den Reckwitz <em>einbettenden Liberalismus</em> nennt. Im Gegensatz zum <em>apertistischen Liberalismus</em> soll es sich hier wieder um ein <em>Regulierungsparadigma </em>handeln. Die Planungs- und Steuerungsphantasien des <em>sozial-korporatistischen Paradigmas</em> sollen hier aber nicht einfach ein Revival erleben. Vielmehr geht es darum, dass die aus dem Ruder gelaufenen Entwicklungen seit den 1970er Jahren eingefangen werden – etwa die zunehmende soziale wie ökonomische Ungleichheit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Zukunft der Moderne und die Monster auf dem Weg&nbsp;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es stimmt, dass sich der <em>apertistische Liberalismus</em> erschöpft und gleichsam die <em>Spätmoderne</em> zu Ende geht, stellt sich freilich die Frage, was wohl als nächstes kommt. Andreas Reckwitz skizziert dafür in seinem jüngsten Buch &#8220;Verlust&#8221; (2024: 414ff.) drei Szenarien, die ich gleich noch nennen will. Spannend aber ist auch die Frage, was dazwischen – in der Zeit der Monster – kommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst ganz kurz zu Reckwitz&#8217; Szenarien:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Weiterführung der Spätmoderne</strong>: Die aktuellen Verwerfungen könnten sich entweder als Hickups im Prozess der weiteren Modernisierung erweisen, die mit innovativen Technologien und oberflächlichen Reformen in den Griff zu bekommen sind. Oder: Das Epizentrum der Moderne könnte sich geografisch verschieben – etwa nach Ostasien, wo die Moderne auf andere Art fortgeschrieben wird.</li>



<li><strong>Zusammenbruch der Moderne</strong>: Entweder durch eine einzige Katastrophe (oder mehrere in kurzer Folge) oder einen längeren Prozess des institutionellen Zerfalls könnte die Moderne als Episode in der menschlichen Geschichte zu Ende gehen. Was folgen würde wäre ein (Überlebens-)Kampf aller gegen alle oder eine Renaissance vormoderner Strukturen kleinteiliger, lokaler, vor allem ländlicher Selbstversorgungsgemeinschaften mit geringer sozialer Komplexität und hoher Resilienz.</li>



<li><strong>Reparatur der Moderne</strong>: Durch eine reflexive Transformation geht die moderne Gesellschaft die grundlegenden Probleme der <em>Spätmoderne </em>an und macht daraus eine Tugend: Die radikale Offenheit der Zukunft geht nicht mehr einher mit dem Glauben daran, dass am Ende alles gut wird; die Zukunft wird nicht allein mit Innovationen, sondern vor allem mit bereits Erreichtem gestaltet; und die kreative Zerstörung richtet sich nicht länger auf die verletzlichsten Teile der Gesellschaft und ihrer Umwelt, sondern auf dessen Angreifer.&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Welches dieser Szenarien unserer Zukunft auch immer am nächsten kommt: Solange das Alte tatsächlich zu Ende geht und das Neue noch nicht geboren werden kann, ist die Zeit der Monster. Eine Zeit, in der lieb gewonnene Selbstverständlichkeiten in Frage stehen und altbewährte Problemlösungsansätze nicht mehr funktionieren.&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">&#8220;Ihr [den Krisenzeiten] wichtigstes Symptom ist das, was man als internationale <em>populistische Revolte</em> zusammenfassen kann: eine vielschichtige Bewegung gegen die liberal geprägten Funktionseliten und deren ökonomische wie kulturelle Hegemonie im Namen eines imaginierten &#8216;Volkes'&#8221; <br>(Reckwitz 2019: 239).</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die eingangs erwähnten Monstrositäten gehören mit Sicherheit zu diesen Symptomen. Rechtspopulismen, die im Kern Verlusterfahrungen zu ihrem Vorteil zu verwerten suchen. Verlusterfahrungen, die die <em>Spätmoderne</em> besonders in den von (gefühlten oder faktischen) Abstieg betroffen Milieus geradezu im Überfluss produziert. Anhand des Ende Januar 2025 erhobenen Zuspruchs zu den unterschiedlichen <a href="https://www.sinus-institut.de/media-center/presse/politische-stimmung-januar-2025" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kanzler:innen-Kandidaten in den SINUS-Milieus</a> wird das ganz gut ersichtlich. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-1024x768.jpg" alt="SINUS-Milieus, eingefärbt nach Neigung zu den unterschiedlichen Kanzlerkandidat:innen in der Bundestagswahl 2025 " class="wp-image-9662" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-1024x768.jpg 1024w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-300x225.jpg 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-768x576.jpg 768w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-720x540.jpg 720w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-580x435.jpg 580w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1-320x240.jpg 320w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/03/250130_SINUS-GRAFIK_Kanzlerneigung-1.jpg 1260w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Anerkennend könnte man den Populist:innen dieser Tage zugestehen, die Krise der modernen Gesellschaft prägnant erkannt und sich gegenüber dem alten Gegensatz von Neo- und Linksliberalismus erfolgreich in Stellung gebracht zu haben. Erfolgreich aber nur in dem Sinne, dass sie an diffusen Verlustängsten und konkreten Verlusterfahrungen anknüpfen, diese eigensinnig verstärken und damit Wähler:innen mobilisieren können. Allzu praxistaugliche Lösungen sind indes nicht in Sicht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das ist, glaube ich, der Stoff, aus dem die Monster dieser Zeit gemacht werden: Mehr oder weniger wütende Rundumschläge, die all das treffen wollen, was nicht ins eigene Weltbild passt. Die Rechtspopulist:innen dieser Tage haben darin vielleicht am meisten Übung, exklusiven Anspruch auf die Fabrikation von Ungeheuerlichkeiten haben sie aber nicht. Was im politischen Tumult nämlich als monströs und was als weniger ungeheuerlich wahrgenommen wird, ist sehr unterschiedlich:  Die einen fürchten sich schon vor gendersensiblen Satzkonstruktionen, die anderen vor Einschränkungen im Kantinenspeiseplan, wieder andere ängstigen die Auswüchse des digitalen Plattformkapitalismus und noch andere machen Vorstöße in Richtung Parteiverboten Angst.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir macht dabei der Eindruck Sorgen, dass die Sensibilität dafür verloren gegangen ist, welche Reaktionen einzelne Ideen und Vorschläge bei anderen auslösen können, was sie triggert und warum. Aber das setze ich ein anderes Mal fort.</p>



<pre class="wp-block-code"><code><strong>Quellen</strong>
<em>Reckwitz, Andreas</em> (2019): Das Ende der Illusion. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. 7. Auflage: 2020. 
<em>Reckwitz, Andreas</em> (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. 6. Auflage: 2022. Berlin: Suhrkamp.
<em>Reckwitz, Andreas / Rosa, Hartmut</em> (2021): Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Berlin: Suhrkamp.
Reckwitz, Andreas (2024): Verlust. Ein Grundproblem der Moderne. 3. Auflage: 2024. Berlin: Suhrkamp.</code></pre>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Wenn eine:r einen Antrag schreibt – Tipps zum Lesen von Förderrichtlinien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 May 2024 11:37:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Wenn mich jemand vor zehn Jahren gefragt hätte, womit ich später mal so meine Zeit verbringen will, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, es könnten einmal Förderanträge werden. Heute ist das anders – zumindest dann, wenn es um Förderanträge zu Themen geht, die die engagierte Zivilgesellschaft umtreiben: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Digitalisierung, Klimawandel und so etwas. [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn mich jemand vor zehn Jahren gefragt hätte, womit ich später mal so meine Zeit verbringen will, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, es könnten einmal Förderanträge werden. Heute ist das anders – zumindest dann, wenn es um Förderanträge zu Themen geht, die die engagierte Zivilgesellschaft umtreiben: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Digitalisierung, Klimawandel und so etwas. Für mich sind Förderanträge ein steter Quell aufschlussreicher Einblicke in die engagierte Praxis, der in der <a href="https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ehrenstiftung DSEE</a> wohl nicht so schnell versiegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Journals, Sammelbände, Blogposts und Beiträge in den Sozialen Medien lese ich natürlich auch. Die Qualität ist aber definitiv eine andere! Wenn eine:r einen Antrag schreibt, tut er oder sie dies nicht, um Einblicke in die engagierte Praxis zu geben. Förderanträge werden geschrieben, um Geld für bestimmte Vorhaben zu bekommen. Und genau das war ein Grund, warum ich hier im Blog schon mal ein paar <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/12/31/wenn-einer-einen-antrag-schreibt/">Tipps für gute Antragstexte</a> aufgeschrieben habe. Gute Antragslyrik aber ist das eine. Eine ganz andere Sache sind Förderrichtlinien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die verdammten Formalitäten, die ich das letzte Mal so nonchalant weggelassen habe, stellen sich immer wieder als verdammt hohe Hürde auf dem Weg zur Förderkohle heraus. Und deshalb soll es hier genau darum gehen: um die verdammten Formalitäten und was man dazu in Richtlinien lesen kann. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz so einfach ist das Thema natürlich nicht! Ich kann hier nur von Richtlinien für Förderungen aus öffentlicher Hand schreiben. Und eigentlich auch nur von denen der DSEE berichten. Gleichwohl hoffe ich aber, dass es dem oder der geneigten Antragsteller:in ein bisschen hilft, sich an die verdammten Formalitäten he<em>ranzupirschen</em>. &nbsp;</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Obligatorischer Disclaimer:</strong> Ich bin kein Jurist und auch kein ausgebildeter Experte im weiten Feld des Zuwendungsrechts. Im Zweifel könnt ihr euch also leider nicht auf diesen Text hier berufen. Sorry!  </pre>



<h2 class="wp-block-heading">Basics: Gemeinsam. Nicht gegeneinander!</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Förderanträge auf eine Partnerschaft zielen sollten, habe ich schon <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/12/31/wenn-einer-einen-antrag-schreibt/">das letzte Mal</a> geschrieben. Ich will es ich hier gleich zu Beginn wieder betonen: Wer mit achtungheischender Anspruchshaltung oder “Wir-Gegen-Die-Mindset” in die Antragstellung startet, wird es schwer haben.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein Anspruch auf Gewährung einer Zuwendung besteht nicht.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So oder ähnlich zumindest steht es in jeder Förderrichtlinie, die ich kenne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was das “Wir-Gegen-Die-Mindset” anbelangt, sollte man sich <em>einerseits</em> vor Augen führen, dass Förderrichtlinien eigentlich so etwas wie die veröffentlichten Spielregeln der Verwaltung darstellen. Mitarbeitende der fördernden Institutionen müssen sich daran halten. Ja! Förderrichtlinien sind &#8220;Verwaltungsvorschriften&#8221; und haben deshalb eigentlich nur eine Innenwirkung. Nach außen – auf Antragsteller:innen – wirken sie insofern, als sie die Regeln offenlegen, nach denen der Fördermittelgeber spielt. Selbstverständlich kannst du auch ein anderes Spiel spielen. Schach und Dame machen auf ein und demselben Brett aber irgendwie keinen Sinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man sollte sich <em>andererseits</em> vor Augen führen, was für Fördermittelgeber:innen mit so einer Förderrichtlinie verbunden ist. Da hängt nämlich einiges dran! Ohne den festen Willen, öffentliche Mittel als Förderung zu vergeben, ist eine Förderrichtlinie nicht zu machen. Die Paragraphen 23 und 44 der Bundeshaushaltsordnung (BHO) und die dazugehörigen allgemeinen <a href="https://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_14032001_DokNr20110981762.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Verwaltungsvorschriften</a> (VV-BHO), die in so ziemlich jeder Förderrichtlinie der öffentlichen Verwaltung erwähnt werden, mögen harmlos aussehen. Aber dieser Eindruck täuscht! Was sich wirklich dahinter verbirgt, kann man sich im Band des Präsidenten des Bundesrechnungshofes zu <a href="https://d-nb.info/1127352423" target="_blank" rel="noreferrer noopener">typischen Mängeln und Fehlern im Zuwendungsbereich</a> anschauen. Eine wahrlich teutonische Schrift und ein Zeugnis möglicher Gründe für teils erdrückende Akribie, Risikoscheue und Klugscheißerei der öffentlichen Verwaltung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Tipps zum Lesen von Förderrichtlinien</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Förderrichtlinien lesen ist kein vergnügungssteuerpflichtiges Unterfangen. Trotz allem Bemühen um Zugänglichkeit und Bürgernähe sind und bleiben Richtlinien Verwaltungsvorschriften. Sie werden also für die Verwaltung geschrieben und drehen, bevor sie veröffentlicht werden, diverse Schleifen – unter anderem über den Bundesrechnungshof (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/bho/__44.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">§ 44 Nr. 1 Satz 4</a>). Die Mühe lohnt sich aber, denn der oder die geneigte Antragsteller:in findet darin allerhand relevante Informationen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orientierung zum Lesen von Förderrichtlinien bietet der übliche Ablauf eines Förderprojektes – von der Antragstellung und -prüfung über die Ent- beziehungsweise &#8220;Bescheidung&#8221; und Projektabwicklung bis zur allseits geliebten Verwendungsnachweisführung.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="381" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-1024x381.jpg" alt="" class="wp-image-9506" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-1024x381.jpg 1024w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-300x112.jpg 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-768x286.jpg 768w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-720x268.jpg 720w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-580x216.jpg 580w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-320x119.jpg 320w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung-1320x491.jpg 1320w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Prozess-Foerderantrag-bis-Verwendungsnachweispruefung.jpg 1470w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Prozess: Vom Förderantrag zur Verwendungsnachweisführung</em></figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">1. Antragstellung: Mind the Zweck</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem üblichen Geplänkel zu den Paragraphen 23 und 44 BHO und den dazugehörigen Verwaltungsvorschriften folgt in so ziemlich jeder Förderrichtline die Info, wer und was da eigentlich gefördert werden soll. Hier lohnt es sich genau hinzuschauen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Was soll eigentlich gefördert werden und warum?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die <em>Förderzwecke</em> werden in der Regel <em>SMART</em> formuliert – <em>s</em>pezifisch, <em>m</em>essbar, <em>a</em>ngemessen, <em>r</em>ealistisch und <em>t</em>erminbezogen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="327" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO.png" alt="" class="wp-image-9507" style="width:750px;height:auto" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO.png 945w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO-300x104.png 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO-768x266.png 768w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO-720x249.png 720w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO-580x201.png 580w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2024/05/Uebersicht-SMART-Acronym-nach-BHO-320x111.png 320w" sizes="auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Quelle</em>: <em>Der Präsident des Bundesrechnungshofs 2016: 28</em></figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art SMARTe Darstellung dient eigentlich dazu, das jeweilige Förderprogramm später evaluieren zu können, ist aber auch für das Verständnis des Förderzwecks ganz praktisch: Nebst des präzisen Förderziels erfährt man hier nämlich auch, wie etwaige Förderprojekte wirken sollen (z.B. durch Schulungen). Außerdem kann man erkennen, was als angemessen und realistisch im gesetzten Zeitrahmen erachtet wird. Heißt es da zum Beispiel, dass Förderprojekte <em>in besonderem Maße</em> zu einem gesetzten Ziel (z.B. der Gestaltung des digitalen Wandels) beitragen sollen, werden Wirkungsziele, die nicht über die Organisation selbst hinausreichen (z.B. Organisationsentwicklung zum papierlosen Vorstandsbüro) schlicht nicht ausreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch findet man in Förderrichtlinien die Info, wer da eigentlich gefördert werden soll beziehungsweise wer <em>antragsberechtigt</em> ist und wer nicht: juristische oder natürliche Personen des öffentlichen oder privaten Rechts; Gebietskörperschaften, Parteien, Anstalten; vielleicht auch rechtsfähige Zusammenschlüsse privatrechtlicher juristischer Personen; mit oder ohne Gemeinnützigkeit etc. pp. Hier ist Sachverstand gefragt! So als Daumenregel: Wenn du deine Organisation im Handels- oder Vereinsregister findest (Das kannst du auf <a href="https://www.handelsregister.de/rp_web/normalesuche.xhtml" target="_blank" rel="noreferrer noopener">handelsregister.de</a> kostenlos herausfinden.), dann handelt es sich wahrscheinlich um eine juristische Person des privaten Rechts. Wenn du überdies einen aktuellen Freistellungs- oder Feststellungsbescheid vom Finanzamt hast, gehörst in die Kategorie gemeinnützig. </p>



<h3 class="wp-block-heading">2. Antragsprüfung: Map the Road</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem Grundsatz zum wirtschaftlichen und sparsamen Einsatz öffentlicher Mittel enthalten Förderrichtlinien auch Regelungen, die den Grundsatz der Gleichbehandlung von Antragsteller:innen sicherstellen. Die Darstellung des Verfahrens, nachdem die Förderanträge geprüft werden, gehört genau wie Offenlegung der formalen und inhaltlichen Kriterien für die (Besten-)Auswahl in diese Kategorie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst kurz zum <em>Antragsverfahren</em>: Hier gibt es unterschiedliche Varianten – mit oder ohne Interessenbekundungsverfahren, Prüfung nach Eingang (das sog. „Windhundprinzip“), Prüfung nach Ende des Antragszeitraums und einiges mehr. Auch wenn Verwaltungsabläufe kein sonderlich beliebtes Thema sind (Außer natürlich in der Verwaltung!) solltest du sie beim Lesen von Förderrichtlinien im Blick haben. Das stärkt die Empathie und kann dir später ein böses Erwachen ersparen. Schlägt eine Verwaltung nämlich einmal einen bestimmten Weg ein, ist sie davon kaum mehr abzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn eine:r einen Antrag schreibt, sind die inhaltlichen <em>Antragsprüfkriterien </em>natürlich viel spannender als die öden Verwaltungsabläufe. Sie geben schließlich wertvolle Hinweise zur Antragslyrik – etwa zu Keywords, die im Antrag vermeintlich auftauchen müssen. Mein Tipp an dieser Stelle: Nimm die verdammten Kriterien ernst! Sie sind zu wichtig, als dass du die bloßen Wörter wie Streuobst über deinen Text verteilen solltest. Wenn in den Kriterien zum Beispiel etwas von „Wirkungslogik“ steht, geht es um einen nachvollziehbaren Zusammenhang von Output und Outcome, Maßnahmen und angestrebten Veränderungen. Das ergibt sich aus dem Zusammenhang, nicht allein durch schöne Worte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">3. Entscheidung: Formal brachial</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entscheidung, ob dein Projekt gefördert wird oder nicht, wird in der öffentlichen Verwaltung in der Regel nach einem mehrstufigen Prüfprozess getroffen. Dabei sind neben den inhaltlichen Prüfkriterien auch formale Kriterien relevant. Auch diese <em>verdammten Formalitäten</em> solltest du im Blick behalten. Sie sind nicht selten die K.O.-Kriterien für deine Projektförderung:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><em>Eignung des Antragstellers:</em> Neben der Antragsberechtigung (s.o.) wird auch geprüft, ob das Fördervorhaben eigentlich zum Satzungszweck passt. Darfst du also die Mittel überhaupt so ausgeben, wie du es dir vorgenommen hast?</li>



<li><em>Wirtschaftlicher und sparsamer Mitteleinsatz:</em> Beachtest du verwaltungstechnische Eigentümlichkeiten wie das „Besserstellungsverbot“ oder das „Verbot des vorzeitigen Maßnahmenbeginns“? Bewegen sich veranschlagten Honorarkosten im Rahmen des Üblichen und sind die geplanten Anschaffungen wirklich notwendig?</li>



<li><em>Förderfähige Ausgaben:</em> Fallen deine geplanten Ausgaben überhaupt in die Kategorie „förderfähige Ausgaben“ oder stehen sie auf irgendeiner ‚schwarzen Liste‘?</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem werden bei der Entscheidung über die Förderung oft auch noch weitere Kriterien berücksichtigt, auf die du keinen direkten Einfluss hast. So etwa die geographische Verteilung. Eine Bundesstiftung, wie die DSEE eine ist, muss bundesweit wirken. Das gilt auch für ihre Förderungen. Wenn sich also sehr viele Anträge aus Großstädten wie Berlin gestellt werden, steigt dort der Konkurrenzdruck, wohingegen er im Saarland vielleicht eher so mäßig bleibt und in Bremen eventuell gegen Null läuft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">4. Projektabwicklung: Budget c’est moi</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für die Projektabwicklung enthalten Förderrichtlinien Hinweise etwa zur maximale Förderhöhe, also der Obergrenze für den Zuschuss, den du überhaupt beantragen kannst, und der zusammen mit deinen Eigenmitteln das Gesamtbudget für dein Projekt bildet. Auch findest du hier Hinweise darauf, was du als Eigenmittel überhaupt einbringen darfst – bare Eigenmittel sind die Regel, manchmal dürfen es aber auch unbare oder gar fiktive Eigenmittel wie Arbeitszeit von Engagierten sein. Ausgeschlossen werden häufig „Doppelförderungen“ also die Co-Finanzierung aus unterschiedlichen Förderprogrammen der öffentlichen Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso relevant sind hier natürlich die allgemeinen Nebenbestimmungen zur (Projekt-) Förderung, kurz „ANBest“. Bei öffentlichen Zuwendungen für Projekte an juristische Personen des privaten Rechts (also die, die i.d.R. Vereins- oder Handelsregister zu finden sind) kommt die <a href="https://www.bva.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Aufgaben/ZMV/Zuwendungen_national/nebenbestimmungen_anbest_p_2019.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ANBest-P</a> zum Einsatz. Diese vier DIN-A4-Seiten Förderbürokratie werden leider viel zu oft als eine Art ‚Beipackzettel‘ zum Zuwendungsbescheid beiseitegelegt. Schade! Denn in der ANBest steht eigentlich alles drin, was man zur Projektabwicklung wissen muss: Wie funktioniert das mit dem Mittelabruf? Inwiefern kannst du von deiner Budget-Planung abweichen? Welche Regeln gelten für Vergaben? usw. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass all diese nützlichen Hinweise in der ANBest drinstehen, macht es umso bedauerlicher, dass der Text so umständlich geschrieben ist. Zum Glück gibt es bei der DSEE den digitalen <a href="https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/anbest-p/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ANBest-P-Escape Room</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">5. Abrechnung: Doku voraus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zu guter Letzt stecken auch zur Abrechnung beziehungsweise „Verwendungsnachweisführung“ wichtige Infos in Förderrichtlinien und den Texten rings herum, in FAQs oder Förderleitfäden. Hier kann man zum Beispiel nachschauen, wie die Outputs oder Maßnahmen im Projekt dokumentiert werden müssen. Das mag auf den ersten Blick erst für die operative Arbeit nach der Bewilligung relevant sein, avanciert mithin aber auch zu einem grundsätzlichen Problem: Wenn zum Beispiel für die Teilnahme an Angeboten innerhalb deines Projektes die Bedürftigkeit nachgewiesen werden muss, stellt sich die Frage, ob du derart diskriminierendes Zettelwerk überhaupt ethisch vertreten kannst und also vielleicht doch lieber die Finger von der Staatskohle lassen solltest.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fragen an die Richtlinie stellen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke, es ist bis hierher deutlich geworden, dass in Förderrichtlinien und den dazugehörigen Förderleitfäden und FAQs viel drinsteckt, was beim Antragschreiben helfen kann. Das Problem: Die Texte machen keinen Spaß. Ganz im Gegenteil! Es macht große Mühe, sich da durchzuwühlen. Und hinterher fühlt man sich selten viel schlauer. Das ist wirklich großer Mist! Bevor dieser Missstand aber endlich mal behoben worden ist, hilft es sicher, sich im Team fragend an die wesentlichen Infos heranzupirschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe bis hierher schon viele Punkte genannt, nach denen ihr gemeinsam Ausschau halten könnt. Ergänzt die Liste einfach noch mit Erfahrungen, die ihr selber gemacht oder von denen ihr schonmal gehört habt. Nicht weiter erwähnt habe ich hier zum Beispiel das Thema „Gebietskulisse“, also die geographische Einschränkung der Antragsberechtigung entlang bestimmter Kriterien wie etwa Strukturschwäche (GRW-Klassifizierung) und Ländlichkeit (Thünen-Klassifizierung). Auch „Weiterleitungen“, also die Möglichkeit mit Fördermitteln selber als Zuwendungsgeber gegenüber Dritten aufzutreten, habe ich nicht mehr untergebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche und ähnliche Punkte könnt ihr aber ganz einfach als weitere Fragestellungen sammeln und in den Texten gemeinsam danach Ausschau halten. Wenn ihr dann keine befriedigende Antwort findet, lohnt es sich zum Hörer zu greifen oder in die Tasten zu hauen. Konkrete Fragen sollten Zuwendungsgeber auch recht konkret beantworten können. Sie sollten daran auch ein Interesse haben, denn fehlerhafte Anträge machen – soweit es nicht die K.O.-Kriterien betrifft – ziemlich viel Arbeit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Epilog: Finger weg von der Staatskohle?!<strong>&nbsp;</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich das oben erwähnte Buch zu <a href="https://d-nb.info/1127352423" target="_blank" rel="noreferrer noopener">typischen Mängeln und Fehlern im Zuwendungsbereich</a> genauer anschaut, wird feststellen, dass Zuwendungsrecht ein recht ambivalentes Feld ist. Einerseits ist es eine Art Gestaltungsrecht, das, wenn es demokratisch legitimiert ist, ein hervorragendes Instrument staatlicher Governance darstellt. Andererseits geht es im Grunde um Finanzierung von Aufgaben, die der Staat besonders wichtig findet, aber nicht selbst erledigen kann und das Verfolgen von Zielen, die nicht anders als über eine Förderung zu erreichen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kontext einer eigenständigen und eigensinnigen Zivilgesellschaft klingt das nicht unbedingt nach einer guten Grundlage für die Partnerschaft mit dem Staat, oder? Es klingt vielmehr nach Indienstnahme. Und sowas in der Art ist es auch! Das Sprichwort <em>„Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘“</em> kennt ihr sicher. Wer hier nicht mitsingen will, sollte sich zumindest in bestimmten Bereichen seine Unabhängigkeit bewahren und die Finger von der Staatskohle lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass das einfacher gesagt als getan ist, glaube ich gern. Der D64 e.V. zum Beispiel hat ziemlich mit sich gerungen, bis eine <a href="https://d-64.org/finanzierung-nonprofit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">entsprechende Policy</a> stand. Und er tat gut daran, seine politische Arbeit zur Sperrzone für (private und öffentliche) Fördermittelgeber zu erklären. D64 bewahrt sich so seine Unabhängigkeit, die Grundlage für eigensinniges Engagement im Sinne dessen, was man für das Gemeinwohl hält.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen:</strong><br><em>Der Präsident des Bundesrechnungshofes</em> (2016): Prüfung der Vergabe und Bewirtschaftung von Zuwendungen - typische Mängel und Fehler im Zuwendungsbereich : Empfehlung des Präsidenten des Bundesrechnungshofes als Bundesbeauftragter für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart. </pre>
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		<title>Wenn eine:r einen Antrag schreibt – Tipps für deinen Antragstext</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 31 Dec 2022 16:47:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Studium]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[#meinjob]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Von Zeit zu Zeit witzle ich über mich selber als „passionierten Antragsprüfer“. Auch wenn die Antragsprüfung bei der DSEE mittlerweile ganz in den Händen versierterer Ehrenmänner und -frauen liegt, finde ich es immer wieder spannend, über die Vorhaben einzelner Non-Profits zu lesen. Die Drähte zur engagierten Zivilgesellschaft lassen sich so ganz gut spannen. Besonders freue [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Von Zeit zu Zeit witzle ich über mich selber als „passionierten Antragsprüfer“. Auch wenn die Antragsprüfung bei der DSEE mittlerweile ganz in den Händen versierterer Ehrenmänner und -frauen liegt, finde ich es immer wieder spannend, über die Vorhaben einzelner Non-Profits zu lesen. Die Drähte zur engagierten Zivilgesellschaft lassen sich so ganz gut spannen. Besonders freue ich mich, wenn mir dabei neue, mutige Ansätze begegnen. Soziale Innovationen finde ich halt sexy!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsexy dagegen finde ich mithin die Art und Weise ihrer Darstellung. Ich persönlich bin ein Textmensch. Bunte Pitch-Decks sind für mich kaum mehr als schmückendes Beiwerk. Deshalb dachte ich mir, lasse ich hier mal ein paar Tipps für gute Texte fallen: Texte über Projektvorhaben, die von eigentlich Interessierten wie mir eigentlich gern gelesen und vor allem gern weitergelesen werden. Die üblichen <a href="https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/dseeinformiert/foerdermittel-beantragen-vorbereitung-und-dokumente/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Formalia der Antragstellung</a>, wie auch den weiteren <a href="https://www.tiktok.com/@ehrenstiftung/video/7016715779546565894" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weg eingereichter Anträge</a> bei der Ehrenstiftung lasse ich hier aus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Basics der Antragstellung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fangen wir mit den Basics an: Um was geht es eigentlich? Anträge oder Projektskizzen zielen auf eine Partnerschaft. Das heißt es geht darum <em>gemeinsam</em> etwas zu bewirken. Vor dem Antrag-Schreiben macht es also Sinn herauszufinden, was der Adressat aktuell eigentlich will. Dafür ist es wichtig die jeweiligen Leitbilder, Statuten, Richtlinien, Förderleitfäden, Arbeitsprogramme und dergleichen genau zu kennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann das natürlich auch bleiben lassen und aufs Geratewohl einen Projektpitch losschicken. Vielleicht stehen die Sterne ja zufällig gut. Vielleicht wird dem Gegenüber damit auch ein Aspekt engagierter Praxis deutlich, den er oder sie bislang noch gar nicht bedacht hatte. Das ist gut und richtig – mit der gezielten Anbahnung einer Partnerschaft aber hat das nicht viel zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wird also dieser Abgleich von Zielen und Interessen zwischen Antragsteller und Adressat organisiert? Ganz einfach: mit einem Antragsformular. Oder einfacher: mit einer Sammlung relevanter Fragestellungen. Und weil meistens der Fördermittelgeber in der Not ist, irgendeinen Prozess für die Antragstellung organisieren zu müssen, formuliert er auch die Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es macht durchaus Sinn, diese vorgegebenen Fragestellungen ernst zu nehmen. Zwar wird die Bürokratie – und Antragsformulare gehören sicher in diese Kategorie – oft als Ärgernis wahrgenommen, doch hat sie hier durchaus ihre Berechtigung. Sie bringt etwas Struktur in die Angelegenheit und ermöglicht einen fairen Auswahlprozess.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann diese Struktur natürlich auch ‚aufbrechen‘, kreativ damit umgehen oder random irgendwas anderes mit den Formularen anstellen. Aktionskunst ist immer cool! Der Anbahnung einer Partnerschaft scheint mir das aber nicht sonderlich zuträglich. Besser ist es tief durchzuatmen und die Fragen einfach zu beantworten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Antragstexte schreiben</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier kurz und knapp ein paar Basics, mit denen man beim Antrag-Schreiben schon ziemlich weit kommt: <em>Verwende aktive Sprache, fasse dich kurz und schreibe allgemeinverständlich.</em> An wissenschaftlichen Ausführungen in langen Schachtelsätzen, garniert mit Fachbegriffen, die keine 1.000 Treffer bei Google erreichen, hat niemand Freude (außer manche Wissenschaftler:innen natürlich). Im Folgenden steige ich von hier aus etwas tiefer ein. Den Start mache ich mit der kleinsten Sinneinheit eines Textes: den Worten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">1. Die Wortwahl: Wähle weise!</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Grundsätzlich gilt: Ein Wort ist umso verständlicher, umso angenehmer, umso kraftvoller, je weniger Silben es hat.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sind ständig von Einsilbern umgeben: Haus und Hof, Berg und Tal, Stadt und Land&#8230; Warum sollten wir also zum Beispiel vom „Paradigmenwechsel“ schreiben? Das Wort hat sechs Silben – vier davon griechisch. Warum nicht „Kurswechsel“ (drei Silben) oder „Wandel“ (zwei Silben) oder „Schwenk“ (eine Silbe)? Je weniger Silben, desto verständlicher, desto kraftvoller: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yes_We_Can" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Yes We Can!“</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch sind wir permanent von konkreten Dingen umgeben, die wir riechen, schmecken, hören und tasten können. Es lohnt, diese auch konkret zu benennen. Was hilft es von „Emissionen“ zu schreiben, wenn „Abgase“ gemeint ist? Es ist doch viel eindrücklicher, wenn wir das Gemeinte fast riechen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Wahl der Worte lohnt es sich also Silben zu sparen und Anker in den Alltag zu werfen. Wenn dafür im Übrigen Anglizismen nötig sind, bitteschön: Was wäre denn auch einzuwenden gegen „Sex“, „Team“ oder „Test“? Gar nichts. Gegen den „Approach“ indes habe ich was. Das ist unnötiger Entrepreneurship-Schwulst für „Ansatz“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">2. Der Satzbau: Kurz und gut!</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Der Ideale Satz macht in wenigen, wohl bekannten Worten eine klare Aussage.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Am eingängigsten sind knackige Hauptsätze, die eine Frage beantworten: „Wer tut was?“<br>Zum Beispiel: „Die Ehrenamtlichen vor Ort verteilen Flyer.“ Warum sollte man das noch mit irgendwelchen Nebensätzen garnieren? Vielleicht weil sonst eine wichtige Erläuterung verloren geht: „Die Ehrenamtlichen vor Ort verteilen Flyer, um über unsere Kampagne zu informieren.“ Okay. Mehr aber nicht! Vor allem nicht: „Die Ehrenamtlichen vor Ort informieren über unsere Kampagne, indem sie Flyer verteilen.“ Und schon gar nicht: „Zur Information über unsere Kampagne verteilen Ehrenamtliche, die sich vor Ort engagieren, Flyer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal ist aber auch ganz ohne Nebensätze Vorsicht geboten. Besonders dann, wenn wir es mit getrennten Verben zu tun haben (bspw. im Perfekt – „habe gemacht“, „ist gewesen“ usw.). Man bedenke: Die Zeit, die ein Mensch als Gegenwart erlebt, beträgt nicht mehr als drei Sekunden. Und wie viele Worte lesen wir in drei Sekunden? Im Durchschnitt nicht mehr als sechs. Nicht mehr als sechs Worte also dürfen das Verb trennen: „Die Ehrenamtlichen vor Ort konnten bei starkem Regen keine Flyer verteilen.“ Okay – fünf Worte zwischen „konnten“ und „verteilen“. Aber: „Die Ehrenamtlichen vor Ort konnten wegen des nicht angekündigten Gewittersturms keine Flyer verteilen.“ Merkt ihr selber, oder?</p>



<h3 class="wp-block-heading">3. Die Struktur: Mitten rein!</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn dein erster Satz für einen Schulaufsatz taugt, dann schmeiße ihn weg.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Einleitung – Hauptteil – Schluss. Das ist was für den Deutschunterricht. Bei guten Texten heißt das Zauberwort „Storytelling“. Auch Stories haben Struktur. Die Spannungsbögen ziehen sich dabei aber über den ganzen Text und müssen nicht vorgreifend (Einleitung) und rückblickend (Schluss) zusammengefasst werden. Was hängen bleiben soll, ist in die Textstruktur eingeschrieben: Wer ist der Held der Geschichte, wer der Mentor, wer der Bösewicht? Was ist das Problem, was ist die Lösung?</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<iframe loading="lazy" title="Kurt Vonnegut on the Shapes of Stories" width="720" height="540" src="https://www.youtube.com/embed/oP3c1h8v2ZQ?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
</div><figcaption class="wp-element-caption"><em><a href="https://bigthink.com/high-culture/vonnegut-shapes/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Shapes of Stories von Kurt Vonnegut</a></em></figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Antrag ist keine Hausarbeit! Er ist natürlich auch keine frei erfundene Geschichte. (Dazu weiter unten mehr.) Ein guter Text zieht die Lesenden in den Bann und lässt sie nicht mehr los. Eine besondere Herausforderung dabei ist der Einstieg. Wie findet man den? Zunächst: Konstruktionen à la „Kennen Sie das auch?“ oder „Was hat X und Y gemeinsam?“ taugen nicht viel. Der Einstieg sollte überraschen und neugierig machen. Bei platter Werbung schalten Leser:innen schnell ab. Besser:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Raúl wurde mit Glasknochen geboren – aber <a href="https://www.rowohlt.de/buch/raul-aguayo-krauthausen-dachdecker-wollte-ich-eh-nicht-werden-9783499622816" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dachdecker wollte er eh nicht werden</a>. </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird ein vermeintlich ‚persönliches Schicksal‘ wunderbar eingängig beschrieben („Raúl wurde mit Glasknochen geboren“), um dann über die Assoziationen von Hilflosigkeit und fremdbestimmtem Leben zu spotten („Dachdecker wollte er eh nicht werden“). Ein toller Aufhänger, um auf echte Inklusion neugierig zu machen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">4. Der Gesamteindruck: Kill your Darlings!</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn du einen starken Text produzieren willst, schmeiß die Adjektive weg – zumindest die meisten.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Klar, Adjektive – „Wie-“ oder „Eigenschaftswörter“ – geben Texten Farbe: das blaue Kleid, nicht das grüne; die grauen Wände, nicht die bunten… Ein paar davon braucht jeder Text. Oft wird es mit der Farbe aber übertrieben, zum Beispiel mit „engagierten Ehrenamtlichen“ oder „gezielten Maßnahmen“. Das ist tautologisch – doppelt gemoppelt – also unsinniger Schwulst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur unsinnig sondern irreführend wird es, wird behauptet, bestimmte Eigenschaften wären vorhanden obwohl sie das vielleicht gar nicht sind: Gern wird etwa von „nachweislich wirksamen Projekten“ oder „wissenschaftlich erwiesenen Effekten“ geschrieben obwohl sich im Text nichts dergleichen findet. Ich zumindest werde hier ziemlich schnell ziemlich skeptisch und schaue umso genauer hin. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Skeptisch sollten alle werden, die bemerken, dass sie beim Schreiben nach ‚Schema F‘ verfahren – die zum Beispiel zwanghaft Synonyme suchen, um ja kein Wort zu wiederholen. Am Ende nämlich, wenn alles im Synonym-Brei verschwimmt, wiederholt sich nur noch der Name der Organisation. Es entsteht ein fader Beigeschmack.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Antragstexte reviewen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es kann etwas sehr Schönes sein, mit (s)einem Text in eine Antwortbeziehung zu treten – zu versuchen, ihm die eigenen Gedanken einzuschreiben und dabei zu bemerken, wie er seinerseits das Denken verändert. Gleichgültig aber ob das Antragschreiben wirklich schön oder nur anstrengend ist: Man verbringt doch einige Zeit mit dem Text. Im Ergebnis wird man blind für die Fehler, die wir alle machen. Von den üblichen Typos (Rechtschreibung &amp; Grammatik) bis zu Copy- &amp; Paste-Fehlern wie doppelte Textpassagen oder fehlende Referenzen ist dann schnell alles dabei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nobody is perfect! Fehler sind ganz normal. Deshalb ist es wichtig, Texte von jemand anderem reviewen zu lassen – wenn’s geht zweimal: einmal mit der fachlichen Brille und einmal mit der Duden-Brille. Wer fachlich liest konzentriert sich auf den Sinn, auf die Referenzen, auf die Strukturen und sieht aus dieser Flughöhe die kleinen Typos nicht. Mit der Duden-Brille dagegen geraten die größeren Zusammenhänge leichter aus dem Blick. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein zusätzliches Review kann man außerdem den Computer machen lassen. Einerseits natürlich mit den automatischen Rechtschreibhilfen der meisten Textprogramme, andererseits mit Textanalyse-Programmen – etwa mit dem <a href="https://wortliga.de/textanalyse/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webtool von Wortliga</a> oder WordPress-Plugins wie <a href="https://yoast.com/yoast-seo-readability-analysis/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yoast SEO</a>. Hier wie dort gilt allerdings das Gebot des Selberdenkens. Automatische Rechtschreibhilfen hauen oft genug daneben und wenn man allen Tipps der Textanalyse-Tools folgt, könnten wir das Schreiben auch gleich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ChatGPT" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ChatGPT</a> überlassen – künstliche Intelligenz kann viel, die Arbeit am eigenen Stil aber kann sie uns nicht abnehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Epilog: Sprache und Soziale Arbeit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe von 2005 bis 2009 Soziale Arbeit studiert – im Schwerpunkt Bildung, Kultur und Medien. Damals haben wir viel darüber diskutiert, ob und wie sich die Soziale Arbeit ‚verkaufen‘ sollte. Nach meiner Überzeugung war (und ist) das Problem die Zurückhaltung der Sozialen Arbeit gegenüber anderen Professionen. Besonders vom Glanz – oder besser: vom „Uni-Bluff“ (Wolf Wagner) – so genannter Bezugswissenschaften (z.B. Medizin, Verwaltung und Juristerei) lassen sich Sozialarbeiter:innen zu oft beeindrucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Wege aus dieser Zwickmühle erschienen vielversprechend:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Zum einen die Entwicklung eines fachspezifischen Vokabulars zu dem etwa <a href="https://twitter.com/foulder/status/1600104366710484993" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Worte wie &#8220;Voluntarisierung&#8221;</a> gehören. Diesen Weg haben die Gender Studies eingeschlagen – mit dem Ergebnis, das Fachtexte, wenngleich auch voller messerscharfer Analysen und kreativer Ideen, für Normalsterbliche kaum noch zu verstehen sind.</li>



<li>Zum anderen die Orientierung am Marketing- und Werbesprech, wie etwa beim <a href="https://www.bildungsserver.de/-gute-kita-gesetz-umsetzung-in-den-laendern-12638-de.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Gute-Kita-Gesetz“</a>. Hier allerdings werden die Leistungen der Sozialen Arbeit auf die gleiche Stufe wie Zahncreme und Shampoo gestellt – oft genug mit dem Ergebnis, dass das Selbstbewusstsein der Profession nicht gerade gesteigert wird.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Es dürfte nicht wirklich überraschen, dass ich damals für die Orientierung am Marketing- und Werbesprech plädierte. Und ich finde auch heute noch, dass mit dem fachspezifischen Vokabular kaum ein Blumentopf zu gewinnen ist – weder für die Profession der Sozialen Arbeit noch für ihre Darstellung in der (eigentlich interessierten) Öffentlichkeit. Mit Influecer-Marketing &amp; Co haben sich die Zeiten seit meinem Studium geändert: <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/01/03/reklame-in-sozialen-medien-4-tipps-zum-mitmischen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Reklame funktioniert heute anders als noch zu Zeiten des linearen Fernsehens</a>.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen: </strong>
<em>@reporterfabrik (o.J.):</em> So schreibst du besser. Faustregeln von Wolf Schneider (<a href="https://vm.tiktok.com/ZMFWUnR9Y/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wiedergabeliste auf TikTok</a>) 
<em>Wagner, Wolf (2007):</em> Uni-Angst und Uni-Bluff heute. Wie studieren und sich nicht verlieren? Berlin.</pre>
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			</item>
		<item>
		<title>Soziale Innovationen und Intrapreneurship in etablierten Nonprofit-Organisationen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Nov 2022 17:55:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[intrapreneurship]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Neulich war ich eingeladen, bei einem Workshop des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) über die „Bedeutung sozialer Innovationen in Nonprofit-Organisationen“ zu sprechen. Eine schöne Gelegenheit, die alten Grundlagen rauszukramen, ein bisschen in Erinnerungen zu schwelgen und mit neuen Erkenntnissen aus aktuellen Projekten aufzufrischen. Der Talk im Workshop war eher ein Gespräch, das ich hier etwas strukturierter [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Neulich war ich eingeladen, bei einem Workshop des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) über die „Bedeutung sozialer Innovationen in Nonprofit-Organisationen“ zu sprechen. Eine schöne Gelegenheit, die alten Grundlagen rauszukramen, ein bisschen in Erinnerungen zu schwelgen und mit neuen Erkenntnissen aus aktuellen Projekten aufzufrischen. Der Talk im Workshop war eher ein Gespräch, das ich hier etwas strukturierter darstellen will: Vom allgemeinen Verständnis, dessen, worum es mir eigentlich geht, über den Prozess und die vielen Hürden auf dem Weg, bis zu jenen, die es tun sollten, und die Taktiken, die dafür nützlich sind. Am Ende gibt’s also auch ein paar praktische Beispiele.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Systemische Veränderung statt Nebelkerzen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach meiner Beobachtung reagieren Organisationen – insbesondere etablierte – auf veränderte Ansprüche und Anforderungen aus ihrer Umwelt mit dem Anbau von Zuständigkeiten. Im Grunde versuchen sie damit die Komplexität der Umwelt im Inneren abzubilden. Gleichzeitig reduzieren sie diese Komplexität durch die Bildung alter und neuer Silos auf ein für die Mitglieder erträgliches Maß. Diese können so ihre Aufgaben effizient erfüllen, arbeiten effektiv aber eher an einander vorbei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soweit es sich dabei um fachlich spezialisierte Arbeitsfelder handelt, ist das vielleicht nicht all zu schlimm. Die Arbeitsergebnisse lassen sich über die Ebenen transportieren und entsprechend verwerten. Bedenklich finde ich aber, dass das häufig auch das Schicksal von Querschnittsthemen ist, die eigentlich – davon bin ich zumindest überzeugt – auf ein verändertes <em>Wie</em> der Aggregation von Wissen und der Erbringung von Leistungen zielen sollten. Was nützt es denn, überspitzt formuliert, Querschnittsthemen wie Diversity oder Digitalisierung zu bearbeiten, wenn der Kollege im Nachbarbüro auf seiner Schreibmaschine das Gendersternchen nicht findet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Machen wir uns nichts vor: Auch die Innovationsförderung kann ein solches Schicksal ereilen. Wenn sie sich bei ihren Projekten vor denen versteckt, die nicht zur <em>Allianz der Willigen</em> gehören, wird sie sich vielleicht mit allerhand Leuchtturmprojekten gegenüber Fördermittelgebern selbst legitimieren können, lässt aber die großen Hebel für systemische Veränderung unangetastet. Für die Organisation ist das (wie gesagt) zunächst funktional – Wasch‘ mich aber mach‘ mich nicht nass! – aus meiner Sicht aber ziemliche Ressourcenverschwendung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Attraktive Produktvision statt dröger Definition</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wer über soziale Innovation spricht, kommt nicht umhin zu sagen, was er oder sie damit meint. Nicht selten wird dann der alte Schumpeter rausgeholt und sein Dreischritt mit irgendwelchen Worten aus der Managementtheorie garniert. Da heißt es dann vielleicht, soziale Innovation sei die <em>(Ko-)Kreation, Implementierung und Verbreitung von im jeweiligen Kontext neuer Produkte, Prozesse und/oder Strukturen, zum Behuf der Bearbeitung sozialer Probleme</em>. Oder, wie es in der SI-Literatur beispielhaft formuliert wird:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[Social Innovation refers to] the creation and implementation of new solutions to social problems, with the benefits of these solutions shared beyond the confines of the innovators.</p>
<cite>(Tracey/Stott 2017: 51)</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dinge möglichst klar und eindeutig definieren zu können, ist natürlich nicht verkehrt. Man sollte schon wissen, worum es geht. Wissen heißt aber nicht, dass man ständig versuchen muss, den Pudding an die Wand zu nageln. Zumal er dadurch auch nicht besser schmeckt! Wusste schon Rilke:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. / Die Dinge singen hör‘ ich so gern. / Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. / Ihr bringt mir all die Dinge um.</p>
<cite>(<a href="https://www.rilke.de/gedichte/ich_fuerchte_mich_so_vor_der_menschen_wort.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rainer Maria Rilke</a>)</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Anstatt also lebendige Phantasie, Kreativität und Innovation mit drögen Definitionen abzutöten, macht es meines Erachtens mehr Sinn, die Sache offener zu formulieren. Nicht um Beliebigkeit vorzuschwindeln, sondern eine <em>blurry vision</em> davon zu vermitteln, was bei all dem rauskommen soll, woran es sich also lohnt gemeinsam zu arbeiten. Das können zum Beispiel Aussagen wie die diese sein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Innovation ist der berechtigte Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Dass es einen Fortschritt gibt, eine Perspektive.</p>
<cite>(Wolf Lotter 2018: 19)&nbsp;</cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Skalierung und Impact statt immer neuer Experimente</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben den sechs „Innovationspathologien“, über die ich an <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2018/12/29/blick-ins-buch-innovation-scaling-for-impact/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">anderer Stelle hier im Blog schon ausführlich geschrieben</a> habe, ist für mich eine der zentralen Erkenntnisse aus der Studie „Innovation and Scaling for Impact“ von Christian Seelos und Johanna Mair (2017) die zum „organizational immune system“. Insbesondere in etablierten Nonprofits mit lang geübter Arbeitsteilung gilt in einem Satz:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Most ideas are bad ideas!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das soll nicht heißen, dass man nicht Neues ausprobieren, ungewohnte Pfade nicht beschreiten oder gute Ideen nicht auch gegen Widerstände verfolgen sollte. Es heißt schlicht, dass die wenigsten Ideen sofort fliegen lernen. Die meisten werden aus (mehr oder weniger) guten Gründen aussortiert und landen – im besten Falle – in der Peripherie der Organisation, in der Ecke mit den Leuchtturmprojekten. Manchmal ist die Zeit natürlich einfach noch nicht reif und man kann das Konzept Jahre später wieder aus der Schublade holen – es heißt ja nicht umsonst: <em>Jede Idee hat ihre Zeit. </em>Die Strategie aber, einfach immer neue Experimente zu starten und dabei zu hoffen, dass das eine oder andere PS schon irgendwie irgendwann auf die Straße kommt, ist meiner Meinung nach ziemlich ineffektiv und kostspielig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es darum geht, berechtigten Anlass für die Hoffnung auf Besserungzu stiften, halte ich es für viel sinnvoller (a) in dem Kontext zu agieren, in dem man noch am ehesten verstehen kann, was eigentlich das Problem ist, (dazu gleich mehr) und (b) von Anfang an dafür Sorge zu tragen, dass die PS tatsächlich auch auf die Straße kommen, dass sich die gemeinsame Investition also lohnt. Das ist beileibe nicht einfach! Man kann sich anstrengen, wie man will, die meisten Ideen bleiben schlechte Ideen. Echten Impact – oder besser: erwartbare Outcomes – zu bewirken, braucht viel Zeit; den Mut, die eigenen Ideen immer wieder über den Haufen zu werfen; die Geduld anderen, auch unbequemen Zeitgenossen, genau zuzuhören; und das Vertrauen, das eigene Baby auch aus der Hand geben zu können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Veränderung von innen statt Beratung von außen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es um die Implementierung von neuen Lösungen geht, die den direkten Wirkungskreis der Innovator!nnen verlassen sollen, ist ein genaues Problem- und Potentialverständnis im jeweiligen Kontext von zentraler Bedeutung. Es ist einfach naiv anzunehmen, aus klugen Metabeobachtungen Schlüsse darauf ziehen zu können, was eigentlich das Problem ist und welche Potentiale tatsächlich vorhanden sind, um es effektiv angehen zu können.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Fuck-Up-Case „Teamblog“
</strong>Mit dem hehren Ziel, den Wissenstransfer in meinem damaligen Team zu verbessern, der Potential-Annahme spannende Erkenntnisse würden in maschinenleserlicher Textform (zumindest im kleinen Kreis) per E-Mail geteilt und der naiven Vorstellung, mit digitaler Technik könnte dieses Potential multipliziert werden, versuchte ich um das Jahr 2017 einen Teamblog einzuführen, in dem kurze Veranstaltungsberichte abgelegt werden sollten. Das Vorhaben scheiterte auf ganzer Linie: Erstens, weil die Potential-Annahme schlicht nicht zutraf (die Kolleg!nnen sprachen lieber miteinander als sich E-Mails zu schicken); zweitens, weil sich die Widerstände gegen die Blog-by-Mail-Technik mit ihrer ungewohnten Syntax als unüberwindlich herausstellten; und drittens, weil der Mehrwert nur über den Umweg einer passwortgeschützten Internetseite mit kryptischer URL <em>erlebbar</em> war – und zwar auch nur dann, wenn in Betracht gezogen wurde, das Informationen aus Nachbarsilos für die eigene Arbeit tatsächlich von konkreter Relevanz sein könnten.</pre>



<p class="wp-block-paragraph">Man mag nun einwerfen, dass Methoden wie die des Design-Thinking genau darauf abzielen, diese Probleme und Potentiale zu identifizieren. Und das stimmt sicher auch! Zumindest so lange, wie man sich nicht einbildet, ohne tiefere Systemkenntnis, allein auf der Grundlage von Interviews, Beobachtungen, Workshops und dergleichen, einen „Point of View“formulieren zu können, von dem aus alles offensichtlich wird. Übersehen wird dabei nämlich all zu leicht, dass jede Intervention (auch ein harmloses Gespräch beim Kaffee) unabsehbare Nebeneffekte zeitigt und das Problem- / Potentialverständnis deshalb permanent aktualisiert werden muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Methodensets wie Design Thinking bieten im Sinne gegenseitigen Verständnisses nützliche Anlässe zum Dialog und kreative Techniken der Dokumentation. Man kann damit zum Beispiel, um es mit Jeff Patton (2015) zu sagen, so etwas wie <em>Urlaubsfotos aus der Zukunft</em> entwickeln, die das gemeinsame Ziel immer wieder vor Augen führen und Anlass für hoffnungsfrohe Dialoge über das Wie des gemeinsamen Weges bieten. Um das <em>Moving Target </em>eines aktuellen Problem- / Potentialverständnisses allerdings wirklich ins Auge fassen zu können, reicht das bei Weitem nicht aus. Es braucht hier <em>Natives</em>, die tagtäglich Zugang zu den relevanten Informationen haben, ständig (nicht nur gelegentlich) beobachten können und für Themen der Veränderung ansprechbar sind. Es braucht Intrapreneurs.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Taktiken für Intrapreneurs</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Intrapreneurs – <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2020/03/20/blick-ins-buch-rocking-the-boat-how-to-effect-change-without-making-trouble/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Menschen, die Debra Meyerson (2008) „Tempered Radicals“ nennt</a> – gibt es auf allen Ebenen in allen Organisationen. Es sind die Menschen, die gelegentlich die Extrameile gehen. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie damit ein persönliches Anliegen, einen Purpose, verbinden und davon überzeugt sind, dass die Organisation dafür die richtigen Hebel bietet. Debra Meyerson hat in den 1980er und 90er Jahren solche Menschen studiert und fünf Taktiken identifiziert, die sie regelmäßig einsetzen, um Veränderung zu bewirken:</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>(1) Stiller Widerstand: Stilbrüche als Angriffe auf die Organisationskultur</strong></h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Taktik des stillen Widerstands lassen sich individuelle Freiheiten betonen und alternative Framings in Anschlag bringen. Sneaker zu tragen, wo sonst Lackschuhe gehen, ist ein einfaches Beispiel. Etwas mehr advanced sind meme-artige Kommunikationsmittel, mit denen sich potentielle Allies zu erkennen geben. Im DRK hieß es in <em>einschlägigen Kreisen </em>zum Beispiel: „Um Verzeihung zu bitten, ist einfacher, als um Erlaubnis zu fragen.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">(2) Gelegentliche Konfrontation: Intrapreneurship ist Kampfsport &nbsp;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Taktik gelegentlicher Konfrontation lassen sich vorhandene Konflikte thematisieren und entsprechende Reflexionsprozesse anstoßen. Kurz mal „Halt“ zu sagen und zu fragen, ob dem Gegenüber eigentlich klar ist, was er oder sie da gerade gesagt hat, ist ein Beispiel. Wieder etwas mehr advanced ist das Verbal Jiu-Jitsu. Hier wird der Schwung eines verbalen Angriffs oder eine Blockade genutzt, um ihn zurückzuwerfen. Als ich vor ein paar Monaten einem Kollegen erklärte, warum etwas so sei, wie es eben sei, erwiderte er wirkungsorientiert: „Hannes, deine Hinleitung kann ich gut nachvollziehen. Das Ergebnis muss aber ein anderes sein.“&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">(3) Systemisches Verhandeln: die größeren Hebel suchen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Taktik des systemischen Verhandelns rückt das größere Ganze in den Blick. Bei Verhandlungen an den Interessen des Gegenübers anzusetzen, ist eine Möglichkeit. Weitergedacht kann auch die Wahl des Gegenübers in den in den Blick genommen werden. Als wir seinerzeit den Blog der DRK-Wohlfahrt einführten, richtete mein damaliger Chef seine Überzeugungsarbeit explizit an einen einzelnen Kollegen, der qua Dienstzeit für viele ein Vorbild war. Als dieser Kollege dann anfing Blogartikel zu veröffentlichen, gab es keine Ausrede mehr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">(4) Skalieren kleiner Erfolge: Chancen nutzen, wenn sie sich bieten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Taktik der Skalierung kleiner Erfolge lassen sich zunächst unauffällige Veränderungen nutzen, um ein Umdenken, in größeren Maßstäben zu bewirken. Der Nudge, die Standardeinstellung am Drucker auf Duplex zu stellen, hilft zum Beispiel das Thema Papierverschwendung ins Blickfeld zu rücken. Etwas konkreter ließ sich die (rückblickend vielleicht etwas unbedachte) Aussage des damaligen Marketing-Chefs im DRK – „Mit 140 Zeichen könnt ihr doch nichts kaputt machen“ – zu einer ausgewachsenen <a href="https://www.drk.de/fileadmin/user_upload/PDFs/Mitwirken/Werben_fuer_das_DRK/drk-broschuere-social-media-policy_einzelseiten_2018-05.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Social Media Policy</a> skalieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">(5) Organisation gemeinsamer Aktionen: Collective Impact</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Taktik der Organisation gemeinsamer Aktionen wird die genese praktischer Beispiele ermöglicht, die zeigen, dass es (auch anders) geht. Ein guter Ansatz hierfür sind <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Working_out_loud" target="_blank" rel="noreferrer noopener">WOL-Circle</a>, die über die üblichen Grenzen von Organisationen und Hierarchien hinweg Peer-to-Peer Unterstützung für Intrapreneur!nnen bieten können. Ein anderer Ansatz sind BarCamps, die als Plattformen für gemeinsame Projekte fungieren. Ein schönes Beispiel hierzu ist die, auf dem <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/hannes-jaehnert/projekte/cross-media-day/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Cross Media Day</a> entstandene, Idee einen Digitalen Ortsverein zu gründen (<a href="https://www.7gutegruende.de/digitale-freiwillige-und-ortsvereine/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Podcast dazu</a>), der provokanter Weise mit der URL <a href="http://www.DRK-Digital.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.DRK-Digital.de</a> versehen wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wrap-Up: Versuch einer Zusammenfassung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss gestehen, dieser Text ist etwas länger geworden, als ich es mir vorgenommen hatte. Meine Hoffnung ist trotzdem, dass er euch, die ihr bis hier hinten durchgehalten habt, an der einen oder anderen Stelle einen Mehrwert bot. Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich wenig Aktuelles zu Innovation in etablierten Nonprofits – sei es der DOSB oder das DRK – zu sagen habe. Ich kann ja aus mehreren Gründen nicht mehr behaupten, in einer schon langjährig-etablierten NPO zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meiner Überzeugung aber, dass sich systemische Veränderung – soll sie denn Hoffnung machen, dass es besser wird – nicht von außen anschieben lässt, tut das keinen Abbruch. Lasst gern ein Kommentar da, wenn ihr gute Beispiele ergänzen wollt. Und auch sonst: Fühlt euch frei diese wunderbare (von mir moderierte) Funktion zu nutzen.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen:</strong>
<em>Meyerson, Debra E. (2008):</em> Rocking the Boat. How to effect change without making trouble. Boston. (<a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2020/03/20/blick-ins-buch-rocking-the-boat-how-to-effect-change-without-making-trouble/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blick ins Buch</a>)
<em>Lotter, Wolf (2018):</em> Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. Hamburg.
<em>Patton, Jeff (2015): </em>User Story Mapping. Die Technik für besseres Nutzerverständnis in der agilen Produktentwicklung. Heidelberg.
<em>Seelos, Christian / Mair, Johanna (2017):</em> Innovation and Scaling for Impact. How Effective Social Entreprises do it. Stanford. (<a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2018/12/29/blick-ins-buch-innovation-scaling-for-impact/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blick ins Buch</a>)
<em>Tracy, Paul / Stott, Neil (2017): </em>Social Innovation: A window on alternative ways of organizing and innovating. In: Innovation. Organization and Management (19/1), S. 51-60. 
<em>Zimmer, Annette / Priller, Eckhard (2022): </em>Zur Lage des Nonprofit-Sektors in Deutschland. In: Klein, Ansgar / Sprengel, Rainer / Neuling, Johanna (Hrsg.): Engagementstrategien und Engagementpolitik. Jahrbuch Engagementpolitik 2023. Frankfurt am Main, S: 93-100.</pre>
<p>The post <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/11/13/soziale-innovationen-und-intrapreneurship-in-etablierten-nonprofit-organisationen/">Soziale Innovationen und Intrapreneurship in etablierten Nonprofit-Organisationen</a> appeared first on <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert</a>.</p>
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		<title>Workshop-Report: Zukunft des Engagements zwischen Ich- und Wir-Gesellschaft</title>
		<link>https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/10/01/workshop-report-zukunft-des-engagements-zwischen-ich-und-wir-gesellschaft/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Oct 2022 11:23:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>In der vergangenen Woche hat wellcome ganz groß Geburtstag gefeiert. In wahrlich würdigen Locations gab es prominente Rednerinnen und Redner, Blumen, Goodie-Bags, Wein, Fingerfood und jede Menge Geschenke. Ein richtig großes Fest zum 20. Jubiläum! Das Zukunftsinstitut hatte ein echt praktisches Präsent dabei: eine individuelle Megatrend-Map für wellcome. Das war insofern praktisch, als für den [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der vergangenen Woche hat <em><a href="https://www.wellcome-online.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wellcome</a></em> ganz groß Geburtstag gefeiert. In wahrlich würdigen Locations gab es prominente Rednerinnen und Redner, Blumen, Goodie-Bags, Wein, Fingerfood und jede Menge Geschenke. Ein richtig großes Fest zum 20. Jubiläum!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <a href="https://www.zukunftsinstitut.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zukunftsinstitut</a> hatte ein echt praktisches Präsent dabei: eine individuelle Megatrend-Map für <em>wellcome. </em>Das war insofern praktisch, als für den Tag nach der Gala zum Fachtag „Zukunftsdialog Familie“ eingeladen wurde. Ich war auch dabei und durfte zusammen mit Katja Brendel, <em><a href="https://www.wellcome-online.de/hilfe-nach-der-geburt/deutschland/berlin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wellcome</a></em><a href="https://www.wellcome-online.de/hilfe-nach-der-geburt/deutschland/berlin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">-Landeskoordinatorin für Berlin</a>, und zahlreichen Interessierten mit der brandneuen Map spielen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zukunft des Engagements in der Ich-Wir-Gesellschaft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der grobe Plan bestand darin, entlang dreier Thesen über die Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements zu diskutieren. Schauen wollten wir dabei, welche Themen in den einzelnen Gruppen auf Resonanz stoßen. Diskutiert wurde vor allem das Spannungsfeld zwischen Ich- und Wir-Gesellschaft und der Begriff der Resonanz. Dazu weiter unten ein bisschen mehr. Zunächst die drei Thesen:</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="de" dir="ltr">Willkommen bei wellcome <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f970.png" alt="🥰" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Heute geht&#39;s beim Fachtag &quot;Zukunftsdialog Familie&quot; auch um Engagement und <a href="https://twitter.com/hashtag/Ehrenamt?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Ehrenamt</a> in der Ich-Wir-Gesellschaft.<br><br>Für die <a href="https://twitter.com/D_S_E_E?ref_src=twsrc%5Etfw">@D_S_E_E</a> darf ich dabei sein und ein drei Thesen zur Zukunft des Engagements droppen <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f9f5.png" alt="🧵" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> <a href="https://t.co/Gqaf1y0EWz">pic.twitter.com/Gqaf1y0EWz</a></p>&mdash; Hannes Jähnert (@foulder) <a href="https://twitter.com/foulder/status/1575052868985716736?ref_src=twsrc%5Etfw">September 28, 2022</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div></figure>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>These #1: Individualisierung</strong></h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bürgerschaftliches Engagement wird ein Flicken in immer vielfältigeren Patchworks identitätsbildender Teilzeitgemeinschaften.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Megatrend „Individualisierung“ eröffnet den Menschen zahlreiche Möglichkeiten und bürdet ihnen gleichzeitig auf, eine Wahl treffen zu müssen. Wo kaufe ich ein? Was ziehe ich an? Mit wem verbringe ich meine Zeit? Orientierung in der grenzenlosen „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) bieten Gemeinschaften: Der Clan beim Online-Gaming, die Fangemeinde des Fußballclubs, die Kolleginnen und Kollegen auf der Arbeit und natürlich die Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Ehrenamt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese <em>Teilzeitgemeinschaften</em> sind die kleinen Flicken in der Patchwork-Identity des modernen Menschen und das bürgerschaftliche Engagement gehört auch dazu. Wie andere Gemeinschaften bietet das Engagement Raum für Miteinander, komplexitätsreduzierende Begrenzung von Optionen und den sinngebenden Fokus auf Werte. In der Zukunft wird sich das bürgerschaftliche Engagement in der bunter werdenden Welt der Multioptionsgesellschaft verorten müssen – neben zahlreicher werdenden Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu verbringen. Die Frage ist dabei, was das jeweilige Engagement Besonderes zu bieten hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">These #2: New Volunteering&nbsp;</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Narrativ des bürgerschaftlichen Engagements ändert sich – von der Ressource zum Resonanzraum.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Lange Zeit wurde über das bürgerschaftliche Engagement als „gesellschaftliche Produktivitätsressource“ (Daniela Neumann) gesprochen. Es galt die Engagementpotentiale zu heben, um die unbezahlbare Arbeit zu leisten, die es überall zu tun gibt. Wenig Beachtung fand bei dieser Erzählung die nachhaltige Kraft tätiger Mitgestaltung der Gesellschaft – im Kleinen wie im Großen. Doch diese Kraft des bürgerschaftlichen Engagements werden wir in Zukunft mehr brauchen als je zuvor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Zeit vieler Krisen und Katastrophen, die den ständigen Wandel schubweise beschleunigen (die Lockdowns der Corona-Pandemie beschleunigten die Digitalisierung; die Aggression Russlands gegen die Ukraine und Westeuropa beschleunigt die Energiewende usw.) müssen richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden. Die Frage ist, auf welcher Grundlage diese Entscheidungen basieren: Auf dem Fundament dessen, was &#8216;von unten&#8217; wächst oder dem Sand unzähliger Partikularinteressen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Spannungsfeld zwischen partikularem Ich und dem Grass-Root-Wir müssen sich die Gestalterinnen und Gestalter bürgerschaftlichen Engagements verorten. Bestenfalls starten sie dafür immer wieder beim <em>Why</em> ihres Engagements. Worum geht es ihnen bei der Förderung von Engagement und Ehrenamt: um jobs to be done oder Empowerment zur tätigen Mitgestaltung?</p>



<h3 class="wp-block-heading">These #3: Konnektivität&nbsp;</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Perspektiven auf die Digitalisierung im Engagement verschmelzen – von einem analog versus digital zum real-digitalen Engagement.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr die Welt digitalisiert wird, so heißt es, desto mehr wünschen sich Menschen schöne Dinge zum Anfassen. Die flexible Remote-Work in Haupt- und Ehrenamt wird in Zukunft kaum noch jemand missen wollen, doch haben wir in der Turbo-Digitalisierung der letzten Jahre den Wert der Begegnung besonders zu schätzen gelernt: den Fokus auf das Hier und Jetzt statt der vielen bimmelnden Gerätschaften um uns herum, den unverzerrten Fluss kreativer Energie im Gespräch oder die Reize der (Innen-) Architektur und Kulinarik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angestoßen durch diese Learnings verschmelzen die Perspektiven auf die Digitalisierung im Engagement. Vorbei die Zeit der Meetings, die auch eine E-Mail hätten sein können. Vorbei die Zeit pseudo-präsenter Büroarbeit ohne Begegnung. Und vorbei die Zeit in ihren Home Offices vereinzelter Wissensarbeiterinnen und -arbeiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei all dem aber, was offenkundig vorbei sein soll, stellt sich natürlich die Frage, was denn da kommen mag. Ein Vorschlag: <em>Lasst uns digital zusammenarbeiten und in Präsenz gemeinsam das schöne Leben feiern, in dem die Arbeit schon gemacht ist.</em> Lasst uns die Zeit im Hier und Jetzt genießen und die kreative Energie frei fließen – vielleicht klappt’s dann auch mit (Innen-) Architektur und Kulinarik.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Diskussion #1: Ich-Wir-Gesellschaft</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ein oft besprochenes Problem in der Arbeit mit Freiwilligen kam zuerst zur Sprache: die Schwierigkeit, Engagierte an die Organisation zu binden und in ihre Netzwerke zu integrieren. Vermutet wurde, dass das partikulare Ich der Engagierten die Ursache sei. Man möchte sich eben seine Flexibilität erhalten und &#8216;sein eigenes Ding&#8217; machen. Das größere Wir der Organisation und des <em>wellcome-</em>Netzwerkes sei da nicht attraktiv genug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach aktuellen Umfragen zu Freizeitverhalten und bürgerschaftlichem Engagement der Deutschen, ist diese Annahme durchaus nachvollziehbar. Der 3. Ehrenamtsmonitor der Malteser zum Beispiel konstatiert, das spontanes Engagement weiterhin schwer im Trend ist. Mehr als ein Drittel der Befragten gab hier an, „sich allenfalls spontan zur Mitarbeit entscheiden [zu] wollen“&nbsp;(<a href="https://www.malteser.de/fileadmin/Files_sites/malteser_de_Relaunch/Ehrenamtsmonitor/2022/Malteser-Ehrenamtsmonitor_3.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Malteser Ehrenamtsmonitor S. 3</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun saßen wir aber in einer Runde von Diskutantinnen (es waren ganz überwiegend Frauen), die mit Menschen arbeiten, die sich – spontan oder nicht – bereits für ein Engagement entschieden haben. Menschen, die das Engagement bei <em>wellcome</em> völlig unproblematisch jederzeit auch wieder beenden können. Und Menschen auch, von denen zahlreiche schon für zehn und mehr Jahre Engagement bei <em>wellcome </em>ausgezeichnet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach meiner Auffassung haben wir es hier mit einem Phänomen zu tun, das ich vor vielen Jahren als „Berlin Syndrom“ kennengelernt habe: <em>Es gibt so viele Möglichkeiten und Angebote da draußen, da bleibe ich lieber zu Hause.</em> Die Optionen nämlich sind das Verlockende. Das gilt scheinbar gleichermaßen für die große Stadt wie für das Ehrenamt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Diskussion #2: Resonanz</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dass das Thema Resonanz in einer unserer Gruppen aufgegriffen wurde, hat mich natürlich sehr gefreut. Der Begriff ist zwar, wie mir angetragen wurde, mittlerweile etwas &#8216;überzitiert&#8217; (lies: trendy), für eine Diskussion zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements aber ganz wunderbar geeignet. Denn es geht dabei um Rahmenbedingungen und nicht irgendwelche Moralappelle: Es geht um die Gestaltung der Organisation und nicht die Verschiebung struktureller Schwächen in die Persönlichkeit von Mitarbeitenden oder irgendwelcher Unbekannter (z.B. dieser Jugend).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann man zum Thema Resonanz mit dem Bild des Musikinstruments ein heiteres Brainstorming anzetteln: </p>



<ol class="wp-block-list"><li>Was braucht es, damit Musik entsteht? (Struktur und Form, Impulse und Impulsgeberinnen oder -geber, Interesse und Haltung, Motivation und Feedback etc.) und</li><li>Was können wir daraus für Engagement und Ehrenamt lernen? (Arbeit an Strukturen statt Menschen, Steuerung durch Impulse statt Law &amp; Order, Beziehungsarbeit statt Ressourcenverwaltung etc.)</li></ol>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke, die Diskussion um die Resonanz war hilfreich. Wenn nicht, dann war sie zumindest heiter. Ich hoffe, das Thema überlebt seine derzeitige &#8216;Überzitierung&#8217;, denn ich glaube, das Gefühl transformativer Verbundenheit, ist wirklich eins, das oft fehlt. Die verlockende Vielfalt der Optionen ändert daran nichts, denn erzwingen kann man es nicht – <em>Resonanz ist unverfügbar</em> (Hartmut Rosa).</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="de" dir="ltr">Zum 20. Geburtstag hat <a href="https://twitter.com/zi_news?ref_src=twsrc%5Etfw">@zi_news</a> der <a href="https://twitter.com/wellcome_gGmbH?ref_src=twsrc%5Etfw">@wellcome_gGmbH</a> eine Trendmap geschenkt. Es hat großen Spaß gemacht, heute Nachmittag damit zu spielen <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f607.png" alt="😇" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> <a href="https://t.co/zHctzbI4Sg">pic.twitter.com/zHctzbI4Sg</a></p>&mdash; Hannes Jähnert (@foulder) <a href="https://twitter.com/foulder/status/1575113337062723585?ref_src=twsrc%5Etfw">September 28, 2022</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Einladung zu Spiel und Dialog</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Spiel mit den Entwürfen des Zukunftsinstituts bereitet mir schon einige Jahre große Freude. Hier im Blog finden sich dazu auch einige Beiträge – zum Beispiel zur &nbsp;<a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2020/01/30/hands-on-digital-eineagenda-fur-den-digitalen-wandel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trendstudie „Hands on Digital“</a>, zum <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2018/01/07/wird-2018-das-jahr-der-resonanz/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trendwort „Resonanz“</a> und zum <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2018/03/14/zukunftsreport-2018-rezension/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Zukunftsreport 2018“</a>. Was mir dabei aber immer wieder fehlte, waren Themen der Zivilgesellschaft und des bürgerschaftlichen Engagements. Erst in den letzten Reports kam dazu ein bisschen mehr – der Beitrag „Die durchlässige Demokratie“ von Gisela Erler zum Beispiel (<a href="https://onlineshop.zukunftsinstitut.de/shop/zukunftsreport-2022/">Zukunftsreport 2022, S. 84-87</a>). Vielleicht trägt die Beschäftigung mit <em>wellcome </em>und der Entwurf einer individualisierten Trend-Map dazu bei, dass es künftig mehr aus dieser Richtung zu lesen gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spannungen und Widersprüche gibt es in Engagement und Ehrenamt allemal. Eins davon ist mir gleich am Abend nach dem Fachtag begegnet: Mit einer Berlin-Besucherin aus Baden-Württemberg, der ich von unserem Workshop erzählte, geriet ich in die Diskussion über die Selbstverständlichkeit des Helfens. Gibt es eine (moralische) Pflicht zum Engagement für das Gemeinwohl? Gehört es zum Menschsein dazu, sich für die Gesellschaft einzusetzen oder schließt die Freiwilligkeit des Engagements auch die Möglichkeit ein, sich nicht zu engagieren?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was meint ihr? Was wird wichtig(er) für das Engagement in der Zukunft?</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen:
</strong><em>Gross, Peter (1994):</em> Die Multioptionsgesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
<em>Neumann, Daniela (2016):</em> Das Ehrenamt nutzen. Zur Entstehung einer staatlichen Engagementpolitik. Bielefeld: transcript Verlag. (<a href="https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/30481/646381.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y">PDF</a>)
<em>Rosa, Hartmut (2019): </em>Unverfügbarkeit. Wien / Salzburg: Residenz Verlag.</pre>
<p>The post <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/10/01/workshop-report-zukunft-des-engagements-zwischen-ich-und-wir-gesellschaft/">Workshop-Report: Zukunft des Engagements zwischen Ich- und Wir-Gesellschaft</a> appeared first on <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert</a>.</p>
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		<title>Mitmachen auf TikTok – neue Kommunikation, neue Experimentierräume</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 03 Apr 2022 17:14:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Studium]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[#meinjob]]></category>
		<category><![CDATA[Organisationskultur]]></category>
		<category><![CDATA[TikTok]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Ende März ging der vierte Digital Social Summit über die digitale Bühne. Als Mitveranstalter sollte die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt natürlich nicht fehlen. Wir waren dabei – unter anderem mit einem Best Practice: Im Thementrack „Organisationskultur“ berichtete ich vom TikTok-Kanal der ‚Ehrenstiftung‘, der im August 2021 an den Start gegangen war. Wie schon [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/04/03/mitmachen-auf-tiktok-neue-kommunikation-neue-experimentierraeume/">Mitmachen auf TikTok – neue Kommunikation, neue Experimentierräume</a> appeared first on <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ende März ging der vierte Digital Social Summit über die digitale Bühne. Als Mitveranstalter sollte die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt natürlich nicht fehlen. Wir waren dabei – unter anderem mit einem Best Practice: Im Thementrack „Organisationskultur“ berichtete ich vom <a href="https://www.tiktok.com/@ehrenstiftung" target="_blank" rel="noreferrer noopener">TikTok-Kanal der ‚Ehrenstiftung‘</a>, der im August 2021 an den Start gegangen war.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="de" dir="ltr">TikTok – der neue Weg, um junge Menschen für das <a href="https://twitter.com/hashtag/Ehrenamt?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Ehrenamt</a> zu begeistern &amp; für die Zivilgesellschaft zu sensibilisieren? Die <a href="https://twitter.com/D_S_E_E?ref_src=twsrc%5Etfw">@D_S_E_E</a> spielt bei TikTok bereits erfolgreich mit &#8211; <a href="https://twitter.com/foulder?ref_src=twsrc%5Etfw">@foulder</a> verrät beim <a href="https://twitter.com/hashtag/dss2022?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#dss2022</a>, wie auch ihr mit eurer <a href="https://twitter.com/hashtag/NPO?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#NPO</a> einsteigen könnt.<br><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f449.png" alt="👉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /><a href="https://t.co/OBVzElfYtC">https://t.co/OBVzElfYtC</a> <a href="https://t.co/wv2O2Mcygc">pic.twitter.com/wv2O2Mcygc</a></p>&mdash; Digital Social Summit (@digisocsummit) <a href="https://twitter.com/digisocsummit/status/1506175344700665860?ref_src=twsrc%5Etfw">March 22, 2022</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wie schon beim ersten Digital Social Summit 2019 stellte ich neue Kommunikationsplattformen als wertvolle Impulsgeber für die Organisationskultur dar. Während ich seinerzeit von einer <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/hannes-jaehnert/projekte/drk-wohlfahrt-de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webseite mit Kontaktverzeichnis, Blog und verteilter Redaktion</a> berichtete, ging es diesmal um TikTok. Was die beiden Sessions verbindet: TikTok ist im Nonprofit-Bereich mindestens so neu, wie Mehrautoren-Blogs damals in der Wohlfahrtspflege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Berichten wollte ich vor allem von der Team-Dynamik, die sich um neue Experimentierräume entfaltet. Das war schon damals beim Lauch der neuen DRK-Wohlfahrt.de spannend zu beobachten. Diesmal allerdings wollte ich auch noch ein paar Takte mehr zum Rahmen unseres Experimentierraums erzählen. Ein gutes Framework dafür bot das Dagstuhl-Dreieck, das ich schon für <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2019/10/23/ausprobiert-tiktok/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">meine ersten Annäherungen an die App</a> nutzte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>T</strong>ikTok – die App von drei Seiten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich unbekannte Tools wie TikTok näher anschauen will, dem sei das <a href="https://dagstuhl.gi.de/dagstuhl-erklaerung" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dagstuhl-Dreieck</a> empfohlen – ein Modell, das 2016 aus einem interdisziplinären Workshop zu „Bildung in der digitalen vernetzten Welt“ auf Schloss Dagstuhl hervorging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mittlerweile wurde das Modell weiterentwickelt (siehe <a href="https://dagstuhl.gi.de/frankfurt-dreieck" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Frankfurt-Dreieck</a>), für eine bodenständige Annäherung an TikTok allerdings reicht das ursprüngliche Modell völlig aus. Denn die Empfehlung bleibt dieselbe. Es lohnt sich, sich neue Tools, Apps und Plattformen von drei Seiten – oder besser: aus drei Perspektiven – anzuschauen: aus der technischen, der gesellschaftlich-kulturellen und der Nutzerperspektive.</p>



<h3 class="wp-block-heading">(1) Die technische Perspektive: „Wie funktioniert TikTok?“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei anderen Social-Media-Plattformen auch gibt es auf TikTok unterschiedliche Streams, in denen nutzergenerierte Inhalte dargestellt werden: Es gibt Hashtags, Handles und natürlich Sounds. Zentral aber – und das ist der Game-Changer bei TikTok – ist die so genannte „For-You-Page“: Der Stream, der als erstes angezeigt wird, wenn man die App öffnet. Was ist das Besondere an der For-You-Page?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Etwas abstrakt ausgedrückt ist das Besondere, dass der TikTok-Algorithmus nicht auf einem „Social“ sondern auf einem „Content Graph“ basiert. Der TikTok-Algorithmus zeigt nicht die Inhalte, die Usern gefallen, denen die Nutzenden folgen (wie bei Twitter, Facebook oder LinkedIn). Es werden Inhalte angezeigt, die den Nutzenden selbst wahrscheinlich gefallen. Es ist dementsprechend eine wesentlich individuellere Auswahl, für die die Vernetzung auf der Plattform (Friends und Follower) oder soziodemographische Gemeinsamkeiten – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wegen dieses „Content Graph“, wegen der so anderen Funktionsweise des TikTok-Algorithmus werden auf der „For-You-Page“ dauert Inhalte von Usern angezeigt, die nicht einmal „Weak Ties“ (Mark Granovetter) miteinander verbindet. Das heißt konkret dreierlei:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Eigentlich muss man niemandem folgen, um TikTok nutzen zu können. Man muss sich nicht einmal anmelden. Bei Nutzung <em>inkognito </em>allerdings gibt es keinen individualisierten Stream.</li><li>Auch mit einem kleinen Kanal, mit nur ganz wenigen Followern, kann man unglaubliche Reichweite erzielen. Mehr dazu weiter unten.</li><li>Der TikTok-Algorithmus spielt (ähnlich wie der von LinkedIn) nicht unbedingt tagesaktuellen Content aus, weshalb die Klickzahlen auch noch Wochen und Monate nach Veröffentlichung eines Videos steigen können.</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir jetzt ein bisschen rauszoomen sehen wir, dass das Modell TikTok die <a href="https://agora42.de/grundformen-der-digitalitaet-felix-stalder/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Algorithmizität“ der digitalen Kultur</a> (Felix Stalder) auf ein ganz neues Level hebt: Der TikTok-Algorithmus bezieht das konkrete Verhalten der Nutzenden als zentrales Feedback ein und testet ständig, was noch so gefallen könnte. Er ist, wenn man so will, sehr gut trainierbar – natürlich auch, weil TikTok unglaublich viele Daten sammelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">(2) Die gesellschaftlich-kulturelle Seite: „Wie wirkt TikTok?“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die schier unerschöpfliche „For-You-Page“ macht TikTok ziemlich <em>time consuming</em>. Nachdem ich die App <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2019/10/23/ausprobiert-tiktok/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">2019 das erste Mal ausprobiert</a> hatte, war mein Eindruck etwas ambivalent: Die ständig neuen Inhalte haben mich schon begeistert. Nach einer Weile wurde diese eigentlich so bunte Welt voller Überraschungen aber irgendwie stumpf und gleichförmig. Man kann echt viel Zeit mit TikTok verbringen ohne dass auch nur die Spur einer neuen Erkenntnis hängen bleibt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir hier aber wieder etwas rauszoomen, sehen wir deutlicher, was es zu lernen gibt: Das was ich anfangs für stumpfe Gleichförmigkeit gehalten habe, ist ein ganz wesentlicher Teil der digitalen Kultur. Neben „Algorithmizität“ wird „neue Gemeinschaftlichkeit“ durch „Referenzialität“ befördert (<a href="https://agora42.de/grundformen-der-digitalitaet-felix-stalder/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wieder Felix Stalder</a>):</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Der TikTok-Algorithmus – das hat Dirk von Gehlen mal geschrieben – ist <a href="https://www.dirkvongehlen.de/netz/shruggie-des-monats-der-sprechende-hut/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wie der sprechende Hut bei Harry Potter</a>: Er steckt die Nutzenden in verschiedene Gemeinschaften aus Menschen, die sie noch nie vorher gesehen haben, mit denen sie aber wohl etwas gemein haben: Interessen, Neigungen und Stile. TikTok verstärkt also das, was in der Soziologie seit den 1990er Jahren schon als Trend zu Single-Issue-Gemeinschaften beobachtet wird (siehe z.B. Ronald Hizler).</li><li>Diese digitalen Gemeinschaften aus Leuten, die sich nicht kennen, werden performativ erzeugt. Das heißt, sie sind nur sichtbar, wenn die Beteiligten etwas ganz Spezielles tun, das Außenstehende oft gar nicht verstehen. Sie folgen dabei den Trends und Challenges auf TikTok, bei denen sie sich auf Inhalte anderer (Sounds und Hashtags aber auch Stile und Motive) beziehen oder besser: auf sie „referieren“.</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">(3) Die anwendungsbezogene Seite: „Wie nutze ich TikTok?“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn „neue Gemeinschaftlichkeit“ und „Referenzialität“ auf TikTok so wichtig sind, gilt auf jeden Fall: „Community is King“. Wer sich in die bunte TikTok-Welt stürzt, sollte zuerst auf <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2022/01/03/reklame-in-sozialen-medien-4-tipps-zum-mitmischen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Fokus, Authentizität und Augenhöhe</a> achten. Im Prinzip das kleine Ein-Mal-Eins des Corporate oder Personal Brandings, das man ja mittlerweile in jedem zweiten Ratgeber nachlesen kann. Es gilt Wiedererkennungswerte und Identifikationspunkte zu entwickeln und also auch um Community-Management.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gilt aber auch konstant an „Scroll-Stoppern“ – also Merkmalen von Videos, die die Leute davon abhalten, einfach weiter zu scrollen – zu arbeiten und ein inspirierendes Narrativ zu kreieren. Das ist Entwicklungsarbeit, die viel Kreativität, Geduld und auch Durchhaltevermögen braucht. Wer TikTok nutzen will, darf nicht den Algorithmus oder die blöden User für den Erfolg oder Misserfolg verantwortlich machen. Der Algorithmus spielt jeden Content aus, nimmt aber nur mit auf den weiteren Weg, was auch gefällt; was gut und nützlich – kreativ – ist, entscheiden immer noch die anderen (Mihaly Csikszentmihalyi).</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Als kurze Zusammenfassung eine Mutmacher-Story für TikTok. </strong>

Als ich die App 2019 das erste Mal ausprobiert hatte, ist mir auf der „For-You-Page“ aufgefallen, dass ein bestimmter Sound immer wieder für Tutorials benutzt wird. Da dachte ich, ich probiere das mal aus. Ich habe mir meine Skates angeschnallt und in dem Stil wie die anderen auch einen Skatetrick erklärt. Ich hatte damals so um die 150 Follower. Aber durch den Content Graph, den Fokus auf ein Single-Issue (Skating in diesem Fall) und die Referenz auf die anderen Tutorials ging das Video viral. Heute zählt es mehr als 665k Views, über 64k Likes und knapp 300 Kommentare.</pre>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tik</strong>Tok – Input, Output, Outcome</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die zugegebenermaßen sehr ausführliche Darstellung der Plattform war mir – wie gesagt – wichtig, um den Rahmen unseres Experimentierraumes zu erläutern. Es sollte klar werden, dass man mit den üblichen Metriken wie Follower oder Views bei TikTok nicht weit kommt. Ja, man kann auch erzählen, dass es der Kanal der Ehrenstiftung in weniger als sechs Monaten mit nur etwa 500 Euro Werbebudget auf mehr als 2.500 Follower und etwa 600k Video-Aufrufe geschafft hat. Über die Balance zwischen Input, Output und Outcome, den Erfolg oder Misserfolg unserer Entwicklungsbemühungen aber sagt das – wenn überhaupt – nicht sonderlich viel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen hat die Reichweite eines Videos – wie gezeigt – wenig bis gar nichts mit der Zahl der Follower zu tun. Zum anderen variiert die Zahl der Video-Aufrufe auf unserem Kanal von etwa 200 bis 240k – je nachdem, ob das Video in eine Ad-Kampagne beworben, in einer von TikTok gefeatureten Hashtag-Challenge gepinnt oder rein organisch ausgespielt wurde. Doch selbst wenn man hier einen Durchschnitt (16,2k Views pro Video) bilden würde, sagte das noch nichts über die Interaktion mit unseren Inhalten aus.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Interaktion Messen – unsere Metriken und KPIs</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Besser geeignet sind auf TikTok Metriken wie Likes, Comments und Shares – beziehungsweise die jeweilen Quoten (z.B. Likes pro tausend Views). Das ist ähnlich wie auf anderen Social Media Plattformen auch. Auf TikTok – wie übrigens auch auf YouTube – scheint mir allerdings die durchschnittliche Viewtime noch besser geeignet. Warum? Die Viewtime misst die Verweildauer, sie setzt bei der Messung früher an und macht daher auch Aussagen über User, die nicht auf das rote Herz gedrückt, einen Kommentar hinterlassen oder das Video geteilt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die durchschnittliche Viewtime kann man sich – wenn man auf TikTok seinen Kanal auf Business umgestellt hat – zu jedem Video anschauen. Bei den durchschnittlich 43 Sekunden langen Videos der Ehrenstiftung liegt der Durchschnitt bei etwa 7 Sekunden, wobei die Range von knapp 2 bis 14 Sekunden reicht. Spannend und auch ein bisschen ernüchternd dabei: der recht stabil <em>negative</em> Zusammenhang mit den Video-Aufrufen. Hier lohnt es sich etwas genauer hinzuschauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf TikTok kann man mit nur wenigen hundert Euro viel machen. Vor allem kann man mit Ads Nutzerdaten sammeln und sehen, wie der Content außerhalb der eigenen Blase ankommt. Die „Nutzerdaten“, die man hier sammeln kann, sind selbstverständlich nur beschränkt auswertbar. Was man aber auswerten kann, ist die Viewtime und zwar in den Kategorien „bis 2 Sekunden“, „bis 6 Sekunden“, bis zu 25%“, „bis zu 50%“, „bis zu 75%“ und „100%“. Das ist sehr nützlich, weil man hier ein realistisches Bild davon bekommt, welches Potential der aktuelle Content auf TikTok eigentlich gerade hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den ersten drei Ad-Kampagnen hatten wir mit unserem Content etwa 85k Datensätze gesammelt. Deutlich zu sehen war, dass nur ganz weinge User, an die unsere Inhalte ausgespielt wurden, die Videos bis zu Ende geschaut hatten. Da wollen wir besser werden und definieren deshalb neben den üblichen Interaktion-Metriken die Viewtime als KPI.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kreatives Teamwork – Input und Outcome</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Kanal der Ehrenstiftung entwickeln wir in kreativem Teamwork – nicht nur mit den Moderatorinnen und Moderatoren aus dem Team, sondern auch mit anderen Kolleginnen und Kollegen aus der DSEE. Wir machen wöchentliche Planungs-Calls und haben eine Chat-Gruppe für neue Ideen und Input. Außerdem haben wir uns für die Kanal-Entwicklung auch externen Support geholt. Einerseits für Schnitt und Scripting, andererseits aber auch für Beratung und Reporting.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn das ist uns auch wichtig: Mit dem TikTok-Kanal der Ehrenstiftung wollen wir nicht einfach einen weiteren Kanal für die DSEE entwickeln. Wir wollen Engagement und Ehrenamt auf dieser Plattform präsent machen. Dafür vernetzen wir uns mit Nonprofits, die schon auf TikTok aktiv sind und arbeiten an skalierbaren Learnings, die den Einstieg auf die Plattform einfacher machen sollen. Denn das lohnt sich! Nicht nur, um das Thema in einer sehr jungen Zielgruppe präsent zu machen, sondern auch, um Impulse für die Entwicklung der eigenen Organisationskultur zu bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die „Organisationskultur“ – das Sammelsurium aus Nichtentschiedenen Entscheidungsprämissen – zu entwickeln, braucht es <em>verführerische </em>Impulse, Räume, Symbole und Gelegenheiten. Und hier können neue Kommunikationsformate wie Tiktok helfen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Sie bieten einen Raum, in dem Kreativität gefragt ist. Ein Raum mit einem klaren Rahmen. Das ist nicht bloß eine Anything-Goes-Spielwiese.</li><li>Sie liefern Zeichen und Symbole, dass vermeintliche Regeln nicht immer so ernst genommen werden müssen. Ja, die Engagementförderung ist eine ernste Sache. Deshalb aber ständig alles bis zur Unkenntlichkeit auszudifferenzieren ist keine Lösung.</li><li>Sie bieten auch Gelegenheiten, agile Projektentwicklung zu üben. Mit unseren Weeklys, unseren Metriken und KPIs haben wir eine gute Struktur dafür. Und TikTok verzeiht auch, wenn Fehler passieren – wenn zum Beispiel die Ton- oder Bildqualität mal nicht so toll ist.</li><li>Und schließlich motivieren besonders neue Medienformate dazu, Neues zu lernen und auszuprobieren. Wer wollte nicht schon mal ein Early Adopter sein?</li></ul>



<h2 class="wp-block-heading">Let’s TikTok – ein kurzes Schlusswort</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, bis hierhin ist deutlich geworden, dass TikTok als neue Kommunikationsplattform einiges Potential für kreatives Miteinander und agiles Teamwork bietet. Es lohnt sich! Selbstverständlich aber gehört auch zur Wahrheit dazu, dass TikTok eine chinesische Plattform ist. (Das ist neben dem Algorithmus noch etwas, was sie von Facebook, LinkedIn, Twitter und Co unterscheidet.) Und weil China nicht unbedingt für Meinungsfreiheit bekannt ist, schwingt auch bei TikTok die Kritik der Zensur immer mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So berichtete die Tagesschau vor zwei Wochen über einen Schlagwortfilter, mit dem Kommentare auf der Plattform aus dem Verkehr gezogen werden. Neben „Gay“ sollen beispielsweise auch „Auschwitz“ und „Nationalsozialismus“ auf dieser schwarzen Liste stehen. Dass die <a href="https://www.tiktok.com/@tagesschau/video/7078705958712593670?is_from_webapp=1&amp;sender_device=pc&amp;web_id=7031217567025153538" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagesschau darüber auf TikTok berichtete</a> finde ich bezeichnend. Nach beabsichtigter Zensur jedenfalls sieht das eher nicht aus. Vielmehr glaube ich – auch wenn es die Sache mitnichten besser macht –, dass TikTok die Userzahlen über die Struktur gewachsen sind und man versucht Hatespeech und Co algorithmisch beizukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei allem Spaß und bei aller Kurzweil müssen wir natürlich auch auf TikTok kritisch hinschauen. Gerade dieser Tage sehen wir, wie groß der Einfluss politischen Bullshits (Lügen, Verleumdungen und Propaganda) ist und wie sehr wir das in den vergangenen Jahren unterschätzt haben. Deshalb aber gegen jede gesellschaftliche Realität TikTok zum üblichen Teufelszeug zu erklären, hielte ich für ziemlich daneben.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen</strong>
<em>Hitzler, Ronald / Honer, Anne / Pfadenhauer, Michaela (2008):</em> Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnographische Erkundungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
<em>Shifmann, Limor (2014):</em> Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter. Berlin: Suhrkamp.
<em>Stalder, Felix (2016): </em>Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp
<em>von Gehlen, Dirk (2020):</em> Meme. Digitale Bildkulturen. Berlin: Wagenbach.</pre>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Komplexität surfen – von großen Strömen und kleinen Chancen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Mar 2022 11:22:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[#meinjob]]></category>
		<category><![CDATA[Führung]]></category>
		<category><![CDATA[Komplexität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Neue Führung: Was soll das sein? Das Netz ist voll mit Wohlfühl-Buzzwords für neue Führungskräfte. Ein Wort feiert besondere Inflation: „Komplexität“ – die hashtaggewordene Ausrede für’s Nichtverstehen. Die dazugehörige Forderung: „Komplexität surfen“ – eine Einladung zu selbstsicherem Auftreten bei vollständiger Ahnungslosigkeit oder doch mehr? Die Gedanken ziehen vorbei Montags stehe ich meist ein bisschen vor [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Neue Führung: Was soll das sein? Das Netz ist voll mit Wohlfühl-Buzzwords für neue Führungskräfte. Ein Wort feiert besondere Inflation: „Komplexität“ – die hashtaggewordene Ausrede für’s Nichtverstehen. Die dazugehörige Forderung: „Komplexität surfen“ – eine Einladung zu selbstsicherem Auftreten bei vollständiger Ahnungslosigkeit oder doch mehr?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Gedanken ziehen vorbei</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Montags stehe ich meist ein bisschen vor meiner Zeit auf. Um 6 Uhr klingelt der Wecker, gegen 7:30 Uhr fährt der Zug ab Südkreuz nach Neustrelitz. In der Regel erwachen bei mir die Lebensgeister in etwa auf Höhe Oranienburg. So saß ich also auch am vergangenen Montag wieder etwas tranig im Zug. Und während Berlin am Fenster vorbeizog, apportierte der RSS-Reader einen <a href="https://zeitzuteilen.blog/2022/03/06/warum-organisationen-so-viel-mehr-sind-als-ihre-strukturen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blog-Beitrag von Sabine Depew</a>. Pling! Es ging um die (recht suggestive) Frage, warum Organisationen so viel mehr sind als ihre Strukturen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Organisationen, so Sabine, haben zwar Strukturen, werden von diesen aber nicht in dem Maße geprägt, wie es die Menschen tun, die in ihnen arbeiten. Menschen, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit zur Vernetzung innerhalb und außerhalb der Organisation beitragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Gang der Argumentation bin ich nicht so recht einverstanden. Mit dem Schluss daraus aber schon:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>Wofür wir als Unternehmen, als Organisation, stehen, wird in den Menschen deutlich.</em></p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Klingt nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perikles" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Perikles</a>‘ „Menschen, nicht die Häuser machen die Stadt“. Mit einem wesentlichen Unterschied: Organisationen können sich die Menschen aussuchen, die sie ‚bewohnen‘. Und da sie die Zusammensetzung ihrer Mitgliederschaft aktiv beeinflussen können, zähle ich Themen wie Recruiting, Personalentwicklung und Mitarbeiterbindung zur Strukturseite der Organisation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie dem auch sei! Es stimmt, dass die Menschen, nicht die Strukturen, die Organisation ausmachen. Zeig mir, wen du einstellst, (be-)förderst oder loswerden willst und ich sage dir, für was dein Unternehmen steht. Das Problem daran: Wer da eingestellt, be- oder gefördert und rausgenudget wird, kann genauso wenig am grünen Tisch aufgemalt werden, wie die Kommunikationswege oder die Projektschwerpunkte in einer Organisation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und eben hierauf, glaube ich, wollte Sabine hinaus: Strategiepapiere mögen in eine Richtung zeigen; einen Weg vorzeichnen. Die <em>murky waters </em>aber zu befahren ist nochmal eine ganz andere Sache. Hierfür braucht es, schreibt Sabine, „Steuermänner und -frauen“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Komplexität surfen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vergleich von Organisationen und Märkten – in der Sozialen Arbeit vielleicht auch „Feldern“ – mit mehr oder minder rauer See wird oft bemüht: Die <em>murky waters </em>von eben habe ich mir aus <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2020/03/20/blick-ins-buch-rocking-the-boat-how-to-effect-change-without-making-trouble/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Debora Meyersons „Rocking the Boat“</a> ausgeliehen, Ausdrücke wie „Industrie-Kapitäne“, „Tanker“ und „Schnellboote“ kennen wir sicher alle noch und neuerdings heißt es, man möge die „Komplexität surfen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bild von der See verfängt scheinbar. Und es inspiriert auch zu anderen Analogien. Analogien zum Beispiel zum Jazz:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Jazzer surfen immer am Rande des Chaos. Sie müssen sich auf ein turbulentes Umfeld einschwingen, zuhören, Ideen aufgreifen und spielerisch weiterentwickeln. Jazz ist Kreativität, Kommunikation und Teamplay auf höchstem Niveau.</p><cite><em>flowskills.com</em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zu diesem Zitat hatte ich schon vor einiger Zeit drüben <a href="https://twitter.com/foulder/status/1138400434585067520?t=QWMBXVxA7IVMEu9VE4PV3g&amp;s=19">bei Twitter ein kleines Brainstorming</a> angezettelt. Herausgekommen ist für mich, dass sowohl Jazzer als auch Surferinnen in diesen Bildern komplett überhöht werden. Nur weil kaum jemand – mich eingeschlossen – versteht, was Surfer auf ihren Brettern und eine Free-Jazz-Combo zusammenhält, heißt das nicht, dass diese Leute zaubern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine gute Freundin, ihres Zeichens studierte Jazz-Sängerin, hatte mir einmal zu erklären versucht, wie das im Jazz funktioniert: Ja, der Lead wechselt – aber nicht ohne jede Struktur. Bestimmte Tonarten markieren den Übergang von einem Lead zum anderen. Sie erkennen zu können, braucht viel Erfahrung, sie im richtigen Moment zu spielen viel Übung und wer den Lead dann jeweils übernimmt, folgt noch mal ganz eigenen Regeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles in Allem scheint mir der Jazz wie das Surfen vom Maß des eingespielten Miteinanders abzuhängen. Die Kunst besteht dabei darin, sein Instrument virtuos zu beherrschen und sich von den anderen beim Spiel berühren zu lassen. Das eigentlich Zauberhafte daran, ist das Spiel selbst. Die Grundlage aber – die Dynamik der Strukturen lesen zu können – ist nicht mehr als Übung und Erfahrung im Miteinander.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Große Ströme und kleine Chancen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es sieht so aus, als zeichnen sich Sabines Steuermänner und -frauen neben der Fähigkeit zum virtuosen Einsatz ihrer Instrumente und Werkzeuge vor allem dadurch aus, die Dynamik der Strukturen lesen und entsprechend (re-)agieren zu können. Es scheint mir vor allem darum zu gehen, scharfe Brüche vermeiden und den größeren Strömungen innerhalb und außerhalb der Organisation folgen zu können.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Weg vom Behördendenken hin zum dynamischen Systemverhalten, dessen lebendige Knotenpunkte neue Chancen für Fokussierung, Innovationen &amp; Weiterentwicklung bieten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Strom schwimmen? Klingt opportunistisch! Zoomt man aber auf die Ebene der „Fuzzy Logic“ wird klar, wie aussichtslos es mithin ist, gegen den Strom zu schwimmen. Mit „Fuzzy Logic“ beschreibt Sabine die von großer Tiefenschärfe bereinigten Muster der Systemlogik – ein Bild, dass mich an Wetterkarten wie zum Beispiel <a href="https://earth.nullschool.net/about.html">earth.nullschool.net</a> denken lässt.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="de" dir="ltr">Beeindruckend! Von Nahem betrachter echt ein riesen Ding, im Großen und Ganzen aber ziemlich mickrig &#8211; unser <a href="https://twitter.com/hashtag/Wetter?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Wetter</a> so. <a href="https://t.co/SqDPzrTUDP">https://t.co/SqDPzrTUDP</a></p>&mdash; Hannes Jähnert (@foulder) <a href="https://twitter.com/foulder/status/1494954964329840643?ref_src=twsrc%5Etfw">February 19, 2022</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div><figcaption>Würden wir aber nur mit dem Strom schwimmen, wäre das mit der Innovation wohl ein noch zäheres Geschäft. Surften wir alle einfach nur die großen Ströme, wären die Irritationen viel zu schwach, als dass sie zu echter Veränderung anregen könnten. Wir würden dann und wann ein Projekt machen oder ein Programm auflegen, um dieses oder jenes Thema ‚abzuarbeiten‘. Und wir würden dabei hübsch alles integrieren. Integration ist aber noch keine Veränderung!</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.linkedin.com/in/manouchehrshamsrizi/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Manouchehr Shamsrizi</a> hatte das Mitte Februar in einem Social Talk auf Twitter ganz gut auf den Punkt gebracht: Es rege ihn auf, dass stets versucht wird, neue in bestehende Denkmodelle zu integrieren. Man errichte so eher mentale Bollwerke gegen Innovationen als dass man sie fördere. Der alltagssprachliche Marker dafür dürfte in etwa so klingen: „Ja, das war schon immer so …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was also ebenso dazu gehört, wie die Fähigkeit mit dem großen Strom zu schwimmen, ist die Entschlossenheit, alle Chancen zu nutzen, die sich bieten. <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2018/12/29/blick-ins-buch-innovation-scaling-for-impact/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Christian Seelos und Johanna Mair</a> sprechen in diesem Zusammenhang von der „Ausbeutung“ neuer Ideen. Es geht hier nicht nur darum „die Guten in Töpfchen, die Schlechten in Kröpfchen“ zu stecken. Es geht um ernst gemeintes Verstehenwollen, darum sich berühren, in Bewegung setzen und verändern zu lassen. Und darum, gemeinsame Perspektiven für Neues zu formulieren.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen:</strong>

<em>Kühl, Stefan </em>(2011): Organisationen. Eine sehr kurze Einführung. Wiesbaden: Springer VS.
<em>Meyerson, Debora </em>E. (2008): Rocking the Boat. How to Effect Change Without Making Trouble. Harvard: Business Review Press. 
<em>Rosa, Hartmut </em>(2017): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen. Berlin: Suhrkamp.
<em>Seelos, Christian / Mair, Johanna</em> (2017): Innovation and Scaling for Impact. Stanford: University Press.</pre>
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		<title>Zwischen den Stühlen – Gedanken zu einem Parlament der Funktionen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Mar 2022 16:00:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Aufmerksamen Leserinnen und Lesern meines Blogs wird es nicht entgangen sein: Schon seit einiger Zeit spüre ich der Intuition eines Parlaments der Funktionen von Armin Nassehi nach. Bislang schweiften die Gedanken vor allem in Richtung Anerkennung und Wertschätzung – in Richtung Zuhören und Ko-Kreation des Miteinanders. Also: Wie wäre es, könnten wir einander wirklich zuhören? [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aufmerksamen Leserinnen und Lesern meines Blogs wird es nicht entgangen sein: Schon seit einiger Zeit spüre ich der Intuition eines Parlaments der Funktionen von Armin Nassehi nach. Bislang schweiften die Gedanken vor allem in Richtung <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2012/12/02/anerkennung-und-wertschatzung-was-ist-das-und-was-bringt-das/">Anerkennung und Wertschätzung</a> – in Richtung Zuhören und Ko-Kreation des Miteinanders. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Also: Wie wäre es, könnten wir einander wirklich zuhören? Nicht nur im Versuch verkrampfen, die anderen zu verstehen; nicht nur nach Lücken und Widersprüchen fahnden, um das bessere Argument formulieren zu können; und auch nicht nur nach gemeinsamen Nennern und vorläufigen Kompromissen suchen, um den lieben Frieden zu bewahren. Sollten wir die alten Lager (links und rechts, konservativ und progressiv etc.) dafür über Bord werfen? Sie taugen ohnehin kaum noch, unsere Gesellschaft adäquat zu beschreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir zurück auf die letzte Bundestagswahl wird das deutlich: Die Wählerschaft der Ampel-Koalitionäre bestand nach <a href="https://www.tagesschau.de/inland/btw21/waehlerwanderung-bundestagswahl-103.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Schätzungen der infratest dimap</a> nicht mal zur Hälfte aus Stammwählern. Allein zur SPD sind 2 Millionen Unions-Wähler ‚übergelaufen‘ – von der AfD kamen etwa 0,5 Mio.</p>



<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/waehlerwanderung-2021.jpg" alt="" class="wp-image-9353" width="748" height="421" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/waehlerwanderung-2021.jpg 512w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/waehlerwanderung-2021-300x169.jpg 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/waehlerwanderung-2021-320x180.jpg 320w" sizes="auto, (max-width: 748px) 100vw, 748px" /><figcaption><em>Wählerwanderung Bundestagswahl 2021</em></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Parlament der Funktionen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch über die „Letzte Stunde der Wahrheit“ geht Armin Nassehi (2015) der Frage nach, warum die alten Lager keine Alternative mehr sind. Und: Warum wir unsere Gesellschaft ganz anderes beschreiben müssen. Im letzten Kapitel zu „Übersetzungskonflikten“ macht er einen interessanten Vorschlag, um den parlamentarischen Betrieb zu ergänzen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Vielleicht muss es parlamentsähnliche Formen geben, in denen die unterschiedlichen Logiken und Funktionen aufeinandertreffen und letztlich quer zu den üblichen Differenzen eine Übersetzungsarbeit leisten, in der man nicht auf Verständigung und Konsens hoffen kann, aber wenigstens darauf, die Differenzen, um die es geht, angemessen zu bearbeiten.</p><cite>Armin Nassehi 2015, S. 289</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nassehis Intuition eines Parlaments der Funktionen könnte eine Art Senat oder dritte Kammer sein. Ein Ort wo nicht das Einende oder Trennende, sondern das ‚Dazwischen‘ sichtbar wird: „… die Differenzen, um die es geht.“ Um versuchsweise beobachten zu können, was passiert, wenn unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, will Nassehi hier nicht etwa die alten Lager, Parteien und Fraktionen aufeinander loslassen. Vielmehr sollten es Bürgerinnen und Bürger sein, die sich aufgrund ihrer verschiedenen Problemlösungskompetenzen für gesellschaftliche Probleme unterscheiden – Bürgerinnen und Bürger zum Beispiel in verantwortlichen Positionen verschiedener gesellschaftlicher Funktionssysteme (z.B. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik).</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer solchen Arena würde allein durch die notwendige Übersetzungsleistung in immer eigene Funktionslogiken ein „rewriting“ der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung betrieben (ebd. S. 267ff.). Diese Neuformulierungen würden zunächst wohl vor allem für punktuelle Verständigung sorgen. Sie könnten darüber hinaus aber auch zu einem neuen Selbstbild der Gesellschaft führen. Einem Bildnis, das zwischen den Stühlen steht.</p>



<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/walter-benjamin-translator.jpg" alt="" class="wp-image-9354" width="749" height="420" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/walter-benjamin-translator.jpg 605w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/walter-benjamin-translator-300x169.jpg 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/walter-benjamin-translator-580x326.jpg 580w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/03/walter-benjamin-translator-320x180.jpg 320w" sizes="auto, (max-width: 749px) 100vw, 749px" /><figcaption><em>Ein Bild der Beziehung zwischen Übersetztem und Übersetzung aus <a href="http://www.ricorso.net/rx/library/criticism/guest/Benjamin_W/Benjamin_W1.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„The Task of the Translator“</a> von Walter Benjamin &nbsp;</em></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Im Zen-Mode zwischen Stühlen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Raum zwischen den verschiedenen Positionen setzen sich Markus Gabriel und Gert Scobel (2021) auseinander. Im Dialog über eine „Philosophie der radikalen Mitte“ gehen sie der Frage nach, wie wir in einer komplexen Welt und auf der Grundlage begrenzter Erkenntnis gute Entscheidungen treffen können. Im Kapitel zu „An-Archie“, in dem es um vieles geht, was der Einzelne nicht wissen oder beeinflussen kann, diskutieren sie auch die Rolle von Weisen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In einer Expertenrunde liegt die Wahrheit zwischen den Stühlen und nicht auf den Stühlen, und wer sie dort erkennt ist ein Weiser [– jemand, der] sich in aller Gelassenheit zwischen die Stühle [setzt], selbst wenn diese Situation prekär ist.</p><cite>Markus Gabriel &amp; Gert Scobel 2021, S. 242</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Was den Weisen ausmacht, ist also nicht nur der Mut, sich selbst in prekäre Situationen zu begeben; nicht nur der Schneid, in einer Expertenrunde zuzugeben, keine Ahnung zu haben. Es ist auch die Erkenntnisfähigkeit, die den Weisen ausmacht. Nämlich „die Wahrnehmung der Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt ohne dualistische Unterscheidungen, ohne begriffliche Interpretationen“ (S. 246).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder rückt die Beobachtung, die Beschreibung dessen was ist, in den Fokus. Und die Einsicht, dass wir nicht – oder zumindest nicht ohne Weiteres – neutral beobachten können. Es bedarf schon eines echten Zen-Meisters wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hongzhi_Zhengjue">Hongzhi Zhengjue</a>, auf den sich Gabriel und Scobel beziehen, um die Vielfalt der Welt auch nur in Ansätzen wahrnehmen zu können:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Du musst alle inneren Tendenzen, aus denen du offensichtliche Gewohnheit gemacht hast, reinigen, abschaben, abschleifen und wegfegen.</p><cite>Hongzhi Zhengjue</cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Weg zur Resonanz-Demokratie</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Parlament der Funktionen halte es einerseits für eine sehr sinnvolle Ergänzung des parlamentarischen Betriebs; auch auf dem Weg zu einer „Resonanz-Demokratie“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>Demokratie [im Großen wie im Kleinen] bezeichnet dabei nicht mehr nur und nicht in erster Linie das Aushandeln und Verhandeln von (Rechts-) Ansprüchen und Interessenkonflikten, sondern meint einen anhaltenden Prozess der Sensibilisierung für die Vielfalt der Stimmen im Sinne von Perspektiven, Existenzweisen und Weltbeziehungen.</em></p><cite><em>Hartmut Rosa 2017: 368</em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube andererseits, dass die Wahrnehmung des ‚Dazwischen‘ auch bei der Organisation von (offenen) Innovationsprozessen hilfreich ist. Zumindest was Feedbackloops in solchen Prozessen betrifft, täte Differenzierung sicher gut. In innovierende Organisationen und Netzwerke aber einen (zusätzlichen) ‚Senat‘ einzuführen, erscheint mir wenig hilfreich – zumindest wenn ich es mir als um ein Gremium oder eine Arbeitsgruppe vorstelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Überlegungen zu einem praktisch handhabbaren Ansatz gehen <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2021/09/12/engagement-und-ehrenamt-neu-gestalten/">derzeit in die Richtung einer Art Panel-Befragung</a>. Ein Panel, in dem die Teilnehmende mit validen Befragungsinstrumenten unterschiedlichen Funktionslogiken zuordnet werden. Auf der Grundlage dieser Cluster ließen sich unterschiedliche Sichtweisen auf aktuelle Fragestellungen, Ideen und Lösungsansätze sammeln und gegenüberstellen. Im besten Falle ließe sich so beispielsweise ein Eindruck davon gewinnen, welche Freuden oder Schmerzen die jeweils angesprochenen Themen in den unterschiedlichen Clustern auslösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist noch nicht allzu viel! Zumal man bei Panel-Befragungen eher an Statistik als qualitatives Feedback denkt. Eine reine Panel-Befragung macht außerdem noch keinen Dialog zwischen den Befragten möglich. Und es ergeben sich auch Schwierigkeiten beim Design und bei der Auswertung der Befragung. Aber es ist ein Anfang; eine Grundlage, auf der man weiter daran arbeiten kann, sich bewusst zwischen die Stühle setzen, und zu lernen einander wirklich zuzuhören.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen</strong>

<em>Gabriel, Markus / Scobel, Gert</em> (2021): Zwischen Gut und Böse. Philosophie der radikalen Mitte. Hamburg: Edition Körber.
<em>Nassehi, Armin</em> (2015): Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden. Hamburg: Murmann Publishers.
<em>Rosa, Hartmut</em> (2017): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen. 5. Auflage. Berlin: Suhrkamp. 
</pre>
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		<title>Bürokratie, Bullshit &#038; Serious Games</title>
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		<dc:creator><![CDATA[foulder]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Jan 2022 08:30:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>
<p>Leisten Sie mit Ihrer beruflichen Tätigkeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt? Glaubt man der kleinen Umfrage, die ich zum Jahresbeginn auf LinkedIn und Twitter startete, ist die Antwort aus meiner Social Media Bubble eindeutig: Ja! Ein bemerkenswert großer Teil der etwa 200 Antwortenden war sich offenbar sicher, keinen Bullshit-Job zu haben. Herzlichen Glückwunsch! Denn es [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress">Hannes Jähnert - Engagementblogger &amp; Freizeitforscher</a> | @foulder</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Leisten Sie mit Ihrer beruflichen Tätigkeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt? </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Glaubt man der kleinen Umfrage, die ich zum Jahresbeginn auf <a href="https://www.linkedin.com/posts/hannes-jaehnert_willkommen-im-neuen-jahr-ich-h%C3%A4tte-da-mal-activity-6883019206850433024-quUp" target="_blank" rel="noreferrer noopener">LinkedIn</a> und <a href="https://twitter.com/foulder/status/1477184471287975936?t=cdSUqnjbYRDEW5TxCZZEZw&amp;s=19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a> startete, ist die Antwort aus meiner Social Media Bubble eindeutig: Ja! Ein bemerkenswert großer Teil der etwa 200 Antwortenden war sich offenbar sicher, keinen Bullshit-Job zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herzlichen Glückwunsch! Denn es ist ja gar nicht so unwahrscheinlich, in so eine unsinnige Tätigkeit zu geraten. Der Bestseller-Autor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Graeber">David Graeber</a> schätzte 2018, dass weltweit 35 bis 40 Prozent der Jobs völlig unnütz oder sogar schädlich sind. Der DGB-Index Gute Arbeit weist eine niedrigere Quote aus: Nach dem <a href="https://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++034808ca-493c-11ec-99ed-001a4a160123">Report für 2021</a> mangelt es ‚nur‘ 18 Prozent der Befragten am Sinngehalt ihrer Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob nun aber ein oder zwei Fünftel der arbeitenden Bevölkerungen für sinnlose Tätigkeiten bezahlt werden: Es muss zu denken geben, dass es sowas überhaupt gibt! Jagen wir nicht seit Jahrzehnten schon der Effektivität und Effizienz hinterher? Was ist bisher dabei rausgekommen? <a href="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/2012/06/03/beschleunigung-bis-zum-rasenden-stillstand/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Beschleunigung bis zum rasenden Stillstand</a>! Die ‚Bullshitisierung‘ durchdringt mittlerweile alle Lebensbereiche. Nicht nur in der Arbeitswelt! Auch in unserer Freizeit sind wir mit Bullshit beschäftigt, der uns nicht selten im pseudo-rationalen Gewand der Bürokratie gegenübertritt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Symbolbild Bürokratie: Der Warteraum des Bürgeramtes</h2>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="699" src="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril.jpg" alt="Symbolbild Bürokratie: &quot;Die Vorgangsnummern sind nicht fortlaufend. Damit Sie Ihre Vorgangsnummer nicht verpassen, achten Sie bitte auf beide Bildschirme" class="wp-image-9325" srcset="https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril.jpg 900w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril-300x233.jpg 300w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril-768x596.jpg 768w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril-720x559.jpg 720w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril-580x450.jpg 580w, https://hannes-jaehnert.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/Schild-Buergeramt_skurril-320x249.jpg 320w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption>Aushang im Warteraum eines Bürgeramtes </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Schnappschuss stammt aus dem Warteraum eines Berliner Bürgeramts. Als ich vor ein paar Tagen dort war, irritierte mich der Hinweis gründlich, dass die Vorgangsnummern nicht fortlaufend hoch- oder runterzählen. Da ich ab diesem Moment aber damit beschäftigt war, sechsstellige, offenbar zufällig erscheinende Nummernfolgen miteinander abzugleichen, habe ich mir die Frage nach dem Warum für später ‚mitgenommen‘.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, scheint mir diese Kuriosität aus zweierlei Gründen erklärlich:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Technisch gesehen funktioniert das IT-System dieses Bürgeramtes schlicht nicht beziehungsweise nicht gut genug, um fortlaufende Nummern auszugeben. Die Wartenden müssen deshalb gezwungen werden, ihre Wartezeit damit zu verbringen, zwei Monitore anzustarren, um ihre Vorgangsnummer nicht zu verpassen. Sehr viel sinnloser kann man seine Zeit eigentlich nicht verbringen.</li><li>Systemisch betrachtet wird nur erklärlich, warum die kaputte IT nicht repariert wird, wenn man annimmt, dass dieses Bürgeramt streng funktional gestaltet wurde. Und zwar von jemandem, der es nicht nutzen muss. Dieser Warteraum war vollständig um die ‚Tätigkeit‘ des Wartens auf die richtige Nummer strukturiert. Nicht einmal das bloße Herumsitzen war eine  Alternative: Ein Drittel der Sitze in diesem von Wachleuten umstellten Raum war mit dem Rücken zu der Wand montiert, an der die Monitore hingen.</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Dass also dieser Warteraum nicht sonderlich bürger-, kunden- oder auch nur menschenfreundlich gestaltet war, ist offensichtlich. Und dass derartige Arrangements in Einrichtungen der Verwaltung (öffentlich oder privat) eher die Regel denn die Ausnahme sind, gehört zu den leidvollen Erfahrungen derer, die des Öfteren auf Leistungen solcher Einrichtungen angewiesen sind. Was also läuft hier falsch?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bürokratie überall: Ein Blick in die Privatwirtschaft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">David Graeber macht eine Art „Manager-Feudalismus“ für die Bullshitisierung der Arbeitswelt verantwortlich: Manager, die Manager managen, die Teams zu selbstorganisiertem und eigenverantwortlichem Handeln führen sollen und auf der Suche danach, was sie dafür eigentlich tun müssen, Heerscharen von Beratern und Coaches beschäftigen &#8230; Während diese kuriose Sinnlosigkeit in der Privatwirtschaft mittlerweile absonderliche Ausmaße annimmt, hält sie sich Graeber zufolge in öffentlichen Einrichtungen sogar in Grenzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wie dort aber scheint es so, als bliebe der interne Bullshit nicht auf die Arbeit in den Organisationen beschränkt. In einem anderen Buch über Bürokratie und die Utopie der Regeln erzählte Graeber dazu eine ganz ähnliche Geschichte, wie die meine aus dem Bürgeramt: Sie handelt von seinem Bemühen um eine Vollmacht für das Bankkonto seiner kranken Mutter. Graeber erzählt, dass er sich für diesen Fetzen Papier derart verrenken musste, dass er sich kaum noch auf etwas anderes – insbesondere das richtige Ausfüllen von Formularen – konzentrierten konnte. Die Sache zog sich damit so lange hin, bis sich die Angelegenheit schließlich von selber erledigt hatte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Entbürokratisierung: Aktueller Stand in Engagement &amp; Ehrenamt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Jürgen Habermas kann man dieses Phänomen als eine Art strukturell generierte Verantwortungslosigkeit beschreiben. Eine Verantwortungslosigkeit, die jedes einzelne System „unsensibel für die Kosten [werden lässt], die es für andere Systeme erzeugt“ (ebd. 1992: 417). So lange also ein operativ geschlossenes System in sich funktioniert, ist alles gut – egal was es andere kostet, an seiner Funktion zu partizipieren. Im Rahmen der Diskurstheorie Habermas’ gibt es dagegen nur ein Mittel: Die Zivilgesellschaft muss sich bemerkbar machen und einen gesellschaftlich relevanten Konflikt auslösen. Einen Konflikt, der zu einer veränderten Rechtslage führt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soweit zur Geltung! Faktisch aber wurden in der Vergangenheit aus (Einzel-) Fällen nur selten relevante Konfliktfälle. Vielmehr ließ sich die organisierte Zivilgesellschaft bei ihren Bemühungen den Konflikt mit der Bürokratie aufs Trapez zu heben immer wieder ins Bockhorn jagen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Der so genannte „Bürokratieabbau“ drehte sich bislang zu einem großen Teil um die Automatisierung von Verwaltungsvorgängen. Eine Automatisierung, die in der Regel dazu führt, dass alle Beteiligten mehr Formulare ausfüllen und mehr Kästchen ankreuzen müssen.</li><li>Die Gesetzgebung zur Stärkung des Ehrenamts, die immer wieder auch mit der Entlastung von Bürokratie verbunden wird, kreiste bislang im Wesentlichen um die Erhöhung der Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen, mit denen der Papierkram in Vereinen auch nicht weniger wird.</li><li>Über mögliche Lösungen für das Problem der Bürokratie in bürgerschaftlichem Engagement und Ehrenamt wird gelegentlich in Ausschüssen und Gremien unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure gesprochen. Ausschüsse und Gremien, die regelmäßig Ergebnisse produzieren, die nie das Licht einer politischen Öffentlichkeit erblicken, wo sie wirksam werden könnten.</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es nach Habermas die Aufgabe der organisierten Zivilgesellschaft ist, „die Resonanz, die die gesellschaftlichen Problemlagen in den privaten Lebensbereichen finden, aufnehmen, kondensieren und lautverstärkend an die politische Öffentlichkeit weiterleiten“ (ebd.: 443), und wenn die organisierte Zivilgesellschaft in den letzten Jahren diesen Konflikt tatsächlich aufs Trapez zu heben versuchte, dann fallen die Resultate der eher dürftig aus: </p>



<ul class="wp-block-list"><li>Nach <a href="https://www.aktive-buergerschaft.de/zwei-drittel-buerokratie-ein-drittel-ehrenamt-buerokratie-belastet-buergerstiftungen/">Umfrage der</a><a href="https://www.aktive-buergerschaft.de/zwei-drittel-buerokratie-ein-drittel-ehrenamt-buerokratie-belastet-buergerstiftungen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> Stiftung</a><a href="https://www.aktive-buergerschaft.de/zwei-drittel-buerokratie-ein-drittel-ehrenamt-buerokratie-belastet-buergerstiftungen/"> Aktive Bürgerschaf</a>t von 2019 gehen etwa 50 Prozent der Arbeitszeit in Bürgerstiftungen für Verwaltungstätigkeiten drauf – Tendenz steigend. </li><li>Nach einer <a href="https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/studie-zur-buerokratieentlastung-im-ehrenamt-vorgestellt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erhebung des Normenkontrollrates Baden-Württemberg</a> aus dem selben Jahr beschäftigen sich Vereine in The Länd durchschnittlich 6,5 Stunden in der Woche mit Bürokratie – das sind 42 Tage im Jahr.</li></ul>



<h2 class="wp-block-heading">Entbürokratisierung: Das Eherne Gesetz des Liberalismus</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist zu vermuten, dass das edle Bemühen um die „Entbürokratisierung“ in liberalen Gesellschaften auf verlorenem Posten steht: Es wird nicht weniger, sondern immer mehr Papierkram! David Graeber formuliert dies in seinem ‚ehernen Gesetz des Liberalismus‘. Es besagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Jede Marktreform, jede Regierungsinitiative, die den Amtsschimmel bändigen und die Marktkräfte fördern will, resultiert in der Zunahme von Vorschriften, Verwaltungsarbeit und der vom Staat beschäftigten Bürokraten.</p><cite>(<em>Graeber 2017: 14).</em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir aber die Herrschaftsform der Bürokratie (Max Weber) noch nicht nicht überwinden können, was können wir tun? Gibt es vielleicht einen sinnvollen Ansatz, um <em>mit</em> der Bürokratie glücklich zu werden? Ja, sowas romantisches kann es geben. Der Ansatz dafür: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_ludens">Homo Ludens</a> (Johan Huizinga).</p>



<h2 class="wp-block-heading">Let’s Play: Bürokratie als Serious Game</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bürokratie ist ihrem Wesen nach, die unpersönliche Herrschaft der Regeln in einem hierarchischen System professioneller Arbeitsteilung. Computerspiele – insbesondere <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Massively_Multiplayer_Online_Role-Playing_Game" target="_blank" rel="noreferrer noopener">MMORPG</a> – sind nichts anderes: Gespielt wird in arbeitsteiligen Gruppen (Zauberer, Heiler, Krieger etc.) nach festgelegten Regeln, die im Zweifel (z.B. gegenüber Hackern und Cheatern) durch hierarchisch höhergestellte Administratoren durchgesetzt werden. Warum aber machen solche Computerspiele Spaß und die Bürokratie im Bürgeramt nicht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Umfang des Regelwerkes kann es kaum liegen. Ich wage zu behaupten, dass World of Warcraft nicht minder komplex geregelt ist als Verwaltungsvorgänge in größeren Organisationen und Behörden. Für letztere mag es mehr Papier zur Auslegung der Regeln geben (Richtlinie, Förderleitfäden, Gesetzeskommentare etc.). Das aber dient vorrangig einer etwas kruden Vorstellung von Transparenz, die die Willkür im Zaum zu halten soll. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch an der Unpersönlichkeit der Herrschaft wird es nicht liegen. Im Gegensatz zu Computerspielen werden Regeln in Organisationen und Behörden zumindest noch von Menschen durchgesetzt, die zumindest dazu angehalten sind, über die Konsequenzen ihres Handelns nachzudenken. Auch wenn man es den Bürokraten oft abspricht: Sie sind empfindungsfähige Wesen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als strickt regelgeleitetes System hat die Bürokratie meines Erachtens durchaus das Potential zum Serious Game. Ich sage <em>Serious Game</em>, weil ich mir aktuell nicht vorstellen kann, dass irgendwer dieses Spiel zum Spaß spielt. Zum heutigen Stand ist die Bürokratie schlicht das langweiligste, grafisch am schlechtesten gestaltete Spiel der Welt. Aber immerhin arbeitet man in Kanada schon daran, <a href="https://hbr.org/2021/02/do-behavioral-nudges-work-on-organizations" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die Quests besser zu erklären</a>.</p>



<pre class="wp-block-verse"><strong>Quellen</strong>

<em>Graeber, David </em>(2017): Bürokratie. Die Utopie der Regeln. 2. Auflage. Wilhelm Goldmann Verlag, München.
<em>Graeber, David </em>(2021): Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. 4. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart.
<em>Habermas, Jürgen </em>(1992): Zur Rolle von Zivilgesellschaft und politischer Öffentlichkeit. In: Ders.: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates. Suhrkamp, Frankfurt a. M., S. 399-468.
<em>Huizinga, Johan </em>(2021): Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. 22. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg. </pre>
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