<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Criminologia</title>
	<atom:link href="https://criminologia.de/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://criminologia.de/</link>
	<description>das deutschsprachige Kriminologie Blog</description>
	<lastBuildDate>Tue, 23 Sep 2025 17:29:02 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9.4</generator>

<image>
	<url>https://criminologia.de/wp-content/uploads/2016/01/Criminologia-Bildmarke-120x120.png</url>
	<title>Criminologia</title>
	<link>https://criminologia.de/</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Zum Tod von Fritz Sack (1931–2025)</title>
		<link>https://criminologia.de/2025/09/zum-tod-von-fritz-sack-1931-2025/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Sep 2025 20:15:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie in Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz Sack]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminalsoziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologisches Denken]]></category>
		<category><![CDATA[kritische Kriminologie]]></category>
		<category><![CDATA[Labeling Approach]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Strafrecht]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=138729</guid>

					<description><![CDATA[<p>Am 18. August 2025 ist der Soziologe und Kriminologe Fritz Sack im Alter von 94 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Kriminologie eine ihrer bedeutendsten Stimmen – einen Wissenschaftler, der mit intellektueller Schärfe, kritischem Geist und unerschütterlichem Engagement die Grundlagen des Fachs neu gedacht und eine ganze Forschergeneration geprägt hat. Fritz Sack war einer [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2025/09/zum-tod-von-fritz-sack-1931-2025/">Zum Tod von Fritz Sack (1931–2025)</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_138730" aria-describedby="caption-attachment-138730" style="width: 300px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-138730" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Fritz-Sack-Nachruf.webp" alt="Fritz Sack" width="300" height="300" srcset="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Fritz-Sack-Nachruf.webp 300w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Fritz-Sack-Nachruf-200x200.webp 200w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Fritz-Sack-Nachruf-150x150.webp 150w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Fritz-Sack-Nachruf-120x120.webp 120w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-138730" class="wp-caption-text">Foto: Gudrun Drews-Dahl</figcaption></figure>
<p class="p1">Am 18. August 2025 ist der Soziologe und Kriminologe <span class="s1"><b>Fritz Sack</b></span> im Alter von 94 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Kriminologie eine ihrer bedeutendsten Stimmen – einen Wissenschaftler, der mit intellektueller Schärfe, kritischem Geist und unerschütterlichem Engagement die Grundlagen des Fachs neu gedacht und eine ganze Forschergeneration geprägt hat.</p>
<p class="p1">Fritz Sack war einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer der <span class="s1"><b>Kritischen Kriminologie</b></span> in Deutschland. Mit seinen Analysen zu Strafrecht, Machtverhältnissen und sozialer Kontrolle forderte er eine grundlegende Neuausrichtung der Kriminologie – weg von der fixierten Betrachtung des „Täters“ hin zu einer <span class="s1"><b>gesellschaftsanalytischen Perspektive auf Kriminalität und Strafverfolgung</b></span>. Seine Arbeiten zur <span class="s1"><b>selektiven Strafverfolgung</b></span>, zur <span class="s1"><b>funktionalen Rolle des Strafrechts</b></span> sowie zur <span class="s1"><b>Punitivität</b></span> moderner Gesellschaften sind bis heute zentral für eine sozialwissenschaftlich informierte Kriminalitätsforschung.</p>
<p class="p1">In den Jahren 1984 bis 1996 war Fritz Sack Professor für Kriminologie an der Universität Hamburg und leitete dort das <span class="s1"><b>Institut für Kriminologische Sozialforschung (IKS)</b></span>, das unter seiner Leitung zu einem Zentrum kritischer kriminologischer Forschung wurde.</p>
<p class="p1">Als ich mein Studium am IKS aufnahm, war Fritz Sack bereits emeritiert, und sein Nachfolger <span class="s1"><b>Sebastian Scheerer</b></span> hatte den Lehrstuhl übernommen. Dennoch war sein Einfluss im Institut deutlich spürbar: in den theoretischen Diskussionen, in der Haltung vieler Lehrender – und nicht zuletzt in der Sensibilität für gesellschaftliche Machtverhältnisse, die dem Labeling-Ansatz zugrunde liegt. Die Idee, dass Kriminalität nicht einfach „gegeben“ ist, sondern sozial zugeschrieben wird, war tief in die Institutsidentität eingeschrieben.</p>
<p class="p1">Unvergessen bleibt mir ein gemeinsames Seminar von <span class="s1"><b>Fritz Sack</b></span> und dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter <span class="s1"><b>Winfried Hassemer</b></span> zum Thema <i>Freiheit und Sicherheit</i>, das sich mit Fragen der Kriminalpolitik im Zeichen zunehmender Überwachung und Kontrolle beschäftigte. Die abschließende Exkursion zum <span class="s1"><b>Bundesverfassungsgericht</b></span> in Karlsruhe war nicht nur eindrucksvoll, sondern auch Ausdruck eines Wissenschaftsverständnisses, das Theorie und Praxis miteinander in Verbindung bringt.</p>
<p class="p1">Fritz Sack war ein streitbarer Denker, der Kontroversen nicht scheute, sondern produktiv machte. Er verstand Wissenschaft als gesellschaftliche Intervention – nie als bloße Beschreibung, sondern stets als Stellungnahme. Seine Fragen an die Disziplin wirken bis heute nach: <span class="s1"><b>Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie soziale Probleme dem Strafrecht überantwortet?</b></span> Und: <span class="s1"><b>Welche Interessen, Deutungen und Machtverhältnisse strukturieren, was als „kriminell“ gilt?</b><b></b></span></p>
<p class="p1">Mit seinem Tod endet ein Kapitel der deutschsprachigen Kriminologie – aber das Denken, das er angestoßen hat, bleibt lebendig.</p>
<hr />
<p>Weitere Nachrufe sind hier erschienen:</p>
<ul>
<li>
<p class="p1"><a href="https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/ueber-den-fachbereich/aktuelle-meldungen/2025/2025-09-09-nachruf-prof-fritz-sack.html" target="_blank" rel="noopener">Universität Hamburg – Fachbereich Sozialwissenschaften: Wir trauern um Prof. Dr. Fritz Sack, Begründer der Kritischen Kriminologie</a></p>
</li>
<li>
<p class="p1"><a href="https://taz.de/Zum-Tod-des-Kriminologen-Fritz-Sack/!6112067/" target="_blank" rel="noopener">taz – Zum Tod des Kriminologen Fritz Sack. Jenseits des Straflustprinzips </a></p>
</li>
</ul>
<p><strong>[Update: 23.09.2025]</strong></p>
<p><img decoding="async" class="aligncenter size-large wp-image-138738" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Memorial-Page-Fritz-Sack-697x633.webp" alt="Memorial Page für Fritz Sack" width="697" height="633" srcset="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Memorial-Page-Fritz-Sack-697x633.webp 697w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Memorial-Page-Fritz-Sack-349x317.webp 349w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/09/Memorial-Page-Fritz-Sack.webp 800w" sizes="(max-width: 697px) 100vw, 697px" /></p>
<p>Für alle, die Fritz Sack kannten oder sein Wirken schätzten, gibt es auf dieser Seite die Möglichkeit, Erinnerungen, Gedanken oder Worte des Gedenkens zu teilen: <a href="https://memorialsource.com/memorial/fritz-sack" target="_blank" rel="noopener">https://memorialsource.com/memorial/fritz-sack</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2025/09/zum-tod-von-fritz-sack-1931-2025/">Zum Tod von Fritz Sack (1931–2025)</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Call for Papers &#8211; KrimJ-Themenheft 1/2026 – Von Artenschutz bis Ökozid</title>
		<link>https://criminologia.de/2025/01/call-for-papers-krimj-themenheft-1-2026-von-artenschutz-bis-oekozid/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Jan 2025 08:40:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Call for Papers]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Artenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Green Criminology]]></category>
		<category><![CDATA[Ökozid]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltpolitik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=137736</guid>

					<description><![CDATA[<p>Von Artenschutz bis Ökozid: Kriminologische Anschlüsse im Anthropozän Im Schatten aller gegenwärtigen Krisen vollzieht sich derzeit ein massenhaftes Artensterben, dessen Dringlichkeit zwar wahrgenommen wird, dessen Tragweite jedoch noch nicht im gesellschaftlichen wie politischen Bewusstsein angekommen ist. Dies gilt auch für die kriminologische Auseinandersetzung. Während sich die deutschsprachige Kriminologie höchstens mit Wilderei und illegalem Wildtierhandel (z.B. [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2025/01/call-for-papers-krimj-themenheft-1-2026-von-artenschutz-bis-oekozid/">Call for Papers &#8211; KrimJ-Themenheft 1/2026 – Von Artenschutz bis Ökozid</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Von Artenschutz bis Ökozid: Kriminologische Anschlüsse im Anthropozän</h2>
<p>Im Schatten aller gegenwärtigen Krisen vollzieht sich derzeit ein massenhaftes Artensterben, dessen Dringlichkeit zwar wahrgenommen wird, dessen Tragweite jedoch noch nicht im gesellschaftlichen wie politischen Bewusstsein angekommen ist. Dies gilt auch für die kriminologische Auseinandersetzung. Während sich die deutschsprachige Kriminologie höchstens mit Wilderei und illegalem Wildtierhandel (z.B. Lohmann 2023) beschäftigt, findet in internationalen Diskursen eine rege Auseinandersetzung mit den Hintergründen des Artensterbens sowie den Rationalitäten, Potentialen und Grenzen der Schutzmaßnahmen statt.</p>
<p>Ob als kritische Analyse internationaler Konventionen zur Regulierung des Wildtierhandels (Sollund 2023) oder zum Ausloten der Potentiale eines Ökozid-Straftatbestandes (Higgins 2013; Lorenzo &amp; White 2019; Sollund 2020): Die Auseinandersetzung mit dem Verlust der Artenvielfalt prägt die Konturen neuer Sub-Kriminologien (z.B. Conservation Criminology, Gibbs et al. 2010; Wildlife Criminology, Nurse &amp; Wya( 2020). Vertreter_innen einer Perspektive der politischen Ökonomie fokussieren dabei die anthropozentrische Ausbeutung planetarer Ressourcen und argumentieren für eine Kriminologie, die sich auf einer Makrobene mit den treibenden Faktoren des Aussterbens auseinandersetzen (Brisman &amp; South 2020; Lynch 2020). Die stark rechtswissenschaftlich geprägte Conservation Criminology, die sich in den 2010ern neu gebildet hat, nimmt dagegen vor allem Mikro-Ansätze der situationsbezogenen Kriminalitätsprävention in den Blick (Gore 2017). So unterschiedlich die Ansätze auch sind, nehmen sie sich doch beide der Kern-Perspektive der Green Criminology an: Sie widmen sich den anthropogen verursachten Schäden, statt sich ihren Gegenstand durch das Festhalten an einer Legaldefinition vorgeben zu lassen. Dies befördert nicht nur die interdisziplinäre Bearbeitung des Themas, sondern auch, sich grundlegender und freier seinen Ursachen und seiner politischen Bearbeitung zu widmen.</p>
<p>Das geplante Heft gibt Gelegenheit, kriminologische Zugriffsweisen auf die Thematik des Artensterbens und dabei auch grundsätzlich das Verhältnis der Kriminologie zum Naturschutz zu entwickeln. Von der in Deutschland zu beobachten Instrumentalisierung des Naturschutzes durch die Neue Rechte, über durch den Wildtierhandel beförderte Zoonosen bis zur Kriminalisierung des Protests – die Bandbreite einer kriminologischen Beschäftigung mit dem Verlust der Artenvielfalt ist groß. Mit dem Ziel, nicht-speziesistische und zemiologische Perspektiven kriminologischer Theoriebildung weiterzuentwickeln (s. Bierne 1999), lädt das anvisierte Schwerpunktthema dazu ein, sich theoretisch, empirisch oder auch methodologisch mit einem der folgenden exemplarischen Themenbereiche zu beschäftigen:</p>
<ul>
<li>Rechte Vereinnahmung des Artenschutzes</li>
<li>Kriminalisierung von Protestbewegungen</li>
<li>Species justice / Nichtspeziesistische Kriminologie</li>
<li>Viktimisierung der Tierwelt</li>
<li>(Primäre und Sekundäre) Viktimisierung im Wildtierhandel</li>
<li>Militarisierung des Naturschutz</li>
<li>Extinction, Deextinction</li>
<li>Ökozid</li>
<li>Rechte der Natur</li>
<li>Polarisierungen des Artenschutzes (Tierschutz versus Artenschutz etc.)</li>
<li>internationale Konventionen zur Regulierung des Wildtierhandels</li>
<li>Dekolonisierung des Naturschutz</li>
</ul>
<p>Einreichungen von Nachwuchswissenschaftler_innen sind ausdrücklich erwünscht.</p>
<p>Nachfragen sowie Beitragsvorschläge in Form von Abstracts (ca. 300 Wörter) richten Sie bitte an folgende Adresse: bettina.paul@uni-hamburg.de.</p>
<p>Das Abstract sollte die avisierte Einreichungsrubrik des Beitragsvorschlags enthalten: Aufsatz (Umfang zw. 30-50.000 Zeichen incl. Leerzeichen); Diskussionsbeitrag oder Werkstattbericht, (beide je max 25.000 Zeichen incl. Leerzeichen). Aufsätze durchlaufen ein Double Blind Peer Review Verfahren. Weitere Details zu den Rubriken finden sich auf der Website des Kriminologischen Journals:</p>
<p><a href="https://www.krimj.de/index.php/de/beitraege-einreichen" target="_blank" rel="noopener">https://www.krimj.de/index.php/de/beitraege-einreichen</a></p>
<h3>Anvisierter Zeitplan:</h3>
<p>Deadline Abstract: 31. Januar 2025</p>
<p>Rückmeldung zum Abstract/Aufforderung zum Artikel: 6. Februar 2025</p>
<p>Abgabe Artikel (mit max. 45.000 Zeichen incl. Leerzeichen): 30. April 2025</p>
<p>(Double Blind) Peer Review – bis Ende Juni 2025</p>
<p>Überarbeitung der Beiträge bis Ende August 2025</p>
<p>Erscheinen der Ausgabe: 1/26</p>
<h3>Literatur:</h3>
<p>Beirne, P. (1999). For a nonspeciesist criminology: Animal abuse as an object of study. Criminology 37(1): 117-148. DOI 10.1111/j.1745-9125.1999.tb00481.x</p>
<p>Brisman, A. and South, N. (2020) A criminology of extinction: Biodiversity, extreme consumption and the vanity of species resurrection. European Journal of Criminology 17(6): 918-935. DOI 10.1177/147737081982830</p>
<p>Gibbs, C. et al. (2010) Introducing conservation criminology: Towards interdisciplinary scholarship on environmental crimes and risks. British Journal of Criminology 50(1): 124–144. DOI 10.1093/bjc/azp045</p>
<p>Gore, M.L. (2017) Global risks, conservation, and criminology. In: Gore ML (ed) Conservation criminology. West Sussex: John Wiley &amp; Sons, 1-23.</p>
<p>Higgins, P., Short, D. and South, N. (2013) Protecting the planet: a proposal for a law of ecocide. Crime Law Social Change 59: 251–266. DOI 10.1007/s10611-013-9413-6</p>
<p>Lohmann , J.A. (2023) Wilderei und illegaler Wild0erhandel in Afrika – Erkenntnisse und Chancen eines interdisziplinären kriminologischen Forschungsansatzes. Kriminologie &#8211; Das Online-Journal | Criminology &#8211; The Online Journal, 4(5): 297–315. DOI 10.18716/ojs/krimoj/2023.4.6</p>
<p>Lorenzo N. and White R. (2019) The ecocide-genocide nexus: A green criminology perspective. Rassegna Italiana di Criminologia 13(3): 186-196. DOI 10.7347/RIC-032019-p186</p>
<p>Nurse A. and Wya( T. (2020) Wildlife criminology. Bristol: Policy Press.</p>
<p>Sollund, R. (2020) Wildlife management, species injustice and ecocide. Critical Criminology 28: 351-369. DOI 10.1007/s10612-019-09469-1</p>
<p>Sollund, R. (2023) The dark side of nature conventions: A call to end anthropogenic wildlife destruction. Criminology &amp; Criminal Justice. Epub ahead of print 1 August 2023. DOI: 10.1177/17488958231181309</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2025/01/Call-for-Papers-KrimJ-Kriminologische-Anschluesse-im-Anthropozaen.pdf">Der Call for Papers ist hier als PDF verfügbar.</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2025/01/call-for-papers-krimj-themenheft-1-2026-von-artenschutz-bis-oekozid/">Call for Papers &#8211; KrimJ-Themenheft 1/2026 – Von Artenschutz bis Ökozid</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</title>
		<link>https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jul 2024 11:07:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=136542</guid>

					<description><![CDATA[<p>Tagungsbericht von Lilli Gaus, Eva Groß, Joachim Häfele, Hanna Klimpe „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“ virtueller kriminologischer Fachtag am 15.5.2024 I Einführung Der Fachtag wurde im Rahmen der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (Department Soziale Arbeit) von Prof. Dr. Carmen Gransee organisiert [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen-2/">Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Tagungsbericht von Lilli Gaus, Eva Groß, Joachim Häfele, Hanna Klimpe</p>
<p><strong>„Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“ virtueller kriminologischer Fachtag am 15.5.2024 </strong></p>
<h2>I Einführung</h2>
<p>Der Fachtag wurde im Rahmen der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (Department Soziale Arbeit) von Prof. Dr. Carmen Gransee organisiert und finanziell von der Lieselotte-Pongratz-Stiftung unterstützt. Die Zielgruppe bestand aus Fachleuten der Sozialen Arbeit, der Polizei, der Justiz und der Kriminologie.</p>
<p>Ziel der Veranstaltung war es, die Herausforderungen im Umgang mit Hasskriminalität zu beleuchten und die Bedeutung kriminologischer und soziologischer Analysen hervorzuheben. Die Veranstaltung war relevant, weil sie ein tieferes Verständnis für die Auswirkungen von Hasskriminalität schaffen und effektive Maßnahmen zur Strafverfolgung und Prävention entwickeln wollte.</p>
<p>Der Fachtag bestand aus zwei Vorträgen zu den Themenfeldern “Hate Crime, Hate Speech im Fokus gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit” und einem Vortrag und anschließendem Workshop mit Studierenden der Sozialen Arbeit zum Thema “Destruktive Dynamiken und Hate Speech in Social Media – Wie gehen wir in der Hochschule damit um?” und umfasste eine Vielzahl an Themen, darunter die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit und die spezifischen Herausforderungen, denen sich Fachleute der Sozialen Arbeit stellen müssen. Besonders hervorgehoben wurden die Notwendigkeit praxisnaher Lösungsansätze sowie die Stärkung der Kooperation zwischen verschiedenen Institutionen. Im Workshop und den Diskussionsrunden wurden praxisorientierte Strategien entwickelt, um die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu verbessern, was letztlich die Effizienz und Effektivität der Sozialen Arbeit steigern soll.</p>
<p>Die NSU-Mordserie zwischen 2000 und 2006, der antisemitische Anschlag auf eine Synagoge in Halle 2019 oder der Anschlag in Hanau 2020 zählen zu den bekanntesten und schwersten Fällen von Vorurteilskriminalität in Deutschland. In den vergangenen Jahren sind die offiziell registrierten Fälle vorurteilsgeleiteter Straftaten deutlich gestiegen. Aktuell muss aufgrund der Auswirkungen des Nahost &#8211; Konfliktes mit einer weiteren deutlichen Zunahme von vorurteilsbezogenen Handlungen, insbesondere gegen Jüdinnen und Juden, gerechnet werden.</p>
<p>Ein aktuelles und wichtiges Thema, das im Kontext sozialer Arbeit und interdisziplinärer Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Bewältigung vorurteilsgeleiteter strafbarer Handlungen.</p>
<p>Diese zielen auf die zugeschriebene Gruppenidentität der Opfer ab und orientieren sich an geschützten Merkmalen wie Hautfarbe, religiösem Glauben oder sexueller Orientierung. Neben der direkten Mikroebene entfalten sie auch eine symbolische Wirkung auf die Gesamtheit der Gruppe. Dabei sollen die Mitglieder der Gruppe durch diese Taten verängstigt bzw. eingeschüchtert werden (Mesoebene) (vgl. Groß, Häfele &amp; Peter 2024, S. 1, 2).</p>
<p>Die beabsichtigte symbolische Wirkung solcher Taten geht oft mit einer sehr hohen Gewaltintensität einher, um maximalen Schaden und eine starke symbolische Wirkung zu erzielen. Besonders problematisch ist dabei, dass das betroffene Individuum unfähig ist, das Merkmal zu verändern, welches es zur Zielscheibe gemacht hat. Dies führt zu einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das Spektrum der vorurteilsmotivierten Kriminalität (VK) reicht von Vandalismus bis hin zu Mord. Solche Taten haben daher besonders schwerwiegende und langfristige Folgen auf individueller, gemeinschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene (vgl. ebd., S. 1).</p>
<p>Die besondere gesellschaftspolitische Bedeutung vorurteilsmotivierter Handlungen unterstreicht die Notwendigkeit einer soliden Datenbasis, um die Perspektive der Betroffenen zu untersuchen, einschließlich ihrer Wahrnehmung der Polizei. Während das Konzept der Hasskriminalität in den USA seit den frühen 1990er Jahren intensiv aus der Opferperspektive erforscht wird, gibt es für Deutschland bisher nur wenige repräsentative Studien (vgl. ebd., S. 1).</p>
<h2>II &#8222;HateTown&#8220;: Einblicke in Hasskriminalität und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit</h2>
<p>Der Vortrag &#8222;HateTown&#8220; an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, präsentiert von <em>Prof. Dr. Eva Groß</em> und <em>Prof. Dr. Joachim Häfele</em>, bot einen Einblick in die Konzepte von Hasskriminalität und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF). Von der Analyse vorurteilsgeleiteter Taten in urbanen Räumen bis hin zu den Herausforderungen im Umgang mit Hate Speech in sozialen Medien – das Spektrum der Themen war breit und facettenreich.</p>
<p>Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF), wie es im Vortrag von <em>Joachim Häfele</em> dargelegt wurde, ist ein zentraler Ansatz zur Erfassung und Analyse von Vorurteilen und Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft. Es basiert auf der Annahme, dass sich menschenfeindliche Einstellungen nicht nur gegen einzelne Individuen, sondern gegen ganze Gruppen richten, die aufgrund bestimmter Merkmale als &#8222;anders&#8220; oder &#8222;fremd&#8220; wahrgenommen werden. Diese Merkmale können Hautfarbe, religiöser Glaube, sexuelle Orientierung, nationale oder ethnische Herkunft sein.</p>
<p>Die GMF orientiert sich an identitätsstiftenden Merkmalen und manifestiert sich in vorurteilsgeleiteten Handlungen, die gezielt gegen Personen aufgrund ihrer sozialen Gruppenzugehörigkeit gerichtet sind. Diese Handlungen sind nicht persönlich gemeint, sondern tragen einen Botschaftscharakter; sie sollen die betroffene Gruppe insgesamt treffen und marginalisieren. Dieser Botschaftscharakter unterstreicht die soziale und politische Dimension von Vorurteilskriminalität, da solche Handlungen nicht nur individuelle Schäden verursachen, sondern auch zur Verfestigung von Machtverhältnissen und zur Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit beitragen.</p>
<p>Die Forschung zu GMF, wie sie von Wissenschaftlern wie Heitmeyer und Zick durchgeführt wurde, zeigt, dass GMF ein komplexes Phänomen ist, das verschiedene Formen der Feindseligkeit umfasst, darunter Rassismus, Sexismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und andere. Diese Formen der Feindseligkeit sind oft miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig, was die Notwendigkeit eines umfassenden Ansatzes zur Bekämpfung von GMF unterstreicht.</p>
<p>Ein wichtiger Aspekt des GMF-Konzepts ist die Erkenntnis, dass diese Einstellungen und Handlungen nicht nur am Rande, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft verankert sind.</p>
<p>Sie werden durch bestimmte Diskurse, politische Entscheidungen und soziale Praktiken normalisiert und legitimiert. Dies macht deutlich, dass der Kampf gegen GMF nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf struktureller und institutioneller Ebene geführt werden muss. <em>Joachim Häfele</em> betonte die globale Relevanz von Hasskriminalität und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF). Durch die Übersetzung der Erhebungsinstrumente in mehrere Sprachen und die Einbeziehung betroffener Gruppen in die Methodik wurde die internationale Anwendbarkeit und kulturelle Sensibilität sichergestellt. Kooperationen mit internationalen Partnern und der Vergleich mit europäischen Dunkelfeldstudien verdeutlichen die europaweite Herausforderung. Die Einordnung der Studienergebnisse von „HateTown“ in den Kontext internationaler Rechtsnormen wie der Europäischen Menschenrechtskonvention unterstrich die Bedeutung einer globalen Perspektive.</p>
<p>Im Mittelpunkt der Präsentation von <em>Prof. Dr. Eva Groß</em> standen die Erfahrungen von Opfern von Vorurteilskriminalität, unterstützt durch umfassende empirische Daten aus dem Projekt &#8222;HateTown&#8220;. Die Zahlen zeigen deutlich: Von den 3.456 befragten Personen berichteten 2.737 (79,2 %) von mindestens einer Viktimisierungserfahrung, was die alarmierende Prävalenz von Vorurteilskriminalität verdeutlicht. Die Ergebnisse des Vortrags sind besonders relevant für die Soziale Arbeit im Sozialraum. Minderheitengruppen sind stark von Diskriminierung und Vorurteilsdelikten betroffen. Höhere Raten von Diskriminierungserfahrungen und eine größere Wahrscheinlichkeit, Opfer von Vorurteilsdelikten zu werden, zeichnen ein klares Bild der gefährdeten Position dieser Gruppen. Soziale Arbeit muss hier gezielt ansetzen, um diese vulnerablen Gruppen zu unterstützen und ihre Integration im Sozialraum zu fördern.</p>
<p>Die Folgen für die Opfer sind schwerwiegend. Viele berichten von Ängsten und Vermeidungsverhalten. Die Studie zeigt zudem, dass die Bevölkerungsdichte und der Zweitstimmenanteil der AfD in einem Stadtteil die Wahrscheinlichkeit von Hasskriminalität beeinflussen. Erschreckende 50 % der Betroffenen gaben an, ihr Verhalten aus Angst vor weiteren Angriffen angepasst zu haben.</p>
<p>Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, dass die Soziale Arbeit im Sozialraum aktiv wird. Sozialarbeiter*innen müssen Vertrauenspersonen für Betroffene sein und ihnen Zugang zu Hilfsangeboten erleichtern.</p>
<p>Diskriminierungserfahrungen untergraben das Vertrauen in Institutionen, insbesondere in die Polizei. Dies führt zu einer hohen Dunkelziffer: Etwa 80 % der Opfer zeigen die Taten nicht an, und 40,9 % suchen keine Unterstützung. Diese Zahlen weisen auf erhebliche Barrieren im Zugang zu Hilfsangeboten hin.</p>
<p>Ein besonders innovativer Aspekt des Projekts &#8222;HateTown&#8220; ist die Erstellung einer belastbaren Datengrundlage, die die Vulnerabilität von Gruppen und das Ausmaß von Vorurteilskriminalität erfasst sowie räumliche Faktoren identifiziert, die solche Delikte begünstigen. Die Verwendung von multivariaten und multilevel Analysen erlaubt es, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und gezielte Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.</p>
<p>Der Vortrag war nicht nur informativ, sondern auch interaktiv gestaltet. In der Fragerunde nach dem Online-Vortrag konnten die Teilnehmenden persönliche Erfahrungen und Ansichten teilen, was zu einem vertieften Verständnis der Thematik führte. Ebenso wurde gemeinsam nach Lösungsansätzen gesucht. Die Monetarisierung der Studie &#8222;HateTown&#8220; ist aus Sicht der Forschenden absolut notwendig, um sicherzustellen, dass alle erforderlichen Ressourcen für die Durchführung dieser spezifischen Studie verfügbar sind. Die Studie &#8222;HateTown&#8220; und andere im Dokument erwähnte Untersuchungen liefern wichtige Einblicke, jedoch bleibt die Frage der Generalisierbarkeit der Ergebnisse offen. Unterschiedliche soziale, kulturelle und rechtliche Kontexte können die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf andere Regionen oder Länder einschränken.</p>
<p>Der Vortrag &#8222;HateTown&#8220; leistete einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis von Hasskriminalität und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Durch die Kombination fundierter empirischer Daten, interaktiver Diskussionen und innovativer Ansätze wurden wertvolle Einblicke gewonnen, die sowohl für die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch für Praktiker*innen der Sozialen Arbeit von großem Nutzen sind. Die Erkenntnisse regen zu weiterführenden Forschungen und Maßnahmen an, um effektive Strategien zur Prävention und Bekämpfung von Hasskriminalität zu entwickeln. Soziale Arbeit kann hierbei eine Schlüsselrolle spielen, indem sie im Sozialraum präventive Maßnahmen entwickelt und umsetzt sowie Betroffenen direkte Unterstützung bietet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>III </strong>„Hasskriminalität. Eine empirische Untersuchung der Strafverfolgungspraxis“, Lilli Gaus (MA Krim.)</p>
<p>Im Rahmen dieser Online &#8211; Fachveranstaltung präsentierte <em>Lilli Gaus</em> die zentralen Erkenntnisse ihrer Masterarbeit, die auf qualitativen Interviews mit Staatsanwältinnen basieren und die Strafverfolgungspraxis bei Hasskriminalität untersuchen.</p>
<p><em>Lilli Gaus</em> stellte fest, dass die Herausformung einer klaren und umfassenden Definition von Hasskriminalität zentral für die Effektivität der Strafverfolgung und Prävention ist. Eine unzureichende definitorische Klarheit kann die Erfassung und Vergleichbarkeit von Daten erschweren und somit die Entwicklung effektiver Präventions- und Interventionsstrategien behindern. In ihrem Vortrag betonte sie die Notwendigkeit eine solchen Definition von Hasskriminalität, die sowohl juristische als auch soziale und psychologische Dimensionen umfasst. Eine präzise Definition ist unerlässlich, um eine einheitliche und effektive Strafverfolgung zu gewährleisten. Um ein umfassendes Verständnis der Thematik zu gewährleisten, wurden in ihrer Untersuchung sowohl kriminologische als auch juristische Definitionen von Hasskriminalität dargestellt. Ein besonderer Fokus lag auf der Analyse der Effektivität verschiedener juristischer Rahmenbedingungen. Ziel war es, Best Practices für eine harmonisierte Vorgehensweise zu identifizieren, die auf nationaler Ebene eine effektive Bekämpfung von Hasskriminalität ermöglichen.</p>
<p>Ein weiteres Hauptproblem, das <em>Lilli Gaus</em> in ihrem Vortrag hervorhob, ist die niedrige Anzeigebereitschaft von Opfern von Hasskriminalität. Viele Opfer melden diese Verbrechen aus Angst vor Repressionen oder aufgrund mangelnden Vertrauens in die Strafverfolgungsbehörden nicht. Dieses fehlende Vertrauen kann durch Erfahrungen mit Diskriminierung und Vorurteilen verstärkt werden, was die Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, weiter mindert. Die niedrige Anzeigebereitschaft von Opfern von Vorurteilskriminalität war ein zentrales Thema in den Ausführungen, und warf Fragen bezüglich der Validität der erfassten Daten auf. Die hohe Dunkelziffer könnte dazu führen, dass das tatsächliche Ausmaß von Hasskriminalität unterschätzt wird, was wiederum die Entwicklung zielgerichteter Maßnahmen erschwert.</p>
<p>Ein weiteres zentrales Thema in <em>Lilli Gaus’ </em>Vortrag waren die Ermittlungsschwierigkeiten, die mit Hasskriminalität einhergehen. Die Staatsanwältinnen berichteten von den Herausforderungen, ausreichende Beweise zu finden und die Motivation der Täter*innen nachzuweisen. Die Sammlung ausreichender Beweise beinhaltet sowohl die physischen Beweise am Tatort als auch digitale Spuren, die die Motivation der Täterinnen und Täter belegen können. Die Beweisführung wird dadurch erschwert, dass Hasskriminalität oft subtil und indirekt ausgeübt wird, was die Zuordnung und Interpretation von Beweisen kompliziert macht.</p>
<p>In ihrem Vortrag stellte <em>Lilli Gaus </em>mehrere Empfehlungen und Lösungsansätze vor, die aus ihrer Forschung hervorgehen und die auch für die Praxis der Sozialen Arbeit von großer Bedeutung sind. Diese Empfehlungen sind ebenso entscheidend für Strafverfolgungsbehörden:</p>
<p><em>Lilli Gaus </em>unterstrich die Notwendigkeit, sowohl die Strafverfolgungsbehörden als auch die Gesellschaft für das Thema Hasskriminalität zu sensibilisieren. Aufklärungskampagnen und Fortbildungen können helfen, Vorurteile abzubauen und ein besseres Verständnis für die Problematik zu schaffen. Strafverfolger*innen sollten sich kontinuierlich weiterbilden, um die speziellen Bedürfnisse und Herausforderungen von Opfern besser verstehen und angemessen darauf reagieren zu können. Spezialisierte Trainingsprogramme können dabei helfen, die Kompetenzen in diesem Bereich zu erweitern. Dies gilt ebenso für Strafverfolgungsbehörden, die durch Fortbildungen und Spezialisierung ihre Effizienz bei der Bekämpfung von Hasskriminalität steigern können. Durch präventive Arbeit, wie Bildungs- und Sensibilisierungskampagnen in Schulen und Gemeinschaften, können Sozialarbeiter*innen helfen, Vorurteile abzubauen und ein Bewusstsein für die Folgen von Hasskriminalität zu schaffen. Auch Strafverfolgungsbehörden profitieren von präventiven Ansätzen und der Zusammenarbeit mit Gemeinschaften, da sie dann frühzeitig gegen Hassverbrechen vorgehen können.</p>
<p>Sozialarbeiter*innen sollten Opfer von Vorurteilskriminalität dabei unterstützen, ihre Rechte zu kennen und sich gegen Diskriminierung und Gewalt zu wehren. Dies umfasst die Bereitstellung von Informationen, Beratungsangeboten und psychologischer Unterstützung. Die Erfahrungen von Opfern von Hasskriminalität sowie die psychosozialen Folgen für die Betroffenen und deren Umfeld werden als Bereiche angesehen, die einer tieferen Betrachtung bedürfen.</p>
<p>Die Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) kann die Effektivität von Maßnahmen gegen Hasskriminalität erheblich steigern. NGOs bieten spezialisierte Ressourcen und Netzwerke, die für die Unterstützung der Opfer und die Aufklärung der Gesellschaft von großem Nutzen sind. Die Einbindung von Opferberichten und Fallstudien kann dabei helfen, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betreuung zu unterstreichen und die Entwicklung zielgerichteter Unterstützungsangebote zu fördern.</p>
<p><em>Lilli Gaus’ </em>Vortrag verdeutlichte die komplexen Herausforderungen bei der Strafverfolgung von Hasskriminalität und die wichtige Rolle der Sozialen Arbeit in diesem Kontext. Ihre Untersuchung zeigt, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und NGOs notwendig ist, um Hasskriminalität effektiv zu bekämpfen.</p>
<p><strong>IV Destruktive Dynamiken und Hate Speech in Social Media – Wie gehen wir in der Hochschule damit um?, &#8211; Ein Workshop mit Studierenden, Prof. Dr. Hanna Klimpe (HAW Hamburg)</strong></p>
<p>Im Rahmen eines Vortrags von <em>Prof. Dr. Hanna Klimpe</em>, Professorin für Social Media an der HAW Hamburg, und einer anschließenden Diskussion, moderiert von <em>Prof. Dr. Frauke Schwarting</em>, diskutierten die Teilnehmer*innen über destruktive Dynamiken und Hate Speech auf Social Media im Hochschulkontext. Hintergrund war eine Diskussion um eskalierende Kommunikationsdynamiken insbesondere in WhatsApp-Gruppen von Studierenden. Dies reicht von Diskussionen um Notenvergabe bis zu WhatsApp-Gruppen über den Nahostkonflikt, bis hin zur gestiegenen Bedeutung von Social Media für die politische Meinungsbildung von jungen Menschen (Henn 2021; Wunderlich 2023).</p>
<p>Zunächst führte <em>Hanna Klimpe</em> zwei in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangene Phänomene ein, die die Sichtbarkeit von Meinungspluralität auf Social Media einschränken: Echo Chambers und Filter Bubbles. Echo Chambers (auch „Epistemic Bubbles“ genannt), zu denen es keine einheitliche Theorie gibt, beschreiben hierbei ein Phänomen, dass es auch offline z.B. in Parteien oder Sportvereinen gibt: User*innen einer bestimmten Community bestätigen sich gegenseitig in ihren Meinungen und Haltungen, relevante Informationen werden dabei – absichtlich oder unabsichtlich – ausgespart. Bei Echo Chambers wird die Sichtbarkeit von Meinungspluralität also durch das Nutzerverhalten selbst eingeschränkt.</p>
<p>Das von Eli Pariser bekannt gemacht Phänomen der Filter Bubbles (Pariser 2012) beschreibt hingegen die Funktionsweise von Algorithmen von Social-Media-Plattformen, die User*innen solche Inhalte zum weiteren Konsum vorschlagen, die ihrem bisherigen Nutzerverhalten sehr ähnlich sind, um sie zu längeren Aufenthalten auf den Plattformen zu animieren. Dies führt aber auch dazu, dass User*innen schnell nur ein sehr eingeschränktes Inhalts- und Meinungsspektrum angezeigt wird. Während Echo Chambers Nutzerverhalten beschreiben, bezieht sich das Phänomen der Filter Bubbles auf die Funktionsweise von Algorithmen, also auf die Infrastruktur der Plattformen.</p>
<p>Als weiterer Punkt, der zu einer Radikalisierung von Diskursen führen kann, wurde Überforderung angeführt, sowohl in Form einer überforderten Meinungsbildung als auch eines überforderten Schweigens. Den Druck der Informationsflut und -breite in Social-Media-Timelines hat der Internet-Theoretiker Douglas Rushkoff bereits 2013 als „Present Shock“ (Rushkoff 2013) beschrieben: Die Gleichzeitigkeit von völlig unterschiedlichen Informationen überfordert das menschliche Gehirn und provoziert vorschnelle und tendenziell radikale Meinungsbildung. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass User*innen sich auf Social Media immer weniger politisch äußern (Kelm et al. 2023). Als Erklärung hierfür wird mehrfach das Modell der Schweigespirale (Noelle-Neumann 1980) herangezogen: Eine medial vermittelte vermeintliche Mehrheitsmeinung führt dazu, dass Gegenstimmen sich nicht mehr am öffentlichen Diskurs beteiligen, um sozial nicht isoliert zu werden. Hierbei muss betont werden, dass Noelle-Neumann ein sehr konservatives Bild einer Öffentlichkeit vertritt, die eigentlich der Erziehung durch eine Elite bedarf.</p>
<p><em>Hanna</em> <em>Klimpe</em> differenzierte im Folgenden zwischen drei Ausprägungen einer bewussten Eskalation auf Social Media: Dem Call-Outen, dem Canceln und der Hate Speech. Call-Outing bedeutet, das (so empfundene) Fehlverhalten einer anderen Person zu benennen, sei es zum Selbstschutz oder als Ally (Verbündete*r) einer minorisierten Person oder Gruppe, mit dem Ziel, die Person, die outgecallt wurde, zu einer Verhaltensänderung zu animieren und andere davon abzuhalten, dieses Fehlverhalten zu begehen. Ein Beispiel hierfür könnte sein, eine dozierende Person darauf hinzuweisen, dass es rassistisch ist, ein*e BIPoC-Kommiliton*in zu fragen, wo ihre*seine Eltern herkommen. Beim Canceln wird das Fehlverhalten einer Person oder Personengruppe skandalisiert, um diese Person aus einer Community / einem Job / einem gesellschaftlichen Diskurs auszuschließen. Canceln bezieht sich hierbei immer auf ein konkretes (so empfundenes) Fehlverhalten der Person. Hate Speech hingegen beschreibt den rein destruktiven Impuls, eine Person oder eine Gruppe durch Beschimpfungen und Bedrohungen einzuschüchtern und „mundtot“ zu machen. Problematisch ist hierbei, dass Akteur*innen eines Diskurses die Eskalation teilweise sehr unterschiedlich einordnen: Was die einen als Call-Outing gemeint haben, kann von der Gegenseite als Canceln oder gar als Hate Speech empfunden werden.</p>
<p>Anschließend wurde über die Funktion und Rolle von TikTok, Instagram und WhatsApp in der studentischen Kommunikation gesprochen und folgende Fragen aufgeworfen:</p>
<ul>
<li>Wie können destruktive Dynamiken eingedämmt werden und gleichzeitig Safe Spaces geschützt werden?</li>
<li>Wo können sich Studierende selbst organisieren, wo ist Unterstützung von Lehrenden nötig?</li>
<li>Wie kann die Kommunikationskultur auf studentischen Social-Media-Kanälen verbessert werden?</li>
</ul>
<p>Im Gespräch war es ein besonderes Anliegen, zu diskutieren, wie eine Diskussion, die auf Social Media startet bzw. eskaliert, in einen analogen Austausch übertragen werden kann, um Hate Speech einzudämmen. Hierbei wurde betont, dass Social Media nicht per se negativ ist und zahlreiche Emanzipationsbewegungen wie #MeToo oder #BlackLivesMatter ermöglicht hat (Jackson et al. 2021). Im Hinblick auf existierende studentische WhatsApp-Gruppen wurde diskutiert, Chat-Regeln einzuführen und Admins mit klar definierten Befugnissen zu benennen. Auch wurde ambivalent diskutiert, ob jeder Social-Media-Raum politisch sein müsste oder ob es Gruppen für rein organisatorischen Austausch und Gruppen für spezifische politische Diskussionen geben müsse, um durch eine größere Trennschärfe einen besseren Diskurs zu ermöglichen. Dies würde auch ermöglichen, ein analoges Format wie z.B. eine Vollversammlung besser organisieren zu können.</p>
<p>Der Austausch nach den Beiträgen hat erneut gezeigt, wie wichtig die wissenschaftliche Forschung zu diesem Themenfeld im Dialog mit der Praxis, aber auch im Gespräch mit Studierenden ist.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"><sup>[1]</sup></a> file:///C:/Users/Eva/Downloads/Schriftenreihe_IKriS_Band_2_Haefele_HateTown-2.pdf</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen-2/">Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</title>
		<link>https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Jul 2024 15:56:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Devianz und Kriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltkriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Tagungen & Kongresse]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[hate crime]]></category>
		<category><![CDATA[Tagungsbericht]]></category>
		<category><![CDATA[Vorurteil]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=136546</guid>

					<description><![CDATA[<p>Tagungsbericht von Lilli Gaus, Eva Groß, Joachim Häfele, Hanna Klimpe „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“ virtueller kriminologischer Fachtag am 15.5.2024 I Einführung Der Fachtag wurde im Rahmen der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (Department Soziale Arbeit) von Prof. Dr. Carmen Gransee organisiert [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen/">Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Tagungsbericht von Lilli Gaus, Eva Groß, Joachim Häfele, Hanna Klimpe</em></p>
<p><strong>„Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“ virtueller kriminologischer Fachtag am 15.5.2024 </strong></p>
<h2>I Einführung</h2>
<p>Der Fachtag wurde im Rahmen der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (Department Soziale Arbeit) von Prof. Dr. Carmen Gransee organisiert und finanziell von der Lieselotte-Pongratz-Stiftung unterstützt. Die Zielgruppe bestand aus Fachleuten der Sozialen Arbeit, der Polizei, der Justiz und der Kriminologie.</p>
<p>Ziel der Veranstaltung war es, die Herausforderungen im Umgang mit Hasskriminalität zu beleuchten und die Bedeutung kriminologischer und soziologischer Analysen hervorzuheben. Die Veranstaltung war relevant, weil sie ein tieferes Verständnis für die Auswirkungen von Hasskriminalität schaffen und effektive Maßnahmen zur Strafverfolgung und Prävention entwickeln wollte.</p>
<p>Der Fachtag bestand aus zwei Vorträgen zu den Themenfeldern “Hate Crime, Hate Speech im Fokus gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit” und einem Vortrag und anschließendem Workshop mit Studierenden der Sozialen Arbeit zum Thema “Destruktive Dynamiken und Hate Speech in Social Media – Wie gehen wir in der Hochschule damit um?” und umfasste eine Vielzahl an Themen, darunter die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit und die spezifischen Herausforderungen, denen sich Fachleute der Sozialen Arbeit stellen müssen. Besonders hervorgehoben wurden die Notwendigkeit praxisnaher Lösungsansätze sowie die Stärkung der Kooperation zwischen verschiedenen Institutionen. Im Workshop und den Diskussionsrunden wurden praxisorientierte Strategien entwickelt, um die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu verbessern, was letztlich die Effizienz und Effektivität der Sozialen Arbeit steigern soll.</p>
<p>Die NSU-Mordserie zwischen 2000 und 2006, der antisemitische Anschlag auf eine Synagoge in Halle 2019 oder der Anschlag in Hanau 2020 zählen zu den bekanntesten und schwersten Fällen von Vorurteilskriminalität in Deutschland. In den vergangenen Jahren sind die offiziell registrierten Fälle vorurteilsgeleiteter Straftaten deutlich gestiegen. Aktuell muss aufgrund der Auswirkungen des Nahost &#8211; Konfliktes mit einer weiteren deutlichen Zunahme von vorurteilsbezogenen Handlungen, insbesondere gegen Jüdinnen und Juden, gerechnet werden.</p>
<p>Ein aktuelles und wichtiges Thema, das im Kontext sozialer Arbeit und interdisziplinärer Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Bewältigung vorurteilsgeleiteter strafbarer Handlungen.</p>
<p>Diese zielen auf die zugeschriebene Gruppenidentität der Opfer ab und orientieren sich an geschützten Merkmalen wie Hautfarbe, religiösem Glauben oder sexueller Orientierung. Neben der direkten Mikroebene entfalten sie auch eine symbolische Wirkung auf die Gesamtheit der Gruppe. Dabei sollen die Mitglieder der Gruppe durch diese Taten verängstigt bzw. eingeschüchtert werden (Mesoebene) (vgl. Groß, Häfele &amp; Peter 2024, S. 1, 2)<a href="#_ftn1" name="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>.</p>
<p>Die beabsichtigte symbolische Wirkung solcher Taten geht oft mit einer sehr hohen Gewaltintensität einher, um maximalen Schaden und eine starke symbolische Wirkung zu erzielen. Besonders problematisch ist dabei, dass das betroffene Individuum unfähig ist, das Merkmal zu verändern, welches es zur Zielscheibe gemacht hat. Dies führt zu einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das Spektrum der vorurteilsmotivierten Kriminalität (VK) reicht von Vandalismus bis hin zu Mord. Solche Taten haben daher besonders schwerwiegende und langfristige Folgen auf individueller, gemeinschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene (vgl. ebd., S. 1).</p>
<p>Die besondere gesellschaftspolitische Bedeutung vorurteilsmotivierter Handlungen unterstreicht die Notwendigkeit einer soliden Datenbasis, um die Perspektive der Betroffenen zu untersuchen, einschließlich ihrer Wahrnehmung der Polizei. Während das Konzept der Hasskriminalität in den USA seit den frühen 1990er Jahren intensiv aus der Opferperspektive erforscht wird, gibt es für Deutschland bisher nur wenige repräsentative Studien (vgl. ebd., S. 1).</p>
<h2>II &#8222;HateTown&#8220;: Einblicke in Hasskriminalität und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit</h2>
<p>Der Vortrag &#8222;HateTown&#8220; an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, präsentiert von <em>Prof. Dr. Eva Groß</em> und <em>Prof. Dr. Joachim Häfele</em>, bot einen Einblick in die Konzepte von Hasskriminalität und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF). Von der Analyse vorurteilsgeleiteter Taten in urbanen Räumen bis hin zu den Herausforderungen im Umgang mit Hate Speech in sozialen Medien – das Spektrum der Themen war breit und facettenreich.</p>
<p>Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF), wie es im Vortrag von <em>Joachim Häfele</em> dargelegt wurde, ist ein zentraler Ansatz zur Erfassung und Analyse von Vorurteilen und Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft. Es basiert auf der Annahme, dass sich menschenfeindliche Einstellungen nicht nur gegen einzelne Individuen, sondern gegen ganze Gruppen richten, die aufgrund bestimmter Merkmale als &#8222;anders&#8220; oder &#8222;fremd&#8220; wahrgenommen werden. Diese Merkmale können Hautfarbe, religiöser Glaube, sexuelle Orientierung, nationale oder ethnische Herkunft sein.</p>
<p>Die GMF orientiert sich an identitätsstiftenden Merkmalen und manifestiert sich in vorurteilsgeleiteten Handlungen, die gezielt gegen Personen aufgrund ihrer sozialen Gruppenzugehörigkeit gerichtet sind. Diese Handlungen sind nicht persönlich gemeint, sondern tragen einen Botschaftscharakter; sie sollen die betroffene Gruppe insgesamt treffen und marginalisieren. Dieser Botschaftscharakter unterstreicht die soziale und politische Dimension von Vorurteilskriminalität, da solche Handlungen nicht nur individuelle Schäden verursachen, sondern auch zur Verfestigung von Machtverhältnissen und zur Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit beitragen.</p>
<p>Die Forschung zu GMF, wie sie von Wissenschaftlern wie Heitmeyer und Zick durchgeführt wurde, zeigt, dass GMF ein komplexes Phänomen ist, das verschiedene Formen der Feindseligkeit umfasst, darunter Rassismus, Sexismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und andere. Diese Formen der Feindseligkeit sind oft miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig, was die Notwendigkeit eines umfassenden Ansatzes zur Bekämpfung von GMF unterstreicht.</p>
<p>Ein wichtiger Aspekt des GMF-Konzepts ist die Erkenntnis, dass diese Einstellungen und Handlungen nicht nur am Rande, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft verankert sind.</p>
<p>Sie werden durch bestimmte Diskurse, politische Entscheidungen und soziale Praktiken normalisiert und legitimiert. Dies macht deutlich, dass der Kampf gegen GMF nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf struktureller und institutioneller Ebene geführt werden muss. <em>Joachim Häfele</em> betonte die globale Relevanz von Hasskriminalität und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF). Durch die Übersetzung der Erhebungsinstrumente in mehrere Sprachen und die Einbeziehung betroffener Gruppen in die Methodik wurde die internationale Anwendbarkeit und kulturelle Sensibilität sichergestellt. Kooperationen mit internationalen Partnern und der Vergleich mit europäischen Dunkelfeldstudien verdeutlichen die europaweite Herausforderung. Die Einordnung der Studienergebnisse von „HateTown“ in den Kontext internationaler Rechtsnormen wie der Europäischen Menschenrechtskonvention unterstrich die Bedeutung einer globalen Perspektive.</p>
<p>Im Mittelpunkt der Präsentation von <em>Prof. Dr. Eva Groß</em> standen die Erfahrungen von Opfern von Vorurteilskriminalität, unterstützt durch umfassende empirische Daten aus dem Projekt &#8222;HateTown&#8220;. Die Zahlen zeigen deutlich: Von den 3.456 befragten Personen berichteten 2.737 (79,2 %) von mindestens einer Viktimisierungserfahrung, was die alarmierende Prävalenz von Vorurteilskriminalität verdeutlicht. Die Ergebnisse des Vortrags sind besonders relevant für die Soziale Arbeit im Sozialraum. Minderheitengruppen sind stark von Diskriminierung und Vorurteilsdelikten betroffen. Höhere Raten von Diskriminierungserfahrungen und eine größere Wahrscheinlichkeit, Opfer von Vorurteilsdelikten zu werden, zeichnen ein klares Bild der gefährdeten Position dieser Gruppen. Soziale Arbeit muss hier gezielt ansetzen, um diese vulnerablen Gruppen zu unterstützen und ihre Integration im Sozialraum zu fördern.</p>
<p>Die Folgen für die Opfer sind schwerwiegend. Viele berichten von Ängsten und Vermeidungsverhalten. Die Studie zeigt zudem, dass die Bevölkerungsdichte und der Zweitstimmenanteil der AfD in einem Stadtteil die Wahrscheinlichkeit von Hasskriminalität beeinflussen. Erschreckende 50 % der Betroffenen gaben an, ihr Verhalten aus Angst vor weiteren Angriffen angepasst zu haben.</p>
<p>Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, dass die Soziale Arbeit im Sozialraum aktiv wird. Sozialarbeiter*innen müssen Vertrauenspersonen für Betroffene sein und ihnen Zugang zu Hilfsangeboten erleichtern.</p>
<p>Diskriminierungserfahrungen untergraben das Vertrauen in Institutionen, insbesondere in die Polizei. Dies führt zu einer hohen Dunkelziffer: Etwa 80 % der Opfer zeigen die Taten nicht an, und 40,9 % suchen keine Unterstützung. Diese Zahlen weisen auf erhebliche Barrieren im Zugang zu Hilfsangeboten hin.</p>
<p>Ein besonders innovativer Aspekt des Projekts &#8222;HateTown&#8220; ist die Erstellung einer belastbaren Datengrundlage, die die Vulnerabilität von Gruppen und das Ausmaß von Vorurteilskriminalität erfasst sowie räumliche Faktoren identifiziert, die solche Delikte begünstigen. Die Verwendung von multivariaten und multilevel Analysen erlaubt es, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und gezielte Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.</p>
<p>Der Vortrag war nicht nur informativ, sondern auch interaktiv gestaltet. In der Fragerunde nach dem Online-Vortrag konnten die Teilnehmenden persönliche Erfahrungen und Ansichten teilen, was zu einem vertieften Verständnis der Thematik führte. Ebenso wurde gemeinsam nach Lösungsansätzen gesucht. Die Monetarisierung der Studie &#8222;HateTown&#8220; ist aus Sicht der Forschenden absolut notwendig, um sicherzustellen, dass alle erforderlichen Ressourcen für die Durchführung dieser spezifischen Studie verfügbar sind. Die Studie &#8222;HateTown&#8220; und andere im Dokument erwähnte Untersuchungen liefern wichtige Einblicke, jedoch bleibt die Frage der Generalisierbarkeit der Ergebnisse offen. Unterschiedliche soziale, kulturelle und rechtliche Kontexte können die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf andere Regionen oder Länder einschränken.</p>
<p>Der Vortrag &#8222;HateTown&#8220; leistete einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis von Hasskriminalität und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Durch die Kombination fundierter empirischer Daten, interaktiver Diskussionen und innovativer Ansätze wurden wertvolle Einblicke gewonnen, die sowohl für die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch für Praktiker*innen der Sozialen Arbeit von großem Nutzen sind. Die Erkenntnisse regen zu weiterführenden Forschungen und Maßnahmen an, um effektive Strategien zur Prävention und Bekämpfung von Hasskriminalität zu entwickeln. Soziale Arbeit kann hierbei eine Schlüsselrolle spielen, indem sie im Sozialraum präventive Maßnahmen entwickelt und umsetzt sowie Betroffenen direkte Unterstützung bietet.</p>
<h2>III „Hasskriminalität. Eine empirische Untersuchung der Strafverfolgungspraxis“, Lilli Gaus (MA Krim.)</h2>
<p>Im Rahmen dieser Online &#8211; Fachveranstaltung präsentierte <em>Lilli Gaus</em> die zentralen Erkenntnisse ihrer Masterarbeit, die auf qualitativen Interviews mit Staatsanwältinnen basieren und die Strafverfolgungspraxis bei Hasskriminalität untersuchen.</p>
<p><em>Lilli Gaus</em> stellte fest, dass die Herausformung einer klaren und umfassenden Definition von Hasskriminalität zentral für die Effektivität der Strafverfolgung und Prävention ist. Eine unzureichende definitorische Klarheit kann die Erfassung und Vergleichbarkeit von Daten erschweren und somit die Entwicklung effektiver Präventions- und Interventionsstrategien behindern. In ihrem Vortrag betonte sie die Notwendigkeit eine solchen Definition von Hasskriminalität, die sowohl juristische als auch soziale und psychologische Dimensionen umfasst. Eine präzise Definition ist unerlässlich, um eine einheitliche und effektive Strafverfolgung zu gewährleisten. Um ein umfassendes Verständnis der Thematik zu gewährleisten, wurden in ihrer Untersuchung sowohl kriminologische als auch juristische Definitionen von Hasskriminalität dargestellt. Ein besonderer Fokus lag auf der Analyse der Effektivität verschiedener juristischer Rahmenbedingungen. Ziel war es, Best Practices für eine harmonisierte Vorgehensweise zu identifizieren, die auf nationaler Ebene eine effektive Bekämpfung von Hasskriminalität ermöglichen.</p>
<p>Ein weiteres Hauptproblem, das <em>Lilli Gaus</em> in ihrem Vortrag hervorhob, ist die niedrige Anzeigebereitschaft von Opfern von Hasskriminalität. Viele Opfer melden diese Verbrechen aus Angst vor Repressionen oder aufgrund mangelnden Vertrauens in die Strafverfolgungsbehörden nicht. Dieses fehlende Vertrauen kann durch Erfahrungen mit Diskriminierung und Vorurteilen verstärkt werden, was die Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, weiter mindert. Die niedrige Anzeigebereitschaft von Opfern von Vorurteilskriminalität war ein zentrales Thema in den Ausführungen, und warf Fragen bezüglich der Validität der erfassten Daten auf. Die hohe Dunkelziffer könnte dazu führen, dass das tatsächliche Ausmaß von Hasskriminalität unterschätzt wird, was wiederum die Entwicklung zielgerichteter Maßnahmen erschwert.</p>
<p>Ein weiteres zentrales Thema in <em>Lilli Gaus’ </em>Vortrag waren die Ermittlungsschwierigkeiten, die mit Hasskriminalität einhergehen. Die Staatsanwältinnen berichteten von den Herausforderungen, ausreichende Beweise zu finden und die Motivation der Täter*innen nachzuweisen. Die Sammlung ausreichender Beweise beinhaltet sowohl die physischen Beweise am Tatort als auch digitale Spuren, die die Motivation der Täterinnen und Täter belegen können. Die Beweisführung wird dadurch erschwert, dass Hasskriminalität oft subtil und indirekt ausgeübt wird, was die Zuordnung und Interpretation von Beweisen kompliziert macht.</p>
<p>In ihrem Vortrag stellte <em>Lilli Gaus </em>mehrere Empfehlungen und Lösungsansätze vor, die aus ihrer Forschung hervorgehen und die auch für die Praxis der Sozialen Arbeit von großer Bedeutung sind. Diese Empfehlungen sind ebenso entscheidend für Strafverfolgungsbehörden:</p>
<p><em>Lilli Gaus </em>unterstrich die Notwendigkeit, sowohl die Strafverfolgungsbehörden als auch die Gesellschaft für das Thema Hasskriminalität zu sensibilisieren. Aufklärungskampagnen und Fortbildungen können helfen, Vorurteile abzubauen und ein besseres Verständnis für die Problematik zu schaffen. Strafverfolger*innen sollten sich kontinuierlich weiterbilden, um die speziellen Bedürfnisse und Herausforderungen von Opfern besser verstehen und angemessen darauf reagieren zu können. Spezialisierte Trainingsprogramme können dabei helfen, die Kompetenzen in diesem Bereich zu erweitern. Dies gilt ebenso für Strafverfolgungsbehörden, die durch Fortbildungen und Spezialisierung ihre Effizienz bei der Bekämpfung von Hasskriminalität steigern können. Durch präventive Arbeit, wie Bildungs- und Sensibilisierungskampagnen in Schulen und Gemeinschaften, können Sozialarbeiter*innen helfen, Vorurteile abzubauen und ein Bewusstsein für die Folgen von Hasskriminalität zu schaffen. Auch Strafverfolgungsbehörden profitieren von präventiven Ansätzen und der Zusammenarbeit mit Gemeinschaften, da sie dann frühzeitig gegen Hassverbrechen vorgehen können.</p>
<p>Sozialarbeiter*innen sollten Opfer von Vorurteilskriminalität dabei unterstützen, ihre Rechte zu kennen und sich gegen Diskriminierung und Gewalt zu wehren. Dies umfasst die Bereitstellung von Informationen, Beratungsangeboten und psychologischer Unterstützung. Die Erfahrungen von Opfern von Hasskriminalität sowie die psychosozialen Folgen für die Betroffenen und deren Umfeld werden als Bereiche angesehen, die einer tieferen Betrachtung bedürfen.</p>
<p>Die Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) kann die Effektivität von Maßnahmen gegen Hasskriminalität erheblich steigern. NGOs bieten spezialisierte Ressourcen und Netzwerke, die für die Unterstützung der Opfer und die Aufklärung der Gesellschaft von großem Nutzen sind. Die Einbindung von Opferberichten und Fallstudien kann dabei helfen, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betreuung zu unterstreichen und die Entwicklung zielgerichteter Unterstützungsangebote zu fördern.</p>
<p><em>Lilli Gaus’ </em>Vortrag verdeutlichte die komplexen Herausforderungen bei der Strafverfolgung von Hasskriminalität und die wichtige Rolle der Sozialen Arbeit in diesem Kontext. Ihre Untersuchung zeigt, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und NGOs notwendig ist, um Hasskriminalität effektiv zu bekämpfen.</p>
<h2>IV Destruktive Dynamiken und Hate Speech in Social Media – Wie gehen wir in der Hochschule damit um?, &#8211; Ein Workshop mit Studierenden, Prof. Dr. Hanna Klimpe (HAW Hamburg)</h2>
<p>Im Rahmen eines Vortrags von <em>Prof. Dr. Hanna Klimpe</em>, Professorin für Social Media an der HAW Hamburg, und einer anschließenden Diskussion, moderiert von <em>Prof. Dr. Frauke Schwarting</em>, diskutierten die Teilnehmer*innen über destruktive Dynamiken und Hate Speech auf Social Media im Hochschulkontext. Hintergrund war eine Diskussion um eskalierende Kommunikationsdynamiken insbesondere in WhatsApp-Gruppen von Studierenden. Dies reicht von Diskussionen um Notenvergabe bis zu WhatsApp-Gruppen über den Nahostkonflikt, bis hin zur gestiegenen Bedeutung von Social Media für die politische Meinungsbildung von jungen Menschen (Henn 2021; Wunderlich 2023).</p>
<p>Zunächst führte <em>Hanna Klimpe</em> zwei in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangene Phänomene ein, die die Sichtbarkeit von Meinungspluralität auf Social Media einschränken: Echo Chambers und Filter Bubbles. Echo Chambers (auch „Epistemic Bubbles“ genannt), zu denen es keine einheitliche Theorie gibt, beschreiben hierbei ein Phänomen, dass es auch offline z.B. in Parteien oder Sportvereinen gibt: User*innen einer bestimmten Community bestätigen sich gegenseitig in ihren Meinungen und Haltungen, relevante Informationen werden dabei – absichtlich oder unabsichtlich – ausgespart. Bei Echo Chambers wird die Sichtbarkeit von Meinungspluralität also durch das Nutzerverhalten selbst eingeschränkt.</p>
<p>Das von Eli Pariser bekannt gemacht Phänomen der Filter Bubbles (Pariser 2012) beschreibt hingegen die Funktionsweise von Algorithmen von Social-Media-Plattformen, die User*innen solche Inhalte zum weiteren Konsum vorschlagen, die ihrem bisherigen Nutzerverhalten sehr ähnlich sind, um sie zu längeren Aufenthalten auf den Plattformen zu animieren. Dies führt aber auch dazu, dass User*innen schnell nur ein sehr eingeschränktes Inhalts- und Meinungsspektrum angezeigt wird. Während Echo Chambers Nutzerverhalten beschreiben, bezieht sich das Phänomen der Filter Bubbles auf die Funktionsweise von Algorithmen, also auf die Infrastruktur der Plattformen.</p>
<p>Als weiterer Punkt, der zu einer Radikalisierung von Diskursen führen kann, wurde Überforderung angeführt, sowohl in Form einer überforderten Meinungsbildung als auch eines überforderten Schweigens. Den Druck der Informationsflut und -breite in Social-Media-Timelines hat der Internet-Theoretiker Douglas Rushkoff bereits 2013 als „Present Shock“ (Rushkoff 2013) beschrieben: Die Gleichzeitigkeit von völlig unterschiedlichen Informationen überfordert das menschliche Gehirn und provoziert vorschnelle und tendenziell radikale Meinungsbildung. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass User*innen sich auf Social Media immer weniger politisch äußern (Kelm et al. 2023). Als Erklärung hierfür wird mehrfach das Modell der Schweigespirale (Noelle-Neumann 1980) herangezogen: Eine medial vermittelte vermeintliche Mehrheitsmeinung führt dazu, dass Gegenstimmen sich nicht mehr am öffentlichen Diskurs beteiligen, um sozial nicht isoliert zu werden. Hierbei muss betont werden, dass Noelle-Neumann ein sehr konservatives Bild einer Öffentlichkeit vertritt, die eigentlich der Erziehung durch eine Elite bedarf.</p>
<p><em>Hanna</em> <em>Klimpe</em> differenzierte im Folgenden zwischen drei Ausprägungen einer bewussten Eskalation auf Social Media: Dem Call-Outen, dem Canceln und der Hate Speech. Call-Outing bedeutet, das (so empfundene) Fehlverhalten einer anderen Person zu benennen, sei es zum Selbstschutz oder als Ally (Verbündete*r) einer minorisierten Person oder Gruppe, mit dem Ziel, die Person, die outgecallt wurde, zu einer Verhaltensänderung zu animieren und andere davon abzuhalten, dieses Fehlverhalten zu begehen. Ein Beispiel hierfür könnte sein, eine dozierende Person darauf hinzuweisen, dass es rassistisch ist, ein*e BIPoC-Kommiliton*in zu fragen, wo ihre*seine Eltern herkommen. Beim Canceln wird das Fehlverhalten einer Person oder Personengruppe skandalisiert, um diese Person aus einer Community / einem Job / einem gesellschaftlichen Diskurs auszuschließen. Canceln bezieht sich hierbei immer auf ein konkretes (so empfundenes) Fehlverhalten der Person. Hate Speech hingegen beschreibt den rein destruktiven Impuls, eine Person oder eine Gruppe durch Beschimpfungen und Bedrohungen einzuschüchtern und „mundtot“ zu machen. Problematisch ist hierbei, dass Akteur*innen eines Diskurses die Eskalation teilweise sehr unterschiedlich einordnen: Was die einen als Call-Outing gemeint haben, kann von der Gegenseite als Canceln oder gar als Hate Speech empfunden werden.</p>
<p>Anschließend wurde über die Funktion und Rolle von TikTok, Instagram und WhatsApp in der studentischen Kommunikation gesprochen und folgende Fragen aufgeworfen:</p>
<ul>
<li>Wie können destruktive Dynamiken eingedämmt werden und gleichzeitig Safe Spaces geschützt werden?</li>
<li>Wo können sich Studierende selbst organisieren, wo ist Unterstützung von Lehrenden nötig?</li>
<li>Wie kann die Kommunikationskultur auf studentischen Social-Media-Kanälen verbessert werden?</li>
</ul>
<p>Im Gespräch war es ein besonderes Anliegen, zu diskutieren, wie eine Diskussion, die auf Social Media startet bzw. eskaliert, in einen analogen Austausch übertragen werden kann, um Hate Speech einzudämmen. Hierbei wurde betont, dass Social Media nicht per se negativ ist und zahlreiche Emanzipationsbewegungen wie #MeToo oder #BlackLivesMatter ermöglicht hat (Jackson et al. 2021). Im Hinblick auf existierende studentische WhatsApp-Gruppen wurde diskutiert, Chat-Regeln einzuführen und Admins mit klar definierten Befugnissen zu benennen. Auch wurde ambivalent diskutiert, ob jeder Social-Media-Raum politisch sein müsste oder ob es Gruppen für rein organisatorischen Austausch und Gruppen für spezifische politische Diskussionen geben müsse, um durch eine größere Trennschärfe einen besseren Diskurs zu ermöglichen. Dies würde auch ermöglichen, ein analoges Format wie z.B. eine Vollversammlung besser organisieren zu können.</p>
<p>Der Austausch nach den Beiträgen hat erneut gezeigt, wie wichtig die wissenschaftliche Forschung zu diesem Themenfeld im Dialog mit der Praxis, aber auch im Gespräch mit Studierenden ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/07/tagungsbericht-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland-im-fokus-von-kriminologischen-soziologischen-analysen/">Tagungsbericht: „Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Virtueller kriminologischer Fachtag zum Thema Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland</title>
		<link>https://criminologia.de/2024/04/virtueller-kriminologischer-fachtag-zum-thema-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Apr 2024 20:15:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Devianz und Kriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltkriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungshinweise]]></category>
		<category><![CDATA[hate crime]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=135953</guid>

					<description><![CDATA[<p>Im Rahmen der hochschulübergreifenden Veranstaltungsreihe „Perspektiven der Kriminologie &#8211; Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle im Dialog zwischen Sozialer Arbeit – Polizei – Justiz – Kriminologie“ der Liselotte-Pongratz-Stiftung und der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg laden wir Sie herzlich zu einem virtuellen kriminologischen Fachtag ein am 15.5.2024 zum Thema: „Hate Crime – Hate [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/04/virtueller-kriminologischer-fachtag-zum-thema-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland/">Virtueller kriminologischer Fachtag zum Thema Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Rahmen der hochschulübergreifenden Veranstaltungsreihe „Perspektiven der Kriminologie &#8211; Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle im Dialog zwischen Sozialer Arbeit – Polizei – Justiz – Kriminologie“ der <a href="https://lieselotte-pongratz-stiftung.de/" target="_blank" rel="noopener">Liselotte-Pongratz-Stiftung</a> und der Projektwoche der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg laden wir Sie herzlich zu einem virtuellen kriminologischen Fachtag ein am <strong>15.5.2024</strong> zum Thema:</p>
<p><strong>„Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland im Fokus von kriminologischen/soziologischen Analysen“</strong></p>
<h2>Vorträge</h2>
<p>10.00 – 11.30 Vortrag: „<strong>Hate town – Vorurteilsgeleitete Taten in Städten</strong>“<br />
<em>Prof. Dr. Eva Groß</em> (Polizeiakademie Hamburg) und <em>Prof. Dr. Joachim Häfele</em> (Polizeiakademie Niedersachsen.) berichten aus Ihrem Projekt</p>
<p>11.30 – 12.00 <strong>Kommentar und Diskussion</strong><br />
Kommentar von <em>Prof. Dr. Helmuth Kury</em> (Uni Freiburg)</p>
<p>13.00 – 14.30 Vortrag: „<strong>Hasskriminalität. Eine empirische Untersuchung der Strafverfolgungspraxis</strong>“<br />
<em>Lilli Gaus</em> (MA Krim), anschließende Diskussion</p>
<h2>Workshop in Präsenz</h2>
<p>15.00 – 16.30 Workshop in Präsenz, HAW Hamburg, Alexanderstr. 1, Raum 4.03<br />
<strong>Destruktive Dynamiken und Hate Speech in social media – Wie gehen wir in der Hochschule damit um?</strong><br />
Mit einem Beitrag von <em>Prof. Dr. Hanna Klimpe</em> (HAW Hamburg)<br />
Moderation: <em>Prof. Dr. Frauke Schwarting</em> (HAW Hamburg), Studierende der HAW Hamburg</p>
<h2>Anmeldung</h2>
<p dir="auto">Für die virtuellen Vorträge wird um Anmeldung bis zum 03.05.2024 gebeten bei:<br />
<a href="mailto:carmen.gransee@haw-hamburg.de">carmen.gransee@haw-hamburg.de</a></p>
<p dir="auto">Für den Workshop in Präsenz wird um Anmeldung bis zum 03.05.2024 gebeten bei:<br />
<a href="mailto:Frauke.schwarting@haw-hamburg.de">frauke.schwarting@haw-hamburg.de</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/04/virtueller-kriminologischer-fachtag-zum-thema-hate-crime-hate-speech-gruppenbezogene-menschenfeindliche-einstellungen-in-deutschland/">Virtueller kriminologischer Fachtag zum Thema Hate Crime – Hate Speech – gruppenbezogene menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden.</title>
		<link>https://criminologia.de/2024/02/rezension-der-grosse-rausch-warum-drogen-kriminalisiert-werden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Feb 2024 16:35:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Devianz und Kriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen(-politik)]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Legalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Prohibition]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=135654</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Helena Barop (2023). Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. München: Siedler Verlag.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/02/rezension-der-grosse-rausch-warum-drogen-kriminalisiert-werden/">Rezension: Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden.</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Sebastian Scheerer</em>, Hamburg<em><br />
</em></div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/02/Der-grosse-Rausch_Barop.jpg"><img decoding="async" class="aligncenter wp-image-135655" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/02/Der-grosse-Rausch_Barop.jpg" alt="Buchcover: Barop (2023). Der große Rausch" width="188" height="300" srcset="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/02/Der-grosse-Rausch_Barop.jpg 350w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/02/Der-grosse-Rausch_Barop-349x556.jpg 349w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute.</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Autorin:</td>
<td>Helena Barop</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2023</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.penguin.de/Buch/Der-grosse-Rausch/Helena-Barop/Siedler/e615037.rhd" target="_blank" rel="noopener">Siedler Verlag</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>978-3-8275-0172-1</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>So viel sei vorweggesagt: die junge Historikerin weiß Bescheid und erzählt eine komplexe, verästelte und in manchen Details immer noch rätselhafte Geschichte mit kunstvoller Leichtigkeit und einer angenehmen Prise Ironie. Vor die Wahl gestellt, sich entweder bei ihr oder bei der Bundesregierung und ihren Drogenbeauftragten Rat zu holen (vor allem von der Sorte Marie Mortler, die auf die Frage, warum Alkohol legal, Cannabis aber verboten sei, nur zu antworten wusste, „weil Cannabis eine illegale Droge ist“), fiele wohl nicht nur dem Rezensenten die Entscheidung leicht. Auch den gegenwärtig wohl noch sehr jungen Kindern der Autorin würde man wünschen, dass sie sich zu gegebener Zeit an das ihnen auf Seite 285 unterbreitete Angebot ihrer Mutter erinnern: „Wenn ihr mal was über Drogen wissen wollt, fragt einfach eure Mama, ohne Angst und Scham.“</p>
<p>So viel sei vorwegkritisiert: die einst selbständige Stadt Jaffa ist zwar heute ein Teil von Tel Aviv und damit Israels, aber als der auf Seite 65 erwähnte Walter Rößler dort bis zur erfolgreichen Absolvierung seiner Konsularischen Prüfung im Jahre 1908 als Vizekonsul seinen Dienst versah, tat er dies seinerzeit doch nicht „in Israel“ (das bekanntlich erst am 14. Mai 1948 zu existieren begann), sondern im Kaza Jaffa, bzw. Mutesarriflik Jerusalem, und damit im Osmanischen Reich, in das er nach seinem Ausflug zur Shanghai Commission auch wieder zurückkehrte (und sich dort letztlich vergebens gegen den Völkermord an den Armeniern engagierte). Auch werden die einen oder anderen Expertinnen und Experten der deutschen Verwicklungen in die frühe Prohibitionsgeschichte etwa von 1910 bis 1934 an der einen oder anderen Stelle dieses Buches vielleicht die Augenbrauen hochziehen. Aber wie sollte es anders sein bei einem (im besten Sinne) populärwissenschaftlichen Streifzug durch ganze Erdteile und Jahrhunderte?</p>
<p>Das Verdienst des Buches liegt nicht darin, auch noch das letzte Haar zu spalten. Es liegt darin, einem immer noch erheblichen Aufklärungsbedarf entgegenzukommen und ohne Häme und Besserwisserei, aber mit viel Verständnis für die von hundert Jahren verdummender Anti-Drogen-Propaganda natürlich nicht gerade aufgeklärt wirkende Öffentlichkeit und mit spürbarer Freude als kundige Reiseführerin zu wirken – auf einer Erkundungstour, die von Thomas de Quincey und Charles Baudelaire bis zu Sigmund Freud, aber auch von Sertürner, Niemann und Dreser bis zu Hofmann führt. Und sogar die von der Politik so gerne ignorierten Selbstdenker der jüngsten Zeit wie Stephan Quensel und Carl Hart nicht ausspart.</p>
<p>Diese Erkundungsreise von Station zu Station mitzuerleben – die Einflüsse des Rassismus auf die Prohibition von Opium (Seite 34 ff.), aber auch die des Moralunternehmers Charles Brent (Seite 53 ff.), um von Harry Anslinger ganz zu schweigen (Seite 95 ff.), dann die verschiedenen Moralpaniken vom Mafia-Mythos (Seite 107 ff.) bis zu den deutschen Medienmärchen über „Einstiegsdrogen“ und das „Anfixen“ unschuldiger Opfer böser Dealer (Seite 208 ff.) – könnte man sich auch als Arte-Dokumentation in elf Teilen vorstellen. Mit dem beruhigenden Schluss, dass wir heute dank der Risse im drogenpolitischen Abstinenz-Konsens und einiger anderer Ereignisse über das Schlimmste hinweg zu sein scheinen (siehe Portugal seit 2001 und inzwischen auch Lauterbachs Initiative zu einer – inzwischen freilich wiederholt entambitionierten und womöglich sogar deshalb letztlich gar nicht mehr stattfindenden „Cannabis-Legalisierung“).</p>
<p>Ach so, ja, und warum werden Drogen nun eigentlich kriminalisiert? Das kann man sehr kompliziert und soziologisch zu beantworten versuchen. Man kann aber auch Seite 204 bis 207 aufschlagen. Da bekommt man vermittelt über einen der engsten Berater des US-Präsidenten Richard Nixon schon einen ganz guten Eindruck von der politischen Ökonomie der Drogenpolitik.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/02/rezension-der-grosse-rausch-warum-drogen-kriminalisiert-werden/">Rezension: Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden.</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Power Played. A Critical Criminology of Sport</title>
		<link>https://criminologia.de/2024/01/rezension-power-played-a-critical-criminology-of-sport/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jan 2024 20:29:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminologen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[kritische Kriminologie]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=135522</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Derek Silva &#038; Liam Kennedy (Hrsg..): Power Played. A Critical Criminology of Sport. 2022. Vancouver: UBC Press </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/01/rezension-power-played-a-critical-criminology-of-sport/">Rezension: Power Played. A Critical Criminology of Sport</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Nils Zurawski</em>, Hamburg<em><br />
</em></div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/01/Power-Played.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-135527" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2024/01/Power-Played.jpg" alt="Power Played. A Critical Criminology of Sport." width="198" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Power Played. A Critical Criminology of Sport</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Herausgeber:</td>
<td>Derek Silva &amp; Liam Kennedy</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2022</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.ubcpress.ca/power-played" target="_blank" rel="noopener">UBC Press</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>9780774867801</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Sports &amp; Crime ist keine besonders neue Kombination, man denke nur an die Themen Wettbetrug, match fixing oder Doping. Darüber hinaus spielt das Thema Gewalt eine wichtige Rolle, nicht zuletzt weil Sport immer auch eine zentrale körperliche Komponente hat. Hier wäre der Bereich der sexualisierten Gewalt insbesondere zu nennen. Sportarten wie Leichtathletik, Turnen und Schwimmen scheinen prädestiniert zu sein für solche Übergriffe und Taten, aber auch Fußball, Rugby oder Tennis haben in der Vergangenheit mit ähnlichen Nachrichten auf sich und diese problematischen Entwicklungen, zumeist in der Vergangenheit, auf sich aufmerksam gemacht.</p>
<p>Auf der anderen Seite wird Sport immer wieder auch genannt, wenn es um Maßnahmen geht, Jugendliche Straftäter zu erreichen, mit Ihnen sozialarbeiterisch zu arbeiten. Dem Sport werden dann präventive bis hin zu integrierende, rahmensetzende Möglichkeiten zugesprochen. Mit Sport gegen Kriminalität bzw. das Abrutschen von Problemkindern. Beliebt ist es auch zwischen Polizei und Jugendliche Fußballspiele (einmalig oder als Dauereinrichtung) auszutragen – auch und vor allem die Polizei glaubt sehr an erzieherische und sozialarbeiterische Maßnahmen. Ob das alles wirkt und wenn ja, in welcher Weise, dazu gibt es weniger Erkenntnisse. Da Sport aber mehr ist als nur die in den Medien zumeist kolportieren Ergebnisse und bunten Geschichten, ist es auch ein Feld für die Kriminologie. Für die Soziologie ist es ohnehin ein Thema, wenn auch nur eines am Rande, eine Bindestrich-Soziologie. Letzteres verwundert bei der Allgemenwärigkeit des Sports sowohl in der Realität vieler Menschen, aber vor allem im öffentlichen Leben und da insbesondere in den Medien.</p>
<p>Eine kritische Kriminologie des Sportes scheint daher mehr als angezeigt und zeitgemäß zu sein. Silva &amp; Kennedy haben mit ihrem Sammelband nun einen thematischen, methodischen und theoretischen Überblick geschaffen. Im Anschluss an die bereits 2016 erschienene „<a href="https://www.surveillance-studies.org/2016/08/rezension-sport-und-kriminalitaet/" target="_blank" rel="noopener" data-type="post" data-id="5513">Sports Criminology. A critical criminology of sports and games“ von Nic Groombridge,</a> ist das hier eine sehr anschauliche Sammlung, die viele Felder abdeckt. Es ist daher auch keine Überraschung, wenn das Nachwort des Bandes von Nico Groombridge selbst geschrieben wurde. Noch weniger wenn man in der Einleitung die von den Herausgebern gemachten Bezüge zu diesem Autor liest.</p>
<p>Warum braucht es überhaupt eine explizit ausgewiesene Kriminologie des Sport, noch dazu eine kritische? Würde es nicht reichen, Sport als ein Feld wie viel andere zu sehen und hier entsprechende Forschungen anzusiedeln? Die Gegenfrage, die auch Silva &amp; Kennedy stellen, ist, ob Sport überhaupt ernst genug genommen wird, um derartige Fragen zu bearbeiten. Ernst genug, um diese Probleme speziell der Logik und den sozialen Strukturen des Sport selbst zuzurechnen? Das zumindest ist ihr Anliegen (12f.). Der Sport in all seinen Verzweigungen ist mehr als nur ein Spiegel von Gesellschaft. Oft wird ihm eine besondere Kraft zugeschrieben, vor allem aber kulminieren hier verschiedene soziale Probleme und Phänomene, die dann nicht nur unter einem Brennglas, sondern vor aller Öffentlichkeit verhandelt werden und entsprechend eine Wirkung zeigen – im positiven wie im negativen.</p>
<p>Das Themenspektrum des Bandes ist weit – und dennoch fehlen noch ein paar Themen, dazu später noch. Eingeteilt in vier Teile versammelt der Band 14 Aufsätze sowie die bereits erwähnten Einleitung und Nachwort. Der erste Teil ist theoretisch orientiert und die drei Beiträge versuchen Bereiche zu erkunden, die möglicherweise in der Zukunft einer kritischen Kriminologie des Sport eine Rolle spielen könnten: die Umwelt, Sport-bezogene Gewalt, die nicht auf Fans konzentriert ist, sowie eine Ultra-realistische Untersuchung des Feldes Sport im Sinne eines<br />
(De)Zivilisierungsprozesses. Damit wird an Elias und Dunning angeknüpft, die beiden Soziologen und Theoretiker, für die Sport ein wichtiges Element in ihren Theorien war, insbesondere bezüglich eine Prozesses der Zivilisierung, wie Elias ihn weithin theoretisch ausgeführt hat.</p>
<p>Die weiteren Teile sind thematisch orientiert. Teil zwei versammelt Beiträge zu den Themen Race, Class, Gender und Sexuality, Teil drei schaut sehr spezifisch auf Schädeltraumata und Gewalt bei Athleten (gegen diese oder unter ihnen) Hervorzuheben ist hier der Artikel der diese Schädel-Hirn-Traumata mit Gewalt und verurteilten Mördern verbindet und hier eine kritische Aufarbeitung jenseits des Glamour des American Football unternimmt (Ventressa &amp; Henne: <em>Is CTE a Defence for Murder? </em>177–200). ; Teil vier fokussiert auf Gouvernance, Überwachung, Sicherheit und das Gefängnis. Die erste drei Themen sind in der Tat Felder, wo es bereits einiges an Literatur im Zusammenhang mit Sport gibt – auch wenn es dort meistens nicht zu einer theoretischen Verortung als kritische Kriminologie des Sportes gekommen ist. Insbesondere die Themen Sicherheit und Überwachung bei Mega-Events ist gut beschrieben (vgl. z.B. <a href="https://ojs.library.queensu.ca/index.php/surveillance-and-society/issue/view/Sport" target="_blank" rel="noopener">Überwachung und Sport</a>, S&amp;S Vol. 11/4). Hier werden allerdings noch einmal weitere Aspekte aufgeführt, die einen Blick auf Ungleichheiten sowohl im globalen Maßstab im Zuge der Olympischen Spiele sowie vor Ort bei den Spielen in London 2012 werfen. Dort vor allem auf die im Zuge der Spiele beobachteten Polizeipraktiken gegen Jugendliche und arme Menschen, die sich, so die Autorin, bis heute fortgesetzt haben. Ob es hier genuin um den Sport als solchen geht oder die Spiele vor allem ein Katalysator für diese Maßnahmen dienten, bleibt unklar. Auch stehen gerade der Sport und das Umfeld olympischer Spiele in einem starken Spannungsverhältnis, denn auch wenn es Sportspiele sind, liegen die größten Probleme von Olympia jenseits des Sports. Unter dem Begriff der Governance lässt sich das aber auch mit den Mitteln einer kritischen Kriminologie bearbeiten.</p>
<p>Die Beiträge zum Feld Sport und Gefängnis sind da dann doch schon etwas interessanter, weil hier ähnlich den Jugendlichen, Sport ein pädagogisch positive Rolle einnehmen soll. Ob dieser Anspruch gerechtfertigt ist und was die Konsequenzen und Ergebnisse von solchen Programmen sind, erörtern diese Artikel. Dass es einen Beitrag zum Thema Rugby als Umfeld einer positiven Entwicklung jugendlicher Delinquenten gibt freut mich besonders (Crowther et al. <em>Kicking crime into touch, 346–365</em>) – nicht zuletzt weil er auch die im Rugby vorhandene Selbstmythologisierung des rauen, harten, ja brutalen, aber wertemäßig so positiven und damit idealen Sportes für eine Erziehung junger Menschen ein wenig in Frage stellt.</p>
<p><strong>Fazit</strong>:<br />
Der Sammelband ist die Lektüre wert. Er umreißt ein Forschungsfeld, dass zu oft unangetastet bleibt, rückt es mit den Mitteln einer kritischen Kriminologie in das Licht einer reflexiven Forschung und aus dem häufig zu schönen Schein der üblichen Berichterstattung. Auch in dieser werden Missstände berichtet, allzu häufig aber nur als ein Skandal oder etwas, das auf Einzelfällen beruht und eben nicht strukturell im Sport selbst angelegt ist. Die Artikel zu den Schädel-Hirn-Traumata im Eishockey sowie American Football (und auch im Rugby) zeigen, dass es hier durchaus um mehr geht als nur einen medizinischen Notfall. Sport in der Konsumgesellschaft (vgl. <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4494-4/kritik-des-anti-doping/" target="_blank" rel="noopener">Zurawski et al. 2019, open access)</a> nimmt darauf eher keine Rücksicht, eine kritische Meldung steht hinter der nächsten eines Top-Ergebnisses oder dem Zelebrieren eines Rekordes zurück. Dass die Themen Doping und Wettbetrug fehlen, hat mich allerdings überrascht, sind dieses doch wichtige Felder, die den Sport betreffen, aber eben kriminologisch auch über ihn hinausgehen und in kritischer Hinsicht wichtige Fragen stellen.</p>
<p>Was genau eine dezidiert kritische Kriminologie des Sport genau ausmacht und ob es nicht einfach nur eine die Anwendung der Grundsätze und Prinzipien der kritischen Kriminologie ganz allgemein auf das Feld des Sportes darstellt, wird in den Buch nicht immer klar. Ist also der Sport nur ein Feld, wie andere auch, oder liefert er etwas genuin eigenes, das für eine kriminologische Analyse besonders wertvoll ist. Die Herausgeber stellen diese Frage selbst in der Einleitung:</p>
<blockquote class="wp-block-quote is-style-default"><p><em>„</em>Why should criminologists care about sport?“) und ihre Antwort ist erstmal überzeugend: „As we have illustrated here, not only is sport one of the most dominant and popular cultural forms in much of the world today, it is, importantly, also complicit in the (re)production of the very narratives, practices, and institutions whose power structure institutionalise criminality and deviance.“ (31)</p></blockquote>
<p>Wer wissen will, wie diese Analyse aussieht und welchen Mehrwert sie ergibt, sei eingeladen sich selbst ein Bild zu machen. Es lohnt sich insgesamt und für einzelne Themen auf jeden Fall.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2024/01/rezension-power-played-a-critical-criminology-of-sport/">Rezension: Power Played. A Critical Criminology of Sport</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Neuerscheinung: Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/12/neuerscheinung-restorative-justice-heilung-transformation-gerechtigkeit-und-sozialer-frieden/</link>
					<comments>https://criminologia.de/2023/12/neuerscheinung-restorative-justice-heilung-transformation-gerechtigkeit-und-sozialer-frieden/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Dec 2023 18:00:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminalpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Recht und Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Strafjustiz]]></category>
		<category><![CDATA[Abolitionismus]]></category>
		<category><![CDATA[Otmar Hagemann]]></category>
		<category><![CDATA[Restorative Justice]]></category>
		<category><![CDATA[Viktimologie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=135426</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Hagemann (2023). Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden. Servicebüro für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung des DBH e. V..</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/12/neuerscheinung-restorative-justice-heilung-transformation-gerechtigkeit-und-sozialer-frieden/">Neuerscheinung: Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Christian Wickert</em>, Henstedt-Ulzburg</div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/12/Hagemann_Restorative-Justice.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-135428" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/12/Hagemann_Restorative-Justice.jpg" alt="Umschlag des Buches: Hagemann (2023). Restorative Justice. Hagemann — Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden. " width="208" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Autor:</td>
<td>Otmar Hagemann</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2023</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.toa-servicebuero.de/service/informationsmaterial-bestellen/restorative-justice-band-01-otmar-hagemann-heilung">Servicebüro für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung des DBH e. V.</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>9783924570798</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><em>Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden </em>ist der erste Band der Schriftenreihe <em>Restorative Justice. Täter-Opfer-Ausgleich &amp; Konfliktregelung</em> des <a href="https://www.toa-servicebuero.de/" target="_blank" rel="noopener">Servicebüros für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung des DBH e. V.</a>. Der Band stellt den Versuch des Autors Prof. Dr. Otmar Hagemann dar, das &#8222;perfekte deutschsprachige Buch über Restorative Justice&#8220; (S. 1) zu schreiben. Nun möchte ich mir nicht anmaßen, zu beurteilen, ob dieses Unterfangen gelungen ist (zumal der Autor selbst infrage stellt, ob ein Buch diesem Anspruch jemals gerecht werden kann). Klar ist jedoch, dass hier einer der profiliertesten und engagiertesten Experten zum Thema seine über dreißigjährige wissenschaftliche Beschäftigung zum Thema in einem Buch zusammenträgt.</p>
<p>Zielgruppe des Buches sind Mediator:innen (in Strafsachen), Akteur:innen aus Rechtswissenschaften und Justizpraxis, Opfer- und Straffälligenhilfe, Polizei, Kriminologie/Viktimologie, Kriminalpolitik, Friedensbewegung, Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Abolitionismus/Transformative Justice, Psycholog:innen, Seelsorger:innen, Lehrer:innen, Studierende und alle, die sich für eine Welt der Vielfalt, der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und des sozialen Friedens interessieren und ggf. engagieren möchten.</p>
<h2>Klappentext</h2>
<p>Gibt es für die notwendige Transformation unserer Gesellschaft eine Theorie, die sozialen Frieden anstrebt und Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt? Im vorliegenden Buch verdeutlicht Otmar Hagemann, der sich als Soziologe, Viktimologe und Kriminologe versteht, sein Konzept der heilenden Gerechtigkeit (Restorative Justice) gleichermaßen als Theorie, Paradigma und Philosophie auf dem Weg zu einer Restorative Society. Der Begriff stammt von deutschen Theologen, wird heute häufig als Alternative zur strafrechtlichen Konfliktbearbeitung oder als dritter Weg zwischen Strafe und Behandlung in modernen Gesellschaften verstanden, sollte aber möglichst als Konzept auf allen Ebenen aller Lebensbereiche angewendet werden, in denen problematische Situationen bestehen oder entstehen. Insofern können uns indigene Kulturen, die häufig nicht diesen Begriff benutzen, aber die damit gemeinten Werte und Prinzipien traditionell umsetzen, als Vorbild für nachhaltige, zukunftsweisende soziale Umgangsformen in Konfliktsituationen dienen. Der vorliegende Band bringt Ergebnisse der ca. 35-jährigen intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema Gerechtigkeit und sozialer Frieden ans Licht &#8211; insbesondere in Zusammenhang mit strafrechtlich relevanten Konflikten, aber auch darüber hinaus.</p>
<h2>Inhaltsverzeichnis</h2>
<p>Vorwort von Christoph Willms.</p>
<p>Vorwort von Prof. em. Dr. Hans-Jürgen Kerner.</p>
<p>Einleitung.</p>
<p><strong>Teil I:</strong></p>
<p><strong>Einführung: Was ist Restorative Justice?. </strong></p>
<ul>
<li>Restorative Justice als Antwort auf einen problematischen Zustand unserer Gesellschaft</li>
<li>Über Sprache(n): Restorative Justice – Bezeichnung für ein neues Denken und Handeln.</li>
<li>Restorative Justice als Gerechtigkeitstheorie zur Herstellung des sozialen Friedens.</li>
<li>Ebenen, Anwendungsbereiche und Ausdehnung von RJ.</li>
</ul>
<p><strong>Teil II:</strong></p>
<p><strong>Opferwerdungen und Machtmissbrauch – Disziplinäre Verortung.</strong></p>
<ul>
<li>Kriminologie – für KriminologInnen, Herrschende oder (Kriminalitäts-) Betroffene.</li>
<li>Empathie für „Opfer“ erkunden und verstehen.</li>
<li>Inhaftierte Frauen: Ihre Lage, ihre Bedürfnisse und Maßnahmen für eine nachhaltige Reintegration mit Dawn Beichner.</li>
<li>„Ausländische Täter“ als strukturelle „Opfer“?</li>
</ul>
<p><strong>Teil III:</strong></p>
<p><strong>Conferencingverfahren in der Praxis: verschiedene Anwendungsbereiche.</strong></p>
<ul>
<li>„Gemeinschaftskonferenzen“ als Konfliktregelungsinstrument – eine Weiterentwicklung des TOA?</li>
<li>Gemeinschaftskonferenzen und andere Restorative Conferencing-Verfahren.</li>
<li>Dialogforen als Instrumente auf dem Weg zu einem restorativen Fachbereich mit Mario Nahrwold.</li>
<li>„Conferencing“ als prototypische Methode eines neuen Paradigmas der Sozialen Arbeit.</li>
</ul>
<p><strong>Teil IV:</strong></p>
<p><strong>Restorative Justice mit Bezug auf das Strafrecht.</strong></p>
<ul>
<li>Opfer-initiierte Restorative Justice mit Geoff Emerson.</li>
<li>Restorative Justice nach der Verurteilung („post-sentencing“) – ein verzögerter Weg zum sozialen Frieden?</li>
<li>„Opfer“ im Blickpunkt von Strafgefangenen.</li>
<li>„Opfer“ und „Täter“ – vom Leiden zum Dialog mit Ricarda Lummer.</li>
<li>Restorative Gefängnisse?</li>
<li>Das Gefängnis: Restorative Justice und Abolitionismus.</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/12/neuerscheinung-restorative-justice-heilung-transformation-gerechtigkeit-und-sozialer-frieden/">Neuerscheinung: Restorative Justice. Heilung, Transformation, Gerechtigkeit und sozialer Frieden</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://criminologia.de/2023/12/neuerscheinung-restorative-justice-heilung-transformation-gerechtigkeit-und-sozialer-frieden/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vortragsreihe „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“ (WiSe 23/24)</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/10/vortragsreihe-sozialwissenschaftliche-perspektiven-auf-instanzen-sozialer-kontrolle-wise-23-24/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Oct 2023 18:55:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminologie in Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungshinweise]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=135261</guid>

					<description><![CDATA[<p>Auch in diesem Jahr wird die Vortragsreihe „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“ im Dialog zwischen Sozialer Arbeit – Polizei – Justiz – Kriminologie&#8220; fortgesetzt. Die Veranstalter laden alle interessierten Zuhörer:innen im Wintersemester 2023/24 zu drei spannenden Vortragsabenden ein, die an drei unterschiedlichen Institutionen stattfinden werden. Programm 23.11.2023 Diskussionsthema: „Resozialisierung ja, aber bitte nicht für [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/10/vortragsreihe-sozialwissenschaftliche-perspektiven-auf-instanzen-sozialer-kontrolle-wise-23-24/">Vortragsreihe „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“ (WiSe 23/24)</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch in diesem Jahr wird die Vortragsreihe „<strong>Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“ im Dialog zwischen Sozialer Arbeit – Polizei – Justiz – Kriminologie</strong>&#8220; fortgesetzt. Die Veranstalter laden alle interessierten Zuhörer:innen im Wintersemester 2023/24 zu drei spannenden Vortragsabenden ein, die an drei unterschiedlichen Institutionen stattfinden werden.</p>
<h2>Programm</h2>
<h3>23.11.2023 Diskussionsthema: <em>„Resozialisierung ja, aber bitte nicht für alle!“</em></h3>
<ul>
<li>Levke Jessen (MA Krim.): <strong>Restorative Justice im Maßregelvollzug?</strong></li>
<li>Laura Bubert-Reich (BA Soz. A.): <strong>Straffälligenhilfe mit Sexualstraftätern im Kontext öffentlicher Berichterstattung. </strong>Moderation: Prof. Dr. Tilman Lutz / Prof. Dr. Carmen Gransee<br />
Ort: HAW Hamburg, Versammlungsstätte, Alexanderstraße 1, 20099 Hamburg</li>
</ul>
<h3>13.12.2023</h3>
<ul>
<li>Prof. Dr. Rafael Behr (Akademie der Polizei): <strong>„Genau hinsehen, geduldig nachdenken und sich nicht dumm machen lassen“. 36 Jahre Forschung über Polizei – eine subjektive Zwischenbilanz </strong>(Öffentliche Abschiedsvorlesung). Moderation: Prof. Dr. Eike Richter / Prof. Dr. Carmen Gransee<br />
<em>Ort:</em> Akademie der Polizei, Braamkamp 3b, PAZ, Raum 5.06/5.07, 22297 Hamburg</li>
</ul>
<h3>31.01.2024</h3>
<ul>
<li>Prof. Dr. em. Timm Kunstreich: <strong>100 Jahre Liselotte Pongratz</strong></li>
<li>Prof. Dr. Dörte Negnal (Universität Siegen): „<strong>Am Mädchen arbeiten – intersektionale Betrachtungen von Geschlecht im Zwangskontext“</strong>. Moderation: Prof. Dr. Nils Zurawski<br />
<em>Ort:</em> Universität Hamburg, Hörsaal H, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg</li>
</ul>
<p>Weitere Informationen finden Sie unter <a href="https://lieselotte-pongratz-stiftung.de/2023/10/13/vortragsreihe/" target="_blank" rel="noopener">https://lieselotte-pongratz-stiftung.de/2023/10/13/vortragsreihe/</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/10/vortragsreihe-sozialwissenschaftliche-perspektiven-auf-instanzen-sozialer-kontrolle-wise-23-24/">Vortragsreihe „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“ (WiSe 23/24)</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Strafrecht als Risiko. Festschrift für Cornelius Prittwitz zum 70. Geburtstag</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/08/rezension-strafrecht-als-risiko-festschrift-fuer-cornelius-prittwitz-zum-70-geburtstag/</link>
					<comments>https://criminologia.de/2023/08/rezension-strafrecht-als-risiko-festschrift-fuer-cornelius-prittwitz-zum-70-geburtstag/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2023 07:27:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Recht und Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Strafjustiz]]></category>
		<category><![CDATA[Risiko]]></category>
		<category><![CDATA[Strafrecht]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=134887</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Brunhöber, B., Burchard, C., LL. M. (NYU), Günther, K., Jahn, M., Jasch, M., Silva Sánchez, J.-M., &#038; Singelnstein, T. (2023). Strafrecht als Risiko: Festschrift für Cornelius Prittwitz zum 70. Geburtstag. Nomos.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/08/rezension-strafrecht-als-risiko-festschrift-fuer-cornelius-prittwitz-zum-70-geburtstag/">Rezension: Strafrecht als Risiko. Festschrift für Cornelius Prittwitz zum 70. Geburtstag</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Sebastian Scheerer</em>, Hamburg</div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/08/strafrecht-als-risiko.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-134888" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/08/strafrecht-als-risiko.jpg" alt="Buchcover: Strafrecht als Risiko" width="202" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Strafrecht als Risiko. Festschrift für Cornelius Prittwitz zum 70. Geburtstag</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>HerausgeberInnen:</td>
<td>Beatrice Brunhöber, Christoph Burchard, Klaus Günther, Matthias Jahn, Michael Jasch, Jesús-María Silva Sánchez, Tobias Singelnstein</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2023</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783748929109/strafrecht-als-risiko" target="_blank" rel="noopener">Nomos</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>978-3-8487-8549-0</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die „Festschrift“ ist eine ehrwürdige und gelegentlich belächelte Institution der deutschsprachigen Rechtswissenschaft, mit der sie ihre besonders verdienten Mitglieder zu ehren pflegt – was insgesamt (erst) gut eintausendmal geschehen sein dürfte. Obwohl Festschriften ebenso wie z.B. die gelben Hefte der Reclam-Universalbibliothek zur Gattung der Bücher gezählt werden, sprechen Insider von diesen meist nicht gerade billigen Objekten (in diesem Fall: € 199) ob ihres Gewichts und Umfangs (hier: 844 Seiten) gerne auch als „Ziegelsteinen“. Soziologisch erklärt sich die Tendenz zur Gewichtigkeit aus der Bedeutung der Anzahl der Gratulanten (hier: 47) als Indikator für den Rang eines Jubilars im Statuslabyrinth der Korporation. Ein gelbes Reclam-Heft als Festschrift wäre also ein Widerspruch in sich. Ziegelstein muss sein.</p>
<p>Die Beiträge zu einer Festschrift bilden ein <em>fuzzy set</em> ohne erkennbare Logik. Das quält Rezensenten. Man kann es sich aber auch bequem machen, einfach los lesen und wie ein Angler am Ufer eines fischreichen Gewässers abwarten, ob und was da wohl anbeißen wird.</p>
<p>In diesem Fall zogen viele potentielle Leckerbissen einfach vorbei. Darunter der Täuschungsbegriff im Betrugsstrafrecht, die Ausbalancierung des Adhäsionsverfahrens, die Virtualisierung der Hauptverhandlung, die elektronische Urkunde als digitale Herausforderung für die Anwaltschaft und, man glaubt es kaum, sogar ein Roboter als Zeuge de facto.</p>
<p>Dann aber schnappte der Ukraine-Krieg zu. Bei Peter-Alexis Albrecht („Wege <em>jenseits von Recht </em>aufgrund seiner globalen Auflösung“; S. 21 ff.) ist unsere Führungsmacht zumindest Abrissunternehmerin rechtlicher Friedenspolitik, wenn nicht Bestatterin der Europäischen Sicherheitsarchitektur (S. 26 f.). Heiner Alwart hingegen argwöhnt (S. 41 ff.), dass die „Begeisterung für universale Menschenrechte und internationales Strafrecht“ seit dem Fall der Mauer die Politik dazu verleitet haben könnte, nicht „rechtzeitig an Abschreckung“ gedacht und nicht „überall die notwendigen Vorkehrungen“ getroffen zu haben. Seit der Zeitenwende müsse man auch die Wissenschaften neu denken. Am Beispiel seiner berühmten „Hypertrophie eines Unikums“ (des sog. Schwarzfahrens) und der NSU-Aufarbeitung ergänzt er den zurechnungstheoretischen Neuanfang von Cornelius Prittwitz und Klaus Günther – also das Zurechnungsdreieck von personaler Verantwortung des Individuums, kollektiver Verantwortung der Gesellschaft und Zuschreibung zur Natur – um ein Kriminalitätsdreieck aus Mikro-, Meso- und Makrokriminalität.</p>
<p>Dass im Krieg das erste Opfer die Wahrheit ist, münzt man im Krieg auf den jeweiligen Gegner. Wenn man nicht in der Lage ist, nach einer alten Faustregel mindestens drei Nachrichtenquellen der eigenen, der anderen und einer neutralen Seite zu nutzen. Jedenfalls schießen in Kriegen Gerüchte und Verschwörungstheorien ins Kraut, und dass Fake News „die Kriegshandlungen unterstützen und rahmen und somit auch eine Rolle beim Ausgang des Konflikts spielen können“, wie Felix Herzog und Georgios Sotiriadis in ihrem Beitrag über die „Strafbarkeit von Desinformation – Corona-Leugnen, Verschwörungstheorien und fake news in der Pandemie“ konstatieren (S. 637 ff.), lässt sich wohl annehmen. Die Skepsis der Autoren gegenüber legislativen Anti-Fake-News-Initiativen wäre wohl noch deutlicher ausgeprägt, hätten sie mit Beatrice Brunhöber (S. 59 ff.) nicht nur den Wert des zu schützenden Rechtsguts, sondern auch denjenigen der dafür eingeschränkten Rechte der Verbotsadressierten etwas stärker in den Blick genommen, galt doch einst und seit den frühen Tagen der Französischen Revolution <em>la libre communication des pensées et des opinions </em>als unverzichtbar und sogar als eines der <em>droits les plus précieux de l’Homme.</em></p>
<p>Wie die künftige Fake-News-Polizei im Namen der Demokratie dieselbe demontieren wird, zeigt die Empirie der selbsternannten Fakten-Checker (Stichwort Pascal Siggelkow) und vieles andere mehr, was Peter-Alexis Albrecht wohl als weiteren Beleg für seine These vom allgemeinen Niedergang des Rechts auf dem „Weg in die Nekropolis“ (S. 33) ansähe. Das lässt natürlich Nostalgie aufkommen. Denn dem Abbau des Rechtsstaats sich mittels einer kritischen Strafrechtswissenschaft zu widersetzen, dafür war die Gruppe um Wolfgang Naucke, Klaus Lüderssen, Winfried Hassemer und Herbert Jäger so bekannt, dass man von ihr schließlich als „Frankfurter Schule der Strafrechtswissenschaft“ zu sprechen begonnen hatte.</p>
<p>Allerdings konstatiert Lothar Kuhlen (S. 131 ff.), dass das „Frankfurter Strafrecht“ weder eine gemeinsame Theorie noch irgendeine „meinungsmäßige Geschlossenheit“ hatte, sondern sich einzig und allein durch einen besonders intensiven Diskussionszusammenhang auszeichnete, der ungewöhnlich offen war für Anregungen und Problemstellungen, die nicht dem Revier der Strafrechtsdogmatik selbst entstammten: „Diesen Diskussionszusammenhang zu etablieren, war eine große Leistung, und es wird auch einer großen Leistung bedürfen, ihn fortzusetzen. Die Vorstellung von einer Frankfurter Schule scheint mir dabei eher hinderlich zu sein.“</p>
<p>Dass die klassische Strafrechtsdogmatik allerdings durchaus quicklebendig und sogar zu Höchstleistungen fähig ist, beweisen Rolf Dietrich Herzberg (S. 219 ff.) und Urs Kindhäuser (S. 271 ff.) mit ihrer Diskussion der „Raserfälle“, bei denen es darum ging, ob der Unfalltod unbeteiligter Verkehrsteilnehmer aufgrund wilder nächtlicher Autorennen (street races) mit Höchstgeschwindigkeiten von 170 km/h, bei denen die Fahrer 20 Kreuzungen passieren, als fahrlässige Tötung oder Mord zu ahnden sei. – Während die Rechtsprechung für Mord und lebenslange Freiheitsstrafe optierte, war Jubilar Prittwitz in der Zunft mit seinem Insistieren aufgefallen, dass man doch wohl schwerlich „fahrlässig morden“ könne.</p>
<p>Während sich nun in der Festschrift Urs Kindhäuser nach bewundernswert differenzierten Überlegungen zur Vorsatz- und Fahrlässigkeitslogik im Ergebnis auf die Seite von Prittwitz schlägt, plädiert Rolf Dietrich Herzberg nicht weniger scharfsinnig für Ingeborg Puppes Konstrukt der „Vorsatzgefahr“ und die Meinung, dass man auch dann einen Mord begehe, wenn man eine unmittelbare und nicht mehr beherrschbare Gefahrensituation vorsätzlich heraufbeschwöre und dann nur völlig unrealistisch hoffe, dass alles gut gehen werde. Man kann nach dieser Meinung also zum „Mörder“ werden, auch wenn man betet, dass nichts passieren möge. Da eine solche Situation nicht gerade dasselbe sei wie ein absichtlicher Mord, schlägt Herzberg eine Gesetzesänderung mit Strafmilderungsmöglichkeit (in § 16 StGB) vor. Ob das im Frankfurter Dienstags-Seminar auf Zustimmung gestoßen wäre?</p>
<p>Untergründig macht der Strafrechtswissenschaft die Perspektive ihrer Abschaffung zu schaffen. Also der Abolitionismus. Damit meine ich jetzt nicht in erster Linie die Kriminalpolitik, obwohl zum Beispiel der Ex-Frankfurter Lorenz Böllinger nicht nur von der Möglichkeit, sondern auch von der Notwendigkeit einer Komplett-Abschaffung des heutigen Drogenstrafrechts spricht und den Begriff des Abolitionismus sogar in den Titel seiner Abhandlung aufnimmt (S. 755 ff.). Ich meine auch nicht die verbreitete Hoffnung, man könne erst einmal am Rand entrümpeln und sich dann dem Rest zuwenden, wie es u.a. Helmut Pollähne (S. 737) vorschlägt, wenn er die Politik ermutigt, mit der Ersatzfreiheitsstrafe anzufangen und dann „mit deren Abschaffung zugleich einen Einstieg in den Abolitionismus“ zu wagen. Denn prinzipieller Fortschritt erfordert Arbeit am Fundament. Also an der strafenden Vernunft, den Straftheorien und der Zurechnungslehre. Kurz: an den metaphysischen, bzw. scholastischen Resten und Fesseln einschließlich des „reflexiven Equilibriums“ (vgl. Ulfrid Neumann, S. 157 ff.). Der Abolitionismus fragt eben nicht auf der axiomatischen Grundlage einer <em>ratio scripta</em> danach, wie die vorausgesetzte Notwendigkeit der Strafe und des Strafrechts zu begründen seien, sondern danach, ob diese Institutionen der Leidzufügung wirklich geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sind in einer Zeit, die sich anderen Werten verschrieben hat als jenen, aus denen das absurd-präkonstitutionelle System der Bekräftigung der Herrlichkeit des Staates durch das Leiden oder die Vernichtung dessen, der sich gegen sie aufgelehnt hat, nun einmal stammt.</p>
<p>Klaus Günther behandelt seit Jahren den Punkt, der bekanntlich Michel Foucault sofort in den Sinn gekommen war, als man ihn zu Louk Hulsmans These von der Verzichtbarkeit des gesamten Kriminalsystems einschließlich seiner Begriffe und Institutionen befragt hatte. Wie später Vincenzo Ruggiero in <em>Penal</em> <em>Abolitionism</em> (2010) soziophilosophisch und Lucas Villa in <em>Hegemonia e Estratégia Abolicionista: O abolicionismo penal como negação da crueldade</em> (2020) rechtsphilosophisch, so hatte Günther bereits 2005 (in „Kritik der Strafe“ und „Schuld und kommunikative Freiheit“) die Herausforderung eines Denkens ohne Geländer bis an die aktuellen Grenzen des strafrechtswissenschaftlichen Binnendiskurses aufgenommen. In „Die Schuld der Anderen“ (S. 111ff.) entmystifiziert Günther die Attraktivität der Strafe als „Erklärung für negativ erlebte Kontingenz“, die zwar die Zurechnung zu einer strafenden Autorität als auch zu demjenigen erlaubt, „welcher das Unrecht zu verantworten und deshalb Strafe zu erleiden hat“ (S. 113), sich aber eben doch nicht mehr als alternativlos darstellen und nur noch auf ihre Abschaffung durch eine neue Aufklärung warten kann. Die freilich scheint dieser Tage tatsächlich hinter einer <em>eclipse of reason</em> verborgen.</p>
<p>Für den Angler neigt sich der Tag dem Ende zu. Während er packt, ziehen weitere Prachtexemplare vorbei, darunter Bernd Schünemann mit seiner Kritik des staatlichen Lockspitzeleinsatzes (S. 305 ff.), Walter Kargl mit der „verhetzenden Beleidigung“ (S. 359 ff.), und während Jochen Bung fragt, wie viel Foucault die Kriminologie heute wohl noch braucht (S. 771 ff.) und Michael Jasch über die Zukunft der Kriminalität der Mächtigen in eben derselben Disziplin nachdenkt (S. 803 ff.), meldet man die Einstellung eines der seltenen akkreditierten und international anerkannten Studiengänge an der Universität Hamburg. Eines Studiengangs, der immer noch viel mehr BewerberInnen angezogen hatte als etwa die Soziologie, die Journalistik oder die Politologie an derselben Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Sein Name: M.A. Internationale Kriminologie.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/08/rezension-strafrecht-als-risiko-festschrift-fuer-cornelius-prittwitz-zum-70-geburtstag/">Rezension: Strafrecht als Risiko. Festschrift für Cornelius Prittwitz zum 70. Geburtstag</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://criminologia.de/2023/08/rezension-strafrecht-als-risiko-festschrift-fuer-cornelius-prittwitz-zum-70-geburtstag/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>YouTuberin Kayla Shyx berichtete über ihre Erfahrungen auf einer Rammstein Aftershow-Party</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/06/youtuberin-kayla-shyx-berichtete-ueber-ihre-erfahrungen-auf-einer-rammstein-aftershow-party/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jun 2023 08:15:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Video]]></category>
		<category><![CDATA[MeToo]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Rammstein]]></category>
		<category><![CDATA[sexualisierte Gewalt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=134669</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/06/youtuberin-kayla-shyx-berichtete-ueber-ihre-erfahrungen-auf-einer-rammstein-aftershow-party/">YouTuberin Kayla Shyx berichtete über ihre Erfahrungen auf einer Rammstein Aftershow-Party</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/06/youtuberin-kayla-shyx-berichtete-ueber-ihre-erfahrungen-auf-einer-rammstein-aftershow-party/">YouTuberin Kayla Shyx berichtete über ihre Erfahrungen auf einer Rammstein Aftershow-Party</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance.</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/06/rezension-crisis-vision-race-and-the-cultural-production-of-surveillance/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jun 2023 07:56:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kontrolle und Sanktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=134657</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Monahan (2022) Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance. Duke University Press.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/06/rezension-crisis-vision-race-and-the-cultural-production-of-surveillance/">Rezension: Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance.</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Florian Flömer</em>, Bremen</div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/06/Crisis-Vision.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-134665" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/06/Crisis-Vision.jpg" alt="Crisis Vision Cover" width="200" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance.</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Herausgeber:</td>
<td>Torin Monahan</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2022</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.dukeupress.edu/crisis-vision" target="_blank" rel="noopener">Duke University Press</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>978-1-4780-1875-9</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Torin Monahan kann als einer der einflussreichsten Vertreter der nordamerikanischen Surveillance Studies angesehen werden. Nicht nur durch seine zahlreichen Veröffentlichungen und Herausgeberschaften, wie etwa den einführenden und gemeinsam mit John Gilliom verfassten Band SuperVision. An Introduction to the Surveillance Society (Chicago 2013) oder die mit David Murakami Wood zusammen herausgegebene Textsammlung Surveillance Studies. A Reader (Oxford 2018), sondern vor allem durch seine Rolle als Herausgeber der internationalen Fachzeitschrift Surveillance and Society kommt Monahan eine Schlüsselrolle im gegenwärtigen Diskurs von Überwachung und Gesellschaft zu. Sein eigener Schwerpunkt innerhalb des breiten kulturell-gesellschaftlichen Feldes der Überwachung liegt vor allem im Bereich der postkapitalistischen Arbeits- und Lebenswelt und der Schnittstelle von Überwachung und Kunst. In seinem nun erschienenen Buch Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance verknüpft Monahan seine bereits in anderen Publikationen veröffentlichten Thesen zum kulturellen Komplex der visuellen Überwachung mit aktuellen Fragen nach den rassistischen Ideologien, die den Überwachungsregimen eingeschrieben sind, und wie sich diese vor allem in der Kunst sichtbar machen lassen.</p>
<p>So beginnt Monahan seine Studie mit zwei Beispielen aus der Kunst. Einem Wandgemälde des bekannten Street-Art Künstlers Banksy von 2008 und einer begehbaren Kunstinstallation aus dem Jahr 2017, die der chinesische Künstler und Aktivist Ai Weiwei zusammen mit den Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron realisierte. Beide Arbeiten, so unterschiedlich sie formal auch erscheinen, machen, als Interventionen im öffentlichen Raum, oder im Ausstellungsraum, nicht nur zentrale Aspekte der gegenwärtigen Überwachungsgesellschaft reflektier- und sichtbar, sondern sind nach Monahan auch in der Lage <em>„to create blind spots to social inequality, racialization, and violence, to the way that liberal social order depends on and propagate exclusions, often through visibility regimes” </em>(S. 5). Hier wird die angestrebte Stoßrichtung des Buches deutlich: über die Analyse und Kontextualisierung künstlerischer Arbeiten der sogenannten Critical Surveillance Art versucht Monahan nicht nur die üblichen Mechanismen der Überwachungsgesellschaft aufzuzeigen, sondern vor allem die sozialen Effekte der Ausschließung und der strukturellen Benachteiligung vulnerabler Gesellschaftsgruppen in den Blick zu nehmen, die innerhalb der hegemonialen Blickregie der Überwachung keine Beachtung und so auch keine gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Prozesse der visuellen Überwachung sieht Monahan begründet in den frühen Bestrebungen der staatlichen Bürokratisierung, der Rationalisierung und somit der Kontrolle von Menschen und Gütern gleichermaßen. Diese Prozesse des <em>„governing through visibility“,</em> die ihren Ursprung im frühen 19. Jahrhundert haben, sind für ihn fest verbunden mit den damaligen und bis heute fortlebenden rassistischen Ideologien der white supremacy (weißen Vorherrschaft) und konkreter noch einer antiblack violence (S. 8). Beides drückt sich für Monahan in verschiedenen Formen rassifizierter Machtausübung aus, wie etwa der anhaltenden, oftmals tödlichen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen, generellem „racial profiling“ oder „neighborhood ‚hot spot‘ policing“ – Praktiken visueller Überwachung, die so marginalisierte Bevölkerungsgruppen verstärkt in den Blick nehmen (S. 9).</p>
<p>Kunstwerke wie die Arbeiten Banksys und Ai Weiweis bezeichnet Monahan als Critical Surveillance Art, weil sie in der Lage sind <em>„to tackle issues of domination, oppression and inequality“</em> – und dies durch die Reflexion und Aneignung von verschiedenen Überwachungsszenarien und -technologien. Zudem arbeiten sie so an einer „critical spectatorship“, die es BetrachterInnen vor allem in situativen und performativen Settings ermöglicht mit Überwachungstechnologien und -dispositiven zu interagieren. In seiner Darstellung der critical surveillance art bezieht sich Monahan auf verschiedene Kunst- und Medienwissenschaftler, die in der Vergangenheit vermehrt zum sich immer stärker überscheidenden Feld von Kunst und Überwachung geforscht und publiziert haben. Vor allem Andrea Mubi Brighenti hat mit dem Begriff der Artveillance bereits ab 2010 ein ähnliches Konzept entwickelt. Monahans Untersuchung von künstlerischen Strategien der Surveillance Art ist im Vergleich zu diesem stärker noch an den soziopolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Überwachung orientiert und liefert gerade mit dem titelgebenden Begriff der crisis vision eine wichtige Kontextverschiebung hin zu Fragen der Sichtbarkeit und Kontrolle in gesellschaftlichen Krisensituationen.</p>
<p>Crisis vision ist für Monahan ein vielschichtiger Begriff, der die Modalitäten gegenwärtiger Sichtbarkeitsregime innerhalb von vielen gesellschaftlichen Krisen verortet und der eminent von deren Klima der Angst und kollektiver Verunsicherung lebt. Als Krise definiert Monahan dabei einen vorübergehenden Ausnahmezustand, der eine Unterbrechung der normalen Verhältnisse meint und die Installierung von Notfallmaßnahmen und -gesetzen hervorruft. Hierzu zählt auch das Abwägen kritischer Entscheidungen nicht mehr nach etablierten moralischen Kriterien, sondern nach rein faktischen im Sinne der Triage. Dabei ist crisis vision zuallererst ein destruktiver Begriff von Sichtbarkeit, der bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten verstärkt und die Markierung vulnerabler Minderheiten wie Geflüchtete oder nicht registrierter MigrantInnen als „Others“ begünstigt und so ihren von sich aus prekären Status noch weiter zuspitzt (S. 12). So beruht crisis vison auf einem permanenten „continuum of threat“, das einer hegemonialen, per se rassistischen Gesellschaftsform Aufschub leistet, die durchgängig auf Bedrohungszenarien und -kulissen begründet ist und eher danach trachtet, bestehende Machtpositionen weißer, männlicher und heterosexueller Akteure zu stärken, als Minderheiten zu integrieren und zu entstigmatisieren. Crisis vision ist als „racialized vision“ (S. 12) Teil der gegenwärtigen, auf Transparenz abzielenden visuellen Ökonomie. Künstlerische Interventionen der critical surveillance art sind für Monahan vor allem an Opazität interessiert – nicht verstanden als direkten Gegenbegriff zum Transparenzparadigma der Überwachung, sondern als Terrain der proaktiven Verunsicherung und der Ambiguität. Opazität ist ein Nebenprodukt der crisis vision und hat als solches Teil an seinen Mechanismen und Strukturen – dennoch kann es als widerständiges Konzept innerhalb künstlerischer Interventionen auftreten und so ihre eminent diskriminierenden und rassistischen Ideologien aufdecken und brechen.</p>
<p>Die Rahmungen der künstlerischen Kritik denen Monahan im Buch nachgeht, sind anhand der Begriffe „Avoidance“, „Transparency“, „Complicity“, „Violence“ und „Disruption“ gegliedert.<br />
Avoidance schließt zunächst an den Begriff der Opazität an und meint bei Monahan verschiedene künstlerische Strategien der Maskierung aber auch in der Mode, die eine Identifizierung durch Überwachungskameras unterlaufen sollen. Diese Formen der „countersurvaillance camourflage“ (S. 38) verstehen sich als Interventionen, die dem auf Erkennbarkeit abzielenden Transparenzparadigma opake und so undurchsichtige Oberflächen entgegenhalten und so ein Beharren auf dem „right to hide“ proklamieren. Im Kapitel Transparency nimmt sich Monahan der Frage des Archivs an und versammelt Werke, die sich darum bemühen, die intransparenten Mechanismen staatlicher Archive aber auch Datenbanken großer Tech-Konzerne als klassische Machtinstitutionen gegen den Strich zu lesen. Crisis vision beziehe einen Großteil ihres Machtanspruches von eben jenen undurchsichtigen Institutionen, die selbst im Verborgenen arbeiten, auf der anderen Seite aber massiv Transparenz und Sichtbarkeit einfordern.<br />
Unter Complicity versteht Monahan einen künstlerischen Ansatz, der auf die Ambiguität der Überwachung abzielt und eine Verunsicherung der festen Rollen von Beobachter und Beobachteten beabsichtigt. Hierdurch sollen die ethischen Aspekte der Verantwortung gestärkt werden. Insbesondere künstlerische Arbeiten, die partizipative Angebote machen und BetrachterInnen an den Mechanismen der Überwachung teilhaben lassen fungieren als Katalysatoren einer kritischen Reflexion von Machtverhältnissen innerhalb der crisis vision.</p>
<p>Im Kapitel Violence geht Monahan auf die enge Verbindung von Sichtbarkeit und Gewalt ein und zeigt auf, wie sehr Überwachung als diskriminierende Praxis von ökonomischen Kräften wie von kulturellen Vorurteilen durchzogen ist, die eine Enthumanisierung von vulnerablen Bevölkerungsschichten begünstigt. Die Arbeiten, die hier versammelt sind, verstehen sich oftmals als quasi-dokumentarische Beweisführungen, die staatliche Formen auch der physischen Gewalt, etwa von PolizistInnen aufdecken und den Opfern eine Art Rehabilitation zuzusprechen versuchen.<br />
Im letzten Kapitel Disruption untersucht Monahan Formen des künstlerischen Widerstands gegen die rassistischen Strukturen der crisis vision und bezieht sich hierbei explizit auf TheoretikerInnen der Black Studies die sich kritisch mit dem Erbe der Sklaverei und der daraus resultierenden Unterdrückung der Schwarzen Bevölkerung der USA auseinandersetzen. Hierbei betont er vor allem gemeinschaftliche künstlerische Performances, die auf der Zurückweisung des Opferstatus beruhen und so Handlungsmacht für jene einfordern, die unter der strukturellen Gewalt der crisis vision leiden. Dabei werden besonders Kunstwerke Schwarzer KünstlerInnen verhandelt, die die anhaltende rassistische Polizeigewalt in Amerika thematisieren und die das disruptive Potenzial einer „dark sousvaillance“ (S. 120) nutzen. Aufgezeigt wird hier, wie sehr Überwachungsmechanismen in Amerika geprägt sind von strukturellen Rassismen und Ideologien der white supremacy.</p>
<p>In seiner Zusammenfassung charakterisiert Monahan Überwachung als Waffe aber auch als Ventil der crisis vision, der es im Kern um die Aufrechterhaltung und Verschärfung einer bestehenden Gesellschaftsordnung gehe – mitsamt seinen ökonomischen, politischen und kulturellen Imperativen. Die Kunst wird von Monahan dabei als ein Experimentierfeld verhandelt, innerhalb dessen verschieden gelagerten Rahmungen Formen des Widerstands möglich sind. Dabei ist Monahan zugute zu halten, dass er nicht in eine allumfängliche Utopie der Kunst verfällt, die als Allheilmittel zu jedweder gesellschaftlichen Problemlage auftritt. Vielmehr betont er, dass Kunstwerke als Teil eben jenes Systems fungieren können, das sie zu kritisieren vorgeben und genau jene Stereotypisierungen, gegen die sie angehen wollen, nicht selten selbst reproduzieren. Monahan hat dies selbst bereits in früheren Publikationen als <em>„the cultural production of surveillance“</em> beschrieben. Es ist also ein großer Vorteil der vorliegenden Publikation nicht in eine verallgemeinernde Rhetorik der kritischen Kunst einzustimmen, sondern differenziert und hintergründig die Möglichkeiten und Grenzen der Kunst zu untersuchen. Weiterhin ist die Fokussierung der Studie auf Überwachungsmechanismen unter gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Krisen eine enorme Bereicherung des Diskurses. Zwar wurden gerade im Zusammenhang mit algorithmischen Erkennungstechnologien immer wieder auf die rassistischen Fundierungen der Überwachung hingewiesen, doch gelingt es Monahans Buch diese mittlerweile bekannten Einwände anhand künstlerischer Arbeiten aus einem breiten medialen Diskursfeld zu kanalisieren und innerhalb der crisis vision nachvollziehbar und anschlussfähig zu konzeptualisieren. Vor allem seine deutliche Parteinahme für die Anliegen der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung BlackLivesMatter und die Rezeption Schwarzer TheoretikerInnen im Feld der surveillance studies ist als längst überfällige intersektionale Positionierung gut zu heißen. Darüber hinaus gibt Monahan einen überraschend vielschichtigen Einblick in die aktuelle Kunstproduktion der Surveillance Art, der im globalen Kunstkontext immer mehr an Bedeutung zukommt. So gelingt es der Studie auch zu zeigen, wie sehr sich die Felder von Kunst- und Sozialwissenschaften ergänzen können und wie unter dem Label der crisis vision Fragen des politischen und künstlerischen Widerstands gegen die repressiven Mechanismen der Überwachung gemeinsam verhandelt werden können.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/06/rezension-crisis-vision-race-and-the-cultural-production-of-surveillance/">Rezension: Crisis Vision. Race and the Cultural Production of Surveillance.</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kriminologisches Sommerfest am 01.07.2023 in Berlin</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/05/kriminologisches-sommerfest-am-01-07-2023-in-berlin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 May 2023 09:43:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungshinweise]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz Sack]]></category>
		<category><![CDATA[GIWK]]></category>
		<category><![CDATA[KrimJ]]></category>
		<category><![CDATA[Marx]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=134382</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das Kriminologische Journal (KrimJ) und die Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie (GiwK e.V.) laden ein zum kriminologischen Sommerfest am 01.07.2023 ab 16:00 Uhr an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Rahmen der Veranstaltung wird der Fritz-Sack-Preis verliehen und das Buch Marxism and Criminology. A History of Criminal Selectivity (Valeria Vegh Weis, 2017) vorgestellt. Die Teilnahme ist [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/05/kriminologisches-sommerfest-am-01-07-2023-in-berlin/">Kriminologisches Sommerfest am 01.07.2023 in Berlin</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das <a href="http://www.krimj.de/index.php/de/" target="_blank" rel="noopener">Kriminologische Journal (KrimJ)</a> und die <a href="https://giwk.de/" target="_blank" rel="noopener">Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie (GiwK e.V.)</a> laden ein zum kriminologischen Sommerfest am 01.07.2023 ab 16:00 Uhr an der Humboldt-Universität zu Berlin.</p>
<p>Im Rahmen der Veranstaltung wird der Fritz-Sack-Preis verliehen und das Buch <a href="https://brill.com/display/title/33348" target="_blank" rel="noopener">Marxism and Criminology. A History of Criminal Selectivity</a> (<span class="contributor-unlinked">Valeria Veg</span><span class="contributor-unlinked">h Weis</span>, 2017) vorgestellt.</p>
<p>Die Teilnahme ist kostenfrei. Es wird um eine schriftliche Anmeldung unter <a href="mailto:strafvollzugsarchiv@fh-dortmund.de">strafvollzugsarchiv@fh-dortmund.de</a> bis zum 20.06.2023 gebeten.</p>
<p><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023.png"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter wp-image-134383 size-full" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023.png" alt="Kriminologisches Sommerfest" width="1587" height="2245" srcset="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023.png 1587w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023-349x494.png 349w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023-493x697.png 493w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023-1086x1536.png 1086w, https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Flyer-KrimiSommerfest-Berlin-2023-1448x2048.png 1448w" sizes="auto, (max-width: 1587px) 100vw, 1587px" /></a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/05/kriminologisches-sommerfest-am-01-07-2023-in-berlin/">Kriminologisches Sommerfest am 01.07.2023 in Berlin</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Surveillance Capitalism in America</title>
		<link>https://criminologia.de/2023/05/rezension-surveillance-capitalism-in-america/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2023 18:57:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kontrolle und Sanktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=134365</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Josh Lauer und Kenneth Lipartito (Hrsg.) (2021). Surveillance Capitalism in America. University of Pennsylvania Press.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/05/rezension-surveillance-capitalism-in-america/">Rezension: Surveillance Capitalism in America</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em>Julien Schat</em>, Berlin</div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Surveillance-Capitalism-in-America.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-134367" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2023/05/Surveillance-Capitalism-in-America.jpg" alt="Surveillance Capitalism in America" width="200" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>Surveillance Capitalism in America</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Herausgeber:</td>
<td>Josh Lauer und Kenneth Lipartito</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2021</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.pennpress.org/9780812253351/surveillance-capitalism-in-america/" target="_blank" rel="noopener">University of Pennsylvania Press</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>9780812253351</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Shoshana Zuboffs Zeitdiagnose <em>“The Age of Surveillance Capitalism” </em>prägt seit ihrer Veröffentlichung 2019 unseren Blick auf die großen Plattformunternehmen wie Google, Facebook, Microsoft u. a. Im Wesentlichen kostenlos, erzielen diese Unternehmen ihren Gewinn mit Vorhersageprodukten, die sie aus der Auswertung und Manipulation unseres Verhaltens im Netz gewinnen und auf sogenannten behavioral futuremarkets feilbieten. Für diese Logik des Wirtschaftens etablierte Zuboff den Begriff des Überwachungskapitalismus. Das Thema des Sammelbands “Surveillance Capitalism in America” (2021) ist damit nicht neu. Warum die beiden Herausgeber Josh Lauer und Kenneth Lipartito trotzdem auf 200 Seiten zur vertieften Beschäftigung mit ihm anregen, formulieren sie folgendermaßen in der Einleitung: “Eine Besessenheit von der Gegenwart, die in einer Politik der Angst verankert ist und sich einem vereinfachenden technologischen Determinismus hingibt, wird der tiefen historischen Beziehung zwischen Überwachung und Kapitalismus nicht gerecht.” (S. 2) Geschichtsvergessenheit, so lautet kurzgefasst der Vorwurf der Autoren an die Adresse der Surveillance Studies im Allgemeinen und Shoshana Zuboff im Besonderen, habe den Blick auf die digitale Ökonomie verzerrt. Ihren Sammelband begreifen sie folglich als eine “historische Intervention”, welche kapitalistische Überwachung historisiert und aufzeigt, dass diese in gesellschaftlichen Prozessen der Rationalisierung, Bürokratisierung und sozialen Kontrolle gründet, die bereits bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichen. Dabei werde vor allem sichtbar, dass das Geschäftsmodell der großen Plattformunternehmen nur eine Verfeinerung früherer Praktiken der Monetarisierung von Überwachung darstelle.</p>
<p>Für die Intervention schlagen die Autoren folgende Arbeitsdefinition des Überwachungskapitalismus vor: eine “breite Palette von Strategien und Techniken, sowohl formell als auch informell, die von Wirtschaftsakteuren eingesetzt werden, um menschliches Verhalten und menschliche Beziehungen zu beobachten, vorherzusagen und zu kontrollieren.” (S. 5) Damit finden sie eine Arbeitsdefinition, die flexibel genug ist, um Überwachungspraktiken über die Zeit hinweg nachzuspüren. In ihrer Einleitung setzen sie weitere wichtige Akzente für ihren Band im Speziellen, aber auch für die Überwachungsforschung im Allgemeinen. So befürworten sie eine Konzeption des Überwachungskapitalismus, das an die Zusammenhänge von Profitabilität und Überwachung anknüpft, die Marx im Kapital festgestellt hatte. Des Weiteren wollen sie einen Fokus auf Infrastrukturen der Überwachung legen, statt auf deren individuelle Instanzen, um das häufig unsichtbare Ineinandergreifen von veralteten Versatzstücken, Strukturen, Akteuren und Kategorien aufzudecken. Schließlich heben sie die Wechselwirkungen von technologischer Innovation und kommerzieller Überwachung hervor, angefangen bei der bürokratischen Akte bis hin zu den sogenannten data doubles heutiger Big-Data-Anwendungen. Überwachungskapitalismus müsse vor diesem Hintergrund als ein Hybrid aus ökonomischen Systemen, Technologien, Praktiken, Akteuren und Interessen begriffen, die Erzählung einer “einzelnen, alles umfassenden Form” (S. 16) hingegen fallengelassen werden. Damit tauchten überall auch Widerstandspotenziale, Lücken und Alternativen in der Überwachungsarchitektur auf, während Erscheinungen von Reibungslosigkeit als eine hausgemachte Illusion entlarvt werden können.</p>
<p>Das Buch besteht aus neun historischen Studien, die kapitalistischen Überwachungspraktiken vom späten 18. bis ins späte 20. Jahrhundert nachspüren, sowie einem Nachwort von Sarah Igo und der umfangreichen Einführung der beiden Herausgeber. Den Einstieg macht die Studie “Enslaved Watchmen: Surveillance and Sousveillance in Jamaica and the British Atlantic World”. Eine offene Frage in Bezug auf die Geschichte des atlantischen Sklavensystems ist, wie eine weiße Minderheit ihre Herrschaft gegenüber einer großen Mehrheit afrikanischer Sklav:innen absichern konnte. Die Autor:innen des ersten Kapitels, Caitlin Rosenthal und Cameron Black, führen als Antwort komplexe Informationssysteme an, die maßgeblich auf den Schultern von ausgewählten Wächtern aus den Reihen der Sklav:innen selbst ruhten. Diese waren häufig durch Alter und körperliche Konstitution nicht mehr in der Lage, die grausame Arbeit auf den Feldern zu erledigen und wurden deshalb für die oft ebenso grausame Arbeit der Aufsicht über die Plantagen und Sklav:innen eingesetzt. Durch ihre Zwischenstellung hatten sie jedoch die Möglichkeit, zugunsten der Versklavten auch die Gegenseite zu überwachen sowie Entflohene zu unterstützen.</p>
<p>Die darauffolgenden Studien beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit Überwachung am Arbeitsplatz, der Kontrolle von deviantem Verhalten und Konsum. Zwei Kapitel im Besonderen zeigen die zunehmende Invasivität körperlicher und seelischer Überwachung von Arbeiter:innen unter den Bedingungen kapitalistischen Wirtschaftens. Daniel Roberts Kapitel “Mystery Shoppers and Self-Monitors: Managing Emotional Labor to Improve the Corporate Image” hebt auf die Versuche von öffentlichen Dienstleistungsunternehmen ab, das Stigma kapitalistischer Monopolisierung abzumildern. Ihr Ziel war es, Vergesellschaftung und stärkerer Regulierung vorzubeugen. Im Zuge dieser Kampagne wurde das Auftreten von Angestellten gegenüber Kund:innen mithilfe von Abhörsystemen und sogenannten “mystery shoppers” überwacht – Angestellte, die verdeckt ihre Kolleg:innen prüfen. Dabei wurde nicht allein die Performance getrimmt, sondern auch Emotionen, Benehmen und Manieren der Angestellten. In “High Priority: Business’s War on Drugs and the Expansion of Surveillance in the United States” untersucht Jeremy Milloy das buchstäbliche Eindringen von Überwachungspraktiken in die Körper der Arbeitenden. Im Zuge des Drug-Free Workplace Acts brachte die Reagan Regierung Unternehmen dazu, obligatorische Drogentests an ihren Angestellten durchzuführen. Die Langzeitfolgen der Normalisierung von biometrischer Überwachung trügen bis heute.</p>
<p>Schon immer beansprucht die Vorbeugung von Kriminalität, äußere Merkmale von Devianz bestimmen zu können und den sich verändernden Bedingungen Rechnung zu tragen. Vorurteile werden dabei fast notwendig hervorgebracht und reproduziert. In ihrem Beitrag “The Watchful Gaze Behind the Welcoming Smile”, untersucht Megan Elias wie die Hotelindustrie der USA in den 20er und 30er-Jahren auf die Effekte massiven Wachstums reagierte. Fortschritte in der Bautechnik ermöglichten Hotels neuer Größenordnung, die mit einer Demokratisierung ihrer Dienstleistungen und Anonymisierung ihrer Gäste einherging. Hoteliers sahen sich in der Folge durch Betrug, Diebstahl und Prostitution in ihrer gängigen Einstellung von “der Kunde hat immer recht” herausgefordert. Sie knüpften deshalb Informationsnetze zwischen den Hotels und hielten Hotelangestellte dazu an, unliebsame Gäste ausfindig zu machen. Doch wie sollten diese Betrüger erkennen? Beinahe notwendig reproduzierten sie bestehende Vorurteile gegenüber vulnerablen Gruppen. In “Seeing Straight: Policing Sexualities in 1930s Manhattan Nightclubs” widmet sich Jennifer Le Zotte staatlichen Überwachungsmaßnahmen zur Einhegung von Gang-Kriminalität in Nachtclubs. Die Maßnahmen richteten sich jedoch effektiv gegen die LGBTQ-Community und zielten auf deren Isolierung, Stigmatisierung und Kontrolle. Ähnlich wie die Hotelangestellten wurden Bars und Cabarets dazu aufgefordert, Personen mit abweichendem Aussehen zu überwachen und von ihren Etablissements auszuschließen. Ihnen drohte ansonsten der Verlust ihrer Ausschanklizenz. Die Stadt New York entwickelte explizite Regelwerke, in denen Codes für anständige Kleidung und “straighte” Erscheinung festgelegt wurden. Im Endeffekt zeigte sich jedoch, dass die staatlichen Maßnahmen nicht nur ihr vermeintliches Ziel verfehlten, sie führten sogar zu einer Verstärkung organisierter Kriminalität.</p>
<p>Ein dritter Schwerpunkt des Bands widmet sich der Überwachung von Konsument:innen. In “The Information Bazaar: Mail-Order Magazines and the Gilded age Trade in consumer Data” zeichnet Richard Popp Vorformen dessen nach, was Zuboff als Vorhersageprodukte in den Überwachungsdiskurs eingeführt hat. Weitgespannte Informationsnetze versorgten den Versandhandel mit Informationen über Kund:innen, Listen von kaufwilligen Kontakten enthielten bis zu hunderttausende Namen. Data Broker entwickelten elaborierte Strategien, um die Informationen zu klassifizieren und solche Gruppen ausfindig zu machen, die besonders gut auf ausbeuterische Marketingstrategien anspringen. Das Kapitel “Why Did Uptown Go Down in Flames? Uptown Cigarettes and the Targeted Marketing Crisis” untersucht Widerstände gegen derlei Praktiken in den USA der 1990er. Die Tabakfirma Uptwon Cigarettes versuchte durch gezieltes Marketing junge schwarze Amerikaner:innen zu loyalen Konsument:innen d. h. Abhängigen zu machen. Ihr Versuch stieß auf heftigen Widerstand in der schwarzen Zivilbevölkerung und ging schließlich fehl. Eine breite Debatte über gezieltes Marketing an vulnerable Gruppen wurde in der Folge angestoßen.</p>
<p>Der Band schließt mit einem Nachwort von Sarah Igo, die darin das Projekt der Herausgeber noch einen Schritt weiter denkt. Grundsätzlich stimmt sie mit Lauer und Lipartito darin überein, dass “einer der größten Fehler in der zeitgenössischen Berichterstattung, […] darin besteht, unseren gegenwärtigen, datengesättigten Moment als ohne Parallele – ja ohne Geschichte – zu behandeln.” (S. 205) Können die Praktiken des Überwachungskapitalismus auf zahlreiche Vorgänger in der Geschichte zurückblicken, sei es stattdessen vielleicht die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Themen, die neu sei. Von Überwachungskapitalismus zu sprechen wäre dann womöglich redundant. Laut Igo stehe die Untersuchung gegenwärtiger kommerzieller Überwachungssysteme dennoch erst am Anfang. Ein stärkerer Fokus müsse jedoch darauf gelegt werden, wie Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hergestellt werden und Unternehmen ihre Überwachungsinfrastrukturen weitestgehend unbeachtet auf früheren Technologien, Gesetzen und Normen errichtet haben.</p>
<p>In vielen Aspekten stimme ich mit Sarah Igos Forderungen überein und auch das meiste von dem, was die Herausgeber in der Einleitung hervorheben, halte ich für wichtig. Das Panorama der vielgestaltigen Geschichte unternehmerischer Überwachung bereichert den Blick auf gegenwärtige Formen der Überwachung und geht über Zuboffs Analyse, die bis zum Kalten Krieg zurückreicht, hinaus – eine neue theoretische Perspektive bietet der Band jedoch nicht. In ihren konzeptuellen Innovationen ist Zuboff deutlich ergiebiger, wenn es darum geht, die Invasivität und Ubiquität zeitgenössischer Überwachungslogik sichtbar zu machen und zu kritisieren. Auch für die Frage Igos, wie Unternehmen ihre Überwachungssysteme so lange vor öffentlicher Einsicht verbergen und dabei in bestehende Infrastrukturen hineinweben konnten, liefert Zuboff eine ganze Bandbreite an Argumenten. Sie zeigt detailliert auf, wie Unternehmen durch verborgene Grenzübertritte und deren anschließender Normalisierung, Einflussnahmen auf wissenschaftliche Untersuchungen und Interessenskongruenzen mit der US-Regierung nach den Anschlägen vom 11. September ihre Überwachung in die Tiefenstrukturen von Internet, Politik und Alltag treiben konnten.</p>
<p>Und schließlich kommt Zuboffs Analyse der Arbeitsdefinition der beiden Herausgeber näher als womöglich angenommen. Auch sie ist nicht an einzelnen Technologien interessiert, sondern an einer spezifischen Logik, die sich in verschiedene Strategien und Taktiken gliedert. Deren extreme Realisierung in den Geschäftspraktiken von solchen Größen wie Google und Facebook ist es, die Zuboff fragen lässt, ob der Überwachungskapitalismus zur dominanten Logik unserer Zeit werden könnte. Dennoch ist es kein neuer und auch kein unbegründeter Vorwurf an Zuboff, wenn die Autoren ihr einen Hang zur Panikmache vorwerfen. Wenig Spielraum lässt die Ökonomin der Agency von Nutzer:innen, die im Zugriff der Plattformen zu bloßen Ressourcen verkommen. Ihr darüber hinaus technologischen Determinismus vorzuwerfen, grenzt jedoch an schlichte Unkenntnis. Eine ihrer wichtigsten Diagnosen ist es schließlich, diesen als weitere Verdunkelungsstrategie von Plattformunternehmen zu entlarven. Der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Technik setzt Zuboff konsequente politische Regulierung des Geschäftsmodells entgegen. Darin steckt ein Aufruf zum kollektiven Widerstand, der sie weit über das Projekt von Lipartito und Lauer hinausträgt. Von ihnen lässt sich aber lernen, dass es nie eine überwachungsfreie Form des Kapitalismus gegeben hat, der Widerstand sich folglich gegen den überwachenden Kapitalismus als solchen richten muss, anstatt wie es Zuboff nahelegt, gegen seine jüngste Gestalt.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2023/05/rezension-surveillance-capitalism-in-america/">Rezension: Surveillance Capitalism in America</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: The Politics of Personal Information</title>
		<link>https://criminologia.de/2022/12/rezension-the-politics-of-personal-information/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Wickert]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Dec 2022 09:44:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kontrolle und Sanktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminologie allg.]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[DSGVO]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://criminologia.de/?p=133693</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rezension des Buches: Larry Frohman (2021). The Politics of Personal Information. Surveillance, Privacy, and Power in West Germany. Berghahn.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2022/12/rezension-the-politics-of-personal-information/">Rezension: The Politics of Personal Information</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Kooperation mit dem <a title="Surveillance Studies" href="http://www.surveillance-studies.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Surveillance Studies Blog</a> veröffentlicht Criminologia Rezensionen von Büchern aus den Bereichen Überwachung &amp; Kontrolle und Kriminologie. Weitere Rezensionen finden sich <a title="Rezensionen" href="https://criminologia.de/studium/rezensionen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</p>
<div class="content-box-red">Die Rezension wurde verfasst von <em><a href="http://www.lewinski.eu" target="_blank" rel="noopener">Kai von Lewinski</a></em>, Passau</div>
<table width="100%">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="5" width="205px"><a href="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2022/12/Frohman-Politics.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-133694" src="https://criminologia.de/wp-content/uploads/2022/12/Frohman-Politics.jpg" alt="" width="198" height="300" /></a></td>
<td>Titel:</td>
<td><strong>The Politics of Personal Information. Surveillance, Privacy, and Power in West Germany</strong></td>
</tr>
<tr>
<td>Autor:</td>
<td>Larry Frohman</td>
</tr>
<tr>
<td>Jahr:</td>
<td>2021</td>
</tr>
<tr>
<td>Verlag:</td>
<td><a href="https://www.berghahnbooks.com/title/FrohmanPolitics" target="_blank" rel="noopener">Berghahn (New York/Oxford)</a></td>
</tr>
<tr>
<td>ISBN:</td>
<td>9781789209464</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die Geschichte des deutschen Datenschutzes und Datenschutzrechts ist angesichts der DSGVO abgeschlossen, scheinbar auserzählt, hinter 1970 zurück jedoch auch noch weitgehend unerforscht. Ein Blick zurück in und vor die Anfangszeiten des Datenschutzrechts lohnt, um unter die heute durch das europäische Grundrecht auf Datenschutz (Art. 8 GRCh) auf eine (zu) einfache Formel gebrachte Entwicklung und Diskussion zu schauen. Denn hinter einem solchen Begriff – dasselbe gilt für dogmatische Großformeln wie dem „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ – verbergen sich politische Kompromisse, unterschiedliche theoretische Konzepte und dogmatische Alternativen. Da das deutsche Datenschutzrecht ganz maßgeblich an der Wiege des europäischen Datenschutzrechts Pate stand, ist ein Blick in die deutsche Datenschutzgeschichte auch für das Verständnis des europäischen Datenschutzrechts und kommender Überwachungsherausforderungen hilfreich.</p>
<p>Hierzu hat der amerikanische Historiker Lawrence Frohman (Stony Brook), dessen Hauptarbeitsgebiet die deutsche Sozial- und Informationsgeschichte ist, eine umfangreiche Studie vorgelegt. Sie widmet sich hauptsächlich der Entstehung des deutschen Datenschutzrechts bis etwa 1990, daneben speziell den Auswirkungen hiervon auf das deutsche System innerer Sicherheit. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Vorangestellt ist ein Einführung, die den Gang der Darstellung vorstellt und auch schon als Zusammenfassung gelesen werden kann.<br />
In der Introduction und in Part 1 (mit seinem einzigen Chapter 1) wird das Entstehen des deutschen Meldewesens (nach dem II. Weltkrieg) und deren zunächst technikoptimistische Entwicklungsrichtung beschrieben bis hin zu dem/n Kipppunkt(en) um 1970 herum sowie den folgenden Jahren, die dann im Melderegisterrahmengesetz (MRRG) von 1980 ihren (vorläufigen) Abschluss fand.</p>
<p>Part 2 beschreibt zunächst das Entstehen und weitere Werden des Datenschutzrechts auf Bundesebene, also das des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG). Im Chapter 2 werden die ideengeschichtlichen – Juristen würden sagen: dogmatischen – Grundlagen des (späteren) Datenschutzrechts aufgezeigt, insbesondere die Kritik an Sphärenvorstellungen, und der spezifische würdebasierte Ansatz (vgl. Art. 1 Abs. 1 GG). Chapter 3 zeichnet die rechtspolitische Diskussion um das BDSG nach; hier ist die Arbeit eine gute Ergänzung der Arbeit von Werner Liedtke (Das Bundesdatenschutzgesetz. Fallstudie zum Gesetzgebungsprozess, 1980), der vornehmlich den eigentlichen parlamentarischen Gesetzgebungsprozess beschreibt. Unverzichtbar für das Verständnis der deutschen Datenschutzkultur ist die Protestbewegung gegen die für 1983 geplante und dann 1987 durchgeführte Volkszählung in Chapter 4. Chapter 5 handelt dann davon, wie die Datenschutzdiskussion (zusammen mit den Grünen) dann wieder in das Parlament zurückgekehrt und zu der Novellierung des BDSG von 1990 führte.</p>
<p>Dann macht das Buch einen Schwenk bzw. nimmt eine thematische Verengung vor, wenn es sich die Auswirkungen dieses deutschen Datenschutzrechts auf die Sicherheitsbehörden vornimmt. Kundig und auch für Kenner der Surveillance Studies in vielen Aspekten interessant sind die Kapitel zur informationellen Polizeiarbeit vor dem Computerzeitalter (Chapter 6), zur ansteigenden Bedeutung der zunehmenden Verdatung von Polizeiarbeit (Chapter 7), zu dem Quantensprung, der in diesem Bereich durch die Fahndung nach der RAF und der Durchleuchtung ihres Umfelds unter v.a. Horst Herold erfolgte (Chapter 8), und schließlich zur Reform des Datenschutzrechts bei den Sicherheitsbehörden nach dem Volkszählungsurteil von 1983 (Chapter 9).</p>
<p>Unzweifelhaft und auch nicht überraschend für das Werk eines Sozialgeschichtlers liegt der Wert der Arbeit zum einen darin, dass die Geschichte (der Entstehung) des (deutschen) Datenschutzrechts in einer Tiefe und Breite zusammengefasst wird, die es bislang so noch nicht gab; auf das insoweit beschränkte Werk von Liedtke ist bereits hingewiesen worden. Jedenfalls reicht das Buch weit über die geschichtlichen Abrisse in den Gesetzeskommentaren und Datenschutzlehrbüchern hinaus. Der Gewinn für den Datenschutzrechtler und (noch mehr) den Datenschutzpraktiker ist, sich der unterkomplexen Konzeption und dünnen theoretischen Basis des Datenschutzrechts und auch seiner verfassungsrechtlichen Grundlegungen bewusst zu werden. Denn die grundrechtliche, also subjektiv gedachte Konzeption eines „Rechts auf informationelle Selbstbestimmung“ kann die strukturellen Aspekte von Informationssystemen und Überwachungsinfrastrukturen nur unvollkommen abbilden. Dass die Datenschutzbeauftragten hier als mehr oder minder gut funktionierendes Scharnier fungieren, hätte in der Darstellung vielleicht noch stärker betont werden können. Für die an den Surveillance Studies Interessierten bietet das Buch darüber hinaus noch eine spezifische Studie zu der Aus- und Einwirkung des (frühen) Datenschutzrechts auf die Arbeit der Sicherheitsbehörden.</p>
<p>Das Buch von Larry Frohman ist, wie von angelsächsischen Akademikern nicht anders zu erwarten, angenehm zu lesen. Selbst ein penibler Jurist findet nur minimale rechtliche und rechtsgeschichtliche Ungenauigkeiten (Volkszählungsgesetz als erstes vom BVerfG verworfenes Gesetz [S. 16]; teilweise Gleichsetzung von Meldeämtern und Bürgerbüros [S. 59]), die beim Arbeiten in fremder Sprache und fremder Rechtsordnung wohl unvermeidlich sind. Wer sich nicht so sehr für die Geschichte und Tätigkeit der Sicherheitsbehörden interessiert, kann den Part 3 auch einfach nur querlesen oder überblättern.</p>
<p>Mit dem Buch hat die deutsche Datenschutzgeschichte einen dicken Schlussstein bekommen. Dass es kein Grabstein ist, sehen wir an der Fortentwicklung des deutschen Datenschutzrechts auf der europäischen Ebene. Sich der konzeptionellen Diskussionen und Theoriedebatten aus den Anfangszeiten zu erinnern, kann nicht schaden, denn diese sind nicht spezifisch deutsch, sondern vielleicht nur in spezifisch deutscher Weise hierzulande in den 1970ern und 1980ern ausgetragen worden. Ein Blick von gleichzeitig außen (aus den USA) und von innen (aus den damaligen politischen Diskussionen heraus) kann für die Zukunft des Datenschutzes nur hilfreich sein.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://criminologia.de/2022/12/rezension-the-politics-of-personal-information/">Rezension: The Politics of Personal Information</a> ist erschienen unter: <a href="https://criminologia.de">Criminologia</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
