Der Charakter der Wissensgesellschaft

Die Wissensgesellschaft als solche hat es als Motor oder Ergänzung der Industriegesellschaft von lange gegeben. Es wäre auch naiv zu glauben, dass Wissen in Industriezweigen wie Chemie oder Maschinenbau keine Rolle gespielt haben sollte. Dass der Begriff der Wissensgesellschaft derzeit in aller Munde ist – gerade auch in denen der Politiker – ist aus diesen Gründen für viele Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler nicht viel mehr als eine Modeerscheinung oder eine Marketingmaßnahme.

In der allgemeinen Begeisterung über die Wissensgesellschaft wird schnell darüber hinweggesehen, dass ihr eigentliches Wesen und die Abgrenzung gegenüber der Industriegesellschaft, der wir ja entwachsen sein wollen, sehr verschwommen sind.

Gleichgültig, welcher Definition von Wissen man sich anschließt, Wissen wird als Allgemeingut verstanden, an dem prinzipiell jeder partizipieren kann. Dem Wachstum des Wissens sind keine Grenzen gesetzt. Wissen ist somit weder ein neues, noch ein knappes Gut. Darüber hinaus ist der Begriff, wie zu Beginn erläutert, nicht eindeutig definierbar; sehr schlechte Voraussetzung also für eine neue Gesellschaftsform, die diesen Begriff zugrunde legt. Man kann zudem aus guten Gründen fragen, ob eine Gesellschaft durch Wissen definiert werden kann, obwohl keine Gesellschaft ohne Wissen auskommt.

Nach Daniel Bell, amerikanischer Publizist und Soziologe, lassen sich dennoch drei Punkte festhalten, an denen sich ein Strukturwandel hin zu einer Wissensgesellschaft nachvollziehen lässt:

  • In ökonomischer Hinsicht sind Gesellschaften des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts nicht mehr vorrangig an der industriellen Fertigung orientiert, sondern an einer Dienstleistungsökonomie. Um die Produktion herum gruppieren sich mittlerweile wissensintensive produktionsbegleitende Dienstleistungen wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung, Design, Logistik, Marketing, Beratung und Service sowie Management und betriebliche Organisation. Immer weniger Menschen sind mit der Produktion oder der Bewegung von Gütern beschäftigt.
  • In kognitiver Hinsicht verändert sich das Verhältnis zwischen Wissensarbeit und eigentlicher Produktion, da die wissensbezogene Vor- und Nachbereitung immer mehr Zeit beansprucht. Erfahrungswerte spielen in der heutigen Gesellschaft kaum noch eine Rolle; zu schnell geht die technische und wissenschaftliche Produktion voran. Produktive Tätigkeiten in allen Bereichen werden mehr und mehr von Wissen abhängig. Nico Stehr, Professor für Soziologie in Kanada, schrieb im Jahre 2001:

    »Dass unsere gegenwärtigen, entwickelten Industriegesellschaften als moderne Wissensgesellschaften bezeichnet werden können, liegt (...) am unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen.«

  • Dienstleistungsberufe werden im gesellschaftlichen Bewusstsein immer mehr aufgewertet. Es ist heute, zumindest in unserer Gesellschaft, nicht mehr in, Stahlarbeiter, Schreiner oder Elektriker zu sein. Heutzutage wird der Webdesigner, Architekt oder Manager weitaus mehr akzeptiert und geachtet. Die Symbolfigur unserer Zeit hat einen Hochschulabschluss und ist bereit zum lebenslangen Lernen.

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