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	<title>Kaalokagathie</title>
	
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		<title>Musa × paradisiaca (2)</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Jan 2012 21:53:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaal</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von diesem Wirtschaftsprüfer kam auch die Idee, sich einem Massenmarkt zu eröffnen. Nicht die Bananen, vielmehr die Bananenblätter, bisher im besten Fall ein Düngeprodukt, sollten dafür verkauft werden. Im Mund gekaut gaben sie einen bananigen Geschmack ab, zu dem sich noch dazu rasch ein wonniges Völlegefühl einstellte. Ein ökologischer Sattmacher. Ideal für eine ernährungsbewusste Mittelschicht. Für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von diesem Wirtschaftsprüfer kam auch die Idee, sich einem Massenmarkt zu eröffnen. Nicht die Bananen, vielmehr die Bananenblätter, bisher im besten Fall ein Düngeprodukt, sollten dafür verkauft werden. Im Mund gekaut gaben sie einen bananigen Geschmack ab, zu dem sich noch dazu rasch ein wonniges Völlegefühl einstellte. Ein ökologischer Sattmacher. Ideal für eine ernährungsbewusste Mittelschicht.</p>
<p>Für die Vermarktung entschloss man sich, einen ausländischen Fernsehfilm drehen zu lassen. Ein vor allem aus Fitnessvideos bekannter Darsteller wurde angeheurt. Auf seinem Blog berichtete er täglich über die laufenden Dreharbeiten entdeckte nebenbei, und an allen Produkt Placement Guidelines vorbei, das Bananenblattkauen und dessen bohemische, zugleich aber völlig risikolose Assoziationen mit cocakauenden Bauern. Das Einzige, dass er auf seiner Internetseite bemängelte, waren die hohen Sicherheitsvorkehrungen auf der Insel, eine Maßnahme, um eine mögliche Kontaminierung der Bananen durch den Fusarium-Pilz zu verhindern, aber gut, es gab schlimmeres als ständig an einem Sandstrand zu drehen.</p>
<p>Das LOHA-Magazins La dolce Vital jedoch witterte eine Geschichte zu dem neuen Produkt, das inzwischen in ersten Fitness- und Yoga-Studios erhältlich war. Die Redaktion erhielt auf weitere Anfragen aber nur eine Hochglanzbroschüre inklusive Bestellformular. Sie veröffentlichte daraufhin einen Artikel voller Fragezeichen, in der es die nachhaltige Authentizität der Blätter in Frage stellte. Wusste überhaupt jemand, unter welchen Bedingungen diese ökologischen Produkte angebaut wurden? Wurden Pestizide verwendet? Welche? Wie stand es um die Arbeiter, über deren Arbeitsbedingungen ja auch überhaupt nichts zu erfahren war? Gab es Mindestlöhne? Höchstarbeitszeiten? Altersvorsorge? Welche Regierung würde den bitte aktiv werden, gegen ein Unternehmen das praktisch einhundert Prozent der Exporte stellte? Und war diese drohende Kontamination nicht eine wunderbare Ausrede, jede interessierte Öffentlichkeit von der Insel fern zu halten? Schmeckten diese Diätblätter nicht doch sehr streng nach, nun, Bananenrepublik?</p>
<p>Die Banenblätter implodierten. Immer mehr Läden zogen ihre Bestellungen zurück, verweigerten die Annahme von Lieferungen, oder rühmten sich sogar explizit in ihren Auslagen, Bananenblätter so wenig zu führen wie Analogkäse. Schlimmer noch, auch der Absatz der Paradiesbananen brach merklich ein. Selbst unabhängige Prüfunternehmen, die Nadiv später auf die Insel holte und die ihm stapelweise nachhaltige Produktionsweisen und -bedingungen zertifizierten, konnten die Paradiesbanane nicht mehr retten. Sie galt mehr und mehr als ein Finanzierungsmittel einer autoritären Wirtschaftsmacht, dessen diktatorische Spitze Nadiv war.</p>
<p>Nadivs Verschwinden blieben im Großen ungeklärt, weder das wie noch das wohin sind bekannt. Ebenso wenig ob er bereits vom Eintreffen des Fusarium-Pilzes wusste, der binnen drei Jahren die Paradiesbananenplantagen verödete.Spätere Untersuchungen ergaben, dass er zuletzt an der hiesigen Hafenbar gesehen worden war. &#8220;Zeit,&#8221; sagte er zum Barkeeper, &#8220;das Trockensein aufzugeben.&#8221;</p>
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		<title>Musa × paradisiaca (1)</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 18:46:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaal</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nadivs Pflegemutter war etwas verrückt, so wie ihre eigene Eltern, die eine KFZ-Werkstatt im Münchner Osten betrieben, in dessen Hinterzimmer auch Fahrzeugscheine ersetzt wurden. Nadivs Pflegemutter entschloss sich nach ihrem Lehramtsstudium zu einem sozialen Jahr. Sie unterrichte in der einzigen Schule einer Südseeinsel, in der Obstkisten als Stuhlprovisorium herhalten mussten. Ihr Aufenthalt musste jedoch aufgrund logistischer Probleme [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nadivs Pflegemutter war etwas verrückt, so wie ihre eigene Eltern, die eine KFZ-Werkstatt im Münchner Osten betrieben, in dessen Hinterzimmer auch Fahrzeugscheine ersetzt wurden. Nadivs Pflegemutter entschloss sich nach ihrem Lehramtsstudium zu einem sozialen Jahr. Sie unterrichte in der einzigen Schule einer Südseeinsel, in der Obstkisten als Stuhlprovisorium herhalten mussten. Ihr Aufenthalt musste jedoch aufgrund logistischer Probleme &#8211; ihre Medikamente blieben aus – bereits zu den Zwischenzeugnissen abgebrochen werden. Wie sie, in der vollen Blüte ihres erblich belasteten Zustands, den vierjährigen Waisen Nadiv an Bord der Propellermaschine und anschließend durch zwei Zölle schmuggelte, bleibt ihr Geheimnis. Jedoch schaffe es Nadiv Dank einer Geburtsurkunde aus dem großelterlichen Hinterzimmer durch die Schule und bis an die Universität, wo er eine breitgestreute Allgemeinbildung genoss. Seinen Kommilitonen zufolge wählte er seine Studienkurse mit Hilfe einer Formel, dessen Kern ein Quotient aus Anfangszeit des Unterrichts und der Durchfallquote bildete, aber allen Kritastikern zum Trotz erwies sich seine Fächerkombination aus Biologie, Japanologie und BWL als ideale Kletterausrüstung für seinen Aufstieg in die Liste der reichsten Männer der neunziger Jahre.</p>
<p>In den Semesterferien 92 heuerte er auf einem Transportschiff nach Japan an,  und dort auf einem Fischkutter zu seiner Heimatinsel.Auf diesem fielen ihm erstmals die Bananen auf, größere und auch wohlschmeckendere Bananen als die ihm bisher bekannten, und endlich ein Mittel, um seinen Magen oben wie unten zu verschließen, nachdem sein Verdauungssystem seit Beginn der Reise auf Durchzug geschaltet hatte. Eine Biologiedozentin, der er nach seiner Rückkehr eine der Bananen zeigte, vermutete, dass es sich dabei um ein Exemplar der Sorte Gros Michael handelte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war diese Sorte noch weit verbreitet, bis ein verheerender Befall durch den Fusarium-Pilz die Bananenfelder von Dole und Chiquita praktisch über Nacht ausrottete und sie auf die heute verbreitete, kleinere Bananensorte umsteigen mussten. Die Gros Michael in seiner Hand hatte wohl nur durch die Abgeschiedenheit der Insel überlebt. Ein Saurier, in einer Welt voller Bananenechsen.</p>
<p>Nadiv überwand seine Aquaphobie ein weiteres Mal und war noch vor Semesterbeginn wieder auf der Insel. Er vermarktete die Bananen als Luxusfrucht in den asiatischen Staaten, zu einem Kilopreis, der selbst weißen Trüffel weiter erblassen ließ. Einmal etabliert, lief die Vermarktung seiner Paradiesbanane wie von selber. Er expandierte rasch nach Russland, dessen neuer Oberschicht ein wohlschmeckender Grund gerade recht kam, ihren neuen Reichtum aus dem Fenster zu schleudern. Über den Börsencrash und die Wirtschaftskriese Anfang des neuen Jahrtausends zuckte Nadiv nicht einmal mit den Schultern, auch deshalb, weil er da gerade eine Bananenkiste in den Privatjet eines arabischen Scheichs lud. Nadivs Geschäftsmodell war krisensicherer als eine Sargzimmerei. Verwaltet von einer eigenen Abteilung des größten Wirtschaftsprüfer weltweit.</p>
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		<title>Zwischenstopp</title>
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		<pubDate>Sun, 29 May 2011 20:27:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich fand den kleinen Flughafen am Ende einer löchrige Asphaltstraße außerhalb von Sidney, an der Gebrauchtwagenhändler Waren geparkt hatten, die alle auf demselben japanischen Modell zu basieren schienen und denen Tuning-Werkstätten mit Spoilern, Rennstreifen und nacktem Chrom im Nachgang so etwas wie Individualität angepappt hatten. Von dort würde es weiter gehen, zum Hauptsitz meines neuen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich fand den kleinen Flughafen am Ende einer löchrige Asphaltstraße außerhalb von Sidney, an der Gebrauchtwagenhändler Waren geparkt hatten, die alle auf demselben japanischen Modell zu basieren schienen und denen Tuning-Werkstätten mit Spoilern, Rennstreifen und nacktem Chrom im Nachgang so etwas wie Individualität angepappt hatten. Von dort würde es weiter gehen, zum Hauptsitz meines neuen Arbeitgebers.</p>
<p>Wendell war allein in dem verbeultem Wellblechterminal, über dessen unsauberen Fliesen der Geruch von industriellem Putzmittels geisterte. Er zog eine Packung Fischcracker aus einem Snackautomaten. Fünf weitere lagen bereits auf dem Automatendach. Schade. Ein wenig hatte ich gehofft, mal mit einem dieser Namenspappschilder aus der Menge heraus gelotst zu werden.<br />
“Kein Mensch will das Zeug mehr. Auch wenn da sicher nichts drin ist, was jemals Meerwasser gesehen hat.” Er warf die nächsten Münzen ein. Am Handgelenk trug er eine Rolex, gefasst in ein Plastikarmband voller milchiger Sprünge. Unter seinem halb aufgeknöpften Baumwollhemd sah ich einzelne Brusthaarstoppeln durch die bleiche Haut sprießen. “Aber statt es einfach in die Tonne zu treten, packen sie dahinter Geocaches an die du jetzt nur noch kommst wenn du vorher zehn Tüten von dem Zeug kaufst.”<br />
Entweder war er kein Freund von Begrüßungen oder aber tatsächlich so sehr beschäftigt, dass ihm soziale Konventionen gerade entglitten waren, auch wenn ich das für unwahrscheinlich hielt. Oder es lag einfach an der Frühmorgenstimmung aus Taufeuchte und Himmelsrot, die auch mir in Kombination mit dem Jetlag zu schaffen machte. Nennen wir es Altlasten aus dem Studium, jedenfalls ist mein Körper noch immer darauf konditioniert, zu solchen Uhrzeiten automatisch einen Schlafmangel zu unterstellen und die Konzentration runterzufahren. Damals ein probates Mittel um mich vom Schreibtisch ins Bett zu bringen. Inzwischen führt es aber dazu, dass ich schon mal auf einem leeren Flughafenzubringer in Australien auf die rechte Fahrbahnseite wechsle und das erst beim Abbiegen auf den Parkplatz merke.<br />
“Kannst dein Zeug schon reinbringen. Komm gleich nach.” Er deutete zu einem 15-Meter langen Jet auf der Rollbahn. Dann versetzte er wieder die Spirale mit den Fischcrackern in Bewegung. Durch die Scheibe war hinter zwei weiteren Tüten tatsächlich ein kleiner schwarzer Kasten zu sehen, der sich mit nach vorne drehte.</p>
<p>Über einen vierstufigen Haushaltstritt erreichte ich das Innere des Fliegers. Statt Sitzreihen stapelten sich  bis Hinten Metallkisten, die an blank geschliffenen Wandösen festgezurrt waren. Fruchtfliegen flogen zwischen den Fensterreihen und den Natriumdampflampen. Das Ganze erinnerte mich eher an eine LKW-Ladefläche als an ein Flugzeug. Sitzplätze fand ich nur im Cockpit. Auf einer der Kisten stand ein katzengroßer Reisekäfig. Beim Nähertreten fand ich darin einen Affen, der beherzt in die Tüte mit den Fischcrackern griff als ich sie ihm hinhielt. Vielleicht nicht der schlaueste Nahrung, wie mir später klar wurde als Wendell kurz darauf die Maschine vom Rollfeld steuerte. Die Klimaanlage hatte ihr Bauplanstadium offenbar nie verlassen. Ich sollte dem Kleinen wohl auch ein wenig Wasser geben. Später. In der Luft. Wie Studentendemonstrationen zeichnet sich meine Flugangst durch eine Art gelehrte Irrationalität aus. Seit ich irgendwo mal gelesen hatte, dass Start und Landung statistisch die kritischsten Momente sind, wechselt mein Puls auf Reisehöhe wieder rasch in einen ruhigen Balladentakt.</p>
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		<title>Die Stiftung zur Förderung jungfräulicher Geburt</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Mar 2011 12:36:52 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Spaßgesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit meiner Kündigung zum Jahreswechsel versuche ich mich, tapsig, in einem urbanen Lebenswandel. Ob Diana Auslöser oder Folge dieser Entscheidung war sei dahingestellt, jedenfalls brachte sie mich am Wochenende auf das Jahresbankett einer angesagten Stiftung zur Förderung jungfräulicher Zeugung, in einen Ballsaal voller Casual Chic und diskreter Liveband, an dessen Rand der Organisator, ihr alter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit meiner Kündigung zum Jahreswechsel versuche ich mich, tapsig, in einem urbanen Lebenswandel. Ob Diana Auslöser oder Folge dieser Entscheidung war sei dahingestellt, jedenfalls brachte sie mich am Wochenende auf das Jahresbankett einer angesagten Stiftung zur Förderung jungfräulicher Zeugung, in einen Ballsaal voller Casual Chic und diskreter Liveband, an dessen Rand der Organisator, ihr alter Freund Tom uns und sich einen Tisch freigehalten hatte. Die Haupteinladung galt wohl Diana. Frischer Single, versuchte er in letzter Zeit wieder zu beeindrucken, stieß aber auf keine Resonanz wie sie mir versicherte. Am Abend davor verlangte sie mir präventiv einen Waffenstillstand ab und ich  stellte mein profanes Geplauder zur Schau, bis sie zwei Stunden später besänftigt ihre gekonnt unmondäne Bettdecke für mich anhob.<br />
“Und diese authentische Schalfzimmerdeko, wie sind Sie nur darauf gekommen?” hauchte ich noch bevor ich ihr Apfelblütenparfüm schmeckte. Kein Anlass für eine Seifenoper. Das bekomme ich hin, einen Abend als geputzter Schatten an ihr zu kleben.<br />
<span id="more-1026"></span><br />
Nach dem Bananentiramisu kam Tom allerdings auf einen Job für mich zu sprechen, zumindest eine Halbtagsstelle, denn: “Weisst du, das mit der Stiftung wird gerade ein wenig viel.”<br />
Er pickte einen Biskuitkrümel von seiner Strickkrawatte, zu der er ein zweireihiges Sakko aus schimmriger Baumwollpopeline und sandfarbene Wüstenstiefel trug.<br />
“Nichts dramatisches, der Newsletter an die Mitglieder, Pressemeldungen und halt die Einladungsgeschichten für solche Abende. Meine Praktikantin kommt auch mit einen halben Schreibtisch aus, du kannst am Montag loslegen. Wenn du willst.”<br />
“Ja, gute Kommunikation ist ebenso wichtig wie unterschätzt,” sagte ich. “Ich lass mir das mal durch den Kopf gehen.”<br />
“Hier ist die Adresse,” er zog mit mäßiger Förmlichkeit eine Visitenkarte hervor, auf dessen Rückseite der Umriss eines Hammerhais prangte, der dem Betrachter mit überdimensionierten Glubschaugen verstörend niedlich zuzwinkerte.<br />
“Überleg es dir. Mich ruft die Pflicht.” Beim Aufstehen stieß er beinahe mit einem der Kellner zusammen der soeben den Espresso servierte, tauchte aber im letzten Moment unter dessen hochgezogenem Arm hindurch und verschwand, ohne sich weiter darum zu kümmern, in der Menge.</p>
<p>Diana rührte eine Weile kritisch durch die Crema, ich unterbrach sie nicht, offenbar bildete sie sich noch eine Meinung zu dem Angebot obwohl sie meine genau kannte.<br />
“Er will dir sicher nur helfen,” sagte sie schließlich.<br />
“Helfen so so, deswegen stahl ich jetzt übers ganze Gesicht, ich fragte mich schon.”<br />
“Etwas Selbstlosigkeit stünde dir ja ganz gut, finde ich. Etwas bessere Laune langsam mal auch.”<br />
Ich verbrannte mir die Zunge am Espresso.<br />
“Stimmt schon, wenn es um Schönschreiben und Schleifen binden geht ist da noch unerschöpftes Potential, aber nur weil ich die Karrieregedanken in die Tonne getreten habe muss es doch auch nichts sein, wo ich von einem Dreiviertelschreibtisch mit eigener Kopierkarte obendrauf träume.”<br />
“In den Wochen die wir uns jetzt kennen warst du jedenfalls ein Trauerspiel.”<br />
Was nicht von der Hand zu weisen war. Landesweit sahen sich die Personalabteilungen einer horrenden Anzahl von zu besetzenden Zahl ausgesetzt, auf meine Rückfragen hörte ich zwischen unterdrückten Schluchzern und röchelnden Kaffeemaschinen bisher nur die Bitte um noch ein wenig Geduld, sie würden sich schon bei mir melden. Einzig ein Bekannter meines Vaters ließ ausrichten ich könnte bei ihm anfangen, allerdings irgendwo im Südpazifik, sonderlich ernst nahm ich das nicht. Ich hatte ehrlich genug davon jeden Tag nur noch dieselben Gedanken von einer Hirnhälfte in die andere rieseln zu lassen wie Sand durch ein Stundenglas.<br />
“Denk darüber nach, versprochen,” lenkte sie ein, drückte mit einen Kuss auf die Wange und entschuldigte sich zur Toilette. Meine Antwort ging im aufkommenden Applaus unter. Der Sänger bat soeben die Stiftungsvorsitzende an das Mikrophon. Gloria, deren Nachnamen ich gehört aber vergessen hatte, begrüßte neben den vertrauten, auch die vielen neuen Gäste, mit so fester Stimme, dass das anfängliche nervöse Zurechtrichten der Gürtelschleife an ihrem Kaschmirkleid sicher Teil des Auftritts war, und ganz besonders begrüßte sie ihren Ehemann, Aufsichtsratmitglied eines multinationalen Konzerns für Stellschrauben. Wie Tom über dem Dinkel-Pilz Risotto offenbart hatte, war ein unerhörter Anteil der Firmenaktien vor einigen Monaten an die Stiftung gewandert um eine bevorstehende Übernahme durch einen chinesischen Werkzeugkoloss doch noch abzuwehren. Die Stiftung war durch dieses Finanzdoping unbeabsichtigt von ihrem Splittergruppendasein erlöst und zu einem corpus cognito befördert worden. Ihre Anfänge lagen in einem Studienbuch der Zoologie das sich Gloria Anfang der Sechziger als Einschlaflektüre von einer Mitbewohnerin ihres Wohnheim auslieh und darin von Insektenarten erfuhr, die ohne männliches Zutun ihren deswegen ausschließlich weiblichen Nachwuchs zeugten, woraufhin sie mit einigen Soziologiekommilitoninnen eine feminisierte Gesellschaftsutopie entwarf, die Männer auch von ihrer letzten lästigen Daseinsberechtigung, der Artenerhaltung, entbinden konnte.<br />
Eben diese Gründergruppe missbilligte die nun rasante Entwicklung der Stiftung allerdings gewaltig. Von zwei der vorderen Tische beäugten sie durch Kassenbrillen skeptisch wie Gloria mit einem Druck auf die kleine Fernbedienung in ihrer Hand den Grundriss eines eigens entworfenen Laborkomplexes an der Leinwand hinter ihr auftauchen ließ, der mit den Stiftungsgeldern im nächsten Jahr aufgebaut werden sollte. Zufallsentdeckungen wie zuletzt ein Hammerhai-Weibchen, das im Zoo von Nebraska ungepaart ein Jungtier gegen das Aquariumglas glitschen ließ, könnten in dieser Einrichtung durch strikte Geschlechtertrennung oder Kastrierung männlicher Artgenossen professionell provoziert werden. Die jungfräuliche Geburt könnte somit schon bald als weit verbreitete, völlig naturgegebene Fortpflanzungsvariante in der Tierwelt nachgewiesen werden, was die anstehende, notwendige Aufklärungsarbeit in der breiten Gesellschaft vereinfache. Eine eigene, allerdings nahezu repräsentative Umfrage hatte ergeben, dass bisher gerade neun Prozent der deutschen Bevölkerung von diesem Phänomen überhaupt wusste.<br />
Die folgenden Folien konzentrierten sich nun zunehmend auf die Laboreinrichtung, insbesondere die frisch patentierten Stellschrauben, eingebaut in sämtliche Tanks, Käfige, Mikroskope, Labortische und Bunsenbrenner. Eigentlich ja noch gar nicht in Serie. Vielmehr auch ein Leuchtturm, eine Demonstration überlegener Beschaffenheit gegenüber dem ungeübten Auge vergleichbar erscheinender Ware chinesischer Herkunft.</p>
<p>Der Rest des Saales pflegte längst vornehmes Desinteresse. Die Hände der Gründerinnen allerdings richteten immer hektischer ihre Seidenschals. Als Gloria dann noch das globale und interdisziplinäre Franchisingpotential des neuen Superlabors zur Sprache brachte, regte sich an ihren Tischen Tumult. Zwischenrufe wollten von “Sell-Out”, “Verrat an der Idee” und “Schwesternfehde” wissen. Nach mehreren, immer weniger besonnenen Kontern, die den pädagogisch vorgesehenen Effekt zunehmend verfehlten, drohten Handgreiflichkeiten. An den anderen Tischen blitzen Handys, etliche Unverarschbare wollten in dem Radau einen inszenierten Flashmob erkannt haben, den es pflichtgetreu in ihre sozialen Netzwerke zu verbreiten galt.<br />
Schließlich einigte sich die Gründergruppe auf einen uniformen, lautstarken Abmarsch, quer durch den Saal zu den einzig offenen, hinten gelegenen Ausgängen. Besonders Mutige zupften vereinzelt an den Ärmeln vorbei eilender Protestierender und fragten hingerissen, welche Agentur wohl hinter dieser Kampagne steckte, mit der sich die Stiftung so effizient in der Außenwahrnehmung von ihren kruden Wurzeln zu lösen verstand.</p>
<p>Von irgendwoher tauchte auch Mark wieder neben mir auf.<br />
“Wie du siehst wird es nicht langweilig.” Gut gelaunt rutschte er auf den Stuhl neben mir. Die schwarzen Haare wirkte inzwischen nicht mehr so professionell zerzaust. Sein Krawattenknoten hing seitlicher. Ob er noch in ein Handgemenge mit den Störenfrieden geraten war?<br />
“Also, hast du dich entschieden?”, fragte er<br />
Fuck it. Es musste wirklich was vorwärts gehen.<br />
“Wir sehen uns am Montag”, sagte ich.<br />
Er reichte mir die Hand zum symbolischen Vertragsabschluss. Ich schüttelte sie. Verbrüdernd zog er mich an seine Schulter. Ich stupste mit meiner Nase in seinen Kragen. Er roch nach Apfelblüte.<br />
“Dann brauchen wir was zum Anstoßen, wenn Diana zurück ist,” sagte er.<br />
“Ja”, antwortete ich schal. “Ich geh schauen wo sie ist.”<br />
Ich fühlte mich wie auseinandergenommen und schlecht zusammengesetzt. Vereinzelte Schrauben lagen noch am Boden. Ich fand keine passenden Löcher. Meine Gelenke wirkten matschig beim Aufstehen, dieselbe Konsistenz wie der Schnee den kurz darauf meine Stiefelabsätze auf dem Gehsteig mit rauchigem Schaben zerdrückten, das auf den geräumten Treppen in ein taktloses Klopfen überging und schließlich im Rauschen der einfahrenden U-Bahn ertrank.</p>
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		<title>Patholinguistische Problemstellung</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Nov 2010 22:11:16 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[notiert]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man drei Monate nach einem Umzug schließlich mit den Nachbarn ins Gespräch kommt die über einem wohnen, und sich so gut versteht, dass sie einen direkt in ihre Wohnung einladen, wenn man dort auf dem Wohnzimmertisch die Sonntagszeitung der Frankfurter Allgemeinen liegen sieht, und fragt ob sie diese denn geliefert bekommen, da man die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man drei Monate nach einem Umzug schließlich mit den Nachbarn ins Gespräch kommt die über einem wohnen,<br />
und sich so gut versteht, dass sie einen direkt in ihre Wohnung einladen,</p>
<p>wenn man dort auf dem Wohnzimmertisch die Sonntagszeitung der Frankfurter Allgemeinen liegen sieht,<br />
und fragt ob sie diese denn geliefert bekommen, da man die FAZ selber abonniert, aber seit dem Einzug keine Sonntagsausgabe mehr erhalten hat,</p>
<p>wenn man die Antwort, die haben sie gekauft natürlich glaubt, auch da man ja schon mal ein Wochenende verreist war,<br />
und am Montag noch die Samstagsausgabe im Hausflur vorgefunden hat,</p>
<p>wenn man dann aber am nächsten Sonntag vor die Tür geht,<br />
und einen das erste Mal die Sonntagsausgabe ungelesen erwartet,</p>
<p>welches Adjektiv setzt man am Besten vor diesen Zufall,<br />
wenn man jemandem davon erzählt?</p>
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		<item>
		<title>Spaßgesellschaft (3)</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Nov 2010 23:51:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[geschrieben]]></category>
		<category><![CDATA[Spaßgesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[“Ich brauche anständige Arbeit.” “Das hier ist anständige Arbeit.” “Wir stehlen gerade ein Auto ein.” “Im Auftrag des Umweltministeriums.” “Wo ich herkomme, ist das hier Stehlen.” “Wo du herkommst, da war das Stehlen. Freu dich, dass du die Stelle hier als Bewährungsauflage bekommen hast.” “Und wir nehmen es auch sicher keinem Unschuldigen weg?” “Seid wann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Ich brauche anständige Arbeit.”</p>
<p>“Das hier ist anständige Arbeit.”</p>
<p>“Wir stehlen gerade ein Auto ein.”</p>
<p>“Im Auftrag des Umweltministeriums.”</p>
<p>“Wo ich herkomme, ist das hier Stehlen.”</p>
<p>“Wo du herkommst, da war das Stehlen. Freu dich, dass du die Stelle hier als Bewährungsauflage bekommen hast.”</p>
<p>“Und wir nehmen es auch sicher keinem Unschuldigen weg?”</p>
<p>“Seid wann interessiert dich denn so was?&#8221;</p>
<p>&#8220;Es interessiert mich eben.&#8221;</p>
<p><span id="more-892"></span> &#8220;Na schön. Hier steht es. Amtliche Abgasblitzer haben der Karre die CO<sub>2</sub>-Werte eines ganzen Sommerstaus bescheinigt. Vier mal verwarnt. Ohne Reaktion. Soll der etwa weiter die Erderwärmung anheizen, bloß weil ihm sein Kumpel Plaketten ohne ordentliche Prüfung dranklebt?”</p>
<p>“Ich sag ja nur. So eine Bürostelle im Ministerium fänd ich nicht schlecht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Der Schrotthaufen vor uns verdient es, als Fallbeispiel ins neue Umweltgesetzbuch einzugehen.&#8221;</p>
<p>&#8220;Ihr hattet da eine Kaffeemaschine, oder?”</p>
<p>“Wie oft soll ich mich noch entschuldigen, dass ich die Thermoskanne wieder mal auf dem Küchentisch vergessen hab.”</p>
<p>“Ich versteh ja. Du konntest jahrzehntelang einfach in die Büroküche gehen und hast immer Frischgebrühten gefunden. Da hört man natürlich auf, sich um Kaffee zu sorgen.”</p>
<p>“Und jetzt steh ich am Straßenrand neben einem angeblichen Profi, der nicht mal einen Golf aufbekommt der älter ist als er selber.”</p>
<p>“He, ich öffne dir jeden Oberklassewagen in unter drei Minuten. Elektrische Schlösser von hochwertiger Qualität, das kann ich. Nicht diese eingerosteten manuellen Dinger die jemand von seinem ersten Studentengehalt gekauft habt.”</p>
<p>“Veraltete Arbeitsmethoden weit unter dem eigenen Niveau. So ist nun mal die Behördenarbeit. In sechs Monaten kannst du dich ja wieder den Nobelschlitten widmen.”</p>
<p>“Nadja findet, ich soll mir lieber anständige Arbeit suchen.”</p>
<p>“Das hier ist anständige Arbeit.”</p>
<p>“Mit einem Bürostuhl und einen Computer.”</p>
<p>“Du hast auch die einzige Freundin, die sich einen langweiligeren Freund wünscht.”</p>
<p>“Bei Frauen ist das wie mit Autos. Als Krimineller knackst du jede blitzschnell. Aber Eine für auf Dauer, das geht nur wenn du die Rechnungen mit legalem Geld bezahlen kannst.”</p>
<p>“Die werden dich im Ministerium nie einstellen. Die nehmen keine Kriminellen. Auch keine Ex-Kriminellen.”</p>
<p>“Arbeitszeiten im Tageslicht. Das musst du vorweisen. Und Frischgebrühten aus der Büroküche.”</p>
<p>“Ist ja gut.”</p>
<p>“Du könntest doch ein gutes Wort einlegen, du kennst da doch Leute.”</p>
<p>“Nur solche die froh sind, dass ich in den Außendienst versetzt wurde. Die bekommen höchstens ne gute Meinung von dir wenn ich mich über dich beschwere.”</p>
<p>“Na mach doch das.”</p>
<p>“Dann fesseln die dich an meine Seite bis ich in Rente gehe.&#8221;</p>
<p>&#8220;Ich glaube ja, du willst dich an meine Seite fesseln bis du in Rente gehst. Deswegen willst du kein gutes Wort bei denen einlegen. Warum soll es auch mal jemand besser haben als du.&#8221;</p>
<p>&#8220;Wird das langsam mal was?”</p>
<p>“Ohne Kaffee zum dran Händewärmen hab ich inzwischen ganz taube Finger.”</p>
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		<title>Ging früher doch auch ohne Weingläser</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Aug 2010 19:40:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<title>Massenbuchhaltung</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Aug 2010 21:45:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[31 Bücher]]></category>

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		<description><![CDATA[Mitunter geht es dann doch recht schnell: Die Bücher 6, 9, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29 und 30 reduzieren sich auf die einfache Formel: Gut genug, um sie gelesen zu haben aber nicht gut genug, um die neue Wohnung zu erleben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/08/IMG_68.jpg" rel="lightbox"><img src="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/08/IMG_68-300x225.jpg" alt="" title="IMG_68" width="300" height="225" class="aligncenter size-medium wp-image-828" /></a></p>
<p>Mitunter geht es dann doch recht schnell: Die Bücher <a href="http://kaalokagathie.de/2010/05/26/31-bucher-in-sicher-mehr-als-31-tagen/">6, 9, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29 und 30</a> reduzieren sich auf die einfache Formel: Gut genug, um sie gelesen zu haben aber nicht gut genug, um die neue Wohnung zu erleben.</p>
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		<title>Buch 3: Der Tokio-Montana Express</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Aug 2010 20:48:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[31 Bücher]]></category>

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		<description><![CDATA[Ausser Lebensläufe kurz vor dem Studienabschluss stehender Studenten gibt es nichts, was die Vernunft so hartnäckig jagt wie Geld. In einem pedantischen Kreuzzug gegen ihren Nemesis Vergnügen umgarnt sie ihre Opfer mit Sirenengesängen von einer Welt voll finanzieller Sicherheit und erhebt es zur Kapitalsünde, Dinge zu besitzen ohne diese zu benutzen. &#8220;Fühlst du dich denn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_768" class="wp-caption aligncenter" style="width: 490px"><a href="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/08/C_IMG_c.jpg" rel="lightbox"><img src="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/08/IMG_6867.jpg" alt="" title="IMG_6867" width="490" height="217" class="size-full wp-image-768" /></a><figcaption class="wp-caption-text">Kollateralschäden der erfolglosen Suche in den letzten Wochen</figcaption></figure>
<p>Ausser Lebensläufe kurz vor dem Studienabschluss stehender Studenten gibt es nichts, was die Vernunft so hartnäckig jagt wie Geld. In einem pedantischen Kreuzzug gegen ihren Nemesis Vergnügen umgarnt sie ihre Opfer mit Sirenengesängen von einer Welt voll finanzieller Sicherheit und erhebt es zur Kapitalsünde, Dinge zu besitzen ohne diese zu benutzen. &#8220;Fühlst du dich  denn jemals trauriger als beim Öffnen des eigenen Schranks voll ungetragener Kleidung?&#8221;, manipuliert sie dann. &#8220;Übertreffen die Schmerzen beim Anblick des verstaubten Heimfitnesstrainers nicht jeden Muskelkater, den dieser verursachen könnte? Und versinkt dein hart erarbeiteter Sozialstatus nicht im Treibsand der Borniertheit, wenn du bei der nächsten Grillfeier auf eine unschuldige Frage eingestehen müsstest, die meisten der aufgereihten Bücher erst noch lesen zu wollen?&#8221;<br />
Besser gar nicht erst den Laden betreten, wenn es nach der Vernunft geht.</p>
<p>Zumindest bei der Literatur habe ich ein Abwehrschild gegen die ungepflegten Fingernägel der Vernunft gefunden, mit denen sie sich vor jedem Buchladen in meinen Unterarm krallen und einimpfen will: Den <i>Tokio-Montana Express</i> von Richard Brautigan.<br />
<span id="more-767"></span>Veröffentlicht Ende der Siebziger ist er längst außer Druck und eine mir noch fehlende, angeblich höchst lesenwerte Sammlung von Kurzgeschichten des &#8220;letzten Beatniks und ersten Hippies&#8221;. Seit Jahren nutze ich es als Ausrede, nahezu jeden Laden zu betreten, dessen Schaufenster die zärtliche Vereinigung von Papier und Heißkleber auslobt.<br />
&#8220;Stell dir nur vor, liebe Vernunft&#8221;, sage ich dann zu ihr, &#8220;nach all den Anstrengungen, all den Fehlschlägen, all dem bedingungslosen Einsatz und ungebrochenem Willen den ich gezeigt habe, willst du mir da die Chance verwehren, hinter diesen Eingangstüren ein verfleddertes Restexemplar des <i>Tokio-Montana Express</i> zu finden und meine Bemühungen endlich zu belohnen?&#8221;, und nutze ihr kurzes Zögern um mindestens die nächste halbe Stunde den ein oder anderen neuen Zimmergenossen auszusuchen während sie draussen mit ihren epistomologischen Reißzähnen knirscht.</p>
<p>Die Chance, tatsächlich mal meinen Weg mit dem inzwischen standardisierten, ersten Blick kurz vor dem C in der Romanabteilung bereits beenden zu müssen, dürfte englische Buchmacher die Endlichkeit der Excel-Charts erkennen lassen, auf denen sie ihre Quoten führen. Spätestens nachdem ich in Brautigans Heimatstadt San Francisco jeden auffindbaren <i>used book store</i> betreten habe und bestenfalls immer nur <i>Trout fishing in Amerika</i>, <i>Revenge of the lawn</i> und <i>A confederate general from Big Sur</i> begegnet bin. Der <i>Tokio-Montana Express</i> wird eine ewige Lücke in meinem Bücherregal bleiben, die literarische Helena einer bibliophilen Odyssee, mein unvernünftigstes und eindeutig mein Lieblingsbuch. Und ich behaupte mal frech, Brautigan hätte das gefallen.</p>
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		<title>Halb so wild</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Jul 2010 00:27:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Graphen]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/07/mistakes.jpg" rel="lightbox[732]"><img src="http://kaalokagathie.de/wp-content/uploads/2010/07/mistakes" alt="" title="mistakes" class="aligncenter size-full wp-image-719" /></a></p>
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