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            <p data-rte-preserve-empty="true">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@dbbrg?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Daniel Boberg</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/ein-gebaude-mit-vielen-fenstern-PnA-Id-xazc?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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  <p data-rte-preserve-empty="true" class="sqsrte-large">Demokratie lebt davon, dass politische Mehrheiten nicht nur Personal austauschen, sondern auch Verhältnisse verändern können. Gerade damit tut sich die politische Mitte immer schwerer</p><p data-rte-preserve-empty="true">Es gibt politische Aussagen, die schnell schlecht altern. Am 8. September <a href="https://www.zeit.de/news/2026-09/08/soeder-gegen-afd-verbot-aber-fuer-haertere-gangart">saß Markus Söder bei Maischberger</a> und wurde gefragt, ob man einem möglicherweise von der AfD regierten Sachsen-Anhalt über den Länderfinanzausgleich den Geldhahn zudrehen sollte. Söder nannte die Idee „absurd“. Man könne über den Finanzausgleich reden, aber man dürfe ihn nicht zur Bestrafung eines Landes nutzen. Der Wahlsieg der AfD sei ein demokratisches Votum, das man akzeptieren müsse. Zwei Wochen später hatte Berlin gewählt, die Linke war stärkste Kraft geworden, und Söder brachte nun selbst <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/soeder-will-einem-links-regierten-berlin-den-geldhahn-zudrehen%2CVVvxwRc">den Länderfinanzausgleich und den gerade erst erneuerten Hauptstadtvertrag ins Spiel</a>. Eine mögliche Linksregierung betreibe extremistische, antidemokratische und antisemitische Politik, Bayern könne dafür nicht auch noch zahlen.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Man muss Markus Söder nicht für einen Mann besonders fester Grundsätze halten, um über diesen Unterschied zu stolpern. Nach dem Wahlsieg einer Partei, <a href="https://www.bverwg.de/200525B6B23.24.0">die weiterhin als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet werden darf</a>, verbietet sich für ihn die finanzielle Sanktion eines Landes gerade aus demokratischen Gründen. Gewinnt zwei Wochen später eine demokratische Partei eine freie Wahl, wird aus demselben Gedanken plötzlich eine zumindest diskutable Reaktion auf deren politische Ausrichtung. Die beiden Fälle sind nicht identisch. Der Widerspruch bleibt trotzdem. Und er passt gut zu dem, was seit dem Berliner Wahlabend passiert.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Die Linke hat eine Wahl gewonnen, und binnen weniger Tage entstand eine Lage, in der dieses Wahlergebnis selbst beinahe zur Nebensache wurde. Ein unangemeldeter Issa Remmo auf einer öffentlichen Wahlparty, erklärungsbedürftige Kontakte des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak und eine reale Auseinandersetzung über Antisemitismus in Teilen der Partei <a href="https://www.tagesschau.de/inland/linke-berlin-antisemitismus-100.html">verschmolzen zu einem Gesamtbild</a>. Ein CDU-Innenpolitiker erklärte die Berliner Linke bereits zum <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101449014/cdu-innenexperte-nennt-berliner-linke-sicherheitsrisiko-.html">„veritablen Sicherheitsrisiko“</a> für die Stadt und möglicherweise das ganze Land und behauptete „sehr, sehr enge Verbindungen“ zur organisierten Kriminalität. Karin Prien sagte gar, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/juden-koennen-sich-in-berlin-nicht-mehr-sicher-fuehlen-wenn-elif-eralp-gewaehlt-wird-karin-prien-warnt-spd-und-gruene-vor-regierung-mit-linken/">Jüd:innen seien in Berlin nicht mehr sicher, wenn Elif Eralp Regierende Bürgermeisterin werde</a>. Aus SPD und Grünen kamen Forderungen nach Ausschlüssen und Sanktionen gegen einzelne Linke und Warnungen, eine Koalition könne daran scheitern.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Damit sind die Vorwürfe nicht erledigt. Koçak muss sein Verhalten erklären, und die Linke hat beim Umgang mit Antisemitismus und dem Nahostkonflikt einen realen Grundkonflikt. Der ist schließlich nicht erst gestern entstanden. Schon 2024 eskalierte er auf einem Berliner Landesparteitag. Wenig später verließen mit Klaus Lederer, Elke Breitenbach und weiteren langjährigen Berliner Linken prominente Mitglieder die Partei. Sie begründeten ihren Schritt unter anderem damit, dass sich in zentralen politischen Fragen unvereinbare Positionen verfestigt hätten und die notwendige sachliche Klärung ausbleibe.</p><p data-rte-preserve-empty="true">In diesem Punkt dürfte auch politische Professionalisierung nötig sein. Eine Partei mit Regierungsanspruch kann einen solchen Grundkonflikt nicht dauerhaft von Fall zu Fall austragen. Sie braucht einen belastbaren gemeinsamen Rahmen dafür, welche Positionen sie trägt, wo ihre Grenzen liegen und wie sie mit Grenzüberschreitungen umgeht. </p><p data-rte-preserve-empty="true">Interessanter ist die Geschwindigkeit, mit der aus solchen Konflikten und konkreten Vorfällen ein Urteil über die ganze Partei und schließlich über ihre Regierungsfähigkeit wird. Aus einem nicht eingeladenen Gast wird „Clannähe“, aus problematischen Positionen einzelner Mitglieder ein Antisemitismusverdacht gegen eine ganze mögliche Landesregierung und aus all dem schließlich die Frage, ob Sicherheitsbehörden einem links regierten Berlin überhaupt noch sensible Informationen anvertrauen könnten.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="sqsrte-large">Die neuen roten Socken</p><p data-rte-preserve-empty="true">Vielleicht kommt einem das bekannt vor. 1994 versuchte die Union mit der sogenannten <a href="https://www.bpb.de/system/files/apuz_files/1994-51-52/APuZ_1994_51-52.pdf">Rote-Socken-Kampagne</a>, nicht nur die PDS zu treffen, sondern auch SPD und Grüne über eine mögliche Zusammenarbeit mit ihr unter Generalverdacht zu stellen. Es ging nicht einfach darum, eine konkurrierende Partei hart zu kritisieren. Die größere Botschaft lautete: Wer mit diesen Leuten zusammenarbeitet, verlässt selbst den Bereich vernünftiger, verantwortbarer Politik. Die Kampagne setzte dabei ganz bewusst auf alte antikommunistische Reflexe.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Dreißig Jahre später ist die Linke eine andere Partei, Deutschland ein anderes Land und der Vorwurf des Antisemitismus etwas anderes als der des Kommunismus. Trotzdem funktioniert der Reflex heute ähnlich. Nicht nur die Linke soll nun nachweisen, dass sie regierungsfähig ist. Auch SPD und Grüne müssen erklären, unter welchen Bedingungen sie sich eine Zusammenarbeit mit der Wahlsiegerin überhaupt erlauben dürfen. Innerhalb weniger Tage geht es kaum noch darum, was die Linke politisch vorhat, sondern darum, ob sie überhaupt als normale Regierungspartei gelten darf.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Vor allem Teile der bürgerlichen Medien verstärken diese Dynamik. In kurzer Folge entstand aus Remmo, Koçak, Antisemitismusvorwürfen, Warnungen vor Enteignung und Forderungen nach personellen Konsequenzen eine fortlaufende Geschichte über eine Partei, mit der grundsätzlich etwas nicht stimmt. Dafür benötigt es keine abgesprochene Kampagne. Politische und mediale Reflexe können sich auch so gegenseitig verstärken. Die alte Rote-Socken-Kampagne brauchte noch Plakate, heute genügt eine ausreichend hohe Schlagzahl.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Nur gilt dieser Maßstab offenbar nicht überall gleichermaßen. Antisemitismus ist empirisch keineswegs ein spezifisch linkes Phänomen. Der repräsentative <a href="https://berlin-monitor.de/wp-content/uploads/2026/03/BerlinMonitor_2025_Web_2026-03.pdf">Berlin-Monitor</a> findet antisemitische Ressentiments bei Menschen, die sich links oder Mitte-links verorten, durchgängig seltener als bei Mitte-rechts und rechts außen, ausdrücklich auch beim israelbezogenen Antisemitismus. Und selbst für den Remmo-Besuch gibt es ein passendes Gegenstück: <a href="https://berlin.t-online.de/region/berlin/id_100582214/berlin-remmo-clanboss-im-abgeordnetenhaus-exklusive-fotos.html">Anfang 2025 war Issa Remmo bereits Teil einer Besuchergruppe im Abgeordnetenhaus, die über den CDU-Abgeordneten Christian Zander angemeldet worden war</a>. Zander erklärte anschließend, von Remmos Teilnahme nichts gewusst und ihn nicht persönlich eingeladen zu haben. Das kann man glauben. Eine Debatte über die „Clannähe“ entstand daraus damals jedenfalls nicht.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der gerade abgewählten schwarz-roten Regierung selbst. Ein mit 390.000 Euro gefördertes Projekt gegen Antisemitismus wurde von einer CDU-Funktionärin geleitet, die <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article699efa341d5ca1372db11209/antisemitismus-vorwurf-gegen-leiterin-von-cdu-gefoerdertem-projekt-senatorin-nennt-aeusserungen-verstoerend.html">George Soros auf X als „Parasiten“ bezeichnet hatte</a>. Der gesamte Fördertopf geriet später wegen seiner Vergabe in die Kritik: <a href="https://www.berlin.de/rechnungshof/veroeffentlichungen/veroeffentlichungen/2026_beratungsbericht_zuwendungen_senkultgz_gesamt.pdf?ts=1776941516">Der Berliner Rechnungshof bewertete das Verfahren für 13 Projekte als „evident rechtswidrig“</a>. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Sie wurden aber einzelnen Verantwortlichen zugerechnet und entsprechend politisch verhandelt. Genau darin liegt der Unterschied: Solche Vorgänge führen normalerweise zu Debatten über Fehlverhalten, Verantwortung und politische Konsequenzen. Bei der Linken steht binnen weniger Tage die ganze Partei zur Debatte.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="sqsrte-large">Was wurde da eigentlich gewählt?</p><p data-rte-preserve-empty="true">Die Linke hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und mit 25,7 Prozent ihr historisch bestes Ergebnis bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl erzielt. <a href="https://www.tagesschau.de/inland/landtagswahlen/berlin/2026/vorlaeufiges-ergebnis-berlin-abgeordnetenhaus-2026-100.html">Elif Eralp hatte ihren Wahlkampf vor allem auf ein Thema konzentriert: Wohnen</a>. Nicht die Abschaffung des Kapitalismus, nicht den Nahostkonflikt, sondern die Frage, ob eine Stadt, in der Mieten seit Jahren einen immer größeren Teil der Einkommen auffressen, daran politisch etwas ändern kann.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Auch die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne, die nun wieder wie der besonders radikale Kern des linken Programms behandelt wird, ist keine politische Marotte einer kleinen Partei. <a href="https://www.berlin.de/wahlen/abstimmungen/deutsche-wohnen-und-co-enteignen/">Im September 2021 stimmten 57,6 Prozent der Teilnehmenden eines Berliner Volksentscheids</a> dafür, den Senat aufzufordern, Maßnahmen zur Überführung der Bestände großer privater Wohnungsunternehmen in Gemeineigentum einzuleiten. Der Volksentscheid war rechtlich kein fertiges Vergesellschaftungsgesetz, aber das Votum eindeutig.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Man kann über Entschädigungssummen, Wohnungsbau, Investitionen und die Wirksamkeit einer Vergesellschaftung streiten. Art. 15 des Grundgesetzes sieht Vergesellschaftung ausdrücklich vor. Die eigentliche Frage ist eher, wie lange und wie selbstverständlich ein so deutliches Abstimmungsergebnis anschließend weitgehend folgenlos bleiben konnte.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Dass nun ausgerechnet die Partei, die diesen Auftrag wieder aufnimmt, zur stärksten Kraft wird, ist deshalb zunächst einmal kein demokratisches Wunder. Menschen erleben ein Problem, haben sich dazu sogar schon einmal mehrheitlich positioniert, und wählen eine Partei, die verspricht, daraus politische Konsequenzen zu ziehen. Genau das sollte gemeint sein, wenn wir sagen, dass Demokratie politische Alternativen braucht.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="sqsrte-large">Was nicht mehr funktionieren will</p><p data-rte-preserve-empty="true">Der Erfolg rührt allerdings an Fragen, über die die politische Mitte lange kaum noch grundsätzlich gestritten hat. Seit den achtziger und neunziger Jahren wurde der ökonomische Raum dessen, was als realistische Politik galt, immer enger. Privatisierung, Deregulierung, Agenda 2010 und Schuldenbremse waren politische Entscheidungen. Mit der Zeit erschienen viele ihrer Voraussetzungen aber wie Sachzwänge: Der Standort verlangt, der Markt erwartet, das Kapital könnte abwandern, der Haushalt lässt es nicht zu.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Dieses Arrangement verliert erkennbar an Bindekraft. Wenn Wohnen immer teurer wird, Vermögen immer stärker über Lebenschancen entscheiden, öffentliche Infrastruktur schlechter funktioniert und zugleich der Eindruck entsteht, an den grundlegenden Verhältnissen lasse sich politisch wenig ändern, <a href="https://www.jasperkosok.com/text/2026/9/13/die-soziale-frage-ist-grer-als-das-geld">wird aus der sozialen irgendwann auch eine demokratische Frage</a>. Nicht nur: Wer hat wie viel? Sondern: Können wir darüber überhaupt noch entscheiden?</p><p data-rte-preserve-empty="true">Genau hier unterscheiden sich AfD und Linke fundamental. Die AfD stellt in erheblichem Maße infrage, wer zu dieser Gesellschaft gehören soll, wie Minderheiten geschützt werden und wie liberal diese Demokratie sein soll. Die Linke dagegen stellt infrage, wem Wohnungen, Boden und Vermögen gehören, wie viel gesellschaftliche Macht daraus entstehen darf und wo Eigentum Grenzen haben soll. Die AfD greift also Teile der liberalen Demokratie selbst an, die Linke streitet innerhalb dieser Demokratie darüber, wie Eigentum und gesellschaftlicher Reichtum verteilt sein sollen.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Trotzdem reagiert ein Teil der politischen Mitte auf beide Herausforderungen beinahe spiegelverkehrt. Gegenüber der AfD wird seit Jahren darüber gesprochen, ihre Wähler:innen zurückzugewinnen, ihre Themen ernst zu nehmen, Migration restriktiver zu gestalten und die Brandmauer zu überdenken. Söder erklärte nach Sachsen-Anhalt gar, letztere sei gescheitert. Gegenüber der Linken genügt ein Wahlsieg, und innerhalb weniger Tage reden Unionspolitiker:innen über finanzielle Sanktionen, eingeschränkten Austausch von Sicherheitsinformationen und die Gefahren einer linken Bürgermeisterin.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Ein Teil der Erklärung liegt wahrscheinlich in der politischen Konkurrenz selbst. Die Union kämpft mit der AfD um Wähler:innen, die sie zurückgewinnen möchte, und glaubt zumindest teilweise, das durch programmatische Verschiebung erreichen zu können. Die Linke berührt etwas anderes: Besitzstände. Wer besitzt die Wohnungen und den Boden? Wie stark darf Politik große Vermögen und die Macht begrenzen, die aus ihnen entsteht? Welche Güter müssen überhaupt privat organisiert sein? Und was bedeutet der Satz des Grundgesetzes, Eigentum verpflichte, wenn er mehr sein soll als eine hübsche Floskel?</p><p data-rte-preserve-empty="true">Das sind keine revolutionär neuen Fragen. Vieles davon gehörte einmal selbstverständlich zum Repertoire europäischer Sozialdemokratie. Dass sie heute so schnell wie ein Angriff auf die Ordnung wirken, sagt vielleicht weniger darüber aus, wie weit die Linke nach links gerückt ist, als darüber, wie festgefahren unser Begriff vermeintlich vernünftiger Wirtschaftspolitik inzwischen geworden ist.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="sqsrte-large">Der Brandbeschleuniger</p><p data-rte-preserve-empty="true">Wenn dieser enge wirtschaftspolitische Rahmen die gegenwärtigen Probleme immer schlechter löst, muss wieder mehr politisch verhandelbar werden. Wie viel Ungleichheit wollen wir? Welche Macht darf Eigentum verleihen? Was sollte öffentlich organisiert sein? Und wer bezahlt gesellschaftliche Veränderung?</p><p data-rte-preserve-empty="true">Stattdessen droht das Gegenteil. Eine demokratische Partei gewinnt mit einer erkennbar anderen Verteilungsagenda, und binnen Tagen wird darüber diskutiert, welche politischen und finanziellen Konsequenzen ihr Wahlsieg haben sollte. Genau darin liegt das Gefährliche an der neuen Rote-Socken-Kampagne. Nicht darin, dass hart gestritten wird. Demokratie verträgt sehr viel Streit. Problematisch wird es, wenn bestimmte Veränderungen zwar zur Wahl gestellt werden dürfen, aber möglichst nicht stattfinden sollen, selbst wenn sie eine Mehrheit bekommen.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Denn die radikale Rechte erzählt seit Jahren, das demokratische System sei nur scheinbar offen. Die wesentlichen Entscheidungen würden von einem Kartell aus Parteien, Medien und Eliten getroffen, wirkliche Veränderung werde am Ende verhindert. Diese Erzählung ist in ihrer pauschalen Form falsch und dient selbst dazu, Vertrauen in demokratische Institutionen zu zerstören. Umso weniger sollte man ihr ausgerechnet jetzt Futter liefern.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Eine Demokratie muss aushalten, dass Mehrheiten nicht nur das Personal, sondern auch politische Verhältnisse verändern wollen. Vielleicht liegt darin inzwischen die wichtigere Grenze der politischen Mitte: ob sie noch akzeptiert, dass auch Entscheidungen, die lange als gesetzt galten, wieder politisch verhandelbar werden. Eine Mitte, die sich selbst nur noch darüber definiert, bestimmte Veränderungen zu verhindern, wird irgendwann keine Mitte mehr sein, sondern der politische Ausdruck des Status quo.</p><p data-rte-preserve-empty="true">Wenn sie die Wohnungspolitik der Linken für falsch hält, soll sie eine bessere anbieten. Wenn sie Vergesellschaftung verhindern will, soll sie erklären, wie Berlin seine Wohnungsfrage sonst lösen kann. Wenn sie höhere Steuern auf große Vermögen ablehnt, soll sie dafür Mehrheiten gewinnen. Und wenn ihr das nicht gelingt, gehört auch das zur Demokratie: Manchmal verliert man Wahlen. Das ist keine Krise des Systems, sondern eine seiner Voraussetzungen.</p>]]></description></item><item><title>Die soziale Frage ist größer als das Geld</title><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Sun, 13 Sep 2026 13:13:44 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2026/9/13/die-soziale-frage-ist-grer-als-das-geld</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:6aa69c0220f06e253b543fa5</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p class="">Bild von <a href="https://unsplash.com/de/@mariusmatuschzik"><strong>Marius Matuschzik</strong></a><strong> </strong><a href="https://unsplash.com/de/fotos/graues-und-weisses-holzhaus-in-strassennahe-unter-weissen-wolken-und-blauem-himmel-tagsuber-5i3Y_IOvUYY"><strong>(Unsplash)</strong></a></p>
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  <h3 data-rte-preserve-empty="true">Wer bekommt wie viel? Das ist eine zentrale soziale Frage. Aber vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, sie für die ganze soziale Frage zu halten</h3><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt habe ich von vielen Kolleg:innen, die ich sehr schätze, einen Satz gehört, der mir so oder ähnlich schon öfter begegnet ist. Ich paraphrasiere: Jetzt müsse man aber wirklich und endlich die soziale Frage stellen. Und meine erste Reaktion darauf ist: Ja. Natürlich. Wir leben in einem Land, in dem Vermögen extrem ungleich verteilt sind, Erbschaften oder deren Fehlen Biografien auseinanderdriften lassen, Mieten in Großstädten für viele Menschen zum beherrschenden Kostenfaktor geworden sind und sich gleichzeitig seit Jahren der Eindruck verfestigt, für alles Mögliche sei kein Geld mehr da. Schulen, Bahn, Brücken, Schwimmbäder, Pflege, Kommunen: schwierig. Erbschaften stärker besteuern? Auch schwierig. Vermögen? Noch schwieriger. Die Wirtschaft schwächelt, die Schuldenbremse drückt, Unternehmen könnten abwandern und irgendwo sitzt mit Sicherheit bereits jemand in einem Ausschuss und erklärt, warum ausgerechnet sein Geschäftsmodell jetzt wirklich nicht zusätzlich belastet werden kann.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Also ja: Stellen wir die soziale Frage. Nur merke ich, je häufiger ich diesen Satz lese, dass mich etwas daran stört. Es mag nur begriffliche Pedanterie sein, aber wenn wir von der sozialen Frage sprechen, meinen wir häufig die finanzielle. Wer hat wie viel? Wer verdient wie viel? Wer besitzt was? Was kostet die Wohnung? Wie hoch ist die Rente? Wer trägt welche Steuerlast? Alles wichtige Fragen. Vielleicht sogar die wichtigsten. Aber sind es wirklich die einzigen sozialen Fragen?</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Denn „sozial“ bezeichnet doch eigentlich etwas sehr viel Größeres. Wie Menschen miteinander leben. Wem sie vertrauen. Wer Anerkennung erfährt. Wer sich zugehörig fühlt und wer nicht. Welche Lebensentwürfe als normal gelten. Wer das Gefühl hat, gehört zu werden. Wer bestimmen darf, was als Fortschritt gilt. Welchen Status jemand innerhalb einer Gesellschaft besitzt und was passiert, wenn dieser Status tatsächlich oder vermeintlich verloren geht. Vielleicht verstehe ich den Begriff also einfach falsch. Aber wann ist das Soziale eigentlich derart auf das Ökonomische zusammengeschrumpft?</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Seltsam ist nur, dass selbst scharfe Kritik am Kapitalismus dessen Menschenbild manchmal ziemlich nah bleibt. Der Kapitalismus, etwas grob gesprochen, übersetzt beinahe alles in ökonomische Kategorien. Arbeit bekommt einen Preis, Boden bekommt einen Preis, Zeit bekommt einen Preis, Aufmerksamkeit mittlerweile sowieso. Wer viel besitzt, hat nicht nur viel Geld, sondern meistens auch mehr Möglichkeiten, mehr Sicherheit, mehr Einfluss. Die Kritik antwortet darauf häufig: Das ist ungerecht verteilt. Stimmt. Nur beginnt das Problem womöglich einen Schritt früher. Wenn wir gesellschaftliche Verhältnisse vor allem darüber beschreiben, wer welchen Anteil an etwas bekommt, das sich in Geld ausdrücken lässt, haben wir dann nicht bereits akzeptiert, dass genau darin die entscheidende Maßeinheit menschlichen Wohlergehens liegt?</p><h3 data-rte-preserve-empty="true">Aus einer geschlossenen Sparkassenfiliale wird noch keine Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen</h3><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Das ist natürlich ein unfairer Einwand. Eigentum bedeutet Macht. Ein Milliardär kann seine Interessen auf eine Weise durchsetzen, die einer Altenpflegerin schlicht nicht zur Verfügung steht. Unternehmen beschäftigen Lobbyist:innen, besitzen Medien, finanzieren Kampagnen, bestimmen Arbeitsbedingungen und entscheiden darüber, wo investiert wird und wo nicht. Es wäre einigermaßen albern, diese Unterschiede mit dem Hinweis wegzuwischen, Menschen hätten schließlich auch Gefühle. Und vielleicht ist genau deshalb die Versuchung so groß, auch vermeintlich kulturelle Konflikte als Ausprägungen materieller Verhältnisse zu verstehen. Konkurrenz, Abstiegsangst, Rassismus, der Wunsch nach Abgrenzung: All das lässt sich sicherlich am Ende auch mit der Logik kapitalistischer Gesellschaften in Verbindung bringen.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Vielleicht. Nur stolpere ich inzwischen ein bisschen über dieses „am Ende“. Denn wenn man weit genug herauszoomt, lässt sich fast jedes gesellschaftliche Phänomen auf eine grundlegende Struktur zurückführen. Die Frage ist nur, ob die Erklärung dadurch immer besser wird. Oder ob irgendwann das Gegenteil passiert und wir ausgerechnet jene Ebene aus dem Blick verlieren, auf der Menschen ihre Welt tatsächlich wahrnehmen. Aus einer kaputten Bahnstrecke folgt schließlich noch keine Ablehnung von Geflüchteten. Aus einem niedrigen Einkommen keine Feindschaft gegenüber queeren Menschen. Aus einer geschlossenen Sparkassenfiliale keine Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen. Und aus einer ungerechten Erbschaftsteuer folgt erst recht nicht zwangsläufig, dass jemand sein Kreuz bei einer rechtsextremen Partei macht.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Zwischen materieller Erfahrung und politischer Reaktion liegt eine Deutung. Jemand muss erklären, warum es mir schlechter geht. Warum meine Umgebung sich verändert. Warum andere scheinbar gehört werden und ich nicht. Wer schuld daran ist. Wer zu viel bekommt. Und vermutlich noch wichtiger: wer dieses ominöse „Wir“ eigentlich ist, dem angeblich etwas weggenommen wurde.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Nur entstehen solche Deutungen natürlich nicht in unseren Köpfen allein. <a href="https://www.jasperkosok.com/text/2026/7/16/es-war-einmal-im-netz">Vor einigen Jahren habe ich schon einmal darüber geschrieben</a>, wie sehr das Netz nicht nur verändert hat, was wir voneinander wissen, sondern auch, wie wir Öffentlichkeit herstellen. Vielleicht habe ich damals sogar noch unterschätzt, wie politisch diese Frage einmal werden würde. Einen erheblichen Teil unserer gesellschaftlichen Verständigung haben wir inzwischen in Räume ausgelagert, die Unternehmen gehören und nach Regeln funktionieren, die nicht mit dem Ziel entworfen wurden, Verständigung besonders gut gelingen zu lassen. Aufmerksamkeit lässt sich monetarisieren, und Konflikt erzeugt Aufmerksamkeit.</p><h3 data-rte-preserve-empty="true">Wo und durch wen lernt eine Gesellschaft, ihre Unzufriedenheit zu deuten</h3><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Facebook, TikTok, YouTube und X haben Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Nationalismus natürlich nicht erfunden. Wie beruhigend das wäre: Plattformen aus, Problem weg. So einfach ist es nicht. Sie treffen auf Kränkungen, Statuskämpfe und Vorurteile, die längst da sind. Aber sie verstärken sie, machen sie sichtbar und verbinden Menschen miteinander, die früher vielleicht am Stammtisch festgestellt hätten, dass nur drei von zehn ihrer Meinung sind, aber heute binnen Minuten zehntausend andere finden, die ihnen versichern, sie seien die schweigende Mehrheit.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Gerade darin zeigt sich allerdings auch, wie schwierig die Trennung zwischen Ökonomie und Kultur wird. Dass Aufmerksamkeit verkauft wird und Empörung ein Geschäftsmodell sein kann, ist selbst eine ökonomische Logik. Sie trifft auf kulturelle Konflikte, verstärkt sie und verändert dadurch politische Identitäten. Diese Identitäten beeinflussen wiederum Wahlen und damit auch materielle Verhältnisse. Wir müssen also nicht nur fragen, warum Menschen unzufrieden sind, sondern auch, wo und durch wen eine Gesellschaft lernt, ihre Unzufriedenheit zu deuten.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Früher übernahmen diese Funktion stärker Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine, Nachbarschaften und einige wenige Massenmedien. Ganz sicher war die alte Öffentlichkeit kein herrschaftsfreier Debattierclub. Aber diese Institutionen bündelten Interessen, vermittelten zwischen Gruppen und zwangen Menschen zumindest gelegentlich dazu, sich mit denen auseinanderzusetzen, die nicht ohnehin ihrer Meinung waren. Heute findet ein wachsender Teil dieser Deutung in Öffentlichkeiten statt, deren Infrastruktur von der möglichst langen Verweildauer ihrer Nutzer:innen lebt. Es geht also nicht nur darum, welche Geschichte über gesellschaftliche Probleme die überzeugendste ist. Es geht auch darum, welche Geschichten ein System begünstigt, das an unserer Aufmerksamkeit verdient.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">An diesem Punkt wird es für mich schwierig, den Aufstieg der AfD ausschließlich oder auch nur hauptsächlich als Verteilungsfrage zu verstehen. Natürlich spielt materielle Unsicherheit eine Rolle. Natürlich sind kaputte Infrastruktur, fehlende Aufstiegschancen und das Gefühl, dass öffentliche Institutionen sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, politische Probleme. Wer jeden Tag erlebt, dass der Bus nicht mehr fährt, der Arzt keine Patient:innen mehr annimmt und die eigenen Kinder für Ausbildung oder Studium wegziehen, braucht keinen Vortrag aus Berlin darüber, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch ein ziemlich reiches Land ist. Aber Menschen können sich auch als Verlierer:innen fühlen, ohne ärmer geworden zu sein.</p><h3 data-rte-preserve-empty="true">Man muss Verlusterfahrungen nicht für berechtigt halten, um anzuerkennen, dass sie existieren</h3><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Ein Mann kann erleben, dass Frauen heute selbstverständlicher Macht beanspruchen, und darin einen eigenen Statusverlust sehen. Heterosexuelle können eine Welt, in der andere Lebensweisen sichtbarer werden, als Verlust einer Ordnung empfinden, in der ihre eigene nie erklärt werden musste. Menschen auf dem Land können den Eindruck entwickeln, dass urbane Lebensweisen nicht nur dominieren, sondern sich über ihre lustig machen. Eine Generation kann feststellen, dass Wörter, Witze oder Umgangsformen, die einmal selbstverständlich waren, plötzlich begründungspflichtig werden. Man muss diese Verlusterfahrungen nicht für berechtigt halten, um anzuerkennen, dass sie existieren.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Vielleicht ist „Revanchismus“ dafür sogar das passendere Wort als „Abstiegsangst“. Nicht unbedingt der Wunsch, wirtschaftlich wieder aufzusteigen, sondern die Sehnsucht danach, gesellschaftlich wieder an einem Ort zu stehen, den man einmal für selbstverständlich hielt. Somewheres gegen Anywheres, Land gegen Stadt, Männer gegen Frauen, Heterosexuelle gegen Queere: Das sind grobe Gegenüberstellungen. Aber vielleicht steckt darin ein Konflikt, den eine zusätzliche Buslinie allein nicht lösen wird. Und eine digitale Öffentlichkeit, in der jeder vermeintliche Verlust täglich mit neuen Beispielen bestätigt werden kann, dürfte ihn nicht kleiner machen.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Die Antwort darauf kann allerdings kaum einfach ‚mehr Kulturpolitik‘ lauten. Davon haben wir derzeit vermutlich genug. Denn gleichzeitig passiert etwas Eigentümliches. Bei vielen materiellen Fragen erklärt Politik seit Jahren ziemlich ausführlich, warum sie nur begrenzt handeln kann. Kein Geld. Kein Wachstum. Internationale Konkurrenz. Die Schuldenbremse. Der demografische Wandel. Europa. Globalisierung. Irgendetwas ist immer. Bei kulturellen Konflikten scheint politische Bewegung dagegen sehr viel leichter herzustellen.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Dann wird erbittert über Gendersterne diskutiert, über Leitkultur, Migration, Bürgergeldempfänger:innen, Fleisch, Autos, Wärmepumpen oder die Frage, ob irgendwo eine Regenbogenflagge hängt. Nicht weil diese Fragen unwichtig oder ohne materielle Folgen wären. Viele sind es ausdrücklich nicht. Aber sie erlauben politische Auseinandersetzung, ohne zwangsläufig an Eigentumsverhältnisse, Vermögen oder die grundsätzliche Verteilung wirtschaftlicher Macht zu gehen. Diese Konflikte lassen sich zudem in der gegenwärtigen medialen Infrastruktur hervorragend bewirtschaften.</p><h3 data-rte-preserve-empty="true">Empörung ist leichter zu transportieren als ein Finanzierungskonzept für gesetzliche Pflegeversicherung</h3><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Für eine Partei wie die AfD ist das ziemlich günstig. Sie braucht keine besonders komplizierte Antwort darauf, wie in einer alternden Gesellschaft Pflege finanziert, Infrastruktur modernisiert und gleichzeitig Wohlstand verteilt werden soll. Sie braucht vor allem eine Geschichte darüber, warum das Land so ist, wie es ist. Ihr wart einmal jemand. Dann kamen andere. Andere Menschen, andere Eliten, andere Werte, andere Lebensweisen. Sie haben euch nicht gefragt. Sie haben euch etwas weggenommen. Wir geben es euch zurück. Ökonomisch erklärt das wenig. Politisch kann es ausgesprochen wirkungsvoll sein. Und kommunikativ passt es gut in eine Öffentlichkeit, in der Empörung leichter zu transportieren ist als ein Finanzierungskonzept für die gesetzliche Pflegeversicherung.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Vielleicht liegt darin auch ein Problem progressiver Politik. Sie hat auf der einen Seite Programme: Mindestlohn erhöhen, Vermögen besteuern, Wohnungen bauen, Infrastruktur sanieren. Das ist gut. Auf der anderen Seite verteidigt sie gesellschaftliche Liberalisierung, Minderheitenrechte und individuelle Freiheit. Auch das ist gut. Aber was verbindet beides? Wo ist die Erzählung davon, welche Gesellschaft daraus eigentlich entstehen soll?</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Wer materielle Ungleichheit ignoriert und Politik auf Repräsentation verengt, wird irgendwann zurecht gefragt, was ein divers besetzter Vorstand eigentlich der Reinigungskraft bringt. Wer umgekehrt glaubt, mit höheren Löhnen verschwänden Rassismus, Misogynie, Homophobie und autoritäre Sehnsüchte gleich mit, macht den Menschen zu einem ziemlich simplen Wesen. Vielleicht besteht das Problem schon darin, beides gegeneinander auszuspielen. Materielle und kulturelle Fragen lassen sich nicht sauber auseinanderziehen. Geld und Eigentum bedeuten auch Macht und Status. Anerkennung und Zugehörigkeit haben wiederum ganz reale Folgen dafür, wie Menschen ihre gesellschaftliche Position erleben. Und unsere Vorstellungen davon entstehen zusätzlich in Kommunikationsräumen, deren Betreiber ihre ganz eigenen Interessen haben.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Wir müssen die soziale Frage deshalb nicht kleiner, sondern größer stellen. Eine soziale Frage, die ihren Namen verdient und Vermögen und Einkommen genauso ernst nimmt wie Würde, Anerkennung und Zugehörigkeit. Die danach fragt, wer Macht besitzt, aber auch danach, warum Menschen bestimmte Machtverhältnisse akzeptieren oder sogar unterstützen. Die fragt, wer Öffentlichkeit organisiert und welche Anreize darin wirken. Die nicht jedes kulturelle Bedürfnis für progressiv erklärt, nur weil es kulturell ist, aber ebenso wenig jedes reaktionäre Bedürfnis zum Missverständnis eines eigentlich ökonomischen Konflikts umdeutet.</p>


  










  
  <h3>Wo wollen wir eigentlich hin?</h3>


  










  
  <p data-rte-preserve-empty="true" class="">Und vor allem eine soziale Frage, die wieder eine Frage stellt, die seltsam aus der Mode gekommen ist: Wo wollen wir eigentlich hin? Das Versprechen permanent wachsenden Wohlstands trägt sichtbar nicht mehr so wie früher. Die Vorstellung, den eigenen Kindern werde es automatisch besser gehen, ist brüchig geworden. Konsum eignet sich nur begrenzt als Sinnstiftung, und selbst diejenigen, die wirtschaftliches Wachstum weiterhin für unverzichtbar halten, werden erklären müssen, welches gute Leben damit irgendwann erreicht werden soll. Dazu kommt eine Schwierigkeit, die in unseren klassischen Fortschrittserzählungen kaum vorgesehen war: Wie entwirft man ein positives Bild der Zukunft, wenn die Zukunft selbst zunehmend als Bedrohung erscheint? Wenn der Klimawandel nicht mehr irgendein abstraktes Problem kommender Generationen ist, sondern die Frage aufwirft, welche Teile unseres heutigen Lebens überhaupt eine Zukunft haben? Vielleicht ist das eine der Zumutungen unserer Zeit: Wir sollen Lust auf ein Morgen entwickeln, von dem wir gleichzeitig lernen, dass es in vielem schlechter werden könnte als das Heute.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Die Rechte hat es da einfacher. Ihre Zukunft ist eine Vergangenheit, die es vermutlich nie gegeben hat. Zurück zu klaren Verhältnissen. Zurück zur Nation. Zurück zur Familie. Zurück zu einer Ordnung, in der jeder wusste, wo sein Platz war, was vor allem deshalb angenehm klingt, weil selten dazugesagt wird, wessen Platz damals ziemlich weit unten lag. Vielleicht ist gerade das so attraktiv an dieser Art von Nostalgie. Sie muss keine glaubwürdige Zukunft entwerfen. Sie behauptet einfach, irgendwo hinter uns habe bereits eine bessere gelegen.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Was aber ist die Gegenerzählung? Mehr Netto vom Brutto wird nicht reichen. Ein buntes Deutschland wahrscheinlich auch nicht. Beides beschreibt noch keine Gesellschaft, in der Menschen gerne miteinander leben. Und möglicherweise reicht es ebenso wenig, darauf zu hoffen, dass eine solche Erzählung von selbst entsteht, während der Raum, in dem wir sie miteinander aushandeln, nach völlig anderen Kriterien organisiert wird.</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Vielleicht hatten meine Kolleg:innen nach Sachsen-Anhalt also vollkommen recht. Wir müssen endlich wieder die soziale Frage stellen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir sie groß genug stellen. Denn möglicherweise lautet sie nicht allein: Wer bekommt wie viel? Sondern auch: Wer sind wir füreinander? Was schulden wir uns? Welche Veränderungen wollen wir gemeinsam aushalten, welche vorantreiben, welche begrenzen? Und wie sieht eine Zukunft aus, auf die nicht nur diejenigen Lust haben, die ohnehin zu ihren Gewinner:innen gehören?</p><p data-rte-preserve-empty="true" class="">Vielleicht wäre das ein Anfang. Eine Antwort ist es noch nicht.</p>]]></description></item><item><title>Es war einmal im Netz</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Wed, 11 Nov 2020 05:52:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2026/7/16/es-war-einmal-im-netz</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:6a59184e8b17c55074f0536f</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p class="">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@planetvolumes?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Planet Volumes</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/eine-reihe-verschiedenfarbiger-eier-mit-aufgemalten-gesichtern-hgEiaquas5U?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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  <p class=""><strong>Unsere Kultur des Streits ist kaputt. Davon legen wir täglich digital Zeugnis ab. Wie konnte es dazu kommen?</strong></p><p class="">Hatespeech, Cancel Culture, Shitstorms – wenn man liest, was alles über die Debattenkultur im Netz geschrieben wird, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass etwas grundlegend falsch läuft in der digitalen Kommunikation. Und vielleicht stimmt das sogar. Nur unter Umständen anders, als man denkt.</p><p class="">Als in den nuller Jahren Social Media, damals noch liebevoll Web 2.0 genannt, an Fahrt aufnahm, waren die Hoffnungen groß, damit könne eine Revolution einhergehen, nichts weniger als die Demokratisierung der Produktionsmittel stand an, und Vordenker*innen wie Clay Shirky proklamierten, dass Publishing kein Job, sondern nur mehr ein Button wäre.</p><p class="">Es waren hoffnungsvolle Jahre. Eine gewisse Goldgräberstimmung machte sich breit, und alles, was meinte, eine Meinung zu haben, die nun auch endlich die angemessene Geltung bekommen sollte, legte sich ein Blog und zig Profile auf Plattformen zu, die so schnell auftauchten, wie sie wieder verschwanden. Auch der <em>Freitag</em> schickte sich an, die „größte Redaktion Deutschlands“ aufzubauen, und verpasste sich „die Community“, um mit seinen Leser*innen und denen, die dies werden sollten, auf Augenhöhe debattieren zu können.</p><h2>Das Glücksversprechen</h2><p class="">Von klassischen Medien und Politik zunächst belächelt, entwickelte sich in der vermeintlichen Outskirts des Internets etwas, dessen Glücksversprechen darin bestand, denen eine Stimme zu verleihen, die bis dahin keine hatten, und jene reich zu belohnen, die mit Witz, Schläue oder Beharrlichkeit – im besten Fall in Kombination – ihre Claims absteckten. Nicht zuletzt speiste sich dieses Versprechen aus der von jeher gleichen Logik sozialer Netzwerke, nämlich die Ausspielung der Inhalte, die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuten, weiter und weiter zu verstärken – so lang, bis sie über die Grenzen der Netzwerke hinaus hörbar wurden. Einerseits lag darin eine Chance. Andererseits war diese Art eines neuen Meinungsmarkts völlig unreguliert.</p><p class="">Plattformen traten derweil nicht an, um fruchtbare Debatten hervorzubringen, gesellschaftliche Probleme zu lösen oder die Welt zu einer besseren zu machen. Sie traten an, um rentabel zu werden – mitunter nicht einmal in dem Feld, aus dem sie ursprünglich stammten. So waren etwa Twitter, Facebook und Youtube schnöde, aber webbasierte Kurznachrichtendienste, Studentenverzeichnisse oder Videoplayer – lang bevor sie „social“ wurden. Diese Unternehmungen suchten wirtschaftlichen Erfolg – oder wurden von größeren Firmen gekauft und auf Erfolg getrimmt.</p><p class="">Um in diesem Rennen zu bestehen, führte kaum ein Weg an dem Euphemismus „sozial“ vorbei. Einerseits um die Verstärkereffekte selbst nutzen zu können. Andererseits um Daten zu sammeln und zu verwerten, die Nutzer*innen ihnen im Gegenzug für einen vorgeblich kostenlosen Service zur Verfügung stellten. Und das Rennen war heiß, ging es doch um nichts weniger als um einen der wenigen Plätze in der vordersten Reihe. Denn auch für Unternehmen hielt das Netz ein Glücksversprechen parat: The winner takes it all.</p><h2>Die Wahrheit ist wenig wert, wo die Lüge Profit verspricht</h2><p class="">Das musste neben vielen anderen auch der <em>Freitag</em> lernen. Die Musik spielte nicht mehr in den Kommentarspalten unter den Beiträgen der Medienhäuser, sondern in den sozialen Medien selbst, weil es sich dort breiter und barrierefreier diskutieren ließ. Einerseits war die Sichtbarkeit der eigenen Gedanken dort potenziell größer, und andererseits hatte beinahe jeder einen Account bei Twitter, Facebook oder Google – aber eben nicht beim <em>Freitag</em>.</p><p class="">Wo also Märkte früher für die Konsument*innen arbeiteten, wenn die Konkurrenz groß war, taten sie dies im Netz, wenn Skaleneffekte die besten Preise, die meisten Likes oder die größte Reichweite abwarfen. Für die frischgebackenen Monopolisten gab es nichts Schöneres, als scheinheilig behaupten zu können, sie täten es für das Gemeinwohl.</p><p class="">Es sollte dementsprechend wenig verwundern, dass, als es in den Netzwerken zu gären begann, wenig dagegen getan wurde. Worüber sich diejenigen, die sich als ursprüngliche Population dieser Plattformen verstanden, empörten, als sich Rassismus, Sexismus, Verschwörungstheorien und allerlei Hass unüberhörbar ausbreiteten, das bedeutete für die Betreiber selbst – nicht zuletzt auch wegen der lauten Gegenrede – vor allem: mehr Klicks, mehr Daten, mehr Geld.</p><p class="">Die Wahrheit ist wenig wert, wo die Lüge Profit verspricht. Und so ließen die Netzwerke das toxische Treiben im Namen eines zur Unkenntlichkeit pervertierten Freiheitsbegriffes gewähren, während sich Medien und Politik unbeholfen der Logik des ehemals belächelten Meinungsmarktes unterwarfen. Der wirtschaftlich angeschlagene Journalismus begann, sich mit vermeintlich starken Meinungen zu konsolidieren, und Parteien glaubten, dem Volk nun endlich ganz genau aufs Maul schauen zu können. Und da man sich im Anschluss passgenau Gehör verschaffen wollte, wurden sie dabei von jenen Hehlern flankiert, die sie erst scharfgemacht hatten und für ein paar Penny mehr bereitwillig die Schleusen öffneten, um sie mit Daten und Reichweite zu versorgen.</p><h2>Wie frei ist Meinung, wenn sie der Logik dieser Systeme folgt?</h2><p class="">Wo aber die vorgeblichen Gatekeeper selbst an der Nadel hängen, ist es nicht weit her mit dem demokratischen Diskurs. Wo es keine Anreize gibt, Lösungen zu erarbeiten und konstruktiv zu sprechen, macht sich Zwietracht breit, da herrscht unablässig Provokation und Empörung. Wo Fakten wenig wert sind, werden Debatten mit Lautstärke – also quantitativ und nicht qualitativ – ausgetragen. Und wo man es sich in Echokammern, Filterblasen und Meinungskorridoren mit ein paar Gleich-, aber nicht zwingend Wohlgesinnten ungestört gemütlich machen kann, da gedeiht mitunter, was dem gesellschaftlichen Konsens gefährlich wird.</p><p class="">So oder ähnlich könnte man die vergangenen Jahre des Umfelds erzählen, in dem Diskurs heutzutage stattfindet. Das muss man freilich nicht. Es war schließlich nicht alles schlecht. Auch weil es Bewegungen wie Metoo, Black Lives Matter oder Fridays for Future ohne das Netz nie gegeben hätte. Es hat nicht zuletzt ermöglicht, verkrustete Strukturen aufzubrechen, marginalisierte Stimmen hörbar zu machen und althergebrachte Deutungshoheiten nachhaltig zu erschüttern. Das alles sind Entwicklungen, die bitter nötig waren und sich weder kurz- noch langfristig durch konservative Pappkameraden wie Cancel Culture, Political Correctness noch sonstige diskursive Nebelkerzen werden einfangen lassen.</p><p class="">Trotzdem kann und darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Debatte heute stattfindet, wo sie durch undurchsichtige Algorithmen, wirtschaftliche und politische Interessen amplifiziert wird. Neutral ist daran nicht viel. Und wie frei kann Meinung wirklich sein, wenn sie – bewusst oder unbewusst – der Logik dieser Systeme folgt? Plattformen und die ihnen inhärenten Mechanismen sind und bleiben als Mittel der Kommunikation ambivalent, gerade weil sie nicht nur Gutes zutage fördern, sondern vermehrt Hass und sehr realer Gewalt Vorschub leisten.</p><h2>Wo wollen wir reden?</h2><p class="">Die Gesellschaft muss sich deshalb fragen, wie sie in Zukunft diskutieren und sich im Netz bewegen will – und vor allem auf welchem Fundament. Etliche Initiativen, etwa gegen Hass im Netz, zeugen von einer zunehmenden Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand. Es ist aber vielmehr Aufgabe der Politik, diese Basis zu gestalten. Appelle an den Einzelnen, das Hoffen auf Bildung und steigende Medienkompetenz werden wenig helfen, solange das Netz nur so von Anreizen wimmelt, sich in Extremen zu verlieren. Genauso werden alle Pläne scheitern, die negieren, dass diese weltumspannenden Systeme existieren und deren Größe ihren Benutzer*innen zu unbestreitbaren Vorteilen gereicht. Nationales Klein-Klein dürfte weder zu nennenswerter Besserung noch brauchbaren Alternativen verhelfen. Globale Probleme bedürfen globaler Lösungen.</p><p class="">Die Bewältigung dieser Mammutaufgabe kann man weder auf Maria Musterfrau noch einen wohlwollenden Netz-Milliardär abwälzen. Es ist an der Politik, irgendwo in diesem digitalen Wilden Westen den Rahmen neu zu stecken, Souveränität – ob nun auf Ebene der Algorithmen, die unser Verhalten maßgeblich beeinflussen, oder gegenüber der Monopolmacht der Betreiber – zurückzugewinnen und die digitalen Plattformen, die unser Debattenverhalten nachhaltig prägen, endlich an die Kandare zu nehmen. Überlässt man Ausgestaltung und Kontrolle weiterhin ausschließlich den Betreibern, dürfte der Erzählung über entfesselte Märkte schon bald ein weiteres wenig erquickliches Kapitel hinzugefügt werden.</p><p class="">Die Demokratie jedenfalls, so zeigt sich dieser Tage wieder, ist ein zartes Pflänzchen. Sie muss gehütet werden, auch im digitalen Raum. Wie das zu bewerkstelligen ist, das wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Den Fehler aber, Demokratie und Freiheit mit einem neoliberalen Wunderland zu verwechseln, sollte man – gerade in Bezug auf das Netz – nicht immer und immer wieder begehen. Andernfalls droht ein böses Erwachen.</p><h1><em>Die Gemeinschaft</em></h1><p class=""><strong>Mit dem Relaunch</strong> des Freitag 2009 wurde auch die Freitag-Community ins Leben gerufen. Sie sollte ein Ort sein, wo sich RedakteurInnen und LeserInnen auf Augenhöhe begegnen. Die „größte Redaktion Deutschlands“ sollte sie werden, Online und Print miteinander verzahnen. Dazu verpasste sich der Freitag eine Webseite, auf der einerseits kommentiert, aber auch gebloggt werden konnte. Die besten Beiträge sollten ins Blatt. Dieser Anspruch änderte sich mit der Zeit – größtenteils den Produktionsbedingungen unseres kleinen Medienhauses geschuldet –, sodass nur noch selten ein Blogbeitrag seinen Weg in die Zeitung schafft, aber doch einige Print-AutorInnen Community-Mitglieder sind oder waren. Selbst einige (ehemalige) RedakteurInnen taten in der „FC“ ihre ersten journalistischen Schritte. Über die Zeit schrieben in der Community, die Monat für Monat für knapp ein Viertel des Traffics auf freitag.de sorgt, 35.000 Mitglieder 50.000 Beiträge und 800.000 Kommentare.</p>


  










  
  <p class=""><a href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/es-war-einmal-im-netz">Dieser Artikel erschien in Ausgabe 45/2020 des Freitag</a></p>]]></description><media:content type="image/jpeg" url="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1784224156788-MN25FOAKHQC50OEMK94X/planet-volumes-hgEiaquas5U-unsplash.jpg?format=1500w" medium="image" isDefault="true" width="1500" height="799"><media:title type="plain">Es war einmal im Netz</media:title></media:content></item><item><title>Kommando Community</title><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Fri, 08 Feb 2019 19:21:47 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2019/2/8/kommando-community</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:5c5dd42f4e17b66c48247ac8</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/Ni-xXcVb8Cg?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Katya Austin</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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  <p data-rte-preserve-empty="true"></p><p>Als ich vor 10 Jahren anfing, für den&nbsp;<em>Freitag </em>zu arbeiten, köderte man mich mit dem Versprechen, an einem interessanten Online-Projekt mitzuarbeiten: Nichts Geringeres als&nbsp;„die größte Redaktion Deutschlands“wollte man schaffen, mit den Lesern auf Augenhöhe sein – ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte! Wie viele andere Medien hatte auch der <em>Freitag</em> das Web 2.0, das Social Net, für sich entdeckt und wollte jetzt einen Teil des Kuchens für sich. Dafür brauchte man Leute wie mich, qualifiziert durch nicht viel mehr als ein eigenes&nbsp;<a href="https://web.archive.org/web/20120710051142/http://knicken-berlin.de/">Blog</a> und einen&nbsp;<a href="https://twitter.com/HerrSchmitz">Twitter-Account</a>.</p><p>Netzwerke wie Facebook und Twitter führten in diesen Tagen fort, was mit&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Myspace">Myspace</a> – oder in Deutschland <a href="https://www.intro.de/popmusik/intro-de-forum-ist-fertig"><em>intro.de</em></a><em> </em>und&nbsp;<a href="https://www.jetzt.de/hausmitteilung/der-relaunch-und-die-jetzt-de-community-fragen-und-antworten-595498"><em>jetzt.de</em></a>, auch bei der <a href="https://blog.zeit.de/"><em>Zeit</em></a><em> </em>konnte man bloggen – angefangen hatte. Statt das Netz nur mit statischen Webseiten zuzukleistern, fing man an, zwischen den Nutzern digitale Autobahnen zu bauen, die diese Nutzer miteinander verknüpften, die Austausch möglich machten und das Wort „viral“ positiv konnotierten: Es war das große digitale Versprechen, dass eine pfiffige Idee auch den letzten Winkel des Internets erreichen könnte, wenn sie nur die neuen Einwohner der sozialen Medien überzeugte. Und auf diesen Autobahnen quer durch Neuland war der&nbsp;<em>Freitag </em>flott unterwegs: Wir setzten auf „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/User-generated_content">Usergenerated Content</a>“, also darauf, dass auch Leser Beiträge schreiben können, und dass die besten Beiträge in die Zeitung aufgenommen werden.</p><p>Und wenn die Beiträge geschrieben waren, fingen sie an zu leben: laut und voll soll es unter ihnen werden – egal ob es sich um Texte aus der Redaktion oder aus der „Community“ handelte. Und so kam es dann auch. Es wurde debattiert, diskutiert und auch schon mal getrollt, dass es oft eine Freude und immer viel Arbeit war: Während Jakob Augstein seine Redakteure dazu anhielt, sich mit den Lesern auszutauschen, was manche mehr und andere weniger intensiv taten, sprach&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sascha_Lobo">Sascha Lobo</a> von einer&nbsp;<a href="https://saschalobo.com/2009/02/17/freitagsbeschwerden-schon-montags/">„Zwangsverbloggung“</a>der Nutzer. Die einen wollten nicht in die Feedbackschleife, die anderen ihre Texte nicht verschenken. Damit war der Grundstein für einen Dauerkonflikt gelegt.</p><p>Viel wurde ausprobiert, um das Rauschen auf der Webseite aufrechtzuerhalten.&nbsp;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=43bOv9RPYko">Eine „Wahlkampfarena“ wurde geschaffen</a>, in der die pointiertesten Meinungen zu politischen Themen im Abstimmungsverfahren miteinander wetteiferten, Bücher&nbsp;wurden <a href="https://twitter.com/ruhepuls" target="_blank">mit</a> und&nbsp;von der Community gelesen,&nbsp;Videos in der Poststelle gedreht. Und am Ende des Tages zählten&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_B%C3%BCcker">wir</a> Kommentare. Wessen Beitrag die meisten abbekam, durfte sich in den Konferenzen für sein Engagement rühmen. Und auch die Community selbst wetteiferte um den Platz an der Sonne in der Liste der „Meistkommentierten Beiträge“. Schon damals wurde mit harten Bandagen gekämpft. Alles, was Anschlusskommunikation provozierte, war erlaubt. Damit hatte&nbsp;<em>freitag.de </em>eine Menge mit dem gemeinsam, was sich draußen im Netz, auf den großen sozialen Plattformen, abspielte.</p><h2>Kommt in den Garten</h2><p>Und genau das wurde zum Problem, als den neuen&nbsp;<em>Freitag&nbsp;</em>die erste Krise erfasste. Angesichts knapp werdender Ressourcen mussten Kräfte plötzlich darauf konzentriert werden, das System am Laufen zu halten und wöchentlich eine gedruckte Zeitung an den Kiosk zu bringen. Wo früher Zeit war, heiße Diskussionen zu führen, das Netz für sich zu entdecken und auszuprobieren, fehlte sie jetzt.</p><p>Beinahe gleichzeitig schickten sich die großen Online-Plattformen an, zu&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Plattform">„Walled Gardens“</a> zu werden – zu Orten, an denen der Nutzer möglichst wenig Anreize verspürt, sie wieder zu verlassen. Damit waren sie keineswegs allein. Letztendlich versuchte im Internet beinahe jede Webseite, Besucher so lange wie möglich zu binden.&nbsp;(Nicht zuletzt deswegen gibt es bis heute bei vielen journalistischen Medien die Unart, verlinkungsfaul zu sein. Dass dies bezüglich der eigenen Glaubwürdigkeit mitunter unangenehme Kollateralschäden nach sich ziehen kann, wird zumindest in Kauf genommen. ,Netzwerkgerechte Ansprache‘ und Klickhunger tun dem Qualitätsjournalismus ihr Übriges.)</p><p>Nun ist es im Internet in der Regel so, dass der größte Player über kurz oder lang eine solche Gravitation entwickelt, dass es für Konkurrenten schwer wird, neben ihm zu existieren. Das gilt für Amazon als Einkaufsplattform wie für Google als Suchmaschine – wer weiß schon, wer die Nummer zwei ist? Ja ja, so sehr man Twitter auch mag, erzeugt doch der Facebook-Konzern nach wie vor mit weitem Abstand die mächtigste Anziehungskraft auf soziale Kommunikation. Für den <em>Freitag </em>hatte das den Effekt, dass sich die Diskussionen peu à peu von den eigenen Seiten in die sozialen Medien verlagerten. Ohne Lockstoffe blieben die Kommentare, wo ihre Verfasser eh schon waren: in ihrem sozialen Netzwerk. Dieser Prozess betraf auch andere Medienhäuser, in den meisten dürfte man den „Drunterkommentaren“ nicht nachgeweint haben.</p><p>Worum sich&nbsp;<em>freitag.de </em>in erster Linie drehte, war also gezwungenermaßen nicht länger der Kommentar, sondern der Beitrag. Während es schien, als ob man den einen Kampf verloren hätte, bot jeder Beitrag nach wie vor die Chance, in den sozialen Medien zu verfangen und Leser auf die eigene Seite zu locken. Es wirkte ja auch irgendwie stimmig. Der&nbsp;<em>Freitag </em>ist eine Zeitung. Und in einer Zeitung werden Texte geschrieben.</p><h2>Die Aggregatoren brauchen uns nicht</h2><p>Zum Problem wurde allerdings, dass Facebook die Mauern seines Gartens noch etwas höher zog und der Zugriffsverkehr, der bis dato verlässlich von dort auf die eigenen Seiten floss, abebbte. Es sei denn man zahlte. Oder gab die Artikel – als sogenannte Instant Articles – gleich ganz ab, sodass der Leser Facebook gar nicht mehr verlassen musste, um den Text zu konsumieren. Für eine Branche, die Google als ihren Lieblingsfeind ausgemacht hatte, waren und sind all das Episoden auf dem Weg zu dieser Erkenntnis: Auch Facebook ist ein Liebling der Werber – und nicht der Journalisten.&nbsp;<a href="https://twitter.com/ArminWolf/status/1093064060432723968">Es braucht uns schlicht nicht</a>, um Geld zu verdienen. Umgekehrt scheint das anders zu sein.</p><p>Der Autor Ben Thompson, der früher selbst für Microsoft und Apple arbeitete, schrieb unlängst einen Artikel über die Lehren, die man aus der massiven Entlassungswelle beim Internetmedium <em>Buzzfeed</em> ziehen sollte: Verlasst euch nicht auf die großen Aggregatoren und baut Webseiten, die im Zweifel auch ohne Facebook, Google &amp; Co. funktionieren –&nbsp;<a href="https://stratechery.com/2019/the-buzzfeed-lesson/">sie stehen nicht auf eurer Seite</a>! Natürlich hat er recht. Leichter wird es dadurch nicht. Die Abhängigkeiten sind real, das Machtgefälle ebenso. Über Google und Facebook kommt etwa die Hälfte der Besucher auf&nbsp;<em>freitag.de</em>.</p><p>Für den jüngeren&nbsp;<em>Freitag </em>der Zukunft muss das heißen, dass er sich auf seine Wurzeln zurückbesinnt. Die Beiträge der Community vereinen Monat um Monat bis zu einem Drittel des gesamten<em>freitag.de</em>-Verkehrs auf sich. Das ist viel und könnte in Zukunft noch mehr werden – wenn noch mehr Leute einen triftigen Grund hätten, ihre Gedanken in Textform auf&nbsp;<em>freitag.de</em>zu teilen.</p><p>Gleichzeitig erfreut sich unser Digitalabo wachsender Beliebtheit. Und laut einer Studie sollen vor allem jüngere Leser vermehrt dazu bereit sein,&nbsp;<a href="https://www.pwc.de/de/technologie-medien-und-telekommunikation/zahlungsbereitschaft-fuer-online-journalismus.html">für digitalen Journalismus Geld auszugeben</a>. Die Paywalls zeigen bei denen, die mit ihnen groß geworden sind, Wirkung. Die Zahlungsbereitschaft für digitale Erzeugnisse generell – seien es Filme, Serien, Hörbücher, Musik oder eben Text – steigt. Es gibt also Hoffnung.</p><h2>Quid pro quo</h2><p>Wenn sich der <em>Freitag </em>heute fragt, wie er das Internet sinnvoll nutzen kann, liegt eine der Antworten ausgerechnet hinter der Paywall – etwas, das vor zehn Jahren, in der Hochphase der „Kostenloskultur“, praktisch undenkbar gewesen wäre. Aber eine Paywall schafft einen Wert. Und damit kann man auch als Redaktion bezahlen: Warum nicht den Community-Mitgliedern, die besonders gute Texte schreiben, Zugang zu den Texten des&nbsp;<em>Freitag</em>geben? Du bist jung und brauchtest das Geld – vielleicht für etwas anderes als Journalismus? Kein Problem, „erschreib“ dir deinen <em>Freitag</em>! Du hast schon ein Abo? Dann verschenk doch deine Bonus-Wochen! Deine Kommentare gefallen den anderen Nutzern besonders gut? Viel Spaß mit der neuen Ausgabe!</p><p>Es wäre eine Win-win-Situation. Für die Community-Mitglieder, weil sie sich die digitale Ausgabe erarbeiten könnten und einen (beinahe) handfesten Grund hätten zu schreiben. Und für den&nbsp;<em>Freitag</em>, weil er dafür mehr und bessere Beiträge zurückbekäme. Und ein paar zukünftige Abonnenten. Ganz abgesehen davon, dass für eine Zeitung nach wie vor entscheidend ist, ihren Lesern Gehör zu schenken. Nicht selten wissen sie es besser als eine betriebsblinde Redaktion.</p><p>Das alles mag nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber das Bewusstsein, dass Medien digital nur überleben können, wenn sie ihre eigenen funktionierenden Biotope schaffen: Das ist essenziell für ihren Fortbestand. Es sei denn, sie möchten den Gezeiten wie eine Nussschale auf Irrfahrt ausgeliefert sein. Denn im Netz gilt: Hic sunt dracones – inklusive ein paar größeren Fischen. Und auf Vater Staat ist kein Verlass.</p><p>Die Community wird für den&nbsp;<em>Freitag</em>&nbsp;eine entscheidende Rolle spielen. Wir haben jetzt schon eine lebendige, unorthodoxe und im Zweifel linke Userschaft. Und wenn die Erkenntnis einsickert, dass sie ein einzigartiges Standbein und nicht nur Werbegag ist, wird sie auch die Aufmerksamkeit und die Anerkennung bekommen, die sie verdient. Denn das ist es, was eine Community braucht, um zu funktionieren.</p><p>Vielleicht wird der&nbsp;<em>Freitag</em>&nbsp;auch nie gänzlich seinen naiven Gründungsanspruch, eine digitale Gemeinschaft zu schaffen, erfüllen können. Vielleicht wird&nbsp;<em>freitag.de</em>mehr Schreibwerkstatt und Lesezirkel. Vielleicht ist es auch genau das, was eine Redaktion ausmacht – selbst wenn es nicht ganz die größte Deutschlands wird. Dafür könnte es eine digitale werden, die funktioniert. Und vielleicht ja auch eine, die ihren Schreibern etwas zurückgeben kann, weil wir&nbsp;<a href="https://i.imgflip.com/1k55vi.jpg">,in this together‘</a> sind. Mich jedenfalls könnte man mit dieser Aussicht noch immer ködern.</p>


  










  



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  <p>Der Autor war 2009 zunächst Beta-Tester des neuen Freitag, arbeitete im Anschluss mit&nbsp;<a href="https://twitter.com/fraeulein_tessa?lang=de"><strong>Teresa Bücker</strong></a><strong> </strong>im Community-Ressort und folgte schließlich 2012 auf&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rn_Kabisch"><strong>Jörn Kabisch</strong></a><strong> </strong>als Online-Chef<br><br></p><p>Dieser Text erschien <a href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/kommando-community" target="_blank">in der Jubiläumsausgabe des Freitag&nbsp;</a></p>]]></description></item><item><title>B2B, B2C – not for me</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Tue, 08 May 2018 13:50:12 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2018/5/8/b2b-b2c-not-for-me</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:5af1a9e188251bc003833142</guid><description><![CDATA[<figure class="
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  <p><strong>re:publica:&nbsp;Warum ich lieber angele, statt auf die größte deutsche Internetkonferenz zu gehen – und deren Hof trotzdem vermisse</strong></p><p>„Geht leider nicht, ich bin auf einem Boot“, ist eine Aussage, die ich vergangene Woche überraschend selten treffen musste. Einmal, um genau zu sein. Da fragte mich ein alter Freund, ob wir uns zum alljährlichen Plausch über die sozioökonomischen Auswirkungen von Mark Zuckerbergs neuester „technischer Lösung“, die Volatilität der Auftragslage im digitalen Prekariat und den besorgniserregenden Zustand der Bundesliga im Hof der <a href="https://re-publica.com/de">re:publica</a> treffen wollen. Charmant wäre das schon gewesen – man ist ja gerade heutzutage dankbar für ein gutes Zwiegespräch –, aber da lag zu viel Havel zwischen Deutschlands größter Internetkonferenz und mir.</p><p>Dass ich ihr ein fließendes Gewässer vorzog, mag einerseits damit zu tun haben, dass man mit steigendem Alter den kontemplativen Charakter einer Angelpartie zu schätzen beginnt. Work-Life-Balance ist ja ein reales Ding in der digitalen Gesellschaft. Andererseits liegt es auch daran, dass der Reiz, den die Messe auf mich ausübte, lange schon zu schwinden begann – und dieses Jahr wohl endgültig das kritische Level unterschritt. So reichte es dann nicht mehr für zwei, drei kühle Getränke und ein Wiedersehen mit ein paar bekannten Gesichtern.</p><p>Für Letztere war ich immer gerne da. Sie waren es, die für mich die re:publica ausmachten. Ich bin zwar nicht romantisch genug, um vom oftmals beschworenen „Klassentreffen des deutschen Internets“ zu fabulieren. Aber durchaus so reflektiert, zu wissen, dass es vor allem die Leute waren, die man fernab der Panels traf, wegen derer man wiederkam.</p><p>Während ich vor ein paar Jahren zumindest noch aus Anstand an ein paar Veranstaltungen teilnahm, fremdelte ich zuletzt zunehmend mit dem offiziellen Angebot der Konferenz. Ich blieb ihm schlicht fern. Mal lag es daran, dass es nichts wirklich Neues zu erfahren gab. Mal waren die Vorträge einfach schlecht. Mal waren es Werbeshows für zahlungskräftige Unternehmen. Mal durften vermeintlich netzaffine Politiker ihr gefährliches Halbwissen unter die Leute bringen.</p><h2>Festival mit Werbeblocker</h2><p>Doch wenn man sich ärgerte, gab es immer noch den Hof, diese Insel der Glückseligkeit, auf der man sich mit Gleichgesinnten über und über das Vorgetragene hinaus austauschen konnte. Selbst dort blühte einem allerdings mehr und mehr, für wen die re:publica unterdessen gemacht wurde: Anbieter und Kunden. Dort, wo „der Anzugträger“ früher das unbekannte Wesen zwischen Bloggern, Nerds und anderen Bedenkenträgern war, gehört er jetzt zum festen Repertoire, allzeit bereit, seine Marke, seine Idee, sein Ich im Business-to-Business oder Business-to-Customer-Gespräch feilzubieten. <a href="https://18.re-publica.com/de/page/bundeswehr-bei-rp18-chronologie-paar-fragen">Er muss heute schon maximal-uniformiert auftreten</a>, <a href="http://www.deutschlandfunk.de/bundeswehr-und-republica-keinen-rekrutierungsstand-fuer.2907.de.html?dram:article_id=417117">um nicht willkommen zu sein</a>.</p><p>Der Hof des Anzugträgers ist die „Exhibition Area“, der zentrale Teil der Messe, der Partnern und deren Unternehmenspräsentation vorbehalten ist. Diese wuchert unterdessen in alle Richtungen – auf die Bühnen, in den „echten“ Hof – und macht die re:publica zu dem, was sie heute ist: dem „inspirierendsten Festival für die Digitale Gesellschaft“. Nicht. Aber wohl zu einem, das sich finanziell lohnen dürfte.</p><p>Das ist auch in Ordnung, die re:publica hat ihre Schuldigkeit längst getan. <a href="https://twitter.com/annalist/status/992435517512994817">Schön war’s</a>. Nur bleibt da eben eine Lücke: für ein Festival mit Werbeblocker. Für die Leute vom Hof, die sich unbehelligt über dieses Internet unterhalten wollen. Und die darin mehr sehen als einen Job, eine gute Geschäftsgelegenheit oder etwas, das sie verkaufen können. Aber das lässt sich leicht sagen, wenn man auf einem Boot sitzt.</p><p>___</p><p><strong>Disclosure</strong></p><p>Die Vorträge der re:publica <a href="https://www.youtube.com/user/republica2010/videos">lassen sich auf YouTube nachschauen</a>. Einige sind natürlich nach wie vor interessant</p><p>Dieser Beitrag <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/b2b-b2c-not-for-me-angeln-gehen-statt-re-publica">erschien in Ausgabe 19/2018 des Freitag</a></p>]]></description></item><item><title>Die linke Leerstelle</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Wed, 17 May 2017 12:55:11 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2017/5/17/die-linke-leerstelle</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:591c45d4e4fcb52a8701f10e</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p> </p><p>Bild von <a target="_blank" href="https://flic.kr/p/8vT9yB">Véronique Debord-Lazaro</a>&nbsp;(Flickr/CC)</p>
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  <p>Ich sitze in meiner Küche. Ein paar Freunde sind auch da. Wir trinken Wein, reden über die üblichen Dinge. Frauen, Männer, Kinder, den Euphemismus <a target="_blank" href="http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/arbeitszeit-ueberstunden-arbeitnehmer-institut-fuer-arbeitsmarkt-berufsforschung">40-Stunden-Woche,</a> <a target="_blank" href="http://www.sportschau.de/fussball/bundesliga/videobeweis-fussball-bundesliga-100.html">Videobeweis im Fußball</a>, Vorsätze fürs Pulplife (<a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Weniger_ist_mehr">Reduce to the max!</a>), 3 Zeug im Netz, die Unmöglichkeit ironischen Musikkonsums und diesen einen interessanten Artikel, <a target="_blank" href="https://www.nytimes.com/2017/05/15/opinion/trump-classified-data.html">den wir alle letzte Woche gelesen haben</a>. Dazu haben wir etwas zu sagen. Dann reden wir über Politik.</p><p>Schlimm ist das mit der AfD, wie die Rechtspopulisten das Land letztes Jahr vor sich her getrieben haben. Da hat kaum jemand eine gute Figur abgegeben. Merkel ging ja noch – Mutti ist die beste, bla bla! Aber hintenrum ist die Union so schwarz wie eh und je. <a target="_blank" href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-04/thomas-demaiziere-innenminister-leitkultur">De Maizière</a>, <a target="_blank" href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-12/seehofer-csu-koalition-obergrenze-fluechtlinge-merkel-cdu">Seehofer</a>, <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/sebastianpuschner/die-krise-und-ihre-austeritaetsideologen">Schäuble</a>? Zündeln bis die Hütte brennt. Ist euch schon mal aufgefallen, <a target="_blank" href="https://www.google.de/search?q=macron+lindner">wie ähnlich sich Macron und Lindner sehen</a>? Nicht nur äußerlich! Und die Linke unter Wagenknecht? Flirten mit dem rechten Rand: <a target="_blank" href="http://www.zeit.de/kultur/2016-08/sahra-wagenknecht-linke-kiyaks-deutschstunde">gruselig</a>! Wann machen die Grünen endlich mit ökologisch nachhaltiger Gentrifizierung Wahlkampf? Mit <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir">Cem</a> und <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Katrin_G%C3%B6ring-Eckardt">Katrin</a> Soja-Latte schlürfen und Fähnchen schwenken vor der Bio Company. Ehrlichkeit ist Trumpf! Der Schulz-Zug? Irgendwo kurz hinter Paderborn <a target="_blank" href="http://www.wahlrecht.de/umfragen/index.htm">stecken geblieben</a>. Auf die Bahn ist halt kein Verlass, hätte man sich vorher denken können. Beides rot.</p><p>Aber man ist ja kompromissbereit. Der liebe Alkohol! Also: <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rot-rot-gr%C3%BCne_Koalition">R2G</a>. Schließlich braucht das Land, ach Quatsch, Europa braucht ein sozialeres Deutschland. Denkt mal an die Griechen. Oder die Spanier. <a target="_blank" href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/">Wirklich schlimm das mit der Jugendarbeitslosigkeit</a>. <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4nderfinanzausgleich">Länderfinanzausgleich</a> klappt doch hier auch ganz gut. Außerdem: <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Grexit">Grexit</a>, <a target="_blank" href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-07/oexit-oesterreich-austritt-europa-norbert-hofer-fpoe">Öxit</a>, <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brexit">Brexit</a>, <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Frexit">Frexit</a> – Hört ihr die Signale? Ist wirklich an der Zeit, dass Berlin mal aus dem Knick kommt. Noch mehr Groko und wir werden unseren Kindern erklären müssen, <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erasmus-Programm">wer oder was Erasmus war</a>. Das wird dann auch eins dieser Narrative, von denen momentan alle faseln.</p><p>Ja, aber. Hat der Schulz nicht letztens irgendwo erzählt, dass sein feuchter Traum eine Koalition mit der CDU unter seiner Führung wäre? Der Mann hat Fantasie, muss man ihm lassen. Andersrum ist zur Not sicher auch ok. Von wegen als deutscher Außenminister endlich Europapolitik machen und (!) was zu sagen haben. Und die Grünen? Mögen es seit <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Winfried_Kretschmann">Kretsche</a> eh am liebsten, wo es heimelig ist. Politik fürs Deutschländle geht eben doch am besten mit Angela und ihrem <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Sch%C3%A4uble">schwäbischen Hausmann</a>. Hat unterdessen eigentlich irgendwer die Linke, diese besserwisserische Streberin mit Rechts-Links-Schwäche, aus ihrer Schmollecke geholt? Nein? Ok.</p><p>Aber die wählt man ja eh nicht. Haben wahlweise die SPD gespalten oder die SED beerbt – und predigen ein altbackenes Verständnis der Arbeiterklasse, für das sich selbst der junge Karl Marx schämen würde. Freiheitsrechte, Europa und Migranten für lästiges Beiwerk zu halten ist innerhalb des S-Bahnrings auch eher nicht so en vogue. Naja. Mehr Fahrradwege sind da schon besser, aber ein <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarz-gr%C3%BCne_Koalition">schwarz-grünes Damoklesschwert</a> ohne Helmpflicht schwer vermittelbar. Wo wir schon mal bei „schwer vermittelbar“ sind: Erinnert sich noch jemand daran, wer uns Hartz IV eingebrockt hat? Von wegen sozial. Die SPD kann auch ohne CDU anders.</p><p>Also, entweder Rot-Rot-Grün bietet jetzt mal wirklich an und meint es ernst – oder es macht jemand anderes. Ist schließlich wie in der Wirtschaft, Angebot und Nachfrage. Sieht man ja anderswo: <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Synaspismos_Rizospastikis_Aristeras">Syriza</a>, <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Podemos">Podemos</a> und so. Die Einschläge kommen näher. Wobei, da fehlt in Deutschland vielleicht der Leidensdruck. Uns geht's ja gut. Noch! Sagt der Varoufakis auch:&nbsp;<a target="_blank" href="https://ec.europa.eu/growth/single-market_de">Single Market</a>, selbes Boot. Da hilft auch kein Rückzug aufs Nationale. Nein, auch nicht den Abgehängten. Die fetten Jahre sind vorbei, für den Opelaner wie das kreative Prekariat. Schwelgen in vergangenen Zeiten kann zwar schön sein, aber <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit">„Zur Sonne, zur Freiheit“</a> ist nicht nur im Urlaub ohne Europa nicht mehr drin. Also vorwärts.</p><p>Denn im Grunde ist das ja eh alles alternativlos. Nur gibt es keine. Da, wo unsere Zukunft verhandelt werden soll, klafft eine riesige linke Leerstelle. Zum Schämen. Opportunismus, Karrierismus, Lobbyismus, ... Zwischen all den Ismen bleibt nicht viel Raum für große Ideen, geschweige denn für deren Umsetzung. Und die Konservativen lachen sich kaputt, wenn sie bei der Wahl zwischen Pest und Cholera mal wieder als das geringere Übel durchgehen – und sich in einer <a target="_blank" href="http://uebermedien.de/15797/der-martin-schulz-effekt-defekt/">schwarz-weißen Medienwelt</a> als die Guten gerieren können. <a target="_blank" href="http://www.stern.de/politik/ausland/frankreich-wahl--die-hoffnung-heisst-emmanuel-macron-7437736.html">Hi, Emmanuel</a>. Wenn man nicht schon drei Jobs hätte, man müsste ja selbst was gründen. Eine Bewegung, eine Partei. Rausgehen, die Leute abholen. So Leute wie uns, diese links-grün-versifften Gutmenschen, urbane Links-Liberale eben. Macht ja offensichtlich sonst keiner. Ist auch eh zu spät. Das Wahljahr wartet schließlich nicht.&nbsp;</p><p>Und wen wählt man jetzt? Es ist still in meiner Küche, die Gäste weg und die Gläser halb leer.</p>]]></description></item><item><title>Im Haifischbecken</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Tue, 01 Nov 2016 10:44:01 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2016/11/1/im-haifischbecken</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:58187145e6f2e10d0e6bc4bb</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Bild:&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/eldh/">Andreas Eldh</a>&nbsp;/ <a target="_blank" href="https://flic.kr/p/9VF4ub">Flickr (CC)</a></p>
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  <h3><span>#WeAreTwitter:</span><span>&nbsp;Eine Petition schlägt vor, das soziale Netzwerk von seinen Nutzern übernehmen zu lassen. Doch diese sollten sich erstmal fragen, welches Twitter sie überhaupt wollen</span></h3><p>Schon oft war der bei seinen Nutzern populäre, aber finanziell stetig kriselnde Mikroblogging-Dienst Twitter das Objekt der Begierde potenzieller Übernahmen. Glaubt man jüngsten Spekulationen, könnte es nun aber bald ans Eingemachte gehen.&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.recode.net/2016/9/14/12876560/twitter-acquisition-options-google-facebook-apple">Auf der Liste</a>&nbsp;vermeintlicher Interessenten standen bereits die Branchenriesen Apple, Facebook, Google oder Microsoft, aber auch Medienunternehmen wie Fox und Disney. Laut Presseberichten haben zudem auch einige Finanzhaie die Witterung aufgenommen. Nur zugebissen hat noch keiner.</p><p><a target="_blank" href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/sep/29/save-twitter-buy-platform-shared-ownership">Vor kurzem hatte Guardian-Autor Nathan Schneider deshalb die Idee</a>, dass die Nutzer das Unternehmen einfach selbst kaufen sollten. Man könnte es,&nbsp;<a target="_blank" href="https://actionnetwork.org/petitions/wearetwitter">so der Vorschlag der Petition #WeAreTwitter</a>, in eine Kooperative, eine Art genossenschaftliches Großprojekt umwandeln, um es den Fängen der Wall Street zu entreißen. In Schneiders Augen würde Twitter so gewissermaßen zu einer eierlegenden Wollmilchsau. Einerseits wäre man den finanziellen Wachstumsdruck los, andererseits könnte der Kurznachrichtendienst gerade dadurch so werden, wie viele Nutzer es sich schon immer wünschten: mehr Unabhängigkeit, keine Werbung, mehr Moderation, weniger <a href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/am-braunen-stammtisch">Hatespeech</a>. Traumhaft.</p><p>Doch diese Idee hat einen stolzen Preis. Die Strategie, die die Kalifornier 2007 wählten, baut nämlich auf der Annahme auf, dass man sich aus den roten Zahlen wächst. Facebook, mit dem man sich einst auf Augenhöhe wähnte, hat es schließlich vorgemacht. Jedoch verzeichnet Twitter im Gegensatz zu Facebook nach wie vor jährliche <a target="_blank" href="http://neunetz.com/2016/10/20/warum-wearetwitter-ein-unrealistischer-traum-ist/">Verluste von knapp einer halben Milliarde Dollar</a>. Und auch die Aussichten auf Besserung waren schon mal rosiger. Allein diese Summe müsste man also für ein schlichtes „Weiter so“ berappen – pro Jahr, Werbung und Hatespeech inklusive.</p><p>Um Twitter aber in den Hort der Glückseligkeit zu verwandeln, den man sich von dieser freundlichen Übernahme verspricht, wäre mehr Personal bei sinkenden Einnahmen nötig. Denn falls gelänge, was noch nie erfolgreich versucht wurde – ein Unternehmen dieser Größe in eine Genossenschaft umzuwandeln –, darf man daran zweifeln, dass die Kooperative zuallererst den Rotstift ansetzen, Stellen streichen und Kosten reduzieren würde. Für die unschönen Dinge des Arbeitgebertums sind die Petenten nicht angetreten.</p><p>Leicht wird zudem vergessen, dass Twitter längst nicht mehr das Twitter ist, das es vermeintlich war, kurz nachdem es 2006 gegründet wurde: das etwas andere Social Network, smarter, witziger und weniger kommerziell als Facebook. Vielleicht traf dieses Narrativ sogar einmal zu, auf jeden Fall aber wird Twitter noch immer dazu verklärt. Heute ist das Unternehmen jedoch in erster Linie ein Internet-Start-up-gone-Großprojekt par excellence, voller Advertorials, Marketing und Hass. Eines, das sich an der Börse mit den Großen messen wollte und daran gescheitert ist. Und trotzdem – oder gerade deshalb? – lieben wir es. Twitters Architektur und seine mit Verlusten erkaufte Größe ködern Nutzer mit dem klassischen <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialer_Aufstieg#Vom_Tellerw.C3.A4scher_zum_Million.C3.A4r">Tellerwäscher-Versprechen</a>. Jeder kann mitmachen, jeder kann – so er denn pfiffig genug ist – viral gehen und so zu seiner eigenen Medienmarke werden. Auch davon träumen einige.</p><p>Wir müssen uns nur fragen, welches Twitter wir wollen: eines, das versucht, im Chor der großen Netzwerke mitzusingen? Oder eines, das sich der Logik des Marktes entzieht? Beides geht nicht, es gibt keinen richtigen Kapitalismus im falschen. Vielleicht ist Twitter also bei den Haien gut aufgehoben. Wer trotzdem sein globales Dorf will, sollte ein neues gründen. Vermutlich wären die Erfolgschancen dann eh größer als bei <a target="_blank" href="https://twitter.com/search?f=tweets&amp;vertical=default&amp;q=%23wearetwitter&amp;src=typd">#WeAreTwitter</a>. Bis dato haben nur knapp 1.400 (Stand 26. Oktober 2016) der 300 Millionen aktiven Nutzer die Petition gezeichnet.</p><p>Dieser Text <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/im-haifischbecken">erschien im Freitag 43/2016</a></p>]]></description></item><item><title>Stress ohne Grund</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Thu, 21 Apr 2016 10:08:13 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2016/4/20/stress-ohne-grund</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:5717e7f6f85082df1d4dd753</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p><em>Semra</em> von <strong>Susann Massute</strong></p>
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  <h2><span>Wie ein Streit um den Fahrradweg vor einem Berliner Späti in einer handfesten Blamage für Politik und Verwaltung endet</span></h2><p><em>Von Antonia Märzhäuser, Susann Massute und </em><em>Jan Jasper Kosok</em></p><p>Berlin ist eine spezielle Stadt. Das Innere des S-Bahn-Rings – seit dem Mauerfall im ständigen Wettstreit zwischen Nostalgie und Moderne – zieht Touristen wie Wahlberliner seit Jahren gleichermaßen in seinen Bann. Und auch der Ur-Berliner weiß, wo es am schönsten ist: in seinem Kiez. Noch ist die Stadt ein bisschen urig, nicht stubenrein genug, um im Konzert der ganz großen Metropolen mitzuspielen. Irgendwie scheint man auch stolz darauf, dass sich hier Alkoholiker und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Expatriate">Expat</a>&nbsp;noch friedlich die Klinke in die Hand geben, wenn sich der eine sein letztes und der andere sein erstes Bier <a href="https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/einsam-ungelenk-sozial">im Spätkauf nebenan</a>&nbsp;holt.</p><p>Am Görlitzer Bahnhof, der sich in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Henkel">Ära Henkel</a>&nbsp;(Innensenator,&nbsp;<a href="http://www.vice.com/de/read/junge-union-berlin-oranienplatz-refugee-camp-danke-frank">“Danke, Frank”</a>) zunehmend den Ruf eines <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article154506788/So-was-wie-in-Berlin-habe-ich-in-Amsterdam-nie-gesehen.html">Mekkas für Dealer</a>&nbsp;erarbeitet, findet man so ein Etablissement. Der <a href="https://www.facebook.com/pages/Dusk-till-Dawn-Sp%C3%A4ti/123471954420877">„Dusk till Dawn”-Späti</a>&nbsp;ist einer jener Läden, deren Charme nur begreifen kann, wer die Mischung aus hängen gebliebenen Devotionalien (alte Filmposter, Marlon Brando), 1990er Jahre Ambiente (Neonlichter, nervös blinkend), Notfalleinrichtungen (Geldautomat, 4,99€ pro Abhebung) und einer beachtlichen Auswahl exotischer Biersorten (Störtebeker Schwarzbier,&nbsp;Fürst Carl Dunkel) zu schätzen weiß. Von diesen Leuten gibt es überraschend viele.</p><p>Dessen ist sich inzwischen auch Semra bewusst. Der Blick der kleinen Frau, die ihren Späti seit sieben Jahren mit viel Liebe und kaufmännischer Schläue betreibt, ist so vergnügt wie kämpferisch. Vor ein paar Monaten sah das für die „Kiez-Mama”, wie sie ihre treuesten Kunden nennen, noch ganz anders aus. Als sie Mitte Januar erfuhr, dass ihr das Ordnungsamt die Genehmigung zum Aufstellen von Bänken und Tischen auf dem Bürgersteig vor dem Späti entziehen würde, standen der sonst so toughen Frau die Tränen in den Augen. Ihre Geschichte schien eine weitere Episode dafür zu werden, wie Denkfaulheit und Regulierungswut sukzessive den Charme Berlins ausradieren.</p><h2>Ordnung muss sein</h2><p>Eingepfercht zwischen einem auf dem Bürgersteig verlaufenden Radweg und dem Mobiliar der Geschäfte sei für Fußgänger zu wenig Platz, der gesetzlich vorgeschriebene Abstand für die sichere Benutzung des Gehwegs werde nicht eingehalten, so die nüchterne Analyse des Ordnungsamts. Es handle sich eben um ein „Nadelöhr“, so <a href="https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/bezirksamt/das-kollegium/lebenslauf.146168.php">Peter Beckers von der SPD</a>, Bezirksstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, stellvertretender Bezirksbürgermeister und verantwortlich für die Bereiche Wirtschaft, Ordnung, Schule und Sport. Für ihn liegt der Sachverhalt klar: „Das Ordnungsamt hat die Pflicht der Gefahrenabwehr.&nbsp;Wenn ein Unfall passiert, wird es zur Rechenschaft gezogen, so lange die Gefahrensituation nicht beseitigt ist, kann die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sondernutzung">Sondernutzung</a>&nbsp;nicht erteilt werden“. Gerade in den Sommermonaten, in denen der Fahrrad- und Fußgängerverkehr zunimmt, sei die Situation unhaltbar. Punkt.</p><p>„Fünfzig Prozent”, das betont Semra so häufig wie nachdrücklich, würden ihr an Umsatz in eben jenen Monaten dadurch verloren gehen, dass ihr das Sondernutzungsrecht für den Bürgersteig entzogen wurde. „Mindestens!” Auch beim ebenfalls von der Regelung betroffenen vietnamesischen Restaurant nebenan macht man sich Sorgen: „Wir haben zwar Klimaanlagen eingebaut, aber im Sommer wollen die Leute nur draußen sitzen.” In einer Stadt wie Berlin ist man dazu geneigt, so etwas schnell abzutun. Man kann hier dabei zusehen, wie sich die Dinge verändern. Und es gibt immer Leute, die dabei in den sauren Apfel beißen müssen. Draußen sitzen kann man schließlich auch irgendwo anders.</p><p>Überhaupt sei Kreuzberg ein Bezirk, der insgesamt nicht gerade arm an Cafés und Spätis sei, befindet Peter Beckers. Ganz auf Linie mit einer Stadt, die ihre <a href="http://www.tagesspiegel.de/berlin/spaetis-in-berlin-ein-leben-ausserhalb-der-oeffnungszeiten/12161482-all.html">Kioske schon länger gängelt</a>, scheinen für den Sozialdemokraten ein paar weniger durchaus verkraftbar. Und natürlich hat er amtlich Recht, wenn er darauf beharrt, dass „in diesem Fall Sicherheit vor Kommerz gehe“. Ob die Situation sich jedoch aufgrund der neuen Verordnung signifikant verbessert, bleibt zumindest fraglich. Und auch Semra merkt spöttisch an, dass man „sich vielleicht besser um die Dealer kümmern sollte, wenn einem die Sicherheit am Görli wirklich so am Herzen liegt”.</p><p>Kampflos jedenfalls, das scheint schnell klar, wird sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Kann sie auch nicht, wenn sie ihren Laden am Leben erhalten will.&nbsp;<a href="http://www.berliner-zeitung.de/berlin/spaeti-in-kreuzberg-darf-keine-stuehle-mehr-auf-den-gehweg-stellen-23750346">Deshalb setzt sie eine Petition auf</a>, in der sie dafür plädiert, die Kiezkultur des Straßenabschnitts zu erhalten, und den Bezirk auffordert, eine Lösung zu finden, die für alle Parteien zufriedenstellend ist. Auch die übrigen betroffenen Läden machen mit. Sobald mehr als 500 Unterschriften in der Nachbarschaft zusammen kommen, wollen sie diese der Bezirksregierung übergeben. Es dauert nicht mal eine Woche. Die Kreuzberger scheinen anderer Meinung als ihr Stadtrat.</p>


  




















































  

    
  
    

      

      
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            <p><em>Die Skalitzer</em> von <strong>Susann Massute</strong></p>
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  <p>Man sei sich der Problematik rund um den Abschnitt Skalitzer Straße 99 bis 106 schon länger bewusst, sagt die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann von den Grünen.&nbsp;<a href="http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/vo020.asp?VOLFDNR=4949#allrisBV">Einen Antrag an den Senat</a>, den hiesigen Fahrradweg – soweit möglich – auf Parkplätze oder Fahrbahn zu verlagern und dadurch mehr Raum für Passanten, Räder und Läden zu schaffen, hat die Bezirkverordnetenversammlung (BVV), das „Kreuzberger Parlament“, deshalb bereits 2012 gestellt. Ersatzparkplätze könnten wie auch in anderen Teilen der Skalitzer Straße auf dem Brachland unter der Hochbahntrasse geschaffen werden. Eine salomonische Lösung. Ähnliches fordert auch Semras Petition zum „Erhalt der Kiezkultur auf der Skalitzer Straße”.</p><p>Sogar im Berliner Senat sorgt man sich generell um den maroden Zustand der Verkehrsführung – besonders Zweiräder betreffend. Jahr für Jahr gibt man deshalb <a href="http://www.rbb-online.de/imparlament/berlin/2016/3--maerz-2016/77--Sitzung-des-Berliner-Abgeordnetenhauses1.html">Budgets von mehreren Millionen Euro für den Ausbau von Radwegen frei</a>. Anlass zu überbordendem Optimismus bietet das aber nicht. Zwar wurde bereits 2013 zu einem groß angelegten Online-Dialog für Radsicherheit aufgerufen – so konnte man <a href="http://radsicherheit.berlin.de/">auf einer Website Vorschläge für Verbesserungen und Ausbau der Fahrradwege abgeben</a>&nbsp;und über die Dringlichsten abstimmen –, nur ein<a href="http://www.tagesspiegel.de/berlin/gefahrenstellen-auf-radwegen-die-berliner-verwaltung-tut-wenig-fuer-radfahrer/11787978.html">&nbsp;Bruchteil davon wurde jedoch umgesetzt</a>. Das Geld ist da, das Wissen um die Brennpunkte ebenfalls. Auch Anwohner, Bezirk und Stadt scheinen sich einig. Und dennoch passiert häufig nichts. Woran kann das liegen?</p><p>Vielleicht an der dem Senat unterstehenden <a href="http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/lenkung/">Verkehrslenkung</a>, die sich um die Straßen Berlins kümmern soll. Auch sie genießt den Ruf eines Nadelöhrs. Laut Peter Beckers bleiben viele der Anträge, die er als Verantwortlicher im Auftrag der BVV stellt, dort jahrelang unbeantwortet. So auch der, die Situation an der Skalitzer zu entschärfen. Da die Straße mit einem Durchsatz von knapp 30.000 Autos pro Tag an dieser Stelle für den städtischen Verkehr von übergeordneter Wichtigkeit sei, könne man außerdem als Bezirk nicht autonom handeln. Ohne Entscheidung des Senats gehe es nicht – auf diese wartet man seit nunmehr fast vier Jahren,&nbsp;<a href="https://politik-bei-uns.de/file/561598841ae6a026be02b2ca">2015 wurde die Anfrage des Weiteren erneut gestellt</a>. In der Zwischenzeit müsse man der Situation eben mit anderen Mitteln Herr werden.</p><p>„Ich fotografiere das ab jetzt alles”, sagt Semra in Manier einer rüstigen Rentnerin und zeigt auf den Wagen, der direkt vor ihrem Späti auf dem Fahrradweg parkt. Nichts würde hier besser, nur weil die Tische weg sind, diagnostiziert sie verärgert. Die Straße zu überqueren sei zuweilen abenteuerlich, Fahrradfahrer würden nach wie vor von zwischen parkenden Autos hervorspringenden Passanten überrascht und auf den Spuren selbst hätte sich noch nie jemand an das Tempolimit gehalten. Jedem, der die Ecke kennt, wird es schwer fallen, Semra zu widersprechen. Für das Gros der Verkehrsprobleme auf der Skalitzer sind die fehlenden Tische nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.</p><h2>Sprachlosigkeit macht sich breit</h2><p>An dieser Stelle könnte diese Geschichte enden. Resigniert müsste man konstatieren, dass gute Ideen oft in den Mühlen der Verwaltung zerbröseln, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt, und man sich wohl oder übel damit abfinden muss, dass Dinge auch in Berlin geregelt werden, wie sie so häufig geregelt werden, wenn sich der Amtsapparat einer Sache annimmt: mit faulen Kompromissen, die in bestenfalls suboptimalen Lösungen enden – und das nach Jahren. Oder aber man hakt nach und stellt fest, dass es in Wahrheit noch viel schlimmer ist.</p><p>Auf Anfrage bei der Verkehrslenkung Berlin, besagtem „Nadelöhr der Verwaltung”, wird den Autoren überraschend zügig <a href="https://drive.google.com/file/d/0B1Ww6g3bdL9WTlVuTmkwVGExbWc/view?pref=2&amp;pli=1">ein Dokument ausgehändigt, welches belegt, dass der Antrag des Bezirksamts bereits 2014 beantwortet wurde</a>. Der Inhalt: der Fahrradweg kann nicht auf die Fahrbahn verlegt werden, da die Skalitzer Straße als wichtige Ost-West-Achse zweispurig bleiben muss. Gegen einen Fahrradweg dort, wo sich momentan die Parkplätze befinden, sei aber prinzipiell nichts einzuwenden, sofern man eine Lösung für die dort stehenden Bäume fände. Die Entscheidung darüber allerdings liege im Kompetenzbereich des Bezirks. Des Weiteren wird angemerkt, dass man das Problem auch kostengünstiger regeln könne, wenn man die Tische der ansässigen Gastronomie entfernen würde. Letzteres ist, was augenscheinlich auch Stadtrat Beckers präferiert – und vom Ordnungsamt durchgesetzt wurde.</p><p>Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann ist sprachlos. Sie hatte sich bis dato auf Beckers’ Wort verlassen, der nicht müde wurde, zu betonen, die Anfrage wäre nach wie vor unbeantwortet, das jetzige Vorgehen alternativlos. Sogar eine rechtliche Prüfung war in Auftrag gegeben worden. Diese sollte klären, inwiefern die Annahme, man könne als Bezirk eigenständig nicht tätig werden, der Wirklichkeit entspricht. Das scheint jetzt hinfällig, Herrmann will der Sache nachgehen. Beckers selbst bittet um Verständnis dafür, dass er sich angesichts der ‚neuen‘ Sachlage zunächst nicht äußern wolle. Was bleibt, sind viele offene Fragen und ein fader Beigeschmack. Garniert mit der Erkenntnis, dass in Politik und Verwaltung die eine Hand nicht zu wissen scheint, was die andere tut. Leidtragende dieser Realsatire sind Semra und ihre Mitstreiter.</p><p>Doch auf der Skalitzer hat man sich berappelt. Selbst die Tische stehen wieder. Man gibt sich kämpferisch und hat unterdessen Rechtsbeistand. „Sollen sie doch kommen”, dann könne man immer noch weiter sehen, sagt Semra, stemmt demonstrativ die Hände in die Hüften und lacht. Den Frühling wollen sie und ihre Gäste, die – als wäre nichts gewesen – den Bürgersteig säumen, sich nicht verderben lassen. Gewählt wird in der nicht ganz stubenreinen Metropole schließlich erst im Herbst wieder.</p><p>___</p><p>Text und Recherche beruhen auf der gemeinsamen Arbeit von <strong>Antonia Märzhäuser</strong> und <strong>Jan Jasper Kosok</strong>. Letzterer wohnt in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs und hat sich aktiv für die Belange der betroffenen Läden engagiert. Illustriert wurde der Text von <a target="_blank" href="http://susannmassute.tumblr.com/"><strong>Susann Massute</strong></a>, die ebenfalls in der Nähe des Spätkaufs lebt</p><p>Dieser Artikel erschien ebenfalls <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/stress-ohne-grund">beim Freitag</a></p>]]></description></item><item><title>Echt jetzt?</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Wed, 27 Jan 2016 20:33:57 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2016/1/27/echt-jetzt</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:56a929688b38d4b043049c45</guid><description><![CDATA[<figure class="
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  <p>Ich bin sauer. Gerade gehe ich zu meinem Lieblingskiosk in der Skalitzer Straße, Dusk till Dawn. Noch ein alkoholfreies Kaltgetränk als Dreingabe zu Gericht Nummer 1 vom Vietnamesen nebenan. Hayati hat schlechte Laune, ich wenig später auch (s.o.).</p><p>Der Grund dafür ist so simpel wie vorhersehbar. Die Stadt hat mal wieder eine überragende Idee, wie man den Kiez für uns Anwohner hier „schöner“ gestalten kann. Und die geht so: ab diesem Sommer sollen die Spätis, Restaurants, Läden und Imbisse doch bitte den Bürgersteig nicht mehr nutzen. Keine Tische, keine Auslage, sonst Ordnungsgeld.</p><p>Macht ja auch Sinn. Schließlich kam es in der Vergangenheit auf dicht gedrängtem Pflaster immer wieder zu schmerzhaften Begegnungen zwischen Sitzern, Passanten und Fahrradfahrern. In allen Variationen. In Zukunft soll es wieder amtlich gesittet zugehen: entweder gehen oder Fahrrad fahren. Wozu sonst soll ein Bürgersteig inklusive Radweg auch gut sein?</p><p>Zum Beispiel für ein bisschen Leben. Das nämlich steht der eh schon kahlen Skalitzer wesentlich besser als ihre Rolle als überforderte Durchfahrtsstraße. Wie wäre es denn damit, dass die Stadt sich mal erkundigt, was die Leute hier im Kiez wirklich wollen? Eine einspurige Straße mit Streifen für die heiß geliebten Velos vielleicht, inklusive sommerlichem Tummeln auf einem breiten, verkehrsberuhigten Bürgersteig zum Beispiel. Könnte ja sein.</p><p>Aber anstatt an Anwohner, Kiezkultur und die liebe Umwelt zu denken, muss man es natürlich den Schwächsten, also den kleinen, lokalen Geschäften, noch ein bisschen schwerer machen. Alles für König Auto und seinen Versorger, den Augenschmaus namens Shell-Tankstelle, von jeher Mittelpunkt des Stadteils. Nicht.</p><p>Was nützen Lippenbekenntnisse des Senats, die Situation für Radfahrer wirklich (!) zu verbessern, die Stadt grüner zu machen und die Berliner Kiezkultur zu bewahren – wenn nicht zu fördern –, sobald es darum geht, mal wirklich ein (klitzekleines) bisschen Farbe zu bekennen und den eh schon Übervorteilten auch mal etwas aufzubürden, um diese Ziele zu erreichen?</p><p>Offensichtlich nicht viel. Und man kommt nicht umhin zu denken: da geht er hin, mein Kiez. Und Hayati schaut ratlos drein. Wie sein Laden ohne die durstigen Kehlen vor der Tür auskommen soll, weiß er auch nicht. Es ist zum Kotzen. Echt jetzt.</p>]]></description></item><item><title>Wohin mit dem Hass?</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Wed, 16 Sep 2015 13:17:15 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/9/15/wohin-mit-dem-hass</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:55f813d2e4b0a20935175650</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p>Von <a href="https://www.flickr.com/photos/rh2ox/">r2hox</a>&nbsp;<a target="_blank" href="https://flic.kr/p/avk6PY">(Flickr/CC)</a></p>
          </figcaption>
        
      
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  <p>„Ich bin ja nicht <a target="_blank" href="https://twitter.com/hashtag/kaltland">#Kaltland</a>, aber man wird doch wohl noch <a target="_blank" href="https://twitter.com/search?q=%23heidenau">#Heidenau</a>“. So oder ähnlich lautet derzeit ein massenhaft gebräuchliches Argumentationsmuster in deutschen Online-Kommentarspalten. Spätestens seit diese krude Logik immer häufiger in blankem Hass, dem, was inzwischen gemeinhin als <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hassrede">„Hate Speech“</a> bekannt ist, und unverblümten Aufrufen zur Gewalt gipfelte, fühlte sich auch Justizminister Heiko Maas bemüßigt, bei dem in Deutschland beliebtesten sozialen Netzwerk Facebook vorstellig zu werden, um vehement ein härteres Vorgehen gegen rechte Hetze und Naziparolen einzufordern.</p><p>Das Netzwerk selbst reagierte auf den Wunsch nach mehr Moderation und Löschung fragwürdiger Inhalte zunächst verhalten. Auch bei einem späteren Treffen konnte man sich lediglich verbindlich darauf einigen, stärker mit der <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Freiwillige_Selbstkontrolle">Freiwilligen Selbstkontrolle</a> zu kooperieren und eine Art <a target="_blank" href="https://www.tagesschau.de/inland/facebook-177.html">Taskforce ins Leben zu rufen</a>, die sich mittelfristig mit dem Phänomen befassen soll. Facebook argumentierte, dass das wirksamste Mittel nicht das Löschen solcher Einträge, sondern „Counter Speech“, also aktive Gegenrede, sei. Des Weiteren stehe man mit dem Problem nicht alleine da. Auch bei YouTube, Twitter und Co tobe der braune Mob.&nbsp;</p><p>Das ist sicher richtig. Denn rechtes Gedankengut ist keine Ausnahmeerscheinung, wie uns Politiker gerne glauben machen wollen, <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/die-wuerde-deutschlands-ist-unantastbar">wenn sie vom „Pack“ oder vereinzelten Spinnern reden</a>. Im Gegenteil, man könnte tatsächlich meinen, der braune Stammtisch hätte längst wieder in der Mitte der Gesellschaft Platz genommen. Und ein Blick ins Netz genügt, um zu erahnen, dass diese These traurige Wahrheit sein könnte.</p><p>Dort wüten die, die sich missverstanden, ungewollt und zurückgelassen fühlen: die besorgten Bürger, Pegida und selbst titulierten Asylkritiker. Sie sind laut, sie sind verbittert und bilden den Nährboden für eine Stimmung, die jene bestätigt, die dazu beitragen, dass man inzwischen fast täglich in den Nachrichten von brennenden Flüchtlingsheimen hören muss. Wer will das schon?</p><p>Doch Abschalten hilft nicht. Wer sich für sein Land bessere Presse wünscht, muss genau hinschauen und darf das Symptom nicht mit der Ursache verwechseln. Der Hass kommt nicht aus dem Netz, er kommt aus der Gesellschaft. Im Bezug auf diese wurde in den letzten Jahrzehnten <a target="_blank" href="http://www.spreeblick.com/blog/2015/08/25/entscheide-dich-endlich-deutschland/">viel versäumt</a>. Wer, um dem entgegen zu wirken, seine Bürger nun aufklären will, muss endlich anfangen, sich um sie zu kümmern. Das jedoch ist lange, harte Arbeit, das ist Gegenhalten, das ist Engagement, das ist eine sozialere Politik, und das ist vor allem Haltung. Und gerade eben kein medienwirksamer Schnellschuss, der wie so oft den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie gehorcht.</p><p>So ist es wenig hilfreich, wenn ein Stellvertreter der Bundesregierung ausgerechnet jetzt auch nur den leisesten Anschein erweckt, er würde jedwede Verantwortung für den Zustand der eigenen Bevölkerung von sich weisen und einem privaten Unternehmen wie Facebook den schwarzen Peter zuschieben wollen. Dass auch letzteres mit seinem Vorgehen bis dato keine gute Figur macht:&nbsp;geschenkt. Denn natürlich passt es nicht zusammen, dass Facebook offenkundig kein Problem mit Hate Speech hat, aber ein übereifriger Sittenwächter ist, sobald es um nackte Haut geht.</p><p>Was unterdessen strafrechtlich relevant ist, sollte Aufgabe des Staates bleiben. Statt mit dem Netz zu fremdeln und das Feld achtlos Hasspredigern oder dem freien (Meinungs-)Markt zu überlassen, sollte man sich endlich zu einer stringenten und engagierten (Netz-)Politik durchringen. Das heißt gerade eben nicht, dass man nicht auch Unternehmen in die Pflicht nehmen darf, doch sollte man sich ebenso davor hüten, gesellschaftliche Probleme ausblenden oder privatisieren zu wollen. Dann klappt es auch mit dem Bürger.</p><p> </p><p><a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/am-braunen-stammtisch"><em>Eine Version dieses Textes erschien in Ausgabe 38/15 des Freitag</em></a></p>]]></description><media:content type="image/jpeg" url="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1442322091795-PDUW8YS42YSKAV52AF7X/image-asset.jpeg?format=1500w" medium="image" isDefault="true" width="756" height="480"><media:title type="plain">Wohin mit dem Hass?</media:title></media:content></item><item><title>Let's get lost</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Mon, 18 May 2015 10:57:39 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/5/18/instant-karmas-gonna-get-you</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:5559a349e4b081dbcc29b79c</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p><em>Let's get lost</em>&nbsp;von <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/mecookie/">Michael</a> (<a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/mecookie/3374589349/">Flickr/CC</a>)</p>
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  <p><span><span>Eben erst hat Google im Verbund mit acht europäischen Verlagen <a href="http://www.jasperkosok.com/text/2015/4/29/der-schokoladenonkel-aus-mountain-view">eine digitale Nachrichteninitiative gestartet</a>, nun launcht&nbsp;das soziale Netzwerk Facebook&nbsp;<a target="_blank" href="http://instantarticles.fb.com/">einen Dienst namens <em>Instant Articles</em></a>, mit dem es dem alterwürdigen&nbsp;Journalismus nach eigener Aussage ebenfalls&nbsp;unter die Arme greifen möchte. Wie es sich gehört, sind zum Start natürlich auch ein paar bekannte Namen dabei: In Deutschland&nbsp;diesmal der <em>Spiegel</em> und die <em>Bild</em>, international unter anderem die <em>New York Times </em>und der <em>Guardian</em>. So stellt man sicher, dass der Leser sich gut aufgehoben fühlt und der Rest der Branche das gute Stück auf jeden Fall und am besten sofort haben möchte – man will ja vorn mit dabei sein. <a target="_blank" href="http://www.simonowens.net/stop-acting-like-the-facebook-instant-articles-tool-is-something-novel">Und so wird es auch kommen</a>.</span></span></p><p><span><span>Das hat mehrerlei Gründe. Mit Instant Articles lassen sich Inhalte von Webseiten einfach, schnell und direkt in das soziale Netzwerk einspeisen und dort für den Leser blitzschnell und aufgehübscht darstellen. Kein Warten, kein in die Welt geworfen werden, nur um dann auf dem hässlichen, nicht für das jeweilige Endgerät optimiertem Portal einer x-beliebigen Publikation zu landen, sondern: Alles, sofort, hier.</span></span></p><p><span><span>Die Firma aus Menlo Park, Kalifornien, nimmt den Verlagen damit das ab, was diese seit Jahren nicht wirklich hinbekommen: Otto Normalsurfer die eigenen Inhalte so zu präsentieren, wie er sie gerne lesen würde – ohne viel Bling, Bling –, und vor allem da, wo er sie gerne lesen würde. Nämlich dort, wo er sich eh schon tummelt: in den sozialen Netzwerken.</span></span></p><p><span><span>Für den Leser ist das super, für Facebook sowieso. Und für die Verlage? Auf jeden Fall Grund genug für die <em>F.A.Z.</em>, <a target="_blank" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/facebook-und-journalismus-13592828.html">hysterisch zu reagieren</a>. Spielt man so schlussendlich nicht einem der größten Konkurrenten des hiesigen Qualitätsjournalismus in die Hände? Verliert man nicht vollständig die Kontrolle über Inhalte und Leser, wenn Artikel nur noch auf Facebook existieren? Und was, wenn Facebook sich entscheidet, den Laden selbst zu schmeißen?</span></span></p><p><span><span>Nüchtern betrachtet&nbsp;<a target="_blank" href="http://christophkappes.de/geworfen-2-titanenkaempfe/">ist Facebook kein Konkurrent</a>. Wenn Mark Zuckerberg wollte, hätte er sich längst ein darbendes Medienhaus leisten können. Will er&nbsp;aber nicht.&nbsp;</span></span><span><span>Denn während Verlage mit Inhalten dealen, <a href="http://www.jasperkosok.com/text/2015/1/14/in-zukunft-werden-wir-kommuniziert">lebt das System Facebook von Kommunikation,</a> herunter gebrochen auf die kleinsten Teile: Likes, Kommentare, Bilder und Verweildauer. <a target="_blank" href="https://netzoekonom.de/2015/04/30/das-internet-der-plattformen/">Die Kalifornier betreiben eine Plattform</a> und sind daran interessiert, dass diese floriert, der Kommunikationsfluss nicht abreißt. Genau das soll Instant Articles leisten: Der Leser bleibt im Biotop, die Verlage liefern den Treibstoff.</span></span></p><p><span><span>Dass jeder Artikel auch auf dem Portal des jeweiligen Mediums liegt, versteht sich dabei von selbst. Texte werden vielmehr syndiziert, denn speziell für Facebook produziert. Und Werbeeinnahmen gibt es durch Instant Articles natürlich auch, so dass sich selbst der letzte Vertriebler entspannt zurücklehnen dürfte. Alles gut also? Bedingt.</span></span></p><p><span>Denn natürlich sind Instant Articles <a target="_blank" href="http://wirres.net/article/articleview/7662/1/6/">ein weiterer Schritt hin zu einem proprietären, geschlossenen Netz</a>, an dem Facebook mit einer Konsequenz arbeitet, die fatal <a target="_blank" href="https://500ish.com/facebook-instant-karma-4a4bd4f3eca">an gute alte AOL-Zeiten erinnert</a>. Ein weiterer <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Closed_platform"><em>Walled Garden</em></a>&nbsp;also, in dem man es sich zwar wahnsinnig gemütlich machen kann, aber weder weiß, was man verpasst, noch was der Gärtner in Zukunft mit einem vorhat. Aber das war für die Abonnenten der <em>Syker Kreiszeitung</em> (Disclaimer: stellvertretend)&nbsp;vor 30 Jahren vermutlich auch nicht viel anders. Just in dem Moment, <a target="_blank" href="http://sozialtheoristen.de/2015/05/13/was-facebook-will-die-de-institutionalisierung-des-journalismus/">in dem die Rollen neu verteilt werden</a>, sollten diese Geschichten allerdings allen Beteiligten noch einmal zu denken geben.</span></p><p> </p><p><em><span>Eine Version dieses Textes <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/instant-karmas-gonna-get-you">erschien im Freitag</a>.</span></em></p>]]></description></item><item><title>Google, der Schokoladenonkel aus Mountain View</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Thu, 30 Apr 2015 05:30:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/4/29/der-schokoladenonkel-aus-mountain-view</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:5540ab96e4b00505f06ea53d</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Echte Liebe? <em>von&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/pinksherbet/">Pink Sherbet Photography</a>&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/pinksherbet/4351548677/in/photolist-7CwPPk-eUe445-5XZ8Qx-kzsete-qSeihD-frs3HC-dPMyrZ-5YF4TL-p1M3kp-pigg6v-p1Lh41-piezy3-phZgPn-p1Lu1s-pigmf8-phZeok-p1LmXE-pig5pv-p1Ldxc-pgeqgw-p1MhXb-pgeifs-pieoyh-p1Lcwp-p1MqSD-pgevzN-phYXop-p1LsAd-p1LjWA-piexKU-piguVV-p1L3VX-p1Ljqq-p1M5Si-phZ4dF-p1LfWS-pigzJx-phZaqa-p1M8CP-p1L6GD-p1Lmmt-pgeh75-p1LmQW-pgebzU-p1Lh3t-p1Lo8K-p1Mpxz-pigAx6-piebMS-p1LfYe">(Flickr/CC)</a></em></p>
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  <p>Im Kräftemessen zwischen Google und den Verlagen scheint man einen Schritt aufeinander zu gemacht zu haben. Der Konzern aus Kalifornien kündigte gerade an, ein Programm zu starten,&nbsp;<a target="_blank" href="https://medium.com/whither-news/google-signs-a-friendship-pact-with-euro-publishers-c6113cf0e058">mit dem er innovative journalistische Ideen in Europa fördern wolle</a>. 150 Millionen Euro sollen in den kommenden drei Jahren durch einen Fonds bereitgestellt werden. An dem Projekt mit dem malerischen Namen <em>Digital News Initiative</em> sind zunächst acht renommierte europäische Medien beteiligt, darunter <span>die Financial Times und der Guardian aus Großbritannien, Les Échos aus Frankreich, NRC Media aus den Niederlanden, La Stampa aus Italien, El País aus Spanien, sowie die ZEIT und Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Deutschland</span>. Mit Google sollen sie sich außerdem in einer Arbeitsgruppe austauschen. Zwar steht das Programm in Zukunft auch Start-ups und reinen Onlinemedien offen, die Zusammensetzung der Gründungsmitglieder verrät jedoch&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Status_quo">Ziel</a>&nbsp;und eigentlichen Adressaten.</p><p>In Frankreich läuft bereits seit längerem ein ähnliches Programm, durch das sich Google der lästigen, wenig publikumswirksamen Streitereien mit den Printverlegern zu entledigen suchte. Nun also wird dieses Prinzip des digitalen Ablasshandels auf ganz Europa übertragen. Heißt das, dass die Verlage sich <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger#Kritik_an_medialer_Berichterstattung">mit ihren Wünschen</a> <span><span>– unter anderem manifestiert in einer Peinlichkeit namens Leistungsschutzrecht –&nbsp;</span></span>ein Stück weit durchgesetzt haben? Mitnichten.</p><p>Zwar dürften die Partner sich über den warmen Geldregen freuen, der große Gewinner dieses Deals ist jedoch das Unternehmen aus Mountain View. In Zukunft wird es selbst für unbeteiligte Medien schwer sein, Googles Umgang mit journalistischen Inhalten medienwirksam zu kritisieren, ohne sich einen blinden Fleck attestieren lassen zu müssen. Die tun schließlich was! Auch der Leistungsschutzlobby dürften die eh schon spärlich gesäten Argumente langsam ausgehen, selbst wenn man sich nach wie vor nicht zu schade ist, absurde Forderungen aufzustellen (6% des deutschlandweiten Umsatzes von Google,&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.internet-law.de/2015/04/leistungsschutzrecht-vg-media-will-6-des-deutschlandumsatzes-von-google.html">der auf 3-6 Milliarden € geschätzt wird</a>).&nbsp;</p><p>Ein weiteres Problem ist die chronische Naivität der Verlage im Umgang mit dem Netzriesen, der jährlich den Umsatz eines Kleinstaates erwirtschaftet.&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.zeit.de/digital/internet/2015-04/google-medien-innovationsfonds">Wenn die&nbsp;<span>Zeit</span>&nbsp;schreibt</a>, man wolle sich in der Arbeitsgruppe „mit Google darüber austauschen, wie Bedürfnisse von Verlegern stärker in den Google-Produkten berücksichtigt werden können“, möchte man die Hamburger in den Arm nehmen und fest drücken – nachdem man ihnen eine gewischt hat. Andersherum wird ein Schuh daraus: Google findet in der Arbeitsgruppe die perfekte Plattform, um dem hiesigen Journalismus seine DNS zu injizieren. Die faktisch eh schon bestehende Abhängigkeit der Medien vom Klicklieferanten wird so&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.newsweek.com/2014/12/26/how-google-and-apple-make-their-taxes-disappear-291571.html">durch kleine Münze</a>&nbsp;um ein paar weiche Faktoren (wie das latente Mitdenken der Google-Interessen) und ein paar harte (wie Geld und Technik) verstärkt. Im Gegenzug erhalten die darbenden Verlage etwas Aufschub, der es ihnen erlaubt, den Übergang vom alten Status quo&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Disruptive_Technologie">in den neuen</a>&nbsp;mit der Unterstützung eines vermeintlich&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wohlmeinender_Diktator">wohlmeinenden Diktators</a>&nbsp;schmerzloser zu gestalten.</p><p>Etwas ketzerisch könnte man sich jetzt freilich erkundigen, wie es denn beim sogenannten Qualitätsjournalismus um die Glaubwürdigkeit bestellt ist, wenn er einem Monopolisten aktiv dabei hilft, seine Vormachtstellung zu festigen, bloß um die eigene Haut zu retten. Gerade im Hinblick darauf, dass Google bis vor kurzem für nicht wenige noch der Teufel in Pixelgestalt war, scheint die Frage nach Haltung nicht gänzlich unberechtigt. Weniger aufgeregt könnte man den Verlagen zumindest Kooperationsbereitschaft bescheinigen. Und Einsicht. Einen Kampf, den man nicht gewinnen kann, verloren zu geben, ist schließlich auch eine Qualität.</p><p> </p><p>Eine Version dieses Textes <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/ablasshandel-digital-google-und-die-150-millionen">erschien im Freitag 18/15</a></p>]]></description><media:content type="image/jpeg" url="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1430302706740-2VJDDDYJF8QLHG5A2HEZ/image-asset.jpeg?format=1500w" medium="image" isDefault="true" width="1500" height="1000"><media:title type="plain">Google, der Schokoladenonkel aus Mountain View</media:title></media:content></item><item><title>Wenn die Schwalben tief fliegen</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Thu, 19 Mar 2015 11:07:31 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/3/19/wenn-die-schwalben-tief-fliegen</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:550a0954e4b0281d9bd7b718</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Illustration: Susann Massute</p>
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  <p><span><span>Scheiße ist Zeitgeist, das Wort <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Shitstorm">Shitstorm</a> in aller Munde, sein Gebrauch inflationär. In den seltensten Fällen laufen diese jedoch in den gleichen Bahnen ab. Da wären unter anderem die klassischen unidirektionalen (<a target="_blank" href="https://twitter.com/bvg_kampagne">das schafft z.B. die BVG regelmäßig</a>) oder eben solche, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie nicht eine Runde durchs Wirthaus drehen und <a target="_blank" href="http://www.sueddeutsche.de/politik/anette-schavan-ueber-guttenberg-ich-schaeme-mich-nicht-nur-heimlich-1.1065529">man sich schlussendlich doch noch im Auge des Lokus wieder findet</a>.</span></span></p><p><span><span>Bei etlichen Aufregern kann man sich also schnell einigen, wer warum und freilich völlig zu Recht im braunen Regen steht. Bei anderen wiederum ist die Sache etwas komplizierter, die Erregungsmasse heterogener, so dass letztlich eine Art überdimensionales, rhizomorphes Scheiße-Ping-Pong entsteht. Am Ende sind alle eingesuhlt und stinken. Motor dafür können zwar gute Argumente sein, häufiger sind es jedoch weniger gute Absichten.</span></span></p><p><span><span>Man muss <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Kachelmann">kein ausgewiesener Scheißhausmeteorologe</a> sein, um die Themen zu identifizieren, bei denen die Schwalben besonders tief fliegen. Momentan sind das im hiesigen Netz vor allem Rassismus, die Ukraine und immer wieder Gender. Wie auch immer man sich hierzu positioniert, die Gummistiefel parat zu haben ist in jedem Fall keine gänzlich falsche Idee.</span></span></p><p><span>Dabei kann der Anlass vermeintlich noch so unzweideutig sein. <a target="_blank" href="https://twitter.com/sixtus/status/574659667273641984">Sexistischen Scheiß am Weltfrauentag posten zum Beispiel</a>. Geht nicht klar, sollte man meinen, liegt ja auf der Hand. Die Schlechtwetterfront muss man ertragen können.&nbsp;Was gibt es daran <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=PXatLOWjr-k">noch zu deuteln</a>? Manche werden leider erwidern: einiges. Und ab hier nimmt das Unheil seinen Lauf, der Shitstorm eine Wendung. Denn so wie es Rassisten, Nato- und Putinversteher gibt, sind da auch Menschen, die auf ihre tägliche Dosis&nbsp;pointierten&nbsp;Sexismus bestehen und für diese bis auf ihre <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=WTdO-w3xnpw"><em>cold dead hands</em></a>&nbsp;</span><span>kämpfen würden. Die Freiheit des Herrenwitzes wird nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Netzöffentlichkeit verteidigt. Oder so ähnlich.</span></p><p><span><span>Das kann man schon bringen, aber dann ist es halt für nicht wenige Scheiße. Mit letzterer wiederum wird auf der Gegenseite großzügig umgegangen, um dem eigenen Standpunkt – naja, sagen wir mal unmissverständlich – Nachdruck zu verleihen. Die fragwürdigen Mittel sind dabei häufig die gleichen wie bei anderen “umstrittenen” Themen. Man pickt&nbsp;sich exemplarisch ein paar Widersacher heraus – n=3 ist dabei ausreichend repräsentativ –, diskreditiert diese, <a target="_blank" href="http://www.mobilegeeks.de/artikel/tilo-jung-oder-die-metaphysik-der-social-media-sitten/">addiert ein paar leicht verdauliche Nebelkerzen</a> und rechnet im Anschluss wieder nonchalant aufs große Ganze hoch. Eine weit verbreitete, leider defizitäre Aufmerksamkeitsspanne tut ihr übriges.&nbsp;Applaus klatschen zum Beispiel.</span></span></p><p><span><span>Die hohe Kunst der digitalen Inkontinenz besteht darin, die weniger guten Interessen (hier: Sexismus) so zur Entfaltung zu bringen, dass sie wie der Kampf für die ganz, ganz, ganz großen Werte (hier: Meinungsfreiheit) erscheinen. Spätestens dann sind nämlich alle Mittel recht. Denn wenn Sexismus Meinungsfreiheit ist, muss im Umkehrschluss der, der Sexismus nicht so optimal findet, der Feind eines guten Demokraten sein. Jede aufgeklärte Frau wird so zur potenziellen Schläferzelle, in der Lage, die Welt, wie wir sie kennen, in ihren Grundfesten zu erschüttern. Darunter geht es nicht. </span></span></p><p><span><span>Sobald sich dann auch noch eine erklärte – Achtung, Reizwort – Feministin öffentlich erregt, ist des Weiteren klar, dass der tobende Mob maximal fremdgesteuert ist. Big Sister is watching you. Im Zweifelsfall flüstert sie dir bereits ins Ohr, was du zu denken hast, allzeit bereit zur feindliche Übernahme, wenn ihr nicht eh längst die Welt gehört (Hint: <a target="_blank" href="http://www.suhrkamp.de/buecher/die_maennliche_herrschaft-pierre_bourdieu_29631.html">unwahrscheinlich</a>). Hiergegen muss freilich etwas getan werden. Da fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass sich der ideologisch völlig unverdächtige Otto Normalbürger an Fotos stören könnte, auf denen Frauen umgetreten werden. Ganz einfach aus&nbsp;Mitgefühl, Sensibilität oder sowas. Argumentativ drückt man halt gern mal ein Auge zu.</span></span></p><p><span><span>Wer Sexismus sagt, muss also auch von Feminismus sprechen. Feministinnen sind der biologische Erzfeind des Mannes, <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Binnen-I">der deutschen Sprache</a> und nicht zuhinterst des gepflegten Herrenwitzes. Über letztere könnten sie gerüchteweise dennoch schon <a target="_blank" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/bringt-tilo-jung-krautreporter-in-bedraengnis-13479292.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2">einmal gelacht haben</a>. Was – denkt man es einmal in dieser Logik und unter der Prämisse der Sippenhaft konsequent zu Ende – im Grunde dem gesamten Feminismus die Legitimation entzieht, mindestens aber die Debatte um Sexismus als bigott und von Doppelmoral durchsetzt entlarvt. Wer A sagt, muss auch A sagen, immer wieder und frei jedweden Kontextes. Sonst wird das – zumindest phonetisch – nichts mit dem Shitstorm. Spätestens dieses Argument sollte auch dem letzten Verschwörungsideologen einleuchten.</span></span></p><p><span><span>Der Sexist wird so von hinten durch die Brust ins Auge <a target="_blank" href="http://www.publikative.org/2015/03/15/der-fall-tilo-jung-und-die-empoerung-ueber-die-empoerung/">zum Märtyrer</a>, zum Opfer, der seinen guten Ruf im Dienste der Sache ehrenhaft dahin gab, und das obwohl: “das wird man doch noch sagen dürfen”. Ihn als das zu bezeichnen, was er ist, sei die wahre Schandtat, das unerträgliche Besudeln einer frisch geborenen Ikone der Freiheit. Im Gegenzug werden wie selbstverständlich vermeintlich humorlose Feministinnen als hysterische Täterinnen stigmatisiert, unter falscher Flagge durch den Dreck gezogen und oberlehrerhaft gemaßregelt. Sie haben es nicht anders verdient, denn: “das hätten sie jetzt nicht sagen dürfen”.</span></span></p><p><span><span>Sauber weg kommt dabei freilich niemand, allein die Fronten sind “geklärt”. Dafür, dass man aber von einem klärenden Gewitter hätte sprechen können, wäre hüben wie drüben&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.journelle.de/4647/kraut-schuld-und-suehne/">ein differenzierter&nbsp;Blick</a> von Nöten gewesen. Weniger Absichten, mehr Argumente. So allerdings wird man auch in Zukunft wieder in der Scheiße sitzen dürfen und über selbige schreiben. Hach, ja.</span></span></p>]]></description></item><item><title>Das Billigbiotop</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Thu, 19 Mar 2015 08:00:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/3/18/das-billigbiotop</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:55098514e4b063029d869088</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Schön wär's von <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/yuichirock/">yuichirock</a>&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/yuichirock/3372818108/in/photolist-7znSL-rcZc75-693zjm-693zhC-693zk5-68Ynrc-68Yntr-68Ynqe">(Flickr/CC)</a></p>
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        </figure>
      

    
  


  



  
  <p>Im Netz wird wieder einmal diskutiert, ob es richtig oder falsch ist, einen Werbeblocker zu nutzen. Anlass ist eine aktuelle,<a target="_blank" href="http://www.sueddeutsche.de/digital/klage-von-axel-springer-gegen-werbeblocker-software-gericht-sieht-wenig-chancen-fuer-adblock-plus-verbot-1.2387229">wenig aussichtsreiche Klage des Axel-Springer-Verlags</a>. Zwar sind einige Praktiken des beklagten Anbieters von Adblock Plus fragwürdig, das Ausblenden von Werbung an sich ist jedoch vermutlich in Ordnung. Und wieder einmal drängt sich der Eindruck auf, dass, wenn inhaltlich nicht viel zu holen ist, die Moralkeule geschwungen wird.</p><p>Dieses Mal stand hierzu Karsten Lohmeyer, Editorial Director von<span>The Digitale,</span>&nbsp;einer Publikation der Deutschen Telekom,&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.lousypennies.de/2015/03/10/warum-ich-mir-lieber-einen-arm-abhacken-wuerde-als-einen-adblocker-zu-benutzen/">Gewehr bei Fuß</a>. Er verkündete, als Journalist würde er sich eher einen Arm abhacken als einen Adblocker zu nutzen. Nicht zuletzt seien Anzeigen ja ein Teil des Geschäftsmodells des digitalen Journalismus. Und wer säge schon freiwillig an dem Ast, auf dem er sitzt? Applaus, Applaus.</p><p>Zwar klingt das zunächst schlüssig, lässt aber sowohl in Sachen Autoren- als auch Leserverständnis einiges zu wünschen übrig. Zunächst sind Journalisten nicht gerade bekannt dafür, gern auf einer digitalen Reeperbahn zu arbeiten. Viele Kollegen drucken ihre Texte zum Lesen sogar noch aus. Papier ist still und blinkt nicht. Die Natives wiederum lesen in&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Feedreader">RSS-Feedreadern</a>, die einen Besuch auf der Webseite unnötig machen. Auch<a target="_blank" href="http://lifehacker.com/5894995/bookmark-and-read-later-apps-compared-read-it-later-vs-instapaper-vs-readability">Anwendungen, die ein reizarmes Lesen ermöglichen</a>, erfreuen sich bei der schreibenden Zunft nicht zufällig wachsender Popularität. Wer arbeiten will, braucht einen klaren Geist.</p><p>Wendet sich Lohmeyers Aufruf insgeheim also doch an den Leser? Verständlich wäre es, denn die Masse derer dürfte wesentlich mehr Einfluss auf die Einnahmen haben. Trotzdem muss man dem Leser doch mindestens so viel Souveränität wie beim guten alten Papier einräumen: Mit einem Wisch ist alles weg. Diese Möglichkeit ist leider auf den wenigsten Webseiten gegeben.</p><p>Das Problem der Werbung – sie nervt und bringt kaum Geld – ist wiederum ein selbst gemachtes. Frühzeitig verramschten Zeitungen im Netz sowohl ihre Artikel als auch die dazugehörigen Werbeplätze. So entstanden neben den „kostenlosen“ Bleiwüsten Billigbiotope, die nicht nur optisch unangenehm an die Hochzeiten der Klingeltonwerbung auf dem Musiksender MTV erinnern. Auch hier wollte niemand mehr frische, gut bezahlte Werbung schalten,&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=v8CIDdKvUkg">nachdem der Crazy Frog das Kommando übernommen hatte</a>. Der Ausgang ist bekannt.</p><p>Hüben wie drüben ist das Kind mehr in den Brunnen gestoßen worden, als dass es gefallen ist. Schuld daran waren allerdings gerade nicht Zuschauer oder Leser. Letztere können froh sein, dass sie durch Adblocker heute in die Lage versetzt werden, sich diesem teilweise wahnwitzigen Kuriositätenkabinett entziehen zu können, um ihrem Namen gerecht zu werden.</p><p>Anstatt also immer wieder neue, bigotte Appelle gegen Werbeblocker zu verfassen und den Fehler überall außer bei sich selbst zu suchen, sollten Medienschaffende die eigenen Vermarkter auf Kurs bringen und sich darauf konzentrieren, ein Umfeld zu erzeugen, das für die Leser und für hochwertige Werbung gleichermaßen attraktiv ist. Qualitätsjournalismus hat schließlich seinen Preis.</p><p> </p><p>Eine Version dieses Textes erschien <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/billigbiotop-online-journalismus">in Ausgabe 12/15 des Freitag</a></p>]]></description></item><item><title>Was nicht passt, wird passend gemacht</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Sat, 14 Mar 2015 16:07:59 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/3/6/was-nicht-passt-wird-passend-gemacht</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54f9a09de4b0b89d0061dc91</guid><description><![CDATA[<figure class="
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                <img data-stretch="true" data-image="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg" data-image-dimensions="1530x1020" data-image-focal-point="0.5,0.5" alt="" data-load="false" elementtiming="system-image-block" data-sqsp-image-classic-block-image src="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=1000w" width="1530" height="1020" sizes="(max-width: 640px) 100vw, (max-width: 767px) 100vw, 100vw" onload="this.classList.add(&quot;loaded&quot;)" srcset="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=100w 100w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=300w 300w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=500w 500w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=750w 750w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=1000w 1000w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=1500w 1500w, https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1425648073382-KPQELO8LLDAHDT3PG2HT/image-asset.jpeg?format=2500w 2500w" loading="lazy" decoding="async" data-loader="sqs">

            
          
        
          
        

        
          
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            <p><em>Überflüssig: Tauriel und Legolas</em> Bild: Presse/Still</p>
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  <p><span>Frei heraus: <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hobbit_%28Filmtrilogie%29"><em>Der Hobbit</em> nervt</a>. Seinem Regisseur Peter Jackson gelang das vermeintliche Kunststück, ein knapp 300 Seiten starkes Kinderbuch bis zur Unkenntlichkeit aufzublasen und daraus eine Trilogie von epischer Länge – insgesamt neun Stunden – zu machen, die zu ertragen man mehr Popcorn braucht, als der von 3D-Effekten geplagte Magen nur ansatzweise vertragen könnte. On top gibt es noch eine Ménage-à-trois aus Orlando Bloom, <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Evangeline_Lilly#Television">der einen aus <em>Lost</em> – Freckles! –</a> und einem Zwerg. Muss das sein?</span></p><p><span>Es gibt Menschen, die diese Frage verneinen. Und es gibt solche, die es nicht dabei belassen. Anfang des Jahres <a target="_blank" href="https://tolkieneditor.wordpress.com/">veröffentlichte ein unbekannter Cutter unter dem Alias Tolkieneditor</a> eine Version des <em>Hobbit&nbsp;</em>im Netz, die alle drei Jackson-Teile in einem nur knapp vier Stunden dauernden Film vereint. Dabei legte er wert darauf, das existierende Filmmaterial so zu nutzen, dass das Ergebnis <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/J._R._R._Tolkien">J.R.R. Tolkiens</a> Original so nah wie möglich käme.</span></p><p><span>Bis auf ein paar verzeihbare Anschlussfehler, die nicht weiter ins Gewicht fallen, ist dem selbsternannten Tolkieneditor ein durchaus beeindruckendes Werk gelungen, das im Gegensatz zu Jacksons Version mit größerer Dichte, einer schlüssigeren Handlung und weniger Disneyland aufwartet. Puristen und Cineasten dürften ihre Freude daran haben.</span></p><p><span>Der Tolkieneditor ist nicht der erste Schnittmeister, der sich ungefragt an Hollywoods Erzeugnissen vergreift. Sogenannten <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Fan_edit"><em>Fan edits</em> haben im Netz inzwischen Tradition</a>. Für eine breitere Öffentlichkeit wurden sie das erste Mal im Jahr 2000 wahrnehmbar, als zunächst auf VHS, dann im Internet mit dem <em>Phantom Edit</em> eine Version von <em>Star Wars Episode 1</em> auftauchte, die ebenfalls versuchte, das Original zu entschlacken und ihm den gebührenden Ernst zu verleihen. Lange hielt sich das Gerücht, das <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Kevin_Smith">Kevin Smith</a>, Regisseur von <em>Clerks </em>und<em> </em>später von <em>Stirb langsam 4,</em> für das Bootleg verantwortlich war; tatsächlich stammte die Version von dem professionellen Cutter <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Mike_J._Nichols">Mike J. Nichols</a>.</span></p><p><span>Dass konsumerable Edits zunächst von Profis angefertigt&nbsp;wurden, änderte sich mit der Verbreitung von High Speed Internet und illegalen Tauschbörsen. Plötzlich war jedermann in der Lage, sich riesige Datenmengen und damit Downloads in Bluray-Qualität zu besorgen, diese mithilfe – ebenso zugänglicher – professioneller Schnittsoftware zu bearbeiten und wieder ins Netz zu stellen.</span></p><p><span>So entwickelte sich eine wachsende Szene rund um Seiten wie <a target="_blank" href="http://fanedit.org/"><span><em>fanedit.org</em></span></a>, die sich nicht mehr nur damit begnügte, Filme zu zerstückeln und umzuschneiden. Geeks begannen, Korrekturen vorzunehmen und den Streifen ein verändertes <em>look and feel</em> zu verpassen. Das wohl bekannteste Beispiel ist die <a target="_blank" href="http://originaltrilogy.com/forum/topic.cfm/Harmys-STAR-WARS-Despecialized-Edition-HD-V25-MKV-IS-OUT-NOW/topic/12713/"><em>Despecialized Edition</em> der <em>Star Wars</em>-Episoden 4 bis 6</a>, die sich erfolgreich bemüht, den Klassikern von vor über 30 Jahren den reduziert-nostalgischen Charme alter VHS-Kassetten in Bluray-Qualität wiederzugeben.</span></p><p><span>Die Produktionsfirmen sind derweil nicht immer einverstanden mit den Bootlegs, die zumeist frei verfügbar im Netz kursieren. So musste der vielleicht berühmteste, öffentlich bekannte Fan Editor, Regisseur <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Steven_Soderbergh">Steven Soderbergh</a> (<em>Sex, Lügen und Video</em>, <em>Ocean’s Eleven</em>), seine von Kritikern durchaus geschätzten Versionen von Kubricks <em>2001: Odyssee im Weltraum</em>&nbsp;und Spielbergs <em>Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes</em> <a target="_blank" href="http://reason.com/blog/2015/01/21/steven-soderbergh-copyright-hypocrite">wieder von seiner Webseite entfernen</a>.</span></p><p><span>Es ist nach wie vor umstritten ist, inwiefern das amerikanische Prinzip des <a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_use"><em>fair use</em></a>, das nicht autorisierte Nutzungen von geschütztem Material unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, auf die Hobby-Cuts zutrifft. <a target="_blank" href="http://fanedit.org/"><span><em>Fanedit.org</em></span></a> verzichtet deshalb auf das Listen von Versionen, die offensichtlich auf raubkopierten Inhalten basieren. Das führt dazu, dass die populärsten Edits im Heimathafen der Freizeit-Cineasten gar nicht erst anlanden. Diese Edits wiederum werden zumeist von Cuttern angefertigt, die auffällig viel Wert auf Anonymität legen (müssen).</span></p><p><span>Aus kreativer Sicht wäre es&nbsp;falsch, die aufkeimende Szene auf ihr Schattendasein zu reduzieren. Neben viel Ausschuss finden sich Raritäten, die mit so viel Hingabe fabriziert wurden, dass sich kommerzielle Filmemacher daran ein Beispiel nehmen könnten – Idealismus und ein Schuss Romantik hätten der ein oder anderen Produktion bei der Erstherstellung nicht schaden können. Im Zweifelsfall ist das aber nicht von Belang, denn: Was nicht passt, wird passend gemacht.</span></p><p> </p><p>___</p><p>Eine Version dieses Textes <a target="_blank" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/was-nicht-passt">erschien in Ausgabe 11/15 des Freitag</a>.</p>]]></description></item><item><title>Viraler Weg in den Olymp</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Mon, 23 Feb 2015 08:55:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/2/21/viraler-weg-in-den-olymp</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54e86428e4b02904f4cf6b67</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p>Von&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/korosirego/">Rego Korosi</a>&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/korosirego/4481461680">(Flickr/CC)</a></p>
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        </figure>
      

    
  


  



  
  <p>Auch nach zehn Jahren wird Youtube allzu oft noch missverstanden, indem es nur als eine Art Mediathek mit kommerziellen und nutzergenerierten Inhalten wahrgenommen wird. Dabei übersieht man etwas Entscheidendes: Die Videoplattform ist vor allem ein soziales Netzwerk, und zwar eines der wichtigsten weltweit. Youtube hat pro Monat&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html">mehr als eine Milliarde aktive Nutzer</a>&nbsp;und stellt damit zum Beispiel Twitter deutlich in den Schatten.&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.journalism.org/2013/11/14/news-use-across-social-media-platforms/">Laut einer aktuellen Studie</a>&nbsp;konsumieren Amerikaner mehr Nachrichten via Youtube als via Twitter. Dabei gilt der Microbloggingdienst vielen –&nbsp;<a target="_blank" href="http://netzoekonom.de/2015/02/06/facebook-baut-anteil-am-news-sharing-auf-91-prozent-aus/">irrtümlicherweise</a>&nbsp;– für Neuigkeiten nach wie vor als soziales Medium Nummer eins. Was den Musikkonsum im Netz betrifft, ist Youtube dem darauf spezialisierten Netzwerk Soundcloud ebenfalls&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.thedrum.com/news/2014/08/29/young-people-more-likely-turn-youtube-music-spotify-or-soundcloud">meilenweit voraus</a>. Kurz: Youtube ist allgegenwärtig.</p><p>Diese Dominanz fußt auch darauf, dass die visuelle Kommunikation mit der Verbreitung von mobilen Endgeräten und leistungsstarken Internetanschlüssen gerade einen beispiellosen Boom erlebt. Bilder und Videos lassen sich heute mit jedem Smartphone ebenso einfach erstellen wie verbreiten und anschauen. Und sie können eine Geschichte oft eindrucksvoller und schneller erzählen, als dies Wörter oder Klänge vermögen.&nbsp;<a target="_blank" href="http://insights.wired.com/profiles/blogs/the-rise-of-the-visual-web-and-your-new-social-media-marketing#axzz3RRlWZ1c3">Bilder wirken</a>.</p><p>Die soziale Komponente von Youtube wiederum lässt in der digitalen Welt einen altvertrauten Mythos neu aufleben – den Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen. Oder übersetzt in die Welt der Prominenz: vom Nobody zum Superstar. Theoretisch kann jedes eingestellte Video zum viralen Hit werden. Auf einer statischen Webseite, auf der es nicht möglich ist, einen Beitrag immer und immer wieder mit Freunden und Followern zu teilen, gibt es diesen Welleneffekt dagegen nicht. Das macht Youtube so attraktiv – und zur Keimzelle für neue Künstler, die ab einer gewissen Netz-Bekanntheit auch meist den Sprung ins herkömmliche Verwertungssytem der Popindustrie schaffen.</p>


  










  





















  













  
    
      
    
    
      
        
          
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  <p><a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justin_Bieber">Justin Bieber</a>&nbsp;ist einer der heutigen Popgrößen, die zunächst durch eine treue und wachsende Zahl von Youtube-Fans auf sich aufmerksam machten. 2007, als Bieber gerade 13 Jahre alt war, stellte seine Mutter Videos ihres singenden Sohnes ins Netz. Wenig später wurden Produzenten auf den jungen Kanadier aufmerksam und nahmen ihn unter ihre Fittiche. Ab da ging es steil bergauf. Biebers Einkommen wurde für 2014&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.luxusleben.info/justin-bieber-vermoegen/">auf 70 Millionen Euro geschätzt</a>. Youtube war und ist allerdings mehr als nur Sprungbrett für seine Karriere. Nach wie vor sind die Aktivitäten von Bieber und seinen Fans, den&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.urbandictionary.com/define.php?term=Belieber">„Beliebern“</a>, in sozialen Netzwerken der Motor seiner Popularität – und damit seines kommerziellen Erfolgs.</p>


  










  





















  













  
    
      
    
    
      
        
          
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  <p>Ähnlich verhält es sich bei der Sängerin&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lana_Del_Rey">Lana Del Rey</a>. Ihr Erfolg wirkte jedoch schon früh viel kalkulierter als der von Bieber. So fütterte sie soziale Netzwerke und Blogs vom Start weg gezielt mit ausgereiften und durchproduzierten Musiktracks und Videos, die sie umsonst zum Anhören oder Runterladen anbot. Sie nutzte so erfolgreich die Mechanik des<span>&nbsp;social net</span>&nbsp;und katapultierte sich durch den hohen digitalen Verbreitungsgrad mit jeder Menge&nbsp;<span>bloglove</span>&nbsp;rasch in den Fokus der Musikinteressierten – auch außerhalb des Netzes. Damit lieferte sie eine Art Blaupause für viele Künstler, die heute versuchen, zunächst im Netz mit&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.datpiff.com/">kostenlosen und zielgruppengerechten Inhalten</a>&nbsp;populär zu werden, um ihre so entstandene Bekanntheit später in Bares umzumünzen.</p>


  










  





















  













  
    
      
    
    
      
        
          
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  <p>Die gesamten Möglichkeiten der Videoplattform nutzte dann aber so richtig 2012 der koreanische Sänger&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Psy_%28S%C3%A4nger%29">Psy</a>, der mit seinem K-Pop-Hit&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gangnam_Style"><span>Gangnam-Style</span></a>&nbsp;in zuvor nicht geahnte Höhen vordrang. Dabei basiert der Erfolg des Originals vor allem darauf, dass sein Video und der darin aufgeführte „Pferdetanz“ von Fans überall auf der Welt parodiert und wieder ins Netz gestellt wurden. Psy verzichtete ausdrücklich auf die Verwertungsrechte seines Gangnam Styles und ermöglichte so, dass dieser ein Paradebeispiel für die Remixkultur wurde. Dank der viralen Verbreitung wurde sein Musikvideo zum meistgeklickten Netzvideo aller Zeiten.</p><h2>In die Charts dank Videoklicks</h2><p>Gangnam stellte in zweierlei Hinsicht auch einen Wendepunkt für die Musikindustrie dar. So verdiente Psy 2012 zwar in Südkorea nur 60.000 Dollar mit dem Verkauf seiner Single, nahm jedoch im selben Zeitraum<a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Gangnam_Style">&nbsp;eine Million Dollar mit Werbung ein</a>, die vor Youtube-Videos gezeigt wurde. Seit dem Erfolg des Songs wurden außerdem die Youtube-Abspielzahlen und digitalen Verkäufe herangezogen, um offizielle Musik-Charts zu erstellen. Auch für etablierte Stars ist es daher heute so wichtig, auf Youtube präsent zu sein.</p><p>Das auf Frontalunterricht und feste Sendezeiten limitierte Musikfernsehen ist unterdessen in der völligen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Videos werden heute vor allem produziert, um möglichst „viral zu gehen“, sich ihren Weg von Zuschauer zu Zuschauer und nicht vom Sender zum Zuschauer zu bahnen. Die gegen Ende der 90er Jahre populäre These, dass pompöse Musikvideos in der darbenden Musikbranche überhaupt nicht mehr zu realisieren seien, hat sich aber nicht bewahrheitet.</p><p>Im Gegenteil, Musikfernsehen im Netz ist vielfältiger denn je. Einerseits weil die Major Labels erkannt haben, dass sich mit dem bewegten Bild nach wie vor Geld machen lässt. Andererseits weil sich mit Laptop, Kamera, Kreativität und Know-how heute Dinge realisieren lassen, die vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar waren.</p>


  










  





















  













  
    
      
    
    
      
        
          
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  <p id="yui_3_17_2_2_1424891970077_6454">In Deutschland geht man aber teilweise weiter einen Sonderweg. Das liegt vor allem an der&nbsp;<a target="_blank" data-cke-saved-href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%BCr_musikalische_Auff%C3%BChrungs-_und_mechanische_Vervielf%C3%A4ltigungsrechte" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%BCr_musikalische_Auff%C3%BChrungs-_und_mechanische_Vervielf%C3%A4ltigungsrechte">Gema</a>, die sich um die Verwertungsrechte von Musikern kümmert. Die Gema ist dafür verantwortlich,&nbsp;<a target="_blank" data-cke-saved-href="https://www.google.de/search?q=gema+youtube&amp;tbm=isch" href="https://www.google.de/search?q=gema+youtube&amp;tbm=isch">dass deutsche Internetnutzer häufig nur ein schwarzes Feld sehen</a>, welches freundlich darauf hinweist, dass das angeklickte Video Inhalte enthält, die Youtube in Deutschland aus rechtlichen Gründen nicht zeigen darf. Die Idee dahinter ist, den schwerreichen Youtube-Mutterkonzern Google durch Amtsschikane und die Ausdünnung seines Angebots dazu zu zwingen, Künstler an den Einnahmen zu beteiligen, die die Videoplattform generiert. Bei Google ist man allerdings der Meinung, die Möglichkeit, durch die Plattform Millionen von Nutzer zu erreichen, sei schon Entlohnung genug.&nbsp;<a target="_blank" data-cke-saved-href="http://en.wikipedia.org/wiki/Blocking_of_YouTube_videos_in_Germany" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Blocking_of_YouTube_videos_in_Germany">Der Streit schwelt seit sechs Jahren</a>, eine Einigung ist nicht in Sicht. Beide Seiten haben einen beeindruckend langen Atem.</p><p>Betrachtet man den Erfolg, den einige Künstler durch Youtube weltweit haben, könnte man meinen, dass die Gema mit ihrem Verhalten denen, deren Interessen sie vertreten soll, eher schadet denn nützt. Berechtigte Zweifel an ihrem Vorgehen lassen sich zumindest nicht von der Hand weisen. Hat Youtube also recht? Einige Künstler verzichten jedenfalls schon jetzt explizit darauf,&nbsp;<a target="_blank" data-cke-saved-href="http://www.spreeblick.com/2012/09/20/wie-man-die-gema-verlasst-und-trotzdem-bei-der-gema-bleibt-auf-eine-art/" href="http://www.spreeblick.com/2012/09/20/wie-man-die-gema-verlasst-und-trotzdem-bei-der-gema-bleibt-auf-eine-art/">ihre Interessen von der Verwertungsgesellschaft vertreten zu lassen</a>. Und Zuschauer und Musikfans sind vor allem eins: genervt. Denn auch wenn es ziemlich einfach ist,&nbsp;<a target="_blank" data-cke-saved-href="https://www.google.de/webhp#safe=off&amp;q=gema+umgehen+youtube" href="https://www.google.de/webhp#safe=off&amp;q=gema+umgehen+youtube">die Youtube-Sperre zu umgehen</a>, wirkt sie doch störend. Das Angebot gleicht so weiter einem Flickenteppich.</p><p>Durch ihre internationale Strahlkraft ist Youtube auch hierzulande nach wie vor die relevanteste Videoplattform. Dennoch kann das volle Potenzial des sozialen Netzwerks wegen dieser Rechtsstreitigkeiten nicht ausgeschöpft werden – weder von den Nutzern noch von den Anbietern. Auch andere Streamingplattformen für kommerzielle Formate wie Filme oder Serien fassen nur schwer Fuß. Deutschland gebärt sich aus verschiedenen Gründen, aber eben auch wegen rechtlicher Barrieren, als digitales Schwellenland. Für den Zuschauer bleibt zu hoffen, dass sich das bald ändert. Vielleicht ja bis zum nächsten YouTube-Jubiläum.</p><p>Dieser Text erschien <a target="_blank" data-cke-saved-href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/viraler-weg-in-den-olymp" href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/viraler-weg-in-den-olymp">in&nbsp;Ausgabe 07/15 des Freitag</a></p>]]></description></item><item><title>We are the 7 Percent</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Tue, 17 Feb 2015 10:35:24 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/2/14/obefypyqul5jfx4u464orqd6arufnw</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54df68cce4b00f1b0312ec69</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p>Nummer 7 von&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/65172294@N00/">get directly down</a>&nbsp;(Flickr/CC)</p>
          </figcaption>
        
      
        </figure>
      

    
  


  



  
  <p><span>Unlängst wurde&nbsp;<a href="http://www.musicbusinessworldwide.com/artists-get-7-of-streaming-cash-labels-take-46/">eine Studie veröffentlicht</a>, die besagt, dass in Frankreich ein Löwenanteil dessen, was Nutzer monatlich an&nbsp;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Musikstreaming">Streaming-Dienste</a>&nbsp;wie <em>Spotify</em> zahlen, direkt in die Taschen der großen Major Labels fließt. Demnach sackt die&nbsp;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Major-Label">“Musikindustrie”</a>&nbsp;– bestehend aus <em>Universal</em>, <em>Sony</em> und <em>Warner Music</em> – in etwa 46% der Umsätze direkt ein, 21% gehen an die Plattformen, die sich jedoch zumindest – wie im Fall&nbsp;Spotify&nbsp;– zum Teil&nbsp;<a href="http://www.swedishwire.com/jobs/680-record-labels-part-owner-of-spotify">im Besitz der Majors befinden</a>. 17% streicht der Fiskus ein, weitere 10% wandern an die schreibende Zunft. Den Musikern selbst bleiben noch mickrige 7%.</span></p><p>Obwohl&nbsp;diese Zahl niedrig&nbsp;erscheint, bewegt sie sich doch im Rahmen dessen, was Künstler schon in den letzten Jahren bei einem direkten Download auf Plattformen wie&nbsp;<em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/ITunes_Store">iTunes</a></em>&nbsp;anteilig abgreifen konnten.&nbsp;<a href="http://www.delamar.de/musikbusiness/musikbiz-was-musiker-so-an-einer-cd-verdienen-1926/">Je nach Studie</a>&nbsp;(und deren Auftraggeber) geht man hier von 4 bis 19% aus. Selbst die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten verspricht wenig Besserung. Beim – zugegeben umfangreicheren – Verkauf von Hardcopies gingen Künstler in der Regel mit gerade einmal 4 bis 12% nach Hause.</p><p><span>Mit den Umsätzen von CDs ist in Zukunft jedoch sowieso kein Blumentopf mehr zu gewinnen,&nbsp;<a href="http://www.theatlantic.com/business/archive/2015/01/buying-music-is-so-over/384790/">glaubt man dem&nbsp;<em><span>Atlantic</span></em></a><span>.</span>&nbsp;Der sieht allerdings auch auf Downloads keine rosigen Zeiten zukommen. Für beide Formate ging es im vergangenen Jahr im unteren zweistelligen Prozentbereich abwärts. Anders sieht es derweil beim Musik-Streaming aus. Mit einem satten Anstieg um die Hälfte scheint sich der noch junge Markt zum Hoffnungsträger eines Industriezweigs zu entwickeln.&nbsp;</span><span>Den Phönix gibt derweil eine betagte Dame namens Vinyl. Deren Umsatz schoss ebenfalls um knapp die Hälfte in die Höhe und macht unterdessen immerhin wieder 3,5% des gesamten Tonträgerverkaufs aus. Vinyl wird so auch wieder für die großen Player interessant.</span></p><p>Die Renaissance der Schallplatte&nbsp;und der Verfall digitaler Downloads umreißen das&nbsp;Phänomen eines Umdenkens. Die Einsicht, dass es sich nicht lohnt, digitale, körperlose Musik zu besitzen, scheint&nbsp;zum Konsumenten durchzudringen<span>. Die geringe Wertschätzung spiegelte sich bereits jahrelang in illegalen Downloads wider. Des Weiteren wurden Live-Auftritte im Vergleich zum insgesamt doch darbenden Geschäft mit digitalen Hardcopies&nbsp;<a href="http://www.spiegel.de/kultur/musik/boom-geschaeft-popkonzerte-viele-bands-spielen-immer-noch-fast-fuer-umsonst-a-671591.html">wirtschaftlich enorm aufgewertet</a>, sodass die Faustregel für den Musikmarkt heute lautet: Für Sammler und Fans zählen Haptik und Erlebnis, für Otto Normalverbraucher hauptsächlich Zugang.</span></p><p><span><span>Auf letzteres scheinen die Majors inzwischen gut vorbereitet. Vom neuen Trend profitieren – glaubt man den Zahlen – vor allem sie. Dank der traditionellen Marktmacht hat man sich&nbsp;<a href="http://www.michaelrobertson.com/archive.php?minute_id=358">in eine hervorragende Ausgangsposition manövriert</a>. Wenig überraschend stellen sich dementsprechend die gefeaturten Künstler auf <em>Spotify</em>, <em>Deezer</em> &amp; Co dar. Auch dass die Musikempfehlungsapp des alternativen Onlinemagazins&nbsp;<em><span><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Pitchfork_Media">Pitchfork</a></span></em>&nbsp;in der Bestenliste des&nbsp;Spotify-Appfinders&nbsp;noch einen Platz vor der Billboard Top Charts-App (6.) rangiert, ist wohl eher den Nachwehen der Early Adopters denn der vermeintlich Horizonte erweiternden&nbsp;<span>Social Hearing</span></span><span>-Experience geschuldet. Abseitige, alternative Musik findet man auch hier nur auf den zweiten Klick.</span></span></p><p><span>Unterdessen bleibt dem Durchschnittsmusiker auch beim Streaming nicht viel mehr als die Hand im Mund. Neben rückläufigen CD-Verkäufen und Auftritten, deren Entlohnung im Zweifelsfall gerade ausreicht, um Reisekosten, Instrumente, Equipment, Schallplatten, Kost und Logis zu begleichen und sich ein Taschengeld zu gönnen, sorgt der Rücklauf aus Streamingplattformen ebenfalls nicht gerade für überbordenden Optimismus. Selbst eine durchaus renommierte Band wie&nbsp;<em><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Grizzly_Bear_(band)">Grizzly Bear</a></em>&nbsp;verdient nach eigenen Angaben&nbsp;<a href="http://potholesinmyblog.com/grizzly-bear-says-they-dont-make-money-from-streaming-services/">mit 10.000 Plays nur knapp 10$</a>&nbsp;– die auf 5 Mitglieder aufgeteilt werden. Andere Künstler wiederum haben resigniert und kümmern sich erst gar nicht darum, ihre Tantiemen einzutreiben.</span></p><p><span>Was bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten. Davon, dass diese nicht verloren geht, leben die Majors. Sie orchestrieren den Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, immer und immer wieder. Brot und Spiele sind ein Evergreen. Die Industrie&nbsp;schenkt&nbsp;dem Markt Superstars, die den potenziellen Nachrückern als Wunschbild dienen für all das, was möglich ist, falls denn dieser Traum nur wahr würde. Das System Musikindustrie lebt von dieser Elitenbildung – und dem gutgläubigem&nbsp;Unterbau.</span></p><p><span>Um diesen auf Kurs zu halten, schürt man Angst vor illegalen Downloads und Raubkopien, vor schrumpfenden Märkten mit sinkenden Erträgen, vor der Kostenloskultur und&nbsp;dem Internet selbst. Das vernebelt die Sicht aufs Wesentliche und&nbsp;auf die Frage, wer hier wem das Geld aus der Tasche zieht. Denn selbst wenn das Internet&nbsp;<a href="http://www.jasperkosok.com/text/2015/1/14/das-problem-der-urheber-oder-malen-nach-zahlen">nicht nur positive Effekte hat</a>, geht es den Majors weitaus besser als man gemeinhin denkt. Doch&nbsp;<a href="http://www.musikindustrie.de/fileadmin/piclib/statistik/branchendaten/jahreswirtschaftsbericht-2013/download/140325_BVMI_2013_Jahrbuch_ePaper.pdf">während Musik-Märkte wieder zu wachsen beginnen</a>, kommt bei den meisten Urhebern selbst nach wie vor wenig an. Sie sind die Leidtragenden der traditionellen Umverteilung von unten nach oben, die die Maschine “Musikindustrie” am Laufen hält. Was also ist die Arbeit des Musikers im Vergleich zum Verwerter, dessen Aufgabe lediglich der Verkauf dieser Arbeit ist, wert?&nbsp;Die&nbsp;Realität sagt: nicht viel. Und sie lehrt uns, dass sich daran wenig ändern wird.</span></p>]]></description><media:content type="image/jpeg" url="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1424169309861-UST0TKLVSI1MT3GEJ2SH/image-asset.jpeg?format=1500w" medium="image" isDefault="true" width="1500" height="1189"><media:title type="plain">We are the 7 Percent</media:title></media:content></item><item><title>Man hat Recht</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Tue, 03 Feb 2015 22:40:20 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/2/3/man-hat-recht</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54d14d8ae4b07cf788e93e08</guid><description><![CDATA[<figure class="
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            <p>Illustration: Susann Massute</p>
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  <p>“Vor ein paar Tagen postete Jan Böhmermann ein Bild auf Twitter. Was dann geschah, werden sie nicht glauben.” So oder ähnlich hätte ein beliebiges Clickbaiting-Portal vermutlich die Mediengeschichte der letzten Woche betitelt. Normalerweise folgt im Anschluss daran trotzdem etwas, was vor allem eins ist: vorhersehbar. Auch hier wird keine Ausnahme gemacht: Ein Moderator tut, was alle tun, obwohl es nicht rechtens ist. Ein Fotograf beruft sich auf sein gutes Recht, obwohl dies nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was draußen an den Geräten passiert. Dazu gebe man eine Abmahnkanzlei,&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kai_Diekmann">einen BILD-Chefredakteur</a>, einen gehörigen Schuss Halbwissen und ein paar Tausend Fans und Follower. Voilà: Double Shitstorm.</p><p>Doch von Anfang an: Als Antwort auf einen Tweet von Sybille Berg postet Jan Böhmermann ein Bild des Fotografen Martin Langer, welches er&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.google.de/search?q=nazi+lichtenhagen&amp;source=lnms&amp;tbm=isch">bei Google gefunden hat</a>. Es zeigt einen inkontinenten Nazi in Milieu(<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen">Rostock-Lichtenhagen</a>)-typischer Pose. Die Kanzlei des Fotografen mahnt den Moderator ca. 6 Monate später ab.&nbsp;<a target="_blank" href="https://twitter.com/janboehm/status/557939189434810368">Böhmermann informiert seine ca. 160.000 Follower auf Twitter</a>&nbsp;über diesen Vorgang. Dabei nennt er Namen des Fotografen und Höhe der Abmahnsumme (1000 €). Der Graben ist geschlagen.</p><p>Der Fotograf Langer&nbsp;<a target="_blank" href="http://kwerfeldein.de/2015/01/28/eine-geschichte-zum-thema-urheberrecht-im-internet/">fühlt sich an den Pranger gestellt</a>, auch weil sich Böhmermann in einer Radiosendung zusammen mit Kollege Olli Schulz&nbsp;<a target="_blank" href="http://media.rbb-online.de/rad/podcast/zwei_alte_hasen/zh_20150125_180000.mp3">medienwirksam über den Vorfall amüsiert</a>. Von Pranger will der Moderator mit Abstrichen – die Namensnennung war nicht ok – nichts wissen. Böhmermann deutet stattdessen an, dass das mit der Abmahnpraxis ja eher keine so saubere Sache sei. Sie treffe nicht nur Leute wie ihn, sondern auch Otto Normalverbraucher in gleicher Härte.&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.facebook.com/jboehmermann/posts/923492107683313%20">Davor hätte er warnen wollen</a>. Langer wird im Netz bedroht.</p><p>Der Fotograf Sascha Rheker&nbsp;<a target="_blank" href="http://freelens.com/nicht-lustig-herr-boehmermann">springt derweil seinem Kollegen auf freelens.com bei</a>&nbsp;und weist mehrfach und nachdrücklich darauf hin, dass dieser schließlich im Recht sei. Außerdem ginge es nur um 906€ und sowieso nicht nur um Geld, sondern auch Kontrolle über das “wer darf was”. Das Verhalten von Böhmermann findet er schäbig. Er postet einen Screenshot des Tweets von Böhmermann, auf dem das urheberrechtlich geschützte Bild deutlich zu erkennen ist. Der Wohl-doch-Blogger Felix Schwenzel wiederum&nbsp;<a target="_blank" href="http://wirres.net/article/articleview/7491/1/6/">weist darauf hin</a>, dass man sich im Internet praktisch nicht mehr bewegen kann, ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen.&nbsp;<a target="_blank" href="https://twitter.com/KaiDiekmann/status/561097037731876864">Kai Diekmann twittert</a>. Die sogenannte Netzgemeinde&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.facebook.com/derfreitag/posts/10153084131437922">ist gespalten</a>&nbsp;und&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.dirkvongehlen.de/index.php/netz/urheberrecht-2-0-diek-und-boehmermann-gehen-voran/">erregt</a>.</p><p>Zwei Dinge sind – neben den offensichtlichen – an dieser Geschichte problematisch. Erstens wirft die eine Seite der anderen vor, zu sein, was sie ist. Ein urheberrechtlich geschütztes Bild zu posten und zu erwarten, dass der Fotograf daraus keinen Profit schlägt, ist zwar möglich,&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.internet-law.de/2015/01/noch-ein-paar-gedanken-zu-boehmermann-und-dem-urheberrecht.html">aber nach jetzigem Rechtsstand naiv</a>.&nbsp;<a target="_blank" href="https://twitter.com/janboehm/status/560350915388272640">Einen Moderator der Generation Remix</a>&nbsp;abmahnen zu lassen und zu erwarten, dass dieser aus diesem Umstand keinen medialen Profit schlägt, ist zwar möglich, aber ebenfalls naiv. Der jeweils anderen Seite ihr Verhalten vorzuwerfen, ohne das eigene zu Genüge zu reflektieren, ist wohlfeil.</p><p><span>Zweitens könnte man die Energien, die bei einem solchen Scharmützel öffentlichkeitswirksam verbraucht werden, um möglichst viele Menschen hinter sich und seine Meinung zu scharen, besser nutzen. Denn beide Seiten können und dürfen sich nur so aufführen, weil alltägliche Praxis und Legislative ihnen den Spielraum lassen. Sinnvoll wäre, gemeinsam darauf zu drängen, die klaffende Lücke zwischen Lebenswirklichkeit im Netz und geschriebenem Gesetz zu schließen, zumindest aber zu verkleinern. Damit Nutzer sich nicht dauer-kriminell bewegen müssen, damit Werke ordentlich entlohnt werden und dem Internet nicht die gute Laune abhanden kommt. Da ist es maximal um die Ecke gedacht hilfreich, wenn zwei Medienschaffende, die schlussendlich im selben Boot sitzen, sich auf Kosten des anderen profilieren. Selbst wenn es schwer fällt, man hat ja schließlich Recht.</span></p>]]></description><media:content type="image/png" url="https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/54776fe5e4b03c29747aa5fc/1423005325571-PGT1UJFIMXQK7FYVYRVB/image-asset.png?format=1500w" medium="image" isDefault="true" width="1500" height="844"><media:title type="plain">Man hat Recht</media:title></media:content></item><item><title>Die Verrezeptierung der Welt</title><category>Text</category><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Thu, 24 Jul 2014 16:24:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/1/14/die-verrezeptierung-der-welt</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54b6a660e4b06fad9b869122</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p><em>Networking</em> von&nbsp;Norlando Pobre <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/npobre/8437956869">(Flickr/CC)</a></p>
          </figcaption>
        
      
        </figure>
      

    
  


  



  
  <p>"Alles bleibt anders", sagte nicht nur – aber auch – Herbert Grönemeyer, allerdings&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=2XuONGCT9wM">explizit ohne Netz</a>. Mit letzterem leben wir nun schon eine Weile. Und trotzdem muss man sich nach wie vor die Frage gefallen lassen, warum sich die meisten von uns dennoch scheinbar unreflektiert in der neuen digitalen Welt bewegen. Das könnte damit zusammen hängen, dass die innere Kosten-Nutzen-Rechnung instinktiv und (meist) unbewusst positiv ausfällt – was freilich mehr Erklärung denn Blankoscheck ist. Das Internet bedient auf einer abstrakten Ebene sehr natürlich menschliche Triebe und Bedürfnisse (hier ausnahmsweise: Neugier, Vernetzung). Es ist eine&nbsp;<a target="_blank" href="http://blog.koehntopp.de/archives/3101-Die-Serendipitaetsmaschine.html">Serendipitätsmaschine</a>.</p><p><span>Durch ihren Motor angetrieben erleben wir eine – relativ zur Vergangenheit – beschleunigte “Verrezeptierung der Welt”, die sich in einem Netzwerk manifestiert, welches seine Grenzen immer und immer wieder von Neugier getrieben und Zufall begünstigt überwindet. Die Frequenz, mit der dieser Prozess voranschreitet, hat ein Niveau erreicht, welches der Menschheit ein (permanentes) Umdenken hinsichtlich den ökonomischen wie gesellschaftlichen Regeln abverlangt.</span></p><p>Doch von Anfang an. Zunächst gab es den Glücksfund, ein anderer Begriff dafür ist Serendipität. Er ist Ergebnis einer unstillbaren Neugier nach Neuem und ermöglichte es dem Menschen, seine Umwelt zu begreifen und Vorgefundenes zu nutzen oder nutzbar zu machen. An dieser Stelle müssen wir uns den Menschen als einen ewig Suchenden&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Name_sei_Gantenbein">vorstellen</a>.</p><h2>Ein neugieriger Geist</h2><p>Was aber beschreibt Serendipität genau?&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Serendipit%C3%A4t">Die Wikipedia sagt</a>, sie sei eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. „Der Zufall [ – allerdings – ] begünstigt nur einen vorbereiteten Geist“, so der Entdecker&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Pasteur">Pasteur</a>. Die Menschheit besitzt einen solchen, neugierigen Geist, selbst wenn Pasteur wohl mehr auf einzelne Akteure der Spezies anspielte. Es sind jedoch zweifelsohne Eifer und Neugier mit einem Schuss Glück – ohne fixes Mischverhältnis –, die Menschen die Grenzen der bekannten Welt immer weiter nach außen verschieben lassen.</p><p><span>Eine Grenze lässt sich jedoch nur verschieben, wenn der Weg zu ihr bzw. über sie hinaus wiederholt werden kann. Erst die Erkenntnis, dass man z.B. Korn immer wieder und kontrolliert auf einem Feld anbauen kann, ermöglichte Landwirtschaft und damit ein Stück zivilisatorischen Fortschritt. Der Mensch selbst strebt – getrieben durch oben beschriebenen Cocktail – danach, diesen Fortschritt beständig voran zu treiben, ist auf der Suche und trägt damit zur "Verrezpetierung der Welt" bei.</span></p><p><span>Auf dieser Suche wurden und werden immer wieder neue Wege beschritten, Punkte miteinander verbunden, die vorher getrennt voneinander existierten. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man Kolumbus als eigentlichen Entdecker der “neuen Welt” bezeichnen, unabhängig davon, ob einige schon vor ihm da waren. Sein Verdienst war, zwei Kontinente dauerhaft miteinander zu verknüpfen. Seine “Entdeckung” lies sich wiederholen.</span></p><h2><span>Eine abstrakte Anleitung zur Wiederholung</span></h2><p>Wenn also zwei abstrakte Punkte miteinander verbunden werden, entsteht zwischen ihnen ein Weg, etwas fixes. Ein Weg ist jedoch letztlich nichts anderes als reproduzierbare Veränderung, so wie ein Rezept nicht mehr denn eine abstrakte Anleitung zur Wiederholung ist. Straßen, Seerouten, aber auch&nbsp;<a target="_blank" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Walter_White_(Breaking_Bad)">Walter White</a>&nbsp;oder&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tim_M%C3%A4lzer">Tim Mälzer</a>&nbsp;zeigen uns, wie man von A nach B kommt, wie man Dinge immer und immer wieder von einem in den anderen Zustand überführt. All dies macht die "verrezeptierte Welt" aus.</p><p>Lässt man sich auf diese Idee ein, wird schnell deutlich, dass es selbst für einen Apfelkuchen nicht nur Verflechtungen zwischen A und B, also zwei Punkten, geben kann, sondern viel Mehr ein Gewirr aus Verflechtungen, Abzweigungen und Querverbindungen besteht. So bahnen sich Hefe, Milch und Äpfel ihren Weg auf unseren Tisch: vom Hof, über die Autobahn in den Supermarkt, bezahlt mit der EC-Karte, über die U-Bahn, durch Mamas Kochbuch, in den Backofen. Menschliches Handeln kann also als die Erschaffung, Nutzung und Ausweitung eines abstrakten Netzwerks bestehend aus&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rhizom_(Philosophie)">rhizomorph</a>&nbsp;und<a target="_blank" href="http://www.duden.de/suchen/dudenonline/mehrdimensional">multidimensional</a>&nbsp;miteinander verwobenen Verknüpfungen bzw. Rezepten verstanden werden.</p><p>Eine besondere Rolle nimmt hierbei der&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Knotenpunkt_(Verkehr)#Datenverkehr">Knotenpunkt</a>&nbsp;ein, da er – speziell im Hinblick auf die subjektive Serendipität des einzelnen Akteurs – eine Unzahl von Möglichkeiten eröffnet, sich im Netzwerk zu bewegen. Als klassisches Beispiel für die gestiegene Aktivität an Knotenpunkten kann man das Phänomen der&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Urbanisierung">Verstädterung</a>&nbsp;heranziehen. Nicht nur dorthin – in die Stadt – treibt es den Menschen von jeher. Es treibt in dazu, alles miteinander zu vernetzen. Ein Blick auf die Landkarte genügt (<a target="_blank" href="http://www.latein-pagina.de/pics/referate/bau/strassen.jpeg">alt</a>,&nbsp;<a target="_blank" href="https://goo.gl/maps/bgSTo">neu</a>).</p><h2>Eine kosmische Membran</h2><p>Den Endzustand dieser menschlichen Vernetzung beschrieb der in einschlägigen Wissenschaftszweigen viel zitierte Kommunikationswissenschaftler, Philosoph und Katholik<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Marshall_McLuhan">Marshall McLuhan</a>&nbsp;als “kosmische Membran,&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Noosph%C3%A4re">die Noosphäre</a>, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat“. Oder anders: als „ein technisches Gehirn für die Welt“. Dieses Konzept geht (vermutlich) auf den Jesuiten-Priester&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Teilhard_de_Chardin">Pierre Teilhard de Chardin</a>&nbsp;zurück, der sich mit seiner These von der “auf die Errichtung eines Organismus des kollektiven Bewusstseins gerichteten Evolution”, durch die sich Gott zeigen würde, in den 1930er Jahre in der Kirche nicht nur Freunde machte. Heute ist das anders. Ein glühender Verehrer soll unter anderem Joseph Ratzinger, Papst a.D. sein.</p><p>Teilhard gilt daher einigen als einer der ersten&nbsp;<a target="_blank" href="http://archive.wired.com/wired/archive/3.06/teilhard.html">Vorhersager des Internets</a>. Andere konstatieren dennoch kritisch, dass durchaus häufig „der Prophet dem Forscher [Teilhard] die Feder aus der Hand genommen hat“ (A. Portmann). Teilhard und seine Ideen waren und sind nach wie vor umstritten. Sicherlich auch, weil er seine durchaus interessanten wissenschaftlichen Thesen spirituell überlud.</p><p>Spirituelle Überladungen wiederum finden sich meist in den Grenzbereichen dessen, was als bekannt gilt. Das, was wir nicht kennen, jedoch zu erklären, finden oder entdecken suchen, ist per definitionem zunächst mystisch. Es liegt außerhalb unseres Netzwerks, unserer Erkenntnisraums.&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heuristik">Mit einem Schuss Heuristik</a>&nbsp;wird daraus eine Wette auf die Zukunft – oder eben auf das nächste Rezept –, etwas woran wir maximal glauben, wovon wir uns aber zumindest etwas versprechen.</p><h2>Erneuerer vs. Bewahrer</h2><p>So wie auch der klerikale Glaube nicht selten einen eher ökonomischen Hintergrund besitzt, verhält es sich auch hier. Im Spannungsfeld, an der Vorfront des kulturellen Netzwerks, findet ein Glaubenskampf statt, der von&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_oeconomicus">Homo Oeconomicus</a>ausgetragen wird. Es sind die Erneuerer, die Glücksritter, die etwas zu gewinnen und die Bewahrer, die etwas zu verlieren haben. Dass die Rollen im Erfolgsfall getauscht werden, ist dabei eher Regel denn Ausnahme.</p><p>Wenn er etwas Nützliches entdeckt, will Oeconomicus davon – möglichst exklusiv – profitieren können. Diese Position wird einerseits von Nachahmern, Nutznießern, aber auch von denjenigen, die eine bessere Idee als er selbst haben, bedroht. Also baut er Grenzen – mit&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patent">Papier</a>,&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Rechteverwaltung">Code</a>&nbsp;oder&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Agentur_f%C3%BCr_die_operative_Zusammenarbeit_an_den_Au%C3%9Fengrenzen">Maschendraht</a>– je nach Bedarf. Er treibt einen Keil ins Netzwerk.</p><p>Folgte man aber den Ideen von Teilhard und McLuhan würde eben gerade dieses Handeln eine Vernetzung des Menschen – und damit dessen Weg zur Himmelspforte – behindern. Grenzen könnte man dementsprechend als artifiziell und unchristlich bezeichnen. Eine Feststellung, die man auch aus anderen Gründen teilen kann. Etwas häretisch könnte man dem allerdings entgegen halten, dass Arbeit sich wieder (bzw. weiterhin) lohnen muss. Der Teufel steckt in der&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Distinktion">Distinktion</a>.</p><h2>Zugang ist das Zauberwort</h2><p>Nichtsdestotrotz finden sich auch Anzeichen für ein zaghaftes Umdenken.&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Share_Economy">Sharing-Ökonomien</a>&nbsp;oder&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source">Open Source-Initiativen</a>&nbsp;sind Beispiele dafür, wie man versucht, althergebrachte ökonomische und gesellschaftliche Schemata aufzubrechen. Das populäre ‘Bagatelldelikt’ der Netz-Piraterie verdeutlicht, dass der Mensch frei nach&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=t3UzcjTZGSU&amp;list=RDt3UzcjTZGSU">Hollywood-Comedian Charlie Murphy</a>&nbsp;ein&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=habitual+line+stepper">‘Habitual Linestepper’</a>&nbsp;– ein gewohnheitsmäßiger Grenzüberschreiter – ist. Er will sich als Subjekt ebenfalls&nbsp;<a href="https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/das-problem-der-urheber-oder-malen-nach-zahlen">frei und ungebremst bewegen</a>, weiterentwickeln und lässt sich nur widerwillig in Schranken weisen. Nicht umsonst schreibt Elfriede Jelinek in diese Kerbe stoßend,&nbsp;<a target="_blank" href="http://mlrm.de/?p=609">“das Internet sei Gott”</a>. Zugang ist das Zauberwort.</p><p>Das Problem am ungehinderten Zugang zu Immaterialgütern ist allerdings, dass diese ihren analogen, geldlichen Wert erst durch<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstliche_Knappheit">künstliche Verknappung</a>, die Begrenzung ihrer Nutzung, erhalten. Würde man diese Grenzen einreißen, führte dies gleichzeitig zu ihrer Entwertung – zumindest monetär. Dass der Ruf nach einem&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen">Bedingungslosen Grundeinkommen</a>&nbsp;gerade heutzutage immer lauter wird, ist dementsprechend kein Zufall, sondern eine erste Reaktion auf das vermeintliche [sic!] Paradoxon zwischen hoher Nachfrage nach Information bei gleichzeitiger Entwertung dieser.</p><p>Zugang macht jedoch ebenso wenig vor den Grenzen nach innen halt. So verschwimmen diese ebenfalls zwischen dem, was sich vor der dem Zeitalter der Digitalität fein säuberlich in die Schubladen Arbeit oder Privatleben stecken ließ. Eine ganze Generation neuer Berufstätiger kämpft um eine gesunde&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Work-Life-Balance">Work-Life-Balance</a>&nbsp;– oder wird dies in Zukunft vermehrt tun müssen. Die Privatsphäre – ein durch die Verfassung geschützter Raum, eine kulturelle Errungenschaft – erlebt dieser Tage eine defacto-Entwertung, wie sie sich unsere streitfreudigen Eltern nur schwerlich (hätten) vorstellen können.</p><p><span>So ist es wenig verwunderlich, dass wir einen Glaubenskrieg erleben, der irgendwo zwischen Titelseite, Telefon und Tafel ausgefochten wird. Es geht um erschütterte Überzeugungen, überholte Regeln und umkippende Märkte – immer und immer wieder. Schuld daran ist der Mensch selbst, ein rastloser Wanderer zwischen Hab- und Neugier. In diesem Sinne: Grüß Gott!</span></p>]]></description></item><item><title>Darum braucht es Blogs</title><dc:creator>Jan Jasper Kosok</dc:creator><pubDate>Wed, 26 Feb 2014 17:23:00 +0000</pubDate><link>https://www.jasperkosok.com/text/2015/1/14/darum-braucht-es-blogs</link><guid isPermaLink="false">54776fe5e4b03c29747aa5fc:54b66211e4b0a3e130cf25b6:54b6a623e4b07f864ebd8bd9</guid><description><![CDATA[<figure class="
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          <figcaption data-sqsp-image-classic-block-caption-container class="image-caption-wrapper">
            <p><em>Blog&nbsp;</em>von&nbsp;Christian Schnettelker <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/manoftaste-de/14045819341">(Flickr/CC)</a></p>
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  <p><a href="https://www.freitag.de/@@search?SearchableText=wolfgang+michal&amp;SubmitSearch=Suche">Wolfgang Michal</a>, Mitherausgeber von&nbsp;<span>Carta</span>, einem der bekanntesten Blogs Deutschlands, das in der Unterzeile gänzlich unbescheiden „digitale Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie” für sich behauptet, hat unter dem Titel&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.carta.info/70351/braucht-es-uns-noch/">„Braucht es uns noch?“</a>einen Abgesang auf sein ureigenes Medium geschrieben. Das Blog könne sterben gehen, die alten Medien hätten aufgeholt, dazugelernt, ach was, die Blogosphäre längst überflügelt. Wer heute etwas über digitale Dinge wissen wolle, könne sich getrost bei der alten Riege –&nbsp;<span>FAZ</span>,&nbsp;<span>Zeit</span>,&nbsp;<span>Süddeutsche</span>&nbsp;und wie sie nicht alle heißen – informieren. In den Blogs würde man inzwischen eh nur wiederkäuen, was auf den Startseiten der Verlagshäuser ehemals frisch und knackig war.</p><p>Michal. Blogs. Sterben. Das muss man erst mal sacken lassen. Sollte es sich bei dem Betreiber des heiß geliebten Aggregats der hiesigen Netzwelt etwa um einen verkappten FC-Bayern-Fan handeln? Einen, der plötzlich da stehen will, wo oben ist?</p><p>Natürlich hat Michal auch Recht. Die Portale der Zeitungen haben unendlich mehr Feuerkraft als es die meist aus persönlichem Antrieb heraus gestalteten Blogs jemals haben werden. Technisch haben sie den zusammengeschusterten Webseiten alles voraus. Dort, wo Know-How fehlt, wird es dazugekauft. Man gönnt sich auch mal einen&nbsp;<a target="_blank" href="http://saschalobo.com/">Sascha Lobo</a>. Oder eine Batterie schreibender Mitarbeiter, die&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.spiegel.de/netzwelt/">fleißig übersetzen</a>&nbsp;was internationale Netzmedien vorbeten. Selbst für aufwendige Recherchen ist Zeit, Geld und Personal vorhanden. Und die&nbsp;<a target="_blank" href="http://re-publica.de/">re:publica</a>, Hort der deutschen Netzbewegung? Längst fest in der Hand der alten Medien.</p><p>Warum also dagegen anschreiben? Ist man als Blogger doch eh langsamer, unterbezahlter und zu guter Letzt noch ungelesener. Erfolg ist – das wissen wir nicht erst seit Uli Hoeneß –&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.google.de/search?hl=de&amp;q=uli+hoene%C3%9F&amp;tbm=nws">käuflich</a>. Und&nbsp;<a target="_blank" href="https://www.google.de/search?q=pep+guardiola&amp;tbm=isch">sexy</a>. Das gilt nicht nur für den&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.youtube.com/watch?v=JHnei5bv9aA">wiedererstarkten Stern des Südens</a>, sondern auch für die Journaille.</p><p>Ungeachtet dessen lieferte Michal die Antwort auf das Warum unlängst selbst. Verlage sind Tendenzbetriebe mit Blattlinien, die dem Streben nach Wahrheit nicht selten im Weg stehen. Das sah man anschaulich an der Debatte um das&nbsp;<a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger">Leistungsschutzrecht</a>. Nicht im Leben hätte man im Gros der Redaktionen daran gedacht, gegen etwas anzuschreiben, dessen gesamtgesellschaftlicher Nutzen – vornehm ausgedrückt – zweifelhaft, das dem eigenen Überleben aber durchaus dienlich ist. Pluralismus ist seit jeher ein hohes Gut. Solange genug für alle da ist und man selbst am sattesten wird.</p><p>Der Netzphilosoph Clay Shirky sagte einst, Publizieren sei kein Job und auch keine Industrie mehr, es sei viel mehr nur noch ein Knopf. Es ist wichtig, dass alle diesen Knopf drücken können. Und dies auch tun. Ob es sich nun um Journalisten, Blogger oder Trolle handelt. Eine liberale, aufgeklärte und pluralistische Gesellschaft muss sich dies sowohl leisten können als auch wollen.</p><p>Der Leser, dieses mystische Wesen, wird immer Orte brauchen, an denen ihn Publizisten wie Wolfgang Michal fernab des Mainstreams mit der Nase auf Dinge stoßen, die vielleicht nicht so leicht verdaulich, dafür aber wahrhaftig sind. So wie es zum Beispiel&nbsp;<span>Carta</span>&nbsp;während der perfiden Leistungsschutzrecht-Kampagne&nbsp;<a target="_blank" href="http://www.carta.info/tag/leistungsschutzrecht/">getan hat</a>&nbsp;(und tut). Selbst wenn diese Orte nicht mehr Blogs heißen sollten, ist es unverzichtbar, dass es Menschen gibt, die weiterhin ihren Knopf drücken. Der Leser wird es danken. Und der FC Bayern wird nicht jedes Jahr<a target="_blank" href="http://www.youtube.com/watch?v=hh2iSJDBdco">Deutscher Meister</a>.</p>]]></description></item></channel></rss>