<?xml version="1.0" encoding="ISO-8859-1"?>

<rss version="2.0" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
	<channel>
		<title>Wortkrieger</title>
		<link>https://www.wortkrieger.de/</link>
		<description>Wortkrieger - Community f�r Autoren und Kritiker (ehemals Kurzgeschichten.de)</description>
		<language>de</language>
		<lastBuildDate>Mon, 02 Jul 2018 16:00:01 GMT</lastBuildDate>
		<generator>vBulletin</generator>
		<ttl>60</ttl>
		<image>
			<url>https://www.wortkrieger.de/images/misc/rss.png</url>
			<title>Wortkrieger</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/</link>
		</image>
		<item>
			<title>Die Grosse Runde</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63340-Die-Grosse-Runde&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Mon, 02 Jul 2018 14:16:54 GMT</pubDate>
			<description>Teil 1 
 
Die T�r wurde aufgerissen und Piotr schrak aus seinem Nachmittagshalbschlaf hoch, ohne im ersten Moment zu wissen, wo er war und warum eine dunkelh�utige Gestalt im Blaumann aufgebracht durch die T�r st�rmte und mit einem riesigen Schl�sselbund fuchtelnd auf ihn zukam. Drei Sekunden...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Teil 1<br />
<br />
Die T�r wurde aufgerissen und Piotr schrak aus seinem Nachmittagshalbschlaf hoch, ohne im ersten Moment zu wissen, wo er war und warum eine dunkelh�utige Gestalt im Blaumann aufgebracht durch die T�r st�rmte und mit einem riesigen Schl�sselbund fuchtelnd auf ihn zukam. Drei Sekunden sp�ter war Piotr Koluschnikov, Hilfsfensterputzer 2. Grades und seit einigen Wochen im Bereitschaftsputzdienst der Organisation wieder einigerma�en bei sich und begann akustische Wahrnehmungen zu verarbeiten. <br />
&quot;... Du hier rumsitzen nicht. Los, los,� schnell, schnell,... Eimer nehmen. Dann gehen zu Gang 17, Saal IX. Da gro�er Kaffeefleck auf Teppich.&quot; verstand Piotr und begriff sofort, dass er zu einem dringenden Notfall gerufen wurde, von Louis, dem Adjunkten des Oberhausmeisters h�chstpers�nlich. <br />
&quot;Ok,ok, hab's verstanden&quot; murmelte Piotr und setzte sich in Bewegung. &quot;Wo Deine Uniform?&quot; grunzte Louis und musterte Piotr ver�chtlich, vom verblichenen schwarzen T-Shirt �ber die Jeans, bis zu den ausgetretenen Schuhen <br />
&quot;Ist noch nicht fertig. Warte seit zwei Wochen drauf&quot; erwiderte Piotr, schnappte sich den Eimer mit dem Mopp und hechtete durch die offene T�r in den Kellergang. Irgendwas h�rte er den Adjunkten des Oberhausmeisters noch sagen, aber er war schon beim Lastenaufzug und das poltern der sich �ffnenden T�ren �bert�nte alles.<br />
<br />
Piotr fand die Arbeit hier in der Organisation ganz ertr�glich. Er musste w�hrend seiner 12 Stunden Schicht in dem kleinen Kellerkabuff, welches als Bereitschaftsraum diente, darauf warten, dass irgendeiner der �ber 1500 Angestellten der Organisation ein Malheur verursachte und es dann so schnell wie m�glich mit Eimer, Mopp und Besen beseitigen. Normalerweise wurde er per SMS zu den Eins�tzen auf dem weitl�ufigen Gel�nde der Organisation dirigiert. Das seine Vorgesetzten aus der Hausmeisterei pers�nlich vorbeikamen, war bisher noch nie passiert. Es musste also wichtig sein. <br />
<br />
Nach Piotrs Entlassung aus der Psychiatrie vor zwei Monaten hatte er Jobs als K�chenhilfe, als Hundegassif�hrer und als Fahrradkurier gehabt, aber keinen l�nger als ein paar Tage. Die Zeitarbeitsfirma hatte ihn einfach jedes Mal angewiesen sich woanders einzufinden. Er vermutete, dass es an seinem &quot;Mangel an Motivation&quot; lag, wie es einer seiner fr�heren Chefs mal ausgedr�ckte. Er schaffte es einfach nicht beim aufsammeln von Hundekot ganz besonders &quot;excited&quot; zu sein �ber die gro�artigen Chancen die sich ihm in Zukunft sicherlich b�ten, wenn er den Job nur lange genug machte. Die Fahrstuhlt�r �ffnete sich rumpelnd, er trat heraus und nun stand er an einem der Enden von Gang 17. Sein Ziel, Saal IX, lag in etwa auf halber Strecke den Gang hinab. Auf dem Weg dahin lief er auf gelblichem Linoleum an br�unlichen Holzt�ren vorbei und sah niemanden. Dies war eine der Verwaltungsetagen und hier lag nirgendwo Teppich auf den man Kaffee h�tte sch�tten k�nnen. Louis hatte sich vielleicht geirrt, dachte Piotr und eigentlich den �Steel Corridor� eine Etage tiefer gemeint, auf dem die Diplomaten und das sogenannte Top-Management kohabitierten und der so hie�, weil die T�ren aus Chromstahl waren und das Linoleum mit Berberteppichen belegt war. Die wuchtige Fl�gelt�r zu Saal IX war verschlossen, also stellte er seinen Putzeimer ab, suchte sich eine der B�rot�ren daneben aus, klopfte an, steckte ohne eine Antwort abzuwarten den Kopf hinein und sagte<br />
&quot;Tag, ich komme wegen...&quot;<br />
&quot;Na endlich!&quot; rief jemand am anderen Ende des Raumes, verborgen hinter einem brusthohen dunkelbraunen Holztresen. <br />
&quot;Ich warte schon eine halbe Stunde auf Sie! Haben sie ihren LP dabei? Ich muss ihre LP Nummer noch ins System eingeben.&quot; <br />
&quot;Meinen was?&quot; <br />
&quot;Na ihren Laisser Passer, ihren Angestelltenausweis&quot;<br />
&quot;Nein. Ich bin eigentlich hier um ...&quot; <br />
&quot;Na das haben wir ja gerne. Zu sp�t kommen und dann auch noch ohne Dokumente. Haben sie noch keinen LP oder ist der alte abgelaufen?&quot;<br />
&quot;Ich habe keinen, aber h�ren Sie �&quot;<br />
&quot;Man, man, man, immer alles auf den letzten Dr�cker. Also gut, wir stellen ihnen einen neuen aus. Ist ja dringen, also machen wir eine Ausnahme. Ich brauche zwei Passfotos von ihnen. Die k�nnen sie unten auf der ersten Etage machen. Neben dem Geldautomaten ist ein Fotoautomat. In der Zwischenzeit bereite ich den Rest vor.&quot;<br />
Piotr konnte immer noch niemanden hinter dem Holztresen sehen aber er sagte &quot;Ok, dann �Fotos... bin gleich wieder da&quot; und Schloss die T�r. Er hatte in seiner kurzen Zeit hier gelernt dass es besser war Anweisungen von den Angestellten ohne Fragen einfach auszuf�hren, selbst oder gerade dann wenn diese f�r ihn keinen Sinn ergaben. Es kam ihm zwar merkw�rdig vor aber er ging trotzdem auf die 1. Etage, machte die Fotos im Automaten und ging zum B�ro auf Gang 17 zur�ck wo er, diesmal ohne zu klopfen, einfach eintrat.<br />
&quot;So hier sind die Fotos.&quot; und jetzt sah er hinter dem Tresen ein riesiges paar Brillengl�ser das auf einer kleinen braunen Nase balancierte. Die grellrot geschminkten Lippen darunter �ffneten sich gerade um ihn mit zwei Reihen schneewei�er Z�hne zu blenden. <br />
&quot;Na sch�n, dann k�nnen sie ihren LP gleich mitnehmen. Einen Moment.&quot;<br />
Nun sah er, dass der Kopf mit der Brille und den wei�en Z�hnen auf einem kleinen gedrungenen Frauenk�rper sa� der nicht gr��er als 1,50 m sein konnte und eine ganz unglaubliche Oberweite unter dem enganliegenden braunen Rollkragenpullover erkennen lie�. Die kleine Gestalt schnitt mit einer Schere eines seiner Passfotos zurecht, klebte es in das blaue, Reisepass-�hnliche Dokument, laminierte das Ganze mit einer durchsichtigen Klebefolie und legte das Resultat vor ihm auf den Tresen.<br />
&quot;So, fertig. das n�chste Mal sind sie bitte p�nktlich. G�ltig ist ihr LP f�r zwei Jahre. Noch eine sch�nen Nachmittag.... Ach, fast h�tte ichs vergessen. Das Flugticket haben sie bekommen?&quot;<br />
&quot;Flugticket?&quot; murmelte Piotr, der nun begann sich wirklich unwohl zu f�hlen. &quot;Nein, habe ich nicht&quot; <br />
&quot;Na mich wundert gar nichts mehr. Es ist ein eTicket. sollte in ihrer E-Mail sein. Aber ich drucke es ihnen besser mal aus. Sie fliegen ja schon heute Abend, �ber Br�ssel.&quot; <br />
Piotr war wie bet�ubt. Er verstand langsam was hier passierte, traute sich aber nicht etwas zu sagen, nahm das Ticket und den LP entgegen und drehte sich in Richtung T�r. <br />
&quot;Ach und viel Erfolg&quot;, bekam er noch mit auf den Weg. Die T�r schloss sich hinter ihm, er stand auf dem leeren Gang, neben seinem Putzeimer und dem Mopp, mit dem Gef�hl ein Problem zu haben.<br />
<br />
Die Schlange vor dem Schalter der belgischen Fluglinie war kurz. Vor ihm nur ein �lteres Ehepaar, eine afrikanische Familie mit sechs Kindern und zwei blonde Rucksacktouristinnen. Der Flug ging nach Libretown in Westafrika und er hatte ein Flugticket das auf den Namen Andrea Ricardi ausgestellt war. Das blaue LP Dokument mit seinem Passbild wies ihn auch als &quot;Andrea Ricardi, Senior Gender Advisor&quot; aus. Warum war er eigentlich hier? Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit war er erst verwirrt, dann belustigt, kurz ver�ngstigt und schlie�lich gleichg�ltig gewesen. Ok, dachte er, es hatte eine Verwechslung gegeben und er hatte es nicht rechtzeitig gemerkt. Daf�r konnte er nichts. Er war aber auch nicht zur�ckgegangen um den Fehler zu korrigieren. Und nun war er Besitzer eines Flugtickets nach Westafrika und eines offiziellen Reisedokumentes der Organisation. Seit seiner Entlassung aus der Psychiatrie hatte er au�er an den Wochenenden keinen einzigen freien Tag gehabt und den Aufenthalt dort konnte man auch nicht unbedingt als Urlaub bezeichnen und wer weiss wie lange Ihm dieser Job hier noch erhalten blieb. Also war ein Tapetenwechsel vielleicht nicht das Schlechteste, grinste in sich hinein und versuchte sich vorzustellen was um alles in der Welt ein Senior Gender Advisor wohl machte? Aber da war er auch schon an der Reihe und musste einchecken.<br />
<br />
Nach der Landung in Libretown die Ausstiegstreppe zur Rollbahn herunterzusteigen machte ihm klar, dass sein Reiseziel eine gr�ne, hei�e, schw�le und unbarmherzig helle Angelegenheit war. Sein verzweifelter Versuch eine Blickrichtung zu finden die ihm nicht das Gef�hl gab direkt in einen Schwei�brenner zu schauen schlug fehl, also suchte er sich blinzelnd seinen Koffer aus dem Haufen Gep�ck auf der Rollbahn neben dem Flugzeug heraus. Dann wurde er mit 15 anderen Passagieren in einen mittelgro�en rostbraunen Hubschrauber gepfercht der gef�hlte 40 Jahre alt war, keine Scheiben mehr besa� und von zwei Russen mit rot ge�derten Nasen rund einen Kilometer zur Flughafenabfertigungshalle geflogen werden sollte. Denn die Landebahn auf der sie jetzt standen lag auf einer schmalen Halbinsel, dicht an der Hai-verseuchten Westafrikanischen K�ste und konnte aus irgendwelchen Gr�nden auf dem Landweg nicht erreicht werden. Das Hubschraubermonstrum hob ab und knatterte dem Passagierterminal auf dem Festland entgegen.<br />
<br />
Teil 2<br />
<br />
Frank Meier hatte die Augen geschlossen, die F��e auf der Tischkante, die Arme auf der Brust verschr�nkt und den Hinterkopf an die Wand gelegt. Der Ventilator auf dem Tisch schwenkte in seine Richtung w�hrend die Luft sich einen Moment lang um den Anschein von Bewegung bem�hte. Frank sa� still da. Er dachte nach. Dar�ber wie lange er es in dieser westafrikanischen H�lle noch w�rde aushalten k�nnen ohne verr�ckt zu werden. Auf der anderen Seite seiner geschlossenen B�rot�r gluckerte der Trinkwasserspender. Einer der Angestellten zapfte heimlich k�hles Wasser ab und f�llte es in Plastikflaschen bis der Automat leer war und alle Anderen sich f�r den Rest der Woche bei Frank dar�ber beschweren w�rden. Erst in sechs Tagen kam der Wassermann um den Spender wieder aufzuf�llen und das Spiel w�rde von neuem beginnen. Er hatte es so satt. Die verdreckten, miefigen B�robaracken, die stinkenden Taxis mit ihren verschwitzten Fahrern. Die feuchthei�e, schw�le Luft, Tag und Nacht. Seine Augen waren immer noch geschlossen und er h�rte hochfrequentes Ziepen sich seinem rechten Ohr n�hern. Eine M�cke. Wenn er jetzt nach dem Biest schlug k�me er aus dem Gleichgewicht und w�rde auf dem Boden landen. Das ziepen kam n�her und verstummte abrupt. Warum ist das schei� Biest eigentlich zur Mittagszeit unterwegs? Sollten die nicht D�mmerungsaktiv sein? Er bewegte ruckartig den Kopf um den kleinen Qu�lgeist zu verscheuchen, h�rte aber sofort das Summen wieder. Von Malaria war er bis jetzt verschont geblieben, doch dass ihn die Prophylaxemedikamente aus der Zeit von Albert Schweitzer mit ihren Nebenwirkungen langsam in den Wahnsinn trieben war auch nicht besser. Er seufzte, �ffnete die Augen und nahm die F��e von Tisch. Er strich im Aufstehen seinen Anzug glatt, ging zur T�r, riss sie mit einem Ruck auf und lugte um die Ecke. Der Gang war leer, genauso wie die 25 Liter Flasche des Wasserspenders. Er ging den Gang hinunter zum gro�en B�roraum. Niemand da. Mittagszeit. 36 Grad im Schatten und 60% Luftfeuchtigkeit. Er k�nnte sich einen Wagen nehmen um f�r Eine Stunde in seine Wohnung zu fahren und das Schl�fchen fortsetzen, aber heute war die Putzfrau da, also blieb er besser im B�ro. Um Drei war  das w�chentliche All Staff Meeting, von den meisten einfach gro�e Runde genannt, angesetzt. Die w�rde sich wahrscheinlich auch diesmal bis um Sechs, halb Sieben hinziehen, weil jeder der fast 30 Angestellten ja unbedingt etwas sagen musste und war es auch noch so banal. Der gut organisierte Trinkwasserklau aus den Spendern wurde komischerweise nie diskutiert. Nur eine der vielen Absurdit�ten des Alltags hier. Er verlie� die B�robaracke,  �berquerte die einstige Rasenfl�che dahinter, auf der die Raucher ihre Kippen verstreut hatten als hofften sie dadurch neben dem Mangobaum noch Tabakpflanzen heranziehen zu k�nnen und landete vor dem Anbau, der keiner war, sondern nur so hie� und von der Gr��e her mit einer luxuri�sen Mecklenburger Schrebergartenh�tte wetteiferte, dem B�ro von Gabi. Gabi war ende 40, langbeinig und mit nicht zu verachtender Oberweite, bewusst betont durch ein enges blaues T-Shirt, sa� in Jeans und Turnschuhen hinter ihrem Schreibtisch und m�hte sich an einem Computer im zwei-Finger System ab. Gabi glaubte trotz ihres etwas fortgeschrittenen Alters noch an den Weihnachtsmann, oder anders ausgedr�ckt an den Sinn von Entwicklungshilfe. Deswegen hatte sie ihren Beruf als Lehrerin in Deutschland aufgegeben, hatte eine Ein-Frau Nichtregierungsorganisation gegr�ndet und war dann, ausgestattet mit ein paar tausend Euro ihrer Freundinnen aus dem heimischen Yoga Club, nach Westafrika geflogen, um die armen afrikanischen Kinder zu retten. Franks Chef und zugleich auch der B�roleiter hatte ihr, so vermutete man, aus Mitleid das B�ro im Anbau zur Verf�gung gestellt, damit sie sich dort nach den ersten zwei entbehrungsreichen Monaten im Land ein wenig von der feuchten Hitze, vom Gestank und von den allgegenw�rtigen Insekten erholen konnte. Gabi also sa� da,schaute Frank an und begann irgendetwas von einem Fu�ballspiel zu erz�hlen das sie am Nachmittag mit einer Gruppe Teenager organisieren wollte <br />
&quot;Ich k�nnte noch jemanden gebrauchen, willst du nicht mitkommen?&quot; Frank dachte sich, dass es eine gute Gelegenheit w�re ihren Brustkorb etwas n�her in Augenschein zu nehmen um dann ein Abendessen mit ihr anzubahnen, aber es gab ja die verdammte Runde am Nachmittag in der er sein musste. Als Stellvertreter des B�roleiters �bernahm er die Leitung falls der Chef verhindert, im Bett einer s�dindischen Freundin, beim Trinken oder auf einem Einkaufstrip mit seiner Frau war. Also sagte er <br />
&quot;Ich kann leider nicht. Heute ist All Staff Meeting und da muss ich hin.� In der Hoffnung die Sache mit Gabi etwas zu beschleunigen fragte er trotzdem noch<br />
�Aber was machst Du heute Abend?&quot; und erhielt ein k�hles <br />
&quot;Ich hab schon was vor.&quot; als Antwort. Was solls, dachte er, sagte <br />
&quot;Na dann!&quot; und trottete zur�ck in sein B�ro um M�cken zu jagen und vielleicht noch etwas zu schlafen.<br />
<br />
<br />
Johnny Bakako, mit f�nf Kindern und einer schwangeren Frau zuhause, wischte sich die Schwei�perlen von der Stirn, zog an seiner Zigarette und blickte ungeduldig zum Ankunftsterminal am Flughafen von Libretown. Der Gender Advisor den man vom Hauptquartier geschickt hatte liess auf sich warten. In seinem siebten Jahr als Angestellter des Fahrdienstes der Organisation hatte sich Johnny das Privileg erarbeitet die gel�ndetauglichen Toyota Pick-Ups des B�ros an Wochenenden f�r Ausfl�ge mit seiner Familie benutzen zu d�rfen. Inoffiziell zwar, aber vom Chef erlaubt. Wenn der Gender Advisor l�nger hierblieb oder man ihn sogar ganz vom Hauptquartier hierher versetzte, musste man ihm  einen Dienstwagen zuteilen. Dann konnte es sein dass es f�r Johnny vorbei war mit den Familienausfl�gen. Er h�tte deswegen nichts dagegen gehabt wenn der schrottreife Sikorski, den die Russenmafia der Flughafenverwaltung f�r die Passagiertransfers vermietete, endlich ins Meer st�rzte. Inklusive aller Neuank�mmlinge. Doch man hatte das Unget�m vor ein paar Minuten knatternd landen h�ren. Nun sah Johnny eine d�nne blasse Gestalt mit wenig Haaren, in kurzen Hosen, Sandalen und mit einem viel zu gro�en Koffer aus dem Terminalgeb�ude staksen und in die Sonne blinzeln. Das musste er sein. Johnny hatte keine Ahnung was der Titel Gender Advisor bedeutete, aber wie ein wichtiger Mann sah der nicht aus. Er beschloss ihn mit professioneller Freundlichkeit und Gleichg�ltigkeit zu behandeln und winkte dem Mann. Der sah ihn, sah seinen wei�en Toyota mit dem blauen Emblem der Organisation und kam auf ihn zu.<br />
&quot;Hallo, ich bin...&quot;<br />
&quot;... der Gender Advisor. Ja, ich habe Sie erwartet&quot; vervollst�ndigte Johnny den Satz und der Mann nickte.<br />
&quot;Willkommen in Libretown. Ich habe Anweisung sie direkt ins B�ro zu fahren. Der Chef will sie den Anderen vorstellen und dann bringe ich sie in Ihr Hotel.&quot; <br />
&quot;Ok&quot; sagte der Mann, machte dabei einen verunsicherten Eindruck und wurde blass, woraufhin Johnny ihn fragte ob alles ok sei. Der Mann nickte und stieg ins Auto. Der hat schon Malaria  oder was Anderes mitgebracht und das bedeutet weniger Arbeit f�r die M�cken von Libretown, dachte sich Johnny, verlud den Koffer und fragte <br />
&quot;Wollen Sie noch Geld wechseln? US Dollars in Freeland Dollars? Ich kenne da einen H�ndler der macht Ihnen einen guten Preis&quot; Es konnte nicht schaden Johnnys libanesischem Geldverleiher einen neuen Kunden zuzuf�hren, denn bald war wieder eine Rate des neuen Kredits f�llig. Das Wellblechdach seines Hauses war teuer gewesen und der Kredit vom Libanesen mit 25% Zinsen im Jahr war leichter zu ertragen als das permanente Gezeter seiner Frau, seit sein Nachbar sich ein neues Dach geleistet hatte. <br />
&quot;Danke, vielleicht sp�ter. Ich bin hundem�de&quot; erwiderte der Mann, seufzte, schloss die Augen und versank in den R�cksitz. Johnny lie� den Toyota an.<br />
<br />
<br />
Howard Musgrove, Mitte 40, mit leichtem �bergewicht das sich haupts�chlich im Bauchbereich zeigte und Leiter des B�ros der Organisation, zog das Kondom ab, machte einen Knoten hinein und lies es nonchalant unters Bett fallen, w�hrend Avvasi ihm mit der einen Hand die Brust kraulte und mit der Anderen eine Zigarette hielt. Avvasi war Britin wie er, aber von Eltern die aus dem indischen Kerala stammten und nicht wie er, von Eltern aus einem walisischen Adelsgeschlecht mit fester Verankerung in der Upperclass. Avvasi leitete die Nichtregierungsorganisation HelpAid4US deren Hilfsprogramme mit unauff�lliger Best�ndigkeit vom humanit�ren Hilfsfonds der Organisation finanziert wurden. Den Fonds verwaltete zuf�llig Howards B�ro. Howard mochte ihre hellbraune Haut, den Duft ihrer verschwitzten Schenkel und die Tatsache, dass Sie kein Problem damit hatte ihm jedes mal ungefragt einen zu blasen wenn sie beide sich heimlich trafen, um gemeinsam den fr�hen Nachmittag zu verbringen. Seine Frau Caroline hatte ihm in den 12 Jahren seiner kinderlosen Ehe noch kein einziges mal einen geblasen. Howards B�ro in Libretown hatte fast 30 Mitarbeitern. Die meisten davon kamen vom lokalen Arbeitsmarkt, abgesehen von einer handvoll internationaler Arbeitsnomaden und wenn er nicht in den n�chsten f�nf Minuten aufstand und sich ins B�ro fahren lie�, schaffte er es nicht mehr rechtzeitig zum w�chentlichen All Staff Meeting. Avvasi und er redeten nicht mehr viel bei ihren Treffen sondern beschr�nkten sich auf hastigen Sex, ein- bis zweimal die Woche. Das war perfekt f�r Ihn aber Avvasi schien die letzten Male so abwesend,dass er sich �berlegt ob eine Diskussion �ber die demn�chst wieder anstehende Geldvergabe durch seinen humanit�ren Fonds immer noch als Motivator bei ihr funktionierte. Wahrscheinlich nicht, jetzt wo man ihr eine Stelle in Washington angeboten hatte. Er stieg aus dem Bett, ging ins Bad, stellte sich unter die Dusche und drehte den Kaltwasserhahn absichtlich voll auf. Nach kurzem gurgeln und r�cheln tr�pfelte lauwarmes, von der Mittagssonne erhitztes Zisternenwasser auf ihn herab. Er kratzte sich versonnen die Schamhaare und h�rte seinen Fahrer vor der T�r hupen um ihn daran zu erinnern dass sie sp�t dran waren. Das Wasser wurde wie auf Kommando ganz pl�tzlich kalt.<br />
<br />
Teil 3<br />
<br />
Der Raum f�r das Meeting war schmal und lang, wie der Klassenraum einer kleinen Grundschule und tats�chlich gab es am Kopfende noch eine alte Tafel. Man hatte sie nicht entfernt nachdem festgestellt wurde dass es unm�glich war, ohne die gesamte Au�enwand abzurei�en. Die Tafel passte nicht durch die T�r und konnte nicht zerlegt werden. Ein Ventilator auf einem Metallst�nder blies warme Luft hin und her. Die Tische waren in Form eines &quot;U&quot; angeordnet, das Kopfende f�r den B�rochef gedacht. Doch der Raum war leer. Bis auf Piotr. P�nktlich um zwei Minuten nach Drei Uhr Nachmittags sa� er auf einem Stuhl links vom Kopfende, schwitzte aus allen Poren, war m�de und die Muskelspannung die ihn noch aufrecht im Stuhl hielt und seinen Kopf vor dem wegrollen bewahrte, hatte sich am R�cken und im Nacken gerade in einen Krampf verwandelt. Johnny der Fahrer war irgendwo drau�en und rauchte. Niemand kam. Um viertel nach Drei trat ein laut gackerndes Gr�ppchen gut gepolsterter Matronen durch die T�r, setzte sich an die Tische nah am Ausgang und machte soviel L�rm, dass das Eintreten und Hinsetzen der anderen Mitarbeiter praktisch lautlos von sich ging. Einige Augenpaare be�ugten Piotr misstrauisch und scheinbar beil�ufig, denn man kannte ihn nicht, aber niemand sagte etwas. Um 20 nach Drei war der Raum voll. Nur der Platz am Kopfende blieb unbesetzt.Piotr kam es vor als sei der L�rmpegel im Raum jetzt noch schlimmer als das Hubschraubergeballer am Flughafen. Die Leute hier verhielten sich wie Sch�ler der 2. Klasse auf dem Pausenhof. Gekreische, lautstarkes br�llen, hy�nenartiges Lachen. Um f�nf vor halb Vier stand Frank, der Piotr gegen�ber sa� und ihm gerade wohlwollend zunickte auf, richtete sich an die Versammelten und schrie <br />
&quot;WILLKOMMEN allerseits, .... hallo .... hallo....,bitte mal... zuh�ren....danke....ich habe gerade eine Nachricht vom Chef bekommen. Er versp�tet sich. Wir sollen Anfangen. Ich leite die Runde bis er da ist.&quot;  Und langsam reduzierte sich der Ger�uschpegel im Raum, von landendem Hubschrauber, �ber auspufflosen Golf, bis auf anfahrenden Motorroller. Frank sagte <br />
&quot;Danke ... danke ... erst einmal m�chte ich unseren Gast begr��en&quot;, er sah und zeigte auf Piotr, <br />
&quot;Herrn Dr. Andrea Ricardi, Senior Gender Advisor aus dem Hauptquartier.&quot; Allgemeines Nicken von den Frauen und Raunen von den M�nnern. <br />
&quot;Der Chef wird euch genauer sagen was es mit seinem Besuch hier auf sich hat. So .... dann gehen wir mal durch die Liste der Punkte von der letzten Runde und sehen was noch gekl�rt werden muss...&quot; <br />
Piotr dachte an seine kleine Wohnung und an sein gem�tliches Bett, seine fleischfressenden Pflanzen und die Nacht die er mit Olga, der ukrainischen Klavierlehrerin verbracht hatte. Dann dachte er an ein k�hles Bier, ja dass w�re jetzt das Richtige, ein eisgek�hlter halber Liter frisches, herbes Bier und dann k�nnte er noch...&quot; <br />
Die T�r sprang auf und ein untersetzter, leicht aufgedunsener Mann im blauen Anzug schritt schnell in Richtung des leeren Platzes am Kopfende direkt neben Piotr. Er setzte sich, nickte kurz in Piotrs Richtung, beugte sich dann zu Frank auf der anderen Seite und h�rte auf ein, zwei leise gemurmelte S�tze von ihm, richtete sich auf, blickte in die verstummte Runde und sagte<br />
&quot;Wie ich h�re haben wir bereits die Punkte von letzter Woche abgehakt. Bevor wir also mit der neuen Agenda beginnen ...&quot;, er sah Piotr an,<br />
&quot;� m�chte ich kurz etwas zu unserem Gast sagen, den man euch ja schon vorgestellt hat und den ich hiermit bei uns herzlich willkommen hei�e. Herr Ricardi ist als Senior Gender Advisor zu uns gekommen, um unser Verst�ndnis genderspezifischer Problematiken im B�roalltag zu verbessern; um uns Bereiche der Zusammenarbeit aufzuzeigen in denen die Gefahr des Gender-Bias hoch ist ohne dass es uns bewusst auff�llt; und um uns Wege und Methoden aufzuzeigen wie man die Gender-Fallen des Alltags verantwortungsvoll bew�ltigen kann. Bitte, Herr Dr. Ricardi, wir sind alle sehr gespannt auf Ihre Einsichten und Ratschl�ge.&quot; <br />
Piotr f�hlte sich als saugte ihn ein gigantisches schwarzes Loch in ein Paralleluniversum aus Verzweiflung, Schwei�geruch, Muskelkr�mpfen und Chilischoten. Sein Blickfeld und sein Darmausgang verengten sich auf den Durchmesser eines Strohhalmes und er sagte <br />
&quot;Na ja, also ich denke dass M�nner und Frauen im Prinzip dieselben Rechte haben. Aber man sollte es auch nicht �bertreiben.&quot;<br />
&quot;K�nnten Sie das bitte erl�utern?&quot; sagte Howard stirnrunzelnd und die Runde h�rte noch aufmerksamer zu.<br />
&quot;Also wenn ich zum Beispiel einem Automechaniker sage er darf ab sofort nur noch Frauen einstellen, solange bis die H�lfte seiner Mechaniker Frauen sind, dann bin ich mir ziemlich sicher er ist in ein paar Monaten Pleite&quot;.<br />
Raunen und Gel�chter im Raum. Howard sah ihn mit versteinerter Mine an.<br />
&quot;Ich glaube auch,dass die Rotlichtviertel dicht machen k�nnen wenn man pl�tzlich den Clubbesitzern vorschreibt dass die H�lfte der T�nzerinnen um-operierte M�nnern sein m�ssen.&quot; <br />
Howard legte die Stirn in Falten, schien kurz zu �berlegen und sagte dann noch bevor Piotr weiterredete <br />
&quot;Ich verstehe. Ich glaube Herr Dr. Ricardi will uns alle ein wenig provozieren um zu sehen ob wir in seine Fallen tappen. Sehr geschickt Herr Dr., sehr geschickt. Vielleicht mal ein verwandtes Problem. Wie sch�tzt man sich ihrer Meinung nach am besten gegen den Gender-Bias im Alltag?&quot;. Da Piotr nicht die geringste Ahnung hatte was Gender-Bias war sagte er<br />
&quot;Also ich glaube es gibt da eine Menge Frauen die dieses Gleichberechtigungszeugs ganz geschickt ausnutzen um sich Vorteile bei der Arbeit zu verschaffen. Nat�rlich nur wenn es um einen guten Job geht oder er irgendwas mit Management zu tun hat. Meistens klappt das ganz gut. Sobald ihnen ein Mann aber genau das vorwirft, wird er als Macho Arschloch abgestempelt und ist raus aus dem Spiel.&quot; Es war still geworden im Raum. Man konnte h�ren wie der Ventilator die feuchte, dicke Luft in Scheibchen zerlegte. Howards Gesicht war jetzt einer Maske aus Stein, seine Pupillen so klein wie Stecknadelk�pfe und die Augen zusammengekniffen. Eine ganze Weile lang sagte niemand etwas, dann blickte Howard in die Runde, sah auf seinen Vize Frank, der dabei war ein St�ckchen lockere Haut neben seinem linken Daumennagel abzupulen, sah dann wieder zu Piotr und sagte<br />
&quot;Aha, aha, sehr interessant ihre Einsichten, Herr Dr. Ricardi. Nun ich bin mir sicher wir werden noch Gelegenheit haben mehr von Ihnen zu diesem Thema zu erfahren, denn schlie�lich sind die Initiativen und Konzepte die unser Hauptquartier f�r uns ausarbeitet ungemein wichtig und wir sind wirklich sehr, sehr erfreut dar�ber wie unser Hauptquartier es immer wieder schafft uns mit so kompetenten und integren Experten wie ihnen zu versorgen. Aber nun m�chte ich mit den Punkten auf unserer Agenda weitermachen und da w�re als n�chstes �&quot;<br />
Und so ging es eine Weile weiter. Piotr entspannte sich etwas und war drei�ig Sekunden sp�ter, leise schnarchend, mit dem Kopf auf der Brust eingeschlafen.<br />
<br />
Als er aufwachte war er wieder allein im Raum und sich nicht ganz sicher ob das Meeting vielleicht doch nur getr�umt war. Es war sieben Uhr Abends. Johnny kam durch die T�r und sagte er werde ihn jetzt zum Hotel fahren. Er konnte sich sp�ter nicht mehr erinnern wie er ins Hotel geschweige denn ins Bett gekommen war, aber als er dort am n�chsten Tag um f�nf Uhr Morgens aufwachte dachte er, dass er alles vermasselt hatte und nun wahrscheinlich irgendwo ins Gef�ngnis kommen w�rde. Wegen Betrugs oder sonstwas. Nur bitte nicht hier in dieser Stadt und bitte nicht wieder in die Psychiatrie. Trotzdem beschloss er den Tag so ruhig wie m�glich anzugehen. Weil er seit den Mahlzeiten gestern im Flugzeug nichts mehr gegessen hatte, ging er in den Fr�hst�cksraum des Hotels, der wir ein chinesisches Restaurant aussah und merkte dabei zum ersten mal dass �berhaupt Alles im Hotel nach chinesischem Restaurant aussah. Er ging an der Rezeption vorbei und sah den asiatischen Concierge ihm zunicken. Er kam ins Restaurant und drei asiatische Kellner richteten das Fr�hst�cksbuffet an. Piotr f�hlte sich als w�re er �ber Nacht auf einen anderen Kontinent teleportiert worden. Das Fr�hst�ck aus Fr�hlingsrollen, Bratreis, Glasnudelsuppe und Jasmin Tee �nderte an diesem Eindruck auch nichts, aber Fr�hst�ck war Fr�hst�ck. Den Bauch angenehmen Voll schlappte er zur�ck auf sein Zimmer und ging unter die Dusche. Da fiel ihm auf dass die Wasserh�hne, der Hotelf�hn, die Steckdosen, der Spiegel und die Klimaanlage mit kleinen gl�nzenden Etiketts voller chinesischer Schriftzeichen beklebt waren, die verd�chtig nach Bedienungsanleitung aussahen. Als das Telefon klingelte und die Rezeption sagte sein Fahrer sei da um ihn abzuholen, zog er sich rasch um, ging zum Ausgang und sah Johnny mit dem wei�en Toyota vor dem Hotel parken. Johnny hatte Anweisung ihn nicht ins B�ro, sondern zu Howard zu fahren, was er auch tat. Am Appartement des B�rochefs angekommen klingelte Piotr an der Haust�r, wurde von einer Haushaltshilfe eingelassen und stand nur eine knappe halbe Stunde sp�ter wieder auf der Stra�e, grinste breit und z�hlte die 3000 Dollar in Bar die er gerade von Howard f�r ein neues R�ckflugticket und f�r das Hotel bekommen hatte. Vom Hauptquartier hatte Howard noch gestern Abend erfahren, dass der eigentliche Dr. Andrea Ricardi nach einem Unfall im Krankenhaus lag und man irrt�mlich einem Angestellten des Putzdienstes der Organisation die Reisedokumente f�r Libretown ausgeh�ndigt hatte. Diesen aber wollte man nicht belangen da er vor kurzem erst aus der Psychiatrie entlassen worden war, sich bisher unauff�llig verhalten hatte und seine Vorgesetzten best�tigten dass er kein b�sartiger Mensch war, sondern nur etwas unkonzentriert und unbeholfen. Howard entschied daraufhin, im Interesse der Organisation, die ganze Angelegenheit unter den Tisch fallen zu lassen und Piotr so schnell wie m�glich wieder ins Hauptquartier zu verfrachten ohne viel Aufsehen zu erregen. Den Leuten im B�ro w�rde er sagen, dass der Gender Advisor aus famili�ren Gr�nden ungl�cklicherweise sofort wieder hatte abreisen m�ssen. Piotr war gut gelaunt, pfiff seine Lieblingsmelodie w�hrend er zur�ck zum Toyota ging und das Geld einsteckte. Dann sagte er zu Johnny &quot;Lass uns meinen Koffer aus dem Hotel holen und dann ab zum Flughafen!&quot;</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>piphartwig</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63340-Die-Grosse-Runde</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Als sie starb...</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63335-Als-sie-starb&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 19:00:08 GMT</pubDate>
			<description>�Hey Taylor! Was machst du denn schon hier? Du und Ciera sollten doch noch bis n�chste Woche diese Frau beschatten. Warte doch mal!�, rief ihm der komische Typ hinterher, der immer Ciera hinterher geschaut hat. Schon seit sie hier angefangen hatte. Sonst hat ihn das immer aufgeregt, aber seit vier...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>�Hey Taylor! Was machst du denn schon hier? Du und Ciera sollten doch noch bis n�chste Woche diese Frau beschatten. Warte doch mal!�, rief ihm der komische Typ hinterher, der immer Ciera hinterher geschaut hat. Schon seit sie hier angefangen hatte. Sonst hat ihn das immer aufgeregt, aber seit vier Tagen ist ihm so was egal. Taylor lief einfach weiter, ohne den dreiundzwanzigj�hrigen weitere Beachtung zu schenken. Taylor musste hier raus und zwar schnell. <br />
<br />
Niemand sollte seine verletzliche Seite sehen. Das durfte nur Ciera. Seine Partnerin, die er schon seit ihrem ersten Lebensjahr kannte und trotzdem wusste sie nie von seiner Vergangenheit als M�rder. Taylor hatte wirklich alles ermordet, sogar Babys. Er hatte immer Angst, dass sie sich auch daran erinnern w�rde, dass er ihre Familie ermordet hatte und dass er sie auch ermorden wollte. Aber schon vom ersten Moment an eine besondere Gabe hatte, jeden in ihrer Umgebung in ihren Bann zu ziehen.Er mochte schon immer ihre gr�nen Augen, die einen sch�nen Kontrast bilden mit den fast schwarzen Haaren, �ber die sie sich immer aufgeregt hatte, aber jetzt konnte er sich weder ihre Augen anschauen, noch sich ihr Gejammer dar�ber anh�ren, dass ihre Haare nicht Pech schwarz sind, sondern nur dunkelbraun. Denn vor vier Tagen hatte er seine Partnerin verloren. Vier Tage, wo er sich immer wieder die Frage stellte, wieso ein LKW und nicht der italienische Mafiaboss umbringen konnte  und dass alles nur, weil der Sohn unserer Beschatteten meinte, sich auf die Stra�e zu setzten und zu heulen. Immer wenn er daran dachte wurde er w�tend. H�tte er nicht st�ndig gesagt, sie solle nicht mit dem Jungen reden und ihm sagen, wie gef�hrlich es ist sich auf die Stra�e zu setzten, w�rde sie vielleicht noch leben.<br />
<br />
 Taylor konnte sich noch genau daran erinnern, wie es passiert war.<br />
Die Mutter des kleinen Jungen hatte ihm verboten mit seinen Freunden Fu�ball zu spielen, weil er das Fenster seiner Nachbarin mit einem Stein eingeworfen hat. Nat�rlich fing der Junge an weinen, aber wegen dem schei� Trotz, den die Kinder in seinem Alter haben, hat er sich auf die Stra�e gesetzt und geschrien und geheult. Die Mutter ist dann, ohne mit der Wimper zu zucken, reingegangen und hat ihn weiter weinen lassen. Ciera . Sie wollte zu den kleinen und ihm sagen, dass das gef�hrlich ist, aber Taylor hielt sie ab und hatte gesagt, dass er das selbst merken w�rde. Danach machten sie noch Witze �ber die Frau und lachten, weil die Mutter  diese Erziehungstipps im Internet durchgelesen hat. M�nner t�ten, aber das eigene Kind nicht erziehen k�nnen, hatte sie gesagt. Denn die Frau sollte eine ber�chtigte M�rderin sein, die erst M�nner verf�hrt und dann in ihrem Keller ermordet und in den Graben hinter ihrem Haus vergr�bt. Ciera hatte Angst, dass die Frau auch Taylor verf�hrt, aber er hatte schon lange nicht mehr geliebt und wird jetzt auch nicht damit anfangen. Nur Ciera durfte nur so nah an ihn dran, niemand sonst. <br />
Garde als Ciera noch mal sagen wollte, dass sie zu den Jungen m�chte, kam ein LKW  mit hoher Geschwindigkeit auf den Jungen zu gefahren. Ciera reagierte sofort und sprintete zu den Jungen, aber um sich und den Jungen in Sicherheit zu bringen, war der Lastwagen schon zu nah. Kurzerhand warf sie den Kleinen zu Taylor, der ihn auffing und ihn hinsetzte. In dem Moment erfasste der Lastwagen Ciera und schliff sie noch zehn Meter weiter, bis er endlich zum stehen kam. Man sah die Blutstriemen, die Ciera hinterlie�. Es lag ein metallischer Geruch in der Luft. Taylor konnte nur dabei zusehen, wie es geschah. Doch dann rannte er zu ihr und rief ihren Namen, doch vergebens. Als er ankam sah er schon ihren zertr�mmerten K�rper, der mit tiefen Dreckigen Schnittwunden �bers�t sind. Es tropfte dunkelrotes Blut aus ihrem Mund und er konnte erkennen, dass sehr viele Knochen gebrochen sein mussten. Er wusste, dass sie sterben w�rde. Der Fahrer stieg sichtlich geschockt aus der Fahrerkabine aus und wollte sich schon entschuldigen, als Taylor ein Messer, das ihm Ciera letztes Jahr geschenkt hatte, z�ckte und es dem Fahrer in den Bauch stach. Aus lauter Wut drehte er es noch mal im Kreis und zog es dann wieder raus. Der Mann schrie und viel r�ckw�rts auf den Boden, aber das war Taylor egal. Er kniete sich zu Ciera  und sie fl�sterte etwas, was er nicht verstand. Der letzte Atemzug und sie starb. Taylor hob sie hoch und brachte sie ins Observatorium, wo man ihm aber sagte, dass es zu sp�t f�r sie w�re. Danach ist er einfach gegangen. <br />
<br />
Sie wurde ein Tag sp�ter Beerdigt.<br />
<br />
Es waren nur er, Fizzy, ihre beste Freundin und die Mitarbeiter des Observatorium anwesend, er hatte ja ihre Familie aus dem Gewissen. Er gab sich die Schuld, er war f�r sie verantwortlich und trotzdem ist sie gestorben.Sie war grade mal 15 und hatte schon gegen Leute gek�mpft, die ganze St�dte ausgel�scht haben und wurde �ber 20 mal t�dlich verletzt, aber war zu z�h f�r den Tod. Und nun war es es ein Idiot, der nicht anst�ndig bremsen kann, der sie mit dem Tod bekannt gemacht hat.<br />
<br />
Nach der Beerdigung ging er ohne etwas zu sagen. Er wollte mit niemanden reden und erkl�ren was passiert war. Sie werden es noch fr�h genug erfahren, aber nicht von ihm. Beim Laufen erinnerte er sich wieder daran, wie sie ihn damals ansah und er sie mitnehmen musste und sie gro�ziehen lies, bis sie 10 war. Ab da hatte er sie mit zu seinen Au�endiensten mitgenommen, wo sie schon vielen Leuten den Kopf verdreht hatte. Manche behandelten sie wie ein Kind, aber dann haben sie einen Kinnhaken verpasst bekommen und dann wurde sie wie er behandelt, Wie eine Erwachsene. Anfangs war es wirklich schwer mit ihr, weil sie ziemlich �ngstlich war, aber als sie dann mit 12 einen Vergewaltiger, der eigentlich M�dchen in ihrem Alter vergewaltigte und dann zerst�ckelt in B�chen verschwinden lie�, geschnappt und mit zwei Tritten gel�hmt hatte, war sie so stolz, dass sie es jedem erz�hlt hatte. Nat�rlich wurde er dann als Verantwortungsloses Vorbild abgestempelt, aber er war genauso stolz wie sie und hatte ihr ihre lang ersehnte Katze gekauft. <br />
<br />
Fr�her hatte immer gegrinst, als er daran zur�ck dachte, aber heute lief ihm stattdessen eine Tr�ne �ber die Wange.<br />
<br />
Er lief weiter, bis zu ihrem Lieblingsplatz, an den Klippen von Dover. Keiner konnte sich hier erkl�ren, warum sie wei� sind, aber sie waren genauso mystisch wie sie. Sie war immer hier, wenn sie ihre Ruhe wollte. <br />
<br />
Bis zu diesem Moment...<br />
<br />
Er ging zum Rand der Klippe und schaute hinunter. Er erinnerte sich an dem Moment, wo er ihr erz�hlt hatte, dass er eine �berraschung f�r sie hatte. Schnell hatte sie sich ihre Lederstiefel und ihre Nieten bestickte Jacke angezogen, ihre Pistole und Handy eingesteckt und schon konnten sie los. Er ist mit ihr hier rauf gefahren, Zwei Wochen hatte Taylor an der kleinen H�tte <br />
gebaut, was hier oben stand und wo nur Ciera und er einen Schl�ssel dazu haben. Es wurde nur erbaut, weil sie st�ndig durchgefroren von hier oben zu ihm gelaufen ist und er nicht wollte, dass sie sich nicht unterk�hlt. Seit dem hatte sie hier oben gewohnt und es sich gem�tlich gemacht. Nat�rlich war sie nicht sonderlich viel zuhause, aber wenn sie mal zuhause war, war sie nur da drin. Als sie es gesehen hatte,  hatte sie ihn fast erw�rgt vor Freude.<br />
<br />
Jetzt konnte sie das nie mehr machen.<br />
<br />
Noch mehr tr�nen rannten ihn �ber das Gesicht und er machte sich gar nicht die M�he sie weg zu wischen. Der gro�e Taylor Moon weint, h�tte sie jetzt gesagt und gelacht. Taylor h�rte noch ihr geh�ssiges Lachen in seinem Kopf, als ein Massenm�rder gesagt hatte, dass er sie wirklich h�bsch f�nde, sie ihn aber trotzdem fertig machte, aber er h�rte auch ihr weinen, als ihre Pistole, die er extra f�r sie anfertigen lie� nicht mehr funktionierte. Sie hatte an dem Ding mit ganz vielen Bernsteinen am Schaft gehangen und hatte es bis zum letzten Moment nie aus den Augen gelassen. Jetzt wir sie bei ihr im Grab, in dem schwarzen Holster. Damals musste er eine ganze Packung Himbeereis kaufen, weil es das einzige war, was sie beruhigte.  Nachdem er es dann Reparieren gelassen hat, war sie wieder �bergl�cklich. <br />
<br />
Er vermisste ihr schiefes Grinsen und die hochgezogene Augenbraue, wenn er mal wieder mit ihrer Katze geredet hatte und meinte sie h�tte ihr geantwortet.<br />
Die Katze hatte er jetzt bei Fizzy untergebracht, da sie besser kann mit Tieren, als er.<br />
<br />
Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Nun schaute er er in die Ferne und meinte ihr Gesicht in den Wolken zu erkennen, aber sie war nicht da. Gestern hatte er gedacht, ihr Auto f�hrt in seine Einfahrt, nur da war niemand, er hatte sich es nur eingebildet. <br />
<br />
Er vermisste sie, dass wusste. Taylor wusste vor Ciera nicht, wie es sich anf�hlte zu lieben, zu vermissen, allein sein, gl�cklich sein. �ber so was hatte er nie nach gedacht.<br />
<br />
 Nun bildete er sich schon wieder ein ihre Stimme zu h�ren, aber diesmal sagte sie: �Komm zu mir, Taylor!�<br />
<br />
Er wollte nicht mehr allein sein.<br />
<br />
Er schaute nach unten in die Wellen.<br />
<br />
�Ich komme Ciera!�<br />
<br />
Und sprang...</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>rainbowangel</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63335-Als-sie-starb</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Kleine Sonne wei�t du nicht</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63332-Kleine-Sonne-wei�t-du-nicht&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 13:53:20 GMT</pubDate>
			<description>*_Kleine Sonne wei�t du nicht_* 
 
Die kleine Sonne ist gl�cklich, denn heute hat sie genug Platz, am Himmel zu scheinen. Sie freut sich, wenn sie sieht, dass die Kinder sie �die Sonne� genie�en und bei der W�rme schwimmen und Eis essen gehen k�nnen. Eigentlich ist die Sonne immer gut gelaunt und...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><b><u>Kleine Sonne wei�t du nicht</u></b><br />
<br />
Die kleine Sonne ist gl�cklich, denn heute hat sie genug Platz, am Himmel zu scheinen. Sie freut sich, wenn sie sieht, dass die Kinder sie �die Sonne� genie�en und bei der W�rme schwimmen und Eis essen gehen k�nnen. Eigentlich ist die Sonne immer gut gelaunt und hat ein breites L�cheln im Gesicht, aber es gibt auch Momente, wobei die kleine Sonne �berhaupt nicht gl�cklich und zufrieden ist. An manchen Tagen kommen n�mlich das Gewitter und der Regen vorbei. Die kleine Sonne kann die beiden �berhaupt nicht leiden! Sie sagt immer; �Jetzt kommt schon wieder das bl�de Gewitter und der Regen. Die beiden klauen mir immer den Platz zum scheinen. Wie soll ich den bitte jetzt die Kinder gl�cklich machen? Wie sollen sie denn bitte schwimmen gehen, wenn es zu kalt ist und ich ihnen meine W�rme nicht schenken kann?� Die kleine Sonne ist sehr w�tend auf das Gewitter und den Regen, so sehr, dass sie pl�tzlich von sich aus beschlie�t, das Gewitter und den Regen zur Seite zu schupsen. Das Gewitter und der Regen, sind soso traurig, dass die kleine Sonne sie nicht leiden kann. Nun scheint die kleine Sonne schon einige Zeit, ohne was vom Gewitter und Regen geh�rt zuhaben. Sie ist gl�cklich, wenn sie sieht, dass die Kinder, sie und ihre W�rme genie�en. Doch nach einer Ewigkeit bemerkt sie, dass die Kinder kaum noch schwimmen und Eis essen gehen. Die Stra�e, wo vor einiger Zeit noch sehr, sehr viele Kinder lang liefen, ist nun leer. Am Strand sind keine Menschen die sich sonnen. Die Fl�sse und der gro�e See in der Stadt, scheinen einfach weg zu sein. Sie sind ausgetrocknet. Die B�ume, B�sche und Blumen bl�hen und gedeihen nicht mehr. Nichts scheint mehr so sch�n zu sein, wie es damals war. Traurig muss sich die kleine Sonne eingestehen, dass die Kinder, B�ume, Blumen und Fl�sse das Gewitter und den Regen genauso brauchen, wie die kleine Sonne selbst. Denn ohne Gewitter und Regen gibt es kein Wasser f�r die Blumen (damit sie wachsen) k�nnen, kein Wasser f�r die Fl�sse und Seen und keine frische Luft f�r die Menschen. Die kleine Sonne geht zum Gewitter und Regen und sagt; �Es tut mir so Leid! Ich wollte nur alle gl�cklich machen und wei� jetzt, dass es ohne euch nicht m�glich ist. Ich dachte, dass die Kinder fr�hlich sind, wenn sie mich sehen, aber nun wei� ich, dass die Kinder fr�hlich sind, wenn sie uns sehen.<br />
Bitte lasst uns wieder zusammen arbeiten�.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Robin95</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63332-Kleine-Sonne-wei�t-du-nicht</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Regentropfen wart nur ab</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63331-Regentropfen-wart-nur-ab&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 13:48:24 GMT</pubDate>
			<description>*Regentropfen wart nur ab* 
 
Kalt ist der Tag des sch�nen Herbstes. Sch�n ist er, denn es ist nicht zu kalt und nicht zu warm. Doch da oben, in der einen kleinen Wolke, befindet sich ein kleiner Regentropfen, der denn Tag leider nicht so sch�n findet. Im Gegenteil. Er ist traurig! Traurig, weil er...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><b>Regentropfen wart nur ab</b><br />
<br />
Kalt ist der Tag des sch�nen Herbstes. Sch�n ist er, denn es ist nicht zu kalt und nicht zu warm. Doch da oben, in der einen kleinen Wolke, befindet sich ein kleiner Regentropfen, der denn Tag leider nicht so sch�n findet. Im Gegenteil. Er ist traurig! Traurig, weil er nicht das ist, was er gerne seien w�rde.  Niedergeschlagen schaut er zu seinen Freunden, die Schneeflocken. Die Schneeflocken bemerken es, gehen zu den Regentropfen und fragen: ,,Was ist denn los, kleiner Regentropfen�?  Der Regentropfen schaut sie an und sagt: �Naja, schaut euch nur an mit euren wundersch�nen, wei�en Kleid und Ich? Ich sehe nur aus, wie ein ganz normaler Regentropfen.� Die Schneeflocken schauen ihn an und sagen: �aber kleiner Regentropfen sei doch nicht traurig, warte nur ab.� Die Schneeflocken hatten ein kleines L�cheln auf dem Gesicht, was den Regentropfen sehr traurig machte. Er f�hlt sich nicht verstanden. Den n�chsten Tag, war es sehr, sehr kalt, denn nun ist der Winter gekommen. Der kleine Regentropfen stieg aus seinem Bett, schaute sich an, schaute sich noch einmal ganz genau an und musste freudig feststellen, dass er nun auch ein sch�nes wei�es Kleid besitzt, denn nun ist er wie seine Freunde auch eine Schneeflocke geworden.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Robin95</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63331-Regentropfen-wart-nur-ab</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Die Matschliese</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63329-Die-Matschliese&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 11:26:33 GMT</pubDate>
			<description>Ich m�chte dir heute das Abenteuer der kleinen Elfe Matschliese erz�hlen. Denn diese kleine Elfe hat ganz Gro�es bewirkt � sie hat es tats�chlich geschafft ihre Heimat vor einem gro�en Ungl�ck zu bewahren. Und das obwohl sie immer von allen ausgelacht wurde� 
 
Die Matschliese lebte in einem...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Ich m�chte dir heute das Abenteuer der kleinen Elfe Matschliese erz�hlen. Denn diese kleine Elfe hat ganz Gro�es bewirkt � sie hat es tats�chlich geschafft ihre Heimat vor einem gro�en Ungl�ck zu bewahren. Und das obwohl sie immer von allen ausgelacht wurde�<br />
<br />
Die Matschliese lebte in einem kleinen Wald in einem fernen Land. In dem Wald gab es sehr viele B�ume, aber auch sch�ne Lichtungen mit vielen Blumen und Wiesen. Wenn die Sonne schien, tummelten sich viele Schmetterlinge und die Waldtiere auf den Lichtungen und spielten miteinander. Alle f�hlten sich pudelwohl, denn sie wussten, dass ihnen in diesem Wald nichts passieren kann.<br />
<br />
Jetzt willst du bestimmt wissen, warum sich alle so sicher und pudelwohl f�hlten. Das lag daran, dass es in diesem Wald jemand ganz besonderes gab � n�mlich die kleinen Elfen, die den Wald, seine Lichtungen und Tiere besch�tzten. Jede Elfe hatte dabei eine andere Aufgabe. Die Baumelfe war daf�r zust�ndig, dass es den B�umen gut ging. Sie sorgte daf�r, dass sie ihre Wurzeln tief in die Erde graben konnten und ihre Baumkronen weit austrecken konnten. Die Blumenelfe k�mmerte sich darum, dass jede einzelne Blume genug von dem Sonnenlicht abbekam und keine von den Bienen vergessen wurde. Das Moos geh�rte zur Mooselfe, die genug dunkle und feuchte Ecken im Wald fand, wo es wachsen konnte. Damit es in den Ecken f�r das Moos immer feucht blieb, musste sie sich mit der Wasser-Elfe oder der Regen-Elfe absprechen, da die beiden die Feuchtigkeit regelten und daf�r sorgten, dass alle im Wald genug Wasser haben. Da diese Elfen sich f�r die Waldbewohner um n�tzliche und �berlebenswichtige Sachen k�mmerten, waren sie die beliebtesten Elfen im Wald. Jeder mochte sie und alle wollten mit ihr befreundet sein, weil sie so nett und h�bsch waren.<br />
<br />
Dann gab es in dem Wald aber auch noch eine Elfe, die bei den Waldbewohnern und den anderen Elfen nicht beliebt war, obwohl sie sehr lieb und freundlich war - die Matschliese. Wie ihr Name schon sagt, war sie f�r den Matsch im Wald zust�ndig. Wo immer eine Matschpf�tze zu finden war, musste die Matschliese vorher dort gewesen sein. Aber warum mochten die anderen die Matschliese nicht, obwohl sie lieb war? Das lag daran, dass ihr Kleid aus frischem Matsch und also nicht so sch�n wie die Kleider der anderen Elfen war. Das Schlimmste dabei war, dass die Matschliese beim Flattern mit ihren Fl�geln diesen Matsch herumspritzte. Alle um sie herum wurden dreckig und mussten sich waschen. Das fanden die Elfen, Waldtiere, B�ume und Pflanzen nat�rlich doof und daher mochten sie die Matschliese nicht. Immer wenn sie in die N�he der anderen kamen, liefen diese vor ihr weg und riefen dabei �Matschliese! Platschliese! Dreckliese, wasch dich mal!� oder �Schlammelfe macht nur Dreck und sie muss f�r immer weg.�.<br />
<br />
Das machte die Matschliese unglaublich traurig. Sie wollte doch nur von den anderen gemocht werden und f�r ihr Matschkleid konnte sie doch gar nichts. Das war ihr doch von Mutter Natur so gegeben. Sie hatte doch gar nicht die Absicht, die anderen immer mit Matsch zu bespritzen � das passierte doch einfach so, wenn sie mit den Fl�geln flatterte. Sie wusste einfach nicht, was sie tun konnte, damit die anderen sie mochten. Weinend sa� sie vor einer Matschpf�tze und ihre dicken Tr�nen tropfte hinein. Sie heulte bitterlich und schluchzte: �Bitte Mutter Natur, sag mir doch, warum du mir ausgerechnet ein Matschkleid geben musstest. Warum kann ich kein sch�nes Kleid haben, dass nicht tropft und die anderen vollspritzt wenn ich mit den Fl�geln schlage. Warum muss es Matsch sein? Der ist doch f�r gar nichts n�tzlich. Warum hast du mich so gemacht wie ich bin? Warum l�sst du zu, dass die anderen mich nicht m�gen?�.<br />
<br />
Die Matschliese weinte und weinte. Sie merkte dabei nicht, dass die vielen Tr�nen, die in die Matschpf�tze getropft waren, das Matschwasser darin mittlerweile ganz klar gemacht hatten. Erst als eine besonders dicke Tr�ne laut �Platsch� in die Pf�tze machte, schaute sie hinein. Und sie war �berrascht, denn sie sah ganz klar ihr Spiegelbild. Traurige Augen blickten sie aus der Pf�tze an. Als die n�chste dicke Tr�ne in die Pf�tze tropfte, fing das Wasser an sich zu bewegen und als es sich wieder beruhigte, sah sie nicht mehr ihr Spiegelbild sondern schaute in das liebevolle Gesicht von Mutter Natur, die sie z�rtlich anl�chelte. �Ach liebe Matschliese�, sagte Mutter Natur �du bist doch genau richtig so wie du bist. Mit dir und deinem Matschkleid ist alles in Ordnung � das musst du mir glauben. Und glaube mir � schon bald erkennen das die anderen auch und du wirst bald beweisen k�nnen, dass du ein sehr wichtiger Teil des Waldes bist! Ich liebe dich so wie du bist, kleine Matschliese, und du solltest dich auch so lieben wie du bist! Du bist wertvoll!�. Und so schnell wie Mutter Natur erschienen war, war sie auch wieder weg.<br />
<br />
Die Matschliese schaute ungl�ubig in die Pf�tze. Das Wasser war jetzt nicht mehr klar, es war wieder schlammbraun. �Was war das denn? Was meint Mutter Natur damit, dass ich bald beweisen kann, dass ich ein wichtiger Teil des Waldes bin? Wer braucht denn schon Matsch?�. Die Matschliese �berlegte was Mutter Natur ihr damit sagen wollte und was denn passieren musste, damit die anderen ihren Wert f�r den Wald erkennen w�rden. Schlie�lich wurde sie vom Weinen und Denken sehr m�de und beschloss nach Hause zu flattern. Dort kuschelte sie sich in ihr Bett und fiel in einen tiefen Schlaf.<br />
<br />
�Brummelbrummelrrrrrrbrrrrrbrrrrr...�! Die Matschliese schreckte auf. Was war das denn nur f�r ein lautes Brummen und Rumpeln? Und warum zitterte denn die Erde? Was war hier los? Sie rannte an ihr Fenster und sah dass es bereits taghell drau�en war und die Sonne grell schien. �Brummelbrummelrrrrrrbrrrrrbrrrrr...�! Schon wieder dieses Rumpeln und Brummen. Wo kam es her? Die Erde bebte, doch die Matschliese konnte nicht erkennen, wer hier so laut rumpelte und die Erde zum Zittern brachte. �Oh je, ich habe solche Angst. Was ist das nur f�r ein Krach? Das h�rt sich so bedrohlich und schlimm an. Ich muss herausfinden was das ist?�.<br />
<br />
Die Matschliese trat aus ihrer Matschh�hle und erschrak. Von weitem sah sie gro�e dunkle Rauchwolken �ber den B�umen aufsteigen � und dann andauernd dieses Brummen und Rumpeln. Sie bekam riesige Angst und wollte sich am liebsten wieder in ihrer Matschh�hle verstecken, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie besser nachschauen sollte, was da los ist und die Waldbewohner und anderen Elfen warnen sollte. Es f�hlte sich nach Gefahr an. Die Matschliese nahm all ihren Mut zusammen und begann mit den Fl�geln zu schlagen und los zu fliegen � dem Brummen und dem schwarzen Rauch entgegen.<br />
<br />
Was die Matschliese dann sah, lie� ihren Atem stocken. Dann begann sie zu laut zu schreien. Sie sah gro�e Maschinen, die begannen B�ume abzus�gen. �Was machen die da? Warum machen diese Maschinen die sch�nen gro�en B�ume kaputt? Was soll das denn? Wo sollen denn die V�gel und Eichh�rnchen hin?�. Dann schaute sie genauer hin und sah, dass s�mtliche Tiere und die anderen Elfen sich vor die Maschinen stellten und diese aufhalten wollten. Sie bildeten eine Mauer und die Maschinen machten den Motor aus. Die Tiere und Elfen jubelten. �Klasse, da fahren die Maschinen nicht durch. Die haben es geschafft.�, dachte sich die Matschliese und bewunderte den Mut der Anderen.<br />
<br />
�Brummelbrummelrrrrrrbrrrrrbrrrrr...�, machte es auf einmal. Noch lauter und bedrohlicher als zuvor. Die Maschinen starteten erneut und dr�ckten richtig feste auf das Gas. Sie waren fest entschlossen, weiter B�ume zu f�llen � ihnen war egal, dass die Elfen und Tiere sch�tzend vor ihrem Wald standen und diesen verteidigten. Die Matschliese traute ihren Augen nicht. �Das geht doch nicht. Die k�nnen doch nicht einfach die anderen �berfahren und weiter B�ume f�llen! Ich muss helfen � irgendwie muss ich die Maschinen am Fahren hindern, um die anderen zu sch�tzen. Aber wie soll ich das machen? Ich bin doch nur eine Matschelfe...was kann ich denn schon mit meinem Schlamm ausrichten?�<br />
<br />
Dann kamen ihr die Worte von Mutter Natur wieder in den Kopf �Du kannst beweisen, dass du ein wichtiger Teil des Waldes bist!�. �Okay, Mutter Natur hat mich erschaffen. Sie hatte einen Grund daf�r, mich so zu machen wie ich bin, mit meinem tropfenden Kleid und dem glitschigen Matsch den ich immer verspritze, wenn ich flattere. Er muss zu mehr gut sein, als nur die anderen voll zu schmieren...� Die Maschinen fuhren immer weiter auf die anderen Elfen und Tiere zu � die Matschliese hatte keine Zeit mehr, um nachzudenken. Also fing sie an mit den Fl�geln zu schlagen und in Richtung der Maschinen zu fliegen. Als sie durch ihr aufgeregtes Flattern den Matsch links und rechts von sich spritzen sah, kam ihr auf einmal ein Geistesblitz und sie wusste mit einem Mal, was sie zu tun hatte. <br />
<br />
Die Waldtiere und anderen Elfen zitterten vor Angst als die Maschinen auf sie zukamen, aber sie wollten ihren Wald verteidigen. Auf einmal sahen sie wie die Matschliese auf die gro�en Maschinen todesmutig zu flog. �Was macht die denn jetzt? Warum stellt sie sich nicht neben uns?�, fragten sie sich. Doch dann sahen sie was die Matschliese da machte. Sie flatterte so stark mit ihren Fl�geln, dass aus den Schlammtropfen, die sonst immer durch das Fl�gelschlagen verspritzt wurden, riesige Schlammfont�nen wurden. Es war ein Schlammregen den die Matschliese durch ihr Flattern erzeugte und dieser regnete auf die Maschinen nieder. Alles wurde voller Matsch gespritzt. Die Fenster der Maschinen, die S�gen der Maschinen, einfach alles. Die Matschliese flatterte links und rechts, oben und unten, kreuz und quer. Und sie schlug immer kr�ftiger mit den Fl�geln. <br />
<br />
Langsam schlug sich der Matschregen auch auf dem Boden nieder und bildete eine dicke Schlammschicht darauf. Auch die R�der der Maschinen wurden damit bedeckt. Immer mehr Matsch spritzte von der Matschliese und bedeckte den Boden bis schlie�lich die erste Maschine im Schlamm stecken blieb. Ihre R�der drehten auf dem glitschigen Boden durch und sie fuhr sich fest. Dann blieb auch die zweite Maschine stecken und konnte sich nicht mehr r�hren. Dann die Dritte, dann die Vierte, dann die F�nfte und nach einigen Minuten schlie�lich auch die letzte Maschine. Sie blieben um Haaresbreite genau vor den Waldtieren und anderen Elfen stehen. <br />
<br />
Diese standen einfach da mit offenem Mund und konnten gar nicht fassen, was gerade passiert war. Die Matschliese hatte sie und den Wald gerettet. Diese kleine Schlammelfe, die alle dreckig macht, hat die gro�en Maschinen mit ihrer Schlammspritzerei aufgehalten. �Sie hat Dreck gemacht und damit alle gerettet!�, sagte die Blumenelfe erleichtert. �Sie ist so mutig gewesen. Sie ist eine Heldin.� Sie begannen zu jubeln und zu klatschen und riefen der Matschliese zu. Die Matschliese flatterte immer noch auf und ab und kreuz und quer � sie hatte sich so angestrengt, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, dass sie bereits die Maschinen gestoppt hatte und dadurch zu einer gro�en Heldin geworden war. �Maaaatschliese! Du kannst aufh�ren zu flattern! Hey, h�rst du? Du hast uns gerettet. Du bist eine Heldin!�, rief die Baumelfe. �Was? Ich eine Heldin?�, dachte die Matschliese und schaute sich um. Tats�chlich! Die Maschinen standen still. Sie und ihr Matsch hatten den Wald gerettet.<br />
<br />
Die Matschliese sah alle anderen wie sie sich freuten und der Matschliese zujubelten und zuwinkten. �Matschliese, komm zu uns. Wir wollen unsere neue Heldin feiern!�. �Ich soll zu ihnen kommen? Schon immer habe ich mir gew�nscht, dass sie mich in ihrer N�he haben wollen. Wie toll!�, freute sich die Matschliese. Sie nahm allen Mut zusammen und flatterte aufgeregt auf die anderen zu. Und da passierte es. Die Matschliese flatterte noch so stark mit den Fl�geln, dass sie alle anderen Elfen mit viel Schlamm vollspritzte. Alle hatten braune Tropfen auf den Kleidern, in den Haaren und auf den Fl�geln. �Oh Nein�, dachte sich die Matschliese �jetzt habe ich sie alle dreckig gemacht. Sie m�ssen sich wegen mir wieder waschen. Jetzt bin ich keine Heldin und sie m�gen mich nicht mehr.� Die Matschliese schaute �ngstlich in die Gesichter der anderen und rechnete jeden Moment wieder mit den H�nseleien und dass alle einfach von ihr fortfl�gen. <br />
<br />
Doch was war das. Die Baumelfe fing an zu grinsen, die Blumenelfe sch�ttelte sich vor Lachen und die Mooselfe kugelte sich auf dem Boden vor Lachen. Dann schauten sie die Matschliese an, dann schauten sie sich an, dreckig wie sie waren. �Jetzt sind wir auch voller Matsch. Wir sind jetzt auch Matschliesen!�, riefen sie kichernd. Sie rannten auf die Matschliese zu und umarmten sie ganz fest. �Wir haben heute erkannt, wie wichtig du f�r uns und unseren Wald bist. Und du hast uns gezeigt, wie wichtig wir f�r dich sind � schlie�lich hast du dich in eine gro�e Gefahr begeben, um uns zu retten. Es tut uns leid, wenn wir gemein zu dir waren. Du bist toll, Matschliese. Du bist genau richtig wie du bist � mit dem ganzen Schlamm.�. Die Matschliese war ger�hrt und hatte Freudentr�nen in den Augen. Sie umarmte die anderen ganz fest und freute sich dar�ber, dass sie heute ihre Freundinnen gerettet hatte. Und jetzt wusste auch sie, dass sie eine ganz wertvolle Elfe war.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Martzi</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63329-Die-Matschliese</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Der Marathonl�ufer</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63328-Der-Marathonl�ufer&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 11:23:51 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[DER MARATHONL�UFER 
 
Eine Erz�hlung, frei nach der Geschichte des haitianischen Marathonl�ufers Dieudonne Lamothe. 
 
�Ti Zwazo kote ou prale/ Mwenn prale kay fiy�t lalo�"  Leise vor sich hin summend l�uft Alain mit der umgeh�ngten gro�en Brieftr�gertasche die Rue Magny hinauf, kreuzt hastig von...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>DER MARATHONL�UFER<br />
<br />
Eine Erz�hlung, frei nach der Geschichte des haitianischen Marathonl�ufers Dieudonne Lamothe.<br />
<br />
�Ti Zwazo kote ou prale/ Mwenn prale kay fiy�t lalo�&quot;  Leise vor sich hin summend l�uft Alain mit der umgeh�ngten gro�en Brieftr�gertasche die Rue Magny hinauf, kreuzt hastig von Stra�enseite zu Stra�enseite, um Gesch�ftsbriefe, Rechnungen, Liebesbriefe oder Postkarten bei den Adressaten in die Briefk�sten einzuwerfen.  Von der Rue Magny biegt er rechts in die Rue Chavannes ein, dann links in die Rue Geffrard und vorbei an der �glise St-Pierre in die Rue Gr�goire. Ganz P�tionville, der k�hle 800 Meter �ber Port-au-Prince gelegene Villenort, geh�rt zu seinem Zustellbezirk, der dann noch weiter in die Berge, beinahe bis ins doch schon recht kalte Kenscoff reicht. Alain l�uft schnell, barfu�. Schuhe hat er noch nie besessen. Er muss schnell laufen, denn die Anwohner seines Zustellbezirks sind einflussreiche Leute. Und sie erwarten von ihm nicht nur Briefe, Rechnungen oder bunte Postkarten, die er w�hrend des Laufens manchmal betrachtet. Ohne seinen Schritt zu vermindern, tr�umt er dann von nie gesehenen L�ndern, malt sich aus, wie die Menschen dort wohl lebten. <br />
<br />
Eigentlich k�nnte er seine t�gliche Arbeit viel rascher, vermutlich schon nach f�nf, sechs Stunden beenden, wenn er nur die Post austragen m�sste. Nicht jeder Haushalt erh�lt jeden Tag einen Brief oder eine Postkarte. Weil seine Kunden in P�tionville aber nicht nur die heimischen Zeitungen, den &quot;Haiti Observateur&quot;, &quot;Le Nouvelliste&quot; oder &quot;Le Petit Samedi Soir&quot;, sondern auch ausl�ndische Zeitungen lesen, &quot;Le Monde&quot;, &quot;Le Matin&quot; oder den &quot;Miami Herald&quot;, muss er ihnen auch diese Tageszeitungen m�glichst fr�h an die Haust�r bringen. Einmal hatte er versucht, sich die Arbeit zu erleichtern. Er hatte die Post, Zeitungen und Werbesendungen, die f�r die etwas entlegeneren Briefk�sten bestimmt waren, einfach nicht t�glich ausgetragen. Er hatte sie drei oder vier Tage gesammelt, so dass es sich auch lohnte, diese Umwege zu machen. Aber da hatten sich Postkunden beim Chef beschwert, sie bek�men die Zeitungen so sp�t. Verst�ndnislos hatte er seinen Kopf gesch�ttelt. Auch C�line, seine Frau, hatte sich gewundert, als er ihr zuhause von der R�ge erz�hlte, dass die Leute es so eilig hatten, ihre Zeitungen zu lesen. Sie waren doch ohnehin schon einen oder gar zwei Tage alt. Darum jedenfalls muss er sich gewaltig sputen. Schlie�lich muss er jeden Tag �ber zwanzig Kilometer zur�cklegen, und nat�rlich will er seinen Job nicht verlieren. <br />
<br />
Am meisten halten ihn die Postwurfsendungen auf. Damit muss er zu jedem Briefkasten, darf aber jeweils nur ein Exemplar der Postwurfsendung einwerfen. Alain hasst diese Prospekte, auf denen f�r Dinge geworben wird, die er nie im Leben besitzen wird, deren Sinn und Zweck er oftmals nicht einmal erkennen kann. Manchmal betrachtet er die bunten Bilder, auf denen komplizierte technische Apparaturen angepriesen werden, Maschinen, die in seiner bescheidenen H�tte ohne Strom v�llig fehl am Platz w�ren: Radioger�te oder Fernsehger�te, Apparate, mit denen man sich ohne Wasser und Seife rasieren kann. Seltsame Maschinen sind das, die sehr viel Geld kosten. Nicht einmal f�r einen ganzen Jahreslohn k�nnte er sich so etwas kaufen.<br />
<br />
Er wei�, dass die meisten Leute sie nicht einmal lesen, sondern sofort in den Abfall werfen. Dennoch muss er diese Werbebrosch�ren, die seine Brieftasche so erheblich beschweren, in jeden Briefkasten werfen, sogar in jene, auf denen der Vermerk &quot;keine Werbung&quot; angebracht ist. Er darf kein Haus dabei auslassen, auch nicht das entlegenste, so wie jene einsame Villa, die er nur �ber diese lange, gewundene Auffahrt von mindestens tausend Metern erreicht. <br />
<br />
Einmal, nur wenige Wochen nach dem Zwischenfall mit den Zeitungen, hatte er sich einen Teil des Weges gespart, indem er in jeden Briefkasten einfach zwei oder gar drei der Werbebrosch�ren gesteckt hatte. So war er die gesamte Postwurfsendung schon auf halbem Weg losgeworden. Doch auch damals hatte es Beschwerden gehagelt. Manche Leute hatten ihrem �rger, dass ihre Briefk�sten &quot;mit solchem M�ll vollgestopft&quot; waren, mit erbosten Anrufen bei dem Werbetr�ger Luft gemacht. Daraufhin hatte er vom Chef seine zweite R�ge erhalten. &quot;Eigentlich m�sste ich dich feuern&quot;, hatte der Boss gew�tet, &quot;Faulpelz&quot; hatte er ihn geschimpft. Nur weil er sonst so zuverl�ssig und schnell arbeite, w�rde er &quot;diesmal, und das ist das letzte Mal&quot;, von einer Entlassung absehen. Nach dieser Sache hatte er sich nie wieder etwas zu Schulden kommen lassen.<br />
<br />
Er hatte gezittert und um seinen Job gebangt. Er wei� schlie�lich, wie gl�cklich er sich preisen kann, eine geregelte Arbeit zu haben. Auch wenn das Einkommen kaum f�r den Unterhalt seiner Familie reicht, liebt Alain seine Arbeit. Er hat es besser als die meisten seiner Nachbarn in Carrefour Feuilles, die arbeitslos den ganzen Tag beim Dominospiel vertr�deln. Er hat Arbeit, und diese Arbeit ist sauber. Er wird nicht t�glich von Ru� und Rauch eingeschw�rzt, wie die wenigen seiner Nachbarn, die wenigstens gelegentlich etwas Arbeit in der Herstellung von Holzkohle finden, aber noch weniger verdienen als er und zudem einen Teil ihrer geringen Eink�nfte auch noch an die Polizisten abgeben m�ssen, so dass diese den illegalen Holzeinschlag nicht melden. <br />
<br />
Alain ist auch stolz auf seine Arbeit. Vor drei Jahren hatte er den Job bekommen, weil er lesen und schreiben, somit die Adressen auf den Briefen lesen kann. Das hatte ihm vor vielen Jahren, als er noch unten beim Hafen in Cit� Soleil lebte, Pater Martens beigebracht, der belgische Priester, der sich dort um die Erziehung von Slumkindern k�mmerte. Inzwischen, so hat Alain neulich erfahren, ist Pater Martens gestorben. Er war es auch gewesen, der ihm zu der Anstellung verholfen hatte. Im Gro�en und Ganzen ist Alain mit sich und der Welt zufrieden.<br />
<br />
Er kennt alle Hausm�dchen oben in P�tionville, und sie helfen ihm. Immer geben sie ihm etwas Wasser zu trinken, aus durchsichtigen Plastikflaschen, in denen das Wasser wunderbar klar und blau aussieht, nicht so wie in Carrefour. Weil seine armselige H�tte dort - so wie alle H�tten in Carrefour - nicht an das Wasserversorgungsnetz angeschlossen ist, muss C�line jeden Tag das Wasser mit einem Eimer aus einem verschmutzten Brunnen holen. Es ist tr�be und von einer milchig gelblichen F�rbung. Oft stecken ihm die Hausbediensteten auch etwas zu essen zu, &quot;f�r die Kleinen&quot;, wie sie l�cheln, ein St�ck Brot, eine Orange, manchmal gar einen Knochen, an dem noch etwas Fleisch h�ngt. Wenngleich er immer Hunger versp�rt, bringt er diese Kostbarkeiten immer Julie mit, seinem kleinen Wirbelwind, wie er sie nennt, und Pierrot, dem Kleinen.  <br />
<br />
Mit einer dieser Hausangestellten trifft er sich regelm��ig. &quot;Ich bin �stelle, und wie hei�t du&quot;, hatte sie ihn vor zw�lf Monaten freundlich angelacht und ihm ein Glas Wasser gereicht. Sie war gerade aus Marche Juste gekommen, einem ziemlich unzug�nglichen Ort, etwa 140 Kilometer westlich von Port-au-Prince, zu dem nur ein schmaler Weg f�hrte. Von ihrem Dorf musste man zun�chst etwa zehn Kilometer �ber Wiesen und Felder und durch Plantagen gehen, um bei Virgile die Stra�e zu erreichen, die �ber Mirago�ne und Petit-Goave nach Port-au-Prince f�hrt. Seither fegt sie jeden Morgen um die Zeit, da er auf seiner Tour vorbeikommen muss, die asphaltierte Garagenauffahrt im Hof ihrer Herrschaften. Sie mag Alain, er gef�llt ihr, und dass er verheiratet ist, st�rt sie nicht im Geringsten. <br />
<br />
Auch Alain genie�t die junge Geliebte. Sie ist jung, j�nger als C�line, h�bsch, h�bscher als C�line, ihre Haut ist hell, heller als �blich, heller als C�lines Haut, und sie ist stets bester Laune. Sie gibt ihm mehr als einen Apfel, ein T�tchen Reis oder eine Handvoll Bohnen. Sie gibt ihm ihren K�rper, ihren wunderbaren, jungen, festen K�rper.<br />
<br />
C�line's K�rper hingegen beginnt bereits zu verwelken. Zudem ist sie immer damit besch�ftigt, emsig die H�tte sauber zu halten, unten am Fluss auf gro�en runden Steinen die W�sche zu waschen, dann in einem alten Plastikzuber, dessen Rot l�ngst einem blassen, schmutzigen Rosa gewichen ist, auf dem Kopf nach Hause zu tragen, und die Hemden, Hosen, R�cke, Slips und Unterhosen anschlie�end an langen Plastikleinen vor der H�tte aufzuh�ngen, energisch die Kinder zu artigem Benehmen anzuhalten oder stundenlang mit den Nachbarinnen zu palavern. Wenn er nach Hause kommt, stellt sie ihm meist wortlos etwas Reis hin, sofern die Kinder nicht schon alles gegessen haben, und wendet sich wieder ihrer Besch�ftigung zu. Alles ist zu Routine erstarrt, sogar der Beischlaf, den er fr�her dreimal und heute nur noch zweimal in der Woche mit ihr pflegt, und der ihren Bauch jedes Jahr erneut anschwellen l�sst. <br />
<br />
�stelle hingegen, ist einfallsreich, voll ausgelassener Phantasie, besonders wenn sie sich lieben. Wann immer er vorbeikommt auf seinem Weg - auch wenn er sich versp�tet hat -, wartet sie auf ihn, um ihm mit dem bezauberndsten L�cheln, das er je gesehen hat, Wasser zu reichen. Wenn die Herrschaften verreist, weit fort sind, in Amerika oder in Europa, in exotischen L�ndern, die er sich kaum vorstellen kann, kommt er nach Beendigung seiner Tour f�r eine oder zwei Stunden und manchmal sogar noch l�nger bei ihr vorbei. Dann zeigt sie ihm das Haus und erkl�rt ihm viele Dinge, Dinge, die gelegentlich in den Prospekten zu sehen sind, deren Bedeutung er aber bis dahin nicht gekannt hatte. So f�hrte sie ihm einmal ein Ger�t vor, das laut brummend den Staub und Schmutz vom Boden saugt und in einem Sack schluckt. Ein andermal sch�ttete sie Wasser und braunes Kaffeepulver in ein Ger�t, aus dem dann wohlriechender Kaffee floss. Eine gr��ere Maschine w�scht sogar das Geschirr, ohne dass sich �stelle die H�nde nass machen muss. Da steht eine Maschine, die W�sche w�scht, eine andere, die sie trocknet. Manchmal schaltet sie das Fernsehger�t ein oder spielt ihm sanfte Merengue Musik vor. Nicht im Radio, wie nebenan in Carrefour bei Max - der, seit sein linkes Bein vor Jahren im Hafen unter einer abst�rzenden Verladepalette zerquetscht worden war, zu nichts mehr taugt. Nein, er kann ihr einen Wunsch, einen Titel nennen, und dann legt sie kleine, silberne Scheiben in ein anderes dieser unbekannten Ger�te, und schon ert�nt die gew�nschte Musik. <br />
<br />
Am liebsten aber schaut er die B�cher an, die in langen Regalen an der Wand in exakten Reihen aufgestellt sind. �stelle muss sie jeden Tag abstauben und verlangt immer, dass er sich die H�nde w�scht, bevor er sich ein Buch herausgreift. Dann bl�ttert er durch die Seiten und liest �stelle vor, die ihm bewundernd lauscht. Viel hat er da schon gelernt. Dass auch Haiti Helden hatte. Toussaint Louverture, der an Freiheit, Gleichheit und Br�derlichkeit geglaubt hatte. Doch die Franzosen verrieten ihre Ideale und Toussaint und lie�en ihn in einem Gef�ngnis hoch in ihren Bergen erfrieren. Dessalines, der die Truppen des gro�en Generals Napoleon vernichtete, ihre Fahne zerriss und Haitis Unabh�ngigkeit erkl�rte. Er liest vom Aufbau und vom Niedergang gro�er Imperien, wo die Menschen schon vor tausend Jahren mehr wussten, als er jemals in der Lage sein wird, zu lernen. Er liest von Amerika und Russland, von Kontinenten und vom Universum, von unverst�ndlichen Wissenschaften, die den Fortschritt der Menschheit garantieren, und vom Elend in Afrika. Alain k�nnte immerfort lesen, so spannend erscheinen ihm all die phantastischen Ereignisse und Dinge, die in diesen B�chern geschildert sind. Er kennt das Wort nicht, in anderen Gesellschaftskreisen aber w�rde er wohl als B�cherwurm bel�chelt.  <br />
<br />
Wenn zwar nicht Alain aber �stelle genug von dieser Art Fortbildung hat, dann zieht sie ihn mit ihrem unwiderstehlich verf�hrerischen L�cheln in ihre winzige Kammer, die so sauber ist, dass ihn jedesmal eine gewisse Scheu �berkommt, sie zu betreten. Doch lachend wischt �stelle mit einem Hinweis auf die Waschmaschine all seine Bedenken beiseite, dr�ngt ihn auf die schmale Matratze, die den ganzen Raum auszuf�llen scheint, fl�stert ihm sch�ne Worte ins Ohr, f�hrt seine H�nde an ihre runden, festen Br�ste, bedeckt sein Gesicht mit warmen, feuchten K�ssen und dr�ngt ihren sch�nen, grazilen K�rper an ihn, so dass er die B�cher schnell vergisst.<br />
<br />
Wenn die Herrschaften wieder zur�ck seien, so waren sie an einem dieser Nachmittage �bereingekommen, wollten sie sich an �stelles freiem Abend treffen. Seither sehen sie sich jeden Donnerstag nach Einbruch der Dunkelheit gleich hinter P�tionville in dem Wald an der Route de Delmas nach Kenscoff. Zumeist bleibt er dort dann die ganze Nacht, auch wenn sie l�ngst in ihr kleines K�mmerchen zur�ckgekehrt ist. Dann liegt er da auf seiner kleinen Lichtung, die ihr Liebesbett geworden ist, einen Grashalm zwischen den Z�hnen, immer noch von �stelle's wunderbarem Duft umf�chelt, tr�ge und vertr�umt in die Sterne starrend, bis er zufrieden einschl�ft. C�line fragt nie, wo er die Nacht verbracht habe. Sie fragt ihn nie etwas. Sie wei� ohnehin, dass ihr Mann eine Geliebte hat, alle wissen es. Klatsch verbreitet auch die bestgeh�teten Geheimnisse.<br />
<br />
* * *<br />
<br />
Hinter seinem gro�en, schweren Schreibtisch aus dunklem Mahagoniholz in seinem hellen, lichtdurchfluteten, klimatisierten Arbeitszimmer in dem wei�en Nationalpalast mit dem gepflegten Rasen davor, den hohen Fahnenmasten und den alten gusseisernen Kanonen aus Dessalines� Zeiten verfolgt Jean-Claude &quot;Baby Doc&quot; Duvalier enthusiastisch die olympischen Ausscheidungsk�mpfe der amerikanischen Leichtathleten im Fernsehen. Er ist beeindruckt von den Zahlen. &quot;Weltrekord, neuer Weltrekord&quot;, kommentiert ein Reporter begeistert die Zeit der 100-Meter-Sprintstaffel.<br />
<br />
Baby Doc dr�ckt auf eine Taste an der Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch, die ihn mit dem Vorzimmer verbindet. &quot;Ich w�nsche, dass wir auch eine Mannschaft zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles schicken&quot;, ruft er in die Sprechanlage. &quot;Rufen Sie den Sportminister.&quot;<br />
<br />
Auf ein zaghaftes Klopfen an der T�r, dr�ckt Baby Doc einen verborgenen Knopf, der unter der Schreibtischplatte angebracht ist. Ger�uschlos schwingt die T�r auf, in unterw�rfig gebeugter Haltung tritt ein Beamter ein, h�stelt verlegen.<br />
<br />
&quot;Wann kommt der Sportminister&quot;, fragt Baby Doc, ohne den Blick von der Mattscheibe abzuwenden.<br />
<br />
&quot;Ja, �h, hm, also, das ist so, �h, also wir haben keinen Sportminister&quot;, ringt sich der Beamte endlich zu der gef�hrlichen Aussage durch.<br />
<br />
&quot;Wir haben keinen  Sportminister&quot;, zieht Baby Doc die Augenbrauen hoch. &quot;Dann muss ich sofort einen berufen.&quot; Er versinkt in Nachdenken, trommelt mit einem goldenen Kugelschreiber auf die Tischplatte. &quot;Wir haben doch einen hervorragenden Tennisspieler, wie hei�t er noch?&quot;<br />
<br />
&quot;Ronald Aginor&quot;, erwidert der Beamte, &quot;er z�hlt zu den besten Tennisspielern der Welt.&quot;<br />
<br />
&quot;Er hat also gute Aussichten, eine Medaille zu gewinnen&quot;, stellt Baby Doc zufrieden fest. &quot;Rufen Sie sofort den Vorsitzenden des Tennisclubs in P�tionville an. &quot;Ach ja&quot;, ruft er dem Beamten nach, der sich schon zur T�r wendet, &quot;rufen Sie auch den Arbeitsminister. Der m�sste doch auch noch von ein paar Talenten wissen. Also gehen Sie schon, machen Sie sich an die Arbeit.&quot;<br />
<br />
Sp�ter, am Nachmittag, geht eine Pressemitteilung �ber die Ernennung des neuen Sportministers an die Zeitungen und Rundfunkstationen, verbunden mit einem Aufruf &quot;an alle Sportler des Landes&quot;, sich auf die olympischen Spiele vorzubereiten. Gemeinsam mit dem Arbeitsminister �berdenkt der gerade ernannte Sportminister das Problem, talentierte Sportler zu finden. &quot;Wir m�ssen den Bildungsminister heranziehen&quot;, meint er, &quot;der m�sste doch wissen, an welchen Universit�ten in Amerika oder auch in Frankreich Landsleute von uns studieren. An den amerikanischen Universit�ten treiben sie viel Sport, vielleicht findet sich dort jemand, der den Qualifikationsbedingungen gen�gt.&quot;<br />
<br />
&quot;Ich werde mal unter meinen Beamten Umschau halten lassen&quot;, erwidert der Arbeitsminister. &quot;Wir k�nnen ja nicht nur Baseball-B�lle herstellen. Da m�ssten doch auch ein paar gute Spieler sein.&quot;<br />
<br />
&quot;Baseball ist keine olympische Disziplin&quot;, wendet der Sportminister ein. &quot;Vielleicht aber finden wir unter den Bauarbeitern einige starke M�nner, die f�rs Ringen oder Gewichtheben infrage k�men.&quot; Den ganzen Nachmittag telefonieren sie mit s�mtlichen Beh�rden, rufen bei den gro�en Unternehmen an.<br />
<br />
* * *<br />
<br />
Von Politik versteht Alain nichts, er h�lt sich raus aus der Politik. Er wei�, das bringt nur Scherereien, manchmal mehr. So wie bei Georges, seinem Nachbarn, der sich mit seiner Kirchent�tigkeit schon einmal verd�chtig gemacht hatte. Es sei nicht Gottes Wille, dass es ihnen so schlecht gehe, hatte er erz�hlt, die Aufgabe der Regierenden sei, das Volk aus seiner Unwissenheit und seinem Elend zu f�hren und nicht, gro�e Feste mit Feuerwerk, teuren Weinen und sch�nen Frauen zu begehen, die mehr kosteten, als alle in Carrefour Feuilles jemals verdienten. Ein Feuerwerk sei doch etwas Sch�nes, hatte Jean-Baptiste, sein Schwager, damals eingewandt. Davon werde niemand satt. Anstatt das viele Geld zu verfeuern, sollte die Regierung Schulen bauen, hatte sich Georges erregt. Am andern Tag waren die Tontons Macoutes gekommen, gro�e M�nner, die mit ihren dunklen Sonnenbrillen aussehen wie Zombies und in allen Stra�en und Orten des Landes gef�rchtet werden.<br />
<br />
Sie hatten Georges abgeholt. Jeder in Carrefour hatte gewusst, dass es mit Georges einmal so enden w�rde. Aber nach vier Tagen war er zur�ckgekommen. Ein Bekannter hatte ihn im Geb�sch an der Ausfallstra�e nach Gonaive gefunden und nach Hause gebracht. Sein Gesicht war von vielen Schl�gen ganz geschwollen, sein R�cken mit aufgeplatzten Striemen �bers�t, ein Arm gebrochen gewesen, der nie wieder gerade zusammenwuchs. Das Hemd war blutverschmiert. Tagelang hatte sich Georges in seiner H�tte verkrochen, lie� sich nicht blicken. &quot;Er zittert immer&quot;, berichtete Myl�ne, seine Frau. &quot;Er darf nicht mehr sprechen, sonst schneiden sie ihm die Zunge heraus.&quot; Georges selbst erz�hlte nie, was ihm bei den Tontons Macoutes widerfahren war und schleppte nur noch wortlos seinen zweir�drigen Karren durch die Stra�en, beladen mit Holzkohle, mit Baumaterialien oder Abf�llen.<br />
<br />
Wie so oft ist auch an diesem Tag wieder einmal kaum Essen im Haus. C�line hat das sp�rliche Mahl auf vier ausgefranste Plastikteller verteilt. Es ist zu wenig, darum isst sie heute nichts. Nachdenklich die Stirn runzelnd betrachtet Alain die Handvoll Reis, die heute nur mit etwas Salz gew�rzt ist. Auch Alain verteilt seinen Anteil an die Kinder. &quot;Sie brauchen es mehr als ich&quot;, sch�ttelt er den Kopf. &quot;Ich werde unterwegs ein paar Mangos pfl�cken. Vielleicht finde ich ja bei den Reichen etwas zu essen. Sie werfen oft noch gutes Essen weg.&quot; Er steht auf, um sich auf den Weg zu machen.<br />
<br />
Pl�tzlich erstarrt Alain vor Schreck, als ein gro�er Chevrolet &quot;Cherokee Chief&quot; Gel�ndewagen mit dunkel get�nten Scheiben vor seiner H�tte h�lt, dem vier M�nner entsteigen. Die beiden ersten tragen sehr elegante wei�e Anz�ge; einer davon ist sein Chef, stellt er erstaunt fest, der ihn schon zweimal ger�gt hat, weil er die Zeitungen nicht p�nktlich geliefert oder Prospekte nicht korrekt verteilt hatte.  Aber das ist schon zwei Jahre her, seither hat er seine Arbeit immer ganz korrekt durchgef�hrt. Die zwei anderen Passagiere tragen beigefarbene Uniformen mit langen Ordensreihen an der Brust, mit breiten, goldgewirkten Laubkr�nzen geschm�ckte Schirmm�tzen und dunkle Sonnenbrillen, in deren Spiegelglas Alain sich seltsam verzerrt sehen kann. Er muss sofort an Georges denken. Wird nun auch ihm so etwas zusto�en? Man musste in Haiti nicht unbedingt gegen das Gesetz versto�en haben, um von den Sicherheitskr�ften abgeholt zu werden. Alain kannte einige aus der Nachbarschaft, die einfach eines Tages abgeholt worden und nie wieder aufgetaucht waren. Andere waren pl�tzlich spurlos verschwunden - und niemand wusste, warum, oder was mit ihnen geschehen war.<br />
<br />
&quot;Was wollen Sie? Ich habe nichts Falsches getan&quot;, stammelt Alain mit zitternder Stimme, als die beiden Herren in ihren Ma�anz�gen auf ihn zutreten. Er traut sich kaum, sie anzusehen. Die beiden Uniformierten beobachten ihn gelangweilt an den Wagen gelehnt.<br />
<br />
&quot;Nein, nein, das wissen wir&quot;, legt der Chef l�chelnd und beinahe vertraulich die Hand auf seine Schulter. &quot;Nein, wir sind gekommen, aus dir einen Sportler zu machen. Du kannst doch gut laufen, oder?&quot;<br />
<br />
Verwirrt schaut Alain zu Boden. So hat ihn der Chef noch nie angesprochen. Sonst l�sst er ihn ja nur kommen, wenn er etwas falsch gemacht hat. &quot;Na ja, ich trage eben die Briefe aus, oben in P�tionville&quot;, murmelt Alain unsicher.<br />
<br />
&quot;Eben, und da hast du ja eine Menge Training&quot;, l�chelt ihn der Chef an. Alain versteht nicht, er wei� nicht, was Training ist. &quot;Dieser Herr ist vom Ministerium, er ist verantwortlich f�r die sportliche Bildung an den Schulen, und f�r den Sport insgesamt. Er m�chte sich mit dir unterhalten.&quot;<br />
<br />
&quot;Also, wir m�chten, dass du Marathon trainierst. In einem Jahr ist Olympiade, und da wollen wir ein Team nach Los Angeles schicken, verstehst du? F�r die Zeit des Trainings wirst du von der Arbeit freigestellt&quot;, erkl�rt jener, den der Chef als Minister oder eine andere wichtige Pers�nlichkeit vorgestellt hat.<br />
<br />
Alain blinzelt ratlos in die Sonne. &quot;Was ist das, 'Los Angeles'&quot;, fragt er. <br />
<br />
&quot;Das ist eine gro�e Stadt in Amerika&quot;, lacht der Mann. &quot;Dort finden die n�chsten olympischen Spiele statt, dort werden sich die besten Sportler der Welt treffen. Und wenn du gut trainierst, werden wir dich auch dorthin schicken.&quot; Alain wird beinahe schwindelig. Er versteht immer weniger. Er ist kein Sportler. Er hat noch nie Sport getrieben. &quot;Du bekommst auch Schuhe&quot;, erg�nzt der Ministeriale mit einem Blick auf Alain's nackte F��e. &quot;Turnschuhe, die sind ganz weich und erleichtern das Laufen erheblich. Wir erwarten dich morgen fr�h auf dem Sportplatz an der Rue Lambert, in P�tionville, acht Uhr, oder&quot;, er blickt auf die Uhr, &quot;nein, besser, gegen neun Uhr. Dort erf�hrst du alles Weitere&quot;, wendet er sich zum Gehen. <br />
<br />
&quot;Ich komme auch dorthin&quot;, klopft ihm sein Chef jovial auf die Schulter. &quot;M�chte doch dabei sein, wenn mein bester Brieftr�ger ber�hmt wird.&quot; <br />
<br />
Nachdenklich schaut Alain den Abfahrenden nach. Er w�rde jetzt gerne in den B�chern bei �stelle nachschauen, was Training ist, was Marathon, wo Los Angeles liegt. Er muss noch viel lesen, denkt er. Die B�cher fehlten ihm in den letzten Wochen. Lesen beruhigt ihn ungemein. Vielleicht k�nnten die B�cher jetzt seine Unruhe beseitigen. Auch ein Gespr�ch mit �stelle w�rde ihm jetzt helfen. Er muss unbedingt zu �stelle. Morgen, ja, gleich morgen fr�h. Aber nein, das geht ja nicht. Er soll ja schon um neun Uhr auf dem Sportplatz erscheinen. Vielleicht, dass er vorher noch schnell nachschaut, ob sie schon die Hofeinfahrt fegt. Bedr�ckt geht er schlie�lich zur�ck zu seiner Frau. &quot;Ich bin der beste Brieftr�ger, hat der Boss gesagt.&quot; Seine Frau blickt nicht einmal auf, sie s�ubert gerade den Kleinen mit einer alten Zeitung. &quot;Ich bin ber�hmt.&quot;<br />
<br />
Nun schaut sie doch auf. &quot;Ber�hmt? Was soll das hei�en?&quot;<br />
<br />
&quot;Das hat er gesagt, der Boss. Und Schuhe wollen sie mir geben.&quot;<br />
<br />
&quot;Und was sollst du daf�r tun?&quot;<br />
<br />
&quot;Das wei� ich nicht. Ich muss auf den Sportplatz kommen.&quot;<br />
<br />
&quot;Baseball spielen? Du hast doch noch nie Baseball gespielt. Und deine Arbeit? Wir brauchen das Geld.&quot;<br />
<br />
&quot;Nein nicht Baseball spielen, laufen. Ja, laufen, haben sie gesagt&quot;, murmelt Alain nachdenklich. Aber C�line hat recht. Er kann nicht einfach seine Arbeit im Stich lassen. Er muss dar�ber mit seinem Chef reden. <br />
<br />
Anderntags steht Alain fr�h auf. Er will noch sehen, ob er �stelle treffen kann. Doch sie ist nicht im Hof,  und klingeln? Das wagt er sich nicht, die Herrschaften k�nnten Ansto� daran nehmen. Also geht er p�nktlich wie verabredet zum Sportplatz. Aber niemand ist da. Die M�nner haben sich versp�tet. Endlich gegen halb elf kommen sie vorgefahren. Diesmal sind die Soldaten nicht mitgekommen, daf�r ist ein anderer Mann dabei, den er noch nie gesehen hat, �lter, nicht so elegant gekleidet wie der Chef und der Mann vom Ministerium, eher nachl�ssig, so wie die Jungen in der Nachbarschaft in Carrefour; er tr�gt nur eine rote Bluse �ber einem T-Shirt mit dem Aufdruck &quot;L'�quipe Olympique d' Haiti&quot; und f�nf bunten Ringen. Die Hose schlabbert um seine Beine, stellt Alain fest. <br />
<br />
Er geht zu seinem Chef: &quot;Boss, wer tr�gt jetzt die Briefe aus&quot;, fragt er verlegen. &quot;Ich kann meine Arbeit nicht verlieren&quot;, sprudelt es pl�tzlich aufgeregt aus ihm heraus. &quot;Die Kinder, sie haben sonst nichts zu essen. Und die Kleine, sie kann zwar nicht zur Schule, weil es f�r die Schuluniform nicht reicht, aber ich bringe ihr jeden Nachmittag lesen und schreiben bei, so dass sie etwas lernt.&quot; Erschrocken h�lt er inne. So lange hat er das Wort noch nie unaufgefordert an den Boss gerichtet. Er hat ihm noch nie von seinen famili�ren Sorgen erz�hlt. Wom�glich f�hlt sich der Boss nun bel�stigt. Er hat das fr�her schon gelegentlich beobachtet. Immer wieder hatten Kollegen gewagt, dem Boss von ihren Problemen zu erz�hlen, wie schwierig es sei, die Familie zu ern�hren. Um Gehaltsaufbesserung hatten sie gebettelt, oder um einen Vorschuss, weil sie schon nach zwei Wochen kein Geld mehr hatten. Und jedesmal war der Boss w�tend geworden, hatte sie angebr�llt, das sei nicht sein Problem, wenn sie zu viel herum fickten und bei jeder Fotze B�lger ansetzten, jawohl so hatte sich der Boss ausgedr�ckt. Und dann hatte er sie gefeuert. Es g�be genug, die bereit seien, f�r noch viel weniger zu arbeiten, hatte er gesagt. Ja, da konnte man nichts machen, wusste Alain. Georges hatte zwar einmal, fr�her, bevor sie ihn zum Schweigen gebracht hatten, davon gesprochen, dass man sich organisieren m�sse. Das t�ten die Arbeiter in allen L�ndern, auch die Brieftr�ger. Aber jeder wusste, dass so etwas in Haiti verboten und sehr gef�hrlich war.<br />
<br />
&quot;Na, darum mach dir mal keine Sorgen&quot;, klopft ihm der Chef gutm�tig auf die Schulter. &quot;Das regeln wir schon. Wenn du gut trainierst und gewinnst, dann brauchst du dir wohl nie mehr Sorgen zu machen. Dann bekommst du auch ein neues Haus, mit flie�end Wasser und Strom, und einen Orden vom Pr�sidenten.&quot; Alain ist noch verwirrter. Ein neues Haus, ein Orden? Er versteht nicht, warum.<br />
<br />
&quot;Kann er mal laufen&quot;, unterbricht der �ltere in den Jogginghosen. &quot;Lauf doch mal bis Kenscoff und zur�ck, so schnell du kannst, okay?&quot;<br />
<br />
&quot;Kenscoff&quot;, staunt Alain. Soll er nach Kenscoff versetzt werden? <br />
<br />
&quot;Ja, Kenscoff, das ist doch nicht so weit, f�nfzehn Kilometer hin und f�nfzehn Kilometer zur�ck. Das l�ufst du doch jeden Tag.&quot;<br />
<br />
&quot;Sie wollen sehen, wie schnell du laufen kannst&quot;, erkl�rt ihm sein Chef. &quot;Also, beeil dich. Versuch, so schnell zu laufen wie du kannst.&quot; Mit einem Klaps schickt er ihn los, w�hrend der �ltere in der nachl�ssigen Kleidung einen kurzen Blick auf eine Stoppuhr wirft.<br />
<br />
Sich noch einmal unsicher umblickend l�uft Alain z�gerlich los. &quot;Schnell, lauf so schnell du kannst&quot;, ruft ihm der Boss noch einmal nach, &quot;bis Kenscoff und dann zur�ck.&quot;<br />
<br />
Noch einmal kehrt Alain um und fragt: &quot;Wohin soll ich laufen in Kenscoff?&quot;<br />
<br />
Fragend schaut sein Chef auf den �lteren, der aber nur gelangweilt mit den Achseln zuckt. &quot;Also, bis zum Ortseingang&quot;, ordnet sein Chef an, &quot;dann zur�ck. Nun aber los.&quot; Mit einem Blick auf seine goldene Armbanduhr f�gt er leise hinzu, so dass Alain, der schon gestartet ist, nichts h�ren kann: &quot;Hoffentlich beeilt er sich. Ich habe keine Lust, hier stundenlang in der Hitze herumzustehen.&quot;<br />
<br />
&quot;Na, ein kleines Opfer m�ssen Sie schon bringen&quot;, lacht der Ministeriale, der sich mit dem Zeigefinger unwohl zwischen Hemdkragen und Hals f�hrt, &quot;f�r den olympischen Ruhm, meinen Sie nicht?&quot; Mit einem missbilligenden Blick wendet sich der �ltere ab, setzt sich unter den Sonnenschirm an einen Tisch des Vereinslokals und legt die Stoppuhr vor sich. Er h�lt die ganze Angelegenheit f�r Unsinn, den Unsinn eines infantilen und brutalen Diktators, die neueste Spielerei eines dummen, verzogenen und gelangweilten Wichtigtuers. Selbst fett und unbeweglich, und dann von olympischen Ehren tr�umen. Er w�rde den beiden Schleimern und auch dem Idioten im Nationalpalast gerne einmal die Meinung geigen, aber das ist zu gef�hrlich, k�nnte t�dlich sein. Das einzige, was ihm zu tun bleibt, ist, den jungen Brieftr�ger vor allzu gro�em Schaden zu bewahren. Am besten, er sagte ihnen gleich, dass er nicht den Hauch einer Chance haben wird, dass er zwar ein guter Brieftr�ger sein mag, dass dies jedoch noch lange keinen Marathonl�ufer aus ihm mache. Dann ist die Sache abgehakt und vorbei. Sollen die beiden doch sehen, wo sie ihre Olympiasieger her bekommen! <br />
<br />
Was ihn dazu bef�higen soll, ein Marathontraining zu leiten, bleibt ihm unklar. Als einzige Qualifikation - wenn man es denn so nennen kann - w�re vielleicht seine einstige Mitarbeit bei einer internationalen Hilfsorganisation anzuf�hren. Damals hatte er in Ausbildungsprogrammen Kinder und Heranwachsende aus den Elendsvierteln in Schulen und Werkst�tten unterrichtet. Um eine Art spielerischen Ausgleich zu schaffen, hatte er dreimal w�chentlich mit den Jugendlichen etwas Sport getrieben, Baseball, Fu�ball, Basketball hatten sie gespielt, sich einige Male  wohl auch etwas in Leichtathletik versucht. Mehr nicht.<br />
<br />
* * *<br />
<br />
Alain l�uft und l�uft, er l�uft, so schnell er kann die Route de Delmas hinauf. Er schwitzt und keucht, schlie�lich geht es bergauf. Er begreift den Sinn dieser Lauferei nicht. Es w�re ihm nie eingefallen, ohne seine gef�llte Posttasche zu laufen. Aber eigentlich kann ihm das ja gleich sein. Wenn sie ihm daf�r sogar ein neues Haus geben wollen, dann l�uft er eben auch, ohne Post auszutragen. Er h�tte sein Hemd vorher ausziehen sollen, denkt er. Es klebt schon am ganzen K�rper, von seinem Kinn l�uft unaufh�rlich der Schwei�, seine Haare sind nass. Aber unverdrossen l�uft Alain. Er will schlie�lich keinen �rger mit dem Boss und den anderen wichtigen Leuten. Nein, er will ein neues Haus. Es w�re sch�n, auch f�r C�line und die Kinder. C�line m�sste nicht mehr jeden Tag zweimal das brackige Wasser vom Brunnen holen. Dann h�tten sie auch einen Wasserhahn, den man nur aufdrehen m�sste, und schon liefe das Wasser k�hl und sauber heraus - wie in den H�usern in P�tionville. Vielleicht wollen sie ihm ja dort ein Haus geben, dann m�sste er nicht immer schon in den fr�hen Morgenstunden, wenn es noch dunkel ist, die zehn Kilometer aus Carrefour Feuilles zur Poststation nach P�tionville, um dort seine Arbeit anzutreten. Nicht einmal die &quot;tap-taps&quot; konnte er benutzen, sie fuhren zu dieser fr�hen Stunde noch gar nicht. In P�tionville aber m�sste er nur �ber die Stra�e gehen, h�chstens eine oder zwei Stra�en weiter. Dann k�nnte er morgens gut eine Stunde l�nger schlafen. Und �stelle, vielleicht k�nnte er �stelle dann h�ufiger sehen. Schon die Gedanken, das herrliche Leben, das er sich in dem neuen Haus ausmalt, beschleunigen Alain's Schritte. Er l�uft im Schatten der B�ume entlang der Allee, die nach Kenscoff f�hrt. Dennoch keucht er, schwitzt er, aber er f�hlt es nicht, er f�hlt keine Anstrengung, die Steigung nimmt er �berhaupt nicht wahr, seine F��e bewegen sich beinahe von alleine, monoton, wie eine gut ge�lte Maschine.<br />
<br />
Die Menschen, die ihm gem�chlich die Stra�e herunter entgegenkommen, bleiben stehen, schauen ihm verwundert nach. Sie kennen ihn, sehen ihn jeden Tag in P�tionville die Post austragen. Sie wissen, dass er immer hastig, schnell von Haust�r zu Haust�r eilt, von Briefkasten zu Briefkasten. Dass er es aber so eilig hat, das haben sie noch nie gesehen. Heute muss er ganz sicher einen �u�erst wichtigen Brief zu einer h�chst bedeutenden Pers�nlichkeit bringen. Na, hoffentlich bekommt er daf�r eine Extra-Belohnung, l�cheln zwei Frauen mitleidig, die kunstfertig zwei K�rbe voller Mangos auf ihren K�pfen balancieren. Gelegentlich schlie�en sich ihm ein paar Kinder an, laufen neben ihm her, schauen bewundernd zu ihm auf, fragen, warum er es so eilig habe, necken ihn, ob �stelle schon auf ihn warte. Doch nach ein paar Dutzend Metern geben sie auf, halten an, wenden sich wieder ihren Spielen zu und lassen ihn alleine weiter laufen. <br />
<br />
Er erreicht Kenscoff. Unschl�ssig bleibt er kurz stehen. Soll er hier umkehren? Bis zum Ortseingang, haben sie gesagt. Das ist hier. Also muss er jetzt umkehren. Interessiert betrachten ihn ein paar Jugendliche, die arbeitslos und gelangweilt am Stra�enrand herumh�ngen. Als er sich umwendet, um zur�ckzulaufen, springt einer der Halbstarken in einem blauen Hemd und einem zerbeulten Hut auf und mimt unter dem Gel�chter seiner Kameraden den L�ufer. Alain k�mmert sich nicht darum. Nun geht es abw�rts, hinunter, bergab. Das ist leichter. Er n�hert sich dem Sportplatz, biegt in die Einfahrt ein, durchl�uft das Tor, �berquert die Aschenbahn und l�uft quer �ber den ausgetrockneten Rasen, den zahlreiche erdig, sandige Flecken wie braune Narben verunstalten, auf die Gruppe der M�nner zu.<br />
<br />
&quot;Nicht �ber den Rasen&quot;, ruft ihm der Boss schon von weitem zu, &quot;du musst auf der Aschenbahn laufen.&quot; Der Ministeriale tritt einen Schritt zur�ck, so als f�rchte er, Alain's Schwei� k�nnte auf seinen wei�en Anzug spritzen.<br />
<br />
Nur der �ltere sagt nichts, schaut auf seine Stoppuhr, dann auf Alain und wieder zur�ck auf die Stoppuhr. Erstaunt zieht er die Augenbrauen hoch. Die Zeit ist weit besser, als er je erwartet h�tte. &quot;Eine Stunde, 51 Minuten&quot;, murmelt er schlie�lich und wendet sich an Alain: &quot;Das war sehr gut, einseinundf�nfzig.&quot; Pl�tzlich packt ihn ein seltsamer Ehrgeiz. Jawohl, er wird aus diesem jungen Brieftr�ger einen Marathonl�ufer machen. &quot;Also gut&quot;, wendet er sich endlich seinen beiden Begleitern zu, &quot;wann soll ich anfangen?&quot;<br />
<br />
&quot;Sie k�nnen sofort beginnen&quot;, sagt Alain's Chef, &quot;ich brauche ihn nicht. Solange er trainiert, ist er vom t�glichen Dienst freigestellt. Soviel kann die Post ja zur Ehre des Landes beitragen.&quot;<br />
<br />
&quot;Okay, dann k�nnen Sie jetzt gehen&quot;, wendet sich der �ltere gru�los ab. &quot;Nein, du bleibst hier&quot;, tritt er an Alain heran und reicht ihm die Hand. &quot;Marcel Beauvoir&quot;, stellt er sich vor. &quot;Nenn mich einfach Marcel. Komm', setz dich. Wir haben viel zu besprechen.&quot;<br />
<br />
&quot;Also, du tust alles, was dir Monsieur Beauvoir befiehlt, verstanden&quot;, ordnet Alain's Chef an, ehe er sich zum Gehen wendet, &quot;er ist w�hrend der n�chsten Monate dein Boss. Streng dich also an. Wie gesagt, es wird sich auch f�r dich lohnen, denk an das neue Haus.&quot; Endlich gehen die beiden.<br />
<br />
Marcels freundlicher Ton beruhigt Alain, doch immer noch f�hlt er diese Unsicherheit, so als entgleite ihm gerade sein Leben, seine Ordnung. Er sehnt sich nach C�line, nach den Kindern, nach seiner geregelten Arbeit, nach �stelle. Wird er sie auch weiterhin treffen k�nnen? Wenn er nicht mehr jeden Morgen an ihrem Haus vorbeigeht. Er muss unbedingt mit ihr reden, so bald wie m�glich. <br />
<br />
&quot;Also, nun will ich dir mal erkl�ren, worum es eigentlich geht&quot;, unterbricht Marcel seine Gedanken. &quot;Du bist tats�chlich ein guter L�ufer, ein Naturtalent. Ich werde dich vorbereiten, trainieren, dass du noch schneller wirst. Dann wirst du jeden schlagen k�nnen. Du musst nur an dich glauben, an deine St�rke glauben, du darfst dich nicht vom Auftreten der Andern einsch�chtern lassen. Du wirst sehen, dass sie reicher sind, die Andern werden nicht nur einen Trainer haben, sie werden auch einen Arzt, einen Masseur, einen Manager mitbringen. Sie werden dir so wichtig erscheinen, wie dein Chef. Aber sie sind nicht besser als du. Das darfst du nie vergessen. Ich werde bei dir all diese Funktionen �bernehmen, ich werde dich trainieren, massieren, werde dein k�rperliches Befinden beobachten. Du musst nur immer meinen Anweisungen folgen, dann wirst du besser sein, als all die Andern. Los sag' es!&quot;<br />
<br />
&quot;Was? Was soll ich sagen&quot;, fragt Alain ratlos.<br />
<br />
&quot;Dass du besser bist, sag: Ich bin besser als die Andern. Ich kann sie schlagen.&quot;<br />
<br />
Z�gernd wiederholt Alain die Worte: &quot;Ich bin besser als die Andern, ich kann sie schlagen.&quot;<br />
<br />
&quot;Lauter! Du musst �berzeugt davon sein.&quot;<br />
<br />
Laut sagt Alain noch einmal: &quot;Ich bin besser als die Andern, ich kann sie schlagen.&quot; Es ist ihm peinlich. Er wei� nicht, wozu das gut sein soll. Wird er darum schneller laufen k�nnen?<br />
<br />
&quot;Na ja, schon besser&quot;, nickt ihm Marcel aufmunternd zu. &quot;Das wirst du jeden Morgen vor Beginn des Trainings zu mir sagen, okay?&quot;<br />
<br />
Alain nickt. &quot;Und wenn ich fertig bin, ich meine mit dem Training? Was mache ich dann?&quot;<br />
<br />
&quot;Wie, wenn du fertig bist&quot;, wundert sich nun Marcel. &quot;Dann gehst du nach Hause, wie sonst auch, wenn du fertig bist mit deiner Arbeit.&quot;<br />
<br />
&quot;Nein, nein&quot;, sch�ttelt Alain den Kopf, &quot;wenn ich bei den Wettbewerben fertig bin. Was soll ich dann machen?&quot;<br />
<br />
Marcel l�chelt. Er mag diesen netten, unschuldigen, bescheidenen, jungen Brieftr�ger. Er muss ihm mehr Selbstbewusstsein beibringen. &quot;Nun, das h�ngt von deinem Abschneiden ab. Wenn du gewinnst, wirst du wohl eine gute Arbeit im Ministerium bekommen. Vielleicht wirst du dann an weiteren Rennen teilnehmen. Und wenn du nicht siegst, na, dann gehst du eben wieder zur�ck in deinen alten Job. Gef�llt er dir?&quot;<br />
<br />
&quot;Wer? Was&quot;, fragt Alain verwirrt.<br />
<br />
&quot;Na, dein Job als Brieftr�ger.&quot;<br />
<br />
&quot;Ja, oh ja&quot;, strahlt Alain. &quot;Ich bin dankbar, dass ich diese Arbeit habe.&quot;<br />
<br />
&quot;Das ist auch gut so. Bleib auch weiterhin auf dem Boden der Tatsachen&quot;, legt ihm Marcel die Hand auf die Schulter. &quot;Ich werde dir jetzt erst mal alles erkl�ren. Morgen fangen wir dann an, okay?&quot; Und dann erz�hlt ihm Marcel von den Griechen, den olympischen Spielen, dass diese alle vier Jahre ausgetragen werden, dass daran die besten Sportler teilnehmen, in allen Disziplinen, Boxen, Reiten, Schwimmen, Fechten, Rudern, Werfen und Laufen. Sportler aus allen L�ndern werden dabei sein, aus Amerika, aus Russland, aus China, Frankreich, Brasilien, Mexiko, und eben auch aus Haiti. Weil Haiti ein so armes Land sei, k�nne es nur eine kleine Mannschaft schicken. Vier Teilnehmer seien ausgesucht, und er, Alain, sei einer davon. Er solle den Marathon laufen. Alain staunt, ganz seltsam wird ihm zumute, alles scheint sich zu drehen. Nie h�tte er sich tr�umen lassen, einmal zu den besten Sportlern der Welt gez�hlt zu werden und bei olympischen Spielen teilzunehmen. Das musste er unbedingt �stelle berichten. Und mit C�line besprechen.<br />
<br />
&quot;Weil es so hei� ist, werden wir besser schon sehr fr�h morgens mit dem t�glichen Training beginnen&quot;, f�hrt Marcel in seinen Ausf�hrungen fort. &quot;�ber Mittag machen wir eine Pause, um dann vielleicht noch am sp�ten Nachmittag ein paar �bungen zu machen.&quot;<br />
<br />
Zuhause sch�ttelt C�line nur verwundert den Kopf, als er ihr von seiner neuen Arbeit erz�hlt, von Marcel, der als Chef viel netter sei, von dem Haus, das er nach Abschluss der Arbeit bekommen soll, ein Haus mit einem Wasserhahn, aus dem reines, sauberes Wasser sprudele. Sie, C�line, m�sse die W�sche dann nicht mehr am Fluss waschen; und die Kinder w�rden ein eigenes Zimmer haben, was ja auch besser sei, vor allem, wenn sie �lter w�rden, dann k�nnten sie nachts nicht r�ber schielen, wenn er sie liebte. Was nur war mit Alain los, dachte C�line. Er war so ver�ndert, redete nur noch von dem neuen Haus, dass er nach Amerika gehen werde. &quot;Nur f�r zwei Wochen&quot;, hatte er gesagt, und dann bekomme er das neue Haus. So ein Unsinn!<br />
<br />
Am n�chsten Tag wartet Alain schon vor sechs Uhr auf dem Sportplatz. Wenige Minuten sp�ter erscheint auch Marcel. Er kommt mit dem Fahrrad, steigt ab, legt das Rad auf den Rasen, stellt ein paar Flaschen Wasser, die er mitgebracht hat, in den Schatten und geht, Alain zu begr��en. &quot;Guten Morgen, bist du bereit?&quot; Alain nickt. &quot;Gut, dann fangen wir doch gleich an. Am besten, du l�ufst erst mal zwei, drei Runden auf der Aschenbahn, und dann l�ufst du sechs, sieben Kilometer, okay? Also los, lauf schon, ganz locker, du musst nicht schnell laufen, eher joggen, Dauerlauf.&quot; Alain dreht seine Runden.<br />
<br />
&quot;Gut, das gen�gt&quot;, ruft ihn Marcel zur�ck. &quot;Jetzt wirst du sieben Kilometer laufen, schnell laufen, wie gestern, komm.&quot; Marcel schwingt sich auf sein Fahrrad. &quot;Ich fahre nebenher.&quot; Es geht wieder Richtung Kenscoff, zun�chst bergauf. Alain l�uft. Doch schon nach etwas �ber drei Kilometern, fordert ihn Marcel zur Umkehr auf, &quot;und nun zur�ck&quot;. Weniger als zehn Minuten sp�ter kommen sie wieder auf dem Sportplatz an. Marcel reicht ihm Wasser, &quot;trink, aber nicht zu viel.&quot; Und nachdem Alain ein paar Schluck genommen hat: &quot;So, und nun lauf noch mal drei Runden um den Platz, ganz gem�chlich, im Dauerlauf.&quot;<br />
<br />
Nach drei Runden fordert ihn Marcel auf, sich zu setzen. &quot;Nun stretchen, du musst nach jeder �bung, nach jedem Lauf deinen K�rper dehnen. Das ist wichtig, das lockert die Muskulatur, die durch die Anstrengung verspannt ist.&quot; Alain wundert sich, er hat sich nicht anstrengen m�ssen. &quot;Hier so&quot;, f�hrt ihm Marcel �bungen vor. Er setzt sich auf den Rasen, das linke Bein angewinkelt, das rechte weit ausgestreckt. &quot;Und nun beuge deinen ganzen K�rper vor. Du h�ltst dich am Knie fest und beugst den ganzen Rumpf nach vorne, so dass du mit der Stirn das Knie ber�hren kannst, das mach zehnmal, und danach die andere Seite, das rechte Bein anwinkeln und �ber das ausgestreckte linke Bein beugen.&quot; <br />
<br />
Nach einer kurzen Verschnaufpause ordnet Marcel weitere �bungen an. Im Liegen das ausgestreckte Bein so weit wie m�glich �ber den Kopf ziehen, auf dem R�cken liegend beide Beine in der Luft ausstrecken und anziehen, ausstrecken und anziehen, &quot;und das hundertmal&quot;. Oder mit den Beinen kreisen. Bei gespreizten Beinen mit den H�nden die Fu�spitzen ber�hren, &quot;die linke Fu�spitze mit der rechten Hand und die rechte Fu�spitze mit der linken Hand&quot;, Rumpfbeugen, Kniebeugen, hundert an der Zahl, Armst�tzen, zwanzig. Nach einer Stunde winkt Marcel ab.<br />
<br />
&quot;Das wirst du unaufgefordert nach jedem Lauf tun, das ist wichtig&quot;, erkl�rt er, und Alain h�rt aufmerksam zu. &quot;Das hilft der Muskelkater und Kr�mpfe zu vermeiden, erh�ht die Beweglichkeit und Kontraktionsf�higkeit der Muskulatur, verstehst du das?&quot; Alain sch�ttelt den Kopf, geduldig erkl�rt Marcel die fremden Begriffe, die Alain noch nie geh�rt hat. <br />
<br />
Marcel hat sich gut vorbereitet, so gut er konnte. �ber einen Bekannten bei den Vereinten Nationen hat er ein Regelwerk f�r die Vorbereitung zum Marathonlauf bekommen, wenngleich kein wissenschaftliches Werk, so doch wenigstens eine brauchbare Anleitung. Die Aufbauphase wird sich �ber zwanzig Wochen hinziehen, anschlie�end wird er die Trainingseinheiten zur Vorbereitung auf den Marathonlauf zwanzig weitere Wochen lang kontinuierlich erh�hen. Dann m�sste Alain austrainiert sein, dann muss er ihn nur noch auf dem erreichten Leistungsniveau halten, bis zu dem entscheidenden Lauf. Mehr kann er nicht tun.<br />
<br />
&quot;Wir werden die ganze Woche trainieren&quot;, erkl�rt er Alain, &quot;und dabei langsam die Laufdistanzen erh�hen, von sechs, sieben Kilometern am Tag, so wie heute, auf schlie�lich 35 Kilometer. Dazwischen gibt es nat�rlich auch Ruhetage. Die letzten Wochen vor den Olympischen Spielen wirst du t�glich konstant f�nfzehn bis zwanzig Kilometer laufen. Daneben m�ssen wir nat�rlich auch noch einiges f�r den Rest deiner Muskulatur tun, Gewichtheben, das wirst du jeden zweiten Tag machen. Denn auch die Oberk�rpermuskulatur muss gest�rkt werden, um zu vermeiden, dass dir beim Laufen der Kopf schwer wird. Bei den Vereinten Nationen haben sie einen Fitnessraum. Den k�nnen wir benutzen. Ruhetage hei�t nat�rlich nicht, dass wir �berhaupt nichts tun. Dann wirst du nicht laufen. Um deinen K�rper aber im gewohnten Rhythmus zu halten, wirst du Ersatz�bungen machen, �bungen, die deine Beinmuskulatur nicht oder nur wenig beanspruchen, zum Beispiel schwimmen. Schwimmen ist eine der ges�ndesten Sportarten, weil es die Sauerstoffaufnahme, Muskelst�rke und Ausdauer erh�ht und gleichzeitig entspannend wirkt. Hast du ein Fahrrad?&quot; Alain verneint. &quot;Dann gebe ich dir eines, so dass du mit dem Rad hierher kommen kannst. Radfahren ist ohnehin gut, weil es die Bindegewebe am Knie, in den H�ft- und Kn�chelregionen st�rkt.&quot;<br />
<br />
Ohne zu murren folgt Alain allen Anweisungen Marcels. Es ist ein einfacher, ein leichter Job, diese neue Arbeit. Er bekommt jetzt etwas mehr Geld. Aber er kauft nicht die &quot;Schokoriegel, Fruchts�fte, Sportgetr�nke, reich mit wichtigen Mineralien und Karbohydraten versehen&quot;, die Marcel ihm aufgetragen hat, zu trinken. Von dem Geld kauft er Nahrungsmittel f�r die Kinder, Bohnen und Reis, aus denen C�line &quot;moros y cristianos&quot; zubereitet, nach einem Vierteljahr hat er so viel gespart, dass sie sich sogar ein ganzes Huhn leisten k�nnen. Das ist ein Fest. C�line ist zwar immer ein wenig m�rrisch, wenn er ihr von seiner neuen Arbeit erz�hlt. Aber woher soll sie schon wissen, was Herzkranzgef��e, Bindegewebe, Achilles- oder Kniesehne, Bizeps oder Trizeps sind, warum er pl�tzlich am Meer schwimmen geht, warum er neuerdings sogar zuhause mit einem Expander �bt, jede Woche ohne Postbeutel 40 bis 60 Kilometer, nach acht Monaten sogar �ber 70 Kilometer l�uft? <br />
<br />
�stelle hingegen, �stelle bewundert ihn, lauscht seinen Ausf�hrungen �ber olympische Spiele, �ber sein Training, mit leuchtenden Augen. Wenngleich es eine etwas traurige Erz�hlung ist, gef�llt ihr am besten die Geschichte des Mannes, der von Marathon bis Athen gelaufen war, um seinen Landsleuten die Kunde vom Sieg zu bringen, und dann tot umfiel. Immer wieder unterbricht sie ihn, l�sst sich die Fremdw�rter erkl�ren, dann zeigt er ihr an ihrem sch�nen K�rper, wo die Achillessehne ist, kitzelt sie an der Kniesehne, streichelt ihre Brust, unter der die Herzkranzgef��e sind, vergleicht seinen gewachsenen mit ihrem, zugegebenerma�en etwas unterentwickelten Bizeps. Schon sieht ihn �stelle als umjubelten Sieger, mit einem Lorbeerkranz auf der Stirn, ihr zuwinkend, wohl wissend, dass sie seinen Lauf im Fernsehger�t der Herrschaften verfolgen wird. Sie tr�umt von seinem Ruhm, von dem neuen Haus. <br />
<br />
Das k�me C�line nie in den Sinn, denkt Alain etwas ungehalten. Sie h�lt die ganze Veranstaltung f�r ein riskantes Abenteuer. &quot;Und was machst du, wenn du nicht gewinnst&quot;, pflegt sie jede Diskussion schnell zu beenden, um sich wieder ihrer Arbeit zuzuwenden. Dann kommen Alain auch immer wieder Zweifel, bis er sich einen Ruck gibt und energisch vor sich hin spricht: &quot;Ich bin besser als die Andern. Ich kann sie schlagen. Ich werde sie schlagen. Ich werde gewinnen.&quot;<br />
<br />
Er muss gewinnen. F�r diesen Sieg, f�r das Haus, das sie ihm versprochen haben, tut er alles. Verbissen trainiert er, er qu�lt sich. Manchmal muss Marcel seinen Ehrgeiz etwas bremsen. Einmal, befahl er ihm sogar, zwei Tage v�llige Ruhe. &quot;Du bist �bertrainiert&quot;, erkl�rte er, &quot;deine Zeiten werden schlechter.&quot; Zuerst hatten sie versucht, ihm das Laufen in Turnschuhen beizubringen. Aber seine F��e waren keine Schuhe gew�hnt. Sie schmerzten, dr�ckten, erschwerten ihm das Laufen. Er hatte sich nicht verbessern k�nnen, im Gegenteil, seine Zeiten waren zunehmend schlechter geworden. Schlie�lich hatte Marcel ihm die Turnschuhe weggenommen und angeordnet, dass er wieder barfu� laufe. &quot;Die Afrikaner tun das auch&quot;, hatte er Alain erkl�rt. &quot;Die laufen auch oft barfu�, und die sind sehr, sehr gut. Aber du kannst sie schlagen.&quot;<br />
<br />
* * *<br />
<br />
Dann r�ckt der Tag der Abfahrt n�her. Zusammen mit seinem Trainer geht er noch einmal zu einer Mambo, sie soll Babalu Aye anrufen, ihm Kraft zu geben, so dass er siegt. Gemeinsam bitten sie Ministre Azacca -Mede, dass er Alain auf seiner Reise besch�tzen m�ge. Noch einmal verbringt Alain einen wundersch�nen Abend in ihrem kleinen W�ldchen mit �stelle. Sie hat heimlich die Schl�ssel mitgenommen, so dass sie sp�ter unbemerkt von den Herrschaften in ihr K�mmerchen zur�ckschl�pfen kann. So bleibt sie diesmal l�nger bei ihm, die ganze Nacht, bis hinten, �ber den Bergen der erste Morgenschimmer d�mmert. Sie geben ihm eine Uniform, eine schwarze, geb�gelte Hose und einen blauen Blazer, auf dessen Brusttasche das Wappen Haitis mit dem Wahlspruch �St�rke durch Einheit� prangt, auch eine rote Turnhose mit blauen Streifen an beiden Seiten, drei Paar blaue Socken, zwei wei�e Hemden, die sogar gest�rkt sind. C�line faltet alles sorgf�ltig zusammen und verstaut es in der eleganten Sporttasche, die seine Ausr�stung vervollst�ndigt. <br />
<br />
In einer Woche soll es losgehen. Die letzten beiden Wochen hat er wie besessen trainiert, ist 75 und dann 60 Kilometer gelaufen. Einmal ist er die Marathonstrecke sogar in zwei Stunden 19 Minuten gelaufen, wof�r ihn Marcel sehr gelobt hat. &quot;Das ist wirklich Weltklasse! Nun hast du das Schlimmste hinter dir&quot;, erkl�rt Marcel. &quot;Ich werde nicht mitkommen. Das sei nicht n�tig und verursache nur unn�tige Kosten, sagen sie.&quot; <br />
<br />
Alain erschrickt. Er hat sich auf Marcel verlassen, Marcel ist sein Freund geworden, sein Vertrauter, seine St�tze. Ohne Marcel ist er allein, ganz allein, auf sich gestellt. &quot;Das ist kein Grund zur Aufregung&quot;, beruhigt ihn Marcel. &quot;Du musst nur meinen Anordnungen folgen, dann wird es schon gut gehen. Schau, der Marathonlauf wird am letzten Tag der olympischen Spiele ausgetragen. Kommende Woche, in Los Angeles, wirst du das Training stark reduzieren, so dass du auf den Tag genau fit bist. Am Sonntag l�ufst du f�nfzehn Kilometer&quot;, gibt ihm Marcel die letzten Anweisungen, &quot;am Montag kein Laufen, nur Schwimmen, ein paar Dehnungs�bungen, ein bisschen Fitnessraum, am Dienstag l�ufst du zehn Kilometer, am Mittwoch wieder Gewichte und Schwimmen, am Donnerstag noch einmal sechs oder sieben Kilometer laufen, und am Freitag einige Runden schwimmen und ein paar leichte Gewichts�bungen, und nat�rlich nach jedem Training Dehn�bungen, vergiss das nicht. An den Tagen vor dem Lauf gehst du t�glich nur noch ins Schwimmbad und in den Fitnessraum, kein Laufen, wenn du Gelegenheit hast, fahr ein paar Kilometer mit dem Rad. Hast du verstanden?&quot;<br />
<br />
Alain nickt. Aber er hat kaum zugeh�rt, was soll er nur ohne Marcel tun. Er kennt die Andern �berhaupt nicht, er wird allein sein, v�llig alleine auf sich gestellt sein. Wie in einem Schraubstock presst sich sein Herz zusammen. Am liebsten m�chte er aufgeben, hier bleiben, einfach wieder seine Briefe austragen. &quot;Komm' schon, denk immer daran: Ich bin besser als die Andern, ich kann sie schlagen. Ich werde bei dir sein, hier, im Fernsehen werde ich deinen Lauf verfolgen&quot;, muntert ihn Marcel auf. F�r Alain ist es wenig Trost, die Beklemmung weicht nicht.<br />
<br />
Je n�her der Tag der Abreise r�ckt, umso nerv�ser wird Alain. Er war noch nie fort, nicht einmal einen Tag, er ist noch nie geflogen. Und jetzt soll er fort, gleich f�r mehr als zwei Wochen, und mit dem Flugzeug. Einen Tag vor seiner Abfahrt, Alain kommt gerade vom Schwimmen zur�ck, taucht pl�tzlich sein Chef in Carrefour auf. Alain sieht ihn, vorsichtig auf Zehenspitzen zwischen dem Schlamm und den Pf�tzen auf dem schmalen, unbefestigten Weg balancieren. Er h�lt sich ein wei�es Tuch vor das Gesicht, wischt sich damit �ber die Stirn. �Ich will mich doch noch von meinem Mitarbeiter verabschieden, ehe er sich auf den Weg macht, ber�hmt zu werden�, ruft er ihm schon aus zehn Metern Entfernung zu. Herzlich sch�ttelt er Alain�s Hand. �Hier lebst du also. Na, da wird es ja auch Zeit, dass du dich verbesserst.� <br />
<br />
Alain nickt. �Bekomme ich wirklich ein Haus mit flie�endem Wasser, Boss�, will er sich noch einmal vergewissern.<br />
<br />
�Klar, wenn du gewinnst, wirst du ein pr�chtiges Haus bekommen, und einen Orden vom Pr�sidenten�, verspricht der Boss. Doch pl�tzlich wird sein Gesicht hart. �Wenn du aber versagst, brauchst du gar nicht zur�ckzukehren. Wenn sich die Nation deiner sch�men muss, wirst du deine Familie nie wieder sehen. Aber, du wirst das schon schaffen�, gibt sich der Boss zuversichtlich und wirft einen Blick auf seine Uhr. �Tja, ich muss weiter. Also, mache uns und unserem Land Ehre�, verabschiedet er sich von seinem Brieftr�ger, �und vergiss nicht: Versager haben bei den Olympischen Spielen und bei uns nichts verloren.� Damit wendet er sich ab und balanciert zur�ck in seine saubere, asphaltierte Welt. <br />
<br />
Alain f�hlt sich, als z�ge er in den Krieg. Tr�nen laufen ihm �ber die Wangen, als er sich schlie�lich am Tag des Abflugs von Julie verabschiedet, als er Pierrot in die Arme schlie�t. Sogar C�line, bei der er noch nie irgendwelche Gef�hle entdeckt hat, bekommt feuchte Augen. &quot;Und wenn du nicht gewinnst, dann tr�gst du eben wieder Briefe aus&quot;, fl�stert sie ihm zu. Er hat ihr nichts von der seltsamen Drohung des Bosses gesagt.<br />
<br />
Ein Bus f�hrt vor. Alle Nachbarn sind aus ihren H�tten getreten, um zuzuschauen. Aufgeregt schnattern die Frauen, die M�nner werfen ihm aufmunternde Worte zu. Soviel Aufregung gab es noch nie in Carrefour Feuilles. Scheu winkt Alain den Umstehenden zu und steigt ein: &quot;In zwei Wochen bin ich zur�ck.&quot;<br />
<br />
Die vorderen Pl�tze sind besetzt von wichtigen Leuten, wie er sehen kann. Auch der Mann aus dem Ministerium ist da und begr��t ihn: &quot;Da kommt ja unsere Medaillenhoffnung&quot;, stellt er ihn den Andern vor, w�hrend der Bus anrollt. Alain b�ckt sich, um durch die dunkel get�nten Scheiben hinaus zu sehen, noch einen Blick von C�line und den Kindern zu erhaschen. &quot;Er wird uns im Marathonlauf vertreten&quot;, h�rt er den Mann weiterreden. Dann sucht er sich einen Platz. Er geht ganz nach hinten, wo niemand Platz genommen hat. Durch die R�ckscheibe sieht er Leute winken, dann biegt der Bus ab auf die Hauptstra�e. Carrefour Feuilles entschwindet seinen Blicken. Er f�hlt sich schon jetzt in der Fremde. <br />
<br />
Zun�chst f�hrt der Bus vor dem Nationalpalast vor. Die Sportler und Funktion�re werden die breite Treppe aus  wei�em Marmor hinauf gef�hrt. Mit gro�en Augen bestaunt Alain die Pracht, hohe, wei�e W�nde, hohe, wei�e S�ulen, gro�e Laternen, an denen unz�hlige Lichter brennen. Aber es ist kalt, so kalt, wie es Alain noch nie erlebt hat. Er friert. Eine T�r �ffnet sich. Der Pr�sident erscheint, neben ihm seine wundersch�ne Frau Mich�le. Noch nie hat Alain eine so sch�ne Frau gesehen, sie ist sogar sch�ner als �stelle, aber - so erkennt Alain - sie hat nicht dieses lebensfrohe Leuchten und Funkeln in den Augen, das sein Herz bei �stelle immer so erw�rmt. Diese Frau hat kalte, gef�hllose Augen. Alain erschauert, und er wei� nicht, ob es von der K�lte kommt. Sie kommen auf ihn zu, begr��en die Funktion�re. Dann stellt sie der Mann vom Ministerium vor. &quot;Alain Audin&quot;, h�rt er pl�tzlich die Stimme, &quot;er wird Haiti im Marathonlauf vertreten.&quot; Mechanisch ergreift er die gereichte Hand. Dann f�hlt er auch noch die weiche Hand der Frau des Pr�sidenten in seiner, ihre kalten Augen scheinen ihn sp�ttisch zu mustern.<br />
<br />
&quot;Haiti ist ein armes Land&quot;, beginnt der Pr�sident dann seine Rede. &quot;Dennoch haben wir keine M�hen und Kosten gescheut, Sie ein Jahr lang auf die olympischen Spiele in den Vereinigten Staaten vorzubereiten. Wir haben Ihnen Sporteinrichtungen zur Verf�gung gestellt und Trainer an die Seite gegeben, nun k�nnen wir nichts mehr tun. Nun liegt es an Ihnen, die in Sie gesetzten Hoffnungen zu erf�llen. Sie werden Haiti, diese Perle in der Karibik, repr�sentieren. Ich hoffe, Sie werden Ihr Bestes geben, das M�glichste aus sich herausholen - zur Ehre unseres Landes. Mit Siegen k�nnen Sie ein weiteres ruhmreiches Blatt in die Annalen unserer Heimat schreiben. Denken Sie an Toussaint Louverture, an Dessalines, Henry Christophe, an meinen Vater Fran�ois, der als 'Papa Doc' von allen geliebt wurde. Schreiben Sie diese Tradition fort. Ich w�nsche Ihnen nun viel Erfolg. Vertreten Sie unser Land w�rdig.&quot; Mit diesen Worten tritt der Pr�sident zur�ck, wendet sich und verschwindet durch eine hohe T�re, die ein livrierter Diener in gebeugter Haltung ge�ffnet h�lt.<br />
<br />
Sie werden wieder hinaus gef�hrt, um mit dem Bus zum Flughafen zu fahren. In der Abflughalle haben sich viele Menschen versammelt, Angeh�rige und Freunde der andern Mannschaftsmitglieder, Journalisten. Regungslos steht Alain im Blitzlichtgewitter der Photographen. Er ist bisher nur einmal in seinem Leben fotografiert worden, vor wenigen Tagen, als ein Mann vom Ministerium auf den Sportplatz gekommen war, um ein Foto f�r seinen Pass, den Mannschaftsausweis und das Visum zu machen. Ob er eines haben k�nnte, fragt Alain zaghaft. Er k�nne es ja aus der Zeitung ausschneiden, wendet sich der Photograph bereits einem anderen Teammitglied zu, morgen w�rde es dort erscheinen. <br />
<br />
&quot;Wie gut sch�tzen Sie Ihre Aussichten ein&quot;, h�lt ihm eine junge Journalistin ein Mikrophon entgegen. Alain wei� nicht, was er sagen soll, ein Mikrophon hat er noch nie gesehen. &quot;Glauben Sie, dass Sie gewinnen k�nnen&quot;, fragt die Journalistin beharrlich nach. <br />
<br />
Unsicher blickt Alain auf die junge Frau. &quot;Ich bin besser als die Andern, ich kann sie schlagen&quot;, f�llt ihm dann pl�tzlich ein. <br />
<br />
&quot;Sie sehen, Alain Audin, der als einer unserer gr��ten Hoffungstr�ger nach Los Angeles f�hrt, glaubt an die Goldmedaille&quot;, �bertr�gt die Journalistin an ihre Radiostation. Endlich ist Alain allein. Er ist froh, dass sich die Leute haupts�chlich f�r die Anderen im Team interessieren. Er w�sste nicht, was er noch sagen sollte.<br />
<br />
Schlie�lich sollen sie einchecken. Nur widerwillig gibt Alain seine Sporttasche ab. &quot;Die k�nnen Sie nicht als Handgep�ck in die Kabine mitnehmen, Sie m�ssen sie als Reisegep�ck aufgeben&quot;, insistiert eine junge Frau. &quot;Sie erhalten sie bei Ankunft ja wieder&quot;, l�chelt sie schlie�lich freundlich, als sie Alain's Widerstand begreift. &quot;Viel Gl�ck, ich dr�cke Ihnen die Daumen.&quot; <br />
<br />
Schlie�lich sind sie in der Luft. Beim Start hatte Alain zwar noch etwas Angst, war sogar ein wenig ins Schwitzen geraten und hatte sich so fest an die Armlehnen geklammert, dass seine Handkn�chel beinahe wei� hervortraten. Doch nun fliegt die Maschine ruhig in der vorgeschriebenen Flugh�he. Sie scheint sich �berhaupt nicht zu bewegen. Es ist ein herrliches Gef�hl, so �ber den Wolken zu schweben. Und manchmal, wenn die Wolken aufrei�en, sieht man das Meer tief unten, viele kleine, gr�n schimmernde Inseln sind zu erkennen. Es ist phantastisch. Sogar den Grund des Meeres kann er sehen. Er wird C�line und den Kindern viel zu erz�hlen haben, und �stelle. <br />
<br />
In Los Angeles werden sie gleich zu ihren Unterk�nften im olympischen Dorf an der Universit�t gefahren. Alain wird in ein kleines Zimmer gef�hrt. Er staunt. Hier also soll er die n�chsten beiden Wochen wohnen. Keine Kartons, Holzkisten oder Plastiktaschen, in denen C�line die W�sche verstaut, hier stehen Schr�nke, gro�e Schr�nke mit Schubladen bereit, in denen er seine Uniform, seine Hemden, Trikots und Shorts verstauen kann. Und das Bett, mit wei�er, v�llig wei�er W�sche ist es bezogen, wie bei �stelle, so wei� wie der herrliche Sandstrand bei Petit Goave, von dem ihm �stelle einmal erz�hlt hat. Noch nie hat er in einem solchen Haus gewohnt. Er hat in seinem Beruf ja schon viele sch�ne, gro�e H�user gesehen, manchmal hat er auch einen Blick hineinwerfen k�nnen. Da hat er dann gesehen, dass die B�den in den gro�en H�usern nicht gestampfter Lehm sind, sondern aus Stein oder Holz. Und jetzt lebt er selbst in einem solchen Haus! Zun�chst traut er sich kaum, die Einrichtung zu benutzen. Sachte ber�hrt er die Kissen, vorsichtig setzt er sich einmal darauf, legt sich lang hin - und schl�ft ein.<br />
<br />
Dann kommt der Tag, von dem ihm Marcel immer erz�hlt hatte. Zusammen mit Sportlern aller L�nder marschiert er mit seiner Mannschaft, den anderen drei Mannschaftsmitgliedern und den Funktion�ren, Masseuren und �rzten, ins Stadion ein. Eine sehr sch�ne blonde Frau tr�gt vorneweg ein Schild &quot;Haiti&quot;, dahinter marschiert Ronald Agenor, der Haiti im olympischen Tennisturnier vertreten wird, mit der schwarz-roten Fahne. Wenn ihn so C�line sehen k�nnte, stellt sich Alain vor. Doch niemand in der Nachbarschaft besitzt ein Fernsehger�t, nicht einmal Max, aber vielleicht sieht sie das Bild im &quot;Nouvelle Observateur&quot;, das der Photograph auf dem Flughafen von ihm gemacht hat. Er h�tte ihr auftragen sollen, die Zeitung zu kaufen. Alain gefallen die Auff�hrungen, es ist wie ein gro�es Fest, Musik, Fahnen, Reden. Sogar ein Mann taucht auf, der fliegen kann. Die Stunden werden Alain nicht lang, obwohl manche �ber zu gro�e Hitze klagen. Aber das kennt er ja nicht anders.<br />
<br />
Und sp�ter, im Restaurant im olympischen Dorf, in der Universit�tsmensa, wo die Sportler verk�stigt werden! So muss es im Paradies sein. Es ist unvorstellbar. Lange Theken voll k�stlichster Speisen warten da, herausgenommen zu werden, gegessen zu werden, Speisen, wie er sie noch nie gesehen hat. Es riecht und duftet phantastisch. Und alles umsonst! Man schenkt ihm das Essen. Er muss die gef�llten Platten, Teller und Sch�lchen einfach aus den Glasregalen nehmen. Er muss nicht einmal fragen. Hier kann er endlich satt werden. Zun�chst, zaghaft noch, holt sich Alain eine Reisplatte mit einem H�hnchenschenkel. Gen�sslich isst er alles auf, l�sst kein Reiskorn zur�ck, nagt die Knochen fein s�uberlich ab, so dass nicht einmal die kleinste Fleischfaser zur�ckbleibt. Verlangend blickt er hin�ber zu den Tresen. Herrliche Nudeln, Salate, Eiscremes, die diversesten Fruchts�fte, Limonaden und Wasser leuchten dort verlockend und appetitanregend. Alain holt einen zweiten Teller, diesmal ein gro�es Steak und einen Salat. Er braucht Eisen und Vitamine, das hat ihm Marcel gesagt. Er genie�t das Essen, gierig, beinahe woll�stig schlingt er Fleisch und Salat hinunter, trinkt einen Orangensaft, dann ein Glas Wasser, Wasser m�sse er immer genug trinken, hatte ihm Marcel eingesch�rft. Aber der Orangensaft ist so wunderbar s��, Alain trinkt noch einen. Schlie�lich beendet er sein ausgiebiges Mahl mit einer weiteren, kleinen Salatplatte, &quot;das sind pure Vitamine&quot; hatte ihm Marcel Salate empfohlen. Hier endlich kann er sie sich leisten. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Alain satt, hat er das Gef�hl, dass er nichts mehr, nicht einmal mehr ein einziges Reiskorn essen k�nnte. Zufrieden geht er zur�ck in sein Zimmer und legt sich schlafen.<br />
<br />
Irgendwann wacht er auf, es ist l�ngst dunkel drau�en. Wie viel Uhr mag es sein? Langsam erhebt sich Alain. Er versp�rt schon wieder Hunger. Er geht, beinahe unbewusst tragen ihn seine Schritte wieder zu der Mensa, zu dieser grenzenlosen Anh�ufung paradiesischer Speisen. Doch die R�ume sind dunkel, verschlossen. Es ist bereits sp�t in der Nacht. Entt�uscht wendet sich Alain und geht zur�ck. Noch lange liegt Alain wach auf seinem Bett, l�sst all die Dinge noch einmal vor seinem Geist passieren, die er zuhause erz�hlen wird. Er wird viel zu erz�hlen haben. Er stellt sich schon vor, wie er vor seiner H�tte sitzt, umringt von den Nachbarn, und von seinen Abenteuern erz�hlen wird. Den Kindern wird er einige dieser K�stlichkeiten aus der Kantine einpacken, denkt er, Schokoriegel, Gummib�rchen hat er gesehen. Ohne Zucker stand darauf, aber sie waren dennoch wunderbar s��. C�line wird sich sicher �ber ein, zwei Flaschen dieses herrlichen Traubensaftes freuen. Und �stelle? Er wird ihr auf jeden Fall einige dieser Postkarten vom olympischen Dorf, von den Stadien, der Leichtathletik-Arena bringen, vom Velodrom, der Sporthalle und von der Stadt, auch etwas Schokolade. Zufrieden schl�ft er schlie�lich ein.<br />
 <br />
Am n�chsten Morgen wird er nach dem Fr�hst�ck abgeholt und zu einem kleinen Stadion gefahren. Er hat gut gegessen, Spiegeleier mit Schinken, einmal hat er Nachschlag geholt. Und drei Gl�ser Orangensaft hat er getrunken. Er f�hlt sich hervorragend, fit, topfit. Er l�uft drei, vier Runden um das Oval des Platzes, dann hin�ber durch das Ausgangstor auf die Stra�e. Zehn Kilometer muss er heute laufen, hat ihm Marcel aufgetragen. Also l�uft er und l�uft, barfu�, eine lange breite Stra�e entlang, auf der sich lange Autoschlangen bewegen, lautlos. Sie hupen nicht, f�llt ihm auf. Wie lange muss er laufen, bis er zehn Kilometer zur�ckgelegt hat, fragt sich Alain. Von P�tionville bis Kenscoff, das sind 15 Kilometer, hatte ihm Marcel gesagt. Dort kennt er sich aus. Aber hier, alle H�user sehen gleich aus, sie sind sch�n, alle haben einen kleinen Garten und daneben ein kleineres Haus f�r das Auto. Er l�uft weiter, kommt an eine gro�e Stra�e, viel breiter, breiter sogar als die Stra�e von Port-au-Prince nach Cap-Ha�tien. Hier sind hohe H�user, 100 Meter hoch sind sie, nicht aus Steinen oder Holzbrettern, aus dunkeln Spiegeln scheinen sie gebaut. Schlie�lich wendet er, um zur�ckzulaufen. Er l�uft, m�sste l�ngst wieder im Stadion angekommen sein. Aber immer noch sieht er nichts davon. Dann, endlich, inzwischen muss er mindestens zwanzig Kilometer gelaufen sein, taucht pl�tzlich das Stadion vor ihm auf. Angekommen macht er seine  Dehnungs�bungen, so wie ihn Marcel das gelehrt hatte. Nach jedem Training muss er diese Lockerungs�bungen machen.<br />
<br />
Er freut sich schon wieder auf die Mahlzeit. Seit er in diesem Paradies so viel essen kann, wie er will, f�hlt er sich besser als je zuvor. Vergangen ist dieses nagende Gef�hl im Bauch, das er aus langer Gewohnheit schon gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Aber es war immer dagewesen, hatte ihn nie verlassen - bis heute. Er ist fit, er f�hlt sich st�rker als je zuvor. Die reichhaltige Nahrung scheint ihm gut zu tun. Ja, er ist besser als die Anderen, er wird gewinnen. Jeden Tag schl�gt sich Alain in diesem Schlaraffenland den Bauch voll, nimmt heimlich sogar noch einige Schokoriegel und andere Delikatessen aufs Zimmer, um so auch in der Nacht versorgt zu sein, wenn die Mensa verschlossen ist.<br />
<br />
Er muss ja nicht mehr so viel trainieren, nur wenige Kilometer am Tag laufen, ein wenig schwimmen, Gewichte heben, ein paar Lockerungs�bungen. W�hrend sich die anderen Sportler nach wissenschaftlich ausgekl�gelten Trainings-, Erholungs- und Speisepl�nen vorbereiten, die L�ufer Dehnungs�bungen machen, die Schwimmer routinem��ig ihre Bahnen ziehen, die Boxer an der verr�ckten Birne oder am Sandsack ihre Schlagkraft und -technik verbessern oder sich auch nur die Muskeln massieren lassen, isst Alain. Er versp�rt nicht, registriert nicht die stetige Gewichtszunahme. Er bemerkt nicht, wie er konditionell abbaut. Er realisiert nicht, dass er langsamer wird. Er f�hlt sich ja gut. Er ist satt. <br />
<br />
Schlie�lich kommt der Tag der Entscheidung. Zusammen mit zahlreichen Anderen startet Alain zum wichtigsten Lauf seines Lebens. Wenn er gewinnt, wird er ein neues Haus bekommen. Er l�uft schnell an. Marcel hatte ihn gewarnt, nicht zu schnell anzugehen, sich seine Kr�fte einzuteilen. Sogar ber�hmten L�ufern sei dies schon passiert, hatte Marcel gewusst, dass sie zu schnell angingen, so dass ihnen am Ende die Luft wegblieb, dass sie auf den letzten Kilometern nichts mehr zuzusetzen hatten, nur noch abbauten, manchmal v�llig ausgelaugt, ausgetrocknet einbrachen und nicht einmal ins Ziel gelangten. Aber er f�hlt sich gut, stark, fit, er l�uft leicht, ohne Anstrengung. Er wei�, dass er noch schneller laufen kann. Aber diese Kraft will er sich f�r den Schlussspurt aufheben.<br />
<br />
Zuhause, in Port-au-Prince, fiebert Marcel vor dem Fernsehger�t. Wenn Alain unter die ersten zehn, zwanzig k�me, w�re das ein sensationeller Erfolg. Verstohlen wirft �stelle in P�tionville jedesmal, wenn sie den Herrschaften ein Getr�nk servieren muss, einen Blick auf den Fernseher, wo NBC die olympischen Spiele direkt �bertr�gt. Sie erkennt einen Pulk von L�ufern, Alain aber kann sie nicht entdecken. <br />
<br />
Da sieht Marcel Alain. Sein Gesicht wirkt voller. Marcel staunt, schaut genauer hin, er m�chte den Film anhalten, ehe Alain wieder aus dem Bild verschwindet. Wieder f�hrt die Kamera das L�uferfeld entlang. Marcel starrt auf den Monitor, bis er Alain im Pulk der L�ufer wieder entdeckt, und erschrickt. Das ist nicht mehr der schlaksige, drahtige, beinahe unterern�hrt wirkende Alain, den er neun Monate lang auf diesen Lauf vorbereitet hat. Marcel schl�gt sich mit der Hand vor die Stirn, daran hatte er nicht gedacht. Alain hat zu viel gegessen, erkennt er und steht auf. Er will das nicht ansehen, er wei�, Alain hat nicht die Spur einer Chance, wahrscheinlich wird er nicht einmal ins Ziel kommen. Marcel geht vor die T�r und tritt auf die Stra�e. Er muss sich beruhigen, wandert ziellos die Rue John Brown hoch, w�hrend Alain in Los Angeles L�ufer um L�ufer an sich vorbeiziehen l�sst. Die gehen das Rennen ja noch schneller an, denkt er, sie machen genau jenen Fehler, vor dem ihn Marcel so eindringlich gewarnt hat. Er wird sie dann alle im Spurt �berholen.<br />
<br />
Er hat Durst, schwitzt, es scheint heute hei�er als �blich zu sein. Endlich kommt die erste Verpflegungsstation in Sicht, hastig trinkt Alain eine Flasche Wasser, sch�ttet sich eine andere �ber den Kopf, greift nach zwei Orangenscheiben und l�uft weiter. Mehr L�ufer �berholen ihn, einmal ger�t er beinahe ins Stolpern. Aber er l�uft leicht, er ist st�rker als die Andern, er wird gewinnen. Wieder eine Verpflegungsstation, gierig trinkt Alain eine und noch eine Flasche Wasser, eine weitere sch�ttet er sich �ber den hei�en Kopf. Es tut gut, dieses k�stlich kalte Nass. Er schnappt sich zwei Schokoriegel und l�uft weiter. Die Andern, die Konkurrenten sind l�ngst nicht mehr zu sehen. Jetzt muss er langsam die Geschwindigkeit erh�hen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Sonst k�nnte er sie nicht einmal im Spurt mehr �berlaufen. Zum ersten Mal kostet es Alain Anstrengung, er keucht, sein Kopf ist hei�, scheint zu platzen. &quot;Hopp, hopp, hopp, hopp&quot;, h�rt er Anfeuerungsrufe, einer sch�ttet ihm einen halben Eimer Wasser ins Gesicht, welche Wohltat. Ein Motorrad f�hrt langsam an ihn heran. &quot;K�nnen Sie noch&quot;, h�rt er eine Stimme, &quot;es geht ja um nichts mehr.&quot; Gilt sie ihm? <br />
<br />
Warum? Was hei�t das? Es geht ja um nichts mehr? Er will gewinnen; wenn er gewinnt, wird er ein neues Haus bekommen, eines mit Strom und Wasser, soviel Wasser, dass er sich einfach darunter stellen kann, so dass es ihm k�hl und erfrischend �ber den K�rper l�uft. Er darf ja nicht verlieren, sonst w�rde er Julie und Pierrot nie wieder sehen, haben sie gedroht. Und C�line, und �stelle. Seine Beine werden schwer, Alain wundert sich, warum er pl�tzlich die Beine sp�rt. Sonst liefen sie immer wie von selbst, wie eine Maschine. Er schnauft, sein Mund ist weit ge�ffnet. Sein Tempo wird langsamer. Aber er merkt es nicht, er tr�umt vom Triumph des Sieges, von dem neuen Haus mit viel k�hlem Wasser.<br />
<br />
Bei der Tankstelle in der Rue John Brown kehrt Marcel um, w�tend, verzweifelt, entt�uscht. Zuhause will er sich wenigstens die letzten Kilometer des Marathonlaufs anschauen. Vielleicht hat er sich ja get�uscht, vielleicht schneidet Alain ja wider Erwarten gut ab. Dort laufen schon die Ersten ins Stadion ein, der F�hrende, ein Portugiese zieht pl�tzlich gewaltig an, so wie sich Marcel das von Alain gew�nscht h�tte. Aber von Alain ist noch nichts zu sehen. Zwei Stunden, neuneinhalb Minuten, die Siegerzeit. Eine gute Zeit, denkt Marcel. Wo aber bleibt Alain? Was ist passiert? Hat er aufgegeben? Den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, wartet Marcel, bis auch die letzten der L�ufer durchs Ziel gegangen sind. Aber kein Alain. Er hat aufgegeben, seufzt Marcel. Um sich zu beruhigen schaut er noch das Springreiten an, mit dem die sportlichen Wettbewerbe dieser Olympiade abgeschlossen werden. <br />
<br />
�stelle steht unter der T�r zur Wohnhalle, in der die Herrschaften mit einigen G�sten der �bertragung des Marathonlaufes folgen. Unauff�llig beobachtet sie die im Stadion ankommenden L�ufer, lauscht den Namen, die der Reporter nennt. Alain erw�hnt er nicht. Ist das nicht der Lauf, an dem Alain teilnehmen sollte, wundert sich �stelle. Der Sieger steht l�ngst fest, Silber- und Bronzemedaille ebenfalls. Wo ist Alain? �stelle's Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Es wird ihm doch hoffentlich nichts zugesto�en sein.<br />
<br />
Alain hat M�he, seine Beine wollen nicht seinem Willen folgen. Wie Blei h�ngen sie gef�hllos an ihm. Wieder stolpert er, torkelt, richtet sich wieder auf und l�uft weiter. Endlich sieht er das Stadion vor sich, der Anblick gibt ihm neue Kraft, er setzt zum Spurt an, l�uft, betritt das Stadion, Beifall brandet auf, Jubel, er winkt, noch eine Runde, eine Runde auf der Aschenbahn, dann ist er im Ziel. Der Beifall tr�gt ihn, er wird wieder schneller, das ist der Spurt, mit dem er die Andern noch �berlaufen wird. Doch da ist niemand mehr, den er �berlaufen k�nnte.<br />
<br />
&quot;Da kommt noch einer&quot;, h�rt Marcel die Stimme eines Fernsehreporters, der die �bertragung des  Weitsprung-Wettkampfes unterbricht. &quot;Der Marathonlauf ist doch l�ngst vor�ber? Wer ist das? Ah, jetzt kann ich es erkennen, Haiti! Haiti kommt jetzt - er blickt auf die Uhr - ja, es ist Haiti, Haiti kommt also beinahe, Moment, beinahe eine dreiviertel Stunde nach dem Sieger hier ins Ziel. Mein Gott. Da wendet man das olympische Motto 'dabei sein ist alles' wohl doch etwas zu gro�z�gig an. Vielleicht sollten sich die Organisatoren �berlegen, auch im Marathonlauf Qualifikationsnormen einzuf�hren. Solche Sportler haben doch unter den Weltbesten nichts zu suchen. Dies sollte hier eben noch am Rande angemerkt werden. Ich gebe nun zur�ck zum Weitsprung.�<br />
<br />
Ersch�ttert vergr�bt Marcel sein Gesicht in den H�nden. Warum nur ist Alain weiter gelaufen, auch als er l�ngst weit hinter allen Zeitnormen lag. Es w�re besser gewesen, er w�re nicht ins Ziel gekommen, dann h�tte niemand von seinem Versagen besondere Notiz genommen. Doch dieser Auftritt, dieser Einlauf ins Stadion vor der gesamten Welt�ffentlichkeit! Er wird mit den Kerlen vom Ministerium sprechen. Wo waren sie, diese Wichtigtuer?<br />
<br />
Als der letzte der Marathonl�ufer durchs Ziel gegangen ist, wendet sich �stelle wieder ihren Pflichten zu, f�llt leere Gl�ser und kleine Schalen mit Getr�nken und Snacks. Schade. Aber so wichtig schien ihr Alain's Sieg nie gewesen zu sein. Zwei Wochen hatte sie weniger auf seinen Sieg als vielmehr auf seine R�ckkehr gewartet. Jetzt wird er sie bald wieder besuchen, ihr aus B�chern vorlesen, viele Geschichten erz�hlen und sie lieben. L�rm in der Wohnhalle lockt sie aus der K�che zur�ck, um einige Getr�nke nachzuf�llen und unauff�llig dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen. Dort sieht sie Alain, hinter dem Ziel ist er zusammengebrochen, ein paar Helfer sind zu ihm hin�ber geeilt. �stelle zuckt zusammen, wendet sich dann aber erleichtert wieder ab, als sie sieht, wie sich Alain wieder erhebt und langsam mit gesenktem Kopf aus dem Bild geht, das desinteressiert ab- und wieder zu den Springreitern geschaltet wird. &quot;Welche Blamage&quot;, fuchtelt der Elektroh�ndler aus Kenscoff wild mit seinen Armen. &quot;Wer hat denn den dorthin geschickt&quot;, emp�rt sich ein Anderer. &quot;Wir werden eine Untersuchungskommission einsetzen&quot;, verspricht der gutaussehende - wie �stelle sich einr�umt - Bruder ihrer Chefin und Parlamentsabgeordnete, der ihr allerdings schon lange h�chst unsympathisch ist, weil er immer den M�dchen in der K�che unter die R�cke fasst, jetzt ist er ihr geradezu zuwider. Was kann Alain daf�r? Er hat sich nicht um diese Arbeit gerissen. <br />
<br />
Endlich darf er dieses kalte Nass genie�en, stellt sich Alain unter die Dusche. Minutenlang l�sst er das kalte Wasser �ber seinen gepeinigten K�rper str�men. Bis pl�tzlich die T�re auffliegt. Er habe total versagt, schimpft der Ministeriale, hinter dem sich die andern Funktion�re aufgebracht dr�ngen. &quot;Du hast Haiti's Ehre beschmutzt! Du hast nicht nur dich, sondern uns alle, dein Land der L�cherlichkeit preisgegeben! Du hast den Pr�sidenten beleidigt!&quot; werfen sie ihm vor. Die Teamkameraden meiden ihn, fl�stern in seiner Gegenwart nur noch. Er ist ein Auss�tziger. Alain begreift nichts. Er versteht nicht, warum er verloren hat. Er hat sich doch so gut gef�hlt, besser als je zuvor. Was wird C�line sagen? Kein neues Haus, das ist ihm klar. Er hat versagt. Was wird Marcel sagen? �stelle?<br />
<br />
Niemand redet mit ihm auf dem R�ckflug. Sofort nach der Landung in Port-au-Prince muss er seine Schuhe, die Uniformjacke und die Krawatte abgeben. Sie fahren ihn nicht nach Hause. &quot;Bringt ihr mich nicht zu meiner Frau und meinen Kindern&quot;, bittet Alain.<br />
<br />
&quot;Du kannst doch so gut laufen&quot;, lassen sie ihn  einfach stehen und fahren davon. M�de trottet er durch die schmutzigen, l�rmigen Stra�en von Port-au-Prince. Als er in Carrefour Feuilles in den kleinen Weg an dem schmalen Kanal einbiegt, in dem sich wie immer die seifig-bl�uliche Br�he der Abwasser staut, laufen ihm die Kinder der Nachbarschaft laut rufend entgegen. Sie freuen sich, dass er wieder da ist. Nachbarn klopfen ihm auf die Schultern. Seine Niederlage hat sich l�ngst herumgesprochen. Doch hier ist das nicht wichtig. Sie hatten ohnehin nicht so recht verstanden, was die ganze Veranstaltung sollte. Olympiade? Das sei doch nur etwas f�r die Reichen, hatte Georges schon vor Monaten einmal bei einer der seltenen Gelegenheiten, zu denen er sich noch �u�erte, zu bedenken gegeben. <br />
<br />
C�line muss er nicht viel sagen. Dass er kein neues Haus bek�me. Er habe verloren, obwohl er so schnell gewesen sei wie noch nie. Er habe sich noch nie so wohl gef�hlt, wie bei diesem Lauf. Nur gegen Ende habe er etwas Schwierigkeiten gehabt, doch der Spurt sei ihm wieder gelungen. Er wisse nicht, was passiert sei. Die anderen L�ufer m�ssten auf Vogelschwingen getragen worden sein. &quot;Was ist schon dabei&quot;, zuckt sie unbeeindruckt die Schultern. Sie blieb auch in der Niederlage gelassen, hatte ohnehin noch nie Zeit gehabt f�r Tr�ume, schon gar nicht f�r derart realit�tsferne Tr�ume wie die vom eigenen Haus mit Strom und Wasser. &quot;Du bist ein Postbote, kein Sportler. Du musst morgen eben wieder Briefe austragen.&quot; Er nickt. <br />
<br />
<br />
PS: Vier Jahre sp�ter � Haiti�s Diktator Jean-Claude Duvalier war inzwischen gest�rzt und ins franz�sische Exil ausgereist � unternahm Dieudonne Lamothe noch einmal einen Versuch. Bei den Olympischen Spielen in Seoul lief er im Marathon in 2:16:15 Stunden auf den 20. Platz.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>afwz</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63328-Der-Marathonl�ufer</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Halb so wild</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63326-Halb-so-wild&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 08:08:12 GMT</pubDate>
			<description>Taubeneigro�e Hagelk�rner springen auf dem Rasen umher und sie denkt an ausgelassene Kinder. Windb�en peitschen durch die Stauden, dr�cken sie auseinander, als w�re jemand hineingefallen, der unsichtbar ist. Vom Fenster aus sieht sie, wie Regen den Hagel abl�st, der auf den Granitsteinen Blasen...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Taubeneigro�e Hagelk�rner springen auf dem Rasen umher und sie denkt an ausgelassene Kinder. Windb�en peitschen durch die Stauden, dr�cken sie auseinander, als w�re jemand hineingefallen, der unsichtbar ist. Vom Fenster aus sieht sie, wie Regen den Hagel abl�st, der auf den Granitsteinen Blasen schl�gt. <br />
F�r einige der Nachbarn mag dieses Naturereignis aus dem Nichts gekommen sein, andere m�gen es nicht einmal bemerkt haben, so schnell zog es vor�ber. Sie hat es lange vorher erahnt. <br />
<br />
Den gesamten Morgen lief sie immer wieder in den Vorgarten. Dort ist der Himmel am weitesten. Dadurch bemerkte sie rechtzeitig die dunkel aufziehenden Wolken, auch die dr�ckende Luft, die einem Gewitter oftmals vorausgeht, m�glicherweise bevor so mancher Vogel die h�chsten B�ume und auch das Nest verlie�, um sich selbst vor dem Blitz zu sch�tzen. Es gab eine Zeit, da hasste sie diese V�gel, die ihre Brut zur�cklie�en, nur um sich selbst in Sicherheit zu bringen. <br />
Sie begann in dem leichten Sommerkleid zu schwitzen, und es bildeten sich R�nder unter den Achseln. Die Augenlider schwollen an, das Gesicht r�tete sich und wirkte fleckig. St�ndlich lauschte sie der Wettervorhersage im Radio. Nur deshalb war es ihr m�glich, rechtzeitig die K�bel mit dem frostempfindlichen Oleander, der meterhohen Engelstrompete und der Mehltau anf�lligen Hortensie in Sicherheit zu bringen. Jeden Terrakottatopf, hoch und breit wie drei zweij�hrige Kinder nebeneinander, hievte sie einzeln auf die Sackkarre und schob ihn in die Garage. Die handgearbeiteten T�pfe hatte sie w�hrend ihrer Hochzeitsreise in einem Ort nahe Florenz gekauft. Bis M�nster sind sie dann geliefert worden. Von dort beauftragte sie eine weitere Spedition. Mehrere Tage telefonierte sie ganze Vormittage deswegen, um sicher zu sein, dass auch alles nach Plan verlief. Diese bemerkenswerte Geschichte, wie die drei Tont�pfe aus Impruneta zu ihr in den Garten kamen, erz�hlt sie den Nachbarinnen an so manchem hei�en Sommertag bei Kaffee und Kuchen.<br />
F�r jede Pflanze in diesen kostbaren T�pfen besorgt sie im zeitigen Fr�hjahr einen speziell angemischten D�nger, misst den ph-Wert der Blumenerde regelm��ig, und beobachtet im Herbst die Nachttemperaturen penibel auf Frost. Es kommt dann vor, dass sie barfu� und im Nachthemd noch schnell in den Garten l�uft, um die Pflanzen mit einem Jutesack abzudecken. <br />
Auf diese Weise m�ht sich sie sich seit sieben Jahren. Die drei Gew�chse danken es jeden Sommer mit �berw�ltigender Bl�te und garantieren ihr die Bewunderung der Nachbarinnen. Einmal in der Woche bei sch�nem Wetter, besuchen sich die Frauen aus der Nachbarschaft gegenseitig. Nach wenigen Minuten ist das kleine Unwetter vor�bergezogen.<br />
Sie wartet einige Zeit, um sicher zu gehen, dass es nicht zur�ckkehrt und schleppt dann die K�bel nacheinander mit zitternden Muskeln auf die Terrasse an ihre angestammten Pl�tze zur�ck, entfernt abgeknickte Bl�tter der Zierstr�ucher, wobei man ihren Gesichtsausdruck als trotzig bezeichnen k�nnte, wie sie die Augenbrauen �ber der Nasenwurzel zueinander zieht, und die Lippen spitz nach vorne schiebt, als wollte sie k�ssen.<br />
<br />
***<br />
W�hrenddessen sitzt er im B�ro und ahnt nichts von den Strapazen seiner Frau. In zehn Minuten kann er gehen. Seit er bef�rdert wurde, sitzt er nur mit einem Kollegen im Raum.<br />
&#8222;Kommst du noch mit in die Bar? Ich geb einen aus - auf meine Hochzeit.&#8220; <br />
&#8222;Ach ja, herzlichen Gl�ckwunsch zur &#8230;&#8220;, er z�gert kurz, &#8222;Verm�hlung.&#8220; Und weil ihm dabei einf�llt, dass er versprochen hatte, rechtzeitig daheim zu sein, lehnt er die Einladung zum Umtrunk ab. Er w�rde stattdessen gemeinsam mit seiner Frau einen Termin im Gynaekologicum wahrnehmen, so nannte sie das Krankenhaus hoffnungsvoll. Wenn das auch dort wieder nicht funktionieren sollte, w�rden sie den kommenden Urlaub am W�rthersee verbringen, der ihn ein Verm�gen kostete. Selbst aus Russland k�me man in diese spezielle Kinderwunschklinik, hatte seine Frau begeistert erz�hlt. <br />
Er bemerkte den Kollegen nicht gleich, sondern sah aus dem Fenster und wunderte sich �ber den pl�tzlichen Wetterumschwung.<br />
Als er vor wenigen Minuten seinen Platz kurz verlie�, spiegelte sich die Sonne auf dem Bildschirm. Jetzt ist der Himmel g�nzlich schwarz und er �berlegt, ob er es vor dem einsetzenden Regen zum Auto schaffen wird. <br />
&#8222;Komm. Auf ein Glas. Noch l�sst sie mir den Spa�&#8220;, beharrt der Kollege und l�chelt. <br />
&#8222;Ja, noch&#8220;, erwidert der Angesprochene knapp, f�hrt den Computer herunter, nimmt das Jackett und verl�sst seinen Arbeitsplatz. Kopfsch�ttelnd schaut ihm der Kollege hinterher und sieht, wie er in gebeugter Haltung, die Tasche sch�tzend vor dem Regenguss �ber dem Kopf, zu seinem Auto l�uft.<br />
<br />
Zu Hause parkt er den Wagen auf der Stra�e, als er feststellt, dass in seiner Garage kein Platz ist, weil Pflanzenk�bel darin abgestellt sind. Einige Minuten suchte er nach einem Parkplatz. Nach dem folgenden unfreiwilligen Spaziergang zu seinem Haus, steht er schlie�lich neben seiner Frau auf der Terrasse. Aber er blickt nicht wie sie auf die anma�ende Pracht in den K�beln vor ihnen, sondern dar�ber hinweg, in Richtung des Teiches, am Ende des Gartens. Vom Kaffeetisch ist das stille Gew�sser kaum auszumachen. Nicht von dort, wo man �ber exotische L�nder, Pflanzen und Tierarten redet, die man bereist und gesehen hat, oder zu bereisen und zu sehen gedenkt. <br />
So geht er mit feinem Anzug und Lederschuh bekleidet �ber die schmelzenden Hagelk�rner auf dem Rasen hinweg und erreicht das dicht bewachsene Gew�sser, f�r das er Sorge tr�gt. <br />
&#8222;Alles halb so wild, nicht wahr?&#8220;, h�rt er seine Frau vom Haus her rufen.<br />
Da hat er schon das zerrupfte Nest des kleinen Fitis an der Wasseroberfl�che gefunden. Eine Windb�e muss den Weidenstrauch am Ufer durchger�ttelt und es fortgerissen haben.<br />
Nun g�be es in diesem Sommer f�nf kleine S�nger weniger, die seinen Garten mit ihrem Gesang erf�llen w�rden. <br />
In bed�chtiger Langsamkeit zieht er das Jackett aus, legt es auf die Holzbank neben der Weide, krempelt ordentlich die Hemds�rmel bis �ber die Ellenbogen auf, kniet sich in das nasse Gras und fischt die kleinen Zweige und Federn aus dem Wasser.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Kanji</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63326-Halb-so-wild</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Durch den Eulenwald nach Hause</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63325-Durch-den-Eulenwald-nach-Hause&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 01 Jul 2018 07:51:29 GMT</pubDate>
			<description>Ich n�here mich dem Kindheitsgl�ck auf der Landstra�e. Der Riegel schiebt sich zur�ck, das Schloss �ffnet sich, die Erinnerungen erwachen, explodieren wie Blitze in mir, richten die H�rchen auf, spannen die Sinne zum �u�ersten. Ich fahre durch W�lder, Getreidefelder rauschen, s�useln Lieder, die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Ich n�here mich dem Kindheitsgl�ck auf der Landstra�e. Der Riegel schiebt sich zur�ck, das Schloss �ffnet sich, die Erinnerungen erwachen, explodieren wie Blitze in mir, richten die H�rchen auf, spannen die Sinne zum �u�ersten. Ich fahre durch W�lder, Getreidefelder rauschen, s�useln Lieder, die mir bekannt vorkommen, erreiche die ersten D�rfer, deren Namen ich kenne: Adelsheim, Schefflenz. Bilder von Picknickausfl�gen an die Jagst, Wasserspritzer, spielen, rennen, Grillw�rste erscheinen wie ein vergessener Film. Sommerwiesengeruch breitet sich aus. Ich lechze nach dem Geschmack von Zitronenwassereis. Auf einem Feld am Stra�enrand steht ein Schild: Blumen zum Selbstpfl�cken. Ich halte an, atme durch, schneide zwanzig Rosen ab, stecke einen F�nfer in die Blechdose, freue mich �ber den g�nstigen Preis. Durchsichtiges Pflanzenblut klebt an meinen Fingern. Das Auto f�llt sich mit Rosenduft, verdr�ngt den Zigarettenqualm. Auf dem Weg am Fluss entlang suche ich nach Gro�vaters Baumgrundst�ck. Er hie� wie ich: Karl. Dort standen Apfel, Birnen- und vor allem die Kirschb�ume, auf die ich geklettert bin, deren �ste ich gesch�ttelt habe, von deren Fr�chten ich a�, bis mich Bauchweh plagte, weil ich mir zu viel in den Mund gestopft habe. Dann erreiche ich den Eulenwald, wo das Baumhaus stand, Golo verschwand, das Ungl�ck seinen Lauf nahm. Ich zittere, lausche auf die Stimmen der V�gel, W�lfe und �chzenden B�ume, finde die D�monendunkelheit der Vergangenheit und beschleunige, um den Wald schneller zu durchqueren, das Dorf zu erreichen, das in einer Talsenke liegt, von B�umen umzingelt. <br />
<br />
Ich bin nach zwanzig Jahren zur�ck, weil Georg zu fr�h starb, seine Zwillingst�chter mich darum baten. Hier war ein Laden, den es nicht mehr gibt, dort wohnte die Grundschullehrerin, hier der Metzger, dort die Kneipe, aus der ich meinen Vater abholen musste, wenn er zu lange wegblieb, zu viel soff. Nichts hat sich ver�ndert, nur die Farben der Fassaden verbleichen, die Beschichtungen bl�ttern ab. <br />
<br />
Tanja und Josefine umarmen mich, l�cheln und sch�tzen sich mit Maskentrauergesichtern. Ich bin froh, bei ihnen zu sein. Im Wohnzimmer beugen sie sich �ber den Tisch, schweigen, rei�en die rosa, wei�en, roten Bl�tenbl�tter ab. Sie fallen in den Beh�lter. Seidenweich streicheln sie dabei ihre Finger, w�hrend ich dasitze, von meiner Arbeitswoche erz�hle, ihre Blumengesichter betrachte, als k�me ich zuf�llig vorbei. Ihre Mutter kommt im letzten Moment die Treppe herunter, tr�gt ein buntes Sommerkleid.<br />
<br />
Wir versammeln uns mit den anderen vor meinem Geburtshaus, um gemeinsam zum Friedhof zu gehen. Rahels Beine gleichen Baumst�mmen, ihre Haare schmiegen sich wie Moos an den Sch�del, die Kopfhaut schimmert durch. Ihr Trauerkleid liegt eng an. Sie hat einen grellroten G�rtel umgeschnallt. Ich erkenne sie an den Wasseraugen, dem Mondgesicht, dem zerknitterten Kinn. Sie nickt mir zu, gibt mir die Knochenhand, starrt mich an, sucht den Blick, als wolle sie mich erforschen, ganz so wie damals. Ich sch�ttle H�nde, versinke in Nebelgedanken, wei� nicht, wo ich hinschauen soll. Rahel schob den Kinderwagen, in dem ich lag, half mir auf, wenn ich fiel, passte auf, dass dem Goldlockenjungen nichts passierte. <br />
<br />
&#8222;Karl, da bist du ja endlich&#8220;, sagt sie, verschr�nkt die Arme erst hinter dem R�cken, nimmt dann die Hand ihres Lebensgef�hrten, einem drahtigen Kerl mit Kurzhaarschnitt, und weist mit ausgestreckter Hand den Weg hinauf zum Friedhof. <br />
<br />
Obwohl ich den Buckel auf ihrem R�cken entdecke, sp�re ich keine Bedrohung. Mein Bruder warnte mich vor ihr, nannte sie eine Hexe. Andreas bleibt der Beerdigung fern. Rahel l�sst ihn nicht ins Haus. Ich fragte nicht nach dem Grund, als ich sie anrief. Ihre Stimme vibrierte am Telefon, wir w�rmten uns aneinander und verga�en, wie lange wir nichts voneinander geh�rt hatten. <br />
<br />
Wir gehen an der Kirche vorbei bergan. Dahinter liegt der Friedhof. Am Rand der Mauer befindet sich das Grab der Gro�eltern. Die Glocken bleiben stumm, eine Messe wird nicht gelesen. Kein Pfarrer, kein Rabbi begleitet uns. Vor einem Loch im Boden steht die Urne auf einem Podest, daneben ein Mann im Anzug, der Zeremonienmeister, der die Rede h�lt, die sich Rahel, die M�dchen, ihre Mutter ausgedacht haben. Seine Stimme hallt �ber die Gr�ber, Schluchzen mischt sich darunter wie Wolfsgeheul. Ich sehe Tr�nen auf den Gesichtern. Dort dr�ben gibt es ein Stein, der an Golo erinnert, obwohl man ihn nie gefunden hat. Lieder erklingen. Georg hat sie selbst ausgesucht.<br />
<br />
Rahel steht am Grab ihres Sohnes. Wortfetzen dringen zu mir: &#8222;Unter Schmerzen geboren, unter Schmerzen verloren&#8220;, verstehe ich, und: &#8222;Du bist mit einem L�cheln gegangen.&#8220; Sie weint nicht, blickt zum Himmel, tritt ein paar Schritte zur�ck. Die M�dchen stecken Abschiedsbriefe in die Urne. Blumen, Steine flattern in die Grube. Einer nach dem anderen stellt sich ans Grab. Ich z�gere. <br />
<br />
&#8222;Geh ruhig hin, Karl&#8220;, sagt Rahel. Die Rosenbl�tter f�hlen sich zart und lebendig an. Ich fl�stere ein paar Worte und versuche herauszufinden, wie tief die Urne vergraben wird, gehe zu Rahel, streiche mit dem Finger �ber ihr Gesicht. Wie w�chsern sie sich anf�hlt.<br />
<br />
Sp�ter sitzen wir im Zimmer gleich neben dem Eingang, unter uns der Keller, in dem ich manchmal eingesperrt wurde. Kaffee steht bereit, St�ckchen werden herbeigeschafft. Selbst die W�nde haben sie get�felt, dunkles Holz, die R�ume viel kleiner als die meiner Erinnerung. <br />
<br />
&#8222;Hier wurden wir gebadet&#8220;, sage ich.<br />
&#8222;Jeden Samstag&#8220;, antwortet Rahel. <br />
&#8222;Vater hat die Zinkbadewanne geholt und sie mit hei�em Wasser gef�llt, wir Kinder haben uns dar�ber gestritten, wer zuerst reindarf.&#8220;<br />
&#8222;Es gab zwei, eine f�rs Schlachten, eine zum Baden.&#8220;<br />
&#8222;Ich habe mir immer vorgestellt, in der Blutwurstbr�he zu sitzen.&#8220;<br />
&#8222;Heutzutage macht das keiner mehr. Viel zu teuer.&#8220;<br />
&#8222;Kostet 500 &#8364;, nur f�rs Schlachten&#8220;, erg�nzt Rahels Lebensgef�hrte aus dem Hintergrund. <br />
&#8222;�brigens gibt&#8217;s im Neukauf Bratw�rste im Angebot&#8220;, sagt Rahel. &#8222;M�sst ihr unbedingt kaufen, die sind wirklich klasse.&#8220;<br />
&#8222;Hat sich einiges ver�ndert hier&#8220;, sage ich und stehe auf.<br />
&#8222;Ist eine Menge Zeit vergangen, seit du ins Internat gegangen bist.&#8220;<br />
&#8222;Ich musste weg, die Eltern wollten es so.&#8220;<br />
&#8222;Vielleicht.&#8220;<br />
&#8222;Wegen Golo.&#8220;<br />
&#8222;Vielleicht.&#8220;<br />
&#8222;Wie geht&#8217;s den Eltern?&#8220;<br />
&#8222;Ich besuche sie ab und zu im Heim.&#8220;<br />
<br />
Kein Zimmer lasse ich aus, durchwandere das Haus, kann nicht mehr sitzenbleiben. Rahel zeigt mir die R�ume. Meine Augen suchen nach den Ritzen, den Gespr�chen, den Gef�hlen, dem Lachen, dem Weinen, nach allem, was sich dort versteckt h�lt. Danach verabschiede ich mich, verspreche wieder zu kommen.<br />
<br />
Mitten im Wald steige ich aus, knalle die Autot�r zu. Ich gehe los, tr�nennass, muss nur dem Eulenruf folgen, nach der Weltenesche, nach Yggdrasil suchen und den W�lfen vertrauen. <br />
<br />
<br />
<b><i>W�rter: Riegel, Wald, Moos, G�rtel, Messe</i></b></div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?40-W�rterb�rse">W�rterb�rse</category>
			<dc:creator>Isegrims</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63325-Durch-den-Eulenwald-nach-Hause</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Box</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63324-Box&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sat, 30 Jun 2018 21:54:07 GMT</pubDate>
			<description>Er wacht auf, zusammengekauert im Dunkeln. Wo ist er? Er wei� es nicht. Es macht keinen Unterschied, ob er die Augen offen oder geschlossen hat. Z�gerlich hebt er seine Arme und tastet sein Gesicht ab, es ist nichts Ungew�hnliches zu sp�ren. Keine Binde oder Schmerzen, er findet keinen Grund f�r...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Er wacht auf, zusammengekauert im Dunkeln. Wo ist er? Er wei� es nicht. Es macht keinen Unterschied, ob er die Augen offen oder geschlossen hat. Z�gerlich hebt er seine Arme und tastet sein Gesicht ab, es ist nichts Ungew�hnliches zu sp�ren. Keine Binde oder Schmerzen, er findet keinen Grund f�r die Dunkelheit um ihn herum. <br />
Seine Augen k�nnen ihm aus irgendeinem Grund nicht helfen sich zu orientieren, deswegen versucht er Hilfe zu rufen. Zuerst kommt nur ein Kr�chzer aus seinem Mund, denn seine Kehle ist zu trocken; nach dem R�uspern funktioniert es aber. Er spricht ins Dunkle, dann ruft er, am Ende schreit er fast. Niemand antwortet. <br />
Was er aber h�ren konnte ist, dass der Raum nicht besonders weitl�ufig ist, kein Schall. Aber das h�tte er sich auch vorher denken k�nnen.<br />
Sein Kopf, der als er aufgewacht ist, noch zwischen seinen Beinen hing, befindet sich nun an der Wand hinter ihm gelehnt. Der R�cken dr�ckt schon die ganze Zeit dagegen. Seine Beine kann er auch nicht ausstrecken, aber er muss sie auch nicht unangenehm anwinkeln. Auch seine Arme kann er nicht komplett zu den Seiten ausbreiten.<br />
Bei dem Versuch dessen sp�rt er nur die harten mit stoff�berzogenen W�nde und die Enge. Wieder beginnt er zu schreien. keine Antwort. Mit aller Kraft versucht er die Wand an seinen F��en wegzudr�cken, aber sie gibt nicht nach, zeigt keine Reaktion. Also f�hlt er nach oben, und dort ist nichts. <br />
St�hnend mit verkrampften Muskeln richtet er sich auf, um seinen Armen eine gr��ere Reichweite zu bieten. Weit kommen sie aber jetzt, wo er steht, nicht mehr. Die Box endet kurz nach seinem Kopf, vielleicht noch zehn Zentimeter ist dar�ber Platz, aber auch an der Decke l�sst sich nichts au�er dem kratzigen Wandbelag finden. Wieder stemmt er sich gegen eine der nicht nachgebenden W�nde, die �ber ihm. Dann tastet er seine Umgebung ab, was sich als ergebnisreicher herausstellt.<br />
Schon bei dem ersten Griff auf Kopfh�he st��t er gegen einen metallkalten Kasten, der leicht aus der Wand heraussteht. Durch weitere Griffe erf�hrt er von den anderen K�sten, die sich an jeder Wand auf Kopfh�he befinden. Eilig macht er sich an einem zu schaffen, tastet ihn genau ab. <br />
In der Mitte des Kastens befindet sich eine Einbuchtung, mit der er das Metall nach zwei Seiten auseinander schieben kann. Der Kasten ist nicht dick, ist mehr eine Platte, angebracht um das dahinterliegende Fenster zu verdecken, was er bemerkt, als er die Teile zur Seite schiebt. In einem Fenster sieht er seine Rettung. <br />
Erwartungsvoll, auf eine L�sung der Situation hoffend blickt er durch das runde Fenster mit den dicken, leicht verzerrenden Gl�sern. Im ersten Moment der �ffnung kann er gar nichts sehen, denn durch das Fenster f�llt Licht, so dass er seinen Augen zuerst die Dunkelheit entw�hnen musste, bevor sie etwas wahrnehmen k�nnen.<br />
<br />
Hinter dem Fenster befindet sich ein gro�er Raum, so hoch, dass das Licht der Kerzen, welches ihn blendete, nicht zur Decke reichen kann. Die W�nde und S�ulen aus Stein verschwinden einfach in der Dunkelheit. Auch das Ende des Raums verschwindet im Dunkeln. <br />
Nur eine Erh�hung in der Mitte strahlt durch die kleinen Flammen hell, verst�rkt wird diese Helligkeit noch durch die Reflektion der goldenen Gegenst�nde. Die Altar �hnliche Erh�hung ist �bersch�ttet mit goldenen M�nzen, Bechern, R�stungsteilen und Schmuck. Zus�tzlich zu dem Schatz im Mittelpunkt, sind auch in den dunkleren Teilen des Raums kleine H�gel, aus �hnlichen Gegenst�nden bestehend, verteilt. <br />
Aber diese interessieren ihn weniger. Er hofft durch das Fenster einen Menschen zu sehen, einen der ihn rausholt und ihm alles erkl�rt, aber niemand ist zu sehen. Also klopft und ruft er, obwohl er unsicher ist, ob jemand in H�rweite ist, oder der Schall �berhaupt aus seiner Box ausbrechen kann.<br />
<br />
Eine ganze Weile schaut er noch in den flackernden, blinkenden und doch dunklen Raum, dann wendet er sich einer anderen Metallabdeckung zu. Sie l�sst sich nicht �ffnen. Schnell probiert er die �brigen beiden aus, aber auch sie sind verschlossen, auch durch Schlagen und Dr�cken nicht zu �ffnen. <br />
Verzweifelt sinkt er zur�ck auf den Boden und wartet, bis er die L�sung gefunden hat. Er denkt nach, versucht sich zu erinnern und nach ein paar Minuten kommt sie ihm; er steht auf und schlie�t die erste Abdeckung. Danach ist es ihm m�glich die N�chste zu �ffnen.<br />
<br />
Er w�hlt seine linke Seite aus und muss sich sehr �ber das Bild, das sich ihm bietet, wundern. Pl�tzlich befindet er sich im Wasser, oder zumindest die Box. Er selbst merkt nichts vom Wasser, er sieht es nur. <br />
Vor ihm erstreckt sich ein Meer und wie auch der Raum davor verliert es sich im Dunkeln, nur das er diesesmal nicht die Lichtquelle feststellen kann. Das Wetter ist schlecht, manchmal blitzt es und das Meer ist aufgew�hlt, aber obwohl er sich nur knapp �ber dem Wasser befindet, wird das Fenster nicht nass. Kein Tropfen f�llt auf das dicke Glas und erschwert ihm die Sicht. <br />
Wieder kann er keine Hilfe entdecken, aber etwas anderes macht ihm trotzdem Hoffnung: durch das Fenster dringen Ger�usche. Er h�rt ged�mpft das Schlagen der Wellen, den Donner, der auf den Blitz folgt. Diese neue Information l�sst ihn wieder klopfen und rufen, in der Hoffnung, dass au�erhalb seines Blickfeldes ein Mensch ist. Auch hier wird durch den L�rm nichts ausgel�st. Statt weiter zu klopfen, schaut er also in die Ferne. <br />
Fast zu finster um es zu erkennen, sieht er dort zwei Wasserf�lle. Sie scheinen wie die S�ulen aus dem vorherigen Raum aus dem Nichts zu kommen, denn wie genau er auch hinschaut, er kann keine Quelle, nichts von dem das Wasser fallen k�nnte, feststellen. Es ist nur da und f�llt in zwei Str�men runter, in das Meer wo es wei�en Schaum produzierend aufkommt. Die �hnlichkeit, der Wasserf�lle, mit den S�ulen, bringt ihm eine andere Erinnerung zur�ck.<br />
<br />
Er schlie�t das Fenster zum Meer und �ffnet das zum vorherigen Raum um sie sich zu best�tigen. Es stimmt. Durch das Fenster blickt er mehrere Meter hinab. Der kerzenbeschienene Raum muss sich unter dem Meeresspiegel befinden. Ihm f�llt ein, dass ihm dieses Wissen nicht weiterhilft und er nicht mehr dar�ber nachdenken sollte. <br />
Stattdessen legt er seinen Kopf an die, zur Seite geschobenen, Teile der Abdeckung und versucht in die Ecken des Raums zu sp�hen, welche man von vorne nicht sehen kann. Am Ohr f�hlt sich das Metall noch k�lter an, als an seinen Fingern. Es bringt ihm aber keinen Erfolg, wenn er nicht direkt von vorne durch das Glas schaut, dann wird das Bild so stark verzerrt, dass man nichts mehr erkennen kann. Auch von der anderen Seite, von oben (Er klemmt seine Beine ein, um Oberhalb des Fensters zu sein), von unten. Nirgends kann er etwas erkennen. Entt�uscht schlie�t er es und wendet sich an das Fenster zu seiner rechten Seite.<br />
<br />
Wieder ist es ein hoher Raum mit S�ulen, nur ist er dieses Mal hell ausgeleuchtet und voller Menschen. Sofort f�ngt er an zu rufen. Mit den H�nden an den Seiten st�tzend schreit er das Fenster an. Um Hilfe schreit er, kn�chelschmerzend klopft er. Keiner der Menschen im Saal beachtet ihn, alle schauen nur zu einer Erh�hung des Bodens, dem Altar im anderen Raum �hnlich. <br />
Darauf steht ein Thron; auf ihm sitzt ein junger Mann, welcher der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ist. Au�erdem ist der Mann der Einzige, der in Richtung der Box schaut, aber nicht nach dort oben, wo der Gefangene durch das Fenster auf die Menge schaut, sondern nur �ber die K�pfe der Anwesenden hinweg in die Leere. In der Box kann man kein Ger�usch vernehmen, aber er ist sich sicher, dass es an der Ger�uschlosigkeit im Saal liegt und nicht an einer besseren Isolierung des Fensters. Eine Frau l�uft durch die Menge. Obwohl der Saal voll ist und die Menschen dicht an dicht stehen, gibt es keinerlei Bewegung, um ihr Platz zu machen, trotzdem geht sie geradewegs auf den Thron zu, ohne von einem der stillen Leiber ber�hrt zu werden. Sie tritt aus der Menge heraus, auf die Stufen der Erh�hung, ihr wei�es Kleid hat die gleichen blauen Verzierungen, wie die Banner, die auf der H�he der Box von der Decke hinab h�ngen. In den erhobenen H�nden h�lt sie eine silberne Krone. Sie steigt die Stufen empor, auf halbem Weg beginnt sie zu singen. Dass sie singt, kann er h�ren, was sie singt nicht. Ihre Stimme wird von dem Fenster zu sehr abgehalten um verst�ndlich zu sein, aber trotzdem kann er h�ren, dass die Stimme unnat�rlich tief und raumerfassend ist. Der Mann, der scheinbar gekr�nt werden soll, hat sich in seinem Thron so aufrecht wie m�glich hingesetzt, selbst aus der Ferne kann man seine Anspannung erkennen. Die Frau hat sich inzwischen hinter ihm aufgestellt, die Krone �ber seinem Kopf erhoben, und f�hrt das Singen fort. Je l�nger sie dort steht, desto schneller wird das Tempo des Gesangs. Sie wird auch lauter, aber er kann den Inhalt des Gesangs immer noch nicht verstehen. Auf einmal h�rt sie auf zu singen. Einige angespannte Sekunden regt sich nichts im Saal. Gerade, als er sich dem letzten Fenster zuwenden will, hebt der Mann im Thron seinen rechten Fu� und stampft einmal auf. Daraufhin beginnen alle Anwesenden, au�er der S�ngerin, zu stampfen, zuerst langsam, dann schneller, w�hrend sie die Krone mit einer gleichm��igen Bewegung hinabsenkt. Als die Krone den Kopf ber�hrt, verl�sst der Takt die Menge. Es ist nur noch ein wildes lautes Auftreten zu h�ren, manche springen auf und ab. <br />
Die Frau geht, nachdem die Krone fest sitzt, die Stufen hinab und verschwindet in der tobenden Menge, w�hrend der neugekr�nte K�nig seine Anspannung verliert. Er sinkt zur�ck und legt seine Beine �bereinander. Ein triumphierendes L�cheln ist zu sehen, als er die stampfenden Menschen betrachtet. Nachdem der K�nig seinen Blick durch den Saal hat schweifen lassen, macht er eine abrupte Bewegung mit der Hand. Augenblicklich ist der Saal still. Ein paar Worte werden von ihm gesagt, aber auch die k�nnen in der Box nicht verstanden werden. Auf seine Worte hin, tritt ein alter Mann mit langem Bart hervor, sagt etwas und verschwindet nach weiteren Worten des K�nigs wieder. Dieses Spiel wiederholt sich nun. Jemand tritt hervor, bekommt ein paar Worte oder eine eindeutige Handbewegung als Antwort, und veschwindet. <br />
Die vortragenden Menschen sind alle sehr verschieden: mal ist es einer, wie der Alte, der nicht mehr viele Worte sagen wird; mal ist es ein kleines Kind, das gerade erst seine Sprache vervollst�ndigt hat; dann sprechen dicke, reich mit Schmuck behangene Menschen; und Menschen, deren Fetzen kaum die hervorstehenden Knochen verdecken k�nnen; manchmal auch ein Soldat, mit einer eisernen Brustplatte oder einer mit Orden besetzten Uniform aus Stoff. Obwohl er den Vorgang konzentriert durch das Fenster beobachtet, kann er keine Ordnung im Auftritt erkennen. Trotzdem gibt es kein Gedr�nge, einer nach dem anderen wird aus der Menge gespuckt, dann wieder zur�ckgenommen, ohne sich mit jemanden um seinen Platz streiten zu m�ssen. Sie alle werden von dem Herrscher in der gleichen herablassenden Art behandelt und verbeugen sich so tief wie sie k�nnen, nachdem sie die Antwort erhalten haben. <br />
<br />
Der Anblick des immergleichen hilft ihm in seiner Situation nicht, deswegen will er sich dem n�chsten Fenster zuwenden. Aber nachdem er den Blick in den Saal verschlossen hat, dreht er sich, wegen der Dunkelheit zur Orientierungslosigkeit verdammt, zur falschen Seite und schaut wieder in den dunklen, goldbedeckten Raum. <br />
<br />
In dem Moment, in dem er hineinblickt und realisiert, er hat das falsche Fenster ge�ffnet, geschieht etwas, dass seine Aufmerksamkeit trotzdem fesselt. Aus dem Gold auf dem Altar, erhebt sich eine Person, die er vorher nicht sehen konnte, da sie komplett mit Reicht�mern bedeckt gewesen ist. Langsam wechselt die Person aus ihrer liegenden Position, in eine Kniende und sch�ttelt das Gold ab, das auf ihrem K�rper lag. Mit gesenktem Kopf und dem R�cken zur Box sitzt sie dort und bewegt sich nicht. <br />
<br />
Unbeeindruckt von dem vorangegangenen Schauspiel und ohne Erwartungen, dass noch etwas passiert, wechselt er das Fenster zu dem eigentlich Gewollten, in der Hoffnung, eine Person zu sehen, die so wirkt als k�nnte sie auf sein Klopfen reagieren.<br />
<br />
Dort ist er wieder ratlos. Durch das Fenster sieht er nur eine mit wenigen Grasb�scheln bewachsene Matschfl�che. Mehr kann er nicht sehen, weil alles hinter ein paar Metern durch einen orangefarbenen Nebel verdeckt ist. W�rde er sich, wie in den anderen R�umen, weit �ber dem Boden befinden, dann w�re er komplett in dem Nebel gefangen und k�nnte noch nicht mal den toten Matsch sehen. Hier befindet er sich knapp �ber dem Matsch. Im Nebel erscheinen immer wieder dunkle Stellen, aber ob es wirklich Objekte sind, oder nur durch Luftstr�me entstandene Flecken, ist nicht zu erkennen. Immer wenn er kurz davor ist etwas zu sehen, schiebt sich neuer Nebel �ber den Fleck und f�rbt ihn wieder orange. Er schaut so konzentriert, dass er zuerst gar nicht merkt, wie sein Atem die Scheibe beschl�gt und ihm die Sicht weiter verschlechtert. Als es ihm auff�llt, beschlie�t er, dass er genug Zeit damit verbracht hat in ein orangenes Wabern zu schauen.<br />
<br />
Er wechselt zur�ck in den Thronsaal, wo das Vorsprechen zu seinem H�hepunkt gekommen ist. Ein uniformierter Mann steht auf der untersten Stufe vor dem Thron und beendet mit hoch erhobenen Kopf seine Rede. Der K�nig erhebt sich daraufhin und antwortet, mit einer Stimme, der man den Zorn anmerken kann. Danach setzt er sich hin, l�sst aber die dadurch entstandene Stille durch eine wegwerfenden Handbewegung beenden. Ein Soldat kommt aus der Menge hervor, zieht seinen Dolch, st��t ihn dem Mann in den Bauch und l�sst den Sterbenden vor dem Thron fallen.<br />
Geschockt zieht der Beobachtende in der Box den Kopf zur�ck, f�hlt sich aber nach einem tiefen Durchatmen sicher genug, um doch weiter die Vorg�nge im Saal zu beobachten. Der Anblick, des verblutenden Mannes verursacht ihm �belkeit, trotzdem zwingt er sich weiter zu zuschauen. <br />
Wieder steht der K�nig und spricht. Noch w�hrend der Rede zieht der Soldat, der zugestochen hat, die S�ngerin aus der Menge. Auch sie spricht, so laut und furchteinfl��end in die Richtung des K�nigs, dass seine Rede kaum noch wahrnehmbar ist. Gegen den Griff an ihrem Oberarm wehrt sie sich nicht, im gleichen Tempo l�uft sie neben dem Bewaffneten lang. Die sonst so ruhige Menge bewegt sich, eine Gasse entsteht, die sich kurz vor dem Soldaten und seiner Gefangenen �ffnet, sich danach verschlie�t und die Menge unver�ndert hinterl�sst. Am Thron angekommen wird die S�ngerin, nach ein paar direkt in ihre Richtung gesprochenen Worte des K�nigs, wieder unter einer Gassenbildung weggezerrt, in Richtung der Box. Mit zugekniffenen Augen blickt der K�nig der Ausf�hrung seiner Befehle nach, dann scheint er sich anders zu entscheiden. Er ruft dem Soldaten etwas zu, woraufhin dieser stehenbleibt. <br />
Auch wenn er nur durch das Fenster die Prozedur beobachten kann, ist der Unbeteiligte in der Box trotzdem gespannt, was geschieht. <br />
Er h�rt die beginnende Rede des K�nigs, zwar kann er nicht verstehen, was dieser sagt, aber er merkt, wie die Menschen bei jedem Wort unruhiger werden. Der ganze Saal ger�t in Bewegung, sie drehen sich zu ihren Nachbarn und fl�stern, sie bewegen sich und rempeln sich an, sie strecken sich, um mehr zu sehen. Er blickt vom K�nig, der mit einem triumphierenden L�cheln seine Rede beendet hat, zu der S�ngerin, die trotz ihrer scheinbar verschlechterten Situation aufrecht dasteht und ebenfalls zu l�cheln beginnt. Der K�nig sieht h�hnisch zu ihr, sein Blick verr�t, dass er eine Antwort auf seine Schandtat verlangt. Sie sagt nur ein Wort, leise, ein Fl�stern. Es wird durch das Fenster abgehalten, er kann nur die Mundbewegung sehen, aber jeder im Saal hat es geh�rt. <br />
Die Menschen verlieren ihre Aufgeregtheit, sie werden wieder zur Menge. Der K�nig wird bleich und versucht schreiend Befehle zu erteilen, aber bis auf den Soldaten, der die S�ngerin gepackt h�lt, versucht niemand sie zu befolgen. Aber auch dieser wird, bevor er seinen Dolch ziehen kann, von der stummen Menge ergriffen, in ihre Mitte  gezogen und darin begraben. Die S�ngerin verschwindet auch in ihr, ist nicht mehr zu sehen. Langsam schwappt die Menge vorw�rts, die Stufen hinauf auf den K�nig zu. Der schreit zuerst seine Befehle, dann vor Angst; dann, als die Menge ihn erreicht, �berschwemmt, unter sich begr�bt, h�rt man nur noch seine Schmerzensschreie. Aber auch die verstummen schnell und jetzt herrscht wieder Stille im Raum.<br />
Langsam zieht sich die Menge vom Thron zur�ck, dabei nimmt sie alles mit sich, was nicht dort hingeh�rt. Die Leichen, und selbst die durch den Mord enstandene Blutlache ist fort. Wie zu Beginn der Szene stehen alle in dem hellen Saal um den Thron rum, nur das er jetzt leer ist. Ein M�dchen von vielleicht zehn Jahren l�st sich aus der Menge, l�uft auf den Thron zu und l�sst sich darauf nieder. Die Menge und das M�dchen warten<br />
<br />
Er st��t sich vom Fenster ab und zieht die Klappe zu. Was hat dieses Spektakel mit ihm zu tun? Wieder fragt er sich, was das f�r ein Ort ist, aber nur im Dunklen stehend, erwartet ihn keine Antwort. Also zieht er eine Abdeckung zur Seite, irgend eine, ohne genau dar�ber nachzudenken. Dahinter liegt der orangene Nebel.<br />
<br />
Diesmal kann man mehr im Nebel erkennen, denn er hat sich ein wenig gelichtet. Das was vorher schwarze Flecken waren, ist ein dunkles Geb�ude, aus dem gro�e Schornsteine herausragen, die den Nebel, der sich jetzt als Rauch herausstellt, aussto�en. Au�erdem sieht er, trotz des stetig dazu kommenden Rauchs, dass es eine Fabrik ist, denn die Au�enw�nde sind voller Leitungen und arbeitender, grober Maschinen. Das Rufen und Klopfen hat er l�ngst aufgegeben; wenn ihn in einer Menschenmenge niemand bemerkt, dann wird es auch an diesem einsamen Ort keiner, denn au�er der Fabrik ist nichts zu sehen. Au�er den einzelnen Grasb�scheln gibt es noch nicht mal Pflanzen. Er verharrt mit einem starren Blick in dieser trostlosen, stummen Welt bis der Rauch wieder zu dicht ist um das ewige Arbeiten der Fabrik zu beobachten.<br />
<br />
Dann schlie�t er das Fenster, nachdem er sich orientiert hat, um das Fenster zu der betenden Person zu �ffnen.<br />
Dort hat sich in seiner Abwesenheit etwas getan. Ein glitzernder Lichtstrahl kommt aus der Dunkelheit hervor und f�llt auf den Altar, dorthin wo vorher die Person gebetet hat. jetzt schwebt sie mit weit ge�ffneten Armen und erhobenen Kopf in mehreren Metern H�he �ber dem Altar, etwa auf der Ebene der Box. Innerhalb dieser, kann er trotzdem nur den R�cken sehen, das Gesicht ist der gegen�berliegenden Seite zugewandt. Die Person zeigt ihr Gesicht nicht, sondern steigt immer h�her und verschwindet so aus seinem Blickfeld. Er wartet auf ihre Wiederkehr, ist sich aber nicht sicher, ob sie nochmals erscheinen wird. Aber er muss nicht lange ausharren: kurz darauf sinkt sie wieder ab, aber viel n�her an der Box dran, als er es erwartet h�tte. Zuerst sieht er nur das wei�e Gewand, dann aber auch das erschreckende Gesicht. Die Person ist tot, sie hat eine leichenblasse Haut und graue tote Augen. Diese sind auf ihn gerichtet, nicht nur in seine Richtung, nicht auf die Box. Sie schauen ihm ins Gesicht, in seine Augen. Das Gesicht des Toten kommt immer n�her; so nahe, dass es sein ganzes Blickfeld bedeckt, und n�her. Er weicht zur�ck bis sein R�cken an die Wand hinter ihm st��t und er sich dagegen presst, weiter kann er nicht zur�ck. Die Person kann n�her kommen. Sie ist schon so nahe, dass ihr Gesicht das Fenster komplett verdeckt, so dass kein Licht in die Box kommt. Einen Moment lang bleibt es dunkel, eine Dunkelheit, die ihn trotzdem die toten Augen sehen l�sst. Dann ist die Person verschwunden, so als w�re sie einfach durch die Box, durch ihn, hindurch geschwebt. <br />
<br />
Er st�rzt auf die Abdeckung zu und knallt, ohne einen Blick in den jetzt leeren Raum zu werfen, die beiden Seiten zusammen. Zitternd sinkt er auf den Boden und umf�sst seine Knie, versucht die Schreckenstr�nen zur�ckzuhalten. Eine Klappe, die er zuerst nicht zuordnen kann, �ffnet sich von allein. Sofort danach wei� er, welche es ist, denn kaltes Wasser flie�t in einem starken Strahl in die Box. In der Zwischenzeit ist anscheinend der Meeresspiegel gestiegen. Er springt auf und zwingt seine Hand gegen den Wasserstrahl um durch die �ffnung zu fassen, aber aber seine Finger sto�en nur auf das Glas des Fensters. Dann r�ttelt er gewaltsam an den Abdeckungen. Sie lassen sich nicht mehr bewegen. Also bleibt ihm nur, das Fenster mit seinen H�nden abzudecken. Verzweifelt tastet er es nach dem Loch ab, nur kann er keines finden. Das Wasser str�mt durch das Glas zu ihm hinein, und reicht ihm schon bis zur H�fte. Durch seine Finger st�mt es, er kann nur noch seinen Kopf hochhalten, was ihm auch nur f�r einen Augenblick die Luft sichert. Dann ist er komplett unter Wasser, tritt um sich, schl�gt gegen die W�nde, und ertrinkt.<br />
<br />
Nach einer Weile, in der sein K�rper im ruhigen Wasser trieb, wird der Boden der Box zur Seite geschoben. Mit einem gro�en Schwall Wasser f�llt die Leiche runter. Sie, die Leiche, in ein Netz. Das Wasser verschwindet in einer Rinne unter dem Netz. Ein dicke Frau zieht laut fluchend die Leiche aus dem Gewirr, wobei sie unsanft an dem Arm zerrt, den das Netz umklammert h�lt. Danach wiederholt sie das Ganze an den Fangnetzen, die alle in einer Reihe unter schwarzen, menschgro�en Boxen aufgespannt sind. Die Schubkarre, wie die Frau, ist sehr gro�. Problemlos passen die K�rper dort rein, genauso problemlos werden sie von der Frau angehoben, sobald sie aus dem Netz befreit sind. Nicht in jedem Netz liegt ein Toter, nur wenige sind gef�llt. Die Frau geht langsam den Korridor entlang; Ger�usche, die aus manchen Boxen kommen ignoriert sie. Nur die gef�llten Netze bekommen ihre Beachtung. Aus einem zieht sie einen kleinen, hustenden Jungen. Dieser wird trotz seiner Lebendigkeit zu den Leichen gelegt; getrennt werden sie erst in einem anderen Bereich. <br />
Am Ende des Korridors �ffnet sich auf ein Grunzen der Frau hin die T�r, woraufhin die Stille von einem ohrenbet�ubenden Rattern, Zischen und Pfeifen durchbrochen wird. Die Frau zeigt auch auf diese Ger�usche keine Reaktion, sie l�uft ohne zu z�gern in den Raum. In diesem Bereich stehen lauter Gro�e Maschinen, die nicht nur den L�rm, sondern auch orangenen Dampf produzieren. �ber den Maschinen laufen Rohre, die zur Dampfentsorgung vorgesehen sind, in die Decke, trotzdem quillt er aus jeder Maschine hervor. Auch von den Wolken, die der Dicken bei fast jeder Maschine in das Gesicht geblasen werden, l�sst sie sich nicht abhalten. Sie l�uft bis an das Ende, wo eine Klappe in der Wand auf den, f�lschlicherweise noch lebenden, Jungen wartet. Sie zieht die Klappe auf, steckt den Jungen kopf�ber rein und schl�gt sie wieder zu. Dann kann sie sich wieder ihrer normalen Arbeit widmen. Ohne nachdenken zu m�ssen, steckt sie die Leichen in Rohre, durch die sie in die Maschinen rutschen. Nach jeder Leiche zischt die Maschine laut auf und mehr Dampf kommt durch die Ritzen geschossen. In manche Rohre werden Mehrere gesteckt, in andere nur Einer, in viele Garkeiner. Als der Karren wieder leer ist, l�sst sie grunzend die T�r aufgehen und geht zur�ck zu den Netzen.<br />
<br />
Er schl�gt die Augen wieder auf und holt tief Luft. Mit einem bleischweren K�rper an den Boden gefesselt, liegt er in einem neuen Raum, am Ende der dampfenden Maschinen auf dem Boden. Ein Mann im Blaumann kommt, klopft ihn ab und hilft ihm dann auf. Ihm wird von einem weiteren Arbeiter neue Kleidung gereicht. Danach gehen die Beiden zu der n�chsten ehemaligen Leiche und wiederholen das Ganze. Die alte Kleidung, die nur noch in Fetzen von ihm runterh�ngt zieht er ohne Scham komplett aus und wirft sie auf einen Stapel, der nur aus solchen Fetzen besteht. Beim Anziehen einer altmodisch aussehenden Arbeiteruniform, merkt er wie sein K�rper sich der Kleidung anpasst. Er wird gr��er und kr�ftiger, die ganze Schw�che der letzten Stunden f�llt von ihm ab. Wieder lebendig und in trockener Kleidung l�uft er durch die verrauchte Fabrik, folgt Markierungen entlang. <br />
Hinter einem dreckigen Vorhang beginnt ein schicker, mit Teppich belegter Korridor. Alles begutachtend geht er hindurch. An den W�nden h�ngen Bilder, deren Motiv er, nachdem er sich einem anderen zuwendet, sofort wieder vergisst. Auf Hockern stehen Vasen, in denen vertrocknete und lebendige Blumen stehen. Auch T�ren sind in dem Korridor, aber er wei�, dass er sie nicht betreten sondern bis zum Ende laufen muss. Bis zu der riesigen, reich verzierten T�r. <br />
Er schl�gt die eine Seite der T�r auf und l�sst sich von der Menge verschlucken, die im Saal schon auf ihn gewartet hat. Sie warten auf ihn, auf andere, auf alles. Als er dran ist, tritt er aus der Menge heraus, vor den Thron, und legt sein Anliegen dar. Die kleine K�nigin h�rt mit konzentrierter Miene zu, antwortet ihm in ein paar S�tzen und nickt, als er sich zum Abschied tief verbeugt, mit dem Kopf. Er ist fertig, jetzt kann er komplett mit der Menge verschmelzen.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>DrRododendron</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63324-Box</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Burgverteidigung</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63321-Burgverteidigung&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sat, 30 Jun 2018 13:14:46 GMT</pubDate>
			<description>Donner dr�hnte, als die Steinbrocken einschlugen. Die schwerf�lligen Katapulte wurden bereits seit Wochen gelagert, ehe sie die Festung einzurei�en drohten. Jetzt zermalmten sie Dorfbewohner und Soldaten. Brennende Fackeln und Pfeile erhellten die Nacht und sorgten f�r schwere, ru�ige Luft. Der mit...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Donner dr�hnte, als die Steinbrocken einschlugen. Die schwerf�lligen Katapulte wurden bereits seit Wochen gelagert, ehe sie die Festung einzurei�en drohten. Jetzt zermalmten sie Dorfbewohner und Soldaten. Brennende Fackeln und Pfeile erhellten die Nacht und sorgten f�r schwere, ru�ige Luft. Der mit Stroh ausgelegte Stall stand in Flammen und Menschen rannten panisch umher, um Wasser aus dem Brunnen zu holen.<br />
<br />
Er stand auf dem westlichen Wachturm und verschanzte sich hinter einer der Zinnen. Als er die Lage ersp�hte, zischte ein Pfeil an ihm vorbei und schnitt sein b�rtiges Gesicht. Holdemir w�re in die Tiefe gest�rzt, h�tte Thorades ihn nicht aufgefangen. Dankbar, mit aufgerissenen Augen, packte er Thorades an den Schultern, sch�ttelte ihn und sprach:<br />
&#8222;Thorades, alter Freund. Erneut hast du mich gerettet. Ohne dich w�rde ich l�ngst nicht mehr auf der Erde wandeln!&#8220;<br />
&#8222;Erz�hl keinen Mist! Ich lasse dich nicht im Stich. Au�erdem ist deine Hilfe mehr vonn�ten als jemals zuvor! Diese dreckigen Hunde werden nicht eher lernen, uns in Frieden zu lassen, ehe wir sie alle in die H�lle schicken.&#8220;<br />
&#8222;Ja, du hast recht. Lass uns diese Schweine auf die Schlachtbank schicken!&#8220;<br />
<br />
Das Schwingen der Pfeilbogen surrte von beiden Seiten. Die Barbaren gr�lten fremdartige Kampflieder und schienen Stunde um Stunde, entschlossener zu werden. Von den T�rmen konnte man die Scharen beobachten, die sich wie wilde Tiere gegenseitig anstachelten und der Klang ihrer Waffen, die sie gegen ihre Schilde schlugen, erscholl im ganzen Tal. Dieses Bild jener gottlosen Wilden lie� Holdemirs Haupt senken. Wusste er doch, dass die demotivierten Soldaten seiner Burg diesen Kreaturen nicht standhalten werden. <br />
<br />
&#8222;Bist du sicher, dass Voldariel noch kommt?&#8220;, rief ihm Thorades im Rennen zu. <br />
&#8222;Nat�rlich. Noch nie hat er uns im Stich gelassen. Die Unwetter der letzten Tage und Wochen werden ihm zu schaffen machen&#8220;, antwortete Holdemir. <br />
&#8222;In Gottes Namen, hoffentlich beh�ltst du recht!&#8220;<br />
<br />
Holdemir und sein Begleiter rannten auf dem Wall hin�ber zum s�dlichen Turm, um die dortigen Truppen zu unterst�tzen. Einer Gruppe dieser Wilden gelang es, einen h�lzernen Turm auf R�dern bis an die steinerne Mauer zu bewegen. Von dort aus versuchten sich die Ungl�ubigen, einen Weg in die Burg zu verschaffen. Die Katapulte zielten mittlerweile nur noch auf die westliche Seite der Burg, wobei vereinzelte Brocken ihre Richtung verfehlten, gro�e L�cher in die Erde schlugen und eigene Krieger darunter vergruben. Innerhalb der Burg herrschte Panik. Angsterf�llte Schreie der wild umherirrenden Dorfbewohner rissen blutige Wunden in Holdemirs Herz. <br />
<br />
W�hrend die Barbarengruppen dem Holzturm entgegenrannten, schossen Bogensch�tzen von den Mauern Pfeilsalven auf die Angreifer. Ein Pfeil traf einen gro�en, glatzk�pfigen H�nen zwischen den Augen und bohrte sich seinen Weg durch dessen Kopf. Jeder Tod der eigenen Krieger, spornte die Feinde jedoch nur mehr an. Als die ersten Angreifer oben angelangten und auf die Oberfl�che der Mauer trafen, wurden sie von Pfeilen aus Nahdistanz durchsiebt. Aber schon bald waren sie in der �berzahl und so klirrten Langschwerter auf h�lzerne Schilde und stumpfe �xte prallten auf verzierte R�stungen. Kampfgebr�ll und Todesschreie �bert�nten jedes andere Ger�usch. Die gehisste Flagge, das Wahrzeichen des Landes, das den Turm schm�ckte, wurde niedergerissen. <br />
<br />
Ein Katapultstein traf die Mitte des westlichen Turmes. Steine zerbarsten und schlugen etliche Soldaten und Dorfbewohner nieder. Ein Bild des Entsetzens offenbarte sich. Eine Mutter musste mit ansehen, wie ihr Kind vor ihren Augen begraben wurde. Bogensch�tzen st�rzten schreiend in die Tiefe. <br />
<br />
&#8222;Holdemir! Ich gehe zum Westturm und helfe unseren Leuten. Meine Hilfe wird dort ben�tigt&#8220;, schrie Thorades, nachdem er einen der Barbaren mit seinem Schwert enthauptete. <br />
&#8222;Gehe hin�ber und halte die Barriere! Ich verlasse mich auf dich!&#8220;<br />
<br />
Thorades rannte �ber die Mauer zum westlichen Turm, w�hrend Holdemir weiterhin den heranstr�menden Angreifern trotze und einen um den anderen niederstreckte. Von unten erschollen laute Schreie und Rufe, die einen gewissen Rhythmus erkennen lie�en. Sie formierten sich und st�rmten gezielt in zwei heraneilenden Str�men sowohl auf den eingeschlagenen Westturm sowie auf den h�lzernen Angriffsturm zu. Von innen preschten weitere Soldaten auf die Mauer, um Holdemirs Standpunkt zu halten. Doch es stand schlecht um das Verh�ltnis. Die Wilden waren eindeutig in �berzahl und die Moral der eigenen Truppen sank rapide. Holdemir war ein erfahrener Krieger und seit Jahren ungeschlagen im Zweikampf, doch er wurde m�de. In fr�heren Zeiten h�tte er diese Angreifer lange besch�ftigt, doch der Zahn der Zeit nagte an ihm. In einem Moment der Unachtsamkeit gelang es einem kleinen, drahtigem Krieger ihm ein Kurzschwert in die Rippen zu sto�en. In jenem Moment wurde der Angreifer von zwei Speeren Holdemirs Soldaten durchbohrt und von der Mauer getreten. Holdemir sank auf die Knie. Blut glitt durch seine H�nde.<br />
<br />
&#8222;Herr Holdemir! Herr Holdemir ist verwundet! Er muss zu einem Arzt!&#8220;, br�llte der hochgewachsene Soldat neben ihm. &#8222;Er ben�tigt sofort �rztliche Versorgung. Wir m�ssen ihn ins Lazarett bringen!&#8220;<br />
Zwei kr�ftige Krieger in edlen R�stungen legten Holdemirs Arme um ihre Schultern und st�tzten ihn in Richtung der nach unten f�hrenden Treppen. Die Schlacht tobte w�hrenddessen weiter an beiden Fronten. <br />
<br />
Obgleich Thorades mit dem Spalten von K�pfen besch�ftigt war, vernahm er die dringliche Lage, die sich um Holdemir ereignete. Atemlos verlie� er seinen Posten und eilte zu seinem Freund. In jenem Moment brachen die Angreifer �ber die Tr�mmer des Westturmes und metzelten die Verteidiger nieder. Sie machten kurzen Prozess und schlachteten alles ab, was ihren Weg kreuzte. Einem alter, humpelnder Mann, der sich in Sicherheit bringen wollte, wurden im Laufen die Kniekehlen durchgeschnitten. Anschlie�end fiel er zu Boden, kurz bevor sein R�cken mit einer Axt zerhackt wurde. <br />
<br />
Die Schlacht erschien nahezu besiegelt, als pl�tzlich vom S�dturm eine Horde Reiter gesichtet wurde. Die Armee hisste gro�e, wei�e Flaggen mit zwei gelben Drachen als Abzeichen.<br />
&#8222;Die Truppen Voldariels sind gekommen! Es gibt noch Hoffnung!&#8220;, rief einer der Turmposten.<br />
<br />
Als Holdemir das h�rte, riss er sich von seinen zwei Begleitern los, schnappte sich einen Speer der beiden, spurtete auf die Treppen zu und rannte nach oben, noch ehe Thorades ihn abzufangen vermochte. Daraufhin schrie er aus Leibeskr�ften und schwang den Speer wie ein Berserker um sich. Er t�tete 5 Barbaren, nahm die am Boden liegende Flagge und hisste sie hoch, nachdem er sie an seinem Speer befestigte. <br />
&#8222;Voldariel ist gekommen! Wir werden siegen! Lasst uns diese Schweine vernichten! Nieder mit diesen kulturlosen Wilden!&#8220;, br�llte er mit geschwollenen Halsschlagadern. Kurz darauf st�tzte er sich ab und hielt sich seine Wunde mit beiden Armen. Die �brigen Soldaten fassten neuen Mut, riefen laute Schlachtrufe und mobilisierten die restlichen Kraftreserven.<br />
<br />
Die Reiter, deren Markenzeichen die r�tlichen schimmernden R�stungen waren, sprengten auf den S�dturm zu und durchbrachen die feindliche Front. Von hoch oben auf ihren R�ssern, stie�en sie ihre Speere herab und spie�ten die Barbaren auf. Andere z�ckten ihre Langschwerter und rissen eine breite Schneise in die Reihen der Wilden. Sie schnitten K�pfe und Arme ab. Sie tr�nkten das Schlachtfeld mit rotem Blut und zeigten keine Gnade. Die Reiter teilten sich und eilten den Soldaten am Westtor zur Hilfe. Dort massakrierten sie ihre Widersacher und schm�ckten den Boden mit abgetrennten K�rperteilen. <br />
<br />
&#8222;Thorades, mein Freund. Du bist ab jetzt f�r dieses St�ck Land verantwortlich. Berichte dem K�nig von diesem Ereignis und k�mmere dich gut um unser Volk. Wir sehen uns im n�chsten Leben&#8220;, hauchte Holdemir seinem Freund zu, ehe zu Boden sank und seinen letzten Atemzug von sich gab.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Federkrieger</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63321-Burgverteidigung</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Doraldina</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63320-Doraldina&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 29 Jun 2018 21:48:04 GMT</pubDate>
			<description>Der Regen prasselte an die Frontscheibe des Autos, und die Scheibenwischer schoben das Wasser von einer Seite auf die andere. Ich sa� auf dem Beifahrersitz, neben mir mein Vater, der das Auto fuhr. Wir passierten den Kreisverkehr in Richtung Innenstadt, weiter vorbei am Taxistand und dem Bahnhof...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Der Regen prasselte an die Frontscheibe des Autos, und die Scheibenwischer schoben das Wasser von einer Seite auf die andere. Ich sa� auf dem Beifahrersitz, neben mir mein Vater, der das Auto fuhr. Wir passierten den Kreisverkehr in Richtung Innenstadt, weiter vorbei am Taxistand und dem Bahnhof mit seinem gro�en, an einen Park erinnernden Vorplatz, durch den Kreisverkehr in Richtung Polizei, �ber die Eisenbahnbr�cke, bis zu dem Ort, den wir erreichen wollten: den Friedhof. Auf der R�ckbank, schweigend, so wie wir, meine Mutter und Tante Kagelmann.<br />
Eigentlich war sie nicht meine Tante, sondern eher so etwas wie eine Ziehmutter, die auf meine Schwester aufgepasst hatte, wenn meine Mutter sich nicht von Arbeit frei machen konnte.<br />
Ich kannte Doraldina nicht anders, als so wie sie war. Das Schicksal hatte ihr einen Klumpfu� beschert, und sie konnte mit sechs Jahren nicht so gut laufen, wie ich mit zwei. Sie war vier Jahre �lter als ich. Zu diesem Zeitpunkt wurde wahrscheinlich allen bewusst: Doraldina`s Gehirn entwickelte sich nicht normal. Sie war geistig behindert. Ich hatte sie sehr lieb gehabt, und jetzt mussten wir sie beerdigen.<br />
Ich studiere in einer gro�en Stadt, mache etwas aus mir, wie man so sagt. Mein Vater, Bauingenieur in einer kleinen Firma, freute sich ma�los, als ich ihm vor drei Jahren erkl�rte, ich werde den gleichen Beruf ergreifen wie er. <br />
F�r mich ist es eine traurige R�ckkehr an den Ort meiner Kindheit, den ich, beengt und kleinb�rgerlich wie er ist, hinter mir zu lassen suchte. Jede der Stra�en dieser verschlafenen Kleinstadt erinnerte mich an Geschehnisse und Episoden, die ich erlebt habe. <br />
Die Menschen beeilten sich ins Trockene zu kommen. Obwohl es fast f�nf Wochen nicht geregnet hatte, und die trockene Erde nach Wasser zu schreien schien, wollte doch niemand in diesem Moment drau�en sein. Es war hei� gewesen in den letzten Tagen, so hei�, dass man nicht mehr wagte barfu� zu laufen, aus Angst sich die Fu�sohlen zu verbrennen. Als die ersten Tropfen auf den Asphalt klatschten, war die Temperatur j�h gefallen, und die Menschen fr�stelten in ihrer kurzen Sommerkleidung.<br />
Wegen des Regens war nicht viel Verkehr, und wir erreichten den Friedhof ohne l�ngere Pausen. Wie viele Menschen zur Beerdigung meiner Schwester kommen w�rden, konnten wir nur wage absch�tzen: Meine Eltern hatten in der hiesigen Tageszeitung inseriert und kaum pers�nlich Kontakt zu jemandem aufgenommen, mit Ausnahme von Tante Kagelmann. <br />
Nachdem wir aus dem Auto gestiegen waren, gingen wir den gepflegten Weg zur Kapelle. Tante Kagelmann holte ein P�ckchen Zigaretten aus der Handtasche und hielt es mir hin, sie wusste, dass ich manchmal rauchte. Danach nahm sie sich selbst eine Zigarette und z�ndete sie an. Wir folgten meinen Eltern in kurzem Abstand. Meine Mutter, die sich bisher tapfer gehalten hatte, sah Vater von der Seite an und fragte: � Warum war sie allein dort am Wasser? Warum hat sie uns nicht gesagt, dass sie an den See m�chte?� �Ich wei� nicht,� antwortete Vater, was ich ihm nicht ganz abnahm, weil jeder von uns wusste, wie gerne sich Doraldina am Wasser aufhielt. Als sie zehn, elf, zw�lf Jahre alt war, hatte sie in unz�hligen �bungsstunden ebenso hartn�ckig wie erfolglos versucht das Seepferdchen abzulegen. Irgendwann tat meinen Eltern aber das viele Geld leid, und sie bezahlten keine weiteren Stunden mehr. Meine Schwester war dar�ber sehr b�se gewesen, hatte tagelang nicht mit unseren Eltern gesprochen. �brig geblieben war ihr nur, sich zu f�gen. <br />
W�hrend ich mit Tante Kagelmann langsam und rauchend hinterher trottete, diskutieren sie weiter, und ich bekam mit, dass mein Vater w�tend wurde. �Herrgott Maritta, jetzt lass es gut sein, Dora war erwachsen. Sie wird sich nichts dabei gedacht haben, so dicht ans den Rand des Sees zu gehen, dass sie von den Felsen st�rzen k�nnte!� <br />
Ich hatte pl�tzlich ein ungutes Gef�hl, so etwas wie ein D�ja'-Vu, als mein Vater von Felsen und Rand des Wassers sprach. Was bedeutete das? Meine Erinnerungen blieben im Dunkeln, trotzdem glaubte ich, dass etwas Wichtiges aus der Vergangenheit sich Platz im Hier und Jetzt zu verschaffen suchte. <br />
Die Kapelle war sehr klein. Es hatten kaum mehr als drei�ig Leute darin Platz.  Vor einigen Jahren, als ich noch in der kleinen Stadt wohnte, hatte ich gelesen, sie w�re Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wieder errichtet worden, nachdem die alte Kapelle einem Feuer zum Opfer gefallen war. <br />
Als wir die T�r durchschritten, war der Regen in Nieseln �bergegangen. Man h�tte meinen k�nnen, es w�re November, nicht Juli.<br />
Ich sah den Sarg stehen, und ich f�hlte wie alles in mir in Aufruhr geriet. Oh Gott, was mache ich hier? Es konnte nicht stimmen, in dieser Kiste lag unm�glich Doraldina. Niemals! Meine liebe, g�tige Schwester, die mir unz�hlige Stoffbeutel mit ihrer kleinen N�hmaschine angefertigt hatte, die Bilder malte, deren Sinn nur sie verstand, und f�r die sie immer �ber die Ma�en gelobt werden wollte. Meine Augen fingen an zu brennen, und ich wusste, dass ich dem Schmerz nicht mehr lange w�rde standhalten k�nnen.<br />
Wir, ihre Familie, setzten uns in die erste Reihe, deshalb sah ich nicht wer alles zur Trauerfeier kam. Leise Musik spielte. Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem. <br />
Keine Ahnung wie lange wir schon sa�en, pl�tzlich kam der Pfarrer. Meine Eltern wollten ausdr�cklich ein christliches Begr�bnis, was ich nicht verstand, da wir nie in die Kirche gegangen waren, und ich mich auch nicht erinnern konnte, dass Doraldina damit was zu tun hatte. Aber wer wei�...<br />
Die Rede begann mit den Worten: �Liebe Familie, werte Trauernde, der Anlass unserer heutigen Zusammenkunft....�, ich h�rte nicht hin. Was sollte mir der Mann auch �ber sie sagen, was ich nicht schon wusste? Aber war es tats�chlich so? Wusste ich alles �ber meine Schwester? Der Pfarrer sprach von ihrer Liebe zum Wasser, von ihrem unb�ndigen Wunsch schwimmen zu lernen, von ihren Bildern und Stoffbeuteln, von den unz�hligen Operationen, die sie als Kind �ber sich ergehen lassen musste, um wenigstens halbwegs laufen zu k�nnen. Was wusste ich �ber sie? Dass sie mich besch�tzt hatte. Ja genau, jetzt erinnerte ich mich. Als ich klein war, wurde ich nachts oft von Alptr�umen geplagt. Einer kehrte immer wieder: Doraldina und ich gingen im nahegelegenen Wald spazieren, wie so oft. Allerdings bewegten wir uns sehr langsam, weil sie mit dem Klumpfu� nicht schnell laufen konnte und h�ufig Pausen brauchte. Der Wald erschien uns unheimlich und wir f�rchteten uns. Die B�ume, so schien es, fl�sterten miteinander. �ber uns. Ich griff Doraldinas Hand und wir gingen langsam weiter, nach allen Seiten sp�hend, dass sich nicht etwas B�ses n�herte, oder der Ast eines Baumes uns greifen wollte. Der Wald lichtete sich nach einer gef�hlten Ewigkeit, und wir kamen an eine Lichtung, auf der ein malerischer, von Felsen eingeschlossener See ruhte. Meine Schwester war gleich Feuer und Flamme und kletterte m�hsam auf einen gro�en, etwas �berh�ngenden Steinkoloss. Sie stand ganz still da, und ich beobachtete, wie sie die Luft einsog und wieder ausstie�. Sie drehte sich zu mir um, und sie sah mir in die Augen: �Frederik�, sprach sie, � dieser See ist das Tor in eine andere Welt.� Ich sah, wie sie die Augen schloss, und sich nach vorn �ber den Rand des Felsens in die Tiefe st�rzte.<br />
An dieser Stelle war ich jedes mal schreiend aufgewacht. Meine Eltern kamen in Panik angelaufen, und meinten es m�sse Schlimmes passiert sein. Mutter nahm mich in den Arm und versuchte mich zu beruhigen, sagte etwas wie, �Das war nur ein Traum!� oder �Alles in Ordnung!� Ich hatte solche Angst, dass ich meistens in Doraldinas Zimmer, das nebenan lag, schlich und mich mit in ihr Bett legte. Sie streichelte meinen Kopf und murmelte, dass kein Monster in ihr Zimmer kommen k�nne, weil sie einen Zauberspruch beim Zubettgehen aufgesagt hatte, ich k�nne beruhigt einschlafen. <br />
Ich war entsetzt, dass ich diesen Traum vergessen hatte. Dabei erinnerte ich mich genau an das Gef�hl, diese schreckliche Angst, die nur Kinder empfinden k�nnen. Doraldina wusste nichts von diesem Traum, denn ich f�rchtete, sie k�nnte b�se mit mir sein, dass ich mich lustig �ber sie machen w�rde, weil sie es nicht schaffte schwimmen zu lernen.  Aber wie hatte ich diesen Traum vergessen k�nnen? Und nun war sie tot. Ertrunken. In mir machte sich Panik breit, Angst und Entsetzen packten mich. Vielleicht war es kein Unfall? Hatte sich meine Schwester das Leben genommen? H�tte ich sie retten k�nnen, wenn ich mich nur eher an diesen unseligen Traum erinnert h�tte?<br />
Die Trauerrede schien mir viel zu laut, sie schien mir falsch. Gar nichts wussten wir �ber sie. Ich sp�rte einen Blick auf mir ruhen, und drehte mich nach links. Tante Kagelmann sah mich mit ihren Makeup-verschmierten Augen forschend an. <br />
Die Sargtr�ger betraten w�rdevoll die Kapelle, gingen zum Sarg, nahmen ihre H�te ab, verbeugten sich vor der Toten, und hoben den Sarg auf ihre Schultern. Der Trauerzug der G�ste folgte ihnen zur Grabst�tte. Ich kannte sie alle.<br />
Meine Mutter und mein Vater hielten sich an den H�nden, sie weinten. In mir breitete sich Mitgef�hl aus. Sie taten mir leid. Wie sie so vor mir hergingen, erinnerten sie an H�nsel und Gretel, die sich im Wald verlaufen hatten, und nun nicht mehr nach Hause finden konnten. Mir wurden die Knie weich.<br />
Ich stand an diesem Loch im Boden, dass nun die Ruhest�tte f�r meine Dorle sein sollte. Der Damm brach, und ich begann zu schluchzen. Meine Hand, in der ich die kleine Schaufel hielt, verkrampfte und zitterte, dass ich die Erde kaum �ber den Rand  des Grabes bekam. �Es ist meine Schuld, es ist meine Schuld...meine Schuld�, stammelte ich in Tr�nen aufgel�st. Tante Kagelmann zog mich am Arm weg von da. <br />
An die R�ckfahrt zum Haus meiner Eltern erinnere ich mich kaum. Den Rest des Tages lag ich im Bett, das in meinem alten Kinderzimmer stand, weinte, betete, zerfleischte mich selbst. Hatte ich Schuld? Die Frage stand drohend im Raum und brachte mich fast um den Verstand. Irgendwann schlief ich ein. <br />
Der Nieselregen musste in der Nacht aufgeh�rt haben, es erwartete mich ein strahlend sonniger Morgen, der nicht zu meinen Gef�hlen passte. Mutter hatte bereits das Fr�hst�ck gemacht, und ich futterte trotz meiner Niedergeschlagenheit eine Menge und trank dazu hektoliterweise Kaffee. <br />
�Kommst du nachher mit auf einen Spaziergang?�, fragte sie mich. �Nein Mutti, ich fahre gleich nach dem Fr�hst�ck...Ich...ich hab noch Termine und so.� Ich sah sie lieber nicht an, wenn ich log, das merkte sie sofort. �Oh...Termine...�, sie schien etwas am�siert zu sein, �ein M�dchen?� ��hm nein, nein...Termine.� Wieder blickte ich sie nicht an. �Ok, ruf bitte deinen Vater an, wenn du wieder in deiner Wohnung bist.� Ich nickte. Mit einem gro�en Schluck st�rzte ich den restlichen Kaffee herunter, erleichtert dar�ber, dass ich frei war.<br />
Ich war gerade in mein Auto eingestiegen, da kam Tante Kagelmann die Auffahrt hoch gelaufen. Mir war unbehaglich zu mute. Schnell versuchte ich den Motor zu starten, aber sie klopfte schon an die Scheibe und verlangte, dass ich sie runter lie�e. Wieder der forschende Blick, unter dem ich mich zu winden begann. �Was meintest du mit, es sei deine Schuld?� �Nichts�, erwiderte ich, und blickte auf meine H�nde. �Ich vermisse sie.� Meine Augen brannten und die Tr�nen tropften auf meine Oberschenkel. Oh bitte Gott, was soll ich tun? Ich wollte es sagen, wollte mir Erl�sung verschaffen, Absolution. Dieser Klotz war zu schwer ihn alleine zu tragen. Aber ich schwieg, verpasste die Chance, startete das Auto. <br />
Pl�tzlich griff sie meinen Arm, sah mir in die Augen und fl�sterte: �Frederik, dieser See, in den Doraldina fiel, ist das Tor in eine andere Welt. Das wusstest du doch. Du hattest es nur vergessen.� Sie l�chelte still. �Ja�, stimmte ich ihr zu, �ich hatte es vergessen.� <br />
Ich verlie� die kleine, verschlafene Stadt. Der Tag w�rde sehr hei� werden.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>Iris Pankin</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63320-Doraldina</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Flattern im Dunkeln</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63318-Flattern-im-Dunkeln&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 29 Jun 2018 19:50:39 GMT</pubDate>
			<description>Beide sitzen wir im selben Raum. Er ist hell, die W�nde sind schneeweiss und von Licht beschienen. Dabei gibt es keine Fenster. Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte vor und drehe mich zu ihm. Seine Augen gl�nzen im Licht. Er hat meerblaue Augen, die je nach Wetter das Tor zu seiner Seele �ffnen...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Beide sitzen wir im selben Raum. Er ist hell, die W�nde sind schneeweiss und von Licht beschienen. Dabei gibt es keine Fenster. Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte vor und drehe mich zu ihm. Seine Augen gl�nzen im Licht. Er hat meerblaue Augen, die je nach Wetter das Tor zu seiner Seele �ffnen oder verschliessen. Vor einer Woche, als ein Regenschauer seinen Weg in unser Dorf fand, kam die Eisenmauer zum Vorschein. Ich hatte keine Chance, etwas zu erkennen. Der blaue Himmel in den Tagen danach brachte eine Weide in seinen Augen zum bl�hen. Ich wusste ihn in Sicherheit.<br />
<br />
Er sitzt noch, sein Blick verfolgt etwas auf dem Boden. Wahrscheinlich nimmt er die Gegenwart gerade anders war als ich. Sein zuckender Blick ist vermutlich nur das Resultat verkn�pfter Hirnfelder, in die er seine Gedanken abl�dt. Steh auf. Den Kopf hebend atmet er tief aus. Er sieht nicht w�tend aus, seine Mimik wirkt neutral, aber seine Augen sind ein wenig feuchter als gewohnt. Sieh mich an.<br />
<br />
Je n�her er kommt, desto besser sehe ich sein Gesicht. Es liegt mir fern, seine vertieften Falten zu interpretieren, das w�rde unn�tig Zeit vergeuden. Als er mir zu nah kommt, drehe ich meinen Kopf weg. Zwischen uns liegen noch gut zwei Schritte; auch er wird mein Gesicht immer besser erkennen k�nnen. Das m�chte ich nicht. Die Wand hinter mir ist beige. Der Name dieser Farbe auf meiner Zunge hilft mir zu merken, wie viel Zeit seit meinem letzten Gedanken vergangen war. Bestimmt drehe ich meinen Kopf zur�ck und sehe ihn &#8211; hell beschienen vom Licht &#8211; die Wand hinter ihm beige. Ich weine nicht. Viel zu viel Zeit ginge verloren. In einer fliessenden Bewegung wandern meine H�nde nach vorne, bis meine Arme voll ausgestreckt sind. Meine Handfl�chen sind offen und zeigen nach oben.<br />
<br />
Seine Haut ist warm, ein wohliges Gef�hl breitet sich in mir aus. Ich weiss, dass er mich liebt und ich weiss, wie sehr. Ich w�nschte, ich k�nnte die Schmetterlinge aus meinem Bauch befreien. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich das nicht kann; sie w�rden alle sterben. Es gibt in diesem Raum keinen nahrhaften Boden, auf dem Blumen f�r sie wachsen k�nnten. Auch das Licht scheint zu d�mmern, so k�nnte man die h�bschen Dinger nicht mehr lange sehen &#8211; h�chstens noch das Flattern ihrer Fl�gel h�ren, bis ihre Stunde k�me. Ich blicke direkt auf seinen Brustkorb, der sich mit jedem Atemzug hebt. Sein Schl�sselbein zeichnet einen Abdruck auf seinem Shirt. Ich finde, er hat ein sch�nes Schl�sselbein. Seine Schultern sind viel breiter als meine, sie haben w�hrend einer schwierigen Zeit ihre Dienste geleistet und meinen Kopf gehalten.<br />
<br />
Mein Blick streif sein Kinn. Es l�sst mich daran denken, wie ich ihm, als er krank war, die Spuren seiner Milch weggewischt habe. Ich l�chle. Bei jedem Gedanken f�hle ich mich sehr bei mir. Ich kann sehen, dass auch er bei sich ist. Das ist ein sch�ner Moment. Wann hat es das zuletzt gegeben? Einen Moment der Reinheit, ohne Masken und Waffen, keine Schleier oder Eisenmauern, welche die Wahrheit verdecken oder bek�mpfen k�nnten. Ich erinnere mich daran, wie ich vor vielen Jahren h�chstens f�nf Sekunden lang in seine Augen sehen konnte, bevor mir meine Verlegenheit einen Schlussstrich zog. Nun verweile ich seit einer Ewigkeit in den Tiefen seiner Pupillen. Auch wenn ich so viel �ber diesen Menschen weiss, dort wo ich gerade hinblicke liegen Geheimnisse, die &#8211; ich weiss nicht, ob zum Gl�ck oder zum Ungl�ck &#8211; unzug�nglich geworden sind. Wir schweigen, wir haben uns nichts zu sagen, was Worte beschreiben k�nnten. Wir waren noch nie abh�ngig von Worten gewesen. Sie beanspruchen Zeit, w�hrend der man sich mit Gef�hlen viel umfangreicher austauschen kann. <br />
<br />
Die W�nde sind schwarz geworden. Das helle Licht beleuchtet uns wie eine Kugel. Wir stehen in der Mitte, rundherum kann man nichts mehr erkennen. Ob er krank sei, fragt er mich. Geduldig ziehe ich seinen K�rper n�her an meinen und vergrabe mein Gesicht in seiner Brust. So verweile ich einen Augenblick. Ich lasse seine H�nde los, ich brauche meine f�r seinen Kopf. Mit geschlossenen Augen nehme ich ihn in die Hand und dr�cke ihm einen Kuss auf. Als ich die Augen �ffne, ist es dunkel. Das einzige, was ich sehen kann, ist ein Lichtfleck auf H�he meines Herzens. Mir wird warm.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>atTheSummit</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63318-Flattern-im-Dunkeln</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Die Pferde und die Bauruine</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63317-Die-Pferde-und-die-Bauruine&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 29 Jun 2018 18:44:37 GMT</pubDate>
			<description>Wieder einmal spaziere ich an der Bauruine vorbei. In der letzten Zeit weiden hier Pferde. Da trifft mich die Idee, mit meinem Notizbuch vorbei zu kommen und ein Stimmungsbild dieser Pferde vor der Bauruine zu schreiben. Wie ein Foto, das die Stimmung festh�lt, nur mit Worten. 
 
Da bin ich nun,...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Wieder einmal spaziere ich an der Bauruine vorbei. In der letzten Zeit weiden hier Pferde. Da trifft mich die Idee, mit meinem Notizbuch vorbei zu kommen und ein Stimmungsbild dieser Pferde vor der Bauruine zu schreiben. Wie ein Foto, das die Stimmung festh�lt, nur mit Worten.<br />
<br />
Da bin ich nun, zum zweiten Mal an diesem Tag, vor dem Zaun. Mein Moleskine und der Tintenroller-Stift sind bereit. Es sind allerdings keine Pferde da. Ein wenig entt�uscht schlussfolgere ich: Nun ist die Bauruine zu beschreiben. Geb�ckt schiebe ich mich unter dem Elektrozaun hindurch auf die Weide. Die Ruine hat zwei Stockwerke und an den langen Seiten jeweils 16 Fenster je Stockwerk auf der Vorderseite und spiegelnd auf der R�ckseite. In der Mitte f�hrt eine gro�e Treppe in das Bauwerk. Die Betonstufen sind von Unkraut �berwuchert. Ich steige hinauf in das Erdgeschoss. Die Ruine besteht nur aus den �u�eren Betonplatten. Ich bin nun im Inneren, in dem weiten stillen Raum. Einige Eisenpfeiler rosten vor sich hin. Sollte es ein Arbeitwohnheim werden? Irgendetwas rumort in dem Bau. Gr�nes Moos w�chst auf dem Betonfu�boden. Es gibt zwar Fensterrahmen, aber sie haben nie Glas gesehen. Die Wiedervereinigung liegt 28 Jahre zur�ck und ich k�nnte mir gut vorstellen, dass der Bau durch die Wende nicht fertig gestellt wurde. In der gegen�berliegenden Wandseite gibt es ebenfalls eine T�r�ffnung. Der Holzrahmen und die T�rscharniere sind noch da, aber die Scharniere sind verrostet und unbeweglich. Die Betonplatten der W�nde finde ich schmal mit nur 20 Zentimetern. Die Fenster sind sch�n gro�. Oder ist es hier drinnen nur deswegen so hell, weil die Zwischenw�nde des Innenausbaus fehlen? An den Stirnseiten des Geb�udes gibt es jeweils ein kleines Fenster.<br />
Da steht nun doch ein Pferd drau�en vor dem Fenster. Wei� und braun mit dunklem Schwanz. Das n�chste Pferd kommt unter mir aus dem Keller. Gleichm��ig hellbraun mit heller, fast wei�er, M�hne und Schwanz.<br />
Die meisten der 34 Bodenplatten im Erdgeschoss haben vier L�cher, etwa f�nf Zentimeter im Durchmesser, dicht beieinander. Diese Durchbr�che waren sicherlich f�r die Versorgungsleitungen geplant. Ich z�hle mit vier Fingern Kaltwasser, Warmwasser, Strom und Telekommunikation auf. Die vier kleinen L�cher sind ungenutzt, aber durch manche Bodenplatten f�hren bereits dicke graue Plastik-Rohre. Nach dem Einbau dieser Abwasserrohre muss der Bau stehen geblieben sein. Drau�en wiehert es. Eine Treppe f�hrt in die obere Etage. Hier das gleiche Bild. Leere Fensterrahmen aus Kunststoff, ohne je Glas gesehen zu haben. Gr�nes Moos auf dem Boden. Nur nackte Betonw�nde und rostende Stahltr�ger. Zwei kleine Fenster an den Stirnseiten. Jedes Betonelement an der langen Wand hat ein gro�es Fenster. �ber dem Treppenmodul ist, mit blauem Himmel, eine rechteckige �ffnung in der Decke. Die morschen Reste einer Treppe liegen auf dem Boden verstreut. Fr�her konnte man von hier wohl auf das Dach klettern. Drau�en schnauben die Pferde.<br />
Mein Blick geht durch die Fenster auf die Genossenschaft Wachower Landwirte GWL, wie die LPG heute hei�t. Und daneben die Firma Lagertechnik Sch�tz LGT. Auf der anderen Seite sehe ich die Landstra�e nach P�wesin und die Firma Hochbautechnik HBT. Nanu, drei Betriebe, mit drei Buchstaben, um diese Bauruine herum? Ich summe: &#8222;Drei Chinesen mit dem Kontrabass ...&#8221;<br />
<br />
An der Stirnwand steht eine Inschrift aus vergangen Tagen: &#8222;hab Dir ganz dolle lieb Eric&#8221;. Kenne ich einen Eric im Dorf?<br />
Ich steige die zwei Treppen nach unten. Der Keller ist zur H�lfte unter der Erde und hat �ber dem Erdboden diese kleinen Kellerfenster. �berall liegen rote Ziegelsteine und alte Autoreifen herum. Hier unten ist es dunkel. Sind noch Pferde da? Oder etwas Gruseliges? Der Klassiker w�re eine Leiche im Keller. Es riecht nach Pferdestall und zwischen Sand und Mauerst�cken liegt Pferdemist. In der Mitte des Kellers gibt es einen Gang, rechts und links abgehend ein Dutzend Kellerr�ume, aus Steinen gemauert. Es gibt gr��ere und kleinere Keller. R�ume mit und ohne Fenster. Wie es scheint, nutzen die Pferde diese Kellerr�ume als Stall. �berall liegen Haufen von Pferde�pfeln. Einige Kellerr�ume haben einen kleinen Vorraum. Das finde ich verst�ndlich. Aber was sollen diese Wanddurchbr�che?<br />
Zwei Ausg�nge f�hren aus dem Keller nach oben. M�sste man hier nicht aufr�umen? Die Pferde k�nnten sich doch in dem Schutt verletzen! Ich sch�ttle meinen Kopf und w�hle den Ausgang, den die Pferde nahmen.<br />
Ich bin drau�en, die Sonne scheint und es ist sommerlich warm. Ich laufe um die Ruine herum, noch vorne zu dem Wasserwagen mit der Tr�nke. Die hellbraune Stute mit dem hellen Schweif hat mich gesehen. Jetzt sieht mich auch der dunkelbraun-wei� Gescheckte. Er trabt los und mit ihm die anderen drei Pferde. Dann bleibt er stehen und guckt kritisch her�ber. Und mein Herz schl�gt.<br />
Die vier Pferde stehen zusammen. Jedes ist auf seine Weise sch�n. Drei Pferde fressen Gras, nur der <i>Kritiker</i> trabt hin und her und scheint mit der Situation nicht einverstanden zu sein.<br />
Die Sonne brennt mir auf Kopf und Hals.<br />
Ich drehe mich etwas zur Seite und die Pferde werden ruhiger, sie grasen nun alle.<br />
Ich will es nicht auf die Spitze treiben und mich losmachen. Ich stehe ihnen sicherlich vor dem Wasser im Weg. Richtig, kaum bin ich aus der Koppel heraus, kommen sie zur Tr�nke. Nach dem Saufen ziehen sie, wie aufgereiht, eines hinter dem anderen an mir vorbei.<br />
<br />
Um mich herum zwitschern V�gel und ein Flugzeug fliegt nach Tegel. Von der Landstra�e nach P�wesin dr�hnt eine Gruppe Motorr�der. Die Pferde stehen jetzt auf der Wiese hinter der Ruine, grasen dort friedlich und ich trage mein geschriebenes Stimmungsbild heim.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>oheim</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63317-Die-Pferde-und-die-Bauruine</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Fr�her Schnee</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63314-Fr�her-Schnee&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 29 Jun 2018 12:54:04 GMT</pubDate>
			<description>Den Kopf muss ich einziehen, um heraustreten zu k�nnen. Vor meiner H�tte ist ein kleiner, in den vielen Jahren festgetretener Bereich, beinahe eine Veranda, im Sommer habe ich dort Schatten, in den langen Wintern eine weite Sicht, Patti h�tte das gefallen. Ich strecke mich und sp�re dabei die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Den Kopf muss ich einziehen, um heraustreten zu k�nnen. Vor meiner H�tte ist ein kleiner, in den vielen Jahren festgetretener Bereich, beinahe eine Veranda, im Sommer habe ich dort Schatten, in den langen Wintern eine weite Sicht, Patti h�tte das gefallen. Ich strecke mich und sp�re dabei die Platten und Schrauben, die ich seit damals in meinem K�rper habe. Schlafen kann ich nur auf der rechten Seite, links ist die Haut vernarbt, darauf kann ich nicht liegen. An Tagen, an denen die Luft hier oben so wie heute nach kommendem Schnee schmeckt, habe ich meinen Sohn vor Augen, rauchend, mit seinem grau-schwarzen Rucksack zwischen den Beinen. Es schneite auch an dem Tag, an dem ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Philip war damals 16 Jahre alt, in der vorletzten Woche war sein 40. Geburtstag.<br />
<br />
Diesen einen Tag, meinen ersten, von dem an ich mit niemandem mehr gesprochen habe, kann ich in meiner Erinnerung abrufen, wann immer ich m�chte. Die K�lte war die ganze Nacht �ber in mich hinein gekrochen und hatte sich vollst�ndig in mir ausgebreitet. Sogar meine Augen taten mir weh, so wie als Kind, als ich das Eis immer im Ganzen vom Stil abgebissen hatte und im Mund schmelzen lies. Ich sehe mich an der d�nnen Fensterscheibe lehnen und die Nacht �ber mit dem Kopf rollen, von rechts nach links und von links nach rechts, ich sp�re noch heute die Unebenheiten des Knochens auf dem kalten glatten Glas. Ich hatte einige Zeit vorher, als ich noch Interesse an allem hatte, gelesen, dass der Stirnknochen der st�rkste Knochen �berhaupt ist, vermutlich h�tte ich also die Scheibe mit dem Kopf eindr�cken k�nnen, das warme Blut h�tte meinem Gesicht vielleicht gut getan.<br />
<br />
Es sollte nur eine �bergangsl�sung sein, ganz am anderen Ende der Stadt, weit weg von allem, mein Freund Moritz hatte sich gek�mmert. Der Vermieter hatte den Schl�ssel im Kohlenkeller links an den Holzpfosten geh�ngt, wie die beiden es abgesprochen hatten, die Haust�re war so verzogen, dass sie ohnehin immer offen stand.<br />
<br />
Am Fenster lehnend kam mir eine Zeile in den Sinn, die Patti in einer ihrer ersten Kurzgeschichten benutzt hatte: &#8222;Schnee ist die einzige Stille, die man sehen kann.&#8220;<br />
<br />
Es w�rde an diesem Tag noch schneien, ich war mir sicher, diesen kalten, leicht metallischen Geschmack in der Luft konnte ich schon immer richtig deuten. &#8222;Du bist wie ein Indianer&#8220; hatte Johanna, meine Frau, einmal gesagt. Dar�ber, ob sie es positiv gemeint hatte, war ich mir nie richtig im Klaren gewesen, liebevoll war es sicherlich nicht.<br />
<br />
Die Matratze war noch in der Folie, Laken und Bettzeug noch in der Verpackung, Moritz hatte am Tag vorher alles hochgebracht und war dann auf zwei Bier geblieben, wir mussten nicht sprechen. Der alte K�hlschrank aus meiner Studentenzeit brummte wie fr�her, der Zwei-Platten-Herd darauf war verklebt mit alten Resten, vermutlich Tomatensauce.<br />
<br />
Erst k�rzlich hatte ich erneut die weiche Haut an der Wunde abgezogen, sie n�sste jetzt wieder, das f�hlte sich gut an. Ich hatte sie noch nie richtig verheilen lassen, ich wollte eine k�rperliche Erinnerung behalten. Auch die Schulter schmerzte damals schon bei jeder Bewegung, das tut mir auch heute noch gut.<br />
<br />
Ich hatte, das war damals schon fast zehn Jahre her, nur wenig mitgenommen aus der Wohnung, die Johannas Vater f�r sie gekauft hatte, vor allem meine CDs und meine B�cher. Philip war die L�cke im Regal aufgefallen, das war schlimm zu h�ren, aber dar�ber hinaus, behauptete seine Mutter, w�rde ihm nichts fehlen. Wir wussten beide, dass das nicht stimmte, aber dar�ber konnten wir nicht sprechen.<br />
<br />
Ich wollte hinaus, das Fenster lie� sich nicht schlie�en und ein schmaler, zugiger Spalt blieb offen. Ich lie� es so, ich w�rde nicht mehr zur�ckkehren, Moritz w�rde das verstehen und sich auch darum k�mmern. Die Nebelschwaden kamen noch vom See her und nahmen allem die Konturen, obwohl es schon einige Zeit hell sein sollte. Gerade als ich den See erreichte, fiel auch der Schnee. Die erste Flocke kitzelte leicht an den Wimpern als sie sich verf�ngt und langsam schmilzt, aber ich m�chte nicht blinzeln. Ich will den Steg noch einmal sehen, er hat nun ein Gel�nder und am Ende stehen ab November die Rettungsstangen. Einen Schal hatte ich nicht und den Kragen konnte ich nicht noch weiter hochschlagen. Die F�hre w�rde gleich kommen, die Wellen schwappten schon �ber den See. Die beiden 4.000-PS Dieselmotoren waren sein Grundrauschen geworden, allen Protesten der Umweltsch�tzer zum Trotz. Ich hatte auch unterschrieben und war auf zwei Demos mitgegangen, eher Patricia zu liebe, mit der ich dann alles richtig machen wollte.<br />
<br />
An dem Tag, den ich sp�ter f�r lange Zeit in mich eingeschlossen hatte, war es am Nachmittag auch sehr kalt und es war diesig, der Horizont ging ohne Anfang in den Himmel �ber, es w�rde bald d�mmern. Ich wollte mit Johanna �ber Philip sprechen, es war ein Versuch zum Guten, am See und im Gehen sollte es leichter sein, Moritz hatte den Tipp gegeben. Am Abend vorher hatte ich nichts getrunken und ich hatte meinen Zettel mitgenommen, meine Argumente in der richtigen Reihenfolge sollten sie �berzeugen, ihr B�ro, die vielen Projekte, ihre langen Tage, meine freie Zeit, Philip w�rde davon profitieren, er w�re bei mir besser dran. Sie blieb stehen, hatte die Arme vor sich fest verschr�nkt, sah mit starrem Blick an mir vorbei, griff sich dann an den Schal, ihre Finger waren so angespannt wie ihr Gesicht, sie riss sich mit einem Ruck das Tuch vom Hals, ein Knopf fiel herunter, dann lief sie nach vorn, �ber den Steg auf das Eis, weil sie Luft brauchte, die sie in meiner Gegenwart nicht bekam. Es kann nur ein Augenblick gewesen sein, aber in meiner Erinnerung klingt es wie ein defektes Tonbandger�t, das die Ger�usche unerbittlich dehnt und nacheinander abspielt: ihre sich entfernenden Schritte, zun�chst auf dem Steg, dann auf dem Eis, das trockene Knirschen und ihr kurzes Aufstaunen, das eher ein lautes Einatmen war, das Flattern der Kr�hen gegen den dunstigen Himmel. Ich konnte das alles zun�chst nicht zuordnen. Das Eis war an diesem Tag vom Schnee bedeckt, die Rettungsstangen, die am Anfang des Winters immer an das Ufer gestellt werden, waren nicht zu sehen. Ich ging ihr zaghaft nach, h�rte es schon bei den ersten Schritten knirschen und kehrte schnell um, ich wollte nichts riskieren, vielleicht h�tte ich es ohnehin nicht geschafft.<br />
<br />
Mit dem weiten Blick �ber den See und den Medikamenten, die ich schon viel zu lange und in viel zu hoher Dosis nahm, hoffte ich, die schummrige Wohligkeit zur�ck zu gewinnen, die ich drei Monate zuvor im Krankenhaus beim Aufwachen gehabt hatte: es war etwas Schreckliches geschehen, aber es entzog sich mir wie damals der Nebel um mich herum, der auch nicht zu greifen war.<br />
<br />
Auf meiner Veranda stehend, dr�cke ich den R�cken durch wie die kleine Indianerfigur, mit der Philip und ich oft gespielt hatten, ich sauge durch die geschlossenen Z�hne und gleichzeitig meine Nase den metallisch-kalten Geschmack ein. Der Schnee kommt fr�h in diesem Jahr.<br />
<br />
Ich ging am See vorbei, Schritt f�r Schritt, die Beine kannten den Weg, die schlaflose Nacht hatte meine Ersch�pfung nicht weiter gesteigert, aber die dunstige Helligkeit tat mir in den Augen weh. Als ich ankam, war alles zur�ck. Nat�rlich war die Stra�e gereinigt worden und in den letzten Wochen waren tausende Autos achtlos vor�bergefahren. Durch eine Laune des Schicksals, die niemand glauben w�rde, h�tte ich sie erfunden, war die Stelle, an der es geschehen war und alles geendet hatte auch die Stelle, an der alles begonnen hatte.<br />
<br />
Patti und ich hatten immer wieder �ber den Tag gesprochen, den Zufall und unser erstes Treffen, sie mit dem Rad an der Ampel, ich vor ihr �ber die Stra�e gehend, die T�te mit Philips Osternest, das er im Kindergarten gebastelt hatte, rei�t, sie lacht und hilft mir beim Aufsammeln. Ich hatte ihn wie jeden Morgen in der Sonnengruppe gleich neben dem Schulzentrum gegen�ber abgegeben, Johanna arbeitete zu dieser Zeit immer lang, sie hatten eine Deadline f�r die Entwurfsplanung der neuen Stadtb�cherei, daher musste ich mich um nichts k�mmern. Patti machte einfach blau, das gefiel mir. Ich hatte dieses Ziehen oft gesp�rt, vorher, als alles noch so geregelt war, das mich dorthin lockte, wo es sich lebendig anf�hlte, so wie sie an diesem Tag. Wir gingen gemeinsam �ber den Tr�delmarkt, sie �berredete mich zu einer Lederjacke, obwohl ich kein Motorrad hatte und wir tranken am Vormittag Pernod.<br />
<br />
F�r die Scheidung hatte Johannas Vater alle Mittel aufgeboten. Dieses qu�lende Jahr hielt ich mich von allem fern, Patti, der Rotwein von Moritz und sein G�stebett waren meine ganze Welt geworden, nat�rlich hatte ich Philip vernachl�ssigt, Johanna war immer die St�rkere gewesen. Der Entzug des Umgangsrechts war gerechtfertigt, sie wollten ihn sch�tzen, das hatte Moritz mir erkl�rt, ich hatte es sogar verstanden.<br />
<br />
Patti und ich, wir hatten eine ganzes Wochenende f�r uns allein auf dem Weingut gehabt, waren satt von den Eindr�cken und der Natur, wir waren erf�llt von uns. Ein stilles Einvernehmen, synchron schwingend in unserer Wahrnehmung des Au�en und damit auch im Innen verschr�nkt. Ich hatte das vermisst mit Johanna, aber ich h�tte es damals nicht benennen k�nnen. Es war eine spontaner Gedanke auf der R�ckfahrt, schon fast in der Stadt angekommen, dass ich den eingeschlossenen Tag aus mir herauslassen wollte, dass ich versuchen sollte, Patti in die Entscheidung dieser Sekunde einzubeziehen, wie sie f�r mich damals klar auf der Hand lag: Nicht alles zu tun, um Johanna zu retten sollte unsere Rettung sein, war die Chance, die Dinge f�r uns, f�r sie, f�r mich und f�r Philip zum Guten zu wenden. Schon am Anfang merkte ich, dass ich die Worte nicht traf, die S�tze keinen Sinn machten, sie ohne Halt in der Luft hingen. Ich rang mit den Begriffen, wurde immer schneller, immer eindringlicher, immer weniger �berzeugend. Ich h�rte auf zu reden, lenkte das Auto an den Rand der Schulzufahrt und sah sie flehend an. Nach Pattis stillem Entsetzen, das f�r fast eine Minute ihren ganzen K�rper erstarren lie�, war es dann eine einzige flie�ende Bewegung, das L�sen des Gurtes, das �ffnen der Beifahrert�r, und ihr Rennen hinter dem Auto auf die Stra�e, das erschreckte Hupen des LKW, das auch das Bremsen und den Aufprall �bert�nte. Den Bruch des Beckens sp�rte ich direkt, obwohl es zun�chst nicht schmerzte, den tiefen Schnitt in der Seite und den ausgekugelten Arm erst, als ich mich auf dem Asphalt von der Trage aufrichten wollte. Patti lag neben mir, ich erkannte sie an ihren Stiefeln unter der Abdeckung.<br />
<br />
Ich gehe �ber die Kreuzung bis zum Zaun, Hunderte Sch�ler in der gro�en Pause, Philip steht mit seinem Rucksack zwischen den Beinen bei seinen Freunden und raucht, seine Haare sind l�nger geworden, er sieht unbeschwert aus, das hatte ich nicht erwartet. Nachdem die Zeit abgelaufen war und ich ihn h�tte sehen d�rfen, hatte mir der Anwalt meiner ehemaligen Schwiegereltern, die jetzt das Sorgerecht hatten, in seinem Namen geschrieben, dass er keinen Kontakt w�nschte. Ich verstehe das, sie war ja seine Mutter.<br />
<br />
Ich schreibe ihm seitdem in jedem Jahr. Die ersten Briefe kamen noch unge�ffnet zur�ck, die M�he hat er sich sp�ter nicht mehr gemacht. Hier oben muss ich nicht weiter warten, niemand wei� wo ich bin, einen Briefkasten habe ich nicht.<br />
<br />
Das Holz wird kaum f�r den gesamten Winter reichen, ich sollte in den Wald gehen, bevor der Schnee kommt. Das Holzhacken tut mir gut, meine Schulter sticht noch immer bei jedem Schlag. In diesen Momenten bin mit mir im reinen.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?7-Kurzgeschichten">Kurzgeschichten</category>
			<dc:creator>MarcCaesar</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63314-Fr�her-Schnee</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Der Zuh�rer</title>
			<link>https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63313-Der-Zuh�rer&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 29 Jun 2018 12:34:32 GMT</pubDate>
			<description>Die alte Dame stieg aus der U-Bahn, blieb stehen, drehte sich in meine Richtung und winkte mir mit ger�teten Wangen zu. Ich gr��te zur�ck und schaute ihr hinterher, bis sie an der Rolltreppe verschwand.  
Ein einziges Mal w�re ein guter Titel, fiel mir ein.  
 
Letzten Freitag hielt sich die Dame...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Die alte Dame stieg aus der U-Bahn, blieb stehen, drehte sich in meine Richtung und winkte mir mit ger�teten Wangen zu. Ich gr��te zur�ck und schaute ihr hinterher, bis sie an der Rolltreppe verschwand. <br />
<i>Ein einziges Mal</i> w�re ein guter Titel, fiel mir ein. <br />
<br />
Letzten Freitag hielt sich die Dame zum ersten Mal vor meinem Glash�uschen auf. Sie starrte hinein, w�hrend ich gerade einen jungen Mann vor der T�r verabschiedete, und fragte: &#8222;Entschuldigung. Ist das jetzt ein An- und Verkauf? F�hren Sie keine Zeitungen?&#8220;<br />
&#8222;Nein, ich verkaufe nichts.&#8220; Ich wollte ausholen, um von meinem Projekt zu erz�hlen, doch sie unterbrach mich. &#8222;�h, gut. Dann gehe ich oben zum Kaufhof.&#8220;<br />
<br />
Am n�chsten Tag stand sie erneut vor dem H�uschen und studierte eines der kleinen Plakate, die ich an allen vier Seiten angebracht hatte. Sie z�gerte einen Moment, bevor sie durch die offenstehende T�r trat.<br />
&#8222;Guten Tag. Sie m�ssen entschuldigen. Ich dachte gestern, der Kiosk h�tte wieder aufgemacht. Erz�hlen Sie mir bitte von Ihrer &#8230; Arbeit. Sind Sie Pastor oder Psychologe?&#8220;<br />
&#8222;Keins von beiden.&#8220;<br />
Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie sich im Inneren um. Ich bot ihr einen Stuhl an, schloss die T�r und befestigte das <i>Bitte nicht st�ren</i>-Schild.<br />
Eine Viertelstunde dauerte das Gespr�ch. <i>78 Jahre, ehemalige Bibliothekarin. Pension und Witwenrente reichen vorne und hinten nicht</i>, notierte ich mir.<br />
&#8222;Wenn ich nicht zustimme, bleibt alles unter uns, richtig?&#8220;<br />
&#8222;Ja. Und die Seite rei�e ich gerne raus.&#8220;<br />
&#8222;Lassen Sie, lassen Sie, falls ich wiederkomme. Ich wollte heute noch zum Friedhof. Darf ich denn wiederkommen?&#8220;<br />
&#8222;Ich w�rde mich freuen.&#8220; <br />
<br />
Nach den Gespr�chen notierte ich mir immer Besonderheiten, die mir aufgefallen waren. Ein nerv�ses Augenzucken, das Knibbeln mit den Fingern, ein H�steln oder etwas anderes, das mehr als Worte zu sagen vermochte. Bei der alten Dame war es der Moment, als sie <i>Friedhof</i> sagte. Ich bildete mir ein, eine Art Unbehagen, eine B�rde erkannt zu haben und war mir sicher, dass sie mir noch mehr erz�hlen w�rde. <br />
<br />
Am n�chsten Morgen stand die Dame hinter mir, als ich gerade die Rolll�den hochzog.<br />
&#8222;Hallo&#8220;, sagte sie und warf einen Blick �ber den Bahnhof. &#8222;Anonym w�rde auch gehen?&#8220;<br />
<i>Anonym?</i>, dachte ich und sagte: &#8222;Ja.&#8220;<br />
Sie trat ein und ich schloss die T�r.<br />
&#8222;Ich &#8230; ich m�chte Ihnen etwas erz�hlen.&#8220;<br />
Vorn�bergebeugt sa� sie da am Tisch, die Handtasche auf dem Scho�, w�hrend ich das Schild anbrachte und Kaffee aufsetzte. <br />
&#8222;Ich m�chte Ihnen etwas erz�hlen.&#8220; Sie pr�fte den roten Lack auf ihren N�geln, druckste, bevor sie sagte: &#8222;Wir waren drei�ig Jahre verheiratet &#8230; Ein einziges Mal habe ich ihn betrogen. Seitdem trage ich es mit mir herum.&#8220;<br />
Nach dem Gespr�ch hielt sie meine Hand. &#8222;Vielen Dank.&#8220;<br />
Auf dem Weg zur Rolltreppe schn�uzte sie in ein Taschentuch und drehte sich nicht mehr um.<br />
<br />
<br />
Die morgendliche Rushhour begann. Anzugtr�ger stiegen aus, liefen zum Aufgang oder warteten auf ihren Anschluss. Smartphones, Aktentaschen; Schlips und Kragen.<br />
Dazwischen beobachtete ich einen Mann in zerschlissener Kleidung, der die M�lleimer nach Brauchbarem durchforstete. Mit voller Plastikt�te schlich er auf mich zu.<br />
&#8222;Nehmen Sie Pfand an?&#8220;<br />
&#8222;Tut mir leid, das ist kein Kiosk mehr. Wenn Sie m�chten, k�nnen Sie sich gerne drinnen im Warmen ein wenig ausruhen. Ich habe frischen Kaffee.&#8220;<br />
Der Mann folgte mir, legte beim Hinsetzen die T�te ab. Glas klimperte. Er schaute auf den Boden, fragte: &#8222;Wo ist eigentlich Ali geblieben?&#8220;<br />
&#8222;Sie meinen den Vorbesitzer? Kann ich Ihnen nicht sagen. Der Kiosk stand schon lange leer.&#8220;<br />
&#8222;Ach so.&#8220;<br />
W�hrend ich Kaffee eingoss, Zucker und Milch hin�berschob, wanderte sein Blick �ber die Glasregale. Dort, wo fr�her Zigaretten, S��igkeiten oder Zeitungen lagen, hatte ich nicht mehr ben�tigte Alltagsgegenst�nde und Erinnerungsst�cke positioniert: Spielzeug aus meiner Kindheit, eine TV-Fernbedienung, ein buntes Bilderbuch, eine zerkn�llte Zigarettenpackung.<br />
&#8222;Sie sind aber kein Streetworker oder einer vom Amt? Mit denen habe ich n�mlich keine guten Erfahrungen gemacht.&#8220; <br />
&#8222;Nein. Ich m�chte Ihnen einfach nur ein Ohr schenken.&#8220;<br />
Er kratzte sich am wei�en Bart und zeigte auf den kleinen Pl�schhund, der auf dem Regal zwischen Bibel und Autoschl�ssel stand. &#8222;Darf ich?&quot;<br />
Ich nickte und er nahm den Hund. Streichelte mit seiner gro�en, schwieligen Hand �ber das samtweiche Fell. &#8222;Ricky war auch ein Sch�ferhund&#8220;, seufzte er.<br />
&#8222;Erz�hlen Sie mir mehr von Ricky, wenn Sie m�chten.&#8220;<br />
&#8222;Im Sommer ist er gestorben. Ihm geht es jetzt gut.&#8220;<br />
<i>Im Sommer</i>, dachte ich. <i>Ihm geht es gut.</i><br />
Anschlie�end unterschrieb er die Einverst�ndniserkl�rung f�r Text und Fotos. Das Schicksal von Werner P., 57, der seinen Job im Metallwerk verloren hat. Scheidung, Schulden, Alkohol. Seit vier Jahren machte er Platte.<br />
Beim Verabschieden sagte ich noch: &#8222;Honorar kann ich leider nicht zahlen&#8220;, und schenkte ihm den Pl�schhund. Er bedankte sich mehrmals, w�nschte mir viel Erfolg f�r das Buch und fragte, wann es herausk�me.<br />
&#8222;Oben, in der Buchhandlung, stehen im Schaufenster die Neuvorstellungen. Schauen Sie ab dem Fr�hjahr einfach ab und an mal vorbei.&#8220;<br />
<br />
Ich packte Notizbuch und Kamera ein, schloss die T�r und schaute nochmal durch die Scheibe. Ging wieder hinein und steckte das Bilderbuch in die Tasche. <br />
Am Gleis, zwischen all den Wartenden, war ich selbst ein Teil einer Geschichte, die noch aufzuschreiben w�re.<br />
Drei Monate war der ehemalige Kiosk mehr Zufluchtsort als Arbeitsplatz f�r mich. Eine Woche lag noch vor mir. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt.<br />
<br />
<br />
&#8222;Es sind die Alleingelassenen, die sonst keinen haben, der ihnen zuh�rt. Deren Geschichten habe ich niedergeschrieben. Gl�ckliche Leute habe ich nicht kennengelernt.&#8220;<br />
Mein Nachwort.<br />
Ich legte das Buch zur Seite, bedankte mich f�r den ged�mpften Applaus der Umstehenden.<br />
Die alte Dame stand als erste am Tisch, beugte sich vor. &#8222;Haben Sie vielen Dank f�r alles. Sie haben mit gro�em Mitgef�hl erz�hlt. Und vielleicht hilft meine Geschichte ja anderen.&#8220;<br />
Sie nahm ein Buch vom Stapel, schlug es auf und reichte es mir. &#8222;Die andere anonyme Geschichte &#8230; Schrecklich. Es tut mir so leid.&#8220; <br />
Ich nickte vor mich hin, setzte den F�ller an.<br />
&#8222;Ach so, ja &#8230; Schreiben Sie bitte <i>F�r Amelie und Egon</i>.&#8220;<br />
<br />
Ich verstaute mein Exemplar, Brille und F�ller; Mitarbeiter des Buchladens begannen, die St�hle wegzur�umen. Von hinten schritt ein Mann nach vorne, der eine Pl�schfigur in der Hand hielt.<br />
&#8222;Ich m�chten Ihnen das wiedergeben.&#8220;<br />
Er legte das Pl�schtier auf den Tisch. &#8222;Ich muss schnell runter. Habe Ricky vor der T�r angebunden. Meinen neuen Ricky.&#8220;<br />
Ich schaute ihm hinterher, nahm den Hund und packte ihn in das Seitenfach der Tasche. Dorthin, wo das Bilderbuch steckte.<br />
<br />
<br />
Worte: samtweich, Lack, Bilderbuch, Fernbedienung, Taschentuch (#104)</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="https://www.wortkrieger.de/forumdisplay.php?40-W�rterb�rse">W�rterb�rse</category>
			<dc:creator>GoMusic</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">https://www.wortkrieger.de/showthread.php?63313-Der-Zuh�rer</guid>
		</item>
	</channel>
</rss>
