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		<title>Kurzgeschichten.de</title>
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		<description>Kurzgeschichten.de - Community für Autoren und Kritiker</description>
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			<title>Feige Beute</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49356&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 18:44:59 GMT</pubDate>
			<description>Alle seine Freunde lachten, als Sven die Episode von dem alten Mann, der ungeschickt die Treppe hoch stolperte, weil er seine von schwerer Arthritis gequälten Beine kaum auf die nächste Stufe heben konnte, zu Ende erzählt hatte. Seine Studienkollegen grölten, als er schilderte, wie der alte Mann...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Alle seine Freunde lachten, als Sven die Episode von dem alten Mann, der ungeschickt die Treppe hoch stolperte, weil er seine von schwerer Arthritis gequälten Beine kaum auf die nächste Stufe heben konnte, zu Ende erzählt hatte. Seine Studienkollegen grölten, als er schilderte, wie der alte Mann verzweifelt versuchte auf der Treppe liegend die Orangen und Äpfel, die hinunter hüpften, einzufangen. Tränen lachten sie alle, als Sven die zittrigen Bewegungen des Alten nachahmte, wie er schwerfällig aufstand und sich nach einem Päckchen Zigaretten bückte, das er trotz aller Anstrengungen nicht greifen konnte. Sie hielten sich vor lauter Lachen die Bäuche.<br />
<br />
Als sich die jungen Männer wieder etwas erholt hatten, sie wischten sich noch die Tränen aus ihren roten Gesichtern, zog Sven ganz cool ein Päckchen Zigaretten aus der Jackentasche und sagte grinsend: &quot;Die kriegt er auch nicht mehr! Wer will eine?&quot;<br />
<br />
Plötzlich aus dem Nichts schnellt ein tätowierter Arm durch die Luft und eine schmutzige Hand entreisst Sven die feige erworbene Beute. &quot;Hei, was soll das? Gib mir sofort meine Zigaretten zurück!&quot;, entrüstet sich Sven lauthals. <br />
<br />
Melanie, eine stadtbekannte, rotznasige Teenagerin, in zerrissenen Klamotten, mit einer Bierdose in der einen Hand, hebt die andere Hand mit dem kleinen Päckchen und zeigt ihnen den Stinkefinger. Sie kehrt sich um und hilft dem alten Mann auf die Beine.</div>

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			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=20">Alltag</category>
			<dc:creator>Rosalia</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Ernüchterung</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49355&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 17:28:38 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Ernüchterung

"Ach verdammt!"

Sie saß in einem Klavierüberaum der Uni. Es gab 2 solcher Überäume, genauergesagt Rumpelkammern, in denen jeweils ein mehr oder weniger spielbares Klavier stand. Seit mehreren Wochen versuchte sie sich nun schon an diesem Stück von Mozart, und noch immer waren die...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Ernüchterung<br />
<br />
&quot;Ach verdammt!&quot;<br />
<br />
Sie saß in einem Klavierüberaum der Uni. Es gab 2 solcher Überäume, genauergesagt Rumpelkammern, in denen jeweils ein mehr oder weniger spielbares Klavier stand. Seit mehreren Wochen versuchte sie sich nun schon an diesem Stück von Mozart, und noch immer waren die Sechzehntel viel zu holprig, noch immer dieselben Fehler an denselben Stellen ... <br />
<br />
&quot;Ach scheiß drauf.&quot; <br />
<br />
Resigniert nahm sie die Noten an sich und klappte das Instrument zu. Dann eben nicht. Es war sicher ohnehin Zeit. Sie sah auf die Uhr: Ja, gleich würde der Bus kommen, in etwa 10 Minuten - <br />
<br />
aber sie machte keine anstalten aufzubrechen. erschöpft saß sie da, die Noten immer noch auf ihrem Schoß, die Ellenbogen auf dem Klavierdeckel und den Kopf in die Hände gestützt. Nach dem Üben fühlte sie sich immer matt und ausgelaugt. Und wozu diese ewige Schinderei, wenn sie doch keine Fortschritte machte? Im Gegenteil, sie hatte sogar das Gefühl, immer schlechter zu werden, je mehr sie übte. Einen Freund, der an der Musikhochschule studierte, hatte sie einmal gefragt, ob das sein könne. Aber der meinte nur verständnislos, das bilde sie sich wahrscheinlich ein. <br />
<br />
Wie aus einer andern Welt drangen Klavierklänge herüber, die sie allerdings zunächst nicht diesen schäbigen Instrumenten und der Klientel zuordnete, die ansonsten hier dilettierte. Die meisten erkante man schon an ihrem Spiel, an den Stücken, die sie übten, an den Fehlern oder an der Art, wie sie improvisierten oder zu improvisieren versuchten. Es waren fast ausnahmslos Aspiranten wie sie, die mehr schlecht als recht ihren Bach oder Mozart oder ihre Clementi-Sonatine spielten. Nur manchmal verirrte sich ein Virtuose hier her, der irgendwelche etüdenhaft protzigen stücke zum besten gab. Aber manchmal gab es auch den ein oder anderen Dilettanten, der auf seiner Weise eine Ausnahmeerscheinung war: Einmal zum Beispiel belauschte sie jemanden, der sich durch den ersten Satz der A-Dur-Sonate von Mozart, den Variationssatz, kämpfte, dabei allerdings ein ungewöhnliches Maß an Unsensibilität und Gleichgültigkeit gegen die sämtlichen Fehler an den Tag legte. <br />
<br />
Aber dieses Spiel klang anders, zumindest aus der Ferne - denn es klang nur sehr gedämpft herüber. Was wurde da gespielt? <br />
<br />
Müßige Neugier trieb sie auf den Flur hinaus. Draußen war die Musik allerdings noch schlechter zu identifizieren, die Töne (offenbar schnelle Läufe) verschwammen und liefen ineinander aufgrund des Halls. Sie entschied, an der Tür zu lauschen - nur kurz, um herauszufinden, welches Stück es war. Außerdem wäre es sowieso Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Sie ging zurück, zog ihre Jacke an, verstaute das Notenheft in ihrer mit Lehrbüchern, Notizblöcken und Schreibutensilien vollgestopften Studententasche, schloss die Tür hinter sich und ging auf den zweiten, benachbarten Überaum zu. <br />
<br />
Was wurde da gespielt? Es perlte und brillierte. Jetzt erkannte sie auch das Stück: Es war Beethoven, die Klaviersonate in Es-Dur op. 31 Nr. 3, erster Satz. <br />
<br />
Da ihre Neugier befriedigt war, konnte sie sich ja jetzt auf den Heimweg machen. Aber da war irgendwas, das sie fesselte: War es die Virtuosität, die einen Laien oder halben Laien niemals kalt lässt? War es die Tatsache, dass man ausgerechnet hier einem leibhaftigen Virtuosen lauschen durfte? - Aber vielleicht war es auch derselbe, der ab und an die protzig-etüdenhaften Stücke zum besten gegeben hatte. Das war bemerkenswert, hatte allerdings auch etwas von Charlatanerie, von billiger Effektheischerei. Jeder Klavierspieler, der über den Flohwalzer hinausgekommen ist, kann solche protzige Virtuosität imitieren, und sei es durch den verschwenderischen Gebrauch des Haltepedals. Das ist in Mode, das beeindruckt die Ahnungslosen. Sie musste an einen Dozenten denken, an dessen Harmonielehrekurs sie als Musikwissenschaft-Nebenfächlerin teilgenommen hatte: Von Haus aus Musiktheoretiker, hatte der Dozent sich einmal - es war wohl um den verminderten Dreiklang gegangen - dazu hinreißen lassen, mit furiosen Arpeggi und Glissandi anzugeben. Eine Kommilitonin stieß tatsächlich ehrfürchtige Laute aus bei solcher Virtuosität. Offensichtlich war es ihr entgangen, wie unsauber und geradezu schlampig es war. Überhaupt neigte dieser Dozent zum Hochstaplertum, zur übermäßigen Nutzung des Haltepedals ... <br />
<br />
Aber dieser Klavierspieler benutzte überhaupt kein Haltepedal. Was für eine exakte Rhythmik, wie präzise doch die Sechzehntel gespielt wurden! War es möglich, dass hier ein Mensch spielte? Magie der Perfektion, die sie immer näher zur Tür drängte. Was würde weiter geschehen? Würde das Spiel ins Stocken geraten, würden sich hässliche falsche Noten hineinschmuggeln? <br />
<br />
Inzwischen hatte sie die Tür erreicht. Es war nicht ganz ungefährlich, hier zu stehen und zu lauschen. Wenn jemand vorbeikäme und sie bei diesem unerklärlichen Genuss erwischte - was dann? Diese Angst mischte sich unter die Erregung, die das uhrwerkartig präzise Spiel in ihr auslöste. Hektisch entschied sie, dass sie dann eben so tun würde, als warte sie darauf, dass der Raum frei werde. <br />
<br />
Gab es nicht einmal eine menschliche Regung hinter dieser Tür? Ein Verspieler, ein unkontrollierter Laut, der dem Spieler vor Konzentration oder Anstrengung entfuhr... bange und sehnsüchtig fieberte sie einer solchen Regung entgegen. Was würde sie sein: Ein ekelhafter Schönheitsfehler inmitten dieser Perfektion? Eine Ernüchterung? - Aber nein. Gerade das nicht. Sie wäre ein desto reizvolleres Fragment von alltäglichkeit, das die sehnsüchtige Erwartung erst anstacheln, der erhabenen Präzision erst ihre Erhabenheit verleihen würde. <br />
<br />
Vor Erregung schlug ihr das Herz bis zum Hals - O Gott, wenn nur keiner vorbeikam! Und überhaupt, sie wollte doch zum Bus... Aber der war sicher schon weg. Sie musste jedes Geräusch hinter dieser Tür erhaschen. dazu lehnte sie jetzt fiebernd an der Ritze zwischen Tür und Rahmen, durch die ein etwas muffiger Lufthauch drang - der typische Geruch dieser Abstellkammern. Der Spieler war schon längst bei der Reprise angelangt und spielte gerade das zweite, lyrische Thema. Abgesehen von dem nach wie vor makellosen Spiel war nichts zu hören. Vielleicht - nein sicher war es Blödsinn, hier zu stehen und zu lauschen. Es war dumm und peinlich. <br />
<br />
Sie nahm das Ohr von der Ritze und drehte sich von der Tür weg. Das war doch ein Wahnsinn, diese Lauscherei und diese törichte Aufregung. Der Typ - war es überhaupt ein Spieler oder eine Spielerin? - brauchte nur die Tür aufzumachen und auf einmal vor ihr stehen! Es war besser, sich auf den Weg zu machen, bevor man ertappt wurde.<br />
<br />
Aber da - war da nicht etwas? Mit erneut aufsteigender Erregung lehnte sie abermals das Ohr an die Tür. Und da war es wieder - ein leise verschwommener Laut, der sich nur schwer gegen die lauten Klavierklänge durchsetzen konnte; eine dünne, hohe Männerstimme, die auch schon wieder verstummt war - der Spieler hatte mitgesungen! In der Erwartung, dass es wiederkommen würde, presste sie das Ohr noch fester an die Türritze. Da bewegte sich die Tür ein wenig in den Angeln. Erschreckt richtete sie sich auf - was, wenn der Spieler es gehört und somit bemerkt hatte, dass jemand an der Tür lauschte? - Ach was. Es konnte ja auch der Wind gewesen sein... <br />
<br />
Was war das wohl für ein Mensch da hinter der Tür, wie mochte dieser Mann mit der hohen und im Übrigen nicht sehr klangvollen Stimme aussehen? Nicht, dass diese dünne Stimme und der wenig musikalische Gesang sie abgestoßen hätte, im Gegenteil. Ein schmales, längliches, nicht besonders schönes aber vergeistigtes Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf, das anziehender wäre als jedes Schönlings- oder Heroengesicht. Sie dachte sich einen schmächtigen Körper dazu, im Ganzen eine unscheinbare Gestalt, ein Mensch, der erst in seiner Kunst, in diesem Fall also vor dem Klavier, aufblüht. Aber möglicherweise sah dieser Spieler hinter der Tür auch ganz anders aus? <br />
<br />
Ein entschluss hatte sich in ihr geformt. Sie legte die Hand auf die Türklinke. Wie um das frühere Geräusch der sich unabsichtlich bewegenden Tür zu vertuschen, hatte sie auch gleich erwogen, wie aus Versehen die Tür zu öffnen und einzutreten. Aber schon zögerte sie. War das nicht dumm und vor allem allzu durchsichtig? Dass dieser Raum besetzt war, hörte man doch ganz deutlich. Außerdem ahnte sie dunkel, dass der fiebrige Genuss damit auf der Stelle futsch wäre - da drückte sie die Klinke herunter. <br />
<br />
Eine dicke, muffige und mit Geruch nach frischem Schweiß durchsetzte Luft schlug ihr entgegen. Das Klavier spielte noch ein paar Takte und brach dann ab. <br />
<br />
&quot;Oh - entschuldigung.&quot;, sagte sie mit noch glühenden Wangen zu dem Spieler, der sich träge-erstaunt von seinen Noten abgewandt hatte. Er war keineswegs schmächtig, sondern im Gegenteil eher füllig, mit einem runden Gesicht und fettig-strähnigem, blonden Haar; kleine Augen blickten matt zu ihr herüber. Wenn sie auch nicht zuletzt nach der dünnen Gesangsstimme auf eine jedenfalls nicht besonders anziehende Erscheinung geschlossen hatte - diese Spannung, die fiebrige Erregung war im Angesicht dieses phlegmatischen Typen, der mit diesem unsteten, laschen Blick zu ihr herübersah und dessen Ausdünstungen den Raum erfülten, augenblicklich und vollständig verschwunden. Vor der Wirklichkeit des Schweißgeruches fielen die heroischen Fantasien vom edlen Künstler in sich zusammen. <br />
<br />
Nichts hielt sie mehr hier, und sie kehrte sich schon der Tür zu. <br />
<br />
&quot;Willst du hier rein?&quot;, fragte der Spieler mit schläppender Aussprache, die eine leichte Ruhrpottfärbung hatte, aber offensichtlich nicht regional bedingt war und stattdessen auf eine träge Persönlichkeit hinwies. <br />
<br />
&quot;Nee - ich gehe mal schauen, ob nebenan frei ist.&quot; <br />
<br />
Mit diesen Worten wandte sie sich endgültig zur Tür. <br />
<br />
&quot;Joa - scheint frei zu sein.&quot;, hörte sie den Klavierspieler, der anscheinend in die Stille hineingelauscht hatte, in seiner Manier sagen.<br />
<br />
&quot;Tja... dann noch viel Spaß beim Spielen.&quot;. Während sie die Tür hinter sich zuzog, kam ihr der Gedanke, dass es dem Andern auffiele, wenn aus dem zweiten Überaum nichts zu hören sein würde, aber das war ihr jetzt vollkommen gleichgültig. <br />
<br />
Der nächste Bus würde erst in einer halben Stunde fahren...</div>

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			<dc:creator>Medya</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Engel der kalten Straße</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49353&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 15:50:29 GMT</pubDate>
			<description>„Hier bitte, Ihr Buch.“ Der nette Rothaarige hinter der Kasse reichte Marlene die Tragetasche mit dem neusten Roman ihrer Lieblingsautorin.“Und viel Vergnügen beim Lesen.“ Er zwinkerte ihr verschmitzt zu und sah sie bewundernd an. Der versucht wohl, mit mir zu flirten, dachte sie belustigt. Und das...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>„Hier bitte, Ihr Buch.“ Der nette Rothaarige hinter der Kasse reichte Marlene die Tragetasche mit dem neusten Roman ihrer Lieblingsautorin.“Und viel Vergnügen beim Lesen.“ Er zwinkerte ihr verschmitzt zu und sah sie bewundernd an. Der versucht wohl, mit mir zu flirten, dachte sie belustigt. Und das in meinem Alter! Ein wenig geschmeichelt fühlte sie sich schon, denn eigentlich sah der Bursche unverschämt gut aus; bis auf die Haarfarbe erinnerte er sie sogar an einen bekannten Schlagerstar, für den sie früher einmal leidenschaftlich geschwärmt hatte. Marlene nahm das Buch in Empfang und nickte dem Rotschopf freundlich zu. Als sie die Buchhandlung verließ, kicherte sie leise in sich hinein.<br />
<br />
Draußen schlug ihr eiskalte Luft entgegen. Sie blickte nach oben und schnupperte: Der Himmel war bleigrau bezogen, und es roch nach Schnee. Nun kam der Winter also doch. Jetzt im Schlussverkauf war die beliebte Geschäftsstraße besonders gut besucht. Vollbesetzte Busse bahnten sich mühsam ihren Weg vorbei an falsch geparkten Fahrzeugen. Autofahrer hupten ungeduldig, wenn jemand nicht schnell genug von der Ampel fortkam, und Fußgänger– fest eingemummelt in wärmende Mützen und Schals – eilten wortlos aneinander vorbei. Jeder schien nur einen Wunsch zu haben: So bald wie möglich zurück in seine mollig geheizte Wohnung zu kommen.<br />
<br />
Fröstelnd schlug Marlene den dicken Kragen ihrer flauschig weichen Webpelzjacke hoch, die sie von ihrem Mann Jürgen zu ihrem fünfzigsten Geburtstag bekommen hatte. Jetzt schnell in die auf der anderen Straßenseite gelegene Parkgarage und dann nichts wie nach Hause. Sie freute sich schon auf eine Zigarette und einen heißen Kaffee in ihrer wohlig warmen Küche.<br />
<br />
Kurz vor der Fußgängerampel hielt sie plötzlich an, etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt: Ein junger Mann - bestimmt nicht älter als zwei- oder dreiundzwanzig Jahre - saß dort in einer dünnen Regenjacke zusammengekauert am Straßenrand auf ein paar Plastiktüten, die vermutlich seine gesamten Habseligkeiten enthielten. Ein Pappbecher stand vor ihm, mit ein paar Münzen darin. Neben ihm, auf einem dicken Kissen und unter einer blaukarierten Wolldecke, lag ein großer Hund. Dessen Fell hatte eine undefinierbare, verwaschene Farbe, die braunen Ohren waren viel zu lang, und Marlene glaubte noch nie einen so hässlichen Köter gesehen zu haben. Als engagierte Tierschützerin fühlte sie kalte Wut in sich aufsteigen. Eine Schande, dass solche Leute überhaupt Hunde halten durften. Sie missbrauchten die armen Tiere doch nur, um Mitleid zu erregen und damit ein bisschen Geld zu erschnorren. Von ihr hatte so einer bestimmt nichts zu erwarten!<br />
<br />
Die Fußgängerampel schaltete auf „Grün“. Marlene wollte die Straße überqueren, aber wie unter einem sanften Zwang blieb sie stehen. Sie drehte sich um und sah zu den beiden dort an der Bordsteinkante Sitzenden hin. Der junge Mann schien inzwischen eingeschlafen zu sein. Er hatte seine Hand schützend auf den Kopf des Hundes gelegt. Das Bild, das sie boten, strahlte bei aller Armseligkeit große Würde und einen tiefen Frieden aus. Zögernd ging Marlene auf die Beiden zu.<br />
<br />
Sie tippte dem jungen Mann auf die Schulter und fragte: „Wie heißen Sie?“ Er schreckte hoch und sah sie verwirrt an. „Ich heiße Tom“, antwortete er undeutlich. „Und Ihr Hund?“ „Das ist Jasper.“ Seine Stimme wurde klarer, als er den Namen des Hundes aussprach. Er rückte noch etwas näher an ihn heran. „Jasper ist mein Freund. Er ist der beste Hund der Welt. Von dem trenne ich mich niemals und nie.“. Als das Tier seinen Namen hörte, hob es für einen Moment den schweren Kopf und sah voller Vertrauen zu seinem Herrchen auf. Marlene spürte ein Brennen in den Augen. Verlegen sah sie sich um. Irgendwie war es ihr peinlich, dabei beobachtet zu werden, wie sie dem jungen Obdachlosen etwas zusteckte. Aber von den Passanten nahm keiner Notiz von ihr; jeder schien nur mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Marlene zog ihr Portemonnaie aus der Handtasche. Hastig nahm sie einen Zwanzigeuroschein heraus und steckte ihn möglichst unauffällig in den Pappbecher. Beim Anblick des unverhofften Geldsegens zuckte Tom kurz zusammen, lächelte flüchtig und murmelte leise: „Danke, Madame.“ „Alles Gute“, wünschte Marlene ihm und strich dem Hund, der inzwischen wieder schlief, über den Kopf. Mittlerweile hatte es zu schneien begonnen, und wie bei jedem Wetterumschwung bekam sie Migräne. Sie fühlte sich müde und zerschlagen und wollte nur noch heim. Bei der nächsten grünen Ampel lief sie über die Straße und ging schnurstracks ins Parkhaus. Am Automaten zahlte sie eilig die Parkgebühr. Dann stieg sie in ihren alten VW Golf, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, und machte sich auf die Rückfahrt.<br />
<br />
Unterwegs dachte sie darüber nach, ob sie Jürgen von ihrem Erlebnis berichten sollte, oder nicht. Wenn man eine gute Tat getan hat, soll man sie sofort vergessen, hatte ihre Mutter immer gesagt. Außerdem zweifelte sie daran, dass Jürgen sie wirklich verstehen würde. Wenn es ums Geld ging, war er ziemlich eigen, man konnte ihn beinahe geizig nennen. Geschenke von ihm gab es nur äußerst selten, und die Jacke damals zum Geburtstag war schon eine kleine Sensation gewesen. Eine Ausnahme machte er höchstens bei seinem Hobby, seiner geliebten Modelleisenbahnanlage. Marlene entschied daher, die Sache für sich zu behalten. <br />
<br />
Als sie die Haustür aufschloss, wurde sie von ihren beiden Hunden mit lautem Gekläff begrüßt. Molly, die achtjährige Schäferhündin und Charly, der kleine Terriermischling sprangen freudig an ihr hoch, fuhren ihr mit der Zunge übers Gesicht und sahen sie mit großen Augen erwartungsvoll an. Jürgen war schon weg und würde auch erst gegen Mitternacht nach Hause kommen: Heute fand im Modellbahnclub eine Sitzung statt, auf der er als Vorstandsmitglied natürlich nicht fehlen durfte. Dabei wurde es immer spät, das wusste Marlene aus Erfahrung. Sie hängte ihre Jacke an die Garderobe und ging in die Küche, dicht gefolgt von den beiden Hunden, die jetzt nachdrücklich ihre Belohnung fürs Warten einforderten.<br />
<br />
Während sie die Futternäpfe füllte, überlegte Marlene, was sie selbst zu Abend essen sollte. Ihr Stadtbummel hatte länger gedauert, als geplant, daher war schnelle Küche angesagt; außerdem hatte sie wenig Lust, für sich allein aufwändig zu kochen. Im Vorratsschrank fand sie noch eine Dose Linseneintopf mit Würstchen. Bis die Suppe warm war, blieb ihr genügend Zeit für den Kaffee und die Zigarette, auf die sie sich schon den ganzen Nachmittag gefreut hatte. <br />
<br />
Weil sie allein war und um Abwasch zu sparen (ihre Spülmaschine hatte vor zwei Tagen den Geist aufgegeben), setzte sie sich an den Küchentisch und aß gleich aus dem Kochtopf. Selten hatte ihr eine einfache Mahlzeit so gut geschmeckt, und sie genoss jeden Löffel der dampfenden, heißen Suppe. In Gedanken ließ sie dabei ihre Begegnung mit Tom und Jasper Revue passieren.<br />
<br />
Später nach dem Abendspaziergang mit ihren Hunden zündete sie im Kamin ein Feuer an. Bald schon knisterte und prasselte es, und im Wohnzimmer breitete sich wohlige Wärme aus. Marlene richtete sich mit einem Glas Rotwein, einer Schachtel Pralinen und ihrem neuen Roman behaglich auf dem Sofa ein. Molly und Charly schliefen satt und zufrieden in ihren Körbchen. Von Zeit zu Zeit ließen sie ein leises Schnarchen hören. <br />
<br />
Sinnend betrachtete Marlene das helle Kaminfeuer. Ihre Gedanken spazierten zu dem jungen Obdachlosen Tom und seinem treuen Gefährten. Hätte sie mehr tun können? Sie vielleicht sogar mit nach Hause nehmen sollen? Marlene schüttelte den Kopf, ihre Familie und die Nachbarn hätten sie wahrscheinlich für verrückt erklärt. Sie hoffte, dass die beiden &quot;Engel der kalten Straße&quot;, wie sie sie im Stillen nannte, ein warmes Quartier gefunden hatten und die erste Schneenacht dieses Winters nicht bei klirrender Kälte im Freien verbringen mussten. <br />
<br />
Marlene reckte sich genüsslich auf dem Sofa, trank einen Schluck von dem wohltemperierten Wein, steckte sich eine Marzipanpraline in den Mund und begann zu lesen.<br />
<br />
<b><u>Anmerkung:</u></b> Engel begegnen uns immer und überall, wenn wir bereit sind, sie zu sehen.- Die Personen in dieser Erzählung sind frei erfunden, aber die Geschichte ist real. So oder ähnlich könnte sie Jeder von uns erleben.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=20">Alltag</category>
			<dc:creator>Marielle</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Vorstandssitzung</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49348&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 11:29:12 GMT</pubDate>
			<description>Ein Deutscher, ein Denker
Zwei Deutsche, ein Verein
Drei Deutsche, ein Krieg
Moderne Redensart

Es gibt unzählige Vereine in Deutschland. Natürlich auch anderswo. Aber nur in Deutschland pflegt man mit Inbrunst dieses besondere Vereinsleben mit all seinen kauzigen und unvorhersehbaren...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Ein Deutscher, ein Denker<br />
Zwei Deutsche, ein Verein<br />
Drei Deutsche, ein Krieg<br />
Moderne Redensart<br />
<br />
Es gibt unzählige Vereine in Deutschland. Natürlich auch anderswo. Aber nur in Deutschland pflegt man mit Inbrunst dieses besondere Vereinsleben mit all seinen kauzigen und unvorhersehbaren Abläufen.<br />
<br />
Jeder Verein hat einen Vorstand mit verschiedenen Vorstandsposten, wie den Vorsitzenden zum Beispiel. Selbstverständlich hat ein Verein auch Mitglieder und einen Vereinszweck oder ein Vereinsziel. Aber das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger sind die Rituale und denen widmet sich der Vorstand mit Hingabe, in jedem Verein, gleich, ob Ziegenzüchterverein, Ortsverein einer Partei, Sportverein, Karnevalsverein, Schützenverein oder was es sonst noch so an Vereinen gibt. <br />
Vorsitzender eines Vereins zu sein hat in Deutschland etwa den gleichen Stellenwert wie der wirkliche Hofrat in Österreich und fast wie ein Sir in England.<br />
<br />
Der Schriftführer hingegen ist so etwas wie der dumme August des Vereins. Er hat ein schweres Los. Diese Aufgabe, die zum deutschen Vereinsleben gehört, wie der Schwanz zu einer Kuh, ist deshalb nicht besonders begehrt. Es reißt sich niemand darum. Ein Schriftführer aber muß sein, sonst ist ein Vorstand unvollständig und das gibt es nicht. Irgend jemand wird also diese Aufgabe übernehmen müssen und es findet sich auch immer irgend jemand. Meistens ist das ein Jemand, dem die Tücken und Fußangeln dieser überaus ehrenvollen Funktion nicht so vertraut sind, wie den alten Vereinshasen. <br />
Des Schriftführers Auftrag lautet, das Protokoll zu führen. Und das ist eine schwere Aufgabe! Verflixt schwer!<br />
<br />
Ich komme damit zu Punkt zwei der Tagesordnung, läßt sich der Vorsitzende vernehmen, nachdem er den ersten Tagesordnungspunkt eines jeden Vereins, die Begrüßung und Feststellung der Beschlußfä-higkeit, abgehakt hat. <br />
Gibt es Wortmeldungen zum Protokoll der letzten Sitzung, das jedem von Ihnen vorliegt? Der Schriftführer schickt bei dieser Frage heimlich ein heißes Stoßgebet gen Himmel: Geh an mir vorüber, bitterer Kelch. Aber der Kelch geht nicht an ihm vorüber, so innig sein Gebet auch ausfallen mag.<br />
Der Beisitzer Dr. Möller, seines Zeichens Gymnasiallehrer, Altphi-lologe, worauf er Wert legt, ein Mann kurz vor der Pensionsgrenze, erhebt die Hand und sagt, ja, ich hätte eine Anmerkung zu machen. Kollege Mühsam, so heißt der Schriftführer, Kollege Mühsam, zu Tagesordnungpunkt drei hat hinter den Satz: &quot;Das hat der Vorstand einstimmig so beschlossen&quot;, ein schlichter Punkt gesetzt zu werden und kein Ausrufungszeichen. <br />
Alle anwesenden Mitglieder des Vorstands seufzen unhörbar, drehen die Augen gen Himmel und denken, mein Gott, Möller! Nicht schon wieder! Einer summt leise durch seine Zähne: &quot;Oh, wie ist das schön...!&quot;<br />
Die kleinlaute Rechtfertigung des Schriftführers: <br />
Ich wollte damit die Einstimmigkeit besonders unterstreichen, und außerdem gibt mir die Rechtschreibreform bei der Interpunktion gewisse Freiheiten, läßt den Beisitzer und Altphilologen Möller nicht verstummen. Ganz im Gegenteil! <br />
Erneut erhebt er seine Hand und bittet ums Wort, das ihm der Vorsitzende mit sichtbar gereizter Geste erneut erteilt und Möller spricht so: <br />
Wie Sie wissen bin ich Philologe und fühle für die Pflege der deutschen Sprache eine gewisse Verantwortung. Deshalb bitte ich sehr darum, die Freiheiten, die diese neue Rechtschreibung gestattet, die ich im übrigen für einen Skandal halte, nicht allzu exzessiv zu handhaben. <br />
<br />
Das wiederum veranlaßt den Vorsitzenden zu der vorschnellen Bemerkung, daß das doch nun wirklich nicht hierher gehöre. Aber sogleich bereut er, denn Möller meint: Mag sein, dennoch bitte ich ins nächste Protokoll aufzunehmen, daß ich eine Korrektur verlangt habe. <br />
<br />
Einige Vorstandsmitglieder sitzen und starren Löcher in die Decke des Sitzungsraums, andere lümmeln gelangweilt auf ihren Stühlen herum, blättern im Protokoll oder bemalen selbiges mit Strichmännchen, kratzen sich an den Köpfen oder sonstwo und denken, was tue ich hier eigentlich und lasse mich von diesem armseligen Pedanten elenden. Wie schön könnte es sein, jetzt zu Hause vor der Glotze ein gemütliches Bier zu lenzen, anstatt mich mit diesem Schafscheiss bewerfen zu lassen. <br />
Indes läßt der Vorsitzende über den Antrag Möllers abstimmen und fragt, ob es gegenteilige Meinungen gibt. Das ist nicht der Fall, denn man möchte den Kollegen Altphilologen  - der Beruf ist übrigens beliebig austauschbar und gewiß nicht auf Altphilologen oder andere Lehrer beschränkt -  man möchte ihn, Möller, nicht zu weiteren Interventionen reizen. <br />
Also wird die beantragte Korrektur ins nächste Protokoll genommen. Zähneknirschend, maulend und finsteren Gesichts notiert sich das der Schriftführer. <br />
Und wie es so ist in einem Vorstand, wenn einer etwas am Protokoll zu mäkeln hat, dann gibt es mit Sicherheit mindestens einen anderen, dem eine Protokollformulierung mißfällt; schon um auch die Wichtigkeit seiner Person gebührend hervorzuheben.<br />
Weitere Wortmeldungen zum Protokoll der letzten Sitzung, fragt der Vorsitzende pflichtschuldig die Runde? <br />
So hebt denn der Beisitzer Ziegenfuß seine Hand und meint: Zum Tagesordnungspunkt fünf habe ich nicht gesagt, wir sollten der Mitgliederversammlung vorschlagen, sondern ich habe gesagt, wir müßten. <br />
Alle schauen auf Ziegenfuß, als wollten sie ihn verspeisen oder einen anderen schlimmen Tort antun und der Schriftführer Mühsam ruft, obwohl ihm das Wort nicht erteilt ist, lauter als erforderlich: <br />
Sollte, müßte, also wirklich, ist das nicht egal? <br />
Mitnichten ist das egal, schaltet sich ungefragt und ohne Worterlaubnis, Dr. Möller eifrig ein, sticht mit dem Pfeifenstiel - er raucht kalt, weil man beschlossen hat, während der Sitzungen nicht zu rauchen - heftig in die Luft und beginnt über den Unterschied von sollte und müßte zu dozieren, als hätte er eine Klasse begriffsstutziger Pennäler vor sich. <br />
<br />
Genervt fragt der Vorsitzende das Vorstandsmitglied Ziegenfuß, indem er Möllers Ausführungen unwirsch unterbricht, ob denn eine Änderung gewünscht werde. Aber gewiß doch, ist die Antwort, ich wünsche schon eine sinngerechte Protokollführung, wenn schon keine Wortprotokolle geführt werden, was ich ausserordentlich bedauere. Wenn ich also müßte gesagt habe, möchte ich im Protokoll nicht sollte lesen. Das ist doch wohl allgemeinverständlich, nicht wahr, Kollegen? Zustimmung heischend mustert er die Runde. <br />
Nur Möller nickt heftiges Einverständnis wie ein eifrig pickendes Huhn. Die anderen sehen sich irritiert an, einige schütteln seufzend die Köpfe, andere besehen sich die Fingernägel, puhlen sich in den Ohren oder an den Nasen. In der Nase zu bohren traut sich in dieser Runde keiner.  <br />
Alle blicken auf Ziegenfuß, wie auf ein ekles Insekt und allgemein langweilt man sich unsäglich. <br />
Mühsam ruft ebenso laut wie ungeduldig, bevor hier wieder die Abstimmungsmaschine in Gang gesetzt wird, ich bringe die Änderung freiwillig ins nächste Protokoll, so! Damit wir endlich weiterkommen. Und im übrigen bin ich es leid, daß ständig wegen Lappalien meine Protokollführung kritisiert wird, haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Soll ich examiniert werden oder wie ist Ihr Verhalten zu deuten, meine Herrschaften? Giftig schielt er Möller und Ziegenfuß an.<br />
<br />
Möller nimmt seine geliebte Pfeife aus den Zähnen und faucht, also Lappalien ist doch wohl ein wenig im Ton vergriffen, Kollege Mühsam. Meinen berechtigten Einwand gegen Protokollformu-lierungen als Lappalien zu verunglimpfen, ist zu stark. Das nehmen Sie zurück, wenn ich bitten darf! Herr Vorsitzender, ich bitte, den Schriftführer zu ermahnen. So geht das nicht. Ziegenfuß nickt verständnisinnig, ja, ereifert er sich, das finde ich auch. <br />
Schriftführer Mühsam knallt seinen Kuli auf den Tisch, sieht kurz in die Runde und bellt böse: <br />
Wissen Sie was, meine Herrschaften, machen Sie Ihr Scheißprotokoll alleine. Ich bin es leid, für Sie den Pajaz zu machen. Erbittert starrt er die Runde an. Fast alle sehen betreten zu Boden oder in die Luft. <br />
Also bitte, bitte, lieber Kollege Mühsam, versucht der Vorsitzende zu schlichten, so haben es die Kollegen nicht gemeint. Sie sind doch nur um Korrektheit besorgt... Mühsam unterbricht den Vorsitzenden und knurrt: Korrektheit? Korinthenkackerei nenne ich diesen Kleinkram. Und das macht man nicht länger mit mir! <br />
Ich  muß doch sehr bitten, ruft Möller ohne das Wort zu haben, welch eine Ausdrucksweise ist denn das? <br />
Ruhe, bitte, mahnt der Vorsitzende, wir haben noch eine umfangreiche Tagesordnung vor uns. Ich möchte jetzt den Punkt zwei, Protokoll der letzten Sitzung, abschließen. Gibt es Bedenken...? <br />
Zur Geschäftsordnung, wirft Mühsam energisch ein, indem er beide Hände hochhebt. Bitte, macht der Vorsitzende mit entsagungsvoll gequälter Miene und denkt, jetzt haben wir schon wieder mehr als eine halbe Stunde mit dieser blödsinnigen Protokollreiterei verplempert. Und es stehen noch weitere acht Punkte auf der Tagesordnung. <br />
Ich lege hiermit den Posten des Schriftführers nieder und zwar mit sofortiger Wirkung, soll Protokoll führen, wer will, ich nicht mehr, basta, schnappt Mühsam beleidigt.<br />
Aber das geht doch nicht, meint Möller leicht irritiert, Sie können doch nicht einfach... Ich kann, unterbricht ihn Mühsam zornig, ab sofort bin ich kein Schriftführer mehr! <br />
Was sagt denn die Satzung dazu, fragt Ziegenfuß nach kurzem Schweigen die Runde. Die Satzung, die Satzung?...Ich habe die Satzung heute nicht mitgebracht, entschuldigt sich der Vorsitzende kleinlaut, leider. Dann muß ein anderer den Posten übernehmen und ich schlage den Vorsitzenden vor, wirft Ziegenfuß hoffnungsvoll ein. <br />
...Nein, kommt nicht in Frage, unterbricht der Vorsitzende unwirsch, ich habe andere Aufgaben und bin damit voll ausgelastet. Außerdem...<br />
Warum habe ich diese sich jede Sitzung wiederholenden Fisimatenten so lange Jahre mitgemacht, fragt sich Mühsam genervt. <br />
Eine innere Stimme antwortet ihm schadenfroh, weil Du ein hoffnungsloser Vereinsmeier bist, deshalb.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=23">Satire</category>
			<dc:creator>Kukulkan</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Beste Freunde ?</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49347&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 17:43:53 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Beste Freunde ?

,,Ich liebe dich." 
Mehr stand in der Sms nicht. Ich las sie nocheinmal und nocheinmal und immer wieder, konnte es nicht glauben was in dieser Sms stand. Erst dachte ich er würde mich verarschen, er war doch mein bester Freund ! Ich kannte Felix jetzt seit vier Jahren, wir waren...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Beste Freunde ?<br />
<br />
,,Ich liebe dich.&quot; <br />
Mehr stand in der Sms nicht. Ich las sie nocheinmal und nocheinmal und immer wieder, konnte es nicht glauben was in dieser Sms stand. Erst dachte ich er würde mich verarschen, er war doch mein bester Freund ! Ich kannte Felix jetzt seit vier Jahren, wir waren seit der fünften Klasse beste Freunde gewesen. Ich war nicht so wie die meisten Mädchen aus meiner Klasse, ich schminkte mich nur wenig, trug eher lässige Sachen wie Chucks und Schlabberpullis und machte bei jedem Streich mit, deshalb hatte ich mehr männliche Freunde als weibliche. Und ich dachte das Felix mich auch deshalb mochte, weil ich anders war. Ich schrieb mit zitternden Händen zurück :,, Willst du mich verarschen ?&quot; Dabei kuschelte ich mir in die Kissen auf meinem Bett, was sollte ich davon halten ? Vielleicht war es nur ein übler Scherz, vielleicht aber auch sein voller Ernst. Ein Piepston kam von meinem Handy und ich nahm es in die Hand um die Sms zu lesen die eindeutig von Felix kam :,, Sofie, ich liebe dich seit vier Jahren ! Ich konnte es kaum mit ansehen das du mit Jannick zusammen warst und noch schlimmer war es als du wegen ihm geweint hast !&quot; Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen, eine hilflose Geste. Liebte ich ihn ? Ich meine, liebte ich ihn genug um mit ihm zusammen zu sein ? Meine Gedanken überschlugen sich förmlich und ich tippte mit zusammengepressten Augen eine Nachricht an ihn :,, Und du willst mit mir zusammen sein...?&quot; Es dauerte keine Minute bis ich seine Antwort, ein einfaches Ja, bekam. Ich schrieb ihm das ich ihn lieben würde, das er mich zum lachen brachte, dass er immer für mich da war und das ich auch gerne mit ihm zusammen wäre. Den Text entschied mein Herz und nicht mein Verstand, der klagte Lautstark dagegen. Ich blickte auf die Uhr in meinem Zimmer, schon fast zwölf ich sollte nun wirklich schlafen gehen morgen war schließlich noch Schule. Als hätte Jannick meine Gedanken gelesen kam eine Sms von ihm an :,, Du glaubst nicht wie glücklich ich bin. Wir sehen uns morgen. Schlaf gut Prinzessin. Ich liebe nur dich.&quot; Ich tippte eine kurze Antwort, setzte ein &quot;Ich liebe dich&quot; dahinter und knipste das Licht aus. Hatte ich das richtige getahen oder eine wundervolle Freundschaft zerstört ? Ich kugelte mich zusammen und schlief mit Jannicks Bild im Kopf ein.<br />
Am nächsten Morgen war ich total erschöpft, ich war mehrere male in der Nacht aufgewacht, einmal sogar mit tränenbenetztem Gesicht. Schnell schlüpfte ich in eine lockere Jeans nahm einen grauen Kapuenpulli und schnürte meoione grünen Sneakers zu. Im Bad sah ich mein geschwollenes Gesicht im Spiegel und seufzte. Da half nur noch Make-Up. Ich schraubte an Mums Make-Up Verschluss herum und schmierte mir die hellbraune Creme ins Gesicht. Ich sah zwar nicht schön aus aber wenigstens annsehbar. Ich putze mir akribisch die Zähne und bürstete mir meine langen braunen Haare bis sie mir glatt und geschmeidig bis zur Taille fielen. Ich schnappte mir meinen grünen Rucksack und fuhr mit dem Fahrrad zur Schule. Jannick stand wie immer am Schuleingang und grinste mich an. Er sah gut aus, sogar sehr gut. Er hatte hellblonde Haare und helle, grüne Augen die mich nun anstrahlten. Er trug ebenfalls einen Kapuzenpulli und eine Jeans. Ich grinste zurück und hoffte das es einigermaßen echt aussah. Ich stellte mein rad ab und lief zu ihm. Er zog mich überraschender Weise an sich und küsste mich vor den Augen aller Mitschüler die nun zu uns herrüber gafften. Mir war es ein wenig peinlich und als er sich von mir löste grinste er wieder zu mir nach unten. ,, Warum Make-Up Schatz ? Das brauchst du doch garnicht !&quot; Ich kniff ihm liebevoll in die Seite und er griff nach meiner Hand. Die Mädchen aus meiner Klasse, darunter auch Selina die in Jannick verliebt war und mich nun warscheinlich hasste, tuschelten angeregt und starrten immer wieder zu uns hinüber. Aber Jannick schien das nicht zu stören, mich hingegen schon es fühlte sich einfach falsch an. Zwei Wochen ging das nun so. Er holte mich morgens ab und brachte mich auch wieder nach Hause, wir gingen mindestens einmal die Woche ins Kino, am Wochenende gingen wir Skaten oder ich guckte ihm bei einem Fußballspiel zu. Es hatte sichnicht viel verändert aber die kleinen Details die nun nicht mehr so waren wie vorher störten mich sehr, wenn er mich küsste spürte ich rein garnichts, kein Verlangen, kein Glück, einfach nichts. Jeden Tag veränderte er sich ein wenig mehr, er war nichtmehr so locker, er zanckte nichtmehr mit mir, er stritt sich mit mir nichtmehr um den letzten Chip. Das alles vermisste ich sosehr. Nach den zwei Wochen hatte ich einen Entschluss gefasst und lud David ein mit mir am Wochenende an den See in unserer Gegend zu fahren an dem wir schon lange nichtmehr gewesen waren. Er sagte zu und so trafen wir uns bei Sonnenuntergang am See. Eigentlich eine romantische Stunde. Nun standen wir da, um uns herum wurde alles langsam dunkel und ich fühlte mich so verloren. ,, Jannick...&quot; flüsterte ich und war zu feige ihm ins Gesicht zu schauen. ,,Ja ?&quot; flüsterte er ebenfalls. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und schaute ihm ins Gesicht. Seine grünen Augen leuchteten nicht und er wirkte angespannt, sogar ein wenig verletzlich. ,, Ich liebe dich aber ich vermisse dein altes Ich. Ich möchte wieder das es so wird wie früher. Ich möchte meinen besten Freund zurück und keinen Freund.&quot; Er verkrampfte sich und schloss die Augen. Er nickte einmal kurz und nahm mich dann in die Arme als hätte er es verstanden aber ich spürte wie verletzt er war. ,,Von nun an;&quot; flüsterte er mir ins Ohr ,,Werde ich nur noch dein bester Freund sein.&quot; Die Stimmung war angespannt und deshalb brachte er mich nachhause. Ich war nicht glücklich und es tat mir weh das ich ihn so verletzt hatte. Ich hasste mich dafür. Doch nun sollte doch alles wieder wie früher werden, locker und einfach. Aber das wurde es nie, ich sah den Glanz in seinen grünen Augen nie wieder.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=121">Jugend</category>
			<dc:creator>choclateandcookies</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49347</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Viele Hauptfiguren - viele Perspektiven?</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49346&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 17:24:31 GMT</pubDate>
			<description>Hallo,

es erfordert, glaub ich, ziemlich viel handwerkliches Können oder einfach nur Talent, um den richtigen Ton zu treffen, der nicht nur zur Figur passt, sondern auch die Stimmung einer Geschichte wiedergibt.
Das geht bei Ich-Erzählern einfach, das ist meine Erfahrung, auch die personale...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Hallo,<br />
<br />
es erfordert, glaub ich, ziemlich viel handwerkliches Können oder einfach nur Talent, um den richtigen Ton zu treffen, der nicht nur zur Figur passt, sondern auch die Stimmung einer Geschichte wiedergibt.<br />
Das geht bei Ich-Erzählern einfach, das ist meine Erfahrung, auch die personale Erzählerperspektive ist einigermaßen gut hinzukriegen, wenn man geübt ist. <br />
Diese Perspektiven sind für mich deswegen relativ einfach hinzukriegen, weil ich die Grenze der Figuren kenne, sie befinden sich in imaginären Blasen, die sie eben nicht durchbrechen können und dadurch gar kein fremdes Wissen haben können, weil ihnen einfach eine andere Perspektive auf die Dinge fehlt, nämlich die Perspektive der anderen Figuren oder die auktoriale Perspektive.<br />
Was passiert aber, wenn ich drei Hauptfiguren habe, wo jede einzelne Perspektive für die Geschichte wichtig ist. Habe ich dann drei personale Erzähler? Kann man das überhaupt handwerklich? (Beispiele aus der Literatur oder aus Kg wären super, ich würde gerne sowas lesen, um zu sehen, wie die das Problem gelöst haben) Es ist für den Leser bestimmt anstrengend zu lesen, wenn innerhalb einer Szene die Perspektive gewechselt wird, oder wenn jede Szene aus einer anderen Perspektive geschrieben ist. Oder unterschätze ich hier den Leser?<br />
Die andere Möglichkeit wäre, die Geschichte dann von einem auktorialen Erzähler erzählen zu lassen, aber der ist dann doch so altbacken und man kommt nicht umhin, die Figuren zu werten. Das ist für mich ein Tabu. Ich will die Handlungen meiner Figuren und ihren Charakter nicht innerhalb diesr erzählten Welt schon werten lassen - ist ja schließlich die Aufgabe des Lesers. <br />
 <br />
<br />
Ich wollte wissen, ob ihr mit dem Problem konfrontiert wurdet, wenn ja, wie habt ihr es gelöst? Habt ihr literarische Beispiele für mich, oder habt ihr andere Ideen, wie man drei unterschiedliche Perspektiven unter einem Hut bringt.<br />
<br />
Hilfe!<br />
<br />
JoBlack<br />
<br />
P.S. der Titel ist ... :dozey:, mir ist kein besserer eingefallen.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=65">Autoren</category>
			<dc:creator>JoBlack</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49346</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Der Schizo - roman - 160 Seiten</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49345&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 16:28:07 GMT</pubDate>
			<description>Unter folgendem Link mein Debutroman:

http://www.amazon.de/Der-Schizo-ebook/dp/B005UYL1OU

Klappentext:

Einen krankhaft Verrückten kennt jeder. Im Bekanntenkreis, im Freundeskreis oder gar in der Familie. Nur auf der Straße will ihn keiner kennen.

Die junge Hauptfigur Clemens begibt sich auf...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Unter folgendem Link mein Debutroman:<br />
<br />
<a href="http://www.amazon.de/Der-Schizo-ebook/dp/B005UYL1OU" target="_blank">http://www.amazon.de/Der-Schizo-ebook/dp/B005UYL1OU</a><br />
<br />
Klappentext:<br />
<br />
Einen krankhaft Verrückten kennt jeder. Im Bekanntenkreis, im Freundeskreis oder gar in der Familie. Nur auf der Straße will ihn keiner kennen.<br />
<br />
Die junge Hauptfigur Clemens begibt sich auf eine geheimnisvolle Suche nach Freundschaft, die Liebe, die Wahrheit und sich selbst. Dabei verliert er alles. Und findet den Wahnsinn in sich und den eigentlichen in der Welt.<br />
<br />
Was mit einigen harmlosen Seltsamkeiten beginnt, steigert sich in ein irrsinniges Durcheinander im Denken und Fühlen von Clemens. Er wird von bösen, verschwörerischen Mächten verfolgt, immer aggressiver benimmt er sich und versinkt mehr und mehr im heillosen Chaos. Und immer wieder will er die Welt zu einer guten verändern. So irrational und erschreckend es ihn durch die Großstadt jagt, so sensibel und verletzlich ist er.<br />
<br />
Hochinteressant zeigt sich der Stil des Buches:<br />
<br />
Umso kranker und verrückter Clemens wird, desto ungewöhnlicher und verstörender gestaltet sich die einzigartige Sprache des Romans.<br />
Der Leser liest den Wahnsinn eines paranoid Schizophrenen ganz so, als wäre er selbst seelisch erkrankt.<br />
<br />
<br />
<br />
Der Autor Tilmann Kleye, geboren 1981, ist Historiker und Germanist.<br />
Neben vielen Romanen schrieb er Lyrik und Theaterstücke.<br />
<br />
Er kann auf zahlreiche Publikationen verweisen wie unter anderem im Indie-Kunstmagazin &quot;Zucker&quot;, in welchem er alle drei Monate textlich und bildnerisch-grafisch tätig wird. (auch als Internetausgabe unter zucker issuu) Texte im Kunstmagazin &quot;Rang und Namen&quot; kann er verzeichnen wie in der &quot;Nationalbibliothek Deutscher Gedichte&quot; und bei &quot;jokers&quot;. Er veröffentlichte in der Anthologie &quot;Vorsicht Autor!&quot; wie auch in der Literaturzeitschrift &quot;Satz und Zeilensprung&quot;.<br />
<br />
Außerdem ist er Teil der Lesebühnen,- und Poetry Slam-Szene.<br />
<br />
Tilmann Kleye ist Kolumnist für den sju-Kunstblog und lebt derzeit in Leipzig.<br />
<br />
<br />
<br />
Textbeispiele sind im Internet unter seinem Namen zu finden. Besonders sei auf das Social Network neon.de verwiesen, auf welchem obendrein eine Leseprobe des &quot;Schizo&quot; zu finden ist.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=139">Veröffentlichungen unserer Autoren</category>
			<dc:creator>TilmannKleye</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49345</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Der Lachforst</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49344&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 15:27:04 GMT</pubDate>
			<description>Wenn man von Salzburg nach Braunau fährt, kommt man am Schluss der Fahrt durch den Lachforst. Ich weiß nicht, wer diesem Stückchen Wald diesen Namen gegeben hat, denn soweit ich weiß, gibt es in einem Wald nichts zu lachen, schon gar nicht in diesem. Ich selbst bin diese Strecke nicht sehr oft...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Wenn man von Salzburg nach Braunau fährt, kommt man am Schluss der Fahrt durch den Lachforst. Ich weiß nicht, wer diesem Stückchen Wald diesen Namen gegeben hat, denn soweit ich weiß, gibt es in einem Wald nichts zu lachen, schon gar nicht in diesem. Ich selbst bin diese Strecke nicht sehr oft gefahren. Mir ist auch damals, im Jänner 2005, nichts aufgefallen, außer dass mein Benzin zu Ende ging und ich keine Zigaretten mehr hatte. Kurz vor der Ortschaft Ranshofen liegt dort linker Hand ein verfallenes Gasthaus, das den klingenden Namen „Drecksauwirt” hatte, weil man erzählte, der Wirt habe, wenn er getrunken hatte, einem Gast schon mal eine Maurerforelle mit völlig verdreckten Pfoten serviert. Eine Maurerforelle ist ein in der Mitte durchgeschnittener Knacker, innen mit Senf bestrichen. Stefan G., (ich habe seinen Namen ändern müssen) mit dem ich damals befreundet gewesen war, hatte in der Nähe gewohnt.<br />
<br />
Wir haben uns aus den Augen verloren, als er nach München studieren ging und ich meinen Wohnort wechselte. Ich zog nach Salzburg. Es soll schon im Winter 1999 angefangen haben, aber das habe ich natürlich nicht überprüft. Im Winter ist der Lachforst ein gefährlicher Ort für Autofahrer. Es gibt da Lichtungen, die Schneeverwehungen begünstigen, und so ist es fast sicher, dass jemand bei Neuschnee im Graben landet. Stefan wohnte damals in Neukirchen, einem Örtchen etwas südlich von Braunau. Er fuhr die Strecke Neukirchen-Braunau beinahe jeden Tag, oder besser gesagt jede Nacht, denn er arbeitete als Kellner in einem Braunauer Lokal, dessen Namen nicht zu nennen ich ihm habe versprechen müssen. Als ich Stefan vor einem knappen Jahr traf, hatte er sich ziemlich verändert. Er hat zu trinken aufgehört und ist heute Vegetarier. Nur das Rauchen hatte er sich nicht abgewöhnt.<br />
<br />
Er sieht einigermaßen gut aus, auch wenn er immer noch diese scheußliche karierte Jacke anzieht, die den Eindruck macht, er sei gerade aus der Haft entlassen worden. Wir haben uns in Salzburg getroffen, als ich gerade dabei war, einen sündteuren Parkschein zu lösen. Ich wollte in die Bücherei, um mir für das Wochenende ein wenig Lesestoff zu besorgen, da berührte mich jemand nach Volksschülerart von hinten an der Schulter und wich schnell einen Schritt zur Seite, so dass ich ihn nicht sehen konnte, als ich mich umdrehte. So etwas mag ich gar nicht. Ich drehte mich einmal um mich selbst, bis ich das billig grinsende Gesicht Stefans erblickte. In seiner unmöglichen Jacke stand er vor mir, Stefan, und wenn man seine Art ertragen kann, ist er ein netter Kerl.<br />
<br />
Er fragte mich, ob ich Zeit hätte für einen Kaffee? Ich hatte sie nicht und sagte ja, weil ich nicht nein sagen kann. Wir gingen ein Stück stadteinwärts und hockten uns in ein Café. Nachdem wir uns eine Zigarette angezündet und bestellt hatten (er einen schwarzen Tee, pfui Teufel, ich eine Cola), begann der übliche Gesprächsanfang („was geht denn alleweil“, „was macht das Salzburger Nachtleben“, „wie geht’s der Familie“ und noch mehr dergleichen). Von Smalltalk habe ich nie viel gehalten, also habe ich ihm seine Fragen mit Gegenfragen beantwortet. Und dann erzählte er mir diese seltsame Geschichte.<br />
<br />
	Im Lachforst seien in den letzten vier Jahren drei Menschen verschwunden, meinte er. Ich habe das natürlich nicht ernst genommen. In Österreich verschwinden keine Menschen, und für verschwörungstheoretischen Blödsinn habe ich schon überhaupt kein Ohr. Aber je länger Stefan erzählte, desto unsicherer wurde ich. Stefan hatte einen Freund bei der Braunauer Polizei. Der Einfachheit halber nenne ich ihn hier Georg. Ich sage hatte, denn Georg zog letztes Jahr nach Berlin. Georg hatte in den letzten Jahren bei vielen Unfällen im Lachforst ermittelt. Die besondere Gefahr im Lachforst liegt, wie ich schon erwähnt habe, in seiner kurvenreiche Strecke. Bei Neuschnee kann sie ganz schnell zur Todesstrecke werden. Auf den Geraden zwischen den Kurven gibt es kaum Unfälle; nicht einmal bei den riskanten Überholmanövern einiger Führerscheinneulinge.<br />
Aber in den Kurven, die in Lichtungen liegen, hat schon mancher Autofahrer den Tod gefunden. Georg und Stefan waren dicke Freunde gewesen. Georg hatte, wie Stefan erzählte, hin und wieder nach Feierabend in Stefans Stammlokal wieder einmal einen über den Durst getrunken. Stefan erzählte mir, dass es etwa drei Wochen vor Georgs Übersiedelung nach Berlin gewesen war. Nach dem dritten Bier sei er auf die Unfälle zu sprechen gekommen, die sich jeden Winter im Lachforst ereignen. Es seien keine schweren Unfälle, die da passieren; die Leute fahren einfach zu schnell, können die Rutschfestigkeit ihrer Reifen bei Neuschnee nicht richtig einschätzen und setzen ihren Wagen in den etwa ein- bis eineinhalb Meter tiefen Graben. Dabei muss man sich nicht einmal verletzen; es reicht aber aus, dass der Wagen einen Totalschaden hat, weil das Chassis verzogen wird. Aber das sei es nicht, sagte mir Stefan. Es blieb nicht bei den drei Bieren, sagte Stefan. Ich habe Stefan gefragt, ob sich Georg nicht alles einfach ausgedacht haben konnte. Stefan erzählte mir, dass er genau das auch gedacht habe, bis zum 12. Januar 2005 jedenfalls.<br />
Denn da verunglückte seine ältere Schwester. Und diesmal war der Unfallausgang tödlich. Hat man ihm und seinen Angehörigen jedenfalls gesagt. Die Leiche hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Man wolle die Angehörigen schonen, hatte man gesagt. Seltsam wurde es, erzählte Stefan weiter, als jemand aus Linz aufkreuzte und erklärte, dass das Land Oberösterreich für die Begräbniskosten aufkomme. Das Land Oberösterreich war auch noch spendabel: Es zahlte 12.000 Euro an die Angehörigen aus, damit man davon absehe, ein Kreuz am Unfallort aufzustellen. Die gefährliche Strecke im Lachforst sei dem Magistrat in Linz bekannt, und bis es im Jahr 2008 zum Ausbau der Strecke kommt – was mittlerweile trotz typisch-österreichischer Straßenbauverzögerungstaktik tatsächlich geschehen ist – möchte das Land Oberösterreich dem seelischen Ungemach der Hinterbliebenen (so hieß es in dem Begleitschreiben) mit einer symbolischen Geste von 12.000 Euro entgegenkommen. Ich glaubte Stefan aufs Wort, dass er das Geld gut gebrauchen konnte; man wird nicht reich als Kellner. Nur hat dieser Georg an diesem Abend eben behauptet, dass Stefans Schwester gar nicht tot sei.<br />
<br />
Es ist nicht außergewöhnlich, dass sich ein angeheiterter Gast schon mal im Ton vergreift, hat mir Stefan gesagt, aber diese Bemerkung war wirklich geschmacklos. So kenne er Georg gar nicht, hat er mir erzählt. Dann fing der Wahnsinn an. Stefans Schwester soll nicht die einzige sein, die nach dem Unfall verschwunden ist. <br />
„Uhuhu”, machte ich und hob die Hände. Ich spielte Stefan mein Entsetzen vor. <br />
„Die große Entführungswelle in Oberösterreich. Terroristen entführen Neuschneeopfer. Echt genial. Klingt plausibel, wirklich.”<br />
„Ich bin dir nicht böse, dass du mir nicht glaubst”, sagte er mit einem abgeklärt-melancholischen Blick. <br />
„Lieber Stefan. In Österreich werden keine Leute entführt. Weil in Österreich die Menschen normal sind, verstehst du? Wir sind hier nicht am Balkan oder sonst wo. Dieser Georg hat dir nichts als einen Bären aufgebunden. Und du ...?”<br />
„Spinnst du? Glaubst du im Ernst, ich nehme so was ungeprüft hin? Natürlich bin ich zur Polizei gegangen und habe gefragt, ob sie meine Schwester gesehen haben nach dem Unfall. Die haben mir natürlich gar nichts gesagt. Wir sind kein Auskunftsbüro und so. Dann haben sie wissen wollen, wo ich jetzt arbeite, ob ich in ärztlicher Behandlung bin, ob ich etwas mit den anderen Toten zu tun habe und so weiter. Diese Arschlöcher.”<br />
„Und? Was weiter?”<br />
„Ich bin nach Linz gefahren, was sonst? Ich hab mir einen Tag Zeit genommen, habe den Amtsschimmel bestiegen und bin von Büro zu Büro galoppiert. Ein Dr. Kienast hat mich dann darauf hingewiesen, dass ich vom Land einen Betrag erhalten habe. Ich solle die Sache auf sich beruhen lassen. Also bin ich wieder zurück; Georg war nicht zu Hause, auch die Tage darauf nicht. Am Tag, bevor er nach Berlin ging, hat er sich noch einmal im Lokal blicken lassen. Ich hab ihn natürlich darauf angesprochen, aber er tat so, als ob er mich nicht verstünde.”<br />
„Da hast du es. Er hat dich zum Narren gehalten. Und außerdem: wenn wer einen Unfall baut, dann kommt doch ein Auto nach und bleibt stehen. Was ist mit dem? Sie die auch alle ‘eingeweiht’”? <br />
„Du nimmst mich nicht ernst.“ <br />
Nein, das tat ich nicht, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das sonst wer tat, von Dr. Weihs vielleicht abgesehen, meinem Psychiater. Ich habe schon sein Jahren meinen Psychiater und ich schäme mich nicht dafür. Nach landläufiger Meinung brauchen einen Psychiater nur die geistig Kranken (was immer das auch sein soll), solche also, die den anderen, den Normalen, sonst im Wege sind. Man schämt sich ihrer. Man schämt sich der Kranken und der Psychiater.<br />
Ich fand es amüsant, wie Dr. Weihs einmal mit ruhiger Stimme und gestelztem Ton erklärte, man müsse sich wirklich nicht schämen, wenn man heutzutage mit einem Psychiater zu tun hätte. Wenn man auf der Straße die Polizei um Rat fragt, dann hat man ja auch mit der Polizei zu tun, obwohl man nichts mit der Polizei zu tun hat, oder nicht? Dafür schämt man sich ja auch nicht usw. Nein, habe ich ihm damals gesagt, dass ich mich nicht schäme. Wie sollte er auch wissen, dass er in mir keinen mistschaufelnden Bauern vom Lande und keinen feigen Drösel vor sich hat, der seine Hose nass macht, nur weil ein Doktor vor ihm steht?<br />
Ich habe ihm klipp und klar gesagt, dass ich Freud gelesen habe (alles, einschließlich seiner Briefe) und dass ich ihn für einen großartigen Romancier halte. Alles mit ernstestem Ton. Er hat die Verarsche nicht bemerkt. Das kann daher rühren, dass ein Psychiater in jedem Kunden einen potentiellen Patienten sieht, und jede seiner Aussagen könnte schon ein Indiz sein, nicht? Aber ich muss sagen, er ist ein feiner Kerl. Wenn man von Problemen berichtet, dann kategorisieren einen die Leute doch gleich. Du bist neurotisch, hast eine Zwangsstörung, du bist gestört. Das ist der Matsch. Der Volksmatsch. Dr. Weihs hat mir gesagt, dass ich zwar etwas oft die Hände wasche, aber deswegen solle ich mir erst mal keine Sorgen machen. Eher, dass ich soviel trinke. <br />
Ja, ich trinke eine Flasche Wein pro Tag, na und? Dafür muss ich mich doch nicht vor einem Psychotypen rechtfertigen, oder? Ich möchte gar nicht wissen, wie viel er selber trinkt! Wahrscheinlich weiß er um die Gefahr aus eigener Erfahrung!<br />
Mir kam sofort der Gedanke, Stefan von Dr. Weihs zu erzählen. Ich verwarf den Gedanken sehr schnell wieder. Das würde er als schwere Beleidigung ansehen. Er war jetzt schon sauer, weil ich ihm nicht glaubte. <br />
„Schau, Stefan, ich freue mich, dass wir uns wieder sehen. Aber dann fängst du an, mir eine solche Geschichte zu erzählen, erwartest auch noch, dass ich sie glaube. Das tust du doch, oder?<br />
„Ich weiß nicht, was du für ein Problem hast; ich muss dir das nicht erzählen. Ich habe mich nur erinnert, dass du früher ein guter Kumpel gewesen bist und vielleicht der einzige bist, dem ich es erzählen kann, ohne dass er mir den Rat gibt, einen Psychiater aufzusuchen.“<br />
Hu, jetzt war ich froh, dass ich ihm nichts von Dr. Weihs erzählt hatte. <br />
„Nun, das ist ja auch so. Nur solltest du mir irgendeinen Anhaltspunkt dafür liefern, dass ich deine Geschichte glauben kann.“<br />
„Ich kann dir sagen, was ich selbst gesehen habe.“<br />
„Du warst dort?“<br />
„Ja. Als es im Dezember wieder geschneit hat. Ich habe zwei Wochen darauf gewartet. Zwei Wochen, jeden Abend. Die Wolken haben nichts rausgerückt, und dann, am achtzehnten, da flockten sie endlich. Da bin ich hin.“<br />
„Und?“ <br />
Stefan warf dem gelangweilten Hund einen Knochen zu. Der Hund fraß den Knochen und wurde neugierig auf mehr. <br />
„Vorher bin ich zur Zeitung.“<br />
„Aha.“ Stefan schien mir nicht naiv zu sein, sondern hatte Mut und Ideen. <br />
„Ich wollte wissen, wie viele Unfälle es in den letzten vier Jahren im Lachforst gegeben hat. Wie viele Tote, wie viele Verletzte, wie viele Verschwundene. Es waren vierundzwanzig Unfälle. Davon sind drei tot. Offiziell...“<br />
„Ah, unsere Verschwundenen.“ Ich verhehlte meinen Spott nicht. Aber Stefan ging nicht darauf ein.<br />
Stefan fuhr sich mit dem Zeigefinger in die Nase. <br />
„Genau.“ <br />
„Und? Sind irgendwelche Aliens aufgetaucht?“<br />
Er ignorierte meine böse Bemerkung. Dafür rückte er ein wenig näher an den Tisch heran. <br />
„Ich war dort. Es war wenig Verkehr, ich hatte ein paar Batterien für meine Taschenlampe dabei. Grausam kalt, aber ich hab mir ein paar Pullover und eine Überhose vom Militär angezogen. So hab’ ich’s ausgehalten.“<br />
„Hat es einen Unfall gegeben“?<br />
„Nein, nicht an dem Abend. Ich bin dort im Wald ’rumgestiegen wie ein Stück Rotwild. Die Viecher haben mir eine Scheißangst eingejagt, sag ich dir.“<br />
„Ja, und weiter!“ <br />
Der Hund wachte auf. Jetzt wollte er fressen.<br />
„Ich hatte anfangs damit zu kämpfen, nicht auf der Stelle nach Hause zu fahren. Es war so zehn am Abend, die Zeit, wo das Wild am aktivsten ist.“ <br />
Der Hund knurrte. (Am aktivsten? Aktiv, aktiver, am aktivsten. Aber ich wollte ihn nicht unterbrechen. Es ist rotzlöffelhaft, wenn man jemandes Erzählung zugunsten einer sprachlichen Korrektur unterbricht. Das ist, wie wenn man jemandem ins Gesicht sagt: Wenn du zu blöde bist, um deine Geschichte in korrektem Deutsch zu erzählen, dann will ich sie auch nicht hören. Mein Onkel tut das ständig. Bei ihm ist es in der Tat eine Zwangsneurose. Man könnte ihm erzählen, dass der Ballhausplatz jetzt im Rahmen einer Aktion für Licht ins Dunkel an die Lebenshilfe abgegeben wurde, er würde nicht hören, was man da erzählt. Es sei denn, man tut es ohne Fehler. Es müssen alle Tempi und Casus und Präpositionen stimmen, dann kommt man bei ihm durch. Nicht einmal die „Alarmklingel Auto“ würde da helfen: Wenn man ihm sagte: Du hast einen gehörigen Kratzer im Auto, so würde der Normalmann sofort fragen: Wo? (mit aufgerissenen Augen). Mein Onkel würde sagen: Im Auto oder außen? Wenn im Auto, dann wird’s wohl eins meiner Kinder gewesen sein.)<br />
Der Hund machte Sitz und gab Pfote. Ich winkte dem Kellner, weil mein Cola in mir verschwunden war. Als er heranschlurfte, drückte ich ihm das Glas in die Hand und bat ihn, die Luft herauszulassen. <br />
„Um zehn war gar nichts. Ich hab es mir auf einem Hochsitz bequem gemacht, etwa zwanzig Meter von der Straße runter. Aus dem Auto hab ich mir zwei Steppdecken mitgenommen. Da war’s dann einigermaßen warm. Um zirka elf dürfte ich ein wenig eingeschlafen sein. Als ich aufgewacht bin, war es halb zwei.“ <br />
Die Vorstellung, im Wald einzuschlafen, ließ mir die Haare zu Berge stehen. Gut, im Winter ist es sicher nicht so schlimm wie im Sommer. Aber man sollte schon ein paar Folgen „Man vs. Wild“ gesehen haben. Ich persönlich finde ja, „Bear Grylls“ klinkt eher nach einem Wodka als nach einem Survivaltypen. Von Stefan wusste ich es ja. Wirklich, ich bewundere diese ganzen Überlebenskünstler, die mit einem Messer und ein paar Streichhölzern ganze Wälder bezwingen. Ich weiß nur nicht, wozu das gut sein soll. Ich bin froh, dass es im Lachforst keine Bären gibt. <br />
„Huhu, ich glaube, ich hätte mir vor Angst die Gedärme aus dem Arsch geschissen.“<br />
„Ach was, daran gewöhnst du dich. Musst es einmal machen, ist halb so wild.“ <br />
Nein, musste ich nicht. Der Hund winselte.<br />
„Ich hab es gleich gesehen. Es war vielleicht hundert Meter von meinem Hochsitz entfernt. Nicht mehr.“ Er machte eine Pause. <br />
Aus dem Maul des Hundes troff Speichel. Das Winseln wurde lauter. <br />
„Stefan. Was hast du gesehen? Was?<br />
„Eine Art Kreis, der, hm, phosphoreszierte.“ Er machte wieder eine Pause, der Arsch. Der Hund bleckte jetzt seine Zähne, weil er sein Fressi nicht bekam. Ein Kreis. Ja, klar, das erklärte natürlich alles. Ein Kreis also. Der Kreis hat die Toten in sich hineingezogen, und auf wundersame Weise wurden sie dann auf ein Raumschiff im Orbit entrückt, wo sie jetzt „untersucht“ werden. Ich beschloss, Stefan doch von Dr. Weihs zu erzählen. Nicht dass ich nicht glaubte, dass Stefan was gesehen hat. Aber nach einer Flasche „Bear Grylls“ konnte man sicher Halluzinationen bekommen. Auch bei der größten Dunkelheit. Stefan genoss es, mich leiden zu sehen.<br />
„Ich bin langsam hingegangen. Es hat schwach bläulich geleuchtet. Und dann hab ich gleich gewusst: das muss was mit dem Werk zu tun haben.“<br />
Der Hund war aufgestanden und schnüffelte. Jetzt machte er wieder Sitz. <br />
„Ein Indianertipi? Die Zigeuner?“ Ich musste ihn ärgern, ihn aus der Reserve locken. Außerdem wollte ich in die Bibliothek.<br />
„Du fängst schon wieder so blöd an.“ <br />
Jetzt musste ich aufpassen, sonst verpatzte ich mir alles. Wenn ich Stefan jetzt noch einmal schräg kam, würde er mich sitzen lassen. <br />
„Ok, entschuldige bitte. Ich möchte jetzt einfach wissen, was du dort gesehen hast.“<br />
„Gut. Du kennst doch das Aluminiumwerk in Ranshofen?“<br />
Das kannte ich.<br />
„Im zweiten Weltkrieg wurden dort notwendige Ressourcen für die Wehrmacht hergestellt. Als die Engländer Bomben abwarfen, war das Werk in Gefahr. Und da hat man folgendes gemacht. Im Lachforst, in der Nähe von Neukirchen, hat man große Lichter aufgestellt. In Ranshofen hat man zur Tarnung riesige Planen auf verräterische Stellen gebreitet. Man konnte das Licht nicht ganz abschalten; es waren im Werk mehrere Tausend Menschen beschäftigt. Aber es hat genutzt. Die Engländer haben den Norden von Neukirchen zerbombt. Sie hielten die Lichter für das Werk in Ranshofen. 1945 besetzten die Amis das Werk. Sie haben die ganze Anlage hermetisch abgeriegelt. Man kann in der Braunauer Chronik nachlesen, was damals für ein Aufwand betrieben wurde. Offiziell wurde das Werk dann 1946 an die Republik Österreich, genauer an das Land Oberösterreich zurückgegeben.“<br />
Der Hund fraß gierig.<br />
„Ja, weiter!“, forderte ich ihn auf. Von der Geschichte hatte ich schon einmal gehört, und mutatis mutandis – ich hab das mittlerweile nachgeprüft – stimmt sie sogar. Ich trank einen kräftigen Schluck und zündete mir eine Zigarette an. Stefan beugte sich über den Tisch, so als ob er fürchtete, jemand könnte zuhören.<br />
„Ich weiß wirklich nicht genau, was die Amis im 45er Jahr getrieben haben, aber irgendetwas haben sie getrieben. Ich bin zu dem Leuchten hingestapft. War nicht ganz einfach. Es hat immer noch ein wenig geschneit, so dass ich nicht genau habe erkennen können, was ich das sah. Aber nach ein paar Metern wurde mir klar: Sowas hab ich noch nicht gesehen. Vor mir war eine Fläche, eine runde Fläche, die war völlig frei von Schnee. Es hat geschneit, wie gesagt. Aber dort fiel der Schnee ins Nichts.“<br />
„War jemand dort?“ Der Hund hechelte. <br />
„Nein, niemand. Ich hab mit der Taschenlampe alles abgeleuchtet.“<br />
„Wie groß war die Fläche?“<br />
„Weiß nicht, so zehn Meter Durchmesser? Schätze ich.“<br />
„Und, was war in dem Kreis?“<br />
„Ja, nichts. Nur kein Schnee. Irgend etwas unter der Erde, das Wärme erzeugt oder was.“<br />
„Was hast du getan, Mensch?“ Der Hund wedelte mit dem Schwanz und schüttelte sich, wie Hunde das tun, wenn sie aufgeregt sind.<br />
„Hineingestiegen bin ich nicht. Ich hab das Licht ausgemacht, weil es dort irgendwie eh schon geleuchtet hat.“ <br />
Stefan, die Leuchte, hat ein Leuchten gesehen. Wunderbar. Wahrscheinlich hat er ein beheiztes Wasserreservoir gesehen, dachte ich. Eine Pumpstation oder so etwas. Ich teilte ihm den Gedanken mit.<br />
„Ja, das hab ich mir zuerst auch gedacht. Aber das ist es nicht. Es ist etwas anderes.“ <br />
„Woher weißt du das?“ <br />
„Bitte! Ich bin dort aufgewachsen. Wir haben im Lachforst oft gespielt. Und im Lachforst gibt es genau zwei Pumpstationen und einen Wasserabscheider. Eine Pumpstation ist an der Grenze zu Deutschland, die andere ist in Neukirchen. Und der Wasserabscheider ist auf der anderen Straßenseite. Die Pumpstationen erkennt man gleich. Da steht ein Meßstandzähler oder so was drauf, und daneben geht eine Stiege zum Eingang runter. Beim Wasserabscheider geht auch so eine Treppe runter, daneben steht so eine seltsame Boje. Nein. Das ist etwas anderes.“<br />
Ich erinnerte mich dunkel an die Pumpstationen.<br />
„Und was ist es?“<br />
„Da ist keine Stiege runter. Und wenn kein Schnee liegt, kann man nichts sehen. Es ist einfach eine Stelle im Wald. Eine kleine Lichtung, von Unterholz umgeben, aber man wird nicht aufmerksam darauf, weil der Weg etwa zwanzig Meter unterhalb verläuft. Es sieht bei Tag völlig uninteressant aus.“<br />
„Und das Leuchten?“ <br />
Der Hund scharrte jetzt mit den Vorderläufen. <br />
„Weiß ich nicht. An den Rändern. So bläulich. Ich bin dann zum Auto gegangen. Das hab ich an der Hauptstraße stehenlassen, so am Rand, weißt du. Und weißt du was? Man kann das Leuchten von der Straße aus sehen. Und zwar schön deutlich. Ich behaupte: Die Unfälle sind nicht passiert, weil die Leute zu schnell gefahren sind oder so. Sie haben das Licht gesehen und waren einen Moment unkonzentriert. Das reicht bei Neuschnee.“<br />
Ich fühlte mich wie ein Volksschüler, dem die Tante von der Nordsee das Märchen vom Weihnachtsmann erzählt. Ich ging jetzt einfach einmal davon aus, dass er nicht komplett plemplem war oder sonst einen Schuss hatte. <br />
„Klingt unglaublich“, heuchelte ich weiter Aufmerksamkeit. „Jetzt will ich wissen, wie die Geschichte ausgeht; um drei habe ich einen Termin in der Bibliothek, und bei dem Verkehr…“<br />
„Ich habe was gefunden.“<br />
Der Wahnsinn in seinen Augen funkelte wie Katzensilber. Ich gähnte. Das zeigt meist Wirkung. Diesmal nicht. Stefan war zu aufgeregt. Ich hatte schon damals gründlich genug von solchem Zeug, und zwar endgültig. Blau leuchtende Kreise im Lachforst. Ich war dran, viel Geld darauf zu verwetten, dass mir Stefan als nächstes von fliegenden Metallscheiben erzählen würde.<br />
„Ich habe meine Schwester gesehen.“ <br />
Plop. Der Hund implodierte. Verschwand. Filmriss. <br />
Ich merkte nicht, dass mir der Mund offenstand. Ich sah nur Stefans Katzensilberaugen und seine vor Aufregung hochgezogenen Augenbrauen. Er nickte wie der Hund auf der Ablage meines Wagens. <br />
Mechanisch wiederholte ich: „Du hast deine Schwester gesehen.“ Er nickte immer noch.<br />
„In München.“<br />
„Hat sie dich auch gesehen?“<br />
„Ja.“<br />
Das Lokal verschwand aus meinem Blickfeld. Das Universum bestand aus Katzensilber und Stefans Kopfnicken, das ich mittlerweile so dämlich fand, dass ich seinen Kopf halten wollte, damit das aufhört. <br />
„Hast du mit ihr geredet?“ <br />
„Ja, was glaubst du! Selbstverständlich habe ich das. Es tut mir leid, dass ich alles so erzählen musste, aber du hättest mir sonst nicht geglaubt.“<br />
Ja, da hatte er recht. Und ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich das tat. Da ist man unschuldig auf dem Weg in seine Bibliothek, trifft einen alten Freund, und hört Sachen, die echt, nun, wie soll ich sagen, den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.<br />
„Ja, was ist denn los, verdammt! Spuck’s endlich aus oder ich mach mich aus dem Staub und vergess’ die ganze Geschichte, ich schwör’s!“<br />
„Naja, ich… sie wollte nicht recht mit mir reden. Sie habe nur wenig Zeit, hat sie gesagt. Ich war wie weggetreten, als ich sie gesehen hab. Es geht ihr gut. Aber zu mehr hatte sie nicht Zeit. Sie hat sich entschuldigt und ist runter in die U-Bahn. Seltsames Ding, oder?“<br />
„Und das war's? Du hast mich hier reingezerrt, um mir das zu erzählen?“<br />
Stefan war perplex. Jetzt hatte ich ihm zuviel zugemutet. Er fingerte sich eine Zigarette aus dem zerknäulten Päckchen. <br />
„Was heißt das? Du bist nicht normal, oder? Meine Schwester ist offiziell tot. Begraben, verstehst du? Die können das machen.“<br />
Die Augenbrauen noch immer nach oben gezogen, sog er krebserregend tief an seiner Zigarette. Da waren sie wieder einmal, die „Die“. Ich wüsste wirklich gerne, wer die „Die“ sind.<br />
„Fakt ist aber, dass deine Schwester offenbar nichts von dir wissen wollte, nicht? Warum nicht? Weil sie keine Zeit hatte? Du wirst nicht annehmen, dass ich das glaube.“<br />
„Aber wenn’s so war.“<br />
„Und du hast natürlich keine Adresse, Telefonnummer, email oder sonst was von ihr.“<br />
„Leider nein. Ich kam nicht einmal dazu, das zu fragen. Gut, meine Schwester und ich, wir sind uns nie sehr nahe gestanden. Vielleicht meldet sie sich ja noch bei mir.“<br />
„Wo sie offiziell verschwunden ist. Träum’ weiter. Für mich sieht das nicht so aus, als ob sie, nun, wie soll ich sagen, verschwunden lassen worden ist. Das sieht eher so aus, als ob sie abgehauen ist, nicht wahr?“<br />
„Und die andern? Er zuckte mit der Achsel. „Keine Ahnung. Es stinkt einfach.“<br />
Da wollte ich ihm nicht widersprechen. Das stank wirklich. Die Bedienung hatte zwischenzeitlich gewechselt. Stadt dem arroganten Schnösel wuselte jetzt eine von den hübschen Dingern herum, die man eher auf dem Titelblatt einer Illustrierten erwartet als in einem Café. Ein Hingucker, das kann ich sagen. Ich fürchtete schon, dass ihretwegen meine Aufmerksamkeit Stefan gegenüber nachlassen würde, da kam sie auch schon angerauscht. Ich hatte es nun wirklich schon etwas eilig, dachte mir aber, ein wenig Augenbalsam und eine Tasse Kaffee noch vertragen zu können. Sie war von vorne und von hinten gleichermaßen angenehm anzusehen. Ihr langes, schwarzes, gewelltes Haar hatte sie nach links gescheitelt. Ich glaube, das ist momentan nicht modern. Wahrscheinlich hat es mir deswegen so gut gefallen. <br />
Stefan grinste. Das war mir unverständlich in dieser Situation. <br />
„Die gefällt dir, was? Netter Käfer!“<br />
Er machte mit den Händen eine schaufelnde Bewegung.<br />
„Stopf dir deine Augen in den Kopf zurück, Mann.”<br />
„Natürlich gefällt sie mir.“<br />
„Ich hab dich auf den Arm genommen. Freilich hat sie mir eine Adresse gegeben. email, aber das ist doch schon was, oder? Aber jetzt geht die Story los.“<br />
Ich seufzte, weil ich gehofft hatte, sie wäre nun zu Ende. Aber ich musste das Ende erfahren, ich hatte schon so lange ausgeharrt. <br />
„Stefan, sag mir jetzt die Wahrheit. Ich will es wissen.“<br />
„Ich habe anfangs auch geglaubt, dass die Leute verschwinden lassen. Ich habe ihr sofort eine email geschickt. Sie wird unterwegs gewesen sein oder was; die Antwort hab ich erst ein paar Tage später bekommen. Darin hat sie mir mitgeteilt, dass sie aus freien Stücken abgehauen ist. Meinen Vater kennst du ja. Er hat zu sehr geklammert. Und meine Mutter … naja, du weißt ja. Die hatte noch nie viel zu sagen in unserer Familie.“<br />
„Und? Was ist mit den anderen?“<br />
„Darüber, hat sie mir mitgeteilt, könne sie mir nichts sagen. Aber ich habe selbst was herausgefunden. Hab herumgefragt, weißt du. Drei Wochen lang. Bin überall hingefahren, wo die Leute gewohnt haben. Mann, du weißt gar nicht, wie abweisend die Leute sein können. Aber ich hab’s trotzdem rausgefunden.“<br />
Der Hund war wieder da. Jetzt knurrte er böse. <br />
Ich sah Stefan unverwandt an. Ich merkte, wie alles aus ihm gleich herausplatzen würde und wollte ihn jetzt mit keinem Wort mehr unterbrechen.<br />
„Alle Leute waren im Werk beschäftigt. In Ranshofen, verstehtst du? Meine Schwester war dort von '88 bis '90 Sekretärin in der Forschungsabteilung. Dann gab’s da einen Dr. Faluc. Der Leiter der Forschungsabteilung. Er verschwand 1991. Dann war da noch ein gewisser Anton Bernroitner, ein Techniker. Alle offiziell im Lachforst verunglückt. Irgend etwas müssen die herausgefunden haben. Da bin ich zum alten Förster, zum Schmitzberger. Du erinnerst dich doch noch an ihn?”<br />
Ich erinnerte mich an ihn. Er hatte uns einmal beim Zündeln im Wald erwischt und unsere Eltern verständigt. Mir hat der Arsch noch zwei Wochen danach wehgetan. Schmitzberger hütete den Wald wie ein böser Zauberer. Man musste auf der Hut sein, damit er einen im Wald nicht erwischte. Doch Zauberer hin oder her, wir fanden selbstverständlich einen Weg, wie wir uns a) vor ihm verstecken konnten und b) ihm seinen Verrat heimzahlen konnten. Im Frühjar ’81 haben wir ihm an einem Jägerstand die Leiter angesägt. Das, so beschlossen wir damals, würde ihm eine Lehre sein. Ob sich unsere Spitzbubenlogik ausgezahlt hat, weiß ich heute nicht mehr. Die Leiter war jedenfalls bald darauf repariert worden.<br />
„Der alte Schmitzberger hat mich nicht mehr erkannt. Ich habe einen kleinen Geschenkkorb zusammengestellt, so auf Jägerart mit Wurst vom Wild und einer guten Flasche Sliwowitz, verstehst du, und habe mich als Schriftsteller ausgegeben, der für ein Buch über die ländliche Region recherchiert. Mann, hat es bei dem in der Wohnung gestunken. Alte-Leute-Geruch vermischt mit ungewaschener Kleidung und An- oder Ausgebranntem. Die Oma hat mir einen Kaffee hergestellt. Hatte die Farbe von Babykacke. Als sie rausging, um Kekse oder so zu holen und der Alte ein Buch aus dem Regal holte, hab’ ich ihn schnell in die Abwasch gekippt.”<br />
Er nuckelte hastig an seiner Fanta.<br />
„Die Amis haben nach Kriegsende das Bunkersystem des Zulieferwerks Ranshofen gefunden und stillgelegt. Dabei haben sie entdeckt, dass Hitler in der Gegend offenbar Größeres vorhatte, es aber nicht vollenden konnte. Ein Tunnelsystem zieht sich da angeblich von Braunau bis Burghausen zum Chemiewerk Wacker. Hitler hat ja bekanntlich mit Gaswaffen experimentiert, mit denen er seine Bomber ausrüsten wollte. Na jedenfalls haben die Amis alles dicht gemacht, heißt es. Aber eben erst 1946. Die Scheißer haben da selbst ’rumexperimentiert. Der Alte behauptet, wenn man in die alte Anlage der AMAG käme, könnte man von da aus unterirdisch bis nach Burghausen gelangen. Der Knüller ist aber etwas anderes. Dass die Nazis Bunker- und Tunnelsysteme angelegt haben, weiß heute jeder. Aber nicht, dass sie einen Tunnel angelegt haben zwischen dem Aluminiumwerk Ranshofen und dem Chemiewerk in Burghausen, das zufällig die größte unterirdische Süßwasserquelle Bayerns kreuzt. Komisch, nicht? Na, klingelt was?”<br />
	Ich verstand gar nichts mehr. Stefan genoss meine Verwirrung und zündete sich eine weitere Zigarette an. Er blies den Rauch stoßartig durch die Nase, wie ein Drachen, dem das Feuer ausgegangen ist.<br />
	„Das Wasser wird in den Norden Deutschlands verkauft. Es wird mit Kohlensäure angereichert, in Flaschen gefüllt und unter dem klingenden und bekannten Namen „(Sorry, das darf ich nicht schreiben)“. Der Laborchemiker war der erste, der ,verstarb’. Angeblich hatte er den unangenehmen Drang, die Wahrheit zu sagen. Schmitzberger meint, er sei zur Presse gegangen; dort habe man ihn aber offenbar nicht ernst genommen. Dafür hat sich jemand aus Linz für seine Geschichte interessiert, und zwar ein bisschen zuviel. Wenige Tage später hat man seinen Wagen im Lachforst gefunden.”<br />
„Und was meinst du, hat es mit dem Wasser auf sich?”<br />
„Ich weiß es noch nicht genau. Aber eines ist sicher: Der Kreis im Lachforst ist nichts anderes als ein Bunker. Er ist beheizt, auch heute noch, das lässt den Schnee schmelzen. Und dort unten geht was vor, das sag ich dir. Ich glaube, man setzt dem Wasser neben der Kohlensäure noch etwas anderes zu. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die südlichen Länder Deutschlands wesentlich besser bei der Pisa-Studie abgeschnitten haben als der Norden? Das Mineralwasser bekommst du im Norden, im Ruhrgebiet etwa, an jeder Tankstelle und in jedem Supermarkt. Nicht aber in Baden-Württemberg, Bayern oder im Süden der ehemaligen DDR.”<br />
	Wenn Stefan noch länger weitergeredet hätte, hätte er mich dazu gezwungen, die Irrenanstalt zu verständigen. Die Amerikaner haben nach Kriegsende in Europa viele Dinge getan, die nicht gerade zum Wohle der Allgemeinheit waren. Aber das war mir wirklich zu bunt. Als ich gerade im Begriff war, den Gedanken an die Bücherei zu vergessen, traten drei Männer an unsern Tisch.<br />
„Guten Tag, die Herren.”<br />
Die Männer waren ganz offensichtlich an uns interessiert. Sie waren in Zivil; der eine von ihnen, ein graubärtiger Mittfünfziger, zeigte uns einen Ausweis. Polizei Lehen. Die zwei anderen stellten sich hinter Stefan. Sie hatten etwas zum Anziehen mit. Eine Jacke mit nur einem Ärmel. Stefan wehrte sich nicht, als sie ihn höchst passend kleideten. <br />
„Sooo, Herr G., jetzt gehen wir nach Hause, gell?”, redete der eine mit der Stimme einer Mutter, die ihr Kind vom Kindergarten abholt.<br />
„Ich hoffe, er hat Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereitet.”<br />
Ich schüttelte verwirrt und doch sehr verständnisvoll den Kopf.<br />
Als sie gegangen waren, bezahlte ich die Rechnung. Die Lust auf die Bücherei war mir vergangen. Der Hund schlief tief und fest.</div>

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			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=30">Seltsam</category>
			<dc:creator>Schandor</dc:creator>
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			<title>Copywrite: Ich und Sie</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49343&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 12:12:01 GMT</pubDate>
			<description>*Kill Acta / Act Safe*

Er wäre gern ein Ent, sagte Marius beim Rollenspiel. Alt und weise, mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt laufen und das Gute und Richtige tun. In dieser Welt wäre ich ein schlauer Halbork, der beim Schatzteilen die Kumpanen bescheißt, der noch der abnormsten Orkin die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><b>Kill Acta / Act Safe</b><br />
<br />
Er wäre gern ein Ent, sagte Marius beim Rollenspiel. Alt und weise, mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt laufen und das Gute und Richtige tun. In dieser Welt wäre ich ein schlauer Halbork, der beim Schatzteilen die Kumpanen bescheißt, der noch der abnormsten Orkin die Röcke hochschiebt, der alle Wege kennt und nirgendwo zu Hause ist. Stark und hässlich, listig und leise, und mit einer großen Axt.<br />
&quot;Kill Acta, kill Acta!&quot; Marius drehte sich beifallheischend zu den anderen am Tisch und hielt seine flache Hand in die Luft, sagte 'High Five!' und bekam seine Abschläge. Von mir nicht, ich nickte und versuchte, meine Verachtung zu verbergen. So ging das schon eine ganze Weile, eine Plattitüde jagte die Nächste, und ich wurde immer düsterer in meinem Schweigen, an diesem Abend kotzte mich das Maulheldentum schwer an, sie waren durch nichts verbunden außer heißer Luft und gemeinsamer Ablehnung. Es gab diese Zeiten, und ich tat gut daran, nach Hause zu gehen, wenn ich so drauf war, wenn ich es mir nicht mit allen verderben wollte.<br />
Aber nein. &quot;Was genau stört dich denn daran?&quot; - so in der Art, eine kleine Frage meinerseits. Einfach mal abklopfen, was mir als Natur verkauft werden sollte. Wie heißt das Gegenteil von massiv? Es klang nicht überzeugend. Baumbart? Holzkopf, Hohlkopf.<br />
&quot;Und worauf zum Henker stützt du deine Ansage dann?&quot; So kommt man vom Stöckchen zum Stock, und ich gratulierte mir, dass ich bisher nicht persönlich wurde, dass ich nicht meinen Humpen nahm und ihm die dummbratzige Fresse umdekorierte.<br />
Ich hatte nicht nur dieses kleine Großmaul, sondern auch seine Kumpanen dicke. Egos, die sich für windschnittige Tarnjets hielten, modern, schnell und gefährlich; dabei waren sie heliumgefüllte Zeppeline, und ich brannte.<br />
Kontrolle. Die Gesichter der anderen verhießen nichts Gutes, sie verrieten mir, dass ich mir alle zum Feind machen werde, wenn ich weitermachte. &quot;Was ist das nur für eine Kreatur, die sich den ganzen Abend mithilfe eines Themas zu produzieren versucht, von dem sie nicht den Hauch einer Ahnung hat? Na, hat jemand einen Namen dafür?&quot;<br />
So kommt man vom Stock zum Ast, vom Ast zum Stamm, und stellt fest, der ist hohl. Was eine kleine Frage war, ist zum zersägenden Insistieren geworden, da ist diese Stimme, die sagt, sei konsequent, du hast nur ein Leben, und ich frage meinen Freund, den Baum, aber der weiß die Antwort nicht, sondern steht nur da in seiner Billigkeit, als hätte er nicht mal in der Baumschule aufgepasst, und anstatt wenigstens die Luft zu säubern, verbrauchte er sie nur und ohne Zweitfunktion. Notdürftig zusammengehalten von zwei äußeren Ringen und drin ist eine Leere Menge, eine Menge leer. Hier war ein Produkt fehlerhaft. Wer hatte das in Serie gegeben?  <br />
&quot;Angepisst?&quot;, versuchte man Empathie.<br />
&quot;Ihr alle, wie ihr hier sitzt ...&quot;<br />
Und ich sah mich um, sah in erhitzte Gesichter, rotwangig, die Hände fest ums Glas gekrallt, eine Unterlippe zitterte. Wie schnell die Stimmung kippen kann. Aber das ist alles bekannt und hundertmal durchgespielt. Ich winkte ab, horchte kurz in mich hinein, da war die Frau, bewahrend, lächelnd, die mit Kafka tanzte und einen Blick über ihre Schulter warf, auf mich, den Betrachter: Das Gegenteil ist genauso wahr, sagte sie - und ich lächelte auch und sah Marius begütigend an, &quot;Ach du Pfeife&quot;, sagte ich, &quot;das ist es nicht wert, oder?&quot;<br />
Und alle warteten darauf, dass ich den zerlegten Abend wieder zusammensetzte, wie der Magier am Ende der Show, und mir lag der Zauber auf der Lippe, aber ich fing ihn mit der Zunge wie ein Chamäleon auf Jagd und schluckte ihn lächelnd herunter.<br />
Die interessante Frau des Abends, mit seltsam langem Hals und kompaktem Körperbau, wir hatten ein paar wirklich starke Sätze gewechselt, fragte, was in mich gefahren wäre, warum ich so durchgedreht wäre, und ich antwortete, dass ich mich noch zurückgehalten hätte, &quot;Schnauze voll von diesen weichgespülten Proll-Prinzen, den sprücheklopfenden Peterpans, immer so große Fresse und 'High Five' und den ganz großen Schwanz im Mund führen, und so cool, ihnen friert jedes Gefühl für die eigene Rede ein, und so produzieren sie den ganzen Abend glänzende Eissätze, die beziehungslos im Raum stehen, bevor sie schmelzen und wegfließen, aber solange sie stehen, können sich alle drin sehen und spiegeln und deswegen alle so Yeeeaaaah! ...&quot;<br />
Da war ich doch außer mich geraten, und dafür voll bei meinem Gegenüber, ein offenes Buch, dessen Seiten durchzublättern eine Zumutung war, schon auf den ersten Seiten wusste ich, wie die Geschichte ausgehen würde, schon das Cover verriet jeden billigen Trick und alle Effekthascherei, mit der hier gearbeitet wurde. &quot;Kill Acta, yeah!&quot;<br />
Ein erneuter Blick in die Runde verriet mir, dass das die letzte gemeinsame Tour war, &quot;ich muss pissen&quot;, sagte ich, was sonst gar nicht meine Art ist, aber an diesem Abend sagte ich es und ich ließ noch einen Satz folgen und Funken sprühten unter meinen Hufen, als ich die Treppe zum Klo hinunterging, während die Hörner meine Schädeldecke durchstießen, und da war es, das bittere Vorgefühl des Triumphes, der Vernichtung; und nein, das lag nicht daran, dass man mich gefeuert hatte, weil ich Faak vor versammelter Mannschaft lächerlich gemacht hatte und ich jetzt mit dem Hut in der Hand einen guten Eindruck machen musste, um die nächsten Rechnungen zahlen zu können, nein; es lag auch nicht daran, dass ich Ana tausendmal angerufen hatte und sie nicht abnahm, weil sie Schulden bei mir hatte, was zu meiner wahnsinnigen Sorge den Ärger über die Dummheit gesellte, ihr Geld geliehen zu haben, so dass ich jetzt nicht mal wissen konnte, ob sie, und wie es ihr. Bitte!, hatte sie gesagt und mich mit diesem Blick angesehen und ich dachte, man muss auch vertrauen können, und jetzt war nichts weiter, als dass ich auf einen der ältesten Tricks reingefallen war, den sie auch noch von mir hatte.<br />
Nein, mit diesen Dingen hatte nichts irgend etwas zu tun, es war eher eine Befreiung, ich befreite mich von Sieg zu Sieg, bis ich zum Schluss ganz allein war, der Endsieg als große Niederlage, und nein, ich hatte keine Angst vor der Einsamkeit und ja, diese Gedankenbilder schwammen alle in der hellen Suppe in die Kanalisation hinunter, als ich meine Hose öffnete, den großen Schwanz zwischen zwei Finger hielt und - pisste.        <br />
<br />
Ich schloss die Augen und hörte mein Herz bumpern und atmete tief durch, ging nach oben, dachte, dass jetzt Konsequenz gefragt war, versuchte kein Lächeln und Geradebiegen, sondern die Zeche zu prellen, und musste, mit meinen Sachen über dem Arm, laufen. König Alkohol und Königin Adrenalin.<br />
Zwei Straßen weiter las ich auf einem Plakat, das sich direkt an mich zu richten schien: 'Act Safe' stand unter einem so übertrieben großen Kondom, dass mein trunkenes und aufgepeitschtes Hirn erst mal ne Weile rätseln musste, bevor die Erkenntnis kam, was ich da betrachtete. Und die schob die bisherigen Ereignisse des Abends beiseite. Weil die eine Erkenntnis gleich die nächste Erkenntnis im Gepäck hatte: Junge, du lebst im Zeitalter der Immunschwäche. Wie war das mit dem Punkmädchen? So ordentlich im Jumm, und auf hundertachtzig - da hatte keiner Bock gehabt auf Abrollen üben. Die wirkte doch sauber, die wird doch nicht den Virus – vllt schon gehabt haben? Und bei dem Kaufmädchen im Rotlichtviertel, vor einem dreiviertel Jahr, das geplatzte Kondom? Amsterdamned.<br />
So was ging mir durch den Kopf, und ich ihm hinterher, mein unerbittliches Gedächtnis ließ die Puppen tanzen, und ich ihnen hinterher, eine Geisterchoreografie, und nebenbei die Straßen, Züge, Häuser und: Zuhause, in meinem Bett, wuchs ein Strudel aus meinem Bett, als ich die Augen schloss, und zog, und ich ließ mich hinabziehen, und hinab, das hieß ins Dunkel, und irgendwann war die aufgewühlte See still und starr, so tief unten und nur noch die beiden Terme &quot;Kill Acta / Act Safe&quot; sausten blinkend durch die stillstarre Unterwelt, auf eine Weise verbunden, die nicht legal sein konnte. Später fuhr ich mitten am Tag aus dem Schlaf, schreckte auf, ging noch mal die Mädchen der letzten Jahre durch, es waren nicht so viele, ohne Gummi, und machte einen Plan und mich auf den Weg. Auf dem Weg machte ich Pläne, was ich als erstes tue, falls rauskommt, dass ich lebenslänglich kriege.   <br />
<br />
Mit einer Mischung aus Faszination und Widerwillen sah ich zu, wie &quot;Albert&quot; die Kanüle in meine Vene stach. 'Das ist wie Sex', dachte ich. Und dann musst du dir eine Wand suchen und die Füße hochlegen, und wenn dir das gedopte Blut in den Kopf rauscht, das ist ein Flash, der gibt dir eine Ahnung davon, wie sich Gott nach Erschaffung der Welt gefühlt haben muss - so hat die Kleine versucht, mir den Frankfurter schmackhaft zu machen. Komm flieg mit mir, schieß dich weg, ich treff dich dort, wo die Englein singen. Nimm den besten Orgasmus, nimm ihn mal tausend. Was es halt zu hören gibt, wenn die Antennenohren auf klassische Kanäle eingestellt werden. Aber ich so: No, no, no. Das macht man nicht, das ist echt gefährlich. Und sie so: Wie lang soll so ein Leben denn werden? Und ich so Kopfschütteln. Und sie so, und ich so: Und jetzt, was tat ich hier?<br />
Albert und ich sprachen über die Kulturgeschichte von Rauschmitteln und ich erwartete, das mir gleich flau würde, aber es geschah nichts, außer dass sich die vier Vakuumphiolen mit dem Lebenssaft vollsaugten.<br />
Jetzt hieß es warten. Eine Woche, dann werden wir die Ergebnisse besprechen. Ich forschte in den Augen des Arztes, ob er in meinen Augen nach Anzeichen von Angst forschte. Und spannte die Kinnmuskulatur und hob die Mundwinkel um wenige Millimeter. Auf dem Nachhauseweg kratzte der Zweifel von innen an der Schädeldecke.<br />
<br />
Eine Woche vergeht schnell, wenn sie voller Vorbereitungen steckt. Und dass sie schnell vergeht, dafür kann man sorgen, indem man viele Vorbereitungen zu treffen hat. Wenn man nicht nachdenken will, muss man handeln, und ich handelte im Namen der Wilden Jagd, um eine unserer Zusammenkünfte für die Nacht nach dem Test zu organisieren. Ich lud Leute ein, organisierte eine Location und Mitfahrgelegenheiten, dachte mir ein Motto aus, das halbwegs interessant und frisch war, ohne den Gästen das Hirn schon bei der Vorbereitung auszuhebeln. Und dann war die Woche schon wieder vergangen und ich ging zu Albert.<br />
<br />
In der Ambulanz pöbelte mal wieder einer herum. Als ich herein kam, hielt er sich mit einem anderen am Kragen und stelzte auf etwas lächerliche Weise durch den Raum. Das Rockabilly-Mädchen kam hinter dem Tresen vorgeschossen, und versuchte, die beiden zu trennen. Ein anderer nutzte die Situation, um einen Stapel Rezepte einzustecken, die gefährlich nah an der Durchreiche lagen und schwor kurz darauf Stein und Bein, nichts gestohlen zu haben und sagte mit völlig monotoner Stimme, &quot;dass ihr mir so was vorwerft! Ich koche.&quot; Irgend jemand drückte den Knopf - der Sicherheitsdienst kam und versuchte, Ordnung in die Situation zu bringen. Wer will was von wem woraus?<br />
&quot;Ich will zu Doktor Koch&quot;, sagte ich zum Rockabillyweibchen, als die wieder ihren Platz hinter der Theke eingenommen hatte. &quot;Was?&quot;, entgegnete die.<br />
&quot;Ich möchte zu Doktor Koch&quot;, verbesserte ich mich.<br />
&quot;Nein&quot;, sie lachte. &quot;Ich hatte nicht verstanden zu wem Du willst. Hast Du einen Termin?&quot;<br />
Mir schoss das Blut in den Kopf, als mir einfiel, warum ich hier war. &quot;Ja&quot;, sagte ich. &quot;Zu Doktor Koch.&quot; Ich sah auf die Uhr und hoffte, dass ich nicht zu lange warten musste. Wenn es schnell ginge, würde ich die S31 rechtzeitig bekommen und den 12er Bus, und pünktlich am Treffpunkt sein können, wo meine Mitfahrgelegenheit in zwei Stunden warten wird.<br />
Es ging wirklich schnell, wie es eigentlich immer schnell geht. Der Doktor sah mich beim Raumdurchqueren warten und winkte mir gleich, ihm zu folgen. Ganz normal, als wäre überhaupt nichts Besonderes. Im Behandlungszimmer war auch alles wie immer, er sah mir ernst in die Augen, auf diese Art, die kein anderer drauf hat, als wäre er der liebende Vater, den niemand von uns je hatte, dem stets missfiel, was er sah, und der doch immer forderte, weiterzumachen, und an unserer Seite blieb, egal, was passierte.<br />
&quot;Die Ergebnisse ...&quot;, begann er. &quot;Setzen Sie sich erst mal.&quot; Und ich setzte mich, machte mich hart und kalt, befreite meinen Geist von meinem Schicksal und beobachtete mich von oben, wie ich zuhörte und nickte, lauschte den Sprüchen und Ermahnungen des Arztes und ermahnte mich, meine Signale so zu senden, dass die ordentlich am anderen Ende empfangen werden konnten. Unter dem Nagel seines rechten Zeigefingers war ein schlimmer Schmutzrand. Heute keine Geschichten von Morphinisten im Kittel oder opiumrauchenden Schreibern. Seine Augen glänzten ein wenig, als er sich von mir verabschiedete. Fester Händedruck, wie immer, und ein kaum wahrnehmbares Kopfnicken. Der forschende Blick. Ich achtete darauf, dass weder mein Gesicht noch meine Augen irgend etwas preisgaben.<br />
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Vor der Ambulanz setzte ich mich auf eine Bank und wartete darauf, dass mich mein Bruder abholte, bis mir einfiel, dass ich keinen Bruder habe und mein Zettel mit den Verbindungen in der Arschtasche steckte. Straßenbahn. Da musste ich hin.<br />
Wieder schoss mir das Blut in den Kopf. Ich musste mich beeilen, wenn ich rechtzeitig dort sein wollte. Und ich beeilte mich, und alles funktionierte, und ich stand am richtigen Ort zur vereinbarten Zeit, und ich stieg in das bekannte Automobil, das an der Haltestelle hielt, und das Automobil fuhr los, und die Haltestelle wurde im Rückspiegel immer kleiner, bis wir um eine Kurve fuhren und sie ganz verschwand.<br />
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An diesem Abend wurde zur Wilden Jagd geblasen. Sozusagen. Da hatten sich im Laufe der Jahre ein paar Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammengefunden und wir trafen uns einmal im Monat, ungefähr, um uns nach den fortgeschrittenen Regeln der Künste den raffinierten Früchten hedonistischer Lebensweise zu widmen. Das ist nicht halb so schlimm, wie das jetzt klingen mag. Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten, die kein Spiel mit dem Feuer beinhalten. Ich für meinen Teil würde es an dem Tag darauf anlegen.<br />
Falls das Unwahrscheinlich einträfe, hatte ich vor dem Arztbesuch gedacht, würde ich mich dort abschießen können und eine spontane Rückentwicklung von aufrecht gehendem Dichter zu Brabbel- und Krabbelsäuger hinlegen, ohne dass es jemanden störte. Für Realisierung und Bewältigung bliebe danach noch genug Zeit.  <br />
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<b>Röhren röhren</b><br />
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Dieses Mal feierten wir auf dem Land, in dem Haus der verreisten Eltern eines Freundes. Das Jugendzimmer seines kleinen Bruders, der mittlerweile Mitte zwanzig war und mich in vielem überragte, war so präpariert worden, dass man ein bisschen tanzen konnte. Dort hielten sich erfahrungsgemäß Musikanten auf, die durch lange Rohre röhrten, auf allem Möglichen trommelten und verschiedene Saiteninstrumenten beschrammelten oder zupften. In verwegenen Momenten würde der ein oder andere Obertongesang versucht werden.<br />
Wahrnehmungsverändernde Substanzen werden da üblicherweise nur begleitend und in kleinsten Dosen genossen. Für die mit ernsteren Berauschungsabsichten hatte man das Zimmer des großen Bruders hergerichtet: Eine Kissenlandschaft, die von vielfarbigen, von der Decke hängenden Tüchern, separiert wurde; Räucherstäbchen glimmten und qualmten; Sixties-Mucke; auf Bildschirmen liefen Endlosschleifen Marke Koyanisquatsi; zwei Mädels daddelten auf einer NES-Konsole Super Mario, neben ihnen stand ein Wasserpfeifchen.  <br />
In den Raum hatte man auch zu gehen, wenn man einen Lebensabschnittspartner für die Nacht gefunden hatte. Nicht ins Schlafzimmer der Eltern! Kein Sex in der Sauna! Finger weg vom väterlichen Weinkeller! Die Nicht-Worte wurden so lange durch die Räume gereicht, bis auch der letzte verplante Weedraucher keine Chance mehr hatte, diese Infos nicht gekriegt zu haben.   <br />
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Als ich ankam, presste man mir fast das Leben aus dem Leib und nahm mir den Atem vor Wiedersehensfreude, die radikale Literaturfraktion war da und Kaal Blumenthal! - es gab so viel zu erzählen, und während des Erzählens und Erinnerns stellten wir fest, dass wir uns schon länger als unser halbes Leben kennen. Und weißt du noch, die? Und letztens, dieses eine Gespräch, da waren wir ganz nah dran, am großen Geheimnis, was? - Hä?<br />
Egal, oben starteten sie gerade eine Session, lasst uns den Weltgeist betrommeln! Ich erwartete, nach der Untersuchung gefragt zu werden und hatte mir eine Antwort zurechtgelegt, aber niemand fragte; mir fiel ein, dass keiner davon wusste.<br />
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<b>Rika</b><br />
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Rika saß auf einem Sessel im Halbdunkel des tiefen Raumes, ich erkannte sie an ihren glitzernden Goldlöckchen und an der Art, wie sie die Zigarette hielt und rauchte, da steckte so viel forcierte Lässigkeit drin, dass mir die Augen schmerzten. Das war so eine Pose, grenzwertig. Da war jemand auf dem Weg wohin, und das wusste jemand nicht, und wohin: ebenfalls nicht.<br />
Man muss vorsichtig sein mit den Harten und Coolen ohne Wohin, die streifen einem ständig ums Bein, wollen am Hintern schüffeln und zeigen, wie schön sie Männchen machen können.<br />
Und wenn man da mal ein überlegtes Wort fallen lässt, oder eine kleine Frage stellt, stolpern sie über die eigenen Worte, als wären es auf einmal nicht mehr die ihren, sondern stünden feindlich und kalt und ungeordnet auf dem Weg zur Antwort, die sie nicht kennen. Und dann stolpern sie und knallen voll auf die Fresse, wenns schlecht läuft, und wenn ihre Leute dabei stehen, dann nehmen sie es persönlich und wollen das Hosenbein nässen und einen Zahnabdruck in der Wade hinterlassen, wenn man gerade mit den großen Hunden heult und nicht acht gibt. Darf man denn keine Fragen stellen, oder ab und an mal eine bescheidene Meinung äußern?<br />
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Rika beobachtete uns beim Spielen, sah dem Bassisten dabei zu, wie er völlig in der Improvisation aufging - ihm hing ein langer Speichelfaden aus dem Mund, er musste viel Süßes gegessen haben, dass der nicht riss.<br />
Ich beobachtete sie beim Beobachten, trommelte leise mit, um das komplizierte Gebilde der Impro nicht zu stören, erfreute mich am Formenreichtum meiner Artgenossen und ignorierte die Einladung der scheidenden Literaturfraktion, die sich mit hartem Alkohol wichtigen und komplizierten Problemen poetischer Natur widmen wollten. Irgendwann trat Rika aus dem Schatten und in unsere Mitte, schloss die Lider und bewegte sich zu der Musik.<br />
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Sie ist sexy, wenn man auf diesen halbverhungerten Style steht, der immer noch die Bilderwelt der Werbung dominiert. Sie bewegte sich nicht wirklich sexy, ihre Bewegungen hatten etwas Kantiges, Abgehacktes; mir gefällt es eher, wenn es fließt und wallt.<br />
Aber zu ihrem Heroin-Chic passte es. Sie war gerade einundzwanzig geworden, man kennt sich ganz gut, also oberflächlich. Die Form ihrer Schlüsselbeine zeichnete sich deutlich ab, und ihre Nippel drückten durch das enge Shirt, auf dem Gang-Bang, Yeah! stand.<br />
Rika tanzte sich in Ekstase, bewegte sich immer schneller und schneller, bis der Schweiß in Strömen lief, irgendwann verloren ihre Schritte den Raum, sie stolperte über einen Musiker, raffte sich auf und tanzte weiter, fiel über den Nächsten, der, aus seiner Klangwelt gerissen, verwirrt schaute und zu spielen aufhörte.<br />
Rika stand auf und tanzte weiter, die Heftigkeit ihrer Bewegungen stand nun in krassem Kontrast zu dem ausklingenden Spiel der Klänge. Die Musikanten sahen ihr eine Weile zu, und, als Rika minutenlang weitertanzte, zu einer Musik, die nur sie zu hören schien, schüttelten sie die Köpfe, einer nach dem anderen und verließen das Zimmer.<br />
<br />
&quot;Du kannst aufhören!&quot;, rief ich. &quot;Es ist niemand mehr da!&quot; Rika ließ sich vom Schwung der letzten Bewegung weitertragen und knallte mit voller Wucht einfach weiter – genau aufs Bett.<br />
Ich verzog den Mund, hatte sie die Augen heimlich ein wenig geöffnet? Rika rollte sich ab, setzte sich, sagte etwas Lustiges, Listiges und lächelte nett, ich musste den Augenfänger ihres Shirts betrachten, jetzt gefiel mir der Spruch.<br />
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&quot;Ich finde es gut, wenn Leute sich kaputtmachen&quot;, sagte ich ins Blaue hinein. Was man so sagt, wenn man ein Gespräch beginnen will. Sie so: &quot;Hatte keinen Bock auf dieses dumme Gejamme. Ihr habt mich gelangweilt.&quot; Ich schlug vor, in die Opiumhöhle zu gehen, dort könnte man meine Langweiligkeit in angenehmerer Atmosphäre besprechen.<br />
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<b>Ich / Sie  </b><br />
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Rika schreit und heult und tobt. Von außen wirkts wie. Das wirkt erst mal. Was hat sie nur, was heult die jetzt? Fühlt sich nicht wohl, fühlt sich ungesehen, wirfts! Ihrem Freund vor. Erst. Dann uns, die wir gaffen tun – sagt sie. Dann wirft sies der Welt vor. Teilnahmslosigkeit. Unmenschlichkeit. Und andere -keiten. Mich nervt das gerade. Die ist vllt zu jung. Für die Runde, für das Spiel mit den Krediten. Für ihr Leben.<br />
Sie hört nicht auf, ich nehm sie beiseite. Sie spricht und spricht, sie wasserfallt Worte. Von ihrer inneren Schönheit, all das Nichtgezeigte.<br />
Ihr Schweigen, diese kleine Pose von Unnahbarkeit, die sie pflegt, die fällt nun auf sie zurück. Rika begreift nichts. Ahnt zum ersten Mal dass alles kostet. Dass nicht nur das Leben Spiel ist, sondern dass das Leben zurückspielt. Aber sie vielt! So viel, so schön. so ungesehen. &quot;Du bist doch anders&quot;, sagt sie. Da! Dieser Blick: blauäugige Lolita.<br />
Ich so: &quot;Ja, ich seh dich. Du bist schön, du bist viel.&quot;   <br />
Niemand versteht sie. Kunststück, Schweigerin. &quot;Ich will dir zuhören. Du hast mein Ohr.&quot; Etwas Besonderes ist sie. Rika hat unglaubliche Dinge gesehen und getan. Glaub ich, ich glaub eh keinem irgendwas. Das Glaubensbekenntnis der Ungläubigen. &quot;Du kannst davon reden, wenn du willst.&quot; Tut sie. Und ich so ganz nah dran mit Lupe und Antennenohren und Analysemaschine.<br />
Sie hat da eine Idee, etwas völlig Verrücktes. Aber schön ist es. Bis jetzt weiß das niemand außer ihr. Oder vllt ist es eher ein Interesse? Aber mir will sies zeigen, wenn ich etwas Bestimmtes tue. Für sie oder als Beweis für. Hintergründe lässt sie im Dunkeln.<br />
Als Opfer? Zeig ich mich würdig, könnt ich auch ihre Besonderheit würdigen. Ich find sie nicht besonders. Nicht mal besonders daneben. Ich find Rika gerade so zwei bis drei.<br />
Sage aber zu – Lolitaaugen und Lolitamund, das Schenkelspreizen in den Augen, das zieht dann doch. Lebenspartnerschaft für eine Nacht? &quot;Komm&quot;, sagt sie. &quot;Es muss jetzt gleich sein.&quot;<br />
Auf dem Weg denk ich, das wird jetzt ne ausgemachte Kinderei. Wahrscheinlich soll ich mich schneiden oder so. Den Gedanken einmal auf Substanz geprüft, finde ich ihn lächerlich leichtgewichtig, aber ausgesprochen, gewinnt er Dichte durch Bejahung. Das Leben ist schon lange keine Sitcom mehr, das Leben ist eine Telenovela auf dem Weg zur Scripted Reality. Die anfassbare Welt hinkt den falschen Bildern noch hinterher, aber wir holen auf.<br />
Sie will Gemeinsamkeit im Schmerz. Nicht mehr nur Lippenbekenntnisse. Dass ich nicht ein Viertel so leiden könnte, wie sie leiden will, denk ich nur. Kinderei, allerdings. Aber der Schmerz ist echt. Suggestivkraft. Wer leiden will, wird leiden.<br />
Echtes Leben gibt es nur nach dem Schmerz, Leid erdet und durchdringt, macht jede Faser und jedes Molekül fühlbar, ergänzt das Ich um das Schatten-Ich, und das bleibt erhalten, wenn der Schmerz geht. Und dann ist man doppelt. Und dann noch ein Doppelleben. Und dann noch Virtuelle Existenzen. Und irgendwo in dieser exponentiellen Aufteilung ist die Seele unterwegs und sucht in diesem Spiegelkabinett eine Fläche, die ihre Form unverzerrt wiedergibt.<br />
Das Verborgene will ich jetzt eh wissen, Kinderei, wahrscheinlich, aber,  meine braunen Augen sind auch blauäugig - vllt kennt sie doch eines echten Geheimnis Keimnis. Da bin ich immer auf der Suche nach was Großem, denn da ist mehr, daran muss man nicht glauben, das kann man wissen. Etwas, das wir teilen werden, etwas das Samen ist und wachsen kann, etwas, das das Schweigen lebenswert macht.<br />
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<b>Unteilbares / und doch</b><br />
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Sie geht mit mir in die Küche, schließt die Tür und nimmt ein Messer aus dem Block. Zieht sich ihr Oberteil aus. Angezogen ist ihr Dünnsein schick, ich mag auch das Asketische, was sich problemlos auf diese Hülle projezieren lässt. Doch trotzdem: Fast nackt ist es fast erschreckend. Rika wirkt so zerbrechlich, es ist seltsam: Ein Mädchen zieht sich aus und ich will ihr etwas zu essen besorgen.<br />
Sie gibt mir das Messer.<br />
In dieser Situation hätte kaltes Feuer in ihren Augen glimmen sollen, aber der Blick hat eher etwas reptilisches. Nicht gerade kaltblütig oder emotionslos, gar nicht auf ihre Gefühle bezogen, obwohl die Augen doch das Tor dahin sein sollen; ihr Blick wirkt eher außer-  oder eigenzeitlich. Kann auch meine Projektion sein - dass man sich immer noch durch die höllischen Augen der anderen sieht!<br />
Wir setzen uns an den runden Tisch, es gibt etwas zu verhandeln. Mein Opfer und ihr Geheimnis. &quot;Du oder ich&quot;, sagt sie. Jetzt bin ich überrascht, ein angenehmes Gefühl, es gibt noch Hoffnung, die Überraschung flackert über mein Gesicht, eine Fluktuaktion der Maske, die sie nicht quittiert.<br />
Rika legt ihren Arm auf den Tisch. Ich stelle mir vor, mit dieser Schneide – leidlich scharf, stelle ich fest - Mädchenfleisch zu teilen oder mein eigenes. Das ist jetzt gar nicht so einfach, wie es klingt. Bei ihr muss man extra aufpassen, dass man nicht aus Versehen eine Scharte in den Knochen ritzt. Wenn ich sie schneide, sehe ich bestimmt ganz helle feinfette Hautschichten, wie sie ein Krokodil unter dem Panzer trägt, die blau riechen, der Farbe ihres Blutes – vielleicht spritzt auch ein Schwall Krokodilstränen heraus, als hätte man das erste Mal ein Ölfeld angezapft. Man wird aufpassen müssen, dass es einen nicht trifft! &quot;Los jetzt!&quot;, fordert sie.<br />
Ich kann das nicht entscheiden, lege das Messer zwischen uns und drehe es, die Spitze zeigt fast genau in die Mitte zwischen uns beiden, aber eher zu ihr. Schnell packe ich ihren Arm und schneide einmal quer. Rika verzieht den Mund wie verärgert, als hätte ich eine erwartete Dummheit begangen. Ihr Blut ist nicht blau. Sie seufzt, holt Küchenrolle, tupft damit auf dem Arm herum und beginnt, von ihrem besonderen Interesse zu sprechen, das poetisch und kompliziert klingt. Mich überrascht das nicht. Unverzügliche Erfüllung ihres Teils des Handel. Ich rechne jedes Mal damit, dass sich mein Gegenüber so verhält, wie er es versprochen hat; obwohl die meisten sich meistens verhalten, als ob sie sich versprochen hätten.<br />
Ich bin also mittendrin, und sie fängt ohne Vorspiel an. Eine theoretisch passende Situation, aber ihr Interesse ist obskur und abseitig, es konnte höchstens innenweltliche und mystische Bedeutung für Rika haben. Ich bin eh nicht für solche Gespräche geschaffen. Und geb mir gerade deswegen noch mal extra viel Mühe, mit zusammengekniffenen Augen und ratternder Denkmaschine, trotzdem: für mich ist das Erzählte eine Legende im Bergbauerdialekt einer fremden Sprache - mir erschließt sich die Welt ihrer Zeichen und Zusammenhänge nicht. Mitten in ihrer Erzählung aus parataktischen Schlangensätzen, die sich hypnotisierend zu wiegen scheinen, hin und her, ohne tonale oder inhaltliche Ausreißer von Satzanfang zu Satzende, die geistfüllende und -beruhigende Bewegung der pendelnden Kobra, unmoduliert und einschläfernd, Rika spricht solange von irgendwas, bis der Zuhörer den Faden verliert und in einem spiegelglatten Meer aus Worten versinkt, die nirgendwohin zeigen, die auf nichts verweisen, eine komisch anmutende Zusammenstellung bestimmter Worte, die für sich genommen allesamt Bedeutung glühen, zusammengenommen indes stehen sie nebeneinander wie eine Installation aus Toren, durch die der Wüstenwind heiße Luft ins Irgendwo bläst. Mitten in dieser Nichterzählung lege ich den Kopf auf den Arm, kämpfe noch gegen die zunehmende Schwere der Lider, und sehe, kurz bevor ich in oberflächlichen Schlaf falle, die Andeutung eines Lächelns um ihre Mundwinkel spielen – dann Schlaf.<br />
Der durch jähen Schmerz unterbrochen wird. Unwillkürlich stoße ich einen Laut aus – irgend etwas zwischen Schreien und Grunzen – und sehe, wie sie ihren Arm auf meinen Arm legen will, Wunde auf Wunde. Ich reiße den Arm weg und schlage ihr mit der Rückhand hart ins Gesicht. Rika fällt wie gefällt zu Boden. Ich spüre dem Gefühl für ihren Körper nach, wie leicht der ist! &quot;Tut mir leid&quot;, sage ich. &quot;Ich war überrascht, da war ich - ich selbst.&quot;<br />
Sie lächelt, diesmal wirkt es echt, und lässt sich von mir auf die Beine helfen. Sie schwankt und dreht sich in meinem Arm. Wieder will sie ihre Wunde auf meine Wunde legen, unser Blut vermischen, ich überlege einen Moment, und lasse es dann zu. &quot;Blutsgeschwister&quot;, sagt sie und lächelt. Ich halte ihre Arme fest, zwinge meinen Blick in ihren und suche in ihren Augen nach dem Lebensgefühl Angst einer Einsiedlerin, die gezwungen ist, unter Menschen zu leben - sehe aber nur mich gespiegelt in ihren Pupillen. Ihre Nippel drücken hart gegen den seidigen Stoff des BH's.</div>

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			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=119">Kreativwerkstatt</category>
			<dc:creator>Kubus</dc:creator>
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			<title>Am Ende eines langen Tages</title>
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			<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 18:04:11 GMT</pubDate>
			<description>Am Ende eines langen Tages

Wir waren eingeschlossen. Zwei mir unbekannte Männer und acht Frauen saßen auf harten Stühlen und kaum jemand sah auf, als die Tür sich endlich öffnete und eine Frau im weißen Kittel, gefolgt von einer summenden Arbeitsbiene, den Raum betrat. Die Arbeitsbiene entpuppte...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Am Ende eines langen Tages<br />
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Wir waren eingeschlossen. Zwei mir unbekannte Männer und acht Frauen saßen auf harten Stühlen und kaum jemand sah auf, als die Tür sich endlich öffnete und eine Frau im weißen Kittel, gefolgt von einer summenden Arbeitsbiene, den Raum betrat. Die Arbeitsbiene entpuppte sich als Schwester Graubund und sie notierte jovial lächelnd die Sorgen und Kümmernisse meiner Mitgefangenen. Einen nach dem anderen nahm sich die Ärztin vor. Ich war die letzte. Mir war schlecht geworden und bevor ich auch nur ein Wort herausbringen konnte, stülpte sich mein Magen um. Ein Dutzend Augenpaare verfolgte meine ungeschickten Bemühungen, das Erbrochene mit einem Tempotaschentuch vom Filzfußboden aufzuwischen. Mir brach der Schweiß aus allen Poren und ich hörte, wie sie miteinander tuschelten. Die Stimmen wurden lauter und lauter, deren Sprachmelodie troff disharmonisch aus deren Mündern, bedeckte mein Erbrochenes mit einem Schleier aus Konsonanten, die ich nicht verstand. Einer nach dem anderen kam auf mich zu, sie beugten sich über mich, ich duckte mich unter meinen Stuhl und beherrschte mich, nicht laut los zu schreien. Dennoch konnte ich nicht verhindern, dass mir die Tränen kamen, krümmte mich liegend auf den Boden. Tief in meinem Innern zersplitterte etwas, das sich anfühlte, als wäre es mein Selbst, das sich auflösen wollte. Sie rüttelten und schüttelten an meinem Stuhl, der wunderbarerweise auf seinen Beinen stehen blieb und Deckung bot. Einem Impuls folgend drehte ich mich auf den Rücken und betrachtete das Korbgeflecht über mir. Es war braun.<br />
<br />
Zwölf Stichwunden waren dem Mann  zugefügt worden. Alle Einstiche waren glatt, linienförmig, nur der eine erinnerte an einen Schwalbenschwanz. Neben dem Toten lag ein Messer, dessen Klinge verbogen war, vermutlich, als es  das Schulterblatt getroffen hatte. Unter den Rippen quoll Gedärm hervor. Das Blut unter dem Körper war zu einer braunen Lache geronnen.  <br />
<br />
Ich habe Hunger und Mama und Papa wachen nicht auf, lispelte Frau Maria Stuart. Dabei gluckste sie und sah erwartungsvoll in die Runde. Herr Saukleiber lachte, strich sich über seine schimmernde Glatze. Wenn er sprach, spuckte er Mitgefühl unaufgefordert mit.<br />
Martina himmelte ihn unverhohlen an. Sie himmelte alles an, was einen Penis hatte. Wahrscheinlich, weil sie keinen in der Hose hatte. Ihr Sohn hatte  versucht, sich das Leben zu nehmen, als sie mit seiner Frau zusammenzog.  Jetzt buhlte sie um Aufmerksamkeit, zeigte ihre zarten Blessuren an den Handgelenken. Stümperhaft.<br />
<br />
Wolfgang hatte sich nicht gewehrt, als das Brotmesser in ihm eindrang. Nur beim letzten Stich ins Herz hatte er versucht auszuweichen. Deswegen wurde die Schulter getroffen.<br />
<br />
Soviel Blut! Und wie das riecht. Rücksichtsvoll war das nicht. <br />
<br />
Herr von Wonne übergab mir das Staffelholz. Doch statt loszurennen, blieb ich wie festgeklebt auf meinem Stuhl sitzen. Ich hatte keine Begründung für mein Hiersein. Maria Stuarts Haupt wackelte auf den Schultern. Gleich würde der Kopf runterfallen.  Es war ein langer Tag gewesen, begann ich,  wollte doch nur noch nach Hause. Mir schwindelte, dem Leid kein Raum geben, so ein Stümper, auf unserem neuen Teppich, und dann rief ich die Polizei. Ich gab das Staffelholz an Herrn Saukleiber weiter. Martina nahm es ihm aus der Hand, sie wollte dran sein.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=20">Alltag</category>
			<dc:creator>Goldene Dame</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Der Standpunkt</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49340&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 16:51:06 GMT</pubDate>
			<description>Der Standpunkt

Hier und jetzt ist es neutral. Der Raum ist kontrastlos weiß, weder groß noch klein und ohne jeglichem Möbiliar. Nur geruchlose Luft und drei Personen halten sich hier auf. Sie sind weder hier gefangen, noch ist es ihr Wunsch hier zu sein. Sie sind einfach da in diesem leeren Raum...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><div align="center">Der Standpunkt</div><br />
Hier und jetzt ist es neutral. Der Raum ist kontrastlos weiß, weder groß noch klein und ohne jeglichem Möbiliar. Nur geruchlose Luft und drei Personen halten sich hier auf. Sie sind weder hier gefangen, noch ist es ihr Wunsch hier zu sein. Sie sind einfach da in diesem leeren Raum und so leer er auch ist, er gibt einen nicht das Gefühl der Leere.<br />
Sie sind erst gerade gekommen, irgendwoher wo es nicht so ist wie hier. Der Erste der einerseits noch da ist und andererseits schon gegangen ist, liegt in der Mitte des Raumes. Er ist der Realist, wobei man nicht sagen kann ob &quot;er&quot; hier angemessen ist, denn er hat wie die anderen beiden weder Form noch Farbe. Doch der Einfachheit wegen seien alle in der Sprache maskulien. Die beiden weiteren Personen sind in gegenüberliegenden Ecken und haben den Rücken zur Mitte und die Augen zur Wand. Mit sich beschäftigt ist der eine der Optimist und der andere der Pessimist.<br />
Der Raum bekommt zum ersten mal Farbe durch das Rot des Blutes. Es ist vom Realisten, der tot ist, der eine Klinge im Herzen trägt und eine Überraschung im Gesicht. So wie er liegt muss er schon im Fallen tot gewesen sein. Das Geschehen beginnt als sich die Lebenden umdrehen, erstarren und kurz eben diese Überraschung im Gesicht tragen. Sie verstehen das Offensichtlich.<br />
&quot;Tot, tot, er ist tot!&quot; beginnt der Optimist.<br />
&quot;Er hat es hinter sich.&quot;<br />
&quot;Doch warum musste er sterben? Sieh, der Dolch!&quot;<br />
&quot;Es war Mord. Wer? Du! Du hast ihn umgebracht.&quot;<br />
&quot;Was? Warum ich?&quot;<br />
&quot;Wir sind die Einzigen im Raum und ich war es nicht. Du musst es gewesen sein und ich bin jetzt hier mit einem Mörder.&quot;<br />
&quot;Was? Ich war's auch nicht. Du musst es gewesen sein. Du lügst um es zu verheimlichen. Du schämst dich, zurecht.&quot;<br />
Im Raum ist es nun laut und es wird nurnoch gebrüllt.<br />
&quot;Ein Mörder nennst du mich? Du bist es doch der hier krankhaft lächelnd durch die Welt geht, wo keiner weiß was sich dahinter verbirgt. Wahnsinnig, das bist du, und ich bin jetzt mit dir Wahnsinnigen hier. Da läuft einem doch der Schauer über den Rücken wenn man dich nur ansieht. Gehen sollte ich bevor du mich nicht auch gleich zur Strecke bringst.&quot;<br />
&quot;Wer guckt denn immer so düster? Alles an dir ist voller Finsternis. Sie muss dich übermannt haben oder du hast die Welt nicht mehr ertragen wie sie ist. Der Realist musst deinetwegen sterben und du bist es ihm schuldig dir die Dinge einzugestehen um wenigstens etwas gut zu machen. Kämpf gegen die Finsternis in dir, aber lass mich da raus!&quot;<br />
Die Finger sind aufeinander gerichtet und die Münder weit auf. Man wechselt sich nicht mehr ab beim sprechen und rauszuhören sind nurnoch die immer gleichen Anschuldigungen. Da stürzt der Optmist los, packt den Pessimisten, reißt ihn zu Boden und hält ihn da. &quot;Gesteh es! Du wirst dich besser fühlen! Die Dinge sind nicht alle verloren, du wirst es wieder gutmachen können, indem du Reue zeigst, indem du gestehst.&quot;<br />
Ruckartig kämpft sich der Pessimist frei und ist wieder auf den Beinen. &quot;Wahnsinniger! Bleib mir vom Leib!&quot; und so rennt er zum Rest des Realisten zieht den Dolch aus ihm und sucht in gebückter Haltung Distanz. &quot;Was willst du von mir?&quot;<br />
Dann ist es wieder still und beide gucken sich angestrengt an. Der Optmist ist mitleidig in einem Schweigen, in neuen Gedanken, und dann stürzt er ein Weiteres mal los. Er schafft es den zögerlichen Pessimisten am Handgelenk mit dem Dolch zu packen. Alle vier Hände ringen nun um den Dolch, fest verknotet aneinander, tanzen sie einen hässlichen Tanz. Öfters sind sie kurz vor dem gemeinsamen Sturz, reißen die Arme hoch und runter, brüllen und schnauben wie die Tiere. Da gelingt es dem Pessmisten mit Glück den Dolch an sich zu reißen und mit Pech vermag er seinen eigenen Schwung nicht zu stoppen und rammt ihn sich in Bauch.<br />
Kurz steht alles, dann ein Aufschrei und der Pessimist reißt das nun vollkommen rote Metall aus der Wunde und rammt es direkt in den Optmisten. Dieser weicht zurück und als könnte man damit alles rückgängig machen, entfernt er die Waffe schnell wieder aus seinem Leib. Als er versteht lässt er den Dolch fallen in die toten Hände des Realisten. Der Schmerz tritt ein und beide verlieren ihren Stand. Kriechend mit Spuren von verschmierten Blut hinter sich, dass sich mit dem der Lache des bereits Toten vermischt, so dass nicht mehr zu unterscheiden ist, welches von wem ist, ziehen sie sich in ihre Ecken zurück. Ein letztes Blick auf den Gegenüber, der genauso bestraft davon ist, dass bei all den Unterschieden beide das Gleich wollten: dass der andere Schuld ist. Dann sind sie wieder mit sich selbst beschäftigt, gleich sterbend. Als der Tod sie holen kommt, trägt der eine im Angesicht ein Lächeln und der andere die Trauer.<br />
<br />
-<br />
<br />
<i>Randnotiz: Das Konzept schwirrte mir schon länger im Kopf rum, doch das Wissen, dass es sehr schwer wird die richtigen Tiefen zu finden und die gefährlichen Untiefen zu vermeiden, hielt mich immer von der Umsetzung. Gleichzeitig ist diese Textform wohl eine mit der ich mich am Schwersten tue, trotzdem wollte ich einmal versuchen etwas mit einer Theatherszene verwandtes zu verfassen (deshalb auch das Präsens und eigentlich keine angemerkte Sprachfarben oder rein ästhethischen Details).<br />
Ich hoffe ich bin hier in der richtigen Kategorie für diesen Text gelandet und warum zum Teufel gibt es hier kein Blocksatz?</i></div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=24">Philosophisches</category>
			<dc:creator>LaJo</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49340</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Fremde Klänge</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49336&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 17:53:15 GMT</pubDate>
			<description>Ich höre sie, die fremden Klänge. Sie dringen von außen auf mich ein, als ob sie sich mir mitteilen wollen. Unterschiedlich mag es sein. Zuerst laut und deutlich dann wieder leise und unverständlich, bis eisige Stille mich wahnsinnig werden lässt. Und wenn es passiert, dass ich meinen Verstand...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Ich höre sie, die fremden Klänge. Sie dringen von außen auf mich ein, als ob sie sich mir mitteilen wollen. Unterschiedlich mag es sein. Zuerst laut und deutlich dann wieder leise und unverständlich, bis eisige Stille mich wahnsinnig werden lässt. Und wenn es passiert, dass ich meinen Verstand verliere, dann schlage ich um mich. Forme eine geballte Faust die alle Wände einreißt, die mich umgeben. Doch passiert nichts. Ich kann mich nicht bewegen, kann weder sehen noch sprechen. Nur in meinen Gedanken bin ich frei und muss mein Leid ertragen.<br />
<br />
Ich mag die Dunkelheit nicht. Schreckliches muss ich verbrochen haben die mich dieser Folter aussetzt. Welche Schuld lastet auf mir? So verbringe ich Stunden, bohre nach Informationen des längst vergangen, und wenn ich glück habe, passiert es. Alte Erinnerungen blitzen auf, verpackt in wirren Gedankenfetzen. Ich sah, dass ich Unglaubliches erreicht hatte, doch schien es mir damals zu wenig zu sein. Ich forderte mehr von der Macht, die mir am Ende geboten wurde. Voller Empörung schrie ich:<br />
„Das ist alles? Du bietest mir diese Kleinigkeit an? Was für eine Vergeudung meiner Zeit. Ich bin für Größeres bestimmt als für das lächerliche Angebot, das Almosen gleich kommt. Ich will die ganze Macht für mich, nicht einen kleinen Teil davon.“ <br />
Und dann sah ich Traurigkeit über meine Entscheidung, Fassungslosigkeit über meine Reaktion. Ich fühlte, wie alles um mich herum ins Wanken geriet. Als würde man mir meine ganze Kraft entziehen, die ich mir so hart erkämpft hatte. Ich sehe noch meinen Fall in ein tiefes Loch, eingesperrt in einer kleinen Zelle. Diese Erkenntnis lässt mich trauern, denn meine Gier, mein Verlangen nach vollkommener Macht, hat mich zu Fall gebracht. Seit dem lebe ich hier und warte auf mein Ende. Ich hoffe das Gott erbarmen zeigt und mir Frieden schenkt. Mich von diesem Albtraum befreit und mir vergibt. Doch Gott kennt keine Gnade.<br />
<br />
Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Mögen es Tage, Wochen oder gar Monate sein, je mehr Zeit vergeht, desto mehr vergesse ich mein altes Leben. Ich lebe in Einsamkeit und Dunkelheit und niemand hört mich. Und wenn meine Verzweiflung am größten ist, höre ich wieder jene fremden Klänge. Langsam und schwer durchdringend sie die Wand, die mich von der Welt aussperrt. Musik, wie sie ineinandergreift, und kommuniziert. Dann schreie ich laut in Gedanken. <br />
„Bitte helft mir! Lasst mich gehen! Es tut mir so Leid!“<br />
Doch niemand hört mich. Niemand schenkt mir Aufmerksamkeit. Verzweifelt versuche ich darüber nachzudenken, welche Tat auf meiner Schulter lastet. Doch mir fällt es nicht mehr ein. Ich bete zu Gott, das egal was ich auch getan habe er mir verzeihen möge. Flehe um Erbarmen und um den endgültigen Frieden. Und dann zeigt Gott seine Macht und lässt mich schlafen. Dann weiß ich er ist hier und liebt mich und bald ist es vorbei. <br />
<br />
Ich erwache. Trauer erfüllt mein Herz und mir wird bewusst, es gibt keinen Gott. Denn so grausam ist kein allmächtiger Herrscher, dass er mich wieder aufwachen lässt. Ich höre abermals Musik, fremde Klänge, von der anderen Seite. Und dann verstehe ich das es der Wächter ist, der sich jenseits der Wand verbirgt und Gottvater spielt. Er ist es der mein Leben in der Hand hält und es nicht beenden will. Ich spüre, wie Flüssigkeit in mich eindringt, wie es meinen Magen mit Nahrung füllt. Ich kann nichts dagegen tun, fest steckt ein Schlauch in mir und verhindert mein Ableben. Und mit der Mahlzeit kommt meine Müdigkeit zurück und ich schlafe ein. Danke Wächter.<br />
<br />
Ich schlafe gerne und will nie wieder aufwachen. Doch meine Strafe währt ewig, jedenfalls vermute ich das. Wieder bin ich aufgewacht, doch dieses Mal ist etwas anders. Die Wände vibrieren, ich kann es regelrecht spüren, wie etwas nicht stimmt. Und dann kommt dieser unsägliche Schmerz. Peinigt meinen Körper um mich zu testen, ob ich noch am Leben bin. In diesem Augenblick hoffe ich das es die letzen Qualen sind, die ich erdulden muss. Und dann ertönen sie wieder, die fremden Klänge dumpf dringen sie an mein Ohr - anders als sonst - als würden ich nun die Aufmerksamkeit von vielen Wächtern auf mich ziehen. Ich bin aufgeregt, fühle, wie der Raum sich dreht, wie alles enger wird. Als würde meine Seele aus dem Körper gezogen. Ist das, das Ende? Habe ich meine Schuld endlich abgetan? Ich würde lachen, doch der Schmerz, der mich aufs Neue heimsucht lässt, keine Freude zu. Trotzdem zeige ich Genugtuung, ich habe die Strafe erduldet.<br />
<br />
Je stärker der Schmerz wird, desto mehr bereue ich. Der Gedanke, dass ich zuvor ein Leben hatte, scheint mir mehr als utopisch. Dass ich meine kurze Zeit mit Illusionen verschwendet habe, ich so dumm war an etwas zu glauben, das es gar nicht geben kann. Erst im Angesicht des Todes beginne ich zu verstehen. Dass es egal ist, wer man war. Dass es keine Bedeutung hat, was man erreicht hat, solange man mit seinem Leben zufrieden ist. Die Angst vor dem Endgültigen brachte mir die Einsicht, - zu spät - denn das Schicksal nimmt seinen Lauf. Mein Herz rast vor Aufregung. Ich versuche mit aller Kraft zurückzukommen, ohne Kontrolle schlug ich um mich, ich sehe, wie meine Hand sich bewegt. Voller Ehrfurcht starre ich sie an. Nun da das Ende nahe ist, bekomme ich Kontrolle über meine Sinne zurück. Welche Ironie des Lebens. <br />
Und dann verlasse ich die Dunkelheit. Zwänge mich durch den Tunnel und gleite in das grelle Licht. Es zieht mich zu sich. In den letzten Augenblicken sehe ich eine Hand, hellleuchtend, die mich packt. Nie zuvor trachte ich sosehr nach dem Leben wie in diesem Augenblick. Stimmen dringen an mein Ohr, die fremden Klänge, die ich so oft vernommen habe, mein Wächter. Das Licht verschluckt mich, ich bin ein Teil davon, eisige Kälte streicht über meine Haut. Ich kann nicht mehr, ich vergesse, ich verliere mich … mit letzter Kraft schrei ich: „Ich will Leben!“<br />
<br />
Ein junger Arzt sah freudig in das Gesicht der Mutter.<br />
„Einen strammen Jungen haben sie, meinen Glückwunsch.“</div>

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			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=30">Seltsam</category>
			<dc:creator>oschodie</dc:creator>
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			<title>Das Waldschloss</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49335&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 08:44:05 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Das Waldschloss

Anna-Lena war müde. Sehr müde. Sie hatte &#8211; wie immer &#8211; die Zeit aus den Augen verloren. Der Nachmittag war verflogen, und nun merkte sie am Anflug des Hungers, dass es höchste Zeit war, nach Hause zu laufen. Lydia war bereits vor einer Stunde nach Hause gegangen; Sandra war heute...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Das Waldschloss<br />
<br />
Anna-Lena war müde. Sehr müde. Sie hatte &#8211; wie immer &#8211; die Zeit aus den Augen verloren. Der Nachmittag war verflogen, und nun merkte sie am Anflug des Hungers, dass es höchste Zeit war, nach Hause zu laufen. Lydia war bereits vor einer Stunde nach Hause gegangen; Sandra war heute gar nicht erst erschienen. Ob sie wohl wieder viel Hausarbeit aufgebrummt bekommen hatte? Ihre Eltern waren sehr großzügig, aber auch ein wenig streng. Wenn sie bei Sandra Hausaufgaben machten, bekamen sie immer ein Stück Obsttorte oder zumindest Kuchen oder Kekse. Und Anna-Lena liebte Süßigkeiten. Ihre Eltern machten sich sogar ein wenig Sorgen. Man könne dick werden, wenn man zuviel davon ist, sagten sie. Wie soll man von ein bisschen Torte dick werden? fragte sich Anna-Lena. Sie lächelte und gab Acht, nicht vom Weg abzukommen, denn das konnte sie auf einen Umweg führen und ihr mitunter ganz schön viel Zeit kosten.<br />
<br />
Nicht dass sich Anna-Lena gefürchtet hätte; schließlich kannte sie den Stadtwald gut! Als Pfadfinderin wusste sie, wie man sich orientiert, wenn man sich verlaufen hatte. Dazu hatte sie aber heute keine Lust mehr. Ihre Eltern sahen es nicht gerne, wenn sie erst bei Dämmerungsanbruch nach Hause kam und man schon die ersten Sterne am Horizont erblicken konnte. Außerdem wollte sie ihre Eltern heute nicht schon wieder verärgern, hatte sie gestern doch zum wiederholten Male ihr Mathe-Buch in der Schule vergessen und konnte ihre Hausübung daher nicht erledigen. Zelda war damit gestrichen, dabei war sie kurz vor dem siebenten Schloss! Aber Anna-Lena hatte ein schlechtes Gewissen und empfand die Strafe daher als richtig.<br />
<br />
Da vorne musste sie links abbiegen; rechts plätscherte munter ein Bächlein zwischen den Fichten und Föhren. Das Wasser war eiskalt, schmeckte aber erfrischend. Sie musste Acht geben, nicht über das Wurzelwerk zu stolpern; schon eine kleine Verletzung konnte im Wald große Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Man brauchte mitunter viel länger, wieder nach Hause zu kommen. Als sie an der Weggabelung ankam, stellte sie überrascht fest, dass die linke Abzweigung etwas bergauf ging. Das hatte sie so nicht in Erinnerung, aber sie machte sich nichts draus; es gab hier im Wald viele Abzweigungen; vielleicht verwechselte sie ja eine mit der anderen. Noch war es Nachmittag; die Dämmerung war noch nicht hereingebrochen. Sie kam an einer größeren Krippe vorbei, die die Tiere völlig leergefressen hatten. Anna-Lena hatte noch einen Fußmarsch von etwa zehn Minuten vor sich, bevor die ersten Häuser auftauchten.<br />
<br />
Nach ein paar hundert Metern spürte sie wieder das Stechen in der Brust. Die Medikamente lagen zu Hause auf dem Wohnzimmertisch. Sie musste sie immer um dieselbe Zeit einnehmen, kurz vor dem Zubettgehen. Danach spürte sie das Stechen nicht mehr. Ihre Eltern waren besorgt über ihre Krankheit, das merkte sie ganz genau. Sie merkte aber auch, dass ihre Eltern etwas vor ihr verbargen. Das war nichts Außergewöhnliches; Anna-Lena war die seltsame Heimlichtuerei ihrer Eltern schon gewöhnt. Die Welt der Eltern war eine Mischung aus Langeweile und Aufregendem; das Aufregende verbargen sie vor ihr, am Langweiligen durfte sie immer teilhaben. Und am Abwasch. Oh, sie hasste es, den Abwasch ganz alleine erledigen zu müssen. Ihr Bruder Samuel musste fast nie abwaschen. Er war einige Jahre älter als Anna-Lena und hatte immer furchtbar viel zu tun. »Studieren« nannte er es. Dabei saß er in seinem Zimmer und sah sich Zeitschriften an oder surfte im Internet. Anna-Lena wollte später auch einmal »studieren«.<br />
<br />
Einmal, als ihre Eltern sich unbeobachtet geglaubt hatten, hatte sie durch den Spalt in der Wohnzimmertür geblickt und gesehen, wie ihr Vater den Kopf ihrer Mutter an die Schulter gelehnt hatte. Ihre Mutter hatte sehr heftig geweint. Anna-Lena hatte die Wohnzimmertüre geöffnet und war zögernd auf die beiden zugegangen. Da hatte Mutter ihr Gesicht in ein Taschentuch vergraben und ihr Schluchzen darin erstickt. Sie hatte sich geschneuzt und versucht, ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern, aber das war ihr nicht geglückt. Die Tränen hatten ihr Gesicht ganz rot gefärbt, und ihre Augen hatten gar nicht gelächelt. Was denn los sei? hatte sie gefragt. Ihre Eltern hatten den Kopf geschüttelt und sie in den Arm genommen. Komm nun essen, hatten sie gesagt und waren in die Küche gegangen. Wieder so ein Stück Erwachsenenwelt, an der sie nicht teilnehmen durfte. Sie wusste nur: Es musste etwas Ernstes sein, und es hatte offenbar mit ihr zu tun. Vielleicht mit ihrer Krankheit? Ja, sie war krank, aber sie hatte sich schon daran gewöhnt. Abends gab es Tabletten, und einmal in der Woche musste sie ins Krankenhaus, zur Untersuchung.<br />
<br />
Jetzt war es merklich dunkler geworden, und Anna-Lena fragte sich, ob sie sich nicht doch verlaufen hatte? Der Waldboden war vermost; es gab jetzt viel mehr Eichen als vorhin. Diesen Weg kannte sie nicht. Mist, dachte sie, wieso ausgerechnet heute? Angestrengt versuchte sie, durch die Bäume vor ihr zu blicken, um etwas Bekanntes zu entdecken. Am Wegrand hatten die Jäger Krippen und Heuraufen für das Wild aufgestellt. Rundherum lag Mais am Boden. Die Tiere fraßen offenbar sehr unordentlich und ließen die Hälfte auf den Boden fallen. Nach weiteren hundert Metern öffnete sich der Wald, und sie betrat eine Lichtung. Hier war sie noch nie gewesen. Der Stadtwald war nicht besonders groß; verlaufen konnte man sich darin eigentlich nicht, und schon gar nicht als Pfadfinderin! Doch Anna-Lena wusste selbst, dass sie es sich eingestehen musste: Sie hatte sich tatsächlich verlaufen. Der Weg war einigermaßen befestigt; eine Forststraße; man konnte Reifenspuren erkennen. Auf der Lichtung jedoch verlief sich die Straße und wich niedrigem, aber dicht bewachsenem Boden. Als Anna-Lena gen Himmel blickte, konnte sie den Abendstern sehen. Das war der allerletzte Zeitpunkt, an dem sie hätte zu Hause sein sollen, das wusste sie. Nie nach dem Erscheinen des Abendsterns, hatten ihr ihre Eltern eingeschärft. Es würde Schelte geben &#8211; und eine Strafe dazu. Aber Anna-Lena hatte jetzt andere Sorgen.<br />
<br />
Sie hatte die Lichtung halb überschritten, da bemerkte sie ihn. In einen langen grauen Mantel gehüllt, stand er neben einem Baumstamm und aß Nüsse.<br />
<br />
»Guten Abend, kleines Fräulein!« grüßte er sie.<br />
<br />
»Guten Abend!«, gab sie zurück. Erst jetzt merkte sie, wie still es geworden war, beinahe andächtig. Es zwitscherten keine Vögel mehr, aber das war zu verstehen &#8211; es wurde schließlich langsam Abend.<br />
<br />
Seltsam, dachte sie sich, ich fürchte mich gar nicht vor dem fremden Mann. Und als hätte der Fremde das gehört, fragte er sie: »Darf ich dich ein Stück begleiten?« Anna-Lena erinnerte sich ganz genau, dass ihre Eltern ihr streng verboten hatten, mit Fremden zu sprechen, ganz davon zu schweigen, mit ihnen zu gehen. Aber die Stimme des Fremden war so vertrauenserweckend, sein Lächeln so warm, dass sie spürte: Dieser Mann wird mir nichts tun.<br />
<br />
»Gerne!«, antwortete sie ihm. »Ich glaube, ich habe mich verlaufen«, fügte sie hinzu. Der Fremde lächelte wieder. »Das ist kein Grund zur Panik«, beruhigte er sie. Als die Waldlichtung zu Ende war und es langsam dunkler wurde, sagte der Fremde:<br />
<br />
»Du musst dich nicht fürchten, Kleines. Wir haben noch ein kleines Stück vor uns, aber noch bevor es dunkel geworden ist, haben wir den Waldrand erreicht. Weißt du, auch ich habe Kinder, und die warten schon auf mich. Ich wohne in einem Schloss. Du weißt doch, was ein Schloss ist, nicht wahr?«<br />
»Klar weiß ich das!«, gab Anna-Lena zurück. »Hat dein Schloss auch Türmchen?«<br />
<br />
»Aber ja, sehr viele sogar!«, antwortete der Fremde.<br />
<br />
Anna-Lena hustete. Sie spürte, dass sie langsam ihre Medizin einnehmen sollte, sonst passierte es wieder wie vor einigen Wochen, als sie ihre Medizin verloren hatte und die Schmerzen so unerträglich wurden, dass die Rettung hatte kommen müssen. Der Arzt hatte ihr eine Spritze gegeben, danach waren die Schmerzen erträglich geworden.<br />
<br />
»Wie viele Kinder hast du denn?«, fragte Anna-Lena zaghaft.<br />
<br />
»Oh«, erwiderte der Fremde, »es sind sehr viele. Sie spielen den ganzen Tag. Und sie streiten sich nie. Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, aber die Zimmer liegen sehr eng beieinander, und die Kinder dürfen einander besuchen, wann immer sie wollen. Wenn man das Schloss betritt, bekommt man neue Kleider: Jungen bekommen einen Waldanzug, Mädchen ein wunderschönes Kleid. Du musst nämlich wissen, dass in meinem Schloss nur Kinder wohnen.«<br />
<br />
»Das muss aber ein sehr schönes Schloss sein! Ich habe noch nie davon gehört. Gibt es dort auch ein richtiges Verlies?« wollte Anna-Lena wissen.<br />
Der Fremde lachte: »Nein, ein Verlies gibt es dort nicht. Aber wir haben einen riesigen Empfangssaal; in einem hohen Kamin brennt ein großes, warmes Feuer.«<br />
<br />
»Ist es weit weg, dein Schloss?«, fragte Anna-Lena weiter.<br />
<br />
»Nein. Schon bei der nächsten Waldlichtung wirst du es sehen.«<br />
<br />
Jetzt wurde Anna-Lena noch neugieriger. Sie hatte noch nie gehört, dass sich im Stadtwald ein Schloss befinden soll. Aber sie merkte auch, dass sie dem Fremden unbedingt vertrauen konnte. Der Mann strahlte etwas Warmes, Freundliches aus. Anna-Lena hätte nicht angeben können, was das war.<br />
»Ich würde das Schloss wirklich gerne sehen!«, sagte sie.<br />
<br />
»Das wirst du, mein Kleines, das wirst du!«<br />
<br />
Anna-Lena blickte nach oben. Es waren jetzt viel mehr Sterne sichtbar, und auch der Mond war langsam über den Wipfeln der Bäume hervorgekrochen. In der Gegenwart des Fremden hatte Anna-Lena überhaupt keine Angst. Sie merkte schwach, dass sie sich Sorgen machte, was ihre Eltern wohl sagen würden, aber sie verscheuchte den Gedanken schnell wieder.<br />
<br />
Vor ihnen weitete sich der Weg. Die Bäume gingen auseinander und sie kamen auf eine luftige Waldlichtung. Erschrocken brachen zwei Rehe durchs Unterholz und liefen in den Wald. Anna-Lena hatte sie gar nicht gesehen. Dichtes, kniehohes Gras bewuchs die Lichtung, und als sie ans Ende blickte, sah sie es. Unzählige kleiner Lichter brannten im Schloss. Sie blieb unvermittelt stehen.<br />
<br />
»Ist das schön!«, rief sie aus. »Das Schloss ist ja aus Glas!?« rief sie verwundert.<br />
<br />
»Nun, nicht gerade aus Glas«, antwortete der Fremde, »aber wenn es dunkel wird, dann schaltet sich die Außenbeleuchtung ein. Man soll sich schließlich nicht verirren!«<br />
<br />
Sie waren erst ein paar Meter die Lichtung entlang gegangen, da hörte sie lautes Rufen. Sie sah genauer hin. Jemand kam ihnen entgegen. Es waren Kinder; Anna-Lena konnte nicht sagen wie viele, aber sie warfen aufgeregt ihre Arme in die Höhe und rannten ihnen entgegen, was das Zeug hielt.<br />
Dann hörte sie, was sie riefen: »Unser König ist wieder zurück! Unser König! Hurra, unser König ist wieder da!« Und dann hörte sie ihren eigenen Namen rufen: »Und er hat Anna-Lena mitgebracht!« Anna-Lena war verwundert. Wer kannte ihren Namen?<br />
<br />
Die Kinder hatten sie jetzt beinahe erreicht und riefen immer noch ganz aufgeregt durcheinander.<br />
<br />
»Unser König &#8211; er hat Anna-Lena mitgebracht! Willkommen, Anna-Lena, auf unserem Schloss!«<br />
<br />
Verwundert blickte Anna-Lena den Fremden an. Erst jetzt sah sie, dass seine Kleidung schneeweiß war. Er lächelte sie an, zeigte in Richtung Schloss und sagte: »Willkommen, Anna-Lena, willkommen zu Hause!«<br />
<br />
Schandor, am 7.2.2011</div>

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			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=35">Kinder</category>
			<dc:creator>Schandor</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Too blind to see</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49334&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 15:07:10 GMT</pubDate>
			<description>Too blind to see ... die Suche von Blue-Elton nach seiner Heimat


Zuckende Bewegungen, unorientierter Schritt. Blue Elton stakste durch die Landschaft. Er fühlte sich nicht unwohl, aber ein wenig gestresst war er schon.
So gar keine Anhaltspunkte, keine Wegweiser. Als wäre die Erdoberfläche wie...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Too blind to see ... die Suche von Blue-Elton nach seiner Heimat<br />
<br />
<br />
Zuckende Bewegungen, unorientierter Schritt. Blue Elton stakste durch die Landschaft. Er fühlte sich nicht unwohl, aber ein wenig gestresst war er schon.<br />
So gar keine Anhaltspunkte, keine Wegweiser. Als wäre die Erdoberfläche wie ein Tuch unter ihm weiter gezogen worden. Ritsch &#8230; und jetzt ist er auf unbekanntem Terrain.<br />
<br />
Blue Elton schob seine weiß umrandete Mondbrille zurecht. Sie gab ihm das Aussehen einer großen Fliege. Das Glas der Brille war sehr dunkel, ließ die Landschaft rundum ebenfalls in dunklem Blau erscheinen. Blaue Berge, blauer Himmel, silberblauer Mond und eine dunkelblaue Kuh auf einem blau schimmernden Weizenfeld. Sie wirkte ähnlich verloren wie er selbst.<br />
<br />
Der dunkle Anzug mit der taillierten Jacke und der weiten Glockenhose war in seiner Heimat sein Markenzeichen gewesen. Hier wirke er seltsam deplaziert. <br />
<br />
Auch recht, schließlich war er etwas Besonderes. Eben ein schriller Typ. Lässig mit seinen langen Beinen, den weißen Handschuhen und dem dunkelblauen Schmollmund. &#8222;He Leute, ich bin da. Was ist los, kommt raus, begrüßt mich&#8220;. Er drehte sich stolz im Kreis, wartete auf Publikum. Den Kopf hoch erhoben, herausfordernd. Kein Mensch weit und breit nahm Kenntnis von ihm.<br />
<br />
&#8222;Brrr, Brauner, brrr&#8220; hörte er und nahm im Augenwinkel ein altmodisches Kutschengespann mit Pferden wahr. Hinter der dunkelblauen Brille sah es aus wie ein laut vor sich hinrumpelndes Mondgefährt. Der Mann auf dem Kutschbock deutete mit dem Finger gegen die Stirn. &#8222;Geh aus dem Weg. Du musst mich doch längst gesehen haben. Du stehst mitten auf dem Fuhrweg und tänzelst herum. Mach Platz!&#8220; Ohne weiter auf Blue Elton zu achten, trieb der Kutscher die Tiere an.<br />
<br />
&quot;Mann, bist du irre?&#8220; Laut rief Blue-Elton dem Fuhrwerk hinterher, hechtete zur Seite. Mit seinen langen Beinen und dem wirren blauen Haar landete er in einem dunklen Feld in dem sich das Mondlicht spiegelte. Einer Vogelscheuche gleich stand er verdutzt im Getreide. <br />
<br />
Er machte zackige, unkontrollierte Bewegungen. Er wischte den Staub vom Anzug, blickte in alle Himmelsrichtungen. Und jetzt? Was sollte er mit sich anfangen?<br />
<br />
Nach Hause konnte er nicht. Die Landkarten würden lange nicht mehr in die alte Richtung verschoben werden. Sein Haus in Bluevelvet war von neuen Mietern bezogen. Seinen Job als Leadsänger in der Beerdigungs-Blues-Band hatte er gekündigt. Nun stand er da, war einfach in einen Zug gestiegen, hatte mit dem letzten Geld eine Fahrkarte gekauft. <br />
<br />
&#8222;Wohin?&#8220; fragte die Lady am Schalter und blickte ihn gelangweilt an. &#8222;Gib mir ein Blue-Ticket. Die weitest entfernte Stelle die ich mit meinen letzten 433 Mondtalern bekommen kann.&quot; &#8222;Bayern, das liegt in Deutschland, in Ordnung? Macht 412 Mondtaler. Den Rest kann ich dir in der dortigen Währung auszahlen.&#8220; &#8222;Das ist doch wunderbar&#8220; strahlte Blue-Elton, nahm das Ticket, die Euros und setzte sich in den Zug. <br />
<br />
Wie lang er schlief, weiß er nicht genau. Aber als er aufwachte, war der Zug bereits in den Bahnhof eingefahren. Schnell packte er sein Buch, seine Blues-CD und seine Zahnbürste in die dunkelblaue Reisetasche. Beim Aussteigen blickte er sich neugierig um. Ein paar Leute in seltsamen Gewändern begrüßten Ankommende. Später sollte er erfahren, dass es Trachtenkleidung war auf die man hier viel Wert legte. Es war wichtig traditionelle Tracht zu haben und gierig in die nicht traditionellen Dirndlausschnitte zu gaffen. <br />
<br />
&#8222;Nun gut, Blue-Elton&#8220;, sagte Blue-Elton zu sich. &#8222;Dann los, hier fängt jetzt dein neues Leben an!&#8220; Bevor er dazu ganz bereit war, musste sein hungriger Magen gefüllt werden. Er kaufte er sich eine Brezn und biss in das neue kulinarische Heimatgefühl. <br />
<br />
Er fand eine nette kleine Wohnung mit blauen Tapeten und einem großen silberblauen Kühlschrank. Blue-Elton hängte seine violetten und graublauen Bilder an die Wand und fühlte sich innerhalb seiner vier Wände fast ein bisschen wie zu Hause. Das war schön. Das erzählte er sich auch immer wieder. Wie schön es hier ist. Die blauen Berge und die blauen Seen.<br />
<br />
Er stakste am See entlang. Stundenlang, tagelang, wochenlang. Setzte sich an Uferbänke, las, schrieb, studierte die Menschen. Manchmal versuchte er Arbeit zu finden. Seine Arbeit als Leadsanger bei Begräbnissen wurde hier sichtlich nicht gebraucht. Was er sich eigentlich denke, fragte der stille Mann vom Beerdigungsinstitut. Er hatte tiefblaue Falten im Gesicht und war empört über Blue-Eltons Gesangsvorstellung. Dabei hatte dieser sich eine so schwungvolle und bizarre Tonfolge ausgedacht. <br />
<br />
Also sang er seine Lieder zu Hause, im blauen Schaum in der Badewanne. Er schrieb seinen Kummer auf blaue Blöcke. Und auch die Tränen die unter seiner Brille herab liefen, schimmerten blau auf dem weichen Papier. <br />
Auch ein paar Euro durfte er manchmal verdienen. Wenn er schön still war und nicht sang, seine Haare unter einem blauen Hut versteckte. Dann durfte er gebückt und flink kleine Arbeiten verrichten. Ganz leise summte er dabei ein Lied, ließ in der Phantasie Bänder los, die der Wind davontrug. Blaue Bänder die in der Tiefe des Sees versanken oder sich auf violettblauen Rosenbüschen betteten.<br />
<br />
Heimatlos. Keine Heimat mehr für seinen Gesang, seine Kunst, seine Worte. Zu weit hatte er sich bereits von der blauen Wurzel, seinem Heimatort entfernt. Er hatte lange Beine, aber der Spagat über zwei Orte gespannt, hätte ihn zerrissen. <br />
<br />
Lieber ging er durch den Wald und suchte hinter Bäumen nach Visionen. Manchmal musste er kichern, wenn er mit den hohen Plateausohlen in den Wurzeln von Zwergenhäusern verfing. <br />
Ein andermal flogen ihm wie Seifenblasen Einfälle zu und zerplatzen mit einem feinen platschenden Geräusch, weil er sie zu groß werden hatte lassen.<br />
<br />
Vielleicht war ja das seine Heimat. Das Blau seiner Gedankenwelt. Vielleicht war seine Heimat das Flüstern mit Elfen und Feen. <br />
<br />
Als Blue-Elton eines Tages in seinem blauen Zimmer auf dem Bett lag, die Füße mit den silberfarbenen Stiefeln an die Wand gelehnt, entdeckte er einen kleinen hellblauen Vogel am Fenstersims sitzen. Der zirpte allerliebst und flatterte um Blue-Eltons Kopf, und wieder zum Fenster hinaus. Flatterte wieder herein, und hob sich wieder über das Fenstersims. <br />
<br />
&#8222;Du willst mir was zeigen, ja?&#8220; lachte Blue-Elton und hüpfte erfreut durchs Zimmer. &#8222;Ja, warum nicht, warum nicht .. &quot;. Er schloss seine kleine Wohnung ab und stocherte mit seinen hohen Schuhen durchs dunkelblaue Treppenhaus. <br />
<br />
Draußen wartete der kleine Vogel bereits und flatterte laut zirpend vor ihm her. Und so kam er hierher, an diese Kreuzung. Wo er der Welt zurief, dass er da war, dass man ihn bemerken möge und er das Fuhrwerk am Weiterfahren hinderte und wo er letztlich zur Seite sprang.<br />
<br />
Er ließ sich in das blaue Feld fallen. Die dunkelblauen Ähren standen hoch und fingen ihn weich auf, Zeit der Ernte. Er streckte Arme und Beine weit von sich. Über ihm tanzte wieder der kleine Vogel, kreischte aufgeregt und bewegte seine Flügel wie wild auf und ab. <br />
<br />
Blue-Elton fuhr mit den Fingern unter die Brille und wischte sich über die Augen. Just in dem Moment flatterte das kleine hellblaue Tier in sein Haar, rupfte eine Locke mit dem Schnäbelchen. Bei dieser wilden Aktion verrutschte Blue-Eltons Brille. <br />
Der blaue Schleier vor seinen Augen wurde nach unten gedrückt und eine neue Welt tat sich vor ihm auf.</div>

]]></content:encoded>
			<category domain="http://www.kurzgeschichten.de/vb/forumdisplay.php?f=30">Seltsam</category>
			<dc:creator>schnee.eule</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Am Tomasee</title>
			<link>http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=49330&amp;goto=newpost</link>
			<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 21:03:00 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[&#8222;Und du gehst mit ihm!&#8220;, schrie ihr Stiefvater.
Ein Gefühl der Freude überkam Helen, als sie in das Gesicht ihres erzürnten Stiefvaters blickte. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Vergehen eine solch wunderbare Folge haben würde! Noch nie hatte sie ihren Stiefbruder auf den Piz Badus begleiten dürfen,...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>&#8222;Und du gehst mit ihm!&#8220;, schrie ihr Stiefvater.<br />
Ein Gefühl der Freude überkam Helen, als sie in das Gesicht ihres erzürnten Stiefvaters blickte. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Vergehen eine solch wunderbare Folge haben würde! Noch nie hatte sie ihren Stiefbruder auf den Piz Badus begleiten dürfen, auf den sie immer ihre zahlreichen Schafe brachten, damit diese auf der Alp weiden können.<br />
Sie lächelte, doch das Lachen verging ihr in dem Moment, in dem ihr Stiefvater zuschlug und sich die bekannte Hitze auf ihrer rechten Wange ausbreitete. &#8222;Was fällt dir ein, du unnützes Miststück! Hätte ich deiner Mutter, Gott hab sie selig, nicht versprochen, mich um dich zu kümmern, hätte ich dich ich dich weggegeben, als ich noch die Möglichkeit dazu hatte!&#8220;<br />
Sie wusste, dass sie nichts sagen durfte. Sie musste den Kopf senken, die Hände falten und warten, bis er sagte: &#8222;Bete zu Gott, dass aus dir einmal ein Nutzvolles Ding wird! Bete! Denn sonst besteht bei dir keine Hoffnung mehr!&#8220; Und wie jedes Mal würde sie hinknien, die Hände falten, die Arme heben und beten, dass aus ihr eines Tages ein nützliches Ding werden würde, während ihr Stiefvater gebieterisch vor ihr stand, um sie zu bewachen und sich ihre unendliche Wut in ihr staute. Doch sie würde sich nicht wehren, denn das würde nichts bringen.<br />
Ihr älterer Stiefbruder Peter, der Stolz ihres Stiefvaters, stand neben der Szene und nickte bei jedem Wort. Er kam ganz nach dem Stiefvater; Streng, humorlos, tüchtig und selbstsicher. Während Helen am liebsten nur mit den Ziegen herumsprang und Spass hatte, während sie vor Anderen jedoch ruhig und schüchtern war.<br />
Das war auch der Grund, weshalb sie keine Freunde hatte. Gerne hätte sie eine Freundin gehabt, hatte jedoch keine Möglichkeit, da sie  nicht zur Schule und auch nicht zur Kirche ging. Weil ihre Familie zu weit vom Dorf entfernt wohnte, kannte sie nur ihren Stiefvater, ihren Stiefbruder und die Ziegen.<br />
Doch jetzt würde sich alles ändern! Sie würde mit ihrem Stiefbruder auf den Piz Badus steigen und dort auf die anderen Hirten treffen, von denen ihr Stiefbruder ihr manchmal, wenn er gute Laune hatte, erzählt hatte.<br />
Nach ihrem Gebet ging sie, unter den strengen Blicken ihres Stiefvaters und ihres Stiefbruders, die schmale, steile Holztreppe hinauf in ihren kleinen Dachstock, wo sich ihr kleiner, mit Stroh gefüllter Sack, den sie als Matratze benutzte, und sich ihre wenigen Habseligkeiten befanden. Sie zog den kleinen Spiegel, der ihrer Mutter gehört hatte und den sie aus der Kommode ihres Stiefvaters gestohlen hatte, hervor und betrachtete ihr Gesicht. Der rote Handabdruck ihres Stiefvaters stach stark von ihrem sonst so hellen Gesicht hervor, auf dem sich nur einige vereinzelte Sommersprossen um die Nase herum befanden. Sie öffnete ihr langes, welliges, dunkles Haar, das sie immer in zwei Zöpfen trug und begann es mit ihrem Kamm, dem schon einige Zacken fehlten, zu kämmen. Sie fand sich selber attraktiv, denn ihr Haar war geschmeidig und glänzend und für ihre dreizehn Jahre hatte sie noch eine sehr reine Haut. Sie betrachtete ihre kleinen Ohren, ihre grossen, dunklen Augen, die von langen, schwarzen Wimpern umrandet waren und ihre schmale Nase in ihrem ovalen Gesicht. Doch, sie fand sich selber hübsch. Abgesehen von den wenigen alten, leicht verbleichten Fotos, die ihre Mutter und Grossmütter zeigten, hatte sie jedoch keinen Vergleich.<br />
Müde legte sie sich auf ihren Sack und wartete darauf, dass sie einschlief, denn an Abendbrot war nicht zu denken.<br />
Müde und wie gerädert wachte sie am nächsten Morgen auf. Ihr Stiefvater stand unten an der Treppe und schrie nach ihr. Sie rieb sich die Augen und band ihr langes Haar in die gewohnten Zöpfe. Mit schweren Gliedern stieg sie die steile Treppe hinab. Es war noch dunkel und nur eine einzelne Petrollampe erleuchtete den kleinen Wohnraum mit der angrenzenden Küche und dem grossen, massiven Holztisch. Sie setzte sich auf ihren Hocker. Er war kleiner als die Anderen und ein Bein war kürzer als die beiden Anderen, weswegen sie nicht gemütlich am Tisch sitzen konnte und sie immer darauf achten musste nicht mitsammt dem Stuhl hinzufallen. Sie trank die Schale mit der frischen Ziegenmilch aus und ass ihr kleines, hartes Stück Brot. Ihr Stiefbruder war bereits aus dem Haus gegangen, um die Ziegen für den Marsch bereit zu machen. Sie griff nach ihrem kleinen Paket, in dem sich eine Feldflasche mit Ziegenmilch, sowie ein Stück Brot und ein bisschen Käse befand und ging nach draussen. Peter war schon losgegangen, sie konnte ihn knappe zweihundert Meter vor sich sehen. Ohne sich von ihrem Stiefvater zu verabschieden, lief sie ihrem Stiefbruder und den Ziegen nach. Obwohl sie rannte, brauchte sie einige Minuten, bis sie ihren Stiefbruder eingeholt hatte. Der schmale Weg, der sich mit der Zeit aus den vielen Märschen mit den Ziegen gebildet hatte, ging steil bergauf und viele Steinbrocken lagen im Weg.<br />
Als sie ihren Stiefbruder erreicht hatte, würdigte er sie keines Blickes und lief in grossen Schritten weiter. Stumm wanderten sie den Weg bergauf, während die vielen Ziegen um sie herum eigene Wege suchten und zwischendurch einige Happen Gras frassen.<br />
Langsam stieg die Sonne den wolkenlosen Himmel hinauf und schon früh war eine unangenehme Hitze zu spüren. Doch ihr Stiefbruder legte keine Pause ein und obwohl sie immer müder wurde, sich ihre Beine wie Stein anfühlten und sie einen trockenen, kratzenden Hals hatte, bat sie nicht um eine Pause.<br />
Erst als die Sonne steil über ihnen stand, sagte ihr Stiefbruder, dass sie kurz halten würden um einen Bissen zu essen und etwas zu trinken. Sie setzte sich auf einen grossen Felsen und liess sich etwas Milch in den Mund laufen, behielt sie einige Sekunden im Mund und schluckte sie sie hinunter. Sie nahm ihr Brot und den Käse aus ihrem Paket und biss von beidem ein grosses Stück ab. Während sie kaute, betrachtete sie die wunderbare Aussicht, die grossen steilen Felsen mit dem wenigen Gras und den vereinzelten, kleinen Büschen. Sie konnte den steilen Weg erkennen, den sie soeben hinaufgestiegen waren, der sich in grossen, unregelmässigen Schlaufen den Berg hinauf wand.<br />
Während sie so da sass und die Aussicht betrachtete, war ihr Stiefbruder bereits weitergegangen. Für ihn war sie nur ein Klotz am Bein. Er konnte den Entscheid seines Stiefvaters nicht verstehen. Er hatte gestern alles richtig gemacht, sie hatte gegen die Regel verstossen, sie war einfach so in den Wald gelaufen, trotzdem kam ihm ihre Bestrafung eher wie eine Bestrafung an ihm vor. Er war wütend auf Helen. Sie hatte bekommen was sie wollte und er hatte dafür einen Hemmschuh. Er wusste, dass sein Stiefvater wollte, dass er ihr, mithilfe der anderen Hirten, die Reise zur Qual werden lassen sollte. So hatte er es ihm gesagt. Sie sollte lernen, dass das Leben ausserhalb des trauten Heims eine Qual für Mädchen sei, damit sie nie mehr einfach so abhauen würde. Und genau das würde er machen, er würde ihr die Reise zur Hölle machen, nicht weil sein Vater dies wollte, das war bloss die Legitimierung davon. Nein, weil es ihn nervte, dass sie mit einem Lächeln den Berg hinauf stieg und es ihr anscheinend keine Mühe kostete, während er bereits nach einer Stunde völlig ausser Atem war. Diese Wanderung würde für sie keinen Spass werden! Diese Vorfreude gab ihm die Kraft schnell weiter zu wandern, während seine Stiefschwester noch immer auf dem Felsen sass. <br />
Erst nach einiger Zeit bemerkte Helen, dass die vielen kleinen Glöckchen, die den Ziegen um den Hals baumelten, verstummt waren und dass ihr Stiefbruder bereits weitergegangen war. Langsam rutschte sie den grossen Felsen hinab und lief gemächlich los, denn sie wollte nicht so schnell zu ihrem Stiefbruder gelangen, der die ganze Zeit bloss mürrisch vor ihr hin stolziert war. Obwohl die den Weg nicht kannte, war es für sie ein Leichtes den Spuren ihres Stiefbruders und der Ziegen zu folgen, denn die kleinen braunen Kugeln, die die Ziegen hinterlassen hatten, wiesen ihr den Weg, wie die Kieselsteine einst bei Hänsel und Gretel.<br />
Nachdem sie ein speziell steiles Stück beinahe blanken Fels hinaufgeklettert war, stand sie plötzlich vor einem kleinen, klaren Bergsee, der von einer kleinen grünen Oase umgeben war, in der sich vereinzelte Gesteinsbrocken befanden. Dies musste der Tomasee sein. Sie rannte die letzten Meter den Berg hinab auf das Wasser zu und setzte sich direkt am Ufer auf einen Stein. Sie zog ihre Schuhe und Socken aus und liess die Füsse ins Wasser gleiten. Es war eisig kalt und ihre Füsse kribbelten vor Kälte, doch das Wasser war eine willkommene Abkühlung. Sie schaute sich um und entdeckte einige Ziegen auf der gegenüberliegenden Seite auf einem kleinen Hügel grasen. Da die Ziegen nicht den Berg hinauf liefen, nahm sie an, dass ihr Stiefbruder dort eine Rast eingelegt hatte. Sie konnte ihn jedoch nicht finden und auch sonst keine Menschenseele.<br />
So band sie ihre Schürze auf, zog sie zusammen mit ihrem Kleid über den Kopf und legte das Kleiderbündel neben ihre Schuhe. In ihrem Unterhemd und ihrer Unterhose ging sie langsam in das eisige Wasser hinein. Sie konnte nicht schwimmen, doch auf die kühlende Frische des klaren Bergsees wollte sie nicht verzichten. Als ihr das Wasser bis zu den Hüften reicht, gab sie sich einen Ruck, ging in die Knie und stiess sich mit den Füssen ein wenig vom weichen Untergrund ab. Ihr stockte der Atem, als das kalte Wasser über ihrem Rücken zusammenkam. Den Kopf hielt sie steif oben und mit den Armen und Beinen zappelte sie herum. Als sie den Boden unter den Füssen wieder zu spüren begann, stand sie so schnell wie möglich wieder auf. Das Wasser, dass ihr vorhin noch bis zu den Hüften gegangen war, reichte ihr hier bereits bis zur Brust und bibbernd vor Kälte kämpfte sie sich zum Ufer hin. Am Ufer angekommen, legte sie sich ausgestreckt ins Gras und genoss das prickelnde Gefühl der warmen Sonne auf ihrer kalten Haut. Da es ein strahlender Tag war, trocknete sie schnell. Doch noch bevor sie ganz trocken war, hörte sie in der Ferne Stimmen und Gelächter.<br />
In Panik packte sie ihr Kleid und ihre Schürze und zog sich beides so schnell wie möglich über den Kopf. Während sie sich die Schürze wieder zuband, schaute Helen sich nach den Ziegen um, die noch immer auf dem Hügel standen und grasten. Sie packte ihre Schuhe, in denen die Socken steckten und rannte hinter den nächsten Felsen. Als sie dort angekommen war und sie hinter dem Felsen hervorschaute, konnte sie eine Gruppe Jungen, die auf das Wasser zuliefen, und einen schlanken, grossen, Mann, in seinen besten Jahren, erkennen, der der Jungenschar folgte und nun, ausser Atem, am Ufer stand und sich mit einem Taschentuch, welches er aus seiner Anzugsjacke hervorgeholt hatte, die Stirn abtupfte. Die Jungen hatten sich unterdessen die Schuhe, Hosen und Hemden ausgezogen und waren nun ihrerseits in den Unterhosen in den kalten See gerannt. Spritzend und mit viel Lärm schwammen sie nun in den See hinaus. Doch das Wasser war so kalt, dass es die Ersten bereits nach kurzer Zeit verliessen und sich fröhlich schwatzend ins warme Gras legten. Helen fragte sich, wie sie reagieren müsste, wenn sie gesehen und angesprochen werden würde und da ihr keine Antwort einfiel, zog sie sich hinter den Felsen zurück. Einige Wagemutige waren bis in die Mitte des kleinen Sees geschwommen und von ihrem Standpunkt aus konnte Helen die älteren Jungen schwimmen sehen. Einer fiel ihr besonders ins Auge. Er war schlank und muskulös und hatte längere dunkle Haare, die ihm in allen Richtungen vom Kopf abstanden. Immer wieder tauchte er ins kalte Nass und schüttelte, nachdem er wieder aufgetaucht war, lachend seine nassen Haare, sodass die Wassertropfen weg schossen und von der Sonne reflektiert wurden. Helen hatte sich wieder ein bisschen weiter nach vorne getraut, um die lachende Schar besser beobachten zu können. Nun kniete sie auf ihre Hände gestützt, nur noch halb vom Felsen verdeckt da und lächelte.<br />
Doch ihr Lachen verging ihr, als der Junge plötzlich in seiner Bewegung inne hielt und sie unverhohlen anblickte. Erschrocken zog sich Helen hinter ihren Felsen zurück und lehnte sich, die Beine fest an sich gezogen, gegen den Felsen. Sie fragte sich, was wohl geschehen würde, wenn er sie wirklich gesehen hätte und sie sich das nicht nur eingebildet hatte. Als sich ihr Puls wieder einigermassen beruhigt hatte und sie sich einen Ruck gegeben hatte, schaute sie wieder vorsichtig hinter dem Felsen hervor. Der Junge war weg. Eigentlich wäre sie nun gerne zu ihrem Stiefbruder gegangen, um sicher zu gehen, dass sie ihn wieder finden würde, doch sie wollte nicht riskieren, dass sie von den Jungen gesehen und angesprochen werden würde. So sass sie an den Felsen gelehnt und ass noch etwas Brot und Käse, während sie dem Lachen der Jungen lauschte und darauf wartete, dass es leiser werden und schliesslich verschwinden würde.<br />
Sie war ganz in Gedanken versunken, als plötzlich ein Junge vor ihr stand. Es war der Junge, der seine Haare im Wasser geschüttelt hatte und sie anscheinend doch gesehen hatte. Er setzte sich neben sie und gab ihr die Hand: &#8222;Ich bin René. Wie heisst du?&#8220; Helen blickte ihn erschrocken an. Sie hätte ihm gerne geantwortet, doch ihr kam kein Wort aus dem Mund. &#8222;Keine Angst, ich beisse nicht!&#8220;, lachte der Junge. &#8222;Ich habe keine Angst&#8220;, antwortete Helen übertölpelt. &#8222;Dann ist ja gut!&#8220; meinte René mit einem Grinsen, &#8222;und verrätst du mir deinen Namen, oder ist der ein Geheimnis?&#8220; Da musste auch Helen lachen: &#8222;Der ist doch kein Geheimnis! Ich heisse Helen. Aber was machst du hier, weshalb bist du nicht bei den anderen Jungen?&#8220; &#8222;Weshalb versteckst du dich vor uns?&#8220;, antwortete der Junge. Darauf wusste Helen keine Antwort. Weshalb hatte sie sich versteckt und war nicht zu den Jungen hin gegangen um mit ihnen zu reden? Sie zuckte die Achseln: &#8222;Weiss ich nicht&#8230;&#8220; Da musste er lachen und begann von seinem Leben zu erzählen. Er sei ein Gymnasiast, der mit seiner Klasse in Sedrun eine Woche leben würde um den Kanton Graubünden kennen zu lernen, ursprünglich jedoch aus Zürich kommt, wo er mit seinen Eltern und einem älteren Bruder lebe. Er habe auch eine Schwester, die hätte vor einem Monat einen Banker geheiratet und lebe nun in einer grossen Wohnung in der Nähe des Zürichsees. Sein Bruder sei auch im Gymnasium gewesen, hätte nie eine solche Reise machen dürfen und studiere nun, um eines Tages ein Arzt zu werden. Auch er würde gerne Arzt werden, doch das würde keinen Sinn machen, wenn sein Bruder schon einer wäre. Helen hörte ihm gespannt zu. Er erzählte ihr von der Wohnung, in der er lebte, von der Wohnung seiner Schwester, von der Schule und dass er das Tram benützen müsste, um zur Schule zu gelangen. Und als Helen fragte, was denn ein Tram sei, nickte er bloss und beschrieb ihr die Wagen, die auf Schienen und an Leitungen durch die Stadt fahren würden und sagte ihr, dass er sie einmal nach Hause mitnehmen würde. Das konnte sie kaum glauben und wurde ganz aufgeregt. Sie würde eines Tages in eine Stadt fahren, die Zürich hiess, die an einem See lag und in der es Wagen gab, die auf Schienen und an Leitungen durch die Stadt fahren würden! Sie wollte mehr von dieser Stadt erfahren und fragte nach, wie man denn dort hin käme. Da erzählte ihr René, wie die ganze Klasse am Zürcher Hauptbahnhof in einen Zug nach Chur gestiegen sei und dort wiederum in einen weiteren Zug gestiegen sei, der sie nach Sedrun gebracht hatte. Er erzählte ihr von den Bergen, die sie gesehen hatten, und von den Städten und Dörfern, durch die sie gefahren waren. Danach begann sie ihrerseits von ihrem Leben zu erzählen, von ihrer Hütte, von ihrem kleinen Reich, oberhalb des Wohnraums, von den Ziegen und von ihrem Stiefvater und von ihrem Stiefbruder. Und obwohl sie viel weniger zu erzählen hatte, hörte René ihr auch genau zu. Als sie gerade dabei war, ihm zu erklären, wo genau sie wohne, hörten sie die anderen Jungen nach René rufen. Er stand auf, sagte, dass er gehen müsse, versprach ihr noch einmal, ihr eines Tages Zürich zu zeigen, gab der völlig perplexen Helen einen Kuss auf den Mund und rannte auf die andere Seite des Felsen, wo ihn die anderen Jungen mit Fragen überhäuften. Er gab ihnen nur ausschweifende Antworten und lachte.<br />
Während sich die Jungen langsam entfernten, ihre Stimmen immer leiser wurden, fasste sich Helen an den Mund, der von der leichten Berührung noch immer kribbelte, und dachte lächelnd an das eben Geschehene nach. Hinter dem Felsen blieb sie sitzen, malte sich aus, wie sie zusammen mit René durch Zürich schlendern würde, Arm in Arm, und wartete, bis die Gruppe sich auf den Nach-Hause-Weg machen würden. Als ihre Stimmen schliesslich zuerst immer leiser und dann ganz verstummt waren, stand Helen auf, bewegte ihre eingeschlafenen Glieder und machte sich auf den Weg, um zum Hügel zu gelangen, auf dem sie vor wenigen Stunden noch die Ziegen gesehen hatte.<br />
Als sie dort ankam, waren die Ziegen und ihr Stiefbruder bereits verschwunden und sie folgte den kleinen, braunen Kugeln, so wie sie es auch zuvor getan hatte. Doch anders als zuvor, betrachtete sie die Umgebung nicht mehr, sie dachte an die soeben vergangenen Stunden, an ihr Gespräch mit René und an den Kuss.<br />
Am späten Abend kam sie schliesslich bei ihrem Stiefbruder an, der sich auf der Spitze des Piz Badus hingelegt hatte und sie bereits erwartete. Er grinste sie schelmisch an, denn er dachte, dass ihr Tag schrecklich gewesen sein müsse, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Helen setzte sich einige Meter von ihm entfernt ins Gras, ass ihren Resten Brot und Käse, legte sich hin und schlief mit dem Klingen der kleinen Glocken, die den Ziegen um den Hals baumelten ein. Sie träumte von ihrer Begegnung mit René.<br />
Die folgenden Tage verbrachte sie verträumt im Gras, wo sie Alpenblümchen pflückte, sich daraus Ketten und Kränze fertigte und verträumt den weitentfernten Tomasee betrachtete. Sie stellte sich vor, wie René sie bei ihrer Hütte abholen würde, wie sie ohne ihrem Stiefvater oder ihrem Stiefbruder auf Wiedersehen zu sagen den Berg hinab ins Dorf rennen würden, dort in einen Zug steigen würden und während dem Fahren die vielen Dörfer, Städte und Berge sehen würden, von denen ihr René erzählt hatte, und wie sie schliesslich gemeinsam in einer grossen Wohnung am See in Zürich leben würden. Ihr Stiefbruder fragte sich, was geschehen war, dass sie so verändert hatte und auch zu Hause wunderte sich ihr Stiefvater über ihre Veränderung. Doch eben diese Veränderungen wirkten sich positiv auf ihr Leben aus. Von da an mal ins Dorf, um sich mit Gleichaltrigen zu treffen, denn sie wusste, dass sie nicht schüchtern gegenüber Anderen sein musste. Sie musste bloss sie selbst sein, um neue Menschen kennen zu lernen.<br />
Doch mit den Jahren die vergingen, mit den Jahren in des Wartens auf René, begann Helen immer mehr daran zu zweifeln, dass er eines Tages wirklich kommen würde, sie von der Hütte abzuholen und sie, ohne ein Wort an den Stiefvater oder Stiefbruder, nach Zürich bringen würde.<br />
Als sie schliesslich 20 Jahre alt wurde und nicht mehr daran glaubte, dass René eines Tages kommen würde, um sie abzuholen, heiratete sie einen Jungen aus dem Dorf, dem sie in den Jahren zuvor immer einen Korb gegeben hatte.</div>

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