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	<description>Robert Misik - Journalist &#38; Sachbuchautor. Lebt und arbeitet in Wien.</description>
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		<title>„Schritt für Schritt ins Paradies“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Jul 2026 09:39:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Plötzlich reden alle wieder von „Politischer Theologie“. Aber was ist das überhaupt? In jüngster Zeit sind die Kommentarspalten der Zeitungen, die Politik-Schlagzeilen der Magazine und die gelehrten Betrachtungsaufsätze im Kulturteil immer häufiger von einem bizarren Phänomen geprägt: der „Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“, wie das der Ideenhistoriker Volker Weiß im Untertitel seines kleinen &#8230; <a href="https://misik.at/2026/07/schritt-fuer-schritt-ins-paradies/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Schritt für Schritt ins Paradies“</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Plötzlich reden alle wieder von „Politischer Theologie“. Aber was ist das überhaupt?</h4>
<p>In jüngster Zeit sind die Kommentarspalten der Zeitungen, die Politik-Schlagzeilen der Magazine und die gelehrten Betrachtungsaufsätze im Kulturteil immer häufiger von einem bizarren Phänomen geprägt: der „Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“, wie das der Ideenhistoriker Volker Weiß im Untertitel seines kleinen Büchleins namens „Katechon“ nennt – das, trotz des sperrigen alt-griechischen Wortes am Cover gleich zu einem Bestseller wurde. Dass sich im Jahr 2026 tausende Leute ein Buch mit dem Titel κατέχων kaufen, hätte man auch nicht unbedingt prophezeit.</p>
<p><strong>Eine Sprache des Eiferertums</strong></p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 285px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="285" height="467" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="(max-width: 285px) 100vw, 285px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text"><strong>Vorankündigung: Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</strong></figcaption></figure>
<p>Gründe gibt es durchaus genug: Da sind amerikanische Gotteskrieger wie J.D. Vance und Verteidigungsminister Pete Henseth – der sich Kreuzrittersymbole tätowieren ließ und Racheparolen alttestamentarischer Propheten in seine Reden einbaut. Da ist Tech-Milliardär Peter Thiel, der seine Gegenwartsanalyse auf die Briefe des Apostel Paulus und die Offenbarung des Johannes aufbaut und die Welt in einem apokalyptischen Ringen gegen die Kräfte des Antichristen sieht. Da sind die westeuropäischen Rechtsextremisten, die gewiss ganz ohne theologische Grundierung, dafür im Geiste eines Kampfs der Kulturen eine Art Verteidigungskrieg des „christlichen Abendlandes“ wähnen, und, wie Herbert Kickl, plakatieren lassen: „Euer Wille geschehe“. Dabei beuten sie auf geradezu gotteslästerliche Weise die Rhetorik des Religiösen aus, eine Rhetorik, die oft eben auch eine Sprache des Eiferertums, des Wir-gegen-Sie, der Unbedingtheit ist. Alles zusammen muss für die Diagnose der Rückkehr der politischen Theologie herhalten.<span id="more-11460"></span></p>
<p>Wer ohne Kenntnis des Schrifttums zu dem Thema diese Diagnosen liest, muss sich wie in einem Irrenhaus vorkommen, und zwar mit Recht. Versuchen wir also eine Einführung in die politische Theologie für Anfänger.</p>
<p><strong>Jede Theologie ist politisch…</strong></p>
<p>Politische Theologie, was soll das denn überhaupt sein? Nun, die Formel ist nicht neu, ihr moderner Gebrauch wurde aber primär von Carl Schmitt beeinflusst, dem autoritären, rechtsextremen Staatsrechtler, auf den unsere Neofaschisten so viel geben, und von dem sich auch Peter Thiel seine Begriffe borgt. Schmitts pointierte, legendäre Formel lautet: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“ Soll heißen: Viele neuzeitliche Konzeptionen haben theologische Hintergründe. Was in der modernen Staatslehre der „Souverän“ ist, ist in der Theologie der Allmächtige, was der Ausnahmezustand im Staatsrecht, ist das Wunder in der Theologie usw. Dass überdies in unserer Weltwahrnehmung ganz viele religiöse Hintergründe drinstecken, weil die Religion in der Sprache sitzt, ist nicht sonderlich überraschend. Wir kennen das aus vielen Bereichen: Glaube, Gläubige gibt es in der Kirche, den Gläubiger im Insolvenzrecht. Credo ist der Gläubige, Kredit hat jemand, an dessen Zahlungsfähigkeit wir glauben. In der Kirche dreht sich alles um die Schuld, im Bankwesen um die Schulden. Erlös und Erlösung, Offenbarung und Offenbarungseid – die Liste ist endlos. Die Begriffe haben ähnliche Wurzeln, aber sagt das schon mehr aus als dass es, wie bei Sprachbildern, eine metaphorische Ähnlichkeit gibt? Jemand, in dem „das Feuer der Leidenschaft“ brennt, geht ja auch nicht in einer Stichflamme auf, sobald er die Geliebte erblickt. Kritiker des Konzepts der „politischen Theologie“ haben gerade das unterstrichen, nämlich, dass Begriffe, etwa wenn sie vom religiösen Sprachgebrauch in den weltlich-säkularen transformiert werden, ihre Bedeutung nicht bewahren, sondern verlieren. Vage metaphorische Ähnlichkeit ist eben keine substantielle Identität.</p>
<p><strong>…und jede Politik ist theologisch.</strong></p>
<p>Aber schon der Begriff der „politischen Theologie“ versteht sich ja nicht von selbst, zumal damit nicht gemeint ist, dass eine Sprache aus einem „unpolitischen Bereich“, wie der Theologie, von politischen Akteuren quasi missbraucht werde. Heute wird der Begriff ganz gerne so verwendet, aber das ist nicht ganz akkurat. Letztendlich meinen die Fürsprecher eines Konzeptes von „politischer Theologie“, dass eigentlich jede Theologie politisch ist und folglich auch jede Politik theologische Wurzeln hat. Und damit haben sie nicht unrecht. Die jüdische Theologie besorgte den Zusammenhalt eines Volkes, des jüdischen Volkes. Paulus wiederum, dieser seltsame 13. Apostel, der Jesus gar nie gekannt hat, begründet ein neues Volk, das Volk der Christenheit, dem jeder angehören kann (egal welcher Abstammung, egal welcher Ethnie), der sich der Gemeinschaft der Gläubigen anschließt. Wenn Theologie aber Gemeinschaft begründet, dann ist das per se ein politischer Akt. Religion ist gemeinschaftsbildend. Es ist der politischste politische Akt, gewissermaßen.</p>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p>„Politische Theologie“ hat aber immer Absichten, und die können sehr unterschiedlich sein. Schmitt und seine heutigen rechtsradikalen Nachplapperer benützen den Fundus des Theologischen zu Begründung autoritärer Politik. Die Weltauffassung der großen Religionen hilft dabei ohne Zweifel, man denke nur an den „Allmächtigen“ oder das Bild von „Gott in der Höhe“. Oben gibt es einen Herrscher, unten zwergenhafte Menschen, quasi Kriechtiere, die den Allmächtigen anbeten. Zicken die Kriechtiere herum, dann wird der Gott in der Höhe schnell mal zornig, dann ist Schluss mit dem „lieben Gott“ aus der Hausmütterchen-Theologie. Diktatoren lieben solche Weltverhältnisse verständlicherweise. Und Leute, die Angst vor Chaos haben und deswegen hierarchische Ordnungen lieben, tun das ebenso.</p>
<p><strong>Theologie der Befreiung</strong></p>
<p>Es gibt aber nicht nur die rechten, sondern auch die linken Spielarten der politischen Theologie, die geradezu die gegenteilige Bedeutung hat. Zu dieser gehörte etwa die Theologie der Befreiung, die zeitweise in Lateinamerika sehr stark war, aber im linken Christentum, in der Caritas, bei hiesigen Arbeiterpriestern auch Zuspruch fand. Interessant ist, dass sich rechte und linke politische Theologie gegen einen gemeinsamen Feind wenden, nämlich die „unpolitische Theologie“, die die Religionsausübung zur Privatsache machen, individualisieren und ins Innere des Gläubigen versetzen möchte, der quasi mit seinem Gewissen ringt. Der berühmte deutsche Theologe Johann Baptist Metz nannte seine „neue politische Theologie“ ein „kritisches Korrektiv gegenüber einer extremen Privatisierungstendenz“. Eine (neoliberale) Verbürgerlichung des Christentums verliere den „Hunger und Durst nach Gerechtigkeit“, die in der christlichen Botschaft enthalten sei, klagte Metz.</p>
<p><strong>„Ihr habt aus meinem Haus eine Räuberhöhle gemacht“</strong></p>
<p>Gerechtigkeit für die Erniedrigten, für die Beladenen, Eingedenken in fremdes Leid und auch der Zorn auf weltliche Herrschaft, Gier, Protz und Punk, all das findet sich in der christlichen Botschaft und kann nicht einfach vom gläubigen Individuum durch innere Einkehr erkämpft beziehungweise bekämpft werden, so die linke politische Theologie. Wie schleuderte Jesus schon den Geldwechslern, Händlern und Profithaien entgegen? „Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“</p>
<p>Die linke politische Theologie will sich innerhalb der diesseitigen Welt schon für Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen, die rechte politische Theologie will die hierarchischen Ordnungen mit theologischen Begriffen stützen. Und noch etwas will die rechte politische Ideologie: die Verlockungen abwehren, mit denen der Teufel, also der Antichrist, die Menschen zu ködern versucht. Und zu diesen Verlockungen gehören auch die Aufstachelung zur Rebellion gegen Mächtige und Reiche, die sich die linke politische Theologie wünscht.</p>
<p><strong>Das messianische Zeitgefühl</strong></p>
<p>Die linke politische Theologie hat nämlich auch noch ein starkes, religiös motiviertes Motiv auf ihrer Seite, das ursprüngliche jüdisch-christliche Zeitempfinden. Das ist, simpel gesagt, von der Art: Die Welt ist schlecht, das einfache Volk ist erniedrigt und geplagt, aber mit der Ankunft des Messias werde das „Ende der Zeiten“ eintreten und paradiesische Zustände ausbrechen. Noch simpler gesagt: Heute schlecht, morgen gut. Nicht wenige Denker haben darauf hingewiesen, dass etwa der Marxismus stark von diesem messianischen Zeitempfinden beeinflusst war und quasi den Messias durch das Proletariat und die Idee der proletarischen Revolution ersetzt hat. Für die Marxisten ist die klassenlose Gesellschaft das, was für die Christen das Paradies. Aber noch in der reformistischeren Fortschrittsidee steckte eine Schwundform dieses jüdisch-christlichen Zeitempfindens drinnen, das Vertrauen, dass es zwar nicht auf einem Schlag, aber langsam besser wird.</p>
<p>Nicht zufällig heißt es in dem berühmten Song der linksradikalen Rockband „Ton Steine Scherben“ von ihrer Platte „Keine Macht für Niemand“:</p>
<p>„Und der lange Weg, der vor uns liegt / Führt Schritt für Schritt ins Paradies“.</p>
<p>Linke politische Theologie denkt gewissermaßen von den Unterdrückten aus, rechte von der Beherrschung. Schmitt denke „von oben her, von den Gewalten; ich denke von unten her“, bemerkte der linksradikale Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes einmal.</p>
<p><strong>Jesus, der Stümper des Universums</strong></p>
<p>Das sind quasi die großen Linien, das ABC von politischer Theologie. Wendet man sich den Details zu und dem Kleingedruckten, dann wird es schnell wirr. So sehen die rechtsextremen politischen Theologen in der heutigen Wokeness nicht nur den Antichristen am Werk, sondern auch eine Art übersteigertes Hyperchristentum, das die Nächstenliebe ordentlich übertreibt. Auch die Figur des „Katechon“, über die Peter Thiel so viel nachgrübelt, ist eine perfekte Sinnfigur für Ultrakonservatismus, der überhaupt nichts Positives versprechen muss, sondern sich damit begnügt, sich rein negativistisch gegen Unheil zu stemmen. Doch theologisch ist die Figur total unschlüssig. Denn einerseits warten in der theologischen Konzeption alle sehnlich auf die Wiederkehr des Messias, haben aber zugleich Angst, dass sich der Antichrist als „falscher Messias“ verkleiden könnte (Peter Thiel hat Greta Thunberg in Verdacht), weshalb ein „Katechon“ („Aufhalter“) den apokalyptischen Endkampf zwischen den himmlischen Engelsscharen und dem Satan verzögen sollte. Der Katechon verzögert aber damit auch die Wiederkehr des Messias und damit das Himmelreich. Man ersehnt sich, dass er kommt, aber er soll sich ruhig noch Zeit lassen. Crazy irgendwie.</p>
<p>Freilich, logisch ist das Christentum sowieso nicht. Denn mit Jesus ist der Messias ja schon einmal da gewesen, und dennoch ist nicht alles gut. So hofft man, dass mit der Wiederkehr endlich die strahlenden Zeiten anbrechen würden. Aber zugleich heißt das ja, dass bei der erstmaligen Ankunft des Gottessohnes die Sache nicht so recht geklappt hat, man quasi seine Schlampereien korrigieren müsse. Gott ist halt doch auch ein wenig ein Pfuscher, ein stümpernder Klempner des Universums. Aber das hat er mit Peter Thiel gemein, der seine Gedankengebäude auch wie einen windschiefen Hühnerstall zusammengetackert hat.</p>
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		<title>Termine: &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;. Buch im Gespräch.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Jul 2026 10:10:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es sind ja noch sechs Wochen hin, bis mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; über die &#8222;Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220; erscheint. Aber ein paar Präsentationen und Debatten über das Buch sind jetzt schon fixiert. Ich werde die Daten hier regelmäßig ergänzen. Zürich, Berlin, Hamburg und andere deutschsprachige Großstädte sind noch in Planung, ich gebe Bescheid, wenn &#8230; <a href="https://misik.at/2026/07/termine-erziehung-zur-grausamkeit-buch-im-gespraech/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Termine: &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;. Buch im Gespräch.</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="154" height="252" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="(max-width: 154px) 100vw, 154px" /></a>Es sind ja noch sechs Wochen hin, bis mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; über die &#8222;Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220; erscheint. Aber ein paar Präsentationen und Debatten über das Buch sind jetzt schon fixiert. Ich werde die Daten hier regelmäßig ergänzen. Zürich, Berlin, Hamburg und andere deutschsprachige Großstädte sind noch in Planung, ich gebe Bescheid, wenn das fixiert ist. Salzburg sind auch schon paar Sachen gefixt, aber erst 2027.</p>
<p><strong>17. September, Wien.</strong> Die Wiener Erstpräsentation des Buches findet in der Hauptbücherei der Büchereien Wien, Urban Loritz Platz, satt. Beginn ist 19 Uhr (glaube ich). Die Moderation übernimmt die großartige Elsalex Henckel-Donnersmarck.</p>
<p><strong>22. September, München:</strong> Die Evangelische Akademie München veranstaltet eine Online-Debatte. Also per Zoom, nicht physisch. 19 Uhr!</p>
<p><strong>23. September, Lech am Arlberg:</strong> Voraussichtlich (noch nicht ganz fix) debattiere ich im Rahmen des Philosophicum Lech in Lech am Arlberg.</p>
<p><strong>30. September, Graz:</strong> Im Literaturhaus Graz spreche ich mit Michal Hvorecký über sein Buch &#8222;Dissident&#8220; und über meine beiden Bücher &#8222;Die Kunst des Widerstands&#8220; und &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;. 19 Uhr.</p>
<p><strong>6. Oktober, Wien:</strong> Quasi das Heimspiel &#8211; im Bruno Kreisky Forum. Ich setze das Buch einer Debatte aus, mit mir diskutieren etwa der Sozialpsychologe Markus Brunner u.a. Beginn: 19 Uhr.</p>
<p><strong>19. Oktober, Amstetten:</strong> ich spreche in Amstetten über &#8222;Die Kunst des Widerstands&#8220; und über die &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;. Den genauen Ort teile ich noch mit.</p>
<p><strong>13. November, Berlin-Birkenwerder:</strong> Ich spreche im Rahmen einer Tagung der HDS und der Ebert Stiftung im Rathaus Birkenwerder bei Berlin. Details folgen noch.</p>
<p><strong>15. November, Basel:</strong> Mit Oliver Nachtwey spreche ich in Basel in der Kaserne Basel über &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;. Start ist glaub ich 19 Uhr.</p>
<p><strong>28. November, Wien:</strong> Um 13 Uhr spreche ich auf der Buch-Wien mit Lisz Hirn über unsere beiden Bücher zum autoritären Charakter der Gegenwart.</p>
<p>Sollten sich andere Veranstalter, Organisationen, Buchhandlungen für weitere Termine interessieren (oder an angrenzenden Tagen in der Nähe der angegeben Orte etwas machen wollen), einfach bei mir melden. robert (et) misik.at.</p>
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		<title>Der Mensch verbrennt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2026 08:36:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Klimakrise. Was Metapher war, wird buchstäblich: Wir haben ein Monster geschaffen, das sich gegen uns wendet. Wahrscheinlich kennt jeder und jede von Ihnen die Frankensteingeschichte. Sie gehört zu jener Art von überzeitlichem Kulturgut, das allgemein bekannt ist: Mary Shelleys Gruselroman, eine frühe Form der Science Fiction, in der ein ehrgeiziger Wissenschaftler aus Leichenteilen eine Kreatur &#8230; <a href="https://misik.at/2026/07/der-mensch-verbrennt/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Der Mensch verbrennt</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4>Klimakrise. Was Metapher war, wird buchstäblich: Wir haben ein Monster geschaffen, das sich gegen uns wendet.</h4>
<p>Wahrscheinlich kennt jeder und jede von Ihnen die Frankensteingeschichte. Sie gehört zu jener Art von überzeitlichem Kulturgut, das allgemein bekannt ist: Mary Shelleys Gruselroman, eine frühe Form der Science Fiction, in der ein ehrgeiziger Wissenschaftler aus Leichenteilen eine Kreatur schafft und durch Elektrizität zum Leben erweckt. Die Kreatur – sein Produkt – wendet sich dann gegen den Wissenschaftler und die Welt. Die Geschichte ist nicht nur unterhaltsames Gruseln, sondern eine Allegorie auf menschlichen Hochmut, Habgier und Unersättlichkeit, ein schlaues Gleichnis, eine moderne Prometheus-Geschichte. Der Mensch schafft seine Welt, aber er schafft damit auch etwas, was ihm danach feindlich gegenübertritt, und er schafft eine Macht, der er nicht mehr Herr werden kann. Das ist der Kern dieser Story, die die geniale Mary Shelley zu einer scheinbar amüsanten Populärerzählung verwandelt hat. Ein faustischer Pakt, bei dem der Mensch seine Zukunft verkauft, für kurzfristige Erfolge, Ruhm, Reichtum, was auch immer.<span id="more-11453"></span></p>
<p>Es ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass das Frankenstein-Motiv, das im 19. Jahrhundert extrem populär war, auch den jungen Karl Marx beeinflusst habe, sei es nicht direkt, dann jedenfalls indirekt. Der moderne Kapitalismus hat sich auf die neuesten Technologien gestützt, er hat unermessliche Reichtümer geschaffen, und er, der Kapitalismus selbst, kam natürlich nicht über die Menschen, als hätten ihn Außerirdische auf der Welt ausgesetzt. Die Menschen haben ihn selbst geschaffen: Techniker, Ingenieure, Kapitalisten, Investoren, Finanzjongleure, aber auch die Handwerker, Arbeiter und die Konsumenten, die die Waren, die er produzierte, nachfragten. Der Kapitalismus etabliert Zwänge, aber er hat auch seine verlockende Seite, in den glitzernden Palästen der Konsumtempel legte er seine Köder aus. Er zwang noch die Elendsten in sein Arbeitsregime und Kommando und den Zwang, den die Not gebiert („wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“), aber er hat natürlich auch seine großartigen Seiten: der technologische und wirtschaftliche Fortschritt verwandelte Elendsquartiere in Wohnblocks mit Elektrizität, Heizung, sanitären Anlagen, und wo einst Kaiser nur langsam zu Pferde vorankamen, fuhr hundert Jahre später die Arbeiterklasse mit ihren ersten Mopeds und dann ihren Autos herum. Was für ein Fortschritt! Was für ein Gewinn auch an Lebensqualität!</p>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p><strong>Wir sind der Besitz der Maschine</strong></p>
<p>Bald lebten Arbeiter besser als Könige ein paar Jahrzehnte vorher. Aber die Industriegesellschaft war immer auch ein Verhängnis, denn für die Verführungen war ein Preis zu bezahlen: Das Leben musste sich an den Takt halten, den Maschine und Fabriken bestimmten, die neuesten Technologien wurden nicht nur von Menschen erschaffen, sondern wirkten wiederum auf die Menschen zurück. Charlie Chaplin setzte dem in „Modern Times“ ein Denkmal, in Form des lustigen Fließbandmenschen, der sich selbst zum Zahnrad in der Maschine verwandelt. Und wenn wir uns ehrlich sind und uns ansehen, was die moderne digitale Welt mit uns macht, wie nicht nur wir ein Smartphone haben, sondern eigentlich das Smartphone uns hat, dann dürfen wir schon die Frage stellen: Sind wir nicht noch sehr viel lächerlicher als Chaplins Fließbandarbeiter, die kaum eine andere Wahl hatten, als die groteskesten Verrenkungen zu begehen? Besitzen wir das Smartphone, oder verfügt es nicht längst ebenso sehr über uns?</p>
<p>Chaplins Filmfigur wurde noch von grimmigen Vorarbeitern in seine Unterdrückung gezwungen, wir aber machen freiwillig mit. Noch im Kampf gegen diese „Entfremdung“ kann man die Spuren der Entfremdung erkennen, etwa bei den gesellschaftskritischen Influencern auf Instagram, die ihre Gesellschaftskritik in eine Ware verwandeln und sich selbst auch und denen man ansieht, mit wie viel Verbissenheit sie daran arbeiten, Fans und Anhänger zu gewinnen, weil nur diese ihnen Aufmerksamkeit versprechen und im besten Fall sogar eine Status als Star. In einer Welt, in der alles zur Ware wird, wird die Information zu Ware und Infotainment, die Kultur zur Ware und selbst die Kritik der Warengesellschaft zur Ware.</p>
<p><strong>Was wir schaffen, wendet sich feindlich gegen uns</strong></p>
<p>Dieses Startum lässt sich dann auch bestens in ökonomischen Erfolg verwandeln. Selbst die Kritik am Kapitalismus kann noch zum Geschäftsmodell im Kapitalismus verkommen – und ist angewiesen auf die Portale der Techmultis und Techfaschisten, die die schlimmsten Monopole der Weltgeschichte geschaffen haben. Wäre es nicht so fürchterlich, es wäre eine herrlich amüsante Geschichte. Man betrachte die Influencerinnen und Gesellschaftskritiker auf Instagram einmal aus diesem Blickwinkel: Wie sie sich durch immer radikalere Takes einen Aufmerksamkeitsvorteil gegenüber anderen Influencern und Gesellschaftskritikerinnen verzweifelt zu verschaffen suchen. Sofort enthüllt sich die gesamte Lächerlichkeit dieses marktförmigen, neoliberalen Einzel- und Ego-Aktivismus.</p>
<p>Genau das hat Karl Marx beschrieben, wie sich die Welt, die der Mensch schafft, gegen den Menschen wendet. Die Menschen werden von ihrer eigenen Schöpfung vernutzt, konsumiert, eingesaugt und ausgespieen und verbrannt. Dass man sich „ausgebrannt“ fühlt, geht einem heute ganz leicht von den Lippen, das „Burn Out“ ist eine moderne Zivilisationskrankheit und zugleich eine Metapher, und anders als die Diagnose Depression trägt man die Diagnose „Burn Out“ fast wie ein Verwundetenkennzeichen, einen Versehrtenorden: Versehrt im täglichen Kampf, zu dem unser Leben geworden ist. Das Verbrennen, das Ausbrennen als Metapher. Dieses Ausbrennen kann, romantisch gewendet, sogar als Form der Intensität gefeiert werden, wie in der ikonischen Textzeile von Neil Young: “It&#8217;s better to burn out than to fade away.”</p>
<p><strong>Der Mensch verbrennt. Was Metapher war, wird buchstäblich.</strong></p>
<p>Dass der Mensch von seiner eigenen Schöpfung „verbrannt“ wird, hat in diesen Tagen natürlich noch einen ganz eigenen Beiklang. Was bisher Metapher war, wird buchstäblich. Wir lebten auf Kosten der Welt, fressen Ressourcen, holen das Öl und das Gas aus den Boden, zerstören unsere eigene Atmosphäre. Was unser Leben bequemer macht, und den Reichtum und das Vermögen der Wenigen begründet, zerstört am Ende das Leben aller. Was den Output und die Wirtschaft und den Wohlstand wachsen hätte lassen sollen, zerstört diesen dann auch wieder, als wäre es die Rache des Planeten an unserer Wirtschaftsweise. Die Autobahnen, die in der Hitze aufweichen und zerbröseln und unbefahrbar werden sind gewissermaßen die grotesken Sinnbilder eines Planeten, der sich gegen seinen Raubbau stemmt. Wir sitzen in Häusern und Wohnungen, die nach zehn Tagen an Hitzewellen kaum mehr überlebbar sind, aber wir können sie auch nicht mehr verlassen, wenn wir nicht ein Auto besitzen, das eine Klimaanlage hat. Man müsste sich an die schattigen Badeplätze außerhalb der aufgeheizten Städte flüchten, in Sicherheit bringen, aber das ist ohne Auto dann fast nicht mehr möglich. Aufs Fahrrad steigen, das geht vielleicht noch bis 34 Grad. Und zu Fuß bis zum Zug, das muss man auch erst einmal schaffen, ohne zu verglühen.</p>
<p>Wir alle wissen, dass das erst der Anfang ist. Nicht nur die nächste Hitzewelle steht vor der Tür. In fünf, sechs Jahren kann es zehn Tage hintereinander über vierzig Grad haben. Und auch das wird erst der Anfang sein. Noch immer kann man den Kopf in den Sand stecken und sich beruhigen, dass man, komme es ganz hart, eben die Wohnungen mit Klimageräten kühlen muss. Das Ausgehverhalten kann man schließlich ja auch anpassen, etwa indem man sich in gekühlten Shopping- und Erlebnis-Malls aufhält. Was ignoriert und verdrängt wird: Schon jetzt ist die Wasserversorgung in den Metropolen angespannt, in wenigen Jahren kann sie zusammenbrechen. Was dann? Und was dann, wenn die Dürre die Nahrungsmittelversorgung prekär macht? Schon jetzt geht ein Teil der gestiegenen Inflationsraten auf Nahrungsmittelknappheit und damit verbundenen Preissteigerungen zurück.</p>
<p>Karl Marx, den manche für kompliziert halten, andere für veraltet, hat darüber auf letztlich gar nicht so komplizierte Weise geschrieben, etwa wenn er im 47. Kapitel des 3. Bandes von „Das Kapital“ vom „unheilbaren Riss“ im Stoffwechsel von Natur und Gesellschaft schrieb. Die Entfesselung der Produktion schlägt um in die Zerstörung von Reichtum, weil sie die Lebensgrundlagen zerstört. Kompliziert? Veraltet? Nein, gar nicht. Es ist unsere Gegenwart.</p>
<p>Das ist unsere Frankenstein-Geschichte. Und sie ist kein schauriges Gruselmärchen, kein unterhaltsames Buch, das wir lesen und dann beiseitelegen können. Sie ist die Existenzform, in der wir jetzt drinnen stecken. Es ist das Monster, das wir geschaffen haben, das sich jetzt gegen uns wendet.</p>
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		<title>Vom Nutzen und Nachteil des Eskapismus für das Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 10:24:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer hält den Negativismus noch aus? Was tun, wenn sich die Weltlage aufs Gemüt schlägt. Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad an das Vertraute klammern, jedenfalls solange das Ungewohnte nicht gerade eine Verbesserung verspricht. Bricht vor unseren Augen die gewohnte Welt zusammen, wollen wir ein bisschen &#8230; <a href="https://misik.at/2026/07/vom-nutzen-und-nachteil-des-eskapismus-fuer-das-leben/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Vom Nutzen und Nachteil des Eskapismus für das Leben</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Wer hält den Negativismus noch aus? Was tun, wenn sich die Weltlage aufs Gemüt schlägt.</h4>
<p>Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad an das Vertraute klammern, jedenfalls solange das Ungewohnte nicht gerade eine Verbesserung verspricht. Bricht vor unseren Augen die gewohnte Welt zusammen, wollen wir ein bisschen von der alten Sicherheit zurück, selbst wenn der status quo ante auch nicht gerade prickelnd war. Wenn Trump die Weltordnung zertrümmert und Unsicherheit für alle etabliert, dann erhoffen nicht wenige, dass ihn irgendjemand bremst, einlullt oder ihm Honig ums Maul schmiert, damit er nicht alles in rauchende Ruinen verwandelt. Nato-Generalsekretär Mark Rutte schreibt dann seine peinlichen, würdelosen SMS („Was Du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich… Kann es kaum erwarten, Dich zu sehen“), Friedrich Merz sagt auch irgendeine armselige Freundlichkeit. Die Hoffnung: Vielleicht kann man ja irgendeine labile Balance halten, vielleicht geht ja diese üble Ära irgendwie vorüber und es wird wieder ein bisschen so, wie es früher war. Nicht ganz verrückt gedacht, aber, siehe oben, sehr wahrscheinlicher ist, dass das alles schon unter Verleugnung fällt, unter nicht wahrhaben wollen. Ein Abwehrmechanismus, um eine angstauslösende Tatsache nicht anerkennen zu müssen, nämlich den Einsturz der vertrauten Welt. Mit der Klimakatastrophe ist es ähnlich. Wir liegen völlig geschafft auf dem Rücken, versuchen die Tage zu überstehen, und hoffen, dass das alles doch irgendwie lebbar sein wird. <span id="more-11446"></span></p>
<p>Diese Tatsache aber lautet: Die Wirklichkeit, wie wir sie gewohnt waren, existiert einfach nicht mehr. Sie ist vorbei. Wir haben eine Art Phantomschmerz einer Welt gegenüber, die untergegangen ist.</p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="215" height="353" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="(max-width: 215px) 100vw, 215px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text">Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</figcaption></figure>
<p>Die Hamburger „Zeit“ hatte vor einigen Monaten als knalligen Hefttitel für die Laufkundschaft, die man zum Zeitungskauf motivieren will: „Wie halten wir das alles aus?“ Da sich die Wochenzeitung vor allem an das deutschsprachige Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz richtet, kann man natürlich sagen: diese Titelung ist etwas frivol. In der Ukraine sterben die Menschen, im Winter frieren sie, in Gaza verreckten hunderttausend Leute, das Hamas-Massaker kostete über tausend Menschenleben, in den USA werden die Bürger auf offener Straße malträtiert und von Trumps-Hooligan-Armee hingerichtet, im Iran schießt das Regime zehntausenden Protestierenden Löcher in die Körper, im Mittelmeer ertrinken Migranten, in den USA werden sie in KZs nach El Salvador deportiert und Kinder von der Schule weg gefangen…</p>
<p>Bei uns keuchen wir allenfalls unter Inflation, die unser Haushaltseinkommen reduziert und leiden daran, dass „sich unser Lebensgefühl“ (Zeit) ändert. Da ist es fast ein wenig obszön, unser Leiden an den schlechten Nachrichten zu thematisieren. Manche empfinden Resignation oder mindestens Pessimismus. Das Zeitgefühl, das Empfinden von Temporalität ist plötzlich bedrohlich geworden: Ging man früher davon aus, dass alles so weiterläuft oder das Leben sogar allmählich besser würde – so setzt sich jetzt die Gewissheit durch, dass das Morgen schlechter als das Heute sein wird und das Übermorgen wieder schlechter als das Morgen.</p>
<p><strong>Wer hält diesen Negativismus noch aus?</strong></p>
<p>Der Negativismus frisst sich in alles hinein, er ist eine Quelle des Aufstiegs der radikalen Rechten, aber dieser Aufstieg führt dann wiederum zu noch mehr Negativismus, weil nicht mehr leicht zu erkennen ist, wie man aus dieser Spirale der Übellaunigkeit herauskommen soll, und so nährt sich der Negativismus selbst und auch der Rechtsextremismus. Es ist kompliziert. Und zum Verzweifeln, weshalb viele Menschen versuchen, so gut es geht, die Ohren zuzuklappen. „News Avoidance“ – „Nachrichtenvermeidung“ – ist zu einer neuen Modevokabel geworden, und heißt nichts anderes: Menschen scheuen den Griff zur Zeitung, sie hören und sehen keine Nachrichten mehr, um den schlechten Nachrichten aus dem Weg zu gehen, weil diese doch nur ihr Gemüt belasten würden. Den Griff zum Smartphone scheuen sie dann doch nicht, oder sie können ihn nicht vermeiden, weil die suchtmachenden Algorithmen ihren Sog haben und weil wir uns längst zu Junkies ummontiert haben, und so kommt das Deprimierende erst recht wieder in die Gehirne und die Depression gleich mit, die ja mit der Hektik, den Reels, der Sucht und der Aufmerksamkeitsgestörtheit von uns Social-Media-Zombies Hand in Hand wie Laurel und Hardy geht.</p>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
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</blockquote>
<p>Eskapismus, also Weltflucht, das Ignorieren von all dem und die Freude an paar schönen Dingen – Film, Kino, Theater, ein Spieleabend mit Freundinnen, Kochen mit den Kindern, eine fantastische Reise an herrliche Destinationen, was auch immer – mag ein Ausweg sein. Eskapismus hat einen schlechten Ruf. Kann auch gut kombiniert werden, je nach Mentalität, mit der Betäubung durch Koks, Sexsucht, Datingwahn, Alkohol, durch die Nacht im Klub voller Erlebnishunger und Menschenappetit, bei der man all das ein paar Augenblicke, Stunden oder Nächte vergisst. Wird für ein paar Leute funktionieren. Ist natürlich ungesund. Aber das ist das depressive, sorgenvolle Grübeln auch, und die Schlafstörungen, die eine Epidemie der Jetztzeit geworden sind.</p>
<p>„Eskapismus ist die Freiheit, die man sich gestattet, weil man sie braucht. Vielleicht ist Eskapismus für den Weg aus unseren Krisen sogar genau so entscheidend wie Technik und Wissenschaft. Um die Welt zu verändern, muss man zuerst einen Schritt zur Seite treten, von ihr weg, um zu erkennen, was nicht mit ihr stimmt“, schrieb vor ein paar Jahren schon die „Süddeutsche Zeitung“. Eskapismus wäre also, wenn man den Blick und die Aufmerksamkeit von all dem Belastenden wegrichtet, den Rücken zur Welt dreht.</p>
<p><strong>Einübung in die Kälte und Distanziertheit</strong></p>
<p>Eine andere Umgangsweise wiederum ist das, was die Gelehrten als Stoa bezeichnen, die Alltagssprache „das Stoische“, also eine „Lebenspraxis der Gelassenheit“, wie das der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen nennt: „Spielregeln der Distanz“, eine Art von Kälte, die das Geschehen betrachtet, ohne sich von ihm berühren oder überwältigen zu lassen. Gerne geht sie mit einem Kult der Kälte einher. Wenn zur geistigen Situation unserer Zeit der Betroffenheitskult zählt, das Emotionale, aber auch die Angst, die Erregungsbewirtschaftung, die vorschnelle Empörung, also all die Spielarten des Aufgewühltseins, so ist das Stoisch-Distanzierte eine Einübung darin, sich eben nicht so leicht erschüttern zu lassen.</p>
<p>Dieser Kältekult stellt sich dann, bildhaft gesprochen, so dar: Ein Erdbeben verwüstet die Gegend. Der Stoiker tritt aus der letzten, wackeligen Ruine. Er schnippt sich den Staub vom Anzug. Und zündet sich wie der Marlboro-Mann in vollendeter Coolness eine Zigarette an, begutachtet den Schaden. Mit dem distanzierten Interesse, das jenem eigen ist, der gar nicht so schlecht findet, eine existenzielle Erfahrung gemacht zu haben und der das Leid der Opfer nicht an sich heranlässt. Und seine eigene Angst auch nicht. Wie heißt es in dem legendären Brecht-Gedicht heißt? „Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit.“</p>
<p>Unglücklicherweise geht diese Tugend der distanzierten Sachlichkeit gerne mit einem buchstäblichen Kult des Kalten, des Amoralischen einher, mit einem Ästhetizismus, der häufig auch nur eine alberne Pose ist, und im Extremfall sogar mit den Haltungen der radikalen Rechten kompatibel, die hochhält, dass sich nur gutmenschliche Charaktere vom Leid anderer berühren lassen. „Toxic Empathy“ – „toxische Empathie“ – nennt man das in diesen Kreisen.</p>
<p>Kaltblütigkeit ist am Ende auch keine Lösung.</p>
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		<title>Politische Theologie für Spinner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2026 12:59:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Herumgeschmitte. Warum Hitlers Kronjurist Carl Schmitt heutzutage US-Gotteskrieger wie Peter Thiel und J. D. Vance inspiriert. Um die vergangene Jahreswende widmete ich mich dem Feinschliff meines Buches &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;, das demnächst erscheint. Ich feilte an paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich gerne meine „Carl-Schmitt-Operation“, denn das Faszinierendste an dem ultrarechten Juristen waren &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/politische-theologie-fuer-spinner/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Politische Theologie für Spinner</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Herumgeschmitte. Warum Hitlers Kronjurist Carl Schmitt heutzutage US-Gotteskrieger wie Peter Thiel und J. D. Vance inspiriert.</h4>
<p>Um die vergangene Jahreswende widmete ich mich dem Feinschliff meines Buches &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220;, das demnächst erscheint.</p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="203" height="333" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</span></figcaption></figure>
<p>Ich feilte an paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich gerne meine „Carl-Schmitt-Operation“, denn das Faszinierendste an dem ultrarechten Juristen waren immer seine ersten Sätze. Natürlich auch die Eiseskälte, die seine Texte durchweht. Man nannte Schmitt Hitlers „Kronjuristen“.</p>
<p>Schmitts Texte starten mitunter mit explodierenden Einstiegssätzen, die eine These formulieren, apodiktisch, provokant. Nicht selten sind sie ein Postulat, auf das man normalerweise nicht leicht käme. „Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“, ist etwa so ein Satz. Schmitts Einstiegsknaller sind schnörkellos, kurz, auf das Wesentliche reduziert, maximal verdichtet, so ähnlich wie Suppenwürfel. In denen ist ja auch die Brühe zusammengepresst. Und sie ziehen einen sofort in den Text hinein.</p>
<p>Man kann auch von Nazis was lernen. Natürlich könnte man die Feinschliff-Operation genauso gut die „Franz-Kafka-Unternehmung“ nennen, dessen erste Sätze auch legendär sind. Man denke nur an: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“<span id="more-11444"></span></p>
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<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p>Neben diesen Handwerks-Kniffen habe ich noch meine Terry-Eagleton-Technik. Der britische Marxist und Literaturtheoretiker hat etwas, was Carl Schmitt völlig abging, nämlich Humor. Er schreibt die tiefgründigsten Abhandlungen, macht sich aber die Extramühe, sie möglichst lässig zu formulieren. Seine Maxime: Kompliziert und unverständlich über Philosophie und Kulturtheorie kann jeder schreiben. Echte Könner dagegen vermögen es so zu übersetzen, dass auch interessierte Laien mitkommen. Dazwischen streut Eagleton Witze oder lustige Metaphern, sodass mir vor Lachen das Buch aus der Hand fällt. Der Terry-Eagleton-Jünger in mir denkt sich manchmal bemüht ein paar Witze aus. Wenn mir keiner einfällt, frage ich chatgpt. Der ist aber auch nur halblustig, so ähnlich wie Dieter Nuhr. Viele stört ja, dass Nuhr ein Reaktionär von eher schlichtem Gemüt ist. Mich stört mehr, dass er nicht lustig ist. Wahrscheinlich lässt er sich auch seine Pointen von chatgpt schreiben. Seine „Pointen“.</p>
<p>Zurück zu Carl Schmitt, dessen Oevre ich in den neunziger Jahren fast vollständig gelesen habe, ohne dass mich das zu einem schlechteren Menschen gemacht hätte. Die Lektüre hat mich noch nicht einmal „traumatisiert“, womit heute ja oft gemeint ist, dass man sich ein bisschen ärgert. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – der berühmte erste Satz seiner „Politischen Theologie“. Oder: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe“ (so beginnt das dritte Kapitel).</p>
<p>Peter Thiel, der rechte Strippenzieher der Trump-Regierung, Milliardär und Sponsor halb- und ganzfaschistischen Geisteslebens weltweit, liest in den vergangenen Jahren auch sehr viel Carl Schmitt. Der hat es ihm ebenso angetan wie der katholische Religionsphilosoph René Girard. Schmitts Diktum, dass alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe seien, ist zunächst einmal bloß eine ideengeschichtliche Behauptung, weil beispielsweise in der westlichen Welt Endzeitideen, eine Geschichtsphilosophie, die von einem Fortschritt in Richtung einer Höchststufe der Entwicklung ausgeht – einem „Ziel der Geschichte – an tradierten christlichen Zeitvorstellungen geschult seien, genauso wie die messianische Idee von Befreiung. So unterschiedliche Charaktere wie Walter Benjamin (er schrieb an Schmitt einen bewundernden Brief) oder der jüdische Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes hatten ein tiefes Einverständnis mit Schmitt. Diese „Linksschmittianer“ fanden plausibel, dass etwa Vorstellungen vom Paradies eine gewisse Analogie zum „Kommunismus“ haben. Auch Ideen vom großen Ereignis, das die Zeiten scheidet, weisen starke Züge religiöser Motive auf, möge man dazu Rückkehr des Messias sagen oder Weltrevolution. Manche linke Philosophinnen bauen ihr halbes Werk auf Herumgeschmitte auf, wie die Theoretikerin Chantal Mouffe seit bald dreißig Jahren mit ihren Thesen, dass „das Politische“ den mehr Konflikt und weniger Konsens braucht.</p>
<p>Dass es zwischen theologischen und weltlichen Begriffen eine metaphorische Ähnlichkeit gibt, heißt noch nicht viel. Katholischen Fundamentalismus kann man daraus noch nicht begründen. Peter Thiel und seine wackeren Gotteskrieger-Freunde gehen aber weiter. Sie lesen Schmitt buchstäblicher als er das selbst gewollt hätte. Thiel ist von einer tiefen Angst besessen. Etwa, dass wir bald vom Antichristen beherrscht werden. Der Antichrist – also der Teufel – würde uns aber nicht unterwerfen, sondern in sein Regiment hineinlocken wie der Konsumkapitalismus in den Einkaufstempel. Eine progressiv-liberale Weltregierung, sie wäre ein diabolischer Plan des Antichristen, meint Thiel, mit ihrem Versprechen von Frieden, Toleranz, Sicherheit. Der Antichrist hätte auch keine Hörner am Kopf. Womöglich ist ja Greta Thunberg der Antichrist, meinte er unlängst. Denn sie verspricht, uns vor der Klimakatastrophe zu retten. Einem solchen Weltregime müsse man sich entgegenstellen. Die Trump-Regierung tut das schon ein wenig, indem sie die paar Fundamente einer globalen, liberalen Weltordnung zerstört. Dabei greift Thiel wieder ein Motiv Carl Schmitts auf, nämlich das vom „Katechon“, dem Aufhalter, der sich dem Unheil und dem Fortschritt entgegenstellt. Ein bisschen durchgeknallt ist das alles. Quasi politische Theologie für schrullige Käuze.</p>
<p>Man vergesse freilich nicht: Thiel hat seinen Jünger J. D. Vance schon im Amt des Vizepräsidenten untergebracht. Vance ist wie Thiel der Meinung, die Schwäche des Christentums sei die Nächstenliebe, die Empathie, weil sie den Starken ein schlechtes Gewissen macht. Jedenfalls entsteht in den USA ein extremistisch-fundamentalistischer Katholizismus. J. D. Vance ist mit viel Trara zum Katholizismus konvertiert. Er hat sogar den letzten Papst besucht. Der ist daraufhin gleich verstorben.</p>
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		<title>Verteidigung der Vernunft!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 11:57:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum der zeitgenössische Faschismus die Wissenschaft angreift und alles in eine „Meinung“ verwandelt. Mein Buch &#8222;Die Kunst des Widerstands&#8220; ist jetzt schon ein paar Monate am Markt, aber ich will trotzdem noch einmal extra darauf hinweisen. Es ist eine Sammlung von Essays zu Politik, Wirtschaft und Kultur, und der Titel darf durchaus doppeldeutig gelesen werden. &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/verteidigung-der-vernunft/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Verteidigung der Vernunft!</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3>Warum der zeitgenössische Faschismus die Wissenschaft angreift und alles in eine „Meinung“ verwandelt.</h3>
<p><em><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11442 alignleft" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung.jpg" alt="" width="945" height="945" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung.jpg 945w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung-300x300.jpg 300w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung-150x150.jpg 150w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Kunst-des-Widerstands-Werbung-768x768.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px" /></a>Mein Buch &#8222;Die Kunst des Widerstands&#8220; ist jetzt schon ein paar Monate am Markt, aber ich will trotzdem noch einmal extra darauf hinweisen. Es ist eine Sammlung von Essays zu Politik, Wirtschaft und Kultur, und der Titel darf durchaus doppeldeutig gelesen werden. Einerseits im Sinne von &#8222;die Kunst&#8220;, also &#8222;das Geschick&#8220;, das bei der Widerständigkeit nicht fehlen sollte &#8211; etwa intellektuelle Unterscheidungsfähigkeit, die Kunst, so zu sprechen, dass man möglichst breite Allianzen bildet gegen die Unkultur, die sich bei uns ausbreitet; aber eben auch im zweiten Sinne, nämlich der Kunst und der Kultur im Kampf um die gesellschaftlichen Hegemonie. Essays in dem Buch widmen sich der Verteidigung der Vernunft, dem Unbehagen in der Überflussgesellschaft angesichts der Klimakatastrophe, sie stellen aber auch Autoren wie Annie Ernaux, George Orwell, Kafka, Pasolini oder Tove Ditlevsen ins Zentrum.</em></p>
<p>Der rechte Populismus, der sich in rasender Geschwindigkeit zum Neuen Faschismus radikalisiert, ist paranoid von einer drohenden „Umvolkung“ besessen, betreibt diese aber in Wirklichkeit selbst, denn er verändert das Volk. Die Selbstradikalisierung ist eine Spirale der Verschärfung, in die sich sowohl die Anführer als auch die Anhänger hineinschrauben und dabei in einer Art der wechselseitigen Aufganselei gegenseitig verstärken. Die Einübung in Grausamkeit und Sadismus habe ich hier mehrmals beschrieben, man kann sie auch eine „Faschisierung des Sprechens“ nennen, wie das Markus Metz und Georg Seeßlen in ihrem jüngst erschienenen Buch „Blödmaschinen II“ tun. Menschen werden ummontiert und gehirngewaschen, bis sie zu Anderen werden, als sie vorher waren, und bereit sind, Verbrechen gutzuheißen.</p>
<p>Eine Taktik dabei ist die „Zerstörung der Vernunft“. Den Begriff habe ich mir jetzt flott und so nebenbei bei dem legendären marxistischen Philosophen Georg Lukács geliehen, der seine Geschichte des faschistischen Denkens in Deutschland mit genau diesem Übertitel versah. Diese Zerstörung der Vernunft, für Lukács die Ur- und Frühgeschichte der faschistischen Ideologie, sei gekennzeichnet durch „Herabsetzung von Verstand und Vernunft, kritiklose Verherrlichung der Intuition … Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, Schaffung von Mythen…“, kurzum durch das Eindringen von Wahn und Irrationalität in die Diskurse und die Zersetzung aller Prinzipien von Rationalität. Es ist im Großen und Ganzen nicht Lukács brillantestes Werk, aber diese zentrale Beobachtung ist unbestreitbar. Oder, um Goya zu paraphrasieren: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“</p>
<p><strong>Die Überproduktion an Meinung</strong></p>
<p>Auch heute ist die Zerstörung der Vernunft eine wichtige Taktik im Kampf um die Gehirne und Leidenschaften durch die neuen Faschisten. Die Vernunft soll zerstört werden, ja, alles, was man so landläufig als das Vernünftige nennt: Bevor man seinen Empörungen Lauf lässt, ein zweites Mal nachdenken; die Fakten zu prüfen und erst dann, von diesen ausgehend und auf deren Basis, wertorientierte Urteile treffen; eine Sache von verschiedenen Seiten betrachten; dem Anderen zuhören, ob der nicht auch einen Teil der Wahrheit auf seiner Seite hat; der Sachlichkeit den Vorzug vor der Erregung geben und so weiter. Allein diese simplen Grundsätze von Vernünftigkeit werden vom neuen Faschismus nicht unabsichtlich, sondern vorsätzlich zerstört. Seine Fürsprecher sind nicht so unvernünftig, weil sie erregt sind. Sie werfen sich in die Pose wahnhafter Erregung, weil sie die Vernunft ausschalten wollen.<span id="more-11441"></span></p>
<p>Diese Zerstörung ist eine Voraussetzung für die politische Klimavergiftung durch die faschistische Agitation.</p>
<p>Der große Kurt Tucholsky formulierte einstmals den schönen Satz: „Eine klare Meinung zu haben ist im ahnungslosen Zustand viel leichter.“ Man kann auch ironisch hinzufügen: „Die Überproduktion meinungshabender Meinung stellt den Wert des Meinungshabens in Frage.“ Aber jenseits der Bonmots spielt die „Meinung“ für die faschistische Propaganda eine große Rolle, wie uns jetzt erst auffällt.</p>
<p><strong>Ausweitung der Sagbarkeits-Zone</strong></p>
<p>Es ist bekanntermaßen eine der bizarren Absurditäten, dass die ultrarechten Bewegungen, die – sobald sie an der Macht sind – mit großem Elan alle Freiheit abschaffen, sich auf dem Weg dahin als die Großwesire der „Meinungsfreiheit“ darstellen. Wie jeder weiß, tun sie das, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Den Nachbarn als „Messerfachkraft“ diffamieren? Ethnische Säuberungen „andenken“? Ist ja „nur“ eine Meinung.</p>
<p>Aber neben dieser augenfälligen Tatsache verfolgen sie noch einen zweiten Zweck, nämlich die Zersetzung aller vernunftgeleiteten Debatte. Jede Meinung soll gleich viel Wert sein, aber vor allem soll jede Aussage in den Status einer Meinung versetzt werden. Der Faschismus lebt davon, dass Menschen gewissermaßen einen sicheren Boden unter den Füßen verlieren, in Verwirrung versetzt werden, in Angst und in eine Konfusion, in der sie sich nicht auskennen. Denn in einem nächsten Schritt kann selbst die offensichtlichste Wahrheit in Frage gestellt werden.</p>
<p><strong>Produktion von destruktivem Misstrauen </strong></p>
<p>Damit wird Vertrauen in das Wissen und die Wissenschaft untergraben, und umgekehrt wird auch zur Verbreitung allgemeinen Misstrauens beigetragen, sei es gegenüber Institutionen, sei es gegenüber den Nachbarn, den Nächsten, den Mitmenschen in der Gesellschaft. Die Zerstörung von Vertrauen in jedwede Art von Wissen und die verallgemeinerte Verbreitung von destruktivem Misstrauen ist ein wesentliches Element in der Umerziehung der Individuen, die den rechten Agitatoren in die Hände fallen. „Unwissenheit“, schrieb schon Theodor W. Adorno, „scheint an sich reaktionäre Trends zu begünstigen“, und „wenn die Menschen nicht wissen, wovon sie reden, verliert der Begriff ‚Meinung‘… an Bedeutung“. Dabei geht es aber eben nicht einfach um eine Unwissenheit, die man landläufig als Unbildung oder Dummheit bezeichnen würde, sondern um produzierte Unwissenheit. Quasi: Die Leute sollen mit so vielen widersprüchlichen, begründbaren, unbegründbaren, absurden, wahrheitsbezogenen, wahrheitsfernen Behauptungen bombardiert werden, dass sie einfach nicht mehr die Realität von der Phantasie, die Wirklichkeit von der Wahnidee unterscheiden können. Die Zerstörung der Vernunft ist nicht nur eine Begleiterscheinung rechter Agitation, sie ist für diese zentral. „Flood the zone with shit“, „Überflutet alles mit Dreck“, hat Steve Bannon ja schon vor Jahren ganz unverhohlen als Ratschlag herausgegeben. Ein Rat, den die Kickls, Hafeneckers, Schnedlitze und wie sie alle heißen, täglich penibel gehorchen.</p>
<p>Georg Seeßlen und Markus Metz bemerken dazu: „Ein taktischer Trick dabei ist (er gilt wohl nur für die Phase der ‚Eroberung‘ der Hegemonie), alles in den Rang der ‚Meinung‘ zu versetzen. … Jemand, der die Erde für eine Scheibe hält, ist damit eben nur anderer Meinung als jemand, der sie als einen Planeten ansieht…“</p>
<p><strong>Bizarrer Unsinn, gesicherte Fakten – alles nur eine „Meinung“</strong></p>
<p>Nun haben die großen Denker des Liberalismus, wie John Stuart Mill und andere, die „Freiheit des Gedankens“ unter anderem mit dem Argument verteidigt, dass noch die Äußerung des abwegigsten Argumentes erlaubt sein soll, etwa, weil nur die kontroverse Diskussion unterschiedlichster Gesichtspunkte uns der Wahrheit näherbrächte. „Und selbst, wenn die Wahrheit schon entdeckt wäre, würde sie robuster dastehen, wenn sie sich regelmäßig gegen herausfordernde Argumente behaupten müsste“, proklamierte Mill. Das ist, neben der menschen- und freiheitsrechtlichen Begründung von Free Speech gewissermaßen die nutzenorientierte: Langfristig haben alle einen Vorteil, wenn es das Recht gibt, noch den größten Unsinn oder das schlimmste Vorurteil zu äußern. Das ist grundsätzlich schon richtig, aber Mill hatte wohl nicht vorausgesehen, dass es einmal politische Kräfte geben würde, die vorsätzlich das Wissen als solches zerstören würden wollen.</p>
<p>Es ist kein Wunder, dass die neuen Faschisten deshalb Institutionen der Wissenschaft und Bildung besonders nachdrücklich angreifen. Die Universitäten wären einseitig, wird zunächst beklagt, und es brauche mehr kontroverse Ansichten an den Hochschulen. Das kann da und dort sogar stimmen, man denke nur an die Wirtschaftswissenschaften, wo oft eine neoliberale Monokultur dominiert und dafür sorgt, dass linke Forscher keine Chance bekommen. Aber die Behauptung selbst ist eine glatte Lüge und operiert mit völlig verrückten Voraussetzungen. Es wäre doch grotesk, im Sinne einer Freiheit der Forschung unbedingt ein paar Universitätsprofessoren einzustellen, die die Theorie der Scheibenform der Erde vertreten, damit es einen gesunden Meinungsstreit mit den Anhängern der Planetentheorie gäbe. Noch absurder wäre es, zu behaupten, damit würde der Wissensproduktion ein Gefallen getan, weil die Vertreter der wissenschaftlichen Astronomie dann ihre Argumente schärfen müssten. Das Gegenteil wäre der Fall: Es würde ihnen Zeit gestohlen, und die Mittel, die in die Lehrstühle der Scheibentheoretiker fließen, wären reine Verschwendung.</p>
<p>„Wenn wir jedwede Meinung in der Öffentlichkeit zulassen und ihr ausreichend Zeit für eine ernsthafte Prüfung gewähren, so führt dies keineswegs zu einem Prozess, der einer Willensbildung durch Reflexion förderlich ist, sondern zerstört vielmehr die Bedingung der Möglichkeit dazu“, so Jason Stanley, einer der berühmtesten amerikanischen Faschismusforscher. Und er fügt hinzu: „Gleichermaßen kann man die Ideologie des sogenannten Islamischen Staats bedenkenlos ablehnen, ohne sich mit ihren Verfechtern im Seminar- oder Fakultätsraum auseinandersetzen zu müssen. Und ich brauche bestimmt keinen Kollegen, der die Ansicht vertritt, Juden seien genetisch zur Gier veranlagt, um meine Ablehnung dieses antisemitischen Unsinns zu begründen.“</p>
<p><strong>Alles wird vermantscht</strong></p>
<p>Es geht der faschistischen Propaganda in erster Linie darum, Misstrauen zu schüren. Das ist auch ein wichtiger Teil der Wirkmacht von Verschwörungstheorien. Es geht gar nicht darum, dass die Anhänger oder Mitläufer die Verschwörungstheorien wirklich glauben. Es geht darum, dass sie gar nichts mehr glauben. Das ist der erste Schritt in den Wirrkopf-Orbit. Wenn sie sich dann vollends in der Phantasie- und Paranoia-Welt verfangen, dann treten sie in den Kreis des harten Kerns der Anhängerschaft ein.</p>
<p>Es sind also diese drei Schritte, mit der die faschistische Agitation die Vernunft zerstört: Erstens wird die „Bedrohtheit-der-Meinungsfreiheit“-These in Umlauf gebracht, zweitens die „Alles-ist-eine-Meinung-und-gleich-viel-wert“-These, drittens werden die Institutionen des Wissens angegriffen und natürlich auch die Medien, indem echte Publizistik mit Pseudomedien, also reinen Agitations- und Propagandaschleudern, gleichgesetzt werden. All das ist dem großen Ziel unterworfen: Der Zerstörung von Vernunft.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://misik.at/2026/06/verteidigung-der-vernunft/">Verteidigung der Vernunft!</a> erschien zuerst auf <a href="https://misik.at">misik.at</a>.</p>
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		<title>Ein Kult der Härte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:39:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über die epidemische Ausbreitung faschistischer Gefühle. Eine erste Ankündigung meines Buches &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; (August im Suhrkamp-Verlag). Das verhetzte Individuum fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen stets Lehrjahre der Unmenschlichkeit. Wir erleben &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/ein-kult-der-haerte/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Ein Kult der Härte</span> weiterlesen</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://misik.at/2026/06/ein-kult-der-haerte/">Ein Kult der Härte</a> erschien zuerst auf <a href="https://misik.at">misik.at</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Über die epidemische Ausbreitung faschistischer Gefühle. Eine erste Ankündigung meines Buches &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; (August im Suhrkamp-Verlag).</h4>
<p>Das verhetzte Individuum fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen stets Lehrjahre der Unmenschlichkeit. Wir erleben heute womöglich, wie die Vollstrecker von morgen erzogen werden. Die Erzieher zur Grausamkeit, sie sitzen in der AfD, aber nicht nur in dieser, sie hocken in den Aufganselungszusammenhängen der Social Media, sind in Algorithmen entsubjektiviert, trommeln in den agitatorischen Pseudomedien, die eine Atmosphäre der Erregung, der Angstpolitik und der Enthemmung schaffen. Es ist, simpel gesagt, der Weidel-Höcke-Reichelt-Musk-Komplex, der heute die Henker von morgen formt. Es wird das paranoide Trugbild einer Pseudo-Realität geschaffen, in der das Land im Kriminalitätsmorast versinkt, von barbarischen Horden überrannt wird, den „Gruppenvergewaltigern“ und „Messermännern“ (wie die Phrasen alle heißen). Es sind massenpsychologische Dynamiken und wer in den Tunnel dieser Wahnideen gesogen wird, wird nach und nach in eine Person ummontiert, die im Extremfall dann auch schlimmste Verbrechen akzeptiert und ihnen applaudiert. Der Groll wird geschürt, aber auch ein Anhängersubjekt geschaffen, das ins Ressentiment regelrecht verliebt ist. Rechtspopulismus ist für all das schon längst kein adäquates Wort mehr. Ob Faschismus das richtigere ist, darüber wird in den Feuilletons gepflegt gestritten.</p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 337px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="337" height="552" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 337px) 100vw, 337px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</span></figcaption></figure>
<p>Mit der Affäre um den neuen Linken-Vorsitzenden Luigi Pantisano ist die Debatte um Vokabeln wie „Faschisierung“ pfeilschnell bei der Farce gelandet. Zu dieser ist alles gesagt. Pantisanos Sätze waren taktisch blöde, strategisch blöde und faktisch unsinnig. Faktisch, weil eine konservative Partei, die autoritäre Maßnahmen setzt und auch verbal so manche Schlagseite pflegt, deswegen noch lange nicht selbst „faschistisch“ ist und noch nicht einmal „faschistische“ Politik macht. So viel Unterscheidungsvermögen sollte man schon haben. Strategisch ist es irrwitzig blöde, weil in dieser Lage die moderaten Konservativen umworben werden müssen, nicht abgestoßen, denn die Geschichte lehrt auch, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn der hergebrachte Konservatismus mit ihm eine Allianz eingeht. Taktisch ist es blöde, weil die Vorgehensweise darauf setzt, die Diskursmuster der extremen Rechten zu kopieren: Provokativen Unsinn und skandalös radikales Zeug labern, um damit Aufmerksamkeit zu generieren. Björn Höcke, Herbert Kickl &amp; Co. agieren so, perfektioniert hatte dieses Muster der einstige FPÖ-Anführer Jörg Haider mit dem, was die Österreicher viel zu zärtlich seine „Sager“ nannten. Aber die Taktik, die bei der extremen Rechten funktioniert, funktioniert bei linken Wählersegmenten nicht. Auch, weil die nicht bereit sind, groben Unfug zu akzeptieren. Gewiss, Fehler machen alle, aber wer Parteichef ist, wird an anderen Maßstäben gemessen als ein schrulliger Hinterbänkler und sollte nicht bei der ersten Wortmeldung verunfallen.<span id="more-11439"></span></p>
<p>Damit sind wir bei einer intellektuellen Schwundform einer Diskussion gelandet, die geführt werden muss: Über die Vergiftung von Hirnen und Seelen, und den Beitrag, den dazu ein Mainstream-Konservatismus leistet, wenn er Denkmotive eines Kults der Härte aufgreift, nachbetet, oder sich sogar den Rechten andient, wie das beim NIUS lesenden Narrensaum der Union geschieht. Auch wenn die Ausbreitung faschistischer Gefühle etwas Raumgreifendes hat, da tröpfenweise einsickert, hier ganze Milieus übermannt, dort wie ein Sturzbach geschieht – die Union gleich als Ansammlung von Faschisten zu zeichnen, ist dann doch genau jene geistlose Unterscheidungsunfähigkeit, die am Ende alle Katzen grau macht.</p>
<p>Was ist das, was wir gerade erleben? „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend, wenn wir auf die USA Donald Trumps schauen, wo sich das Unrecht im Gefüge des Rechts ausbreitet, täglich die niedrigsten Gefühle angestachelt werden, <span style="color: #000000;">Grausamkeiten</span> nicht nur vollzogen werden, sondern öffentlich vollzogen werden, damit die eigene Anhängerschaft in Ekstase versetzt wird.</p>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p>Aber auch bei uns: Verbitterungsgefühle werden in Gefühle sadistischen Lustgewinns und aggressive Impulse übersetzt, Angst- und Bedrohungsgefühle in die Superioritätsgefühle von weißer Überlegenheit gegenüber den Anderen. Was die Bereitschaft von Menschen erhöht, für die Agitation empfänglich zu sein ist lange analysiert: Entfremdungsempfinden gegenüber „der Politik“, verständliche Unzufriedenheit mit der repräsentativen Demokratie, wie sie real existiert, gepaart mit Anlagen autoritärer Charaktere sowie einer Grundausstattung an rassistischen Reflexen.</p>
<p>Was weniger genau analysiert ist: Was mit den Menschen passiert, wenn sie in den Sog der Agitation geraten, in einen Überbietungswettbewerb, einen fabrizierten Tunnelblick entwickeln. Die Verbreitung faschistischer Gefühle geschieht nach dem Muster der Infektion, wie bei Seuchen. Und noch weniger ist analysiert, wie die Radikalisierung der Anhänger auf die Anführer zurückwirkt. Die Anhängerschaft ist nicht einfach „verführt“, sondern Ko-Produzent ihrer eigenen Selbstradikalisierung, und der oder die Anführer entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Zauberlehrlinge, die der Geister, die sie riefen, nicht mehr Herr werden. Die AfD hat nicht zufällig eine kleine Kompanie von Anführern verbraucht, die mit der rechtsextremen Gefühlspolitik spielten und dann selbst, als „zu moderat“, an den Rand gedrängt wurden. Man denke nur an Frauke Petry und andere.</p>
<p>„Ja, es ist Faschismus“, sagte Jason Stanley vor einigen Monaten, einer der führenden US-Faschismusforscher. Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger sprechen vom „demokratischen Faschismus“, weil diese Gefühlwelten „als faschistische Fantasie in der Demokratie“ existieren. Auch die USA sind kein faschistisches Regime im Vollausbau. Bei uns sind die Faschisten in der Opposition. Schlaumeier merken an, dass es keine Faschisten geben könne, wenn es kein faschistisches Regime gibt. Aber das ist natürlich Unfug: Faschisten sind auch Faschisten, bevor sie die Macht übernehmen. Sie operieren in der Demokratie, bis sie sie abschaffen können.</p>
<p>Neuerdings hat eine Debatte angehoben, ob der Gebrauch des Begriffs „Faschismus“ überhaupt empfehlenswert ist. Der Philologe Jan Philipp Reemtsma hat sehr öffentlichkeitswirksam die Frage gestellt, was eigentlich damit gewonnen sei, wenn man mit dem F-Wort operiert. „Ich muss das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne.“ Und der Begriff ist ja keineswegs neutral. Indem ich eine politische Strömung mit dem Attribut „faschistisch“ belege, vollführe ich nicht nur eine theoretische Operation, sondern auch eine politische. Ein Kitzel des Gruselns, ein wenig Angstlust, schwingt bestimmt auch mit. Er hat damit sicherlich nicht ganz unrecht. Stephan Lessenich und Sven Reichardt haben in der „Süddeutschen“ vor ein paar Tagen Reemtsma entgegengehalten, dass es nicht um die berühmte „Faschismuskeule“ geht, sondern um die theoretisch akkurate Erfassung dieser Verrohung, Dehumanisierung und Gewalt, und des gesellschaftlichen Zuspruchs, der eigentümlichen Zerstörungslust und dem affektiven Furor.</p>
<p>Was zeichnet Faschismus aus? Führerkult, paranoide Weltbilder, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Ein Kult der Härte, der die faschistische Rechte und Libertäre und Pseudoliberale einander anverwandelt. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln.</p>
<p>Der Forscher Robert O. Paxton hat den Faschismus einmal als „emotionale Lava“ beschrieben. Zu seinen Ingredienzien zählen für ihn leidenschaftlicher Nationalismus, „eine verschwörerische und manichäische Sicht auf die Geschichte als Kampf“, und zwar einen Kampf zwischen dem „Reinen und dem Korrupten“. Die Anhänger empfänden, „dass die eigene Gruppe ein Opfer“ sei, und sehen diese in einem darwinistischen Kampf, weshalb Gewalt gerechtfertigt sei. Faschismus, das ist ein „Nebel von unterschwelligen Einstellungen“. Er braucht keine Theorie – weil er vielmehr von „mobilisierenden Leidenschaften“ lebe.</p>
<p>Faschismus ist so gesehen eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie sind ansteckend, und die Gefühlsansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer, und wie bei Synapsenverschaltungen in neuronalen Netzwerken werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benützt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus. So gesehen ist der Faschismus weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zu rückkehrt, bis der Fanatiker als normal erscheint und der Normale als verdächtig.</p>
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		<title>Warnung: Herbert Kickl kann ihr Gehirn verändern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:33:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sind FPÖ-Wähler die „böseren“ Menschen? Internationale Studien deuten darauf hin. In Phasen emotionaler Zerrüttung und Verdunkelung – ja, auch ich kenne sie bisweilen! – beschäftigte ich mich damit, wie wir Menschen im Oberstübchen so funktionieren. Dabei habe ich ein paar Dinge gelernt. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es „Neurodiversität“ in dem Sinne, &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/warnung-herbert-kickl-kann-ihr-gehirn-veraendern/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Warnung: Herbert Kickl kann ihr Gehirn verändern</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3>Sind FPÖ-Wähler die „böseren“ Menschen? Internationale Studien deuten darauf hin.</h3>
<p>In Phasen emotionaler Zerrüttung und Verdunkelung – ja, auch ich kenne sie bisweilen! – beschäftigte ich mich damit, wie wir Menschen im Oberstübchen so funktionieren. Dabei habe ich ein paar Dinge gelernt. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es „Neurodiversität“ in dem Sinne, wie wir den Begriff so salopp verwenden, gar nicht gibt. Nämlich: Es gibt nicht den „normalen“, „durchschnittlichen“ Charaktertyp, von dem dann ein ganz kleiner Teil der Menschen abweicht. Es gibt das A-Typische nicht, weil es das Typische nicht gibt. Vor ein paar Jahren habe ich ein sehr lustiges, aber zugleich auch sehr schlaues Buch des amerikanischen Hirnforschers James Fallon gelesen. Es trägt den herrlichen Titel: „Der Psychopath in mir.“ Die „Story“ ist die: Fallon beschäftigt sich als Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten mit psychopathischen Straftätern, und versucht durch Gehirnscans zu erkennen, ob es verbindende Muster zwischen diesen ganz arg fiesen, gemeinen, empathielosen Verbrechern gibt. Er hat hier schon viele Muster entdeckt. Einmal ist irrtümlich sein eigener Gehirnscan in die Unterlagen gerutscht und wurde untersucht. Und siehe da: Er selbst hatte all die Besonderheiten in der Gehirnarchitektur, die auch die meisten Massenmörder hatten.</p>
<p>Dabei hatte er ein normales Leben, Familie, kümmerte sich um seine Kinder und dachte auch, dass er stabile Freundschaften hätte. Aber er hat dann begonnen, zu fragen, wie ihn die Leute so sehen: Familie, Freunde, Kollegen usw.</p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 351px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11437 " src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="351" height="576" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 351px) 100vw, 351px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;"><em><strong>Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</strong></em></span></figcaption></figure>
<p>„Zu den Beschreibungen, mit denen sie mich bedachten, gehörten Worte und Sätze wie: ‚Manipulativ‘, ‚charmant, aber unaufrichtig‘, ‚macht andere intellektuell fertig‘, ‚nicht vertrauenswürdig, sobald es heißt: du oder ich‘, ‚narzisstisch‘, ‚oberflächlich‘, ‚unzuverlässig, wenn man dich braucht‘, ‚egozentrisch‘, ‚unfähig, tief zu lieben‘, ‚schamlos‘, ‚völlig skrupellos‘, ‚ein schlauer Lügner‘, ‚keinerlei Respekt vor Gesetzen, Autoritäten oder gesellschaftlichen Regeln‘, ‚hält sich an eine selektive Moral‘, ‚verantwortungslos‘, ‚völlig gefühllos‘, ‚kalt‘, ‚kein Einfühlungsvermögen‘, (…) ‚pathologischer Lügner‘, (…) ‚auf der Suche nach dem Kick‘, ‚Bedürfnis nach ständiger Stimulation‘.“</p>
<p>Fallon ist ein manipulativer Narzisst. Nur war ihm das bisher nicht aufgefallen. Einerseits weil er in einer stabilen, liebenden sozialen Umwelt aufgehoben ist, die seine pathologischen Anlagen in Schach hält; andererseits, weil wir alle zur Annahme neigen, dass ein Großteil der Menschen so ähnlich tickt wie wir und nur ganz wenige krass abweichen. Von daher kommt die Annahme, es gäbe „Normalität“ und „Devianz“, „Durchschnitt und A-Typisch“.<span id="more-11436"></span></p>
<p>Das ist aber Unsinn, wie der US-Psychologe und Hirnforscher Richard Davidson schreibt. „Jeder reagiert anders auf emotionale Auslöser, und von ‚den meisten Menschen‘ oder einem ‚Durchschnittstyp‘ zu reden geht völlig am Ziel vorbei.“ Davidson spricht vom „emotionalen Stil“, und allenfalls kann man sagen, dass es so etwas wie Menschengruppen gibt: Zwanzig Prozent mit dem einen emotionalen Stil, zwanzig Prozent mit dem anderen, wieder zwanzig mit einem wieder anderen usw.</p>
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<p>An all diese interessanten Untersuchungen erinnerte ich mich, als ich im jüngsten „Spiegel“ ein Interview mit dem deutschen Psychologen Ingo Zettler las, der in Kopenhagen forscht. Sein Forscherteam hat Methoden entwickelt, die „dark traits“ – dunklen Persönlichkeitsmerkmale – von Menschen zu untersuchen und auf einer Skala zu vermessen, der D-Skala („Dunkelheits-Skala“). Das machen sie mit einer Vielzahl an schlauen Fragen, die alle für sich genommen recht unverfänglich wirken, aber in der Summe der Antworten ein klares Persönlichkeitsbild zeichnen. Zu den Dark Traits zählen „Gier, Narzissmus, Sadismus, Gehässigkeit und Machiavellismus, der für Hinterhältigkeit und Machtstreben steht“, so Zettler. Und natürlich addieren sich Charakter-Muster: „Wer überdurchschnittlich narzisstisch ist, wird mit einer mehr als 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich gierig sein. Wer sehr egoistisch ist, wird eher gehässig sein. Und wer sehr gehässig ist, eher rachsüchtig.“</p>
<p>Die Plausibilität ihrer Ergebnisse konnten sie auch überprüfen, indem sie etwa in Dänemark von 14.000 Mitwirkenden an der Studie ins Strafregister schauen durften. Ergebnis: Wer einen hohen D-Faktor in der Studie hatte, war häufiger straffällig.</p>
<p>George Orwell schrieb einmal den schönen Satz: „Im Großen und Ganzen wollen Menschen gut sein, aber nicht zu gut, und nicht die ganze Zeit.“ Auch das deckt sich mit der Studie, so Zettler: „Im Durchschnitt ist der Mensch nicht sonderlich schlecht, der D-Faktor beträgt im Mittel rund 2,3“. Was auf einer Skala von 1 (gut) bis 5 (böse) ja ganz passabel ist. Männer sind übrigens böser als Frauen, wobei man das nicht unbedingt mit dem Wesen des Mannes schlechthin begründen muss, sondern mit sozialen Bedingungen, die das Bösesein belohnen. Wenn mehr Männer in Finanzvorständen von Firmen sitzen, werden auch mehr Männer zur Gier angestachelt.</p>
<p>Wer viel Egozentrik und wenig Empathie hat, und zugleich eher zu kalter Kognition neigt, der hat in manchen Gehirnregionen eine stärkere Aktivität, das zeigte sich auch in Fallons Scans, und in dieser Gruppe waren die ultraegoistischen Libertären politisch stärker vertreten. Auch Zettlers Untersuchungen sehen einen starken Zusammenhang zwischen dunklen Persönlichkeitsmerkmalen und politischer Einstellung. „Wir wissen, dass jemand mit einem hohen D-Faktor eher dazu neigt, sich politisch zu radikalisieren. Außerdem: Je höher der Wert ist, desto weiter rechts im politischen Spektrum ordnet er oder sie sich für gewöhnlich ein. Dieses Ergebnis gilt für alle Länder.“</p>
<p>Natürlich ist der Zusammenhang zwischen dem Bösen und dem Politischen komplex. Auch wenn unter FPÖ-Wählern negative Persönlichkeitsmerkmale bestimmt verbreiteter sind als in der Gesamtbevölkerung, sind FPÖ-Wähler deswegen nicht durch die Bank „böse“ und mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie im internationalen Vergleich sogar noch im oberen Drittel der „Guten“. Allerdings: Wer einen hohen D-Faktor hat, wird vergleichsweise unglücklich sein, weil er „die Welt eher für einen gefährlichen Ort“ hält (Zettler), und in wohlgeordneten, wohlhabenden und sicheren Gesellschaften sind dunkle Persönlichkeitsmerkmale daher auch markant weniger verbreitet. Werden die ökonomischen und gesellschaftlichen Umstände härter, steigt auch der D-Faktor, denn dann wächst der Druck „mehr auf sich selbst zu schauen, anderen zu misstrauen und eigene Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen“. Das wird dann sogar das Gehirn und seine neuronalen Verschaltungen verändern, ein Geschehen, das die Fachwelt „Neuroplastizität“ nennt. Rechte Agitatoren versuchen die Angst und das Gefühl einer permanenten Bedrohung deshalb in die Gehirne ihrer Anhänger zu pflanzen, weil ihnen das nützt. Ja: „Herbert Kickl kann Ihr Gehirn verändern.“ (Sollte man vielleicht auf Wahlwerbung drucken wie die Schockbilder und Warnhinweise vor Krebs, Unfruchtbarkeit und Herzinfarkt auf die Zigarettenpackungen). Wird eine solche Stimmung dominant, steigt auch die Freude am Grausamen, am Fiesen, und dunkle Anlagen, die in vielen Menschen schlummern, werden aktiviert. Gesellschaften können dann schnell in einen Verrohungsstrudel geraten, weshalb wir gut daran tun, so der Forscher, gutes Verhalten zu belohnen und das Böse nicht als normal zu akzeptieren.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://misik.at/2026/06/warnung-herbert-kickl-kann-ihr-gehirn-veraendern/">Warnung: Herbert Kickl kann ihr Gehirn verändern</a> erschien zuerst auf <a href="https://misik.at">misik.at</a>.</p>
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		<title>Die Vision von der sanften Kontrolle</title>
		<link>https://misik.at/2026/06/die-vision-von-der-sanften-kontrolle/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:26:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus dem Falter (Wien)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anna-Verena Nosthoff beschreibt den Siegeszug der Kybernetik, der Wissenschaft vom Staat, Mensch und Maschine. Was die Kybernetik überhaupt ist, ist keineswegs so klar: eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Mathematik, Technikforschung, viel Futurismus und KI-Utopismus, Steuerungstechniken, Philosophie und manchmal auch die Liebe zur steilen These kombiniert. Gelegentlich grenzt sie ein wenig an Scharlatanerie. Der Begriff selbst ist &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/die-vision-von-der-sanften-kontrolle/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Die Vision von der sanften Kontrolle</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>Anna-Verena Nosthoff beschreibt den Siegeszug der Kybernetik, der Wissenschaft vom Staat, Mensch und Maschine.</h3>
<p>Was die Kybernetik überhaupt ist, ist keineswegs so klar: eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Mathematik, Technikforschung, viel Futurismus und KI-Utopismus, Steuerungstechniken, Philosophie und manchmal auch die Liebe zur steilen These kombiniert. Gelegentlich grenzt sie ein wenig an Scharlatanerie. Der Begriff selbst ist keine allseits vertraute Vokabel. Dabei bestimmt Kybernetik Leben, Alltag und vor allem unsere Gegenwart. Sie ist überall – so sehr, dass es uns gar nicht bewusst wird.</p>
<p>Wenn Sie einen Kommentar in Soziale Medien hineinhämmern, beeinflussen Sie die öffentliche Meinung, aber noch mehr das Grundrauschen der Diskurse. Algorithmen steuern, was sichtbar ist, doch Sie steuern die Sichtbarkeit durch Ihre Präferenzen gleich mit; wenn Sie Online einen Flug buchen, beeinflussen Sie die Preisbildung; wenn Sie beim Händler ein Auto kaufen, setzen sie sofort eine unendliche Kette an automatisierten Vorgängen und eine Produktionskette in Gang. Wenn Sie bei einer Meinungsumfrage teilnehmen, bringen Sie andere in die Lage, die Entwicklung der Meinungsbildung zu beobachten – und beeinflussen natürlich die beurteilten Politiker.<span id="more-11434"></span></p>
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</blockquote>
<p>Kybernetik als Theorie der „Kommunikation und Kontrolle“, als „Regelungs- und Steuerungswissenschaft“ und damit als das Denken über das Verhältnis „von Mensch und Maschine“ – so die Definition in Anna-Verena Nosthoffs „Kybernetik und Kritik“ – hatte ein paar Voraussetzungen: Erstens, die Entstehung hochkomplexer technologischer Instrumente, die automatisierte Produktion, Datenverarbeitung und Computerisierung ermöglichten; zweitens die Erkenntnis, dass komplexe Gebilde (der Staat, große Konzerne, „die Gesellschaft“) nicht einfach durch Befehl und Gehorsam zu steuern sind.</p>
<p>Nosthoff beschreibt dicht auf über 600 Seiten die Geschichte der Kybernetik, von Techno-Utopien und einer Gesellschaftswissenschaft, in der soziale Prozesse, die Wirtschaft, aber eben auch die Technologie aufeinander einwirken. Ein Schlüsselbegriff ist der der „Gouvernementalität“, der beschreibt, wie Regeln, Wirtschaft, Moral, Technologie, Zeitgeist und vieles mehr Feedbacksysteme entwickeln, um einigermaßen erwünschte Ergebnisse in komplexen Systemen zu erzielen, die für planvolles Handeln zu kompliziert sind. Karl Marx formulierte einmal, die Produktion produziere nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand, kurzum: die Menschen werden an die Maschinerie angepasst und verändert. Techno-Utopien können autoritäre Beherrschungsphantasien sein, wie der dunkle Autoritarismus der Tech-Bros und des „Muskismus“; sie können aber auch emanzipatorische Utopien inspirieren, von Gleichheit, mehr Effizienz, Schaffung unermesslicher Reichtümer und der Mitrede-Möglichkeit Aller im demokratischen Prozess. In Salvador Allendes Chile wurde beispielsweise versucht, die Wirtschaftssteuerung mit Echtzeitdaten und Beteiligung Aller mit einem echten demokratischen Sozialismus zu verbinden.</p>
<p>In den vergangenen knapp 80 Jahren hat die Kybernetik Computerforscher, Gesellschaftstheoretiker, aber auch Künstlerinnen und Künstler fasziniert. Der Aktionist Peter Weibel war von ihr gebannt, Philosophen wie Jean Baudrillard oder Autoren wie Hans-Magnus Enzensberger grübelten an kybernetischen (Anti-)Visionen herum.</p>
<p>Zu den spannendsten – und auch abwegigsten – Aspekten des Themas gehört das Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Maschine. Nosthoff nennt das die „Kybernetisierung des Subjekts“. Der Mensch wird häufig wie eine Maschine dargestellt, der nur auf Reize, Impulse reagiert – und das „zweckgerichtet“ und dessen Gehirn „verdrahtet“ sei. Umgekehrt werden die Maschinen vermenschlicht, man denke nur an die Begrifflichkeiten, dass die KI „denkt“, dass sie gegen uns rebellieren könnte, oder dass die Datenflüsse in „neuronalen Netzwerken“ geschehen, die beschrieben werden wie das menschliche Gehirn.</p>
<p><strong>Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin, 2026. 671 Seiten. 28,80.- Euro. </strong></p>
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		<title>Gegen jeden Autoritarismus</title>
		<link>https://misik.at/2026/06/gegen-jeden-autoritarismus/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:23:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer Freiheitsrechte nicht verteidigt, wird am Ende autoritäre Antiliberale wie Wolfram Weimer ernten. Vor zwei Jahren wurde in Wien – wie in vielen anderen Städten – eines dieser pro-palästinensischen Gaza-Protestcamps von der Polizei gewaltsam geräumt, mit der Begründung, dass die Protestler gegen Gesetze verstoßen hätten. Ich habe diese Auflösung kritisiert, da die Versammlungsfreiheit auch für &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/gegen-jeden-autoritarismus/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Gegen jeden Autoritarismus</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer Freiheitsrechte nicht verteidigt, wird am Ende autoritäre Antiliberale wie Wolfram Weimer ernten.</h3>
<p>Vor zwei Jahren wurde in Wien – wie in vielen anderen Städten – eines dieser pro-palästinensischen Gaza-Protestcamps von der Polizei gewaltsam geräumt, mit der Begründung, dass die Protestler gegen Gesetze verstoßen hätten. Ich habe diese Auflösung kritisiert, da die Versammlungsfreiheit auch für nicht-ordnungsgemäß angemeldete Kundgebungen gilt, sogar für solche, die tagelang dauern, und weil man den Vorwurf des Gesetzesverstoßes – etwa „Gutheißung terroristischer Straftaten“ – wasserdicht belegen müsse, um in ein zentrales Freiheitsrecht einzugreifen. Freiheitsrechte gelten bekanntlich nicht nur für Leute, deren Anliegen jeden von uns gefallen.</p>
<p>Sie ahnen schon, was dann kam: Ich wurde natürlich als Antisemit und Hamas-Fan beschimpft. Rechte, Linke, Liberale und Netanjahu-Trolls bejubelten die Räumung. Einige Monate später, am 26. November 2024, sprach das Wiener Verwaltungsgericht „im Namen der Republik“ und erklärte – „die Auflösung der Versammlung für rechtswidrig“. Der Grundrechtsverstoß wurde von den Herren und Damen in Roben ziemlich genau mit den gleichen Argumenten verurteilt, die ich und andere auch schon vorgebracht hatten. Da ich auch nicht alle Verrücktheiten der Protestierer toll finde, wurde ich übrigens nicht nur als Antisemit, sondern auch als Komplize eines Genozids angeprangert, was mich natürlich nicht wirklich stört, denn ich kann mit der Feindschaft von Idioten aller Seiten gut leben.<span id="more-11432"></span></p>
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<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
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</blockquote>
<p>Es hat sich eingebürgert: Grundrechte wie Versammlungs-, Meinungs- oder die Kunstfreiheit sollen nur für die gelten, auf deren Seite man steht – alle anderen im Zweifel verboten werden. Heute sieht längst jeder und jede, welches Tor zu Hölle wir damit aufgestoßen haben. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin für Aussagen von Künstlern haftbar machen, die ihm nicht passen, und Buchhandelspreise von einem Gütesiegel des Verfassungsschutzes abhängig machen. Weimers Gleichschaltungs-Politik ist aber nur die extremste Eskalation des neuen antiliberalen Autoritarismus. Die AfD greift flächendeckend Theater und andere Kunstinstitutionen an, indem sie von einem „Neutralitätsgebot“ öffentlicher Institutionen schwadroniert, das natürlich weder für Wissenschaftler gelten kann (die haben ein Recht auf krasse Thesen, weshalb Professoren sogar vom „Mäßigungsgebot“ ausgenommen sind, das für alle anderen Beamten gilt), noch für Künstler oder Intendanten. Inszeniere einmal Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ so neutral, dass sich Björn Höcke nicht wieder erkennt – viel Spaß bei dem Versuch. Gern wird dann gebrüllt: „Das ist keine Kunst.“</p>
<p>Ein Spruch, den man lustigerweise wortgleich von autoritären Linken hören kann, wenn mal Texte gesprochen werden, die wiederum die andere Seite verwirren und irritieren. Motto: Es gibt kein Recht auf eine Meinung, die ich nicht teile.</p>
<p>Da das Autoritäre mal von rechts, mal von links und mal aus der liberalen Mitte kommen kann, gewissermaßen im Modus eines liberalen Autoritarismus („alles untersagen, was ein bisschen krasser ist als die liberale Mitte“), drängt sich die Frage auf: Ist hier gar das Autoritäre primär, die weltanschauliche Position sogar eher sekundär?</p>
<p>Wenn wir den Komplex dieses Zeitphänomens ganz durchschreiten wollen, ist zu berücksichtigen, dass nicht nur mit der harten Faust repressiver Gesetze operiert wird, sondern auch mit den nur vordergründig milderen Formen von Diffamierung, Einschüchterung, Deplatforming und Wutbürger-Geschrei. Also: Wer schreit? Und wer schweigt? Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass es keinen Shitstorm braucht, um Menschen zum Schweigen zu bringen – es reicht schon die Angst vor der Diffamierung, vor der Meute des vorsätzlichen Missverstehens. Als Kurator, aber auch als Journalist weiß ich, wie oft Kollegen mittlerweile vermeiden, diesen oder jenen Kommentar zu schreiben, weil sie sich die erwartbare Welle der böswilligen Angriffe ersparen wollen, dass bei Veranstaltern und bei Theaterleuten die Angst regiert, und dass Expertinnen und Experten die Einladung zu öffentlichen Diskursen nicht nur aus Terminproblemen ablehnen. „Ich könnte ja einen missverständlichen Satz sagen, und dann habe ich bei der nächsten universitären Berufungskommission ein Problem“ – alles schon gehört. Im Einzelfall ist so etwas egal – als Massenphänomen ist die Epidemie der Vermeidungsstrategie aber überhaupt nicht mehr egal. Es ist keine schlaue Idee, der autoritären Rechten das Tor zu einem neuen McCarthyism auch noch bequem aufzuhalten.</p>
<p>Dieser neue Autoritarismus geht einher mit dem Hang zur Vereindeutigung der Welt und der Unfähigkeit, den Gedanken an sich heranzulassen, dass die meisten Geschehnisse mehrere Aspekte haben, uneindeutig sind, und sich außerdem andauernd verändern, so dass wir zugleich zuviel und zuwenig wissen für ein simples Urteil. Die heute so populäre Figur der politischen Influencer ist ein Brandbeschleuniger, da sie von einer verschworenen Fan-Base lebt, einer eingeschworenen Anhängerschaft, die man mit Zwischentönen oder gar Uneindeutigkeit natürlich niemals verwirren darf. Die Vereindeutigung der Welt lebt vom Schwarz-Weiß, vom Freund-Feind-Schema, von der vorsätzlichen Versimpelung aller Kompliziertheiten, von der Erregung und Empörung. Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Das ist grundsätzlich schon der Nachteil der Nachdenklichkeit, in einer Welt der Erregungsbewirtschaftung wird der Irrwitz aber triumphieren, weil die Vernünftigkeit in Schweigen verfällt, wegen der deprimierten Ahnung, dass sie sowieso untergehen würde. Weil das Florett gegen den Holzhammer unterliegt, und die Schlauheit glaubt, gegen den schnellen, dummen Take chancenlos zu sein. Aber diese Strategien der Vermeidung führen uns geradewegs ins Verderben, wie nun nicht mehr zu übersehen ist, und am Ende wachen wir in einer Welt der Trumps auf oder in einer von autoritären antiliberalen Kunstfeinden wie Wolfram Weimer, die sogar das Minimum bürgerlicher Freiheitsrechte abfackeln. Es ist Zeit für Klarheit: Bis hierhin und nicht weiter.</p>
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		<title>The Political Theology of MAGA</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:20:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>From Hegseth&#8217;s crusader tattoos to Thiel&#8217;s apocalyptic sermons, MAGA is fusing Christianity with raw political power. Published in Social Europe. A defining trait of the clowns who govern us today is that you can never quite tell whether they are meant to make you laugh or to instil fear. Their controversies, by extension, tend to &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/the-political-theology-of-maga/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">The Political Theology of MAGA</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>From Hegseth&#8217;s crusader tattoos to Thiel&#8217;s apocalyptic sermons, MAGA is fusing Christianity with raw political power.</h3>
<p><em>Published in Social Europe.</em></p>
<p>A defining trait of the clowns who govern us today is that you can never quite tell whether they are meant to make you laugh or to instil fear. Their controversies, by extension, tend to be both shocking and entertaining at once. Take the recent flare-up between Donald Trump&#8217;s gang and the Pope. &#8222;The world is being destroyed by a handful of tyrants,&#8220; declared Pope Leo XIV, who also condemned the abuse of power by religion — a charge that drove Trump and his followers up the wall. J.D. Vance struck back menacingly, warning that the Pope should &#8222;be careful when talking about theology&#8220;. Vance, who converted to Catholicism seven years ago, evidently considers himself a credible source on the subject.</p>
<p>Beyond the bizarre note of the episode lies a more serious matter: significant segments of the reactionary MAGA movement are transforming the Republican Party into a fundamentalist religious sect. A pious tone that may seem foreign to European ears has long been part of US political discourse, but what is happening now reaches well beyond it.<span id="more-11429"></span></p>
<figure id="attachment_11437" aria-describedby="caption-attachment-11437" style="width: 184px" class="wp-caption alignright"><a href="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11437" src="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg" alt="Im August 2026 erscheint mein Buch &quot;Erziehung zur Grausamkeit&quot; im Suhrkamp-Verlag. &quot;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&quot;" width="184" height="302" srcset="https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild.jpg 638w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-183x300.jpg 183w, https://misik.at/wp-content/uploads/2026/06/Erziehung-zur-Grausamkeit-Bild-625x1024.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><figcaption id="caption-attachment-11437" class="wp-caption-text">Forthcoming in August 2026: My Book &#8222;Educatiion to Bestiality&#8220; &#8211; &#8222;Social Psychology of the New Fascism&#8220; will be publihed in Suhrkamp-Verlag. Im August 2026 erscheint mein Buch &#8222;Erziehung zur Grausamkeit&#8220; im Suhrkamp-Verlag. &#8222;Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus&#8220;</figcaption></figure>
<p>&nbsp;</p>
<p>Secretary of War Pete Hegseth is affiliated with radical evangelical fundamentalist communities. He has tattoos of crusader symbols and the holy warrior slogan &#8222;Deus Vult&#8220; (&#8222;God wills it&#8220;), the central rallying cry of the Crusades. The existence of a radical fundamentalist current within US Protestantism that openly seeks political power is hardly news; we have grown accustomed to such evangelical movements over the decades.</p>
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<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p>What is relatively new is a form of fundamentalism emerging within the Catholic sphere. There is already talk of &#8222;Catholiban&#8220;, and J.D. Vance is part of this movement. Peter Thiel, billionaire, MAGA sponsor and tech entrepreneur, is a key figure in a rigorously interpreted political theology. For decades, he has devoted himself to the work of René Girard, whose Violence and the Sacred is regarded as a foundational text of philosophical-theological literature. Thiel also engages with the writings of the German Nazi constitutional theorist Carl Schmitt, whose influential texts on political theology and religiosity, including Political Theology, were published in the 1920s and 1930s. Recently, Thiel has been giving frequent lectures on the &#8222;Antichrist&#8220; and the &#8222;Katechon&#8220;, a power capable of holding back the diabolical. These unconventional ideas owe a heavy debt to Schmitt, and Thiel has shown a particular taste for apocalyptic thought. His suggestion in a New York Times interview that the Antichrist, who seeks to establish a world government, might be embodied in Greta Thunberg ultimately rendered this lofty Schmittian concept laughable.</p>
<p>All of this may sound confused, and at first glance perhaps even amusing. But the picture taking shape is far from funny: the MAGA movement is energetically attempting to harness religion to a radical politics.</p>
<p>In this effort, various radical themes are eclectically intertwined — religious motifs blending with the radical ideas of neo-reactionaries and the &#8222;Dark Enlightenment&#8220; articulated by figures such as Curtis Yarvin and Nick Land, both influential within Peter Thiel&#8217;s circle. The mix dovetails with notions of a punishing, zealous God and a crusade mentality, in which adherents ultimately pray to Christ the Saviour for victory in war.</p>
<p>Christianity is thus transformed into a cult of harshness and ruthlessness, made subservient to extreme neoliberalism and individualism. Peter Thiel recently told a right-wing YouTube channel that &#8222;wokeness&#8220; should be understood as a deformation of Christianity — an &#8222;ultra-Christianity&#8220; or &#8222;hyper-Christianity&#8220; that retains Christianity&#8217;s solidarity with victims while stripping out forgiveness. The political work this framing performs is to recast concern for the weak, the losers and the victims of history as a quasi-religious pathology, and to treat the guilty conscience of the strong as the disease to be cured. The fashionable term in this context is &#8222;toxic empathy.&#8220;</p>
<p>Is it merely entertaining eccentricity? Thomas Assheuer recently warned in the Hamburg weekly Die Zeit that &#8222;religion is being mercilessly forged into a weapon&#8220;. An angry, warlike Christianity is being cultivated and used to incite.</p>
<p>Some weeks ago, U.S. Defense Secretary Pete Hegseth drew ridicule when, leading a worship service at the Pentagon, he recited a &#8222;prayer&#8220; he said was used by the Combat Search and Rescue team that had just extracted a downed American pilot from Iran. The prayer, which he framed as inspired by Ezekiel 25:17, culminated in the line: &#8222;And I will strike down upon thee with great vengeance and furious anger…&#8220;. It quickly emerged that the passage was an almost word-for-word lift from Quentin Tarantino&#8217;s Pulp Fiction — a fictionalised verse spoken in the film by a hitman immediately before he executes his victims. Which is, in turn, not a bad metaphor for Trump and his allies.</p>
<p>The misuse of religion and Christian motifs borders on blasphemy. Over the centuries, humanistic and emancipatory ideals have been drawn out of the Christian message. The Old Testament Jewish tradition contains powerful passages of its own — for instance: &#8222;You shall treat the stranger who sojourns with you as the native among you, and you shall love him as yourself, for you were strangers in the land of Egypt.&#8220; Or: &#8222;Learn to do good; seek justice, correct oppression; bring justice to the fatherless, plead the widow&#8217;s cause.&#8220; The biblical tradition embodies some of the most revolutionary and egalitarian ideals in human history.</p>
<p>At the same time, wrath, aggression and punishment are equally inherent in religion, particularly in the monotheistic faiths, which introduced a violent absolutism into the realm of the spiritual. Many scholars, the late Jan Assmann among them, have noted that monotheism&#8217;s exclusive concept of truth — distinguishing the one true God from many false ones — has fostered a rhetoric of severity and intransigence. The Lord is depicted as a &#8222;consuming fire&#8220; and a &#8222;jealous God,&#8220; of whom it is said: &#8222;The Lord is a jealous and avenging God; the Lord is avenging and wrathful; the Lord takes vengeance on his adversaries and keeps wrath for his enemies.&#8220; One of the central, most famous phrases in the Gospels is: &#8222;Whoever is not with me is against me.&#8220; This zealous language of fundamentalism is the gateway to intolerance — a motto embraced by many of the world&#8217;s tyrants.</p>
<p>Hegseth views the US military, currently bombing Iran, not merely as engaged in a geopolitical conflict but in a war &#8222;for Jesus&#8220;. This perspective ties into a discourse in which the expectations of salvation and annihilation lie close together, invoking a &#8222;combination of piety and bloodlust&#8220; and binding &#8222;militant masculinity with religious certainty&#8220; (The Guardian). The founder of the denomination to which Hegseth&#8217;s church belongs openly advocates repealing women&#8217;s suffrage and establishing a Christian theocracy — views that Hegseth has amplified on his own social media. On the fringes of the MAGA movement, neo-integralist preachers are gaining influence, ultimately seeking to create a theocracy in which religious moral law and secular rule are no longer separate.</p>
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		<title>Die Politische Theologie von MAGA</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:15:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Radikale Rechte versuchen das Christentum zu einer Waffe im politischen Kampf umzuschmieden. Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden: Robert Misik, IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW Es ist ein Charakteristikum der Clowns, die uns heutzutage regieren, dass &#8230; <a href="https://misik.at/2026/06/die-politische-theologie-von-maga/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Die Politische Theologie von MAGA</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4><em>Radikale Rechte versuchen das Christentum zu einer Waffe im politischen Kampf umzuschmieden. </em></h4>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><em><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><em><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></em></span></p>
</blockquote>
<p>Es ist ein Charakteristikum der Clowns, die uns heutzutage regieren, dass man nicht immer genau weiß, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind. So sind auch manche der Kontroversen schockierend und unterhaltsam zugleich. Jüngst gab es beispielsweise einen heftigen Streit zwischen Donald Trumps Bande und dem Papst. Die Welt wird „von einer Handvoll Tyrannen zerstört“, sagte Papst Leo XIV. Er wendete sich auch gegen einen Machtmissbrauch des Religiösen. Trump und seine Leute brachte das auf die Palme. Vizepräsident J.D. Vance konterte mit drohendem Unterton, der Papst sollte „vorsichtig sein“ wenn er über Theologie spricht. Vance, vor sieben Jahren zum Katholizismus konvertiert, ist gewiss eine bessere Auskunftsperson in theologischen Fragen.</p>
<p>Aber abseits der skurrilen Note des Geschehens gibt es einen ernsteren Hintergrund: Wesentliche Teile der reaktionären Maga-Bewegung verwandeln die Republikaner in einer fundamentalistisch-religiöse Sekte. Gewiss, ein frömmelnder Ton, der Europäern manchmal fremd anmutet, gehört traditionell zur politischen Sprache der USA. Aber es geht mittlerweile weit darüber hinaus.</p>
<p>Kriegsminister Pete Hegseth gehört radikalen evangelikalen Fundamentalistengemeinschaften an. Auf seinem Körper hat er sich Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan „Deus Vult“ („Gott will es“), ein zentraler Ruf aus der Kreuzzugsära. Dass es eine radikal-fundamentalistische Strömung im US-Protestantismus gibt, die unverschämt nach politischer Macht greift, ist nicht überraschend – an diese evangelikalen Strömungen hat man sich seit Jahrzehnten gewöhnt.</p>
<p>Eher neu ist ein Fundamentalismus in der katholischen Szene. Gelegentlich ist schon von „Katholiban“ die Rede. J. D. Vance gehört in dieses eigentümliche Milieu. Peter Thiel, der Milliardär, Maga-Sponsor und Tech-Bro, ist eine der Zentralfiguren einer eher rigoros ausgelegten politischen Theologie. Seit Jahrzehnten widmet er sich schon der Lektüre von René Girard, dessen Buch über „Das Heilige und die Gewalt“ zu den Schlüsselwerken philosophisch-theologischer Literatur zählt, und durchaus verschiedene Lesarten zulässt. Unter jenen Leuten, die sich mit viel Liebe zum Abgründigen den Schriften Girards widmen, gibt es eher Linke und eher Rechte.</p>
<p>Peter Thiel liest auch gerne den deutschen Nazi-Staatsrechtler Carl Schmitt, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit „Politische Theologie“ und anderen Schriften zur Polit-Religiösität Texte zum Thema vorlegte, die bis heute einflussreich sind, wobei Schmitt vor allem ein autoritärer Freund der Ordnung und weniger der fanatischen Ideen war. Die jahrtausendealte Hierarchie des „römischen Katholizismus“ kam seiner Formverliebtheit eher entgegen als die Radikalität von Glaubenskriegern. Seine „Politische Theologie“ umkreiste auch eher das Weiterleben von theologischen Konzepten in säkularen Begriffen der Gegenwart – so glaubte er, der „Ausnahmezustand“ wäre ein säkulares Äquivalent zum „Wunder“ in der Theologie. Thiel hält neuerdings häufig Vorträge über den „Antichristen“ und über den „Katechon“, jene Macht, die das Diabolische aufhalten könne. Auch diese eher schrill anmutenden Gedankengänge sind merklich von Schmitt beeinflusst. Schmitt sah in der seltsamen Figur des „Katechon“, den „Aufhalter“, der sich gegen das Unheil stemmt. Besonders hat es Thiel die Apokalyptik angetan. Dass Thiel in einem „New York Times“-Interview die Überlegung anstellte, jener Antichrist, der eine Weltregierung etablieren wolle, könnte sich vielleicht in Greta Thunberg verkörpern, verlieh dem hohen Schmittschen Gedanken dann allerdings einen Schuss ins Lächerliche.<span id="more-11427"></span></p>
<p>All das klingt wirr, und bis zu einem gewissen Grade vielleicht sogar lustig. Aber das Bild das sich bietet ist weniger amüsant: Die Maga-Leute versuchen mit viel Energie, die Religion in den Dienst radikaler Politik zu stellen.</p>
<p>Dieser Radikalismus ist gewiss eher unsystematisch. Er vermengt alle möglichen Motive Extremen, manchmal auch einfach das Überdrehten, das Religiöse mit den radikalen Thesen der „Neo-Reaktionäre“ („N-Rex“) und der „dunklen Aufklärung“, wie sie etwa von Figuren wie Curtis Yarvin und Nick Land verbreitet werden, die allesamt Stichwortgeber der Gruppe um Peter Thiel sind. Dazu passen Vorstellungen eines strafenden, eifernden Gottes und eine Kreuzzugsmentalität, bei der man am Ende zu Christus, dem Erlöser, betet – und ihn um den Sieg im Krieg bittet.</p>
<p>Ein Zentralmotiv bei all dem: Das Christentum wird so in einen Kult der Härte umgeformt und damit sogar einem extremen Neoliberalismus und Individualismus dienstbar gemacht. Peter Thiel hat unlängst in einem Talk mit einem rechten Youtube-Format darauf hingewiesen, dass das Christentum mit der Idee der Nächstenliebe aus seiner Sicht schon vor Jahrtausenden auf Abwege geriet, weil es deswegen den Opfern, den Losern, den Schwachen zugewandt war. Damit habe man den Starken ein schlechtes Gewissen eingeredet, was die Ursünde des Christentums sei. Wenn wir ihn recht verstehen, hätte er gerne ein Christentum, dass sich solch gutmenschlicher Konzepte wie der Nächstenliebe entledigt und mit dem extremen Ego-Individualismus der Libertären deshalb vereinbar wird. In diesen Milieus versucht man beispielsweise auch die „Empathie“ schlecht zu reden, also die menschliche Eigenschaft, sich in das Leid anderer hineinfühlen zu können. „Toxic Empathy“ ist eine populäre Vokabel in diesen Biotopen.</p>
<p>Alles nur eine unterhaltsame Schrulligkeit? Man tut gut daran, die Ideologen erst zu nehmen und nicht nur als Clowns abzutun. Thomas Assheuer hat unlängst in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ den Verdacht geäußert, dass die „Religion gnadenlos zur Waffe umgeschmiedet“ wird. Ein zorniges, kriegerisches Christentum wird getrommelt, und als Mittel eingesetzt, die Menschen aufzuhetzen.</p>
<p>Für reichlich Gespött sorgte vor einigen Tagen der US-Kriegsminister Pete Hegseth, der im Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem alttestamentarischen Vers zitierte: „…ich will große Rache an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten. Und mit Griff werde ich sie strafen, dass sie erfahren, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!“ Es stellte sich dann heraus, dass Hegseth eine bastardisierte Variante der Passage vortrug – aus einer Persiflage aus Trentin Tarantinos „Pulp Fiction“. Der Vers wird dort gewohnheitsmäßig von einem Auftragskiller gesprochen, bevor er seine Opfer ermordet. Was freilich wiederum kein schlechtes Sinnbild für Trump und seine Mitstreiter ist. Der Missbrauch des Religiösen und christlicher Motive kommt Gotteslästerung schon recht nahe.</p>
<p>In den vergangenen Jahrhunderten hat sich schließlich doch eher eine humanistische und emanzipatorische Interpretation der christlichen Botschaft durchgesetzt. Aber auch die alttestamentarische, jüdische Tradition ist voller Botschaften wie: „Die Fremdlinge sollst Du nicht bedrücken“. Oder: „Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache.“ Die biblische Tradition ist einfach auch das Inhaltsverzeichnis der revolutionären und egalitären Ideale der Menschheitsgeschichte, und stellt damit eine Fundus der Sprache auch für den Kampf gegen Beherrschung bereit, wie sie immer wieder von Widerstandskämpfern wie Martin Luther King angeschlagen wurde. Die biblische Sprache von Propheten und Predigern ist eine kraftvolle Rhetorik, die man weltlicher Herrschaft entgegenschleudern kann – das berühmte „Truth to Power“.</p>
<p>Aber zugleich ist das Zornige, das Aggressive, das Strafende in den Religionen angelegt, und besonders in den monotheistischen Religionen, die eine gewalttätige Unbedingtheit ins Feld des Religiösen eingeführt haben. Viele Gelehrte, wie etwa der verstorbene Religionswissenschaftler Jan Assmann, haben darauf hingewiesen, dass der exklusive Wahrheitsbegriff des Monotheismus, dessen Unterscheidung zwischen dem einen, richtigen Gott und den vielen falschen Göttern Rhetoriken der Strenge und der Kompromisslosigkeit etabliert haben. Der Herr als „verzehrendes Feuer“, als „eifernder Gott“, von dem gesagt wird: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ Einer der zentralen, berühmtesten Sätze der Evangelien lautet schließlich: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Das ist in gewissem Sinne ja der furchtbarste Satz der Menschheitsgeschichte. Darin konzentriert sich die eifernde Sprache des Fundamentalismus, mit dem eine Unduldsamkeit in die Welt kommt – und den alle Tyrannen der Welt zu ihrem Leitspruch machten.</p>
<p>US-Kriegsminister Hegesth sieht die US-Militärs, die gerade den Iran bombardieren, nicht nur in einem geopolitischen Konflikt, sondern in einem Krieg „für Jesus“. Damit wird an eine Sprache angeschlossen, in der Heilserwartung und Vernichtung nah beieinander liegen, es wird eine „Verbindung von Frömmelei und Blutrünstigkeit“ beschworen, und „militante Maskulinität mit christlicher Gewissheit“ (The Guardian) kombiniert. Hegseths engster religiöser Vertrauter, der Pastor seiner Gemeinde, ist beispielsweise für die Abschaffung des Frauenwahlrechts und die Errichtung einer Theokratie.</p>
<p>Wir sehen heute, wie dieser Irrwitz auch auf die christlichen Milieus in Europa ausstrahlt. Fundamentalisten, die früher kaum Wahrnehmung gefunden und ein Schattendasein gefristet hätten, gewinnen im rechtsextremen Biotop und in Krawallmedien Aufmerksamkeit und infiltrieren auch katholische und protestantische Milieus, sie schwingen sich zu Verteidigern des christlichen Europa auf, spüren Aufwind, sie glauben etwa, die Fristenlösung abschaffen zu können. Was vor wenigen Jahren noch der Narrensaum war, wird selbstbewusster: neo-integralistische Propagandisten träumen sogar von einer Theokratie, einem Gottesstaat, in dem das religiöse Sittengesetz und die weltliche Herrschaft nicht mehr getrennt sind.</p>
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		<title>Das Hin und Her von Hass und Terror</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Aug 2025 07:46:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Denken, das um die Welt geht: Wie sich Frantz Fanon von großen Österreichern beeinflussen ließ – und was er uns bis heute lehrt. Zum 100. Geburtstag des radikalen Intellektuellen. Imperialismus, Kolonialismus und eine Weltordnung, die wie selbstverständlich von weißer Dominanz geprägt ist, gehen mit einem Set an ganz großen Lügen einher: dass „den Wilden“ die &#8230; <a href="https://misik.at/2025/08/das-hin-und-her-von-hass-und-terror/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Das Hin und Her von Hass und Terror</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Denken, das um die Welt geht: Wie sich Frantz Fanon von großen Österreichern beeinflussen ließ – und was er uns bis heute lehrt. Zum 100. Geburtstag des radikalen Intellektuellen.</h4>
<p>Imperialismus, Kolonialismus und eine Weltordnung, die wie selbstverständlich von weißer Dominanz geprägt ist, gehen mit einem Set an ganz großen Lügen einher: dass „den Wilden“ die Zivilisation gebracht wird, der Fortschritt, die Kultur, dass sie eben eine unterlegene Kultur seien, dass sie einfach nicht fähig sind zur Unabhängigkeit, und dass der Andere (der „Eingeborene“, der Schwarze, der Muslim, der was auch immer) bestimmte Charaktereigenschaften hat, die seine Minderwertigkeit begründen: dass er simpel im Kopf ist, oder dass er verantwortungslos ist, fröhlich in den Tag hinein lebt, gerne lacht, gerne tanzt. „Unbekümmert, gesellig, redselig, körperlich entspannt“ (Frantz Fanon).</p>
<p>Als Kolonisierte werden sie wie undankbare Kinder hingestellt, die rebellieren, obwohl man ihnen ja so viel Gutes gebracht hat, und als Einwanderer als freche Invasoren, die auch noch Forderungen stellen, statt sich still anzupassen.</p>
<p>Dieses ganze Set an Vorstellungen hat Frantz Fanon in einer vor ihm nicht dagewesenen Schärfe kritisiert. Mehr noch: Er hat es mit aller Entschiedenheit bekämpft. Diese Woche wäre der große Vordenker des radikalen Antikolonialismus 100 Jahre alt geworden. Dabei ist er schon vor bald 64 Jahren an Leukämie gestorben. Frantz Fanon, der schwarze Intellektuelle aus Martinique, wollte auch die Vergiftung heilen, die diese westlichen Theorien in den Gefühlsstrukturen der Kolonisierten anrichten.<span id="more-11420"></span></p>
<blockquote>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Robert Misik, </strong><strong>IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW</strong></span></p>
</blockquote>
<p>Dabei war er „Western as fuck“. Fanon selbst, das ist die Paradoxie von „hybriden“, also multikulturellen Identitäten, war selbst eminent „westlich“. Sein spätes Loblied auf die revolutionäre Kampforganisation war ganz von Marx und Lenin geprägt, die Prinzipien der Gleichheit aller hatte er aus der Aufklärung und der französischen Revolution (Prinzipien, die der Westen mit seiner Doppelmoral eben mit Füßen tritt). Und als Kind einer gehobenen Mittelschichtfamilie in Martinique in französischer Kultur aufgewachsen, war ihm zunächst die Mimikry an die koloniale Ordnung zur „zweiten Natur“ geworden. War er schlimm, schimpfte ihn die Mutter, er benehme sich schon „wie ein Neger“. Im zweiten Weltkrieg kämpfte er in der französischen Armee gegen die Nazis und machte die erschütternde Erfahrung, dass man die Schwarzen eben nicht wie Gleiche behandelt. Es war nur eine von vielen Kränkungen.</p>
<p><strong>Fanon, Freud und Adler</strong></p>
<p>Es steckte sogar ein ordentliches Maß an „Wienertum“ in ihm, und nicht nur, weil ein Strang seiner mütterlichen Familie aus Straßburg stammte, wohin sie sich einst auf Grund der österreichischen Religionskonflikte geflüchtet hatte (wahrscheinlich war der Name „Frantz“ noch eine Homage an dieses Herkommen). Niemand hat den Psychiater und Psychoanalytiker Frantz Fanon wahrscheinlich so sehr geprägt wie Sigmund Freud, aber auch Alfred Adler, der seinerzeit das Konzept des „Minderwertigkeitskomplexes“ entwickelt hatte.</p>
<p>Fanon bekämpfte die westlich-imperiale Kultur mit den Werkzeugen der westlichen Kultur selbst. Er benützte die Analyseinstrumente, die sie entwickelt hatte. Er nahm die Postulate des menschenrechtlichen Universalismus und maß die dominierende Macht daran, dass sie ihre Werte mit den Füßen trat. Und er wusste, wie wir alle kulturell verflochten sind, sodass alleine die Idee von unveränderbaren kulturellen Eigenarten (von „Identität“ in einem strengen Sinne) schon eine verrückte Vorstellung ist.</p>
<p>Die koloniale Situation, so beschrieb das Fanon in seinem ersten großen Text („Schwarze Haut, weiße Masken“), stützt sich nicht nur auf die eingangs beschrieben Stereotype vom Schwarzen (vom Eingeborenen, vom Anderen, vom Muslim…), auf die Infantilisierung, sondern eben auch darauf, dass diese stereotypen Bilder von den Schwarzen selbst aufgenommen werden, dass sie sich diese aneignen, sich ihnen unterwerfen, als negatives eigenes Ich. Und daraus müssen sich die schwarzen Kulturen erst einmal befreien. „Der Weiße erschafft den Neger. Aber der Neger erschafft die Negritude“, schrieb er damals noch – „Negritude“, das war nicht nur der Versuch einer selbstbewussten Umkehr des abwertenden N-Wortes (von der Art der Begriffseroberung wie später etwa von den Schwulen), sondern auch die Idee einer Gegenidentität, einer Gegenkultur. Negritude, das war in der Nachkriegszeit der große Schrei, als Konzept etabliert etwa von legendären Aktivisten, Politikern, Denkern und Literaten wie Aimé Césaire und Leopold Senghor. Dem schwarzen Menschen selbst wird ein „Minderwertigkeitskomplex“ (so Fanon in Adlers Terminologie) eingebrannt, er muss sich „von dem Arsenal an Komplexen befreien, das sich im Schoß der kolonialen Situation herausgebildet hat“.</p>
<p><strong>Wie „der Schwarze“ produziert wird</strong></p>
<p>Was als Eigenart und auch an scheinbar „schlechten“ kulturellen Eigenschaften in Erscheinung tritt, ist von der Missachtung, der Herablassung, der Behandlung als Infantile selbst produziert. Und diese kulturelle Stereotypisierung aus den Kolonien ist in Einwanderungsgesellschaften von heute ebenso präsent. Der Unterprivilegierte, der als „gefährlich“ Angesehene, muss immer auf der Hut sein, vor Rassisten, vor der Polizei, vor dem Militär oder der Einwanderungsbehörde. Dieses „Auf-der-Hut-sein“, macht etwas mit ihm, wie eklatante Unsicherheit und chronische Respektlosigkeit mit jedem etwas macht.</p>
<p>Umgekehrt werden Projektionen einfach übernommen, von der Art: Wenn ihr mich alle für einen Gangster haltet, dann werde ich einfach einer. Jede Mutter eines tschetschenischen Buben kennt das, und macht sich Sorgen, dass das Kind nur nicht in falsche Kreise gerät.</p>
<p>Die Situation von Kolonisierten in Algerien der fünfziger Jahre, von den Nachkommen schwarzer Sklaven in den USA und die von Einwandererkindern der zweiten Generation bei uns heute ist nicht identisch. Es ist sicher ein grober Fehler, das alles, wie heute gerne üblich, mit denselben Begrifflichkeiten zu analysieren – aber es ist eben auch nicht unähnlich und hat einen vergleichbaren sozio-kulturellen Hintergrund. Es führt vielleicht keine gerade Linie von Senghor zu Rapperinnen wie Esrap, aber auch keine gar krumme.</p>
<p><strong>Er spürte den „weißen Blick“ wie ein Messer</strong></p>
<p>Insofern hilft Fanon-lesen natürlich auch ungemein, die kulturell-psychischen Dynamiken von Migrationsgesellschaften zu verstehen. Man darf es nur nicht auf die dumme Weise machen, auf Phrasen- und simple Aktivistenart.</p>
<p>Fanons Denken war vorbereitet, nicht nur von Giganten wie Césaire und Senghor, sondern auch von Intellektuellen wie dem großen schwarzen amerikanischen Soziologieprofessor W. E. B. Du Bois – dem Freund Max Webers und Autor von „Die Seelen der Schwarzen“ – und der jungen Studenten aus den Kolonien. Das waren die Vordenker jenes heute „Postkolonialismus“ genannten Theoriekomplexes, der erst von James Baldwin, Malcolm X und den Black Panther, später von Edward Said, dem legendären palästinensischen Intellektuellen, von Gayatri Chakravorty Spivak, von Stuart Hall, von Achille Mbembe und anderen weiter entwickelt wurde, bis hin zu den etwas grob gedachten und heftig umfehdeten „Critical Whiteness Theorys“, die für die heutigen Neofaschisten wie Donald Trump das absolute Böse sind. Fanon, das ist der große Star der Szene.</p>
<p>Fanon, der Mediziner aus Martinique, begann sich mit dem Zorn und der Wut der Unterdrückten zu identifizieren. In Frankreich spürte er den „weißen Blick“, die Vorsicht, die Angst, die Herablassung, die einem erst zum Schwarzen macht. Er stellte fest, dass seine Kollegen zu Nordafrikanern sprachen, als wären sie begriffsstutzige Kinder. „Der Kolonialismus, begann er zu bemerken, war ein System pathologischer Beziehungen, die sich als Normalität maskierte“, so Adam Shatz in seiner großen Fanon-Biografie.</p>
<p>Es ist der Rassismus, der den Minderwärtigen produziert.</p>
<p><strong>Die „Heilung“ der Komplexbeladenen</strong></p>
<p>Der Psychiater Fanon wollte die „Ent-Entfremdung“ der Unterdrückten. Als Franzose kam er nach Algerien, schloss sich aber bald den Kreisen des antikolonialen Widerstandes an, wurde ein Vertrauter der Nationalen Befreiungsfront FLN, später in Tunis sogar deren Sprecher. Mit dem antikolonialen Kampf werde nicht nur der Kolonialismus verschwinden, „sondern auch der Kolonisierte“, so Fanon in seinem posthum erschienenen Hauptwerk „Die Verdammten dieser Erde“. Es war voller Zorn, aber auch voller Optimismus der Zeit, nämlich der Annahme, dass die Befreiung zur eminenten Befreiung führen würde, auch zur Befreiung von den psychischen Pathologien, die Unterdrückung nach sich zieht.</p>
<p>Legendär wurde Fanon wegen seines Denkens der Gewalt (Kritiker sprechen vom „Kult der Gewalt“), dass im bewaffneten Kampf gegen die Herrschaft ein neuer Mensch entstünde, alleine schon, weil er die Angst vor den Unterdrückern ablegt. Alleine: Weil wächst, wer sich wehrt. „Der kolonisierte Mensch befreit sich in der Gewalt und durch sie… Auf der individuellen Ebene wirkt die Gewalt entgiftend. Sie befreit den Kolonisierten von seinem Minderwertigkeitskomplex…“ Der Unterdrückte hört auf, Ding zu sein und wird Mensch.</p>
<p><strong>Kult der Gewalt</strong></p>
<p>Heute wissen wir: Ganz so einfach lief das leider nicht, denn auch die Gegengewalt produziert Brutalisierung, hält das Soldatische hoch, produziert toxische Männlichkeit, muss die Konflikte zuspitzen und lässt keine Graustufen zu, zwingt zu Schwarz-Weiß-Denken und führt nicht unbedingt zu psychischer Heilung, sondern zu neuen Krankheitsbildern. Aus Antikolonialisten wurden selbst Despoten, aus Befreiungskämpfern Massenmörder. Auch die Langzeitwirkungen der Minderwertigkeitskomplexe verflüchtigen sich nicht so schnell. In postkolonialen Welten, in denen vielleicht die direkte koloniale Beherrschung verschwindet, aber nicht die Stereotypisierungen, entstehen sie sogar immer wieder aufs Neue.</p>
<p>Kein Wunder jedenfalls, dass Fanons Analysen – seine Einsichten und seine Irrtümer – bis heute fortleben und in vielen Debatten herumgeistern, seien es die über den Gazakrieg („der gewalttätige, terroristische, verlogene Araber“), seien es die Blicke auf migrantische Jugendgangs an unseren Bahnhöfen. Edward Said schrieb einmal ironisch, das vorherrschende Zerrbild des Arabers sind „faule Kameltreiber, Terroristen oder aufreizend reiche Scheichs“.</p>
<p><strong>Der Hass, der sich wechselseitig nährt</strong></p>
<p>Der westliche Imperialismus und der Nationalismus der Dritten Welt nähren sich gegenseitig, so wie das westliche Überlegenheitsgefühl und der fürchterliche Islamismus. Gewalt und Gegengewalt etablieren „das Hin und Her des Terrors“ (Achille Mbembe). Fanon wird oft als Gewährsmann für Haltungen genommen, die nicht die seinen waren, etwa für einen antiwestlichen Fundamentalismus, für ein steriles Identitätsdenken, für Antiuniversalismus, manchmal sogar für Antisemitismus. All das ist umso leichter, als der Zorn und die Empörung – und die persönlichen Verwundungen – des oft auch zur Kaltherzigkeit neigenden „schwarzen Jakobiners“ (Adam Shatz) dafür durchaus Quellen liefern.</p>
<p>Es sind die Realitäten von Unterdrückung, aber auch die kulturalisierenden Diskurse, die mit diesen einher gehen, die, wie das Achille Mbembe nannte, „den Neger der Weißen und den Weißen der Neger“ schufen (also stereotypisierende Bilder und Karikaturen im Kopf der jeweils Anderen), und die bis heute dazu führen, dass „im Rahmen der neuen Welle von Einwanderungsfeindlichkeit in Europa ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert“ werden.</p>
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		<title>Die rohe Gesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jul 2025 09:29:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum Rücksichtlosigkeit und autoritäre Aggression heute wieder zunehmen. Viele Menschen haben den Eindruck, dass unsere Welt unsicherer und rücksichtsloser wird. Nun muss man bei „Eindrücken“ immer sehr vorsichtig sein, denn oft stützen sie sich nicht auf Erleben, sondern sind von jenem „Schwund genuiner Erfahrung“ gekennzeichnet, den Soziologen schon vor hundert Jahren analysierten. In Mediengesellschaften kriegen &#8230; <a href="https://misik.at/2025/07/die-rohe-gesellschaft/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Die rohe Gesellschaft</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4>Warum Rücksichtlosigkeit und autoritäre Aggression heute wieder zunehmen.</h4>
<p>Viele Menschen haben den Eindruck, dass unsere Welt unsicherer und rücksichtsloser wird. Nun muss man bei „Eindrücken“ immer sehr vorsichtig sein, denn oft stützen sie sich nicht auf Erleben, sondern sind von jenem „Schwund genuiner Erfahrung“ gekennzeichnet, den Soziologen schon vor hundert Jahren analysierten. In Mediengesellschaften kriegen wir Dinge scheinbar mit, die wir gar nicht mitkriegen. Morde und andere Tötungsdelikte nehmen in den vergangenen 25 Jahren markant ab. Gab es rund um das Jahr 2000 in Österreich noch durchschnittlich 100-120 mal Mord, Totschlag und ähnliches, haben wir uns in den letzten Jahren bei rund 70 eingependelt. Auch viele andere Arten von Kriminalität nahmen ab, aber andere sind wieder im Wachsen begriffen. Die allgemeine Gewaltkriminalität von Schlägereien, Messerstechereien bis Raub – sie sind leicht angestiegen. Von rund 70.000 Anzeigen vor zehn Jahren auf rund 85.000. Zahlen aus Deutschland weisen wiederum darauf hin, dass Gewaltkriminalität generell und Gewaltkriminalität unter Einsatz von Messern in den vergangenen zwanzig Jahren eher konstant geblieben sind. Zugenommen hat nur die Berichterstattung um das 250fache.</p>
<p>Dennoch haben viele Menschen den Eindruck, es werde in unserer Gesellschaft brutaler. Wilhelm Heitmeyer, einer der bedeutendsten deutschen Soziologen, spricht von einer „durchrohten Gesellschaft“, also, dass es rauer wird, dass die Rücksichtslosigkeit zunimmt. Die These lautet, dass viele Menschen schon vollgepumpt mit Aggression durch den Alltag gehen und das rauslassen, sobald ihnen irgendetwas gegen den Strich geht. Man kann das schwer messen, denn es gibt natürlich keine Statistiken oder Protokolle darüber, ob man bei der Supermarktkasse angeblafft, am Parkplatz von jemanden blöd angeschnauzt wird und ob das häufiger vorkommt als früher.<span id="more-11416"></span></p>
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<p>Politiker und Politikerinnen werden heute viel häufiger Opfer von Übergriffen als früher. Sie brauchen oft Personenschutz. Selbst Hilfsorganisation wie Rettung und Feuerwehr sind Aggressionen ausgesetzt. Dominanzverhalten, autoritäre Aggression, Drohungen, männliche Aufgeblasenheit, all das kann heute zunehmen. Man weiß es nicht genau, aber es gibt auch genug Indizien dafür, dass das so ist. US-Studien haben gezeigt, dass Empathie, also das Einfühlen in den Andere, und die Fähigkeit und Bereitschaft, mit den Augen der Anderen zu sehen, deutlich abgenommen haben. Egoismus, Ichbezogenheit, Narzissmus, all das habe zugenommen, so lautet die Behauptung. Das Gesamtbild ist widersprüchlich, wenn wir ehrlich sind und nicht selbst schon in den Erregungsmodus von „alles wird schlechter“ reinfallen wollen.</p>
<p>Das Breitbeinige, das Einschüchtern, das Drohen, es ist heute aber wieder viel häufiger und wird von ganz oben herab praktiziert, man denke nur an Donald Trump. Die aggressive Gewaltsprache, sie wird von skrupellosen Politikern verbreitet, die sich einen populistischen Vorteil davon erwarten, und die damit das Klima vergiften. Die Dinge grell in Schwarz/Weiß darstellen, das ist das Geschäft vieler Medien, die wissen, dass sie unsere Aufmerksamkeit am besten bekommen, wenn wir uns empören. Und in der Gesellschaft als ganzes hat man uns eingeredet, dass ein Kampf Aller gegen Alle tobt, Solidarität nichts ist, auf das man sich verlassen kann. Oft ist das auch die Lebenserfahrung der Leute, die dann sagen: „Ich kümmere mich nur mehr um mich selbst“. Menschen gehen mit Angst durchs Leben. Und mit den Sozialen Medien, ihrem Herdentrieb, ihren Hang zur emotionalen, schnellen Erregung, ihrer Missgunst, mit dem Willen, alle vorsätzlich misszuverstehen, haben wir eine Art von Öffentlichkeit hergestellt, in der sehr schnell Pogromstimmung um sich greift.</p>
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		<title>In Shakespeares Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Jul 2025 09:38:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Die Zeit ist aus den Fugen“. Donald Trump, Elon Musk, Benjamin Netanjahu, Erzschurken, wie sie im Buche stehen. taz, Schlagloch-Kolumne, Juni 2015 Die weltberühmte Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat ein neues Shakespeare-Buch geschrieben, weshalb ich ein paar Tage mit ihr durch Österreich tourte, zu Buch-Talks in Wien und in Bad Ischl. Letzteres war die prachtvolle Sommerresidenz-Stadt &#8230; <a href="https://misik.at/2025/07/in-shakespeares-welt/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">In Shakespeares Welt</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h5>„Die Zeit ist aus den Fugen“. Donald Trump, Elon Musk, Benjamin Netanjahu, Erzschurken, wie sie im Buche stehen.</h5>
<p><em>taz, Schlagloch-Kolumne, Juni 2015</em></p>
<p>Die weltberühmte Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat ein neues Shakespeare-Buch geschrieben, weshalb ich ein paar Tage mit ihr durch Österreich tourte, zu Buch-Talks in Wien und in Bad Ischl. Letzteres war die prachtvolle Sommerresidenz-Stadt des Kaisers im Salzkammergut und ist selbst ein „shakespearischer“ Ort („shakespearean“ ist über die Jahrhunderte ein gängiges Adjektiv geworden). Die Stadt ist auch deshalb so wunderschön, weil sich Hofschranzen, Wichtigtuer und die seinerzeitige Kulturschickeria hier ihre Villen bauten, um der Macht nahe zu sein. So konnten sie buchstäblich im Spaziergang ihre Deals anbahnen. Der Kaiser selbst, ein in späteren Jahren gemäßigter Konservativer (der den Fortschritt nicht aufhalten, aber verlangsamen wollte, damit die Menschen von ihm nicht überfordert sind), war ein bisschen ein Zauderer wie Hamlet. Trotzdem hat er leider von Bad Ischl aus – vom Post- und Telegrafenamt – 1914 die Kriegserklärung abgeschickt. Eine (Fehl-)Handlung, die das Verhängnis in Gang setzte und an dessen Ende des Imperators Reich zerfallen ist. Ziemlich shakespearisch alles.</p>
<p>Was bei Shakespeare immer wieder auftaucht: die toxischen Geheimnisse, das Unglück, das durch falsche Annahmen ausgelöst wird, Intrige und Leidenschaft. Die Macht mag seit Shakespeares Zeiten ihre Verkörperungen verändert haben – nicht mehr Könige, Feldherren, Träger personaler Macht sind heute zentral –, sie wabert eher in den Kapillaren der Gesellschaft, hat sich aufgelöst in Strukturen (Foucaults berühmte „Maschen der Macht“), und dennoch ist uns das alles vertraut. Die Macht, die mit Ohnmacht einher geht, die unbeabsichtigten Nebenfolgen von Handlungen, die gesetzt werden; die Frage, ob man denn überhaupt handeln kann, sobald man mögliche Nebenfolgen bedenkt. Wer überstürzt handelt, richtet Verderben an, wer besonnen ist, erst recht. König Lear, der jähzornige Alte, regelt seine Nachfolge und zerstört damit sein Reich. Macbeth, der Ehrgeizling, ruiniert alles. Der Kompromiss führt zu keinen Lösungen, die Kompromisslosen waten durch ein Meer von Blut. Unfähige Könige sitzen am Thron, korrupte Hofschranzen und boshafte Berater umschwänzeln sie.</p>
<p>Ein einmal errungener Frieden kann die Konflikte nur überdecken, alte Verletzungen kochen immer wieder aufs Neue hoch. Kennt man aus der SPD.</p>
<p>Geheimnisse werden als Einsatz im Machtpoker benützt, sie werden bewahrt, als Munition für morgen, oder weitergegeben, um Komplizenschaft zu stiften. Passiert an jedem zweiten Tisch in den Berliner Regierungsviertel-Cafés.</p>
<p>Die Leidenschaft zieht eine Blutspur, das Fehlen von Leidenschaft mitunter auch, Ehrgeiz, Rachsucht, Eitelkeit und Gefallsucht sowieso. Frappierend, wie ähnlich sich das in Demokratien und Königreichen ist. Auch die Könige brauchten Legitimität und sie waren von Machtnetzwerken umgeben, die an ihnen zerrten. Dass sie nicht gewählt werden mussten, machte es ihnen kaum leichter.<span id="more-11413"></span></p>
<p>„Die Zeit ist aus den Fugen“, heißt es bei Hamlet. In den USA vollzieht sich nicht nur das Abgleiten in einen neuen Autoritarismus. Der Präsident schickt seine Menschenjäger aus, Paramilitärs, die Leute von der Straße wegfangen. Zuletzt entfaltete sich ein Beziehungsdrama der bizarren Art. Die lange zelebrierte Liebe zwischen dem alternden Wirrkopf Donald Trump und dem crazy Spinner Elon Musks schlug in ihr Gegenteil um, erst in ein Zerwürfnis, dann in offenem Hass. Wie unerzogene Jungs und gestörte Narzissten richteten sie ihre ordinäre Kraftmeierei, die ihre Anhänger an ihnen bewundern, nun gegeneinander. Man denkt an König Lear, mit dem Trump einerseits wenig gemein hat, weil Trump nicht die sichtbare Güte und Liebe ausstrahlt, wie Lear das tut. Aber wie der alternde König Lear, der seine Nachfolge regeln will, dabei aber das Unheil in Gang setzt, weil ihm die Leidenschaft zur Unvernunft anstachelt, so kann man auch in Trump den wunderlichen Greis sehen, der seines Unvermögens wegen ein ganzes Imperium ruiniert.</p>
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</blockquote>
<p>Shakespeares Charaktere, auch die Schurken, machen oft eine allmähliche Wandlung durch. Eine Ausnahme ist der Erzschurke Richard III. Es drängte sich auf, dass wir in Bad Ischl auch auf Benjamin Netanjahu zu sprechen kamen. Letztendlich ist Benjamin Netanjahu der größte Feind Israels und die größte Bedrohung der Sicherheit des Landes, und das nicht erst seit gestern oder ein paar Jahren. Selbst Zeitzeugen wie ich vergessen die Dinge ja manchmal und man muss sie sich in Erinnerung rufen. Schon in den frühen neunziger Jahren hetzte Netanjahu gewissenlos gegen den Friedenskurs und den damaligen Premier Yizhak Rabin, so wüst, so lange, bis ein rechtsradikaler Irrer den Regierungschef erschoss. Mehr noch: Ohne diese Hetze hätte es die gigantische Friedensdemonstration nicht einmal gegebenen, nach deren Ende Rabin ermordet worden war, sie war die Antwort auf Netanjahus Politik des Hasses. Den Abzug der Pistole drückte ein rechter Wirrkopf, aber das Klima, das ihn motivierte, schufen Netanjahu und seine Leute. Es war, glaube ich, das letzte Mal, dass ich weinend vor dem TV-Gerät saß. Alleine für dieses Verbrechen will ich Netanjahu in Den Haag sehen. Das ist fast eine persönliche Sache.</p>
<p>Wie Richard III tritt Netanjahu seit jungen Jahren als Schurke auf und führt in der Folge sein Schurkenleben, das zum moralischen Verfall seiner Umgebung beiträgt. Richard III trieb sein Groll an, die Zurücksetzung, er hinkt, hat einen Buckel, nichts Prächtiges ist an ihm. Auch in Netanjahu steckt diese Bitterkeit, als Sohn eines radikalen Gelehrten, der Benjamins älteren Bruder immer für fähiger hielt und den Jüngeren für einen Nichtskönner. Der Ältere, Jonathan Netanjahu, ist als Kommandeur einer Spezialeinheit bei der legendären Geiselbefreiung in Entebbe getötet worden. Ungezügelte Ambition, Ruchlosigkeit, Niedertracht und Bitterkeit treibt seinen Bruder nun seit Jahrzehnten an, und er zerstört sein Land, seiner persönlichen Macht wegen.</p>
<p>„Gewissen ist ein Wort, gebraucht von Feigen, erfunden nur, die Starken einzuschüchtern.“ Das war jetzt von Shakespeare, nicht von Bibi.</p>
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		<title>Rechtsextremismus als Massenhysterie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2025 12:29:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Psychoanalyse der Neuen Rechten: Wie Trump, Kickl, Weidel &#38; Co. an sich anständige Leute zur Bestialität umerziehen. Der legendäre Sozialforscher Leo Löwenthal hat einmal in einem Interview die faschistische und populistische Agitation mit den schönen Worten charakterisiert, „dass sie die Psychoanalyse auf den Kopf stellt“. Während der Psychoanalytiker die Neurosen, psychotischen Störungen und die Spuren &#8230; <a href="https://misik.at/2025/07/rechtsextremismus-als-massenhysterie/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Rechtsextremismus als Massenhysterie</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Psychoanalyse der Neuen Rechten: Wie Trump, Kickl, Weidel &amp; Co. an sich anständige Leute zur Bestialität umerziehen.</h4>
<p>Der legendäre Sozialforscher Leo Löwenthal hat einmal in einem Interview die faschistische und populistische Agitation mit den schönen Worten charakterisiert, „dass sie die Psychoanalyse auf den Kopf stellt“. Während der Psychoanalytiker die Neurosen, psychotischen Störungen und die Spuren von Traumata im Individuum zu heilen versucht, betreibt die populistische Agitation das Gegenteil: die schürt die Wut, die Verbitterungsgefühle, will ihre Anhänger in vollends paranoide Charaktere verwandeln. Löwenthal: „Man macht den Menschen neurotisch und psychotisch und schließlich völlig abhängig von ihren sogenannten Führern“ und verstärkt „die mörderischen, aggressiven und destruktiven Impulse“.</p>
<p>Leo Löwenthal war eine der Zentralfiguren der später „Frankfurter Schule“ genannten Gelehrtengruppe, hat mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Untersuchungen über den „autoritären Charakter“ entwickelt, und in seiner Studie „Falsche Propheten“ minutiös die Techniken und Rhetoriken amerikanischer faschistischer Führer offengelegt. Es gibt bis heute wenig an Gesellschaftstheorie rechter Bewegungen, das diese Arbeiten übertrifft.</p>
<p>Ich denke in letzter Zeit häufiger und intensiver über diese Studien nach, und zwar aufgrund eines Verdachtes, den man auch eine Art Terror des Vorgefühls nennen kann: Agitation und Verhetzung macht Menschen nicht nur zu Wählern rechter Parteien, sie spricht auch nicht einfach „Vorurteile“ und Ressentiments an, die die Menschen schon haben – sie verwandelt diese Menschen. Und zwar sowohl die Menschen als einzelne Individuen als auch als Kollektive von Individuen.<span id="more-11411"></span></p>
<p><strong>Wie rechte Agitation die Menschen verändert</strong></p>
<p>In der mittlerweile endlosen Literatur zum Aufstieg der Neuen Rechten wird leider hauptsächlich analysiert, warum Menschen zu Anhängern harter Rechtsparteien werden, durch welche Verwundungen das begünstig wird, welche gesellschaftliche Pathologien und Ängste angesprochen werden. Bedrohungsgefühle durch Wandel werden ins Treffen geführt, Abstiegsängste, ein Mangel an sozialer Anerkennung usw. Das ist alles total richtig. Aber es wird viel weniger untersucht – und zwar sowohl empirisch wie theoretisch –, wie das die Menschen verändert, die in die Fänge der rechten Agitation geraten, und damit auch, wie das Gesellschaften verändert, die Opfer dieser Agitation werden.</p>
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<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
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</blockquote>
<p>Dabei wissen wir aus dem Horror der Geschichte: Ende der dreißiger Jahre machten Menschen enthusiastisch bei der Judenvernichtung mit, die sich das zehn Jahre vorher nicht hätten vorstellen können. In den neunziger Jahren machten am Balkan Menschen bei der systematischen Ermordung ihrer Nachbarn mit, die sich das zehn Jahre vorher nicht hätten vorstellen können. Wir können hier noch sehr viele weitere Beispiele aufführen, die beiden sollten aber reichen, um klar zu machen: Dazwischen liegt stets eine Phase der Verwandlung, in der die Menschen psychisch geradezu ummontiert wurden. In denen Anlagen von Verbitterung und Grausamkeit vorsätzlich zum Eskalieren gebracht wurden. Simpel gesagt: In denen die Menschen buchstäblich zu „ganz anderen“ gemacht worden sind. Jahre, in denen sie zur Grausamkeit und Bestialität umerzogen wurden.</p>
<p>Eines der Instrumente dafür ist natürlich, diese jeweiligen Anderen – die „Feinde des Volkes“ – in den grellsten Farben zu zeichnen, sie unentwegt so zu charakterisieren, als wären sie Monster, bis sie in den Augen der faschistischen Anhängerschaft so weit entmenschlicht sind, dass man ohne Achselzucken an ihnen die unmenschlichsten Verbrechen begeht. Das ist ein schleichender Prozess. Aber auch das ist nur ein Aspekt des dynamischen Geschehens, in dessen Zuge sich die Umerziehung zur Grausamkeit entfaltet.</p>
<p><strong>Erziehung zur Grausamkeit</strong></p>
<p>Diese Verwandlung des populistisch-faschistischen Anhängersubjektes ist der blinde Fleck unserer Debatten und Gesellschaftsanalysen. Gerne wird ja erklärt, dass der Aufstieg der Neuen Rechten von Trump bis zu Kickl und zur FPÖ bis zur AfD vor allem ein Symptom für das Versagen traditioneller Parteien, auch der Linksparteien sei: Menschen fühlen sich vom politischen System nicht mehr repräsentiert, ihre Probleme, der ökonomische Stress und ihre Abstiegs- und Verlustängste sind ignoriert, die Ungerechtigkeiten der heutigen Welt werden einfach so hingenommen. Dann kommen populistische Anführer, zeigen auf Eliten, die sich angeblich gegen die Masse der „normalen Leute“ verschworen hätten und bekunden: „Ich bin Eure Stimme.“ Und die Leute laufen ihnen nach, quasi aus Notwehr gegenüber einer Politik, die sie vergessen hat. Die implizite Botschaft dieser Art von Analyse ist: an sich gute Leute werden von bösen Rattenfängern „verführt“.</p>
<p>Das ist ja auch nicht gänzlich falsch. Es trifft einen Teil der Wahrheit. Aber eben nur einen Teil.</p>
<p>Eine andere Spielart der Gesellschaftsanalyse zeigt, dass eine Reihe von Voraussetzungen und Persönlichkeitsmerkmale diese „Verführbarkeit“ begünstigt. Etwa eine rigide Persönlichkeitsstruktur, die es erschwert, mit Ambiguitäten und Graustufen umzugehen und die dazu neigt, die Welt in Schwarz und Weiß zu teilen; oder ein Hang zu konventionellen Vorstellungen; eine Lebensgeschichte von mangelnder Anerkennung, am besten von Kindestagen an; der Hang zu autoritärer Unterwürfigkeit kombiniert mit Impulsen autoritärer Aggression; Machtdenken, Destruktivität und Zynismus.</p>
<p><strong>Menschen des Ressentiments</strong></p>
<p>Es besteht auch weitgehender Konsens, dass ein wichtiger Nährboden für die Empfänglichkeit menschenfeindlicher und autoritärer Botschaften das Ressentiment ist. Das Ressentiment, der Groll, also der Hang dazu, Andere als Urheber des eigenen Missvergnügens zu betrachten und diesen die Schuld dafür zu geben, ist wohl im Menschen auf irgendeine Weise angelegt, bildet also tatsächlich einen „Nährboden“. Aber wenn Personen zu „Menschen des Ressentiments“ in einem eminenten Sinne werden, dann ist das eine psychische Störung. „Beim Ressentiment gibt es immer ein Überborden“, schreibt die französische Philosophin und Psychiaterin Cynthia Fleury. Ist jemand vom Ressentiment besessen, dann ist das eine „Kolonisierung des Seins“, eine „Vergiftung“ und „Selbstvergiftung“. Fleury: „Eine Person, die diese Störung hat, gibt ihre Fehler nie zu, ist aggressiv und provoziert andere, hat unbeherrschte Wutausbrüche, ist pathologisch unaufrichtig, überempfindlich, weist jede Form von Autorität zurück…“ Fleury spricht von „querulatorischer Paranoia“. Die zeitgenössische psychoanalytische Forschung kennt sogar bereits das Krankheitsbild der „Verbitterungsstörung“.</p>
<p>Das Ressentiment, so der deutsche Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, hat „einen heimtückischen, schleichend zersetzenden, bösartigen und hinterhältigen Charakter“. Wer vom Ressentiment nicht nur angekränkelt, sondern vollends befallen ist, öffnet sich der Bereitschaft zur Grausamkeit, malt sich alle möglichen sadistischen Taten aus, die den Verursachern seines Unbills angetan werden könnten.</p>
<p><strong>Rechtsextremismus als Massenhysterie</strong></p>
<p>Der populistische und faschistische Agitator versucht täglich, diese Gefühle zu nähren und seine Anhänger in eine mehr und mehr ressentimentgeladene Masse zu verwandeln, also zu einer Masse an „Menschen des Ressentiments“. Von daher auch die enorme affektive Erregung, „mit der Populisten ihre Anliegen vortragen. Der affektive Furor aus Verbitterung, Ressentiments, Wut, Hass, Neid, Verfolgungsgefühlen, moralischer Empörung und Rachegelüsten ist das eigentliche motivationale Ferment, das die populistischen Bewegungen antreibt“ (Wirth). Die „Heftigkeit der Gefühle“ selbst ist eine charakteristische Eigenart solcher Anhängerschaften, schreiben Agnes und Thomas Stephenson im „Journal für Psychoanalyse“.</p>
<p>Deswegen sind rechtspopulistische Agitatoren eben nicht nur Sprachrohr einer berechtigten Empörung und nachvollziehbaren Verbitterung, sondern bombardieren ihre Anhänger mit realen genauso wie mit erfundenen Schrecken, um sie in einen Tunnelblick der Paranoia und der psychischen Störung hineinzutreiben. Es geht ihnen um die Verrohung von Menschen, die ohne sie keineswegs so rohe Leute wären. Der zeitgenössische Rechtsextremismus ist eine Massenhysterie.</p>
<p>Der Trump-, Kickl- oder Weidel-Anhänger muss als solche analysiert werden, also mit primär sozialpsychologischen Theoremen und Instrumenten, in all seiner Wirrheit und Paradoxie. Denn an Eigentümlichkeiten sind diese Bewegungen reich: Etwa, wie man eine Anhängerschaft mit einem Idealbild ausstattet, und sie zugleich als permanentes Opfer anspricht, als Verlierer, die von allen Seiten nur untergebuttert werden; also diese eigentümliche Mixtur aus Gigantomanie, Selbstabwertung und Selbstmitleid; oder wie die autoritäre Aggression sich mit dem antiautoritären Impuls „gegen die da oben“ paart; oder wie der kritische Impuls, keiner Art von Autorität irgendetwas zu glauben, in Verschwörungstheorien umkippt und in die Psychopathologie, der gesamten Umwelt zu misstrauen; wie der Rechtsextremismus ein Panorama allgemeiner Malaise zeichnet, diese aber geradezu genießt; wie Grausamkeiten erst ausgemalt werden (und dann begangen) und als Lustgewinn in der Phantasie (oder Realität) erlebt werden. Wie die Schwelle zur Gewalttätigkeit sukzessive gesenkt wird. Oder: die Unterwürfigkeit des autoritären Charakters, bei gleichzeitiger Renitenz und sein lustvolles Erleben des Aufgehens in der grölenden, gleichförmigen Masse, was auch als Selbstermächtigung empfunden wird. All das ist doch ohne das Kategoriensystem von Psychologie und Psychoanalyse überhaupt nicht vernünftig zu beschreiben.</p>
<p><strong>Verbreitung paranoider Störungen</strong></p>
<p>Der Rechtsextremismus als Massenhysterie unserer Zeit unterliegt einem Steigerungskalkül, muss die Dosis dauernd erhöhen. Insofern ist die begriffsscholastische Debatte, ob man besser vom „rechten Populismus“, vom „Rechtsextremismus“, vom „Faschismus“ oder vom „Neuen Faschismus“ spreche, weitgehend uninteressant, denn was „populistisch“ beginnt, kann durch die Eskalationslogik ganz schnell in „faschistisch“ übergehen. Wenn die Anhängerschaft psychisch und emotional ummontiert, also verändert wird, dann verändern sich die politischen Bewegungen und Anführerschaften mit. Das ist wohl auch die simple Erklärung für die Selbstradikalisierung von Parteien wir der FPÖ und der AfD und die atemberaubende Verwandlung der amerikanischen Republikaner.</p>
<p>Die Agitation verfolgt eine Taktik des „Alles-in-einen-Topf-werfens“ (Löwenthal), der Agitator „aktiviert die primitivsten und bedrängendsten Reaktionen seiner Anhängerschaft“. Schon Adolf Hitler, bemerkt Löwenthal, habe unverblümt bekundet, dass in die Hirne „das Bewusstsein ständiger physischer und geistiger Bedrohung eingebrannt“ werden müsse, und das Um und Auf der rechten Propaganda die „systematische Umwandlung der Begriffswelt und der Empfindungsschemata der Masse“ sei. Die Menschen werden mit Schreckensnachrichten bombardiert, somit in einen Zustand permanenter Erregung versetzt. In einer durchmedialisierten Gesellschaft mit ihrem „Schwund genuiner Erfahrung“ kommt noch hinzu, dass Menschen den Eindruck bekommen, manche Verbrechen, etwa von Ausländern oder Muslimen (und früher Juden) wären epidemisch, auch wenn sie selbst noch nie eines dieser Verbrechen selbst erlebt haben. Die Möglichkeiten zur paranoiden Aufganselung, die heute das Internet und die Social-Media-Plattformen als „Erregungsmedien“ bieten, sind noch einmal ganz andere und effektivere, als dies frühere Agitation vorfand. Mit dem Sog der extremistischen Propaganda geht immer auch eine „Entrealisierung“ einher, ein Verlust an Wirklichkeitssinn und eine Fixierung auf den Negativismus. Es ist erhellend, dass Forscher herausgefunden haben, dass sogar unglückliche Menschen noch einmal markant unglücklicher werden, wenn sie in die Fänge rechtsextremer Netzwerke geraten: die Welt, die sie vorher als Ort des Missbehagens wahrnahmen, erscheint ihnen noch mehr als bedrohlicher und feindseliger Ort, sobald sie Opfer der Agitatoren werden.</p>
<p>Die Gesellschaftsanalyse der Gegenwart muss also nicht nur die Umstände, die Menschen für faschistische Agitation empfänglich machen, mit rationalen Methoden ergründen, wie das heute Gang und Gäbe ist. Die Gesellschaftstheorie sollte mehr Augenmerk auf die Sozialpsychologie – oder soziale Psychoanalyse – dieser Bewegungen legen und nicht nur auf die Anführer starren, sondern sich genauer ansehen, was es mit den Menschen macht: Wie diese Menschen dann verändert, wie sie von normal empfindenden Leuten zu verbitterten, vergifteten Gefühlszombies verwandelt werden, zur Grausamkeit erzogen und zu potentiellen Mördern ummontiert.</p>
<p>Die Massengräber dieser Welt sind schließlich voller Ermordeter, die von irgendwann einmal „an sich guten Leuten“ vom Leben zum Tode gebracht worden sind.</p>
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		<title>Erziehung zur Bestialität</title>
		<link>https://misik.at/2025/07/erziehung-zur-bestialitaet/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Jul 2025 10:35:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Trump und die Neofaschisten aller Länder wollen die Menschen verrohen und ihnen die Empathie austreiben. Das funktioniert erschreckend gut. Donald Trump hat ein Konzentrationslager in Florida inspiziert, das dieser Tage in Betrieb geht. Es besteht aus eng aneinander gebauten, kleinen Käfigen, wie man sie früher „Hundeszwinger“ nannte, bevor diese Form der Käfighaltung aus Tierschutzgründen in &#8230; <a href="https://misik.at/2025/07/erziehung-zur-bestialitaet/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Erziehung zur Bestialität</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h5>Trump und die Neofaschisten aller Länder wollen die Menschen verrohen und ihnen die Empathie austreiben. Das funktioniert erschreckend gut.</h5>
<p>Donald Trump hat ein Konzentrationslager in Florida inspiziert, das dieser Tage in Betrieb geht. Es besteht aus eng aneinander gebauten, kleinen Käfigen, wie man sie früher „Hundeszwinger“ nannte, bevor diese Form der Käfighaltung aus Tierschutzgründen in Verruf geraten ist. In diesem Konzentrationslager sollen künftig „illegale Einwanderer“ verschwinden, was im Trump-Regime heutzutage heißt: Leute, die irgendwie fremd aussehen und das Pech haben, von seinen Menschenjägern auf der Straße aufgegriffen zu werden. Die Trump-Leute haben das Lager „Alligator-Alcatraz“ getauft. Botschaft: Wer in den Sümpfen von Florida auszubrechen versucht, der findet sein Ende im Magen eines Krokodils.</p>
<p>Trump findet das KZ ganz toll und will jetzt ein Gulag-Archipel in den ganzen USA errichten. Davor wurden bereits medienwirksam Leute in Lager nach El Salvador deportiert, wo sie eng aneinander gepfercht und kahlgeschoren hinter Gitterzäunen präsentiert wurden. Das gab eindrucksvolle Bilder, die ein wenig an die Schreckensdokumente erinnerten, die man zuletzt in den Todeslagern in Srebrenica im Bosnienkrieg gesehen hat. Trumps Innenministerin machte davor Selfies. Sie ist auf diesen glücklich strahlend zu sehen.</p>
<p>Nun sind wir es in der zivilisierten Welt in den vergangenen Jahrzehnten gewohnt gewesen, dass die Machthaber Menschenrechtsverletzungen und Staatsterror in aller Regel verheimlichen wollten. Dass sie sich ihrer brüsten, sie auch noch stolz ausstellten, kam eher selten vor. Sie wollten meist keine Beweise für ihre Untaten produzieren. Aber offenbar leben wir in neuen, interessanten Zeiten.<span id="more-11409"></span></p>
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</blockquote>
<p>Im Sinne des berühmten chinesischen Fluches: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, was eine elegante Form ist, jemanden das Schlimmste an den Hals zu wünschen.</p>
<p>Das Neue und dann durchaus tatsächlich Interessante ist freilich: Trump und seine Leute täten das alles natürlich nicht öffentlich, wenn sie sich nicht einen Nutzen davon versprechen würden. Sie gehen davon aus, dass ihre Anhänger ihnen dazu applaudieren. Teile dieser Anhängerschaft sind vergiftet von autoritärer Aggression, Kraftmeierei, Destruktivität, von Zynismus. Es entsteht ein Menschentyp voller Rachegelüste und Feindseligkeit, aufgestachelt zum (Online-)Mob.</p>
<p>Alle Überschreitungen der Anführer und letztendlich alle Überschreitungen bisher als fix angesehener zivilisatorischen Grenzen erlebt diese Anhängerschar als Befreiungen. Indem sie sich allerlei Grausamkeiten für Andere ausmalen, erleben sie einen gemeinsamen Lustgewinn. Das beginnt rein verbal, braucht aber dann die Steigerung, den Kick, und damit bald auch die reale Bestialität.</p>
<p>Diese Menschen waren gewiss nicht alle immer so, sie werden (Um-)Erzogen zur Grausamkeit, durch Propaganda und Medienstrategien, etwa, indem sie unentwegt mit empörenden Nachrichten beschossen werden, die teils real, teils übertrieben oder teils völlig frei erfunden sind. Kennen wir alles aus der Geschichte.</p>
<p>Die Enthemmung und die Zurschaustellung des Bestialischen haben eine doppelte Wirkung: Die Anhänger werden immer weiter verroht, die Kritiker aber eingeschüchtert. Und die normalen Charaktereigenschaften des Menschlichen sollen den Leuten durch diese Gehirnwäsche ausgetrieben werden. „Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie“, meint Elon Musk, der jüngst in Ungnade gefallene Hofnarr Trumps. Musks Kamerad, der Tech-Mafiosi Peter Thiel hat schließlich auch im TV doziert, dass alles Beklagenswerte mit dem Christentum begann, weil „es immer die Seite der Opfer einnimmt“.</p>
<p>Sie führen einen Krieg gegen die Empathie.</p>
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		<title>Allianzen der Vernünftigen bitte!</title>
		<link>https://misik.at/2025/03/allianzen-der-vernuenftigen-bitte/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Mar 2025 10:41:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die USA unter Donald Trump werden plötzlich zum Feind der freien, westlichen Welt. Mit dramatischen Folgen für uns alle. Insider, März 2025 Es hat zwar einige Ehrenrunden und Kapriolen gebraucht, aber nun, fünf Monate nach der Nationalratswahl hat Österreich endlich eine neue Regierung. Und es ist eine echte „Koalition der Vernünftigen“ geworden, die sich auch &#8230; <a href="https://misik.at/2025/03/allianzen-der-vernuenftigen-bitte/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Allianzen der Vernünftigen bitte!</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4>Die USA unter Donald Trump werden plötzlich zum Feind der freien, westlichen Welt. Mit dramatischen Folgen für uns alle.</h4>
<p><em>Insider, März 2025</em></p>
<p>Es hat zwar einige Ehrenrunden und Kapriolen gebraucht, aber nun, fünf Monate nach der Nationalratswahl hat Österreich endlich eine neue Regierung. Und es ist eine echte „Koalition der Vernünftigen“ geworden, die sich auch nicht bloß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt hat, sondern auf ein gutes, balanciertes Konsenspaket. Sogar ein kleines Dream-Team an Ministern hat man zusammengebracht. Star-Ökonom Markus Marterbauer als Finanzminister, die charismatische Juristin Anna Sporrer im Justizressort, ÖVP-Zukunftshoffnung Wolfgang Hattmannsdorfer im Wirtschaftsministerium, Beate Meindl-Reisinger als Repräsentantin des Landes in der Welt – wer hätte so etwas vor ein paar Wochen erhoffen können.</p>
<p>Gut so, denn wir sind heute alle in rauem Fahrwasser. Die Krisen sind nicht mehr anderswo, wir sind mitten drinnen in einer instabilen Welt, mit Kriegsfolgen, die an unsere Ufer schwappen. Alte Gewissheiten gibt es sowieso keine mehr.<span id="more-11404"></span></p>
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</blockquote>
<p>In den USA ist die Regierungsübernahme von Donald Trump in einen Staatsstreich von Oben übergegangen. Er vollzieht sich in rasantem Takt. Unausgesprochene Demokratie-Feinde wie Elon Musk und offene Demokratie-Feinde wie Peter Thiel arbeiten daran, dass sich ein eiserner Vorhang der Unfreiheit über das Land senkt. Präsident Trump findet sichtbar die Autokraten und Diktatoren bewundernswerter als die Repräsentanten von Demokratien, er tut sich mit Putin und den Chinesen zusammen. Zugleich versucht man die Demokratien Westeuropas zu unterminieren.</p>
<p>Wir Europäer können uns nicht mehr darauf verlassen, dass die USA an unserer Seite stehen, und neben dieser bedauerlichen realpolitischen Tatsache ist auch das kulturelle Amerika nicht mehr das, was es jetzt seit Jahrzehnten für uns war, als Lebenskultur-Revolutionen der Liberalität, der Kunstfreiheit, von Pop und Rock bis Hippies und Hollywood und Jazz einfach viele Impulse gaben. Frühere Generationen sind mit den Kennedys und Bob Dylan aufgewachsen und haben mit Bill Clinton einen Präsidenten erleben dürfen, der mit Vaclav Havel in die Underground-Kaschemmen ging und sich ein Saxophon griff. Heute dagegen repräsentiert ein übelgelaunter Grapscher das Bild Amerikas, der die Uhr in die fünfziger Jahre zurückdrehen will.</p>
<p>Aber es kommt noch schlimmer: Weltpolitik wird wieder als Machtspiel der verstanden, mit Supermacht-Politik, bei der das reine Recht des Stärkeren zählen soll. Es setzt ein Gegeneinander ein. Auch ökonomisch ist das höchst gefährlich. Trump verhängt Schutzzölle für ausländische Produkte. Für die Amerikaner werden Tomaten und Eier mit einem Schlag um 25 Prozent teurer. Die ganz normalen Konsumenten dürfen das bezahlen, dafür will Trump die Steuern für die Superreichen senken. Absurd, dass er sich auch noch als Fürsprecher der „einfachen Leute“ inszeniert. Europa wiederum exportiert im Unterschied zu Mexiko und Kanada zwar keine Eier und Tomaten nach Übersee, dafür aber Autos und Maschinen. Unsere Produkte werden jetzt schlagartig teurer am großen US-Markt, was wiederum die europäische Wirtschaft schwer treffen wird.</p>
<p>Am Ende werden alle verloren haben: die europäischen Arbeitnehmer, die ihre Jobs verlieren, die ganz normalen Amerikaner, für die alles teurer wird. Die De-Globalisierung, die Donald Trump vorantreibt, wird am Ende nur Verlierer kennen.</p>
<p>Da brauchen wir in Europa noch viel mehr Allianzen der Vernünftigen. Gut, dass in Österreich die Dreierallianz jetzt endlich geschmiedet ist.</p>
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		<title>Stunde der Vernünftigen</title>
		<link>https://misik.at/2025/02/stunde-der-vernuenftigen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2025 10:48:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Regierung, verzweifelt gesucht. In Österreich haben die demokratischen Parteien jetzt ihre zweite Chance. taz, Februar 2025 Der bittere Kelch einer harten, rechts-autoritären Wende ist an Österreich gerade noch einmal vorbei gegangen. FPÖ-Chef Herbert Kickl ist an seiner eigenen Verbissenheit gescheitert, hat mit den Konservativen keine Einigung erzielt und musste den Regierungsbildungsauftrag zurücklegen. In seiner sektenhaften &#8230; <a href="https://misik.at/2025/02/stunde-der-vernuenftigen/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Stunde der Vernünftigen</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>Regierung, verzweifelt gesucht. In Österreich haben die demokratischen Parteien jetzt ihre zweite Chance.</h3>
<p><em>taz, Februar 2025</em></p>
<p>Der bittere Kelch einer harten, rechts-autoritären Wende ist an Österreich gerade noch einmal vorbei gegangen. FPÖ-Chef Herbert Kickl ist an seiner eigenen Verbissenheit gescheitert, hat mit den Konservativen keine Einigung erzielt und musste den Regierungsbildungsauftrag zurücklegen. In seiner sektenhaften Anhängerschaft gibt man jetzt „den Globalisten“ die Schuld, die mit ihren bösen Netzwerken und dem sinistren Deep State eine Rechtsregierung verhindert hätten. Auch die WHO sei involviert gewesen, meinen sie, wegen der Impf-Diktatur oder so.<span id="more-11402"></span></p>
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</blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber insgeheim wissen selbst die größten Irrlichter, dass es der Charakter von Herbert Kickl war, der die Rechtspartei ihre Chance auf das Kanzleramt verspielen hat lassen.</p>
<p>Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, heutzutage sind schon kleine Freuden selten genug. Aber das politische System Österreichs steht nach bald einem halben Jahr an Koalitionsverhandlungen noch ramponierter da als vorher. Bundespräsident Alexander van der Bellen drückt jetzt auf’s Tempo. Konservative, Sozialdemokraten und liberale Neos, die vor rund sechs Wochen schon einmal in ein Verhandlungsfiasko gestolpert waren, sind wenigstens durch einen heilsamen Schock geläutert. Sie wissen, dass sich die Vernünftigen und Demokraten jetzt wie Erwachsene verhalten müssen und die Zeit für Taktiererei oder die Pflege von Animositäten vorbei ist.</p>
<p>Sie müssen sich zusammenraufen. Am Wahrscheinlichsten: Dass sich Konservative und Sozialdemokraten einigen – sie haben im Parlament gemeinsam eine hauchdünne Mehrheit von einer Stimme –, und sich von den Liberalen oder auch den Grünen stützen lassen. Auch die Grünen könnten wieder zurück im Spiel sein. Werner Kogler, der Parteichef und frühere Vizekanzler, hat in den vergangenen Wochen als einer der wenigen wirkliches staatmännisches Format gezeigt. Er hat alles unternommen, um den Konservativen Brücken zurück zu bauen.</p>
<p>Denkbar ist aber auch eine „Technokraten“-Regierung aus Elder Statesman und -women, Ex-Bankern und allseits anerkannten Politikerinnen und Politikern – quasi eine „Mario-Draghi“-Variante. Eine solche Regierung kann freilich kein bloßes Übergangskabinett sein, es bräuchte auch ausverhandelte parlamentarische Mehrheiten, denn die strauchelnde Wirtschaft und sonstige Kalamitäten verlangen mehr als bloß Verwaltung. Möglich, dass die Parteien eine solche Variante schmackhaft finden: nachdem die Staatsfinanzen aus dem Ruder gelaufen sind und es in jedem Fall einen Konsolidierungskurs braucht, könnte man den Sparkurs einfach ein Technokratenkabinett erledigen lassen.</p>
<p>Aber eine „echte“ Koalitionsregierung wäre sinnvoller. Denn die tiefe Krise des Landes ist auch eine Chance. Das Publikum hat jetzt den Hader und die Konsensunfähigkeit satt. Es könnte eine Stunde der Möglichkeit für Vernünftige, Maßvolle und Demokraten sein. Sie sollten sie nutzen.</p>
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			</item>
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		<title>Der 18. Brumaire des Donald Bonaparte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2025 10:43:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus der taz (Berlin)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass sich ein Eiserner Vorhang der Unfreiheit senkt, ist kein Unfall der Demokratie, sondern ihre stete, fatale Möglichkeit. taz, Februar 2025 Nun sind wir also in der unschönen Situation, dass die freie, pluralistische Demokratie von zwei Seiten angegriffen wird, vom autokratischen Imperialismus Russlands und von den Vereinigten Staaten, in denen eine Plutikratenoligarchie die Macht übernommen &#8230; <a href="https://misik.at/2025/02/der-18-brumaire-des-donald-bonaparte/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Der 18. Brumaire des Donald Bonaparte</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4>Dass sich ein Eiserner Vorhang der Unfreiheit senkt, ist kein Unfall der Demokratie, sondern ihre stete, fatale Möglichkeit.</h4>
<p><em>taz, Februar 2025</em></p>
<p>Nun sind wir also in der unschönen Situation, dass die freie, pluralistische Demokratie von zwei Seiten angegriffen wird, vom autokratischen Imperialismus Russlands und von den Vereinigten Staaten, in denen eine Plutikratenoligarchie die Macht übernommen hat sowie einen Staatsstreich von Oben durchführte. In einer Strategie von „Shock and Awe“ vollzieht sie ihr Zerstörungswerk nicht etwa allmählich und auf leisen Sohlen, sondern versucht mit Rasanz, Einschüchterei und Getöse jede Gegenwehr zu unterbinden. Die Opposition soll geschockt und gelähmt sein. Mit ihrer Propaganda und ihren Desinformationskanälen versuchen die neuen Autoritären die verbliebenen liberalen Demokratien des Westens zu zersetzen. Trump, Musk, Vance und Co. greifen unverhohlen und unverfroren in Wahlkämpfe ein, gerade eben in den Deutschen, versuchen auf allen Kanälen der AfD zu helfen und pushen ihre Marionette, Alice Weidel.<span id="more-11400"></span></p>
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</blockquote>
<p>Die ist jetzt faktisch eine Agentin einer ausländischen, antidemokratischen Macht (korrekter: von zwei ausländischen, antidemokratischen Mächten), labert aber zugleich andauernd herum, dass sie eine „Patriotin“ wäre. Was, nebenbei gesagt, ja nicht nur ob dieser Rolle als Lakai ausländischer Faschisten ein etwas skurriles Selbstbild ist. Hinzu kommt: Die Wortführer von Hass und Ressentiment nennen sich zwar gerne „Patrioten“, aber wer sein Land liebt, der spaltet es nicht. Der echte Patriotismus, das hat die Geschichte gezeigt, ist nicht bei denen, die immer ganz laut den Patriotismus vor sich her brüllen, sondern bei denen, die ihr Land verbessern. Wie es so schön heißt: Weil wir dieses Land verbessern, beschützen und beschirmen wir’s. Das ist stiller als der falsche Patriotismus der Schreihälse, die überdies ja in den Negativismus verliebt sind und die nichts so sehr aufgeilt wie die Hoffnungslosigkeit, die ihr Treibstoff ist.</p>
<p>Die Dreistigkeit des US-Vizepräsidenten J. D. Vance muss man freilich auch erst einmal haben, den Demokratien des Westens eine Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit vorzuwerfen, während man daheim gerade in einer beispiellosen Säuberungskampagne Andersdenkende aus ihren Jobs rauswirft, die Wissenschaft gängelt und skurrile Sprechzwänge einführt, die so weit gehen, dass man nicht mehr „Golf von Mexiko“ sagen darf, ohne dass man mit Repressalien rechnen muss.</p>
<p>Dahinter steht die „kalifornische Ideologie“, der „Disruptionshype der Technologiebranche“ (Philipp Staab), für die die Allmählichkeit von Evolution ein Grauen ist, die das hohe Lied von Brüchen und Rupturen singt, und die ganz offen antidemokratisch geworden ist. Freiheit ist für sie das Recht des Stärkeren, weshalb Peter Thiel ja schon vor Jahren meinte, er glaube nicht mehr daran, dass „Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar“ sind, wo blöderweise ja auch die Armen eine Stimme haben. Die simplen Gemüter der Tech-Ökonomie übertragen ihre Unternehmensphilosophie einfach auf Staaten: Ein erfolgreiches, disruptives Start-Up braucht eben auch einen Chef, der wie ein Diktator agiert und dürfe sich von Wünschen einer verzärtelten Belegschaft genauso wenig bremsen lassen wie von Einwänden irgendwelcher ungehorsamer Abteilungsleiter.</p>
<p>Der tragische Aufstieg von Donald Trump und der neuen Autokraten ist freilich, das müssen wir erst einmal in seiner ganzen Bedeutung verstehen, keine Anomalie der Demokratie, sondern ihre fatale Möglichkeit. Einer der ersten, der das nicht nur gesehen, sondern auch auf nie mehr übertroffenen Weise beschrieben hat, war ja Karl Marx in seinem „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“. Louis Bonaparte, der Neffe Napoleons, wollte mit einem Militärputsch an die Macht kommen, scheiterte, lebte sein Loser-Leben als heruntergekommener Bohemien und gewann nach der gescheiterten 1848er Revolution die Volkswahlen, um 1851 in einen Staatsstreich von Oben eine autoritäre Herrschaft zu errichten, sich zum „Prinz-Präsidenten“ zu ernennen und später zu Napoleon III. zu krönen. Bei all dem aber mobilisierte er die Unterstützung enttäuschter Volksschichten, des konservativen Frankreichs, des Kleinbürgertums und einer bunten Lumpenschar aus Kriminellen, Säufern, Gestrandeten und abgehalfterten Soldaten. Der Begriff des „Lumpenproletariats“ nahm von daher seinen Ausgang. Kurzum, der erstaunte Marx war mit dem ersten Populisten der Geschichte konfrontiert und analysierte prompt messerscharf, wie die Demokratie selbst die Monster erschafft, die der Freiheit den Garaus machen. Die Partei der Ordnung, die Privilegierten und Champagnisierer sichern ihre Pfründe nicht nur mit Gewehren und Kanonen, sondern auch mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts und der Aufganselung des Elektorats, oder wie man heute sagen würde, der „besorgten Bürger“ und „Wütenden“. In der Massengesellschaft wird die Freiheit meist mit Volkszustimmung durch irgendwelche Cäsaren begraben, und nur seltener von putschenden Generälen.</p>
<p>Für die verschiedenen Spielarten der Linken ist das alles höchst verwirrend, wenngleich für alle auf andere Weise. Die ganze Bubble an Superrevolutionären, Radikalinski-Influencern und Freundinnen scharfer Thesen, für die jeder Anflug von Vernünftigkeit übles Teufelszeug ist und die stets von der Zuspitzung aller Widersprüche träumen, wachen jetzt genau dort auf, wo sie eigentlich hinwollten, also in einer Welt, in der der verachtete „Genozid-Joe“ abgetreten ist und die linksliberalen Büttel des Kapitals erledigt sind. Zweifel sind angebracht, ob sie das jetzt glücklich machen wird, aber vermutlich sind sie ja so zuversichtlich wie die KPD zu Zeiten der Sozialfaschismustheorie, die sich im tröstlichen Traum wog, „jetzt kommt Hitler, und danach kommen wir“. Die Besonnenen, Gemäßigten und anderen Freunde des Fortschritts im Rahmen des Erlaubten wiederum sind auch nur eine Spur weniger verwirrt, da sich alles Handeln darauf reduziert, nur mehr andauernd das Schlimmste zu verhindern.</p>
<p>Eines aber ist klar wie Hühnerbrühe: Es ist Zeit für Besonnenheit und Entschlossenheit und für breiteste Allianzen zur Verteidigung von Liberalität und Freiheit.</p>
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		<title>Der Kult der Disruption</title>
		<link>https://misik.at/2025/02/der-kult-der-disruption/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2025 10:39:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sonstige]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Trump, Kickl und Co, wollen die Welt in Flammen sehen. Aber auch der Liberalismus wird angesteckt von der Zerstörungssehnsucht. Zackzack, Jänner 2025 Donald Trump stellt gerade seine Regierung zusammen und das Prinzip scheint zu sein, die möglichst maximal unfähigste Person für die jeweiligen Ämter zu gewinnen. Anders als in seiner ersten Präsidentschaft will sich der &#8230; <a href="https://misik.at/2025/02/der-kult-der-disruption/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Der Kult der Disruption</span> weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>Trump, Kickl und Co, wollen die Welt in Flammen sehen. Aber auch der Liberalismus wird angesteckt von der Zerstörungssehnsucht.</h3>
<p><em>Zackzack, Jänner 2025</em></p>
<p>Donald Trump stellt gerade seine Regierung zusammen und das Prinzip scheint zu sein, die möglichst maximal unfähigste Person für die jeweiligen Ämter zu gewinnen. Anders als in seiner ersten Präsidentschaft will sich der faschistoide Präsident nicht von moderaten Figuren aus dem Regierungs- und Verwaltungsapparat bremsen lassen, sondern genau dieses „System“ zerschlagen. „Disruption“ ist die Parole der Stunde. Die kommunikative Strategie des rechten Populismus und Extremismus ist, die Realität in möglichst schrecklichen Farben zu malen, ihre jeweiligen Gesellschaften als völlig „kaputt“ oder „broken“ zu zeichnen, um sich dann als Retter und Heilsbringer aufzuspielen. Das Institutionengefüge, die routinisierten Abläufe in der Verwaltung, das gewohnte Zusammenspiel von Parlamenten, Regierung und Gerichte, kurzum, alles, was sich in Gesellschaften so eingespielt hat, soll auf den Kopf gestellt werden. Also alles, was die Demokratie und das Leben einer Nation stabil macht, aber zugleich auch so langsam macht, es soll weg. Und das ist bei Trump nicht nur Rhetorik, sondern zielstrebig verfolgte Absicht.<span id="more-11398"></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #ff0000;"><strong>Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:</strong></span></p>
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<p>Das ist die revolutionäre Seite an Trump und das ist es auch, was die Linken gelegentlich in eine so unvorteilhafte Position bringt. Denn die sind ja auch für Veränderung, die einen eher für die allmähliche, die anderen für die ambitioniertere, die ganz Radikalen hätten auch gerne eine Revolution. Gegen den rechten Revolutionär nehmen sie aber dann die Rolle der Verteidiger der Institutionen ein, und damit auch für das Gewohnte, für Stabilität statt Chaos. Eine Rolle, die ihnen nie ganz behagt.</p>
<p><strong>Pathos der Zerstörung</strong></p>
<p>Der Kult des Disruptiven ist es auch, das die völkisch-faschistischen Rechtsextremen, die „konservativen Revolutionäre“ und die libertären Radikalinskis verbindet, weshalb wir in diesen Tagen auch erleben, dass nicht nur die Abgrenzung der Konservativen zur den Rechtsextremen bröckelt, sondern auch die der Liberalen. Bei der deutschen FDP verehren sie schon ganz offen Elon Musk, Peter Thiel und den argentinischen Kettensägen-Irren Javier Milei. Aber auch bei den NEOS gibt es ganz offensichtlich genügend Leute, die so ticken, die bisher eher im Hintergrund blieben. Dass die NEOS die Koalitionsverhandlungen platzen ließen, Herbert Kickl damit die Tür zum Kanzleramt weit aufmachten, lässt sich auch damit erklären, zumal, wenn man heute so hört, dass sie das, was Blau und Schwarz an Kahlschlagplänen schon durchsickern hat lassen, ausdrücklich begrüßen, und ihre einzige Kritik zu sein scheint, dass ihnen der Staatsumbau nicht radikal genug ist.</p>
<p><strong>Die „kalifornische Ideologie“</strong></p>
<p>In den liberalen Wirtschaftstheorien gibt es seit jeher nicht nur eine Abgleitfläche in die totale Staats- und damit auch Institutionenfeindschaft, sondern eine religiöse Begeisterung für die Disruption. Joseph Schumpeter besang bekanntlich den Unternehmer als den „schöpferischen Zerstörer“, dass also vieles sterben muss, damit es bergauf gehen mag. Jede „Innovation“ ist ja auch eine Zerstörung, weil dann neue Produktionsmethoden eingeführt werden und all jene untergehen, die beispielsweise die Modernisierung verschlafen oder über deren Geschäftsfelder einfach die Zeit und der Todesengel hinweggeht. Aber neben diesen jahrzehntealten wirtschaftsliberalen Grundhaltungen gibt es auch das, was in den letzten Jahrzehnten als „kalifornische Ideologie“ bekannt wurde, das, was der deutsche Forscher Philipp Staab den „Disruptionshype in der Technologiebranche“ nennt. Diese Ideologie, so Staab, sei eine „von Erneuerung als überwältigendem Prozess, der in Brüchen und Rupturen sämtliche etablierte Standards über den Haufen werfe, und gebe damit jede Beruhigung auf, die die Idee der stetigen Erneuerung im 20. Jahrhundert noch anzubieten hatte“.</p>
<p>Klar: die Techgiganten erneuerten ja nicht eine bestimmte Branche durch Innovation, sondern etablierten eine neue Branche, die die anderen Branchen zerstört. Das ganze webbasierte System im medialen Bereich und in der Werbung zertrümmert die Geschäftsgrundlage der bisherigen Medienbranche, Amazon zertrümmert die Geschäftsgrundlagen des Handels, Zalando die Geschäftsgrundlagen von Schuhhändlern. Noch gibt es ja welche, aber Unternehmensberater berichten mir, dass es heute praktisch unmöglich ist, auch gut gehende Schuhhandelsfirmen zu verkaufen. Denn: Warum sollte sie ein Investor kaufen, wenn er damit höchstens eine Rendite von vier Prozent erzielen kann, während in der Tech-Branche zehn Prozent oder mehr zu holen sind?</p>
<p><strong>Der Jargon der Innovation</strong></p>
<p>Über alle diese Strömungen, filigranen Impulse, neue Denkweisen hat sich ein Kult der Zerstörung eingeschlichen, bei dem alles, was schon länger da ist, automatisch alt aussieht und irgendwie als wert, dass es untergeht. Selbst im Alltag verwenden wir das Wort „Innovation“ so, als wäre sie der größte Wert, den man sich vorstellen kann. Dabei gibt es natürlich ganz viele Branchen, die nicht sehr viel Innovation brauchen, sondern höchstens gelegentlich ein neues Gefährt oder eine neue Maschine, wie die Müllabfuhr, die städtische Infrastruktur usw. Ganz wesentliche Bereiche unseres Alltags beruhen darauf, dass einfach das Gewohnte funktioniert, und manches, was dagegen als Innovation gefeiert wird, ist ganz schöner Schnickschnack, aber nicht wirklich essentiell für unser Leben. Dass die Klospülung funktioniert, ist deutlich wichtiger für uns, als dass wir eine Computeruhr am Arm haben, die uns ermahnt, dass wir heute noch nicht französisch gelernt haben.</p>
<p>Man kann darüber lachen, und manches an der kalifornischen Ideologie ist auch tatsächlich komisch, aber das Lachen kann uns sehr schnell vergehen. Nicht nur der Konservatismus gerät langsam ins Fahrwasser des Rechtsextremismus, auch der Liberalismus verliert seine Immunität. Viel zu viele Leute wünschen sich, dass das ganze „System in Flammen aufgeht“, sie haben – teils berechtigte, teils geschürte – Wut und jubeln, wenn jemand die Institutionen in Trümmern legt. Was sie dann gerne vergessen: In rauchenden Ruinen, in einer Welt, in der Institutionen, die für Balancen sorgen, zerstört sind, in der das reine Recht des Stärkeren herrscht, in einer solchen Welt wird es sich nicht allzu gut leben lassen.</p>
<p>Das war letztlich oft auch der blinde Fleck der linken Revolutionäre. Sie wollten alles umstürzen, den Klassenfeind vernichten, um danach aus den Ruinen das Paradies auf Erden zu errichten, aber meist kam dann eben nur ein wenig gedeihliches Leben in Ruinenlandschaften heraus, wenn nicht noch Schlimmeres, während die Bilanz der gemäßigten Reformer und Fürsprecher der Gemächlichkeit deutlich besser aussieht.</p>
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		<title>Der kleine Volksaufstand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Misik]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2025 10:36:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Texte aus dem Falter (Wien)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hoppla, jetzt kommt das Volk! Der Populismus gehört zur Demokratie dazu, meint Kolja Möller in seiner großen „Gesellschaftstheorie des Populismus“. Der Populismus – heute vor allem dessen ultrarechte Ausformung – ist eine Gefahr, er zerstört die Demokratie von innen, zerreißt Gesellschaften, und spült Figuren wie Donald Trump, Giorgia Meloni, Herbert Kickl und Viktor Orban in &#8230; <a href="https://misik.at/2025/02/der-kleine-volksaufstand/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">Der kleine Volksaufstand</span> weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4>Hoppla, jetzt kommt das Volk! Der Populismus gehört zur Demokratie dazu, meint Kolja Möller in seiner großen „Gesellschaftstheorie des Populismus“.</h4>
<p>Der Populismus – heute vor allem dessen ultrarechte Ausformung – ist eine Gefahr, er zerstört die Demokratie von innen, zerreißt Gesellschaften, und spült Figuren wie Donald Trump, Giorgia Meloni, Herbert Kickl und Viktor Orban in Spitzenämter. Zudem vergiftet er ganze Nationen mit Bitterkeit und Ressentiment.</p>
<p>Kolja Möller möchte es aber bei der Verdammung des Populismus nicht belassen. Der Populismus ist auch ein „kleiner Volksaufstand“, schreibt Möller, ein „Schmerzensschrei“. Ganze Gesellschaftssysteme erleben einen „populistischen Moment“, wenn die inneren Spannungen in der Demokratie zu groß werden, etwa, wenn sich viele Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen und empfinden, dass die proklamierte „Volkssouveränität“ nur mehr auf dem Papier besteht.<span id="more-11395"></span></p>
<p>„Volk und Elite“, hat der Forscher seine große Studie genannt, „eine Gesellschaftstheorie des Populismus“. In der nüchternen Systematik des Politikwissenschaftlers analysiert Möller bestechend, dass der Populismus in demokratischen Gesellschaften immer angelegt ist und sich auf bald tausendjährige Gedankenreihen stützen kann. Man denke dabei etwa an die Definition des „Volkes“, das in religiösen Schriften vom „Volke Israel“ der Juden bis zum „Kirchenvolk“ der Christen als Heer der einfachen Leute konstruiert wird, über die kniffligen Fragen der „Souveränität“ im Staat („souverän“ ist, wer die Endentscheidung hat, mag das ein Kaiser sein oder das Volk, das bei Wahlen seine Entscheidung fällt). Im demokratischen Verfassungsstaat kreuzt sich das in der „Volkssouveränität“, die aber immer spannungsvoll ist. Pathetisch wird proklamiert „alle Gewalt geht vom Volke aus“, aber am Ende wird diese Macht von Eliten ausgeübt, von Politikern etwa.</p>
<blockquote>
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<p>Diese Gewalt ist gebunden, durch das Gesetz und von der Verfassung, die wiederum Freiheitsrechte des Einzelnen festschreibt, die durch das Mehrheitsprinzip nicht außer Kraft gesetzt werden können. Alle Gewalt geht vom Volke aus, wird aber durch Verfassungsrichter begrenzt, die ihrerseits Teil von Funktionseliten sind. Kurzum: Die Vorstellungen von Demokratie sind voller Paradoxien.</p>
<p>In der Demokratie schließlich gibt es Regierung und Opposition, und diese Opposition will die künftige Regierung stellen, weshalb sie stets trommeln wird, dass sich die Regierenden vom Volke entfernt haben und sie, die Opposition, die echte Repräsentanz des Volkes ist. Der Kniffligkeiten nicht genug, ist „das Volk“ nur eine Fiktion, in der Wirklichkeit findet man nur eine Bevölkerung, die aus unzähligen unterschiedlichen Leuten besteht. Auch der „Volkswille“ ist eine Fata Morgana, die man nie finden wird, mag man ihn noch so verbissen suchen.</p>
<p>Der Populismus, so zitiert Möller den Philosophen Isaiah Berlin, entspringt „unzufriedenen Menschen, die das Gefühl haben, dass sie irgendwie die Mehrheit der Nation repräsentieren, die von der einen oder anderen Minderheit heruntergeputzt worden ist“. Es ist auch ein Impuls des Populismus, bisher Nichtinkludierte in das politische System zu integrieren. Er hat damit einen demokratischen Stachel. Noch der autoritäre Populismus bewege sich, so Möller, in den meisten Fällen „innerhalb des demokratischen Paradoxes“ und ist daher nur selten mit dem historischen Faschismus zu vergleichen, kann sich aber über identitäre Verhärtung und Radikalisierung in diese Richtung entwickeln.</p>
<p><strong>Kolja Möller: Volk und Elite. Eine Gesellschaftstheorie des Populismus. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2024. 371 Seiten. 26,80.- Euro.</strong></p>
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