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		<title>Schreib nicht schneller als deine Muse küssen kann?</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 00:38:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktive Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[MS Henrike]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>

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		<description><![CDATA[Aber geht das überhaupt? Vor allem wenn eure Browser die im img-tag befohlene Runterskalierung des links zu bewundernden Bildes auf 150x185px nicht mitmachen? Ich habe in mir diese Furcht, dass ich, wenn ich zu schnell arbeite, irgend etwas übersehe oder irgend eine Idee nicht habe, die mir noch ein paar Stunden mehr Tagträumerei hätten bescheren <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=843' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img alt="" src="http://rummuser.com/wp-content/uploads/kissOfTheMuse.jpg" title="Knutschmuse" class="alignleft" width="150" height="185" />Aber geht das überhaupt? Vor allem wenn eure Browser die im img-tag befohlene Runterskalierung des links zu bewundernden Bildes auf 150x185px nicht mitmachen? </p>
<p>Ich habe in mir diese Furcht, dass ich, wenn ich zu schnell arbeite, irgend etwas übersehe oder irgend eine Idee nicht habe, die mir noch ein paar Stunden mehr Tagträumerei hätten bescheren können. Ich habe keine Ahnung, wie gerechtfertigt diese Furcht ist.<br />
Auf der einen Seite denke ich mir, sie ist überhaupt nicht gerechtfertigt, denn wenn man das Knutschtempo seiner Muse zu überschreiten versucht, nennt sich das Writer&#8217;s Block oder auch Schreibblockade, was sozusagen die Nagelkette auf dem Nürburgring des Schreibens ist. Pengpengpengpeng, Schlidder, Crash, Explosion, 20 Tote, 300 Verletzte, die Veranstalter völlig ratlos, offizielle Untersuchungen laufen, terroristischer Anschlag nicht ausgeschlossen.<br />
Auf der anderen Seite haben wir sicher alle &#8211; ich auf jeden Fall &#8211; schon mehr als hundertmal die Erfahrung gemacht, dass längeres Nachdenken ausgereiftere Ideen produziert. Und es gibt kein Naturgesetz das vorschreibt, dass ab dem Moment des Niederschreibens einer Idee keine Reifung mehr stattfindet &#8211; zu unserem Leidwesen, denn alles, was später noch einfällt, muss unter teils mühsamem Gefummel in das bereits geschriebene hineingearbeitet werden. </p>
<p>Vielleicht habe ich in mir einen kleinen Saboteur. Das könnte durchaus sein. </p>
<p>Seit dem 11.02. schreibe ich jetzt allabendlich so um die drei Stunden lang an einem Kurzschlussprojekt namens &#8216;MS Henrike&#8217;, das ein Kinderbuch für Erwachsene werden und auf schön surrealistische Weise Konzepte wie Existenzialismus, Geworfensein, Nihilismus, Skeptizismus, Emanzipation und Anarchie erlebbar machen soll. Angeblich begründe ich damit meinen schriftstellerischen Ruhm und ein ansehnliches Vermögen, aber mein Mann redet ja viel, wenn der Tag lang ist. Immerhin ist er über dieses Projekt davon abgekommen, mich zur Prostitution per Chick-Flick überreden zu wollen. Vielleicht weil ich ihn gezwungen habe, an der Entwicklung der Idee mitzuarbeiten? Wer weiß. Ist ja auch egal.<br />
Jedenfalls hat der surrealistische Kinderbuchansatz den Vorteil, dass ich mich weniger verpflichtet fühle, meinen üblichen Perfektionismus aufzublasen, und so kommt es, dass ich in nur vier Tagen und ebensovielen (12->) Stunden zwölf Seiten geschrieben habe. Für den Umfang an nagelneuem Stoff brauch ich normalerweise einen Monat oder sowas. Ich bin der Leonard Cohen zu anderleuts Bob Dylan; aber vielleicht ist das hier ja mein Like A Rolling Stone. Mal sehen, wie lange der Flug dauert. Oooh, the obscure cultural references!<br />
Heute nahm ich mir die nächste Szene vor, starrte meinen Laptop an und dachte nur: &#8220;*Erbrech*.&#8221;<br />
Aber dann hab ich sie doch geschrieben. Zwischendurch ein bisschen hier, ein bisschen da im Internet gefaulenzt, mich aber immer wieder zusammengerissen und weitergeschrieben. Und jetzt tipp ich auch noch einen relativ sinnfreien Blogpost dazu.<br />
Apropos Blogpost&#8230; Ach nein, doch nicht.<br />
Ääääh&#8230; ach ja:</p>
<p>Wie ist das so bei euch mit der Weiterschreibangst und -aufschieberei? Habt ihr die gleiche Paranoia? Habt ihr auch so Erschöpfungs- oder Pseudoerschöpfungszustände wenn ihr mehrere Tage hintereinander diszipliniert geschrieben habt? Bzw: Seid ihr auch so stinkend faul? </p>
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		<title>Der Null-Empath mit dem Gottkomplex oder: Wie man originell bleibt</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 04:43:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Charakterentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Das Kunstwerk]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit &#8220;Das Schweigen der Lämmer&#8221; &#8211; hab ich mir sagen lassen &#8211; sind Serienmörder total hip. Beliebt ist vor allem das Modell, das wir aus &#8220;Sieben&#8221; kennen, der Kerl mit der Mission, der der Welt etwas mitteilen will, und dabei seinen teuflischen Intellekt für den Machtkampf mit dem epischen Solo-Sonderermittler einsetzt (welcher &#8211; voll der <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=835' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit &#8220;Das Schweigen der Lämmer&#8221; &#8211; hab ich mir sagen lassen &#8211; sind Serienmörder total hip. Beliebt ist vor allem das Modell, das wir aus &#8220;Sieben&#8221; kennen, der Kerl mit der Mission, der der Welt etwas mitteilen will, und dabei seinen teuflischen Intellekt für den Machtkampf mit dem epischen Solo-Sonderermittler einsetzt (welcher &#8211; voll der Trend in den Wegwerfkrimis &#8211; auch noch persönlich involviert ist, weil er *dun-dun-duuuuun* geliebten Menschen X in einem ja so ähnlichen Verbrechen verloren hat). </p>
<p>Von der tollen Themenvorlage zum ausgelutschten Billigeffekt.<br />
Danke, blöde Autoren, die lieber die selbe Geschichte <em>nochmal</em> schreiben, weil sie &#8211; aus der Feder von Autorenneuentdeckung Y &#8211; so super beim Publikum ankam, anstatt sich einer Themenanalyse zu widmen und den gleichen Reiz ganz anders zu erzeugen. Und danke, noch blödere Leser, die sich die selbe Geschichte in zigtausend Abwandlungen immer wieder andrehen lassen, von blöden Verlagen, die genau darauf spekulieren. </p>
<p>Und nun sitz ich hier und feile an meinem eigenen Serienmörder herum und quäle mich ein bisschen, weil ich Wiederholungen hasse. Wobei ich mich nicht wirklich quäle. Die Sache ist nämlich die: In den meisten Büchern, die ein so bombastisches Element wie z.B. einen Serienmörder drin haben, wird an allen Ecken und Enden am Realismus gespart, weil der den ganzen Bombasmus wieder zunichte machen würde. Um originell zu sein, braucht frau an der Stelle also einfach nur &#8211; &#8216;einfach&#8217; &#8216;nur&#8217;? &#8211; die versäumte Recherche der Vorgänger, sowie das versäumte Festhalten an auch den unbequemen, erzählerisch nicht auf Anhieb so schönen Fakten des Lebens nachzuholen. </p>
<p>Was stellen wir im Falle des Serienmörders und seines Verfolgers fest? Es heißt 1. nicht &#8216;Profiling&#8217;, sondern &#8216;operante Fallanalyse&#8217;, wird 2. von einem moderierten Team in systematischen, vorstrukturierten Sitzungen erarbeitet, trägt aber 3. eigentlich nie in nennenswerter Weise zur Lösung eines Falles bei, weil die Disziplin 4. noch in den Kinderschuhen steckt und 5. ihre selbsternannten Ikonen, die sich gern in autobiographisch angehauchten Büchern beweihräuchern, nur ein völlig falsches Bild davon zeichnen.<br />
Merde. Denkt man zuerst. Aber denkt mal richtig drüber nach. </p>
<p>Ich habe jetzt mit meiner Geschichte den Vorteil, dass der Part mit dem Serienmörder in den 1960er Jahren spielt, als das ganze noch hanebüchener ablief als heute, weil es noch nichtmal eine systematische methodische Grundlage hatte. Ich kann also dahingehend auf die Kacke hauen, dass ich das Ermittlerteam etwas provisorisch, mit einer weniger klaren Rollen- bzw. Aufgabenverteilung aufbaue. Damals konnte man eben noch richtig spontan sein, v.a. wenn in der Hauptstadt rumgemordet wird. Oder sowas. </p>
<p>Serienmörderstereotypen gibt es einige, wenn sie auch im Prinzip nur Variationen über das ewig gleiche Thema des Null-Empathen mit dem Gottkomplex sind. Aber Leute, Charles Manson ist nicht der einzige da draußen. Es gibt auch tragische Gestalten, wie z.B. Jeffrey Dahmer. Ein Mensch braucht in seiner Kindheit keine Tiere zu quälen, um sich später zum Killer zu mausern, und die Täter, die am längsten davonkommen, sind die <em>ohne</em> vorhersehbare Mission und &#8211; oh Tragik &#8211; mit weit unterdurchschnittlichem IQ (die längste Karriere legte einer zurück, der sich gerade mal selbst die Schuhe zubinden konnte; übt euch in Demut, Ermittler der Welt).<br />
Recherche ist Trumpf, vor allem wenn man sich die Mühe macht, im Internet durch die reißerischen Seiten zu waten, bis man endlich zu den sachlicheren, neutraleren, weniger vorinterpretierten Darstellungen kommt, mit denen man tatsächlich was anfangen kann. Interviews mit Angeklagten/Verurteilten sind auch sehr informativ, sofern man sich die Mühe macht, all die verfälschenden Faktoren rauszurechnen &#8211; Interviewer bias, die Präsenz der Kamera, Imagewünsche des Interviewees usw. </p>
<p>Ohne den epischen Krieg der Kräfte von Gut und Böse braucht es natürlich etwas anderes, um die Geschichte anzutreiben und sie faszinierend zu machen. Ich persönlich stehe auf den Aufeinanderprall von Perspektiven. D.h., wie meint A eine Handlung, und wie wird sie von B erlebt und interpretiert? Welche Motive werden unterstellt, wie kontrastiert das die tatsächlichen? Wie wirkt eine Handlung, wenn sie aus der anderen Perspektive beschrieben wird? Man kann so schön mit Mehrdeutigkeit spielen, mit der perspektivischen Verzerrung usw. und sie als einen der vielen Berührungspunkte der beiden Privatleben von Killer und Ermittler verwenden. </p>
<p>Die persönliche Involviertheit des Ermittlers in den Fall durch historische Ereignisse ist etwas, das ich für völlig überflüssig halte. Es beschränkt nur die thematische Breite, indem es den Chara des Ermittlers im Vorhinein schon von seinen Motiven her festlegt.<br />
Ganz im Ernst, da jagt jemand einen Serienmörder, der wieder zuschlagen wird! Braucht es wirklich noch irgend etwas anderes, damit der Ermittler emotional beteiligt ist? Was ist nur los, Leute? *kopfschüttel* </p>
<p>Ich behaupte: Wenn man sich die Mühe macht, gut zu recherchieren (Inspirationsquelle!), und sich bei der Charakter- und Plotentwicklung nicht auf billigen Effekten und einfachen Lösungen ausruht, sondern die Sache als intellektuelle Herausforderung ansieht und sich selbst die Zeit gibt, intensiv an weniger naheliegenden Lösungen zu arbeiten, kann aus jedem billigen Kracher eine solide, originelle Erzählung werden. </p>
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		<title>Schlecht erzähltes Zeug: Grey’s Anatomy</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Dec 2011 18:44:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schlecht Erzählt]]></category>

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		<description><![CDATA[Serien sind erzählerisch meistens Müll, was sie aber nicht daran hindert, erfolgreich zu sein. Da Erfolg gern mit Qualität gleichgesetzt wird (siehe &#8216;Bestseller&#8217;, &#8216;Blockbuster&#8217;, &#8216;Platz 1 der deutschen Charts&#8217;), orientiert sich auch manch ein Erzähler, der aufrichtig &#8216;gut&#8217; arbeiten möchte, an dem, was über so-und-so-viele Staffeln die Leute dazu bringt, sich trotz Werbepausen vor dem <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=806' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.tine-schreibt.de/?attachment_id=811" rel="attachment wp-att-811"><img src="http://www.tine-schreibt.de/wp-content/uploads/S1DVD1-106x150.jpg" alt="" title="S1DVD" width="106" height="150" class="alignright size-thumbnail wp-image-811" /></a>Serien sind erzählerisch meistens Müll, was sie aber nicht daran hindert, erfolgreich zu sein. Da Erfolg gern mit Qualität gleichgesetzt wird (siehe &#8216;Bestseller&#8217;, &#8216;Blockbuster&#8217;, &#8216;Platz 1 der deutschen Charts&#8217;), orientiert sich auch manch ein Erzähler, der aufrichtig &#8216;gut&#8217; arbeiten möchte, an dem, was über so-und-so-viele Staffeln die Leute dazu bringt, sich trotz Werbepausen vor dem angeschalteten Fernseher aufzuhalten.</p>
<p>Gerade mache ich einen &#8211; werbefreien &#8211; Grey&#8217;s Anatomy-Marathon. Bis zum Ende der dritten Staffel bin ich bereits gekommen, aber seit einigen Folgen geht mir die Puste aus. Die Gründe für mein schwindendes Interesse lauten wie folgt:</p>
<p><strong>1. Meredith &#8220;Armes Kleines&#8221; Grey und Dr. McOpferlamm</strong><br />
Die beiden zentralen Charaktere der Serie sind zwei nahezu identische Persönlichkeiten. Auf der einen Seite Meredith Grey, deren Rolle nur daraus besteht, zu leiden, weil sie den zunächst noch verheirateten Dr. McOpferlamm (aka Dr. McDreamy aka Dr. Shepard) nicht haben kann. Auf der anderen Seite eben jener McOpferlamm, der bis weit in die 3. Staffel hinein einzig und allein damit beschäftigt ist, sich selbst und Meredith zu quälen, indem er still lamentierend an seiner Ehe hängt &#8211; über deren Motive und Inhalte der Zuschauer übrigens niemals etwas erfährt. Er <em>hängt</em> daran, denn &#8216;<em>klammern</em>&#8216; wäre eine aktive Handlung, und dazu ist das Opferlamm nur in absoluten Ausnahmefällen fähig.<br />
Aus irgend einem Grund sind sämtliche anderen Charaktere farbiger, lebendiger, mehrdimensionaler und entwicklungsfreudiger als die beiden, um die es in der Serie hauptsächlich gehen soll. Warum? Vielleicht weil das still leidende Schmachten beim Publikum gut ankommt und die Autoren es unbedingt behalten wollen? Weil der Kerl, der McOpferlamm spielt, nur diesen einen leidenden Gesichtsausdruck hat, aber auf einem Vertrag über sieben Staffeln sitzt? Weil sie denken, sie brauchen diese SM-Nummer als roten Faden, der die Staffeln zusammenhält?<br />
Mit einem einzelnen statischen Opfercharakter käme die Serie gut zurecht. Hätte einer von den beiden (Meredith/Shepard), mir egal wer, Biss und Entschlusskraft, wäre die ganze Sache kein Problem; man könnte sogar schön zeigen, wie der knackige Charakter sein lasches Gegenstück ein bisschen auf Touren bringt. Aber zwei Opfer, die zusammen im eigenen Saft herum dümpeln? Schlechte Idee</p>
<p><strong>2. Der Cliffhanger Faux-pas</strong><br />
In der zweiten Staffel, so um Folge 17 rum wird in einer Doppelfolge ein Typ mit einem scharfen Explosivgeschoss in der Brust eingeliefert. Die Doppelfolge endet damit, dass Meredith mit der Hand die Blutung in der Brust des Typen zuhält und sich fragt, wie sie so dämlich sein konnte, in diese Situation zu geraten. Zur selben Zeit wird Baileys Ehemann an einer schweren Kopfverletzung operiert, und Bailey selbst ist mit ihren Wehen beschäftigt.<br />
&#8216;Ui, eine Tripelfolge&#8217; dachte ich. Doch statt dass die Auflösung der Situation erzählt wird, ist in der Folge darauf alles schon passiert. Baileys Mann und Baby sind wohlauf, Meredith ist nicht explodiert und schon wieder ganz die alte, die OP-Räume müssen nicht renoviert werden. Sehr viel später wird mal angedeutet, wie unsere leidende Heldin mit heiler Haut davongekommen ist, aber die Details kennen wir auch eine Staffel später noch nicht.<br />
Warum wird die Sache nicht auserzählt? Die Doppelfolge wirkt wie ein stilistisch überfrachteter Einschub; in jeder anderen Serie wäre das eine Musical-Folge oder eine im Film Noir-Stil gewesen, in der Geschichte und Charakteren zusätzlicher Charme verliehen wird und man der Serie gestattet, sich selbst kritisch-humoristisch zu reflektieren.<br />
Es wirkt, als hätten sich die Autoren ein Loch gegraben, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Also überspringen sie den Teil, in dem sie rauskommen, einfach und erzählen danach weiter.</p>
<p><strong>3. Anerzählte Patienten</strong><br />
Grey&#8217;s Anatomy verzichtet auf etwas, das ich als Ally-McBeal-Syndrom bezeichnen möchte; nämlich darauf, dass sich die beruflichen Fälle einer jeden Folge inhaltlich mit den persönlichen Problemen der Hauptcharaktere decken. Das ist nett, denn es gestaltet die Folgen inhaltlich dichter und macht das Privatleben der Arzt-Charaktere von ihrem Berufsleben unabhängiger.<br />
Trotzdem ist die Art, wie Patienten in GA dargestellt werden, problematisch. Man erfährt ein paar Stichworte über die Diagnose, ein paar Stichworte über den Behandlungsverlauf und vielleicht sogar ein paar Stichworte über den sozialen Hintergrund des Patienten. Die Geschichte seiner Erkrankung und Therapie wird jedoch nie zu einem befriedigenden Abschluss gebracht. Es gibt bisher zwei Patienten, die über mehrere Folgen hinweg auftauchen; alle anderen sind binnen einer einzigen Folge abgehandelt.<br />
Das entspricht natürlich dem, wie Chirurgen ihre Patienten erleben; als kurze, bruchstückhafte Personen, die vor allem aus einer Diagnose und einer OP-Planung bestehen. Dieser Punkt ist für das Leben der Arzt-Charaktere sicher relevant, aber trotz seiner aufdringlichen Präsenz in der Geschichte wird er nie direkt angesprochen, nie reflektiert, nie aufgearbeitet. Die Steilvorlage rast sozusagen durch jede Folge, führt dabei dazu, dass tausend Gelegenheiten für interessante Charakterabrisse ungenutzt bleiben, und wird nie genutzt.<br />
Dieser ganze Aspekt lässt die Patienten wie eine lästige Notwendigkeit wirken. So Marke &#8220;Naja, die Charaktere sind Chirurgen, und an irgendwas müssen sie ja rumschneiden.&#8221; </p>
<p><strong>4. Jeder mit jedem</strong><br />
Nach und nach kommt in der Serie das Gefühl auf, dass den Autoren nichts mehr einfällt, als alle Leute kreuz und quer miteinander ins Bett gehen zu lassen. Die Verzweiflung geht sogar so weit, dass sie eine komplett neue Praxis mit neuen Charakteren einführen, die alle miteinander ins Bett gingen, gehen oder gehen wollen.<br />
Das ist der Punkt, an dem man aufhören sollte. Leider sind Serienautoren &#8211; auch die Autoren von Romanserien &#8211; notorisch bekannt dafür, dass sie den Zeitpunkt für den Absprung verpassen und nach einem wirklich tollen, konsumierenswerten Anfang in Beliebigkeit oder Wiederholung versacken. Immer tragisch, sowas zu beobachten.<br />
Man sollte sich nicht vom Erfolg dazu verführen lassen, seinen Gaul zu Tode zu reiten und nachher noch drauf rumzuschlagen.</p>
<p><strong>5. Schlechte Recherche</strong><br />
Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Zeit bei dieser Serie in die Recherche gesteckt wurde. So wie die Autoren den Patienten kaum Interesse entgegenbringen, stehen sie auch den medizinischen Fakten ziemlich gleichgültig gegenüber. Das Setting der Serie wird damit völlig austauschbar. Die Ereignisse könnten genau so gut in einer Anwaltskanzlei, einem x-beliebigen Bürokomplex, auf einer einsamen Insel oder in einer inzestgeschädigten Dorfgemeinde stattfinden.<br />
Ich hab fast den Eindruck, dass das Berufsfeld Chirurgie nur gewählt wurde, weil Arztserien &#8216;immer gut ankommen&#8217;. Wie lieblos.</p>
<p><strong>6. Die Schlusspredigt</strong><br />
Vielleicht liegt es an mir, aber kann es sein, dass Merediths Schlusspredigten während der zweiten Staffel zu 90% identischen Inhalt haben? Und wozu das Ganze überhaupt? Die Story ist nicht tiefschürfend, es gibt schlicht keinen Inhalt, dessen hintergründige Bedeutung man für die weniger cleveren unter den Zuschauern nochmal explizit erklären müsste. Und so zu tun, als wäre es anders, wirkt albern und gewollt.<br />
Das Übelste ist, dass die Predigerin, Meredith, wie bereits gesagt eine der beiden Charaktere in der Geschichte ist, die vollkommen unverändert auf der anderen Seite jeden Ereignisses herauskommen. </p>
<p><strong>7. Passiv-aggressiver Overkill</strong><br />
Passive Aggressivität, Schuldgefühle und emotionale Erpressung sind drei Handlungsstrategien, die sämtliche Charaktere aufzeigen. Die einen etwas mehr, die anderen etwas weniger, aber jeder Konflikt wird mit diesen Mitteln ausgetragen. Das verrät uns einiges über die Drehbuchautoren, und ich kann euch sagen, ich möchte diesen Leuten niemals begegnen.<br />
Ich möchte hier nochmal auf meinen <a href="http://www.tine-schreibt.de/?p=646">Artikel in Sachen Self-Inserts</a> hinweisen. Grey&#8217;s Anatomy ist wirklich ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Autor sein eigenes Verhalten bzw. seine Meinung über das Verhalten anderer Menschen nicht kritisch reflektiert und seine Charaktere bewusst von sich verschieden gestaltet. </p>
<p><strong>8. Merediths Nahtoderfahrung</strong><br />
Da Meredith Grey <em>der</em> Hauptcharakter ist, war es mir nicht vergönnt, auf ihren Ausstieg aus der Serie zu hoffen, als sie ihren Gelegenheitsselbstmord durchzuziehen versucht hat. Die Autoren konnten sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, eine Pseudoreflektion von Meredith durchzuführen, indem sie ihr ein paar andere verstorbene Charaktere ins halbtote Hirn schicken, die die Kleine darauf aufmerksam machen, dass sie viel zu zufrieden damit ist, tot zu sein. Mehr passiert nicht. Die Gelegenheit, subtil eingefügte Hinweise auf ihre latente Suizidalität abzuarbeiten, sie ein bisschen Nabelschau betreiben zu lassen, ihrem Charakter echte Schwere zu geben, wurde von den Autoren einfach sausen gelassen. Stattdessen darf Meri nochmal ihre ebenfalls tote Mutter herzen. Oh Mann.<br />
Allerdings ist bezeichnend, dass nicht versucht wird, Meredith zum Leben zu überreden, indem man auf ihre Fähigkeit, Leben zu retten hinweist, oder ihre für das Glück tausender Menschen wichtige Karriere vorwegnimmt. Nein, man sagt ihr, dass ihr Ableben der Strohhalm wäre, der den Kamelen ihrer Kollegen den Rücken brechen würde. Und ein Strohhalm ist sie tatsächlich.<br />
Ebenfalls bezeichnend ist die &#8216;Wendung&#8217;, die ihre Entscheidung <em>für</em> das Leben für Meredith einläutet: Sie beschließt, in ihrer Beziehung zu Dr. McOpferlamm mehr zu kommunizieren. Große Leistung, Meri. Wie wärs, wenn du stattdessen eine Therapie anfangen würdest? </p>
<p><strong>9. Lieblos, lieblos, lieblos</strong><br />
Nach Merediths Quasi-Suizid bemerkt McOpferlamm, dass seine Geliebte ein menschlicher Mühlstein um seinen Hals ist. Als Konsequenz sagt er ihr, dass sie ihm zu anstrengend ist. Kann er sie auch gleich wieder ins Wasser schubsen.<br />
Es ist erstaunlich, wie lieblos und wegwerfend die Charaktere in dieser Serie meist miteinander umgehen, und abgesehen von ein paar hellen Momenten bei Izzi und Alex passiert nichts, das das kontrastiert.<br />
Wie die ständigen passiv-aggressiven Konfliktstrategien der Charaktere lässt auch dieser alles andere überlagernde Zug der Charaktere an ein Self-Insert denken. </p>
<p><strong>10. Die Macht der Worte</strong><br />
Ein letztes Self-Insert finden wir in den eindringlichen Worten und singulären Erfahrungen, die stets ausreichen, um bei den meisten Charakteren &#8211; denen, die weder Meredith noch ihr Lämmchen sind &#8211; eine Wendung, eine Kurzschlussreaktion, eine Entwicklung oder eine Entscheidung anzustoßen. Alle Charaktere sind leicht zu beeinflussen, wankelmütig, impulsiv, und sie springen sofort auf emotionale Erpressung und die Manipulation ihrer Schuldgefühle an. </p>
<p>Das sind die zehn Hauptgründe dafür, dass mir Grey&#8217;s Anatomy langsam langweilig wird. Sie sind nicht sonderlich ausgiebig analysiert, aber ich hoffe, das eine oder andere war doch informativ für euch. </p>
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		<title>Recherche als Zeichen des Respekts</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 00:42:46 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Recherche]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Aus einem aktuellen Anlass&#8230; Als Autor hat man meiner Ansicht nach ein gewisses Maß an sozialer Verantwortung. Damit meine ich nicht, dass alle Charaktere immer nur vorbildlich und politisch korrekt dargestellt werden sollten, im Gegenteil. Ich meine damit, dass Charaktere wenn irgend möglich gerade nicht verfremdet, idealisiert und verzerrt geschrieben werden sollten. Jedes Weltbild, jede <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=801' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus einem aktuellen Anlass&#8230;</p>
<p>Als Autor hat man meiner Ansicht nach ein gewisses Maß an sozialer Verantwortung. Damit meine ich nicht, dass alle Charaktere immer nur vorbildlich und politisch korrekt dargestellt werden sollten, im Gegenteil. Ich meine damit, dass Charaktere wenn irgend möglich gerade <em>nicht</em> verfremdet, idealisiert und verzerrt geschrieben werden sollten.<br />
Jedes Weltbild, jede Meinung ist subjektiv, aber jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass seine subjektive Meinung und sein Erleben, halbwegs akkurat wiedergegeben werden. Unabhängig davon, ob man diese Meinung teilt oder auch nur respektiert. Der <em>Mensch</em> in seinem Erleben verdient Respekt. </p>
<p>Gerade wenn es um Krankheitsbilder, Negativerfahrungen, Krisen und dergleichen geht, wirkt es auf Betroffene wie ein Akt der Respektlosigkeit und der Anmaßung, wenn der entsprechende Charakter lediglich eine Karikatur des tatsächlichen Erlebens zeigt, wenn seine Sichtweise auf gesellschaftliche Erwartungen und Werte zugeschnitten wird, und wenn ihm eine Entwicklung zugeschrieben wird, die einen Verrat an den tatsächlichen Interessen der Betroffenen darstellt. </p>
<p>Ein Autor zieht die Wut, Enttäuschung und Verachtung der Betroffenen auf sich, wenn er darauf verzichtet, ihre Sicht durch eine halbwegs gut recherchierte Darstellungsweise zu würdigen und die Vielfalt des Erlebens darzustellen, die in jeder Rand- und Exotengruppe der Gesellschaft existiert. </p>
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		<title>Psychologie für Erzähler 01: Kognitive Verzerrungen</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 17:14:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Charakterentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Angeregt von einem Artikel auf schriftzeit.de &#8211; unbedingt lesen! &#8211; dachte ich mir, fertige ich mal eine kleine Übersicht über die wichtigsten heute bekannten sozialpsychologischen Mechanismen an, denen wir Menschen so unterworfen sind. Im Schreiben fiel mir dann aber auf, dass die Sache für einen einzigen Artikel vielleicht etwas zu umfangreich sein dürfte. Also habe <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=775' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.tine-schreibt.de/?attachment_id=787" rel="attachment wp-att-787"><img src="http://www.tine-schreibt.de/wp-content/uploads/brain1-150x150.jpg" alt="" title="brain" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-787" /></a>Angeregt von einem Artikel auf <a href="http://schriftzeit.de/archives/32">schriftzeit.de</a> &#8211; unbedingt lesen! &#8211; dachte ich mir, fertige ich mal eine kleine Übersicht über die wichtigsten heute bekannten sozialpsychologischen Mechanismen an, denen wir Menschen so unterworfen sind. Im Schreiben fiel mir dann aber auf, dass die Sache für einen einzigen Artikel vielleicht etwas zu umfangreich sein dürfte.<br />
Also habe ich beschlossen, eine weitere Artikelserie anzufangen, in der ich verschiedene Phänomene und Bereiche der Psychologie beleuchte, die für Erzähler besonders relevant sind. Unter jedem dargestellten Phänomen werde ich konkrete Beispiele dafür bringen, wie wir es 1. ausspielen können, um unsere Charaktere vielschichtiger, interessanter und/oder realistischer zu gestalten, und wie wir 2. verhindern können, dass wir als Autoren beim Schreiben diesem Phänomen zum Opfer fallen und unsere Erzählung damit unnötig beschränken. </p>
<p>Einsteigen möchte ich mit der Ursache aller sozialen Probleme, Missverständnisse und Streits, auf die ich bereits <a href="http://www.tine-schreibt.de/?p=646">in einem früheren Artikel</a> angespielt, die ich aber nicht beim Namen genannt habe. Diesmal steht sie gleich in der Titelzeile: Kognitive Verzerrungen.<br />
Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, wieviele derartige Verzerrungen der Psychologie zur Zeit bekannt sind, der möge auf <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_cognitive_biases">diesen Link hier</a> klicken und verzweifeln; eine weit weniger deprimierende Liste zeigt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Verzerrung">die deutschsprachige Wiki</a>.<br />
Ich werde mich in diesem Artikel auf die Top 3 beschränken; die Verzerrungen, die sich am häufigsten und in den meisten Lebensbereichen auswirken.</p>
<p><strong>Zuerst aber ein paar allgemeine Erklärungen zum Thema:</strong><br />
Kognitive Verzerrungen sind Denkfehler, die wir alle machen. Und wir machen sie, weil das aktive, bewusste Denken sehr viel Energie und Zeit kostet. Das Gehirn hat im Laufe seiner Evolution sehr leistungsfähige Automatismen entwickelt, die es uns gestatten, den Teil mit dem bewussten Denken einfach zu überspringen und trotzdem bei, wenn schon nicht immer akkuraten, so doch alltagstauglichen Schlüssen, Meinungen und Urteilen anzukommen. Problematisch an diesen Automatismen ist, dass wir sie nicht abstellen können. Sobald wir aufhören, unser Denken zu überwachen und jede noch so kleine Schlussfolgerung zu hinterfragen, greifen sie wieder. Unser Gehirn denkt sozusagen für uns, und es denkt ohne Sinn und Verstand. Gruselige Vorstellung, aber hey, wir kennen es nicht anders. Außerdem haben so ein paar findige Kollegen Die Wissenschaftliche Methode erfunden, mit der wir unsere Denkfehler aufstöbern und sie aus den wirklich wichtigen Fragen immer weiter heraushalten können.</p>
<p><strong>Und jetzt gehts los:</strong></p>
<ul>
<li><strong>Ungeschlagene Nummer 1</strong> unter den Denkverzerrungen ist der Confirmation Bias &#8211; <strong>die Bestätigungstendenz</strong>. Das bedeutet, wir stellen eine einzige Hypothese zur Erklärung eines Phänomens auf (&#8220;Mein Mann hat gelogen <em>weil er mich betrügt</em>&#8220;) und bestätigen dann die Richtigkeit dieser Hypothese, indem wir alles ignorieren, was sie widerlegen könnte, und nur das wahr- und wichtig nehmen, was sie bestätigt.<br />
Am falschen Ende dieses Denkfehlers zu sitzen, fühlt sich so an: &#8220;Ich könnte mich auch mit einer Parkuhr unterhalten.&#8221; Nichts, was du sagst, wird durch diesen Schutzschild für die Überzeugungen deiner aufgebrachten Ehefrau hindurch dringen; und wenn sie doch einmal etwas hört, wird sie es mit einer &#8211; aus deiner Sicht &#8211; haarsträubenden Begründung wegrationalisieren. </p>
<ul><em>In Bezug auf das Schreiben ist diese Verzerrung weniger greifbar als die noch folgenden, aber in bestimmten Situationen kann sie uns helfen, die Pläne des Hauptcharakters durchzuziehen, obwohl wir Probleme haben, die Einwände anderer Charaktere sinnvoll zu widerlegen, und das Argument &#8216;Er ist eben stur&#8217; nicht mehr zieht.<br />
Es ist nicht leicht, einen Charakter, den man gern hat, so irrational darzustellen, denn wir wünschen uns sehr, dass dieser Charakter nachvollziehbar handelt. Aber wenn wir uns sehr auf die Innenperspektive des Chara zurückziehen und seinen Rationalisierungen viel Raum geben, wird der Leser den kognitiven Fehler tendenziell teilen.</em></ul>
</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Auf Platz 2</strong> landet der <strong>fundamentale Attributionsfehler</strong>. Dieser Fehler funktioniert in zwei Richtungen, um unser gutes Selbstbild bestmöglich zu schützen. </p>
<ol>
<li>Wenn jemand uns gegenüber einen Faux-pas begeht, versagt, scheitert, erklären wir das bevorzugt mit einem <em>inhärenten Fehler dieser Person</em>. Sie bemühe sich nicht genug, sie sei faul, sie sei einfach unfreundlich, sie sei rücksichtslos. Wir sparen uns die Energie, von unserer emotionalen Reaktion auf das Verhalten des anderen zurückzutreten und zu überlegen: Vielleicht hatte er viel um die Ohren und keine Zeit zu lernen, vielleicht war er abgelenkt, vielleicht hat er private Probleme und ist deshalb gereizt &#8211; vielleicht gibt es <em>äußere Umstände</em> die das Fehlverhalten der Person perfekt erklären, ohne dass sie dazu ein schlechter Mensch sein muss.<br />
Diese Energieersparnis hat den schönen Nebeneffekt, dass wir uns dem anderen überlegen fühlen und uns in gerechtem Zorn über ihn echauffieren können.</li>
<li>Wenn wir anderen gegenüber einen Faux-pas begehen, versagen, scheitern, erklären wir das bevorzugt durch äußere Umstände. Wir hatten viel um die Ohren und keine Zeit zu lernen, wir waren abgelenkt, wir hatten private Probleme, die Klausur war zu schwierig, der Rasen zu nass, der Tennisschläger schlecht bespannt, der Schiri ein Idiot&#8230; So sparen wir uns die Demütigung, einsehen zu müssen, dass wir vielleicht doch ein bisschen zu faul waren, dass wir nicht so schlau sind, wie wir gerne wären, dass auch wir total versagen können, dass wir einer Aufgabe nicht gewachsen sein können.<br />
Diese Energieersparnis führt leider dazu, dass wir aus dem gemachten Fehler nichts lernen und ihn zu gegebener Zeit genau so wiederholen werden; bis der Schmerz des Versagens größer wird als der Schmerz der Selbsterkenntnis.</li>
</ol>
<ul><em>Wie erklärt ihr das Scheitern und Fehlverhalten eurer Helden? Internal (Fehler der Person) oder external (schlechte Umstände) attributiert? Wie das Scheitern oder Fehlverhalten ihrer Widersacher? Existiert da ein Ungleichgewicht? Ein erkennbares Schema? Verpasst ihr Gelegenheiten, eure Charaktere eine Entwicklung durchmachen zu lassen, indem ihr ihnen gestattet, ihre Fehler immer wieder external zu attributieren?</em></ul>
</li>
</ul>
<ul>
<strong>Den ehrenvollen 3. Platz</strong> schafft <strong>der Erinnerungsfehler</strong>. Diese kognitive Verzerrung basiert auf dem Phänomen, dass das menschliche Gedächtnis keine Videokamera ist, die 100% genau alles aufzeichnet, was passiert. Erinnerungen sind vielmehr in Form von Assoziationsketten im Gehirn abgelegt. Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, rekonstruieren wir die Erinnerung aus diesen Assoziationsketten, d.h. wir erzeugen die komplette Erinnerung aus ein paar Stichpunkten, die wir gestern oder vor Wochen schon auf eine Mind-Map gekritzelt haben, zwischen andere Stichpunkte, die zu anderen Erinnerungen gehören; und so kommt es, dass wir unbewusst Assoziationen vermischen, andere, ähnliche Erinnerungen einbeziehen, neue Informationen verwursten, Logik und andere Erfahrungen zurate ziehen, um Lücken auszufüllen, unsere Wünsche, unsere Vorurteile, unsere Ängste, unser Menschenbild verarbeiten, um aus ein paar Informationsfetzen ein Bild zu erzeugen, das so lebendig und real wirkt, dass wir ganz sicher sind, dass es genau so &#8211; und nicht anders &#8211; gewesen ist.<br />
Wie lückenhaft, beeinflussbar und bedingt unser Erinnerungsvermögen ist, zeigt sich am besten in der Forschung über Zeugenaussagen und Gegenüberstellungen. Ich persönlich bin darüber zu der Meinung gekommen, dass Zeugenaussagen während der Ermittlungen eine Rolle spielen, bei der späteren Verhandlung aber vollkommen ignoriert werden sollten. Auf die wenigen nützlichen Hinweise von Zeugen kommen so viele falsche, verzerrte Erinnerungen, dass es absolut unverantwortlich ist, ihre Aussagen einen Einfluss auf die Urteilsbildung nehmen zu lassen. </p>
<ul>
<em>Wir Autoren haben mit der verzerrten Erinnerung unserer Charaktere aber ein wundervolles, vielseitiges Werkzeug in der Hand, um ohne jede Selbsterkenntnis ihre tieferliegenden Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Vorurteile, Träume&#8230; darzustellen &#8211; nämlich indem wir ihre Erinnerung den tatsächlich erzählten Ereignissen gegenüberstellen. Die Erinnerung verhält sich zur Realität wie eine impressionistische Malerei. Wir können mit Farben und Formen spielen, die Stimmung verändern, die Reihenfolge abwandeln, die Rolle des Charakters in der Situation abwandeln, das Verhalten der anderen überzeichnen oder einschränken, die erinnerte Wortwahl, den Tonfall&#8230; Mit einer Erinnerung erschaffen wir die Welt neu, diesmal durch die Psyche des sich erinnernden Charakters betrachtet. Ein mächtiges Instrument.</em> </ul>
</ul>
<p>Ich hoffe, dieser Artikel war verständlich und hat euer Repertoire ein bisschen erweitert.<br />
Fragen, Vorschläge und Korrekturen nehme ich jederzeit gern entgegen.</p>
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		<title>Kuwe-Änderungen 02.1: Kürzen, kürzen, kürzen</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 15:16:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Kunstwerk]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
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		<description><![CDATA[Ist ja angeblich eine Tugend in gewissen Situationen. Seien wir mal pedantisch. Welchen Mist hab ich bei der Überarbeitung von gestern Abend verzapft? 1. Ich hab die Änderung einfach so reingeflatscht, anstatt sie einzuweben; vielleicht nur ne Vorliebe meinerseits, keine Ahnung, aber ich hab das Gefühl, Änderungen wirken ab einem bestimmten Umfang wie Fremdkörper, sofern <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=768' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist ja angeblich eine Tugend in gewissen Situationen. </p>
<p>Seien wir mal pedantisch. Welchen Mist hab ich bei der Überarbeitung von gestern Abend verzapft?<br />
1. Ich hab die Änderung einfach so reingeflatscht, anstatt sie einzuweben; vielleicht nur ne Vorliebe meinerseits, keine Ahnung, aber ich hab das Gefühl, Änderungen wirken ab einem bestimmten Umfang wie Fremdkörper, sofern sie nicht wenigstens an einem Ende in bestehende Sätze hineinsickern.<br />
2. Die Dispo schlängelt sich durch die Gegend; erst ist er voll analytisch, dann denkt er sich &#8216;Ach, glotzen wir ein bisschen genüsslich, ehe wir uns entscheiden, wir hams ja nicht eilig&#8217;. Wat? Seit wann ist der Mann entspannt?<br />
3. Doppelte Beschreibung. Ich hab nicht eine komplette Beschreibung von Joanna ersatzlos gestrichen, um jetzt eine neue überflüssige rein zu verschlimmbessern. </p>
<p>Das Ausmisten:<br />
1. + 3. behebe ich, indem ich die &#8216;Beschreibung&#8217; als Teil der Vorbereitung anbringe.<br />
2. behebe ich, indem ich ihn tapfer sein analytisches Mindset verteidigen lasse, bis er auf Spuren von Joannas so reizvoll harmlos erscheinender Persönlichkeit stößt. Achilles, tut dir die Ferse weh? Muaha.</p>
<p>Das Ergebnis:<br />
<em>Gewissenhaft macht er sich jedes einzelne, noch so winzige Detail *ihres* Gesichtes bewusst; all die Winkel, Radien und Kurvenverläufe, die die subtil gekrümmten Flächen zusammenhalten. Dann wendet er sich erneut der Lichtung zu. Und kaum hat sich die Frau in seine Richtung gedreht, mustert er sie so eindringlich, als wollte er bis auf ihre Knochen sehen.<br />
Zurückhaltung, Analyse, Vergleich, eine Abstraktion als Schutzwall zwischen ihm und dem Gefühl der Erkenntnis, das sich schon nach kürzester Latenz einstellen will. Er hält sich tapfer &#8211; ist der Schwung ihrer Unterlippe mimisch verzogen, oder ist er tatsächlich zu wenig ausgeprägt? &#8211; doch als seine Betrachtung ihre Augen erreicht und er darin den sanften und doch so lebhaften Ausdruck findet, den sie auf dem Papier über die Jahre entwickelt haben, schlägt die Erkenntnis ein. Alles stimmt, alles ist da, *sie* ist da, steht direkt vor ihm, ganz real, in Fleisch und Blut. </em></p>
<p>Aus 197 Worten werden 149. Fast genau ein Viertel weniger.<br />
Mal gucken, ob ich noch irgendwas dagegen tun kann, dass das Wort &#8216;Erkenntnis&#8217; zweimal so dicht hintereinander auftaucht, ob mir was besseres als &#8216;Latenz&#8217; einfällt, und ob ich den vorletzten Satz irgendwie aufteilen kann. Aber ansonsten erkläre ich diesen Pickel jetzt für aus dem Antlitz meiner Geschichte herausgequetscht. </p>
<p>EDIT:<br />
1. Gefühl der Gewissheit<br />
2. binnen Sekunden<br />
3. nope</p>
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		<title>Kuwe-Änderungen 02.0: Kopf -&gt; Wand</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 22:09:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Kunstwerk]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Überarbeiten]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist schon komisch. Mir ist eigentlich seit Ewigkeiten klar, dass ich diese Stelle hier: Und als sich die Frau schließlich in seine Richtung dreht, weiß er mit absoluter Sicherheit, dass seine Suche beendet ist. &#8230; auf gar keinen Fall so stehen lassen kann. Ich meine, ich mache im Satz davor klar, dass es ihm <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=763' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist schon komisch. Mir ist eigentlich seit Ewigkeiten klar, dass ich diese Stelle hier:<br />
<em>Und als sich die Frau schließlich in seine Richtung dreht, weiß er mit absoluter Sicherheit, dass seine Suche beendet ist.</em><br />
&#8230; auf gar keinen Fall so stehen lassen kann. Ich meine, ich mache im Satz davor klar, dass es ihm super wichtig ist, gewissenhaft zu sein, genau zu prüfen, genau zu vergleichen&#8230; und dann reicht ein Blick und er sagt &#8220;Dat isse!&#8221;?<br />
Ich meine, ja, auf den zitierten Satz oben folgt nochmal eine Aufzählung all der Kriterien, die Joannas Gesicht aufgrund irgend eines absolut bekloppt unwahrscheinlichen Zufalls erfüllt, aber eben erst <em>danach</em>. Bei Denk- und Erkenntnisprozessen ist die Reihenfolge der Schilderung wichtig, denn sonst kann der Leser sie nicht nachvollziehen. Und ich Spack dreh sie an so einer wichtigen Stelle um.<br />
Das hab ich mir auch bei jedem Drüberlesen gedacht, aber hab ichs geändert? Nope. Und fragt mich nicht warum. Ich hab absolut. keine. Ahnung. </p>
<p>Na wie dem auch sei. Jetzt nehm ich mir die Stelle endlich mal zur Brust. </p>
<p>Das wars auch schon. Tralla. </p>
<p>EDIT: Rohentwurf. Mal gucken, was ich morgen früh davon halte&#8230;<br />
<em>Und kaum hat sich die Frau in seine Richtung gedreht, mustert er ihr Gesicht so eindringlich, als versuchte er, bis auf ihre Knochen hinunter zu blicken.<br />
In seinem Geist ist ihr Körper erst nur ein geometrisches Konstrukt aus Längen, Winkeln, Radien und Kurvenverläufen, die verglichen werden wollen. Eine blanke Abstraktion ohne Identität. Doch je länger er sie betrachtet, und je klarer er trotz aller erzwungener Zurückhaltung *sie* in diesen Formen zu erkennen glaubt, desto konkreter und realer erscheint ihm das, was er da sieht.<br />
Er beginnt, ihre Farben zu studieren, folgt ihren Bewegungen mit dem Blick, denn so kurz vor dem Ziel hat er es auf einmal nicht mehr eilig, den seit dreißig Jahren herbeigesehnten Gedanken zu fassen. Erst als seine Betrachtung zu ihren Augen zurückkehrt und er darin den sanften und doch so lebhaften Ausdruck findet, den sie auf dem Papier über die Jahre entwickelt haben, schlägt die Erkenntnis ein. Alles stimmt, alles ist da, *sie* ist da, steht direkt vor ihm, in Fleisch und Blut!<br />
Eine Woge der Erleichterung durchflutet seinen Körper, während er sich wieder hinter den Baum zurückzieht, und er spürt sich lächeln.</em></p>
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		<title>Neue Geschichte: Gorilla</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 12:02:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzprojekte]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Überarbeiten]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bin ja zur Zeit so halb auf der Suche nach nicht-toten Schreibforen, in denen ich die eine oder andere hilfreiche Kritik zu meinen Arbeiten abgrasen könnte. Da ich so eine hirnerweichte Phase vor acht Jahren schonmal hatte, habe ich damit angefangen, mich selbst durchs Netz zu stalken. Ist ganz nett, sich alte Texte und <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=737' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin ja zur Zeit so halb auf der Suche nach nicht-toten Schreibforen, in denen ich die eine oder andere hilfreiche Kritik zu meinen Arbeiten abgrasen könnte. Da ich so eine hirnerweichte Phase vor acht Jahren schonmal hatte, habe ich damit angefangen, mich selbst durchs Netz zu stalken. Ist ganz nett, sich alte Texte und die zugehörigen Kritiken nochmal durchzulesen und zu gucken, was man so alles <em>noch immer</em> nicht gelernt hat.<br />
Dabei bin ich über Texte gestolpert &#8211; vor allem &#8216;Gedichte&#8217; &#8211; von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie seinerzeit mal verfasst hatte, und die auch auf meinem Rechner schon ewig nicht mehr existieren. Bei den meisten handelt es sich da um einen klaren Fall von &#8216;Verbessern durch Löschen&#8217; und Verdrängung, aber es sind auch Sachen darunter, die Potential haben. </p>
<p>Dazu gehört die Geschichte, die ich heute mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.tine-schreibt.de/?page_id=753">Gorilla</a>&#8221; unter Geschichten -> Portraits gepostet habe. Da sich an dieser Arbeit sehr schön kurz und knackig zeigen lässt, welchen Typ Änderung ich (und wahrscheinlich die meisten anderen Autoren auch) am häufigsten an älteren Texten vornehme, dachte ich mir, tu ich das doch mal. Und wenn wir schon dabei sind, erkläre ich doch gleich auch noch das Warum zu jeder Änderung.</p>
<p>Zur Technik: Ich habe mir von der Funktion &#8216;Dokumente vergleichen&#8230;&#8217; eine post-hoc Änderungsverfolgung anfertigen lassen; ist zwar von der Optik her ziemlich für den Arsch, aber man kann etwas sinnvolles draus basteln, wenn man fünf Minute Zeit hat. </p>

<div class='easySpoilerWrapper' style=''>
<table class='easySpoilerTable' border='0' style='text-align:center;' align='center' bgcolor='FFFFFF' >

<tr style='white-space:nowrap;'><th class='easySpoilerTitleA'  style='white-space:nowrap;font-weight:normal;text-align:left;vertical-align:middle;font-size:100%;color:#000000;'></th>
<th class='easySpoilerTitleB'  style='text-align:right;vertical-align:middle;font-size:100%; white-space:nowrap;'>
<a href=''  class='easySpoilerButtonOther' style='font-size:100%;color:#000000;background-color:#fcfcfc;background-image:none;border: 1px inset;border-style:solid;border-color:#cccccc; display:none; margin: 3px 0px 3px; padding: 4px; ' align='right'>Alles markieren</a><a href='' onclick='wpSpoilerToggle("spoilerDiv2d6e8001",false,"Zeigen","Verbergen","fast",false); return false;' id='spoilerDiv2d6e8001_action' class='easySpoilerButton' value="Zeigen" align='right' style='font-size:100%;color:#000000;background-color:#fcfcfc;background-image:none;border: 1px inset;border-style:solid;border-color:#cccccc; margin: 3px 0px 3px 5px; padding: 4px;"'>Zeigen</></th>
</tr>
<tr><td class='easySpoilerRow' colspan='2' style=''><div id='spoilerDiv2d6e8001' class='easySpoilerSpoils'  style='display:none; white-space:wrap; overflow:auto; vertical-align:middle;'>
<strong>Gorilla</strong><br />
Was ist das überhaupt für ein Wort<del>!</del>? <ins><em><- Ich habe sämtliche Ausrufezeichen gekillt und mit den neuen Abschnitten 'nur' drei (ich korrigiere: sechs, ahem) wiedereingefügt. Ausrufezeichen braucht man nur zum Brüllen. Sag ich mal so.</em></ins> Ich meine, es ist doch <del>eigentlich</del> <ins><em><- Auch un-eigentlich</em></ins> ein Widerspruch in sich, Totgeburt. Geburt, das ist Leben und Zukunft und so. Und Tod? Klar, sterben müssen wir alle mal, aber doch nicht so.<br />
Totgeburt. <del>Fünf Monate hat sie in mir gelebt. Dann ist sie in mir gestorben&#8230;</del><ins> <em><- Da hacken wir später noch drauf rum, und zwar eindrucksvoller</em></ins> Die Nabelschnur, Piepeline des Lebens. Sie hat sich um ihren Hals gelegt und sie gewürgt und gewürgt und gewürgt. <del>Gott,</del> Vielleicht habe ich gelacht, als sie mich getreten hat, dabei war es ein verzweifeltes Zappeln im Kampf um ihr <del>winziges</del> <ins><em><- Ein Adjektiv reicht</em></ins> Leben.<br />
Totgeburt. Mein Kind war noch <ins>gar</ins> kein richtiges Kind, als es starb. Es hatte unfertige Arme und Hände, unfertige Beine und Füße, unfertige Augen, eine unfertige Nase und einen unfertigen Mund. Vollkommen unfertig! <del>Vom Statu nascendi ohne Umweg zum Statu praeteriri.</del> <ins><em><- Ja, nee. Lass ma</em></ins> Aber ich hätte sie so genommen, genau so unfertig wie sie war. Meine Güte, mein Kind muss weder greifen, noch stehen, noch sehen, noch riechen, noch sprechen können, damit ich es liebe! Ein Lächeln, mehr will ich doch gar nicht! Ein Lächeln und der Gedanke Du bist meine Mama! Was klagen Mütter über ihr Down-Kind, über ihr blindes Kind, über ihr stummes Kind, über ihr Kind, das bald sterben wird! <del datetime="2011-11-26T12:27:18+00:00">Mein Kind</del> Meine Tochter ist gestorben, bevor sie überhaupt mein Kind war! Und hätte sie nur ein halbes Jahr gelebt, nur einen Monat, nur einen Tag, ich hätte sie mit Liebe überschüttet und wäre glücklich gewesen, weil ich Mutter war und sie mein Kind war, für einen Tag! Weil ich mein Kind im Arm halten konnte, für einen Tag! <del>Gott,</del> was hätte ich drum gegeben!<br />
Totgeburt. Dann sitzt du da, kaputt und traurig, dir ist schlecht, du willst einfach nur sterben. <del>Dann fragst du</del> <ins><em><- 2x 'dann'</em></ins> Du fragst, was denn nun schief gelaufen ist, aber sie geben dir ja keine Antwort. Die Nabelschnur <del>wird’s wohl gewesen sein</del> <ins>eben</ins>, murmelt eine <del>fette</del> Schwester, <ins>was gibts da zu erklären</ins>? Wollen Sies begraben lassen? Kind, das steht auf dem Stein. Kind, mehr nicht.<br />
Ja, hat der Arzt noch gesagt, Sie müssen wissen, dass jedes gesunde oder wenigstens lebensfähige Kind, das das Licht der Welt erblickt, ein kleines Wunder ist.<br />
Ach, wirklich? <del>Denkst du,</del> Denken Sie, das wusste ich nicht? antwortest du schwach und drehst den Kopf zur Wand.<br />
Du spürst, wie der Blödmann im Kittel lächelt, so lasch wie alter Salat. Er wünscht dir Glück fürs nächste Mal und du weißt genau, wen du töten wirst, wenn du ihm das nächste Mal begegnest.<br />
<ins>Totgeburt, sagst du am Telefon, und außer dir nimmt keiner das Wort in den Mund. Liebes, das ist schrecklich, können wir irgend etwas für dich tun? Immer diese Floskel. Auch von der Tussi vom Vorbereitungskurs für werdende Mütter, zu dem ich gegangen bin, um alles richtig machen zu können. Wenn Sie irgend etwas brauchen&#8230; Die Tussi ließ den Satz auslaufen, als würde er dadurch mehr Bedeutung bekommen.<br />
Ich brauche ein Kind! wollte ich sie anschreien. <em>Mein</em> Kind! Meine Lea! Ich wollte sie packen und durchschütteln, genau so wie die Weiber vor der Uni-Kita. Kein Bauch mehr, aber kein Kinderwagen zum Ausgleich; fast schon witzig, wie ein einziges Wort eine Herde Mutterschafe auseinander stieben lassen kann. Totgeburt. Aussatz! Lepra! Schlechtes Omen!<br />
Dann stand Dominik vor der Tür, unangekündigt. Druckste rum. Es wär nicht okay gewesen, mich schwanger sitzen zu lassen, und jetzt&#8230; Es würd ihn so mitnehmen, dass das Kind&#8230; Ich hätte ihm seine halbfertigen Sätze am liebsten um die Ohren gehauen. Dass das Kind gestorben ist, sagte ich, und er nickte. Er wolle jetzt für mich da sein, den Fehler wiedergutmachen, mich unterstützen.<br />
Keine fünf Minuten war die Tür hinter ihm zu, da war er schon wieder draußen. Zehn Minuten später das Telefon, beste Freundin am anderen Ende, motzt mich an. Sie hätte mit ihm gesprochen, er hätte alles wirklich eingesehen, er wolle mir wirklich helfen, warum ich jeden wegstoßen würde, der das versucht. Motzen kann ich auch.</ins> <ins><em><- Hier kommen zwei neue Aspekte in die Geschichte, die kurz die Historie der Protagonistin beleuchten, und auch ihre Wut auf alle anderen Menschen erklärt, die sie in abwertenden Kommentaren ausdrückt; damit gehts gleich noch weiter</em></ins><br />
<del>Totgeburt! Jetzt</del> Und nun sitze ich auf dieser dämlichen Parkbank und starre auf ein kleines, dunkelhaariges Mädchen, das heulend im Sandkasten sitzt, weil <del>Proleten-Dennis</del> Ferdinand-Alessandro zwei Meter weiter, Sand auf ihr Kleid geschmissen hat. <ins>Ich habe mich noch nie so allein gefühlt. So leer. So unvollständig. Ich habe einen Teil von mir verloren. Einfach verloren, ohne auch nur darum kämpfen zu können, ohne vorgewarnt zu sein. Wie wäre das als Thema für den Schwangerschaftskurs: Was tun, wenns schiefgeht? Was tun, wenn mein Kind in mir stirbt? Aber daran wagt ja keiner zu denken. Alles muss immer positiv sein, bloß keine Schwarze Magie. Diese Halbaffen. Wie sie mich anwidern.<br />
Und niemand versteht es. Dass ich nicht drüber wegkommen werde. Dass ich gar nicht drüber wegkommen will. Dass mir ihre scheiß positive Art weh tut. Wie soll man positiv sein wollen, wenn man eine wandelnde Leichenhalle war? Mein Bauch war eine Leichenhalle! Ein Babyleichenhalle, verdammte Scheiße! Verjagt die Leute fast noch schneller als das Wort mit T. <em><- Eben gabs Interaktion, hier haben wir die emotionale Reaktion der Protagonistin auf das Verhalten ihrer Interaktionspartner</em></ins><br />
<del>Verzogenes Drecksschratz, dieser Dennis! Seine Mutter, eine faltige Tusse mittleren Alters, sitzt seit einer halben Stunde neben mir, liest Die Bunte und zündet sich alle zehn Minuten eine neue Kippe an. Das meiste von dem Rauch pustet sie in meine Richtung und in den grünen Kinderwagen vor ihr.</del> <em><- Prekariats-Bashing ist zu allgemein; auf Statussymbol-Kind-Muttis einzuhacken, ist spezifischer und passt besser zur Protagonistin</em><br />
<ins">Ich könnte Ferdinand-Alessandros wasserstoffblonde Mutter fragen, ob sie schonmal eine hatte. Vielleicht geht sie dann weg und hört auf, mir mit ihrem Zigarettenqualm die Lungen zu teeren. Seit einer halben Stunde sitzt sie jetzt schon neben mir, liest die Cosmopolitan und zündet sich eine Kippe nach der anderen an. Das Baby im grünen Kinderwagen darf auch mitrauchen.</ins> <del>In dem Wagen liegt ein Kind mit einem bonbonrosa Mützchen.</del> Vor ein paar Minuten hat es kurz gezappelt und <del>leise</del> <ins>unter seinem bonbonrosa Mützchen hervor</ins>gequäkt. Mit tut immer noch der Bauch weh von diesem Geräusch.<br />
<del>Prollmami</del> Der Fabrikschlot murmelte Pst, Ruhe, Süße, und <del>blätterte auf die Seite mit Maximas Traumhochzeit. Ich frage mich, wie sie das Kind wohl nennt. Tschackweline? Nickoll? Iwonne?</del> ruckelte ein paar Mal am Wagen und blätterte dann auf die Seite mit den Schuh-Trends für den Herbst. Ich frage mich, wie sie das Kind wohl nennt. Sicher auch irgendwas hippes, das kein Mensch als Name verdient hat.<br />
Armes Mäuschen! Ob ihr Vater wohl auch raucht? Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, als man mir sagte, dass ich schwanger bin. Mein Nichtraucher-Kind hat nie wirklich gelebt, aber diese qualmende Flanschkuh kriegt gleich zwei gesunde Kinder! Unfair!<br />
Das Kind im Wagen hustet und brabbelt leise im Schlaf. Mein Bauch krampft sich wieder zusammen und ich verziehe das Gesicht.<br />
Da stampft die Mutter von dem heulenden Mädchen zur Flanschkuh und schleppt sie zum Sandkasten, damit sie ihr Put zur Raison bringt. <del>Dennis, wie oft hab isch disch heute schon jesacht, datt du nisch mit die Sand auf die andere Kinder schmeißen sollz? Isch jeh jleisch mit disch na haus, wenn du disch nit anständisch benehmen tust! Ja, Dennis kriegt eine gehörige Abreibung verpasst.</del> Aber Ferdinand-Alessandro würde so etwas nie tun. Ferdinand-Alessandro ist gut erzogen, was erlauben Sie sich! Ja, die Mutter von dem Sandwurfopfer kriegt eine gehörige Abreibung verpasst.<br />
Aber mit ist das egal. Ich habe nur Augen für das winzige Gesicht unter dem <ins>bonbon</ins>rosa Mützchen, nur Ohren für das leise Geräusch der sandigen Rollen auf dem Asphalt, nur Gefühl für den sonnengewärmten Griff des Kinderwagens in meinen Händen.<br />
Ich beginne zu rennen. Ich holpere über einen Bordstein. Mein Kind wacht auf. Im Weiterrennen lächle ich es an. <del>Hallo,</del> ich bin deine Mama, <ins>flüstere ich. Ich bin deine Mama und ich hab dich lieb.</ins><br />
<del>Und du bist Lea.</del> <ins><em><- Nein, ist sie nicht, und 'Mama' weiß das nur zu genau</em></ins>
</div></td></tr>
</table>
<div class='easySpoilerConclude' style=''><table class='easySpoilerTable' border='0' style='text-align:center;' frame='box' align='center' bgcolor='FFFFFF'><tr><th class='easySpoilerEnd' style='width:100%;'></th><td class='easySpoilerEnd' style='white-space:nowrap;' colspan='2'></td></tr><tr><td class='easySpoilerGroupWrapperLastRow' colspan='2' style=''></td></tr></table></div>
</div>

<p><strong>Fazit</strong><br />
In der Ausgangsversion der Geschichte treffen wir eine verwaisten Mutter, die ihrer Wut über das mangelnde Mitgefühl medizinischen Personals und die generelle Ungerechtigkeit der Welt Luft macht.<br />
In der Überarbeitung wird aus ihr eine Frau, die die Realität ihres Verlustes in seiner Totalität und Grausamkeit akzeptiert, von der Gesellschaft aber nur Sprachlosigkeit, Schweigen und Angst zurückbekommt, vermischt mit Ausdrücken guten Willens, die sie als Invalidierung ihres Schmerzes und deshalb als zusätzliche Verletzung erlebt.<br />
Aus seicht mach weniger seicht &#8211; in nur sechs einfachen Absätzen ohne großartige Details. Das Anskizzieren reicht aus, um dem Leser die Kämpfe der Protagonistin auch über das tatsächlich Erzählte hinaus nahezubringen. </p>
<p>Was denkt ihr so?<br />
Welche Fehler habe ich übersehen? Wo muss ich noch was dran feilen? Wo habe ich was verschlimmbessert? </p>
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		<title>Anti-Schreibtip: Mit dem Alltag beginnen</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 10:04:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreibwerkzeuge]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf einem recht werbungsdurchtränkten Blog stieß ich auf folgenden, auch an anderen Stellen gerne gegebenen Schreibtip: Stellen Sie am Anfang der Geschichte erstmal Ihre Charaktere in ihrem Alltag vor. Als Begründung wird verschiedenes angegeben. Im Falle dieses Blogs ist es der Kontrast zwischen Vorher und Nachher, den der Leser nur erleben könne, wenn er das <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=722' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf einem recht werbungsdurchtränkten <a href="http://schriftzeit.de/archives/243">Blog</a> stieß ich auf folgenden, auch an anderen Stellen gerne gegebenen Schreibtip: <em><strong>Stellen Sie am Anfang der Geschichte erstmal Ihre Charaktere in ihrem Alltag vor</strong></em>.<br />
Als Begründung wird verschiedenes angegeben. Im Falle dieses Blogs ist es der Kontrast zwischen Vorher und Nachher, den der Leser nur erleben könne, wenn er das Vorher auch kenne.<br />
Ist an sich ein guter Punkt.<br />
Weiter geht es mit dem Hinweis, dass man dann im Verlauf der Action immer wieder Bezüge auf diesen vergangenen Alltag einbauen kann. </p>
<p>Da sag ich nur: Super Idee; dann können wir auch den langen, uninteressanten Blick auf den Alltag ganz am Anfang der Geschichte streichen. Wenn wir alles eh noch mal in die Geschichte integriert erzählen &#8211; zu einem Zeitpunkt, zu dem der Leser den Charakter in Action kennt und ihn so interessant findet, dass er auch gern lesen würde, wo dieser Held denn eigentlich herkommt, so historisch gesehen.<br />
Es ist natürlich etwas kniffliger, den Alltag so zu zeigen, weil man einen Aufhänger braucht, einen passenden Kontext, kurze, prägnante Schilderungen, um nicht aus dem einen großen initialen Infodump viele kleine verstreute Infodumps zu machen. Aber erstens hat niemand behauptet, es wäre einfach, eine mehrfadige Geschichte zu strukturieren, und zweitens verzeiht der Leser einen kleinen Infodump inmitten toller Spannung eher, als einen Sumpf gleich auf den ersten Seiten.</p>
<p>Zumindest ich will von der ersten Seite an gut unterhalten werden, wenn ich ein Buch lese. Mir ist es zu mühsam, mich durch total irrelevante Nichtigkeiten aus dem Leben des Heinz Spaten kämpfen müssen, nur um nachher die Veränderung besser würdigen zu können (wenn sich eben jener so normale Heinz Spaten zum futuristischen Napoleon Bonaparte gemausert hat, der &#8211; vielleicht, vielleicht aber auch nicht &#8211; seine Welteroberungsarmee traditionsreich vor eine Wand namens &#8216;Russischer Winter&#8217; fahren wird).<br />
Ich lese lieber über Future-Napoleons verrückte Welttournee und lasse mich davon überraschen, dass er seinem Leibarzt oder der Geliebten nur von bescheidenen, ja ärmlichen Verhältnissen im New Korsika seiner Kindheit zu berichten weiß. </p>
<p>Als Autorin würde ich mich genötigt fühlen, mir einen total schrägen Alltag aus den Rippen zu leiern, nur damit der arme Leser nicht einschläft, ehe ich mal mit der eigentlichen Geschichte zu Potte komme. Das kann man vielleicht ein- zweimal machen, aber was fällt auf? Kein Unterschied mehr zwischen der Action und dem Alltag vorher. Kontrast versickert. Pech gehabt. </p>
<p>Mein Tip gegen den Anti-Tip: Erst Interesse wecken, dann langweilige Details einfüttern. </p>
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		<title>Entfremdung gegen den Narzissmus</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 08:26:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Charakterentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Schreibwerkzeuge]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieser Post ist völlig weiblich. Warum? Pädagogik. Aufgabe: Was denkt ihr über die Autorin dieses Textes? Und jetzt lesen, los. :D Das &#8216;lyrische Ich&#8217; ist die Sprecherin eines Gedichtes. Es ist nicht notwendigerweise identisch mit dem Autorinnen-Ich, also der Person, die das Gedicht verfasst hat. Das ist an sich ein No-Brainer, aber es gibt immer <a href='http://www.tine-schreibt.de/?p=646' class='excerpt-more'>[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.tine-schreibt.de/?attachment_id=659" rel="attachment wp-att-659"><img src="http://www.tine-schreibt.de/wp-content/uploads/metamorphose-des-narziss1-150x112.jpg" alt="" title="metamorphose-des-narziss" width="150" height="112" class="alignright size-thumbnail wp-image-659" /></a>Dieser Post ist völlig weiblich. Warum? Pädagogik. Aufgabe: Was denkt ihr über die Autorin dieses Textes? Und jetzt lesen, los. :D</p>
<p>Das &#8216;lyrische Ich&#8217; ist die Sprecherin eines Gedichtes. Es ist nicht notwendigerweise identisch mit dem Autorinnen-Ich, also der Person, die das Gedicht verfasst hat. Das ist an sich ein No-Brainer, aber es gibt immer wieder Fälle wie den Folgenden:<br />
Robbie Williams singt in &#8216;Old Before I Die&#8217; die Zeile: &#8220;Am I straight or gay?&#8221;<br />
Der Boulevard fragt: &#8220;Ist Robbie Williams jetzt schwul?&#8221;<br />
Das mag ein doofes Beispiel sein, denn der Boulevard macht sowas mit Absicht usw., aber ich denke, es beleuchtet das Prinzip.</p>
<p>In Prosatexten existiert das lyrische Ich vielfach, denn jeder einzelne Charakter stellt eines dar. Das gilt auch für NPCs und Tiere, und wenn frau es sehr eng sieht, sogar für gewisse Formen von Ereignissen.<br />
Und so wie Leserinnen lyrisches und Autorinnen-Ich verwechseln können, kann das auch der Autorin passieren. Damit meine ich keine offensichtlichen Self-Inserts in Fanfics (ich denke, darüber gibt es genügend Hasstiraden, einfach mal google fragen), sondern einen z.T. deutlich subtileren Prozess, dem frau erstmal auf die Schliche kommen muss. Auf das selbe läuft es trotzdem hinaus: die Autorin hat sich selbst in die Geschichte hineingeschrieben, und ihr damit möglicherweise keinen Gefallen getan.</p>
<p>Ich möchte das ganze zur Vereinfachung in verschiedene Formen von Self-Insert aufteilen. Meine Liste ist kurz und erhebt deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit.</p>
<ul>
<li><strong>Das Held-Insert:</strong> Bei dieser Form des Self-Insert sind alle sympathietragenden Charaktere nach einem erkennbar ähnlichen Schema aufgebaut. Sie haben allesamt Eigenschaften (auch äußerliche), die die Autorin an sich selbst oder an anderen bewunderns- oder erstrebenswert findet. Eigenschaften, die der Autorin missfallen, werden einzig Antipathieträgern &#8216;angehängt&#8217;.<br />
Wenn frau als Leserin das Schema bemerkt, legt sie das Buch mit dem Gefühl beiseite, die Autorin und ihren Geschmack genau kennengelernt zu haben, aber nicht einem einzigen originellen, organisch gewachsenen, authentischen Charakter begegnet zu sein.<br />
Als Autorin steht frau irgendwann vor dem Problem, dass alle Charaktere mehr oder weniger Klone ein und derselben Idealvorstellung sind, dass sie alle dieselben Entscheidungen treffen. Im schlimmsten Fall erzählt sie ein und dieselbe Geschichte wieder und wieder und wieder. </li>
<p>&nbsp;</p>
<li><strong>Das Vorurteils-Insert:</strong> Gibt es doch Charaktere, die von diesem Schema abweichen, bedeutet das nicht, dass sie nicht auch eine Verkörperung der Autorin selbst sind. Sie sind &#8211; nur eben nicht ihrer Ideale, sondern ihrer positiven wie negativen Vorurteile. Auch hier fehlt die Authentizität. Erfolgreiche Frauen sind kinderlos und sexy, parken aber schlecht ein, Männer denken ständig an Sex und können nicht zuhören, Jugendliche sowieso nicht und sind außerdem noch aufsässig aber voller putziger kleiner Ideen, Sekretärinnen sind Engel im Minirock oder haben 365 Tage im Jahr PMS, Rentner sind großmütterlich und konservativ, Nerds wissen alles über Computer, wohnen aber noch bei Mama im Keller, Schwule sind tuntig und supertolle beste Freunde, Lesben sind stutenbissige Männerhasserinnen, untreue PartnerInnen sind in jeder Hinsicht Schweine, der/die &#8216;Neue&#8217; ist ein Biest oder egoverkrüppelnd perfekt, und Kassiererinnen&#8230; allesamt ordinäre Zicken. Es findet keine Nuancierung statt, kein Hinterfragen. Die Autorin nimmt ihre Meinung, ihr Weltbild, ihre Wahrnehmung einfach als die absolute Wahrheit an und schreibt sie ganz selbstverständlich auf.<br />
Die Leserin &#8211; falls sie meine Wenigkeit ist &#8211; fühlt sich irgendwann ziemlich genervt. Da schreibt also eine über etwas, von dem sie nicht die geringste Ahnung hat (andere Menschen), und bemerkt es nichtmal. Abziehbildchen 1 bis 15 als Ersatz für authentische Charaktere mit Leben und dieser gewissen dritten Dimension, die sie interessant machen könnte.<br />
Die Autorin steht irgendwann vor dem gleichen Problem wie oben: Alle ihre Charaktere sind irgendwie Klone, weil sie ja nur dieses eine Vorurteil je Charakter hat. Vielleicht mischt sie sie ein bisschen, vielleicht wird sie ganz mutig und wirft etwas dazwischen, das total clever ihrem eigenen Vorurteil widerspricht. Aber das Grundproblem löst sie damit nicht. </li>
<p>&nbsp;</p>
<li><strong>Das Ich-denke-das-muss-so-Insert:</strong> Mehr Vorurteile, aber diesmal der Leserin gegenüber. Jede Autorin hat, denke ich mal, zumindest eine vage Vorstellung von der Zielgruppe, bei der ihre Erzählung gut ankommen dürfte. Und, teils bewusst, teils ohne es zu merken, schneidet sie ihre Charaktere auf die vermuteten Erwartungen und den vermuteten sonstigen Geschmack dieser Zielgruppe zu. Weil sie denkt, dass das so muss. Ein Chara des Typs &#8216;beste Freundin&#8217; hat halt nur drei mögliche Ausprägungen. Ein &#8216;Erfolgreiche Frau&#8217;-Charakter muss halt so oder so beschaffen sein, damit die Leserin ihn ernst nimmt oder sympathisch findet. Ein &#8216;Neuer Lover&#8217;-Chara braucht dieses oder jenes feste Set von Eigenschaften, damit die Leserin ihn genau so toll findet wie die Heldin der Geschichte. Und wenn &#8216;Die Neue vom Ex&#8217; nicht entweder Typ &#8216;Biest&#8217; oder &#8216;Egoverkrüppelnd Perfekt&#8217; ist, kann sich die Leserin gar nicht mit der Heldin identifizieren.<br />
Als Leserin fühlt frau sich von sowas entweder total begeistert, weil sie die guten alten Bekannten aus all den anderen Büchern für ihre Zielgruppe wieder sieht und genau weiß, was Sache ist. Oder sie fühlt sich verarscht. Ganz im Ernst. <em>Ich</em> fühle mich verarscht und wie eine Idiotin behandelt, wenn mir eine Autorin so einen vorverdauten Brei vorsetzt. Ich habe Zähne! Ich will was kauen, Frau. Ich will was, das nach was schmeckt.<br />
Die Autorin hat dahingehend ein leichtes Leben, dass sich ihre Charas von selbst schreiben und sie sich eines gewissen Erfolgs fast sicher sein kann. Aber auch hier wird sie in das Klon-Problem hineinlaufen, und in Kritiken, die sie als &#8216;seicht&#8217; betiteln.</li>
<p>&nbsp;</p>
<li><strong>Das Meinungs-Insert:</strong> Es überschneidet sich ein Stück weit mit dem Vorurteils-Insert, da auch Vorurteile Meinungen sind. Beim Meinungs-Insert handelt es sich aber nicht nur um kleine, unhinterfragte Selbstverständlichkeiten, die die Autorin nebenbei einbaut; nein, hier geht sie bewusst vor. Sie hat da was, das sie so richtig nervt, oder das sie so richtig toll findet, oder so eine Theorie über dies oder das, und natürlich (!) muss das dem entsprechend gearteten Charakter in den Mund und das Verhalten gelegt werden. Die Grenze kann subtil sein, ist aber definitiv überschritten, wenn der untreue Ehemann nicht nur eine Pflaume mit menschlichen Fehlern ist, sondern zum Bösewicht mutiert, oder die Kassiererin nicht nur schlecht gelaunt, sondern richtiggehend unverschämt daherkommt. Die entsprechenden Charaktere und Verhaltensweisen wirken oft hölzern, konstruiert und ungeschickt.<br />
Als Leserin fragt frau sich dann, warum die Autorin ihre armen Charaktere missbraucht. Wenn sie sich Wut oder Theorien von der Seele schreiben will, gibt es dafür wunderbar geeignete Textformen, wie z.B. das Essay oder das Pamphlet. In einer Erzählung geht es darum, etwas zu <em>erzählen</em>, eine eigenständige Welt wachsen zu lassen, Charaktere wachsen zu lassen, und nicht darum, dass die Autorin sich selbst perfekte Momente zusammenschreibt, in denen jeder sehen kann, was sie innerlich so umtreibt, und alle, auf die es ankommt auch noch ihrer Meinung sind.<br />
Als Autorin fühlt frau sich wahrscheinlich nach dem Schreiben erfrischt, erfüllt und verwirklicht; es sei ihr gegönnt. Aber ihre Geschichte ist ein verhunztes Pamphlet. Vielleicht wird sie den gleichen Erfolg damit haben wie Hera Lind, wer weiß; auch das sei ihr gegönnt. Ihr und ihrem verhunzten Pamphlet.</li>
</ul>
<p><strong>Wir Menschen sind alle in unserem eigenen Erleben gefangen.</strong><br />
Wir können nicht aus unserem Hirn raus, unserer eigenen Historie. Und wenn uns eine Freundin ihre Sicht auf die Welt darlegt, hören wir auch ihre Beschreibung immer vor diesem Hintergrund und interpretieren sie nach unseren eigenen, begrenzten Möglichkeiten.<br />
Auch ist eine Geschichte, ganz gleich wie organisch gewachsen sie ist, immer noch auf <em>unserem</em> Mist gewachsen, von unseren Interessen geprägt, durch unseren Denkstil strukturiert, und letztendlich ein Dokument von millionen von Einzelentscheidungen, die wir &#8211; und niemand anderes &#8211; beim Überarbeiten getroffen haben.<br />
Aber es gibt Mittel und Wege, wie wir uns ein ganzes Stück weit über uns selbst erheben können. Wir stehen dann zwar immer noch mitten im Wald, aber so das Unterholz wird als solches erkennbar, wenn frau auf einen der Bäume klettert. Doch überstrapazieren wir diese Metapher nicht. Ahem. </p>
<p>&#8220;Nun, Tine, dann mal raus mit der Sprache!&#8221; werdet ihr jetzt sagen, vielleicht mit einem herausfordernden Funkeln in euren hübschen kleinen Äuglein.<br />
&#8220;Lest nur zu, liebe Kinder.&#8221; antworte ich und genehmige mir noch einen Schuss Vodka. </p>
<p><strong>Wie kann frau aus der Self-Insert-Fall herauskommen?</strong><br />
Zuallererst mal muss frau es überhaupt wollen.<br />
Viele Autorinnen genießen es als eine Form der Selbstverwirklichung, unter dem Vorwand einer Geschichte über sich selbst zu sprechen und verwandten Seelen zu gefallen. Das sei ihnen unbenommen, denn dabei kann das Schreiben seine vielbesungene &#8216;therapeutische&#8217; Wirkung gut entfalten. Aber wenn das Ziel darin besteht, etwas wirklich unverdorbenes, authentisches zu erschaffen, eine Welt, die ein Eigenleben und einen Selbstzweck hat, führt kein Weg daran vorbei, die narzisstische Schreibhaltung aufzugeben und die eigenen Interessen hinter denen der Erzählung zurückzustellen.<br />
Frau muss bereit sein, ihr Verhältnis zu sich selbst ebenso zu entwickeln wie die Fertigkeit, einen Plot zu strukturieren oder eine packende Beschreibung aufzubauen.<br />
Der wichtigste Schritt bei dieser Entwicklung ist &#8211; denke ich &#8211; sich das eigene Menschenbild und die darin inbegriffenen Vorurteile zu vergegenwärtigen.</p>
<p><strong>Was genau ist nun ein Menschenbild? </strong><br />
Ich umschreibe das mal anhand von ein paar Fragen, die frau sich selbst stellen kann, um ihrem eigenen auf die Schliche zu kommen:</p>
<ul>
<li>Welche fundamentalen Bedürfnisse liegen menschlichem Verhalten zugrunde? </li>
<li>Wie sind diese Bedürfnisse bei unterschiedlichen Menschen hierarchisch geordnet? </li>
<li>Was beeinflusst diese Hierarchie? </li>
<li>Was beeinflusst die Art, auf die jemand seine Bedürfnisse zu befriedigen versucht? </li>
<li>Was führt dazu, dass ein Mensch ein Bedürfnis brach liegen lässt oder verletzt, um ein anderes zu befriedigen? </li>
<li>Wie kommt es, dass Menschen Fehler begehen und anderen schaden können?</li>
<li>Wovor haben Menschen Angst? </li>
<li>Haben diese Ängste eine Hierarchie?</li>
<li>usw.</li>
</ul>
<p>Dieser Teil macht v.a. die positiven und negativen Vorurteile bewusst, mit denen frau anderen Menschen so ganz im Allgemeinen gegenübertritt. Teil des Menschenbildes sind aber auch spezifische Vorurteile über einzelne Menschengruppen. Und die erkennen wir, indem wir uns unter Menschen begeben, uns z.B. eine beliebige Frau aussuchen, sie uns angucken und uns dabei fragen: </p>
<ul>
<li>Was für eine Kategorie Mensch ist das?</li>
<li>Aufgrund welcher Merkmale ordne ich sie gerade dieser Kategorie zu?</li>
<li>Welche Motive, Ängste, Vorlieben, Träume, Verhaltensweisen, Meinungen etc. unterstelle ich dieser Frau damit ganz automatisch?</li>
<li>Wie stelle ich mir das Leben dieser Frau vor, ihre Wohnung, ihren Beruf? Wie geht sie mit ihren Freunden um? Wie denkt sie über andere Menschen? Wie verhält sie sich, wenn sie wütend oder verliebt ist? Wie reagiert sie auf Krisen? Wie tröstet sie andere? Was stößt sie ab, was zieht sie an?</li>
<li>Was würde mich überraschen, wenn ich es über diese Frau herausfinden würde? (möglichst etwas nicht allzu haarsträubendes)</li>
</ul>
<p><strong>Es fällt auf, dass unseren Vorurteilen ein <em>kreativer</em> Prozess zugrunde liegt.</strong><br />
Vielleicht haben wir die Vorurteile von jemandem übernommen (notorisch dafür: Serien und &#8216;Reality&#8217;-TV), aber die Feinheiten und Details haben wir uns alle selbst ausgedacht. Wir assoziieren, konstruieren, fügen Teile zusammen, die in unseren Augen gut passen, jedoch ohne uns dessen so wirklich bewusst zu sein.<br />
Wir sehen uns um, und jeder, den wir sehen, wird zu einem Charakter in der Erzählung unseres eigenen Lebens.<br />
Wie vielschichtig, wie originell sind diese Charaktere? Wieviel Raum für Irrtum lassen wir zu? Sehen wir mehr als eine Möglichkeit/Motivation/Historizität, mit der wir dieses oder jenes an einem Charakter erklären können? Welche Rolle spielt unser allgemeines Menschenbild bei alldem? Wie eng ist es gefasst?</p>
<p><strong>Das eigene Menschenbild erweitern und verfeinern</strong><br />
Kommen wir nochmal darauf zurück, dass wir in unserer eigenen Erfahrungswelt gefangen sind.<br />
Dieser Umstand führt dazu, dass unser tatsächliches Wissen über andere Menschen begrenzt ist und wir nur hier und da einen Datenpunkt auf dem weiten weiten Spektrum des Individuum-Seins kennen. So ein löchriges Fundament ist nicht optimal. Also gehen wir los und suchen mehr Information darüber, wie bestimmte andere Menschen so sind.<br />
Dabei kann frau erstmal ihren Fundus an Freunden, Bekannten und gemochten Kollegen ausschöpfen.<br />
Ganz allgemein sind folgende Fragen &#8211; auf den jeweiligen Kontext hin formuliert &#8211; recht ergiebig und erhellend: </p>
<ul>
<li>Warum möchtest du das? </li>
<li>Warum denkst du das? </li>
<li>Wie fühlt sich das an?</li>
</ul>
<p>Spezifisch sähe das ungefähr so aus:</p>
<ul>
<li>Was gefällt dir an deinem Beruf/Hobby/Haustier/Partner/diesem Buch/Film/Lied/&#8230;? </li>
<li>Was magst du daran am allermeisten? bzw. Was hat dich dazu hingezogen? Wie bist du darauf gekommen? Was magst du daran am wenigsten?</li>
<li>Ist das dein Lieblings-Xyz?</li>
</ul>
<p>Da frau natürlich nicht immer Zeit zum Zuhören hat, bzw. wenn sie Zeit zum Zuhören hätte, gerade keiner da ist, dem sie noch nicht das Mark aus den Knochen gesaugt hat, kommt ihr zugute, dass sie ein Kind des 21. Jahrhunderts ist:<br />
<strong>Teh Interwebz!!1!</strong><br />
Blogs und vLogs sind zwar als Müllhalden der Alltäglichkeit verschrien, aber für Autorinnen sind sie wahre Fundgruben. Denn neben der Alltäglichkeit gibt es tausende von Menschen mit speziellen Interessen, Lebensläufen, (Wahn)Vorstellungen, &#8230; die frei für alle sichtbar alles über sich erzählen.<br />
Youtube, liebe Schreibkolleginnen, youtube ist eine Gabe der Göttinnen an uns. Wenn sie nur den richtigen Suchbegriff hat, kann frau sich dort von exotischen Krankheitserfahrungen über Besonderheiten verschiedenster (Sub)Kulturen und Trauerstrategien bis hin zu anderleuts Menschenbildern und ihrer Idee von der Welt wirklich absolut ALLES ansehen. Alles. (Vorlesungen über Quantenphysik, Anleitungen für medizinische Untersuchungen, Do-it-yourself-Tips und tausend andere Sachen inbegriffen, über die man mal recherchieren müssen könnte.)<br />
Das, liebe Kolleginnen, ist übrigens der wahre Grund dafür, dass wir alle von der fünften Klasse an Englisch lernen durften: Das englischsprachige Internet ist um mehrere Größenordnungen gewaltiger und reicher als das deutschsprachige &#8211; der Schlüssel zu dieser Schatzkammer ist m.E. durchaus die Investition in den einen oder anderen Sprachauffrischungskurs wert.</p>
<p><strong>Das lebendige Menschenbild</strong><br />
Je mehr ihr euch mit anderen Menschen und eurer Vorstellung von ihnen auseinandersetzt, je mehr Menschen ihr zuhört, desto beweglicher wird eure Vorstellungskraft werden. Der Pool der Möglichkeiten, aus dem sich eure Charaktere speisen, wird immer größer und tiefer werden. Die Logik, die ihr hinter den Motiven und Entscheidungen der Anderen seht, die Klarheit, mit der ihr euch deren fremdes Erleben vorstellen könnt, all das wird solider werden. </p>
<p>Allerdings wird das nicht unbedingt ausreichen, um die ganzen -Inserts zu stoppen. Ein Glück, dass es genau dafür Strategien gibt! :D<br />
Also, ich gehe mal davon aus, dass die Methode, die ich verwende, nicht die einzig mögliche ist. Ich stelle sie hier als Vorschlag vor und hoffe, dass sie der einen oder anderen dabei hilfreich sein kann, eine Zucht authentischer Charaktere aufzubauen.</p>
<p><strong>Die gezielte Entfremdung</strong><br />
Jetzt wird es ein bisschen abstrakt, aber ich gebe mir Mühe. Danke.<br />
Meiner eigenen Erfahrung nach ist das Problem, das -Inserts ganz unten zugrunde liegt, dass frau ihre Geschichte, ihre Charaktere (und ihre Leserschaft) nicht als explizit von sich (und ihren Erwartungen) verschieden erlebt. Alles befindet sich in einem Zustand der Stimmigkeit, aber diese ist nicht für jede Geschichte und jeden Charakter <em>in sich geschlossen</em>. Sie ist vielmehr eine Stimmigkeit <em>mit der Autorin</em> und ihrem eigenen inneren und äußeren Erleben. </p>
<p>Eine Möglichkeit, die Charaktere aus dieser Gebundenheit an das Erleben der Autorin zu lösen und in die relative Freiheit der bloßen Bindung an ihr offenes, allgemeines Menschenbild zu entlassen, besteht darin, ihnen explizit eine Komponente der Fremdheit zu geben. Jeder Charakter muss mit seiner Schöpferin brechen.<br />
Das bedeutet, dass frau bewusst hingeht und jedem sympathietragenden Charakter auf jeder einzelnen Ebene, auf der er beschrieben wird, etwas gibt, das sie selbst so niemals tun würde. Lasst z.B. die Heldin eine Farbe tragen, die ihr selbst nicht gern anzieht; lasst sie Rezepte mögen, die ihr nicht gerne esst; mischt unter ihren Musikgeschmack etwas, das zwar reinpasst, das ihr selbst aber doof findet; geb ihr eine Eigenschaft, die ihr an euch selbst oder an anderen nicht besonders mögt, usw. </p>
<p>Vielleicht macht ihr euch jetzt Sorgen, dass ihr eure Heldin nach dieser Behandlung nicht mehr so gern haben werdet. Das ist ein durchaus berechtigter Einwand.<br />
Aber denkt mal an eure beste Freundin. Ist sie perfekt? Ist sie genau so, wie ihr sie gerne hättet? Ist sie immer eurer Meinung? Sicher nicht. Trotzdem ist sie eure beste Freundin und ihr liebt sie heiß und innig. Das gleiche gilt für eure Heldin. Sie wird ent-idealisiert, aber sie ist immer noch eure Heldin.</p>
<p>Wenn ihr Charaktere habt, von denen ihr wollt, dass eure Leser sie nicht mögen, geht hin und gebt ihnen auf jeder einzelnen dargestellten Ebene eine Eigenschaft oder Vorliebe, die ihr gut findet. Nagelt sie nicht darauf fest, ein sinnlos destruktives Element der Geschichte zu sein, sondern erlaubt ihnen Menschlichkeit. Lasst sie z.B. aus ihrer Sicht bemüht sein, das richtige zu tun, gebt ihnen ein Moment der Nachvollziehbarkeit, das sie lebendig wirken lässt. </p>
<p>Anfangs fühlt sich das sicher schematisch und gewollt an, aber diese Distanz, dieser kleine Jägerzaun, den ihr zwischen euch und eure Charaktere gesetzt habt, wird euch dabei helfen, ihnen eine eigene Dynamik zu gestatten. Je mehr ihr sie als jemand &#8216;anderes&#8217; erlebt, und je mehr Respekt ihr vor euren Charas als eigenständige Personen bekommt (anstatt sie als euer Spielzeug zu erleben, das ihr zurechtbiegt, wie es euch gefällt), desto lebendiger werden sie. Sie bekommen von ganz allein mehr Farbe, Dimension, Persönlichkeit, und eure Aufgabe als Autorin wird darin bestehen, ihnen zuzuhören, und nicht, sie von A nach B durch die Geschichte zu fahren.<br />
Das bedeutet natürlich nicht, dass ihr das Steuer völlig an eure Charaktere abgebt. Ihr setzt nur den Hebel anderswo an; statt sie direkt zu stutzen, formt ihr sie durch die Erfahrungen und Umstände, mit denen ihr sie konfrontiert. </p>
<p>Ich habe die Erfahrung gemacht, dass tatsächlich schon ein bisschen Entfremdung reicht, um eine ganze Kaskade von eigenständigen Entwicklungen der Charaktere loszutreten. Und das einmal in Aktion zu erleben hat mir gereicht, um die Sache völlig automatisieren zu können; sprich, meine &#8216;größeren&#8217; Charaktere sind mir vom ersten Entwurf an fremd und es kostet mich keine Mühe, ihnen diese Fremdheit zu lassen.<br />
Ich hoffe, dass die Methode auch für andere so gut funktioniert :)</p>
<p><strong>tl;dr</strong><br />
Charaktere sind ihren Schöpfern oft wie aus dem Gesicht geschnitten. Das macht sie auf Dauer eintönig und uninteressant. An dieser Stelle ist es hilfreich, mehr darüber zu lernen, wie andere Menschen tatsächlich funktionieren, und dieses Wissen bei der Charakterentwicklung zu nutzen. Um die Entwicklung von eigenständigen Charakteren zu fördern, kann es hilfreich sein, ihnen bewusst Eigenschaften zu geben, die frau als Autorin nicht besonders mag. </p>
<p>Ich hoffe, dieser lange lange Worterguss war erhellend für euch. Fragen und Ergänzungsvorschläge nehme ich jederzeit gerne entgegen.</p>
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