Spießer Alfons: Lidl-Mitarbeiter bitten Kunden um Gnade
Irgendwie paradox: Nachdem Lidl seine Überwachungskameras wieder abmontiert hat, lässt Lidl die Überwachten zu Wort kommen. In ganzseitiger Zeitungsanzeige erzählen sie: Alles gar nicht so schlimm! (Klar, bei Big Brother ist es noch viel, viel schlimmer, und zwar schon 1984!)
Da ist in der Anzeige u. a. der Patrick Illmer, 26, abgebildet und meint: „Lidl zu boykottieren würde 48.000 Arbeitsplätze gefährden! Vertrauen Sie uns weiterhin!“
Diese Rechnung kann der Spießer nicht nachvollziehen. Da Lidl in Deutschland rund 48.000 Mitarbeiter hat – wieso sind die dann alle (!) gefährdet? Will Lidl damit durch seinen Mitarbeiter sagen lassen: Wenn die Kunden jetzt weniger kaufen, dann machen wir alle Läden dicht…?
Und überhaupt: Ist das nicht so ‘ne Art von Nötigung? „Wenn Sie nicht kaufen wie bisher, dann haben Sie die Schuld, dass Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, und zwar genau diejenigen, die wir zuvor bespitzelt haben!“…?
Irgendwie gefällt dem Spießer diese Lidl-Aktion nicht. Warum lassen die sich eigentlich nicht von einer guten Werbeagentur beraten…?






Eigentlich bin ich ganz froh, dass Lidl keine gescheite Agentur zu haben scheint.
Nebenbei: wer das Problem von Lidl primär als Marketingproblem - und nicht als Problem der Ethik sieht, gibt damit auch etwas von sich preis, lieber Spiesser Alfons - und das ist nicht unbedingt das Beste.
@ Mart
Die Ethik ist das eine, die Folgen im Marketing das andere Problem. Auch Probleme mit der Ethik können durch Werbung behandelt werden. (In der Kirche, der katholischen, gibt’s dafür sogar einen eigenen Stuhl!) Unmoralisch finde ich, dass das Unternehmen die eigenen Mitarbeiter vor seinen Werbekarren spannt und betteln lässt, dass der Kunde nicht ihre Arbeitsplätze gefährden soll.
Hier wird wieder einmal das Dilemma deutlich: Boykott schadet den Opfern. Denn wenn bei Lidl die Verkaufszahlen drastisch sinken, werden die Arbeiterinnen und Arbeiter dies ausbaden, während die Verantwortlichen wahrscheinlich schon längst wieder in anderen Unternehmen ihr Unwesen treiben. Manchmal wünsche ich mir ein gutes Fass Teer und Federn, vielleicht würde das auf Dauer ein Umdenken in den Chefetagen bewirken.
Warum schadet das denn die Opfern? Dem Lidl-Angestellten würde es bei PLUS, Rewe oder Edeka sicher besser gehen. Also muss jetzt hier keiner so machen, als ob die Welt untergeht wenn keiner mehr bei LIDL einkauft. Im überdrehtesten Falle geht LIDL pleite und alle Kunden wandern zu besseren Märkten. Und die brauchen dann mehr Mitarbeiter.
@ Bernd: Ich bezweifel sehr stark, dass Plus und Co. wesentlich besser sind, aber erst recht, dass mehr Mitarbeiter eingestellt würden.
Hat schon einen gewissen Humor, die eigentlichen Opfer, diejenigen, die illegalerweise und ethisch fragwürdig überwacht wurden, als Testimonials einzusetzen. Ein Humor irgendwo zwischen Mario Barth, Jim Carrey und KZ-Humor [aus ästhetischen Gründen weigere ich mich ein Beispiel zu nenen, die besser informierte unter uns kenen diese widerlichen Sottisen]. Ist ein wenig so, als ob die ehemaligen Zwangsarbeiter z.B. der IG Farben gleich nach dem Krieg Persilscheine für die Nachfolgefirmen* ausgegeben hätten.
*Hier ist es ein Problem der Rechtsabteilung, die mich Beispiele verschweigen lässt.
Diese “Kampagne” ist eine bodenlose Frechheit. “Boykottiert Lidl nicht, sonst schmeißen sie uns raus.” Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht. Ein Grund mehr, dort nicht mehr zu kaufen.
Ich kann euch garantieren, dass zumindest Edeka und Kaufland in dieser Gegend keinen Schlag besser sind… Kenn Leute die da arbeiten…
Kommt mir vor wie Metzgerwerbung. Auf der wirbt auch die Kuh für ihren eigenen Verzehr.
Die Frage des Spießers, warum sie sich nicht von einer guten Werbeagentur beraten lassen, kommt mir vor, wie wenn man verlangt, dass der Schwanz mit dem Hund wackeln soll. Das allzu häufig anzutreffende Verhältnis Werbekunde -Werbeagentur ist das zwischen Potentat und dummschlauem Wiesel. Gute Fragen dazu stellt Patrick auf:
http://www.werbeblogger.de/2008/04/03/an...
Die LIDL-Arbeitsplätze sind tatsächlich gefährdet, aber von LIDL selbst. Wenn LIDL so weitermacht:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,...
hilft nicht einmal mehr die beste Werbeagentur.
Wallraff sei Dank.