
Kaufzeitung + Gratiszeitung = Erfolg? (stock.xchng)
Diese Woche fand im beschaulichen Wien der «European Newspaper Congress 2008» statt. Im altehrwürdigen Rathaus traf sich die europäische Elite der Old Media, um sich angesichts eines schnellen Leserschwunds und einer fortschreitenden Digitalisierung der Branche bei einem Glas Heurigen über Themen wie «Storytelling» oder «Ein Jahr Online First» zu unterhalten. Eine Veranstaltung widmete sich auch der so genannten Zwei-Marken-Strategie, bei der zwei völlig konträre Produkte unter dem Dach einer Marke zusammengefasst werden. Im Falle des französischsprachigen Schweizer «Le Matin» ist dies die Gratiszeitung «Le Matin Bleu».
«Le Matin» lancierte in der Romandie als erster eine Gratiszeitung, um der deutschschweizer Konkurrenz voraus zu bleiben. «Wir haben den Gratismarkt beobachtet, wollten aber erst gar kein Gratisprodukt auf den Markt bringen», so Peter Rotenbühler, Chefredaktor des Matin. Als tamedias Gratiszeitung «20 Minuten» aus der deutschsprachigen Schweiz ankündigte, auch in die West-Schweiz zu expandieren, änderte man bei «Le Matin» allerdings schnell die Meinung. «Wir wollten auf jeden Fall die Nummer eins bleiben, auf allen Ebenen und wir wollten schneller sein als die Konkurrenz», erzählte Rotenbühler. Orientiert habe sich die Zeitung stark an dem Konkurrenten, da das Konzept überzeugend schien. Der zweite wichtige Punkt sei der Name gewesen.

Peter Rotenbühler und sein «Matin». (Zötl/enc08)
«Heute muss man Markenpolitik betreiben und da die Marke Le Matin gut ist, konnten wir auch einen Gratistitel unter dem Namen auf den Markt bringen», so der bekannte Zeitungsmann. Inzwischen liege das Blatt vor der Konkurrenz und habe zum gewünschten Erfolg geführt. Zurückzuführen ist dieser laut Rotenbühler vor allem auf den etablierten Markennamen sowie dem Umstand, dass «Le Matin Bleu» als erstes auf den Markt kam. «Gratiszeitungen haben in den letzten Monaten weitaus mehr dazu gewonnen als Bezahlzeitungen verloren. Das heisst, es konnten neue Leser gewonnen werden und das ist gut», schlug Rotenbühler die Brücke zwischen den beiden - eigentlich konkurrierenden - Formaten.
Die niederländische Tageszeitung «NRC Handelsblad» hingegen tritt mit ihrem neuen Titel, der Kaufzeitung «nrc.next», den Beweis an, dass Qualitätsjournalismus auch bei der jungen Zielgruppe immer noch funktioniert und diese bereit ist, für ein hochwertiges Produkt auch zu bezahlen. «Wir haben eine Marktlücke gefunden. Vor uns gab es zwar Titel für junge Menschen im Boulevardbereich, nicht aber für jene mit hohem Bildungsniveau», erläuterte Hans Nijenhuis, Chefredaktor von «nrc.next». Es sei eine falsche Annahme, dass die junge Generation kein Interesse an qualitativ hochwertigen Informationen habe oder nur noch bereit sei, kurze oder inhaltsleere News zu konsumieren. «Es kommt nur auf die Umsetzung an, wie man die Zeitung und ihre Inhalte präsentiert und verkauft», meint Nijenhuis. So vereint die Zeitung nun zwei verschiedene Titel unter einem Dach - eine Zeitung für «alte» und eine für «junge» Leser. Bei der Umsetzung von «nrc.next» haben die Verantwortlichen zwar ein neues Format, neue Themen und einen eigenen Namen gesucht, wollten aber bewusst eine Verbindung zur Marke des etablierten «NRC Handelsblad» beibehalten.
Die Slides zum Vortrag von Nijenhuis können übrigens hier heruntergeladen werden - bezeichnenderweise im PowerPoint-Format. Old Media bleibt eben noch lange Old Media.
Quelle: pte
» Drucken 24.04.2008. 14:56
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