
Untergräbt die PR die Pressefreiheit? (wordpress.com)
Das Verhältnis zwischen Journalisten und PR-Leuten ist seit jeher angespannt. Die PR unterlaufe zum Beispiel die «unabhängige» Berichterstattung. Es soll Journalisten geben, die bekreuzigen sich jeweils zweimal, bevor sie mit einem PR-Berater sprechen. Aber die schlimmsten von allen sind Journalisten, die in die PR wechseln - sie laufen sozusagen zur dunklen Seite der Macht über. Doch wie steht es wirklich um das Verhältnis der PR zum Journalismus? In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Publizistik» untersucht Philomen Schönhagen, Professorin am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der Universität Fribourg, die Entstehungsgeschichte der PR - mit einem erstaunlichen Resultat.
In ihrem Aufsatz «'Ko-Evolution' von Journalismus und Public Relations: Ansätze zu einer systematischen Aufarbeitung» arbeitet Schönhagen mit zahlreichen Quellenverweisen heraus, dass die historische Entwicklung genau umgekehrt verlief: Die Öffentlichkeitsarbeit entstand in erster Linie als Reaktion auf Fehlentwicklungen der in der Presse. Vor allem «Unzufriedenheit über fehlende bzw. aus Sicht der Betroffenen verfälschte Berichterstattung, die mit der Parteilichkeit der Medien und des Journalismus in Zusammenhang gebracht wird», liessen eine systematische Pressearbeit entstehen. Im Weiteren spürt Schönhagen dann der Geschichte der PR in der Schweiz nach. Die Firma Maggi zum Beispiel gründete bereits 1886 ein «Reclame- und Pressebüro».
Den Aufsatz, erschienen in der «Publizistik» 53, 2008, Heft 1, S. 9-24, kann man übrigens hier auf der Seite des Fachbereichs Medien- und Kommunikationswissenschaft der Uni Fribourg kostenlos als PDF herunterladen.
» Drucken 05.05.2008. 12:44
Ludwig on 05.05.2008. 16:20
"Die Öffentlichkeitsarbeit entstand in erster Linie als Reaktion auf Fehlentwicklungen der in der Presse."
Interessante These. Noch vor der Lektüre des Artikels (Danke) fällt mir sofort ein relativ aktuelles Beispiel ein, das die Bedeutung "der dunklen Seite der Macht" stützt. Bei der Berichterstattung vor einem Jahr zu 2. Life wünschte ich mir sehr effektivere Pressearbeit der Betreiber, um der unglaublich schlechten (uninformierten und einseiten) Berichterstattung etwas entgegenzusetzen.
Aber vielleicht ist das auch nur ein Extrembeispiel aus der Innovationskommunikation, die bei Innovationen (sprich: Einführungen) erst mittels Bildern und Emotionen für Verständnis werben muss.
Alex Kropf on 06.05.2008. 12:45
Interessanter Ansatz, den ich so noch nicht gehört hatte. Vielleicht tut der aber ganz gut in der Dauer-Diskussion zwischen Journalismus und PR.
gis on 06.05.2008. 14:23
Wie es der Zufall so will, ist mir heute in der NZZ ein Artikel untergekommen, der Schönhagens These stützt. Ich denke, ich werde darüber heute noch schreiben.
LD on 07.05.2008. 23:18
Frau Schönhagen hat meine Gedanken zu diesem Thema geordnet. Danke für den link. Das Spannungsfeld gleicht ein wenig dem Huhn-Ei-Problem und hat gewisse Ähnlichkeit mit der Frage "Ist Blogging Online-Journalismus?". Persönlich sehe ich die Beziehung zwischen PR und Journalismus als eine Art "Hass-Liebe" in symbiotischer Koexistenz.
Claudia on 08.05.2008. 14:41
Jedenfalls höre ich immer wieder von Journalisten, dass man allein vom Journalismus nicht leben könne - und ganz gewiss nicht vom Zeilenhonorar der Zeitungen und Magazine. Nebenbei PR bzw. Unternehmenskommunikation zu machen, ist deshalb für viele der "Notnagel" und recht weit verbreitet.
gis on 08.05.2008. 19:41
@Claudia:
Nun ja, der schlechte Ruf erzeugt ja nicht automatisch ein schlechtes Einkommen. In der Tat tummeln sich viele (Ex-)Journalisten in der PR/Unternehmenskommunikation. Oder wie es das Lexikon der StarWars-Union.de schreibt:
"Die dunkle Seite der Macht lässt denjenigen, welcher Sie anwendet [...] in dem Glauben, das seine Fähigkeiten und seine Macht grenzenlos sind. [...] Jedis die diesen Pfad eingeschlagen haben kommen nur sehr schwer wieder von Ihm los, da die Dunkle Seite schnell und verführerisch ist und ein Dunkler Jedi glaubt, dass diese wirklich stärker ist als die Helle Seite. Für Jedi, die zur dunklen Seite übergetreten sind, gibt es wenig Hoffnung auf die Rückkehr zur hellen Seite der Macht, Hoffnung besteht jedoch wenn es jemanden gibt, der diesen dunklen Jedi erreichen kann."
;)
LD on 10.05.2008. 01:39
Aus einem christlichen Weltverständnis heraus liesse sich daraus folgern, dass PR-Fritzen Satanisten sind, was wohl kaum der Realität entspricht. Aber lassen wir das mal! PR würde ich nicht unbedingt grundsätzlich als "Dunkle Seite der Macht" bezeichnen. Bei der PR ist es nicht anders als sonst mit der Kommunikation: Wer das Handwerk beherrscht, kann damit die Welt manipulieren - mit Betonung auf "kann". Ist mal wieder Saure-Gurken-Zeit, stürzen sich viele Journalisten nur allzu gerne auf das ihnen zugworfene PR-Futter. Hauptsache, sie können wieder etwas schreiben und werden bezahlt.
gis on 10.05.2008. 17:08
Vollste Zustimmung. Ich gebe ja zu, dass ich den Beitrag mit der Star Wars-Anspielung bewusst etwas ironisiert habe ;)
LD on 10.05.2008. 22:23
Erst vor ein paar Tagen fand ich zu dem Thema diesen Dilbert im Cash Daily:
Einfach köstlich :-)
gis on 11.05.2008. 00:48
Hm, da fehlt wohl ein link - jedenfalls fand ich keinen, auch in der DB nicht.
LD on 11.05.2008. 01:14
Der link fiel wahrscheinlich dem Sicherheits- bzw. Formatierungsfilter zum Opfer. Neuer Versuch: www.dobszay.ch/images/dilbert_pr_und_journalismus.jpg
gis on 11.05.2008. 02:32
Jetzt hat es geklappt. Den habe ich auch gesehen. Dachte mir schon, dass Du diesen gemeint hast.
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