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		<title>Viel Lärm und nichts &#8211; Der neue Roman von Caroline Wahl </title>
		<link>https://54books.de/viel-laerm-und-nichts-der-neue-roman-von-caroline-wahl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva-Sophie Lohmeier]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 09:35:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline Wahl]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Caroline Wahl gibt der Popliteratur den Gnadenschuss wie einem zuschanden gerittenen Gaul. von Eva-Sophie Lohmeier Wahl-Beobachtung ist inzwischen fast ein eigenes Genre im&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/viel-laerm-und-nichts-der-neue-roman-von-caroline-wahl/">Viel Lärm und nichts &#8211; Der neue Roman von Caroline Wahl </a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Caroline Wahl gibt der Popliteratur den Gnadenschuss wie einem zuschanden gerittenen Gaul.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">von Eva-Sophie Lohmeier</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Wahl-Beobachtung ist inzwischen fast ein eigenes Genre im Feuilleton, so wie früher der Besuch bei Goethe in Weimar. Man folgt den Social-Media-Accounts von Caroline Wahl, und schaut genau, was die Kolleg*innen über sie schreiben (hier das Meme „Spidermen pointing“ einfügen). Man fährt mit der Autorin hierhin und dorthin und bewundert die frische Unverstelltheit, mit der sie nun auch noch Markenbotschafterin von Mercedes-Benz geworden ist, obwohl sie zugibt, nicht sonderlich gut Auto zu fahren, aber gerne schnell. Nebenbei schreibt sie auch noch Bücher, die manche schnell mal als „klug“ bezeichnen, ohne das näher zu begründen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine erstaunliche Entwicklung. Zwei Romane lang galt Caroline Wahl als bei Buchhändler*innen und Leser*innen beliebte Autorin, die das Erwachsenwerden junger Menschen unterhaltsam und mit Wärme, wenn auch ohne große literarische Innovation wiedergeben kann. Sie machte Identifikationsangebote, und viele begeisterte Buchkäufer*innen verschafften ihr Bestsellerstatus. Dann postete sie auf Instagram über ihre Enttäuschung, nicht für den Buchpreis nominiert worden zu sein. Sie gab damit zu verstehen, dass ihr der Erfolg beim Publikum nicht genüge, sondern dass sie gern auch Anerkennung durch die Literaturkritik erführe. Seitdem sind die Ansichten gespalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einen halten ihre Ambition für einen groben Knick in der Linse ihrer Selbstwahrnehmung und ihre Autoposerei auch für eher unsympathisch. Die anderen bewundern und bestärken sie und finden gar, ihre Selbstermächtigung sei ein feministischer Akt. Und während Wahl es in Literaturbetriebsmaßstäben durchaus geschafft hat und auf Instagram jetzt auch noch ihre neue Prada-Handtasche vorführt, mit erfolgreichen Männerautoren abhängt und sich für die Filmpremiere ihres Debütromans professionell stylen lässt, äußern sich in Amazon-Rezensionen immer mehr enttäuschte Leser*innen. Es ist ein seltsames, aber auch interessantes Missverhältnis, das da entsteht. Und weil sich nun, nach vier Büchern, etliches verändert und verschärft hat, steigen auch wir hier wieder in die Wahlbeobachtung ein. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Neue Wege, neue Ambitionen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem dritten Buch „Die Assistentin“ begann vor einem Jahr ein neuer Abschnitt im Œuvre der Autorin mit neuen Figuren, einem neuen Thema, neuer Erzählperspektive und neuer Ambition. Der Stoff beruht, das gilt gemeinhin als gesichert, auf eigenem Erleben als Assistentin in einem Verlag in Zürich, wurde allerdings verfremdet und nach München verlegt. Wahl verabschiedete sich von der emotional involvierten Ich-Erzählerin, die so eng an der Protagonistin bleibt. Sie etablierte stattdessen eine distanzierte, gottgleiche Perspektive, die mit ihrer Allwissenheit allerdings nicht gut umgehen kann und ständig kommentieren und vorausraunen muss, was bald recht manieriert wirkt. Der Hauptfigur Charlotte kommt man kaum nah, und das übergriffige Verlegerekel, der Antagonist der Geschichte, erscheint dadurch entgegen der Intention umso interessanter. Das Buch ist mit 368 Seiten leider auch sehr lang. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei vielen Leser*innen, die sich auf ein neues Buch von Wahl gefreut hatten, kam das nicht gut an. „Die Assistentin“ hat eine Amazon-Bewertung von 3,5 Sternen, die beiden Vorgänger liegen bei 4,5 Sternen. Die von Amazon bereitgestellte KI-Zusammenfassung der Bewertungen liest sich entsprechend grausam: „Kunden empfinden das Buch als Geldverschwendung, einen Fehlkauf und sagen, es sollte man sich ersparen (sic!). Sie kritisieren die schnelle Handlung, den stockenden Handlungsfluss und die einfache Erzählweise. Einige finden die Geschichte spannend bis zum Ende, während andere sie als langweilig und zäh empfinden“, und so weiter.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Schlecht gelaunt auf Bali</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nun erschien, pünktlich im Jahrestakt und exakt zu Goethes Geburtstag, das vierte Buch von Caroline Wahl &#8222;1999 Meter über dem Meer&#8220; und es ist wieder nicht für den Buchpreis nominiert. Es ist auch wieder sehr lang, aber es gibt locker gesetzte Dialoge und reichlich Redundanzen. Allerdings braucht Wahl auch knapp die Hälfte des Buches, bis endlich die Geschichte losgeht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir begegnen Samara, die im Bahnen-Windstärke-Kosmos bereits als Freundin aufgetaucht ist, schlecht gelaunt auf Bali. Gerade hat sie ihr Studium in Germanistik und Geschichte beendet, und bis es zum ersten Job nach Berlin geht, nimmt sie sich etwas überstürzt eine Auszeit. Es ist recht furchtbar auf diesem Bali, dauernd ist der Handy-Akku leer, und dann geht auch noch der Tolino kaputt. Nur Softeis kann sie da noch trösten. Samara befindet sich als Tochter von Einwanderern irgendwo zwischen der einheimischen Bevölkerung, die lästigerweise dauernd was verkaufen will, und den Weißbroten auf Sinnsuche. Reflektiert wird diese Position jedoch nie. Wichtiger ist es an dieser Stelle, die sie umgebenden Gutmenschen zu verachten. So viel Desinteresse für den Hintergrund einer Figur muss man erst einmal aufbringen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitenlang hangelt sich Samara genervt durch Alltagshandlungen. Um sich abzulenken, liest sie oder schaut irgendwas. Dabei erzählt Wahl reichlich Handlungen von Serien und Büchern nach: „The Real Housewives of New York“, oder das Buch „wir sind pioniere“ von Kaleb Erdmann, auf das Samara „keinen Bock“ hat, auch weil die „peinlichen Figuren“ nach Berlin ziehen, was sie im Roman „wir sind pioniere“, der ebenso wie der Autor tatsächlich existiert, aber gar nicht tun. Es mutet seltsam spezifisch an, sich ausgerechnet diesen Roman herauszupicken und falsch zusammenzufassen, ist er doch deutlich weniger bekannt als Erdmanns zweiter Roman „Die Ausweichschule“ über den Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium, den der Autor selbst miterlebte. Der schaffte es im vergangenen Jahr auf die Buchpreis-Shortlist. Wir lassen das hier mal so stehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Heute hier, morgen dort</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch über die jüdische, ukrainisch-französische Schriftstellerin Irène Némirovsky und ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten – sie wurde mit 39 Jahren nach Auschwitz deportiert und dort ermordet – denkt Samara auf der Schreckensinsel Bali nach. „Ich hoffe, dass die 39 Jahre von Irène erfüllt und schön waren, und bin mir fast sicher, dass es so war. Irène hatte schließlich eine Familie und das Schreiben. Ich habe noch nicht mal Datenvolumen.“ Dann hasst sie sich dafür, dass sie das denkt, und dem Leser wird sie auch nicht eben sympathischer ob ihres unbekümmerten Umgangs mit dem gewaltvollen Tod Némirovskys.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weil Bali so unaushaltbar schlimm ist, fliegt Samara vorzeitig zurück, mit Umstieg in Doha, wo der Flughafen ein schlimmer, künstlicher Transitraum ist, wie sie scharfsinnig bemerkt. Bei den Eltern bekommt sie ein Mercedes-Cabrio geschenkt, auch mal unironisch als „Flitzer“ bezeichnet, dann geht es nach Berlin, und es beginnt eine munter erzählte Phase in Lohn und Brot in einer Agentur für Influencer*innen. Als ihre Chefin sie darum bittet, mal ein paar POC oder andere marginalisierte Gruppen an Land zu ziehen, lässt Samara sich von heute auf morgen krank schreiben. Sie setzt sich in ihr Auto und fährt los. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis jetzt ist nicht viel passiert. Es wird viel geredet und ab und zu tauchen schöne Männer auf. Hin und wieder versetzt Samara sich in Figuren hinein und dichtet ihnen Biografien an, zum Beispiel eine Drogenabhängige am Frankfurter Bahnhof. Oder Allgäuer Dorfkinder, die bestimmt alle zusammen im Konfirmandenunterricht gewesen seien, wie man das als guter bayerischer Protestant nunmal tut. Diffuse Angstgefühle kommen auf, alles drückt, sie fühlt sich scheißegal. Dann macht sie krasse Sachen, wie Autofahren oder Rauchen oder Mitmenschen belügen. Bei einer Friseurin, die erst lila und ein paar Seiten weiter auf einmal orange Haare hat, lässt sie sich die Haare abschneiden und orange färben. Es wird wahnsinnig viel Müllermilch getrunken, obwohl man das wegen der AfD-Nähe des Besitzers nicht mehr soll, wie Samara selbst feststellt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mit “der Leica” in St. Moritz</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann, in St. Moritz, etwa in der Hälfte des Buches und als man schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, beginnt der Roman plötzlich doch noch. Samara leiht sich die Wohnung eines wunderschönen Filmemachers, den sie in Berlin getroffen hat, und quartiert sich ein. Mit dabei hat sie eine Kamera, die sie stets nur bei ihrem Markennamen „die Leica“ nennt und ab und zu rausholt, um ein Bild zu „knipsen“ oder zu „schießen“, und dann auch immer nur eins. Natürlich gibt es auch ein Bild des wunderschönen Mannes:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Er ist wunderschön, wie die meisten Menschen hier. Um die dreißig, hellblondes kurzes Haar, braungebrannt, Bartstoppeln, eisblaue Augen. Wow! Ich knipse noch einmal, als er nur noch zwanzig Zentimeter von mir entfernt ist, weil das wirklich ein besonderer Moment ist, wie er mich direkt anschaut.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass die meisten Leica-M-Objektive eine Naheinstellgrenze von um die 70 Zentimeter haben und das <em>eine</em> Bild daher vermutlich von kolossaler Unschärfe ist, ist hier noch das geringste Problem. „Are, bure, boke“, wie der Japaner sagt: Körnig, verwackelt und unscharf kann auch eine fotografische Stilrichtung sein, und „eisblaue Augen“ ein ausgefeiltes Spiel mit Klischees, aber nur mit sehr gutem Willen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Leica“ spielt im Folgenden eine nicht unwesentliche Rolle, und wer sich ein bisschen mit der Materie auskennt, wird bald den Verdacht bekommen, dass die Autorin ein solches Wunderding bislang nicht in ihren Händen gehalten hat. Bilder werden nicht bearbeitet, sie werden frisch von der SD-Karte weg ausgedruckt, und zwar aus einem in der Kamera erstellten und benamsten Ordner. Nein, ich weiß auch nicht, wie das geht. Natürlich beauftragt man damit den örtlichen Fotoladen, der das geschwind in Schwarzweiß machen kann, ohne große Tonwertanpassungen vorzunehmen. Das Ergebnis kann man dann für tausend Euro verkaufen, Open Edition, nehme ich an, man weiß es nicht, es ist auch egal. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Alles ganz natürlich</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Samara trifft jedenfalls auf ein paar örtliche Rich Kids und gibt sich ihnen gegenüber als Fotokünstlerin Resa aus. Natürlich stellen ihre neuen Freunde ihr gleich begeistert die Wände ihrer nächsten Party zur Verfügung. Trotz der teuren Leica hat Samara aber keinerlei künstlerische Ambitionen:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich habe schon lange fotografiert. Das fühlt sich für mich ganz natürlich an. Und ich würde mich auch nicht wirklich als Fotografin bezeichnen, geschweige denn als Künstlerin. Ich mache einfach gerne Fotos.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wie man das halt so tut mit einem Gerät im mittleren vierstelligen Preisbereich. Ohne Kamera fühlen sich Reisen jedenfalls ganz falsch an. Samara hat Angst, Orte und Menschen zu vergessen. „Durch den Akt des Fotografierens, diesen Blick durch die Linse, speichere ich sie ab in mir. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich die Welt um mich herum nur durch meine Leica ertragen, begreifen und einfangen könnte.“ Dass man bei einer Leica nicht durch die Linse, sondern durch den Sucher schaut, ist auch hier mal wieder das kleinere Problem, die Klischeeballung das größere.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was liest man da?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich geht es gut aus, wie immer bei Caroline Wahl. Der wunderschöne Mann rückt trotz bestehender Familie in Reichweite, Samara stellt als Fotokünstlerin aus, nicht einmal eine Enthüllungsstory im Spiegel kann ihre Karriere jetzt noch aufhalten. Sie fährt Auto, entdeckt ihre Liebe zu den Bergen und zum Wandern, wo gleich wieder ein paar eindrucksvolle Gewitter stattfinden können, und ist am Ende nicht mehr so schlecht gelaunt. Na, das war’s doch wert.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was ist das dann am Ende? Ein Coming-of Age-Roman? Eine Satire? In den Worten von Samaras Love-Interest: „Keine Ahnung, sag du es mir! Ein Picaro-Roman mit weiblicher Heldin? Eine Road Novel? Vielleicht ein Stoff, den ich verfilmen sollte?“ Vielleicht lieber nicht, wunderschöner Filmemachermann, aber schauen wir doch mal auf den übergreifenden Wahl-Kosmos und seine Gesetze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oberflächlich gesehen handeln ihre Bücher von einer Erlösung ziellos durchs Leben irrender Figuren dadurch, dass sie ihren Leidenschaften nachgehen, gern sind das künstlerische Interessen. Sowohl die Hauptfigur Charlotte in Wahls drittem Buch „Die Assistentin“, die mit ihrer Musik als iCharli „ein kleiner Star“ wird, als auch Samara aus „1999 Meter über dem Meer“, die eine Ausstellung in einer bedeutenden Galerie zeigt, kommen durch die Kunst zu sich. Aber es reicht nicht, dass sie einfach glücklich und zufrieden vor sich hinbasteln, es kommt immer gleich der große Durchbruch. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Am Ende zählt der Erfolg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erfolgserzählungen beschränken sich zudem nicht auf die Hauptfiguren. Wie schon die Love Interests in „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ ist auch Fritzi, der wunderschöne Filmemacher, erfolgreich und wohlhabend. Bo aus der „Assistentin“ ist immerhin ein Tischler, der sich gerade ein Haus in den Bergen geleistet hat. Sie grinsen und zwinkern viel – eindeutig wird in Wahls Büchern insgesamt zu viel gezwinkert – und bieten der Protagonistin passende Stichworte für ihre ausführliche Selbstreflektion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahl interessiert sich dabei nicht besonders für die Berufe, die die Figuren ausüben, und leider nicht einmal dann, wenn es sich um künstlerische Berufe handelt, die so wesentlich handlungsbestimmend sind wie die Fotografien von Samara. Umso mehr Augenmerk legt sie auf den kommerziellen Erfolg, den man damit erreichen kann, die Anerkennung, die man dadurch erfährt und die Autos und Wohnungen, die man dann kauft. Nicht Kunst macht frei und glücklich, Aufstieg macht frei und glücklich.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser kommerzielle Erfolg als Grundbedingung für ein gelingendes Leben erfährt eine geradezu unheimliche Spiegelung in den Homestorys, die die Medien mit Caroline Wahl veranstalten. Porsche kaufen wollen, dann aber Sonnenbrille kaufen, Prada-Tasche kaufen und später auf Insta posten, sich freuen, dass eine Frau gerne schnell Auto fährt in diesem Heutzutage, in dem man ja eigentlich gar nichts mehr darf, weil Gutmenschen sonst böse gucken. Eine Frau, die erfolgreich Romane schreibt, damit gut Geld verdient, sich teure Dinge leistet und sich dafür auch nicht schämt. Das ist doch Feminismus, oder? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Fragt sich nur, wie diese Erzählung dann weitergeht. Was hat Wahl im fünften, sechsten oder zum siebten Roman zu sagen, die nach derzeitiger Planung in den Jahren 2027, 2028 und 2029 erscheinen sollen? Immer noch schnelle Autos, immer noch Pradazeugs? Wie lange hält man mit dieser Masche das Interesse der Feuilletons aufrecht? Und, das ist die viel wichtigere Frage: Wie lange kaufen Leser*innen noch Wahls Bücher? Bisher hat die Autorin nicht allzu viel getan, dieses noch immer einigermaßen loyale Publikum, das auf herzerwärmende, immersive Leseerlebnisse hofft, bei der Stange zu halten.&nbsp;</p>



<div style="height:30px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://unsplash.com/de/@tasae34?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Foto von Nikola Tasic</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/schwarzes-cabrio-das-auf-kies-geparkt-ist-mit-bergen-dahinter-7pYFIq-AV-Q?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Das feministische Deckmäntelchen &#8211; Nara Smith und die Romantasy</title>
		<link>https://54books.de/das-feministische-deckmaentelchen-nara-smith-und-die-romantasy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anna Sichlinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 07:18:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Influencer]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Anna Sichlinger Eine junge Frau adressiert die Kamera und damit uns. Sie trägt einen schlichten, teuer wirkenden schwarzen Einteiler mit einem weißen&#8230;</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von <a href="https://www.instagram.com/annawantstowrite/">Anna Sichlinger</a></p>



<div style="height:16px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Eine junge Frau adressiert die Kamera und damit uns. Sie trägt einen schlichten, teuer wirkenden schwarzen Einteiler mit einem weißen Kragen. Ihr Kopf ist &#8211; wie in allen ihren TikTok-Videos &#8211; in einem bestimmten Winkel geneigt: Das Kinn schräg nach unten, leicht nach links. In ihren perfekt manikürten Händen hält sie einen Stapel Bücher. Mit “Let’s chat books, shall we?” leitet die Creatorin Nara Smith das Video zu ihren Buchempfehlungen ein. In dem Stapel befinden sich Titel wie <em>A Court of Thorns and Roses </em>der amerikanischen Schriftstellerin Sarah J. Mass und <em>Fourth Wing </em>von Rebecca Yarros.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <a href="https://vm.tiktok.com/ZGd9VjcUB/">fünfminütige Video</a> ist für Nara Smith aus mehreren Gründen ein ungewöhnliches. Smiths perfekte ASMR-Stimme fehlt, das Video ist deutlich länger als andere und zusätzlich weicht sie von ihren üblichen Themen ab: Buchempfehlungen gehören eigentlich nicht zu ihrem üblichen Repertoire an Content. Der Großteil ihrer Online-Präsenz besteht aus Koch- und Backvideos, in denen Smith aufwändige Gerichte für ihren Mann Lucky Blue Smith und ihre gemeinsamen vier Kinder zubereitet. Dabei trägt sie Abendkleider, die für die Arbeit in der Küche auffällig unpassend und unpraktisch sind. Sie erreichte eine Form des Kultstatus (oder “ging viral”),&nbsp; der unter anderem damit zu tun hat, dass in ihren Videos Lebensmittel zubereitet, die es für weniger Geld und vor allem weniger Aufwand im Supermarkt zu finden gibt: von verschiedenen Müslisorten (jedes Schokoröllchen wird einzeln gerollt) bis hin zur hauseigener Sonnencreme mit zweifelhaften Wirkungsgrad.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nara Smith changiert in ihren Videos zwischen einer Reproduktion des sogenannten Tradwife-Ideals und Meta-Kommentar. Für die einen stellt sie die perfekte Hausfrau dar, die „Queen of trad wives“, für die anderen karikiert sie eben jenes Bild mit offensichtlichen Übertreibungen in Form ihrer Kleidung, ihrer Nägel, ihrer Rezeptauswahl, ihrer Frisuren. Das vorliegende Video, mit fünf Minuten auch deutlich länger als die sonstigen Kurzformate der Plattformen, ist in Inhalt und Form eine Art Unebenheit in Smiths so glattem „Stream of Content“, der so meisterhaft den Balanceakt der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen Aufregern und Eintönigkeit vorführt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ungewöhnliche Buchauswahl</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei <em>ACOTAR</em> handelt es sich nicht um die einzige Reihe aus der Feder der Autorin. Mit drei auf dem Markt erhältlichen Fantasy-Reihen wurde Maas von Forbes mit insgesamt 3.1 Million verkauften Print-Versionen als die meistverkaufteste Autorin des Jahres 2024 eingestuft. Man sollte also meinen, dass ein solcher Verkaufsschlager nicht mehr auf die Empfehlung des Influencer-Models angewiesen ist. Ist er auch nicht. Nara Smith scheint die Bücher ohne kommerzielle Hintergedanken schlicht der eigenen Vorlieben wegen zu besprechen. Und hier entsteht auf den ersten Blick ein Spannungsfeld zwischen dem Ideal, das Smith zumindest zum Teil verkörpert, und dem tatsächlichen Inhalt der gezeigten Bücher.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Auffälligkeit stellen die Werke selbst dar, die Nara Smith in diesem Video so hoch lobt. Die Buchreihe <em>A Court of Thorns and Roses, </em>kurz <em>ACOTAR, </em>der US-amerikanischen Autorin Sarah J. Maas, bestehend aus fünf Bänden, stellt einen der bekanntesten Vertreter des vor allem ab 2015 neu aufkommenden Genres Romantasy dar. Das Kofferwort beschreibt einen Ableger des Fantasy-Genres, bei dem eine romantische Beziehung einen elementaren und handlungs-antreibenden Aspekt darstellt. Oft zeichnet sich der Stil durch explizite Sexualität aus, wodurch das Genre weniger der Jugendliteratur, sondern mehr dem sogenannten New Adult-Spektrum zugeordnet wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie geht das zusammen?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nara Smith ist bekennende Mormonin, mit 24 Jahren bereits verheiratete Mutter von vier Kindern und &#8211; obwohl sie es gelegentlich dementiert &#8211; Teil der Social-Media-Bewegung der Tradwives. Als Kurzform für „traditional wives“ bezeichnet die Kategorisierung innerhalb sozialer Medien jene Frauen, deren öffentliches Bild dem einer Bauersfrau aus dem 18. Jahrhundert gleichen soll (oder zumindest einer romantisierten, ästhetisierten Version davon). Mit einem Kind auf der Hüfte und mindestens einem zweiten am Designer-Rock hängend wird mit beringten Händen der Brotteig geknetet und anschließend der selbst angelegte Garten besucht, in dem Kräuter und Gemüse für das Abendessen geerntet werden. Dann werden die Hühner (oder Kühe oder Pferde oder alles drei) bei perfekt eingefangenen Sonnenuntergang in den Stall gescheucht, bevor der liebende Ehemann nach Hause kommt, um Brot, Kräuter und was auch immer an Erträgen Vieh und Garten abgerungen wurde zu verspeisen. Es ist ein schönes, wenn auch naives Bild von einem einfacheren Leben, das sich in Zeiten von Inflation, steigender Arbeitslosenquote und einem in den Städten außer Kontrolle geratenen Wohnungsmarkt viele zumindest im Geheimen wünschen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Influencerin wird Nara Smith zu einer Figur, ihr Leben zu einem Narrativ, das durch die Erzählfläche der sozialen Medien an uns als Rezipient*Innen transportiert wird. Wo also liegen die narrativen Überschneidungsmengen zwischen Nara Smith und beispielsweise Feyre, der Protagonistin aus <em>ACOTAR</em>? Was begeistert jemanden wie Nara Smith an einer Figur, die in einschlägigen BookTok-Kreisen als feministisches Ideal hochgehalten wird, da sie nicht nur in einer Rolle als Alleinversorgerin ihrer Familie die Szene betritt, sondern auch im Verlaufe der Handlung zunächst wenig Interesse an ihrem Prinzen zeigt? Und wie passt die Empfehlung von Werken, in denen explizite Sexszenen eine tragende Rolle spielen, in das öffentliche Bild einer bekennenden Mormonin?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das feministische Deckmäntelchen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man könnte argumentieren, dass derart populäre literarische Erzeugnisse selbst in konservativen Kreise irgendwann einmal unausweichlich Aufmerksamkeit erhalten. Dennoch scheint die Offenheit, mit der Nara Smith diese gewagten Bücher empfiehlt, als eine Art Leuchtsignal für den Einzug konservativer Erzählungen und Werte in jede Art von Literatur &#8211; auch jene, die besonders in jüngeren Kreisen an Popularität gewinnt. Wirft man einen genaueren Blick auf Titel wie <em>A Court of Thorns and Roses, </em>so werden inhaltliche, figurative und narrative Überschneidungen zwischen den Vertretern des Genres und Social-Media-Ausläufern deutlich, die alles andere als feministisch sind. Konservative digitale Räume, wie beispielsweise auch die sogenannte Manosphere werden, zunehmend salonfähig und so können sich auch junge Autor*Innen nicht vor deren Einfluss abschotten. Gerade hinsichtlich eines Literaturmarkts, der kaum noch ohne die Marktfläche der sozialen Medien funktioniert. Nara Smiths wärmste Empfehlung dieser Bücher ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass gerade eine Reihe wie <em>ACOTAR </em>sich zwar ein feministisches Deckmäntelchen umlegt, um die überwiegend links ausgerichtete Demographie von Frauen und nicht-männlichen Personen zwischen 20 und 35 Jahren anzusprechen, doch im Kern konservative Ideale erzählt und propagiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um bei Feyres Beispiel zu bleiben, drängt sich zunächst die Tatsache auf, dass es sich beim ersten Band der <em>ACOTAR-</em>Reihe um eine Neu-Erzählung des Märchens <em>Die Schöne und das Biest </em>handelt. Feyre wird von dem Fae-Prinzen Tamlin aus ihrem ärmlichen Leben entführt. Er verwandelt sich gelegentlich in ein haariges Biest und sperrt sie in sein Schloss, wo sie nichts weiter zu tun hat, als schöne Kleider zu tragen und ihrem Hobby der Malerei nachzugehen, das in ihrem früheren Leben nie Geltung gefunden hat. Damit wird Feyre aus einem Leben herausgerissen, in dem sie als Jägerin und Versorgerin ihrer Familie traditionell männlich-konnotierte Eigenschaften aufwies, und in eine Situation versetzt, in der ihr Marker klassischer Feminität aufgezwungen werden, gegen die sie sich beinahe den gesamten Handlungsverlauf über wehrt. Doch Feyre bleibt auf Tamlins Schloss keine Wahl, sie ist ihrer Feminität und der in dieser Welt damit einhergehenden Hilflosigkeit ausgeliefert. Dennoch bleibt der Fakt bestehen, dass Feyra mit der Entführung in den goldenen Käfig des Frühlingshofs in eine Situation versetzt wird, in der sie sich weder um ihre eigene, noch um die Versorgung ihrer Familie weiter Sorgen machen muss: Tamlin gibt dazu nämlich noch das noble Versprechen ab, ihre Familie zu ihrem alten Stand zurück zu verhelfen, in dem sie finanziell abgesichert sind.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Projektionsflächen des Begehrens</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf diese Weise wird gleichzeitig eine uralte Fantasie des Klassenaufstiegs erzählt und für feministische Lesarten ein Zwischenraum der glaubhaften Ausreden geschaffen, sich der Liebesgeschichte hinzugeben. Feyre darf ihr feministisches Deckmäntelchen weiterhin tragen, während es Leser*innen erlaubt wird, sowohl den Prinzen Tamlin in seiner animalischen Männlichkeit als auch eben jene traditionellen Figurationen von Gender zu begehren. Und schließlich unterliegt auch Feyre Tamlins Charme und verliebt sich in ihn &#8211; oder zumindest verliebt sie sich in die neugewonnene finanzielle, existenzielle Sicherheit und Freiheit von ihrer eigenen Versorgerrolle. Diese Versorgerrolle wird ihr von Tamlin auf gleich zwei Ebenen abgenommen: erstens in seiner Funktion als royaler und politischer Herrscher und zweitens auf einer physischen Ebene als Beschützer. Denn während Tamlin Feyre nicht nur in Sachen Kapital überlegen ist, ist er als Fae-Herrscher mit den damit einhergehenden Fähigkeiten, sich in ein Biest zu verwandeln, der menschlichen Feyre auch körperlich weit überlegen. Die Fantasie und Projektionsfläche des Begehrens im ersten Band der Reihe besteht in einer Befreiung der Frau von Verantwortung und Mental Load der modernen Welt. Oder anders ausgedrückt: Ein Sich-Hingeben in eine einfachere Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch im Gegensatz zu seiner märchenhaften Vorlage währt das Happy End in <em>ACOTAR </em>nicht für immer. Feyre &#8211; nun ebenfalls in eine Fae verwandelt &#8211; genießt das Leben an der Seite ihres Prinzen nicht, der trotz ihrer neu gewonnenen Fähigkeiten und physischen Stärke weiterhin auf seine Beschützer-Rolle beharrt. Tamlin beginnt Feyre mit seiner Liebe zu ersticken (metaphorisch) und einzusperren (buchstäblich). Doch die Rettung naht auch hier in Form eines weiteren Prinzen mit Namen Rhysand. Der Herrscher des sogenannten Nachthofes ist in jeder Hinsicht das Bad-Boy-Äquivalent zu Tamlin.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch er hat einen animalischen Teil in sich, nämlich die Fähigkeit, ledrige Flügel aus seinem Rücken wachsen zu lassen und hat eine adlige Stellung innerhalb des Reiches inne. Er bietet Feyre eine Gelegenheit zum Ausbruch aus dem goldenen Käfig in Tamlins Frühlingshof. Ihr Klassenaufstieg, der in dieser Welt zugleich eine Art Rassenaufstieg ist, bleibt auf diesem Wege erhalten, während ein Narrativ der Emanzipation weitererzählt werden kann. Doch während Rhysand Feyre in erster Linie zu ermächtigen scheint, indem er ihr Lesen und den Umgang mit Waffen beibringt, übernimmt sie auch hier einmal mehr eine klassische Frauenrolle innerhalb einer heteronormativen Beziehung. Sie fungiert für den traumatisierten Fledermaus-Mann als Heilmittel, Therapeutin und Pflegerin und schließlich am Ende der Buchreihe als Mutter seiner Erben. Feministische Leser*Innen beharren auf Feyras Reise der Selbstermächtigung an Rhysands Seite, da sie aus der ausbuchstabierten Unterdrückungssituation in Tamlins Schloss ausbricht und Rhysand ein Gegenbeispiel darstellen soll. Dennoch bleiben die beschriebenen heteronormativen Dynamiken bestehen. Der einzige Unterschied zu der Beziehung zu Tamlin ist, dass Feyre sich hier aus (mehr oder weniger) freien Stücken für diese im Kern noch immer traditionelle Rolle entscheidet</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch weitere narrative und figurative Aspekte der Reihe lesen sich problematisch: die schicksalshafte Paarbindung, nach der die Fae ihre Beziehungen strukturieren und die Zweifel aufkommen lassen, wie freiwillig Feyre sich tatsächlich für Rhysand entschieden hat; das sexuell übergriffige Verhalten von sowohl Tamlin als auch Rhysand (welches in beiden Fällen in den animalischen Aspekten ihres Fae-Daseins begründet wird und somit ein durchaus fragwürdiges Männlichkeits-Bild ergibt) und die Dynamik der Instrumentalisierung von psychischen Traumata, auch hier zum Zwecke einer fragwürdigen Männlichkeits-Figuration.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eskapistische Sehnsüchte</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Perspektive konservativer Akteure scheint der Gegensatz zwischen Nara Smiths Lebensrealität und den Werken von Sarah J. Mass also weniger groß als anfangs gedacht. Natürlich darf man nicht davon ausgehen, dass Werke, die von Frauen wie Nara Smith empfohlen werden, von vornherein als konservative Vehikel abgetan werden müssen. Vielmehr stellt sich die Frage, warum eben Werke mit so offensichtlich konservativen Elementen sich derartiger Popularität erfreuen. Die Vermutung drängt sich auf, dass wir in einer zunehmend rechts-populistisch durchdrungenen Welt einen Ausweg suchen, durch den wir diese Lüge einer einfacheren Welt glauben und begehren dürfen, während wir gleichzeitig unser eigenes feministisches Deckmäntelchen anbehalten. Auch Nara Smith selbst ist diese Methode nicht fremd: am 29 Juli 2026 saß sie zu Gast in Alex Coopers Podcast “Call her Daddy”. Cooper versteht sich selbst als Sprachrohr der feministischen Selbstermächtigung, was auch das Gespräch mit Smith stark einfärbt. Die Folge trägt sogar den Titel “Stop Calling me a Tradwife”. Mit ungewohnter Vehemenz beteuert Smith ihre Eigenständigkeit und wie wenig sie sich mit dem Ideal identifiziert und Cooper in gewohnt blauäugiger Manier nickt fröhlich ab, ohne jede kritische Nachfrage nach Smiths Religion, Wahlverhalten oder der tatsächlichen Zusammenarbeit mit dezidiert selbst proklamierten Tradwives wie Hannah Neeleman (zu finden unter dem Handle “Ballerina Farm”).&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zugegebenermaßen fällt Smith zumindest in der Hinsicht aus dem Tradwife-Bild heraus, als dass sie weiterhin als Model arbeitet. Doch wie relevant ist die tatsächliche Lebensrealität, wenn mit großer Ab- und Umsicht ein anderes Bild, ein anderes Narrativ, produziert, verbreitet und monetarisiert wird? Smith, sowie Titel wie <em>A Court of Thorns and Roses </em>bedienen dasselbe eskapistische Bedürfnis, sich in eine Welt zu flüchten, in der Mental Load keine Rolle mehr spielt, existentielle Ängste mit einem Tag im Garten beseitigt werden können und man sich in die Arme starker Männer werfen kann. Wenn wir es wagen würden, jene konservativen Begehrensstrukturen von Grund auf zu hinterfragen, würde nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung der Dekonstruktion unserer eigenen patriarchalen Prägung getan, sondern dem Genre Romance und Romantasy ein großer Dienst erwiesen werden. Denn welche neuen und weitaus vielschichtigeren Erzählungen von Liebe würden sich ergeben, wenn ein Happy End für eine Frau nicht nur zwischen der schnöden Wahl bestünde, sich freiwillig oder unfreiwillig einer Form der Unterwerfung hinzugeben?</p>



<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@marisahowenstine?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Marisa Howenstine</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/frau-halt-kuchen-im-lagerraum-kURaJ8CpJIs?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Faschistoider Fiebertraum &#8211; Die Selbstapotheose des Elon M.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva-Sophie Lohmeier]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Aug 2026 07:53:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Elon Musk]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[KI]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Eva-Sophie Lohmeier Elon Musk hat gerade einen Lauf. Daran, dass er vollmundig etwas ankündigt, was dann doch nie umgesetzt wird, &#8211; in&#8230;</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von Eva-Sophie Lohmeier</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Elon Musk hat gerade einen Lauf. Daran, dass er vollmundig etwas ankündigt, was dann doch nie umgesetzt wird, &#8211; in diesem Fall die Verfilmung der Odyssee als AI-Version &#8211; hat man sich ja schon gewöhnt. Umgesetzt wurde stattdessen erst einmal ein Video, das ihn als <a href="https://www.instagram.com/p/DcA6qxRAMRS/?img_index=2">grinsenden Austin-Powers-Verschnitt</a> zeigt, der gerade das Vereinigte Königreich gekauft haben will. Das Ganze beruht auf einem schlechten Witz der konservativen Satirewebsite The Babylon Bee, demnach Elon Musk Großbritannien kaufe, um dort die Redefreiheit wiederherzustellen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum hatte man all das verdaut, legte er <a href="https://x.com/VOLDEMORT2X/status/2058765294785454480/video/1">ein sechsminütiges Video</a> nach. Und das ist ein Meisterwerk des Männerkitsches, ein so ungeheures Monument des Cringe, dass Menschen, die sich bislang nicht tiefer mit den Bildwelten des Musk-Kultus befasst haben, nur sprachlos davor sitzen können. Sechs Minuten, die die Ikonographie des Musk Cinematic Universe erschöpfender darstellen, als man es je sehen wollte. Man würde gerne herzlich darüber lachen, wie solche Hervorbringungen es verdienen. Doch es vergeht einem gründlich, weil man leider weiß, dass dafür gerade wieder einer Kleinstadt das Trinkwasser abgegraben wurde.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erstellt wurde das Video von einem Nutzer mit dem Handle @VOLDEMORT2X, der sich darauf spezialisiert hat, Bewegtbildsequenzen mit der AI-Engine „Grok“ zu erstellen.&nbsp; Es handelt sich also strenggenommen um Fan-Art. Doch im Gegensatz zu vielen Hervorbringungen seiner Jünger hat Musk das Video nicht nur mit Drüko retweteetet (heißt das jetzt eigentlich reext?), sondern auf seinem eigenen Account gepostet. Offenbar gefiel er sich darin. Kein Wunder, denn es zeigt in jeder Szene einen physisch topfitten Musk in heroischen Posen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fantasien aus schlechtgelüfteten Jungszimmern</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In mehr Fantasyrüstungen in sechs Minuten, als Nolans Odyssee in drei Stunden aufbringt, reitet und springt Musk mit erstaunlicher Agilität durch postapokalyptische Szenerien oder steht breitbeinig mit Waffen herum wie Posterhelden in den schlechtgelüfteten Zimmern vierzehnjähriger Rollenspieler. Sein Cape weht sehr viel. Sein Haar weht auch viel. Besonders auf dem Mars scheint es recht windig zu sein. Oft glüht ein blutroter Mond, manchmal tauchen farblich passende blutrote Rosen auf. Mehrere Sequenzen zeigen ihn in einer Szenerie, die an die Serie Peaky Blinders erinnert. Musk raucht, und Qualm steigt interessanterweise aus seinen Augen. Raketen hingegen steigen aus den Ruinen der Städte, mitunter wird er in Blade-Runner-Kulissen gestellt. In einer gezeichneten Sequenz darf er in einem Ballsaal den Gentleman mimen, um seine kultivierte Seite zu zeigen. Allerdings interagiert er nicht mit den Tanzenden, sondern schaut nur nachdenklich. Sehr nachdenklich sitzt er auch auf einem Schlachtfeld inmitten eines Massakers, die Rüstung ist jetzt nicht mehr so sauber, aber das Cape weht im Wind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lebewesen kommen außer ihm selbst kaum vor, nur schwarze Hengste und mysteriöserweise phosphoreszierende Wölfe, die auf die Zweige eines Tannenwalds im Schnee drapiert sind, der vage an Game of Thrones erinnert. Da kann einen schon einmal ein wohlbegründeter Kitschverdacht beschleichen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn Musk gerne äußert, dass sich die westlichen Kulturen in ihrer Reinheit erhalten sollen, macht es ihm offenbar nichts aus, wenn er in diesem Video in einer eindrucksvollen Sequenz in schimmernder Rüstung mit Stahlcowboyhut samt Federbusch auftaucht, ein schwarzer Hengst galoppiert, Blitze niedergehen und ein sehr kleines, UFO-förmiges Raumschiff durch die Szenerie fliegt. Eigentlich fehlt in diesem schönen Panorama nur noch ein Dinosaurier, dann wäre es perfekt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Sequenz steht er in goldener Ritterrüstung zwischen japanischen Kirschbäumen, deren Blütenblätter fallen, das international bekannte Signal für den baldigen heroischen Tod mindestens eines Samurai. Ägyptologen werden sich freuen zu erfahren, dass auch die Pyramiden unter seiner Aufsicht errichtet wurden, und die Steinquader&nbsp; entgegen den Gesetzen der Schwerkraft mit Schmackes die Rampe hinaufflutschten – und das ist nur die Zeitlupe, eigentlich ging es noch schneller. Zu diesem Anlass hat er immerhin mal die Rüstung ausgezogen und die Freizeitjacke übergestreift.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Liebeslied der KI</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Und da haben wir noch gar nicht über den „Song“ geredet, mit dem dieses Artefakt zukünftiger kulturwissenschaftlicher Forschung unterlegt wurde. Musik und Text wurden ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz erdacht, das kann Grok noch nicht, das macht Suno. Und es steht zu befürchten, dass Suno eine Vorliebe für Nickelback und Superhelden-Filmsoundtracks hat. Dazu der Text, eine Hymne an eine untergehende Welt, die Sterne, die Ewigkeit und so weiter:&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Maybe we were born / To leave the earth behind / Maybe every lonely dream / Was just waiting for its time / And if the stars forget our names / And if the lights no longer shine / I’ll still hear your voice tonight / Stand by me.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, da beginnt man doch langsam, sich nach der filigranen Bescheidenheit des Œuvres von Manowar zu sehnen. Im Grunde handelt es sich um ein Liebeslied an einen Mann, nein, ein Genie, das im blutroten Lichte der Apokalypse die wenigen Wissenden und Sehenden in eine neue Ära führt. Dass das nicht ganz ohne Verluste abgehen kann, ist auch klar: „People fade like passing rain / But some hearts escape the chains / And somewhere past the endless sea / A lone fire still believes.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Faschistoide Elon-Verehrung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesem Video spart man sich ein ganzes, unfassbares Rabbit Hole an Elon-Fan-Art, nur die Darstellung als römischer Kaiser kommt leider ein wenig zu kurz. Schließlich hat sich Musk extra einen eigenen Imperatorennamen ausgedacht: Kekius Maximus, symbolisiert nicht selten durch Pepe den Frosch, Meme-Maskottchen der rechten Trollszene, in Legionärsuniform. Kekius Maximus ist für Musks Fans künstlerisch sehr inspirierend. Mit Grok haben sie ein Werkzeug an die Hand bekommen, das Mojo-Dojo-Casa-Netzwerk, zu dem X inzwischen verkommen ist, mit entsprechender Ikonografie auszustatten: Der Imperator auf einem Eisthron zwischen Eisbär und Yeti, der Imperator mit amerikanischem Adler zu Füßen, der Imperator, der von Gandalf (!) erklärt bekommt, dass „Love is the answer“. Was ist Meme, was ist ernst gemeint? Egal, solange es Elon verherrlicht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">So entsteht eine Ästhetik, die man als einigermaßen gesichert faschistoid bezeichnen kann. Und die tatsächlich in Vielem an die des Nationalsozialismus erinnert: Sie ist strukturell antisemitisch und feiert den gesunden, cis-heteronormativ eindeutig zugeordneten Körper. Krankheit gilt als Schwäche. Ständiges Römer-Reenactment verweist auf ein ewiges, aber mindestens tausendjähriges Reich. „Mars Imperium Aeterna“ taucht einmal als Schriftzug im Grok-Video auf. Raketen spielen eine wichtige Rolle, ebenso wie Verkehrsinfrastruktur und moderne Medien, die sich zur Propaganda nutzen lassen. Immer wieder beruft man auf vermeintlich ewige Werte, aber Geschichte wird nach Bedarf umgedeutet. Das Christentum ordnet sich dem neuen, übermächtigen Führer unter.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Anleihen an nationalsozialistische Ästhetik</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das, was im Nationalsozialismus als erwünschte deutsche Kunst galt, lässt sich allerdings nicht eins zu eins mit dem vergleichen, was im heutigen Reich des MechaHitler zur Glorifizierung eingesetzt wird. Dazu ein kurzer Ausflug in das Jahr 1937, denn das war ein entscheidendes Jahr für die Kunst im damaligen Deutschland. In der zuerst in München und dann in zahlreichen deutschen Städten gezeigten Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde die gesamte, unerwünschte Avantgarde diffamiert, während praktisch um die Ecke die „Große Deutsche Kunstausstellung“ stattfand. Die einen wurden als Nichtskönner und Scharlatane verunglimpft, die anderen als meisterhafte Schöpfer handwerklich vollkommener Darstellungen gefeiert.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Dichotomie reicht tiefer in die Gesellschaft hinein. Auf der einen Seite wähnte man das Kranke, das Nervöse, die Außenseiter, die in den Großstädten hausen. Diese moderne Nervosität sollte zu sexuellem Exzess und Onanie führen und die bürgerliche Moral hintertreiben. Was gegen diese Umtriebe vermeintlich unausgeglichener und degenerierter Städter in Stellung gebracht wurde, war eine als klassisch verstandene Schönheit. Die Schönheit trat in den Dienst bürgerlicher Werte und sorgte dafür, dass Körperliches nicht mehr ganz so schmuddelig anmutete. Die Schönheit tümelte im unverbauten deutschen Wald herum und zeigte sich in der Überhöhung gestählter jugendlicher Männerkörper, die stets bereit waren zum Kampf.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele dieser Merkmale prägen auch den Stil gegenwärtigen Grok-Slops. Musk verfügt über einen perfekten, starken Körper, an dem jedoch nichts erotisch wirkt. Er fuchtelt gern mit Waffen herum. Er bewegt sich durch eine mit männlich konnotierten Symbolen ausstaffierte Welt. Humor und Zweideutigkeit haben hier keinen Platz. Oberstes Ziel ist eine kunstfertige, möglichst realistische Darstellung, wofür die Maschine Grok allseits gelobt wird – das Wasser! die Haare! so echt! Kunst ist in dieser Welt niemals Ausdruck individueller Kreativität, sondern immer nur Symbol im Dienste einer höheren Macht. All das sind die Gemeinsamkeiten.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Angst vor dem Stillstand</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als stärkster Unterschied sticht die völlige Abwesenheit von Natur heraus. Während die Nationalsozialisten eine geradezu sentimentale Beziehung zum als urdeutsch verstandenen Wald aufbauten, spielt Natur im ikonographischen Arsenal der Muskisten keine Rolle mehr. Naturschutz wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zum genuin linken Thema und ist damit verbrannt. Lediglich einmal wachsen grellgrüne Schemen hinter den beschlagenen Scheiben eines Gewächshauses, das offenbar auf dem Mars steht. Diese einsamen Pflänzchen sind nicht Teil einer unberührten Natur, sondern Produkte technologischen Fortschritts. Und die Rosen und Kirschblüten sind reine Symbole vergossenen Blutes und vergehenden Lebens.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer in dem Video nach einem roten Faden sucht, der sucht vergebens. Schlag auf Schlag werden neue Bilder produziert, eines pompöser als das nächste. Fürchteten die Nationalsozialisten noch die Nervosität der Moderne mit ihren fiebrig schnellen Städten, so fürchtet man nun offenbar den Stillstand. Weiter, immer weiter geht es, zu Pferd, zu Bahn, zu Raumschiff. Das Video türmt eine Allegorie auf die nächste, die Regler stets voll aufgedreht, der Mond noch blutroter, der Blick noch entschlossener, das Wetter noch schlechter. Ein Effekt jagt den nächsten, ein Bild ist abgegriffener als das andere. Denn bei aller Liebe zum Fortschritt, die Zukunft soll möglichst nicht allzu innovativ daherkommen und wird deshalb aus wohlbekannten Filmbildern zusammengeschnipselt.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Er meint es vollkommen ernst</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man würde Elon Musk wirklich gerne auslachen dafür, dass er sich als gottgleicher Retter in einer postapokalyptischen Welt darstellt, wenn man nicht wüßte, dass er dabei ist, ebendiese Apokalypse selbst mit zu verursachen. Man könnte lachen, wäre es nicht der reichste Mann der Welt. Man könnte lachen, vergifteten die Abgase der Dieselgeneratoren seiner Rechenzentren nicht gesamte Nachbarschaften mit Bewohnern, die sich ohnehin nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was Musk als Zukunftsvision verkauft, bedingt leider die Zerstörung des Planeten. Man muss das so drastisch sagen, denn er meint es vollkommen ernst.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bleibt die Frage, was sich der Künstler dabei eigentlich gedacht hat. Zum unserem Glück postete @VOLDEMORT2X das Werk mit einem Artist statement: „A signal transmitted from the future. This song feels like the last memory of earth. 5 Minutes that feel like leaving the planet“ und so weiter. „This hits different. Five minutes of pure cinematic gravity“, postete die Entität Grok darunter. Es scheint, als könnten auch die Musk-Fans es kaum abwarten, bis die Erde endlich Geschichte ist.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@exxteban?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Esteban López</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/funko-superman-im-seichten-fokus-6yjAC0-OwkA?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Dicke und dünne Ideologien – Ein Buch über Verschwörungstheorien ruft zur rhetorischen Abrüstung auf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Daphne Schwarz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Butter]]></category>
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		<category><![CDATA[Suhrkamp]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Daphne Schwarz Die Mondlandung hat nie stattgefunden, sie wurde von der NASA in einem Studio inszeniert. Außerirdische Echsenwesen in Menschenanzügen leben unter&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/dicke-und-duenne-ideologien-ein-neues-buch-ueber-verschwoerungstheorien-ruft-zur-rhetorischen-abruestung-auf/">Dicke und dünne Ideologien – Ein Buch über Verschwörungstheorien ruft zur rhetorischen Abrüstung auf</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von Daphne Schwarz</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mondlandung hat nie stattgefunden, sie wurde von der NASA in einem Studio inszeniert. Außerirdische Echsenwesen in Menschenanzügen leben unter uns. Die Erde ist eine Scheibe. Das Corona-Virus gibt es gar nicht. Ein Netzwerk der Reichen und Mächtigen zapft Kindern das Blut ab, um es für lebensverlängernde Behandlungen zu benutzen. Dass es Verschwörungstheorien gibt, ist allgemein bekannt, und die allermeisten Menschen dürften auch mindestens ein konkretes Beispiel nennen können. Viele klingen skurril und albern, andere wecken Besorgnis. Spätestens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump und der Covid-19-Pandemie hat das öffentliche Interesse an Verschwörungstheorien stark zugenommen. Sie gelten als Anlass zur Sorge, weil sie die Demokratie unterminieren können. Aber ist diese Sorge berechtigt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Frage widmet sich Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen, in seinem Buch “Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten” (Suhrkamp 2025). Nach “Nichts ist, wie es scheint” (Suhrkamp 2018) ist es sein zweites Sachbuch zu diesem Thema. Wie er gleich im Vorwort erklärt, besteht längst nicht so viel Anlass zur Sorge, wie Politik, NGOs und Medien suggerieren. Der Titel “Die Alarmierten” soll sich daher auf beide Seiten beziehen: jene, die an Verschwörungen glauben, und jene, die eben diesen Glauben für eine Gefahr halten. Butter findet den grassierenden Alarmismus kontraproduktiv und will die im Untertitel aufgeworfene Frage wissenschaftlich, also unvoreingenommen und differenziert – ein Wort, das er gerne gebraucht – beantworten. Der Autor will eine Stimme der Vernunft in einem weitgehend emotional geführten Diskurs sein. Er will beruhigen und verhindern, dass wir den Kopf verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür klärt er zunächst einige grundsätzliche Punkte, indem er die “konspirationistische Weltsicht”, wie er es nennt, durch vier Annahmen charakterisiert: 1. Nichts, was zum Plan gehört, geschieht zufällig. 2. Nichts ist, wie es scheint. 3. Alles hängt miteinander zusammen. 4. Es gibt eine klare Einteilung in Gut und Böse, Opfer und Verschwörer*innen. Als nächstes bezieht er in einer recht neuen terminologischen Debatte Stellung. Seit einigen Jahren wird nämlich die “-theorie” in “Verschwörungstheorie” kritisiert. Diese Bezeichnung sei unter begrifflichen Gesichtspunkten unangebracht, weil Verschwörungstheorien eben keine durch Beobachtung falsifizierbaren Vorhersagen machten. Zudem ließe sich unter pragmatischen Gesichtspunkten kritisieren, dass ihnen damit ein Anstrich von Seriosität verliehen werde, was nicht wünschenswert sei. Stattdessen solle man von “Verschwörungserzählungen”, “Verschwörungsmythen”, oder “Verschwörungsideologien” sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Butter ist mit dieser Kritik am Begriff der „Verschwörungstheorie“ und den entsprechenden Gegenvorschlägen nicht einverstanden: Gegen den ersten Punkt wendet er ein, dass hier ein wissenschaftstheoretischer Falsifikationismus vorausgesetzt werde, wie ihn vor allem Karl Popper vertreten hat. Die Debatte um das Kriterium der Wissenschaftlichkeit von Behauptungen hat sich aber längst weiterentwickelt. Hielte man am Falsifikationismus fest, müsse man großen Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften die Wissenschaftlichkeit aberkennen. Gegen die vorgeschlagene Alternative “Verschwörungsmythen” wendet er ein, dass damit der Anschein von Wissenschaftlichkeit nicht erfasst werde, den sich Verschwörungstheorien oft gäben, denn nicht selten würden ja Zahlen und Ereignisse als vermeintliche Belege herangezogen. Außerdem sei die Rede vom “Mythos” nicht passend, da damit eine lange Geschichte vorausgesetzt werde. Es erscheint allerdings nicht recht plausibel, warum etwas nur dann ein Mythos sein kann, wenn es seit Jahrhunderten immer weitererzählt wird. Den Ausdruck “Verschwörungserzählung” hält Butter für unpassend, weil er den “narrative turn” der Kulturwissenschaften ignoriere. Gemeint ist hier der Gedanke, dass die Erzählung eine fundamentale Form menschlichen Weltverständnisses darstellt und daher alle Aussagen darüber, wie die Dinge sind, in irgendeiner Weise als Erzählungen verstanden werden können. Die Bezeichnung “Verschwörungsideologien” lehnt er ab, weil sie ein marxistisches Verständnis von Ideologie voraussetze, demzufolge die Ideologie überwunden werden müsse, dann würde die Welt, wie sie wirklich ist, erkennbar. Butter ist nicht davon überzeugt. Allerdings erklärt er auch nicht, warum hier zwingend vom marxistischen Ideologiebegriff ausgegangen werden muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende des Kapitels stellt Butter ein hilfreiches Modell vor: Er unterscheidet zwischen den drei Ebenen Ideologie, Erklärung und Artikulation. Auf der Ebene der Ideologie liegt die konspirationistische Weltsicht, also die Überzeugung, dass wichtige Ereignisse das Ergebnis einer Verschwörung sind. Auf der Ebene der Erklärung liegt die Verschwörungstheorie, die erklärt, welches Komplott hinter welchen Ereignissen steckt. (Etwa: Die NASA hat die Mondlandung inszenieren lassen.) Auf der Ebene der Artikulation liegen die konkreten Darstellungen einer Verschwörungstheorie mit ihren Details. (Etwa: Bei der Inszenierung der Mondlandung hat Stanley Kubrick Regie geführt.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im zweiten Kapitel beantwortet Butter die im Untertitel des Buches aufgeworfene Frage, was Verschwörungstheorien anrichten. Verschwörungstheorien seien vorwiegend an den Rändern des politischen Spektrums zu finden, am rechten häufiger als am linken. Daher sei es naheliegend, darin eine Bedrohung für die Demokratie zu sehen, auch wenn das konspirationistische Denken nicht auf extreme Positionen beschränkt sei. Butter hält dies für vorschnell und meint, nicht die “dünne”, also inhaltsleere, Ideologie des Konspirationismus sei das Problem, sondern die “dicke”, also inhaltlich angereicherten, Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unterteilung in “dünne” und “dicke” Ideologien und die Einordnung des Konspirationismus als dünne Ideologie sind überzeugend. Weniger überzeugend ist Butters Schlussfolgerung, die dicken Ideologien seien das eigentliche Problem. Sicher, wenn ich einfach nur glaube, dass es irgendeine Verschwörung gibt, ohne mich darauf festzulegen, wer sich denn zu welchem Zweck verschworen hat, etwas zu tun, bin ich auch nicht gefährlich. Die Frage bleibt aber offen, ob die dünne Ideologie des Konspirationismus nicht die jeweilige dicke Ideologie auf eine Weise kanalisiert, die sie erst gefährlich macht. Viele Menschen demonstrierten gegen die Einschränkungen während der Lockdowns. Aber um die Entführung von Karl Lauterbach <a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lauterbach-entfuehrer-umsturz-urteil-100.html">zu planen</a>, brauchte es die Ansicht, die Pandemie sei ein großangelegter Schwindel, um eine Diktatur zu installieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im dritten Kapitel rekonstruiert Butter, wie Verschwörungstheorien in den politischen Institutionen der USA eine Rehabilitierung erlebt haben, nachdem sie lange Zeit als nicht salonfähig galten. Dies dient auch der Vorbereitung auf die Frage, ob eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland anstehe oder sogar bereits eingesetzt habe. Die Anfänge dieses Prozesses sieht Butter in den Anschlägen vom 11. September 2001, dem Erfolg der “Tea Party” in den späten 2000er Jahren und vor allem dem “Birtherism”. Trump selbst, meint Butter, habe zunächst noch keine Verschwörungstheorien verbreitet. Vielmehr habe er sich im Laufe seines ersten Wahlkampfes aus strategischen Gründen eine populistische Rhetorik angeeignet und diese mit vagen konspirationistischen Andeutungen verknüpft. (“Drain the swamp!”)  Damit habe er diejenigen ansprechen wollen, die an Verschwörungstheorien glauben, ohne diejenigen zu verschrecken, die sie ablehnen. Erst nach und nach sei er dazu übergegangen, immer offener und ausdrücklicher von Verschwörungen gegen ihn selbst, aber auch gegen das amerikanische Volk zu sprechen. Die gescheiterte Wiederwahl markiere dann den Endpunkt dieser Entwicklung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Butter nimmt diese Rekonstruktion zum Anlass, seine These zu wiederholen, wonach Verschwörungstheorien vor allem als Symptome tieferliegender Missstände zu verstehen seien. Die Verschwörungstheorie von der “gestohlenen Wahl” sei eine Gefahr für die Demokratie, aber nicht weil sie eine Verschwörungstheorie sei, sondern weil sie das Vertrauen in die Institution der Wahl als solche unterminiere. Weil die Republikanische Partei sich diese Verschwörungstheorie weitestgehend unwidersprochen angeeignet habe, sei das Misstrauen gegenüber der “Logik der Demokratie” im Herzen der US-amerikanischen Politik angekommen. Es folgt ein Exkurs, der die Ursachen dieser Entwicklung näher in den Blick nimmt. Butter nennt hier das im Mehrheitswahlrecht verankerte Zweiparteiensystem, die parteiinternen Vorwahlen, die extreme Kandidat*innen bevorzugten, die Abschaffung des Gebots der ausgewogenen Berichterstattung und die verfassungsgerichtliche Heiligsprechung von unbegrenzt hohen Wahlkampfspenden als Ausübung der Meinungsfreiheit. All dies habe jemanden wie Trump unausweichlich gemacht. Er “ist keine Aberration der Republikanischen Partei, sondern der folgerichtige Schlusspunkt ihrer Entwicklung seit den 1960er Jahren.” Zu dieser Entwicklung gehöre auch die Rehabilitierung des Konspirationismus. Allerdings, so Butter, die Erklärung für Trumps Wahlerfolg 2024 sei in erster Linie in den Abstiegsängsten weißer männlicher Industriearbeiter zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von hier aus nimmt Butter die Lage in Deutschland in den Blick. Droht eine ähnliche Rehabilitierung des konspirationistischen Denkens auch hierzulande? Dieser Frage geht er an den Beispielen der Pandemie und des sogenannten Reichsbürgerkomplotts nach. Die “Querdenken”-Bewegung, in der sich die Proteste gegen die Pandemiebekämpfung gesammelt haben, sei in der öffentlichen Wahrnehmung als ein Zeichen gestiegener Zustimmung zu Verschwörungstheorien gedeutet worden. Butter erklärt, die Umfragen, die diese Zustimmungswerte erfassen sollten, sprächen dagegen. Nicht die Zustimmung zu Verschwörungstheorien habe zugenommen, sondern ihre öffentliche Sichtbarkeit. Einen Grund dafür sieht er auch in der gesunkenen Hemmschwelle, konspirationistische Behauptungen offen auszusprechen. Die Proteste gegen die Beschränkungen seien zu Beginn nicht konspirationistisch motiviert gewesen. Generell seien die Verschwörungstheorien, die sich auf die Pandemie bezogen, keine eigenständigen, neuen Theorien gewesen. Vielmehr sei die Pandemie (oder ihre Inszenierung) einfach als nächste Stufe eines bereits bestehenden Verschwörungsplans interpretiert worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">“Querdenken” sei keine ausschließlich oder überwiegend rechte Bewegung, sondern ein Sammelbecken für Rechte, Linke, Esoterikgläubige und andere Milieus, die eine Angst vor einem neuen Autoritarismus zusammengeführt habe. Auch der Verlust der Existenzgrundlage ist für Butter ein wichtiger Faktor. Viele, die sich an den Protesten beteiligten, seien Angehörige von Berufsgruppen gewesen, die durch die Einschränkungen erhebliche Einkommensverluste hinnehmen mussten. Eine Gefahr für die Demokratie sieht Butter in “Querdenken” auch deswegen nicht, weil selbst in Phasen wöchentlicher Proteste die Anzahl der Teilnehmenden konstant geblieben sei. Die Bewegung habe also ab einem bestimmten Zeitpunkt keinen nennenswerten Zuwachs mehr erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle entsteht wie an anderen Stellen bei der Lektüre der Eindruck, Butter hätte noch ein bisschen mehr sagen können. Denn liegt die Gefahr für die Demokratie nicht in erster Linie im Einfluss, den konspirationistisches Denken hat, und weniger darin, wie weit es verbreitet ist? Auch eine kleine radikalisierte Gruppe kann viel Schaden anrichten, gerade, wenn sie zur Elite einer Gesellschaft gehört. Dieser Gedanke scheint jedenfalls Butters Untersuchung der Lage in den USA zu durchziehen, auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt. Sicher besteht zwischen diesen beiden auch ein Zusammenhang: eine Verschwörungstheorie, an die nur wenige glauben, wird weniger Aussicht haben, die gesellschaftspolitische Debatte zu beeinflussen. Aber der Schluss von einer geringen Anzahl an Anhänger*innen einer Coronaverschwörungstheorie auf ihre relative Harmlosigkeit wirkt ohne zusätzliche Argumente vorschnell. Auch eine kleine Gruppe kann großen Einfluss auf die öffentliche Debatte und die politische Entscheidungsfindung haben, wenn sie laut oder mächtig genug ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwerer hinzunehmen ist Butters Antwort auf die Frage, ob “Querdenken” antisemitische Züge trage. Vor allem der Vergleich mit Sophie Scholl und die gelben Sterne mit der Aufschrift “ungeimpft” trugen der Bewegung diese Vorwürfe ein. Butter stellt klar, dass beides geschmacklos, historisch falsch und moralisch unangemessen war. Er hält die Antisemitismusvorwürfe aber für sachlich falsch und strategisch kontraproduktiv, weil sie den Blick auf tatsächlichen Antisemitismus verstellt und die “Querdenken”-Bewegung zusammengeschweißt hätten. Echten Antisemitismus kann er hier nicht erkennen. Seine Begründung ist, dass hier keine Relativierung jüdischen Leids und keine Schuldumkehr stattgefunden habe. “Querdenken” habe sich mit den Opfern des nationalsozialistischen Antisemitismus identifiziert, statt ihn zu verharmlosen oder Jüd*innen die Schuld an der Situation während der Pandemie zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Antisemitismusbegriff wirkt recht verkürzt. Möglicherweise denkt Butter hier in erster Linie an antisemitische Verschwörungstheorien, die den Holocaust leugnen, oder eine “jüdische Weltverschwörung” behaupten. Gerade die Relativierung des Leids der Holocaust-Opfer kann aber auch auf weniger direkte und offensichtliche Weise erfolgen. Völlig zu Recht werden unangebrachte Vergleiche mit dem Holocaust immer wieder als Verharmlosung kritisiert, die der offenen Leugnung strukturell ähnlich ist. Der gelbe Stern mit der Aufschrift “ungeimpft” suggeriert, dass die Überprüfung des Impfstatus für die Teilhabe am öffentlichen Leben nur der erste Schritt einer allmählichen Ausgrenzung sei, die letztlich zur industriellen Vernichtung von Menschenleben führe. Der Vergleich mit Sophie Scholl suggeriert, dass der zeitlich begrenzte Wegfall von Café-, Bar- und Konzertbesuchen genauso schlimm sei wie das Leben unter einem totalitären Regime, das nach und nach jeden Bereich des Lebens für sich beansprucht. Die Nivellierung dieser Unterschiede ist eine Verharmlosung, die strukturell ähnlich ist zu einer direkten Leugnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die von den Medien “Reichsbürgerkomplott” getauften Umsturzpläne und andere Vorhaben, das politische System in Deutschland zu destabilisieren, dienen Butter als Belege für seine Kernthese: Gefährlich ist nicht die dünne Ideologie des Konspirationismus, sondern verschiedene dicke Ideologien. Zudem hätte selbst eine erfolgreiche Durchführung dieser Vorhaben keine Machtübernahme oder Regimewechsel in Deutschland zur Folge haben können. In jedem Fall seien die dicken Ideologien das eigentliche Problem, weil sie einerseits auch ohne die dünne Ideologie des Konspirationismus wirken, diesen aber auch für sich nutzen könnten. Wie dies geht, zeigt er am Beispiel der AfD, die eine zweigleisige Rhetorik benutze. Ihre Äußerungen seien oft so formuliert, dass sie sich sowohl konspirationistisch als auch “nur” populistisch lesen ließen. Weil der Konspirationismus als dünne Ideologie immer eine dicke Ideologie benötige, eine dicke Ideologie jedoch keine dünne Ideologie, müsse bei den dicken Ideologien angesetzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor diesem Hintergrund sieht Butter keine Gefahr, dass auch in Deutschland amerikanische Verhältnisse Einzug halten. Weder das politische System noch die Zivilgesellschaft seien hierzulande so stark polarisiert wie in den USA. Das Mehrparteiensystem und das Verhältniswahlrecht zwängen die Politik zu Kompromissbereitschaft und in Deutschland gebe es kein Medium wie <em>Fox News</em>, das ungehemmt Desinformation und Verschwörungstheorien verbreitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sorge um die Polarisierung der Gesellschaft ist (mindestens) seit den 2010er Jahren ein wiederkehrendes Motiv in der gesellschaftspolitischen Diskussion geworden und wird vor allem in der Mitte des politischen Spektrums geäußert. Extreme Positionen würden sich verbreiten, echter Dialog werde seltener. Auch in dieser Frage gibt es sicherlich die “Alarmierten” und die, die beruhigen wollen. Es ließe sich aber die Frage stellen, ob “Polarisierung” hier das richtige Bild ist, oder ob “Schieflage nach rechts” nicht treffender erscheint. Ist die wichtige Frage wirklich, ob eine Bewegung weg von der Mitte hin zu zwei einander gegenüberliegenden Enden stattfindet? Denn eine vergleichbare Radikalisierung wie in der Republikanischen Partei, nur in die entgegengesetzte Richtung, hat in der Demokratischen Partei nicht stattgefunden. Und dann wäre auch die Frage nach der Entwicklung in Deutschland anders zu stellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Butter jedenfalls ist überzeugt, dass seine Analyse zeigt, dass der alarmistische Ton der Debatte über Verschwörungstheorien der letzten Jahre übertrieben ist. Im vorletzten Kapitel des Buches betrachtet er diese Debatte genauer, um die Ursprünge des Alarmismus zu erklären. Politische und Aufklärungsarbeit zu Verschwörungstheorien leisten in Deutschland hauptsächlich NGOs und Stiftungen. Hier sieht Butter ein Problem. Denn diese Arbeit finanziert sich zu großen Teilen aus öffentlichen Fördermitteln für entsprechende Projekte. Das führe, so Butter, dazu, dass das Gefahrenpotential von Verschwörungstheorien in den Anträgen auf diese Fördermittel übertrieben werde, um das eigene Projekt möglichst wichtig erscheinen zu lassen. Zudem seien die Mitarbeitenden dieser Projekte auch ernsthaft überzeugt, dass Verschwörungstheorien gefährlich sind. Butter zitiert hier eine Interviewstudie, aus der er den typischen “Verschwörungstheorieaktivisten”&nbsp; herausdestilliert. Dieser sei seit den Jugendjahren von der politischen Arbeit gegen Rechtsextremismus geprägt, habe dann ein sozial- oder politikwissenschaftliches Studium absolviert und die politische Arbeit zum Beruf gemacht. Die Prämissen dieser Arbeit stelle er gar nicht mehr in Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Problem sieht Butter darin, dass die wissenschaftlichen Veröffentlichungen dieser NGOs und Projekte nicht das fachliche Niveau erreichten, dass man sich wünschen würde. Als Gründe nennt er, dass die meisten Verschwörungstheorieaktivisten keinen Doktortitel vorweisen könnten und dass die Veröffentlichungen kein Begutachtungsverfahren durchlaufen müssten, wie es bei wissenschaftlichen Publikationen sonst üblich sei. Eine Reflexion über die Rahmenbedingungen der politischen Arbeit und ihren Beitrag zu den von ihm genannten Problemen vermisst man bei Butter jedoch. Allenfalls in der kurzen Erwähnung der prekären Finanzierung zu Beginn des Abschnitts deutet sie sich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich kritisiert er auch, dass die Warnungen vor Verschwörungstheorien eine Tendenz hätten, selbst ins Konspirationistische abzugleiten. Als Beispiel dient ihm der <em>Correctiv</em>-Artikel “Geheimplan gegen Deutschland”, der über ein Treffen wichtiger Figuren der rechten Szene berichtet. Laut <em>Correctiv</em> sei dort ein &#8222;Masterplan&#8220; zur Vertreibung von Millionen Menschen vorgestellt worden. Butter schließt sich der Kritik verschiedener Journalist*innen an, dass die Darstellung des Treffens einigen Standards der journalistischen Berufsethik nicht gerecht werde. Seine eigene Kritik ist aber wieder auf ähnliche Weise verkürzt wie seine Kritik an den Antisemitismusvorwürfen gegen “Querdenken”. Wäre Thema des Treffens tatsächlich die Planung und Umsetzung der “Remigration” gewesen, ließe sich von einer Verschwörung sprechen. Tatsächlich sei es aber darum gegangen, wie die öffentliche Meinung so beeinflusst werden könne, dass “Remigration” möglich werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Frage hier ist, warum das Thema des Treffens einen Unterschied dafür machen sollte, ob es sich um eine Verschwörung handelte oder nicht. Warum wäre die Planung rassistischer Staatsverbrechen eine Verschwörung gewesen, während die Planung der Normalisierung rassistischer Staatsverbrechen in der öffentlichen Wahrnehmung keine war? Eine Verschwörung wird ja nicht dadurch zu einer Verschwörung, <em>was</em> man plant und tut, sondern dadurch, <em>wie</em> man es plant und tut. Butter gibt hier keine Begründung. Ein viel einfacheres Argument dafür, dass das Treffen keine Verschwörung war, zieht er nicht heran: Martin Sellner hat denselben Vortrag, den er auf dem Treffen gehalten hat, später noch einmal in einem Videostream gehalten. Zumindest seine Pläne waren also nicht geheim.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Frage ist, ob man nicht sagen könnte, dass auf dem Treffen die Durchführung der Remigration geplant wurde, <em>indem</em> die Normalisierung der Remigration in der öffentlichen Diskussion in die Wege geleitet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Schlusskapitel des Buches ist der Frage gewidmet, “Was gegen Verschwörungstheorien helfen würde”. Der erste Vorschlag bezieht sich wieder auf die Kernthese: Es müsse bei den dicken Ideologien und den Missständen angesetzt werden. Weil das aber eher langfristige Ziele sind, müsse man auch direkt auf Verschwörungstheorien eingehen. Hier geht Butter wieder auf die Projekte und NGOs ein, die gegen Verschwörungstheorien kämpfen, und fordert, dass diese die aktuelle Forschung besser berücksichtigen sollen als bisher. Weil außerdem zu viele Projekte um zu viele Geldtöpfe konkurrierten, befürwortet er auch einen Kahlschlag im Unterholz: Sowohl die Arbeit als auch die Finanzierung sollen bei einigen wenigen Stellen konzentriert werden, um bessere Finanzierung und Qualitätskontrolle zu ermöglichen. Zudem befürwortet er die Aufklärungsarbeit im Schulunterricht, macht jedoch darauf aufmerksam, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht die anfälligste Gruppe für Verschwörungstheorien seien. Die Präventions- und Beratungsarbeit erreiche ältere Menschen oft nicht mehr, daher müsse hier auch eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen erfolgen. Menschen, die erleben, wie nahestehende Personen in konspirationistisches Denken abgleiten, sollten bessere Unterstützung erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit wechselt er zum Ende von der gesellschaftlichen auf die individuelle Ebene. Er empfiehlt, den Kontakt zu halten, soweit es möglich ist, um nicht durch Ausgrenzungserlebnisse die Radikalisierung zu beschleunigen. Ein solcher Radikalisierungsprozess sei auch nicht immer unumkehrbar. Butter verdeutlicht das an einem Fall, den er selbst erlebt hat. Ein Mann habe seine Arbeit in YouTube-Videos heftig kritisiert und ihm häufiger Mails geschrieben, die Butter auch beantwortet habe, weil sein Ton darin umgänglicher gewesen sei als in den Videos. Mit der Pandemie sei er dann aber auch in den Mails ausfällig geworden, weshalb Butter nicht mehr geantwortet habe. Später sei Anzeige gegen den Mann erstattet worden, weil er Butter in einem Video bedroht habe. Butter sei in Rücksprache mit der Polizei zu der Einschätzung gelangt, dass es sich nicht um eine Bedrohung, aber um eine Beleidigung handle. Damit lag die Entscheidung über die strafrechtliche Verfolgung bei ihm. Er habe dann auf eine Anzeige verzichtet. Mehr als ein Jahr später habe er eine Mail mit einer Entschuldigung von dem Mann erhalten. Butter ist überzeugt, dass sein Verzicht auf eine Anzeige eine weitere Radikalisierung verhindert habe, und empfiehlt, weiter im Dialog zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beispiel soll Mut machen und optimistisch stimmen. Das tut es auch, und es ist auch richtig. Aber auch hier hätte man sich mehr Bewusstsein für die eigene Situation und Sensibilität gegenüber denen gewünscht, die in einer anderen Situation sind. Wer jahrelang prekär beschäftigt ist und vielleicht schon häufiger bedroht wurde, dürfte es schwerer haben, Nachsicht zu zeigen – und das wäre auch verständlich. Ähnlich ist es mit der Empfehlung, den Kontakt mit Angehörigen oder anderen nahestehenden Personen zu halten. Je nach Vorgeschichte und Ausgangssituation ist das für manche Menschen einfach keine Option.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einiges, was “Die Alarmierten” zu einem guten Buch macht. Butters Expertise und jahrelange Beschäftigung mit dem Thema sind der Studie anzusehen. Es ist auch erkennbar, dass er Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation und populärwissenschaftlichem Schreiben hat. Die Darstellung der Theorie und empirischen Forschung, seine eigene Analyse und Argumentation bleiben immer zugänglich. Wer sich für Verschwörungstheorien und ihre politischen und sozialen Auswirkungen interessiert, kann aus dem Buch einiges lernen. Nur dort, wo Butter seinen Fachbereich verlässt oder nicht mehr als Wissenschaftler, sondern als politischer Kommentator spricht, greift er zuweilen zu kurz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Michael Butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Suhrkamp 2025. 247 Seiten. 22 € (D)</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@tomradetzki?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Tom Radetzki</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/silberfolie-auf-weisser-keramikplatte-idRpmZVNs30?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



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		<title>Stell dir vor, es ist Krieg und alle haben eine Haltung – Über eindeutige Meinungen und komplexe Debatten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Simon Sahner]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Jul 2026 15:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Simon Sahner In den letzten Wochen habe ich vier Bücher gelesen, die ein unangenehmer Blick in die Produktionshallen der Debattenkultur waren. Am&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-haben-eine-haltung-ueber-eindeutige-meinungen-und-komplexe-debatten/">Stell dir vor, es ist Krieg und alle haben eine Haltung – Über eindeutige Meinungen und komplexe Debatten</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von <a href="https://simon-sahner.de/">Simon Sahner</a></p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten Wochen habe ich vier Bücher gelesen, die ein unangenehmer Blick in die Produktionshallen der Debattenkultur waren. Am Ende muss man sagen, es stimmt: man will nicht wissen, wie die Wurst gemacht wird. Doch bereits vorher hatte ich mir gewünscht, es hätte diese Bücher nie gegeben. Das lag nicht daran, dass ich sie von Beginn an für schlecht hielt. Vielmehr behandeln sie eine Frage, von der ich gehofft hatte, sie würde sich für den deutschsprachigen Raum nicht mehr stellen: Ob man das eigene Land mit der Waffe in der Hand verteidigen würde.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Debatte, die in den vergangenen Jahren um diese Frage entstanden ist, hat sich selbstverständlich nicht nur in Büchern, sondern ganz besonders auch in Talkshows und anderen medialen Streitformaten abgespielt. Denn letztlich sind Debattenbücher die bloße Fortsetzung der Talkshow mit anderen Mitteln und umgekehrt. Viele dieser Bücher wurden erkennbar geschrieben, um Teil einer Debatte zu werden, die sich dann wieder in den Talkshows abspielt. Das ist auch bei den Büchern zur Frage der Wehrhaftigkeit, Kriegstüchtigkeit, Verteidigungsbereitschaft – wie immer man es nennen will – der Fall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt inzwischen – inklusive Zeitungsartikeln – so viele Beiträge zu dieser Frage, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Während der Arbeit an diesem Text wurde bereits ein weiteres Buch für den Herbst angekündigt und ein Grünen-Politiker erklärte öffentlichkeitswirksam, er habe seine Verweigerung zurückgezogen und sei jetzt Reservist geworden. Die populärsten dieser Wortmeldungen stammen von Männern, die mehr oder weniger zweifelnd verkünden, sie seien zu dem Schluss gekommen, für ihr Land, die Freiheit, die Demokratie zu kämpfen. Diese Haltung wird aufmerksamkeitsökonomisch belohnt: Wenn man sich dieser Tage jenseits einer rechten politischen Gesinnung zum Verteidigungskampf bereit erklärt, kann man sich medialen Interesses sicher sein. Das gleiche gilt für die lautstark geäußerte Verweigerung eines zukünftigen Dienstes an der Waffe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bücher, auf die ich mich konzentriert habe, gehören in diese Kategorie, sie stehen in Bezug zueinander und sind alle innerhalb eines Jahres erschienen. Das erste, Ole Nymoens <em>Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde</em>,<em> </em>kam im Frühjahr 2025, danach folgte im Herbst Artur Weigandts <em>Für euch würde ich kämpfen</em>, und dieses Jahr erschienen im Mai Stephan Anpalagans <em>Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung </em>und schließlich im Juni <em>Deutschland ist es wert – Warum ich geschworen habe für mein Land zu kämpfen </em>vom ehemaligen Jugend- und heutigen Reserveoffizier der Bundeswehr David Matei.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass diese Bücher Teil einer Debattenmaschinerie sind, zeigt sich auch daran, dass alle genannten Autoren bereits zu dem Thema in Talkshows oder auf Podien waren, meistens einer der drei Befürworter einer wehrhaften Haltung im mehr oder weniger hitzigen Austausch mit dem einzigen Gegner Nymoen. Daran offenbart sich auch eine grundsätzliche Eigenschaft dieser Art von Debattenbüchern: Ihre Autoren müssen sich positionieren. Sie schreiben aus einer Haltung heraus, die sie begründen und verteidigen. Das ist an sich in Debatten erst einmal nicht verwerflich. Es kann aber zum Problem werden, wenn die Frage auf ein kollektives Problem zielt, das auf individueller Ebene so komplex ist, dass eine klare Haltung erkennbar schwer zu erreichen und überzeugend zu argumentieren ist. Dann kann es fast unredlich scheinen, sie zu äußern. Das trifft aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichem Maße auf alle diese Bücher zu.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Staat ohne Menschen&nbsp;</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ole Nymoens ablehnende Haltung zur Verteidigung Deutschlands lässt sich aus einem Satz aus seinem Buch ableiten: „Staaten sind zuallererst einmal nichts weiter als Gewaltapparate.“ Darauf baut er letztlich seine gesamte Argumentation auf, deren Kern darin besteht, dass Krieg – egal aus welchen Gründen – stets eine Auseinandersetzung zwischen Staaten mit Interessen ist. Diese Interessen sind für die Menschen, die in diesen Staaten leben, meistens erst einmal irrelevant, weil sie nicht deckungsgleich mit ihren eigenen sind.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durchaus überzeugend legt Nymoen dar, dass es kaum einen ethischen Ausweg aus dem Dilemma gibt, dass in Kriegen stets Menschen aufeinandergehetzt werden, die außerhalb einer staatlichen Machtlogik wahrscheinlich keinerlei Grund hätten, gegeneinander zu kämpfen. Im Kern sagt Nymoen auch im Buch dasselbe, was er stets in Talkshows wiederholt: Ein russischer Soldat und ein deutscher Soldat haben wahrscheinlich wesentlich mehr gemeinsame Interessen als gegensätzliche. Oder mit Marx und Engels: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sehr ich Nymoen in seiner Grundhaltung zustimmen würde, muss er Dinge aussparen oder ignorieren, um seinen Punkt zu machen. In Nymoens Fall ist das der Faktor Mensch. Seine Argumentation funktioniert nur, wenn man Staaten als Gebilde ohne Menschen sieht. Auf einer theoretischen Ebene kommt man damit recht weit und gerade aus einer linken Perspektive, die das Individuum gegen die Machtinteressen von Staat und Wirtschaft verteidigt, ist diese Sichtweise berechtigt. Sie stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn es um einen Angriffskrieg auf das Staatsgebiet geht, in dem eben auch Menschen leben. Denn dieser Angriff gilt im Zweifel nicht einfach dem theoretischen Gebilde <em>Staat </em>als Machtapparat, sondern auch den Menschen, die dort leben. Nymoen muss hier eine klare Trennlinie ziehen, weil sonst seine Argumentation auseinanderfallen würde. So kommt er auch zu der steilen These, dass Menschen unter Besatzung im Zweifel wahrscheinlich besser dran wären, als wenn sie sich und ihr Land verteidigen würden. Man muss nicht lange suchen, um Berichte von Menschen zu finden, die anders als Nymoen unter Besatzung gelebt haben und sich entschieden gegen diese Sichtweise wehren würden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren muss er das Deutschland der Gegenwart als Staat darstellen, dessen Staatsräson nicht darin besteht, dass „ein gutes Leben für alle“ möglich ist, um daraus ableiten zu können, dass er diesem Land nichts schuldet. Man kann vieles, was er dabei ausführt, teilen. Er macht jedoch seine eigene, gute Argumentation unredlich, indem er sich teilweise in polemische Maximalaussagen versteigt, wie dass die Proklamation einer „feministischen Außenpolitik“, wie sie Annalena Baerbock ausgerufen hat, zu keinem anderen Ergebnis führen würde als die Losung „Jeder Schuss, ein Russ“. Bei aller berechtigten Kritik an der deutschen Außenpolitik unter Baerbock ist das reine Polemik.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Debattenbuch als Rampe</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war zu erwarten und wahrscheinlich auch intendiert, dass dieses Buch viel Widerspruch auslösen würde. Schon allein deswegen, weil das Buch auf einem Essay bei ZEITOnline basiert, der bereits viel negative Resonanz erzeugt hatte. Und auch wenn Nymoen durchaus einige im positiven Sinne gewagte und inspirierende Gedanken formuliert, fragt man sich, ob es nicht gereicht hätte, es bei dem Essay zu belassen. Das Buch fügt dem Text nicht viel Neues hinzu, die zentrale Aussage bleibt dieselbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gleiche Frage stellt man sich auch bei Artur Weigandts Buch, der einige Monate nach Nymoen ebenfalls seine Gedanken in einem Beitrag für das Onlineportal der Wochenzeitung ausgeführt hatte, bevor er sie noch einmal auf zweihundert Seiten ausweitete. Es ist ein zentrales Problem vieler Gegenwartsdebatten, dass ihre Protagonist*innen einen handfesten Grund brauchen, damit sie öffentlichkeitswirksam in Talkshows Teil der Diskussion werden dürfen. Dieser Grund ist meistens ein Buch, das letzten Endes nur als Rampe für das Podium dient. Gelesen werden viele dieser Bücher – so hat man den Eindruck – eher selten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Mensch im Mittelpunkt&nbsp;</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Anders ist vor allem die Existenz von Artur Weigandts Buch nicht zu erklären. Dabei ist seine Grundhaltung durchaus nachvollziehbar. Weigandt – in Kasachstan geboren und Sohn eines russlanddeutschen Vaters und einer Mutter mit ukrainischen und belarussischen Wurzeln – war in den ersten Jahren nach der russischen Vollinvasion eine Zeit lang als Dolmetscher bei der ukrainischen Truppenausbildung in Deutschland tätig. Außerdem reiste er in den vergangenen Jahren mehrfach in das angegriffene Land. Durch die Herkunft seiner Familie und durch die privaten Kontakte zu ukrainischen Soldaten und Zivilist*innen nimmt er eine wesentlich persönlichere Perspektive als Nymoen ein. Für ihn geht es letztlich immer um den Menschen, der in Gefahr ist und bedroht wird. Entsprechend kann man deswegen auch den Titel seines Buches darauf beziehen: <em>Für euch würde ich kämpfen</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dahinter steht allerdings auch eine Tendenz zur Verherrlichung von Männern, die tun, was getan werden muss. Von Anfang an macht Weigandt einen Gegensatz auf zwischen seinem gegenwärtigen Ich und dem Menschen, der er früher war. Er sei vom Idealisten zum Realisten geworden. Seine erklärten Gegenspieler sind nun linke Naivlinge, die lieber über Genderfragen und Awareness diskutieren, als das zu tun, was getan werden muss, um die Freiheit zu verteidigen. Das geht bei ihm so weit, dass er Zwangsrekrutierungen befürwortet und denjenigen, die sich dem Kampf entziehen, vorwirft, sich zu „drücken“. Sein Respekt, so gewinnt man den Eindruck, gebührt vor allem denen, die den Kampf annehmen oder sich schon jetzt bei der Verteidigung der Ukraine engagieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch trieft von den ersten Seiten an vor Pathos. „Schweigen war keine Option“, erfahren wir in einem der ersten Abschnitte und bereits auf der zweiten Seite fragt man sich, ob Weigandt nicht zu viel Jünger oder Hemingway gelesen hat:<br><br><em>Eines Nachmittags, nach einer Übung, saßen die Soldaten und ich am Rand des Geländes, die Panzer vor uns rauchten noch, als wären sie lebendig. Der Himmel war bleigrau, und der Wind trug den Geruch von verbranntem Metall und Öl über das Gelände. Wir saßen im Kreis, schweigend, ausgelaugt, jeder in seine Gedanken vertieft. Es war einer dieser Momente, in denen die Worte fehlten – nicht nur mir, sondern uns allen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den folgenden zweihundert Seiten staubt, stahlt, metallt, raucht und ölt es sehr viel. Überhaupt durchzieht das Buch eine bemerkenswert lebhafte Beschreibung von Kriegsschauplätzen, die zwar dazu dienen sollen, die Härte und Unerbittlichkeit dieser Orte und der Menschen dort zu zeigen, die jedoch gleichzeitig in einer Tradition der Kriegsdarstellung stehen, die immer auch eine zweifelhafte Ästhetisierung mit sich bringt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verkitschung des Krieges</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist jedoch nicht einmal das größte Ärgernis dieses Buches. Viel schlimmer ist, dass beinahe alle Menschen, die der Autor offenbar getroffen hat, zu Abziehbildern einer Haltung heruntergeschrieben werden. Da sind die ukrainischen Soldaten im Übungslager, die zwischen zwei Zigarettenzügen Sentenzen entwickeln, auf die Joan Didion stolz gewesen wäre: „Am Ende sind es die Geschichten, die uns ausmachen […] Wer wird erzählen, was hier passiert ist? Wer wird dafür sorgen, dass wir nicht einfach vergessen werden, wenn dieser Wahnsinn vorbei ist?“. Ein verletzter Soldat im Lazarett fragt verschüchtert „Wir gehören doch zu Europa, oder?“ und ein deutscher Rentner, der in der Ukraine verletzte Soldaten unterstützt, murmelt „mehr zu sich selbst als“ zum anwesenden Autor „Nie wieder – das bedeutet, nie wieder tatenlos zusehen.“&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei so vielen perfekten Zitaten in den perfekten Situationen, die kaum nachprüfbar sind, wird man inzwischen schnell misstrauisch. Dazu trägt auch bei, dass das Buch zahlreiche Stellen aufweist, die dieselben syntaktischen und sprachlichen Eigenheiten aufweisen wie Texte, die mit Hilfe eines eines LLMs, eines KI-Sprachmodells wie ChatGPT, verfasst wurden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wehrhaftigkeit nicht als martialischer Reflex, sondern als stille Entschlossenheit. Als Fähigkeit, sich vom Elend nicht abzuwenden, sondern ihm etwas entgegenzusetzen: Nähe, Hilfe, Würde. Es ist eine Form von Mut, die nicht laut ist, sondern zäh. Nicht ideologisch, sondern menschlich.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Man stößt im gesamten Buch und in manchen Kapiteln auf fast jeder Seite mehrfach auf diese Art von Formulierungen. Die mehrfachen <em>nicht-sondern</em>-Konstruktion und die Dreierreihungen lassen den Text, der ein sehr konkretes Thema behandelt, zudem extrem unklar und willkürlich erscheinen. Geradezu absurd wird diese Praxis bei der Erläuterung, was Wehrhaftigkeit bedeutet. Irgendwann, weiß man als Leser*in nicht mehr, was der Autor einem eigentlich sagen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wehrhaftigkeit bedeutet, bereit und in der Lage zu sein, sich zu verteidigen – nicht aus Aggression, sondern aus Verantwortung.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Vielleicht war es ein stummer Akt der Wehrhaftigkeit. Nicht der martialischen, nicht der lauten. Sondern der stillen, inneren: sich nicht gehen lassen. Sich nicht auflösen im Schmerz.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wehrhaftigkeit beginnt nicht mit dem Gewehr – sondern mit der Entscheidung, sich nicht aufzugeben.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wehrhaftigkeit nicht als martialischer Reflex, sondern als stille Entschlossenheit.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wehrhaftigkeit beginnt vielleicht nicht mit Waffen. Vielleicht beginnt sie mit dem Entschluss, nicht verrückt zu werden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Manchmal ist Wehrhaftigkeit kein Kampfruf, sondern ein stilles: Ich geh trotzdem.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Daneben weist der Text eine auffällig große Menge an Vergleichen, sprachlichen Bilder und Umschreibungen auf. Eine Aussage ist etwa „Kein Slogan. Kein Pathos. Es klingt wie eine Notiz, die man sich ins Innere ritzt, damit man sie nicht vergisst.“ Es gibt Sätze, „die nichts versprechen, aber alles bedeuten“ und Lachen, „das alles weiß und nichts sagt.“ Dazu kommen mindestens zwei Stellen im Text, die mit kleineren Wortumstellungen mehr oder weniger identisch sind.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehrfach finden sich außerdem offensichtliche Fehler und Ungenauigkeiten. Da ist auf einer Seite eine Kalaschnikow einmal „nicht unhandlich“ und dann wieder „unhandlich“. Einmal werden Männer, die sich der Rekrutierung entziehen, kritisiert, dann jedoch ist wiederum “manche Desertion” doch “kein Verrat”. An einer anderen Stelle erklärt der Autor er habe endlich etwas <em>verstanden</em>, was er zuvor nur <em>begriffen</em> habe. Einige Seiten hat er endlich etwas <em>begriffen</em>. Als er ein befreundetes Paar in dessen Wohnung besucht, setzt sich die Frau zu den beiden Männern an den Tisch und bestellt auf einmal einen Tee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Text ist auf eine Weise durchsetzt mit Fehlern, Ungenauigkeiten, Wiederholungen, unklaren Formulierungen und kitschigen Vergleichen und Bildern, dass er beinahe unlesbar wird. Gerade bei einer solchen Fülle an offensichtlichen Mängeln, die durch ein sorgfältiges Lektorat behoben werden könnten, muss man auch dem Verlag die Frage stellen, ob hier nicht zu schnell ein Buch für eine Debatte erscheinen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles ist ärgerlich. Gerade, weil man dem Autor vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen glauben möchte, dass er das Thema ernst nimmt. Man kann sich ohne Zweifel vorstellen, dass der persönliche Hintergrund und die Erlebnisse große Fragen aufwerfen und schwierige Denkprozesse nach sich ziehen. Aber man kommt als Leser nicht umhin, festzustellen, dass hier ein Buch unter enormem Zeitdruck und ohne die Sorgfalt entstanden ist, die so ein sensibles und komplexes Thema erfordert.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aus demokratischer Pflicht</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man könnte meinen, das Buch von Weigandt sei der Antipode zu Nymoens Text. Das stimmt allerdings nicht ganz. Obwohl Weigandt und Nymoen mit ihrer jeweils lautstark vertretenen Haltung wie Gegensätze erscheinen, operieren sie auf grundsätzlich verschiedenen Argumentationsfeldern. Nymoen ist vorrangig auf macht- und staatstheoretische Aspekte fokussiert, während für Weigandt stets der Mensch als Individuum im Chaos des Krieges im Zentrum steht. Sie kommen sich sogar stellenweise in ihrer Argumentation nahe, da auch Weigandt anerkennt, dass er nur desalb bis jetzt nicht kämpfen muss, weil er keinen ukrainischen Pass hat. Er zieht daraus jedoch gänzlich andere Schlüsse als Nymoen. Stattdessen können eher die Bücher von Anpalagan und Matei als Gegenentwürfe zu Nymoens Thesen herhalten. Gleichzeitig sind auch Anpalagan und Matei aus teilweise unterschiedlichen Gründen wie Weigandt persönlich betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Publizist und Theologe Stephan Anpalagan wurde in den 1980er Jahren als Kind einer tamilischen Familie in Sri Lanka geboren und floh mit nicht einmal einem Jahr mit seinen Eltern nach Deutschland. Als Geflüchteter aus einem militärischen Konflikt, der noch bis 2009 anhielt, und als Angehöriger einer verfolgten Bevölkerungsgruppe hat auch Anpalagan einen sehr persönlichen Zugang zur Frage der Verteidigung im Angriffsfall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei David Matei hingegen resultiert der persönliche Ansatz einmal aus der Fluchtgeschichte seines rumänischen Vaters und einmal aus seiner eigenen Verpflichtung als Reserveoffizier. Auch wenn es sich bei den beiden Büchern von Anpalagan und Matei um sehr unterschiedliche Texte handelt – was nicht zuletzt daran liegt, dass Anpalagan erfahrener Autor ist und Matei sein Buch mithilfe eines Co-Autors geschrieben hat – argumentieren beide aus einer ähnlichen Haltung heraus. Für beide steht neben dem Einsatz für Mitmenschen die Verteidigung einer Idee im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Mittelpunkt. Außerdem spielt ihr christlicher Glaube eine nicht zu unterschätzende Rolle und beide haben einen deutlich klareren Bezug zur deutschen Bundeswehr als Nymoen und Weigandt.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ernsthaft mit blinden Flecken</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Anpalagan nimmt seinen Widerruf der Kriegsdienstverweigerung als Anlass, das Buch zu schreiben, und Matei hat als ehemaliger Jugendoffizier der Bundeswehr einen klaren Auftrag im Hintergrund. Dadurch sind beide Autoren wesentlich ernsthafter und konkreter in ihrer Herangehensweise als Nymoen und Weigandt. Dennoch weisen auch ihre Perspektiven blinde Flecken auf, die in gewisser Weise notwendig sind, um ihre Argumentation durchzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anpalagan legt prinzipiell überzeugend dar, wie er über seine eigene Familiengeschichte und durch Verantwortungsgefühl als Bürger eines demokratischen Staates in der aktuellen Weltlage zu dem Punkt gekommen sei, seine Kriegsdienstverweigerung zurückzuziehen. Dabei irritiert, dass er als Grund für seine ursprüngliche Verweigerung im Jahr 2005 unter anderem nennt, dass die damalige konservative Regierung immer noch einen „festen Blick“ auf „Asiaten, Tamilen und Hindus“ hatte. Er habe sich schwer getan, auf Geheiß dieser Regierung, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Aktuell stellt sich jedoch die Frage, ob die jetzige konservative Regierung – Stichwort „Stadtbild“ und „Paschas“ – nicht immer noch denselben <em>festen </em>Blick auf Menschen hat, die aus Kriegsgebieten außerhalb von Europa nach Deutschland geflohen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso irritiert die am Ende deutliche Verteidigung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr und die daraus gezogenen Schlüsse. Auch wenn Anpalagan durchaus explizit die Schattenseiten dieses Einsatzes benennt und sogar feststellt: „Es macht etwas mit mir, dass die Menschen, die in großer Zahl so aussehen wie ich, getötet werden“, wirft er am Ende Margot Käßmann vor, naiv gewesen zu sein, als sie 2010 behauptete „Nichts ist gut in Afghanistan“ und feststellte: „Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Irritierende Verteidigung der Bundeswehr</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann die geäußerte Haltung von Käßmann zum Umgang mit dem Krieg in der Ukraine durchaus kontrovers finden. Ihre Aussage, sie “werde den Ukrainern nicht sagen, was sie zu tun und zu lassen haben”, gefolgt von einer Ablehnung von Waffenlieferungen, die “Krisen und Kriege ständig verlänger[n] und verschlimmer[n]” würden, ist diskutabel. Trotzdem, Anpalagans Vergleich mit Afghanistan hinkt allein aus dem Grund, weil spätestens seit dem Abzug der deutschen und anderer Truppen von dort, sicher nichts mehr gut ist in Afghanistan und man die berechtigte Frage stellen kann, ob es nicht tatsächlich mehr Fantasie und andere Formen gebraucht hätte, um dort langfristig Frieden zu schaffen. Der Afghanistaneinsatz taugt kaum als Folie für eine Argumentation im Angesicht einer russischen Bedrohung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauso zweifelhaft ist die Aussage „Wir können doch im Angesicht von Krieg und Völkermord nicht dabei zusehen, wie wehrlose Menschen getötet werden. Wie genau sollen die sich verteidigen?“, wenn im gesamten Buch nicht einmal die aktuelle Lage in Gaza oder die Menschen im Sudan vorkommen. Angesichts dieser Kriege mit ihren brutalen Angriffen auf die Zivilbevölkerung kann man hier nur stutzig werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende stellt sich bei Anpalagan vor allem die Frage, warum er nicht dafür argumentiert, die Ukraine schon jetzt mit Soldat*innen zu unterstützen. Das wäre die logische Konsequenz, gerade auch aus dem Bezug, den er zu Joschka Fischers Begründung für den Bundeswehreinsatz 1999 im Kosovo herstellt. Der damalige deutsche Außenminister rechtfertigte den Einsatz mit den Worten: “Ein ganzes Volk zum Kriegsziel zu nehmen, zu vertreiben durch Terror, durch Unterdrückung, durch Vergewaltigung, durch Ermordung und gleichzeitig die Nachbarstaaten zu destabilisieren, dies bezeichne ich als eine verbrecherische Politik.” Das ist mehr oder weniger genau das, was Putins Russland gerade tut.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der idealtypische Staatsbürger in Uniform</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Matei rechtfertig den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr als sinnvoll. Als Reserveoffizier der Bundeswehr hat er den direktesten Blick auf das, was es heißt, Soldat zu sein. Auch wenn er keinen Kampfeinsatz erlebt hat, hat er eine Nähe zur kämpfenden Truppe, die die anderen drei Autoren in unterschiedlichem Maße nicht aufweisen können. Deswegen ergibt es durchaus Sinn, dass Matei aus der Haltung des idealtypischen Staatsbürgers in Uniform argumentiert. Der Anlass seines Buches ist jedoch eine Diskussion, die er mit Ole Nymoen in der Talkshow <em>hart aber fair </em>geführt hat. Nachdem er Nymoens Buch gelesen hatte, sei ihm klar geworden, dass es bei Nymoen überhaupt nicht um die Bundeswehr gehe, sondern um Deutschland. Und da Nymoen dieses Land „angegriffen“ habe, habe er, Matei, entschieden, seinen „Freund Deutschland“ zu verteidigen – schließlich habe er das geschworen. Diese Hinführung holpert, macht aber immerhin deutlich, dass auch dieses Buch am Ende vor allem Teil einer Debattenmaschinerie ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einige Stellen, bei denen man in Mateis Buch die Stirn runzelt, beispielsweise als er vorgibt, als Kind „null Berührungspunkte“ mit der Bundeswehr gehabt zu haben, um zwei Zeilen später zu bekunden, er habe mit acht Jahren eine vollständige Flecktarnausrüstung samt Flecktarnchucks besessen. Ebenso fragwürdig erscheint die Aussage, es sei erst einmal egal, aus welchen Gründen sich junge Menschen für den Bund entscheiden, er selbst habe nach dem Geld geschielt. Man würde sich wünschen, dass eine Gesellschaft bessere Möglichkeiten für junge Menschen entwickelt, an Geld zu kommen, als das Soldatentum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Prinzipiell kann man aber auch Mateis Haltung nachvollziehen. Insgesamt merkt man dem Buch allerdings deutlich an, dass Matei einerseits keinen neutralen Blick auf die Bundeswehr einnehmen kann und andererseits als Jugendoffizier darin geschult ist, öffentlich korrekt und gleichzeitig zugänglich über diese Themen zu sprechen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Holprige Argumente</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn Matei immer wieder auf eine private Ebene geht, insbesondere am Ende, und seine Familie und seine Mitmenschen als zentralen Grund für sein Engagement darstellt, steht für ihn die Freiheit im Zentrum. Sie ist das, was über das ganze Buch hinweg, als verteidigenswert positioniert wird, denn – so seine Argumentation – auch wenn es in Deutschland einiges zu kritisieren gebe, lebten wir eben dennoch in einem Land, das uns so viele Freiheiten und gleichzeitig so viel Unterstützung bietet wie kaum ein anderes. Die Diskussion, inwieweit das stimmt oder nicht, ist müßig. Sowohl Matei als auch Nymoen haben auf die eine oder andere Weise recht. Viel interessanter ist jedoch, dass Matei als zentrales Erweckungserlebnis die Unfreiheit eines befreundeten ukrainischen Geflüchteten im Jahr 2015 beschreibt, der in Deutschland Kirchenasyl beantragen muss. Seine Frau und er dürfen das Grundstück der Kirche nicht verlassen, sonst laufen sie Gefahr, abgeschoben zu werden. Dass diese Unfreiheit auf die Politik der Bundesrepublik zurückgeht, die für Matei doch als Garant der Freiheit steht, wird nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass die von Matei gelobte Reisefreiheit von eben jener Bundesrepublik derzeit mit Grenzkontrollen, die EU-Recht widersprechen, torpediert wird. Es sind eben diese blinden Flecken, die auch Mateis Argumentation an vielen Stellen unseriös erscheinen lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kein Raum für Unsicherheit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es dürfte an dieser Stelle deutlich geworden sein, dass keines dieser Bücher wirklich überzeugend ist. Sie sind unterschiedlich gut, aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben und machen teilweise die gleichen und teilweise sehr weit auseinanderliegende Punkte. Was ihnen allen gemein ist, ist jedoch eine individuelle Haltung zu einer kollektiven Frage. Denn auch, wenn sie jeweils für sich beantworten, ob sie kämpfen würden, wird niemand von ihnen allein etwas verteidigen. Ihre Bücher lesen sich deswegen grundsätzlich als pars-pro-toto Äußerungen, die als gesellschaftliche Anregung verstanden werden müssen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn vor allem Weigandt, Anpalagan und Matei immer wieder auch eigene Zweifel thematisieren, steht am Ende ein klares <em>Ja </em>zur Verteidigung mit Waffengewalt. Man wünscht sich selbst und den Autoren, dass dieses <em>Ja </em>niemals auf die Probe gestellt wird. Dasselbe gilt für das <em>Nein </em>von Nymoen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was in der Debatte größtenteils fehlt, ist zweierlei: Erstens fehlen Stimmen, die offen bekunden, es einfach nicht zu wissen und vom heimischen Schreibtisch aus nicht zu einer Entscheidung zu kommen, weil die Frage, ob man mit der Waffe in der Hand für etwas sterben würde, individuell so komplex ist, dass man zwar darüber diskutieren kann, aber von niemanden erwarten kann, eine klare Haltung zu entwickeln. Und zweitens fehlen die ausführlichen Stimmen von Frauen. Das Thema der militärischen Verteidigungsfähigkeit oder der Kriegstüchtigkeit – wie es auch wieder genannt wird – scheint auch heute noch vor allem eine Debatte zu sein, die von Männern geführt wird. Offenbar sind es weiterhin vor allem Männer, die sich entweder als zweifelnde, aber im Zweifel kämpfende Staatsbürger für die Freiheit oder eloquente Theoretiker inszenieren dürfen, die in Büchern ihre Sicht darlegen und das Thema auf großer Bühne besprechen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zwei wichtige Texte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Umso wichtiger erscheint es, auf Texte hinzuweisen, die in der ganzen Debatte häufig untergegangen sind, und die beide Leerstellen füllen und zeigen, dass es anders geht. Die Journalistin Özge İnan schrieb im März 2025 einen Essay – ebenfalls für ZEITOnline – unter dem Titel <em>Ich habe keinen Krieg zu gewinnen</em>. Ihr Text ist ein nachdenkliches Umkreisen der Vorstellung, was es hieße, wenn junge Männer aus Deutschland in den Krieg gezwungen würden. Dieser Text ist auf eine Weise ehrlich, die ich bei den Büchern der vier Autoren nicht erkannt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ich mir die Männer, die mir nahestehen, in olivgrünen Uniformen vorstelle, ist es, als würde ich mir einen Albtraum ausmalen. Weil der Gedanke, einen von ihnen zu verlieren, meine Vorstellungskraft übersteigt, wandert mein Bewusstsein zu leichteren, unwichtigeren Fragen. Wie würde sich ihre Persönlichkeit ändern?</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fragen, die İnan aufwirft, sind eben deswegen so wichtig, weil sie sich von einer idealen Vorstellung des demokratischen Staatsbürgers, der jederzeit bereit ist, seiner Verantwortung als Bürger*in dieses Landes nachzukommen, ebenso entfernen, wie von der abgehobenen theoretischen Perspektive eines Ole Nymoen. Man kann diesen Umgang mit so einer ernsten Frage als naiv kritisieren, weil İnan gerade gegen Ende ihres Textes vor allem Wünsche und Hoffnung auf Frieden äußert, ich halte ihn jedoch gerade vor dem Hintergrund der Komplexität der Frage für ungemein wichtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gleiche gilt für einen Beitrag der Autorin Marta Ahmedov, die ihren Text auf ZEITOnline überschreibt mit <em>Ich will gar nicht wissen, ob ihr kämpfen würdet </em>und letztlich alle Beteiligten an der Debatte kritisiert, inklusive İnan.<em> </em>Das Beeindruckende an ihrem Text ist, dass sie auf etwa fünfzehntausend Zeichen einen Spagat vollbringt, den keiner der vier Autoren auf jeweils um die zweihundert Seiten schafft: Sie zieht die Debatte zunächst von der individuellen Frage nach der eigenen Verteidigungsbereitschaft auf eine höhere Ebene und bezeichnet deswegen die ganze Debatte als ein Ausweichmanöver:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Für mich ist das eine intellektuelle Kapitulation vor der Gegenwart. Statt darüber zu sprechen, was jetzt wichtig wäre – Frieden in der Ukraine – diskutieren wir lieber über uns selbst in einem Kriegseinsatz, der gar nicht stattfindet und den es zu verhindern gilt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig spricht sie sich aber klar für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung auch im Angriffsfall aus, und ist dennoch ebenso klar dafür, dass die Ukraine in ihrem Kampf unterstützt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich bin überzeugt, dass Angegriffene ein Recht auf Widerstand haben. Und dass es Kämpfe gibt, die es sich zu kämpfen lohnt. In der Ukraine sahen das viele Menschen in Bezug auf den russischen Überfall so und haben sich gerade zu Beginn des Krieges freiwillig der Verteidigung angeschlossen. Diesen Menschen Waffen zu verwehren, hieße, ihnen den Widerstand zu verwehren.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Ahmedov stellt sich gar nicht die Frage, wer kämpfen würde und aus welchen Gründen. Sie ist allein daran interessiert, wie man darauf hinarbeiten kann, erstens einen Frieden in der Ukraine herzustellen, der für die dortige Bevölkerung am besten ist, und zweitens nicht in eine reine Aufrüstungslogik verfällt, die alles andere außer Acht lässt. Deswegen plädiert sie für eine Übergewinnsteuer für Rüstungsunternehmen und kritisiert, dass Privatleute mit Aktien der Rüstungswirtschaft ihre Rente sichern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kollektive Antworten auf individuelle Fragen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dass insbesondere der Text von Ahmedov, aber auch der von İnan, redlicher wirken als die Bücher ihrer Kollegen, liegt darin begründet, dass sie einen entscheidenden Fehler nicht begehen: Sie versuchen nicht, eine rein individuelle Frage, die man als friedliebender Mensch aus einer theoretischen Perspektive eigentlich immer mit <em>ich glaube, ich würde … </em>beantworten muss, auf einer kollektiven Ebene ethisch-moralisch durchzuargumentieren. Stattdessen ziehen sie die Frage, wie İnan, auf eine rein individuelle Ebene oder trennen das Individuelle vom Kollektiven, wie Ahmedov.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die vier Autoren hingegen versuchen trotz ihrer teilweisen persönlichen Betroffenheit, nicht zuletzt allgemeingültige Begründungen für oder gegen einen individuellen Einsatz von Waffengewalt bei der Verteidigung eines Landes und seiner Menschen zu finden. Das muss aber scheitern, weil sie individuelle Fragen, die auf existenzielle Weise praktischer Natur sind, rein theoretisch beantworten wollen. Es ist ungemein schwierig, vielleicht unmöglich, Waffengewalt in dem Ausmaß, das hier zur Debatte steht, auf einer kollektiven Ebene ethisch zu rechtfertigen. Deswegen müssen alle Autoren in unterschiedlichem Maße blinde Flecken in Kauf nehmen und in gewisser Weise unredlich argumentieren. Denn relevante Fragen bleiben dabei unbeantwortet: Wie würde man sich verhalten, wenn man – einmal zum Dienst verpflichtet – nicht nur zur Landesverteidigung herangezogen wird? Würde man unter einer AfD-Regierung ebenfalls das Land verteidigen? Wie geht man damit um, dass sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass insbesondere die Bundeswehr ein Anlaufpunkt für rechtes Gedankengut war und vermutlich ist? Was macht es mit Menschen, wenn sie an der Waffe ausgebildet werden? Kann man in einem Krieg, auch einem Verteidigungskrieg schuldlos bleiben? Das alles sind Fragen, die in diesen Büchern teilweise pflichtbewusst erwähnt, aber meistens nicht beantwortet oder höchstens angerissen werden. Am Ende muss daher die Frage gestellt werden, welchen gesellschaftlichen und öffentlichen Mehrwert es hat, wenn mehr als eine Handvoll Männer ihre individuelle Antwort auf komplexe Fragen ausführlich darlegen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@modarasi?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Mo Darasi</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/spielzeugsoldat-mit-peitsche-auf-flauschigem-boden-nk6zmsUYiFE?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-haben-eine-haltung-ueber-eindeutige-meinungen-und-komplexe-debatten/">Stell dir vor, es ist Krieg und alle haben eine Haltung – Über eindeutige Meinungen und komplexe Debatten</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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		<title>Entgrenzter Horror &#8211; Widow’s Bay und der Sieg der Verschwörungstheorien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alex Struwe]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 11:21:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
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		<category><![CDATA[Horror]]></category>
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<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/entgrenzter-horror-widows-bay-und-der-sieg-der-verschwoerungstheorien/">Entgrenzter Horror &#8211; Widow’s Bay und der Sieg der Verschwörungstheorien</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von Alex Struwe</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Vor 16 Jahren führte der Zeitgeist auf eine Insel. Der Veteran und US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) musste vor der Küste Neuenglands eine Psychatrie für Schwerverbrecher untersuchen, aus der eine Patientin verschwunden war. Auf <em>Shutter Island</em> (2010) gingen seltsame Dinge vor sich. Hinter der Fassade wurden womöglich Nazi-Experimente für den Kalten Krieg vorgenommen, niemandem war zu trauen. Martin Scorseses Horror-Thriller entfaltete aus der Gespensterjagd auf monströse Ärzte und eine Regierungsverschwörung ein Psychogramm von Paranoia und Schizophrenie. Diese düstere Vision des Realitäts- und Selbstverlusts passte wie die Faust aufs Auge der dämmernden 2010er Jahre: jenem Interregnum zwischen dem Trauma vom Ende des Endes der Geschichte, 9/11 und dem annähernden Kollaps der Weltwirtschaft in der Finanzkrise 2008 &#8211; sowie dem heraufziehenden Katastrophenkapitalismus unserer Gegenwart, von Pandemie, Krieg und Klimakrise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Signum dieser Zeit gehörte, dass die Wirklichkeit immer offensichtlicher zu kollabieren drohte. Folglich veränderte sich auch die kulturindustrielle Verdrängungsleistung. Katastrophen-, Horrorfilme und Dystopien kannte Hollywood selbstverständlich schon lange. Aber das Neue am durchsickernden Terror in der Kulturindustrie war ein Unbehagen gegenüber der bedrohlichen Instabilität der Gesellschaft, gegen das kein Happy End mehr half und keine Resthoffnung auf Vernunft und Aufklärung. Die Verschwörung und das Komplott waren auf <em>Shutter Island</em> am Ende zwar noch die Hirngespinste eines Traumatisierten, sie ließen sich vermeintlich wissenschaftlich aufklären. Aber der Film kultivierte bis zuletzt den ontologischen Taumel, ob der Protagonist der Auflösung glauben konnte oder sich nur in die Lügen des Bestehenden fügte. Vielleicht noch deutlicher brachte dies der Blockbuster <em>Inception</em> im selben Jahr auf den Punkt: Als sich am Ende der Kreisel strauchelnd dreht, den Dominick Cobb (wieder Leonardo DiCaprio) in seinen Traumexpeditionen benutzte, um sie von der Realität zu unterscheiden und nicht darin verloren zu gehen, bleiben die Zuschauenden im Unklaren, was denn nun Traum und was Wirklichkeit ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Realitätsverlust hatte in dieser großen gesellschaftlichen Verunsicherung noch das Potenzial zur Horrorvision. Mittlerweile aber leben wir offensichtlich in einer anderen Welt. Die enorme Popularisierung und Politisierung der Verschwörungsmythen im Zuge der Pandemie und unter Trump, die Konjunktur gefühlter Wahrheiten im „postfaktischen Zeitalter“ und die Bereitschaft, dem größten Quatsch bis in die politische Rebellionsfantasie zu folgen, haben eine enorme Anziehungskraft der Verblendung unter Beweis gestellt. Aufklärung und Rationalität haben dagegen schlechte Karten und werden selbst als Verblendung (Wake up, sheeple!) oder als Komplott liberaler Eliten zurückgewiesen. Der Hingabe an den Wahn steht dann kaum etwas im Weg. Die subtile Verarbeitung dieses Zeitgeists führte jüngst die Erfolgsserie <em>Widow’s Bay</em> vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Insel der Albträume</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch <em>Widow’s Bay</em> führt auf eine Insel vor Neuengland und auch hier in ein Horrorszenario, allerdings gänzlich anders gelagert als in <em>Shutter Island</em>. Die Erfolgsserie auf Apple TV hat mit ihrem Genremix aus Komödie und Horror den Stil des „cozy-creepy“ Entertainments gewissermaßen perfektioniert. Genau darin liegt ihr eigentümliches Wesen, die existenzielle Bedrohung und den eigenen Untergang als einen entspannenden Genuss zu servieren. Wie funktioniert das?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Widow’s Bay will der liberale Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys) das Schicksal der verschlafenen „Hinterwäldler“-Gemeinde wenden und Widow’s Bay in einen Touristenmagneten verwandeln. Ein Artikel mit einer Reiseempfehlung in der <em>New York Times</em> soll den Weg dazu ebnen. Die lokale Bevölkerung sieht dies skeptisch, nicht nur weil Loftis kein gebürtiger Insulaner ist, sondern weil ein uralter Fluch auf der Insel liegen soll. Gefährlicher Nebel, das Läuten der längst stillgelegten Kirchenglocke und seltsame Verwandlungen der Bewohner kündigen dessen erneutes Erwachen an. Aber trotz aller eindringlichen Warnungen des alteingesessenen Seemanns Wyck (Stephen Root) will Loftis von Flüchen und Geistern nichts wissen. Er ist gewissermaßen die Stimme liberaler Vernunft, unbeirrt verfolgt er seine Pläne zur „Entwicklung“ der Insel, die schließlich allen zugutekommen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stück für Stück wird Loftis in die verfluchte Geschichte der Insel hineingezogen, von einem Zombie und einer Seehexe angegriffen, trifft die Wiederkehr eines Massenmörders aus den Legenden der Insel und muss sich schließlich eingestehen, dass etwas mit der Insel nicht stimmt. Aufgerieben zwischen dem lukrativen Tourismusgeschäft, der Verantwortung für drohendes Unheil und nicht zuletzt für seinen Sohn Evan (Kingston Rumi Southwick), ringt Loftis mit Realitätssinn und Wahnvorstellungen. Seine Frau (Evans Mutter) stammte aus Widow’s Bay und erblindete auf mysteriöse Art bei Evans Geburt. Und dieser hat die Insel noch nie verlassen, weil schon zu viele Insulaner vor ihm auf dem Festland verendeten. Hatte Loftis die Zeichen allzu lange ignoriert? Ist er selbst Teil des Fluchgeschehens?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Serie hält sich einige Zeit in dieser Schwebe auf, aber bald schon wird klar: Der Fluch ist echt. Während es also auf Shutter Island noch darum gegangen war, sich der eigenen Wahrheit angesichts des drohenden Wahnsinns der Welt zu versichern, haben sich auf Widow’s Bay die Vorzeichen verkehrt. Loftis Heldenreise besteht gewissermaßen darin, sich der Verschwörungsparanoia hinzugeben, den Fluch als Realität anzuerkennen, seine liberale Überheblichkeit abzuschütteln und die Demut gegenüber den Naturkräften anzunehmen. Denn immer weiter enthüllt die Geschichte, dass es sich um ein jahrhundertealtes Schrecknis der Insel selbst handelt, deren Verheerungen nur durch Menschenopfer besänftigt werden können. Während logischerweise das Ziel der neuen Allianz um Loftis, seine Sekretärin Patricia (Kate O’Flynn) und Wyck darin besteht, den Fluch aufzuheben, wird auch diese aufklärerische Überheblichkeit zunehmend ausgeräumt. Selbsterhalt gibt es schließlich nur um den Preis der Erfüllung des Fluchs.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Demut vor dem Mythos</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vieles an der Metaphorik von <em>Widow’s Bay</em> ist bemerkenswert. Inseln bieten in ihrer Abgeschlossenheit und der perfekten Balance aus Enge und Weite ohnehin eine hervorragende Grundlage für alle möglichen Erzählungen, vom Gesellschaftspanorama (<em>Lost</em>) bis zur Introspektion (<em>Cast Away</em>). Die hier von der gesellschaftlichen Entwicklung unberührte Insel ist zudem der zugespitzte Ausdruck der Entfremdung zwischen Stadt und Land, die so viele gegenwärtige politische Konflikte untergründig begleitet. Und wie in diesen, gewinnt auf Widow’s Bay das Provinzielle. Die Ermüdung der liberalen Wohlstandserwartung und Fortschrittshoffnung, für die das Festland noch Sehnsuchtsort war, findet dabei ihren Ausdruck im zusehends abgehalfterten Loftis und seinen immer dunkleren Augenringen. Während er seinem Sohn noch lange verspricht, dass sie endlich in Boston ein Footballspiel anschauen, wenn denn der Fluch endlich gebrochen sei, ist am Ende klar, dass der Horizont der Insel nicht mehr überwunden werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der eigentliche Gegenstand der Serie ist jedoch die neue Ehrfurcht vor den mystischen Tiefen unserer vermeintlich oberflächlichen Realität. Hinter der scheinbar authentischen Inselidylle, die an die von der Zivilisation erschöpften Touristen verkauft werden soll, steckt das Regime eines grausamen Fluchs. Dieser ist aber nicht nur eine Schattenseite oder ein dunkles Geheimnis, mit dem die bürgerliche Fassade in der Kulturindustrie traditionell konfrontiert wird. Der Fluch bestimmt die Struktur des Lebens auf der Insel selbst, als dessen eigentliche Wahrheit. Dazu passt, dass die Rückblenden der Serie bis in die Zeit der Kolonisierung der USA zurückreichen. Die Kolonie auf Widow’s Bay wurde demnach vom Fluch heimgesucht, als Rache für die erste Anmaßung der Aufklärung, so wie es in der Gegenwart nun auch wieder passiert — eine Art ewiges Bewegungsgesetz des Rückfalls in den Mythos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dieser Grossdeutung wird <em>Widow’s Bay</em> zur Umkehrung der <em>Dialektik der Aufklärung</em>, dass die Wahrheit nicht mehr in der Aufklärung über den eigenen Anteil am Mythos zu haben ist, sondern dass Aufklärung selbst die Verblendung ist, die die vermeintliche Wahrheit der mythischen Urzustände verstellt. Dass dieser Mythos hier als rächende Naturkraft der Insel selbst auftritt, ist dem gegenwärtigen Stand des Unbehagens geschuldet. Das spontane bürgerliche Bewusstsein springt von der Verdrängung der Umweltzerstörung direkt zur Buße über. Die Menschen haben über ihre Verhältnisse gelebt, den Planeten geplündert und bekommen eine Art gerechte Strafe in den Verheerungen, die erst alle anderen treffen, bevor man selbst in der nächsten Hitzewelle kein Klimagerät mehr im Baumarkt bekommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Merkmal dieser Übersprungsdemut ist die unmittelbare Aufkündigung der Fortschrittsideale und des Leitbilds einer aufgeklärten Vernunft, mit denen man sich der Entfremdung schuldig gemacht hat. Stellvertretend dafür wird Loftis nicht nur zum geläuterten Naturgläubigen und Quasi-Exorzisten, er findet dadurch auch aus der kalten Rationalität zu seiner Familie zurück. Diese ist schließlich, was sie immer war: eine Schicksalsgemeinschaft, die für ihren Zusammenhalt gegen eine feindliche Welt eben besonders große Opfer verlangt. Angesichts einer rächenden Natur und ihrer zerstörerischen Kräfte wirkt die Schicksalsgemeinschaft wie eine heile Welt. In Wirklichkeit ist sie aber auch der Ausdruck davon, jede Hoffnung auf ein anderes und besseres Leben fahren gelassen zu haben. Und darin besteht der eigentliche Horror dieser allegorischen Gegenwartsszenarien.</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@garrettpatz?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Garrett Patz</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/anlegestelle-in-der-nahe-von-stadthausern-wahrend-der-nacht-JS9zhEh4mqc?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Die Macht der Schablonen – Verzerrte Wahrnehmungen sexualisierter Gewalt</title>
		<link>https://54books.de/die-macht-der-schablonen-verzerrte-wahrnehmungen-sexualisierter-gewalt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jutta Reichelt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2026 07:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Asha Hedayati]]></category>
		<category><![CDATA[Bettina Wilpert]]></category>
		<category><![CDATA[Christina Clemm]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gisèle Pelicot]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Leupi]]></category>
		<category><![CDATA[Manon Garcia]]></category>
		<category><![CDATA[Pelicot]]></category>
		<category><![CDATA[Rape Culture]]></category>
		<category><![CDATA[Sarah Raich]]></category>
		<category><![CDATA[sexualisierte Gewalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Jutta Reichelt 2018 erschien Bettina Wilperts Roman nichts, das uns passiert. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Freund vergewaltigt&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/die-macht-der-schablonen-verzerrte-wahrnehmungen-sexualisierter-gewalt/">Die Macht der Schablonen – Verzerrte Wahrnehmungen sexualisierter Gewalt</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von Jutta Reichelt</p>



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<p class="wp-block-paragraph">2018 erschien Bettina Wilperts Roman <em>nichts, das uns passiert</em>. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Freund vergewaltigt wird und die – ebenso wie die Menschen in ihrem Umfeld – größte Schwierigkeiten hat, die Tat als das zu begreifen, was sie war. Weil das, was sie erlebt hat, nicht zu ihren Vorstellungen von einer Vergewaltigung passte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Protagonistin in Bettina Wilperts Roman ist kein Einzelfall. Thordis Elva berichtet in ihrem Buch <em>Ich will dir in Augen sehen</em> ebenso davon wie die Filmemacherin Jennifer Fox in <em>The Tale</em>. Gerade, wenn sich das gewalttätige Geschehen innerhalb einer bestehenden Beziehung ereignet, fällt es den Opfern meist schwer, zu realisieren, was wirklich passiert ist. Die „falschen Vorstellungen“ sind in diesem Zusammenhang also keine Kleinigkeit am Rande, sie sind ein entscheidender Teil des Problems. Sie erschweren es Opfern, Hilfe und Unterstützung zu finden, und machen es den Tätern leichter, sich jeder Bestrafung und Konsequenz zu entziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bettina Wilperts Roman, der von dieser Macht falscher Vorstellungen erzählt, wurde (<a href="https://www.instagram.com/p/DTfS_IQCi3S/?img_index=7">wie sie kürzlich auf Instagram berichtete</a>) &#8222;im Feuilleton dafür gelobt, dass eine Grauzone verhandelt wird“. Aber es gibt im Text keine Grauzone, im Gegenteil: Der Text wendet sich ja gerade dagegen, eine Grauzone zu behaupten, wo es keine gibt. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie groß die Macht der „falschen Vorstellungen“ oder Narrative ist, von denen wir umgeben sind und dass sie manchmal sogar dort, wo wir sie entlarven wollen, einen unerwarteten Sieg davontragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was, wenn wir die „falschen Vorstellungen“ ganz unmittelbar und direkt zum Thema machen, wenn wir sie „miterzählen“? Laura Leupi tut das in <em>Das Alphabet der sexualisierten Gewalt</em> auf vielfältige Weise, u.a. in dem Leupi die Leser*innen wiederholt anspricht und dabei ihre unterschwelligen Erwartungen oder Vermutungen in den Blick nimmt: &#8222;Wie stellen Sie sich mich vor, jetzt, da Sie wissen, dass ich vergewaltigt wurde?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ich habe in <em>Mein Leben war nicht, wie es war</em> versucht mitzuerzählen, wie sehr sich in meine eigene Geschichte gesellschaftlich weit verbreitete, falsche Vorstellungen eingeschrieben haben. Aber auch diese Form des expliziten &#8222;Miterzählens&#8220; gesellschaftlicher Bedingungen verhindert nicht, dass mein Text bisweilen entgegen seiner Aussagen und Anliegen gelesen wurde. Obwohl ich z. B. dafür werbe, Opfer sexualisierter Gewalt nicht umstandslos auf dieses eine Merkmal zu reduzieren, wird der Text oft auf das &#8222;Missbrauchsthema&#8220; reduziert oder dafür gelobt, dass er keine &#8222;Opfergeschichte&#8220; sei – was schon fast ein bisschen lustig ist, weil das Buch kaum einem Thema so viel Aufmerksamkeit widmet, wie der versuchten Rehabilitierung von &#8222;Opfern&#8220; und ihren Geschichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der gerade erschienenen Autobiografie von Gisèle Pelicot <em>Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln</em> gibt es Aspekte, bei denen ich fürchte, dass sie überlesen oder ausgeblendet werden, damit die erzählte Geschichte in die bestehenden Vorstellungen passt. Das betrifft z. B. die Tatsache, dass Gisèle Pelicot bis kurz vor dem Prozess unter gar keinen Umständen eine öffentliche Verhandlung wollte. Sie war sich dessen so sicher, dass sie sich noch nicht einmal mit ihren Anwälten deswegen beriet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Und dann überlegte ich es mir plötzlich anders&#8220;, heißt es im Text. Die Anwälte hatten sie zuvor gebeten, die gesamte 400 Seiten umfassende Anklageschrift zu lesen. Nach dieser furchtbaren Lektüre verwandelte sich für Gisèle Pelicot die Vorstellung von der &#8222;Öffentlichkeit&#8220; im Gerichtssaal: &#8222;Und ich fürchtete mich mehr und mehr vor der verschlossenen Tür des Gerichtssaals, die mir doch Schutz bieten sollte, vor den Augen der Öffentlichkeit, vor den Medien und den Kommentaren. Aber sie würde mich auch mit den Tätern allein lassen. Mich mit ihnen zusammen einschließen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus einem bedrohlichen, feindlichen Gegenüber wurde eines, das Schutz versprach. Allerdings musste sie, um in diesen Schutz der Öffentlichkeit zu gelangen, etwas ihr kaum Mögliches schaffen: Sie musste die Scham überwinden. Gisèle Pelicot beschreibt in ihrem Text eindrucksvoll, <em>wie sehr</em> sie sich zunächst geschämt hat, <em>wie</em> unerträglich die Gespräche und Befragungen für sie waren und dass sie den Kampf mit der übermächtigen Scham nicht aufgenommen hätte, wenn im Gerichtssaal „nur“ ein Mann auf der Anklagebank gesessen hätte – und nicht 50.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab nur diese eine Möglichkeit, um mit diesem „Block“, dieser „Horde“ nicht alleine in einem Raum sein zu müssen: „Die Scham musste die Seite wechseln. Diese Parole, die seit gut einem Jahrzehnt skandiert wurde, um vergewaltigten und verprügelten Frauen Zuspruch zu spenden, kannte ich, nun kehrte sie wie ein Refrain zu mir zurück …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das entscheidende Detail an dieser Stelle ist für mich, dass dieser Satz, der weltweit auf so große Resonanz gestoßen ist, der so viele Frauen ermutigt und inspiriert hat, zunächst eine Selbstbeschwörung war. Gisèle Pelicot versuchte, sich selbst damit Mut zu machen – und nicht anderen. Dieses Detail unterläuft das Heldinnen-Bild einer Frau, die ihre eigenen Interessen heroisch zurückstellt, um der guten (feministischen) Sache willen. Dieses Detail schlägt einen Bogen von der Ikone, der Heiligen, von dem „guten Opfer“, zu dem die Medien Gisèle Pelicot gemacht haben, zu den anderen, den „normalen“ Opfern, die in der Öffentlichkeit in aller Regel keine Verbündeten finden, die nicht jeden Morgen mit Beifall begrüßt werden, denen nicht geglaubt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Daher sollte man sich vor der Quasi-Heiligsprechung von Gisèle Pelicot durch die Medien hüten. Indem man ihre Würde hervorhebt, erniedrigt man indirekt Frauen, die nicht dieselben Eigenschaften haben, nicht dasselbe Verhältnis zu dem, was ihnen widerfahren ist, oder die ganz einfach den Verstand verlieren, weil sie keine Beweise haben“, schreibt Manon Garcia in <em>Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess </em>über die von ihr bewunderte und respektierte Gisèle Pelicot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Forschung wissen wir, dass Gewalttaten von Menschen schwerer zu verkraften sind als Naturkatastrophen, weil sie unser Vertrauen in die „Conditio humana“ zerstören. Auch deswegen verstehe ich den Wunsch, gerade angesichts eines solch monströsen Verbrechens, aus dem Opfer eine Heldin zu machen. Ein solches in jeder Hinsicht „gutes“ Opfer könnte uns womöglich den gerade verloren gegangenen Glauben an die Menschheit wieder zurückgeben. Aber auch das ist eine falsche, eine schädliche Vorstellung: Opfer müssen nichts, sie haben genug mit den Folgen des erlittenen Unrechts zu tun. Es erwächst keinerlei moralische Verpflichtung aus der Tatsache, dass jemand zum Opfer eines Unrechts wurde. Man muss danach kein besserer Mensch werden. Oder gar eine Heldin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich an diesem Text arbeite, erschüttern die Vorwürfe, die Collien Fernandez gegenüber Christian Ulmen erhoben hat, viele Menschen, vor allem viele Frauen. Und wenn ich es richtig sehe, dann hat auch das Ausmaß dieser Erschütterung, dann hat auch der Schock unter dem viele Menschen zu stehen scheinen, mit einer falschen Vorstellung zu tun: mit der Vorstellung von den „ganz normalen Männer“, die solche Verbrechen begehen. Ich habe den Verdacht, dass sich die meisten Menschen (mich eingeschlossen) unter den „ganz normalen Männern“, von denen wir gelesen haben, dass sie Gisèle Pelicot vergewaltigt hätten, nicht die ganz normalen Männer vorstellen würden, die WIR kennen. Es sind nicht unsere, es sind „andere“ ganz normale Männer: Wir stellen uns nicht unseren netten Kollegen, den freundlichen Briefträger oder Hausarzt vor. Nicht den neuen Freund unserer Schwester oder den hilfsbereiten Kassierer im Supermarkt, nicht die Sänger aus dem Chor, die Kumpels vom Volleyball oder den Freund aus Schultagen. An all diese Männer denken wir nicht. Ich glaube, wir stellen uns die Männer, die Gisèle Pelicot vergewaltigt haben, als nur „scheinbar normal“ vor. Sie haben zwar normale Hobbys, ein normales Aussehen, sie haben Familien und wohnen in ganz normalen Wohnungen oder Häusern; sie angeln oder spielen Fußball, sie engagieren sich gegen Rassismus – aber eigentlich, denken wir, tun sie das alles nur zur Tarnung, um uns an der Nase herum zu führen. Eigentlich sind sie kleine oder größere Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe den Eindruck, dass der Schock, den gerade viele Personen empfinden, ein Schock der Erkenntnis ist: Wenn Christian Ulmen einer dieser „ganz normalen Männer“ sein kann, dann sind es offenbar WIRKLICH ganz normale Männer, dann sind es womöglich <em>unsere</em> ganz normalen Männer. Und wenn das so ist, dann müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir es nicht mit „Einzelfällen“ oder „Einzeltätern“ zu tun haben, sondern mit einem strukturellen Problem. Dass Frauen und Mädchen in den tief liegenden Überzeugungen fast aller Männer und vieler Frauen nicht wirklich gleich viel wert sind, das habe auch ich lange nicht glauben wollen. Erst die Lektüre der Bücher <em>King Kong Theorie </em>von Virginie Despentes, <em>Jede_ Frau. Über eine Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt verharmlost und normalisiert</em> von Agota Lavoyer und <em>Gegen Frauenhass</em> von Christina Clemm hat mich realisieren lassen, <em>wie </em>tief und selbstverständlich Frauenverachtung unsere Gesellschaft bis heute prägt und welche Konsequenzen das für unseren gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autorin Sarah Raich hat unter dem Titel <em><a href="https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/ada4415c-59de-462a-9ebf-c7de3a9e6b8d">Puppen ohne Leben</a></em> kürzlich genau darüber geschrieben: „Fälle von extremer Gewalt gegen Frauen gibt es immer wieder. Und immer wieder gibt es öffentlich bekundete Erschütterungen über diese Fälle. Und es ändert sich nichts. Weil wir immer den Einzelfall sehen. Den Exzess. Und nicht das System, aus dem sie entstehen. Der Sauerstoff, den die bösen Blumen zum Blühen brauchen, bleibt unsichtbar.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine große feministische Plattform wollte dem Text eine größere Reichweite verschaffen und ihn auf der eigenen Seite veröffentlichen. Alles war abgesprochen. Aber dann gab es einen Rückzug aus Sorge vor möglichen Klagen der erwähnten Prominenten und Online-Kampagnen rechter Akteure. „Das hat mir den Stecker gezogen“, schreibt Sarah Raich, „wir bekommen also in fast keinem Fall sexueller Gewalt – ob von Prominenten oder nicht – eine gerichtliche Aufarbeitung. Und mittlerweile können wir noch nicht einmal darüber schreiben?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt eine Fortschrittserzählung, der zufolge es seit Metoo viel einfacher, viel leichter geworden sei, über sexualisierte Gewalt zu schreiben. Der zufolge diese Geschichten endlich ihren Platz fänden und gehört würden. Und das ist auch hier und da der Fall – wie z. B. bei Gisèle Pelicot. Aber es sind Ausnahmen. Es bleibt eine enorme Abwehr, es bleiben Bagatellisierung und Täter-Opfer-Umkehr. Es bleiben Victim-Blaiming und die Macht der falschen Vorstellungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„und trotzdem“, schreibt die Rechtsanwältin und Autorin <a href="https://bsky.app/profile/frauasha.bsky.social/post/3mhx4svz76k2r">Asha Hedayati auf Bluesky</a>, „jede stimme, die laut wird, jede sichtbarkeit, jede kritische analyse, jede demo zählt. sie erschüttert die verhältnisse, auch wenn es langsam geht. sie macht sichtbar, was verborgen bleibt. das allein ist schon ein hoffnungsvoller akt der veränderung“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen ist es so wichtig, dass wir nicht aufhören, gegen die Mainstream-Geschichten anzuerzählen, dass wir auf Genauigkeit beharren und darauf, dass wir es nicht mit Einzelfällen zu tun haben.<a id="_msocom_1"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"> </p>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@paus_d_?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Sean</a></p>
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		<title>Jede Sekunde zählt – Die Serie &#8222;The Bear&#8220; und die Überlebenslogik der Klimakrise</title>
		<link>https://54books.de/jede-sekunde-zaehlt-die-serie-the-bear-und-die-ueberlebenslogik-der-klimakrise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Simon Sahner]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehserien]]></category>
		<category><![CDATA[Klimakatastrophe]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In der letzten Staffel wird die Serie "The Bear" auch zu einer Erzählung über den Umgang mit Katastrophen. Der Kampf gegen die Klimakrise beginnt in der Küche. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/jede-sekunde-zaehlt-die-serie-the-bear-und-die-ueberlebenslogik-der-klimakrise/">Jede Sekunde zählt – Die Serie &#8222;The Bear&#8220; und die Überlebenslogik der Klimakrise</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">von <a href="https://simon-sahner.de/">Simon Sahner</a> </p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist eine Binsenweisheit des Erzählens, dass gute Geschichten immer von mehr handeln als dem, was nur auf der Oberfläche geschieht. Die besten Geschichten ziehen uns mit einem interessanten Thema, einer spannenden Handlung und komplexen Figuren in ihren Bann, bevor wir bemerken, dass wir eigentlich etwas ganz anderes aus all dem mitnehmen sollen. Besonders deutlich war das in der jüngeren Vergangenheit bei der Serie „Ted Lasso“. Es war über die bisher drei Staffeln irgendwann beinahe ein Running Gag, wie wenig es in der Geschichte über einen US-amerikanischen Fußballtrainer und seine englische Mannschaft eigentlich um den Sport an sich ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vom Prinzip her gilt das auch für die Serie „The Bear“, die gerade mit der fünften Staffel zu Ende gegangen ist. Auch wenn das Kochen, anders als bei „Ted Lasso“ der Fußball, tatsächlich integraler Bestandteil der Inszenierung war, handelte die Serie vier Staffeln lang immer von wesentlich mehr als nur von der hochtourigen Welt des Fine-Dinings und davon, was es heißt, ein genialer Koch zu sein. Die ausgiebig gezeigte Zubereitung von Speisen und der aufreibende Arbeitsalltag der Küchencrew im Restaurant <em>The Bear </em>waren oft nur die atemberaubende Kulisse für die detaillierte Aushandlung zwischenmenschlicher Dramen. Dass man dazu eben noch einiges über das Kochen lernte, den Adrenalinrausch einer Restaurantküche erlebte und allein vom Zuschauen Lust auf all die fantastischen Gerichte bekam, war fast nur ein Nebenpodukt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">In der Küche gegen die Katastrophe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der fünften Staffel hat „The Bear“ jetzt eine weitere Bedeutungsebene eingezogen, die über die meisterhafte Darstellung von Familienkonflikten, Freundschaften und Identitätssuche hinausgeht, und damit wenn man so will eine Parabel auf die Auseinandersetzung der Menschheit mit der Klimakatastrophe geschaffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht hat sich diese Lesart für mich aufgedrängt, weil ich die letzte Staffel geschaut habe, während Europa die schlimmste Hitzewelle seit Menschengedenken erlebte. Vielleicht weil ich gerade an einem Buch schreibe, das sich mit der Frage beschäftigt, wie wir die Gegenwart und die Zukunft unter den Bedingungen der Polykrise ertragen sollen. Wie auch immer, ich glaube, in den letzten acht Folgen dieser Serie etwas entdeckt zu haben, das auf größere Fragen zielt und das weiter geht, als bis zur Auseinandersetzung mit den eigenen Traumata und den Menschen, die man um sich schart. Unbestritten ist jedenfalls: In der fünften Staffel kämpfen die Mitglieder der Küchen-Crew nicht mehr allein gegen Geldknappheit, die eigenen Dämonen der Vergangenheit und um den Michelin-Stern, sondern gegen die Elemente selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber von vorne. Bereits in den ersten Szenen der neuen Staffel deutet sich diese Entwicklung an. Noch bevor irgendetwas auf dem schwarzen Bildschirm erscheint, hört man den Regen prasseln. Erst dann sieht man zunächst einen Löffel mit grünem Schaum und schließlich die Köchin Tina, die die ganze Nacht hindurch an einem Gericht gearbeitet hat. Was hier noch als subtile Symbolhaftigkeit durchgeht, wird in der zweiten Szene eindeutig: Die Kamera fliegt auf Chicago zu, umwogt von schwarzen Gewitterwolken und Regen, so düster, dass man meint, man sei auf die Fernbedienung gekommen und hätte aus Versehen zu einer Weltuntergangsfantasie à la Roland Emmerich umgeschaltet. Auch im Folgenden sind der sintflutartige Regen, die Dunkelheit und das als apokalyptischer Moloch inszenierte Chicago derart überzeichnet, dass man kaum anders kann, als sich zu fragen, was das alles bedeuten soll. Schließlich war „The Bear“ zwar immer bekannt für ästhetische Parforce-Ritts, aber stets im Realismus verhaftet.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das sinkende Schiff</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die fünfte Staffel bricht in gewisser Weise mit diesem Prinzip. Auch wenn nichts Übernatürliches geschieht, hat man den Eindruck, dass hier etwas am Werk ist, das größer ist als die üblichen Dramen des Restaurantbetriebs. Die inszenatorischen Mittel erinnern dabei an apokalyptische Katastrophenfilme, in denen jedes Problem bis zum Äußersten dramatisiert wird. Es gibt nicht einfach einen Wasserschaden im Keller des Restaurants, nein, im ganzen Gebäude knarzen die Leitungen bedrohlich, bevor sich ein Schwall an brauner Brühe aus den Rohren ergießt. Die Szenen, in denen das Küchenteam feststellt, dass sie nicht mehr genügend Lebensmittel haben, um alle Gäste zu versorgen, könnten auch in postapokalyptischen Thrillern vorkommen, in denen im nächsten Moment zum Kannibalismus übergegangen wird. Und es reicht nicht, dass etwas kaputt geht, eine Figur bricht schließlich durch das Dach und landet in der Küche. Irgendwann steht sogar im Raum, dass das ganze Gebäude auf einem Erdfall stehen könnte. Die neue Chefin Sydney sagt es einmal wörtlich: „Alles bricht zusammen.“&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich kann man auch andere Lesarten für diese Symbolik finden – die des sinkenden Schiffs zum Beispiel. Auf der obersten Ebene geht es immer noch darum, wie die Familie Berzatto mit ihren ganzen Cousins und&nbsp; Freundinnen und Freunden den drohenden Untergang ihres Lebenswerks überstehen muss. Das Team des Restaurants, das zu Beginn der letzten Staffel kurz vor der Schließung steht, befindet sich also sprichwörtlich auf einem sinkenden Schiff. Und nicht umsonst wirken die Momente, in denen die Rohre bersten und die beiden Fak-Brüder verzweifelt durch das knietiefe Wasser stapfen, auch wie Szenen aus dem Maschinenraum der Titanic.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kommt allerdings nicht umhin, darin auch eine größere Erzählung darüber zu erkennen, was es bedeutet, im Angesicht einer Katastrophe durchzuhalten. Und die größte Katastrophe, mit der wir als Menschheit konfrontiert sind, ist nun einmal die Klimakrise mit allem, was aus ihr resultieren könnte. Und die Herausforderungen, mit denen Carmen, Sydney, Richie, Natalie und all die anderen zu kämpfen haben, sind reibungslos metaphorisch auf die Herausforderungen der Klimakatastrophe übertragbar: Extremwetter, Überflutungen, Energie- und Ressourcenknappheit – bis hin zu akuter Lebensmittelrationierung – Interessenkonflikte, kapitalistische Zwänge und der Umgang mit begrenztem Raum. Der einzige Unterschied ist, dass im <em>The Bear </em>niemand sterben wird, wenn das alles schiefgeht. Wobei man sich da manchmal auch nicht sicher sein kann.&nbsp;&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Neue Ebene, neue Hierarchien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bemerkenswert ist außerdem, dass die Macher der Serie diese Bedeutungsebene in dem Moment der Handlung eingezogen haben, in dem sich die Figurenhierarchie grundlegend verändert. In der letzten Staffel hat nicht mehr der <em>weiße </em>Mann das Sagen in der Küche, sondern die Schwarze Frau. Nicht zuletzt, weil er es vermasselt hat. Durch den Wechsel von Carmen zu Sydney, der sich in den ersten Folgen etabliert, wird „The Bear“ auch von einer Warnung zum Lehrstück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das tut der Serie gut. Denn wie viele Erzählungen von männlichen Figuren, die an ihrer Leidenschaft zugrunde gehen, sich für die Genialität kaputt machen und dabei ihr Umfeld mit in den Abgrund reißen, konnte es sich auch „The Bear“ nicht verkneifen, seine Hauptfigur gleichzeitig auch zu einem kompliziert reizvollen Adonis in blauer Kochschürze zu stilisieren. Am Ende war Carmy mit seinen lässigen Tattoos, den Zigaretten und dem chaotischen Genie-Look eben doch mehr Vorbild als Warnung. Mit dem Fokuswechsel von Carmen zu Sydney wird dieser kleine Makel korrigiert. Carmen ist in der letzten Staffel nicht mehr der Fixpunkt der Erzählung, er wirkt auch nicht mehr reizvoll komplex, sondern überfordert und unsicher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im <em>The Bear</em> herrscht in der fünften Staffel ein anderer Umgang. Als Sydney ihre Rolle als Chefin des Teams gefunden hat, führt sie neue Regeln ein: Es wird nicht mehr geschrien und niemand schimpft oder flucht mehr, stattdessen gelten Respekt und Solidarität sowie gegenseitige Unterstützung. Als Sydney trotzdem überfordert und allein im Hinterhof ihren Frust herausschreit und sich deswegen schuldig fühlt, erklärt Carmy ihr den entscheidenden Unterschied: Sie schreit allein draußen, er hätte das Team angeschrien. Die Serie ist unzweifelhaft in ihrer Aussage: Wir werden das hier nur überstehen, wenn wir anders miteinander umgehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Können wir weitermachen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Shift vollzieht sich jedoch nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene, sondern auch im Umgang mit Ressourcen. Die fünfte Staffel von “The Bear” ist von der Frage geprägt, wie man mit äußerst knappen Mitteln und trotz völliger räumlicher Überlastung alle versorgt. Noch in der letzten Ecke wird Platz gemacht und das Essen wird wortwörtlich rationiert. Mehrfach muss Sydney das Menü reduzieren, weil es sonst nicht reicht. Die Lösung im Kontext der Restaurant-Geschichte ist offensichtlich: Entscheidend ist am Ende aus dem, was da ist, das Beste für alle zu machen. Deswegen ist Richie auch nicht in der Lage Gäste abzuweisen, obwohl er damit seine Kolleg*innen in Schwierigkeiten bringt. Entscheidend sind für ihn nie Gewinne und Verluste, sondern die Menschen, die einen Abend im <em>The Bear </em>verbringen wollen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn er ständig die Losung „Maximierung!“ ausgibt, meint dieser Schlachtruf deswegen nicht, immer mehr zu erreichen, sondern überhaupt weiterzumachen, ohne jemanden zurücklassen zu müssen. Im Zentrum steht nie die Gewinnmaximierung, sondern immer nur die Erhaltung dessen, was bereits da ist. Deswegen wird die – in der inneren Erzähllogik der Handlung entscheidende – Auszeichnung mit zwei Sternen am Ende auch fast am Rande wegerzählt. Die Serie gönnt uns nicht den Moment, in dem die ganze Crew von ihrem Sterne-Erfolg erfährt und sich unter Tränen in die Arme fällt. Die Sterne sind letztlich nur Mittel zum Zweck, um weitermachen zu können. Das galt bereits für die vorangegangenen Staffeln. Die Frage ist stets: Können wir weitermachen? Es ging im Kern nie darum, dass das Restaurant Profit abwirft, sondern darum, dass es bleibt. Carmys Onkel Jimmy, der finanziell am meisten riskiert hat, sagt es mehrfach: Restaurants sind nie profitabel, sie sind ein katastrophales Business. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Auch wenn die Rettung ganz zum Schluss darin besteht, Franchises aufzubauen, geht es in erster Linie darum, nicht unterzugehen. Jimmy will nicht reicher werden, er will einfach nicht bankrott gehen.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><br><strong>“The Bear” und der dunkle Sozialismus</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sieht man all das vor dem Hintergrund einer Weltlage, in der sich die Krisen häufen und die zentrale Gefahr durch die Klimakrise alle anderen Konflikte begünstigt und anfeuert, steckt darin eine Lösungserzählung, die an aktuelle Überlegungen zum Umgang mit diesen Herausforderungen anschließt. Grundsätzlich ist man sich in den Kreisen der Gesellschaft, in der die Klimakatastrophe nicht geleugnet und auch nicht als übertriebene Angstfantasie abgetan wird, einig, dass die Menschheit so schnell wie möglich ihren Umgang mit Ressourcen und ihre Wachstumsorientierung überdenken und ändern muss. Davon zeugt beispielsweise die Degrowth-Bewegung, die allerdings inzwischen auch schon wieder als unzureichend in der Kritik steht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie nahe am Zeitgeist sich “The Bear” befindet, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass die Katastrophe in der Serie längst da ist. Es geht nicht mehr darum, sie zu verhindern, sondern nur noch darum, so gut wie möglich durchzuhalten. Mit Blick auf die Entwicklung des Klimakrisendiskurses erinnert das an die Einsicht, dass die Veränderung des Weltklimas längst zu weit fortgeschritten ist, um sie zumindest in den nächsten Jahrzehnten nennenswert zu begrenzen. Jetzt geht es vor allem darum, es nicht noch schlimmer zu machen und durchzuhalten. Dieser Shift ist beispielhaft an zwei Büchern des japanischen Marx-Experten Kohei Saito zu beobachten. In “Systemsturz”, das im japanischen Original vor sechs Jahren erschien, argumentierte er noch für einen Degrowth-Kommunismus. Vor wenigen Wochen erschien das Nachfolgewerk „Am Ende des Fortschritts – Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“ auf deutsch. Darin entwirft Saito zunächst ein düsteres Zukunftsszenario, bevor er als Lösung einen „dunklen Sozialismus“ vorschlägt. Was zugegeben wie eine äußerst düstere Vision klingt, ist in Wahrheit ein Weg, um mit einer Katastrophe so gut wie möglich umzugehen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei geht es darum, mit den Mitteln einer demokratischen Planwirtschaft die schwindenden Ressourcen so einzusetzen, dass ein lebenswertes Leben für alle möglich ist. Dazu ist es notwendig, die Wirtschaft als erstes an menschlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen statt an Gewinnmaximierung zu orientieren. Die radikale Idee dahinter ist eine völlig neue Bewertung von dem, was wir als Erfolg, Glück und ein gutes Leben ansehen. Das alles kann nur auf Grundlage eines solidarischen, rücksichtsvollen und demokratischen Handelns umgesetzt werden. Letztlich führt das Team in „The Bear“ genau dieses Prinzip ein, um das Restaurant am Leben zu erhalten. Die hoffnungsvolle Note, die hinter Saitos Konzept eines dunklen Sozialismus steckt und die auch in der Serie deutlich wird, liegt im Umgang der Menschen miteinander. Am Ende sind sich alle einig, dass sie den Abend nur überstehen werden, wenn sie alle zusammenarbeiten, aufeinander achten und die eigenen Befindlichkeiten hintenanstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich ist „The Bear“ auch in seiner letzten Staffel immer noch in erster Linie eine hervorragende inszenierte Erzählung über eine Gruppe von Menschen, die alle mit ihren eigenen Traumata und Sorgen zu kämpfen haben und gleichzeitig einem gemeinsamen Traum hinterherjagen, weil sie hoffen, damit auch ihre persönlichen Kämpfe mit sich und dem Leben hinter sich zu lassen. Trotzdem ist die Symbolik nicht von der Hand zu weisen und am Ende ist es ja auch egal, ob die Macher der Serie die hier angebotene Lesart im Sinn hatten. Die besten Erzählungen wachsen in ihrer Deutung über sich selbst hinaus und nehmen Stimmungen ihrer Zeit auf, ohne sie konkret zu machen. Sie tragen etwas in sich, das aus dem Umfeld erwächst, in dem sie entstanden sind.</p>



<div style="height:45px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



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		<title>Weltliteratur im Tandem &#8211; Das Berliner Projekt &#8218;Weiter Schreiben&#8216;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerrit Wustmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 12:31:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Daniela Dröscher]]></category>
		<category><![CDATA[Programm]]></category>
		<category><![CDATA[sticky]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[weltliteratur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Gerrit Wustmann I. Es war 2016, als Bahram Moradi, wie er erzählt, beschloss, keine weiteren Versuche zu unternehmen, seine Texte in einem&#8230;</p>
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<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">von Gerrit Wustmann</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h3 class="wp-block-heading">I.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es war 2016, als Bahram Moradi, wie er erzählt, beschloss, keine weiteren Versuche zu unternehmen, seine Texte in einem deutschen Verlag unterzubringen. Auch in Iran, von wo er 1988 nach Deutschland geflüchtet war, wollte er nichts mehr publizieren. Zwar waren, neben Veröffentlichungen auf Persisch in Exilverlagen, zwei von Moradis Erzählbänden in Iran erschienen. Aber trotz anderweitiger Zusage des dortigen Verlags wurden die Bücher zensiert. Publikationsfreiheit gibt es im Land nicht. Jeder Text muss vor Erscheinen von den Kulturbehörden genehmigt werden. Manchen Werken wird die Veröffentlichung verweigert, andere werden gekürzt. Selbst bereits erschienene Bücher können im Nachhinein noch verboten und die gesamte Druckauflage beschlagnahmt werden. „Daraufhin habe ich beschlossen, nichts mehr in Iran zu veröffentlichen, solange dort zensiert wird. Obwohl die Bücher dort Preise gewonnen haben, ausgezeichnet wurden“, erzählt Moradi heute.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Deutschland gibt es zwar keine Zensur. Aber für hierzulande wenig bekannte Autor*innen ist es unglaublich schwierig, einen Verlag zu finden. Egal, wie gut die Texte sind. Eine Sammlung mit Erzählungen hat Moradi auf eigene Kosten ins Deutsche übersetzen lassen und sie Verlagen angeboten. „Mit den Absagen könnte ich meine Wohnung tapezieren“. Er habe stets die knappe Standardreaktion erhalten, das Buch passe nicht ins Programm. Auch ein vom renommierten Übersetzer Kurt Scharf übertragener Auszug aus Moradis Roman „Der Vigilant“ änderte daran nichts. In Deutschland gehe alles nur mit Kontakten, sagt Moradi. „Eine Literaturagentur sagte mir sogar, ich könne hier keinen Erfolg haben, weil meine Texte zu politisch seien. Da sagte ich mir: Gut, dann lasse ich es.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zehn Jahre später muss man feststellen: Gut, dass er es nicht gelassen hat. Beziehungsweise: Dass ein guter Freund ihn wiederholt gedrängt hatte, es weiter zu versuchen. Denn Ende 2025 erschien im Wallstein Verlag sein Roman „Das Gewicht der anderen“ in Übersetzung von Sarah Rauchfuß. „Ein Roman“, sagt Michael Krüger über das Buch, „der zeigt, wie schnell Gesellschaften verrohen, wenn ein totalitäres Regime an die Macht kommt, wie schnell Gewalt zum Normalzustand wird – und was die Gewalt mit denen macht, die ihr ausgesetzt sind.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1980er Jahren, unmittelbar nach der Islamischen Revolution und im Zuge des Kriegs gegen den Irak, führte das Khomeini-Regime im ganzen Land brutale Säuberungsaktionen durch. Völlig willkürlich wurden echte oder vermeintliche Regimegegner inhaftiert, gefoltert, Zehntausende wurden ermordet, Hunderttausende flüchteten, meist nach Europa oder in die USA. Peyman Bamshad, der Protagonist von „Das Gewicht der anderen“, ist gerade dreizehn Jahre alt, als er sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Aufgrund einer Verwechslung gerät er in die Mühlen der Rache-Justiz und verbringt fast seine gesamte Jugend in Haft. An einer Aufklärung der Verwechslung ist weder der Richter noch die Polizei noch die Gefängnisverwaltung interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bahram Moradis Roman ist ein komplex und ambitioniert aufgebautes Werk, sprachlich auf höchstem Niveau, das nicht nur stilistisch und formal überzeugt, sondern dem auch das Kunststück gelingt, weit über sich hinauszuweisen und dabei die Gewalt totalitärer Regime mit einem so intelligenten wie hintersinnigen Humor zu entlarven. Ohne ihre Gewalt sind repressive Regime ein Nichts, ein Gefäß ohne Inhalt, egal ob sie religiös oder militärisch oder völkisch oder anders konstituiert sind. „Das Gewicht der anderen“ ist Weltliteratur, eines dieser Bücher, die auf jede ernstzunehmende Bestenliste gehören, die jeden Literaturpreis zu Recht erhalten. Was übrigens auch für Sarah Rauchfuß‘ Übersetzung gilt, denn ein sprachlich-stilistisch derart anspruchsvolles Buch mit so sicherer Hand in eine andere Sprache zu transferieren ist mehr als bloßes Handwerk. Die deutsche Übersetzung ist ein eigenständiges Kunstwerk. Dass Moradi und Rauchfuß für den Internationalen Literaturpreis 2026 nominiert sind, ist nur folgerichtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h3 class="wp-block-heading">II.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie kam es, dass es am Ende doch noch geklappt hat mit der Publikation? Moradi bewarb sich Ende 2023 auf eine Ausschreibung des Berliner Projektes „Weiter Schreiben“ – und gewann. Weiter Schreiben ist aus dem 2015 gegründeten Verein &#8218;Wir machen das&#8216; auf Initiative der Schriftstellerin Annika Reich hervorgegangen. Der von einhundert Frauen gegründete Verein wollte vor allem die Flüchtenden aus Syrien bei ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen, und Reich war klar, dass sich unter ihnen auch viele Autor*innen befanden. Sie kennt die enormen Schwierigkeiten, im Literaturgeschäft Fuß zu fassen, Texte zu publizieren, Aufmerksamkeit und ein Publikum zu generieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bevor wir ein Projekt aufgesetzt haben, war uns wichtig, mit den Autor*innen zu sprechen und herauszufinden, was sie überhaupt brauchen“, erzählt sie heute. „Denn anfangs hatten wir falsche Ideen. Zum Beispiel dachte ich an eine Website in allen möglichen Sprachen mit Kontakten zu Agenturen, Verlagen, Festivals, Zeitschriften. Aber alle sagten: Das klappt nicht, wir wissen ja gar nicht, wer dahinter steht. Die Vertrauensfrage war vom ersten Tag an zentral. Im Rückblick verstehe ich das. Dass Menschen, die fliehen mussten, die alle im Widerstand waren, die zum Teil im Gefängnis waren und gefoltert wurden, nicht einer dahergelaufenen deutschen Autorin vertrauen, wurde mir schnell klar. Der einzige Weg, auf dem es funktionieren konnte, war das persönliche Kennenlernen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus entstand das Tandem-Konzept: Autor*innen aus Syrien, Iran, Afghanistan und anderen Ländern werden mit hiesigen etablierten Autor*innen vernetzt. Man tauscht sich aus, nähert sich an, bestreitet gemeinsame Lesungen, arbeitet gemeinsam an Texten. Und das nicht nur punktuell, sondern langfristig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Annika Reich habe ihn mit Gabriele von Arnim zusammengebracht, erinnert sich Bahram Moradi. „Daraus ist eine gute Freundschaft entstanden. Einige der Tandems schreiben gemeinsame Texte, andere tauschen sich in Form von Briefen aus, die dokumentiert werden.“ Diese zahlreichen <a href="https://weiterschreiben.jetzt/briefe/">Briefwechsel über Länder- und Sprachgrenzen</a> hinweg sind online dokumentiert und geben vielfältige Einblicke in die Lebensrealitäten sehr unterschiedlicher Autor*innen, in ihre Geschichten und die ihrer jeweiligen Länder, berichten aber auch vom oft nicht gerade einfachen Ankommen in Europa, in Deutschland. Ende Mai erscheint bei Ullstein der von Annika Reich und Mirjam Wittig herausgegebene Band „Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause“, der einen Überblick über inzwischen neun Jahre Briefwechsel bietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Idee bis zum eigentlichen Projektstart dauerte es knapp zwei Jahre. Weiter Schreiben, sagt Reich, habe ihr Leben komplett umgekrempelt. Vorher habe sie recht introvertiert gelebt, ihre Bücher geschrieben, an der Uni gearbeitet. „Wenn ich gewusst hätte, was das bedeutet, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht. Aber das würde ich heute bereuen“, sagt sie. Auf die Frage, ob es einen bestimmten Moment, einen besonderen Erfolg gegeben habe, an dem es geklickt hat und sie ganz genau wusste, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat, antwortet sie: „Solche Momente habe ich jeden Tag.“ An der Sinnhaftigkeit des Projektes habe sie noch nie gezweifelt. „Ich hab manchmal vor Erschöpfung nicht mehr weitergewusst oder war angesichts der politischen Situation verzweifelt, aber ich habe jeden Tag mit den Autor*innen und ihren Texten zu tun, und ich mache so viele Begegnungen und Erfahrungen, dass ich mir die Frage nie stellen muss, und so geht es auch vielen anderen, die bei Weiter Schreiben arbeiten.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">III</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen habe alles in ihrer Küche: „Wir haben Gelder beantragt, eine Website gebaut, ein Netzwerk aus Übersetzer*innen und Lektor*innen, Kurator*innen aufgebaut, haben uns mit Menschen aus den jeweiligen Communities vernetzt, die wussten, wer ins Land kam, deren Werke kannten, deren Sprache sprachen, uns Autor*innen empfehlen konnten. Das machen wir bis heute.“ Und die Ergebnisse können sich sehen lassen. „Ich dachte, wenn in drei Jahren ein Buch erscheint, das wäre ein Erfolg. <a href="https://weiterschreiben.jetzt/publikationen/">Inzwischen sind es 32</a>. Dieses Jahr erscheinen vier und es gibt schon Buchverträge für nächstes Jahr. Sieben Magazine sind erschienen, 180 Texte online. Im Juni startet eine Reihe bei Sukultur, den ersten Band haben Atefe Asadi und Daniela Dröscher geschrieben. Das alles ist aus dem Tandemformat entstanden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die iranische Autorin Atefe Asadi, Jahrgang 1994, im Jahr 2021 nach Deutschland kam, kannte sie niemanden, war zuerst ganz auf sich gestellt. „Obwohl ich als Schriftstellerin nach Deutschland gekommen war, fühlte ich mich wirklich wie ein hilfloses Neugeborenes, das in eine fremde Sprache und eine völlig unbekannte Welt hineingeworfen wurde. Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben, was meinem Schreiben früher Sinn und Kraft gegeben hatte: meine persische Sprache, meine Inspirationen und sogar meine Leserinnen und Leser“, erinnert sie sich. Damals habe sie sich gar nicht vorstellen können, je in der deutschen Literaturlandschaft anzukommen. Bis auch sie auf Instagram die Ausschreibung von „Weiter Schreiben“ sah und sich bewarb, mit persischen Texten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seither sei Weiter Schreiben für sie „wie eine Familie“ geworden, das Projekt sei „das Beste, was mir in Deutschland passiert ist. In den kalten Tagen des Exils war es wie eine kleine Flamme, die weiter brannte. In einer Zeit, in der ich wirklich nicht wusste, was ich mit meinem Leben und meinem Schreiben anfangen sollte, hat mich dieses Projekt daran erinnert, warum ich den Iran verlassen hatte: dass diese Entscheidung nicht falsch war und dass ich hier bin, um weiter zu erzählen.“ Es habe ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben und im Laufe der Zeit haben sich enge Freundschaften entwickelt. Insbesondere zu ihrer Tandempartnerin Daniela Dröscher: „Ich finde es sehr wichtig, dass Autorinnen und Autoren, die miteinander arbeiten, eine solche Verbindung aufbauen können. Denn dadurch wird ein Schreibprojekt zu etwas, das über einen rein mechanischen Prozess hinausgeht. Dann entstehen Freundschaft, Zugehörigkeit, das Aufbrechen der Kälte des Exils und eine Form von Wärme. Ich glaube, genau das gehört auch zu den Zielen von <em>Weiter Schreiben</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Sukultur erscheint 2026 ein Band, den Asadi und Dröscher gemeinsam geschrieben haben. Das Grundkonzept hat „Weiter Schreiben“ vorgegeben: Beide Autorinnen sollten in einen literarischen Dialog zu einem festgelegten Thema treten und dazu abwechselnd jeweils fünf Sätze beziehungsweise Zeilen schreiben, die aufeinander Bezug nehmen. „Schreiben bei Nacht“ heißt das Buch. „Als wir anfingen zu schreiben“, sagt Asadi, „begannen wir nach und nach, die Regeln zu brechen. Uns wurde klar, dass die Nacht viel zu weit und vielschichtig ist, um sie in fünf Zeilen zu erzählen.“ Ausgehend von diesem minimalistischen Rahmen haben die beiden eine eigene Erzählform gefunden. Aktuell arbeitet Atefe Asadi gemeinsam mit der Übersetzerin Sarah Rauchfuß an ihrem ersten Roman, außerdem ist ein zweisprachiger Lyrikband in Vorbereitung. „Der Übersetzungsprozess ist für mich bisher zugleich sehr bereichernd und herausfordernd. Zu sehen, wie sich ein Text von einer Sprache in eine andere bewegt und dabei gleichzeitig versucht wird, seine Seele und seine eigene Welt zu bewahren, ist für mich eine sehr spannende Erfahrung“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders wichtig ist Annika Reich, wie „ausdifferenziert, unterschiedlich und wie breit das Spektrum der Gegenwartsliteratur im arabisch- und persischsprachigen Raum ist. Es gibt da unglaubliche Talente und Geschichten zu entdecken, von denen wir sowohl politisch als auch persönlich viel zu wenig wissen. Wir haben es da mit zwei der größten und ältesten Literaturtraditionen der Welt zu tun, von denen hier praktisch niemand irgendwas aus der Gegenwartsliteratur kennt.“ Der oft gebrachte Einwand, kaum jemand in Deutschland interessiere sich für diese Literatur, stimme gar nicht, ergänzt Annika Reich, im Gegenteil. Sie verweist auf regelmäßig sehr gut besuchte Veranstaltungen und die ebenfalls sehr positive Resonanz von Verlagen, Agenturen und Publikum, sowie ein reges Interesse der Medien. Nicht zuletzt wurde „Weiter Schreiben“ 2022 mit dem Hermann Kesten-Förderpreis ausgezeichnet, das Projekt &#8218;Untold – Weiter Schreiben Afghanistan&#8216;, bei dem Autorinnen im Mittelpunkt stehen, die noch in Afghanistan leben und dort unter schwierigsten Bedingungen arbeiten, erhielt 2023 den Deutschen Kulturförderpreis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass das aber keineswegs die Regel ist, weiß sie. Sie kennt ebenso die Schwierigkeiten gerade kleiner Verlage, Titel am Markt zu platzieren, und wie hart Autor*innen oft darum kämpfen müssen, gehört und gesehen zu werden. Das Tandemprojekt sieht sie dabei als Türöffner: Die hierzulande oft kaum bekannten Autor*innen aus beispielsweise Syrien, aber auch aus der Ukraine oder Belarus, treten gemeinsam mit ihren Tandem-Partner*innen auf, die bereits ihr Publikum haben, dadurch wird wiederum Vertrauen bei den Leser*innen hergestellt, die sich sonst vielleicht nicht an ihnen völlig Unbekannte heranwagen würden. Dabei ist es Annika Reich wichtig, zu betonen, dass „Weiter Schreiben“ ein Literaturprojekt ist, kein Hilfsprojekt: „Wir vergeben keine Stipendien. Die Autor*innen werden für Texte und Auftritte bezahlt, genau wie ihre deutschen Kolleg*innen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h4 class="wp-block-heading">IV.</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Einmal stand das Projekt bereits auf der Kippe. Natürlich ist solch ein Unterfangen auf Fördermittel angewiesen, anders lässt sich die Vereinsarbeit mit zwölf Mitarbeiter*innen und die Arbeit zahlreicher freiberuflicher Unterstützer*innen kaum finanzieren. Ende 2023 wurden fast sämtliche öffentlichen Gelder gestrichen. Annika Reich und ihre Kolleg*innen mussten innerhalb kürzester Zeit Ersatz finden, sonst wäre „Weiter Schreiben“ 2024 am Ende gewesen, erinnert sie sich: „Das war ein unglaublicher Kraftakt. Wir haben alles Mögliche probiert, um den Verein von öffentlichen Mitteln unabhängig zu machen, was echt schwer war und bis heute schwer ist. Zum Glück haben wir die Crespo Foundation gefunden, die unser Hauptförderer ist. Jetzt gibt es eine neue Förderung von der S. Fischer Stiftung und der C.H. Beck-Stiftung. Das sind kleine Förderer. Und dazu kommt Unterstützung von ganz vielen privaten Schultern. Viel Arbeit entfällt darauf, Vertrauen aufzubauen und zu pflegen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele kürzere Texte wie Gedichte und Kurzgeschichten werden zuerst online auf der Website von „Weiter Schreiben“ veröffentlicht und dann auch via Social Media verbreitet. So begann es auch für Bahram Moradi, der auf diesem Weg mit der Übersetzerin Sarah Rauchfuß in Kontakt kam. „Sarah Rauchfuß hat mich mit ihrem Sprachgefühl sofort überzeugt“, erzählt er.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Ergebnis, der deutschen Ausgabe seines Romans „Das Gewicht der anderen“, ist Bahram Moradi sehr glücklich, was bei früheren Übersetzungen seiner Texte nicht immer so gewesen sei, wie er anmerkt. Ein Glück, das Annika Reich teilt: „Es freut mich dann natürlich, wenn ein Buch von Lina Atfah für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, wenn ein Buch von Bahram Moradi erscheint, das sind große Autor*innen, die hier endlich entdeckt werden können“, sagt sie. Und Bahram Moradi bezeichnet Weiter Schreiben als „einzigartiges Projekt“.</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@yanu?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Yannick Pulver</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/weltliteratur-im-tandem-das-berliner-projekt-weiter-schreiben/">Weltliteratur im Tandem &#8211; Das Berliner Projekt &#8218;Weiter Schreiben&#8216;</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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		<title>My heritage is not their violence &#8211; Die missverstandene Gewalt von Belfast</title>
		<link>https://54books.de/my-heritage-is-not-their-violence-die-missverstandene-gewalt-von-belfast/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marcel Krueger]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 05:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Diverses]]></category>
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		<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[rassismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Marcel Krueger Eine Stadt, in der Kneipen nach Dichtern benannt werden, kann kein schlechter Ort sein. Es ist deswegen kaum verwunderlich, dass&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/my-heritage-is-not-their-violence-die-missverstandene-gewalt-von-belfast/">My heritage is not their violence &#8211; Die missverstandene Gewalt von Belfast</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">von <a href="https://www.marcelkrueger.eu/">Marcel Krueger</a></p>



<div style="height:16px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Stadt, in der Kneipen nach Dichtern benannt werden, kann kein schlechter Ort sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist deswegen kaum verwunderlich, dass Belfast einer meiner Lieblingsorte in Europa ist. Belfast ist ein Ort, an dem massige Überbleibsel des Empire dem Regen trotzen, neben endlosen Straßenzügen von Arbeiterhäusern aus Backstein und dunklen Gassen mit dem Geruch von Torfbriketts und Kohle in der Luft. Es ist der Ort der freundlichsten Menschen mit dem schwärzesten Humor, die alles dafür tun, damit ein Fremder sich hier willkommen fühlt. Kein Wunder also, dass die Stadt die besten Pubs der Britischen Inseln hat.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe zwar nie länger hier gelebt, aber komme seit fast zwanzig Jahren immer wieder in die Stadt an der Mündung des Lagan River, um Lesungen und Vorträge zu geben und meine Freunde hier zu treffen, aber immer auch, um wieder durch die Straßen und Gassen der &#8211; für europäische Verhältnisse &#8211; jungen Stadt zu laufen. 1603 offiziell gegründet, wurde aus der Siedlung hier erst im 19. Jahrhundert dank der Werft von Harland &amp; Wolff und der Leinenindustrie in Nordirland eine echte Metropole.Und bis heute ist Belfast, mit seinen über 500.000 Einwohner*innen, meiner Meinung nach, die einzige echte Metropole auf der Insel, obwohl Dublin, die Hauptstadt der Republik, mehr Einwohner und mehr Fläche hat.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Geschichte zwischen Gewalt und Solidarität</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Viele meiner Freunde hier sind Künstler, und Belfast war und ist ein Ort der Kreativen und der Künstler*innen. Das ist bislang trotz immer knapper werdender Kulturbudgets so geblieben. Es gibt hier fantastische Kunsträume wie die Golden Thread Gallery, PS² oder Catalyst Arts, und mit No Alibis den besten Buchladen Nordirlands, seit 2018 ebenfalls mit angeschlossenem Indie-Verlag. Gegenüber der City Hall befindet sich die Linen Hall Library, die älteste Bibliothek Nordirlands von 1788, die Lesungen und Workshops anbietet und ebenfalls einen eigenen Verlag hat. Die Literatur- und Kunstszene von Belfast ist geprägt von einem deutlichen Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl, jeder hilft hier jedem. Ein Beispiel dafür ist das rund elfköpfige Kunstkollektiv „Array“, das sich in ihren Arbeiten mit der Geschichte von Belfast und Nordirland, mit den Rechten der LGBTQ+ Community und der Sparpolitik der UK-Regierung auseinandersetzt. 2021 wurden sie für ihre Installation <em>The Druithaib’s Ball – </em>ein illegaler Pub voller Protestplakate und ironischer Auseinandersetzungen mit konservativen Wertvorstellungen Irlands – als erste nordirische Künstler überhaupt mit dem renommierten Turner-Preis ausgezeichnet.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Belfast hat allerdings auch eine gewaltvolle Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht. Als am Abend des 8. Juni 2026 der sudanesische Asylbewerber Hadi Alodid den Belfaster Stephen Ogilvie brutal mit einem Messer attackierte und die schrecklichen Bilder des gefilmten Angriffs sich in den sozialen Medien verbreiteten, war vielen in Belfast klar, dass diese Attacke wieder einmal als Vorwand für Gewaltausbrüche dienen könnte. Und genauso geschah es auch, trotz der Aufrufe aller politischen Parteien Nordirlands und der Familie des Opfers gegen die Gewalt. Am 9. und 10. Juni kam es wieder also einmal zu einem ein rassistisch motivierten Pogrom in Belfast, angestachelt von<a href="https://www.deutschlandfunk.de/forscher-musk-verbreitete-beitraege-britischer-rechtsextremer-millionenfach-weiter-100.html"> rechten Agitatoren wie Elon Musk und Tommy Robinson</a>, für das extra junge Männer aus<a href="https://www.irishnews.com/news/northern-ireland/teenagers-ferried-to-belfast-race-riots-to-clear-paramilitary-drug-debts-childrens-commissioner-says-Q2GBXTJTYVD7DDVBICVGY2H6LU/"> anderen Teilen der Region nach Belfast gebracht wurden</a>, um dort zu randalieren. Busse und Autos wurden in Brand gesteckt, und die Wohnungen und Häuser von Menschen mit Migrationshintergrund gezielt attackiert und angezündet. 27 Menschen, darunter auch kleine Kinder, mussten von der Polizei gerettet werden, weil sie aus Angst vor der perversen Gewalt auf der Strasse nicht ihre zum Teil bereits brennenden Häuser verlassen wollten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Immer wieder Gewalt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gewalt in Belfast ist alt. Es gibt immer noch die sogenannten <em>Peace Walls</em>, meterhohe Zäune und Metalltore, die katholische und protestantische Viertel voneinander trennen. Man erkennt diese sogenannten republikanischen oder loyalistischen Gegenden entlang der Falls Road, der Shankill Road oder in Ardoyne und East Belfast an den Fahnen und Wandbildern: die irische Trikolore und Bilder aus der keltisch-irischen Mythologie oder von IRA-Freiheitskämpfern in Sturmhauben in katholischen Vierteln, der Union Jack und Bilder aus der Arbeitertradition der Werft oder von UVF- Freiheitskämpfern in Sturmhauben in protestantischen Vierteln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten <em>Peace Walls</em> entstanden bereits 1920. In jenem Jahr gab es in Belfast Pogrome gegen die katholische Bevölkerung, denen die Unterstützung der vorwiegend katholischen Rebellen im irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1922 vorgeworfen wurde. Tausende verloren ihre Arbeitsplätze, Straßenbahnen und Wohnungen wurden angezündet und am Ende waren 208 Menschen tot, Katholiken wie Protestanten – und die ersten Mauern zwischen den Vierteln entstanden. Zwei Jahre später war die Insel zwischen der vorrangig katholischen Republik im Süden und dem vorwiegend protestantischen Nordirland geteilt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Szenen wiederholten sich 1935, als nach dem <em>Twelfth</em>, dem fast immer von Ausschreitungen begleiteten Hauptfeiertag der Protestanten, an dem bis heute der Sieg in der Schlacht an der Boyne am 12. Juli 1690 gefeiert wird, katholische Häuser in Belfast angegriffen und verwüstet wurden. Elf Menschen starben, 2.000 vorwiegend katholische Einwohner*innen der Stadt verloren ihre Bleibe. Belfast ist auch der Ort, der von der Gewalt des bürgerkriegsähnlichen Nordirlandkonflikts zwischen 1969 und 1998, den sogenannten <em>Troubles</em>, am deutlichsten betroffen war. Die katholische Minderheit verlangte nach mehr Bürgerrechten. Aber der Staat und protestantische Gruppen unterdrückten diese Bestrebungen mit brutalen Mitteln. Es entstand die <em>Provisional IRA,</em> die statt mit zivilem Protest mit brutalem Terror reagierte, die Gewalt schaukelte sich hoch. 1969 brannten Protestanten gezielt 38 katholische Häuser in der Bombay Street nieder, und insgesamt 8.000 Menschen wurden während des Konflikts aus ihren Häusern vertrieben – viele Katholiken flohen in die Republik, wo in Städten wie Dundalk direkt an der Grenze ganze Flüchtlingsviertel entstanden. Britische Fallschirmjäger, die als Teil der als Friedenswächter gedachten britischen Truppen nach Nordirland gekommen waren, ermordeten 1971 im katholischen Viertel Ballymurphy elf Zivilisten. Ein Jahr später explodierten am <em>Bloody Friday</em> 22 IRA-Bomben in der ganzen Stadt und neun Menschen starben. In den nächsten Jahrzehnten wurde Belfast immer wieder Ort von Erschießungen, Bombenattentaten, Vergeltungsangriffen. Über 3.500 Menschen starben während der <em>Troubles.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Das “Wir” und “Die”</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gewalt wurde dann mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 beendet, das unter Vermittlung der USA, des Vereinigten Königreichs und der Republik Irland eine gemeinsame Regierung aus Katholiken und Protestanten schuf. In Belfast und Nordirland herrscht heute Frieden, und die weit verbreitete Solidarität in der Stadt ist auch ein Erbe der <em>Troubles</em>. Denn die staatlichen Institutionen Großbritanniens, denen die Zusammenarbeit mit protestantischen Terrorgruppen vorgeworfen wurde, stießen gerade in den katholischen Communities immer wieder auf Misstrauen. Die Menschen verließen sich lieber auf lokale, nachbarschaftliche Netzwerke und Organisationen – sie sind es auch, die sich heute der Erinnerung und Versöhnungsarbeit verschrieben haben, genau wie die Künstler*innen&nbsp; Nordirlands. Zu den lokalen Gemeinschaftsprogrammen zählen das Falls Community Council und das Shankill Shared Women’s Center, und das dunkle Erbe der <em>Troubles</em> wird auch in Werken wie den ergreifenden Videoarbeiten des Künstlers Willy Doherty aus Derry sichtbar, und in Büchern wie Anna Burns’ Roman „Milchmann“, der 2018 den Booker-Preis, 2020 den International Dublin Literary Award gewann und 2020 in der deutschen Übersetzung von Anna-Nina Kroll erschien. Darin schildert Burns den fast paranoiden Zustand, der während des Konfliktes in den nach Konfessionen getrennten Viertel herrschte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Wir“ und „Die“ war uns in Fleisch und Blut übergegangen: praktisch, geläufig, für Eingeweihte, und es ging schnell über die Lippen, ohne das mühsame Erinnern von und Ringen mit doppelbödigen Formulierungen oder diplomatischen Nettigkeiten. Unausgesprochene Übereinkunft, die Außenstehende nicht begriffen, bis es sie selbst betraf, war, dass mit den Zugehörigkeitskennungen „wir“ und „die“, „deren Religion“ und „unsere Religion“ natürlich nicht immer automatisch alle von uns und alle von denen gemeint waren. Und warum das Ganze? Naivität? Tradition? Realität? Der tobende Krieg und die Eile der Leute? Alles möglich, aber wohl vor allem Letzteres.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie die Ereignisse Anfang Juni 2026 gezeigt haben, gibt es hier immer noch ein Gewaltpotential, und das von Anna Burns beschriebene Denken von „Wir“ und „Die“ ist bei einigen wenigen noch immer vorhanden. Nordirland ist die ärmste Region des Vereinigten Königreiches. Schon vor dem Brexit wurde es stark von London und Brüssel bezuschusst, nach dem Wegfall der EU-Subventionen kam es in Nordirland zu einer anhaltenden Finanzierungslücke. Dieser Missstand zeigt sich überall: Die durchschnittlichen Jahreslöhne liegen hier auf dem niedrigsten Niveau in ganz Großbritannien, in Verbindung mit einem historisch niedrigen verfügbaren Haushaltseinkommen. Nach zunehmenden Einsparungen beim staatlichen Gesundheitsdienst, der NHS, hat die Region die schlechteste Gesundheitsversorgung im gesamten Vereinigten Königreich und weist außerdem die höchste Bildungsbenachteiligung auf: 27 Prozent der über 16-Jährigen haben keinen Schulabschluss.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kein einfacher Ort</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Während der <em>Troubles</em> machten sich die Anführer lokaler Gangs die wirtschaftliche Not und Arbeitsplatzverluste zunutze, um in ihren jeweiligen Vierteln die Spaltung zwischen protestantischen und katholischen Arbeitern zu schüren. In den Jahrzehnten nach dem Karfreitagsabkommen hat ihr Einfluss jedoch nachgelassen – abgesehen von einigen Vierteln, in denen sie ihre Kontrollposition aufrechterhalten, indem sie weiter die Angst vor „Anderen“ schüren. Deswegen gelten diese sogenannten<em> Sinkhole Estates,</em> traditionell katholisch oder protestantisch geprägte Arbeiterviertel, die heute von Armut und Perspektivlosigkeit geprägt sind, seit Jahrzehnten als Pulverfass. Während sich die Gewalt in der Vergangenheit vorwiegend gegen Katholiken richtete, ist in den letzten Jahren unter dem Einfluss von rechtsextremen Agitatoren Gewalt gegen den Staat und Migrant*innen dazu gekommen. 2021 kam es in ganz Nordirland zu protestantischen Ausschreitungen während der Brexit-Verhandlungen, bei denen 88 Polizist*innen verletzt wurden. 2024 gingen in Belfast während der rassistischen Unruhen im gesamten Vereinigten Königreich Busse und Polizeiautos in Flammen auf. 2025 kam es zu rassistischen Übergriffen in Ballymeena und Belfast, vier von Migrant*innen bewohnte Häuser wurden niedergebrannt. Diese Ausbrüche von Fanatismus sind leider nichts Neues für die Menschen von Belfast. Man ist mittlerweile daran gewöhnt, dass Jugendliche aus den <em>Sinkhole Estates</em> Steine werfen und Mülltonnen, Autos und Busse anzünden, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Und das nicht aus Protest gegen die Politik der Regierung von Nordirland und dem UK, sondern weil sie von alternden, „harten“ Männer mit paramilitärischem, kriminellem Hintergrund dazu angestachelt werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das falsche Bild</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Belfast ist kein einfacher Ort, und ich habe lange gebraucht, um mich in seiner Vergangenheit und Gegenwart zurechtzufinden. Aber gerade wegen der komplizierten Strukturen von Geschichte und Solidarität ist Belfast ein Ort, der sich einem einfachen Narrativ entzieht. Umso überraschender war es, als am Tag nach dem Pogrom in deutschen Medien wie der Zeit, dem Spiegel und der Tagesschau davon zu lesen war, dass Menschen hier „<a href="https://www.instagram.com/p/DZaE7c1o_b5/">gegen Migranten und Einwanderung [..] demonstrieren</a>“ oder das es „<a href="https://www.instagram.com/p/DZcFEbrjwO7/?img_index=1">rassistische Proteste</a>“ gab. Es gab in Belfast keine Demonstrationen, niemand hat sich mit Protestschildern auf die Straße gestellt und von der nordirischen oder britischen Regierung eine Verschärfung des Asylrechts oder härtere Strafen für Gewaltverbrecher gefordert. Stattdessen zogen Gruppen vermummter junger Männer durch die Stadt und verübten gezielt Brandanschläge auf die Häuser migrantischer Familien – Anschläge,<a href="https://www.theguardian.com/uk-news/2026/jun/11/police-warned-addresses-targeted-belfast-riots"> die von langer Hand geplant wurden</a> und vor denen Menschenrechtsorganisationen schon lange gewarnt hatten. Jochen Bittner, London-Korrespondent der Zeit, erklärte im Podcast „<a href="https://www.zeit.de/politik/2026-06/messerattacke-belfast-rechtsextrem-protest-nordirland-nachrichtenpodcast">Was jetzt?</a>“ ganz in der Tradition vieler anderer anmaßender Stimmen gerade aus London, die im Laufe der Jahre die Situation in Nordirland verkannt haben, dass es nachzuvollziehen sei, dass die Bevölkerung hier wegen der Gewalttaten einzelner Migranten 2024 und jetzt 2026 verständlicherweise „wütend sei“. Dabei ist der Anteil der tatsächlichen Asylsuchenden und Migranten in Nordirland im Vergleich zur „gefühlten&#8220; Anzahl und dem, was auf Social Media propagiert wird, sehr klein. Laut der Volkszählung von 2021 stuften sich über 96 Prozent der Bevölkerung als ethnisch weiß ein. Lediglich zwei Prozent der im Vereinigten Königreich registrierten Asylsuchenden leben in Nordirland, 1,600 davon in Belfast. Bittner verschweigt auch, dass die überwiegende Mehrheit der Gewaltverbrechen hier von weißen Männern begangen wird, nicht von Migranten. 30 Frauen sind in Nordirland allein seit 2020 ermordet worden, was die Region zum<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cge09xqj971o"> gefährlichsten Ort für Frauen </a>in ganz Großbritannien macht. 2017 ermordete David Lyness in Lurgan Anita Downey, eine Mutter von drei Kindern, auf genauso brutale Art wie der Angriff auf Stephen Ogilvie, aber niemand sah sich hier gezwungen, „aus Protest“ Häuser anzuzünden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut mancher deutschen Medien schienen also die dramatischen Bilder brennender Häuser, Autos und Busse Ausdruck des Volkszorns, überemotionaler Ausbruch von Trauer und Wut, die sich nur noch in Gewalt ausdrücken ließ – und klar in ein Narrativ des Protestes gegen „Migration“ einzuordnen, welches auch britische Medien seit Jahren so vorantreiben. Doch das entspricht nicht der Realität: Es gab nur einige hundert Randalierer, der größte Teil der Stadtbevölkerung von Belfast verurteilt diese Gewalt und distanziert sich von ihr ausdrücklich. Mehr noch: Schon während der Pogrome liefen Aktionen an, bei denen<a href="https://www.belfasttelegraph.co.uk/news/northern-ireland/belfast-migrant-group-praises-overwhelmingly-positive-community-response-following-riots/a/157353913.html"> Nachbarn Medikamente und Einkäufe sammelten</a> und diese zu migrantischen Pfarrern, Krankenpfleger*innen und Busfahrern brachten, die sich aus Angst vor der Gewalt in ihren Häusern versteckten, oder deren Kinder in die Schulen brachten und wieder abholten. In britischen Medien kamen in den Tagen nach dem Pogrom mehrere Belfaster Schriftsteller*innen zu Wort, die die Gewalt einordneten, darunter<a href="https://bylinetimes.com/2026/06/12/northern-ireland-does-not-have-an-immigration-problem-it-has-a-problem-with-violence/"> Emma De Souza</a>,<a href="https://www.newstatesman.com/politics/2026/06/the-belfast-riots-new-targets-old-hatred"> Séamas O&#8217;Reilly</a> oder Michael Magee, der in seinem autobiographischen Roman „Close to Home“ von 2023 die Welt der „harten“ Männer von Belfast beschreibt, und seinen<a href="https://www.independent.co.uk/voices/belfast-northern-ireland-troubles-anti-immigrant-riots-b2993848.html"> Essay in The Independent</a> wie folgt beendet:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte hält nach wie vor das Ruder in der Hand. Wann immer wir vom Kurs abzudriften beginnen, können wir die uns überlieferte Vergangenheit nutzen, um uns neu zu orientieren und uns an unsere Eltern und Großeltern zu erinnern – und daran, wie weit diese bereit waren zu gehen, um sicherzustellen, dass wir nicht unter denselben Ungerechtigkeiten leiden müssen, die sie erdulden mussten. Sie waren einst die machtlose und schutzlose Minderheit in einem konfessionell geprägten Staat, der mit allen Mitteln versuchte, sie an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Wir sind es ihnen schuldig, uns gegen diese neue Ausprägung einer zerstörerischen Ideologie zu stellen, die so sehr an jene erinnert, die ihr Leben damals geprägt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dramatischen Bilder des Belfaster Pogroms sind immer noch in den Feeds von Spiegel, Zeit und der Tagesschau zu finden, ebenso wie hunderte rassistische Kommentare darunter, die ähnliche Gewalt auch in Deutschland fordern. Die Zeit hat mittlerweile einen<a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/unruhen-belfast-nordirland-gewalt-migration-rassismus"> Text von Fiona Weber-Steinhaus</a> veröffentlicht, der sich den Ursachen detaillierter annähert. Und es gab am 13. Juni tatsächlich eine Demonstration in Belfast: Tausende Menschen versammelten sich vor der altehrwürdigen City Hall, um gegen die Gewalt zu protestieren und um ihre Solidarität mit ihren Mitbürgern auszudrücken.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schaue ich von Berlin auf Belfast, so scheint mir die Antwort auf faschistische Instrumentalisierung: Solidarität, und die Anerkennung der Fehler der Vergangenheit – etwas, das auch in Deutschland nicht fehl am Platz wäre. Der Belfaster Dichter John Hewitt, nach dem einer der besten Pubs der Stadt nahe des Writer&#8217;s Square benannt ist, umschreibt das in seinem Gedicht <em>An Ulsterman</em>, welches er 1969 zu Beginn der <em>Troubles</em> verfasst hat:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Though creed-crazed zealots and the ignorant crowd,</em><br><em>long-nurtured, never checked, in ways of hate,</em><br><em>have made our streets a byword of offence,</em><br><em>this is my country, never disavowed.</em><br><em>When it is fouled, shall I not remonstrate?</em><br><em>My heritage is not their violence.&nbsp;</em></p>



<div style="height:59px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



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<p class="wp-block-paragraph">Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@kmitchhodge?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">K. Mitch Hodge</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/my-heritage-is-not-their-violence-die-missverstandene-gewalt-von-belfast/">My heritage is not their violence &#8211; Die missverstandene Gewalt von Belfast</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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