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		<title>Wem die Bäuche gehören &#8211; Über die Geschichte der Geburt</title>
		<link>https://54books.de/wem-die-baeuche-gehoeren-ueber-die-geschichte-der-geburt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Helena Barop]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Apr 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Kulturgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Helena Barop Wer an Geburt denkt, denkt nicht zuerst an Macht. Geburt, das ist für viele ein Wunder und ein biografisches Großereignis,&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/wem-die-baeuche-gehoeren-ueber-die-geschichte-der-geburt/">Wem die Bäuche gehören &#8211; Über die Geschichte der Geburt</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>von <a href="https://helenabarop.de/">Helena Barop</a></p>



<div style="height:14px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Wer an Geburt denkt, denkt nicht zuerst an Macht. Geburt, das ist für viele ein Wunder und ein biografisches Großereignis, es ist der Moment, an dem ein Lebenslauf beginnt und mindestens ein anderer Lebenslauf einen Wendepunkt erreicht. Der Moment, in dem plötzlich alles anders ist. Geburt, das ist Schleimpfropf, Wehe, Blut, Fruchtwasser, Nabelschnur. Das ist Wehentropf, CTG und Dammschnitt, das ist Saugglocke, Zange und Kaiserschnitt, das sind Millionen intime Geschichten, vollkommen einzigartig und universell zugleich. Geburt? 16. April 2026, 13 Uhr 23, 3620 Gramm, 52 Zentimeter. Mutterkuchen, Wochenfluss, Milcheinschuss. Und dann diese winzigen Füßchen.</p>



<p>Die Frage der Macht bleibt hinter den emotionalen Abgründen und Höhenflügen rund um den errechneten Termin häufig ungestellt und damit unhinterfragt. Doch wie Geburten verlaufen, wie sie erlebt werden und welche Folgen sie haben, hängt ganz entscheidend davon ab, wer im Geburtsraum die Macht hat – und wer nicht.</p>



<p>Als Historikerin verstehe ich die Machtkonstellation im Geburtsraum als etwas Gewachsenes, das sich unter bestimmten historischen Umständen auf eine bestimmte Weise entwickelt hat. Wir können diese Entwicklung rekonstruieren und erklären, wir können verstehen, warum sie stattgefunden hat – und dann können wir die gegenwärtige Situation in diese Entwicklung einordnen und uns fragen, wie es weitergehen soll. Warum und wie hat sich die Macht im Geburtsraum verschoben und warum gelingt es uns bis heute häufig nicht, Gebärende wirksam vor Gewalt zu schützen? Davon möchte ich erzählen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Macht der Hebamme</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Meine Spurensuche beginnt in der europäischen Antike, also ungefähr im 5. Jahrhundert v. Chr., weil in dieser Zeit die ältesten schriftlichen Quellen zum Thema entstanden.. Die antike Geburtshilfe war eine ausgesprochen aktive Angelegenheit: Weil man wusste, dass bei lange dauernden Geburten die Komplikationsrisiken steigen, wollte man die Sache möglichst beschleunigen. Dabei wurde Gebärende festgehalten, man drückte auf ihren Bäuchen herum,weitete die Geburtswege, Fruchtblasen wurden gesprengt &#8211;&nbsp; Eingriffe waren an der Tagesordnung.</p>



<p>Wenn die von Männern verfassten Texte zur Geburtshilfe die Wirklichkeit halbwegs treffend abbilden, dann war es offensichtlich die Hebamme, die damals im Geburtsraum die Entscheidungen traf. Männer waren im Geburtsraum nicht zugelassen. Die Hebamme war ähnlich ausgebildet wie die männlichen Ärzte und zuständig für die Frauen- und Kinderheilkunde. Ihre Weisungen wurden befolgt und es gab auch außerhalb der Geburtsstube niemanden, der sie kontrollierte. Ihre Entscheidungen traf sie grundsätzlich nach einem einfachen Grundsatz: Die Gesundheit und das Wohlergehen der Mutter hatten Priorität. Der Fötus und auch das Neugeborene galten noch nicht als Person mit Rechten. Im Notfall wurde sogar das Leben des Kindes geopfert, um die Mutter zu retten.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Das Kind bekommt Rechte</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Seit ungefähr dem 4. Jahrhundert n. Chr., seit der Spätantike also, wurde die Konstellation im Geburtsraum komplizierter. Das hing vor allem mit einer Umdeutung des Geburtsgeschehens durch die Kirchenväter zusammen: Sie hatten in der Bibel ein paar Zitate zusammengesucht, aus denen hervorging, dass die Schmerzen unter der Geburt als Sühne für die Erbsünde zu werten seien. Gebärende waren also als Frauen grundsätzlich selber schuld an ihrem Leid. Damit sank das Interesse daran, den Gebärenden aktiv zu helfen und ihre Schmerzen zu lindern.</p>



<p>Hinzu kam, dass nun auch das Kind seinen großen Auftritt hatte &#8211; sogar schon vor der Geburt: War es zuvor rechtlos gewesen und erst zu einem Menschen geworden, wenn der Vater es vom Boden aufhob, ging man nun davon aus, dass es schon im Mutterleib mit einer Seele ausgestattet worden war. Diese Seele musste nun nicht unbedingt ein langes Leben haben – aber wenn das Kind starb, ehe es geboren und getauft war, landete diese Seele im Fegefeuer. Die Position des Kindes hatte sich damit entscheidend verbessert, doch gleichzeitig entstand so zum ersten Mal ein Interessenkonflikt zwischen Kind und Mutter.&nbsp;</p>



<p>Ausbalancieren musste diesen Konflikt die Hebamme. Sie traf die Entscheidungen und wurde auch im Mittelalter weitgehend von den Obrigkeiten in Ruhe gelassen. Die Sorge um das kindliche Seelenheil verlieh ihr sogar eine ganz besondere Macht: Drohte das Kind zu sterben, konnten Hebammen es taufen. Sie waren damit die einzigen Frauen, die ein Sakrament spenden durften.</p>



<p>Wie genau Hebammen mit diesem Interessenkonflikt umgingen und wie groß die Möglichkeiten der Gebärenden waren, in das Geschehen einzugreifen, ist schwer zu ermitteln, weil uns dazu die Quellen fehlen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Flache Hierarchien im mittelalterlichen Geburtsraum</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Das ändert sich in der Frühen Neuzeit, also ab dem 16. Jahrhundert, als der Buchdruck erfunden war und die Schriftlichkeit sich in Europa ausbreitete. Die Situation in der Geburtsstube hatte sich gegenüber dem Mittelalter nicht grundsätzlich geändert. Geburtshilfe fand als kollektive Selbsthilfe statt: Sobald die Wehen einsetzten, versammelten sich die Gebärende, ihre Hebamme und ein paar Helferinnen aus der Nachbarschaft am Herdfeuer oder im Stall. Ihr Fokus lag (wie schon im Mittelalter) vor allem auf den volksmagischen Praktiken, die die Gebärende und das Kind vor bösem Zauber, Unholden und anderen übersinnlichen Gefahren schützen sollten.&nbsp;</p>



<p>Anders als in der Antike überließ man den Geburtsverlauf in dieser Zeit weitgehend der Natur, die schon im Mittelalter als Idee ihren ersten großen Auftritt hatte. Wahrscheinlich war in diesem Frauenraum die Hierarchie üblicherweise flach: Die Hebamme war zwar von einer anderen Hebamme in der Praxis ausgebildet und dann von den Frauen des Dorfes gewählt worden, sie war aber ansonsten eine von ihnen, man kannte und vertraute sich und man war aufeinander angewiesen. Weil die Hebamme gewählt war und auch wieder abgesetzt werden konnte, hingen ihr Job, ihr Einkommen und ihre Ehre stark davon ab, dass sich die Gebärenden von ihr gut behandelt fühlten. Dass sie sich gewaltvoll über die Wünsche und Bedürfnisse der Gebärenden hinwegsetzte, mag trotzdem vorgekommen sein – doch die Gebärenden waren diesem Handeln nicht wehrlos ausgeliefert.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Ein Werkzeugkasten für die Geburt</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Das änderte sich jedoch im Laufe der kommenden Jahrhunderte. Mit der Renaissance begann eine Zeit, in der sich die akademische Medizin weiterentwickelte und zunehmend in die Frauenheilkunde einmischte. Die ausschließlich männlichen Gelehrten hatten keinerlei Erfahrung mit Geburten, denn sie waren immer aus der Geburtsstube ausgeschlossen gewesen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, die antiken Lehrbücher zu lesen, die Hebammen auf dieser Grundlage zu prüfen und auszubilden und ihnen zunehmend vorzuschreiben, was zu tun war. In komplizierten Fällen wurden nun immer häufiger Chirurgen hinzugerufen. So begann der Machtkampf zwischen Ärzten und Hebammen, dessen Gespenst noch heute durch manche Kreißsäle geistert.</p>



<p>Mit den akademischen Ärzten zog ein neues Denken in die Kreißsäle ein. Dass Hebammen Geburten mithilfe von Talismanen und der Natur leisteten, hielten die Ärzte für Aberglauben und Unfug. Das jahrhundertealte Erfahrungswissen der Hebammen, das man heute als sensibel für psychosomatische Zusammenhänge bezeichnen würde, und das eine ganze Menge hilfreicher Handgriffe umfasste, wurde grundsätzlich als „Weibergewäsch“ abgetan und verworfen.</p>



<p>Stattdessen brachten die Ärzte der Aufklärung ihre mechanische Vorstellung von Körperlichkeit mit und verhielten sich folglich auch wie Mechaniker. Ihr Fokus lag auf der Entwicklung von Werkzeugen, sie entwarfen Zangen und Hebel, sie vermaßen Beckenausgänge und Kopfumfänge, und sie verfrachteten die Gebärenden auf eine Hebebühne, damit sie besser sehen und werkeln konnten. Der gynäkologische Stuhl, auf dem die Patientinnen jetzt mit festgeschnallten Füßen (und manchmal auch Armen) auf dem Rücken lagen und gegen die Schwerkraft ihre Kinder zur Welt bringen sollten, hatte allein mit dieser Logik zu tun – und nicht mit der Physiologie des Gebärens.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Gebärende wird zum Objekt degradiert</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Mit den Ärzten zog eine neue Hierarchie in die Geburtsstube ein. Wo sie auftauchten, rissen sie die Macht an sich und entmündigten alle anderen. So sehr waren sie an diese Rollenverteilung in den durch und durch patriarchalen Gesellschaften der europäischen Frühen Neuzeit gewöhnt, dass alles andere undenkbar gewesen wäre. Die Hebamme wurde zur Assistentin des Arztes degradiert, die nur so lange zuständig war, bis ein Problem auftauchte. Die Patientin wurde zum Objekt der Behandlung, und später zu einem Datensatz in einem Denksystem, das seine Erkenntnis nicht zuletzt aus Statistiken ableitete. Sie wurde behandelt, sie wurde entbunden, anstatt selbst zu gebären. Gefragt, was sie wollte, und was sie für richtig hielt, wurde sie nur noch selten.</p>



<p>Die Gewalt, die Gebärende in dieser neuen Situation der Unterwerfung „zu ihrem eigenen Besten“ erleben mussten, ist so atemberaubend, dass Beschreibungen vorsorglich mit einer Triggerwarnung versehen werden sollten. Die Situation, die so im Geburtsraum entstand, birgt eine Ambivalenz, die nur schwer auszuhalten ist. Zunächst machte die Geburtsmedizin unter der neuen Herrschaft der Ärzte Rückschritte. Unter den Händen der Ärzte wurde das Gebären zunächst gefährlicher: Weil man nicht bereit war, das bestehende Wissen ernst zu nehmen und zu integrieren, weil die experimentellen mechanischen Eingriffe häufig zunächst nur schlecht funktionierten, und weil bei den häufigen Untersuchungen und Eingriffen die noch unerkannte Infektionsgefahr stieg.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Ambivalente Erfolge</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Erst im späten 19. Jahrhundert brachte dann aber die akademische Geburtsmedizin mit ihren menschenverachtenden Methoden bahnbrechende Erfolge hervor, die eine wichtige Grundlage dafür sind, dass heute nur noch sehr wenige Menschen im Zusammenhang mit Geburten sterben. Es sind Fortschritte, die wohl keine Gebärende im Werkzeugkasten der Medizin missen möchte: Die Narkose ermöglichte es, dem Geburtsschmerz medikamentös zu begegnen. Die dreischichtige Kaiserschnittnaht machte die Schnittentbindung zum ersten Mal für die Mutter überlebbar. Und die Antiseptik, die ebenfalls auf einer Gebärstation entdeckt wurde, rettete unzählige Menschenleben – weil Ärzte (wenn auch zögerlich) begannen, sich die Hände zu desinfizieren, ehe sie an den Körpern ihrer Patient*innen herumwerkelten.</p>



<p>All diese Errungenschaften waren Produkte der akademischen Wissenschaft, die hemmungslos an ihren Patient*innen forschte. Erst im 20. Jahrhundert erreichte die Geburtsmedizin dann ihr Ziel: Eine regelrechte Kaskade von Entwicklungen führte seit den 1950er Jahren dazu, dass die Geburt immer kontrollierbarer wurde. Parallel sanken auch die Todesraten – wobei dies nicht allein eine Folge des wissenschaftlichen Fortschritts war, sondern auch auf die besseren Lebens- und Ernährungssituationen der Menschen in der modernen Industriegesellschaft. Die nie gekannte Sicherheit schien der akademischen Geburtsmedizin recht zu geben – und so erklärte sie das Gebären zu einem medizinischen Notfall, der in der Klinik überwacht werden müsse.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Kontrollwut und Interessenkonflikt</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Den Höhepunkt der Kontrollwut erreichte die Geburtsmedizin in Europa in den 1970er Jahren. In Westdeutschland machten sich nun die Gynäkologen (und immer häufiger auch die Gynäkologinnen) daran, die Geburt zu „programmieren“, sie also von Anfang bis Ende engmaschig zu überwachen und mit allen möglichen Methoden zu steuern. Eine solch engmaschige Kontrolle setzte jedoch voraus, dass die Gebärenden sich den Anweisungen ihrer Ärzte fügten.</p>



<p>Das taten sie jedoch schon bald nicht mehr ohne Widerspruch. Mit der Frauenbewegung änderte sich die Konstellation in der Geburtsstube erneut. Die Alleinherrschaft der Ärzte über den Kreißsaal war vorüber, Frauen begannen, für ihre Rechte einzustehen – und die Situation begann, sich langsam zu verbessern. Nun wurde es richtig kompliziert: Neben dem Arzt, der an seine Macht gewöhnt war und der die Verantwortung trug, war da nun nicht mehr nur die Hebamme, die mitunter ein anderes Bild vom Gebären hatte. Da war nun plötzlich auch eine Gebärende, die sich nicht mehr alles gefallen ließ, die fand, ihr Bauch gehöre ihr, und die sich gegen Eingriffe zu wehren begann, was nicht selten zu gewaltvollen Konfliktsituationen führte.</p>



<p>Nicht zuletzt war inzwischen außerdem das Kind im Kreißsaal sehr anwesend: Die meisten der neuen geburtshilflichen Geräte und Untersuchungsmethoden zielten darauf ab, den Zustand des Kindes zu überwachen. angsam kam man auf die Idee, das Kind könnte möglicherweise sogar etwas wahrnehmen und eigene Empfindungen erleben, auf die man nun ebenfalls Rücksicht zu nehmen begann. Der Einzige, der weiter nichts zu sagen hatte, war der Vater. Er war neuerdings im Kreißsaal zugelassen, und vermutlich hatte er auch gewohnheitsmäßig eine Meinung – doch ihn fragte niemand, und in diesem Sinne war die neue Situation im Kreißsaal sozusagen eine anti-patriarchale, in der eben nicht der Vater herrschen durfte.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Der emanzipatorische Wind kommt auf</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Mit der Emanzipation tauchten im Kreißsaal nicht nur Gebärende auf, die über Eingriffe informiert werden wollten und mitunter gegen sie Widerstand leisteten. Schwangere und Gebärende entwickelten außerdem zunehmend eigene Vorstellungen davon, was eine gute Geburt sei. Mit dem Prinzip „Hauptsache gesund“ und möglichst unter Kontrolle waren sie nicht mehr immer einverstanden. Immer häufiger erhoben sie den Einwand, dass die technisierte Apparatemedizin nicht nur Sicherheit bringe, sondern dass sie auch vom natürlichen Geburtsprozess entfremde. Immer mehr Schwangere wünschten sich deshalb eine “natürliche”, vaginale Geburt ohne Medizinische Eingriffe.</p>



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<p>Und während die medizinischen Möglichkeiten, Geburten zu überwachen, zu beeinflussen und zu steuern immer besser wurden, häufte sich auf der anderen Seite in den folgenden Jahrzehnten die wissenschaftliche Evidenz, dass es tatsächlich ein Zuviel des Programmierens und Kontrollierens geben könnte. Je mehr darüber bekannt wurde, wie die physiologische Geburt auf der hormonellen Ebene funktioniert, umso klarer wurde, dass psychosomatische Faktoren für das Gebären eine entscheidende Rolle spielen. Wissenschaftlich war das rein mechanische Denken der Aufklärung nun überholt – und die Schutzzauber der Frühen Neuzeit entpuppten sich im Rückblick als wirksam. Jahrhunderte, nachdem die Ärzte die Talismane und Zaubersprüche als abgeschmackten Aberglauben verworfen hatten, verstehen wir heute, dass Vertrauen und Beruhigung komplikationsarme Geburtsverläufe fördern und dass (Auto-)Suggestion und Placebo eine viel Größere Macht haben, als es die Ärzte der Aufklärung ahnen konnten.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Sind wir da, wo wir hinwollen?</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Im Lauf der letzten fünfzig Jahre kamen mehrere Entwicklungen zusammen, die für ein besseres Gebären wichtige Voraussetzungen sind: Das mechanische Denken wurde von einem ganzheitlicheren Verständnis abgelöst und psychosomatische Aspekte werden zunehmend ernst genommen. Die Emanzipationsbewegung führte dazu, dass Frauen zunehmend über ihre Körper bestimmen dürfen: Seit 1988 ist jede Untersuchung und jeder Eingriff, die ohne informierte Einwilligung geschehen, eine Körperverletzung. Und das Repertoire an geburtshilflichen Eingriffen hat sich so weit ausdifferenziert, dass das Gebären so sicher ist wie nie.</p>



<p>All diese Entwicklungen weisen in eine vielversprechende Richtung. Gebärende sind heute in Deutschland so sicher, frei und mächtig wie noch nie. Geburten bleiben überraschend, nie lassen sie sich komplett kontrollieren und vorhersehen. Aber es bestehen die Voraussetzungen, die nötig wären, um ihnen in den allermeisten Fällen eine Geburt zu ermöglichen, die den Wünschen der Gebärenden nah kommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Auf dem Papier, nicht im Kreißsaal</strong></h3>



<p><strong><br></strong>Doch diese Voraussetzungen werden noch nicht immer genutzt. Denn die alten patriarchalen Gewaltgewohnheiten sind noch nicht aus dem Kreißsaal verschwunden. Noch immer werden Gebärende entmündigt und übergangen, noch immer erleiden sie in erschreckend vielen Fällen Übergriffe und Gewalt. Diese Gewalt hat viele Ursachen, doch eine davon ist der historische Ballast: Die alten Bilder davon, was Ärzt*innen dürfen und was Patient*innen dürfen sind zwar auf dem Papier bereinigt, doch in den Köpfen und Körpern leben sie fort.</p>



<p>Die Machtkonstellation im Kreißsaal ist komplex: Da sind mehrere Leute, die einander häufig nicht kennen, die unterschiedlich viel wissen, unterschiedlich viel tun können und unterschiedlich viel entscheiden dürfen. Sie müssen in einer unsicheren Situation mit unklarem Ausgang gemeinsam Entscheidungen treffen. Das ist eine Herausforderung, und wir befinden uns in einem Lernprozess, denn historisch ist diese Situation noch brandneu. Um dieser Herausforderung zu begegnen, würde es sich lohnen, mehr Fokus auf die Kommunikation im Kreißsaal zu legen. Wie lässt sich in dieser besonderen Situation ein Gespräch gestalten, bei dem auch unter Zeitdruck niemand übergangen wird? Wie lässt sich das Klinikpersonal in einer Weise entlasten, die mehr Energie für traumasensiblen Umgang und rücksichtsvolle Gespräche lässt? Welche Erwartungen an den vermeintlich “schönsten Tag des Lebens” führen zu mehr Enttäuschung, als uns allen lieb sein kann? Was brauchen Geburtshelfer*innen, um gemeinsam gegen Gewalt vorgehen zu können? Wie können Gebärende sich wirksam gegen Übergriffe wehren?Es ist an der Zeit, diesen Lernprozess reflektiert und gezielt zu gestalten.&nbsp;</p>



<p>Dabei kann es helfens, die Entstehungsgeschichte der aktuellen Situation zu verstehen. Die Geschichte der Geburtshilfe setzt unsere Gegenwart in Perspektive. Nachdem ich tiefe Blicke in die historischen Geburtsstuben geworfen habe, nehme ich die Gegenwart mit gemischten Gefühlen wahr: Da ist eine Menge Wut über das Ausmaß der patriarchalen Gewalt und darüber, dass diese Gewalt noch immer stattfindet. Da ist aber auch eine große Dankbarkeit. Sehr viele Komplikationen, die für Gebärende vergangener Jahrhunderte ausgesprochen schmerzhaft, gefährlich oder tödlich waren, haben wir heute so sehr im Griff, dass wir kaum noch etwas von ihnen wissen. Könnte ich mir einen Moment in der Geschichte der Geburt aussuchen, in dem ich mein Kind gebären will &#8211; ich würde ohne zu zögern die Gegenwart wählen. Oder vielleicht sogar die Zukunft.&nbsp;Diese Mischung aus Wut und Dankbarkeit sind eine gute Voraussetzung dafür, dass wir die letzten Meter auf dem Weg zu einer sicheren <em>und</em> gewaltfreien Geburtshilfe auch noch schaffen.</p>



<p></p>



<p><em>Helena Barop <a href="https://www.penguin.de/buecher/helena-barop-mythen-macht-und-muttermund/buch/9783827501974">&#8222;Mythen, Macht &amp; Muttermund&#8220;</a> ist am 16. April 2026 im Siedler Verlag erschienen</em></p>



<div style="height:76px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@chrishcush?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Christian Bowen</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/person-mit-grauem-hemd-legt-baby-auf-die-waage-I0ItPtIsVEE?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p></p>
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		<title>Heiße Szenen, heiße Diskussionen &#8211; “Heated Rivalry”, t.A.T.u. und die Geopolitik</title>
		<link>https://54books.de/heisse-szenen-heisse-diskussionen-heated-rivalry-t-a-t-u-und-die-geopolitik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norma Schneider]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Homophobie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Norma Schneider Manche beschreiben es als eine lebensverändernde Erfahrung. Sie teilen ihr Leben ein in „BHR“ und „AHR“ – before and after&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>von <a href="https://bsky.app/profile/normaschneider.bsky.social">Norma Schneider</a></p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Manche beschreiben es als eine lebensverändernde Erfahrung. Sie teilen ihr Leben ein in „BHR“ und „AHR“ – <a href="https://www.reddit.com/r/heatedrivalry/comments/1rjhs15/my_life_is_officially_divided_into_bhr_and_ahr/">before and after <em>Heated Rivalry</em></a>. Die kanadische Serie über zwei Eishockeyspieler aus konkurrierenden Teams, die sich ineinander verlieben, hat einen internationalen Hype ausgelöst – und wirkt bei manchen Zuschauer*innen wie eine Droge, von der sie nicht mehr runterkommen. Sie schauen die sechs Folgen über den Kanadier Shane Hollander und den Russen Ilya Rozanov in Endlosschleife, lesen mehrmals hintereinander die Buchvorlage von Rachel Reid und ihre Social-Media Timelines bestehen – dem Algorithmus sei dank – fast ausschließlich aus Videos, die sich mit der Serie auseinandersetzen. Auch ihr Offline-Leben bleibt davon nicht unberührt: Viele besuchen plötzlich Eishockeyspiele, haben sich von den Muskeln der Darsteller zum Krafttraining motivieren lassen oder lernen Russisch, weil für sie die Sprache aus dem Mund der russischen Hauptfigur so sexy klingt. Und vor allem: Nicht wenige fühlen sich bestärkt, ihre Queerness offen zu leben und zu zeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>The hype is real</strong></h3>



<p>Die Serie erzählt eine romantische Geschichte, die sich gegen Homofeindlichkeit und andere Widerstände behauptet, und spart dabei nicht an ungewohnt expliziten Sexszenen. Das scheint einen Nerv getroffen zu haben – beziehungsweise gleich mehrere. Auch wenn es mittlerweile keinen Mangel mehr an queeren Geschichten in der Popkultur gibt – ein Happy End haben sie noch immer selten. Dass eine Serie wie <em>Heated Rivalry</em> eine so positive, schöne Liebesgeschichte über zwei Männer erzählt, ist noch immer nicht selbstverständlich. Queere Zuschauer*innen fühlen sich gesehen, nicht zuletzt auch solche, die Ähnliches erlebt haben wie die Hauptfiguren. Die Darsteller Connor Storrie und Hudson Williams, die dank der Serie innerhalb weniger Monate von arbeitslosen Schauspielern mit Kellnerjobs zu international gefragten Stars geworden sind, berichten, dass sie <a href="https://www.out.com/gay-athletes/hudson-williams-closeted-athletes-dms">Dankesnachrichten von nicht geouteten Profisportlern erhalten haben.</a></p>



<p>Da mag es zunächst überraschend sein, dass die Serie besonders bei heterosexuellen Frauen beliebt ist. Das könnte daran liegen, dass sie hier erotischen Content mit schönen Männern zu sehen bekommen, ohne dass patriarchale Hetero-Dynamiken den visuellen Genuss stören und ohne dass Frauenfiguren als Love-Interest vorkommen, mit denen man sich vergleichen müsste. In <em>Heated Rivalry</em> übernehmen die männlichen Figuren das, was sonst oft an den weiblichen Charakteren hängen bleibt: Sie kommunizieren, lassen Gefühle zu, zeigen sich verletzlich – und legen somit eine gesündere Form von Männlichkeit an den Tag als viele Hetero-Männer. Nicht wenige Frauen, die Männer daten, dürften sich nach so etwas sehnen.</p>



<p>Um <em>Heated Rivalry</em> zu genießen, muss man sich weder für Eishockey noch für Romance interessieren, denn die Serie ist – vor allem für eine Low-Budget-Produktion – filmisch und dramaturgisch beeindruckend gut inszeniert. Und sie stellt sich einem <a href="https://www.dw.com/de/netflix-serien-filme-algorithmen-abgelenkt-second-screen-nutzung-smartphone/a-75896089">aktuellen Trend in der Produktion und dem Konsum von Serien</a> entgegen: Streaminganbieter wie Netflix kalkulieren mittlerweile ein, dass viele beim Serienschauen gar nicht mehr die meiste Zeit den großen Bildschirm im Blick haben, sondern das Smartphone einen Großteil der Aufmerksamkeit bindet. Deswegen wird mittlerweile bewusst darauf geachtet, möglichst viele Informationen in den Dialog zu packen und das Wichtigste mehrfach zu erwähnen, damit die Zuschauer*innen auch mitkommen, wenn sie abgelenkt sind. Bei <em>Heated Rivalry </em>allerdings muss man hinschauen: Wichtige Momente und Entwicklungen finden rein auf der visuellen Ebene statt, wer einen Blick oder eine gezeigte Textnachricht verpasst, verpasst wichtige Handlungselemente. Angesichts der visuell ansprechenden Umsetzung, der sehr guten Schauspieler und der vielen erotischen Szenen will man aber auch gar nicht wegsehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Comeback einer problematischen queeren Hymne</strong></h3>



<p>Das Internet ist voll von Videos und Reels mit Zusammenschnitten der schönsten Momente und mehr oder weniger tiefgründigen Analysen der Serie. Die meisten von ihnen sind mit demselben Lied unterlegt: dem Pophit <em>All the Things She Said </em>von 2002. Der Song des russischen Duos t.A.T.u. war damals ein Welterfolg und das Musikvideo, in dem die beiden Teenager-Sängerinnen Lena Katina und Julia Volkova in Schulmädchenuniform durch den Regen tanzen und sich küssen, ein Skandal. Viele queere Menschen feierten damals den Song, der zu einer Zeit herauskam, als es auch in Russland noch Hoffnung auf eine Zukunft mit mehr Offenheit und Vielfalt gab. 2004 wurde allerdings bekannt, dass Katina und Volkova keineswegs, wie behauptet, ein Paar und auch nicht lesbisch waren. Die Inszenierung war die Idee des Produzenten Iwan Schapowalow – und weniger ein Fall von Queerbaiting als von klassischem Male Gaze.</p>



<p>Trotzdem blieb der Song in der lesbischen und queeren Community beliebt, auch in Russland, wo die queerfeindlichen Gesetze seit damals immer härter wurden. Wie problematisch das Lied ist, wurde aber spätestens 2014 klar, als Volkova sich extrem queerfeindlich äußerte: Männer hätten kein Recht, „Schwuchteln” zu sein, <a href="https://www.starobserver.com.au/news/celebrity-news/t-a-t-u-singer-i-just-want-my-son-to-be-a-real-man-not-a-fag/128033">einen schwulen Sohn würde sie nicht akzeptieren</a>. 2021 kandidierte sie außerdem für Putins Partei Einiges Russland. Katina äußerte sich zwar unterstützend zur LGBTQIA*-Community, doch weder zu Volkova noch zum Putin-Regime scheint sie eine nennenswerte Distanz aufgebaut zu haben: 2025 kam es zu einer Reunion der Band, unter anderem mit einem Auftritt auf der von Russland besetzten Krim – ein eindeutiges politisches Zeichen.</p>



<p>Damit hat sich <em>All the Things She Said</em> wohl als queere Hymne disqualifiziert, sollte man meinen. In <em>Heated Rivalry</em> allerdings wurde eine ikonische Szene mit dem Song unterlegt – und in der Folge stieg das Lied wieder kurzzeitig in die Charts ein. Viele von denen, die <em>All The Things She Said </em>dieser Tage in <em>Heated-Rivalry</em>-Clubnächten und auf queeren Partys aus vollem Halse mitsingen, waren 2002 noch gar nicht geboren und dürften sich der Problematik nicht bewusst sein. Jacob Tierney, Drehbuchautor und Regisseur von <em>Heated Rivalry</em>, kannte die schwierige Geschichte des Liedes und wählte es trotzdem für die eindringliche Club-Szene in Folge 4. Für ihn bleibt <em>All the Things She Said</em> ein queerer Song, der einen Nerv bei queeren Menschen getroffen hat, <a href="https://people.com/heated-rivalry-made-ultimate-needle-drop-tatu-2002-hit-exclusive-11874141">sagte er gegenüber dem Magazin <em>People</em></a>. „Ich habe das Gefühl, das ist jetzt unser Song, also fuck you. Und jetzt werde ich ihn noch gayer machen, also fuck you harder.“ Vielleicht ist es ja auch ein bisschen wie Rache an Volkova mit ihren homofeindlichen Aussagen, dass ihr Song nun Tausende Videos über eine schwule Liebesgeschichte untermalt. Ein rebellischer Akt der queeren Aneignung. Man fragt sich aber etwas besorgt, verdienen da nicht gerade sehr unangenehme Leute Geld mit unserer queeren Euphorie, jedes Mal wenn wir das Lied streamen?</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Illegale Streams in Russland</strong></h3>



<p>Die Problematik von <em>All the Things She Said</em> ist eng verbunden mit einem oft wenig beachteten Aspekt der <em>Heated-Rivalry</em>-Rezeption: Die Darstellung Russlands und der russischen Hauptfigur Ilya (Connor Storrie) in der Serie wird von russischen und ukrainischen Zuschauer*innen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich bewertet. Für viele Queers in Russland, wo die Verbreitung queerer Inhalte mittlerweile vollständig verboten ist und die LGBTQIA*-Bewegung zur extremistischen Organisation erklärt wurde, ist die Serie ein Anker, ein Moment von Hoffnung und Schönheit – auch weil die positive Liebesgeschichte von jemandem handelt, mit dem sie sich identifizieren können. Immer wieder ist Ilyas Struggle mit seiner homofeindlichen Familie und seiner homofeindlichen Heimat Thema in <em>Heated Rivalry</em>.</p>



<p>Schätzungsweise Hunderttausende haben die Serie in Russland illegal gestreamt, auf der russischen <a href="https://www.kinopoisk.ru/series/9997408/?utm_referrer=zygaro.substack.com">Onlineplattform Kinopoisk</a> haben über 60.000 User*innen die Serie bewertet, mit der Wertung 8,3/10 macht sie dort <em>Breaking Bad</em> und <em>Game of Thrones</em> Konkurrenz. Auch die Buchvorlage ist heiß begehrt. So finden sich unter dem <a href="https://www.instagram.com/p/DTk1MdViG7l/">Instagram-Post einer kirgisischen Buchhandlung</a>, die den Raubdruck einer inoffiziellen russischen Übersetzung von Rachel Reids Roman vertreibt, unzählige Kommentare mit der gleichen Frage: „Versendet ihr nach Russland? Was kostet das Porto?“ Auch um eine Lieferung nach Usbekistan wird in den Kommentaren gebeten, wo auf Sex zwischen Männern eine mehrjährige Haftstrafe steht.</p>



<p>Auf Social Media finden sich auch Stimmen, die einen positiven Effekt der Serie auf die Wahrnehmung von Osteuropäer*innen in westlichen Ländern vermelden: Endlich fühle man sich mit seinem osteuropäischen Akzent nicht mehr abgewertet, weil die ganze Welt plötzlich jemanden heiß findet, der so spricht wie man selbst. Tatsächlich scheinen die russische Sprache und der Akzent plötzlich wieder cool und sexy zu sein, und auf Reddit bestärken sich Fans in ihren Bemühungen, Russisch zu lernen. Es deutet allerdings einiges darauf hin, dass es sich bei diesem neuen Interesse an der russischen Sprache vor allem um eine Fetischisierung handelt, die sich natürlich auch kommerziell verwerten lässt. So nutzt etwa die <a href="https://www.tiktok.com/@duolingodeutschland/video/7600820104477019414">Sprachlern-App Duolingo</a> Anspielungen auf die Serie als Werbung für ihren Russischkurs. Gleichzeitig beugte sich die Firma 2024 dem Putin-Regime und tilgte <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/lgbtq-unerwuenscht-duolingo-loescht-lektionen-in-russland-a-7a9f9625-130b-4954-ad72-85a5ff50b4fc">in Russland alle Verweise auf Queeres aus den Sprachkursen</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Der vergessene Krieg</strong></h3>



<p>Dass einige Fans ihre Posts über die Schönheit der russischen Sprache auch gleich mit Russlandflaggen versehen, deutet auf eine Ignoranz gegenüber der weltpolitischen Lage und Russlands verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hin. Ukrainische Stimmen beklagen auf Social Media, dass die Darstellung Russlands in <em>Heated Rivalry </em>zu einer Verharmlosung oder sogar Idealisierung des Landes führt. Russland wird zwar keineswegs positiv dargestellt, sondern als traumatisierender homofeindlicher Ort, an den Ilya nicht mehr zurückkehren will, doch dass eine russische Figur hier so viel Empathie und Aufmerksamkeit erhält, beklagen viele als nicht neutral. Userin <a href="https://www.instagram.com/p/DVa49hvCHwk/?img_index=1">alienerys_ schreibt auf Instagram</a>, dass hier eine „missverstandene russische Figur“ und deren individuelles Leid im Mittelpunkt stehen. Das verlagere „den Fokus von Russlands Gewalt auf den armen, leidenden Russen auf dem Bildschirm“. Statt echten Ukrainer*innen, die von russischen Soldaten angegriffen und getötet werden, <a href="https://www.instagram.com/p/DVgxL3fiDge/?img_index=1">gelte unsere Empathie einem fiktiven Russen.</a></p>



<p>Besonders häufig wird kritisiert, dass in <em>Heated Rivalry</em> die olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi zum Kontext der Serie gemacht wird – und dabei zwar Homofeindlichkeit und Schimmel im olympischen Dorf thematisiert werden, nicht aber die Krim-Annexion nur wenige Tage nach Ende der Spiele. Die ukrainische Content-Creatorin yep4andy mit über 600.000 Follower*innen nennt die Show deswegen „straight up evil“. Es sei ein wenig so, als würde man über den 11. September sprechen, aber dabei nur sagen, dass Al-Qaida homofeindlich sei, <a href="https://www.instagram.com/p/DTptdqTDRgR/">ohne den Terrorangriff mit seinen Tausenden Opfern zu erwähnen.</a> Angesichts der schwindenden Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine, die täglichen Luftangriffe und den Terror, dem die Bevölkerung in den besetzten Gebieten ausgesetzt ist, ist die teils sehr emotional vorgetragene Kritik durchaus nachvollziehbar. Aber vielleicht ist sie nicht am richtigen Platz. Denn von einer Romance-Geschichte zu verlangen, nuanciert die aktuelle Nachrichtenlage zu betrachten, ist wohl schlicht zu viel verlangt.</p>



<p>Vielleicht kann auch alles zugleich wahr sein: Die problematische, verharmlosende Rezeption Russlands durch einige Fans der Serie, die fehlende Thematisierung des Ukraine-Krieges und die Tatsache, dass es sich bei <em>Heated Rivalry</em> um eine Geschichte handelt, die Positives bewirken und Menschen Kraft geben kann, egal welche Nationalitäten ihre Hauptfiguren haben. Im Grunde ist es natürlich tatsächlich unfassbar, dass einer fiktionalen Geschichte so viel mehr Aufmerksamkeit und Emotionen gewidmet werden als dem Leid realer Menschen. Aber es ist auch nicht überraschend. Wir leben in einem Zustand permanenter Katastrophen. Kriege, Klimakollaps, Trump, Rechtsruck, you name it. Manchmal möchte man einfach nur etwas Schönes zum Anschauen haben in diesen Zeiten, sich einen Rückzugsort suchen, an dem es zumindest zeitweise einfach gut sein kann – so wie Ilya und Shane ihn im Cottage finden, wo sie für ein paar Wochen zusammen sie selbst sein können. Es ist klar, die Realität, die Queerfeindlichkeit, all das wird sie und uns schnell genug wieder einholen, aber lasst uns vielleicht einfach kurz ausruhen.</p>



<div style="height:35px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@mariahhewines?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Mariah Hewines</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/schwarz-weisse-und-rote-nike-schuhe-s3BIuan-wjo?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/heisse-szenen-heisse-diskussionen-heated-rivalry-t-a-t-u-und-die-geopolitik/">Heiße Szenen, heiße Diskussionen &#8211; “Heated Rivalry”, t.A.T.u. und die Geopolitik</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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		<title>Der gefühlte Bundestrainer &#8211; Herbert Grönemeyer zum 70. Geburtstag</title>
		<link>https://54books.de/der-gefuehlte-bundestrainer-herbert-groenemeyer-zum-70-geburtstag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Wieland Schwanebeck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 12 Apr 2026 09:11:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Grönemeyer]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Popkultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Wieland Schwanebeck Schier unerschöpfliche Kreativität, ausverkaufte Tourneen, hingebungsvoller Einsatz für die Fans über Jahrzehnte – kein Wunder, dass niemand in Deutschland mehr&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/der-gefuehlte-bundestrainer-herbert-groenemeyer-zum-70-geburtstag/">Der gefühlte Bundestrainer &#8211; Herbert Grönemeyer zum 70. Geburtstag</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p>von <a href="https://www.wielandschwanebeck.de/">Wieland Schwanebeck</a></p>



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<p>Schier unerschöpfliche Kreativität, ausverkaufte Tourneen, hingebungsvoller Einsatz für die Fans über Jahrzehnte – kein Wunder, dass niemand in Deutschland mehr Nummer-Eins-Alben vorzuweisen hat als Andrea Berg, die Amigos und Peter Maffay. Immerhin knapp dahinter folgt Herbert Grönemeyer. Dessen Statistik leidet darunter, dass er mit der Produktivität der Amigos nicht Schritt halten kann, deren alljährliche Neuveröffentlichung seit einem Vierteljahrhundert so unvermeidlich ist wie die Weihnachtsansprache des Bundeskanzlers oder die Nachforderung bei den Nebenkosten.</p>



<p>Die Alben von Herbert Grönemeyer, der am 12. April seinen 70. Geburtstag feiert, erscheinen in einem nicht ganz so sturen, aber doch einigermaßen zuverlässigen Rhythmus, der bis in die frühen 2000er-Jahre auf den Turnus der Bundestagswahlen abgestimmt schien. Was ja auch irgendwie passt. Seit Jahrzehnten glänzen Grönemeyers Platten nicht nur mit zahlreichen Ohrwürmern, sondern immer auch mit Einlassungen zur Lage der Nation. Immer gab es zuverlässig mindestens einen Titel, der ein wenig Schlagzeilen-Bingo mit der energischen Aufforderung ans ganze Land verband, doch bitteschön in die Gänge zu kommen und es nicht an Empathie und Engagement fehlen zu lassen: „Die Hintern werden immer breiter / Nur wer aussitzt, der kommt weiter“, heißt es im Song „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=AVuuZCs7YVI&amp;list=RDAVuuZCs7YVI&amp;start_radio=1">Lächeln</a>“ (1986); seinen Nachruf auf die Bonner Republik formulierte Grönemeyer in „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GFYe9vmyYF0&amp;list=RDGFYe9vmyYF0&amp;start_radio=1">Heimat</a>“ (1999): „Kohlpop pur hat ausgegeigt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Solidaritätsbarde</h3>



<p>Die Platten waren zwar keine Frühform des Wahl-O-Mats, und Grönemeyer war – trotz einiger Flirts mit Folk und Troubadourkunst – auch nicht mit den singenden Sozialpädagogen vom Schlage Hannes Waders zu verwechseln. Aber wer Grönemeyer kaufte, bekam neben Liebesballaden und ironischen Abgesängen auf verhinderte Alphamännchen immer auch ein paar vor Pathos nicht zurückschreckende Solidaritätsgesänge mit den Entrechteten und Marginalisierten zu hören. Benjamin von Stuckrad-Barre spöttelte noch zu Beginn der 2000er über Grönemeyer-Fans als eine „sich [diffus] als ,irgendwie links‘ einordnende Schar Lichterkettensteher“, die der naive Wunsch nach einer nicht näher umrissenen ,besseren Welt‘ verbinde. Das ist nur ein kleines Stück von der zynischen ,Gutmenschen‘-Schelte entfernt.</p>



<p>Ein politischer Sänger ist Grönemeyer stets geblieben. In jüngerer Vergangenheit hat er in seinen Songs u.a. Migration, Zwangsprostitution und Rechtsruck thematisiert. Albentitel wie <em>Chaos</em>, <em>Bleibt alles anders</em>, <em>Tumult</em> und <em>Das ist los</em> umreißen beständig eine Gesellschaft, die nicht zur Ruhe kommt. Verändert hat sich allerdings nicht nur der Grönemeyer-Sound, der inzwischen sehr viel elektronischer daherkommt und auf Drum’n’Bass setzt, sondern auch das poetische Verfahren, mit dem er im letzten Arbeitsschritt seine Texte schreibt. In seinem Frühwerk greift Grönemeyer noch auf die etablierten, zum Teil auch abgegriffenen Bilder zurück, aus denen auch der Schlager schöpft, und schreibt realistische, wenn auch überspitzte Alltagsvignetten wie „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=xJJIS64k_LY&amp;list=RDxJJIS64k_LY&amp;start_radio=1">Was soll das</a>“. Seit den 1990ern findet allerdings eine Weiterentwicklung zum ambitionierten Verdichter statt, der sich u.a. am lyrischen Expressionismus orientiert. Seitdem erstreckt sich der sprichwörtlich gewordene Vorwurf der Unverständlichkeit, der häufig gegen Grönemeyers berüchtigte Neigung zum Nuscheln und Knödeln erhoben wird, auch auf seine Bildsprache. Die Suche nach unverbrauchten Bildern (die ich in meiner bei Reclam erschienenen<a href="https://www.reclam.de/produktdetail/herbert-groenemeyer-100-seiten-9783150207918"> Einführung in Grönemeyers Werk</a> näher ausführe) treibt in der Tat manchmal kuriose Blüten und hat u.a. das ziemlich unsingbare Weihnachtslied „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GjpEis7O2Lc&amp;list=RDGjpEis7O2Lc&amp;start_radio=1">Mut</a>“ (2018) hervorgebracht. Daneben hat Grönemeyer allerdings auch eine Reihe von Meisterstücken geschaffen, die längst in den deutschsprachigen Popkanon eingegangen sind. Vor allem auf seinen beiden Alben <em>Bleibt alles anders</em> (1998) und <em>Mensch</em> (2002) gelingt es ihm, private Innerlichkeit so nach außen zu kehren, dass sie zur universalen Ansprache taugt. Titel wie „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=t1plAChSutw&amp;list=RDt1plAChSutw&amp;start_radio=1">Letzte Version</a>“ und „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=p5HHLGm6in0&amp;list=RDp5HHLGm6in0&amp;start_radio=1">Dort und hier</a>“ überzeugen als künstlerische Auseinandersetzungen mit Trauer, die ohne weiteres neben thematisch verwandten Großtaten wie Joyce Carol Oates‘ Buch <em>A Widow’s Story</em> (dt. <em>Meine Zeit der Trauer</em>, 2011) oder Krzysztof Kieślowksis Film <em>Trois couleurs: Bleu</em> (dt. <em>Drei Farben: Blau</em>, 1993) bestehen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mit Ruhrgebiet in der Arschtasche</h3>



<p>Mit dieser Poetik verzichtet Grönemeyer zugunsten poetischer Ambivalenz auf eine Eindeutigkeit der Ansprache. Seinen Act prägt diese Gratwanderung bis heute. Grönemeyer leistet abseits der Bühne viel gesellschaftliches Engagement, hat wiederholt Stellung gegen Rechtsextremisten bezogen und Klimastreiks unterstützt. Doch nicht immer kann der Sänger Herbert einlösen, was der Bürger Grönemeyer mit Vehemenz fordert. In solchen Fällen ergibt sich eine Spannung, wenn ein <em>eindeutiges</em> Plädoyer für Zivilcourage in eine potentiell <em>mehrdeutige</em> poetische Botschaft gekleidet wird. Klar konturierte Meinungen widersprechen der Doppelbödigkeit seines lyrischen Vortrags, der sich bis heute durch Rollenspiel auszeichnet. Das Sänger-Ich wirft sich in Grönemeyers Liedern zahlreiche Kostüme über und passt auch den Gesang diesen Performances an: Weichei und Macho, Pilger und Werwolf, Romantiker und Stalker. Deshalb greift es zu kurz, Grönemeyer anlässlich seines runden Geburtstags nur als das gütig lächelnde, nimmermüde Stehaufmännchen zu vergegenwärtigen, das sich beim Tanz über den Bühnensteg ,für uns’ verausgabt, obwohl das natürlich alles irgendwie stimmt. Auf eine Weise wirft er sich die perfekt zugeschnittene Persona des Currywurst-Botschafters über, der auch als Weltbürger und Komponist von Hollywood-Soundtracks immer noch mit etwas Ruhrgebiet in der Arschtasche herumreist und der in Sekundenschnelle umschalten kann: vom selbstironischen Troubadix-Wiedergänger zum Seelenstripper, vom kumpeligen „Häbbät!“ zum Wanderer überm poetischen Nebelmeer.</p>



<p>Seinen Liedern bürdet Grönemeyer viel auf, wenn sie einerseits im Gestus der Agitationskunst – sag mir, wo du stehst! – klare Kante fordern, aber zugleich fast alle deiktischen Elemente tilgen oder verwässern. „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=UT8D9Z7bQzE&amp;list=RDUT8D9Z7bQzE&amp;start_radio=1">Das ist los</a>“, der Titelsong zum bislang letzten Studioalbum (2023), schleudert uns zwar als eine Art tanzbares <em>heute</em>-Journal Stichworte wie Bankenkrise, Taliban und Chiasamen um die Ohren, doch der Zeitgeschichts-Remix hört sich nach einer Fußnote zu den erbarmungslos ironischen 1990er-Jahren an, als sich noch an das vermeintliche Ende der Geschichte glauben ließ. Nicht mal der 11. September hat etwas daran geändert, dass bei Grönemeyer alle immer noch gern Flugzeuge im Bauch haben.</p>



<p>Mittlerweile ist er auf bemerkenswert unpolitische Politgesänge spezialisiert, mit denen er es seinen Zuhörern leichtmacht. In Titeln wie „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=e7hPOzQ8qm0&amp;list=RDe7hPOzQ8qm0&amp;start_radio=1">Unser Land</a>“ (2014), „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=cf0Cf7ATxDk&amp;list=RDcf0Cf7ATxDk&amp;start_radio=1">Bist du da</a>“ (2018) oder „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=oX_HYmo7qV8&amp;list=RDoX_HYmo7qV8&amp;start_radio=1">Angstfrei</a>“ (2023) wird ihnen zuverlässig suggeriert, sie seien insgesamt schwer in Ordnung, nur kranke eben „das Land“ an uninspirierter Führung und schwerfälliger Mentalität. In einem gesprochenen Einschub in „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=2QMle5gw5gc">Neuland</a>“, dem zweiten Track von <em>Mensch</em>, wird Thomas Bernhard zitiert: „Ich mag dies Land / Ich mag die Menschen / Ich mag nicht den Staat.“ Das dürften ,die Menschen‘ gern hören, zumal es sie aus der Verantwortung entlässt. Wer bloß sanft angestupst und nicht in den Schwitzkasten genommen wird, kann besser mitsingen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">An der emotionalen Seitenlinie</h3>



<p>Seine erprobte „die da oben“-Rhetorik dürfte Grönemeyers Ruf als moderner Volkssänger nicht geschadet haben. Im Mannschaftsgefüge der Bundesrepublik spielt er zuverlässig seine Rolle – eine Art Bundestrainer der Herzen, der den Soundtrack für internationale Fußballturniere beisteuert („<a href="https://www.youtube.com/watch?v=LKi4BlO_ls8&amp;list=RDLKi4BlO_ls8&amp;start_radio=1">Zeit, dass sich was dreht</a>“, 2006) und ,uns‘ beharrlich taktische Vorschläge unterbreitet, wie wir unser Spiel verbessern können. Nicht zufällig macht der Dauereinpeitscher Herbert Grönemeyer auch heute noch auf seinen Tourneen allabendlich den doppelten Herberger – ein Konzert dauert <em>zweimal</em> neunzig Minuten.</p>



<p>Am meisten entgleiten ihm seine inflationären Pack-mer’s-Botschaften beim Thema Fußball, etwa in dem mit Felix Jaehn entstandenen EM-Song „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=ctgU0lgSrL0&amp;list=RDctgU0lgSrL0&amp;start_radio=1">Jeder für Jeden</a>“ (2016) oder der eigentümlichen Wir-sind-Weltmeister-Hymne „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=k9_I1fFvi1w&amp;list=RDk9_I1fFvi1w&amp;start_radio=1">Der Löw</a>“ (2014). Hier scheinen sogar mit einem so besonnenen Zeitgenossen wie Herbert Grönemeyer beim Anblick des blutenden, siegreich vom ,Feld der Ehre‘ getragenen DFB-Kapitäns Bastian Schweinsteiger in nationaler Beschwipstheit die Pferde durchzugehen. Im Nachgang zum ,Sommermärchen‘ 2006 hatte Grönemeyer mit „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=eyx4ughlKD8&amp;list=RDeyx4ughlKD8&amp;start_radio=1">Flüsternde Zeit</a>“ (2007) bereits ein besonders zorniges Lied verfasst, das dem gekränkten Volk aus der Seele zu sprechen scheint. Die Regierung wird angeklagt („Ihr habt uns nicht verdient“) und der Umsturz herbeigesehnt („Wir wollen die Wende / Wir sind zum großen Wurf bereit“), in einer abenteuerlichen Verkettung von Fußballmetaphern wird das Volk mal als letzte Abwehrbastion („[Ihr] lasst uns hinten allein“), mal als ungenutztes Kaderpotential („Ihr lasst uns verkümmern auf der Bank“) in Stellung gebracht. An einer Stelle wird davor gewarnt, der Gegner komme „über rechts“ – was auf dem Fußballplatz aber eigentlich heißen müsste, dass er von ,uns’ aus gesehen <em>links</em> auftaucht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Ich singe deutsch, ich denke deutsch“</h3>



<p>Grönemeyer diagnostiziert korrekt, dass die Deutschen den Aufbruchsgeist des WM-Sommers bald abgeschüttelt haben werden – die Welt mag „zu Gast bei Freunden“ gewesen sein, von dauerhaftem Bleiberecht hat aber keiner was gesagt. Zugleich liest sich „Flüsternde Zeit“ in der Rückschau wie eine Vorwegnahme der wenig später aufkommenden Wutbürger-Bewegung. Schließlich sollte das dem Lied zugrundeliegende Ressentiment gegen untätige Regierungsvertreter bald anschlussfähig für die Lautesten und Wütendsten werden, und die auf das „Sommermärchen“ folgende Ernüchterung sich zu einer weitreichenden Politik- und Demokratieskepsis auswachsen.</p>



<p>Das macht Grönemeyer, der der auch beherzte Anti-Nazi-Songs wie „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=5IuaIdDUYNk&amp;list=RD5IuaIdDUYNk&amp;start_radio=1">Die Härte</a>“ (1993) veröffentlicht hat, ausdrücklich nicht zum Sprachrohr der Querulanten. Doch angesichts der Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten, die sich in seinen Texten tummeln, wäre es illusorisch, ihn ausschließlich zum Idol der ,guten‘ Deutschen zu erklären. Bei einem <em>Wetten, dass ..?</em>-Auftritt sorgte Grönemeyer 2011 mit dem Satz „Ich singe deutsch, ich denke deutsch“ für spontanen Applaus, und wenn schon ein so nüchternes Statement bei den Zuhörenden als Pathosformel ankommt, dann wird auch klar, dass Grönemeyers beispielloser Erfolg in Deutschland nicht ohne jene denkbar ist, die ihn ausdrücklich als <em>deutschen</em> Erfolg reklamieren wollen.</p>



<p>Die Anfänge von Grönemeyers Karriere sind mittlerweile von den medial präsenteren Narrativen (wie dem seiner öffentlich vollzogenen Trauerarbeit) überschrieben worden. Auch einige musikalische ,Jugendsünden‘ sind aus der offiziellen Geschichte getilgt worden, weshalb die zum 60. Geburtstag erschienene Komplettbox <em>Alles</em> (2016) lustigerweise mit dem Grönemeyer-Album <em>Zwo</em> (1980) statt mit dem eigentlichen Erstling (<em>Grönemeyer</em>, 1979) beginnt. Ein Rückblick auf seine kurze, eher zufällig zustande gekommene Filmkarriere belegt allerdings, dass die deutsche Mär vom Pakt mit dem Teufel von Anfang an Teil des Grönemeyer-Projekts war. Viele seiner Schauspielrollen – darunter <em>Das Boot</em> (1981), die Thomas-Mann-Verfilmung <em>Doktor Faustus</em> (1982), das Robert-Schumann-Biopic <em>Frühlingssinfonie</em> (1983) und der Fernsehmehrteiler <em>Väter und Söhne</em> (1986) – variieren den Faust-Stoff, kreisen um das Motiv der leicht korrumpierbaren deutschen Jünglingsseele.</p>



<p>Dass der Sänger Grönemeyer bis heute schnelle Registerwechsel beherrscht und gern in verschiedene Rollen schlüpft, sollte das Publikum eigentlich an der Identifikation hindern und zum näheren Hinhören einladen. Im Rahmen kurzweiliger Greatest-Hits-Konzerte wird es allerdings nicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den gesungenen Worten angehalten. Seine Verse tut Grönemeyer gelegentlich als notwendiges Übel ab, so als handle es sich lediglich um „Texte zum Mitsummen“. In seinen Konzerten gilt das in einem Repertoire-Klassiker verewigte Motto: „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=afTIA5F3s6w&amp;list=RDafTIA5F3s6w&amp;start_radio=1">Mach den Kopf aus und komm tanzen</a>“.Ein gutes Lied verträgt natürlich poetische Ambivalenz. Und eine hoffentlich gefestigte Demokratie einen sympathischen Volkssänger, der als authentisch gilt und zugleich von sich selbst sagt, dass er die Authentizität stilisiert – und der mit seinen mehrdeutigen Texten tatsächlich anschlussfähig für <em>alle</em> ist. Diesen Gedanken sollten wir nicht ausklammern, wenn wir Herbert Grönemeyer zu einem außergewöhnlichen Lebenswerk gratulieren und die nächste Konzertkarte lösen – demnächst wieder in einem Fußballstadion in Ihrer Nähe!</p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@bausch?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Daniel Bausch</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/ein-schild-an-einem-pfahl-26k_FSiCo7A?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/der-gefuehlte-bundestrainer-herbert-groenemeyer-zum-70-geburtstag/">Der gefühlte Bundestrainer &#8211; Herbert Grönemeyer zum 70. Geburtstag</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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		<title>Kabinett der Verbitterten &#8211; Jana Hensel erzählt den Osten</title>
		<link>https://54books.de/kabinett-der-verbitterten-jana-hensel-erzaehlt-den-osten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Peter Hintz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Mar 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[Jana Hensel]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[sticky]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Peter Hintz In Jana Hensels neuem Buch Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet (Aufbau&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/kabinett-der-verbitterten-jana-hensel-erzaehlt-den-osten/">Kabinett der Verbitterten &#8211; Jana Hensel erzählt den Osten</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p>von Peter Hintz</p>



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<p>In Jana Hensels neuem Buch <a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/es-war-einmal-ein-land/978-3-351-04288-2"><em>Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet</em></a> (Aufbau Verlag) wird man erstaunlich oft daran erinnert, dass es sich bei der <em>ZEIT</em>-Autorin um eine einflussreiche Journalistin aus Ostdeutschland handelt. Ständig muss sie wichtigen Zeitungsredakteuren unter vier Augen den Osten erklären. Sogar Angela Merkel hat mal ein Buch von ihr rezensiert! Tatsächlich gilt Hensel nicht erst als die ultimative Ost-Versteherin, seit die AfD in Sachsen-Anhalt die 40%-Umfragemarke geknackt hat. Im Kulturjournalismus der frühen 2000er Jahre wurde Hensels autobiografischer Bestseller <em>Zonenkinder</em> (2004) als <em>Generation Golf</em> des Ostens gelesen. Das Buch war das Porträt einer jüngeren ostdeutschen Nachwendegeneration, die ihre Kindheit in der DDR verbracht hatte, aber im wiedervereinigten Deutschland erwachsen geworden ist.</p>



<p><em>Zonenkinder</em> war Teil eines Ostalgie-Booms, der Deutschland seit nun mindestens 25 Jahren in unterschiedlichen Varianten erfasst hat. Etwas nostalgisch blickt man selbst auf die Jahre zurück, als man Ostalgie vorrangig mit <em>Good Bye, Lenin!</em> und Halorenkugeln assoziierte. Seitdem hat es eine erhebliche weitere identitäre Aufladung des Ostens gegeben, woran Hensel mit ihren frühen, dezidiert kulturessenzialistischen Panoramen sicher auch nicht ganz unschuldig ist. <em>Es war einmal ein Land</em> ist die aktuellste Inkarnation dieses Phänomens. Dabei ist Hensels Buch nicht unkritisch gegenüber den heutigen politischen Verhältnissen in den neuen Bundesländern angelegt. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine außerordentlich pessimistische politische Deutung, nach der sich die ostdeutsche Gesellschaft gänzlich von der Demokratie lossagen würde. Auf seltsame Weise verknüpft Hensel diese pauschale Feststellung mit einer ebenso weitreichenden Idealisierung der ostdeutschen Vergangenheit.</p>



<p>Die These, um die sich ihr Buch kreist: Die “einst politisch links stehenden Ostdeutschen” seien vom Westen verraten worden, hätten daher ihr Vertrauen ins politische System aufgegeben und deswegen liege die AfD heute bei 40%. Ostdeutsche hätten nach Hensel zunächst große progressive Hoffnungen in das politische System der Bundesrepublik gesteckt, in den Nullerjahren gab es große Demonstrationen gegen die Hartz-IV-Reformen. Erfolge rechtsradikaler Parteien schon in den 1990er und 2000er Jahren im Osten spielen für Hensel keine Rolle – schließlich kam Gerhard Schröders SPD (vor allem wegen Schröders Fluthilfe-Maßnahmen) im Jahr 2002 auch auf fast 40% in den neuen Bundesländern! Am Ende ist man aber enttäuscht worden: “Von der Demokratie, wie man sie in den vergangenen 25 Jahren erlebt hatte, hatte man die Nase voll. Von ihren Medien, ihren Institutionen, von ihren Parteien.” Nach Hensel hätte ein stärkeres Bekenntnis von Angela Merkel zu ihren ostdeutschen Wurzeln den Aufstieg der AfD verhindern können, was unbelegbar ist.</p>



<p>Neben dieser historisch lückenhaften Einführung besteht <em>Es war einmal ein Land</em> zur anderen Hälfte aus Begegnungen, die Hensel mit ostdeutschen Persönlichkeiten gemacht hat – vorwiegend aus der AfD und dem medialen Vorfeld des Rechtspopulismus. Das mag einseitig klingen und Gefahr laufen, rechte Propaganda mit soziologischer Feldforschung gleichzusetzen, doch Hensel beruhigt gleich ab der Kapitelüberschrift: “Auch die AfD spricht nicht ostdeutsch”!</p>



<p>Hensel trifft als erstes auf den AfD-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla, der sich aktuell auch vieler anderer <a href="https://www.zeit.de/2026/06/tino-chrupalla-afd-weisswasser-ddr-russland">persönlicher Porträts</a> erfreuen kann. Am bekanntesten ist die Tatsache, dass Chrupalla aus Ostsachsen stammt und dort einen Malerbetrieb leitete. Chrupalla wird auch bei Hensel vor allem im Hinblick auf seine Zeit als Handwerksmeister vorgestellt, wobei man auch einige Details zu Chrupallas Physis erfährt: “Tatsächlich besitzt Tino Chrupalla zwei kräftige Hände. Arbeiterhände, denke ich. Oft sehe ich solche Hände nicht und glaube zu ahnen, was den zierlichen Mann, der heute stets eine kleine Deutschlandfahne am Revers seines Jacketts trägt, mit seinen Wählerinnen und Wählern verbinden mag, warum sie in ihm einen der ihren erkennen.”</p>



<p>In den 2010er Jahren hatte Chrupallas Firma zu stagnieren begonnen, weshalb er zunehmend mit der AfD sympathisierte. Andere mögliche biografische Prägungen bleiben bei Hensel unrecherchiert, außer dass Chrupalla seiner Selbstbezeichnung nach aus “einer Revoluzzerfamilie” in der DDR stamme. Laut Hensel sei der Osten “voll von diesen erfolglosen Kleinunternehmerträumen”. Was dann aber auch nicht so richtig erklärt, wie Frauke Petry und Chrupalla zu Vorsitzenden einer sich immer weiter radikalisierenden, in Teilen offen rassistischen Partei wurden.</p>



<p>Stattdessen erzählt Hensel beschönigend von besorgten und enttäuschten Bürgern, die “sich andere Antworten auf [&#8230;] gesellschaftspolitische Fragen” wie die sogenannte Flüchtlingskrise, die Corona-Pandemie und den Ukrainekrieg gewünscht hätten. Widerspruch gegen die tatsächliche Rechtsradikalisierung dieser Zeit deutet Hensel als anti-ostdeutschen Affekt, der die Radikalisierung erst bewirkt habe – was den Kritikern Verantwortung für das zuweist, was sie kritisierten: “Egal aus welcher politischen Richtung die Ostdeutschen kamen, egal zu welcher Frage sie in der Tendenz anderer Ansicht waren, sie ernteten meisten harschen Widerspruch.”</p>



<p>Als nächstes verschlägt es Hensel mit dem zusehends in <a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/maximilian-krah-warum-der-afd-mann-jetzt-aus-dem-eigenen-lager-angefeindet-wird-a-d1d8c74d-30fc-454c-9321-fd01bf6839c5">AfD-Ungnade</a> fallenden Bundestagsabgeordneten und Rechtsanwalt Maximilian Krah nach Dresden. Wie Chrupalla war Krah zuvor Mitglied von CDU-Organisationen in Sachsen gewesen. Deutschland ist für Krah schon seit der Schulzeit “zu links”, was Hensel überrascht: “Ich hielt die ostdeutsche Gesellschaft in ihren Grundzügen lange für emanzipierter und fortschrittlicher als die westdeutsche – er dagegen hat stets darauf gewartet, dass der Osten endlich so konservativ und rechts werden würde, wie er es selbst schon immer gewesen sein will.” Tatsächlich sei die DDR zwar “eine Diktatur” gewesen, Hensel zufolge aber “gesellschaftspolitisch [&#8230;] dennoch ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts.” Einige Seiten später heißt es dann auch bei Hensel, die DDR-Gesellschaft habe ein “vermeintlich autoritäres Erbe” gehabt.</p>



<p>Offensichtlich ist der Osten voller Widersprüche, wer ist das nicht. Anhand der neoliberalen ehemaligen CDU-Anhänger, die man bis dahin im Buch kennengelernt hat, versteht man aber immer noch nicht ganz, wie Hensel zu dem Schluss kommen kann, dass die ostdeutsche Nachwendegesellschaft besonders progressiv gewesen sei. Eine weitere Persönlichkeit, mit der sich Hensel trifft, erklärt es ihr genauer: Es handelt sich um Benedikt Kaiser, der sich früher im rechtsextremen Spektrum bewegte und heute als neurechter Publizist unter anderem für Götz Kubitscheks Zeitschrift <em>Sezession</em> schreibt. Kaiser gilt als Kritiker der AfD, weil sich die Partei seiner Meinung nach nicht ausreichend für soziale Themen interessieren würde, die die proletarisch geprägte ostdeutsche Gesellschaft ansprechen könnten. Hensel ist zwiegespalten: “Kaiser gesteht den Ostdeutschen eine größere Neigung zu sozialen Themen zu. Wie ich. Bei so viel Übereinstimmung macht sie sich aber auch Sorgen:</p>



<p>“Wir sind mittlerweile von unserem Tisch im Café aufgestanden und laufen nun am Reichstagsufer die Spree entlang. [&#8230;] Ich komme nun doch noch zu ‘meinem’ Spaziergang, aber mir kommt die Szenerie beinahe unwirklich vor. Wie in einem dystopischen Film. Eine Journalistin, die ihr iPhone im Laufen in der Hand hält, um sich von einem freundlichen, gut gekleideten und gebildeten jungen Rechten mitten im Regierungsviertel, also der Herzkammer unserer parlamentarischen Demokratie, erklären zu lassen, was er unter Remigration versteht.”</p>



<p>Zur notwendigen Abkühlung geht es nun also zu einem verbitterten ehemaligen MDR-Redakteur aus Leipzig, der heute unter anderem für die rechtspopulistischen Nachrichtenportale <em>NIUS</em> und <em>Apollo News</em> als Kritiker des angeblich links-grünen Medienmainstreams auftritt. Wie in ihrem Gespräch mit Kaiser lehnt Hensel vieles ab, was der Mann ihr zu erzählen hat. Ostdeutsche Perspektiven spielten ja aber tatsächlich im westdeutsch geprägten öffentlichen Rundfunk keine Rolle. Und wie bei Chrupalla bleibt unklar, wie auch ihn diese ostdeutsche Enttäuschungserfahrung nun eigentlich rechts gemacht hat.</p>



<p>Schließlich spricht Hensel mit der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern und der Thüringer BSW-Vorsitzenden Katja Wolf. In der Dramaturgie des Sachbuchs müssen sie offenkundig als standhafte ostdeutsche AfD-Kritikerinnen herhalten, die zugleich aber unbequeme Wahrheiten aussprechen. Es gelte, die Brandmauer zu erhalten, zugleich aber ostdeutsche Belange endlich ernstzunehmen: “So wie man damals eine linke Ost-Partei [die PDS] aus völlig anderen historischen Gründen ausschloss, so schließt man heute wieder eine vor allem in Ostdeutschland gewählte Partei – diesmal der extremen Rechten – aus.” Dabei ist letzteres schon wieder Hensels eigener Denkzettel für den Westen. Hensel resümiert: “Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche.”</p>



<p><em>Es war einmal ein Land</em> will Ambivalenzen erzählen, die die ostdeutsche Gesellschaft seit der Wende durchaus charakterisieren: von Diktaturerfahrungen und Forderungen nach Fürsorge und Teilhabe, Zeichen der Solidarität und Praktiken der Ausgrenzung, von Ideen des sozialen Aufstiegs und reaktionären Weltbildern. Tatsächlich schreibt Hensel oft genug aber einen Abreißkalender an sozialdiagnostischen Fragwürdigkeiten, denen historische Belege fehlen: Heute wütend zu sein heiße, dass man früher mal gehofft habe; autoritär ist nur ehemals emanzipiert; in jedem Antidemokraten steckt ein enttäuschter Demokrat. In den Talkshows und an den Wahlurnen jedenfalls wird Jana Hensels Ostdeutschland weiter Anschluss finden.</p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@eprouzet?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Eric Prouzet</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/grune-und-blaue-plastiktuten-DzN-T3ceOMI?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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		<title>Sexuelle Belästigung als Massenphänomen – Über &#8222;Dick Pics&#8220; von Sarah Koldehoff</title>
		<link>https://54books.de/sexuelle-belaestigung-als-massenphaenomen-ueber-dick-pics-von-sarah-koldehoff/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christina Dongowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 13:03:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[#metoo]]></category>
		<category><![CDATA[Dic Pics]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[sticky]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Christina Dongowski CN: sexualisierte Gewalt Ich bin zweimal von Männern mit erigiertem Penis belästigt worden, einmal in der Metro in Paris, das&#8230;</p>
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<p>von Christina Dongowski</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p><em>CN: sexualisierte Gewalt</em></p>



<p>Ich bin zweimal von Männern mit erigiertem Penis belästigt worden, einmal in der Metro in Paris, das andere Mal in einer U-Bahn-Station in Hamburg. Ich habe als Schülerin mehrere sexualisiert-gewalttätige Übergriffe von Mitschülern abgewehrt. Ich bin auf Social Media-Plattformen sexistisch beschimpft und mit sexualisierter Gewalt bedroht worden. Männer waren sich nicht zu blöde, meinen Arbeitgeber und die Geschäftsstelle einer zivilgesellschaftlichen Organisation, in der ich im Vorstand engagiert bin, darüber zu informieren, dass ich eine üble männerhassende Megäre sei, die die bürgerliche Familie abschaffen wolle. Ein Dick Pic habe ich aber tatsächlich noch nie zugeschickt bekommen.</p>



<p>Aus der Lektüre von Sarah Koldehoffs Buch <em>Dick Pics</em>, erschienen in der Reihe Digitale Bildkulturen des Wagenbach Verlags, habe ich nun eine Idee, an was das liegen könnte: Ich bin Mitte 50, und damit falle ich aus der Alterskohorte heraus, in der für Männer Dick Pics zum Mittel der Wahl für die schnelle sexuelle Belästigung zwischendurch geworden sind. Die Voraussetzung dieser ‚medientechnischen Innovation‘, die Koldehoff in ihrem Buch analysiert, sind die Existenz und einfache Zugänglichkeit des technischen Dispositivs aus Handykamera, E-Mail, Social Media und Messenger-Diensten. „Der Siegeszug des Dick Pics“, schreibt die Autorin, „verdankt sich also der digitalen Vereinfachung von Bildgenese und Bilddistribution. (….) genau diese Enthierarchisierung machte es erst möglich, dass durch das Dick Pic als gegendertes Bildgenre eine ganz eigene Option entstehen konnte, visuelle Macht mit digitalen Mitteln auszuüben.”</p>



<p>Ich profitiere bei Dick Pics also von der Gnade der frühen Geburt. Junge Frauen dagegen müssen zu allem anderen misogynen und sexistischen Angriffen, mit denen Frauen und queere Personen in einer heteronormativen Gesellschaft konfrontiert sind, auch noch das aushalten: Nur fünf Prozent der befragten Frauen im Alter zwischen 45-64 geben an, schon mindestens einmal ein Dick Pic erhalten zu haben. Bei Frauen zwischen 16 und 24 sind es 42 Prozent, bei Frauen zwischen 25 und 44 immerhin schon 26 Prozent. (Quelle: in der Lauter Hass – leiser Rückzug-Studie 2024).</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die einfachste und risikoärmste Form sexualisierter Gewalt</h3>



<p>Dick Pics sind ein Massenphänomen. Gemeint sind in diesem Fall nicht die paar Fotos erigierter Penisse, die sich Menschen auf Wunsch untereinander senden. Das Massenphänomen sind die Fotos, die Männer mit irritierender Sorglosigkeit ungefragt an Mädchen, Frauen, non-binäre Personen und auch an Jungen schicken. Irritierend sorglos, weil es sich dabei um einen Straftatbestand handelt (StGB § 184&nbsp;Verbreitung pornographischer Inhalte). Doch Sorgen müssen sich die Dick Pic-Versender tatsächlich gar nicht machen: Weniger als ein Prozent der Fälle wird in Deutschland überhaupt angezeigt (basierend auf Angaben des LKA Nordrhein-Westfalen 2022). Diese Zahl liegt noch einmal deutlich unter der sowieso schon niedrigen Anzeigequote bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.</p>



<p>Mit anderen Worten: Das Versenden von Dick Pics ist für Männer die einfachste und risikoloseste Form sexualisierter Gewalt, und sie nutzen sie gerne und oft.</p>



<p>So deutlich formuliert es Sarah Koldehoff in <em>Dick Pics</em> selbst nicht, aber sie stellt sehr genau die gesellschaftlichen und psychologischen Mechanismen dar, die Männer dazu befähigen, ermächtigen und ermuntern, Frauen, Jugendlichen, Kindern und queeren, nicht-männlichen Personen Fotos ihrer Schwänze zu schicken. Sehr oft, weil sie den Empfänger*innen Angst machen wollen. Weil sie glauben, sie könnten so einen Beischlaf anbahnen. Weil sie das für unglaublich witzig halten. Und immer, weil sie wissen, dass sie es einfach ohne negative Konsequenzen für sie selbst&nbsp; tun können.</p>



<p>Man erfährt in <em>Dick Pics</em> aber auch ausführlich, wie Betroffene mit dieser allgegenwärtigen Form sexualisierter Gewalt umgehen. Einfach kommentarlos löschen ist die üblichste Reaktion. Aber gar nicht so wenige Empfänger*innen konfrontieren auch den Absender. Der erklärt dann, ihm sei gar nicht klar gewesen, dass das Bild unerwünscht sein könne und entschuldigt sich mehr oder weniger überzeugend. Auch sehr beliebt: Er wirft der Absenderin Humorlosigkeit, Feminismus, Frigidität oder gleich alles drei vor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ästhetische Strategien als Selbstverteidigung und Bewusstseinsbildung</h3>



<p>Die Belästigung öffentlich und damit in gewisser Weise auch politisch zu machen, das ist für Empfängerinnen von Dick Pics dagegen sehr viel schwerer als für Männer das strafrechtlich folgenlose Versenden von Dick Pics. Auch hierfür gilt in Deutschland nämlich erst einmal StGB § 184. Der Paragraf regelt vor allem den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor dem Zugang zu pornografischem Material, definiert aber auch das Recht von Erwachsenen, nicht nur privat, sondern&nbsp; auch im öffentlichen Raum nicht unverlangt mit pornografischem Material konfrontiert zu werden.&nbsp; Bei Verstößen drohen eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. In anderen Ländern gelten ganz ähnliche Gesetze. Und weil die Urheberin einer Wall of Shame, sei es im Internet oder an einer Plakatwand, anscheinend für die Polizei viel leichter zu ermitteln ist als ein anonymer Social Media Account, der Dick Pics oder noch deutlich schlimmeres Material produziert und versendet, bekommen Frauen, die Dick Pics öffentlich machen, schnell Ärger.</p>



<p>Die sicherste und vom Impact und Empowerment her vielleicht auch wirkungsvollste Strategie, sich mit Männerschwänzen auseinanderzusetzen, die einem ungefragt ins Gesicht geschickt worden sind, scheint die Kunst zu sein. Sarah Koldehoff beschreibt einige dieser Projekte von Betroffenen, die sich ästhetischer Strategien oder künstlerischen Aktionsformen bedienen. Die Schauspielerin Olivia Coleman hat ein Video gedreht, in dem sie einen Brief an die Dick Pic-Versender vorliest und darin vorschlägt, diese Bilder doch einfach mal an die eigenen Familienmitglieder zu senden. Die Instagram-Creatorin Shauna Dewit schickt Männern, die sie mit einem Dick Pic belästigen, kommentarlos ein zufällig ausgewähltes Dick Pic eines anderen ihrer Belästiger zurück und dokumentiert deren Reaktionen. </p>



<p>Die Künstlerin und Kuratorin Whitney Bell schmückt in ihrer Installation “I didn’t ask for this. A Lifetime of Dick Pics” die Wände ganz normaler Wohnräume, von Küche über Schlafzimmer, Bad bis Wohnzimmer und Büro, mit hunderten von Dick Pics und herabwürdigenden Textnachrichten, die sie und ihre Freundinnen erhalten haben. Aus der Installation wurde mit der Zeit ein ganzes feministisches Happening und Festival, die “Dick Pic Show” mit Vorträgen, Workshops und gemeinsamen Kunstaktionen. Das Ziel: Zu zeigen, dass Frauen sogar allein in ihren vier Wänden dem Patriarchat nicht entkommen.</p>



<p>Oft bearbeiten Künstler*innen Zeugnisse einer um Penetration und Dominanz kreisenden männlichen Heterosexualität ästhetisch so, dass man als Betroffene immerhin über sie lachen kann. Und sie belegen schon durch das Sichtbarmachen der schieren Masse von Dick Pics, die sie selbst, Freundinnen und Bekannte erhalten haben, dass wir es hier nicht mit bedauerlichen individuellen Störungen zu tun haben. Sie machen das Elend, das die männliche Heterosexualität im Patriarchat nun eben ist, für alle sichtbar, – sogar für Männer.</p>



<p>Die meisten der von Koldehoff präsentierten Projekte machen das in positiver kritischer Absicht: Indem sie die Gewalttätigkeit und Lieblosigkeit von (männlicher) Heterosexualität sichtbar und bewusst machen, erscheint in ihnen auch der Wunsch und die Hoffnung, dass eine andere Sexualität möglich sei: liebevoll, sinnlich, erotisch, gewaltfrei. Die Hoffnung, dass Männer diesen Wunsch auch verspüren, wenn sie ihr eigenes sexuelles Elend und das, was sie um sich verbreiten, gespiegelt bekommen, durchzieht die Studie von Koldehoff. Das macht <em>Dick Pics</em> trotz seines widerwärtigen Themas zu einer positiven Lektüreerfahrung.</p>



<p>Ich hoffe, dass das kleine rosa Buch in viele Hände kommt. Denn man wird hier gut lesbar anhand des Massenphänomens Dick Pic über Misogynie als gesellschaftliches Phänomen und ihrer typischen Mechanismen informiert. Ein Wissen, das vor allem von sexualisierter Gewalt Betroffenen helfen kann, zu erkennen, dass man keine Verantwortung dafür trägt, dass man Dick Pics geschickt bekommt. Und vielleicht hilft dieses Wissen sogar ein paar Männern, sich ernsthaft aus diesen Mechanismen zu lösen. Denn eine Kleinigkeit sind Dick Pics gerade nicht, sondern der Eintritt ins misogyne Handlungsrepertoire, das einem als Mann so zur Verfügung steht. Koldehoff schreibt:</p>



<p>„Männer müssen aufhören, das Dick Pic als Dominanzgeste zu verschicken. Jene, die es vielleicht schon getan haben und nun reflektiert darauf zurückblicken, könnten das ruhig auch mal öffentlich tun. Und diejenigen, die mitkriegen, dass Männer in ihrem Umfeld derartige Formen von Misogynie leben, müssten es ansprechen und sozial sanktionieren. Damit diese Aufgabe nicht immer in die Verantwortung der Betroffenen fällt.“</p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@thmsvrbrggn?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Thomas Verbruggen</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/grune-kakteen-5A06OWU6Wuc?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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		<title>Drei Buchhandlungen oder schnelle Ausschlüsse in verdachtsprüffauler Zeit</title>
		<link>https://54books.de/drei-buchhandlungen-oder-schnelle-ausschluesse-in-verdachtsprueffauler-zeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Niels Penke]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 16:39:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturbetrieb]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[sticky]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Kommentar von Niels Penke Wie jedes Jahr sollten sich 118 Buchhandlungen sich über eine symbolische wie finanzielle Anerkennung durch den Kulturstaatsminister Wolfram&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/drei-buchhandlungen-oder-schnelle-ausschluesse-in-verdachtsprueffauler-zeit/">Drei Buchhandlungen oder schnelle Ausschlüsse in verdachtsprüffauler Zeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p></p>



<p>Ein Kommentar von <a href="https://www.uni-siegen.de/phil/germanistik/mitarbeiter/penke_niels/">Niels Penke</a></p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Wie jedes Jahr sollten sich 118 Buchhandlungen sich über eine symbolische wie finanzielle Anerkennung durch den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer freuen. Für viele Buchhandlungen ist die finanzielle Unterstützung durch den Deutschen Buchhandlungspreis ein wichtiger Posten, um den Betrieb ohne Einschränkungen fortsetzen zu können.  Doch wie eine „angepasste“ Liste deutlich werden ließ, sind nur noch 115 auszuzeichnende Läden vorgesehen. Drei Buchhandlungen – <em>Zur schwankenden Weltkugel</em> in Berlin, <em>The Golden Shop</em> in Bremen und der <em>Buchladen Rote Straße</em> in Göttingen – sind mittlerweile nicht mehr auf der Liste,  obwohl sie bereits in der Vergangenheit ausgezeichnet worden waren. Warum? Weil zu ihnen „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ auf Grundlage des verfassungs- wie datenschutzrechtlich zweifelhaften Haber-Verfahrens vorlägen, <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/wolfram-weimer-deutscher-buchhandlungspreis-verfassungsschutz-haber-verfahren-kulturfoerderung-extremismus-li.3396299?reduced=true">wie ein Sprecher des Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung (BKM) gegenüber der <em>Süddeutschen Zeitung</em> äußerte.</a> Das Haber-Verfahren ermöglicht es Ministerien und Behörden Personen oder Organisationen zu überprüfen, die Fördergelder beantragt haben, um in Erfahrung zu bringen, ob es zu ihnen „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gibt.  Worin diese im Fall der genannten Buchhandlungen jedoch bestehen, blieb offen. Ausgelegte Flyer zu einer antirassistischen Demonstration? Plakate, die in möglicherweise kritischer Absicht auf Armut, Wohnungsnot, Klimakollaps oder Femizide hinweisen? Möglich ist dies alles, ob es aber gleichermaßen überzeugende wie hinreichende Gründe für den Ausschluss sind, ist einigermaßen fraglich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alternativen unerwünscht?</h3>



<p>Oder was tun diese linken Buchhandlungen in ihrem Kerngeschäft, das mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung derart in Konflikt stehen könnte, dass sich eine staatliche Anerkennung und Unterstützung mittlerweile ausschließt? Könnte es daran liegen, dass sie Bücher anbieten, die über den Nationalsozialismus, Antisemitismus, Queer- und Transfeindlichkeit informieren? Bücher, die vielleicht sogar von Betroffenen verfasst wurden? Oder Bücher, die in unabhängigen Verlagen erschienen sind, die sich um alternative Formen der Produktion und des Wirtschaftens zumindest bemühen? In linken Buchhandlungen finden vor allem jene Bücher ihren Platz, die man bei Thalia und vergleichbaren Konzernbuchhandlungen tendenziell vergeblich sucht. Etwa die derjenigen Verlage, die bei <a href="https://www.deutscher-verlagspreis.de/preistraeger-2025">der letztjährigen Vergabe des Deutschen Verlagspreises</a> von Weimer als BKM ausgezeichnet worden sind, wie u. a. die Editionen Assemblage und Nautilus, Marta Press, der Unrast oder der Verbrecher Verlag.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bestens integriert</h3>



<p>Von den drei Ausgeschlossenen ist mir der <em>Buchladen </em><a href="https://taz.de/50-Jahre-Buchladen-Rote-Strasse/!5881442/"><em>Rote Straße</em> in Göttingen</a> gut bekannt, und seine Streichung daher besonders unverständlich. Dieser gemeinschaftlich betriebene Laden ist in die Stadtgesellschaft bestens integriert (der Oberbürgermeister gratulierte zum fünfzigjährigen Bestehen), er befindet sich in trauter Nachbarschaft zum Literaturhaus, zum Kunsthaus und zum Steidl-Verlag und ist Partner der Büchergilde Gutenberg. Das Buchladen-Kollektiv stellt Büchertische u. a. bei Veranstaltungen des Göttinger Literaturherbstes oder des Bündnisses „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – 27. Januar“. Das eine oder andere Buch habe ich im Lauf der Jahre dort erworben, einige Lesungen und Buchvorstellungen als Gast besucht und erst kürzlich als Diskutant an einem Podiumsgespräch teilgenommen. Bei diesem ging es zwar primär um Umberto Eco und den immer noch mysteriösen Fall der Kriminalnovelle <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_Nova"><em>Carmen Nova</em></a>, aber auch um die Frage danach, was Bücher und Buchhandlungen in Zeiten der globalen Faschisierung eigentlich noch bedeuten und was sie beizutragen haben, um den eskalierenden Megatrends inhumaner Verelendungspolitiken zumindest symbolisch etwas entgegenzusetzen.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Anlass zur Sorge</h3>



<p>Dass bereits wenige Tage später ein massiver Angriff durch eine staatliche Institution erfolgen würde, der sich, vielleicht nicht ganz unbegründet, als Vorschein faschistoider Maßnahmen auffassen lässt, haben wir nicht kommen sehen. <a href="https://www.zeit.de/2025/48/wolfram-weimer-kulturkampf-gendern-spaltung-zusammenhalt">Weimer als Kulturkampfminister</a>, der er eigentlich doch gar nicht sein wollte, macht sich mit seiner Entscheidung zum Vollstreckungsgehilfen einer äußerst gefährlichen politischen Verschiebung, die nicht nur Linken, sondern auch allen freiheitlich-demokratisch Überzeugten Anlass größerer Besorgnis sein sollte. &nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<div style="height:45px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@mlightbody?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Malcolm Lightbody</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/rote-tischlampe-neben-buchern-eingeschaltet-b3asAGlEhy8?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/drei-buchhandlungen-oder-schnelle-ausschluesse-in-verdachtsprueffauler-zeit/">Drei Buchhandlungen oder schnelle Ausschlüsse in verdachtsprüffauler Zeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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		<title>Fehlende Magie auf der Volksbühne – „Böses Glück / Cult of the Daughter“</title>
		<link>https://54books.de/fehlende-magie-auf-der-volksbuehne-boeses-glueck-cult-of-the-daughter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Tania Röttger]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Mar 2026 15:17:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Benny Claessen]]></category>
		<category><![CDATA[Olga Ravn]]></category>
		<category><![CDATA[Postdramatisches Theater]]></category>
		<category><![CDATA[sticky]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Tove Ditlevsen]]></category>
		<category><![CDATA[Volksbühne]]></category>
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<p>von Tania Röttger</p>



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<p>Auf der Bühne steht ein Haus, auf das schwarz-weiß-Bilder von Tove Ditlevsen projiziert werden. Sie mit drei Kindern an der Hand, sie am Herd, gebückt über einen Kochtopf.</p>



<p>Die Volksbühnen-Schauspielerin Ann Göbel trägt eine lange, blonde Perücke, schwarze Leggins und ein weißes Tanktop. Sie ruft Ditlevsens Text metallisch in den Raum, fragend, affektiert, als würde sie ihn überhaupt nicht verstehen. Schauspieler Franz Beil sagt jenen berühmten Satz aus Ditlevsens autofiktionalem Roman <em>Kindheit</em>: „Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann.“ Er lacht, bläst Kondome auf. Vergisst den Text. Das Wohnzimmer auf der Bühne wird im Laufe des Stücks immer mehr verschrottet.</p>



<p>Angekündigt wurde „eine Uraufführung von Olga Ravn und Texte aus dem Werk von Tove Ditlevsen“. Ravn ist angereist, aber sie verlässt den Saal nach 25 Minuten. Sie ist nicht die einzige. Am Ende der drei Stunden und 15 Minuten hat sich das Publikum halbiert und es ist nicht auf leise oder unauffällige Weise gegangen. Die Vorstellung am nächsten Tag wird kurzfristig abgesagt.</p>



<p>Als ich von der Veranstaltung hörte, erschien mir die Verbindung der zwei dänischen Schriftstellerinnen plausibel, denn ihr Werk hat viele Gemeinsamkeiten. Beide haben Romane über Mutterschaft, Arbeit, die Position der Außenseiterin veröffentlicht. Beide begannen ihre schriftstellerische Laufbahn mit Lyrik und schreiben auch autofiktional.</p>



<p>Ditlevsen, 1917 in Kopenhagen geboren, wuchs in prekären Verhältnissen auf. Ihr Debüt, den Lyrikband <em>Blinkende Lygter</em> (Blinkende Lichter), veröffentlichte sie mit 21. Sie heiratete jung einen viele Jahre älteren Verleger, danach folgten weitere Ehen, die teils sehr unglücklich verliefen. Tove Ditlevsen war schon zu Lebzeiten in Dänemark ausgesprochen erfolgreich. Ihre Bücher waren Verkaufsschlager. Ihre Kolumne in der Zeitschrift <em>Familie Journal</em> war so populär, dass nach ihrem Suizid im Alter von 58 Jahren hunderte von Leserinnen zu ihrer Beerdigung kamen.</p>



<p>Olga Ravn war zwölf Jahre alt, als sie Ditlevsen zum ersten Mal las. Sie entdeckte eines ihrer Bücher im Regal ihres Großvaters. Die 1986 in Kopenhagen geborene Schriftstellerin ist Tochter einer Sängerin und eines Künstlers und studierte an einer renommierten Schreibschule. Ihre ersten Publikationen waren Gedichte, später veröffentlichte sie experimentelle Prosa. Sie schreibt außerdem Kritiken und Theatertexte für die Bühne. Als Ravn beim größten dänischen Verlag Gyldendal arbeitete, war sie daran beteiligt, einige Arbeiten von Tove Ditlevsen neu aufzulegen, was Ditlevsen posthum weltweiten Ruhm und Anerkennung einbrachte.</p>



<p>In der Kopenhagen Trilogie beschreibt Ditlevsen ihre gewalttätige Mutter und ihren Aufstieg aus der Arbeiterklasse, später ihr Abrutschen in die Alkohol- und Drogensucht. In empfindsamer, eleganter Sprache, die das Kindliche im ersten Teil so überzeugend vermittelt wie die psychischen Probleme in den späteren Bänden. Tove Ditlevsen gilt als Pionierin des Autofiktionalen, als Vorgängerin von Schriftstellerinnen wie Annie Erneaux oder Rachel Cusk.</p>



<p>Der Teil des Stückes an der Volksbühne, der auf Tove Ditlevsen Werk basiert, heißt <em>Böses Glück</em>, benannt nach dem treffenden Titel einer Sammlung ihrer Kurzgeschichten. Ditlevsens Erzählungen in dem Band kreisen um die Dinge, die die Empfindungen eines Menschen ausmachen. Beim Lesen fühlt man die leise, bittere Dramatik auswegloser Alltagssituationen, die auf den ersten Blick meist gar nicht so schlimm scheinen, aber die doch für die Figuren Schlimmes bedeuten.</p>



<p>Mit diesem starken Fokus auf Alltäglichkeit steht Ditlevsen in einem gewissen Kontrast zu Ravn, deren Romane sich oft durch stärkere Fiktionalisierungen auszeichnen, mit verschiedenen Zeit- und Raumebenen spielen. In <em>Die Angestellten</em>, ihrem Roman aus dem Jahr 2020, fährt ein Raumschiff mit einer menschlichen und nicht-menschlichen Besatzung herum, während die Trennung zwischen ihnen zu verschwimmen droht. Durch fragmentarische Gespräche wird der Roman dabei zu einer Befragung von Gefühlen und Menschlichkeit. Formal besteht er aus nummerierten Zeugenaussagen über „die Beziehungen zwischen den Angestellten und den Objekten in den Räumen“, wobei nicht klar wird, wer jeweils spricht.</p>



<p>Olga Ravn arbeitet in ihren Romanen also mit einer Vermischung von Textarten, die, statt stringent zu verlaufen, den Text als etwas Unordentliches, fragendes lesbar machen. Dabei geht sie auch in die weit entfernte Vergangenheit zurück, wie in dem Roman <em>Das Wachskind</em>, der gerade auf die Longlist des International Booker Prize gesetzt wurde. Ravn vermischt in dem Text Zitate aus Gerichtsdokumenten und Sprüche aus Hexenbüchern der Zeit um 1620 mit den Beobachtungen eines unzuverlässigen Erzählers. Selbst da, wo Ravn sehr nah an der menschlichen Erfahrung schreibt, beispielsweise in ihrem Roman <em>Meine Arbeit, </em>der von Mutterschaft, Beziehungsproblemen und Sorgearbeit handelt, bedient sie sich einer fragmentarischen Distanz, einer Mischung aus Textformen, abstrakten Sprachspielen und Gedanken.</p>



<p>Bei Tove Ditlevsen kommt man im Gegensatz dazu nicht umhin ihre direkt berührende, klare und dennoch poetische Sprache zu bemerken. Nur wenige ihrer Formulierungen wirken obskur oder experimentell, der Abstraktionsgehalt ist gering. Es wirkt, als würde sie für das proletarische Milieu schreiben, das sie in ihren Texten immer wieder beschreibt. In einem <a href="https://www.theparisreview.org/blog/2025/02/07/the-image-of-the-doll-tove-ditlevsens-worn-out-language/">Artikel für die Paris Review</a> geht Ravn auf diese Ästhetik von Ditlevsens Lyrik ein. Sie schreibt, dass Ditlevsen als proletarische Schriftstellerin verstanden werden sollte, deren Sprache absichtlich sentimental ist. Ditlevsens Gedichte wurden deswegen von Kritikern wahlweise als altmodisch oder kitschig beschrieben. Olga Ravn ist sich sicher, dass Ditlevsens Themen – die Müdigkeit aufgrund von Hausarbeit und Mutterschaft, Männer, die einen verlassen, die harte Kindheit, das Streben der Frauen nach Anerkennung – gerade durch diese archaisch und teilweise erschöpft wirkende Sprache ausgedrückt und verständlich gemacht werden. Sie sieht Ditlevsens Stil als gezeigten Mittelfinger einer Autorin aus der Arbeiterklasse an abgehobene Modernisten und einen Weg eine weggeworfene Sprache wiederzubeleben.</p>



<p>Der Abend an der Volksbühne besteht nun aus fünf Akten. Vier davon setzen sich aus Textzitaten von Tove Ditlevsen zusammen und wurde vom Regisseur Benny Claessens arrangiert und mit zusätzlichen Textbausteinen kombiniert. Claessens selbst tritt auch als Schauspieler auf der Bühne auf. Olga Ravns Theatertext <em>Cult of the Daughter</em> bildet den vierten Akt und wurde extra für die Volksbühne geschrieben. Sie bezieht sich dabei direkt auf Tove Ditlevsens.&nbsp; Aber wer nun erwartet hat, dass dieser Theaterabend und die Inszenierung von Schauspieler-Regisseur Benny Claessens die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellerinnen beleuchtet und neue Erkenntnisse eröffnet, wurde enttäuscht.</p>



<p>Claessens‘ Inszenierung klingt an vielen Stellen, als würden sich die Schauspieler*innen über Ditlevsens Textzitate lustig machen. Es geht zwar zum Teil um das Leben Ditlevsens, vor allem ihre psychischen Probleme, ihre Sucht, die schlechte Ehe, aber sie werden sensationslüstern mit Geschrei und Albernheit zum Witz gemacht. Die lakonische Poetik Ditlevsens, die so viele Leser beeindruckt hat, wird hier überhaupt nicht nachempfunden, die Haltung zu ihren Zitaten bleibt distanziert. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die Inszenierung immer wieder eine Souffleuse (gekleidet als Krankenschwester, schließlich ist das hier ein Ort des Wahns, der Hysterie) einspringen lässt, als hätten sich die Schauspieler*innen nicht ausreichend mit Ditlevsens Texten beschäftigt.</p>



<p>Ditlevsens Alter Ego Lise Mundus, die in den Romanen <em>Gesichter</em> und <em>Vilhelm’s Zimmer</em> auftaucht, wird auf der Bühne von wechselnden Personen dargestellt. Dabei scheint jedoch niemand die Figur Ditlevsen oder ihre Protagonistin wirklich verkörpern zu wollen. Wenn Ann Göbel als Tove Ditlevsen scheinbar hilflos mit der Stimme eines Influencer-Girls spricht, soll wohl eine Diskrepanz zwischen Toves Sprache und aktueller Popkultur gezeigt werden. Das ist schade, denn die Sprache und Themen von Tove Ditlevsen sind auch für die Gegenwart relevant.</p>



<p>Die Figur gespielt von Ann Göbel, die manchmal Text von Ditlevsen spricht, wirkt durchgehend püppchenhaft. Olga Ravn selbst hat über Ditlevsens Sprache geschrieben: „Für mich war das immer ein Modell, wie man als Frau schreiben kann. Nicht die einzige Art, aber eine wichtige. Sich das Bild der Puppe aneignen und von dieser Position aus zu sprechen.“ Ist diese Puppenhaftigkeit von Ditlevsens Sprache das, was Claessens versucht hat in der Inszenierung umzusetzen? Wenn das der Fall ist, dann wurde es nicht erfolgreich vermittelt. Die Figuren scheinen sich auf der Bühne meist selbst nicht ernst zu nehmen.</p>



<p>Der von Olga Ravn geschriebene vierte Akt spielt zum Teil in einer Metallkonstruktion, bestehend aus Stuhl, Thron, Dreieck und massenweise Kerzen. Im Text geht es um einen Arzt, der eine kranke Tochter behandelt. Aber wie auch das Bühnenbild wirkt dieser Akt abseits vom Rest des Geschehens, wie ein Fremdkörper.</p>



<p>In Ravns Text weist die Mutter jede Schuld für die Manie ihrer Tochter von sich, ist jedoch auch nicht bereit, bei der Kinderbetreuung zu helfen. Auf <a href="https://substack.com/home/post/p-183448241">ihrem Substack</a> schrieb Ravn im Januar „Ich weiß nicht, wie viel das, was ich geschrieben habe, AN DER OBERFLÄCHE mit Tove zu tun hat, aber in den Tiefen hat es das.“ In einer von Ravns Szenen fährt eine Mutter mit ihren Kindern Auto, während die Kinder sie beschimpfen. „Du fettes Schwein! STIRB!“, sagt das Kind und die Mutter rastet aus, schreit zurück. Es ist einer der klareren Momente, in der die Überlastung einer modernen Mutter spürbar wird. Aber die Inszenierung schafft es nicht, oder will es nicht schaffen, Sympathie mit irgendwem aufkommen zu lassen. Es ist ein weiterer Moment, der sowohl die Figur als auch ihre Probleme lächerlich wirken lässt.</p>



<p>Die Inszenierung ist laut, manchmal brutal und soll sichtlich provozieren und schockieren. Doch ein Erkenntnisgewinn, Klarheit darüber, was überhaupt kommuniziert werden soll, fehlt. Vielleicht verlässt deswegen Olga Ravns deutsche Verlegerin Barbara Kalender kurz vor Schluss den Saal mit den deutlich über mehrere Reihen vernehmbaren Worten: „Ich kann nicht mehr.“</p>



<p>Olga Ravn selbst hatte ihren Stuhl schon knapp drei Stunden zuvor hochgeklappt. Wäre sie geblieben hätte sie den Monolog am Ende nicht verpasst, in dem ein in Hamlet-Kostüm gekleideter Nikolay Sidorenko über die Entstehung eines Textes für das Theater spricht. „Das war alles so magisch und so eigen, weißt du. Gar nicht, wie man sich das in einem Stadttheater vorstellt.“ Diese Magie war jedoch an diesem Abend nicht zu spüren.</p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@rfrsrh?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Foad Roshan</a></p>
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		<title>Gisèle Pelicot präsentiert ihre Autobiograhie – Über die Überwindung der Scham</title>
		<link>https://54books.de/gisele-pelicot-praesentiert-ihre-autobiograhie-ueber-die-ueberwindung-der-scham/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anne Fritsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 14:34:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lesung]]></category>
		<category><![CDATA[München]]></category>
		<category><![CDATA[Pelicot]]></category>
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		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[sexualisierte Gewalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Anne Fritsch CN: Sexualisierte Gewalt Das Münchner Residenztheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen auf dem Platz standen Menschen mit&#8230;</p>
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<p></p>



<p>von Anne Fritsch</p>



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<p><em>CN: Sexualisierte Gewalt</em></p>



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<p>Das Münchner Residenztheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen auf dem Platz standen Menschen mit „Karte gesucht“-Schildern in der Hand, vor allem Frauen. Es ist eine besondere Lesung: Gisèle Pelicot präsentiert gemeinsam mit der Journalistin Sandra Kegel und der Schauspielerin Caroline Peters ihr gerade erschienenes Buch „Eine Hymne an das Leben“. Als Pelicot auf die Bühne tritt, stehen alle auf, applaudieren. Selten war so viel Emotion in einem Raum, so viel Solidarität und auch: so viel Hoffnung. Diese Frau auf der Bühne, die gleichzeitig so zart und so stark wirkt, hat ein unfassbares Verbrechen überlebt. Oder vielmehr: sehr viele Verbrechen. Dass Gisèle Pelicot sich nicht versteckt, sondern ihre Geschichte in der Öffentlichkeit teilt, berührt alle. Vielleicht besonders in diesen Zeiten, in denen Fälle wie ihrer oder die Epstein-Files die Ausmaße der Gewalt gegen Frauen einmal mehr ins allgemeine Bewusstsein rücken.</p>



<p>Gisèle Pelicot führte beinahe 70 Jahre ein nach außen hin völlig unspektakuläres Leben. Dann wurde sie von einem Tag auf den anderen nicht nur zur Person des öffentlichen Lebens, sondern weltberühmt: als Anklägerin im Prozess von Avignon. Die ganze Welt kennt die Bilder, wie sie erst mit Sonnenbrille, dann ohne in jenen Gerichtssaal schritt, in dem einundfünfzig Angeklagte saßen: „fünfzig Fremde und der Mann, den ich einst geheiratet hatte“. Monsieur Pelicot, wie sie ihren Ex-Mann heute nennt, hat im Internet Männer gesucht, die Lust hätten, seine medikamentös betäubte Frau ohne ihr Wissen zu missbrauchen und vergewaltigen. Wenn einer von ihnen vorher einen Blick auf sein zukünftiges Opfer werfen wollte, teilte er ihnen mit, wann sie in welchem Supermarkt sein würden. Während seine Frau nichts ahnend die Einkäufe machte, wurde sie von den zukünftigen Vergewaltigern in Augenschein genommen.</p>



<p>Es meldeten sich viele auf die Online-Anzeige: Die Täter waren zwischen Mitte 20 und Mitte 70. Sie kamen aus der Umgebung des Ortes, in dem die Pelicots wohnten: Mazan in Südfrankreich, 35 Kilometer nordöstlich von Avignon. Die Journalistin Johanna Adorján, die Gisèle Pelicot vor kurzem zu einem Interview in Paris traf, schrieb <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/gisele-pelicot-buch-vergewaltigung-mann-zukunft-li.3360901?reduced=true">in ihrem Artikel in der Süddeutschen Zeitung</a>: „Wenn man nicht davon ausgehen möchte, dass sich ausgerechnet an diesem Fleckchen Erde Perverse in geradezu grotesker Dichte ballen, lässt das einen üblen Rückschluss zu.“</p>



<p>Im Dezember 2024 wurden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Nun hat Gisèle Pelicot ein Buch über ihr Leben geschrieben. Nicht nur über das, was ihr angetan wurde, sondern darüber, wer sie ist und wie sie mit dem Erlebten umgeht. Nach dem Prozess musste sie ihr Leben wieder neu aufbauen, erzählt sie in München: „Ich musste herausfinden, wer ich bin.“ Sie war von einer Privatperson zu einer Ikone des Feminismus geworden. Das alles war nicht ihr Plan gewesen, es geschah ihr. Doch eines war ihr immer klar: Sie wollte nicht nur das Opfer sein. Die Frau, die im November 2020 ihren Mann auf die Polizeiwache begleitete, weil er dabei erwischt worden war, wie er im Supermarkt Frauen unter den Rock gefilmt hatte, erscheint ihr in der Rückschau „sehr naiv“. Ihr Mann wurde zuerst vernommen. Er betrat das Verhörzimmer, und Gisèle Pelicot würde ihn erst Jahre später im Gerichtssaal wiedersehen. Nie wieder würde sie in ihm den Mann sehen, den sie zu kennen glaubte. Nie wieder würden sie als Ehepaar in einem Raum sitzen. Die Scheidung ging in einem Online-Verfahren über die Bühne, während er in Untersuchungshaft war. Von einem Moment auf den anderen lag ihr Leben in Trümmern: Sie war 50 Jahre mit einem Mann verheiratet, der ihr und – wie sich immer deutlicher abzeichnet – auch anderen Schreckliches angetan hat.</p>



<p>In ihrem Buch stellt sie sich dem Ungeheuren, aber auch den glücklichen Erinnerungen, an denen sie festhalten musste, um nicht „zugrunde zu gehen“. Es ist schwer vorstellbar, was mehr Überwindung gekostet haben muss: das Grauen beim Namen zu nennen, das ihr ihr eigener geliebter Mann angetan hat, oder sich an die Liebe zu erinnern, die sie fast ein Leben lang für ihn empfunden hat. Beides verlangt Mut. Nein, diese Frau ist nicht nur ein Opfer, sie ist eine Überlebende, die Dinge in Bewegung bringt.</p>



<p>In einer der eindrücklichsten Passagen im Buch schildert Pelicot, wie sie vor Prozessbeginn auf einem Spaziergang realisierte, was sie im Gerichtssaal erwarten würde: ihr gegenüber die Angeklagten, rund 50 Männer plus ihre Anwält*innen, eine Übermacht. „Würde die verschlossene Saaltüre nicht vielmehr ihrem Schutz dienen als meinem?“, fragt sie sich. „Niemand würde erfahren, was sie mir angetan hatten. Kein einziger Journalist wäre zugegen, um die Täter zu beschreiben und als Verbrecher zu benennen.“ Sie wäre ihren Lügen und Ausflüchten schutzlos ausgeliefert. Und: „Vor allem könnte keine einzige Frau eintreten und im Saal Platz nehmen, um sich weniger allein zu fühlen.“ Ihr kam die Parole der französischen Frauenbewegung in den Sinn: „La honte doit changer de camp.“ Die Scham muss die Seiten wechseln. Und auf einmal war ihr klar, dass sie das Verfahren öffentlich machen wollte: „Alle Welt sollte auf die einundfünfzig Vergewaltiger schauen. Sie mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht.“&nbsp;</p>



<p>Als Opfer war sie diejenige, die einen Ausschluss der Öffentlichkeit verlangen konnte. Oder eben nicht. Der Gedanke dahinter: Das Opfer soll die Möglichkeit haben, die eigene Privatsphäre so privat wie möglich zu lassen. Soll davor geschützt sein, Schmerz und intime Details eines Sexualdelikts öffentlich ausbreiten zu müssen. Die Scham, die Gisèle Pelicot da überwinden musste, ist kaum vorstellbar. Dominique Pelicot hatte alle Verbrechen an ihr gefilmt. Das Beweismaterial, das im Verfahren gezeigt wurde, umfasste Video-Aufnahmen von rund zweihundert Vergewaltigungen in zehn Jahren durch ihren Ehemann und die übrigen Angeklagten. All das wäre öffentlich in einem öffentlich geführten Prozess. Und: Gisèle Pelicot würde sich all das selbst vor dem Prozess ansehen müssen (etwas, das sie bis zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen hatte). Sie hatte den Saal verlassen wollen, sobald die Videos gezeigt würden. Nun war das keine Option mehr, sie musste sich wappnen: „Ich konnte unmöglich zulassen, dass alle Welt außer mir sie zu sehen bekam.“</p>



<p>Der Fall Pelicot ist nur durch einen Zufall beziehungsweise den Leichtsinn des Monsieur Pelicot herausgekommen. Keiner der Beteiligten schreckte vor der Tat zurück, bekam Skrupel angesichts der bewusstlosen Frau oder erstattete gar Anzeige. Ein Wachmann ertappte Monsieur Pelicot, wie er im Supermarkt drei Frauen unter den Rock filmte. Auf seinem Handy fand die Polizei nicht nur diese Videos, sondern die umfassende Dokumentation der Verbrechen an seiner Ehefrau. Wie viele andere Fälle nie ans Licht kommen beziehungsweise nie angezeigt werden, ist unklar. Klar aber ist, dass das, was wir alle sehen, nur die Spitze eines Eisbergs ist.&nbsp;</p>



<p>Die Frage, wie Gerichte mit Fällen sexualisierter Gewalt umgehen sollten, wie Opfer besser geschützt und gleichzeitig Täter verurteilt werden können, ist hochkomplex. Selbstverständlich muss hier wie in jedem anderen Verfahren die Schuld festgestellt werden, bevor es zu einem Urteil kommen kann. Und selbstverständlich existiert in den wenigsten Fällen derart eindeutiges Beweismaterial wie im Fall Pelicot. Meist gibt es vielmehr überhaupt keine Beweise, es steht Aussage gegen Aussage – und falls es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, muss das Opfer vorher alles noch einmal durchleben, sekundäre Viktimisierung eingeschlossen. Selbst Gisèle Pelicot, die sich bewusst ist, dass „nicht alle Opfer solche Beweise haben“ wie sie, musste Sarkasmus und Anschuldigungen erfahren. „Oft hat man im Gerichtssaal das Gefühl, das Opfer wird beschuldigt“, sagt selbst sie. Bei der Anhörung behauptete einer der Angeklagten: „Ich sei einverstanden gewesen, es könne sich doch niemand zehn Jahre lang vergewaltigen lassen, ohne es zu merken, darüber habe er mit einigen Frauen geredet, die seine Meinung teilten – es sei unmöglich, nichts mitzubekommen, bei einem Missbrauch durch so viele Männer.“</p>



<p>Wenn das Opfer selbst bei einer derart erdrückenden Beweislage „Überzeugungsarbeit leisten“ muss; wenn gerade die monströsen Ausmaße der Taten dazu führen, dass an der Unschuld des Opfers gezweifelt wird; wenn selbst hier nach Mitverantwortung gesucht wird und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird: Woher sollen dann andere, jüngere, einsamere Opfer den Mut nehmen, sich diesem System zu stellen? Auch Gisèle Pelicot ist nicht sicher, ob sie sich das „getraut hätte, wenn ich zwanzig Jahre jünger gewesen wäre“. Sexualisierte Gewalt ist eine körperliche und seelische Grenzüberschreitung. Vor Gericht werden diese verhandelt, natürlich: müssen sie verhandelt werden. Die erneuten Demütigungen, denen die Opfer dabei ausgesetzt sind, beschreibt Pelicot eindrücklich: „Es ist demütigend, ständig zu hören, wie das eigene Leben, die Seele, der Körper auseinandergenommen werden. Im Lauf der Verhandlungen und der medizinischen und psychologischen Einschätzungen aus dem Zeugenstand war von meinem Alter die Rede, von den Frauen meines Alters, von meinem durchschnittlich hohen IQ, von der Anzahl meiner Orgasmen, man beschrieb bis ins kleinste Detail jede meiner Körperöffnungen, die Farbe, die Sekrete, als wäre ich nicht nur nackt und bewusstlos auf den Bildschirmen zu sehen, sondern auch im Saal vor aller Augen auf einer Untersuchungsliege ausgestreckt.“</p>



<p>Weder das Buch von Gisèle Pelicot noch ihre Auftritte werden das System von Grund auf ändern. Vielleicht aber schärfen sie das öffentliche Bewusstsein für all diese Dilemmata. „Ich wollte, dass meine Geschichte anderen hilft“, sagt Pelicot. Zu sehen, wie sie wieder aufgestanden ist, nachdem dieser „Tsunami“ über sie, ihre Familie und ihre gesamtes Leben gerollt ist; wie sie ihr Vertrauen in die Menschheit und auch die Männer nicht verloren hat, ist erhebend. „Man muss lernen, wieder zu vertrauen“, sagt sie. Es ist schön, dass ihr Leben weiter geht, dass sie einen neuen Partner an ihrer Seite hat. Diese Frau inspiriert auch bei ihrer Premiere in München ein ganzes Publikum mit ihrer Haltung und entlässt es trotz allem mit einem Gefühl der Hoffnung.</p>



<p>Potentielle Vergewaltiger, die anhand dieses Prozesses gesehen haben, wie es Tätern ergehen kann, wie sie öffentlich angeklagt werden, könnten im besten Falle abgeschreckt werden. Es ist schrecklich, als Opfer in derartigen Videos zu sehen zu sein. Doch noch schrecklicher sollte es sein, wenn Mann selbst der Täter in diesen Videos ist. Die Scham muss nicht nur die Seiten wechseln. Sie müsste vielmehr so groß werden, dass derartige Verbrechen gar nicht erst begangen werden.</p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@nova_brodhead?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText"><a href="https://unsplash.com/de/@ricdeoliveira?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Ruan Richard Rodrigues</a></a></p>



<p></p>
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		<title>Hass macht Spaß &#8211; Über das Misogynist Slop Ecosystem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veronika Kracher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Feb 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Veronika Kracher CN: Sexualisierte Gewalt Es macht Spaß, sich kollektiv an Frauen (und generell geschlechtsmarginalisierten Menschen) abzuarbeiten. Es macht Spaß, jede Transgression,&#8230;</p>
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<p>von Veronika Kracher</p>



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<p><em>CN: Sexualisierte Gewalt</em></p>



<p>Es macht Spaß, sich kollektiv an Frauen (und generell geschlechtsmarginalisierten Menschen) abzuarbeiten. Es macht Spaß, jede Transgression, jeden Fehler, den eine Frau begeht, genüsslich und in aller Öffentlichkeit zu zerreißen – vor allem, wenn es sich um berühmte, attraktive, populäre Frauen handelt. Und das beschränkt sich nicht auf den digitalen Raum, sondern prägt die gesamte Kulturindustrie und insbesondere die Boulevard-Berichterstattung im patriarchalen Kapitalismus. Vor allem, wenn diese Frauen daran scheitern, patriarchalen Anforderungen an Weiblichkeit zu entsprechen – also: zu fett, zu dünn, zu faltig, zu operiert, zu sexy, zu frigide, zu selbstbewusst, zu zurückhaltend, zu dümmlich, zu intellektuell, zu mädchenhaft oder zu burschikos, lesbisch, trans oder intergeschlechtlich sind. Was die Transgression ist, entscheidet der patriarchale Mob. Misogynie ist immer eine <em>korrektive </em>Gewalt, also sowohl ein Akt der Bestrafung, als auch als Warnung an andere Frauen oder Menschen, die von den Verhältnissen zu solchen gemacht werden: <em>halte lieber die Füße still und pass‘ dich an, oder du bist die nächste.</em> Die gesellschaftliche Bewertung von Frauen ist immer an Doppelstandards und Anspruchshaltungen gekoppelt. Und ja, auch andere Frauen können misogyn sein.</p>



<p>Meistens ist die Transgression etwas in der Richtung von: eine Frau/Lesbe/transfeminine Person macht etwas, <em>was ich doof finde. </em>Sie ist nicht unterwürfig. Sie lächelt nicht. Sie widerspricht mir. Sie setzt Grenzen. Sie ist nicht für mich verfügbar. Wie die Philosophin Kate Manne in „Down Girl &#8211; Die Logik der Misogynie“ (Suhrkamp 2020) ausführt, ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung an Frauen sowohl, „weiblich codierte Güter“ wie Aufmerksamkeit, Fürsorge, Reproduktionsarbeit und Sex zur Verfügung zu stellen, als auch darauf zu verzichten, „männlich codierte Güter“ wie Öffentlichkeit, Anerkennung, politische Teilhabe oder auch die Abwesenheit von auf Doppelstandards basierenden Verurteilungen (beispielsweise Slutshaming, noch immer ist selbstbestimmte weibliche oder queere Sexualität gesellschaftlich stigmatisiert) einzufordern.</p>



<p>Die Sanktion von Fehlleistungen bei Frauen als Spektakel zu gestalten, ist ein etabliertes Instrument patriarchaler Herrschaft. Beispiele sind: Hexenprozesse, der mittelalterliche Pranger oder der „Schandstein”, die Guillotine (die nicht nur den Adel, sondern später auch Abweichler*innen aus den Reihen der Jakobiner selbst traf, darunter die Frauenrechtlerin Olympe de Gouge) oder die „Prangerumzüge“ im Nationalsozialismus, bei denen Jüdinnen*Juden oder politische Gegner*innen öffentlich als Feind*innen des Volkskörpers gebrandmarkt und vorgeführt wurden. Im Kolonialismus war es eine etablierte Praxis, Schwarze Menschen als das exotische „Andere” in Museen und Menschenzoos auszustellen. Dies hatte auch immer eine geschlechtsspezifische Komponente, in der Kolonialrassismus und Misogynie eng verwoben sind.&nbsp; Ein besonders drastisches Beispiel ist das Leben der Khoikhoi Sarah Baartman, die aufgrund ihres ausgeprägten Hinterteils (Resultat eines Fettsteiß) von ihrer Jugend bis zu selbst nach ihrem Tod begafft und bewertet wurde. Schwarze Frauen sind bis heute mit den Zuschreibungen von Hypersexualisierung, Wildheit, Triebhaftigkeit etc. konfrontiert, Schwarzen Mädchen wird jene jugendliche Unschuld abgesprochen, die als Tugend und Merkmal weißer Mädchen gilt. Dies hat konkrete Auswirkungen: Schwarze Frauen erfahren beispielsweise seltener Anerkennung und Gerechtigkeit, wenn sie Sexualdelikte bei der Polizei melden (gegen Schwarze Frauen gerichtete Misogynie wird als „Misogynoir“ bezeichnet).</p>



<p>Wenn die Bestrafung von einem geschlossenen Raum wie einem Gefängnis an die Öffentlichkeit gezerrt wird, lädt dies alle braven Staatsbürger*innen dazu ein, ihr beizuwohnen und sich aktiv an der Beschämung des Ziels der Strafe zu beteiligen. Der Aspekt des Spektakels wird hier zu einem Mechanismus sozialer Kontrolle.</p>



<p>Auf den Pranger folgte das Boulevard-Magazin. Vor allem ab den Neunziger und Nuller Jahren überschlugen sich Klatschblätter mit reißerischen Nachrichten über das Gewicht und Liebesleben von geschlechtsmarginalisierten Menschen in der Öffentlichkeit. Dies war nie von Akzeptanz oder Wohlwollen, sondern immer von Häme und Missgunst geprägt. Kate Winslet? Zu fett. Courtney Love?&nbsp; Keine trauernde Witwe, sondern Mörderin ihres Ehemannes. Lady Diana? Psychisch krankes Flittchen, dass das Ansehen der Royal Family zerstört. Britney Spears? Zu sexy, nicht sexy genug, eine schlechte Mutter, zu fett, komplett wahnsinnig. Monica Lewinksy? Eine Schlampe. Janet Jackson? Eine Punchline. Paris Hilton? Selbst Schuld an dem Sextape, das ohne ihren Konsens veröffentlicht wurde. Lana Kaiser (die damals noch unter ihrem Deadname bei „Deutschland sucht den Superstar“ auftrat)? Ein lächerlicher „Paradiesvogel“. Dies ist nur ein Bruchteil derjenigen, die von gehässigen Autor*innen und deren begeisterten Lesenden in psychische Krankheiten, Essstörungen oder das Ende ihrer Karriere gemobbt wurden. Fernsehformate wie die&nbsp; von Howard Stern moderierte Sendung „Butterface“, in denen Frauen mit normschönen Körpern, aber vermeintlich unattraktiven Gesichtern bewertet&nbsp; wurden, ergänzten die Normalität frauenverachtender Demütigung.</p>



<p>Heute muss keine Frau mehr in Menschenzoos oder am Pranger mehr ausgestellt werden. Heute sind es nicht nur professionelle Paparazzi, die über scheiternde Frauen schreiben, auf dass wir dies goutieren können. Heute haben wir das Panoptikon des digitalen Raums, an dem sich wirklich jeder missgünstige Macker, jede Steigbügelhaltern des Patriarchats beteiligen kann. Heute haben wir das „Misogyny Slop Ecosystem”.</p>



<p>Der Begriff stammt von der YouTuberin <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rFy6Nam1W1c">Ophie Dokie</a> und wurde&nbsp; von der Kulturwissenschaftlerin <a href="https://www.usermag.co/p/breaking-down-the-misogyny-slop-ecosystem">Taylor Lorenz</a> popularisiert. Er beschreibt eine digitale Kultur, in der wirklich <em>jeder </em>sich reichweitenstarke Accounts oder gar lukrative Karrieren darauf aufbauen kann, Frauen und genderqueere Menschen öffentlich zu demütigen. Dies trifft sowohl berühmte, als auch zunehmend ganz normale Frauen, die auch nur irgendwie öffentlich sichtbar sind.</p>



<p>Die beispiellose Hasskampagne gegen Amber Heard ist meines Erachtens das, was das Konzept „Misogyny Slop Ecosystem” erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Auch bereits vor diesem Fall gab es eine ganze Reihe an YouTubern, die antifeministischen Empörung, die Abwertung von Frauen und den Kampf gegen „Wokeness” zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hatten. Seinen Ursprung hat dieser antifeministische Kulturkampf in der misogynen „<a href="https://keinenpixel.de/2020/11/16/gamergate-eine-retrospektive-download/">Gamergate</a>“-Kampagne, die sich vor allem gegen Frauen und nichtbinäre Menschen in der Gaming-Szene richtete. Eines der primären Ziele war die Kulturwissenschaftlerin und Videoessayistin Anita Sarkeesian, die sich in ihrer Reihe „Tropes vs. Women“ mit Sexismus in Videospielen und der Spiele-Industrie auseinandersetzte. Auf jedes ihrer Videos reagierten empörte, antifeministische Gamer mit langen und tendenziösen Repliken. In den Thumbnails: misogyne und auch oft antisemitische Karikaturen von Sarkeesian als hysterische Feministin oder raffgierige Jüdin. Die Macher konnten sich sicher sein, dass jedes dieser Videos zehntausende Aufrufe erhielt. Einige der profiliertesten Gamergater (Männer mit kreativen Namen wie „The Quartering“, „Count Dankula“, „Critical Drinker“ oder „Sargon of Akkad“) konnten sich aus ihrem misogynen Hass und antifeministischen Kulturkampf-Narrativen von „Feministinnen, die euch eure Videospiele wegnehmen und zwanghaft diversifizieren wollen“ bis heute andauernde, lukrative Karrieren aufbauen und den <a href="https://www.bpb.de/themen/kultur/digitale-spiele/504985/die-erben-von-gamergate-gaming-youtuber-beeinflussen-den-diskurs-ueber-videospiele/">Diskurs über Spielekultur nachhaltig beeinflussen</a>.</p>



<p>Community-basierte Plattformen wie Reddit, das Imageboard 4chan, oder das vor allem gegen Feminist*innen, trans und neurodiverse Menschen gerichtete Troll-Forum <a href="https://www.belltower.news/online-mobbing-und-menschenhass-das-troll-forum-kiwi-farms-136357/">Kiwi Farms</a> trugen ihren Teil dazu bei, die Ziele von Gamergate systematisch anzugreifen und zu diffamieren. Integraler Bestandteil der Gewalt gegen die Betroffenen von Gamergate war geschlechtsspezifische Demütigung: Vergewaltigungsandrohungen, die Veröffentlichung gefälschter Nacktbilder, Slutshaming, etc. Ein besonders eifriger Gamergater verfasste sogar eine bis heute auf Amazon erhältliche Kurzgeschichte, in der eine feministische Spieleentwicklerin Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird. Gamergate zeigte deutlich auf, wie viele Männer bereit waren, ihrem Frauenhass unter dem Deckmantel der Verteidigung ihres „Hobbys“ derart ungehemmten Lauf zu lassen.</p>



<p>Vor allem etablierten sie das Konzept der „memetischen Kriegsführung“ – die Demütigung des Feindbildes durch Memes. Auch dies ist immer wieder geschlechtsspezifisch konnotiert, beispielsweise in Form des „<a href="https://youtu.be/WFIrBFsSccw?si=229Jf8hD6b1ofm5h">Triggered Feminist“-Memes</a>. Gamergate ging nahtlos in die Alt Right-Bewegung und somit den Wahlkampf und die Politik von Donald Trump über. Trumps damaliger Chef-Stratege Steve Bannon implementierte auch das bei Gamergate etablierte Diffamierungskonzept „Flooding the Zone with Shit“ in die US-amerikanische Kultur, also: mit so viel Falschbehauptungen über das Feindbild um sich werfen, bis irgendwas kleben bleibt. Bis heute sind diese von rechten Trollen etablierte Techniken fester Bestandteil des Trumpismus – der offizielle X-Account des Weißen Hauses und anderer US-Behörden täglich unter Beweis stellt, wenn sie sich über Abschiebungen oder die Opfer der faschistischen Schlägerbande ICE lustig machen. Persönliche Angriffe gegen Demokratische Politiker*innen wie Nancy Pelosi oder Alexandra Orcasio-Cortez zählen für Mitglieder der Republikanischen Partei und deren News-Plattformen wie „The Daily Wire“ zum alltäglichen politischen Umgang.</p>



<p>Die Demütigung diskriminierter Menschen bringt viel zu viel Geld ein, um es sein zu lassen, und außerdem muss die Welt ja vor der feministischen Agenda geschützt werden. Akteure des antifeministischen Kulturkampfes fanden immer wieder neue Ziele, an denen sie und ihr Publikum ihre misogynen (rassistischen, dickenfeindlichen, ableistischen, antisemitischen, queerfeindlichen) Ressentiments auslassen konnten. Brie Larson als Captain Marvel, die zu wenig lächelt; Daisy Ridley und Kelly Marie-Tran, die Star Wars ruinieren; Leslie Jones, die Ghost Busters ganz besonders ruiniert; jedes Videospiel, in dem ein Charakter irgendwie divers war – all das wurde mit ungezählten YouTube-Videos oder Social Media-Postings beantwortet. Besonders eifrige Gamer entwickelten sogar Mods (also von Community-Mitgliedern programmierte Veränderungen eines bereits erschienenen Videospiels), um diese unliebsamen Figuren aus ihren Games zu entfernen oder töten zu können.</p>



<p>Dieser Hass muss nicht einmal an einen politischen Kulturkampf gekoppelt sein, sondern richtet sich stellenweise auch nur gegen unliebsame Fernsehcharaktere. Wie Johannes Franzen in seinem Buch „Wut und Wertung“ ausführt, löste der Charakter von Skylar White in der Serie „Breaking Bad“ so viel Hass aus, dass sogar die Schauspielerin Anna Gunn Morddrohungen erhielt.</p>



<p>Bis 2022 war diese systematische Abwertung von Frauen und Queers primär Teil eines von reaktionären Nerds und politischen AkteurInnen betriebenen Kulturkampfes, der an Anna Normalverbraucherin weitestgehend vorbei ging. Dann aber kam die in Virginia, Fairfax durchgeführte und ausgestrahlte <a href="https://michaelhobbes.substack.com/p/the-bleak-spectacle-of-the-amber">juristische&nbsp; Auseinandersetzung</a> zwischen dem Schauspieler Johnny Depp und seiner Exfrau, der Schauspielerin und Aktivistin Amber Heard. Dass der Prozess öffentlich ausgestrahlt wurde, obwohl es letztendlich um das extrem intime Thema der häuslichen Gewalt ging, war eine gezielte Strategie von Depp und seines PR-Teams. Nicht nur konnte Depp den Prozess zur Selbstinszenierung nutzen, sondern in einen öffentlichen Schauprozess verwandeln, der von einer beispiellosen misogynen Schmierenkampagne begleitet wurde.</p>



<p>Es war ein Spektakel, an dem sich die ganze Welt beteiligen konnte: antifeministische Alpha-Männer, rechte YouTuber, die von Depps ehemaligem Anwalt Adam Waldmann mit geleaktem Material versorgt wurden, das sie zur Diffamierung von Heard nutzten (dies wird ausführlich in dem Podcast „<a href="https://www.tortoisemedia.com/listen/who-trolled-amber">Who trolled Amber</a>“ dokumentiert); <a href="https://www.nytimes.com/2022/05/26/arts/amber-heard-tiktok-johnny-depp.html">TikTok-Influencer*innen</a>, die Szenen aus dem Gerichtssaal nachspielten; Streamer*innen, die den Prozess hämisch kommentierten; selbsternannte „Körpersprache-Expert*innen“, die glaubten, Heard der Lüge überführen oder ihr diverse psychische Störungen attestieren zu können. YouTube-Videos mit Titeln wie „Amber Heard PWNED on the stand!“ oder „10 Epic Johnny Depp WINS“ dominierten über Wochen den Algorhitmus, und selbst ganz gewöhnliche Meme- oder Unterhaltungsseiten posteten Memes, die sich darüber lustig machten,&nbsp; dass Heard dazu gezwungen war, vor den Augen der Welt die ihr zugefügte Gewalt rekapitulieren zu müssen. Deepfakes mit Heard in sexuellen Posen fanden sich nicht nur auf dem Imageboard 4chan, sondern auch auf Twitter.</p>



<p>Reddit-Postings gegen Heard verzeichneten Upvotes im fünfstelligen Bereich, auf Twitter trendeten Hashtags wie #AmberTurd oder #AmberHeardIsALiar. Hier spielt auch, wie das Unternehmen Bot Sentinel aufgedeckt hat,<a href="https://www.forbes.com/sites/marisadellatto/2022/07/18/anti-amber-heard-twitter-campaign-one-of-worst-cases-of-cyberbullying-report-says/"> eine gezielte Medien-Manipulation</a> durch&nbsp; Bots und Trolle eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gleichzeitig motivierten die Bot-Kommentare gegen Heard aber auch real existente User*innen, ihrem Frauenhass gegen die Schauspielerin freien Lauf zu lassen. Ein Aspekt ist auch die Obsession, die Depps über Jahrzehnte kuratierte Fan-Basis mit ihrem Idol an den Tag legt. Ganz normale, freundliche Damen überschlugen sich auf Sozialen Medien damit, Heards Gewalterfahrungen zu verhöhnen und sie als Lügnerin zu brandmarken. Dabei griffen sie tief in die Argumentationskiste etablierter Rape Culture-Mythen und verbreiteten das von Depps Team etablierte Narrativ, Heard hätte von Beginn der Beziehung an geplant, ihren Ex-Mann als Täter zu diffamieren und sich beispielsweise blaue Flecken mit Make-Up aufgemalt. Damit verbreiteten sie die gleiche Erzählung wie „The Daily&nbsp; Wire“, „Breitbart“, „Compact“ oder „Tichys Einblick“ &#8211; rechte News-Outlets, die Depp als einen von vielen unschuldigen Männern verteidigten, die Opfer von #MeToo und falschen Vergewaltigungsanschuldigungen geworden seien. Selbst die Republikanische Partei ließ es sich nicht nehmen, Depp nach der Urteilsverkündung des Prozesses zu gratulieren.</p>



<p>Auch<a href="https://x.com/liliandaisies/status/1559244777115222018">zahlreiche Unternehmen</a> profitierten von der gesellschaftlichen Omnipräsenz dieses Frauenhasses. Auf den Plattformen Etsy und Redbubble konnten Käufer*innen Sticker, Tassen und Couchkissen mit dem verzerrten Gesicht Amber Heards erwerben. Konzerne wie Lidl, Duolingo und Milani schalteten Werbung mit Referenzen auf den Prozess und misogyn memefizierte Momente. Stripclubs luden auf ihren Werbeschildern Amber Heard dazu ein, sich bei ihnen zu bewerben, um die Gerichtskosten bezahlen zu können. Es gab Malbücher und Handy-Spiele, die Heard verhöhnten. Und das Sextoy-Unternehmen „Twisted Fantasys“ produzierte einen Dildo, angelehnt an die Whiskeyflasche, mit der Depp Heard vergewaltigt hatte. Der Werbetext lautet wie folgt: „Reach a new Depp-th with the Amber&#8217;s Mark Liquor Bottle Dildo. Designed with a solid base and a girthy shaft with textured drips for extra pleasure! #justiceforjohnnydepp #justiceforjohnny #amberheard #johnnydepp“</p>



<p>Kurz – im Sommer 2022 waren sich Männerrechtler, Influencer*innen, Depp-Fans und der Großteil des Internets einig, dass es komplett normal ist, sich über ein Opfer häuslicher Gewalt lustig zu machen. Die öffentliche Demütigung von Frauen war wieder <em>en vogue.</em><em> </em>Und Heard hat diesen Hass ja wohl verdient, schließlich hat sie es gewagt zu insinuieren, dass ein versoffener Piratenkapitän ein häuslicher Gewalttäter ist.</p>



<p>Auch wenn die Kampagne gegen Heard den wohl drastischste Fall des frauenverachtenden Social Media-Prangers darstellt, ist er gewiss nicht der einzige. Das misogyne Strafbedürfnis sucht sich immer wieder neue Ziele. Nach Amber Heard waren es vor allem die Herzogin von Sussex <a href="https://theconversation.com/whats-fuelling-the-medias-enduring-hate-campaign-against-meghan-markle-239906">Meghan Markle</a>, die es gewagt hatte den Rassismus der Britischen Königsfamilie zu thematisieren, die Schauspielerin <a href="https://www.rollingstone.com/culture/culture-features/evan-rachel-wood-celebrity-victim-monetized-misogyny-1234699309/">Evan Rachel Wood</a>, die den Missbrauch durch ihren Ex-Mann (und Johnny Depps besten Freund) Marylin Manson öffentlich machte, oder die Schauspielerin <a href="https://www.gwi-boell.de/de/2025/02/10/blake-lively-amber-heard-und-der-misogyne-mob">Blake Lively</a>, die über die sexuelle Belästigung durch ihren Co-Star Justin Baldoni sprach (der übrigens das gleiche PR-Team anheuerte wie Johnny Depp). Dass es sich hier um Frauen mit großer Öffentlichkeit und Reichweite handelt, die gesellschaftliche Ungleichwertigkeit thematisieren, ist kein Zufall.</p>



<p>Die Angriffe gegen diese Frauen waren immer mit koordinierten Hass-Kampagnen verbunden – die jedoch reguläre Social Media-Nutzer*innen dazu einluden, ihrem gesellschaftlich vermittelten Frauenhass und ihrer Lust nach der Sanktion unbotmäßiger Weiber, die es wagen Rassismus oder sexuelle Gewalt anzuprangern, freien Lauf zu lassen.</p>



<p>Inzwischen müssen Frauen nicht einmal mehr berühmt sein, um öffentlich gedemütigt zu werden, es reicht, wenn sie über eine minimale Öffentlichkeit verfügen. Es braucht auch keine ideologische Legitimation mehr, wie sie bei Gamergate noch vorgeschoben wurde. Es reicht, dass die Betroffenen existieren. Die von dem Erfolg von Adrew Tate inspirierte Redpill-Influencer und Hosts des Podcasts „Fresh and Fit“, Myron Gaines und Walter Weekes haben aus öffentlicher misogyner Demütigung fast schon ein Ritual gemacht. Unter dem Vorwand einer „Diskussion“ laden sie regelmäßig Frauen – vor allem Models, Influencerinnen und auf der Plattform OnlyFans tätige Sexarbeiterinnen – ein, um mit ihnen über Dating und das Geschlechterverhältnis zu diskutieren. Konkret artikulieren sich diese Gespräche in dem Versuch, die Gästinnen durch das Inszenieren von <em>Gotcha-</em>Momenten und Slutshaming vorzuführen. So werden die Interview-Partnerinnen des Podcasts direkt nach ihrem „Bodycount“, also der Anzahl ihrer Sexualpartner*innen befragt – was die Zuschauer implizit dazu einlädt, diese Frauen in den Kommentaren zu verurteilen.</p>



<p>Gaines und Weekes sind nur zwei Männer aus einem riesigen Netzwerk von Influencern, die im Fahrwasser von Tate, der wegen Vergewaltig und Menschenhandel vor Gericht steht,&nbsp; schwimmen, und mit der Normalisierung von Antifeminismus und Alpha-Männlichkeit Millionen an jungen Männern radikalisieren. Gerade auf TikTok finden sich ungezählte Accounts aufstrebender Influencer, die versuchen, durch ähnliche Formate Reichweite zu generieren. Populär und mit wenig Anstrengung verbunden ist etwa das Format der Straßenbefragung, bei dem die Content Creator Frauen auf ihr Sexleben oder ihre Dating-Präferenzen ansprechen, um sie anschließend dafür zu verurteilen und misogyne Ressentiments zu schüren.</p>



<p>Seit der Machtübernahme des geschiedensten Mannes der Welt, Elon Musk, ist die Plattform X zu einem besonders brutalen Schauplatz für die Verfolgung von Frauen und trans Menschen geworden. Zahlreiche Accounts haben keine anderen Inhalte, als ihnen unliebsame Einzelpersonen zu markieren und somit ihrem Publikum, das nur darauf wartet, seinen Hass ausleben zu können, vorzuwerfen. Als zum Beispiel die Literaturwissenschaftlerin Dr. Ally Louks stolz ein Foto mit ihrer Dissertation „Olfactory Ethics. The politics of smell in modern and contemporary prose“ postete, wurde dies umgehend von zahlreichen rechten Acccounts aufgegriffen und geteilt, ihr Tenor war: schaut mal, was diese linksintellektuelle Geisteswissenschaftlerin für einen Blödsinn macht, anstatt Kinder zu bekommen. Louks erhielt in tausenden Kommentaren und Quote-Tweets, zudem in E-Mails, Beleidigungen und Vergewaltigungsandrohungen. Ihre intellektuelle Arbeit wurde abgewertet und ihr Erfolg lächerlich gemacht.</p>



<p>Exemplarisch für diese Atmosphäre des Misogynist Slop Ecosystem steht der Account @Women PostingLs. „L“ steht für „Loss“, also ihr Versagen. Der Betreiber, ein selbstbezeichneter „Trendsetter, Visionary, Professional Retard“, der sich nebenbei für YouTube beim Betrinken filmt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt zu zeigen, wie verkommen Weibsbilder sind. Dazu postet er regelmäßig Bilder oder Videos von Frauen und gendernonkonformen Menschen, die es zum Beispiel wagen, trans zu sein, linskpolitische Arbeit zu machen, ihre Kinder alleine zu erziehen, sexuelle Dienstleistungen anzubieten oder schlicht nicht seinen Schönheitsstandards zu entsprechen. Dies ist nicht nur eine Aufforderung an seine Follower, sich in den Kommentaren kollektiv über diese Frauen zu echauffieren, sondern auch, sie direkt zu kontaktieren und anzugreifen. In eine ähnliche Kerbe schlägt der transfeindliche Account @LibsOfTikTok, dessen Betreiberin sich selbst stolz als „stochastische Terroristin“ bezeichnet, da ihre Feindmarkierung von trans Menschen regelmäßig in konkrete Gewalt umschlägt.</p>



<p>(Trans)Misogyner Gewalt wohnt immer ein Bonding-Moment inne, und kaum etwas hat dies in den letzten Wochen so drastisch gezeigt wie die von Männern durchgeführte bildbasierte sexuelle Gewalt mittels der X-KI Grok. Über Wochen haben Männer Grok genutzt, um Bilder von Frauen und Mädchen in sexuelles Material umzuwandeln. Sie nutzten die KI, um die Betroffenen auszuziehen, ihre Gesichter mit Sperma-Spuren zu bedecken, sie mit Würgemalen und blauen Flecken zu versehen. Selbst vor der von ICE ermordeten Renée Good machten diese Täter nicht Halt. Es ist ja nicht so, als würde es nicht ungezählte Terrabyte an Bildern von Videos von nackten Frauen im Internet geben. Dies ist für die Nutzer von Grok jedoch uninteressant. Es geht ihnen um den Übergriff als solchen: Frauen gegen deren Willen zu sexualisieren und somit zu demütigen. Die KI-generierten Nacktbilder von Taylor Swift, die X im Januar 2024 überschwemmt hatten, erwiesen sich also nur als der Anfang der Entwicklung, die aus <em>The Platform formerly known as Twitter </em>den Sumpf, gemacht hat, der sie heute ist. Es ist eine Plattform, auf der Menschenfeindlichkeit, und gerade Frauen- und Queerfeindlichkeit nicht nur zum guten Ton gehört, sondern deren <em>fundamentaler Bestandteil ist. </em>Nach einer Welle der Kritik wurde die Funktion übrigens nicht abgeschafft, sondern nur verifizierten Accounts zur Verfügung gestellt. Also: Frauen demütigen ist weiterhin möglich, aber gegen Geld.</p>



<p>Ich arbeite seit 2015 zu dem Themenfeld der digitalen Misogynie. Was sich vor einigen Jahren primär auf Incel-Foren finden ließ, ist heute im digitalen Raum omnipräsent. Plattformen wie Meta, X, YouTube oder TikTok haben auch wenig Interesse, gegen diese Inhalte vorzugehen, schließlich generieren sie Traffic und somit Geld. Der im Internet so offen zur Schau gestellte Hass auf alle Menschen, die keine ablebodied cis Männer sind, ist hierbei Spiegel der analogen Verhältnisse und des globalen antifeministischen Backlash. Nachdem der Incel und Neonazi Nick Fuentes nach der zweiten Wahl Donald Trumps voller Häme in seinem Stream die Worte „Your Body, My Choice, Forever“ geschrien hatte, avancierte dies nicht nur zu einem Meme – es ist der konkrete Ausdruck der aktuellen Geschlechterpolitik der USA. Dass wir gesellschaftlich an diesem Punkt angelangt sind, ist darin verortet, dass reaktionäre AkteurInnen gezielt die politisch und kulturell seit Jahrhunderten verankerte Lust, misogyne Strafbedürfnisse im Spektakel auszuleben, erfolgreich in einen antifeministischen Kulturkampf überführt haben. Die Kampagne gegen Amber Heard war hierbei eine Zäsur. Sie hat der gesellschaftlichen Akzeptanz offen ausgelebter misogyner Demütigung Tür und Tor geöffnet. Und wir haben immer noch zu wenig&nbsp; daraus gelernt, wie auch nur ein kurzer Blick auf X, Instagram, YouTube, Reddit oder TikTok zeigt. Frauen und Queers für ihre Existenz zu sanktionieren ist einfach zu befriedigend, um wirklich damit aufzuhören zu wollen.</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Veronika Kracher ist Journalistin und Autorin. Am 26.02.2026 erscheint ihr <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/bitch-hunt-warum-wir-es-lieben-frauen-zu-hassen/">Buch</a> &#8222;Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen&#8220; im Verbrecher Verlag.</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@nova_brodhead?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Nova Brodhead</a></p>



<p></p>
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		<title>Raus aus der Manege &#8211; Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist</title>
		<link>https://54books.de/raus-aus-der-manege-warum-oeffentliches-reden-mit-rechten-ein-problem-ist/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Simon Sahner]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feuilleton im Internet]]></category>
		<category><![CDATA[podcast]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>von Simon Sahner Vor bald zehn Jahren erschien ein Buch mit dem Titel „Mit Rechten reden“, in dem drei Autoren darüber nachdachten, wie&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/raus-aus-der-manege-warum-oeffentliches-reden-mit-rechten-ein-problem-ist/">Raus aus der Manege &#8211; Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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<p>von Simon Sahner</p>



<div style="height:15px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Vor bald zehn Jahren erschien ein Buch mit dem Titel <a href="https://54books.de/per-leo-maximilian-steinbeis-daniel-pascal-zorn-mit-rechten-reden/">„Mit Rechten reden“</a>, in dem drei Autoren darüber nachdachten, wie und ob man mit Rechten reden sollte. Es war der Herbst 2017, mit der AfD war wenige Wochen zuvor zum ersten Mal eine rechtsextreme Partei in den Bundestag eingezogen und spätestens in diesem Moment war klar, dass es sich dabei nicht um eine Entwicklung handelte, die man ignorieren oder als unangenehme Ausnahmeerscheinung abstempeln konnte.</p>



<p>Fast ein Jahrzehnt später ist die AfD in bundesweiten Umfragen zur zweitstärksten Kraft aufgestiegen und erreicht in manchen Bundesländern nahezu eine absolute Mehrheit. Was immer das Reden mit Rechten also gebracht haben soll, geschwächt hat es die Rechtsextremen innerhalb und außerhalb der AfD nicht. Trotzdem hat man das Gefühl, dass derzeit mehr als je zuvor mit Rechten geredet wird.&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schaukämpfe und Programmaufträge</h3>



<p>Das gilt sowohl für öffentlich-rechtliche und privat-journalistische Talkshows als auch für Podcasts, Youtube-Channels und Instagram-Formate. Erst vergangene Woche war der Parteivorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, zur besten Sendezeit zu Gast in der ZDF-Sendung von Caren Miosga, um die Frage zu debattieren, ob Donald Trump ein Vorbild für Deutschland sein könnte. Die Anwesenheit rechtsextremer Stimmen in Gesprächsrunden von ARD und ZDF ist inzwischen eine mehr oder weniger allwöchentliche Erscheinung.</p>



<p>Während sich Journalist*innen großer Medienhäuser auf ihren Auftrag berufen, das politische Spektrum abzubilden, lautet das Argument in den Sozialen Medien zumeist entweder, man müsse das politische Gegenüber im freien Rede-Duell stellen, oder, man müsse aus der eigenen Bubble ausbrechen, um diejenigen zu erreichen, die AfD wählen. Unabhängig von der Frage, ob die jeweilige Aufgabenstellung erreicht wird, kann man sich mit solchen Aussagen und dem Vorhaben der Aufmerksamkeit der Social-Media-Gemeinde und des Algorithmus sicher sein.</p>



<p>Dementsprechend voll sind Youtube, Instagram und TikTok mit Videos, die versprechen, dass ein rechtsextremer Influencer, eine AfD-Politiker*in oder ein rassistischer Demagoge „zerstört“ wird. Das soll bedeuten, dass er im Debattier-Duell gestellt wird. In Video-Podcasts wird angekündigt, dass hier nun endlich ein sogenannter <em>woker</em> Influencer auf einen Rechten trifft, um das Thema ein für alle Mal zu klären. Und was in den USA als wilde Debattenrunden mit Stopp-Uhr begann, in denen sich ein Linker zwanzig Rechten gegenübersah oder andersherum, kommt in ähnlicher Form wohl auch nach Deutschland. Teilweise entsteht der Eindruck, es handle sich bei diesen Duellen um Schaukämpfe und Entertainmentformate, in denen man nur noch eine diskursive Volte, nur noch ein cleveres Argument davon entfernt sei, die AfD und ihr rechtextremes Umfeld in die Ecke zu treiben, um dann mit einem Mic Drop das politische Spielfeld zu verlassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die doppelte Bühne</h3>



<p>Dass das nicht funktioniert, hat verschiedene Gründe. Zentral ist jedoch vor allem die Annahme von linksliberaler Seite, dass Rechtsextreme an einem fairen Rede-Duell interessiert seien und dem Publikum im gleichwertigen Austausch die Standpunkte präsentieren wollen, woraufhin es sich dann für die richtige Seite entscheiden soll. Diese Annahme hat sich jedoch als falsch erwiesen.</p>



<p>Die AfD hat mehrfach deutlich gemacht, dass sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für sogenannte gleichgeschaltete Systemmedien hält. Auf Grundlage dieser Behauptung können die Repräsentant*innen der Rechten jeden Fakten-Check, jedes Argument und jede vermeintliche Bloßstellung als ein Instrument einer <em>linksgrünen </em>Elite verunglimpfen. Einen rechtsextremen Politiker wie Tino Chrupalla in seine Talkshow einzuladen, um ihn vermeintlich vorzuführen, hat vor allem zwei Effekte: ein extrem rechter Politiker kann zur besten Sendezeit seine Thesen wiederholen und er kann sich vor den eigenen Anhänger*innen als Opfer darstellen, das von den Medien nicht gleichwertig behandelt wird.&nbsp; Wer der Ansicht ist, dass ARD und ZDF von einer linken Mehrheit gesteuert werden, wird sich darin nur bestätigt fühlen, wenn sein Kandidat von Caren Miosga in die Enge getrieben und zurechtgewiesen wird. Werden Rechte also in anerkannte journalistische Formate eingeladen, bietet man ihnen gleich eine doppelte Bühne.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Der scheinbare offene Diskursraum</strong></h3>



<p>Umgekehrt zieht es linke Influencer teilweise in politisch fragwürdige und rechtsoffene Podcastformate wie das von Jasmin Kosubek, deren Medienkarriere beim russischen Propagandasender <em>RussiaToday </em>begann und die vor allem durch ihr Engagement für sogenannte freie Debattenräume von rechter Seite aufgefallen ist. Sie sagt von sich, sie möchte „mit interessanten Menschen über allerlei kuriose, spannende und auch kontroverse Themen sprechen“ und ihren eigenen Horizont und den ihrer Zuschauer*innen erweitern. Dazu lädt sie unter anderem den rechtextremen Verleger Götz Kubitschek, den identitären Aktivisten Martin Sellner und den Chef der Newsplattform NIUS, Julian Reichelt, zu Gesprächen ein.&nbsp;</p>



<p>Zuletzt waren allerdings wiederholt Influencer zu Gast, die als linke Aktivisten auftreten und sich von progressiver Seite für Themen wie Queerness, Feminismus und linke Politik und gegen eine Wehrpflicht positionieren. Die joviale Scheinoffenheit, mit der Kosubek insbesondere ihren linken Gästen begegnet, ist beachtlich. Es geht um den Austausch von Argumenten, um das Öffnen von Diskursräumen und um die Einnahme fremder Perspektiven. Im Gespräch mit dem linken Influencer und Podcaster Wolfgang M. Schmitt fragt sie ihren Gast direkt, warum er zu ihr zum Gespräch kommt, wenn dort auch Rechtsextreme und Identitäre für teilweise mehr als zwei Stunden ihre Ansichten verbreiten dürfen. Seine Antwort erscheint zunächst schlüssig: Er bekomme hier den Raum, seine Ansichten in Ruhe darzulegen und erreiche potenziell ein Publikum, das diese Ansichten noch nicht teilt. So ähnlich argumentierte vor einigen Tagen auch Ole Liebl, der sich vor allem für feministische und queere Themen einsetzt, in einem Instagram-Post, in dem er sich dafür aussprach, mit Rechten zu reden.</p>



<p>Das Problem liegt jedoch nicht in der Tatsache, dass hier linke und progressive Positionen geäußert werden dürfen, sondern in der Bühne, auf der das geschieht. Dadurch, dass Kosubek offenbar wirklich mit jedem und jeder spricht, stehen die feministischen und linken Positionen gleichwertig neben politisch fragwürdigen bis hin zu verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Aussagen, wie denen von Max Mannhart, Chefredakteur des Magazins <em>Apollo News</em>. Er erklärt voller Überzeugung, dass die westliche Kultur grundsätzlich allen anderen überlegen sei. Kosubek unterscheidet zunächst einmal nicht zwischen menschenverachtenden und rassistischen Aussagen und Forderungen nach Menschenwürde und einem guten Leben für alle. Die scheinbare Beliebigkeit, mit der Kosubek unter dem Deckmantel der Meinungsoffenheit ihre Gäste einlädt, ist in Wahrheit eine bewusste diskursive Legitimierung von extrem rechten, verschwörungstheorischen und diskriminierenden Aussagen. Die linken Gäste erscheinen als Feigenblatt, das für Kosubek&nbsp; den Schein der diskursiven Offenheit untermauern soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Warum eigentlich diskutieren?</h3>



<p>Das ist das zentrale Problem am Reden mit Rechten: In dem Moment, in dem ich als Vertreter einer demokratischen, menschenwürdigen Überzeugung in eine ernsthafte Debatte eintrete, erkenne ich automatisch an, dass mein Gegenüber Ansichten hat, die in einer liberalen Demokratie grundsätzlich vertretbar sind. Sonst müssten sie nicht diskutiert werden.</p>



<p>Das zeigt sich beispielsweise an der Rechtfertigung, mit der die Redaktion von Caren Miosga auf ein Protestschreiben zur Einladung von Tino Chrupalla reagierte. Dort hieß es, man sei sich „selbstverständlich bewusst, dass die AfD eine Partei mit umstrittenen Positionen ist“ und begründete die Einladung mit dem Programmauftrag, der vorsieht, dass man dem Publikum alle Positionen zugänglich machen müsse. Nun ist es allerdings die Grundvoraussetzung einer Demokratie, dass die Positionen einer Partei umstritten sind, das gilt für die CDU, genauso wie für die Grünen oder die Linke. Wenn die Redaktion von Miosga also AfD-Politiker*innen mit der Begründung einlädt, ihre Positionen seien zwar umstritten, aber man habe den Auftrag alle Positionen zugänglich zu machen, legitimiert sie die Ansichten der AfD, weil sie der Partei einen Platz in einem demokratischen Spektrum zugesteht. Dass die AfD teilweise rassistische und völkische Positionen vertritt, ist natürlich auch der Redaktion von Miosga bewusst, aber um sie zu debattieren, muss sie deren Aussagen erst einmal gelten lassen.</p>



<p>Im Falle von Kosubeks Podcast ist davon auszugehen, dass sie die Standpunkte von Kubitschek, der die Lebensweise der Menschen in Afrika mit der Lebensweise der Europäer im 19. Jahrhundert vergleicht, oder von Sellner tatsächlich für legitime Meinungsäußerungen in einem demokratischen Spektrum hält. Anders als der Öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sie sich nicht einmal auf einen Programmauftrag berufen. Sie kann vollkommen frei entscheiden, wem sie eine Bühne bietet.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Für und mit wem wird geredet?</h3>



<p>Warum also sollte man mit Rechten reden?</p>



<p>Eines der zentralsten Argumente, das auch bis heute vorgebracht wird, ist die Annahme, man müsse durch das öffentliche Debattieren und Bloßstellen von rechten und rechtsextremen Positionen, aktuelle und potenzielle AfD-Wähler*innen davon überzeugen, dass ihre Partei ein menschenfeindliches Weltbild propagiert und – in diesem Kontext fast noch wichtiger – nicht die Interessen ihrer Wähler*innen im Sinn hat. Das „Reden mit Rechten“ wäre in diesem Fall also ein vermitteltes Reden, man redet eigentlich gar nicht mit den rechten Politiker*innen oder Podcaster*innen, sondern nutzt sie als Medium, um die Gruppe in der Bevölkerung zu erreichen, die man für linke und demokratische Politik verloren meint. Das setzt jedoch voraus, dass diese Menschen durch diese Formate erreicht und überzeugt werden können. Dass diese Strategie wirksam ist, kann jedoch allein deswegen bezweifelt werden, weil sie seit AfD-Gründung angewandt wird und die Partei seitdem mehr oder weniger unaufhaltsam aufgestiegen ist.</p>



<p>Ein weiteres Argument gegen diese Strategie ist die Art und Weise, wie viele dieser Formate gestaltet sind. Es handelt sich in den meisten Fällen schlicht um provokative Unterhaltung im Deckmantel einer politisch anspruchsvollen Debatte. Die reißerischen Ankündigungen, dass nun endlich die Frage geklärt wird, wer Recht hat, oder, dass dieser oder jene rechte Influencer „zerstört“ wird oder sich ein mutiger, linker Debattierer der zahlenmäßigen Übermacht rechter Gegner*innen stellt, zeigen, was dahinter steckt: Es geht um Unterhaltung und um Entlastung. Es ist ohne Zweifel befriedigend, zu sehen, wie der Vertreter einer menschenverachtenden Ideologie verbal in die Enge getrieben wird oder mit einer rhetorischen Strategie entlarvt wird. Dass eine provokante Debatte zwischen Links und Rechts eine Vertreter*in der anderen Seite überzeugt, ist allerdings vermutlich ähnlich unwahrscheinlich, wie dass sich der Anhänger einer Fußballmannschaft vom grandiosen Spiel der gegnerischen Mannschaft überzeugt fortan dem Rivalen anschließt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Reden außerhalb des Scheinwerferlichts</h3>



<p>Doch was soll man tun? Soll man einfach alle Wähler*innen, die aus welchen Gründen auch immer die AfD wählen, für immer abschreiben? Natürlich nicht! Eine Strategie wäre, wirklich mit Menschen zu reden und gar nicht einmal nur mit AfD-Wähler*innen, ihnen zuzuhören und ihre Probleme konkret anzugehen. Man muss kein Mitglied oder Wähler*in der Linken sein, um anzuerkennen, dass der Haustürwahlkampf der Partei, die Angebote zur Überprüfung auf Mietwucher, die Fürsorge, mit der diese Partei in den Wahlkampf gegangen ist, etwas gebracht haben. Damit wird man nicht verhindern, dass Menschen ein rechtes Weltbild entwickeln, man wird auch nicht diejenigen erreichen, die eine rechtsextreme Ideologie mit Überzeugung vertreten, aber die erreicht man auch nicht, wenn man mit rechten Demagogen über die Frage diskutiert, ob eine menschenverachtende Politik à la Trump ein Vorbild für Deutschland wäre.</p>



<p>Das Reden mit Menschen, die sich nicht auf Bühnen stellen, die an einer politischen Auseinandersetzung erst einmal kein Interesse haben, sondern die einfach reale Probleme haben, die gelöst werden müssten, ist vielleicht der einzig wirksame Weg, mit ein paar Rechten zu reden. Aber dafür gibt es keine Likes, keine Klicks und keine Einschaltquoten.</p>



<p><br><em>Anmerkung: Das Buch “Mit Rechten reden” von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn wurde bei Erscheinen von Matthias Warkus </em><a href="https://54books.de/per-leo-maximilian-steinbeis-daniel-pascal-zorn-mit-rechten-reden/"><em>für 54books besprochen</em></a></p>



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<p>Foto von <a href="https://unsplash.com/de/@lutheryonel?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Luther Yonel</a> auf <a href="https://unsplash.com/de/fotos/ein-tisch-mit-einer-lampe-und-einem-stuhl-in-einem-raum-mit-fenstern-zMC6LPgK8u4?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://54books.de/raus-aus-der-manege-warum-oeffentliches-reden-mit-rechten-ein-problem-ist/">Raus aus der Manege &#8211; Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist</a> erschien zuerst auf <a href="https://54books.de">54books</a>.</p>
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